The Project Gutenberg EBook of Selbstbetrachtungen, by Marc Aurel

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Title: Selbstbetrachtungen

Author: Marc Aurel

Release Date: February 12, 2005 [EBook #15028]
[Last updated: January 13, 2018]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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MARC AUREL

SELBSTBETRACHTUNGEN

Deutsche Bibliothek in Berlin

Fr die Deutsche Bibliothek nach der bersetzung von F.C. Schneider
herausgegeben und eingeleitet von Alexander von Gleichen-Ruwurm




Einleitung

Der Philosoph auf dem Kaiserthron gehrt zu den bedeutendsten Mnnern
des ausklingenden Altertums. Marcus Annius Verus wurde den 25. April des
Jahres 121 n. Chr. Geb. zu Rom geboren wo seine Familie, seit der
Urgrovater aus Spanien eingewandert war, sich zu hohem Rang
emporgearbeitet hatte. Sorgfltige Erziehung, gepaart mit groer
Lernbegierde, erschlossen ihm die Wissenschaft seines Jahrhunderts, die
in der Philosophie den hchsten, in unserem Sinn sogar den einzigen
Ausdruck fand. Schon im zwlften Jahr nahm der krftig aufblhende
Jngling den weien Mantel und bekundete dadurch, da er auch uerlich
zur Kaste der Philosophen gehren wolle.

Streng und ernst gab sich die Weltweisheit des zweiten Jahrhunderts.
Entbehrungen, oft bis zum berma gesteigert, wie sie spter zur
typischen Eigenschaft christlicher Asketen wurden, verlangten die
Anhnger der Stoa und sahen in der Abkehr von allen Interessen,
Zerstreuungen wie Freuden der Welt die einzig richtige Stellungnahme
eines Weisen den vergnglichen Dingen gegenber.

Zurckgezogen von seinen Altersgenossen, vielleicht ein wenig ostentativ
in den weien Mantel gehllt, mit den Stoikern Rusticus, Apollonius,
Claudius Maximus in anregend erzieherischem Gesprch, wandelte der
Jngling durch die stillen abgelegenen Grten einer Villa, bis zu deren
Mauern der Lrm der rmischen Weltstadt brandete. Auf Bitten seiner
Mutter, die mit Bangen bemerkte, da ihr Sohn unter der Last
selbstauferlegter Entbehrungen blasser und schmchtiger wurde, stellte
er seinen Lebenswandel auf gesndere Basis und gesellte den geistigen
Exerzitien ntzliche, krperliche bungen. Die Herrschaft des gesunden
Menschenverstandes, die in den Taten und Schriften des spteren Kaisers
so glcklich zum Ausdruck kommt, beginnt schon in den Jnglingsjahren,
sobald der einseitige Einflu allzu strenger stoischer Lebensanschauung
gemigt erscheint. Den Anhngern der Stoa treten als Lehrer zur Seite
Claudius Severus, der Peripatetiker und der Platoniker Sextus aus
Chaeronea, ein Enkel Plutarchs. Epiktets nachgelassene, von Arrhianos
gesammelte Schriften prgen sich der eindrucksfhigen jungen Seele ein
und wirken bestimmend auf die ethische Entwicklung des still fr sich
Heranwachsenden.

Kaiser Hadrian fand Gefallen an dem ernsten, auerordentlich wahrhaften
Philosophenschler und veranlate im Jahr 136 dessen Verlobung mit der
Tochter seines Mitregenten Verus. Als Folge dieser Verlobung ist dann
die Adoptierung seitens Antoninus (eines Sohnes des Verus) zu
betrachten, der selbst von Hadrian an Kindes Statt angenommen und zum
Thronfolger ernannt war. Unter dem Namen Marcus Aelius Aurelius Verus
trat der junge Denker aus der Verborgenheit auf den Schauplatz der
groen Welt.

Sein Biograph berichtet, da er nur ungern sein beschauliches Leben
verlassen und einen Palast in der Stadt auf Hadrians Befehl bezogen
habe. Doch im Treiben des Hofes, im bewegten politischen Frage- und
Antwortspiel, auf dem Forum vor Gericht, bei den Mhen kriegerischer
Unternehmungen wuchs und reifte erst die philosophische Saat des herben
jugendlichen Frhlings zu reicher Ernte. Als Kaiser Hadrian am 10. Juli
138 zu Baj starb, bestieg Antonin den Thron und berief sofort Marc
Aurel an seine Seite, ihn in alle Geheimnisse der Regierungskunst
einzuweihen. Die frhere Verlobung wurde aufgehoben und die Vermhlung
mit Faustina, der Kaisertochter, gefeiert. Nun war im rmischen Reich
jene Zeit angebrochen, die Platos Ideal vom Staate nach einer Richtung
hin zu erfllen schien. Zwei Philosophen herrschten gemeinsam, von
edelster, einzig dastehender Freundschaft getragen und frderten whrend
dreiundzwanzig friedlicher Jahre Wohlstand und Kultur in bemerkenswerter
Weise. Gut bedachte soziale Maregeln glichen manche Hrten aus, es
wurde fr vornehm gehalten, gebildet, ja gelehrt zu sein und edle
Duldsamkeit herrschte in den Fragen des Glaubens, soweit sie nur den
Glauben, nicht aber die politische Bettigung betrafen.

Der gekrnte Apostel der Menschenliebe--wie Stuart Mill den Kaiser Marc
Aurel genannt hat--hoffte nach dem Tod Antonins (im Mrz 161) die
friedliche, sonnige Zeit der Philosophenherrschaft weiter zu fhren und
sein Ideal eines Herrschers in sozialer Frsorge zu verwirklichen. Aber
das Schicksal, das ihm einen herrlichen Lebenssommer gewhrt, gab ihm
einen desto strmischeren Herbst. Hungersnot und Pest suchten Rom und
die rmischen Provinzen heim, schwere Kriege mit den Parthern und
Markomanen brachen aus, Aufstnde wie derjenige in gypten vom Jahr 170
bildeten drohende Gefahren fr das Reich. Dies alles lenkte von
wohlttiger Friedensarbeit ab und zwang die Arbeit des
Philosophenkaisers auf andere, ihm innerlich fremde Bahnen. Dazu kamen
harte Mistimmungen in der eigenen Familie. Faustinas ppiges, man sagt
sogar ausschweifendes Leben stand in grellem Gegensatz zu Marc Aurels
anspruchsloser Einfachheit und die ungerechten, oft auf willkrlicher
Anmaung beruhenden Handlungen seines Sohnes Kommodus fhrten zu
schlimmen Befrchtungen in bezug auf die Zukunft des Reiches.

Stunden der Sorge und der stillen Einkehr im Feldlager oder im
kaiserlichen Palast waren es, in denen der alternde Herrscher seine
Gedanken niederschrieb zum eigenen Trost. Milde Gesinnung, strenge
Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue sind das Zeichen seiner Sinnesweise
und haben die "Selbstbetrachtungen" zu einem Denkmal edler
Menschlichkeit gemacht, das nie veraltet, weil es ein Bekenntnis ohne
Pose, ohne zeitlich beschrnkten Zweck und ohne Darstellung
vergnglicher uerer Tatsachen ist.

Die Handschriften, der Mode entsprechend in griechischer Sprache
abgefat, trugen den Titel "[Greek: chatheauton]," was spter mit
"Selbstbetrachtungen" wiedergegeben wurde. Nach hartem Tagewerk des
Abends beim Schein der unruhig flackernden llampen verfat, bald im
Lager an der Donau bei Carnunt, bald nach lebhaften, ermdenden
Senatssitzungen in Rom, sind Marc Aurels Aphorismen aus der Quelle des
wirklichen Lebens geflossen. Starke Taten des Geistes verknden sie und
sind Worte eines hohen Herzens.

Ihr Ursprung lt sich nicht verkennen. Als Tagebuch einer gesunden
Seele, die stark und fest die Krankheiten des Krpers und die Schlge
des Schicksals von sich abweist, geben sie Kraft und Frieden. Kurz und
scharf, klar gefat und manchmal aufleuchtend wie ein Edelstein zeigen
sie Ruhe des Herzens und Begeisterungsfhigkeit, Vernunft und
aufrichtige Liebe fr alles Tchtige. "Sie offenbaren"--wie Hippolyte
Taine sich ausdrckt--"die Seele eines groen Dichters, der sich
bezwingt, die Augen vom Herrlichen gebannt und im Flsterton voll
Bewunderung sich selber sagt: Mensch, als Brger dieser groen Stadt
hast du gelebt; fnf oder drei Jahre, was fichts dich an!"

Die Auffassung des Kaisers ber den Wert des Lebens steht der des
freigelassenen Sklaven Epiktet sehr nahe. Beiden liegen am innigsten
jene Lehren der Stoa am Herzen, die sich mit sittlichen und religisen
Fragen beschftigen. Nicht darauf kommt es dem Kaiser an, da man
mglichst viel Wissen anhufe, sondern da man mit dem Gott in der
eigenen Brust sich verstndige und ihm in Lauterkeit diene. Die
Philosophie soll in stetem Wechsel der Ereignisse, im Wandel von Glck
und Unglck, vergnglichen Sorgen und vergnglichen Freuden einen festen
Halt bieten und ein Panzer sein gegen die Eitelkeiten der Welt. Ihre
Aufgabe ist also die Bildung des Charakters und die Beruhigung des
Gemts. Sie erfllt diese beiden Bedingungen, wenn ihre Anhnger die
drei wichtigsten Punkte des stoischen Systems nie auer Augen lassen:
die Lehre vom steten Wechsel, dem Dahinflieen aller Dinge, dann das
Bewutsein der Hinflligkeit des Daseins und schlielich die Erkenntnis,
da Werden und Vergehen einen Kreislauf bilden, in dem ein Einzelnes
nicht Bestand haben kann.

An solche Grundstze knpft Marc Aurel die Betrachtung, wie wenig eine
Persnlichkeit, ganz einerlei ob sie bedeutend oder unbedeutend sei, im
groen Strom des Daseins gelte. Deshalb ist es verkehrt, Vergngliches
zu sehr zu lieben, sein Herz an Sterblichkeit zu hngen und Ruhm als
heiliges Gut zu begehren.

Diesem Verneinen und Ablehnen steht als positiver Kern der Lehre die
Pflichttreue gegenber, trotz der Eitelkeit und Vergnglichkeit allen
Strebens der Sterblichen. Seiner Lebensstellung und seinem krftigeren
Charakter entsprechend hlt Marc Aurel nachdrcklicher an den Pflichten
des Einzelnen der menschlichen Gesellschaft gegenber fest, als es die
Stoiker im allgemeinen und der phrygische Sklave Epiktet im besonderen
getan. Aus diesem Grund lehnte er das Christentum vollstndig ab, wenn
er auch wie die Christen Duldung und allgemeine Menschenliebe verlangte.
Er spricht fast immer von Gttern, manchmal von "dem Gott" und selten
von "Zeus", der ihm als Gesamtausdruck der Gottheit vorschwebt.
uerlich hielt er streng an dem bestehenden ffentlichen Kultus fest,
in dem er als Oberhaupt des rmischen Staates eine politische
Notwendigkeit sah, innerlich war er gottglubig im Sinne der
Philosophen, nahm "die Volksgtter" fr Symbole und sagte sich, da es
nicht verlohne noch menschenwrdig sei, in einer Welt ohne Gottheit zu
leben. Aus diesem seinem Glauben und aus einer festbegrndeten
politischen berzeugung sah er im Gebaren der Christen Auflehnung gegen
die Staatsgewalt, also eine Schdigung des Gemeinwohls und ging mit
heftigen Verfolgungen gegen die Aufwiegler vor. Grundlosen Trotz nannte
der milde Kaiser das Benehmen der Mrtyrer.

Im sittlichen Leben des Menschen ruht der Schwerpunkt seiner
Weltanschauung. Ihm, dem vielbeschftigten, vom Tage vollauf in Anspruch
genommenen Herrscher, liegt es fern zu forschen, dialektisch zu arbeiten
oder berhaupt ein System aufzustellen. Seine Weisheit ist Lebenskunst.
Er baut sie auf dem Wissen und den Erkenntnissen seiner Zeit, wie ein
Emerson, ein Lubbok, ein Maeterlinck ihre Weltanschauung auf die
Wissenschaft ihres Jahrhunderts stellten, ohne in der Theorie einen
Fortschritt zu bedeuten. Vernnftige Arbeit ist ihm das Ziel, das ein
vernunftbegabtes Wesen verfolgen mu und das allein Glck wie zeitliche
Gter zu bieten vermag. Aber nur wer sich zu erheben vermag ber jedes
persnliche Interesse an Dingen und Menschen, wer mit jedem Wunsch und
jeder Begierde fertig ist, mit der Gegenwart zufrieden und mit dem Tode
vertraut erscheint, zeigt sich mit der Natur im Einklang und erfllt die
stille Pflicht, sich und sein Leben als belanglosen Teil des Ganzen zu
betrachten.

Was in den Selbstbetrachtungen mit feierlicher Gre niedergelegt war,
hat lange unbeachtet und vergessen in stillen Bchersammlungen
berwintert, wie das Samenkorn im tiefgepflgten Feld. Unter den Wirren
der Vlkerwanderung und whrend der Jahrhunderte der Scholastik dachte
niemand des Kaisers, der als Gefolgsmann der Stoa mit dieser Lehre
christlicher Verachtung anheimgefallen war. Erst als die geistige
Bewegung der Renaissance mit dem Humanismus einsetzte, begann auer
Plato auch die Stoa beachtet zu werden, wenn sich auch die Wertschtzung
zunchst auf Seneca beschrnkte. Doch es war noch ein weiter Weg
zurckzulegen, bis Spinoza in seinem Ideal des Weisen eine Gestalt
schuf, die sich wohl mit Marc Aurel vergleichen lt. In der Ethik sagt
Spinoza "Der Weise ... wird in der Seele kaum beunruhigt sondern seiner
selbst, Gottes und der Auenwelt mit einer gewissen Notwendigkeit
bewut. Er hrt niemals auf zu sein und ist immer in tiefster Seele
wahrhaft befriedigt." Auch Leibniz benutzte die Gedankenreihen der
Stoiker in der Theodizee, deren Aussprche manchmal stark an die
Selbstbetrachtungen anklingen. Da Kant und nach ihm Fichte den
Pflichtgedanken hnlich wie ihn der kaiserliche Philosoph gefhlt, zu
synthetischer Entwicklung brachten, ist bekannt, Verwandtes klingt in
Schleiermacher, in Schopenhauer und in den modernen Denkern an, die
abseits von dem Wirken der Fachphilosophen sich bemhen, der Gegenwart
eine praktische Ethik zu geben.

In deutscher Sprache ist Marc Aurels Bchlein fters an die
ffentlichkeit gekommen. Die vorliegende Neuherausgabe schliet sich an
Schneiders vielgerhmte bersetzung, die zum erstenmal im Jahr 1864
erschien und mehrfach aufgelegt wurde, die fehlenden Stellen (ber 100
Nummern hat Schneider ausgelassen) sind zum Teil nach der Ausgabe von
Cle (aus dem Jahr 1866) ergnzt, zum Teil nach dem griechischen Text
unter Vergleichung der Cleschen bersetzung neu hergestellt.

Der Gegenwart bietet das schlichte Selbstbekenntnis eines groen Mannes
aus dem Altertum viel ernste Anregung und strkt den Wunsch, in
wohlbegrndeter Weltanschauung Halt und Richtung zu finden.

Alexander v. Gleichen-Ruwurm




Erstes Buch


1. Von meinem Grovater [Verus] wei ich, was edle Sitten sind und was
es heit: frei sein von Zorn.

2. Der Ruf und das Andenken, in welchem mein Vater steht, predigen mir
Bescheidenheit und mnnliches Wesen.

3. Der Mutter Werk ist es, wenn ich gottesfrchtig und mitteilsam bin;
wenn ich nicht nur schlechte Taten, sondern auch schlechte Gedanken
fliehe; auch da ich einfach lebe und nicht prunke wie reiche Leute.

4. Mein Urgrovater litt nicht, da ich die ffentliche Schule besuchte,
sorgte aber dafr, da ich zu Hause von tchtigen Lehrern unterrichtet
wurde, und berzeugte mich, da man zu solchem Zweck nicht sparen drfe.

5. Mein Erzieher gab nicht zu, da ich mich an den Wettfahrten
beteiligte, weder in Grn noch in Blau, auch nicht, da ich Ring- und
Fechterknste trieb. Er lehrte mich Mhen ertragen, wenig bedrfen,
selbst Hand anlegen, mich wenig kmmern um anderer Leute Angelegenheiten
und einen Widerwillen haben gegen jede Ohrenblserei.

6. Diognet bewahrte mich vor allen unntzen Beschftigungen; vor dem
Glauben an das, was Wundertter und Gaukler von Zauberformeln, vom
Geisterbannen usw. lehrten; davor, da ich Wachteln hielt, und vor
andern solchen Liebhabereien. Er lehrte mich ein freies Wort vertragen;
gewhnte mich an philosophische Studien, schickte mich zuerst zu
Bacchius, dann zu Tandasis und Marcian, lie mich schon als Knabe
Dialoge verfassen und gab mir Geschmack an dem einfachen, mit einem Fell
bedeckten Feldbett, wie es bei den Lehrern der griechischen Schule im
Gebrauch ist.

7. Dem Rusticus verdanke ich, da es mir einfiel, in sittlicher Hinsicht
fr mich zu sorgen und an meiner Veredlung zu arbeiten; da ich frei
blieb von dem Ehrgeiz der Sophisten; da ich nicht Abhandlungen schrieb
ber abstrakte Dinge, noch Reden hielt zum Zweck der Erbauung, noch
prunkend mich als einen streng und wohlgesinnten jungen Mann darstellte,
und da ich von rhetorischen, poetischen und stilistischen Studien
abstand; da ich zu Hause nicht im Staatskleid einherging oder sonst
etwas derartiges tat, und da die Briefe, die ich schrieb, einfach
waren, so einfach und schmucklos, wie er selbst einen an meine Mutter
von Sinuessa aus schrieb. Ihm habe ichs auch zu danken, wenn ich mit
denen, die mich gekrnkt oder sonst sich gegen mich vergangen haben,
leicht zu vershnen bin, sobald sie nur selbst schnell bereit sind,
entgegenzukommen. Auch lehrte er mich, was ich las, genau zu lesen und
mich nicht mit einer oberflchlichen Kenntnis zu begngen, auch nicht
gleich beizustimmen dem, was oberflchliche Beurteiler sagen. Endlich
war ers auch, der mich mit den Schriften Epiktets bekannt machte, die
er mir aus freien Stcken mitteilte.

8. Apollonius zeigte mir, da Geistesfreiheit eine Festigkeit sei, die
dem Spiel des Zufalls nichts einrumt; da man auf nichts ohne Ausnahme
so achten msse, wie auf die Gebote der Vernunft. Auch was Gleichmut sei
bei heftigen Schmerzen, bei Verlust eines Kindes, in langen Krankheiten,
habe ich von ihm lernen knnen.--Er zeigte mir handgreiflich an einem
lebendigen Beispiel, da man der ungestmste und gelassenste Mensch
zugleich sein kann, und da man beim Studium philosophischer Werke die
gute Laune nicht zu verlieren brauche. Er lie mich einen Menschen
sehen, der es offenbar fr die geringste seiner guten Eigenschaften
hielt, da er bung und Gewandtheit besa, die Grundgesetze der
Wissenschaft zu lehren; und bewies mir, wie man von Freunden sogenannte
Gunstbezeugungen aufnehmen msse, ohne dadurch in Abhngigkeit von ihnen
zu geraten, aber auch ohne gefhllos darber hinzugehen.

9. An Sextus konnt ich lernen, was Herzensgte sei. Sein Haus bot das
Muster eines vterlichen Regimentes und er gab mir den Begriff eines
Lebens, das der Natur entspricht. Er besa eine ungeknstelte Wrde und
war stets bemht, die Wnsche seiner Freunde zu erraten. Duldsam gegen
Unwissende hatte er doch keinen Blick fr die, die an bloen Vorurteilen
kleben. Sonst wute er sich mit allen gut zu stellen, so da er
denselben Menschen, die ihm wegen seines gtigen und milden Wesens nicht
schmeicheln konnten, zu gleicher Zeit die grte Ehrfurcht einflte.
Seine Anleitung, die zum Leben notwendigen Grundstze aufzufinden und
nher zu gestalten, war eine durchaus verstndliche. Niemals zeigte er
eine Spur von Zorn oder einer andern Leidenschaft, sondern er war der
leidenschaftsloseste und der hingebendste Mensch zugleich. Er suchte Lob,
aber ein geruschloses; er war hochgelehrt, aber ohne Prahlerei.

10. Von Alexander, dem Grammatiker lernte ich, wie man sich jeglicher
Scheltworte enthalten und es ohne Vorwurf hinnehmen kann, was einem auf
fehlerhafte, rohe oder plumpe Art vorgebracht wird; ebenso aber auch,
wie man sich geschickt nur ber das, was zu sagen not tut, auszulassen
habe, seis in Form einer Antwort oder der Besttigung oder der
gemeinschaftlichen berlegung ber die Sache selbst, nicht ber den
Ausdruck, oder durch eine treffende anderweite Bemerkung.

11. Durch Phronto gewann ich die berzeugung, da der Despotismus
Migunst, Unredlichkeit und Heuchelei in hohem Mae zu erzeugen pflege,
und da der Edelgeborene im allgemeinen ziemlich unedel sei.

12. Alexander, der Platoniker brachte mir bei, da ich mich nur selten
und nie ohne Not zu jemand mndlich oder schriftlich uern drfe: ich
htte keine Zeit; und da ich nicht so, unter dem Vorwande dringender
Geschfte, mich bestndig weigern solle, die Pflichten zu erfllen, die
uns die Beziehungen zu denen, mit denen wir leben, auferlegen.

13. Catulus riet mir, da ichs nicht unbercksichtigt lassen sollte,
wenn sich ein Freund bei mir ber etwas beklage, selbst wenn er keinen
Grund dazu htte, sondern da ich versuchen msse, die Sache ins reine
zu bringen. Wie man von seinen Lehrern stark eingenommen sein kann, sah
ich an ihm; ebenso aber auch, wie lieb man seine Kinder haben msse.

14. An meinem Bruder Severus hatte ich huslichen Sinn, Wahrheits- und
Gerechtigkeitsliebe zu bewundern. Er machte mich mit Thraseas, Helvidius,
Cato, Dio und Brutus bekannt und fhrte mich zu dem Begriff eines
Staates, in welchem alle Brger gleich sind vor dem Gesetz, und einer
Regierung, die nichts so hoch hlt als die brgerliche Freiheit.
Auerdem blieb er, um anderes zu bergehen, in der Achtung vor der
Philosophie sich immer gleich; war wohlttig, ja in hohem Grade
freigebig; hoffte immer das Beste und zweifelte nie an der Liebe seiner
Freunde. Hatte er etwas gegen jemand, so hielt er damit nicht zurck,
und seine Freunde hatten niemals ntig, ihn erst auszuforschen, was er
wollte oder nicht wollte, weil es offen am Tage lag.

15. Von Maximus konnte ich lernen, mich selbst beherrschen, nicht hin-
und herschwanken, guten Mutes sein in milichen Verhltnissen oder in
Krankheiten auch wie man in seinem Benehmen Weisheit mit Wrde verbinden
mu, und an ein Werk, das rasch auszufhren ist, doch nicht unbesonnen
gehen darf. Von ihm waren alle berzeugt, da er gerade so dachte, wie
er sprach, und was er tat, in guter Absicht tat. Etwas zu bewundern oder
sich verblffen zu lassen, zu eilen oder zu zgern, ratlos zu sein und
niedergeschlagen oder ausgelassen in Freude oder Zorn oder
argwhnisch--das alles war seine Sache nicht. Aber wohlttig zu sein und
vershnlich, hielt er fr seine Pflicht. Er hate jede Unwahrheit und
machte so mehr den Eindruck eines geraden als eines feinen Mannes.
Niemals hat sich einer von ihm verachtet geglaubt; aber ebensowenig
wagte es jemand, sich fr besser zu halten als er war. Auch wute er auf
anmutige Weise zu scherzen.

16. Mein Vater hatte in seinem Wesen etwas Sanftes, aber zugleich auch
eine unerschtterliche Festigkeit in dem, was er grndlich erwogen
hatte. Er war ohne Ehrgeiz hinsichtlich dessen, was man gewhnlich Ehre
nennt. Er arbeitete gern und unermdlich. Wer mit Dingen kam, die das
gemeine Wohl zu frdern versprachen, den hrte er an und versumte es
nie, einem jeden die Anerkennung zu zollen, die ihm gebhrte. Wo
vorwrts zu gehen und wo einzuhalten sei, wute er. Er war herablassend
gegen jedermann; erlie den Freunden die Pflicht, immer mit ihm zu
speisen oder, wenn er reiste, mit ihm zu gehen; und stets blieb er sich
gleich auch gegen die, die er notgedrungen zu Hause lie. Seine
Errterungen in den Ratsversammlungen waren stets sehr genau, und er
hielt aus und begngte sich nicht mit Ideen, die auf der flachen Hand
liegen, blo um die Versammlung fr geschlossen zu erklren. Er war
sorgsam bemht, sich seine Freunde zu erhalten, wurde ihrer niemals
berdrssig, verlangte aber auch nicht heftig nach ihnen. Er war sich
selbst genug in allen Stcken und immer heiter. Er hatte einen scharfen
Blick fr das, was kommen wrde, und traf fr die kleinsten Dinge
Vorbereitungen ohne Aufhebens zu machen, so wie er sich denn berhaupt
jedes Beifallrufen und alle Schmeicheleien verbat. Was seiner Regierung
notwendig war, berwachte er stets, ging mit den ffentlichen Geldern
haushlterisch um und lie es sich ruhig gefallen, wenn man ihm darber
Vorwrfe machte.--Den Gttern gegenber war er frei von Aberglauben, und
was sein Verhltnis zu den Menschen betrifft, so fiel es ihm nicht ein,
um die Volksgunst zu buhlen, dem groen Haufen sich gefllig zu erzeigen
und sich bei ihm einzuschmeicheln, sondern er war in allen Stcken
nchtern, besonnen, taktvoll und ohne Sucht nach Neuerungen. Von den
Dingen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen--und deren bot ihm
das Glck eine Menge dar--machte er ohne zu prunken, aber auch ohne sich
zu entschuldigen Gebrauch, so da er, was da war, einfach nahm, was
nicht da war, auch nicht entbehrte. Niemand konnte sagen, da er ein
Krittler, oder da er ein gewhnlicher Mensch oder ein Pedant sei,
sondern man mute ihn einen reifen, vollendeten, ber jede Schmeichelei
erhabenen Mann nennen, der wohl imstande sei, eigenen und fremden
Angelegenheiten vorzustehen. Auerdem: die echten Philosophen schtzte
er sehr, lie aber auch die andern unangetastet, obschon er ihnen keinen
Einflu auf sich einrumte. In seinem Umgange war er ferner hchst
liebenswrdig und witzig, ohne darin zu bertreiben. In der Sorge fr
seinen Leib wute er das rechte Ma zu halten, nicht wie ein
Lebensschtiger oder wie einer, der sich schniegelt oder sich
vernachlssigt; sondern er brachte es durch die eigene Aufmerksamkeit
nur dahin, da er den Arzt fast gar nicht brauchte und weder innere noch
uere Mittel ntig hatte.--Vor allem aber war ihm eigen, denen, die
wirklich etwas leisteten, seis in der Beredsamkeit oder in der
Gesetzeskunde oder in der Sittenlehre oder in irgendeinem anderen Fach,
ohne Neid den Vorrang einzurumen und sie wo er konnte zu untersttzen,
damit ein jeder in seinem Fache auch die ntige Anerkennung fnde. Wie
seine Vorfahren geherrscht, so herrschte er auch, ohne jedoch die
Meinung hervorrufen zu wollen, als wache er ber dem Althergebrachten.
Er war nicht leicht zu bewegen oder von etwas abzubringen, sondern
pflegte auch gern zu bleiben, wo er gerade war und wobei. Nach den
heftigsten Kopfschmerzen sah man ihn frisch und krftig zu den gewohnten
Geschften eilen. Geheimnisse pflegte er nur uerst wenige und nur in
seltenen Fllen zu haben und nur um des allgemeinen Wohles willen.
Verstndig und mig im Anordnen von Schauspielen, von Bauten, von
Spenden an das Volk u. dgl. mehr, zeigte er sich als ein Mann, der nur
auf seine Pflicht sieht, sich aber um den Ruhm nicht kmmert, den seine
Handlungen ihm verschaffen knnen.--Er badete nur zur gewhnlichen
Stunde, liebte das Bauen nicht, legte auf das Essen keinen Wert, auch
nicht auf Kleider und deren Stoffe und Farben, noch auf schne Sklaven.
Seine Kleider lie er sich meist aus Lorium, dem unteren Landgute, oder
aus Lanubium kommen und bediente sich dazu des Generalpchters in
Tusculum, der ihn um diesen Dienst gebeten hatte.--In seiner ganzen Art
zu sein war nichts Unschickliches oder gar Ungeziemendes oder auch nur
Ungestmes oder was man sagt: "bis zur Hitze", sondern alles war bei ihm
wohl berdacht, ruhig, gelassen, wohl geordnet, fest und mit sich selbst
im Einklang. Man knnte auf ihn anwenden, was man vom Sokrates gesagt
hat, da er sowohl sich solcher Dinge zu enthalten imstande war, deren
sich viele aus Schwachheit nicht enthalten knnen, als auch da er
genieen durfte, was viele darum nicht drfen, weil sie sich gehen
lassen. Das eine grndlich vertragen, und in dem andern nchtern sein,
das aber ist die Sache eines Mannes von starkem, unbesiegbaren Geiste,
wie er ihn z.B. auch in der Krankheit des Maximus an den Tag gelegt
hat.--

17. Den Gttern habe ichs zu danken, da ich treffliche Vorfahren,
treffliche Eltern, eine treffliche Schwester, treffliche Lehrer,
treffliche Diener und fast lauter treffliche Verwandte und Freunde habe,
und da ich gegen keinen von ihnen fehlte, obgleich ich bei meiner Natur
leicht htte dahin kommen knnen. Es ist eine Wohltat der Gtter, da
die Umstnde nicht so zusammentrafen, da ich mir Schande auflud. Sie
fgten es so, da ich nicht lnger von der Geliebten meines Grovaters
erzogen wurde; da ich meine Jugendfrische mir erhielt und da ich
meinem frstlichen Vater untertan war, der mir allen Dnkel austreiben
und mich berzeugen wollte, man knne bei Hof leben ohne Leibwache, ohne
kostbare Kleider, ohne Fackeln, ohne gewisse Bildsulen und hnlichen
Pomp, und da es sehr wohl anging, sich so viel als mglich brgerlich
einzurichten, wenn man dabei nur nicht zu demtig und zu sorglos wrde
in Erfllung der Pflichten, die der Regent gegen das Ganze hat. Gtter
haben mir einen Bruder gegeben, dessen sittlicher Wandel mich antrieb,
auf mich selber acht zu haben, und dessen Achtung und Liebe mich
glcklich machten.--Sie haben mir Kinder gegeben, die nicht ohne
geistige Anlagen sind und von gesundem Krper.--Den Gttern verdanke
ichs, da ich nicht weiter kam in der Redekunst und in der Dichtkunst
und in den brigen Studien, welche mich vllig in Beschlag genommen
htten, wren mir gute Fortschritte beschieden gewesen. Ebenso da ich
meine Erzieher frhzeitig schon so in Ehren hielt, wie sies zu
verlangen schienen, und ihnen nicht blo Hoffnung machte, ich wrde das
spter tun, indem sie zu der Zeit ja noch so jung seien. Ferner, da ich
Apollonius, Rusticus und Maximus kennen lernte; da ich das Bild eines
naturgemen Lebens so klar und so oft vor der Seele hatte, da es nicht
an den Gttern und an den Gaben, Hilfen und Winken, die ich von dorther
empfing, liegen kann, wenn ich an einem solchen Leben gehindert worden
bin; sondern wenn ichs bisher nicht gefhrt habe, mu es meine Schuld
sein, indem ich die Erinnerungen der Gtter, ich mchte sagen, ihre
ausdrcklichen Belehrungen, nicht beherzigte. Den Gttern verdanke
ichs, da mein Krper ein solches Leben so lange ausgehalten hat;--da
ich weder die Benedicta noch den Theodot berhrt habe, und da ich
spter berhaupt von dieser Leidenschaft genas; da ich in meinem
heftigen Unwillen den ich so oft gegen Rusticus empfand, nichts weiter
tat, was ich htte bereuen mssen; und da meine Mutter, der ein frher
Tod beschieden war, doch noch ihre letzten Jahre bei mir leben konnte.
Auch fgten sies, da ich, sooft ich einen Armen oder sonst Bedrftigen
untersttzen wollte, nie hren durfte, es fehle mir an den hierzu
erforderlichen Mitteln, und da ich selbst nie in die Notwendigkeit
versetzt wurde, bei einem andern zu borgen; und da ich ein solches Weib
besitze: so folgsam, zrtlich und in ihren Sitten so einfach, und da
ich meinen Kindern tchtige Erzieher geben konnte. Die Gtter gaben mir
durch Trume Hilfsmittel an die Hand gegen allerlei Krankheiten so gegen
Blutauswurf und Schwindel. Auch verhteten sie, als ich das Studium der
Philosophie anfing, da ich einem Sophisten in die Hnde fiel oder mit
einem solchen Schriftsteller meine Zeit verdarb, oder mit der Lsung
ihrer Trugschlsse mich einlie, oder mit der Himmelskunde mich
beschftigte. Denn zu allen diesen Dingen bedarf es der helfenden Gtter
und des Glckes.

Geschrieben bei den Quaden am Granna.


18

Man mu sich beizeiten sagen: ich werde einem vorwitzigen, einem
undankbaren, einem schmhschtigen, einem verschlagenen oder neidischen
oder unvertrglichen Menschen begegnen. Denn solche Eigenschaften liegen
jedem nahe, der die wahren Gter und die wahren bel nicht kennt. Habe
ich aber eingesehen, einmal, da nur die Tugend ein Gut und nur das
Laster ein bel, und dann, da der, der Bses tut, mir verwandt ist,
nicht sowohl nach Blut und Abstammung, als in der Gesinnung und in dem,
was der Mensch von den Gttern hat, so kann ich weder von jemand unter
ihnen Schaden leiden--denn ich lasse mich nicht verfhren--noch kann ich
dem, der mir verwandt ist, zrnen oder mich feindlich von ihm abwenden,
da wir ja dazu geboren sind, uns gegenseitig zu untersttzen, wie die
Fe, die Hnde, die Augenlider, die Reihen der oberen und unteren Zhne
einander dienen. Also ist es gegen die Natur, einander feindlich zu
leben. Und das tut doch, wer auf jemand zrnt oder ihm entgegenwirkt.


19

Was ich bin, ist ein Dreifaches: Krper und Seele und was das Ganze
beherrscht.--Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bcher und alles,
was hier zu nichts fhrt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der
bald sterben mu! Es ist Blut und Knochen und ein Geflecht aus Nerven,
Adern und Gefen gewebt. Dann betrachte deine Seele, und was sie ist:
ein Hauch; nicht immer dasselbe, sondern fortwhrend ausgegeben und
wieder eingesogen. Drittens also das, was die Herrschaft fhrt! Da sei
doch kein Tor, du bist nicht mehr jung: so la auch nicht lnger
geschehen da es diene; da es hingenommen werde von einem Zuge, der
dich dem Menschlichen entfremdet; da es dem Verhngnis oder dem
gegenwrtigen Augenblicke grolle oder ausweiche dem, was kommen soll!


20

Das Gttliche ist voll von Spuren der Vorsehung, das Zufllige nach Art,
Zusammenhang und Verflechtung ist nicht zu trennen von dem durch die
Vorsehung Geordneten. Alles fliet von hier aus. Daneben das Notwendige
und was dem Weltall, dessen Teil du bist, zutrglich ist. Jedem Teile
der Natur aber ist das gut, was seinen Halt an der Natur des Ganzen hat
und wovon diese wiederum getragen wird. Die Welt aber wird getragen wie
von den Verwandlungen der Grundstoffe so auch von denen der
zusammengesetzten Dinge.--Das mu dir gengen und feststehen fr immer.
Nach der Weisheit, wie sie in Bchern zu finden ist, strebe nicht,
sondern halte sie dir fern, damit du ohne Seufzer, mit wahrer Seelenruhe
und den Gttern von Herzen dankbar sterben kannst.




Zweites Buch


1

Erinnere dich, seit wann du diese Betrachtungen nun schon aufschiebst,
und wie oft dir die Gtter Zeit und Stunde dazu gegeben haben, ohne da
du sie nutztest. Endlich solltest du doch einmal einsehen, was das fr
eine Welt ist, der du angehrst, und wie der die Welt regiert, dessen
Ausflu du bist; und da dir die Zeit zugemessen ist, die, wenn du sie
nicht brauchst dich abzuklren, vergehen wird, wie du selbst, und nicht
wiederkommen.


2

Immer sei darauf bedacht, wie es einem Manne geziemt, bei allem, was es
zu tun gibt, eine strenge und ungeknstelte Gewissenhaftigkeit, Liebe,
Freimut und Gerechtigkeit zu ben, und dir dabei alle Nebengedanken
fernzuhalten. Und du wirst sie dir fernhalten, sobald du jede deiner
Handlungen als die letzte im Leben ansiehst: fern von jeder
Unbesonnenheit und der Erregtheit, die dich taub macht gegen die Stimme
der richtenden Vernunft, frei von Verstellung, von Selbstliebe und von
Unwillen ber das, was das Schicksal dir beschieden hat.--Du siehst, wie
wenig es ist, was man sich aneignen mu, um ein glckliches, ja
gttliches Leben zu fhren. Denn auch die Gtter verlangen nicht mehr
von dem, der dies beobachtet.


3

Fahre nur immer fort, dir selbst zu schaden, liebe Seele! Dich zu
frdern wirst du kaum noch Zeit haben. Denn das Leben flieht einen
jeglichen. Fr dich ist es aber schon so gut als zu Ende, der du ohne
Selbstachtung dein Glck aus dir heraus verlegst in die Seelen anderer.


4

Trotz deines Bestrebens, an Erkenntnis zu wachsen und dein unstetes
Wesen aufzugeben, zerstreuen dich die Auendinge noch immer? Mag sein,
wenn du jenes Streben nur festhlst. Denn das bleibt die grte Torheit,
sich mde zu arbeiten ohne ein Ziel, auf das man all sein Dichten und
Trachten lenkt.


5

Wenn man nicht herausbringen kann, was in des andern Seele vorgeht, so
ist das schwerlich ein Unglck; aber notwendigerweise unglcklich ist
man, wenn man ber die Regungen der eigenen Seele im unklaren ist.


6

Daran mut du immer denken, was das Wesen der Welt und was das deinige
ist, und wie sich beides zueinander verhlt, nmlich was fr ein Teil
des Ganzen du bist und zu welchem Ganzen du gehrst, und da dich
niemand hindern kann, stets nur das zu tun und zu reden, was dem Ganzen
entspricht, dessen Teil du bist.


7

Theophrast sagt in seiner Vergleichung der menschlichen Fehler--wie
diese denn allenfalls verglichen werden knnen--: schwerer seien die,
die aus Begierde, als die, welche aus Zorn begangen werden. Und wirklich
erscheint der Zornige als ein Mensch, der nur mit einem gewissen Schmerz
und mit innerem Widerstreben von der Vernunft abgekommen ist, whrend
der aus Begierde Fehlende, weil ihn die Lust berwltigt, zgelloser
erscheint und schwcher in seinen Fehlern. Wenn er nun also behauptet:
es zeuge von grerer Schuld, einen Fehler zu begehen mit Freuden als
mit Bedauern, so ist das gewi richtig und der Philosophie nur
angemessen. Man erklrt dann berhaupt den einen fr einen Menschen, der
gekrnkt worden ist und zu seinem eigenen Leidwesen zum Zorn gezwungen
wird, whrend man bei dem andern, der etwas aus Begierde tut, die Sache
so ansieht, als begehe er das Unrecht aus heiler Haut.


8

Jegliches tun und bedenken wie einer, der im Begriff ist, das Leben zu
verlassen, das ist das Richtige. Das Fortgehen von den Menschen aber,
wenn es Gtter gibt, ist kein Unglck. Denn das bel hrt dann wohl auf.
Gibt es aber keine, oder kmmern sie sich nicht um die menschlichen
Dinge, was soll mir das Leben in einer gtterleeren Welt, in einer Welt
ohne Vorsehung? Doch sie sind und sie kmmern sich um die menschlichen
Dinge. Noch mehr. Sie haben es, was die bel betrifft, und zwar die
eigentlichen, ganz in des Menschen Hand gelegt, sich davor zu bewahren.
Ja auch hinsichtlich der sonstigen bel, kann man sagen, haben sie es so
eingerichtet, da es nur auf uns ankommt, ob sie uns widerfahren werden.
Denn wie sollte etwas, wobei der Mensch nicht schlimmer wird, sein Leben
verschlimmern? Selbst die bloe Natur--sei es, da wir sie uns ohne
Bewutsein oder mit Bewutsein begabt vorstellen; gewi ist, da sie
nicht vermag, dem bel vorzubeugen oder es wieder gut zu machen--htte
dergleichen nicht bersehen, htte nicht in dem Grade gefehlt aus
Ohnmacht oder aus Mangel an Anlage, da sie Gutes und Bses in gleicher
Weise guten und bsen Menschen unterschiedslos zuteil werden liee. Tod
aber und Leben, Ruhm und Ruhmlosigkeit, Leid und Freude, Reichtum und
Armut und alles dieses wird den guten wie den bsen Menschen ohne
Unterschied zuteil, als Dinge, die weder sittliche Vorzge noch
sittliche Mngel begrnden: also sind sie auch weder gut noch bse
(weder ein Glck noch ein Unglck).


9

Wie doch alles so schnell verbleicht! In der sichtbaren Welt die Leiber,
in der Geisteswelt deren Gedchtnis! Was ist doch alles Sinnliche, zumal
was durch Vergngen anlockt oder durch Schmerz abschreckt oder in Stolz
und Hochmut sich breit macht! Wie nichtig und verchtlich, wie
schmutzig, hinfllig, tot!--Man folge dem Zug des Geistes; man frage
nach denen, die sich durch Werke des Geistes berhmt gemacht haben; man
untersuche, was eigentlich sterben heit (und man wird, wenn man der
Phantasie keinen Einflu auf seine Gedanken verstattet, darin nichts
anderes als ein Werk der Natur erkennen: kindisch aber wre es doch, vor
einem Werk der Natur, das derselben ohnehin auch noch zutrglich ist,
sich zu frchten); man mache sich klar, wie der Mensch Gott ergreift und
mit welchem Teile seines Wesens, und wie es mit diesem Teile des
Menschen bestellt ist, wenn er Gott ergriffen hat.


10

Nichts Elenderes als ein Mensch, der alles wie im Kreise durchluft, die
Tiefen der Erde ergrnden will, wie Pindar sagt, der um alles und jedes
sich kmmert, auch um das, woran sonst niemand denkt, der nicht aufhrt
ber die Vorgnge in der Seele des Nchsten seine Gedanken zu machen und
nicht begreifen mag, da es genug ist, fr den Gott in der eignen Brust
zu leben und ihm zu dienen, wie sichs gebhrt. Das aber ist sein
Dienst: ihn rein zu erhalten von Leidenschaft, von Unbesonnenheit und von
Unlust ber das, was von Gttern und Menschen geschieht. Denn die
Handlungen der Gtter zu ehren, gebietet die Tugend, und mit denen der
Menschen sich zu befreunden die Gleichheit der Abkunft, obwohl die
letzteren allerdings auch zuweilen etwas Klgliches haben, weil soviele
nicht wissen, was Gter und was bel sind,--eine Blindheit, nicht
geringer als die, wenn man Schwarz und Wei nicht unterscheiden kann.


11

Und wenn du dreitausend Jahre leben solltest, ja noch zehnmal mehr, es
hat ja doch niemand ein anderes Leben zu verlieren, als eben das, was er
lebt, so wie niemand ein anderes lebt, als was er einmal verlieren wird.
Und so luft das lngste wie das krzeste auf dasselbe hinaus. Denn das
Jetzt ist das Gleiche fr alle, wenn auch das Vergangene nicht gleich
ist, und der Verlust des Lebens erscheint doch so als ein Jetzt, indem
niemand verlieren kann weder was vergangen noch was zuknftig ist. Oder
wie sollte man einem etwas abnehmen knnen, was er nicht besitzt?--An
die beiden Dinge also mssen wir denken: einmal, da alles seinem Wesen
nach unter sich gleichartig ist und von gleichem Verlauf, und da es
keinen Unterschied macht, ob man hundert oder zweihundert Jahre lang
oder ewig ein und dasselbe sieht. Und dann, da auch der, der am
lngsten gelebt hat, doch nur dasselbe verliert, wie der, der sehr jung
stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil
man nur dieses besitzt, und niemand kann verlieren, was er nicht hat.


12

Alles beruht auf der Ansicht! Dafr zeugen die Aussprche des Kynikers
Menimus und fr diesen zeugt wieder die Brauchbarkeit des Gesagten, wenn
man es auf das Wahre darin einschrnkt.


13

Die Seele des Menschen tut sich selbst den grten Schaden, wenn sie
sich von der Natur abzusondern, gleichsam aus ihr herauszuwachsen
strebt. So, wenn sie unzufrieden ist ber irgend etwas, das sich
ereignet. Es ist dies ein entschiedener Abfall von der Natur, in der ja
diese eigentmliche Verkettung der Umstnde begrndet ist. Ebenso, wenn
sie jemand verabscheut oder anfeindet oder im Begriff ist, jemand weh zu
tun, wie allemal im Zorn. Ebenso wenn sie von Lust oder von Schmerz sich
hinnehmen lt; oder wenn sie heuchelt, heuchlerisch und unwahr etwas
tut oder spricht; oder wenn ihre Handlungen und Triebe keinen Zweck
haben, sondern ins Blaue hinausgehen und ber sich selbst vllig im
unklaren sind. Denn auch das Kleinste mu in Beziehung zu einem Zweck
gesetzt werden. Der Zweck aber aller vernunftbegabten Wesen ist: den
Grundstzen und Satzungen des ltesten Gemeinwesens Folge zu leisten.


14

Das menschliche Leben ist, was seine Dauer betrifft, ein Punkt; des
Menschen Wesen flssig, sein Empfinden trbe, die Substanz seines Leibes
leicht verweslich, seine Seele--einem Kreisel vergleichbar, sein
Schicksal schwer zu bestimmen, sein Ruf eine zweifelhafte Sache. Kurz,
alles Leibliche an ihm ist wie ein Strom, und alles Seelische ein Traum,
ein Rauch: sein Leben Krieg und Wanderung, sein Nachruhm Vergessenheit.
Was ist es nun, das ihn ber das alles zu erheben vermag? Einzig die
Philosophie, sie, die uns lehrt, den gttlichen Funken, den wir in uns
tragen, rein und unverletzt zu erhalten, da er Herr sei ber Freude und
Leid, da er nichts ohne berlegung tue, nichts erlge und erheuchele
und stets unabhngig sei von dem, was andere tun oder nicht tun, da er
alles, was ihm widerfhrt und was ihm zugeteilt wird, so aufnehme, als
komme es von da, von wo er selbst gekommen, und da er endlich den Tod
mit heiterem Sinn erwarte, als den Moment der Trennung aller Elemente,
aus denen jegliches lebendiges Wesen besteht. Denn wenn den Elementen
dadurch nichts Schlimmes widerfhrt, da sie fortwhrend ineinander
bergehen, weshalb sollte man sich scheuen vor der Verwandlung und
Lsung aller auf einmal? Vielmehr ist dies das Naturgeme, und das
Naturgeme ist niemals vom bel.




Drittes Buch


1

Wir mssen uns nicht blo bedenken, da das Leben mit jedem Tage
schwindet und ein immer kleinerer Teil davon brigbleibt, sondern auch
beherzigen, da es ja ungewi ist, wenn man ein lngeres Leben vor sich
hat, ob sich die Geisteskrfte immer gleichbleiben und zum Verstndnis
der Dinge, so wie zu all den Wahrnehmungen und Betrachtungen hinreichen
werden, die uns auf dem Gebiete des Gttlichen und Menschlichen erfahren
machen. Denn wieviele werden im Alter nicht kindisch! Und bei wem ein
solcher Zustand eingetreten ist, dem fehlt es zwar nicht an der
Fhigkeit zu atmen, sich zu nhren, sich etwas vorzustellen und etwas zu
begehren; aber das Vermgen, sich frei zu bestimmen, die Reihe der
Pflichten, die ihm obliegen zu berschauen, die Erscheinungen sich zu
zergliedern und darber, obs Zeit zum Sterben sei oder was sonst einer
durchaus geweckten Denkkraft bedarf, sich klar zu werden--das ist bei
ihm erloschen. Also eilen mu man, nicht blo weil uns der Tod mit jedem
Tage nher tritt, sondern auch weil die Fhigkeit, die Dinge zu
betrachten und zu verfolgen, oft vorher aufhrt.


2

Merkwrdig ist, wie an den Erzeugnissen der Natur auch das, was nur
beilufiges Merkmal ist, einen gewissen Reiz ausbt. So machen z.B. die
Risse und Sprnge im Brot, die gewissermaen gegen die Absicht des
Bckers sind, die Elust besonders rege. Ebenso geht es mit den Feigen,
die, wenn sie berreif sind, aufbrechen, und den Oliven, die gerade
wegen der Stellen geschtzt werden, wo sie nahe daran sind, faul zu
werden. Die niederhngenden hren, die Stirnfalte des Lwen, der Schaum
am Munde des Ebers und manches andere dergleichen hat freilich keinen
Reiz, wenn mans fr sich betrachtet; aber weil es uns an den Werken der
Natur und im Zusammenhange mit ihnen entgegentritt, erscheint es als
eine Zierde und wirkt anziehend. Fehlt es uns also nur nicht an
Empfnglichkeit und an Tiefe des Blicks in die Welt der Dinge, so werden
wir kaum etwas von solchen Nebenumstnden auffinden, was uns nicht
angenehm deuchte. Ebenso werden wir dann aber auch z.B. wirkliche
Tierkmpfe nicht weniger gern ansehen, als die Darstellungen, die uns
Maler und Bildhauer davon geben; und unser keusches uge wird mit
gleichem Wohlgefallen auf der wrdigen Gestalt des Greises wie auf der
liebreizenden des Mdchens ruhen. Doch gehrt dazu eben eine innige
Vertrautheit mit der Natur und ihren Werken.


3

Hippokrates hat viele Krankheiten geheilt, dann ist er selbst an einer
Krankheit gestorben. Die Chalder weissagten vielen den Tod, dann hat
sie selber das Geschick ereilt. Alexander, Pompejus, Csar--nach dem sie
so manche Stadt von Grund aus zerstrt und in der Schlacht soviele
Tausende ums Leben gebracht, schieden selbst aus dem Leben. Heraklit,
der ber den Weltbrand philosophiert, starb an der Wassersucht, den
Demokrit brachte das Ungeziefer um, den Sokrates--ein Ungeziefer anderer
Art. Kurz, zu einem jeden heit es einmal: du bist eingestiegen,
gefahren, im Hafen eingelaufen: so steige nun aus! Gehts in ein anderes
Leben--gewi in keins, das ohne Gtter ist. Ists aber ein Zustand der
Unempfindlichkeit--auch gut: wir hren auf von Leid und Freude hin
gehalten zu werden und verlassen ein Behltnis von um so schlechterer
Art je edler der Eingeschlossene, denn er ist Geist und gttlichen
Wesens, jenes aber Staub und verweslicher Stoff.


4

Verschwende deine Zeit nicht mit Gedanken ber das, was andere angeht,
es sei denn, da du jemand damit ersprielich sein kannst. Du versumst
offenbar notwendigere Dinge, wenn dich nichts weiter beschftigt, als
was der und jener macht und aus welchem Grunde er so handelt, was er
sagt oder will oder anstellt. So etwas zieht den Geist nur ab von der
Beobachtung seiner selbst. Man mu alles Eitle und Vergebliche aus der
Kette der Gedanken zu entfernen suchen, vorzglich alle mige und
nichtswrdige Neugier, und sich nur an solche Gedanken gewhnen, ber
die wir sofort, wenn uns jemand fragt, was wir gerade denken, gern und
mit aller Offenheit Rechenschaft geben knnen, so da man gleich sieht:
hier ist alles lauter und gut und so, wie es einem Gliede der
menschlichen Gesellschaft geziemt, hier wohnt nichts von Genusucht und
Lsternheit, nichts von Zank oder Neid oder Mitrauen, nichts von alle
dem, wovon der Mensch nur mit Errten gestehen kann, da es seine Seele
beschftige. Und ein solcher Mensch--dem es nun ja auch nicht an dem
Streben nach Auszeichnung fehlen kann--ist ein Priester und Diener der
Gtter, der Gewinn aus dem inneren Gottesbewutsein zu ziehen wei, so
da ihn keine Lust beflecken, kein Schmerz verwunden, kein Stolz
bercken, nichts Bses berhaupt reizen kann; er ist ein Held in jenem
groen Kampf gegen die Leidenschaft und eingetaucht in das Wesen der
Gerechtigkeit vermag er jegliches Geschick von ganzer Seele zu begren.
Ein solcher Mensch aber denkt selten und nur, wenn es das allgemeine
Beste erfordert, an das, was andere sagen oder tun oder meinen. Sondern
die eigene Pflicht ist der einzige Gegenstand seines Tuns, so wie, was
ihm das Schicksal gesponnen im Gewebe des Ganzen, der Hauptgegenstand
seines Nachdenkens. Dort hlt er Tugend, hier den guten Glauben. Und in
der Tat ist jedem zutrglich, was sich mit ihm zutrgt nach dem Willen
des Schicksals. Stets ist er eingedenk, da alle Vernunftwesen einander
verwandt sind, und da es zur menschlichen Natur gehrt, fr andere zu
sorgen. Nach Ansehen strebt er nur bei denen, die ein naturgemes Leben
fhren, da er ja wei, was die, die nicht so leben, sind, wie sies zu
Hause und auer dem Hause, am Tage und bei Nacht und mit wem sie ihr
Wesen treiben. Das Lob derer also, die nicht sich selber zu gengen
wissen, hat fr ihn nicht den geringsten Wert.


5

Tue nichts mit Widerwillen, nichts ohne Rcksicht auf das Gemeinwohl,
nichts ungeprft, nichts wobei du noch ein Bedenken hast. Drcke deine
Gedanken aus ohne Ziererei. Sei kein Schwtzer und kein
Vielgeschftiger. Sondern mit einem Worte: der Gott in dir fhre das
Regiment, welchem Geschlecht, Alter, Beruf, welcher Abkunft und Stellung
du nun auch angehren magst, so da du immer in der Verfassung bist,
wenn du abgerufen werden solltest, gern und willig zu folgen.--Eidschwur
und Zeugenschaft mut du immer entbehren knnen.--Innerlich aber sei
heiter, nicht bedrfend, da die Hilfe von auen dir komme, auch nicht
des Friedens bedrftig, den andere uns geben knnen.--Steh aufrecht,
heit es, nicht: lasse dich stellen!


6

Kannst du im menschlichen Leben etwas Besseres finden als Gerechtigkeit,
Wahrheit, Selbstbeherrschung, Tapferkeit oder mit einem Wort: als den
Zustand der Seele, wo du in allem, was eine Sache der Vernunft und
Selbstbestimmung ist, mit dir selbst, in dem aber, was ohne dich
geschieht, mit dem Schicksale zufrieden bist; kannst du, sage ich, etwas
entdecken, was noch besser ist als dies, so wende dich dem mit ganzer
Seele zu und freue dich, da du das Beste aufgefunden hast. Sollte es
aber in Wahrheit nichts Besseres geben, als den in dir wohnenden Gott,
der deine Begierden sich untertnig zu machen wei, der die Gedanken
prft, den sinnlichen Empfindungen, wie Sokrates sagt, sich zu entziehen
sucht, und der sich selbst--den Gttern unterwirft und fr das Wohl der
Menschen Sorge trgt: solltest du finden, da gegen dieses alles andere
gering ist und verschwindet, so folge nun auch keiner anderen Stimme und
la in deine Seele nichts eindringen, was, wenn es dich einmal
angezogen, dich an der ungeteilten Pflege jenes herrlichen Schatzes,
deines Eigentums, hindert. Denn diesem Gute, dem hchsten nach Wesen und
Wirkung, irgend etwas anderes wie Ehre, Herrschaft, Reichtum, Genu an
die Seite setzen zu wollen, wre Torheit, weil uns all dieses, selbst
wenn wir es nur ein wenig anziehend finden, dann mit einem Male ganz in
Beschlag nimmt und verfhrt. Darum sage ich, man solle einfach und
unbedingt das Bessere whlen und ihm anhngen. Das Bessere ist aber auch
immer zugleich das Zutrgliche, sei es, da es uns frommt als denkenden
oder als empfindenden Wesen. Finden wir nun etwas, das uns als
Vernunftwesen zu frdern verspricht, so mssen wirs festhalten und
pflegen. Ist es aber nur fr unser Empfinden zutrglich, so haben wir es
mit Bescheidenheit und schlichtem Sinn hin zunehmen, und nur dafr zu
sorgen, da wir uns unser gesundes Urteil bewahren und fortgesetzt die
Dinge gehrig prfen.


7

Bilde dir nie ein, da etwas gut fr dich sein knnte, was dich ntigt,
einmal die Treue zu brechen, die Scham hintanzusetzen, jemand zu hassen,
argwhnisch zu sein, in Verwnschungen auszubrechen, dich zu verstellen
oder Dinge zu begehren, bei denen man Vorhnge und verschlossene Tren
braucht. Derjenige, welcher die Vernunft, seinen Genius und deren
Dienst jederzeit die erste Rolle spielen lt, wird nie zu einer
Tragdie Anla geben oder seufzen oder die Einsamkeit oder groe
Gesellschaft suchen; er wird leben im hchsten Sinne des Worts und weder
auf der Jagd noch auf der Flucht. Ob seine Seele auf lange oder kurze
Zeit im Leibe eingeschlossen bleiben soll, kmmert ihn wenig; er wrde,
auch wenn er bald scheiden mte, sich dazu ganz ebenso auf den Weg
machen, wie wenn es gelte, irgend etwas anderes mit Anstand und mit
edlem Wesen auszufhren; sondern wofr er durchs ganze Leben Sorge
trgt, ist nur das, da seine Seele sich stets in einem Zustande
befinde, der einem auf das Zusammenleben mit andern angewiesenen
vernnftigen Wesen geziemt.


8

In der Seele eines Menschen, der in Zucht und Schranken gehalten worden
und so gehrig gelutert ist, findet man nun auch jene Wunden und
Schden nicht mehr, die so hufig unter einer gesunden Oberflche
heimlich fortwuchern. Nichts Knechtisches ist in ihm und nichts
Geziertes; sein Wesen hat nichts besonders Verbindliches, aber auch
nichts Abstoendes; ihn drckt keine Schuld und nichts, was ihn zu
Heimlichkeiten ntigte. Auch hat ein solcher Mensch wirklich
"vollendet", wenn ihn das Schicksal ereilt, was man von andern oft nur
mit demselben Rechte sagt, wie von dem Helden eines Dramas, da er ein
tragischer sei, noch ehe das Stck geendet hat.


9

Was die Fhigkeit zu urteilen und Schlsse zu machen anbetrifft, so mut
du sie in Ehren halten. Denn es wohnt ihr die Kraft bei, zu verhten,
da sich in deiner Seele irgendeine Ansicht festsetze, welche
widernatrlich ist oder einem vernunftbegabten Wesen unangemessen. Ihre
Bestimmung ist, uns geistig unabhngig zu machen, den Menschen zugetan
und den Gttern gehorsam.


10

Alles brige ist Nebensache. Das Wenige, was ich gesagt habe, reicht
vllig hin. Dabei bleibe man sich bewut, da jeder eigentlich nur dem
gegenwrtigen Augenblick lebe. Denn alles brige ist entweder durchlebt
oder in Dunkel gehllt. Also ein Kleines ists, was jeder lebt, und ein
Kleines, wo er lebt--das Winkelchen Erde, und ein Kleines der Ruhm, auch
der grte, den er hinterlt: damit er sich forterbe in der Kette
dieser Menschenkinder, die so geschwind sterben mssen und die nicht
einmal sich selbst begreifen, geschweige denn einen lngst vor ihnen
Gestorbenen!


11

Den aufgestellten Lebensregeln ist aber noch eine hinzuzufgen. Von
jedem Gegenstande, der sich deinem Nachdenken darbietet, suche dir stets
einen klaren und bestimmten Begriff zu machen, so da du weit, was er
an sich und was er nach allen seinen Beziehungen ist, damit du ihn
selbst sowohl wie seine einzelnen Momente nennen und bezeichnen kannst.
Denn nichts erzeugt in dem Grad hohen Sinn und edle Denkungsart, als
wenn man imstande ist, sich von jeder im Leben gemachten Erfahrung, dem
Wesen ihres Gegenstandes und ihrer Vermittlung nach, Rechenschaft zu
geben, und alle Begebenheiten so anzusehen, da man bei sich berlegt,
in welchem Zusammenhang sie erscheinen und welche Stelle sie in
demselben einnehmen, welchen Wert sie fr das Ganze haben und was sie
dem Menschen bedeuten, diesem Brger eines hchsten Reiches, zu dem sich
die brigen Reiche wie die einzelnen Huser zu der ganzen Ortschaft
verhalten, da man wei, was man jedesmal vor sich hat, wo es sich
herschreibt und wie lange es bestehen wird, und wie sich der Mensch dazu
zu verhalten habe, ob milde oder tapfer, zweifelschtig oder vertrauend
voll, hingebend oder auf sich selbst beruhend; so da man sich von jedem
Einzelnen sagen mu, entweder: es kommt von Gott, oder: es ist ein Stck
jenes groen Gewebes, das das Schicksal spinnt, und so und so gefgt,
oder endlich: es kommt von einem unsrer Genossen und Brder, der nicht
gewut hat, was naturgem ist. Du aber weit es, und darum begegnest du
ihm, wie es das natrliche Gesetz der Gemeinschaft fordert, mit Liebe
und Gerechtigkeit. Und auch in gleichgltigen Dingen zeigst du ein ihrem
Wert entsprechendes Verhalten.


12

Wenn du der gesunden Vernunft folgst und bei dem, was dir zu tun gerade
obliegt, mit Eifer, Kraft und Liebe ttig bist, ohne da dich ein
anderer Gedanke dabei leitet, als der, dein Inneres rein zu erhalten,
als solltest du bald deinen Geist aufgeben; wenn du dich auf diese Weise
zusammennimmst und dabei weder zgerst noch eilst, sondern dir gengen
lssest an der dir von Natur zu Gebote stehenden Energie und an der
Wahrhaftigkeit, die aus jedem deiner Worte hervor leuchten mu, so wirst
du ein glckliches Leben fhren. Und ich wte nicht, wer dich daran
hindern sollte.


13

Wie die rzte zu raschen Heilungen stets ihre Instrumente und Eisen zur
Hand haben, so mut du behufs der Erkenntnis gttlicher und menschlicher
Dinge die Lehren der Philosophie in steter Bereitschaft halten, damit
du in allem, auch im Kleinsten, immer so handelst wie einer, der sich
des Zusammenhangs beider bewut ist. Denn Menschliches lt sich
ebensowenig richtig behandeln ohne Beziehung auf Gttliches als
umgekehrt.


14

Hre endlich auf, dich selbst zu verwirren! Es ist nicht daran zu
denken, da du dazu kommst, was du dir fr sptere Zeiten deines Lebens
aufbehalten hattest, dies und jenes zu treiben und zu lesen und wieder
hervorzusuchen. Darum gib solche trichte Plne auf, und wenn du dich
selber lieb hast, schaffe dir--noch vermagst dus--eiligst die Hilfe,
deren du bedarfst!


15

In manchem Wort, das unbedeutend scheint, wie z.B. Stehlen, Sen,
Kaufen, Ruhen, Sehen, was es zu tun gibt, liegt oft ein tieferer Sinn.
Wie mancher sagt: "ich will doch sehen, was es gibt", und denkt nicht
daran, da es dazu eines anderen Schauens bedarf, als das der Augen.


16

Leib, Seele, Geist--das war jene Dreiheit: der Leib mit seinen
Empfindungen, die Seele mit ihren Begierden und der Geist mit seinen
Erkenntnissen. Aber Bilder und Vorstellungen haben auch unsere
Haustiere; von Begierden in Bewegung gesetzt werden auch die wilden
Tiere oder Menschen, die nicht mehr Menschen sind, ein Phalaris, ein
Nero; in allem, was vorteilhaft scheint, sich vom Geiste leiten zu
lassen, ist auch die Sache solcher, die das Dasein der Gtter leugnen,
das Vaterland verraten und die schndlichsten Dinge tun, sobald es nur
niemand sieht. Wenn soweit also jenes etwas allen Gemeinsames ist, so
bleibt als das dem Guten Eigentmliche nur brig, das ihm vom Schicksal
Bestimmte willkommen zu heien, das Heiligtum in seiner Brust nicht zu
entweihen, sich nicht durch Gedankenmenge zu verwirren, sondern im
Gleichma zu verharren, der Stimme des Gottes zu folgen, nichts zu reden
wider die Wahrheit und nichts zu tun wider die Gerechtigkeit. Und da
man dabei ein einfaches, zchtiges und wohlgemutes Leben fhrt, daran
sollte eigentlich niemand zweifeln. Geschhe es aber, wir wrden deshalb
doch keinem zrnen, noch von dem Wege weichen, der an das Ziel des
Lebens fhrt, bei welchem wir unbefleckt, gelassen, wohlgerstet und
willig dem Schicksal gehorchend ankommen mssen.




Viertes Buch


1

Wenn der in uns herrschende Geist seiner Natur folgt, kann es uns--den
Ereignissen gegenber--nicht schwer fallen, auf jede Mglichkeit
vorbereitet zu sein und das Gegebene hinzunehmen. Das Festbestimmte,
Abgemachte ist es dann berhaupt nicht, wofr wir Interesse haben,
sondern: was uns gut und wnschenswert scheint, ist doch immer nur mit
Vorbehalt ein Gegenstand unseres Strebens; was sich uns aber geradezu in
den Weg stellt, betrachten wir als ein Mittel zu unsrer bung--: der
Flamme gleich, die sich auch solcher Stoffe zu bemchtigen wei, deren
Berhrung ein kleineres Licht verlschen wrde, aber ein helles Feuer
nimmt in sich auf und verzehrt, was man ihm zufhrt, und wird nur grer
dadurch.


2

Bei allem, was du tust, gehe besonnen zu Werke und so, da du dabei die
hchste Lebenskunst im Auge hast!


3

Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge, an die See
zurckzuziehn. Auch du sehnst dich vielleicht dahin. Im Grunde genommen
aber steckt dahinter eine groe Beschrnktheit. Es steht dir ja frei, zu
jeglicher Stunde dich in dich selbst zurckzuziehn, und nirgends finden
wir eine so friedliche und ungestrte Zuflucht als in der eignen Seele,
sobald wir nur etwas von dem in uns tragen, was wir nur anzuschauen
brauchen, um uns in eine vollkommen ruhige und glckliche Stimmung
versetzt zu sehn--eine Stimmung, die nach meiner Ansicht freilich ein
anstndiges, sittliches Wesen bedingt. Auf diese Weise also ziehe dich
bestndig zurck, um dich immer wieder aufzufrischen. Einfach und klar
und bestimmt aber seien jene Ideen, die aus deiner Seele so manches
hinweg splen, wenn du sie dir vergegenwrtigst, und dir eine Zuflucht
schaffen sollen, aus der du nicht bel launisch zurckkehrst. Und was
sollte dich auch alsdann verdrieen? "Die Schlechtigkeit der Menschen?"
Aber wenn du bedenkst, da die vernnftigen Wesen freinander geboren
sind, da das Ertragen des Unrechts zur Gerechtigkeit gehrt, da die
Menschen unfreiwillig sndigen, und dann--wie viel streitschtige,
argwhnische, gehssige und gewaltttige Menschen dahin gemut haben und
nun ein Raub der Verwesung sind--wirst du da deine Abneigung nicht los
werden? "Oder ist es dein Schicksal?" So erinnere dich nur jenes
Zwiefachen: entweder wir sagen: es gibt eine Vorsehung, oder: wir sehen
uns als Teile und Glieder eines Ganzen an, und unserer Betrachtug der
Welt liegt die Idee eines Reiches zugrunde. "Oder ist es dein Leib, der
irgendwie schmerzt?" Aber du weit ja, der Geist, wenn er sich selbst
begriffen und seine Macht kennen gelernt hat, hngt nicht ab von
sanfteren oder rauheren Lften; auch weit du, wie wir ber Schmerz und
Freude denken, und bist einverstanden damit. "Oder macht dir der Ehrgeiz
zu schaffen?" Aber wie schnell breitet Vergessenheit ber alles ihren
Schleier! wie unablssig drngt eins das andere in dieser Welt ohne
Anfang und ohne Ende! Wie nichtig ist jeder Nachklang unseres Tuns! wie
vernderlich und wie urteilslos jede Meinung, die sich ber uns bildet
und wie eng der Kreis, in dem sie sich bildet! Die ganze Erde ist ja nur
ein Punkt im All, und wie klein ist nun wieder der Winkel auf ihr, wo
von uns die Rede sein kann! Wie viele knnen es sein, und was fr
welche, die unsern Ruhm verknden? In der Tat also gilt es sich
zurckzuziehen auf eben diesen kleinen Raum, der unser ist, und hier
sich weder zerstreuen, noch einspannen zu lassen, sondern sich frei zu
bewegen und die Dinge anzusehen wie ein Mensch, wie ein Glied der
Gesellschaft, wie ein sterbliches Wesen. Unter allen Wahrheiten aber,
die dir am gelufigsten sind, mssen jedenfalls die beiden sein: die
eine: da Auendinge die Seele nicht berhren drfen, sondern wirklich
Auendinge sein und bleiben mssen. Denn Widerwrtigkeiten gibt es nur
fr den, der sie dafr hlt. Die andere: da alles, was du siehst, sich
bald verwandeln und nicht mehr sein werde, wie du selbst schon eine
Menge Wandlungen durchgemacht hast. Mit einem Wort: die Welt ist ein
ewiger Wechsel, das Leben ein Wahn!


4

Haben wir alle das Denkvermgen gemein, dann auch die Vernunft? dann
auch die Stimme, die uns sagt, was wir tun und lassen sollen; dann auch
eine Gesetzgebung; wir sind also alle Brger eines und desselben
Reiches. Und so wrde folgen, da die Welt ein Reich ist. Denn welches
Reich wre sonst dem menschlichen Geschlecht gemein?--Stammt nun etwa
jene Denkkraft, jenes Vernnftige und Gesetzgebende aus diesem uns allen
gemeinsamen Reiche oder sonst woher? Denn gleichwie bei verschiedenen
Stoffen jeder seine besondere Quelle hat (denn es ist Nichts, was aus
dem Nichts entstnde, so wenig wie Etwas in das Nichts bergeht), so mu
auch das Geistige irgendwoher stammen.


5

Mit dem Tode verhlt sichs wie mit der Geburt: beide sind Geheimnisse
der Natur. Dieselben Elemente welche hier sich einigen, werden dort
gelst. Und das ist nichts, was uns unwrdig vorkommen knnte. Es
widerspricht weder dem vernnftigen Wesen selbst, noch der Art und
Weise seiner Einrichtung.


6

Es liegt freilich in der Natur der Sache, da gewisse Leute einen
solchen Widerspruch darin finden. Aber wer dies nicht will, will nicht,
da der Feigenbaum Saft habe. berhaupt aber sei dessen eingedenk, da
ihr beide, du und er, in krzester Zeit sterben werdet, und da bald
nicht einmal euer Name brigbleibt.


7

La deinen Wahn schwinden, du hrst auf dich zu beklagen. Beklagst du
dich nicht mehr, ist auch das bel weg.


8

Der Begriff des Heilsamen und des Schdlichen schliet es schon in sich,
da, was den Menschen nicht verdirbt, auch sein Leben nicht verderben
oder verbittern kann weder uerlich noch innerlich.


9

Weil es ntzlich ist, handelt die Natur notwendigerweise so, wie sie
handelt.


10

Alles, was geschieht, geschieht mit Recht; einer genauen Beobachtung
kann das nicht entgehen. Auch sage ich nicht blo: es ist in der
Ordnung, sondern: es ist recht, d.h. als kme es von einem, der alles
nach Recht und Wrdigkeit austeilt. Setze deine Beobachtungen nur fort,
und du selbst--was du auch tust, mache gut! gut im eigentlichsten Sinne
des Worts! Denke daran bei jeder deiner Handlungen!


11

Wie derjenige denkt, der dich verletzt, oder wie er will, da du denken
sollst, so denke gerade nicht. Sondern sieh die Sache an, wie sie in
Wahrheit ist.


12

Zu zweierlei mssen wir stets bereit sein: einmal, zu handeln einzig den
Forderungen gem, welche das in uns herrschende Gesetz an uns
stellt--und das heit immer auch zugleich zum Nutzen der Menschen
handeln. Sodann: auf unserer Meinung nicht zu beharren, wenn einer da
ist, der sie berichtigen und uns so von ihr abbringen kann. Doch mu
jede Sinnesnderung davon ausgehen, da die neue Ansicht die richtige
und gute sei, nicht davon, da sie Annehmlichkeiten und uere Vorteile
verschaffe.


13

Wenn du Vernunft hast, warum gebrauchst du sie nicht? Tut sie das
ihrige, was kannst du mehr verlangen?


14

Was du bist, ist doch nicht das Ganze. So wirst du denn auch einst
aufgehen in dem, der dich erzeugte; oder vielmehr, nach geschehener
Wandlung wirst du wieder aufgenommen werden in seine Erzeugernatur.


15

Viele Weihrauchkrner fallen auf denselben Altar der Gottheit--das ist
des Menschen Leben. Wieviel davon schon gestreut ist, wieviel noch
nicht, was liegt daran?


16

Sobald du dich zu den Grundstzen und dem Dienst der Vernunft bekehrst,
kannst du innerhalb zehn Tagen denen ein Gott sein, denen du jetzt so
verchtlich erscheinst wie ein Affe oder ein wildes Tier.


17

Richte dich nicht ein, als solltest du hundert Jahre alt werden. Denn
wie nahe ist vielleicht dein Ende! Aber solange du lebst, solange es in
deiner Macht steht--sei gut!


18

Welch ein Gewinn, wenn man auf anderer Leute Worte, Angelegenheiten und
Gedanken nicht achtet, sondern nur merkt auf das eigene Tun, ob es
gerecht und fromm und gut sei,

 "--das Auge abgewendet
vom Pfuhl des Lasters, nur der eignen Bahn
nachgehend, grad und unverrckt."


19

Der Ruhmbegierige bedenkt nicht, da auch die in aller Krze nicht mehr
sein werden, die seiner gedenken, und da es sich mit jedem folgenden
Geschlecht ebenso verhlt, bis endlich die Erinnerung, durch solche
fortgepflanzt, die nun erloschen sind, selber erlischt. Aber gesetzt
auch, sie wren unsterblich, die deinen Namen nennen, und unsterblich
dieses Namens Gedchtnis: was ntzt dirs? dir, der du bereits gestorben
bist? Aber auch, was ntzt dirs bei deinem Leben? Es sei denn, da du
zeitliche Vorteile dabei hast. Sind also Ruhm und Ehre dir zuteil
geworden, achte dieser Gabe nicht! sie macht dich eitel und abhngig vom
Geist und Wort der andern.


20

Jegliches Schne ist schn durch sich selbst und in sich vollendet, so
da fr ein Lob kein Raum in ihm ist. Wird es doch durch Lob weder
schlechter noch besser. Dies gilt auch von dem, was man in der Regel
schn nennt, von dem krperlich Schnen und den Werken der Kunst. Das
wahrhaft Schne bedarf des Lobes ebensowenig als das gttliche Gesetz,
die Wahrheit, die Gte, die Scham. Oder vermag daran etwa das Lob zu
bessern oder der Tadel zu verderben? Wird die Schnheit des Edelsteins,
des Purpurs, des Goldes, des Elfenbeins, die Schnheit eines
Instruments, einer Blte, eines Bumchens geringer dadurch, da man sie
nicht lobt?


21

Wenn die Seelen fortdauern, wie vermag sie der Luftraum von Ewigkeit her
zu fassen? Aber wie ist denn die Erde imstande, die Leichname sovieler
Jahrtausende zu fassen? Die Leiber, nachdem sie eine Zeitlang gedauert
haben, verwandeln sich und lsen sich auf, und so wird andern Leibern
Platz gemacht. Ebenso die in den ther versetzten Seelen. Eine Zeitlang
halten sie zusammen, dann verndern sie sich, dehnen sich aus,
verbrennen und gehen in das allgemeine Schpferwesen auf, so da ein
Raum fr neue Bewohner entsteht. So etwa liee sich die Ansicht von der
Fortdauer der Seelen erklren. Was aber die Leiber betrifft, so kommt
hier nicht blo die Menge der auf jene Weise untergebrachten, sondern
auch die der tglich von uns und von den Tieren verzehrten Leiber in
Betracht. Welch eine Menge verschwindet und wird so gleichsam begraben
in den Leibern derer, die sich davon nhren, und immer derselbe Raum
ists, der sie fat, durch Verwandlung in Blut, in Luft- und
Wrmestoffe. Das Prinzip oder die Summe aller dieser Erscheinungen ist
also: die Auflsung in die Materie und in den Urgrund aller Dinge.


22

Stets entschieden, gilt es, zu sein und das Rechte im Auge zu haben bei
jeglichem Streben. In dem Gedankenleben aber sei das Begreifliche dein
Leitstern.


23

Was mit dir zusammenstimmt, o Welt, ist auch fr mich angemessen! Nichts
kommt zu frh fr mich und nichts zu spt, wenns bei dir heit: "Zu
guter Stunde." Eine se Frucht ist mir alles, was du gezeitigt hast,
Natur. Von dir und in dir ist alles und zu dir kehrt es zurck.--Als
Aristophanes Theben wiedersah, rief er: "Du liebe Stadt des Kekrops!"
und ich, ich sollte mit dem Blick auf dich nicht sagen: "Du liebe Stadt
des hchsten Gottes?"


24

Nur auf wenig Dinge, heit es, darf sich deine Ttigkeit erstrecken,
wenn du dich wohl befinden willst. Aber wre es nicht besser, sie auf
das Notwendige zu richten? auf das, was wir als Wesen, die auf das Leben
in Gemeinschaft angewiesen sind, tun sollen? Denn das hiee nicht blo
das Vielerlei, sondern auch das Schlechte vermeiden und mte uns also
doppelt glcklich machen. Gewi wrden wir ruhiger und zufriedener sein,
wenn wir das meiste von dem, was wir zu reden und zu tun pflegen, als
berflssig lieen. Ist es doch durchaus notwendig, da wir in jedem
einzelnen Falle, ehe wir handeln, eine Stimme der Warnung vernehmen; und
sollte die von etwas ausgehen knnen, das an sich selbst unntig ist?
Zuerst aber befreie deine Gedanken von allem, was unntz ist, dann wirst
du auch nichts Unntzes tun.


25

Mache den Versuch--vielleicht gelingt dirs--zu leben wie ein Mensch,
der mit seinem Schicksal zufrieden ist, und, weil er recht handelt und
liebevoll gesinnt ist, auch den inneren Frieden besitzt.


26

Willst du? so hre noch dies: Rege dich nicht selbst auf, und bleibe
immer bei dir. Hat sich jemand an dir vergangen: an sich selbst hat er
sich vergangen. Ist dir etwas Trauriges widerfahren: es war dir von
Anfang an bestimmt; was geschieht, ist alles Fgung. Und im Ganzen: das
Leben ist kurz. Die Gegenwart ists, die wir nutzen sollen, durch
rechtschaffenes und berlegtes Handeln, und wenn wir ausruhen wollen,
durch ein besonnenes Ausruhen. Auch in Erholungsstunden bleibe nchtern!


27

Entweder ist die Welt ein wohlgeordnetes Ganzes oder ein zuflliges
Gemenge, das man aber doch eine Weltordnung nennt. Doch wie? Kann in dir
eine gewisse Ordnung herrschen, wenn im Weltganzen Unordnung herrscht?
Und das knnte sein bei der ineinandergestimmten Vereinigung aller
mglichen Krfte, die einander widerstreiten und zerteilt sind?


28

Es gibt schwarze Charaktere, weibische, halsstarrige, tierische,
viehische, kindische, trge, zweideutige, geckenhafte, betrgerische,
tyrannische Charaktere.


29

Wenn der ein Fremdling ist in der Welt, der nicht wei, was auf ihr ist
und geschieht, so nenne ich den einen Flchtling, der sich den
Ansprchen des Staates entzieht; einen Blinden, der das Auge seines
Geistes schliet; einen Bettler, der eines andern bedarf und nicht in
sich alles zum Leben Ntige trgt; einen Auswuchs des Weltalls, der von
dem Grundgesetz der Allnatur abweicht und--mit dem Schicksal hadert! als
htte sie, die dich hervorgebracht, nicht auch dieses erzeugt; ein
abgehauenes Glied der menschlichen Gesellschaft, der mit seiner Seele
von dem Lebensprinzip der einen alle Vernunftwesen umfassenden Gemeinde
geschieden ist.


30

Es gibt Philosophen, die keinen Rock anzuziehen haben und halbnackt
einhergehen. "Nichts zu essen, aber treu der Idee." Auch fr mich ist
die Philosophie kein Brotstudium.


31

Liebe immerhin die Kunst, die du gelernt hast, und ruhe dich aus in ihr.
Doch gehe durchs Leben nicht anders wie einer, der alles, was er hat von
ganzem Herzen den Gttern weiht, niemandes Tyrann und niemandes Knecht.


32

Betrachten wir die Geschichte, z.B. die Zeiten Vespasians, so finden wir
Menschen, die sich freien, Kinder zeugen, krank liegen, sterben, Krieg
fhren, Feste feiern, Handel treiben, Acker bauen; finden Schmeichler,
Freche, Mitrauische, Listige, oder solche, die ihr Ende herbeiwnschen,
die sich ber die schlimmen Zeiten beklagen; finden Liebhaber,
Geizhlse, Ehrgeizige, Herrschschtige. Nicht wahr? Ihr Leben ist jetzt
nirgends mehr zu finden. Gehen wir ber auf die Zeiten des Trajan: alles
ganz ebenso. Und auch diese Zeit ging zu Grabe.--So betrachte die
Grabschriften aller Zeiten und Vlker, damit du siehst, wie viele, die
sich aufschwangen, nach kurzer Zeit wieder sanken und vergingen.
Namentlich mu man immer wieder an die denken, bei denen wirs mit
eignen Augen gesehen haben, wie sie nach eitlen Dingen trachteten, wie
sie nicht taten, was ihrer Bildung entsprach, daran nicht unablssig
festhielten und sich daran nicht gengen lieen. Und fllt uns dann die
Regel ein, da die Behandlung einer Sache ihren Mastab in dem Wert der
Sache selbst hat, so wollen wir sie doch ja beobachten, damit wir uns
vor dem Ekel bewahren, der die notwendige Folge davon ist, da man den
Dingen mehr Wert beilegt, als sie verdienen.


33

Worte, die ehemals im Gebrauch waren, sind nun veraltet. So sind auch
die Namen einst hochberhmter Mnner, eines Camill, Scipio, Cato, dann
eines Augustus, dann Hadrians, dann Antoninus Pius, spter gleichsam
veraltete Worte. Sie verbleichen bald und nehmen das Gewand der Sage an,
bald sind sie gar versunken in Vergessenheit. Dies gilt von denen, die
ehemals so wunderbar geleuchtet haben. Denn von den andern, sind sie nur
tot, wei man nichts mehr, hat man nie etwas gehrt. Also ist
Unvergelichkeit ein leeres Wort. Aber was ist es denn nun, wonach
sichs lohnt zu streben? Nur das eine: eine tchtige Gesinnung, ein
Leben zum Besten anderer, Wahrheit in jeder uerung, ein Zustand des
Gemts, wonach dir alles, was geschieht, notwendig scheint und dir
befreundet, aus einer Quelle flieend, mit der du vertraut bist.


34

Gib dich dem Schicksal willig hin, und erlaube ihm, dich mit den Dingen
zu verflechten, die es dir irgend zuerkennt.


35

Eintagsfliegen sind beide, der Gedenkende und der, dessen gedacht wird.


36

Alles entsteht durch Verwandlung, und die Natur liebt nichts so sehr,
als das Vorhandene umzumodeln und Neues von hnlicher Art zu erzeugen.
Jedes Einzelwesen ist gewissermaen der Same eines zuknftigen, und es
wre eine groe Beschrnktheit, nur das als ein Samenkorn anzusehen, was
in die Erde oder in den Mutterscho geworfen wird.


37

Wie bald wirst du tot sein, und noch immer bist du nicht ohne Falsch,
nicht ohne Leidenschaft, nicht frei von dem Vorurteil, da ueres dem
Menschen schaden knne, nicht sanftmtig gegen jedermann, und noch immer
nicht berzeugt, da Gerechtigkeit die einzig wahre Klugheit sei.


38

Mache dich mit den herrschenden Gesinnungen der Menschen bekannt, mit
ihren Sorgen und mit dem, was sie fliehen und was sie erstreben.


39

In der Seele eines andern sitzt es nicht, was dich unglcklich macht,
auch nicht in der Wendung deiner ueren Verhltnisse. Wo denn, fragst
du? In deinem Urteil! Halte es nicht fr ein Unglck, und alles steht
gut. Und wenn, was dich zunchst umgibt, deine Haut verwundet,
geschnitten, gebrannt wird, mu der Teil deines Wesens, der ber solche
Dinge urteilt, in Ruhe sein, d.h. er mu denken, da das, was ebenso den
Guten wie den Bsen treffen kann, unser Unglck oder unser Glck
unmglich ausmacht. Denn was bald der erfhrt, der gegen die Natur lebt,
bald wieder der, der ihrer Stimme folgt, das kann doch selbst nicht
widernatrlich oder natrlich heien.


40

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, ein Weltstoff und eine
Weltseele. In dieses Weltbewutsein wird alles aufgenommen, so wie aus
ihm alles hervorgeht, so jedoch, da von den Einzelwesen eines des
anderen Mitursache ist und auch sonst die innigste Verknpfung unter
ihnen stattfindet.


41

Nach Epiktet ist der Mensch--eine Seele mit einem Toten belastet.


42

Was zu dem Wandlungsproze gehrt, dem wir alle unterworfen sind, das
kann als solches weder gut noch bse sein.


43

Ein Strom des Werdens, in dem eins das andre jagt, ist die Zeit. Denn
ein jegliches Ding--verschlungen ists, kaum da es aufgetaucht. Aber
kaum ist das eine dahin, trgt die Woge schon wieder ein anderes her.
Doch auch dieses wird weggeschwemmt.


44

Wie die Rose die Vertraute des Sommers und die Frchte die Freunde des
Herbstes sind, so ist das Schicksal uns freundlich gesinnt, mag es nun
Krankheit oder Tod oder Schimpf und Schande heien. Denn Kummer machen
solche Dinge nur dem Toren.


45

Das Folgende entspricht immer dem Vorangehenden, nicht nur in der Weise
des Nacheinander mit blo uerer Verknpfung, sondern durch ein inneres
geistiges Band. Denn wie im Reiche des Gewordenen alles harmonisch
gefgt ist, so tritt uns auch auf dem Gebiete des Werdens keine bloe
Aufeinanderfolge, sondern eine wunderbare innere Verwandtschaft
entgegen.


46

Mag es richtig sein, was Heraklit sagt, da in der Natur das eine des
andern Tod sei, der Erde Tod das Wasser, des Wassers die Luft, der Luft
das Feuer und umgekehrt; doch hat er nicht gewut, wohin alles fhrt.
Aber es lt sich auch von solchen Leuten lernen, die das Ziel ihres
Weges aus dem Gedchtnis verloren haben, auch von solchen, die, je mehr
sie mit dem alles beherrschenden Geiste verkehren, tatschlich sich
desto mehr von ihm entfernen, auch von denen, welchen gerade das fremd
ist, was sie tglich beschauen, oder die wie im Traume handeln und reden
(denn auch das nennt man noch Ttigkeit), oder endlich von solchen, die
wie die kleinen Kinder alles nachmachen.


47

Wenn dir ein Gott weissagte, du werdest morgen, hchstens bermorgen
sterben, so knntest du dich ber dieses "bermorgen" doch nur freuen,
wenn gar nichts Edles in dir steckt. Denn was ists fr ein Aufschub!
Ebenso gleichgltig aber mte es dir sein, wenn man dir prophezeite:
nicht morgen, sondern erst nach langen Jahren!


48

Bedenke, wie viele rzte sind gestorben, nachdem sie an wie vielen
Krankenbetten bedenklich den Kopf geschttelt; wie viele Astrologen, die
erst andern mit groer Wichtigkeit den Tod verkndigten; wie viele
Philosophen, nachdem sie ber Tod und Unsterblichkeit ihre tausenderlei
Gedanken ausgekramt; wie viele Kriegshelden mit dem Blute anderer
bespritzt; wie viele Frsten, die ihres Rechtes ber Leben und Tod mit
groem bermute brauchten, als wren sie selbst nicht auch sterbliche
Menschen; wie viele Stdte--Helion, Pompeji, Herkulanum und unzhlige
andere--sind, da ich so sage, gestorben! Dann die du selbst gekannt
hast, einer nach dem andern! Der jenen begrub, wurde dann selbst
begraben, und das binnen kurzem. Denn alles Menschliche ist nichtig und
vorbergehend, das Gestern eine Seifenblase, das Morgen--erst eine
einbalsamierte Leiche, dann ein Haufen Asche. Darum nutze das Heute so
wie du sollst, dann scheidet sichs leicht: wie die Olive, wenn sie reif
geworden abfllt--preisend den Zweig, an dem sie hing, dankend dem Baum,
der sie hervorgebracht!


49

Wie der Fels im Meere, an dem die Wellen unaufhrlich rtteln, steht, so
da ringsum der Brandung Ungestm sich legen mu, so stehe auch du!
Nenne dich nicht unglcklich, wenn dir ein "Unglck" widerfuhr! Nein,
sondern preise dich glcklich, da, obwohl es dir widerfahren ist, der
Schmerz dir doch nichts anhat und weder Gegenwrtiges dich mrbe machen,
noch Zuknftiges dich ngstigen kann. Jedem knnt es begegnen, aber
nicht jeder htte es so ertragen. Und warum nennst du das eine ein
Unglck, das andere ein Glck? Nennst du nicht das ein Unglck fr den
Menschen, was ein Fehlgriff seiner Natur ist? Aber wie sollte das ein
Fehlgriff der menschlichen Natur sein knnen, was nicht wider ihren
Willen ist? Und du kennst doch ihren Willen? Kann dich denn irgendein
Schicksal hindern, gerecht zu sein, hochherzig, besonnen, klug,
selbstndig in deiner Meinung, wahrhaft in deinen Reden, sittsam und
frei in deinem Betragen, hindern an dem, was, wenn es vorhanden ist, so
recht dem Zweck der Menschennatur entspricht? So oft also etwas
Schmerzhaftes dir nahe tritt: denke, es sei kein Unglck; aber ein Glck
ist, es mit edlem Mut zu tragen.


50

Es ist zwar ein lcherliches aber wirksames Hilfsmittel, wenn man den
Tod verachten lernen will, sich die Menschen zu vergegenwrtigen, die
mit aller Inbrunst am Leben hingen. Denn was war ihr Los, als da sie
/zu frh/ starben? Begraben liegen sie alle, die Fabius, Julianus,
Lepidus oder wie sie heien mgen, die allerdings so manche andere
berlebten, dann aber doch auch an die Reihe muten.--Wie klein ist
dieser ganze Lebensraum, und unter wieviel Mhen, mit wie schlechter
Gesellschaft, in wie zerbrechlichem Krper wird er zurckgelegt! Es ist
nicht der Rede wert. Hinter dir eine Ewigkeit und vor dir eine Ewigkeit:
dazwischen--was fr ein Unterschied ob du drei Tage oder drei
Jahrhunderte zu leben hast?


51

Immer wandle den krzesten Weg, den du zu gehen hast! Er ist der
natrliche. Man folgt da im Reden und Tun nur der gesunden Vernunft. Du
wirst dich auf diese Weise von mancher Sorge und von manchem Ballast
befreien.




Fnftes Buch


1

Frh, wenns dir leid tut schon aufgewacht zu sein, sage dir gleich, du
seist erwacht, dich menschlich zu bettigen. Um der Ttigkeit willen
bist du geboren und in die Welt gekommen, und du wolltest verdrielich
sein, da du ans Werk gehen mut? Oder bist du dazu geschaffen, in den
Federn liegend dich zu pflegen? Freilich ist dies angenehmer; aber bist
du um des Vergngens willen da, nicht vielmehr um etwas zu schaffen und
dich anzustrengen? Sieh alle Kreaturen, die Sperlinge, die Ameisen, die
Spinnen, die Bienen, wie jedes sein Werk vollbringt und jedes in seiner
Weise an der Aufgabe des Ganzen arbeitet! Und du wolltest das deinige
nicht tun? nicht den Weg laufen, den die menschliche Natur dir
vorschreibt?--Man mu doch auch ausruhen, sagst du. Freilich mu man.
Doch in dem Mae, das die Natur dir selbst an die Hand gibt, ebenso wie
fr das Essen und Trinken. Darin aber willst du die Grenze berschreiten
und mehr tun als ntig ist, nur in der Ttigkeit zurckbleiben? Da sieht
man, da du dich selbst nicht lieb hast, sonst wrdest du die
menschliche Natur und deren Willen lieb haben. Andere, die mit Liebe die
Kunst betreiben, die sie gelernt haben, sind oft so versessen darauf,
da sie darber vergessen, sich zu waschen oder zu frhstcken. Du aber
ehrst die Menschheit in dir nicht einmal so hoch wie jene ihre Kunst,
wie der Drechsler seine Drechselei, der Tnzer seine Sprnge, der
Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige seinen Ruhm. Denn sobald solche Leute
ihrem Beruf mit Eifer hingegeben sind, liegt ihnen am Essen und Schlafen
weit weniger, als daran, da sies weiter bringen in dem, was ihres
Amtes ist. Und du bist imstande, das fr andere Ttigsein niedriger zu
stellen und eines solchen Eifers nicht fr wert zu halten?


2

Es ist wahrlich nicht so schwer, jeden beunruhigenden und unziemlichen
Gedanken, der sich aufdrngt, wieder loszuwerden und hinwegzutilgen, so
da die vollkommene Stille und Heiterkeit des Gemts gleich
wiederhergestellt ist.


3

Erkenne, da du jeder echt menschlichen uerung in Wort und Werk wrdig
bist, und la dich von keinem Tadel oder Stichelrede, die andere dir
nachsenden, beschwatzen. Was edel ist zu sagen und zu tun, dessen bist
du niemals unwrdig. Jene haben ihre eigenen Grundstze, denen sie
folgen, und ihren eigenen Sinn. Darauf darfst du keine Rcksicht
nehmen, sondern mut den geraden Weg gehen, den deine und die allgemein
menschliche Natur dir vorschreibt. Und es ist in der Tat nur ein Weg,
den diese beiden dir weisen.


4

So la uns durchs Leben gehen, bis wir verfallen und uns zur Ruhe
begeben, den Geist dahin aushauchend, von wo wir ihn tagtglich
eingesogen, dahin zurcksinkend, woher der Keim zu unserm Dasein stammt,
woher wir durch so viele Jahre Speise und Trank nahmen, was uns durchs
Leben trug und wovon wir oft genug einen schlechten Gebrauch gemacht
haben.


5

Dein Scharfsinn ist es nicht, weswegen man dich bewundern mu. Aber
gesetzt auch, er knnte dir nicht abgesprochen werden, so wirst du doch
gestehen mssen, da vieles andere mehr in deiner Natur liegt. Und dies
ist es nun, was du vor allem pflegen und kundgeben mut, z.B. deine
Lauterkeit und deinen Ernst, deine Sndhaftigkeit und deine Abneigung
gegen sinnlichen Genu, deine Zufriedenheit mit deinem Schicksal, deine
Migkeit, Gte, Freisinnigkeit, Einfachheit, dein gesetztes wrdevolles
Wesen. Und fhlst du nicht, was du alles httest sein knnen? was deine
Natur und angeborenes Geschick so wohl zugelassen htten, und bist es
dennoch schuldig geblieben? Oder war es die Mannhaftigkeit deiner
Naturanlage, was dich /zwang/, mrrisch zu sein und knickerig und ein
Schmeichler, ein Feind oder Sklave deines eigenen Leibes, ein eitler und
ehrgeiziger Mensch? Wahrlich, nein. Du knntest lngst von diesen
Fehlern frei sein. Ist es aber wahr, da du von Natur etwas schwerfllig
bist und langsam von Begriffen, so gilt es auch darin sich anzustrengen
und zu ben, nicht, diese Schwche unbercksichtigt zu lassen oder gar
sich darin zu gefallen.


6

Es gibt Menschen, die, wenn sie jemand einen Gefallen getan haben, dies
gleich als eine Gunstbezeigung angesehen wissen wollen; ferner solche,
die, wenn sie auch nicht gerade solche Ansprche erheben, doch sehr
genau wissen wollen, was sie getan haben, und den, dem sie wohlgetan,
bei sich selbst wenigstens als ihren Schuldner betrachten; endlich
solche, die gewissermaen nicht wissen, was sie taten--dem Weinstock
gleich, der seine Trauben trgt und nichts weiter will, nachdem er die
ihm eigentmliche Frucht einmal hervorgebracht hat. Das Pferd, das
seinen Weg gelaufen ist, der Hund, der das Wild erjagt, und die Biene,
die ihren Honig bereitet hat, erhebt kein Geschrei, ruft niemand zu:
seht, das hab ich getan, sondern geht gleich zu etwas anderem ber, wie
der Baum wieder neue Frchte ansetzt zu seiner Zeit. Und so solls auch
beim Menschen sein, wenn er ein gutes Werk vollbracht hat.--Also
wirklich, zu denen soll man gehren, die, was sie tun, gleichsam auf
unbegreifliche Weise tun? Ja; aber da wir zu ihnen gehren, soll man
begreifen! Du sagst: ein Wesen, das zur Gemeinschaft geboren ist, msse
doch wissen, wenn es seiner Bestimmung gem, d.i. wenn es fr andere
handelt, und wahrlich doch auch wollen, da dies der andere merke. Wohl
wahr, aber du machst davon nicht die richtige Anwendung, und darum bist
du nun einmal einer von denen, die ich eben beschrieben habe, denn auch
bei jenen ist es der Schein von Wahrheit, der sie irre leitet.
Jedenfalls aber wrdest du mich miverstehen, wenn du aus irgendeinem
Grunde es unterlassen wolltest, etwas zum Wohle anderer zu tun.


7

Die Athener beteten: "Regne, regne, lieber Zeus, auf die cker und
Wiesen der Athener!" Und man bete entweder gar nicht oder nur in dieser
Weise, einfltig und ohne Kunst.


8

Gerade, wie man sagt, da der Arzt dem einen das Reiten, dem andern
kalte Bder, dem dritten barfu zu gehen /verordnete/, ebenso mu man
auch sagen, da die Natur bald Krankheit, bald Verletzung, bald
schmerzliche Verluste zu /verordnen/ pflegt. Dort wendet man den
Ausdruck an, um zu bezeichnen, da er den Menschen jene Mittel als der
Gesundheit entsprechend gegeben habe, und hier gilt es ja auch, da
alles das, was einem widerfhrt, ihm als dem allgemeinen Schicksal
entsprechend gegeben wird. Ebenso brauchen wir von unsern Schicksalen
den Ausdruck "sich fgen", wie ihn die Baumeister brauchen von den
Quadern, die bei Mauer- oder Pyramidenbauten sich schnstens
zusammenordnen. Denn durch alles geht eine groe Harmonie. Und wie im
Reiche der Natur die Natur eines Einzelwesens nicht begriffen werden
kann auer im Zusammenhange aller andern Einzelwesen, so auch auf dem
Gebiete des Geschehens kein einzelner Umstand und Grund abgesehen von
allen brigen: was denn auch der Sinn jener vulgren Ausdrucksweise ist,
wenn man sagt: es "/trug sich zu/", oder, es war ihm "/beschieden/".
Lasset uns also dergleichen hinnehmen, gleichwie jene nahmen, was
skulap ihnen verordnet; denn auch davon war manches bitter und wurde
s nur durch die Hoffnung auf Genesung. Dieselbe Bedeutung aber, welche
fr dich deine Gesundheit hat, mu auch die Erfllung und Vollendung
dessen fr dich haben, was im Sinne des Universums liegt, und du mut
alles, was geschieht, und wre es auch noch so wenig freundlich,
willkommen heien, weil sein Ziel ja nichts anderes ist als die
Gesundheit der Welt, das Glck und Wohlbefinden des hchsten Gottes.
Htte es sich doch gar nicht zugetragen, wenn es nicht fr das Ganze
zutrglich gewesen wre; htte es doch kein Zufall so gefgt, fgte es
sich nicht harmonisch in die Verwaltung aller Dinge. Also zwei Grnde
sind, weshalb dir dein Schicksal gefallen mu. Der eine: weil es /dein/
Schicksal ist, weil es dir verordnet ward mit Rcksicht auf dich--von
oben her in urschlicher Verkettung mit dem ersten Grunde. Der andere:
weil es der Grund des vollkommenen Glckes, ja frwahr auch des
Bestehens dessen ist, der alles regiert. Denn es ist eine Verletzung des
Ganzen in seiner Vollstndigkeit, wenn du den geringsten seiner
Bestandteile--und seine Bestandteile sind immer auch zugleich
Ursachen--aus seiner Verbindung und seinem Zusammenhange reiest.
Und--soweit das in deiner Hand steht, reiest du wirklich los und
trennst das Zusammengehrige, sobald du murrst ber dein Schicksal.


9

Du darfst nicht unwillig werden, den Mut nicht sinken lassen oder gar
verzweifeln, wenn es dir nicht vollstndig gelingt, immer nach richtigen
Grundstzen zu handeln. Bist du von deiner Hhe heruntergefallen, erhebe
dich wieder, sei zufrieden, wenn nur wenigstens das meiste an dir nach
echter Menschenart ist, und la dich beglcken von dem, was dir von
neuem gelang. Meine nicht, da die Philosophie ein Zuchtmeister sei.
Greife zu ihr nur so wie die Augenkranken zum Schwamm oder zum Ei, wie
andere zum Pflaster oder zum Gu. Denn nichts wird dich zwingen, der
Vernunft zu gehorchen. Man mu sich ihr viel mehr vertrauensvoll
hingeben. Du weit die Philosophie will nichts anderes, als was deine
Natur auch will. Du aber hast etwas anderes gewollt, etwas ihr
Widerstreitendes, weil es dir angenehmer schien. Die Lust macht uns
solche Vorspiegelungen. Aber besinne dich, ob Hochherzigkeit, Freiheit
des Geistes, Einfalt, Gleichmut, Sittenreinheit nicht doch das
Angenehmere sind. Oder was ist angenehmer als Weisheit, wenn man
darunter das nie Anstoende, glatt Hinflieende der geistigen Kraft
versteht?


10

Das Wesen und die Bedeutung der Verhltnisse dieses Lebens sind im
allgemeinen in ein solches Dunkel gehllt, da sie nicht wenig
Philosophen und nicht blo den gewhnlichen als vllig unbegreiflich
erscheinen Auch die Stoiker bekennen, da sie sie kaum verstehen. Dann
sind auch unsere Ansichten so hchst vernderlich. Es gibt ja keinen
Menschen, der sich in seinen Ansichten gleich bliebe. Ferner was nun die
"Gter" dieses Lebens anlangt, wie vergnglich und nichtig sind sie!
Knnen sie doch das Eigentum jedes Nichtswrdigen werden! Aber nicht
minder elend steht es mit dem Geist der Zeit. Selbst die beste seiner
uerungen, welche Mhe hat man sie zu ertragen, ja es kostet nicht
wenig, sich selber zu ertragen. Bei solcher Taubheit und Verkommenheit
der Zustnde, bei diesem ewigen Wechsel des Wesens und der Form, bei
dieser Unberechenbarkeit der Richtung, die die Dinge nehmen--was da der
Liebe und des Strebens noch wert sein soll, vermag ich nicht zu sehen.
Im Gegenteil, es ist der einzige Trost, da man der allgemeinen
Auflsung entgegengeht.--Drum trage geduldig die Zeit, die noch
dazwischen liegt, und beherzige nur das, da nichts dir widerfahren
kann, was nicht in der Natur des Ganzen begrndet liegt, und dann: da
du die Freiheit hast, alles zu unterlassen, was wider die Stimme deines
Genius ist. Denn die zu berhren kann dich niemand zwingen.


11

Wozu gebrauchst du jetzt deine Seele? So mu man sich bei jeder
Gelegenheit fragen. Oder, was geht jetzt vor in dem Teile deines Wesens,
den man den vornehmsten nennt? Oder was fr eine Seele hast du jetzt,
die eines Kindes oder eines Jnglings, eines Weibes, eines Tyrannen,
eines zahmen oder eines wilden Tieres?


12

Wie es im Grunde damit steht, was bei der Menge als das Gute gilt, kann
man auch daraus erkennen, da jenes Wort eines alten Komikers: "denn fr
den Edlen ziemt sich solches nicht" auf alle diese Scheingter, wie
Reichtum Luxus, Ehre, anwendbar ist (wiewohl die Leute das allerdings
nicht gelten lassen wollen), whrend es auf wahre Gter, wie Klugheit,
Migkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, angewendet vollkommen widersinnig
wre.


13

Woraus wir bestehen, ist Form und Inhalt. Keins von beiden aber wird ins
Nichts verschwinden, so wenig wie es aus dem Nichts hervorgegangen ist.
Sondern jeder Teil unseres Wesens wird durch Verwandlung bergefhrt in
irgendeinen Teil des Weltganzen dieser geht dann wieder in einen andern
ber und so ins Unendliche. Durch diesen Verwandlungsproze erhalte ich
mein Dasein, durch ihn erhielten es auch die, die mich erzeugten, und so
wieder rckwrts ins Unendliche. Denn "ins Unendliche" darf man wirklich
sagen, wenn auch der Weltlauf seine fest begrenzten Zeitrume hat.


14

Die Vernunft und die Lebenskunst sind Krfte, die sich selbst gengen
und die keinen andern Richter ber ihre uerungen haben als sich
selbst. Sie haben ihr Prinzip und ihre Ziele in sich, und richtig heien
ihre Handlungen, weil durch sie der rechte Weg offenbar wird.


15

Nichts ist Sache des Menschen, was ihn als Menschen nichts angeht, was
von der menschlichen Natur weder gefordert noch verheien wird, und was
zu ihrer Vollendung nichts beitrgt--was also auch kein Ziel
menschlichen Strebens sein oder ein Gut d.i. ein Mittel zu diesem Ziele
zu gelangen genannt werden kann. Wre dies nicht, so htten wir unrecht,
es als eine Pflicht des Menschen anzusehen, dergleichen Dinge zu
verachten und sich ihnen zu widersetzen, und drften den nicht loben,
der ihrer nicht bedarf. Auch knnte, wenn dies Gter wren, der nicht
gut sein, der freiwillig dem Genusse solcher Dinge entsagt. Nun aber
sind wir in der Tat um so viel besser, je mehr wir solcher Dinge uns
enthalten, und je leichter wir ihren Mangel ertragen.


16

Wie die Gedanken sind, die du am hufigsten denkst, ganz so ist auch
deine Gesinnung. Denn von den Gedanken wird die Seele gesttigt. Sttige
sie also mit solchen wie die: da man, wo man auch leben mu, glcklich
sein knne; da alles um irgendeiner Sache willen gemacht sei, und wozu
es gemacht sei, dahin werde es auch getragen, und wohin es getragen
werde, da liege auch der Zweck seines Daseins, wo aber dieser, da sei
auch das ihm Zutrgliche und Heilsame. Das den vernnftigen Wesen
Heilsame aber ist die Gemeinschaft. Denn zur Gemeinschaft sind wir
geboren. Oder liegt es nicht auf der Hand, da das Geringere um des
Besseren willen, die besseren Dinge aber freinander da sind? Besser
aber als das Unbeseelte ist das Beseelte, und besser als dieses das
Vernnftige.


17

Nach dem Unmglichen streben ist wahnsinnig; unmglich aber ist es, da
der gemeine Mensch anders als gemein handelt.


18

Nichts geschieht uns, was zu ertragen uns nicht natrlich wre. Bei
manchen Schicksalen sind wir freilich nur aus Stumpfsinn oder aus
Prahlerei standhaft und unverwundbar. Und das ist eben das Traurige, da
Gefhllosigkeit und Gefallsucht strker sein sollen, als Einsicht!


19

Die Umstnde sind es nun einmal durchaus nicht, wodurch die Seele
berhrt wird; sie haben keinen Zugang zu ihr und knnen sie weder
umstimmen, noch irgend bewegen. Die Seele stimmt und bewegt sich einzig
selber, und je nach dem Urteil und der Auffassung zu der sies bringen
kann, gestaltet sie die Dinge, die vor ihr liegen.


20

Das Gesetz, das uns vorschreibt, den Menschen wohl zu tun und sie zu
ertragen, macht sie uns zu den befreundetsten Wesen. Insofern sie uns
aber hinderlich werden knnen, das uns Gebhrende zu tun, ist mir der
Mensch etwas ebenso Gleichgltiges wie die Sonne, der Wind, das Tier.
Nur da sich ihrem verderblichen Einflusse ja eben entgegentreten lt.
Man entziehe sich ihnen oder suche sie umzuwandeln, so geschieht unserm
Streben und unserer Neigung kein Eintrag. Auf diese Weise verwandelt und
bildet die Seele ein Hindernis unseres Willens um in sein Gegenteil: was
unser Werk aufhalten sollte, gestaltet sich selbst zum guten Werke, und
ein Weg erffnet sich eben da, wo uns der Weg versperrt ward.


21

Dem, was das Beste in der Welt ist, dem Wesen nmlich, das alles hat und
alles verwaltet, gebhrt unsere Ehrfurcht. Nicht minder aber auch dem,
was das Beste in uns ist. Es ist jenem verwandt, da ja auch in uns etwas
ist, was alles andere hat und wovon dein ganzes Leben regiert wird.


22

Was dem Staate nicht schadet, schadet auch dem Brger nicht. Diese Regel
halte fest, sooft du dir einbildest, da dir ein Schaden geschieht.
Ists keiner fr die Gemeinschaft, der du angehrst, dann auch keiner
fr dich. Und wenns fr jene keiner ist--kannst du dem Menschen zrnen,
der nichts getan hat, was dem Ganzen schadet?


23

Denke recht oft daran, wie alles, was ist und was geschieht, so schnell
wieder hinweggefhrt wird und entschlpft. Die ganze Materie ist ein
ewig bewegter Strom, alles Gewirkte und alles Wirkende ein tausendfacher
Wechsel, eine Kette ewiger Verwandlungen. Nichts steht fest. Vorwrts
und rckwrts eine Unendlichkeit in der alles verschwindet. Wie tricht
also jeder, der mit irgend etwas gro tut, oder von irgendeiner Sache
sich hin- und herreien lt oder darber jammert, als ob der Kummer
nicht nur kurze Zeit whrte.


24

Denke, welch ein winziges Stck des ganzen Weltwesens du bist, wie klein
und verschwindend der Punkt in der ganzen Ewigkeit, auf den du gestellt
bist, und dein Schicksal--welch ein Bruchteil des gesamten!


25

Hat mich jemand beleidigt--mag er selbst zusehen. Es ist seine Neigung,
seine Art zu handeln, der er folgte. Ich habe die meinige, so wie die
Natur des Alls sie mir gegeben, und ich handle so, wie meine Natur will,
da ich handeln soll.


26

Der die Herrschaft fhrende Teil deines Wesens bleibe stets ungerhrt
von den leisen oder heftigen Regungen in deinem Fleisch. Er mische sich
nicht hinein, beschrnke sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Reize in
den Gliedern. Steigen sie aber auf einem anderen Wege der
Mitleidenschaft zur Seele auf, die ja doch immer mit dem Leibe in
Verbindung bleibt, dann ist die Empfindung eine naturgeme, und man
darf ihr nicht entgegen sein, nur da die Vernunft nicht komme und ihr
Urteil hinzufge, ob hier etwas gut oder bse sei.


27

Lebe mit den Gttern! D.h. zeige ihnen, da deine Seele zufrieden sei
mit dem, was sie dir beschieden, da sie tue, was der Genius will, den
uns der hchste Gott als ein Stck seiner selbst zum Leiter und Fhrer
gegeben hat. Dieser Genius aber ist der Geist, die Vernunft eines jeden.


28

Kannst du jemand zrnen, der ein krperliches Gebrechen hat? Er kann
nichts dafr, wenn seine Nhe dir widerwrtig ist. Ebenso betrachte nun
auch die sittlichen Mngel. Allein der Mensch, sagst du, hat seine
Vernunft, und kann erkennen, was ihm fehlt. Sehr richtig. Folglich hast
du deine Vernunft auch und kannst durch dein vernnftiges Verhalten
deinen Nchsten zur Vernunft bringen, kannst dich ihm offenbaren, ihn
erinnern, und so, wenn er dich hrt, ihn heilen, ohne da du ntig
httest zu zrnen oder zu seufzen oder hoffrtig zu sein.


29

Wie du beim Abschied vom Leben ber das Leben denken wirst, so darfst du
schon jetzt darber denken und danach leben. Hindert man dich, dann
scheide freiwillig, doch so, als erfhrst du dabei nichts bles. "Ein
Rauch ist alles? lat mich gehen!" Warum scheint dir das so schwer?
Solange mich jedoch nichts dergleichen wirklich zwingt, die Welt zu
verlassen, will ich auch frei bleiben und mich von niemand hindern
lassen zu tun, was ich will. Denn was ich will, ist entsprechend der
Natur eines vernnftigen, fr das Leben in der Gemeinschaft bestimmten
Wesens.


30

Der Geist des Alls ist gesellig. Er hat die Wesen niederer Gattung um
der hheren willen erzeugt und die der hheren zueinander gefgt. Man
kann es deutlich sehen, wie all sein Tun im Unterordnen und im Beiordnen
besteht, wie er einem jeglichen die Stellung gab, die seinem Wesen
entspricht, und die Wesen der hchsten Ordnung durch gleichen Sinn
einander einte.


31

Prfe dich, wie du bis dahin dich verhalten hast gegen Gtter, Eltern,
Brder, Weib, Kinder, Lehrer, Erzieher, Freunde, Genossen und Diener; ob
du bis dahin keinem unter ihnen auf ungebhrliche Weise begegnet bist
mit Wort und Werk. Erinnere dich, was du schon durchgemacht, und was du
imstande gewesen bist zu tragen. Wie leicht ists mglich, da die
Geschichte deines Lebens bereits vollendet, dein Dienst vollbracht ist;
und wie viel Schnes hast du schon gesehen, wie oft ists dir vergnnt
gewesen, Freud und Leid gering zu achten, deinen Ehrgeiz zu unterdrcken
und gegen Unverstndige verstndig zu sein!


32

Warum betrben rohe unerfahrene Gemter die gebildeten und erfahrenen?
Aber welche Seele nennst du gebildet und erfahren? Die, welche den
Ursprung und das Ziel der Dinge und die Vernunft kennt, die das ganze
Universum durchdringt und durch die ganze Ewigkeit in bestimmten
Perioden alles verwaltet.


33

Wie lange noch, und du bist Staub und Asche! Und nur der Name lebt noch,
ja nicht einmal der Name; denn was ist er?--Ein bloer Schall und
Nachklang. Und was im Leben am meisten geschtzt wird, ist nichtig,
faul, von grerer Bedeutung nicht, als wenn sich ein paar Hunde
herumbeien oder ein paar Kinder sich zanken, jetzt lachend und dann
wieder weinend. Glaube aber und Ehrfurcht, Gerechtigkeit und Wahrheit--

--"zum Olymp, der weitstraigen Erde entflohen!" Was also hlt dich hier
noch fest? Alles sinnlich Wahrnehmbare ist unbestndig und fort und fort
der Verwandlung unterworfen, die Sinne selbst sind trb und leicht zu
tuschen und was man Seele nennt, ein Aufdampfen des Bluts. Ein
Berhmtsein in solcher Welt, wie eitel! So bleibt nur brig, geduldig zu
warten bis wir verlschen und unsere Stelle wechseln, und bis das
geschieht, die Gtter zu ehren und zu preisen, den Menschen wohl zu tun,
sie zu ertragen oder sich ihnen zu entziehen. Was aber auerhalb der
Grenzen deines Krper- und Seelenwesens liegt, kann weder dein werden,
noch dich irgend angehen.


34

Stets kann es dir gut gehen, wenn du richtig wandelst, rechtschaffen
denkst und tust. Denn von jedem denkenden Wesen, sei es Gott oder
Mensch, gilt dieses Zwiefache: einmal, da es in seinem Laufe von einem
andern nicht aufgehalten werden kann, und zweitens, da sein grtes Gut
in der gerechten Sinnes- und Handlungsweise besteht, und sein Streben
darber nicht hinausgeht.


35

Wenn dies oder jenes, das sich ereignet, nicht meine Schlechtigkeit noch
die Folge meiner Schlechtigkeit ist, noch ein Schaden, der das Ganze
trifft, was kann es mir verschlagen? Nur mu man darber im klaren sein,
in welchem Falle das Ganze betroffen wird.


36

Nie darfst du dich mit deinen Gedanken von den andern losmachen, sondern
mut ihnen helfen nach besten Krften und in dem rechten Mae. Sind sie
freilich nur in unwesentlichen Dingen heruntergekommen, so drfen sie
das nicht fr einen wirklichen Schaden halten. Es ist nur eine schlimme
Gewohnheit. Du fr deine Person mache es also immer wie jener Greis, der
beim Weggehen von einem spielenden Kinde sich dessen Kreisel geben lie,
obwohl er recht gut wute, da es nur ein Spielzeug war. Oder wolltest
du, stndest du vor dem Richterstuhl und hrtest die Frage, ob du nicht
wtest, was es mit diesen Dingen auf sich habe, antworten: "Ja, aber
sie schienen doch dem und jenem so wnschenswert?" und dann den
wohlverdienten Spruch empfangen: "Also, darum mutest auch du ein Narr
sein!"--So sei denn endlich einmal, und gerade wenn du recht verlassen
bist, ein glcklicher Mensch, d.i. ein Mensch, der sich das Glck selbst
zu bereiten wei, d.i. die guten Regungen der Seele, die guten Vorstze
und die guten Handlungen.




Sechstes Buch


1

Der Stoff der Welt ist bildsam und gefgig, aber etwas Bses kann der
ihn beherrschende Geist damit aus sich selbst heraus nicht vornehmen,
weil Schlechtes in ihm gar keine Statt hat. Durch ihn kann nichts zu
Schaden kommen, und es ist nichts, was sich nicht ihm gem gestaltete
und vollendete.


2

Darauf darf dir nichts ankommen, ob du vor Klte klappernd oder im
Schwei gebadet deine Pflicht tust; ob du dabei einschlfst oder des
Schlafes berdrssig wirst; ob du dadurch in schlechten oder in guten
Ruf kommst; ob du darunter das Leben einbest oder sonst etwas leiden
mut. Denn auch das Sterben ist ja nur eine von den Aufgaben des Lebens.
Genug, wenn du sie glcklich lsest, sobald sie dir vorliegt.


3

Sieh auf den Grund jeder Sache! Ihre Eigenschaften drfen deinem Blick
ebensowenig wie ihr Wert entgehen.


4

In der Sinnenwelt verwandelt sich alles sehr schnell und lst sich
entweder auf, wenn die Krperwelt ein Ganzes bleibt, oder zerstreut sich
in Atome.


5

Die alles beherrschende Vernunft wei wohl, in welcher Stellung sie sich
befindet und auf welche Art von Stoff sie wirkt.


6

Die beste Art, sich an jemand zu rchen, ist, es ihm nicht gleich zu
tun.


7

Darin allein suche deine Freude und Erholung, mit dem Gedanken an Gott
von einer Liebestat zur andern zu schreiten!


8

Das nenne ich die Seele oder das die Herrschaftfhrende im Menschen, was
ihn weckt und lenkt, was ihn zu dem macht, was er ist und sein will, und
was bewirkt, da alles, was ihm widerfhrt, ihm so erscheine, wie ers
haben will.


9

Jegliches Ding vollendet sich gem der Natur des Ganzen, nicht in
Gemheit eines andern Wesens, das etwa die Dinge von auen umgebe oder
eingeschlossen wre in ihrem Innern oder gar vllig getrennt von ihnen.


10

Entweder es ist alles ein Gebru des Zufalls, Verflechtung und
Zerstreuung, oder es gibt eine Einheit, eine Ordnung, eine Vorsehung.
Nehm ich das erstere an, wie kann ich wnschen in diesem planlosen
Gemisch, in dieser allgemeinen Verwirrung zu bleiben? Was knnte mir
dann lieber sein, als so bald wie mglich Erde zu werden? Denn die
Auflsung wartete meiner, was ich auch anfinge. Ist aber das andere, so
bin ich mit Ehrfurcht erfllt und heiteren Sinnes und vertraue dem
Herrscher des Alls.


11

Wenn in deiner Umgebung etwas geschieht, was dich aufbringen und empren
will, so ziehe dich rasch in dich selbst zurck, und gib den Eindrcken,
die deine Haltung aufs Spiel setzen, dich nicht ber Gebhr hin. Je
fter wir die harmonische Stimmung der Seele wiederzugewinnen wissen,
desto fhiger werden wir, sie immer zu behaupten.


12

Wenn du eine Stiefmutter und eine rechte Mutter zugleich httest, so
wrdest du zwar jene ehren, deine Zuflucht aber doch stets bei dieser
suchen. Ebenso ist es bei mir mit dem Hofleben und der Philosophie. Hier
der Ort, wo ich einkehre, hier meine Ruhesttte. Auch ist es die
Philosophie, die mir jenes ertrglich macht und die mich selbst
ertrglich macht an meinem Hofe.


13

Es ist gar nicht so unrecht, wenn man sich beim Essen und Trinken sagt:
also dies ist der Leichnam eines Fisches, dies der Leichnam eines
Vogels, eines Schweines usw. und beim Falernerwein: dies hier der
ausgedrckte Saft einer Traube, oder beim Anblick eines Purpurkleides:
Was du hier siehst, sind Tierhaare in Schneckenblut getaucht--denn
solche Vorstellungen geben uns ein Bild der Sache, wie sie wirklich ist,
und dringen in ihr inneres Wesen ein.--Man mache es nur berhaupt im
Leben so, entkleide alles, was sich uns als des Strebens wrdig
aufdrngt, seiner Umhllung, und sehe von dem ueren Glanze ab, mit dem
es wichtig tut. Der Schein ist ein gefhrlicher Betrger. Gerade wenn du
glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschftigt zu sein, bt er am
meisten seine tuschende Gewalt.


14

Die Menge legt den hchsten Wert auf den Besitz rein sinnlicher Dinge.
Teils sind es Dinge von festem und natrlichem Zusammenhalt, wie Steine
und Holzarten, z.B. Feigenbume, Weinstcke und lbume. Hher hinauf
fngt man an den Nutzen einzusehen, den uns die belebte Natur leistet,
wie Herden von Gro- oder Kleinvieh, und noch eine Stufe hher die
Brauchbarkeit der in unserm Dienst stehenden Einzelvernunft. Wer aber
nichts Edleres und Hheres kennt, als das allgemeine Vernunftwesen, dem
ist jenes alles geringfgig und unbedeutend. Er hat kein anderes
Interesse, als da seine Vernunft der allgemeinen Menschenvernunft
entspreche und so sich jederzeit bewege, und da er andere
seinesgleichen ebendahin bringe.


15

Hier ist etwas, das im Werden begriffen ist, dort etwas, das geworden
sein mchte; und doch ist jedes Werdende zum Teil auch schon vergangen.
Dieses Flieen und Wechseln erneuert die Welt fort und fort, wie der
ununterbrochene Schritt der Zeit die Ewigkeit erneuert. Wolltest du nun
auf etwas, das diesem Strome angehrt der nimmer still steht, einen
besonderen Wert legen, so wrdest du einem Menschen gleichen, der eben
anfinge, einen vorberfliegenden Sperling in sein Herz zu schlieen,
gerade wenn er seinen Blicken auch schon entschwunden ist. Ist doch das
Leben selbst nichts anderes als das Verdunsten des Bluts und das
Einatmen der Luft. Und sowie du, was du eingezogen hast, im
nchstfolgenden Augenblick immer wieder hingibst, so wirst du auch
dieses ganze Atmungsvermgen, das du gestern oder vorgestern empfingst,
wieder hingeben.


16

Nicht das ist das Wichtige, da wir ausatmen wie die Pflanzen, einatmen
wie die Tiere, oder da wir die Bilder der Dinge in unserer Vorstellung
haben, da wir durch Triebe in Bewegung gesetzt werden, da wir uns
zusammenscharen, oder da wir uns nhren--denn dieselbe Bedeutung hat
auch das Ausscheiden der berflssigen Nahrung; auch nicht, da wir
beklatscht werden--und die Ehre ist grtenteils nichts anderes. Sondern
da man der uns eigentmlichen Bildung gem sich gehen lasse oder an
sich halte, worauf ja jedes Studium und jede Kunst gerichtet ist. Denn
jede Arbeit will nichts anderes als die Dinge ihrem Zweck gem
gestalten, wie man am Weingrtner, am Pferdebndiger, am Lehrer und
Pdagogen sehen kann. In dieser gestaltenden Ttigkeit liegt der ganze
Wert unseres Daseins. Steht es damit gut bei dir, so brauchst du dir um
andere Dinge keine Sorge zu machen. Hrst du aber nicht auf, auf eine
Menge anderer Dinge Wert zu legen, so bist du auch noch kein freier,
selbstndiger, leidenschaftsloser Mensch, sondern stets in der Lage,
neidisch und eiferschtig und hinterlistig zu sein gegen die, die
besitzen, was du so hochstellst, und argwhnisch, da es dir einer
nehmen mchte, und in Verzweiflung, wenn es dir fehlt, und voll Tadel
gegen die Gtter. Ist es aber die Gesinnung allein, die deinen Wert und
deine Wrde in deinen Augen ausmacht, so wirst du dich selber achten,
deinen Nebenmenschen gefallen und die Gtter loben und preisen knnen.


17

Aufwrts und niederwrts--ein Kreislauf ist die Bewegung der Urstoffe.
Auch die Tugend geht ihren Gang, doch er ist ganz anderer Art, mehr so
wie der Lauf, den das Gttliche nimmt. Mag er auch schwer zu begreifen
sein: das sieht man, da sie vorwrts schreitet.


18

Was tut man? Die Zeitgenossen mag man nicht rhmen, aber von den
Nachkommen, die man nicht kennt noch jemals kennen wird, will man
gerhmt werden. Ist das nicht gerade so, wie wenns dich schmerzte, da
deine Vorfahren nichts von dir zu rhmen hatten?


19

Denke nicht, wenn dir etwas schwer fllt, es sei nicht menschen-mglich.
Und was nur irgendeinem Menschen mglich und geziemend ist, davon sei
berzeugt da es auch fr dich erreichbar sein wird.


20

Wenn uns in der Fechtschule jemand geritzt oder beim Ringen einen Schlag
versetzt hat, so tragen wir ihm das gewi nicht nach, fhlen uns auch
nicht beleidigt und denken nichts bles von dem Menschen; wir nehmen uns
wohl vor ihm in acht, aber nicht als vor einem Feinde, der uns
verdchtig sein mte, sondern nur so, da wir ihm ruhig aus dem Wege
gehen. Machten wir es doch im Leben auch so! Lieen wir doch da auch so
manches unbeachtet, was uns von denen widerfhrt, mit denen wir ringen.
Es steht uns ja immer frei, den Leuten, wie ichs genannt habe, aus dem
Wege zu gehen, ohne Argwohn und ohne Groll.


21

Wenn mich jemand berzeugen und mir beweisen kann, da meine Ansicht
oder meine Handlungsweise nicht die richtige sei, so will ich sie mit
Freuden ndern. Denn ich suche die Wahrheit, sie, die niemand Schaden
zufgt. Wohl aber nimmt Derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und
seiner Unwissenheit beharrt.


22

Ich suche das meinige zu tun: alles brige, alles was leblos oder
vernunftlos oder seines Weges unkundig und verirrt ist, geht mich nichts
an und kann mich nicht irremachen.


23

Die unvernnftigen Tiere und alle vernunftlosen Dinge, die dir, dem
Vernunftbegabten zu Gebote stehen, magst du mit edlem, freiem Sinn
gebrauchen. Die Menschen aber, die ebenso vernunftbegabten, brauche so,
da du auf die Verbindung Rcksicht nimmst, in der du von Natur mit
ihnen stehst. Und bei allem, was du tust, rufe die Gtter an, ohne dir
Sorge zu machen um das "Wie lang?", denn selbst drei Stunden Lebensfrist
gengten!


24

Alexander der Groe und sein Maultiertreiber sind beide an denselben Ort
gegangen. Entweder wurden sie beide in dieselben Krfte der zu immer
neuen Schpfungen bereiten Welt aufgenommen, oder sie lsten sich beide
auf gleiche Weise in ihre Atome auf.


25

Bedenke, wie vielerlei in einem jeden unter uns in einem und demselben
Augenblick zugleich vorgeht, seis Leibliches, seis Geistiges. So
kannst du dich nicht wundern, wenn so viel mehr, wenn alles, was
geschieht in dem einen und allen, das wir Welt nennen, zugleich
vorhanden ist.


26

Wenn jemand dich fragte, wie der Name Antonin geschrieben wird, wrdest
du da nicht jeden Buchstaben deutlich und mit gehaltener Stimme angeben?
Warum machst dus nicht auch so, wenn jemand mit dir zankt? Warum zankst
du wieder und bringst deine Worte nicht ruhig und gemessen vor? Auf die
Gemessenheit kommts an bei jeder Pflichterfllung. Bewahre sie dir, la
dich nicht aufbringen, leide den, der dich nicht leiden kann, und gehe
ruhig deines Weges.


27

Welch ein Mangel an Bildung, wenn du den Menschen verbieten willst, nach
dem zu streben, was ihnen gut und ntzlich scheint! Und doch tust dus
gewissermaen immer, wenn du darber Klage fhrst, da sie unrecht
handeln. Denn auch dabei sind sie doch stets um das bemht, was ihnen
gut und ntzlich ist. Du sagst, es sei nicht so, es sei nicht das
wahrhaft Ntzliche. Darum belehre sie und zeige es ihnen, ohne darber
zu klagen.


28

Der Tod ist das Ausruhen von den Widersprchen der sinnlichen
Wahrnehmungen, von den Regungen unserer Leidenschaften, von den
Entwicklungen unseres Geistes und von dem Dienst des Fleisches.


29

Schndlich ist es, wenn die Seele in deinem Leben eher den Dienst
versagt, als der Leib ermdet ist.


30

Nimm dich in acht ein Tyrann zu werden, es liegt etwas Ansteckendes in
dieser Hofluft. Bewahre deine Einfalt, Tugend, Reinheit, Wrde, deine
Natrlichkeit, Gottesfurcht, deine Gerechtigkeitsliebe, deine Liebe und
Gte und deinen Eifer in Erfllung der Pflicht. Ringe danach, da du
bleibst, wie dich die Philosophie haben will. Ehre die Gtter und sorge
fr das Heil der Menschen! Das Leben ist kurz. Da es dir eine Frucht
nicht schuldig bleibe: die heilige Gesinnung, aus der die Werke fr das
Wohl der andern flieen! Drum sei in allen Stcken ein Schler deines
Vorgngers Antonin! so beharrlich und fest wie er im Gehorsam gegen die
Gebote der Vernunft, so gleichmtig in allen Dingen, so ehrwrdig und
heiter und warm, auch im ueren, so freundlich, so fern von jeder
Ruhmbegier und doch so eifrig, alles zu begreifen und in sich zu
verarbeiten! Unterlie er doch nichts, wovon er sich nicht zuvor
grndlich berzeugt htte, da es untunlich sei; ertrug er doch geduldig
alle, die in ungerechter Weise tadelten, ohne sie wieder zu tadeln.
Nichts betrieb er auf eilfertige Manier, und niemals fanden
Verleumdungen bei ihm Gehr. Wie selbstndig war sein Urteil ber die
Sitten und Handlungen seiner Umgebung! Darum war er auch gnzlich fern
von Schmhsucht oder von ngstlichkeit, von Mitrauen oder von der
Sucht, andere zu meistern. Wie wenig Bedrfnisse er hatte, konnte man
sehen an seiner Art zu wohnen, zu schlafen, sich zu kleiden, zu speisen
und sich bedienen zu lassen. Und wie geduldig war er und langmtig!
Seine freundschaftlichen Verbindungen hielt er fest; er konnte die gut
leiden, die seinen Ansichten offen widersprachen, und sich freuen ber
jeden, der ihm das Bessere zeigte. Dabei hat er die Gtter geehrt, ohne
in Aberglauben zu verfallen. Und so nimm ihn dir zum steten Vorbild,
damit du so wie er dem Tode mit gutem Gewissen entgegengehen kannst.


31

Besinne dich, komm wieder zu dir. Wie du beim Aufwachen gesehen, da es
Trume waren, was dich beunruhigt hat: siehe auch das, was dir im Wachen
begegnet, nicht anders an!


32

Fr den Leib des Menschen ist alles gleichgltig, d.h. eine
unterschiedslose Masse, denn er hat die Fhigkeit nicht zu
unterscheiden. Aber auch fr die Seele ist alles gleich, was nicht ihre
eigene Ttigkeit betrifft. Alles aber, was eine Wirkung der Seele ist,
hngt auch lediglich von ihr ab, vorausgesetzt, da sie sich auf etwas
Gegenwrtiges bezieht. Denn was sie zu tun haben wird oder getan hat,
ist auch kein Gegenstand fr sie.


33

Keine Arbeit fr meine Hnde oder meine Fe ist widernatrlich, solange
sie nur in den Bereich dessen fllt, was Hnde und Fe zu tun haben.
Ebenso gibt es fr den Menschen als solchen keine Anstrengung, die man
unnatrlich nennen knnte, sobald der Mensch dabei tut, was menschlich
ist. Ist sie aber nichts Unnatrliches, dann ist sie gewi auch nichts
bles.


34

Was sinds fr Freuden, die der Ehebrecher, Ruber, Mrder, der Tyrann
empfindet?


35

Siehst du nicht, wie der gewhnliche Knstler sich zwar nach dem
Geschmack des Publikums zu richten wei, aber doch an den Vorschriften
seiner Kunst festhlt und ihren Regeln zu gengen strebt? Und ist es
nicht schlimm, wenn Leute wie der Architekt, der Arzt das Gesetz ihrer
Kunst besser im Auge behalten, als der Mensch das Gesetz seines Lebens,
das er gemein hat mit den Gttern?!


36

Was ist Asien und Europa? ein paar kleine Stckchen der Welt. Was ist
das ganze Meer? ein Tropfen der Welt. Und der Athos? eine Weltscholle.
Alles ist klein, vernderlich, verschwindend. Aber alles kommt und geht
hervor oder folgt aus jenem allwaltenden Geiste. Und das Schdliche und
Giftige ist nur ein Anhngsel des Wohlttigen und Schnen. Denke nicht,
da es mit dem, was du verehrst, nichts zu schaffen habe; sondern siehe
bei allem nur immer auf die Quelle!


37

Wer sieht, was heute geschieht, hat alles gesehen, was von Ewigkeit war
und in Ewigkeit sein wird. Denn es ist alles von derselben Art und
Gestalt.


38

Alle Dinge stehen untereinander in Verbindung und sind insofern einander
befreundet. Eines folgt dem andern und bildet mit ihm eine Reihe, durch
die Gemeinschaft des Ortes oder des Wesens vermittelt.


39

Schmiege dich in die Verhltnisse, die dir gesetzt sind, und liebe die
Menschen, mit denen du verbunden bist, liebe sie wahrhaft!


40

Jedes Werkzeug und Gef ist gut, wenn es imstand ist zu leisten, wozu
es gemacht wurde, wenn auch der, der es verfertigte, lngst fort ist. In
der Natur aber tragen alle Dinge die sie bildende Kraft in sich und
behalten sie, solange sie selber sind. Und um so ehrwrdiger erscheint
diese Kraft, je mehr du ihrem Bildungstriebe folgst, d.h. je mehr sich
alles in dir nach dem Geiste richtet. Denn im Universum richtet sich
auch alles nach dem Geiste.


41

Solange du etwas, was keine Sache des Vorsatzes und des freien Willens
ist, fr gut oder bse hltst, so lange kannst du auch nicht umhin, wenn
dich ein Unfall betrifft oder das Glck ausbleibt, die Gtter zu tadeln
oder die Menschen zu hassen als die Urheber deines Unglcks,
die--vermutlich wenigstensschuld sind, da du leidest. Und so verfhrt
uns dieser Standpunkt zu mancher Ungerechtigkeit. Wenden wir dagegen die
Begriffe Gut und Bse nur bei den Dingen an, die in unserer Macht
stehen, so fllt jeder Grund weg, Gott anzuklagen und uns feindlich zu
stellen gegen irgendeinen Menschen.


42

Wir alle arbeiten an der Vollendung eines Werkes, die einen mit
Bewutsein und Verstand, die anderen unbewut. Sogar die Schlafenden
nennt, wenn ich nicht irre, Heraklit Arbeiter, Mitarbeiter an dem, was
in der Welt geschieht. Aber jeder auf andere Art. Luxusarbeit ist die
Arbeit des Tadlers, dessen, der den Ereignissen entgegenzutreten wagt
und das Geschehene ungeschehen machen will. Denn auch solche Leute
braucht das Weltganze. Und du mut wissen, zu welchen du gehrst. Er,
der alles Verwaltende wird sich deiner schon auf angemessene Weise
bedienen und dich schon aufnehmen in die Zahl der Mitarbeiter und
Gehilfen. Du aber sorge dafr, da du nicht bist wie jener schlechte
Vers im Gedicht, dessen Chrysipp gedenkt!


43

Will denn die Sonne leisten, was der Regen leistet? Will skulap als
Fruchtspender etwas hervorbringen? Will auch nur einer von den Sternen
ganz dasselbe, was der andere will? Und doch frdern alle dasselbe Werk.


44

Wenn die Gtter berhaupt ber mich und ber das, was geschehen soll,
ratschlagen, dann ist ihr Rat auch ein guter. Denn einmal, einen
ratlosen Gott kann man sich nicht leicht vorstellen. Und dann, aus
welchem Grunde sollten sie mir weh tun wollen? Was knnte dabei fr sie
oder fr das Ganze, dem sie besonders vorstehen, herauskommen? Betreffen
ihre Beratungen aber nicht meine besonderen Angelegenheiten so doch
gewi die allgemeinen der Welt, aus denen dann auch die meinigen sich
ergeben, und die ich willkommen heien und lieben mu. Kmmern sie sich
aber um gar nichts, was wir jedoch nicht glauben drfen--und was wrde
dann aus unsern Opfern, unsern Gebeten, unsern Eidschwren und aus alle
dem, was wir lediglich in der Voraussetzung zu tun pflegen, da die
Gtter da sind und da sie mit uns leben?--aber gesetzt, sie kmmerten
sich nicht um meine Angelegenheiten, so liegt es doch mir selbst ob, mich
darum zu kmmern. Denn dazu habe ich meine Vernunft da ich wei, was
mir dienlich ist.


45

Was berall und jedem geschieht, ist dem Ganzen zutrglich. Schon dies
wre hinreichend. Doch bei genauer Beobachtung wirst du berall auch
das noch finden: Was dem einen widerfhrt, ist auch dem andern
zutrglich. Hier ist nmlich das Wort "zutrglich" allgemein zu
verstehen, auch von den gleichgltigsten Dingen.


46

Was du im Theater und an hnlichen Orten empfindest, wo sich deinem Auge
ein und dasselbe Schauspiel immer wieder darbietet bis zum Ekel, das
hast du im Leben eigentlich fortwhrend zu leiden. Denn alles, was
geschieht, von welcher Seite es auch kommen mag, ist doch immer
dasselbe. Wie lange wirds nur noch dauern?


47

Stelle dir bestndig die Gestorbenen jeden Standes, jeder Berufsart und
jeden Stammes vor, steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem
Phbus und Origanion hinunter! Dann gehe zu den anderen Klassen ber!
Auch wir mssen ja unsere Wohnung dorthin verlegen, wo so viele
gewaltige Redner, so viele ehrwrdige Philosophen, wie Heraklit,
Pythagoras und Sokrates, ferner so viele Helden der Vorzeit, so viele
Heerfhrer und Gewaltherrscher spterer Tage und auer diesen Eudorus,
Hipparch, Archimedes und andere scharfsinnige, hochherzige,
arbeitslustige, gewandte, selbstgefllige Geister, ja selbst jene
spttischen Verchter des hinflligen kurzdauernden Menschenlebens, wie
ein Menippus und so viele andere seiner Art verweilen. Von diesen allen
stelle dir vor, da sie lngst beigesetzt sind. Was liegt nun fr sie
Furchtbares darin? Was denn fr jene, deren Namen berhaupt nicht mehr
genannt werden? Da ist eines nur von hohem Wert, nmlich Wahrheit und
Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben zu ben, auch im Kampf gegen
Lgner und Ungerechte.


48

Willst du dir eine Freude bereiten, so richte deinen Blick auf die
trefflichen Eigenschaften deiner Zeitgenossen und siehe, wie der eine
ein so hohes Ma von Tatkraft, der andere von Bescheidenheit besitzt,
wie freigebig der dritte ist usf. Denn nichts ist so erquicklich als das
Bild von Tugenden, die sich in den Sitten der mit uns Lebenden
offenbaren und reichlich unserm Blick sich darbieten. Darum halte es dir
nun auch bestndig vor Augen!


49

rgerts dich, da du nur so viel Pfund wiegst und nicht mehr? So sei
auch nicht rgerlich darber, da dir nicht lnger zu leben bestimmt
ist. Denn wie jeder zufrieden ist mit seinem Krpergewicht, so sollten
wir alle auch zufrieden sein mit der uns zugemessenen Lebensdauer.


50

Komm, wir wollen versuchen sie zu berreden! Handle aber auch gegen
ihren Willen, wenn es Gerechtigkeit und Vernunft gebieten. Hindern sie
uns mit Gewalt, so benutzen wir dieses Hemmnis zur bung in einer andern
Tugend, im Gleichmut und in der Seelenruhe. Denn alles, was wir
erstreben, erstreben wir ja nur unter gewissen Voraussetzungen. Halten
diese nicht Stich--wer wird das Unmgliche wollen? Nur da unser Streben
ein edles war! Denn ein solches trgt seinen Lohn in sich selbst--wie
alles, was wir tun, wenn wir unserer innersten Natur gehorchen.


51

Der Ehrgeizige setzt sein Glck in die Ttigkeit eines andern, der
Vergngungsschtige in die eigene Leidenschaft, der Vernnftige in seine
Handlungsweise.


52

Du hast es gar nicht ntig, dir ber irgendeine Sache Gedanken zu machen
und deine Seele zu beschweren. Denn eine absolute Notwendigkeit zum
Urteil liegt niemals in den Dingen.


53

Gewhne dich, wenn du jemand sprechen hrst, so genau als mglich
hinzuhren, und dich in seine Seele zu versetzen.


54

Was dem Schwarm nicht zutrglich ist, taugt auch nichts fr die einzelne
Biene.


55

Dem Gelbschtigen schmeckt der Honig bitter; der von einem tollen Hunde
Gebissene scheut das Wasser; das Kind kennt nichts Schneres als seinen
Ball. Wie kannst du zrnen? Verlangst du, da der Irrtum weniger Einflu
haben soll als eine kranke Galle, als ein dem Krper eingefltes Gift?


56

Niemand kann dich hindern, dem Gesetze deiner eigensten Natur zu folgen.
Was du im Widerspruch mit der allgemeinen Menschennatur tust, wird dir
nicht gelingen.--


57

Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die Kranken den Arzt schmhen,
wrden sie dann sonst noch auf jemand achten? Aber wie sollte jener der
Mannschaft eine glckliche Landung oder dieser den Leidenden Genesung
verschaffen?


58

Wie viele von denen, mit denen ich zusammen die Welt betreten habe, sind
schon wieder daraus geschieden!


59

Wer sind die, denen man gefallen mchte, und um welcher Vorteile willen
und durch welcherlei Mittel? Wie schnell wird die Zeit alles
verschlingen und wie vieles hat sie schon verschlungen!




Siebentes Buch


1

Was ist Schlechtigkeit? Nichts anderes, als was du schon oft gesehen
hast. Und so halte bei jedem Zufall den Gedanken bereit: "Es ist nur
etwas, das du schon oft gesehen hast." Dann wirst du erkennen, da
alles, wovon die Geschichte alter, mittlerer und neuer Zeit handelt, und
womit sich der Staat wie die Familie jetzt beschftigt, in jeder
Beziehung das nmliche sei. Nichts Neues, alles gewhnlich und von
kurzer Dauer.


2

Deine Lebensgrundstze werden stets ihre Gltigkeit fr dich behalten,
solange dir die ihnen entsprechenden Grundbegriffe nicht abhanden
gekommen sind. Das aber kannst du verhindern, indem du dieselben immer
wieder zu neuem Leben in dir anfachst und ber das, was notwendig ist,
nicht aufhrst nachzudenken--: wobei dich nichts zu stren vermag, weil
alles, was zu deinem Gedankenleben von auen hinzutritt, als solches
keinen Einflu auf dasselbe hat. Halte dich also nur so, da es dir
uerlich bleibt! Hast du aber deine Lebenshaltung einmal eingebt: Du
kannst sie wieder gewinnen. Sieh die Dinge wieder gerade so an, wie du
sie angesehen hattest! Darin besteht alles Wiederaufleben.


3

Das Leben ist freilich weiter nichts als ein eitles Jagen nach Pomp, als
ein Bhnenspiel, wo Zge von Last- und anderem Vieh erscheinen, oder ein
Lanzenrennen, ein Herumbeien junger Hunde um den hingeworfenen Knochen,
ein Geschnappe der Fische nach dem Bissen, die Mhen und Strapazen der
Ameisen, das Hin- und Herlaufen unruhig gemachter Fliegen, oder ein
Guckkasten, wo ein Bild nach dem andern abschnurrt: aber mitten in
diesem Getreibe festzustehen mit ruhigem und freundlichem Sinn, das eben
ist unsere Aufgabe.


4

Bei einer Rede gilt es achtzuhaben auf die Worte, bei einer Handlung auf
den erstrebten Erfolg. Dort ist die Frage nach der Bedeutung jedes
Ausdrucks, hier handelt sichs um den Zweck, der verfolgt wird.


5

Die Frage ist, ob meine Einsicht ausreicht, was ich mir vorgenommen,
auszufhren oder nicht. Gengt sie, so brauche ich sie als ein
Werkzeug, das die Natur mir an die Hand gegeben. Reicht sie nicht aus,
dann berlasse ich entweder das Werk dem, der besser imstande ist es zu
vollbringen, wofern dies nicht fr mich geradezu unziemlich ist, oder
ich handle so gut ich kann mit Zuziehung dessen, den zur Vollendung
eines gemeinntzigen Werkes eben meine Einsicht als Ergnzung bedarf.
Denn alles, was ich tue, mag ich es nun durch meine eigene Kraft oder
mit Hilfe eines andern zustande bringen--dem Wohl des Ganzen mu es
immer dienen.


6

Wieviel Hochgepriesene sind bereits der Vergessenheit berantwortet und
wie viele, die ihnen Loblieder sangen, sind schon hinweggerumt!


7

Du hast dich nicht zu schmen, wenn du Hilfe brauchst. Tu nur dein
Mgliches! wie bei der Erstrmung einer Mauer jeder Soldat eben auch nur
sein Mglichstes tun mu! Denn wenn du gelhmt auch die Brustwehr allein
nicht erklimmen kannst, bist du es mit Hilfe eines andern wohl imstand.


8

La dich das Zuknftige nicht anfechten! Du wirst, wenns ntig ist,
schon hinkommen, getragen von derselben Geisteskraft, die dich das
Gegenwrtige beherrschen lt.


9

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu
nichts ist sich fremd. Eines schliet sich dem anderen an und schmckt
mit ihm vereint dieselbe Welt. Aus allem, was ist, bildet sich doch nur
die eine Welt; in allem, was ist, lebt nur der eine Gott. Es ist nur ein
Stoff und ein Gesetz, in den vernunftbegabten Wesen die eine Vernunft.
Nur eine Wahrheit gibts und fr die Wesen derselben Gattung auch nur
eine Vollkommenheit.


10

Alles Stoffliche verschwindet gar bald im Urstoff des Ganzen und jede
wirkende Kraft wird gar bald in die Vernunft des Ganzen aufgenommen.
Aber ebenso schnell findet die Erinnerung an alles ihr Grab im ewigen
Zeitlauf.


11

Fr die vernnftigen Wesen ist eine naturgeme Handlungsweise auch
immer zugleich eine vernunftgeme.


12

Von selbst stehe aufrecht--nicht aufrecht gehalten!


13

Was in dem einzelnen Organismus die Glieder des Leibes, das sind in dem
Gesamtorganismus die einzelnen vernunftbegabten Wesen. Auch sie sind zum
Zusammenwirken geschaffen. Sagst du dir nur recht oft: Du seist ein
Glied in dem groen System der Geister, so kann ein solcher Gedanke
nicht anders als dich aufs tiefste berhren. Siehst du dich aber nur als
einen Teil dieses Ganzen an, so liebst du die Menschen auch noch nicht
von Herzen, so macht dir das Gutestun noch nicht an sich selbst Freude,
so bst du es nur als eine Pflicht, so ist es noch keine Wohltat fr
dich selber.


14

Mag den Teilen, die durch den Sto berhrt werden knnen, von auen her
zustoen, was da will, dann mgen sich die beschdigten Teile, wenn sie
wollen, beschweren. Ich habe jedoch, solange ich ein Ereignis nicht fr
ein bel halte, noch nicht dabei gelitten. Es aber nicht dafr zu
halten, steht mir ja ganz frei.


15

Der Smaragd spricht: was auch einer tun oder sagen mag, ich mu Smaragd
sein und meine Farbe bewahren. So sprech auch ich: mag einer tun und
sagen, was er will, ich mu die Tugend bewahren.


16

Die Seele beunruhige und erschrecke sich nicht. Kanns ein anderer, mag
ers tun. Sie selbst fr sich sei solchen Regungen unzugnglich. Da
aber der Leib nichts leide, dafr mag er, wenn er kann, selbst sorgen,
und wenn er leidet, mag ers sagen. Doch die Seele, der eigentliche Sitz
der Furcht und jeder schmerzlichen Empfindung, kann nicht leiden, wenn
du ihr nicht die Meinung, da sie leide, erst beibringst. Denn an und
fr sich, und wenn sie sich nicht selbst die Bedrfnisse schafft, ist
die Seele bedrfnislos und deshalb auch, wenn sie sich nicht selbst
beunruhigt, unerschtterlich.


17

Glcklich sein heit einen guten Charakter haben. Was machst du also
hier, Einbildung? Geh um der Gtter willen, wie du kamst, denn ich
brauche dich nicht! Du bist gekommen nach deiner alten Gewohnheit Ich
zrne dir nicht, nur geh fort!


18

Wre es mglich, da dir der Wechsel, dem alles unterworfen ist, Furcht
einjage? Was knnte denn geschehen, wenn sich die Dinge nicht
vernderten? Was gibt es Angemesseneres fr die Natur als diese
Vernderung? Knntest du dich denn nhren, wenn die Speisen sich nicht
verwandelten? berhaupt hngt von dieser Eigenschaft der Nutzen jedes
Dinges ab. Und siehst du nun nicht, da die Vernderung, der du
unterworfen bist, von derselben Art und ebenso notwendig ist fr das
Ganze?


19

Alle Krper nehmen durch das Weltall, wie durch einen reienden Strom,
ihren Lauf und sind, wie die Glieder unseres Leibes untereinander, so
mit jenem Ganzen innig verbunden und wirken mit ihm. Wie manchen
Chrysipp, wie manchen Sokrates, wie manchen Epiktet hat schon die Welle
verschlungen! Diesen Gedanken hege beim Anblick jedes Menschen und jedes
Gegenstands.


20

Das eine liegt mir am Herzen, da ich nichts tue, was dem Willen
dermenschlichen Natur zuwider ist, oder was sie in dieser Art oder was
sie gerade jetzt nicht will.


21

Bald wird alles bei dir und bald wirst auch du bei allen vergessen sein.


22

Es ist ein dem Menschen eigentmlicher Vorzug, da er auch die liebt,
die ihm weh getan haben. Und es gelingt ihm, wenn er bedenkt, da
Menschen Brder sind, da sie aus Unverstand und unfreiwillig fehlen,
da beide, der Beleidigte und der Beleidiger nach kurzer Zeit den Toten
angehren werden, und vor allem: da eigentlich niemand ihm schaden,
d.h. sein Inneres schlechter machen kann als es vorher gewesen.


23

Wie man aus Wachs etwas formt, so formt die Allnatur aus den Urstoffen
die verschiedenen Wesen; jetzt das Ro, dann, wenn dieses zerschmolz,
den Baum, bald den Menschen, bald etwas anderes, und ein jegliches nur
zu kurzem Bestand. Aber wie es dem Kistchen gleichgltig war, da mans
gezimmert, so auch, da man es nun wieder auseinander nimmt.


24

Ein zorniges Gesicht ist widernatrlich. Wenn die Sanftmut im Innern
erstirbt, erlischt auch die uere Zier, da sie nicht berall wieder
angefacht werden kann. Schon daraus geht hervor, da jeder grollende
Blick vernunftwidrig ist. Wem das Gewissen ausgegangen, der hat keine
Ursache zu leben.


25

In kurzem wird die allwaltende Natur alles, was du siehst, verwandeln
und aus demselben Stoff andere Dinge bereiten und aus deren Stoff wieder
andere Dinge, damit sich die Welt immer verjngt.


26

Sobald dir jemand weh getan hat, mut du sogleich untersuchen, welche
Ansicht ber Gut und Bse ihn dazu vermochte. Denn sowie dir dies klar
geworden wirst du Mitleid fhlen mit ihm und dich weder wundern noch
erzrnen. Entweder nmlich findest du, da du ber das Gute gar keine
wesentlich andere Ansicht hast als er; und dann mut du ihm verzeihen.
Oder du siehst den Unterschied; dann aber ists ja nicht so schwer,
freundlich zu bleiben dem, der--sich geirrt hat.--


27

Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, als an das, was du hast. Und
wenn dir bewut wird, was von diesem das Allerbeste sei, mut du dir
klarmachen, wie dus gewinnen knntest, im Fall du es nicht besest. Je
zufriedener dich aber sein Besitz macht, um so mehr mut du dich hten,
ihn mit einem solchen Wohlgefallen zu betrachten, da dich sein Verlust
beunruhigen knnte.


28

Ziehe dich in dich selbst zurck! Die uns beherrschende Vernunft ist ja
so beschaffen, da sie am Rechttun und an der daraus hervorgehenden Ruhe
Gengen findet.


29

Mache den Einbildungen ein Ende! Hemme den Zug der Leidenschaften!
Behalte die Gegenwart in deiner Gewalt! Mache dich mit dem vertraut, was
dir oder einem anderen begegnet. Trenne und zerlege alles in seine
Urkraft und seinen Stoff. Gedenke der letzten Stunde! Fehler, die andere
begehen, la ruhen, wo sie begangen sind.


30

Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf das, wovon gesprochen wird,
versenke deinen Geist in die Betrachtung der Begebenheiten und ihrer
Ursachen.


31

Dein Schmuck sei Einfalt, Bescheidenheit und Gleichgltigkeit gegen
alles, was zwischen Tugend und Laster in der Mitte liegt. Liebe das
Menschengeschlecht, folge der Gottheit! Alles, sagt jemand, geschieht
nach bestimmten Gesetzen, ob Gtter sind oder ob aus Atomen alles
entsteht, gleichviel. Genug eben, da alles gesetzmig ist.


32

Vom Tod: Der Tod ist Zerstreuung oder Auflsung in Atome oder
Vernichtung, ein Auslschen oder ein Versetzen.


33

Vom Schmerz: Ist er unertrglich, fhrt er auch den Tod herbei; ist er
anhaltend, so lt er sich auch ertragen. Wenn nur die Seele dabei an
sich hlt, bewahrt sie auch ihre Ruhe und leidet keinen Schaden. Die vom
Schmerz getroffenen Glieder mgen dann, wenn sie knnen, sich selbst
darber aussprechen.


34

Vom Ruhm: Betrachte die Gesinnungen der Ruhmschtigen, von welcher Art
sie sind und was sie einerseits meiden und andererseits suchen! Bedenke
ferner: Wie bei den bereinandergewirbelten Sandhgeln, die frher
hergewehten von den spter aufgehuften bedeckt werden, so wird auch im
Leben das Frhere vom Spteren bedeckt.


35

Plato fragt: "Wem hoher Sinn und Einsicht in die Zeiten und in das Wesen
der Dinge verliehen ward--glaubst du, da der das menschliche Leben fr
etwas Groes halten kann?" und er antwortet: "Unmglich kann ichs."
Nun, und ebenso unmglich ists, da ich den Tod fr etwas Furchtbares
halte.


36

Ein Ausspruch des Antisthenes: "Kniglich ists, wohlzutun und
Schmhungen ruhig ber sich ergehen zu lassen."


37

Schndlich ists, wenn die Seele nur Macht hat ber unsere Mienen, nicht
ber sich selbst, wenn sie nur jene, nicht aber sich selber
umzugestalten vermag.


38

Wie kann dich denn bald dies, bald jenes rgern, das dich doch nichts
angeht?


39

Freude den ewigen Gttern! doch uns auch Freude verleihe!


40

Die Frchte sind zum Pflcken, so das Leben auch. Hier keimt das Leben,
dort der Tod.


41

Wenn ich samt Kind von den Gttern einmal verlassen bin, Grund ist auch
dafr.--


42

Was recht und gut, trag ich mit mir herum.


43

Mit andern weinen oder jubeln, nicht geziemts.


44

Blicke oft zu den Sternen empor--als wandeltest du mit ihnen. Solche
Gedanken reinigen die Seele von dem Schmutz des Erdenlebens.


45

Platonische Aussprche: "Diesem wrde ich mit Recht antworten: du
urteilst unrichtig, o Mensch, wenn du meinst, da ein Mann, der auch nur
einigen Wert hat, die bedenkliche Wahl zwischen Leben und Sterben ins
Auge fassen und nicht vielmehr nur das erwgen soll, ob, was er tue,
recht oder unrecht und die Tat eines Guten oder Schlechten sei."


46

"So verhlt es sich in der Tat, ihr Mnner von Athen. Den Posten, auf
den einer, in der Meinung, da es der beste sei, sich selbst gestellt
hat oder auf den er von seinem Feldherrn gestellt worden ist, mu
er--dnkt mich--auch in Gefahr behaupten und dabei weder Tod noch irgend
etwas anderes mehr in Betracht ziehen, als die Schande."


47

"Sieh gut zu, mein Freund, ob das Edle und Gute nicht in etwas anderem
bestehe als in Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens! Denn wer
wirklich ein Mann ist, soll nicht wnschen, so oder so lange zu leben,
noch mit feiger Liebe am Leben hngen, sondern die Bestimmung hierber
Gott berlassen und glauben, was selbst die Weiber wissen, da auch
nicht einer seinem Schicksal entrinne, er denke nur daran, wie er die
ihm noch beschiedene Lebenszeit so gut als mglich verbringe."


48

Schn ist, was Plato gesagt hat, da, wer vom Menschen reden wolle, das
Irdische gleichsam von einem hheren Standpunkt aus betrachten msse. So
die Versammlungen, Kriegszge, Feldarbeiten, Ehen, Friedensschlsse,
Geburten, Todesflle, lrmenden Gerichtsverhandlungen, verdeten
Lndereien, die mancherlei fremden Vlkerschaften, ihre Feste,
Totenklagen, Jahrmrkte, diesen Mischmasch aus den fremdartigsten
Bestandteilen.


49

Betrachte die Vergangenheit, den steten Wechsel der Herrschaft. Daraus
kannst du auch die Zukunft vorhersehen, denn sie wird durchaus
gleichartig sein und kann unmglich von der Regel der Gegenwart
abweichen. Daher ist es auch einerlei, ob du das menschliche Leben
vierzig oder zehntausend Jahre hindurch erforschest. Was wirst du mehr
sehen?


50

"Zur Erde mu, was von der Erde stammt;
Doch zu des Himmels Pforte drngt
Jegliche Art, die seiner Flur entsprossen--"
Was nichts anderes besagt, als da sich die ineinander verschlungenen
Atome trennen und die empfindungslosen Elemente sich zerstreuen.


51

"Durch Essen, Trinken und durch andres Gaukelwerk sind wir bemht, den
Tod uns fern zu halten. Doch mssen wir den Fahrwind, der von oben
streicht, Seis auch zu unserm Leid, hinnehmen ohne Weh."


52

Mag jemand immerhin kampfgebter sein als du! Er sei nur nicht
menschenfreundlicher, nicht anspruchsloser, nicht ergebener in das
Schicksal, nicht nachsichtsvoller den Fehlern der Nebenmenschen
gegenber.


53

Bei einer Wirksamkeit, die sich nach gttlichem und menschlichem Gesetz
vollzieht, ist niemals Gefahr. Nichts hast du zu befrchten, sobald
deine Ttigkeit, ihr Ziel in aller Ruhe verfolgend, sich nur auf eine
deiner Bildung angemessene Art entfaltet.


54

Immer steht es bei dir, das gegenwrtige Geschick zu segnen, mit denen,
die dir grade nahe stehen, nach Recht und Billigkeit zu verfahren, und
die Gedanken, die sich dir eben darbieten, ruhig durchzudenken, ohne
dich an das Unbegreifliche zu kehren.


55

Sieh dich nicht nach den leitenden Grundstzen anderer um, sondern halte
den Blick auf das Ziel gerichtet, worauf dich die Natur hinweist, sowohl
die Allnatur durch das Schicksal als deine eigene durch deine Pflichten.
Jeder aber hat die Folgen seiner Natur zu tragen. Nun sind aber die
brigen Wesen wegen der Vernnftigen geschaffen, wie berhaupt alles
weniger Edle fr das Edlere. Die Vernunftwesen aber sind eines um des
anderen willen da. Der erste Trieb des Menschen ist sein Trieb zur
Geselligkeit, das zweite in ihm die berlegenheit gegenber sinnlichen
Reizen. Denn vernnftiger und verstndiger Tatkraft ist es eigen, sich
selbst zu beschrnken und weder den Anforderungen der Sinne noch der
Triebe je zu unterliegen. Beide sind tierisch. Die Vernunft will aber
den Vorrang haben und sich nicht von jenen meistern lassen und das mit
Recht. Denn sie ist von Natur dazu da, sich jener berall zu ihren
Zwecken zu bedienen. Der dritte Vorzug in der Einrichtung eines
vernnftigen Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten, noch
sich tuschen zu lassen. Mit diesen Vorzgen ausgestattet, gehe die
herrschende Vernunft vorwrts. Und sie hat, was ihr gebhrt.


56

Lebe so, als solltest du jetzt scheiden und als wre die dir noch
vergnnte Zeit ein berflssiges Geschenk.


57

Liebe das, was dir begegnet und zugemessen ist, denn was knntest du
ziemlicher tun?


58

Bei allem, was dir widerfhrt, stelle dir diejenigen vor Augen, denen
dasselbe widerfahren ist, und die sich dabei widerwillig, voll eitler
Verwunderung oder hchst vorwurfsvoll bewiesen haben. Denn wolltest du
diesen wohl gleichen? oder wolltest du nicht lieber solche ungehrige
Eigenschaften anderen berlassen, selbst aber nur darauf achten, wie du
deine Erfahrungen zu benutzen hast? Und du wirst sie aufs beste
benutzen, sie werden dir einen herrlichen Stoff liefern, wenn du keine
andere Absicht hast, als dich bei allem, was du tust, als edler Mensch
zu zeigen, dessen eingedenk, da alles andere gleichgltig fr dich ist
nur nicht, wie du handelst!


59

Blicke in dein Inneres! Da drinnen ist eine Quelle des Guten, die nimmer
aufhrt zu sprudeln, wenn du nur nicht aufhrst nachzugraben.


60

Auch der Krper mu eine feste Haltung haben und weder in der Bewegung
noch in der Ruhe diese Festigkeit verleugnen. Denn wie deine Seele auf
deinem Gesicht zu lesen ist und eben darum deine Mienen zu beherrschen
und zu formen wei, so soll auch der ganze Krper ein Ausdruck der Seele
sein. Aber wohlgemerkt! ohne gesuchte Pose!


61

Dieselbe Kunst, die in den Kampfspielen gilt, wo man gerstet sein mu
auch auf solche Streiche, die unvorhergesehen, pltzlich kommen,
herrscht auch im Leben.


62

Kenntest du die Quellen, aus denen bei so vielen Urteile und Interessen
flieen, du wrdest nach der Menschen Lob und Zeugnis nicht begierig
sein.


63

Keine Seele, heit es irgendwo, kommt anders um die Wahrheit als wider
ihren Willen. Nicht anders also auch um die Gerechtigkeit und Migkeit
und Gte, um alle diese Tugenden.--Je mehr man das beherzigt, desto
milder wird man gegen alle.


64

Bei jeder Unlust sei dir der Gedanke zur Hand, da sie nichts
Entehrendes sei, noch die herrschende Denkkraft verschlimmere. Denn
weder an und fr sich als etwas Krperliches betrachtet, noch in ihrem
Verhltnis zur Gesellschaft, kann diese von jener zerrttet werden. Doch
mge dir bei den meisten schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch
Epikurs dienlich sein, da sie ebensowenig unertrglich als ewig dauernd
sind, wofern du nur ihrer Grenzen eingedenk bist und nichts
hinzudichtest. So manches ist dem Schmerze eng verwandt, was nur mehr
auf verborgene Weise lstig wird, z.B. Schlfrigkeit, innere Glut,
Appetitlosigkeit. Drum sage dir, wenn so etwas dich trifft, nur
geradezu: du erliegst ja dem Schmerz.


65

Hte dich selbst gegen Unmenschen so gesinnt zu sein, wie Menschen gegen
Menschen gesinnt zu sein pflegen.


66

Woher wissen wir, ob nicht Telauges eine edlere Denkungsart hatte, als
Sokrates? Denn hier ist es nicht genug, da Sokrates auf ruhmvollere Art
starb, da er in seinen Unterredungen mit den Sophisten grere
Gewandtheit zeigte, da er mit mehr Geduld die Nacht unter dem eiskalten
Himmel zubrachte, da er dem Befehle, den Salaminier herbeizufhren,
sich, wie es schien, mit noch grerer Seelenstrke widersetzte, da er,
was man, selbst wenn es wahr wre, allermeist bezweifeln mchte, auf den
Straen stolz einherschritt, sondern man mu vielmehr folgende Fragen in
Erwgung ziehen: Wie war Sokrates Seele beschaffen? Gengte ihm die
Gerechtigkeit gegen Menschen und die Frmmigkeit gegen die Gtter? Hat
er sich nie ohne Grund ber die Schlechtigkeit anderer gergert, nie
ihrer Unwissenheit nachgegeben? Hat er die vom Ganzen ihm zugeteilten
Geschicke nie mit Befremden ausgenommen oder unter sie, als unter ein
unertrgliches Joch, sich gebeugt? Nie seine Vernunft zur Genossin der
Leiden des armseligen Fleisches gemacht?


67

Die Natur hat dich nicht so dem groen Teig einverleibt, da du dich
nicht eingrenzen und das deinige allein aus dir selbst heraus tun
knntest. Du kannst frwahr ein gttlicher Mensch sein, ohne von
irgendeiner Seele gekannt zu werden. Und magst du daran verzweifeln, in
der und jener Wissenschaft oder Kunst jemals dich auszuzeichnen: ein
freier, edler, hilfreicher, gottesfrchtiger Mensch kannst du immer
werden.


68

Unverrckt kannst du dein Leben in hchster Geistesfreudigkeit
hinbringen, wenn auch alle Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider
dich erheben und wenn auch wilde Tiere die schwachen Glieder dieses um
dich angesammelten Fleischgemenges zerreien sollten. Denn was hindert
dich, deiner denkenden Seele trotz alledem ihre Heiterkeit, ein
richtiges Urteil ber die Umstnde und eine erfolgreiche Benutzung der
ihr dargebotenen Gelegenheiten zu bewahren? Dann sagt das Urteil zum
Ereignis: "Das bist du dem Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach
anders erscheinst!" und die Benutzung spricht zur Gelegenheit: "Dich
suchte ich eben; denn immer bietet mir die Gegenwart Stoff zur Ausbung
einer vernnftigen und staatsbrgerlichen Tugend und berhaupt einer
Kunst, die eines Menschen oder Gottes wrdig ist." Steht ja doch jedes
Begegnis im innigsten Bezuge zu Gott oder zum Menschen und ist mithin
nichts Unerhrtes oder schwer zu Behandelndes, sondern vielmehr etwas
Bekanntes und Leichtes.


69

Die sittliche Vollkommenheit bringt es mit sich, da wir jeden Tag leben
knnen, als wre er der letzte, frei von Zorn, Schlaffheit und
Verstellung.


70

Den unsterblichen Gttern ist es keine Last, die ganze Ewigkeit hindurch
fortwhrend eine solche Masse Nichtswrdiger zu dulden--vorausgesetzt,
da sie sich um sie kmmern. Und du--du wolltest ungeduldig werden? und
bist vielleicht gar selbst einer von den Bsen?


71

Lcherlich ist es, der Schlechtigkeit anderer aus dem Wege gehen zu
wollen, was unmglich ist, aber der eigenen nicht, was doch mglich ist.


72

Was die vernnftige und zu staatsbrgerlicher Tugend berufene Tatkraft
nicht vernnftig, noch gemeinntzig findet, das hlt sie mit gutem Grund
unter der Wrde.


73

Wenn du ein gutes Werk getan und dem anderen wirklich wohl getan hast,
warum bist du dann gar so tricht, ein Drittes zu begehren, nmlich den
Ruhm ob solcher Tat oder irgendeine Vergeltung?


74

Niemand wird es berdrssig, sich Vorteile zu verschaffen. Vorteil
verschaffen aber ist eine Ttigkeit an die wir von Natur gewiesen sind.
Darum werde nie mde, dir Vorteile zu verschaffen, indem du selber
Vorteil schaffst.


75

Die Allnatur fhlte den Drang zur Weltschpfung. Nun aber geschieht
alles, was geschieht, nach dem Gesetz der notwendigen Folge, oder es ist
auch das Wichtigste dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft
eigens anstrebt, ohne Grund vorhanden. In vielen Fllen wird es deine
Seelenruhe erhhen, wenn du dessen eingedenk bist.




Achtes Buch


1

Mag es immerhin deinen Ehrgeiz herabdrcken, da du nicht allezeit, da
du zumal in deiner Jugend nicht wie ein Philosoph gelebt hast, sondern
vielen anderen und dir selbst auch als ein Mensch erschienen bist, der
von der Philosophie weit entfernt ist, so da es dir nicht leicht sein
drfte, dir noch das Ansehen eines Philosophen zu verschaffen. Ein
solcher Strich durch deine Rechnung ist nur heilsam. Gengen mu es dir
nun, von jetzt an so zu leben, wie es deine Natur vorschreibt. Achte
also darauf, was sie will, und la dich durch nichts davon abbringen. Du
hast so manches versucht, dich hierhin und dorthin gewendet, aber
nirgends dein Glck gefunden, nicht im Spekulieren, nicht im Reichtum,
nicht in der Ehre, nicht in der Sinnenlust, nirgends. Wo ist es denn nun
wirklich? Nur im Tun dessen, was die menschliche Natur begehrt. Und wie
gelangt man dazu? Dadurch, da man die Grundstze festhlt, aus denen
ein solches Streben und Handeln mit Notwendigkeit hervorgeht, die
Grundstze, da dem Menschen nichts gut sei, was ihn nicht gerecht,
mig, standhaft und frei macht, und da nichts bse sei, was nicht das
Gegenteil von alledem hervorbringt.


2

Bei jeder Handlung frage dich: wie steht es eigentlich damit? wird es
dich auch nicht gereuen? Eine kurze Zeit nur noch, und du bist tot und
alles hat aufgehrt. Wenn aber das, was du vorhast, einem Wesen geziemt,
das Vernunft hat, auf die Gemeinschaft angewiesen ist und nach denselben
Gesetzen wie die Gtter leben soll, was verlangst du mehr?


3

Was sind Alexander, Cajus und Pompejus gegen Diogenes, Heraklit und
Sokrates? Denn diese hatten die Welt der Dinge erforscht und kannten den
Grund und die Weise ihres Bestehens, und ihre Seelen blieben sich immer
gleich. Bei jenen aber, welche Furcht vor den Dingen und welche
Abhngigkeit von ihnen!


4

--Nur fein ruhig und gelassen: sie werden dasselbe tun, auch wenn du
dich zerrissest!


5

Zunchst la dich nicht beunruhigen, alles geht seinen Gang, wie es der
Natur gem ist. Noch eine kurze Frist und du bist nirgends mehr, wie
Hadrian und Augustus. Dann fasse deine Lebensaufgabe unverwandten Blicks
ins Auge und denke daran, da du ein guter Mensch sein sollst. Was die
menschliche Natur von dir fordert, tue unbeirrt, sage nur, was dir
durchaus gerecht erscheint und dies auf wohlwollende, bescheidene und
offenherzige Art.


6

Es ist Aufgabe der groen Natur, das Vorhandene von einer Stelle zur
anderen zu versetzen, es umzumodeln, wegzurumen und neu einzupflanzen.
Alles ist Wechsel! Man darf also das Neue nicht bang erwarten. Alles ist
Gewohnheit, aber auch alles gleichmig verteilt.


7

In der gesamten Natur liegt die Tendenz, sich wohlzuverhalten. Die Natur
der vernunftbegabten Wesen ist aber nur dann in ihrem normalen Zustande,
wenn sie, was das Gedankenleben betrifft, weder der Unwahrheit, noch dem
Unerkannten beifllt, wenn sie die Strebungen der Seele nur auf
gemeinntzige Werke richtet, unseren Neigungen und Abneigungen nur
solche Gegenstnde gibt, die in unserer Macht stehen, und wenn sie alles
billigt, was die gesamte Natur ber uns verhngt. Denn sie ist ein Teil
dieser Allnatur, wie die Natur des Blattes ein Teil der Baumnatur ist,
nur da diese als fhllose und vernunftlose in ihrem Bestehen gehemmt
werden kann, whrend die menschliche Natur ein Teil der ungehinderten,
vernnftigen und gerechten Natur ist, vor der die zu ihr gehrigen
Einzelwesen untereinander gleich sind, indem sie jedem von Zeit und
Stoff und Form und Fhigkeit so viel gibt, als seinem Wesen entspricht,
eine Gleichheit, die wir freilich nicht sehen, wenn wir die Einzelwesen
untereinander vergleichen, sondern nur, wenn wir deren Gesamtheit mit
der der andern Ordnung zusammenhalten.


8

So manches geziemt sich nicht zu jeder Zeit. Wohl aber geziemt sichs
immer, den Stolz zurckzudrngen, Freud und Leid gering zu achten, ber
ehrgeizige Gelste erhaben zu sein, gefhllosen und undankbaren Menschen
nicht zu zrnen, ja vielmehr sich ihrer anzunehmen.


9

Niemand hre hinfort von dir, da du das Leben am Hofe berhaupt oder
nur das deinige tadelst.


10

Die Reue ist eine Selbstanklage darber, da man sich einen Vorteil hat
entgehen lassen. Das Gute aber ist notwendigerweise vorteilhaft und
somit auch die Sorge des guten und edlen Menschen. Dagegen hat wohl noch
nie der edle Mensch darber Reue gefhlt da er sich ein Vergngen hat
entgehen lassen; woraus zu entnehmen ist, da die Lust nichts
Vorteilhaftes und nichts Gutes ist.


11

Was ist dieser Gegenstand hier seinem Wesen und seinen Eigenschaften
nach? Was ist er nach seinem Stoff? Welche Kraft wirkt in ihm? Was tut
er in der Welt und wie lange ist seine Dauer?


12

Sooft du verdrossen vom Schlaf erwachst, bedenke, da gemeinntzige
Handlungen deinen Anlagen und deinem Charakter entsprechen, der Schlaf
dir aber mit den vernunftlosen Tieren gemeinsam ist. Was nun der Natur
eines jeden Wesens entspricht, ist demselben verwandter, angemessener,
ja sogar angenehmer.


13

Ohne Unterla und womglich bei jedem Gedanken wende die Lehren der
Physik, der Ethik und der Dialektik an!


14

Sobald du weit, was fr Ansichten und Grundstze einer hat ber Gut und
Bse, ber Lust und Schmerz und ber die Wirkungen beider, ber Ehre und
Schande, Leben und Sterben, kann dir nicht wunderbar und fremdartig
vorkommen, was er tut; du weit alsdann: er ist gezwungen, so zu
handeln. Und ferner wenn sich doch kein Mensch darber wundert, da der
Feigenbaum Feigen trgt, und der Arzt nicht, wenn jemand das Fieber hat,
noch der Steuermann wenn der Wind entgegensteht; warum also befremdlich
finden, da das Weltganze hervorbringt, was dem Keime nach in ihm liegt?


15

Seine Meinung zu ndern, und dem, der sie berichtigt, Gehr zu schenken,
ist nichts, was unsere Selbstndigkeit aufhebt. Es ist ja doch auch dann
dein Trieb und Urteil, dein Sinn, aus welchem deine Ttigkeit
hervorgeht.


16

Lags an dir, warum hast dus getan? War ein anderer schuld, wem willst
du Vorwrfe machen? Den Atomen oder den Gttern? Beides ist Unsinn. Du
hast niemand Vorwrfe zu machen. Suche den, der schuld war, eines
Besseren zu belehren, oder wenn dies nicht mglich, bessere an der Sache
selbst. Aber auch, wenn dieses nicht angeht, wozu dienen die Vorwrfe?
Man mu eben nichts ohne berlegung tun.


17

Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt. Aber wenn es auch hier
bleibt, verndert es sich doch und lst sich auf in seine Grundstoffe,
in die Elemente der Welt und in deine. Und auch diese ndern sich--ohne
Murren.


18

Jedes Wesen, z.B. ein Pferd, ein Weinstock, dient irgendeinem Zweck. Was
Wunder? Auch die Sonne wird dir sagen: "Ich mu wirken" und ebenso die
brigen Gottheiten. Wozu gibts dich? Etwa zu sinnlichen Freuden? Sieh
doch einmal zu, ob vernnftiges Nachdenken das gestattet!


19

Es ist mit jedem Dinge, seinem Ende, Ursprunge und Bestehen nach nicht
anders wie mit einem Ball, den jemand wirft. Ists etwas Gutes, wenn er
in die Hhe steigt, oder etwas Schlimmes, wenn er niederfhrt und zur
Erde fllt? Was ists fr eine Wohltat fr die Wasserblase, wenn sie
zusammenhlt, und was fr ein Leid, wenn sie zerplatzt? Und ebenso das
Licht, wenn es brennt und wenn es verlischt?


20

Drehe einmal das Innere deines Krpers nach auen und sieh, welcher Art
es ist, wenn Alter, Krankheit, Ausschweifung ihn aufreiben! Kurz dauert
sowohl das Leben dessen, der lobt, als dessen, der gelobt wird, dessen,
der eines anderen gedenkt und dessen gedacht wird. berdies geschieht
dies ja nur in einem kleinen Winkel der Erde und selbst da stimmen nicht
alle berein. Und die ganze Erde ist nur ein Punkt.


21

Was du tust, setze stets in Beziehung auf der Menschen Wohlfahrt; was
dir widerfhrt, nimm hin und beziehe es auf die Gtter, als auf die
Quelle aller Dinge, aus der jegliches Geschehen herausfliet.


22

Habe acht auf das, was dir gerade vorliegt, sei es eine Ansicht oder ein
Geschehnis oder ein Ausdruck! Sonst geschieht dir ganz recht. Du willst
lieber erst morgen gut werden, als es heute schon sein.


23

Was siehst du beim Baden? l, Schwei, Schmutz, klebriges Wasser--lauter
ekelerregende Dinge. Von ebender Art ist jeder einzelne Teil des Lebens
und was darin vorkommt.


24

Lucilla sah den Verus sterben, nachher starb auch Lucilla, Secunda den
Marimus und dann folgte ihm Secunda, Epitynchanus den Diotimus und bald
folgte diesem Epitynchanus, Antoninus die Faustina und dann folgte ihr
Antoninus nach, Celer den Hadrian und dann starb auch Celer. So gings
mit allen.


25

Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunftsdeuter, jene Hohlkpfe--wo
sind sie? Wo, z.B., die scharfsinnigen Mnner wie Charax, Demetrius, die
Platoniker, Eudmon und andere der Art? Alle vergnglich und lngst
schon tot. Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken
erhalten. Aus anderen wurden Helden der Fabel; andere wiederum
verschwanden bereits aus dieser Reihe. Gedenke also dessen, da auch
dein Krperbau sich auflsen, sein Lebensgeist erlschen oder auswandern
oder sich versetzen lassen mu.


26

Die Freude der Menschen besteht darin, wahrhaft menschlich zu handeln.
Wahrhaft menschlich ist aber das Wohlwollen gegen seinesgleichen,
Verachtung der Sinnenreife, Unterscheidung bestechender Vorstellungen,
Betrachtung der Allnatur und ihrer Wirkungen.


27

Fr den Menschen sind dreierlei Beziehungen wichtig, erstens die zu
seiner eigenen, ihn umgebenden Krperhlle, zweitens die zu seinem
gttlichen Ursprung der alles bewirkt, und drittens zu den Zeitgenossen.


28

Der Schmerz ist entweder fr den Leib ein bel--dann geht er nur diesen
etwas an--oder eines fr die Seele. Die Seele kann aber ihre Heiterkeit
und Ruhe bewahren und den Schmerz deshalb fr kein bel nehmen. Denn
Urteil, Trieb, Neigung und Abneigung haben smtlich ihren Sitz im
Innern. Und kein bel kann da eindringen.


29

Unterdrcke deine Einbildungen und sage dir bei jeder Gelegenheit: Nun
steht es doch bei mir allein, keine Bosheit, keine Begierde und
berhaupt keine Leidenschaft in der Seele aufkommen zu lassen. Dagegen
will ich alles nach seinem Wesen betrachten und seinem Wert entsprechend
benutzen. Vergi nicht diese dir von der Natur geschenkte Gabe!


30

Rede wrdevoll im Senat wie im geselligen Verkehr, ohne affektiert zu
werden. Rede mit gesunder Vernunft!


31

Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine Tochter, seine Enkel, seine
Stiefshne, seine Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen und
Freunde, Arius, Mcenas, seine Leibrzte und Priester, kurz sein ganzer
Hof--eine Beute des Totes! Von da geh weiter, nicht etwa zum Tod eines
Einzelmenschen, sondern zum Aussterben ganzer Familien, wie der der
Pompejer. Manches Grabmal trgt die Aufschrift: "Der Letzte seines
Stammes." Und nun stelle dir vor, wie sehr sich die Vorfahren bemhten,
einen Stammhalter zu hinterlassen und doch mute einer notwendig der
letzte sein. berdies denke an das Vergehen ganzer Geschlechter.


32

Wir mssen in unser Leben Ordnung und Planmigkeit bringen, und jede
unserer Handlungen mu ihren bestimmten Zweck haben. Wenn sie den
erreicht ist es gut; und eigentlich kann sie niemand daran hindern.
uere Hemmnisse knnen wenigstens nichts tun, um sie minder gerecht,
besonnen, berlegt zu machen, und wenn sie sonst deiner Ttigkeit etwas
in den Weg legen, bietet sich wohl gerade durch ein Hindernis, wenn
mans nur gelassen aufnimmt und begierig acht hat auf das, was zu tun
brigbleibt, ein neuer Gegenstand der Ttigkeit, dessen Behandlung sich
in die Lebensordnung fgen lt, von der wir reden.


33

Sei bescheiden, wenn du empfangen, und frisch bei der Hand, wenn du
etwas weggeben sollst!


34

Solltest du einmal eine abgehauene Hand, einen Fu, einen Kopf, getrennt
vom brigen Krper zu sehen bekommen: siehe, das sind Sinnbilder solcher
Menschen, die nicht zufrieden sein wollen mit ihrem Schicksal, oder
deren Handlungsweise blo ihrem eigenen Vorteil dient, ein Sinnbild auch
deines Wesens, wie du manchmal bist. Doch sieh, es steht dir frei, dich
wieder mit dem groen Ganzen zu vereinigen, von dem du dich geschieden
hast. Anderen Gliedern des Weltalls verstattet die Gottheit nicht,
nachdem sie sich abgelst haben, wieder zusammenzukommen. Aber dem
Menschen hat es ihre Gte gewhrt. Sie legte es von Haus aus in des
Menschen Hand, in dem Zusammenhang mit dem Ganzen zu verbleiben und wenn
er daraus geschieden war, zurckzukehren, aufs neue mit ihm zu
verwachsen und den alten Platz wieder einzunehmen.


35

Wie die Natur jegliches Hindernis als solches zu beseitigen, in ihre
Notwendigkeit hereinzuziehen und zu einem Bestandteil ihrer selbst zu
machen wei, so kann auch das vernunftbegabte Wesen jede Hemmung in
seinen eigenen Stoff verwandeln und sie benutzen zur Verwirklichung
seines Strebens, worauf dasselbe auch gerichtet sein mge.


36

Wenn du dein Leben im ganzen vor dir httest, wenn du shest, was dir
alles bevorsteht, welche Entmutigung mte dich ergreifen! Aber wenn du
ruhig wartetest, bis es kommt, und bei jedem einzelnen, wenn es da ist,
dich fragtest, was denn dabei eigentlich nicht zu ertragen sei--du
mtest dich deiner Verzagtheit schmen. Kmmern sollten wir uns immer
nur um das Gegenwrtige, da uns nur dieses, nicht Zuknftiges und nicht
Vergangenes, wirklich lstig fallen kann. Und unfehlbar wird diese Last
gemindert, wenn wir das Gegenwrtige rein so nehmen, wie es ist, ihm
nichts Fremdes hinzudichten und uns selber widerlegen, wenn wir meinen,
auch dies nicht einmal ertragen zu knnen.


37

Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus am Sarge des Verus?
Oder Chaurias und Diotimus an Hadrians Grab? Das wre lcherlich. Wrden
es aber jene fhlen, wenn sie daneben sen und, wenn sie es fhlten,
wrden sie sich freuen, und wenn sie sich freuten, wrden diese dadurch
unsterblich sein? War es nicht auch ihre Bestimmung zuerst, alte Frauen
und Mnner zu werden und dann zu sterben? Und knnen denn die Klagenden
dem Tod entrinnen? Der ganze Krper ist ein Schlauch voll Unrat und
Moder.


38

Ist dir Scharfsinn eigen, verwende ihn zu klugem Urteil.


39

Unter den Anlagen vernunftbegabter Wesen finde ich keine, die der
Gerechtigkeit gegenbersteht, wohl aber eine, die der Wollust das
Gleichgewicht hlt: die Enthaltsamkeit.


40

Knntest du deine Ansicht ber das, was dich zu schmerzen scheint,
ndern, so wrdest du vollstndig in Sicherheit sein. Wer ist das /du/,
frage ich: die Vernunft. Aber ich bin nicht die Vernunft, entgegnest du.
Mag sein, wenn sich die Vernunft nur eben nicht betrbt. Alles brige,
wenn es sich schlecht befindet, mag denken und fhlen, was es will.


41

Jede Hemmung des Empfindungslebens sowohl, wie die eines Triebes ist fr
die tierische Natur ein bel. Anders die Hemmungen und bel im
Pflanzenleben. Fr die geistbegabten Wesen aber kann nur das ein bel
sein, was das Geistesleben strt. Hiervon mache die Anwendung auf dich
selbst. Leid und Freude berhren nur die Sphre des Empfindens. Eine
Hemmung des Triebes kann allerdings auch schon fr die vernnftige
Kreatur ein bel sein; allein nur dann, wenn es ein absoluter Trieb ist.
Dann aber, wenn du so nur das Allgemeine ins Auge fassest, was sollte
dir schaden und was dich hindern knnen? Denn in die dem Geiste
eigentmliche Sphre kann nichts anderes strend eingreifen, nicht
Feuer, nicht Eisen, kein Despot, keine Lsterung, nichts, was nicht vom
Geiste selber herrhrt. Solange eine Kugel besteht, so lange bleibt sie
eben--rund nach allen Seiten.


42

Habe ich noch niemals einen andern absichtlich betrbt so ziemt es mir
auch nicht, mich selber zu betrben.


43

Mgen andere ihre Freude haben, woran sie wollen; meine Freude ist, wenn
ich eine gesunde Seele habe, ein Herz, das keinem Menschen zrnt, nichts
Menschliches sich fernhlt, sondern alles mit freundlichem Blick ansieht
und aufnimmt und jedem begegnet, wies ihm gebhrt.


44

Ntze die Gegenwart aus. Wer dem Nachruhm lieber nachgeht, bedenkt
nicht, da die kommenden Geschlechter ebenso beschaffen sein werden, wie
jene, unter denen er leidet. Auch sie sind ja sterblich. berhaupt was
kmmert es dich, ob unter ihnen diese und jene Stimmen ber dich laut
werden oder ob sie diese und jene Meinung von dir haben?


45

Nimm mich und versetze mich, wohin du willst! Bringe ich doch berall
den Genius mit, der mir gnstig ist, den Geist, der seine Aufgabe darin
erkennt, sich so zu verhalten und so zu wirken, wie es seine Bildung
verlangt. Und welche uere Lebensstellung wre es wert, da um
ihretwillen meine Seele sich schlecht befinde und herabgedrckt oder
gewaltsam erregt, gebunden oder bestrzt gemacht ihres Wertes verlustig
ginge? Was kannst du finden, das solcher Opfer wert wre?


46

Keinem kann etwas begegnen, das nicht Menschenschicksal wre, so wenig
als dem Stier etwas zustt, das nicht der Stiernatur, oder dem
Weinstock etwas, das nicht dem Wesen des Weinstocks, oder dem Stein
etwas, das nicht der Natur des Steins angemessen wre. Wenn nun jedem
begegnet, was gewhnlich oder natrlich ist, warum solltest du dich
darber rgern? Denn die Natur durfte nichts Unertrgliches ber dich
verhngen.


47

Wenn in deiner Gemtsverfassung etwas ist, was dich bekmmert, wer
hindert dich, den leitenden Gedanken der die Strung verursacht, zu
berichtigen? Ebenso wenn es dir leid ist, das nicht getan zu haben, was
dir als das einzig Richtige erscheint, warum tust du es nicht lieber
noch, sondern gibst dich dem Schmerz darber hin? Du vermagst es nicht,
ein Hindernis, strker als da dus beseitigen knntest, hlt dich ab?
Nun so wehre der Traurigkeit nur um so mehr: der Grund, warum dus
unterlieest, liegt ja dann nicht in dir! Aber freilich, wenn man nicht
so handeln kann, ists nicht wert zu leben. Und darum scheide du aus dem
Leben mit frohem Mut und--da du ja auch sterben mtest, wenn du so
gehandelt--freundlichen Sinnes gegen die, die dich gehindert!


48

Die Seele des Menschen ist unangreifbar, wenn sie in sich gesammelt
daran sich gengen lt, da sie nichts tut, was sie nicht will, auch
wenn sie sich einmal unvernnftigerweise widersetzen sollte, am meisten
aber, wenn sie jederzeit mit Vernunft zu Werke geht. Darum, sage ich,
ist die leidenschaftslose Seele eine wahre Burg und Festung. Denn der
Mensch hat keine strkere Schutzwehr. Hat er sich hier geborgen, kann
ihn nichts gefangen nehmen. Wer dies nicht einsieht, ist unverstndig;
wer es aber einsieht und dennoch seine Zuflucht dort nicht sucht,
unglcklich.


49

Zu dem, was dich ein erster scharfer Blick gelehrt, fge weiter nichts
hinzu. Du hast erfahren, der und jener rede schlecht von dir. Nun gut.
Aber, da du gekrnkt seist, das hast du nicht gehrt. Du siehst, dein
Kind ist krank. Nun gut. Aber da es in Gefahr schwebe, das siehst du
nicht. Und so lasse es immer bei dem ersten bewenden, und fge nichts
aus deinem Innern hinzu, so wird dir auch nichts geschehen. Hast du aber
dennoch deine weiteren Gedanken dabei, so beweise dich hierin gerade als
ein Mensch, der, was im Leben zu geschehen pflegt, durchschaut hat.


50

"Hier, diese Gurke ist bitter." Lege sie weg! "Hier ist ein
Dornstrauch." Geh ihm aus dem Weg! Weiter ist darber nichts zu sagen.
Wolltest du fortfahren und fragen: aber wozu in aller Welt ist solches
Zeug? so wrde dich der Naturforscher grndlich auslachen, ebenso wie
dich der Tischler und der Schuster auslachen wrde, wenn dus ihnen zum
Vorwurf machtest, da in ihren Werksttten Spne und berbleibsel aller
Art herumliegen. Mit dem Unterschiede, da diese Leute einen Ort haben,
wohin sie diese Dinge werfen, die Natur aber hat nichts drauen. Sondern
das Bewunderungswrdige ihrer Kunst besteht eben darin, da sie, die
sich lediglich selber begrenzt, alles, was in ihr zu verderben, alt und
unntz zu werden droht, so in sich hinein verwandelt, da sie daraus
wieder etwas anderes Neues macht, da sie keines Stoffes auer sich
selbst bedarf und das faul Gewordene nicht hinauswerfen mu. Sie hat an
ihrem eigenen Raume, an ihrem eigenen Material und an ihrer eigenen
Kunst vllig genug.


51

Sei in deinem Tun nicht fahrlssig, in deinen Reden nicht verworren, in
deinen Gedanken nicht zerstreut; la dein Gemt nicht eng werden, noch
leidenschaftlich aufwallen, noch la dich von Geschften vollauf in
Beschlag nehmen. Mgen sie dich ermorden, zerfleischen, verfluchen, was
tuts? Deine denkende Seele kann dessenungeachtet rein, verstndig,
besonnen und gerecht bleiben. Hrt denn die reine se Quelle auf, rein
und s zu quellen, wenn einer, der dabei steht, sie verwnscht? Und
wenn er Schmutz und Schlamm hineinwrfe, wrde sies nicht sofort
ausscheiden und hinwegsplen, um rein zu bleiben wie zuvor? Du auch bist
im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle, wenn du die Seele frei,
liebevoll, einfltig ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weit.


52

Wer nicht wei, was die Welt ist, wei nicht, wo er lebt. Aber nur, der
da wei, wozu er da ist, wei, was die Welt ist. Wem aber eins von
diesen Stcken fehlt, der kann auch wohl seine eigene Bestimmung nicht
angeben. In welchem Lichte erscheint dir nun der Mensch, der um den
lauten Beifall jener buhlt, die nicht wissen, wo noch wer sie sind?


53

Soll dich ein Mensch loben, der sich in einer Stunde dreimal verflucht?
Wie oft strebst du danach, einem Menschen zu gefallen, der sich selber
nicht gefllt? Oder kann sich der gefallen, der fast alles, was er tut,
bereut?


54

Hinfort verkehre du nicht blo mit der dich umgebenden Luft, sondern
ebenso auch mit dem alles umgebenden Geiste! Denn der Geist ergiet und
verteilt sich nicht minder berall dahin, wo jemand ist, der ihn
einzusaugen vermag, als die Luft dahin, wo man sie atmen kann.


55

Im allgemeinen schadet das Bse der Welt nicht, und im einzelnen Falle
schadet es nur dem, dem es vergnnt ist, sich frei davon zu machen,
sobald er nur will.


56

Nach meinem Dafrhalten ist die Ansicht, die mein Nchster hat, etwas
ebenso Gleichgltiges fr mich als sein ganzes geistiges und leibliches
Wesen. Denn wenn es auch durchaus richtig ist, da wir einer um des
andern willen da sind, so ist doch jede unserer Seelen etwas
Selbstndiges fr sich. Wre dies nicht, so mte ja auch die
Schlechtigkeit meines Nebenmenschen mein Verderben sein, was doch der
Gottheit nicht gefallen hat, so einzurichten, damit mein Unglck nicht
von andern abhngig sei.


57

Die Sonnenstrahlen scheinen von der Sonne herzustrmen, und wiewohl sie
sich berallhin ergieen, werden sie doch nicht ausgegossen. Denn
dieses Flieen und Gieen ist nichts als Ausdehnung. Recht deutlich kann
man sehen, was der Strahl sei, wenn die Sonne durch eine enge ffnung in
einen dunkeln Raum scheint. Ihr Strahl fllt in gerader Richtung und
wird, nachdem er die Luft durchschnitten hat, an dem gegenberstehenden
Krper gleichsam gebrochen. Doch bleibt er an ihm haften und lscht
nicht aus. Ebenso mssen nun die Ausstrahlungen der Seele sein, kein
Ausgieen, sondern ein sich Ausdehnen, kein heftiges und strmisches
Aufprallen auf die sich entgegenstellenden Dinge, aber auch kein
Herabgleiten von ihnen, sondern ein Beharren und Erleuchten alles
dessen, was ihrer Strmung begegnet, und so, als beraube jegliches Ding
sich selbst ihres Glanzes, wenn es ihn nicht empfngt.


58

Wer sich vor dem Tode frchtet, frchtet sich entweder vor dem Erlschen
jeglicher Empfindung, oder vor einem Wechsel des Empfindens. Aber wenn
man gar nichts mehr fhlt, ist auch ein Schmerz nicht mehr mglich.
Erhalten wir aber ein anderes Fhlen, so werden wir andere Wesen, hren
also auch nicht auf zu leben.


59

Die Menschen sind freinander geboren. So belehre oder dulde, dies
nicht wissen.


60

Anders ist der Flug des Geschosses und anders der, den der Geist nimmt.
Und doch bewegt sich der Geist, wenn er Bedacht nimmt, oder wenn er
berlegt, nicht weniger in gerader Richtung und dem Ziel entgegen.


61

Suche einzudringen in jedes Menschen Inneres, aber verstatte es auch
jedermann, in deine Seele einzudringen!




Neuntes Buch


1

Wer unrecht handelt, handelt gottlos. Denn die Natur hat die
vernnftigen Wesen freinander geschaffen nicht da sie einander
schaden, sondern nach Wrdigkeit einander ntzen sollen. Wer ihr Gebot
bertritt, frevelt demnach offenbar wider die lteste der Gottheiten.
Auch der mit Lgen umgeht, ist gottlos. Denn die Natur ist das Reich des
Seienden. Alles aber, was ist, stimmt als solches berein mit seinem
Grunde. Und diese bereinstimmung nennt man Wahrheit. Auf ihr beruht
alles, was man wahr nennt im einzelnen Falle. Der Lgner also handelt
gottlos, weil er andere betrgt und somit unrecht handelt, tut ers mit
Absicht. Geschieht es unwillkrlich weil er nicht mit der Natur im
Einklang ist, handelt er gottlos, weil er die Ordnung strt, indem er
ankmpft gegen das Ganze. Denn im Kampf ist jeder, der sich wider die
Wahrheit bestimmt, weil er von Natur fr sie bestimmt ward. Wer aber
dies auer acht lt, ist schon so weit, Wahrheit und Lge nicht
unterscheiden zu knnen. Endlich handelt auch der gottlos, der dem
Vergngen nachgeht als einem Gute und vor dem Schmerz als einem bel
flieht, da ein solcher notwendig oft in den Fall kommt, die Natur zu
tadeln, als teile sie den Guten und den Schlechten ihre Gaben nicht nach
Verdienst aus. Denn wie oft genieen bse Menschen Glck und Freude, und
haben, was ihnen Freude schaffen kann, whrend die Guten dem Leid
anheimfallen und dem, was Leiden schafft. Ferner wird, wer sich vor dem
Schmerze frchtet, auch nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken knnen,
was schon gottlos ist, whrend der, der nach Lust strebt, sich kaum des
Unrechts wird enthalten knnen, was offenbar gottlos ist. Und jedenfalls
mu doch, wer in bereinstimmung mit der Natur leben und ihr folgen
will, gleichgltig gegen das sein, wogegen sich die Natur gleichgltig
verhlt, das aber tut sie gegen Lust und Schmerz, gegen Tod und Leben,
Ehre und Schande. Wer also alles dies nicht gleichgltig ansieht, ist
offenbar gottlos. Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient sich
derselben nach einerlei Regel (das heit, sie begegnet nach dem Gesetz
der Aufeinanderfolge den jetzigen wie den knftigen nach einerlei Regel)
kraft eines uranfnglichen Zuges der Vorsehung, vermge dessen sie von
einem bestimmten Anfang her zur gegenwrtigen Welteinrichtung
fortschritt, indem sie gewisse Grundstoffe des Werdenden zusammenfate
und die erzeugenden Krfte der Stoffe selbst, ihrer Verwandlungen und
ihrer derartigen Aufeinanderfolge abgrenzte.


2

Besser wrs, wenn man die Welt verlassen knnte, ehe man all die Lge
und Heuchelei, den Prunk und Stolz geschmeckt. Hat man nun aber diese
Dinge einmal schmecken mssen, so ists doch wohl der gnstigere Fall,
dann bald die Seele auszuhauchen, als mitten in dem Elend sitzen zu
bleiben? Oder hat dich die Erfahrung nicht gelehrt, die Pest zu fliehen?
und welche Pest ist schlimmer, die Verdorbenheit der uns umgebenden
Luft, die Pest, die nur das tierische Wesen als solches trifft, oder die
Verderbnis der Seele, die eigentliche Menschenpest?


3

Denke nicht gering vom Sterben, sondern la es dir wohlgefallen wie
eines der Dinge, in denen sich der Wille der Natur ausspricht. Denn von
derselben Art wie das Kindsein und das Altsein, das Wachsen und
Mannbarwerden oder das Zahnen und Brtigwerden und Graues-Haar-Bekommen
oder das Zeugen und Gebren und alle diese Ttigkeiten der Natur, wie
sie die verschiedenen Zeiten des Lebens mit sich bringen, ist auch das
Sterben. Daher ist es die Sache eines verstndigen Menschen, weder mit
Gleichgltigkeit noch mit heftiger Gemtsbewegung noch in bermtiger
Weise an den Tod zu denken, sondern auf ihn zu blicken eben wie auf
eine jener Naturwirkungen. Und wie du des Augenblickes harrst, wo das
Kindlein der Mutter Scho verlassen haben wird, so erwarte auch die
Stunde, da deine Seele dieser Hlle entweichen wird.--Eindringlich ist
auch jene gewhnliche Regel, die man gibt, um jemand zur Zufriedenheit
mit dem Lose der Sterblichkeit zu stimmen: einmal, sieh dir die Dinge
genau an, von denen du dich trennen mut, und dann in ethischer
Beziehung, welch ein Elend, womit du einst nicht mehr verflochten sein
wirst! Zwar ist es keineswegs ntig, sich daran zu stoen, Pflicht ist
es vielmehr, es zu lindern oder ruhig zu ertragen, allein man darf doch
daran denken, da es nicht eine Trennung gibt von gleichgesinnten
Menschen. Denn dies wre das einzige, was uns rckwrts ziehen und an
das Leben fesseln knnte, wenn es uns vergnnt wre, mit Menschen
zusammenzuleben, die von denselben Grundstzen und Ideen beseelt sind
wie wir. Nun aber weit du ja, welches Leiden der Zwiespalt ist, der
unter den Menschen herrscht, und kannst nicht anders als den Tod
anflehen, da er eilig kommen mge, damit du nicht auch noch mit dir
selbst in Zwiespalt gertst.


4

Wer unrecht handelt, schadet sich selbst.


5

Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut, nicht blo, der etwas tut.


6

Wenn du gesundes Urteil hast und die Gewohnheit, fr andere zu handeln,
und ein Gemt, das mit den ueren Verhltnissen zufrieden ist, so hast
du genug.


7

Unterdrcke die bloe Einbildung, trenne den Trieb, dmpfe die Begierde;
erhalte dem herrschenden Teil deiner Seele die Herrschaft ber sich
selbst!


8

Wie es nur eine Erde gibt fr alles Irdische, ein Licht fr alles, was
sehen, und eine Luft fr alles, was atmen kann, so ist es auch nur ein
Geist, der unter smtliche Vernunftwesen verteilt ist.


9

Alle Dinge von derselben Art streben zueinander als zu dem Gleichartigen
hin. Alles, was von Erde ist, gleitet zur Erde, alles Flssige luft
zusammen, und so auch das Luftige, so da es der Gewalt bedarf um solche
Dinge auseinanderzuhalten. Das Feuer hat zwar seinen Zug nach oben,
vermge des Elementarfeuers, aber auch da erfat es alles ihm hnliche
und bringt die trockeneren Stoffe zum Brennen, eben weil diesen weniger
von dem beigemischt ist, was ein Entflammen hindert. Ebenso nun und noch
mehr strebt auch alles, was der vernnftigen Natur angehrt, zueinander
hin. Denn je edler es ist als das brige, um so bereiter ist es auch,
sich dem Verwandten zu einen und mit ihm zusammenzugehen. Schon auf der
Stufe der vernunftlosen Wesen finden sich Scharen und Herden, findet
sich das Auffttern der Jungen, eine Art von Liebe. Denn schon hier ist
Seele und jener Gemeinschaftstrieb in hherer Weise, als er in der
Pflanzenwelt und im Gestein sich findet. Bei den Vernunftbegabten nun
kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, Genossenschaften, und in
den Kriegen selbst zu Bndnissen und Waffenstillstnden. Und wenn wir zu
den noch hheren Wesen fortschreiten, mgen sie auch um Unendlichsten
auseinander sein: auch da ist Einheit, wie bei den Sternen; so da, je
hher wir kommen, desto entschiedener die Sympathie sich auch auf die
Entferntesten erstreckt. Aber was geschieht? Die vernnftigen Wesen
allein sind es, die dieses Zueinanderstrebens, dieses Zusammenhaltens
nicht eingedenk bleiben, und hier allein vermag man jenes
Zusammenflieen nicht wahrzunehmen! Und dennoch--: mgen sie sich
immerhin fliehen, sie umschlieen sich doch. Die Natur zwingt sie. Man
sehe nur genau! Eher findest du Erde, die nicht an Erde hngt, als einen
Menschen vom Menschen abgelst.


10

Frucht bringen Mensch und Gott und Welt, ein jegliches zu seiner Zeit,
in anderer Weise freilich als der Weinstock und dergleichen Dinge. Auch
die Vernunft hat ihre Frucht, von allgemeiner und von individueller Art.
Und was aus ihr hervorgeht, ist eben immer wieder--Vernunft.


11

Belehre den Fehlenden eines Besseren, wenn du es vermagst. Wo nicht,
erinnere dich, da dir fr diesen Fall Nachsicht verliehen ist. Auch die
Gtter sind nachsichtig, ja sie sind den Fehlenden zu einigem, wie
Gesundheit, Reichtum, Ehre behilflich. So gtig sind sie! Auch du kannst
es sein. Oder, sage, wer hindert dich daran?


12

Leide nicht mit der Miene eines Unglcklichen oder in der Absicht,
bewundert oder bemitleidet zu werden. Wolle vielmehr nur das eine,
deine Kraft in Bewegung zu setzen oder zurckzuhalten, wie es das
Gemeinwesen erheischt.


13

Heut, sprichst du, bin ich aller meiner Plage entronnen. Sag lieber:
heut hab ich all meine Plage abgeworfen. Denn in dir, in deiner
Vorstellung war sie, nicht auer dir.


14

Alles bleibt sich gleich. Gewhnlich in Hinsicht auf Erfahrung,
vergnglich in Hinsicht auf Zeit, schmutzig in Hinsicht des Stoffes.
Alles, was jetzt ist, war ebenso bei denen, die wir bestattet haben.


15

Die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstnde sind auer uns. Einsam stehen sie
sozusagen vor unserer Tr. Sie wissen nichts von sich selbst, urteilen
auch nicht ber sich. Wer urteilt also ber sie? Der herrschende Teil
unserer Seele.


16

Gut und Bse, Tugend und Laster ruhen bei vernunftbegabten Wesen nicht
auf einem Zustande, sondern auf einer Ttigkeit.


17

Fr den emporgeworfenen Stein ist es ebensowenig ein Glck, in die Hhe
zu fliegen, als ein Unglck herabzufallen.


18

Dringe in das Innere der Seele bei den Herrschenden und du wirst sehen,
vor was fr Richtern du dich frchtest und was fr Richter sie ber sich
selbst sind.


19

Alles wechselt stets. Auch du selbst bist im steten Wechsel begriffen,
um nicht zu sagen in Verwesung. Ebenso die ganze Welt.


20

Das Vergehen eines anderen mu man bei ihm lassen.


21

Das Aufhren der Ttigkeit, Stillstehen der Triebe und der
Vorstellungen--der Tod--ist kein bel. Denn wie ist es mit den
verschiedenen Stufen des Lebens, mit der Kindheit, der Jugend, dem
Mannes- und Greisenalter? ist nicht ihr Wechsel--Tod? und ist das etwas
Schlimmes? Nicht anders der Wechsel der Zeiten. Die Zeiten der Vorvter
hren auf mit dem Zeitalter der Vter usf. Ist bei allen diesen
Vernderungen etwas Schlimmes? Also auch nicht, wenn dein Leben
wechselt, stillsteht und aufhrt.


22

Forsche in deiner eigenen Seele, in der Seele des Weltganzen und in der
deines Nchsten. In deiner eigenen, um ihr Sinn fr Gerechtigkeit
einzuflen, in der des Weltganzen, um dich zu erinnern, wovon du ein
Teil bist, in der des Nchsten, um zu erkennen, ob er wissentlich oder
unwissentlich handelt und um zu fhlen, da sie der deinigen verwandt
sei.


23

So wie deine ganze Persnlichkeit der ergnzende Teil eines Gemeinwesens
ist, so soll auch jede deiner Handlungen das gemeinschaftliche Handeln
dieses Gemeinwesens ergnzen. Tut sie dies nicht, ist sie mehr oder
weniger diesen Absichten fern, so zerstckelt sie dein Leben, hindert
seine Harmonie, ist aufrhrerisch wie ein Mensch, der im Volke seine
Partei dem Zusammenwirken mit den andern entfremdet.


24

Wie Knabenznkereien und Kinderspiele, so flchtig sind unsere
Lebensgeister, mit Leichen belastet. Warum sollte da die Totenfeier
einen Eindruck auf uns machen.


25

Gehe auf das Wesen der urschlichen Kraft jedes Gegenstandes ein und
sieh bei deiner Betrachtung von seinem Stoff ab und bestimme zum Schlu
die lngste Spanne Zeit, die er in seiner ihm eigentmlichen Art dauert.


26

Du hast unendlich gelitten lediglich deshalb, weil deine Seele sich
nicht begngte zu tun, wozu sie gemacht ist.


27

Wenn jemand dich tadelt oder hat oder Schlechtes von dir redet, so gehe
heran an seine Seele, dringe ein, und sieh, was er eigentlich fr ein
Mensch sei. Du wirst finden, da du dich nicht zu beunruhigen brauchst,
was er auch von dir denken mag. Du mut ihm jedenfalls wohlgesinnt
bleiben, da er von Natur dein Freund ist, und da ihm sicherlich auch die
Gtter helfen, wie dir, in all den Dingen, um die sie Sorge tragen.


28

Alles in der Welt dreht sich im Kreise, von oben nach unten, von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Und doch auch in jedes Einzelwesen dringt die
Seele des Alls. Ist dies, so nimm, was sie hervortreibt, mag sie nun
einmal nur sich schpferisch bewiesen haben, so da nun eins aus dem
andern mit Notwendigkeit folgt und alles eigentlich nur eines ist, oder
mag alles atomengleich entstehen und bestehen. Gleichviel. Denn gibt es
einen Gott, so steht alles gut; ist aber alles nur von ungefhr, darfst
du doch nicht von ungefhr sein!


29

Einem reienden Strom gleicht die Welt: Alles fhrt sie dahin. Wie
nichtig die Taten des Menschen, die er politisch oder philosophisch
nennt, wie eitel Schaum! Aber was nun, lieber Mensch? Tue, was die Natur
gerade jetzt von dir fordert. Strebe, wenn dir ein Gegenstand des
Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich, obs einer sieht. Auch
bilde dir den Platonischen Staat nicht ein, sondern sei zufrieden wenn
es nur ein klein wenig vorwrts geht und halte solchen kleinen
Fortschritt nicht gering. Denn wer wird ihre Gesinnung ndern? Ohne eine
solche nderung der Gesinnung aber, was wrde anderes daraus entstehen,
als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein Gehorsam solcher, die sich
stellen, als wren sie berzeugt. Die Alexander, Philippus, Demetrius
von Phalerum mgen zusehen, ob sie erkannt, was die Natur will, und ob
sie sich selbst in Zucht gehalten haben. Waren es aber Schauspieler,
wird mich doch niemand dazu verdammen, sie nachzuahmen. Einfalt und
Wrde kennzeichnen das Geschft der Philosophie. Verfhre du mich nicht
zur Aufgeblasenheit!


30

Betrachte wie von einer Anhhe aus die unzhligen Volkshaufen mit ihren
unzhligen Religionsgebruchen, die Seefahrten nach allen Windrichtungen
unter Strmen und bei ruhiger See und die Verschiedenheiten zwischen den
Dingen, die werden, sind und vergehen! Betrachte auch die Lebensweise,
wie sie vormals unter anderen war, wie sie nach dir sein wird und wie
sie jetzt unter fremden Vlkern herrscht! Ferner wie viele nicht einmal
deinen Namen kennen, wie viele ihn bald vergessen werden, wie viele
jetzt vielleicht deine Lobredner, nchstens deine Tadler sind und wie
weder der Nachruhm, noch das Ansehen, noch sonst etwas von allem, was
dazu gehrt, der Rede wert ist.


31

Ein unerschtterliches Herz den Dingen gegenber, die von auen kommen,
ein rechtschaffenes in denen, die von dir abhngen! Das heit, dein
Streben und Tun finde Ziel und Zweck in gemeinntziger Ttigkeit; denn
das ist deiner Natur gem.


32

Viel unntigen Anla zu deiner Beunruhigung, die ganz und gar auf deinem
Wahn beruht, kannst du aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzglich
weiten Spielraum erffnen. Umfasse nur mit deinem Geist das Weltall,
betrachte die Ewigkeit und dann wieder die schnelle Verwandlung jedes
einzelnen Dings: welch kurzer Zeitraum liegt zwischen seiner Entstehung
und Auflsung, wie unermelich ist die Zeit vor seinem Werden, wie
unendlich nach seinem Ende.


33

Was du um dich siehst, wird bald zerstrt und wer dieser Zerstrung
zuschaut, wird selbst auch sehr bald zerstrt und durch den Tod wird der
lteste Greis mit dem Frhverstorbenen in denselben Zustand versetzt.


34

Wie ihr Inneres beschaffen ist, welche Interessen sie verfolgen, um
welcher Dinge willen sie Lieb und Achtung zollen, das suche zu
erforschen, mit einem Wort: die nackten Seelen!--Wenn man glaubt, durch
Tadel Schaden und durch Lob Nutzen zu stiften, welch ein Glaube!


35

Verlust ist nichts anderes als Vernderung, die die Natur so liebt, wie
wir wissen,--sie, die doch alles richtig macht. Oder wolltest du sagen,
alles, was geschehen sei oder geschehen werde, sei schlecht? Aber sollte
sich dann unter so vielen Gttern nicht wenigstens eine Macht finden,
die es wieder zurechtbrchte? und die Welt sollte verdammt sein, in den
Banden unaufhrlicher bel zu liegen?


36

Der Stoff jeden Dinges ist Fulnis: Wasser, Staub, Knochen, Schmutz. Die
Marmorbrche sind Verhrtungen der Erde, Gold, Silber ihr Bodensatz,
unsere Kleider--Tierhaare, Purpur, Blut und alles brige ist von der
Art. Selbst der Lebensgeist ist von solcher Art, denn er ist auch steter
Umwandlung unterworfen.


37

Genug des elenden Lebens, des Murrens und des ffischen Benehmens! Warum
bist du unruhig, was findest du hier so unerhrt? Was bringt dich auer
Fassung? Die urschliche Kraft der Dinge? Betrachte sie nur! Aber
vielleicht der Stoff? Sieh ihn nur an! Sonst gibt es aber nichts. Sei
also doch endlich argloser und freundlicher gegen die Gtter! Es ist ja
einerlei, ob du diese Untersuchungen hundert oder nur drei Jahre
anstellst.


38

Hat sich jemand vergangen, trgt er den Schaden. Vielleicht hat er sich
aber gar nicht vergangen.


39

Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle des ganzen Weltalls, von
der aus dem All als einem Krper alles zustrmt. Dann darf sich der Teil
ber das, was zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beklagen, Oder das
All ist ein Gewirr von Atomen, zufllig gemischt und zufllig getrennt.
Wozu dann deine Unruhe? Sprich nur zu deiner Vernunft: "Du bist tot,
schon in Verwesung und wie ein Tier, das auf die Weide geht und seinen
Hunger stillt."


40

Entweder die Gtter vermgen nichts, oder sie haben Macht. Knnen sie
nichts, was betest du? Haben sie aber Macht, warum bittest du sie nicht
lieber darum, da sie dir geben, nichts zu frchten, nichts zu begehren,
dich ber nichts zu betrben, als darum, da sie dich vor solchen
Dingen, die du frchtest, bewahren oder solche, die du mchtest, dir
gewhren? Denn wenn sie den Menschen berhaupt helfen knnen, so knnen
sie ihnen doch auch dazu verhelfen. Aber vielleicht entgegnest du, das
htten die Gtter in deine Macht gestellt. Nun, ist es denn da nicht
besser, was in unserer Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als mit
knechtischem gemeinem Sinn dahin zu langen, was nicht in unserer Macht
steht? Wer aber hat dir gesagt, da die Gtter uns in den Dingen, die in
unserer Hand liegen, nicht beistehen? Fange nur an, um solche Dinge zu
bitten, dann wirst du ja sehen! Einer bittet, er mchte frei werden von
einer Last? du bitte, wie dus nicht ntig haben mchtest, davon befreit
zu werden. Jener, da ihm sein Kind erhalten werden mge? du, da du
nicht frchten mgest, es zu verlieren usf. Mit einem Wort, gib allen
deinen Gebeten eine solche Richtung, und sieh, was geschehen wird.


41

Epikur erzhlt: in meinen Krankheiten erinnere ich mich nie eines
Gesprchs ber die Leiden des Menschen; nie sprach ich mit denen, die
mich besuchten, darber. Sondern ich arbeitete weiter, ber
naturhistorische Gegenstnde im allgemeinen und besonders nachdenkend,
wie die Seele, trotzdem, da sie an den Bewegungen im Krper teilhat,
ruhig bleiben und das ihr eigentmliche Gut bewahren mge. Auch gab ich
den rzten niemals Gelegenheit, sich meinetwegen zu rhmen, als htten
sie etwas ausgerichtet, sondern lebte nachher nicht angenehmer und
besser wie vorher. So halte es auch du, in Krankheiten nicht blo,
sondern in jeder Widerwrtigkeit. Den Grundsatz haben alle
Philosophenschulen, gerade unter milichen Verhltnissen der Philosophie
sich treu zu zeigen, mit Leuten, die dem wissenschaftlichen Denken
fernstehen, lieber nicht zu schwatzen und seine Gedanken lediglich auf
das jedesmal zu Tuende und auf die Mittel zur Ausfhrung dessen, was uns
obliegt zu richten.


42

Sooft dir jemand mit seiner Unverschmtheit zu nahe tritt, lege dir die
Frage vor, ob es nicht Unverschmte in der Welt geben msse? Denn das
Unmgliche wirst du doch nicht verlangen. Und dieser ist nun eben einer
von den Unverschmten, die es in der Welt geben mu. Dasselbe gilt von
den Schlaukpfen, von den Treulosen, von jedem Lasterhaften. Und sobald
dir dieser Gedanke gelufig wird, da es unmglich ist, da solche Leute
nicht sind, siehst du dich auch sofort freundlicher gegen sie gestimmt.
Ebenso frommt es, daran zu denken, welche Tugend die Natur jeder dieser
bsen Richtungen gegenber dem Menschen verliehen hat. So gab sie z.B.
der Lieblosigkeit gegenber, gleichsam als Gegengift die Sanftmut.
berhaupt aber steht dir frei, den Irrenden eines Besseren zu belehren.
Und ein Irrender ist jeder Bse: er fhrt sich durch sein Unrecht selbst
vom vorgesteckten Weg ab. Was aber schadet dirs? Vermag er etwas wider
deine Seele?--Und was ist denn bles oder Fremdartiges daran, wenn ein
zuchtloser Mensch tut, was eben eines solchen Menschen ist. Eher httest
du dir selbst darber Vorwrfe zu machen, da du nicht erwartet hast, er
werde solches tun. Deine Vernunft gibt dir doch Anla genug zu dem
Gedanken, da es wahrscheinlich sei, er werde sich auf diese Weise
vergehen, und nun, weil du nicht hrst auf das, was sie dir sagt,
wunderst du dich, da er sich vergangen hat! Jedesmal also, wenn du
jemand der Treulosigkeit oder der Undankbarkeit beschuldigst, richte den
Blick in dein eigenes Innere. Denn offenbar ist es doch dein Fehler,
wenn du einem Menschen von solchem Charakter dein Vertrauen schenktest
oder wenn du ihm eine Wohltat erwiesest mit allerlei Nebenabsichten und
ohne den Lohn deiner Handlungsweise nur in ihr selbst zu suchen. Was
willst du denn noch weiter, wenn du einem Menschen wohlgetan? Ists
nicht genug, da du deiner Natur entsprechend gehandelt? strebst du nach
einer besonderen Belohnung? Als ob das Auge Bezahlung forderte dafr,
da es sieht, und die Fe dafr, da sie schreiten! Und wie Aug und
Fu dazu geschaffen sind, da sie das Ihrige haben in der Erfllung
ihrer natrlichen Verrichtungen, so hat auch der Mensch, zum Wohltun
geschaffen, sooft er ein gutes Werk getan und anderen irgendwie
uerlich beistand, eben nur getan, wozu er bestimmt ist, und empfngt
darin das Seinige.




Zehntes Buch


1

Wirst du denn, liebe Seele, wohl einmal gut und lauter und einig mit dir
selbst und ohne fremde Umhllung und durchsichtiger sein, als der dich
umgebende Leib? Froh werden eines liebenswrdigen und liebenden
Charakters? Wirst du einmal befriedigt und bedrfnislos sein, nach
nichts dich sehnend, nichts begehrend, weder Geistiges noch Ungeistiges,
um daran eben nur Genu zu haben? weder mehr an Zeit, noch mehr an Raum
oder Gelegenheit, um den Genu weiter auszudehnen? weder eine gnstigere
Temperatur der Luft, noch eine ansprechendere in deiner menschlichen
Umgebung? vielmehr zufrieden sein mit eben der Lage, in der du dich
befindest, dich berhaupt des Vorhandenen erfreuen und dich berzeugen,
da dir alles zu Gebote steht, da sich alles wohl verhlt und da es
von den Gttern kommt, sich also wohlverhalten mu, sofern es ihnen
selbst wohlgefllig ist und sofern sies ja nur geben mit Rcksicht auf
die Seligkeit des vollkommensten Wesens, des guten und gerechten und
schnen, jenes Wesens, das alles dasjenige erzeugt und zusammenhlt und
umgibt und in sich fat, was, wenn es sich auflst, der Grund zur
Entstehung eines anderen von hnlicher Beschaffenheit wird? Wirst du
mit einem Worte wohl einmal eine Seele sein, die mit Gttern und
Menschen so verkehrt, da du weder an ihnen etwas auszusetzen hast, noch
da sie dich beschuldigen knnen?


2

Nachdem du erforscht, was deine Natur fordert, was rein nur ihrem Gebot
entspricht, so fhre dasselbe nun auch aus oder la es zu, sofern
dadurch das Triebleben an dir nicht schlechter wird. Dann frage dich,
was ebendieser Seite deines Wesens entspricht und vergnne es dir,
sofern dadurch das Vernnftige an dir nicht leidet--das Vernnftige, das
immer zugleich auch ein Geselliges ist. Und wenn du diesen Grundstzen
folgst, bedarf es keines anderen Bestrebens.


3

Entweder hast du von Natur die Kraft, jedes dir begegnende Geschick zu
ertragen oder es gebricht dir an dieser natrlichen Kraft. Trifft dich
nun ein Schicksal, das zu ertragen du stark genug bist, sei nicht
ungehalten und ertrage es durch deine natrliche Kraft. bersteigt es
aber diese natrliche Kraft, sei auch darber nicht unwillig. Was dich
zugrunde richtet, wird auch zugrunde gehen. Jedoch vergi auch nicht,
da du bestimmt bist, alles zu ertragen, was ertrglich und leidlich zu
machen deine Vorstellung die Macht hat, durch den Gedanken nmlich, da
es dir heilsam oder da es deine Pflicht sei.


4

Irrt sich jemand, so belehre ihn mit Wohlwollen und zeige ihm, was er
bersehen hat! Vermagst du das aber nicht, so klage dich selbst an oder
auch dich selbst nicht einmal!


5

Alles, was dir geschieht, ist dir von Ewigkeit her vorausbestimmt. Jener
groe Zusammenhang von Ursache und Wirkung hat beides, dein Dasein und
dieses dein Geschick, von Ewigkeit aufs innigste verwoben.


6

Mag die Welt ein Gewirr von Atomen oder ein geordnetes Ganzes sein, mein
erster Grundsatz sei: Ich bin ein Teil des Ganzen und stehe unter der
Herrschaft der Natur.--Der zweite: Ich hnge mit allen gleichartigen
Teilen eng zusammen. Eingedenk des ersten Grundsatzes werde ich nicht
unzufrieden sein, was mir auch fr Anteil am Ganzen zugedacht ist. Es
kann nichts einem Teil schaden, was dem Ganzen zutrglich ist. Denn das
Ganze enthlt nichts, was ihm nicht selbst zutrglich wre. Smtliche
Wesen haben das miteinander gemein, da sie von keinem ihnen uerlichen
Umstande gezwungen werden knnen etwas hervorzubringen, was ihnen selbst
schdlich wre. Und dasselbe gilt natrlich auch von der ganzen Welt.
Was aber dem Ganzen ntzt, kann dem Teile nicht schdlich sein, d.h. ich
darf nicht klagen ber das, was von dem All mir zugeteilt wird. Sofern
ich aber mit den mir gleichartigen Teilen zusammenhnge, werde ich
nichts gegen das Gemeinwohl unternehmen, vielmehr werde ich, mit steter
Rcksicht auf die mir gleichartigen Wesen, mein Streben ganz auf das
gemeine Beste richten und vom Gegenteil ablenken. Fhre ich diese
Vorstze aus, mu mein Leben glcklich dahinflieen, so glcklich, als
nach Erfahrung das Leben eines Brgers verluft, das von einer seine
Mitbrger beglckenden Tat zur anderen fortschreitet und mit Freuden
bernimmt, was ihm der Staat auch auferlegt.


7

Alle Teile des Ganzen, das heit die vom Weltraum umschlossenen Dinge,
mssen notwendig zerstrt oder mit einem richtigen Ausdruck umgewandelt
werden. Wre nun dies von Natur aus ein bel fr sie, so stnde das
Ganze bei dem steten Wechsel der Teile und ihrem vorausbestimmten
Untergang unter keiner guten Leitung. Denn sollte die Natur selbst die
Einrichtung getroffen haben, ihren eigenen Teilen Schlimmes zuzufgen,
ja sie nicht nur ins Unglck zu strzen, sondern diesen Sturz sogar
notwendig machen? Oder sollte es ihr verborgen sein, da derartiges
eintrte? Beides ist nicht zu glauben. Wollte nun jemand, von der
Allnatur absehend, diese Umwandlung nur aus dem Wesen der Dinge
ableiten, so ist es bei alledem lcherlich, einerseits zu behaupten, da
die Teile des Ganzen sich ihrer Anlage nach verwandeln mssen, und
andererseits sich ber manches Naturereignis zu verwundern oder zu
rgern, zumal die Auflsung in jene Teile erfolgt, aus denen das Ding
entstanden ist, sei diese nun eine Zerstubung der Grundstoffe, woraus
es zusammengesetzt war, oder ein bergang, z.B. der festen Teile in das
Erdige, der geistigen in das Luftige, so da auch diese in den Keimstoff
des Weltganzen aufgenommen werden, mag dieses nun nach einem bestimmten
Kreislauf der Zeit in Feuer auflodern oder sich in stetem Wechsel wieder
erneuen. Bilde dir aber nicht ein, da jene festen und geistigen Teile
von Geburt an dir kleben. Dies alles ist dir vielmehr erst von gestern
und vorgestern durch Speisen und eingeatmete Luft zugeflossen. Mithin
wird nur das, was deine Natur auf solche Art angenommen, nicht aber
das, was von der Mutter Natur dir angeboren ist, umgewandelt. Wolltest
du aber auch vorgeben, da diese jenes mit deiner besonderen
Eigentmlichkeit so eng verflochten habe, so halte ich dieses Vorgeben
in der Tat fr einen nichtigen Einwurf gegen meine Behauptung.


8

Hast du die Namen: gut, ehrfrchtig, wahrhaft, verstndig, gleichmtig,
hochherzig dir beigelegt, so sorge dafr, da du sie nie verlierst oder
immer bald wieder erwirbst. Aber bedenke auch, was sie besagen!
Verstand--ein sorgsam erworbenes, grndliches Wissen um Einzelnes?
Gleichmut--ein bereitwilliges Aufnehmen des von der Natur uns
Zuerkannten; Hochherzigkeit--ein Erhabensein des Geistes ber jede leise
oder laute Regung im Fleisch, ber das, was man Ehre nennt, auch ber
den Tod und alles dieses. Vermagst du nun, dich diesen Namen zu
erhalten, ohne doch gerade danach zu streben, da andere dich bei ihnen
nennen, so wirst du ein anderer Mensch sein und ein anderes Leben
anfangen. Bleibst du aber noch ferner, wie du bisher warst, fhrst fort
in einer Lebensweise, die dich befleckt und aufreibt, so bist du ein
gewissenloser Mensch, ein Mensch, der eben nichts als leben will, und
gleichst jenen Halbmenschen, die man mit wilden Tieren kmpfen lt,
die nmlich, wenn sie mit Wunden bedeckt und mit Blut besudelt sind,
instndigst bitten, man mchte sie doch bis auf den folgenden Tag
aufheben, um--wieder vorgeworfen zu werden denselben Krallen und
denselben Zhnen. Also tauche dein Wesen in jene wenigen Namen. Und wenn
du es nur irgend ermglichen kannst, halte bei ihnen aus, wie einer, der
auf den Inseln der Seligen gelandet. Merkst du aber, da man dich
heraustreiben will und da du nicht obsiegen wirst, so ziehe dich eilig
in einen Winkel zurck wo du dich wahren kannst; oder--verlasse das
Leben!--Um jener Namen eingedenk zu bleiben, ist es kein schlechtes
Hilfsmittel, sich die Gtter vorzuhalten, die nicht sowohl begehren, da
man sie schmeichelnd verehre, als da alle vernunftbegabten Wesen ihnen
hnlich werden, und da der Mensch tue, was des Menschen ist.


9

Hast du hohe und heilige Wahrheiten dir ohne selbstndiges Forschen eben
nur eingebildet, so werden sie dir auch wieder abhanden kommen, so
knnen Komdienspiel, Anfeindung, Furcht, Schrecken, Knechtschaft sie
dir tglich entreien. Es gilt aber, sich eine solche Anschauungs- und
Lebensweise anzueignen, da man das Vorliegende sofort abzutun
jederzeit bereit ist und doch dabei weder die geistige Ausbildung auer
acht lt, noch das Vertrauen verleugnet, womit uns jede tiefere
Erkenntnis der Dinge erfllt, das zwar an sich ein innerliches ist, doch
aber nicht verborgen bleiben kann. Denn alsdann wirst du deiner
Lauterkeit, deiner Wrde froh werden, was jedes Ding seinem Wesen nach
ist, welche Stelle es in der Welt einnimmt, wie lang es seiner Natur
nach dauern wird, aus welchen Teilen es besteht, wem es zufallen, wer es
geben und rauben kann.


10

Eine kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine Fliege erjagt hat,
jener Mensch, wenn er ein Hschen, dieser, wenn er in seinem Netz eine
Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder Bren, und noch ein
anderer, wenn er Sarmaten fngt. Sind aber diese, wenn man die
Triebfeder untersucht, nicht insgesamt Ruber?


11

Erwirb dir die Kenntnis, die Art der Verwandlung aller Dinge ineinander
wissenschaftlich zu untersuchen. Merke bestndig darauf und be dies in
diesem Fach! Denn nichts frdert so gut die Hochherzigkeit. Wer diese
besitzt, hat seinen Leib schon abgestreift und wenn er bedenkt, da er
in nicht gar langer Zeit dieses alles verlassen und aus dem
Menschenleben scheiden mu, so bergibt er sich in betreff dessen, was
er leistet, ganz allein der Rechtschaffenheit, in betreff seiner
Schicksale aber der Natur. Was jedoch andere von ihm sagen oder urteilen
oder ihm zuleid tun mgen, das lt er sich nicht anfechten. Denn mit
den zwei Punkten, erstens das gut zu tun, was man zu tun hat, und
zweitens in Liebe hinzunehmen, was einem beschieden ist, lt er alle
anderen Aufgaben und Ziele fahren. Er will nichts, als auf dem Pfad des
Gesetzes seinen Zweck zu verfolgen und also der Gottheit nachzustreben,
die gleichfalls geraden Wegs auf ihr Ziel zugeht.


12

Was fr ein Bedenken hlt dich ab, vor allem zu sehen, was der
Augenblick zu tun gebietet? Freilich mut dus vllig erwogen haben, ehe
du getrost und unbeirrt daran gehen kannst. Ist dir also noch irgend
etwas daran unklar, so halte an und ziehe die Besten zu Rat. Sonst aber,
tritt auch ein Hindernis dir in den Weg, schreite nur besonnen vorwrts,
den einmal empfundenen Antrieben folgend und treu dich haltend an das,
was dir als das Rechte erschienen ist. Denn dies zu verfolgen bleibt
immer das Beste. Ihm untreu werden heit von seiner eigenen Natur
abfallen. Darum sage ich, da wer in allen Stcken der Vernunft
gehorcht, ruhig und leicht bewegt, heiter und ernst zugleich zu sein
vermag.


13

Frage dich, sobald du des Morgens aufgestanden bist: geht es dich etwas
an, ob ein anderer das Gute und Rechte tut? Nichts gehts dich an. Hast
du vergessen, was das fr Leute sind, die ewig nur zu loben oder zu
tadeln wissen? wie sies treiben auf ihrem Lager, bei Tafel, berall,
was es fr Diebe und Ruber sind, nicht uerlich mit Hnden und Fen,
sondern innerlich an dem kostbarsten Teile ihres Wesens, mit dem sie
sich doch, wenn sie wollten, Glauben, Ehrfurcht, Wahrheit, Sitte, den
guten Genius zu eigen machen knnten.


14

Der wohlgesittete und ehrfurchtsvolle Mensch sagt zur Natur, der alles
spendenden und wieder nehmenden: gib, was du willst, und nimm, was du
willst. Er sprichts nicht etwa, zu besonderem Mut sich aufraffend,
sondern aus reinem Gehorsam und aus Liebe.


15

Du hast nur noch wenig zu leben. Lebe wie auf einem Berge! Gleichviel wo
in der Welt du lebst, denn die Welt ist ein Menschenverein. Und die
Menschen sollen eben den wahren Menschen, den der Natur gem lebenden
schauen und beschauen. Mgen sie ihn immerhin aus dem Wege rumen, wenn
sie ihn nicht vertragen knnen.


16

Nun gilt es nicht mehr zu untersuchen, was ein tchtiger Mensch sei,
sondern einer zu sein.


17

Der Gedanke an die Ewigkeit und an das Weltall sei dir stets nahe:
verglichen mit dem All wird dir dann alles als ein Krnlein und mit der
Ewigkeit verglichen wie ein Handumdrehen erscheinen.


18

Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir in seiner Auflsung,
Verwandlung, gleichsam Verwesung oder Vernichtung vor oder von der
Seite, die ihm von der Natur gleichsam als die vergehende bestimmt ist.


19

Was sind denn die Esser und Trinker und Schlfer und Erzeuger und was
sie sonst machen? was sind sie, die sich aufblhen und so hoch drein
schauen, die so zornig sind und so von oben herab urteilen? Vor
kurzem--wem haben sie gedient und um welchen Preis? Und wieder eine
kleine Weile--wo sind sie dann?


20

Nicht blo, was die Natur dem Menschen schickt, ist ihm zutrglich,
sondern es ist ihm auch gerade dann von Nutzen, wann sies schickt.


21

Der Regen--ein Liebling der Erde; doch auch des blauen Himmels Liebling.
Das Weltall liebt zu tun (sagt man nicht: "liebt, zu tun?") alles, was
eben geschehen soll. Ich also sage zu ihm: deine Liebe ist auch meine.


22

Entweder du lebst hier, wie du gewohnt bist, oder du kommst anderswohin,
wie du am Ende auch gewollt, oder du stirbst und hast ausgedient. Das ist
alles. Drum sei guten Muts!


23

Vergi nicht, da du da, wo du lebst, ganz dasselbe hast, was du im
Gebirge oder an der See oder sonstwo, wohin du dich sehnst, haben
wrdest. Dem Hirten, sagt Plato, der so bei seiner Hrde auf dem Berge
weidet, ists nicht anders zumute, wie dem, den eine Stadtmauer umgibt.


24

Wozu das Herrschende in mir? Und was mache ich jetzt selbst aus ihm?
Oder wozu bediene ich mich jetzt seiner? Ist es ohne Einsicht? Oder von
der Gemeinschaft getrennt und abgerissen? Oder so an das Fleisch
gekettet und mit ihm verschmolzen, da es alle seine Bewegungen teilen
mu?


25

Wer seinem Herrn entluft, ist ein Ausreier. Der Herr ist das Gesetz;
wer also der Befolgung des Gesetzes sich entzieht, ist ein Ausreier.
Nicht minder aber verdient diesen schimpflichen Namen auch der, der sich
erzrnt oder betrbt oder frchtet. Denn er will nicht, da geschehen
wre oder geschehe oder geschehen soll, was der alles Verwaltende, der
allen Gesetz ist, bestimmt.


26

Der eine vertraut dem Mutterscho den Samen und geht dann fort. Dann
nimmt eine andere wirkende Kraft den Samen auf, verarbeitet ihn und
vollendet die Bildung des Kindes. Welch ein Wesen aus solchem Stoff!
Wieder schluckt die Mutter durch den Schlund Nahrung. Dann nimmt diese
eine andere wirkende Kraft auf und bewirkt daraus Empfindung, Reife und
berhaupt Leben und Strke und wer wei wieviele und welcherlei Dinge
sonst! Betrachte nur die verborgenen Wirkungen und lerne die hierbei
ttige Kraft kennen, wie wir auch die Kraft, vermge der die Krper sich
senken oder steigen, zwar nicht sichtbar aber doch geistig wahrnehmen.


27

Denke stets daran, da alles, wie es jetzt ist, auch einst war und dann
schliee, da es knftig ebenso sein werde. Stelle dir alle
gleichartigen Schauspiele und Auftritte vor, die du aus Erfahrung oder
aus der Geschichte kennst, z.B., den ganzen Hof Hadrians, den ganzen Hof
Antonins, den ganzen Hof Philipps, Alexanders und den Hof des Krsus.
berall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen gegeben.


28

Ein Mensch, der seinem Unwillen ber irgend etwas Luft macht und sich
beklagt, unterscheidet sich im Grunde genommen gar nicht von--einem
Stck Vieh, das beim Schlachten mit allen Vieren um sich stt und dazu
schreit. Und anders ist auch nicht einmal der, der auf seinem Lager
hingestreckt stillschweigend seufzt, wenn man ihm den Verband anlegt.
Denn dem vernunftbegabten Wesen ist es doch gegeben--und das ist seine
Auszeichnung, bereitwillig sich in das zu schicken, was ihm geschieht.
Sich schicken wenigstens ist notwendig fr alle.


29

Bei jeglichem Dinge, womit du beschftigt bist, frage dich, ob der Tod
darum, weil er dich seiner beraubt, etwas so Schreckliches ist.


30

Sooft du unter dem Fehler eines anderen zu leiden hast, frage dich, ob
du nicht auch in hnlicher Weise gefehlt, ob du z.B. nicht auch schon
das Geld, das Vergngen, den Ruhm und hnliches fr ein Gut gehalten
hast. Dann wirst du deinen Zorn bald lassen, zumal wenn dir dazu noch
einfllt, da er gezwungen war. Denn was kann er tun? Aber wenn es
mglich wre, befreie ihn von jenem Zwang!


31

Siehst du, Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den Eutyches oder
Hymenes vor; siehst du den Euphrates, so denke an Eutyches oder
Silvanus und auch an Alkiphron und Tropophorus und auch bei Xenophons
Anblick falle dir Kniton oder Severus ein, und indem du auf dich selbst
zurckschaust, stelle dir einen anderen Kaiser und bei jedem wieder
seinesgleichen vor! Dann falle dir zugleich die Frage ein: "Wo sind nun
jene?" Nirgends oder wer wei wo. Denn auf diese Art wird dir alles
Menschliche stets nur als ein Rauch, als ein wahres Nichts erscheinen,
zumal, wenn du dich zugleich erinnerst, da, was sich einmal verwandelt
hat, in der unendlichen Zeit nicht mehr sein werde. Wie lange also du
noch? Warum gengt es dir nicht, diese kurze Spanne Zeit mit Anstand
hinter dich zu bringen? Was fr schwierige Dinge und Aufgaben sind es
denn, denen du aus dem Wege gehen mchtest? Aber was ist denn dies alles
anders als bungen fr die Vernunft, da sie die Dinge des Lebens immer
tiefer und wahrer erschauen lerne? Also verweile nur bei jeglichem
Gegenstande so lange, bis du ihn dir vllig zu eigen gemacht hast, wie
ein starker Magen sich alles zu eigen macht, oder wie ein helles Feuer,
was du hineinwerfen magst, in Glanz und Flamme verwandelt.


32

Niemand msse mit Wahrheit von dir sagen knnen, da du nicht lauter,
da du nicht rechtschaffen seist; vielmehr sei der ein Lgner, der also
von dir urteilen wollte. Das alles aber kommt nur auf dich an. Denn wer
will dich hindern, rechtschaffen und lauter zu sein? Fasse nur den
Entschlu, nicht lnger zu leben, ohne ein solcher Mann zu werden. Auch
die Vernunft billigt es keineswegs, wenn du es nicht bist.


33

Ruhe nicht eher, als bis du es so weit gebracht hast, da ein der
menschlichen Bestimmung entsprechendes Handeln in jedem einzelnen Falle
dir ganz dasselbe ist, was ein Leben in Herrlichkeit und Freude fr die
Genuschtigen. Denn eben als einen Genu mut du es auffassen, wenn dir
vergnnt ist, deiner Natur gem zu leben. Und dies ist dir immer
vergnnt. Nicht so den Dingen der unbeseelten Natur: der Walze ist es
oft verwehrt, sich in der ihr natrlichen Weise zu bewegen und ebenso
dem Wasser und dem Feuer usf. Denn hier sind mannigfache Hindernisse.
Geist aber und Vernunft vermgen Kraft ihrer natrlichen Beschaffenheit
und in Kraft ihres Willens alle Hindernisse zu berwinden. Drum gilt es,
nichts so lebendig vor Augen zu haben, als diese Leichtigkeit, mit der
die Vernunft sich durchzusetzen vermag, mit der sie sich, wie das Feuer
nach oben, der Stein nach unten, die Walze um ihre Achse, durch alles
hindurch bewegt. Was es auch fr sie an Hindernissen gibt, das gehrt
entweder dem toten Leibe an, oder es kann sie, ohne Beihilfe des
Gedankens und wenn sie nicht selbst die Erlaubnis dazu gibt, nicht
verwunden, ihr berhaupt nichts Bses tun. Sonst mte sie ja dadurch
notwendig schlechter werden, wie man dies bei anderen Schpfungen sieht,
da, wenn ihnen etwas bles widerfhrt, sie wirklich darunter leiden,
d.h. dadurch schlechter werden. Beim Menschen aber mu man vielmehr
sagen, wenn er den Hemmungen, auf die er stt, richtig begegnet, wird
er besser dadurch und preiswrdiger.--berhaupt aber denke daran, da
dem eingesessenen Brger nichts schadet, was dem Staate nichts schadet,
und ebensowenig dem Staat, was dem Gesetz nichts schadet. Von dem, was
man Unglcksfall nennt, schadet aber nichts dem Gesetz. Was also dem
Gesetz nichts schadet, schadet weder dem Staat noch dem Brger.


34

Fr den, den wahre Philosophie erfllt, reicht die Erinnerung an jene
Verse hin:

"Bltter verweht zur Erde der Wind nun, andere
        treibt dann
  Wieder der knospende Wald, wenn neu auflebet
        der Frhling.--
  So der Menschen Geschlecht."--

um Traurigkeit und Furcht ihm zu verscheuchen. Bltter sind auch deine
Kindlein. Bltter alles, was so laut schreit, um sich Glauben zu
verschaffen, was so hohes Lob zu spenden oder so zu verfluchen oder nur
so insgeheim zu tadeln oder zu spotten liebt; Bltter auch, die deinen
Ruhm verknden sollen. Denn um die Frhlingszeit keimt alles hervor.
Dann kommt der Herbstwind und wirft wieder alles zu Boden, damit anderes
an seine Stelle trete. Kurze Lebensdauer ist der Charakter aller Dinge.
Du aber fliehst und verfolgst alles, als sollte es ewig dauern. ber ein
Kleines, und auch deine Augen schlieen sich, und den, der dich
bestattet, beweint bald ein anderer.


35

Ein gesundes Auge mu jeden Anblick ertragen knnen und darf nicht immer
blo Grnes sehen wollen. Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist auf
jeden Schall und jeden Geruch gefat. Ein gesunder Magen verhlt sich
gegen jede Speise gleich, wie die Mhle eben alles mahlt, was zu mahlen
geht. Ebenso nun mu auch eine gesunde Seele auf jedes Schicksal gefat
sein. Wer aber spricht: meine Kinder mssen am Leben bleiben, oder: die
Leute mssen stets billigen, was ich tue, dessen Seele gleicht dem Auge,
welches das Grne, oder den Zhnen, die nur Weiches haben wollen.


36

Niemand ist so glcklich, da nicht einst an seinem Sterbelager einige
stehen sollten, die diesen Fall willkommen heien. Ists auch ein
trefflicher und weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer jemand,
der aufatmend von ihm sagt: nun werde ich von diesem Zuchtmeister
erlst; er war zwar keinem von uns lstig, aber ich hatte immer das
Gefhl, als verdamme er uns stillschweigend alle miteinander! Und das
ist beim Tode eines Trefflichen! Wie vieles mag unsereiner also an sich
haben, um deswillen so mancher wnscht, von uns befreit zu werden. Daran
denke in deiner Sterbestunde! Denke, du sollst eine Welt verlassen, aus
der dich deine Genossen, aus der dich die, fr die du so vieles
ausgestanden, soviel gebetet und gesorgt hast, nun hinwegwnschen, indem
sie aus deinem Scheiden so manche Hoffnung schpfen. Was knnte dich
also noch lnger hier festhalten! Und doch darfst du deshalb mit nicht
geringerem Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mut um deiner selbst
willen ihnen Freund bleiben und freundlich, sanft von ihnen Abschied
nehmen, ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Krper trennt, dem
ein seliges Sterben beschieden ist. Denn die Natur hat dich auch so mit
deinen Freunden verbunden. Und wenn sie dich jetzt von ihnen ablst, so
geschieht dies eben als von deinen Freunden, und nicht so, da du von
ihnen fortgerissen wrdest, sondern sanft von ihnen scheidest. Es ist
dies wenigstens auch eine von den Forderungen der Natur.


37

Bei allem, was von anderen geschieht, suche herauszubringen, welchen
Zweck sie verfolgen. Aber fange damit bei dir selbst an, erforsche
zuerst immer dich selbst!


38

Das, was dich bewegt, was dich mit unsichtbaren Fden hierhin und
dorthin zieht, das ist in deinem Innern. Hier schlummert das beredte
Wort, hier wurzelt das Leben, hier ist der eigentliche Mensch. Nie
schreibe diese Bedeutung dem Gefe zu, das dieses dein Inneres umgibt,
oder den Organen, die ihm angegliedert sind. Ohne bewegende Kraft sind
sie nicht mehr, als ein Weberschiff ohne Weber, eine Feder ohne
Schreiber, eine Peitsche ohne Wagenlenker.




Elftes Buch


1

Wir betrachten noch einmal die Eigentmlichkeit der vernnftigen Seele.
Also: sie sieht sich selbst, sie setzt sich selbst auseinander, die
Frucht, die sie hervorbringt erntet sie auch selbst (nicht wie bei den
Frchten, die die Pflanzen- oder Tiernatur hervorbringt, die andere
ernten). Ferner, sie erreicht ihr Ziel, wann immer das Leben zu Ende
sein mag; anders als bei den Tanzstcken, und bei jedem Schauspiel, wo
die ganze Handlung zum bloen Stckwerk wird, wenn etwas dazwischen
kommt. Denn sie fhrt, was sie sich vorgesetzt, vollstndig und makellos
zu Ende, an welchem Teile der Handlung und wo berhaupt sie auch
betroffen werden mag, so da sie sagen kann: "Ich habe das Meinige
beisammen." Sie umfat ferner die ganze Welt samt dem sie umgebenden
Raume, und vermag sich ein Bild von ihr zu machen; sie dringt in die
Unendlichkeit der Zeit, nimmt wahr die periodisch stattfindende
Wiedergeburt aller Dinge, betrachtet sie und erkennt, da, die nach uns
kommen, nichts anderes sehen werden, so wie auch unsere Vorfahren nichts
anderes sahen, sondern da der, der etwa vierzig Jahre alt geworden,
wofern er nur Geist hat, alles was gewesen und was sein wird, gesehen
hat. Endlich ist es der vernnftigen Seele auch eigen, den Nchsten zu
lieben, wahr zu sein, Ehrfurcht zu haben und nichts hher zu achten als
sich selbst. Und in dem allen stimmt sie mit den Forderungen des
allgemeinen Weltgesetzes berein, so da zwischen der gesunden Vernunft
und dem Wesen der Gerechtigkeit kein Unterschied ist.


2

Ein schner Gesang, ein schner Tanz, ein schnes Spiel ist nur so lange
schn, solange man das Ganze anschaut. Zerlegt man aber jenen in seine
einzelnen Tne, diese in ihre einzelnen Bewegungen, und hlt dieselben
fr sich fest, so verlieren sie ihren Reiz. Nur die Tugend und was von
ihr ausgeht, ist und bleibt immer schn. Daher be nur bei allem andern
jene Zergliederung, auch bei der Anschauung des Lebens.


3

Wann ist die Seele wahrhaft bereit, sich von dem Leibe zu trennen und so
entweder zu verlschen oder zu zerstieben, oder mit ihm fortzudauern?
Wenn diese Bereitheit aus dem eigenen Urteil hervorgeht; wenn es nicht
blo aus Hartnckigkeit geschieht, wie bei den Christen, sondern mit
berlegung und Wrde und ohne Schauspielerei, so da auch andere dem
Eindrucke sich nicht entziehen knnen.


4

Hast du etwas getan zum Wohle anderer? Dann hast du auch dein eigenes
gefrdert. Das kann man gar nicht oft genug sich selber sagen.


5

Was treibst du fr eine Kunst? Die Kunst, gut zu sein. Wie knnte dies
aber anders gelingen als durch klare Einsicht in das Wesen der Natur und
des Menschen.


6

Zuerst entstanden die Tragdien, die uns erinnern, da alles, was
geschieht, gerade so geschehen msse. Und dann wollen wir doch, was uns
auf der Bhne ergtzt, uns nicht zum Ansto gereichen lassen, wenns auf
der greren Bhne uns entgegentritt. Auf die Tragdie folgt die alte
Komdie. Ihr Freimut war erzieherisch. Wir wurden durch ihr
offenherziges Wesen gemahnt, Prunk und Stolz abzutun. Daher entlehnte
sogar ein Diogenes nicht selten aus ihr. Dann kam die Komdie der
mittleren Zeit und dann die neueste. Sie artete bald in ein knstliches
Wesen der Nachahmung aus. Und wenn wir auch nicht verkennen da sie so
manches Treffliche enthlt, so frage ich doch: welchen Zweck denn
eigentlich diese ganze dramatische Poesie verfolge?


7

Wie weit bist du in der Erkenntnis, da keine andere Lebensweise zum
Philosophieren so geeignet sei, als die, die du jetzt gerade fhrst?


8

Ein Zweig von seinem Nachbarzweige losgehauen, ist damit notwendig
zugleich auch vom ganzen Baume abgehauen. So auch der Mensch: hat er
sich nur mit einem einzigen zerspalten, so ist er von der ganzen
menschlichen Gesellschaft abgefallen. Den Zweig nun haut ein anderer ab,
der Mensch aber trennt durch seinen Ha und seine Feindschaft sich
selbst von seinem Nchsten, freilich, ohne es zu wissen, da er sich
damit auch vom Ganzen losgerissen. Doch ist es ein Geschenk des Gottes,
der die menschliche Gesellschaft grndete, da es uns freisteht, mit
dem, woran wir frher hielten, wiederum zusammenzuwachsen und so zur
Vollendung des Ganzen wieder beizutragen, nur da, je fter eine solche
Lostrennung geschieht, die Einigung und Wiederherstellung desto
schwieriger wird, und da ein Zweig, der von Anfang an im Zusammenhange
mit dem Stamme blieb und mit ihm verwachsen stets dasselbe ein- und
aushauchte, doch ein ganz ander Ding ist, als der Zweig, der erst
getrennt, dann wieder eingepfropft worden. Denn was auch die Grtner
sagen mgen: er wchst wohl an, doch nicht zu jener vollen
Lebenseinheit.


9

Wer dich auch hindern mchte in der Befolgung rein vernnftiger
Grundstze--, wie es ihm nicht gelingen soll, dich deiner gesunden
Lebensweise wirklich abwendig zu machen--, so soll er noch viel weniger
deinem Herzen die freundliche Gesinnung entreien. Verrt es doch
dieselbe Schwche, wenn man solchen Leuten gram wird, wie wenn man
seinem Vorsatz untreu wird, sich niederschlagen lt und vom Platze
weicht. Den Fahnenflchtigen gleichen beide, der sowohl der aus Furcht
zurcktritt, wie der, der mit seinem natrlichen Freund und Bruder
verfeindet ist.


10

Kein Naturprodukt steht einem Erzeugnisse der Kunst nach, denn die
Knste sind Nachahmer der Natur. Darum drfte denn wohl dem
vollkommensten und umfassendsten Naturwesen die knstlerische
Geschicklichkeit nicht fehlen. Und wie die Knste das Geringere nur
leisten um des Besseren willen--darin der Natur selber hnlich--: so
auch der Mensch, wofern Gerechtigkeit entstehen soll, aus der dann
weiter alle brigen Tugenden sich entwickeln. Denn wollten wir uns nur
mit sittlich gleichgltigen Dingen zu schaffen machen, wollten wir
leichtglubig, voreilig, wetterwendisch sein, so stnde es schlecht um
die Gerechtigkeit.


11

Nicht kommen die Dinge, die du mit Leidenschaft suchst oder fliehst, zu
dir, nicht sie drngen sich dir auf, sondern du drngst dich ihnen auf.
Kannst du das Nachdenken ber sie nur lassen, so bleiben sie auch ruhig
wo sie sind, und man wird dich alsdann nicht ihnen nachlaufen oder auf
der Flucht vor ihnen sehen.


12

Die Seele gleicht einer vollkommenen Kugel, insofern sie sich weder nach
etwas hindehnt, noch nach innen einluft, weder zerstreut wird, noch
zusammenschmilzt. Sie wird von einem Licht erleuchtet, bei dem sie die
allgemeine Wahrheit und die eigene erkennen kann.


13

Wenn ich bereit bin, einem Irrenden das Rechte zu zeigen, so soll ich
das nicht etwa tun aus Begierde, ihn blozustellen, auch nicht, um mit
meiner Langmut zu prahlen, sondern in Liebe und Aufrichtigkeit, wie die
Geschichte von Phokion erzhlt, wofern dieser Mann nicht etwa wieder mit
seiner Aufrichtigkeit geprahlt hat. Es mu ein innerliches Tun sein, die
Gtter mssen einen Menschen sehen, der nichts mit rger aufnimmt,
niemals sich beklagt. Denn was gbe es auch wohl Schlimmes fr dich,
wenn du das stets freiwillig tust, was deiner Natur entspricht, das
Gemeinwohl auf jede mgliche Weise zu frdern, was der Allnatur gerade
dienlich ist.


14

Die einander verachten, sind gerade die, die einander zu gefallen
streben; und die sich untereinander hervortun wollen, gerade die, die
sich voreinander bcken.


15

Wie zweideutig und schmutzig ist jeder, der zu einem andern sagt:
sprich, meine ichs nicht wirklich gut zu dir? So etwas zu sagen! Es mu
von selber klar werden. Auf deiner Stirn mu es geschrieben stehen: so
ists; aus den Augen mu es hervorleuchten, wie des Liebenden Blick die
Liebe gleich verrt. Geheuchelte Aufrichtigkeit ist wie ein Dolch.
Nichts hlicher als Wolfsfreundschaft. Meide sie allermeist! Der
Gutgesinnte, Aufrichtige und Wohlwollende zeigt sich unverkennbar schon
in seinen Augen.


16

Wahrhaft gut zu leben--das ist eine Kraft und Fertigkeit der Seele; und
sie verfgt darber, wenn sie gegen das, was gleichgltig ist, sich
wirklich auch gleichgltig verhlt. Diese Gleichgltigkeit aber beruht
wieder darauf, da man die Dinge sich genau und von allen Seiten
ansieht. Denn wir sind es selbst, die ihnen eine uns ngstigende
Bedeutung unterlegen und sie uns so ausmalen, whrend es doch in unserer
Macht steht, sie nicht so auszumalen, oder wenn sich ein solches Bild
einmal unvermerkt in unsere Seele geschlichen hat, es sofort wieder
auszulschen. Auch braucht es solcher Vorsicht ja nur kurze Zeit! das
Leben geht zu Ende!--Was hat demnach dies richtige Verhalten fr groe
Schwierigkeiten? Denn ist es naturgem, so freue dich und nimm es
leicht, ists naturwidrig, untersuche, was deiner Natur gem ist,
strebe danach, auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jedem ist
gestattet, sein eigenes Wohl zu suchen.


17

Untersuche, woher jedes Ding seinen Ursprung nimmt und aus welchen
Stoffen es besteht und in welche Form es sich verwandelt, wozu es durch
die Umwandlung wird und da ihm damit kein bel widerfhrt.


18

Das Wichtigste ist immer zu wissen, in welchem Verhltnisse ich zu
anderen stehe, nmlich, da wir alle, einer um des anderen willen da
sind (wobei sich das Verhltnis nher auch so gestalten kann, da einer
der Vorgesetzte der andern ist, wie der Widder der Schafherde, der Stier
der Rinderherde). Dann, da man die Menschen beobachtet, wie sies
daheim, bei Tische oder sonstwo zu treiben pflegen, und welche
Grundstze als treibende Kraft in ihnen liegen. Und zumeist, welche
Gewalt haben ihre Grundstze ber sie und mit wieviel Eigendnkel
verrichten sie ihre Handlungen? Drittens, da man bedenkt, da alle, die
unvernnftig handeln, unfreiwillig und unwissend so handeln--und Schmerz
genug fr sie liegt schon darin, da sie eben Ungerechte, Undankbare,
Geizige oder mit einem Worte beltter heien. Ferner, da auch du so
manchen Fehler hast und von derselben Art bist wie sie; da, wenn du
dich von gewissen Vergngungen fern gehalten hast--vielleicht wars
Feigheit oder Ehrgeiz oder etwas dem hnliches, was dich fernhielt--du
doch auch den Charakter hast, aus dem jene Vergehungen entspringen.
Ferner, da es gar nicht immer so feststeht, ob sie gefehlt haben, wenn
es dir auch so scheint. Denn vieles geschieht aus einer weisen
Berechnung der Umstnde, die uns verborgen sein knnen. Man mu
berhaupt erst so manches gelernt haben, ehe man ber die Handlungsweise
eines anderen richtig urteilen kann. Dann denke man doch immer wieder an
die Krze des menschlichen Lebens, zumal wenn man so recht aufgelegt
ist, unwillig zu werden und aufzubrausen. Und weiter, da es ja eben
nicht jene Handlungen sind, die uns Beschwerde machen, sondern unsere
Vorstellungen, die wir uns ber sie machen. Schicke sie heim, und dein
Zorn wird sich legen. Aber wie? Durch die Erwgung da, was dir durch
jene widerfhrt, in Wahrheit nichts Schlechtes sei. Wre es schlecht,
dann wrst du ja notwendig selber dadurch schlecht geworden.--Und
weiter, da Zorn und Unwille ber solche Dinge uns doch viel mehr
beschweren, als die Dinge, ber die du dich erzrnst. Und endlich, da
ein liebevolles Gemt, wenn seine Liebe wirklich echt und ungeheuchelt
ist, durch nichts kann berwunden werden. Auch dein allerrgster Feind
kann dir nichts anhaben, wenn du auf deiner Liebe zu ihm beharrst, wenn
du bei Gelegenheit ihn ermahnst und gerade, wenn er im Begriff ist, dir
weh zu tun, ihm freundlich zusprichst: nicht doch, Lieber; wir sind zu
etwas anderem geboren; mir schadest du ja nicht, du schadest dir selber,
Kind! wenn du ihm so in sanfter Weise und alles wohlerwogen zeigst, da
sich dies so verhalte, und da nicht einmal die Tiere so verfahren, die
in Herden beisammen leben. Freilich mu dies ohne alle Ironie geschehen,
nicht mit dem versteckten Wunsche, ihn zu demtigen, sondern aus reiner
Liebe und ohne das Gefhl erlittener Krnkung, auch nicht im
Schulmeisterton oder im Beisein eines andern, sondern mit ihm allein,
selbst wenn andere gegenwrtig wren.--Diese neun Punkte also erwge
fleiig, la sie Eingang bei dir finden, als wren es ebensoviele Gaben
der Musen und fange einmal an, ein Mensch zu sein, solange du noch
lebst. Sanftmut und Milde--das ist das echte Menschliche und Mnnliche;
hierin liegt Kraft und Tapferkeit und Strke, nicht im Zorn und im
beleidigten Wesen. Denn je nher etwas an die vllige
Leidenschaftslosigkeit grenzt, desto nher kommt es wirklicher Macht.
Und wie die Traurigkeit ein Zeichen der Schwche ist, so ist es auch der
Zorn. In beiden sind wir verwundete, geschlagene Leute. Aber freilich,
vor Kriecherei mu man sich ebensosehr hten, wie vor dem Zorn, da sie
ebenso gegen die Grundbedingungen der Gemeinschaft ist und ebenso
verderblich wirkt.--Willst du, so nimm vom Musageten noch ein Zehntes:
Wahnsinnig ists zu fordern, da schlechte Menschen nicht fehlen sollen,
unbillig aber und willkrlich, zu verstatten, da sie sich gegen andere
vergehen, nicht aber, da sie dich verwunden.


19

Viererlei Verirrungen des Geistes gibt es, vor denen man sich stets in
acht zu nehmen hat, und denen man, sobald sie ausgesprt sind, ausbiegen
mu, indem man sich bewut wird: dies ist ein Gedanke, zu dem dich
nichts zwingt; dies ist etwas, wodurch die menschliche Gesellschaft
aufgelst wird; dies redest du nicht von dir selbst (und es gibt nichts
Trichteres, als nicht aus sich selbst heraus zu sprechen). Endlich,
eine Schmach ist es, die du dir selber zufgst, sooft das gttlichere
Teil an dir erniedrigt und herabgewrdigt ist von dem geringeren und
sterblichen und dessen groben Lsten.


20

Alles Luftige und Feurige, was deinem Wesen beigemischt ist, obwohl es
von Natur nach oben strebt, gehorcht doch der Anordnung des Alls und
bleibt hier ruhig in der gesamten Masse. Ebenso alles Erdige und
Feuchte, das nach unten strebt, wird doch fortwhrend gehoben und
behauptet den seiner Natur nicht zukommenden Ort. So gehorchen die
Stoffe der Natur, wenn sie gewaltsam irgendwohin gestellt sind, und
verweilen hier, bis das Zeichen zu ihrer Auflsung gegeben ist. Ist es
nun nicht schlimm, wenn die Vernunft allein nicht gehorsam sein will und
die ihr zugewiesene Stelle mit Unwillen betrachtet? Und das, wiewohl
ihr nirgend Zwang auferlegt wird, sondern nur das, was ihrer Natur
entspricht? Denn jede ihrer Bewegungen nach dem Unrecht oder nach dem
Sinnenreiz, nach dem Zorn, nach dem Schmerz und nach der Furcht ist
nichts anderes, als ein solches Fortstreben von dem ihr zugewiesenen
Orte, als ein Abfall von der Natur. Und sooft deine Vernunft ber
irgendein Ereignis mimutig wird, verlt sie ihren Posten. Du bist zur
Gleichmtigkeit und Gottesfurcht nicht weniger als zur Gerechtigkeit
geschaffen. Der Begriff des Gemeingeists enthlt noch jene Tugenden ja
sie sind sogar lter als das Recht.


21

Wer nicht im Leben einen und denselben Zweck verfolgt der ist auch
eigentlich nicht ein und derselbe Mensch. Doch kommt es vor allem darauf
an, von welcher Art dieser Zweck ist. Es hngt dies genau mit dem
Begriff der Gter zusammen, der schwankend und unbestimmt bleibt,
solange es sich darum handelt, was jedem einzelnen gut ist, und der zur
Klarheit und Bestimmtheit nur gebracht werden kann, wenn man das Ganze,
die Gemeinschaft aller ins Auge fat. Und so mu auch der Zweck des
Lebens eines jeden sich nach dem Ganzen richten, mit dem Zweck der
Gemeinschaft, der man angehrt, harmonisch wirken. Wer nun alle seine
besonderen Neigungen diesem Zweck unterordnet und ihm gem gestaltet,
der wird dadurch auch Konsequenz in seine Handlungsweise bringen und so
immer derselbe Mensch sein.


22

Das menschliche Leben gibt mir oft nichts weiter, als das Bild einer
Haus- oder Feldmaus, die erschrocken hin und her luft.


23

Sokrates nannte die Meinungen der Menge Lamien, Schreckgestalten fr
Kinder.


24

Die Lakedmonier stellten bei ihren Schauspielen die Sitze fr Fremde in
den Schatten. Sie selbst setzten sich an den ersten besten Platz.


25

Als Sokrates sich bei Perdikkas entschuldigte, warum er seine Einladung
nicht angenommen habe, sagte er: damit ich nicht vor Schimpf und Schande
zu vergehen brauche als einer, der Wohltat empfngt, ohne sie mit
Wohltat vergelten zu knnen.


26

In Epikurs Schriften war die Lebensregel aufgezeichnet, da man aus der
Reihe der alten Tugendfreunde bestndig einen im Andenken behalten
solle.


27

Die Pythagorer sagen, man msse frh zum Himmel aufblicken, damit wir
derer gedenken, die immer eines und dasselbe, und die ihr Werk stets auf
dieselbe Weise treiben, damit wir ihrer Ordnung, ihrer Reinheit, ihres
unverhllten Wesens gedenken. Denn die Gestirne haben keine Hlle.


28

Was fr ein Mann war Sokrates, der ein Fell umgrtete, als Xanthippe in
seinem Obergewand ausgegangen war! Und was sagte er zu seinen Freunden,
als sie ihn in diesem Aufzug erblickten und entsetzt zurcktraten? Nicht
das Kleid macht den Mann!


29

Weder im Schreiben noch im Lesen kannst du Vorschriften erteilen, ehe du
mit deren Befolgung vorausgegangen bist. Im Leben noch viel weniger.


30

"Der Sklavenseele ziemt es mitzusprechen nicht."


31

"La sie die Tugend schmhen, mit was fr Worten
      sie wollen"--
"--Und es lachte das Herz mir im Busen."


32

Lstern werden die Schwtzer mit harten Worten die Tugend.


33

Wer im Winter eine Feige sucht, ist wahnwitzig. Ebenso wer sich nach
einem Kind sehnt, wenn ihm ein solches nicht mehr vergnnt ist.


34

Nach Epiktet soll jeder, der sein Kind kt, bei sich denken: morgen
vielleicht ist es tot. Das klingt wie eine Lsterung. Aber, sagt er,
kann das eine Lsterung genannt werden, womit ich etwas rein Natrliches
bezeichne? wenn ich z.B. sage: die hren werden abgemht?


35

Jetzt unreife Traube, dann reif, dann getrocknet--lauter Wandlungen,
doch nicht etwa in ein Nichts, sondern in ein Etwas, das jetzt noch
nicht ist.


36

Einen Ruber des Willens gibt es nicht, sagt Epiktet.


37

Du mut, sagt derselbe, mit dem Beifall kunstgerecht umgehen lernen und
bei deinen Zielen die Vorsicht beobachten, da sie an Bedingungen
geknpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der Dinge
bestimmen lassen. Aber der Begierden mut du dich enthalten und meiden,
was nicht in deiner Gewalt steht.


38

Der Streit betrifft also (sagt Epiktet) nicht eine Alltagsangelegenheit,
sondern vielmehr die Frage, ob man wahnsinnig sei oder nicht. Denn nach
stoischer Anschauung sind alle Lasterhaften wahnsinnig.


39

Sokrates sagte: Was wollt ihr? wollt ihr Seelen vernnftiger oder
unvernnftiger Wesen? Vernnftiger. Welcher Vernnftigen? Gesunder oder
verderbter? Gesunder. Nun, warum sucht ihr sie nicht auf? Suchen? weil
wir sie haben! Also warum zankt und streitet ihr euch?




Zwlftes Buch


1

Alles, was du jetzt auf Umwegen zu erreichen wnschest, knntest du
schon besitzen, wenn du nicht mignstig gegen dich selber wrest. Es
wre dein sobald du imstande wrst, was hinter dir liegt, auf sich
beruhen zu lassen, was vor dir, der Vorsehung anheimzustellen, und nur
das Gegenwrtige der Frmmigkeit und Gerechtigkeit gem zu gestalten;
der Frmmigkeit, indem du dich deines Schicksals freust, der
Gerechtigkeit, indem du freimtig und ohne Umschweif die Wahrheit redest
und tust, was das Gesetz und was der Wert jeder Sache erfordern,
unbeirrt von anderer Schlechtigkeit, von irgendwelchen belangebrachten
Vorstellungen, von dem Gerede anderer und von den Empfindungen deiner
fleischlichen Hlle. Denn wenn du so deinem Lebensende entgegengehst,
alles andere mit Gleichgltigkeit betrachtest, nur das Gttliche in dir,
die herrschende Vernunft verehrend, und nicht sowohl das Aufhren des
Daseins als vielmehr das Nichtbeginnen eines naturgemen Lebens
frchtest, dann darfst du auch ein Mensch heien, der wrdig ist der
Welt, die ihn hervorgebracht, und wirst aufhren, ein Fremdling zu sein
in deinem Vaterlande.


2

Nackt und von dem Gef, der Schale, dem Schmutz des Krpers entblt
sieht Gott die Seele. Denn die eigentliche Berhrung zwischen ihm und
seinen Werken findet nur vermittelst seines Geistes statt. Mach es ihm
nach und du befreist dich von so mancher Last und Sorge. Denn wer erst
absehen gelernt hat von seinem Leibe, der ihm das Nchste ist, der
achtet dann gewi auch nicht mehr auf Kleidung, Huslichkeit, Ansehen
bei den Leuten und all dergleichen uerlichkeiten.


3

Du bestehst aus drei Teilen: Leib, Seele und Geist. Leib und Seele sind
dein, nur soweit es deine Pflicht ist, fr sie zu sorgen. Der Geist aber
ist ganz eigentlich dein. Doch nur, wenn du ihn frei zu machen weit von
allen Einflssen der Auenwelt, des eigenen Leibes und der dem Leibe
eingepflanzten Seele, so da er ein Leben aus sich und fr sich selber
fhrt, vollbringt, was die Gerechtigkeit gebietet, will, was das
Schicksal auferlegt und wahr ist in seinen Reden, nur dann kannst du die
noch brige Zeit ruhig und heiter leben und wirst treu bleiben deinem
Genius.


4

Ich wundere mich oft darber, wie derselbe Mensch, der sich mehr liebt
als alle anderen, dennoch mehr Gewicht auf das Urteil anderer ber ihn,
als auf das eigene legen kann. Bedenkt man freilich, da kein noch so
bedeutender Lehrer, ja da kein Gott es auch nur einen Tag lang von uns
erreichen wrde, gleich zu sagen, was wir denken, so wie wir den
Gedanken nur gefat, so ists auch wiederum natrlich, da wir eine weit
grere Scheu vor dem haben, was andere von uns denken, als vor unserer
eigenen Meinung.


5

Wie mag es nur kommen, da die Gtter, die doch alles so schn und
menschenfreundlich eingerichtet haben, das eine bersehen konnten, da
selbst die wenigen trefflichen Menschen, die mit dem Gttlichen aufs
innigste verkehrten und sich ihm durch fromme Werke und heiligen Dienst
zu besonderen Freunden gemacht haben, wenn sie einmal tot sind, nicht
wiederkommen, sondern ganz und gar verschwunden sind? Allein, wenn sich
die Sache wirklich so verhlt, so wisse, da, wenn es anders htte sein
sollen, sies auch anders gemacht htten. Wre es gut gewesen, htte es
auch gewi geschehen knnen; wre es natrlich, so wrde es die Natur
auch einrichten. Daraus also, da es nicht so ist, wofern es nmlich
nicht so ist, erkennst du, da es nicht so sein darf. Und--wrdest du
denn berhaupt auf diese Weise mit den Gttern rechten, wenn nicht die
stillschweigende Voraussetzung wre, da sie die besten und
gerechtesten sind? Und daraus folgt ja schon von selbst, da sie in
ihren Anordnungen nicht ungerecht und gegen die Vernunft verfahren
konnten.


6

Auch daran kann man sich gewhnen, was einem anfangs verzweifelt
erscheint. Die linke Hand, die zu so vielen Dingen unbrauchbar ist aus
Mangel an Gewhnung, ist doch z.B. zur Fhrung des Zgels weit
geschickter als die rechte. Weil sies gewohnt ist.


7

Denke an die Beschaffenheit des Leibes und der Seele, worin du dich vom
Tod ergreifen lassen mut, sowie an die Krze des Lebens, an den
unermelichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an die Gebrechlichkeit
jeden Stoffes.


8

Betrachte die wirkenden Krfte der Dinge, von ihrer Hlle entkleidet,
ebenso den Zweck jeden Geschehens! Frage, was Unlust, was Lust, was Tod,
was Ruhm sei, an wem die Schuld der eigenen Ruhelosigkeit liege, wie
niemand von einem anderen gehindert werde und da alles auf die
Vorstellung ankomme.


9

Bei der Anwendung unserer Grundstze aufs Leben gilt es mehr dem Ringer,
als dem Fechter hnlich zu sein. Der nmlich ist verloren, sobald ihm
das Schwert abhanden kommt. Jenem aber steht die Faust immer zu Gebot;
er braucht sie eben nur zu ballen.


10

Sieh zu, wie die Dinge in der Welt beschaffen sind, und unterscheide an
ihnen Stoff, wirkende Kraft, Zweck.


11

Welche Gewalt hat doch der Mensch, der nichts tut, als was Gott loben
kann, und der alles hinnimmt, was Gott ihm sendet!


12

ber das, was eine Folge des natrlichen Verlaufs ist, soll man weder
Gttern noch Menschen Vorwrfe machen. Jene verfehlen sich weder
willkrlich noch unwillkrlich, diese nur unwillkrlich. Also gibts
keinen Anla, ihnen etwas vorzuwerfen.


13

Was fr ein lcherlicher Fremdling auf Erden ist der, der ber irgendein
Ereignis in seinem Leben erstaunt.


14

Ist alles eine unabnderliche Notwendigkeit, wie kannst du widerstreben?
Gibts aber eine Vorsehung, die sich vershnen lt, so mache dich des
gttlichen Beistands wrdig! Ist aber auch dieses nicht das Richtige,
ist vielmehr alles nur die planloseste Verwirrung, dann sei froh, da du
selbst mitten in diesem Wirrwarr an deinem Geiste ein leitendes Triebrad
besitzest. Wohin dich nun auch jene Strmung treiben mag--mag sie den
Leib, die Seele, alles mit hinwegfhren, den Geist wird sie nicht mit
sich fortfhren!


15

Das Licht der Lampe scheint, bis man es auslscht; nicht eher gibt es
seinen Strahl ab. Soll denn die Wahrheit, die Gerechtigkeit und
Besonnenheit in dir eher verlschen?


16

Wenn jemand dir die Meinung beigebracht, er habe sich vergangen, weit
du auch gewi, ob es ein Vergehen ist? und wenn er sich wirklich
vergangen hat, ist er selber auch der Meinung? Oder gliche er dann nicht
einem Menschen, der sich selbst das Auge auskratzt? Wer berhaupt
verlangt, da der Lasterhafte nicht fehlen soll, kommt mir vor wie
einer, der nicht will, da der Feigenbaum den Feigen Saft gibt, da die
Kinder schreien, da Pferde wiehern und dergleichen natrliche Dinge
mehr. Denn was soll er tun, hat er die Anlage dazu? Hast du den Mut,
heile ihn!


17

Was sich nicht ziemt, das tue auch nicht, und was nicht wahr ist, sage
nicht. Dein Hauptbestreben sei jederzeit, das Ganze im Auge zu haben.


18

Sieh immer auf das Ganze und mache dir klar, was in dir gerade die
Vorstellung erzeugt, indem du daran die Urkraft, den Stoff, den Zweck,
die Zeit, in der etwas wieder aufhren mu, unterscheide.


19

Merkst du endlich, da etwas Besseres und Gttlicheres in dir ist, als
das, was die Leidenschaften hervorruft und was dich bald hierin, bald
dorthin zieht, gleich einer Puppe? Was waltet jetzt in meinem Denken?
Ists Furcht, Argwohn oder Begierde oder etwas anderes?


20

Frs erste: Handle nicht ohne Ursache, nicht ohne Zweck! Zum anderen:
Suche nichts anderes als den allgemeinen Nutzen zu erreichen!


21

Binde dich an keinen Ort, an nichts von dem, was du jetzt siehst, an
keinen derer, die jetzt leben. Denn das alles ist wandelbar und wird
vergehen, um anderen Platz zu machen.


22

Alles ist Vorstellung, und diese hngt von dir ab. Rume, wenn du
willst, die Vorstellung aus dem Weg, und du wirst wie ein Seefahrer, der
das Vorgebirge umschifft hat, auf ruhiger See in die windstille,
wogenfreie Bucht einfahren.


23

Jegliche Ttigkeit, die zur bestimmten Zeit ihr Ende erreicht, leidet
dadurch, da sie es wirklich erreicht hat, keinen Schaden. Ebensowenig
erleidet der, welcher sich hierbei ttig erwiesen hat, durch diese
Beendigung einen Nachteil. Gleichfalls nun leidet der Inbegriff aller
dieser Ttigkeitsuerungen, das heit das Leben, durch ebendieses Ende
keinen Nachteil, und so ist auch der, welcher zu seiner Zeit die Reihe
geschlossen hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden. Jene
Zeit aber und diese Lebensgrenze weist die Natur ab, und zwar zuweilen,
wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zugleich die eigene Natur des
Menschen, jedesmal aber jene Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Teile
wird das ganze Weltgebude stets verjngt und wieder in volle Blte
versetzt. Alles aber, was dem Ganzen zutrglich, ist jederzeit auch
schn und zeitgem. So ist auch das Aufhren des Lebens fr niemand
nachteilig, zumal da es auch, weil von unserer Willkr unabhngig und
dem Gemeinwohl nicht zuwider, niemand Schande macht; vielmehr ist
dasselbe ein Gut, insofern es fr das Ganze zeitgem ntzlich und
zutrglich ist. So ist auch der ein von Gott Gefhrter, der sich von
Gott auf dessen Wegen und mit seiner Gesinnung zu gleichen Zielen fhren
lt.


24

Folgende drei Grundstze mut du stets vor Augen haben: Erstens nmlich
in Ansehung dessen, was du tust, nie ohne Grund noch anders zu
verfahren, als die Gerechtigkeit selbst verfahren haben wrde; in
Ansehung dessen aber, was dir von auen zustt, mag es nun von einem
unglcklichen Zufall oder von der Vorsehung herrhren, dich weder ber den
Zufall zu beschweren, noch die Vorsehung anzuklagen. Zweitens, bei jedem
Wesen darauf zu achten, wie es von seiner Empfngnis an bis zu seiner
Beseelung und von seiner Beseelung an bis zu seiner Entseelung
beschaffen sei, desgleichen aus welcherlei Bestandteilen es
zusammengesetzt und in was fr welche es wieder aufgelst werde.
Drittens, da, wenn du, pltzlich ber die Erde emporgerckt, auf die
Menschenwelt herabschauen, den groen, vielgestaltigen Wechsel in
derselben wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger und
therischer Wesen mit /einem/ Blicke berschauen knntest, da du
dennoch, sage ich, sooft du emporgerckt wrdest, immer wieder dasselbe,
nmlich alles gleichfrmig und kurzdauernd finden mtest. Und hierauf
drftest du stolz sein.


25

Mache dich nur von deinem Wahne los, und du bist gerettet! Wer hindert
dich denn, ihn abzutun?


26

Trgst du an irgend etwas schwer, so hast du vergessen, da alles sich
der Allnatur gem ereignet und da fremde Vergehungen dich nicht
anfechten sollen, ferner vergessen, da alles, was geschieht, immer so
geschehen ist, immer so geschehen wird und berall jetzt so geschieht,
vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen dem einzelnen Menschen
und dem ganzen Menschengeschlecht besteht; denn hier ist nicht eine
Gemeinschaft von Blut oder Samen, sondern der Vernunft. Du hast aber
auch das vergessen, da der denkende Geist eines jeden ein Gott und ein
Ausflu der Gottheit ist, vergessen, da niemand etwas ihm
ausschlielich Eigenes besitzt, sondern sein Kind sowohl als sein Leib
und selbst seine Seele aus jener Quelle ihm zugekommen ist, vergessen
endlich, da jeder nur den gegenwrtigen Augenblick lebt und folglich
auch nur diesen verliert.


27

Rufe dir immerfort diejenigen wieder ins Andenken zurck, die sich ber
irgend etwas gar zu sehr betrbt oder die durch Unglcksflle,
Feindschaften, durch die grten Ehrenstellen oder durch andere
Glcksumstnde groes Aufsehen erregt haben. Dann lege deinem Nachdenken
die Frage vor: "Wo ist jetzt das alles?" Rauch ists und Asche, eine
Mre oder auch nicht einmal eine Mre. Daneben la dir auch so vieles
andere der Art einfallen, zum Beispiel was Fabius Catullinus auf seinem
Landgut, Lusius Lupus in seinen Grten, Stertinius in Baj, Tiberius auf
Capri, Rufus in Velia getrieben haben und alle jene, die auf Meinungen
beruhendes Interesse fr irgend etwas hatten. Bedenke, wie geringfgig
jeder Gegenstand ihrer Bestrebungen gewesen sei und wieviel
philosophischer es wre, sich bei jeder dargebotenen Gelegenheit als
gerecht, besonnen, den Gttern folgsam, ohne Gleinerei zu zeigen. Denn
der Hochmut, der sich mit Demut brstet, ist der allerunertrglichste.


28

Die dich etwa fragen mchten, wo du denn eigentlich die Gtter gesehen,
und woraus du entnommen habest, da sie sind, so da du sie verehren
magst, denen gib zur Antwort: Einmal, sie sind wirklich mit Augen zu
sehen. Dann, auch meine Seele habe ich ja noch nie gesehen, und halte
sie doch in Ehren. Daraus, da ich ihre Macht immer gesprt, habe ich
entnommen, da die Gtter sind, und darum verehre ich sie.


29

Bei jedem Gegenstand zu sehen, was er im ganzen, was er nach seinem
Stoff, was nach seiner Kraft sei, von ganzer Seele das Rechte tun und
das Wahre reden, darauf beruht das Heil des Lebens. Eine gute Tat der
andern so anreihen, da auch nicht der kleinste Zwischenraum bleibt, was
heit das anders, als das Leben genieen?


30

Es gibt nur /ein/ Sonnenlicht, obwohl gebrochen durch Mauern, Berge,
tausend anderes. Ein gemeinsamer Stoff, obwohl hindurchgehend durch
tausend eigentmliche Bildungen. Ein Leben, obwohl verteilt auf
unzhlige Wesen, deren jedes seine Besonderheit hat. Eine Vernunft,
obwohl auch sie zerteilt erscheint. Alles brige, die Welt der Dinge,
der empfindungslosen, ist ohne Zusammenhang in sich, obgleich auch hier
der Geist waltet und alles in seine Wagschale fllt, nur das
Menschenherz hat seinen ihm eigentmlichen Zug nach dem, was ihm
verwandt ist, und lt sich diesen Gemeinschaftstrieb nicht nehmen.


31

Was wnschest du? Blo fortzudauern? Nein, vielmehr zu empfinden, dich
zu bewegen, zu wachsen, wiederum stille zu stehen, deine Stimme zu
gebrauchen, nachzudenken. Was von allem diesem scheint dir noch
wnschenswert? Ist aber eines wie das andere geringfgig, so wende dich
dem zu, was zuletzt allein noch brigbleibt: dem Gehorsam gegen die
Vernunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung von diesen widerspricht
es jedoch, wenn man sich vom Gedanken gedrckt fhlt, durch den Tod der
erstgenannten Dinge beraubt zu werden.


32

Welch kleines Teilchen der unendlichen und unermelichen Zeit ist jedem
von uns zugemessen! So schnell wird es ja von der Ewigkeit verschlungen.
Welch kleines Teilchen von der ganzen Wesenheit! Welch kleines Teilchen
von der ganzen Weltseele! Wie klein ist das Erdklmpchen, auf dem du
umherschleichst! Dies alles bedenke und halte dann nichts fr gro als
das: zu tun, wie deine Natur dich leitet, und zu leiden, was die
Allnatur mit sich bringt.


33

Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft von sich selbst? Hierauf
kommt ja alles an. Das brige aber, mag es von deiner Willkr abhngen
oder nicht, ist nur Totenstaub und Dunst.


34

Der zur Verachtung des Todes dienlichste Gedanke ist der, da selbst
diejenigen, welche Sinnenlust fr ein Gut und Unlust fr ein bel
erklrten, ihn doch verachtet haben.


35

Wer nur das, was zur rechten Zeit geschieht, fr ein Gut hlt, wem es
gleichgltig ist, ob er eine grere oder kleinere Zahl vernunftgemer
Handlungen aufzuweisen habe, wer zwischen einer lnger oder krzer
dauernden Betrachtung der Welt keinen Unterschied macht, fr den ist
auch der Tod nichts Furchtbares.


36

So hast du denn dein Brgerrecht gehabt, o Mensch, in diesem groen
Reiche. Wie lange es gedauert, darauf kommts nicht an. Was den Gesetzen
gem ist, ist auch jedem billig. Was also wre Schlimmes daran wenn du
entlassen wirst? entlassen ja nicht von einem Despoten oder ungerechten
Richter, sondern von der Natur, derselben, die dich eingefhrt. So darf
ja wohl der Schauspielleiter, der einen Schauspieler angestellt, ihm
wieder kndigen. Aber, sagst du, von fnf Akten sind ja erst drei
abgespielt! Sehr gut. Doch sind im Leben auch drei Akte das ganze
Stck. Der ehemals die Stoffe zusammenfgte und der jetzt sie wieder
lst, der hat das Ende zu bestimmen. Du bist unschuldig an beidem. So
gehe denn vershnt! Der dich abspannt, ists auch.





End of the Project Gutenberg EBook of Selbstbetrachtungen, by Marc Aurel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SELBSTBETRACHTUNGEN ***

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