The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper

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Title: Das kleine Dummerle
       und andere Erzhlungen

Author: Agnes Sapper

Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Das kleine Dummerle

                        und andere Erzhlungen


                    Zum Vorlesen im Familienkreise
                                  von
                             Agnes Sapper



                            Vierte Auflage
                            13.-16. Tausend


                            Stuttgart 1915
                         Verlag von D. Gundert



              Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.




Vorwort zur dritten Auflage.


Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre
weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist gro geworden. Wer ber seine
Kindheit und Jugend noch mehr hren mchte, findet in den beiden
Bchern: Die Familie Pfffling und Werden und Wachsen die weiteren
Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pffflings-Familie.

Wrzburg, Dezember 1912.
                                                        Die Verfasserin.




                   Inhalt.

                                        Seite
 1. Das kleine Dummerle                     5
 2. Hoch droben                            32
 3. Im Thringer Wald                      36
 4. Der Akazienbaum                       104
 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde      107
 6. Ein geplagter Mann                    118
 7. Helf, wer helfen kann                 144
 8. Ein Wunderkind                        150
 9. Mutter und Tochter                    161
10. Die Feuerschau                        187
11. In der Adlerapotheke                  193
12. Bei der Patin                         228
13. Regine Lenz                           294




Das kleine Dummerle.


Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfffling in bester
Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und
auerdem noch eine ganz nette Summe fr Hausunterricht. Ja, er hatte
sich mit allerlei fleiigen und faulen Schlern redlich geplagt, das
ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flten-, Klavier- und
Zitherstunden gegeben von frhmorgens bis spt abends. Nun winkte die
Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit
vielen Jahren hatte Herr Pfffling so viel erspart, da er eine
Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich
solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben
Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,
seitdem galt es fr ausgemacht, da nun er an der Reihe sei. So wollte
er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
hren war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und
Bergluft zu genieen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr
Pfffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich
dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg
nach Hause studierte, so kam er spter heim als sonst und fand die ganze
Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue
Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschpfte; auf der einen Seite des
Tisches saen die ltesten, drei groe Lateinschler, und ihnen
gegenber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjhrige Mdchen. Neben der
Mutter hatte das Jngste seinen Platz, das dreijhrige Tchterchen.
Diese sechs saen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,
ein kleiner Abcschtz mit einem gutmtigen Gesichtchen, stand am Fenster
und spielte auf einer Ziehharmonika.

In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft
kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein
Glck, wenn fr sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle
Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
Pfffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei
Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das
jngste, das Elschen, gar ein zartes Geschpf. Nur der Frieder war
rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorber,
brig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
Vater Pfffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,
breitete sie aus, und so viel Kpfe darber Platz hatten, so viele
steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den
geplanten Reiseweg bezeichnete.

Es gibt nichts Schneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so
leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch knnen auch die Reisen im
Geist jh unterbrochen werden -- es klopfte jemand an der Tre, alle
Kpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.

Ein paar Reden wurden gewechselt ber das Wetter und die bald
beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, da der
Hausherr leider die Wohnung kndigen, und da die Familie Pfffling
ausziehen msse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast
doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfffling, der ja die Wohnung
halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da
kmen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen
Pffflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoen
htten, die das Waschseil hielten, so da die frisch gewaschene Wsche
auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen
mssen.

So etwas habt ihr getan, Kinder? rief Vater Pfffling und wandte sich
nach den Angeschuldigten um; aber merkwrdigerweise standen blo noch
die Mdchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim
Erscheinen des Hausherrn hinausgedrckt. Doch nicht alle, Frieder, der
kleine Dicke, stand noch beim Vater.

Glauben Sie nicht, da ich solche Unarten unbestraft lasse, sagte Herr
Pfffling zum Hausherrn. Sie drfen ja nur klagen, dann werden die
Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel, rief der Vater
und fate den Kleinen, der ihm zunchst stand. Wo sind denn aber die
andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir's gar
nicht der Mhe wert anzufangen, schnell hole deine Brder. Der Frieder
ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brder; von denen war aber
nichts zu sehen und nichts zu hren, er kam allein zurck und sagte:
Sie sind alle fort.

Da lachte der Hausherr und sagte: Die sind nicht so dumm wie du, spring
doch nur auch davon, du brauchst nicht fr die andern die Schlge zu
kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen. Und dann wandte der
Hausherr sich zu Herrn Pfffling: Es ist nicht nur wegen der Kinder,
sagte er, die sind ja gut in Zucht, aber ich kann's meinen Verwandten
nicht abschlagen, da sie zu mir ins Haus ziehen.

Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestrzt an. So billig wie sie
hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, wrden sie jetzt nirgends
unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfffling ging mit
langen Schritten hin und her und schalt bald ber die Kinder, bald ber
den Hausherrn. Wre ich nur schon fort gewesen, rief er endlich,
htte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird
nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch? fragte er, hielt mit
seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch
stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.

Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise? wiederholte Herr
Pfffling. Sie sah ihn traurig an: Wenn's nur zum _Leben_ reicht,
sagte sie, wer wei, wieviel Miete wir knftig zahlen mssen! Da ging
er wieder auf und ab, der rger wich und die Sorge kam; immer langsamer
und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am
Tisch vorbeikam, faltete er sorgfltig die Karte vom Fichtelgebirge,
reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: Tragt sie nur wieder in
die Buchhandlung zurck und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.

       *       *       *       *       *

An Wohnungen fehlt's wenigstens nicht, sagte Herr Pfffling, als er am
nchsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen
zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstrae waren zwei
ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.
Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. Wenn ich so viel Miete zahlen
mte, dann bliebe uns kein Geld mehr brig frs tgliche Brot, sagte
er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Strae
entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da
war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf
Unterhandlung einlassen. Der Hausherr fhrte ihn durch die Zimmer. Ein
wenig klein waren diese. Herr Pfffling stellte im Geist die Bettstellen
und sprach so halblaut vor sich hin: Hier mein Bett und das von meiner
Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder --

Ja, erlauben Sie einmal, unterbrach ihn jetzt der Hausherr, wieviel
haben Sie eigentlich Kinder?

Wir haben sieben.

Sieben. Bei sieben tut's mir leid, da ich Ihnen sagen mu, sieben
nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem
Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir
schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir's doch zu leid um meine
neuen Fubden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen. So,
entgegnete Herr Pfffling, dann will ich auch nicht lnger auf Ihren
kostbaren Fubden herumtreten, und rgerlich verlie er das Haus.

Nun hinaus in die Sonnenstrae, dort gibt es auch einfache Huser. Ein
groer, weier Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von
weitem, da hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der
Besitzer. Er stand unter der Haustre und zeigte bereitwillig die
Wohnung. Diesmal berlegte Pfffling nur ganz in der Stille, wie sich
die Betten stellen lieen. Von seinen sieben Kindern lie er nichts
verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und whrend er Tinte und Feder
bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.

Pfffling.

Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?

Musiklehrer.

So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.

Strt in unserem Fall nicht viel, sagte Herr Pfffling, ich gebe viel
Unterricht auer Haus.

Das ist gut, denn ich mu Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber
wenn die Stunden alle auer Haus sind, ist's schon gut.

Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.

Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr gro?

Sehr gro? sagte Pfffling, was heit das, es gibt noch viel grere,
und brigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
die meinigen drfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
ich habe nicht viel Zeit.

Aber der Hausherr war hartnckig. Wissen mchte ich doch, wieviel
Personen ins Haus kommen und was fr welche, sagte er, wieviel Kinder,
bitte? Sind's Knaben oder Mdchen? Nun half nichts mehr, Herr Pfffling
mute bekennen: Vier Buben sind's, und dann noch so ein paar kleine
Mdels, die merkt man nicht viel.

Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. Es geht nicht, sagte er,
es ist unmglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein
halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!

Aber Mensch, rief Pfffling auer sich, wir mssen doch auch wohnen,
was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinlt!

In diesem Augenblick erschienen zwei ltere Damen unter der Tre, sie
wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrte sie hflich -- fr
unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.

Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hngte eben im
Vorgrtchen Wsche auf; als sie hrte was Pffflings Begehr war, holte
sie ihren groen Schlsselbund und schickte sich an, mit ihm
hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfffling dachte bei sich:
Eigentlich ist's ganz unntig, da ich die Wohnung ansehe, ich nehme
sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
ist die Frage! Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
war und schwer atmete. Pfffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgltig, wie die Zimmer
aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mute die Frau ein wenig
ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurckhalten. Ich will
Ihnen lieber gleich mitteilen, da ich Musiklehrer bin, sagte er, wenn
Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.

Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gndig: Steigen Sie nur
weiter hinauf. Im Nu war Pfffling die zweite Treppe droben, die
Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum
Atemholen und Pfffling: Ich will Ihnen nur gleich sagen, da wir
sieben Kinder haben.

Um Himmels willen, rief die Frau, haben Sie denn fr jedes Stockwerk
so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen
Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
Ich tu' aber nicht mehr mit! Und die schwerfllige Frau machte Kehrt,
hrte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfffling gab, und
brummte noch vor sich hin: Gott bewahre mich vor so einer
Gesellschaft!

Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim -- fr
heute hatte er's satt!

Als er bei Tisch erzhlte, wie es ihm ergangen war, fhlten sich die
Kinder ordentlich beschmt, da die Eltern ihretwegen nirgends
aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und
besprachen die Wohnungsnot. Wir Groen knnen nichts dafr, da wir so
viele sind, sagte der lteste, wir drei waren schon immer da.

Und wir zwei auch, sagte eine der Zwillingsschwestern, aber der
Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen. Ja, die sind schuld,
da wir so viele sind.

Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wre, dann wren wir blo sechs.
Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Snder und
fhlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister
lngst schon die Sorge abgeschttelt hatten und lustig im Hofe spielten,
war er noch still und nachdenklich.

Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
groen Brder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war
eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hrte und
sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche
Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten
ihn nicht, so blieb nur das Elschen brig und mit dem konnte er noch
nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es
nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es
sogar zu ihm hinaufblicken mute; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle
zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.

Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
mehr Zeit und auch mehr Geduld als die grern Geschwister und wenn
Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fnf schnen Glaskugeln verlor,
so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrckt,
und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er
wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg fhrte ihn durch die
Kaiserstrae, das war die eleganteste Strae der Stadt. In dieser gab es
ja prchtige Huser, da muten feine Wohnungen sein, wenn er so eine
finden knnte!

Mit dem Schulranzen auf dem Rcken, in seinem verwaschenen blau und wei
gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Huser,
die teppichbelegte Treppe hinauf und drckte auf die Klingel im ersten
Stock. Er mute ein wenig warten, denn das Dienstmdchen war eben am
Scheuern; sie mute erst ihre nasse Schrze ablegen, schnell eine weie
antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen -- so, nun war sie
allerdings schn genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein
Mtzchen ab und sagte: Wir suchen eine Wohnung. Er mute es noch
zweimal sagen, denn das Mdchen meinte immer, es habe ihn falsch
verstanden. Dann lachte sie und sagte: Du kleiner Dumling, du willst
eine Wohnung suchen? Geh, da wrde ich doch noch zwanzig Jahre warten,
und damit lie sie den kleinen Mann stehen und schlo die Tre. Zwanzig
Jahre knnen wir doch nicht warten, dachte Frieder und ging eine Treppe
hher. Dort ffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre lter wie er. Als
dieser erfat hatte, was Frieder wollte, fhrte er ihn in das Zimmer und
rief einer Dame, die da sa, zu: Sieh doch, Mama, da ist so ein
komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.

Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mitrauisch entgegen,
sie fragte ihn, wem er gehre. Der Musiklehrer Pfffling hatte aber
einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch
allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand. Man konnte ihm
wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte
ihm aber doch nicht helfen. Liebes Kind, sagte sie, geh du lieber
heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden. Der Frieder
schttelte traurig das Kpfchen. Nein, sagte er, uns will niemand
nehmen, weil wir sieben Kinder sind.

Das ist aber arg, Mama, sagte der kleine Sohn des Hauses, wenn sie
keine Wohnung finden, dann mssen sie immer auf der Strae bleiben.

Bewahre, entgegnete die Mama, sie kommen schon unter; sieben Kinder
sind nicht so schlimm, da drben wohnt eine Familie mit acht Kindern und
es gibt auch solche mit zehn! Da lauschte der Frieder, das war ihm eine
gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mute er gleich daheim
erzhlen, die wuten das gewi nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und
ging heim.

Als Frau Pfffling im Kreis der Ihrigen erzhlte, da sie an diesem
Nachmittag vergeblich in vielen Husern gewesen sei, sagte Frieder ganz
ernsthaft: Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden. _Du_
hast gesucht? ja wo denn? wie denn? fragten alle durcheinander und
whrend er erzhlte, wurde er von den Groen unbarmherzig ausgelacht und
von den Eltern gezankt, da er allein in fremde Huser gegangen war.
Frieder lie das Kpfchen hngen. Niemand bemerkte, da Trnen in seinen
Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn
herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand
auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder
wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!

Frau Pfffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich
war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als
Herrn Pffflings Reise gekostet htte, aber es waren doch so viele
Zimmer darin, da die groe Familie gut Platz hatte. Frau Pfffling
berichtete genau ber die innere Einteilung. Du hast ja noch gar nicht
gesagt, in welcher Strae sie liegt, das mchte ich doch vor allem
wissen, sagte Herr Pfffling. Da kam es etwas zgernd heraus: Sie
liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.

In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen
nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt. Auf demselben Tisch, wo
krzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der
Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Kpfe zusammen,
bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie fhrte von der Vorderen
Katzengasse nach der alten Trdlergasse. Eine feine Lage ist's nicht,
sagte Pfffling.

Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstrae wre feiner
gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.

Wem gehrt denn das Haus?

Einem Seifensieder.

Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?

Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.

Da ist wohl auch kein Grtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
nrdlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,
sagte Pfffling seufzend. Es knnen nicht alle auf der Sonnenseite
wohnen, erwiderte Frau Pfffling, wie viele mssen im Schatten vorlieb
nehmen!

Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts
Besseres finden, nun, dann mssen wir uns eben begngen.

Am nchsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde
der Beschlu gefat, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.

Inzwischen war in der schnen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstrae
angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des
Hauses erzhlte von dem kleinen Pfffling, der mit dem Rnzchen auf dem
Rcken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie gro mute die
Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum
sechsjhrigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein lteres Frulein
aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz fr die Not anderer Leute
hatte, erklrte, da msse geholfen werden. Gleich am nchsten Morgen
wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
msse Rat schaffen. So ging Frulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu
Frau C., und als die Sache noch ein Stck weiter durchs Alphabet
gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte
nach dem Musiklehrer Pfffling und sagte dem Dienstmdchen, er habe eine
Wohnung anzubieten. Herr Pfffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
whrend am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier bte, und
zwischen darin saen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf
los, weil sie die zweierlei Musik bertnen wollten.

Frau Pfffling hatte in der Kche die Frage wegen der Wohnung vernommen
und htte sie nur gekonnt, sie htte heimlich alle Musik zum Schweigen
gebracht; aber da fhrte ihr das Mdchen schon den Herrn her und weil
auch gerade die andern Kinder ber den Gang sprangen, so konnte man kaum
das eigene Wort verstehen. Die Mutter fhrte Herrn Hartwig ins Zimmer
und im Vorbeigehen fate sie einen ihrer Jungen und flsterte ihm zu:
Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, da man euch nicht
so hrt.

Das wirkte; die Kinder wuten ja, um was es sich handelte. Ein
Hausherr, so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lrm
verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
wurden die Tren geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.
Herr und Frau Pfffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben, sagte dieser, so mchte
ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, drauen in der Frhlingsstrae.
Platz genug gbe es da, und es schadet auch nichts, da Sie zehn Kinder
haben.

Sieben, sieben, blo sieben, riefen die beiden Eltern wie aus einem
Mund.

Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
herumgesprochen in der Stadt und darber haben sich die Kinder vermehrt.
Es ist ein groer Holzplatz am Haus, da knnen sich die Kinder tummeln.
Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns
ist's nmlich so: Mich hat noch nie ein Lrm gestrt, und meine Frau,
die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine
Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine
Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.

Der schlechten Mietpartei klangen diese Worte wie Musik, und nach fnf
Minuten schon war Pfffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in
die Frhlingsstrae und lie sich von der Hausfrau mit der christlichen
Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne
Schriftstck, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu
billigem Preis abgeschlossen. Frhlichen Herzens ging unser Musiklehrer
von der Frhlingsstrae in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er
schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
Seifensieder mit, da er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.
Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom
Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der
knftigen Wohnung in der Frhlingsstrae.

Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hrte zufllig
nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand
dachte daran, da er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte
sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergngt vom nahen Umzug
sprachen und sogar sagten, sie bekmen es viel schner als jetzt; denn
er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. Mir
gefllt's besser da, sagte er, weil wir doch einen Hof haben. Der
elende Hof voll Wschepfosten, sagte einer der Brder, da will ich
doch lieber einen Holzplatz.

Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,
der will eben in die Kaiserstrae, sagte der Vater neckend zu ihm, und
auch die andern lachten. Es wute niemand, da man _ihm_ eigentlich die
neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er
fand es zwar wunderlich, da man heute so zufrieden sein sollte mit dem
Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Groen sagten,
und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn
aufzuklren.

So kam es, da Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern
Katzengasse eingemietet.

Wenn der Umzug doch sein mu, dann so bald wie mglich, sagte
Pfffling, noch vor meiner Reise, und mit groem Eifer wurden alle
Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele
luden die Kinder fr den Umzugstag zu Tisch, so da es eine ganz
schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mute. Die
Eltern hatten viel zu tun; sie berlieen es den Kindern, wo und wie
jedes zu seinem Mittagstisch gelangen wrde. So fanden die groen Jungen
glcklich heraus, da Brauns auf zwlf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr
geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich
kniglich auf das doppelte Mittagessen.

Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die
Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, whrend die Kinder gleich von
ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen
waren und sich's da schmecken lieen. Nur unser Frieder hatte nicht
recht erfat, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen
sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewhnlich
von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Tren standen weit
offen. Betroffen blieb Frieder unter der Tre der verlassenen Wohnung
stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier
und Stroh lagen auf dem Fuboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter
dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schne rote, die hob er
auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren
Rume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde
ganz unheimlich zumute, Trnen kamen ihm in die Augen, als er sich so
verlassen fhlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie
vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war's
und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.

Bist du noch da, Frieder? fragte er. Deine Leute sind schon in der
neuen Wohnung, mache nur, da du auch hinkommst, sonst wirst du
hinausgekehrt. Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wute jetzt, was
er zu tun hatte, er mute in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wute er ungefhr; hinter dem Markt
hatte er sagen hren, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er
machte sich auf den Weg. Der war weit und hei; der kleine Fugnger mit
dem Schulranzen kam langsam vorwrts und dachte dabei, da er zum
Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewut htte, wo?
Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,
berall gingen Straen und Gassen ab, welche aber war die richtige?
Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar
Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mdchen wies ihm den Weg.
Dort, sagte sie, wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.

Der Seifensieder stand unter der Ladentre und als er sah, da der
kleine ABC-Schtz mit dem Rnzchen auf dem Rcken unschlssig vor dem
Hause stehen blieb, fragte er: Wen suchst denn du, Kleiner?

Ich mchte in unsere neue Wohnung, sagte Frieder. Wie heit du denn?
Frieder Pfffling. Pfffling? Pfffling? Gehrst du dem Musiklehrer?
Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
Bist du sein Bub und weit das nicht?

Ich wei gar nichts, sagte Frieder und sah recht jmmerlich darein.

Geh nur wieder in deine alte Wohnung, sagte der Mann, und frage dort,
wo du hin sollst, dort sagt man dir's schon. So etwas ist mir aber noch
nicht vorgekommen, da man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal
wohin!

Dem Frieder kamen trbe Gedanken, whrend er die Hintere Katzengasse
wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere
Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn
nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewi nur sechs Kinder
aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles
ganz natrlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.
Fr heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht
bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er
freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis
zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon
wieder in die Nachmittagsschule ging und hchlich erstaunt war, da
Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der
kleine Meinert, kam schon des Wegs. Du, Meinert, rief ihm der erste
Kamerad zu, der Pfffling will erst zum Essen gehen.

O, der kommt viel zu spt!

Gelt, ich sag's auch, der kommt zu spt. So eingeschchtert wagte sich
der Pfffling auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das
Schulzimmer, setzte sich todmde auf seinen Platz in der Bank, lie das
heie Kpflein hngen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte
er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstrmten und
der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und
die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.

Als sie endlich berstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu
wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief pltzlich eine Stimme:
Frieder! Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte
freundlich zu ihm: So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, da du
sie nicht findest.

Ei, wie da der kleine Frieder verklrt zu seinem Vater aufsah, wie er
sich dicht an ihn drngte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal
die Trnen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander
herauskam: Kein Mittagessen -- die alte leere Wohnung -- die Hintere
Katzengasse und die Angst, da man nur noch sechs Kinder haben wolle!
Vater Pfffling drckte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,
und sagte: Frieder, wo wir sind, da gehrst du auch hin und in der
Frhlingsstrae Nr. 20 da wird auch fr unser Dummerle der Tisch
gedeckt.

In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder htte
wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue
Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wre. Sie brachte
eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald
die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschler
schickten Vorrte fr die Speisekammer, so da alles in Hlle und Flle
da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pffflinge, jung und alt, voll
Vergngen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
geneckt und mute sich oft Dummerle nennen lassen, aber er lie sich's
gar nicht anfechten, er war jetzt glcklich! Und als das Elschen am
Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Hnden und klagte: Die rote
Kugel ist nicht mit eingezogen, da freute er sich darber, da er noch
einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel
gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die
groen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und
spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.

Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfffling rstete sich
zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nchsten
Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,
er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur
manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: Nchstes Jahr bist du an der
Reihe, oder zu den Kindern: Wenn ihr gro seid, drft ihr auch
reisen. Sie freuten sich alle mit ihm.

Aber -- in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr
fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wlzte sich in ihrem Bett
herum. Am frhen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte
und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfffling
sagte: Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen? da zuckte er die
Achseln und meinte: Ich wrde doch noch einen Tag zusehen. Den ganzen
Tag konnte die Kleine nichts essen und lag sthnend im Bettchen, und am
nchsten Tag fand der Arzt sie krnker als am vorhergehenden. Traurig
schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die
Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pffflings eine
gute Mietpartei fr die Hausleute.

Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe
verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lchelte sie
manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern
Geschwistern wollte sie nichts wissen. So lie ihn die Mutter manchmal
allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mute, die
zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfffling ging unruhig im Haus herum,
an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so gro war die Sorge um
das Kind.

Eben war der Arzt wieder dagewesen. Wenn ich nur erst herausfnde, was
dem Kinde fehlte, sagte er, aber so kann ich ihm gar nicht helfen.
Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
Schwester sah ihn an und streckte ihm die Hndchen hin. Elschen,
sagte er schmeichelnd, willst du unsre schnen Glaskugeln? und er
schttelte ein wenig das Bchschen, in dem dieses ihr gemeinsames
Lieblingsspiel verwahrt war.

Nein, nein, nein! rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und
streckte ihre Hnde wie abwehrend gegen das Bchschen, und als Frieder
es schnell beiseite legte, flsterte sie ihm ganz leise zu: Die rote
Kugel schmeckt so hart. Dann legte sie sich auf die Seite und schlo
die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm
komisch vor, da Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer wei denn,
wie Kugeln schmecken! Frieder war kein groer Denker, aber nach einer
Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, da er sich
sagte: Die rote Kugel ist nicht im Bchschen, vielleicht hat das
Elschen sie gegessen. Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu
suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade
als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
Lrm machte.

Ruhig, ruhig, wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der
Sorge auch ein wenig rger empfand wegen seiner milungenen Reise, fuhr
ihn ungeduldig an: Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn
da? Ich mu die rote Kugel suchen, denn -- --. Geh hinaus mit deinen
Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du
auch nicht mehr zu ihr, und unsanft wurde der Kleine zur Tre
hinausgeschoben.

Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und
dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die
rote Kugel war am Sonntag noch in der Bchse gewesen, dann war das
Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das
Elschen sie nicht gegessen htte, dann wte es doch nicht, da sie
hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es
die Eltern nicht hrten, denn so eine schne Glaskugel essen ist schade,
da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht
verraten, damit sie nicht gezankt wrde, er sagte zu niemand ein Wort.

Am nchsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.
Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten
den Arzt. Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,
sagte Vater Pfffling, dann mssen wir doch einen andern Arzt dazu
holen. O ja, bitte, sagte die Mutter, la ihn holen, ehe es zu spt
ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir -- und die
Mutter weinte. Da seine Schwester sterben knnte, daran hatte Frieder
noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, da er
nicht verschweigen drfe, was er wute, lieber Elschen verraten als sie
sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. Mutter, fing Frieder an,
du weit doch, da wir so eine rote Kugel haben --. Aber die Mutter
fiel ihm ins Wort: Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen
so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?

Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen nherte sich
Frieder dem Vater. Vater, begann er leise, Vater, wir haben doch eine
rote Kugel gehabt und -- -- O du mit deinen verwnschten Kugeln! rief
Herr Pfffling so laut und rgerlich, da das kranke Kind erschreckt und
der Arzt erstaunt herber blickte und sagte: Es wird immerhin besser
sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind, und Vater Pfffling
machte die Tre auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der
aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlpfte an der Tre
vorbei zum Arzt, der ber das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie
behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flsterte
ihm ganz leise zu: Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und
darum ist sie krank.

Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und
so sahen sie mit Staunen, da der Doktor sich von der kleinen Kranken
weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig -- sie hrten es ganz
deutlich -- fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr
Pfffling eben verwnscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein
wenig ngstlich nach dem Vater hinbersah, auf die Kniee und redete sehr
freundlich mit ihm, whrend die Eltern auf seine Worte lauschten. Wie
war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir's nur noch einmal ganz
genau; weit du, das mu ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester
gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, da sie die Kugel
geschluckt hat? Nein? Aber erzhlt hat sie dir's? Was hat sie denn
erzhlt?

Nur da die rote Kugel hart schmeckt. Und das wei man doch nicht, wie
die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel
ist auch nicht mehr da, sieh nur her. Und Frieder ffnete das Kstchen.
Fnf mssen es sein, und es sind doch nur vier. Elschen fing ngstlich
an zu weinen. Jetzt weint sie, sagte Frieder und schien selbst den
Trnen nahe, ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.

So etwas _mu_ man verraten, sagte der Arzt, und nun wandte er sich an
die Eltern, die in groe Aufregung versetzt waren durch Frieders
Mitteilung. Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind
geholfen werden. Ich bin berzeugt, da die Sache sich so verhlt, denn
nur durch so etwas lt sich diese Krankheit erklren. Am besten ist es,
ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,
vielleicht ist eine Operation vorzunehmen. Frau Pfffling erschrak
darber. Unser Frieder ist so ein Dummerle, sagte sie, auf seine
Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!

Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein, sagte im Fortgehen der
Arzt, wer wei, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken. Die
Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel
zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus
allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in
jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Lnge nach auf dem Boden
liegend und unter die Mbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte
nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: Ich habe
schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.

Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, da es aussah, als
ob sie den Abend nicht mehr erleben knnte, und so eilte Herr Pfffling
fort und holte die beiden rzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine
Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Tre ab
-- niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun
eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,
lauschte auf die Gerusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer ber
den Vorplatz herbertnten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete
Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er sa ganz
ruhig mit seinem Bchschen in der Hand da, whrend Herr Pfffling
aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen
konnte.

Endlich, endlich hrte man, da die Tre des Schlafzimmers
aufgeschlossen wurde, Herr Pfffling eilte hinaus in den Vorplatz, die
Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden rzte auf sie zu und der
Hausarzt rief ihnen entgegen: Nun, da htten wir ja die verlorene Kugel
wieder, und er hielt hoch in der Hand, da es alle sehen konnten, die
rote Kugel! Der Mutter strzten die Trnen aus den Augen. Darf ich
hinein? fragte sie und war schon durch die Tre und bei dem kleinen
Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem
Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte
zu der besorgten Mutter: Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut
gegangen, die rzte sind ganz zufrieden.

Leise, leise schlichen sich allmhlich alle Kinder herein, whrend
drauen die rzte mit dem Vater sprachen. Die groen Brder, die
Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der
kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er
wollte hinausschlpfen, aber die Herren standen unter der Tre. Der Arzt
bemerkte ihn. Das ist der Kleine, sagte er zu dem Chirurgen, ein
kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester
gewissermaen das Leben. Ja, sagte Herr Pfffling, das kommt daher,
da er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klgste,
da mu die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben. Die
Geschwister alle hrten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn
staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes
Anliegen, und da er sah, da die rzte ihn freundlich anblickten, wagte
er es vorzubringen. Er streckte das Bchslein hin, in dem die vier
Kugeln waren und sagte: Da herein gehrt die rote Kugel!

Das Elschen erholte sich so schnell, da es schon nach einigen Tagen
wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfffling rstete sich
abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Tchterchen verlassen, das
noch im Bett lag, aber frhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
begleiteten den Vater an die Bahn, die Brder sollten ihn dafr bei der
Heimkehr abholen. Als Frau Pfffling allein die Treppe wieder herauf und
ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Groen: Gottlob, da des Vaters
Reise doch noch zustande gekommen ist, und sie fing an, den Tisch
abzurumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen
hatte.

Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,
nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der
Melodie unterbrach er sich und fragte: Wann reist denn der Vater fort?
Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: Hast du's nicht gemerkt, da
der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch
verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater
hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heien.

Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo
er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf
das Klavier und sagte langsam: Weil doch da oben noch die Karte vom
Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein. Was gab es
fr einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die
Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag
die Karte; wie war es mglich, da der Vater die vergessen hatte! Dann
ein Blick auf die groe Wanduhr -- reicht es noch, kann man noch vor
Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? Es
geht nicht mehr, meint die Mutter. Es geht, es geht, meint einer der
Jungen und nimmt schon die Karte, reit die Mtze vom Nagel und hinaus
zur Tre: Ich kann schneller laufen, und ich lnger, ruft der Zweite
und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit
einem Gepolter, da sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:
So ein Gepolter drfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn
man es ihnen gleich das erstemal verwehrt. Der Hausherr meinte das auch
und ging an die Tre, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen
davon und man hrte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde
und Frau Pfffling ihren Jungen nachrief: Rennt nur, was ihr knnt, es
kann noch reichen! Aber die drei hrten schon nichts mehr und waren im
Nu um die Ecke. Es mu etwas Besonderes los sein, sagte die Hausfrau
zu ihrem Mann, da kann man nicht zanken.

Der Musiklehrer Pfffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte
sich in Ruhe einen guten Platz im Zug whlen, stieg ein und plauderte
durchs offene Fenster mit seinen zwei Tchtern. Nun reichte er ihnen
noch die Hand heraus zum Abschied: Grt mir die Mutter noch einmal und
das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich
abfahren, da nicht noch ein Unglck geschieht -- Und du wieder nicht
reisen kannst, sagte eine der Schwestern. Ja, diesmal hat's schwer
gelingen wollen, gottlob, da ich soweit bin. Fertig! rief der
Zugfhrer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um
das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da strzte auf den Bahnsteig heraus
ein Bub, atemlos, schweitriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
riefen schon von der Ferne: Vater, Vater! Der dritte war nicht
nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugfhrer
empfand ein menschliches Rhren, er war doch auch Vater; wenn zwei
Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zgern.
Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die
heranstrmenden Jungen, auch Pfffling erblickte sie, und wie der Blitz
durchfuhr ihn der Gedanke: Es ist etwas geschehen -- du kannst nicht
reisen -- das Elschen ist wieder krank! Da hatte sein ltester den Wagen
erreicht, streckte ihm etwas entgegen: Die Karte! Der Pfiff ertnte,
der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der
Vater sie grte und ihnen frhlich zuwinkte mit der Karte vom
Fichtelgebirge!




Hoch droben.


In Berlin war an einem heien Juninachmittag ein Dachdecker auf dem
Dache eines vierstckigen Hauses beschftigt. Am Rand des Daches sa er
und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden
waren. Manchmal sah einer der Vorbergehenden von der Strae herauf nach
dem jungen Mann in der schwindelnden Hhe. Der Dachdecker aber blickte
nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plttchen, die
glhend hei wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit
von der Hand. Die Hitze wurde immer drckender, die Sonne stach durch
die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe
Plttchen hatte er eingesetzt, nun kam die nchste Reihe. Er legte sein
Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schwei von der Stirne und ruhte
einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Strae, wo die Wagen fuhren
und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schlo die Augen und ruhte.
Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel
aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.

Dachdecker, hte dich, deine Arbeit ist gefhrlich, deine Ruhe ist's
noch mehr!

Drunten in der Strae wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann
pltzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die
sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache
wahrgenommen. Andere Vorbergehende folgten unwillkrlich seinem Blick
und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war
dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rhrte er sich ein wenig; der
Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter ber das Dach.
Das Gesicht war halb verdeckt von der Mtze. Schlief er oder war er vom
Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Hhe blickte zu dem in
Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. Der Mann mu
gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
von unten wird's besser gehen, mit der Leiter, mit der groen
Feuerwehrleiter; man mu die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,
schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so strzt er herunter in die
Tiefe!

Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen fllt sich die
ganze Strae, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie knnen
nicht durch das Gedrnge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
Mund zu Mund geht die Losung: Nur leise, da der Mann nicht unruhig
wird, sonst ist er verloren. Ergreifend ist die Stille und die
Spannung.

Pltzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: Macht Platz, eine Frau
ist ohnmchtig geworden. Es ist seine Mutter, sagen die Leute, macht
Platz fr die Mutter. Sie ist's ja nicht, sie ist ein ehrsames altes
Jngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und
teilnahmsvoll Platz.

Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell
zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit
man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und
jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Mnner
glnzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das
groe Rad gedreht, bis die Leiter sich hher und immer hher aufrichtet
und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,
wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der gebte Steiger in
die schwindelnde Hhe kommt, wie er sich seinem Ziele nhert und nun, am
Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den
Daliegenden stemmt.

Die Berhrung weckte den Schlfer, er schlug die Augen auf und sah mit
Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in
demselben Augenblick: Vorsicht, oder Sie fallen! und fest drckte er
die Hnde gegen den Arbeiter.

Keine Angst, sagte der Dachdecker, lassen Sie mich nur aufstehen.

Schon recht, wenn Sie knnen! Wo fehlt's denn, warum liegen Sie da? Ich
glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.

Und ein wenig beschmt sagte der junge Mann: Es mu schon so sein, es
war so hei, ich wollte nur ein wenig ruhen!

Das htte Ihnen das Leben kosten knnen.

Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der
Strae die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung
geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann berkam eine
mchtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein
solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den uersten Rand, zog
seine Mtze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:
Hurra!

Und frhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: Hurra, Hurra!

Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter, sagte der Feuerwehrmann,
da nicht zuletzt doch noch ein Unglck geschieht, aber der Dachdecker
deutete auf die Schieferplttchen: Ich kann noch nicht Feierabend
machen, sagte er, ich mu an die Arbeit gehen und mein Weg fhrt durch
die Dachluke.

Also gut, sagte der Feuerwehrmann, schlafen Sie nicht noch einmal ein
auf dem Dache.

Mein Lebtag nimmer, sagte der Dachdecker, ich mach' meinen Dank fr
die Lebensrettung.

Schon recht. Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
sich, die groe Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Strae wieder
ihr gewhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
mehr mde, hatte er doch ein gutes Schlfchen gemacht; auch kamen ihm
allerlei Gedanken ber die Gefahr, in der er geschwebt hatte, ber die
hilfreichen Menschen und ber Gott den Herrn!




Im Thringer Wald.


Im Thringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Drflein
Oberhain. Kleine, schiefergraue Huslein ohne Scheunen und Stlle, ohne
Grten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
Schatten der nahen Waldbume. Wenn im Frhjahr die kleinen
Kartoffelcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hrt man
nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
durchs Dorf, nur ein paar Geien grasen da und dort oder ein Schweinlein
lt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Huschen, Leute, die von
frh bis spt fleiig sind. Was mgen sie wohl treiben?

Es war im Juni des Jahres 1900 frh am Morgen. Aus der Tre eines der
Huschen trat eine kleine Frau; sie war nicht krftig und rotbackig wie
eine Buerin, schmchtig und bla sah sie aus; doch ging sie ganz munter
ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
Bschel. Die Tre hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlpft
und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
eigentlich gehrte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.

Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
anmachte, verlie der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
seiner Frau: Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
gesehen, da er auf dem Boden gelegen ist? Wohl, sagte die Frau,
aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.

Ja, ja, im Sommer tut sich's noch, aber die Kinder werden alle Tag'
grer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll's im
Winter werden? Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
herum, sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
Kartoffeln aufs Feuer.

Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
Zeit und bald sa die ganze Familie eintrchtig um den Tisch. Mit dem
Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstnde, sie
wurden mitten auf den Tisch geschttet, da kollerten sie schon von
selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und a.

Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,
sagte Marie, die Sechsjhrige. Aber die Mutter lachte blo: Er denkt
halt, so geben sie mehr aus, sagte sie. Geh, Marie, schl du sie dem
Johann, mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
immerhin noch mit zu essen.

Nach dem Frhstck wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
da die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
rieb mit ihrer Schrze darber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausstrmte: Aus
alten Papierabfllen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rhrte da
Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
erfllte mit ihrem Dunst das ganze Stbchen. Papiermasch war es, das er
da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
sie mit Sand spielen. Sie fllen ihre Frmchen mit dem feuchten Sand und
pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstrzen, so stehen kleine
Trtchen oder dergleichen da. So fllte Greiner in seine Formen das
Papiermasch, drckte es fest an, und was herauskam, das waren
Puppenkpfe, lauter Puppenkpfe. Schn sahen diese noch nicht aus, sie
waren wei und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig muten sie
zum Trocknen auf die Stbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
den Ofen gestellt waren. So sa nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
stundenlang zwischen dem belriechenden Brei und all den dampfenden
Kpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
geworden von der schlechten Luft.

Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
lag auf demselben ein Ballen weien Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
Puppenkrpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
Sto geschnitten. Dann ging's ans Nhen; ringsum mute der Balg
zugenht werden, nur oben, wo spter der Kopf darauf kommt, blieb er
offen. War er genht, so mute er umgewendet werden, aber das tat Frau
Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
Blge fertig genht da. Philipp, da komm her, rief die Mutter dem
Fnfjhrigen zu, umwenden! Philippchen, umwenden!

Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijhrigen
Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sgspne,
die man beim Ausstopfen der Puppenkrper verstreut hatte, Papierabflle
und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
zusammengekehrt, unter der Woche gnnte sich Frau Greiner nicht die
Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abflle aller Art auf dem
Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.

Philippchen, geh zur Mutter, sagte jetzt der Vater, wenn die Marie
aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
mut du halt dran, da hilft nichts. Das Philippchen setzte sich nun auf
die Bank am Tisch und nahm einen der genhten Puppenblge. Er stlpte
ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mhsame Arbeit: die rmchen
und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
besser als groe Leute. Wenn er nur auch immer fleiig weiter gearbeitet
htte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hnde ruhen lie:

Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!

Was sagt er dann, Mutter?

So, sagt er, so wenig Blge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
voll.

Was sagst du dann, Mutter?

Dann sag' ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
faul.

Was sagt dann der Herr, Mutter?

Dann sagt er: 'Euch geb' ich keine Arbeit mehr, da geb' ich's lieber
dem Haldengreiner, der ist fleiiger.'

Und dann, Mutter?

Und dann mssen wir alle Hungers sterben.

Auf das hin regte Philipp fleiig seine Fingerlein und sah eine ganze
Weile nicht von seiner Arbeit auf.

Es ist ein Elend, da man's mit allem Flei nicht weiter bringt, fing
der Hausvater nach einer Weile an.

Warte nur, es kommt schon besser, sagte die Frau, am letzten Samstag
ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, da aus Amerika groe
Bestellungen gekommen sind, da gibt's Arbeit genug!

Was hilft's, wenn's nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
mehr fertig.

Das mut nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
kann man ihn schon anweisen und mit fnf hilft er so viel wie der
Philipp!

Dafr mu der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
der Arbeit.

Die paar Schulstunden mut nicht so rechnen, sagte die Frau, die
bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjhriger, der
hat schon manche Nacht durchgeschafft.

Wei schon, dann schlafen sie in der Schul', soll gar nicht gut sein
fr die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
gesagt, und der neue Lehrer sagt's auch und er hat recht.

Geh zu, was der Lehrer sagt, mut nicht so anschlagen, er mcht' halt,
da die Kinder lernen. Der alte hat's immer gewollt, und der neue ist
auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.

Aber ist's nicht wahr, da wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.

Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreiig Jahren
Frieden im Land!

Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.

Die Frau lachte. Wird halt der Lehrer recht haben, da wir dumm sind.
Aber wieviel Nchte hab' ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
denn machen? Wir knnen's doch nicht ndern. Geh, stopf du dir die
Pfeife, da dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring' ich
dir wieder ein Pckchen Tabak mit.

_Der_ Trost verfing am besten; ber den Qualm der Pfeife kam der
sorgliche Hausvater in gemtliche Stimmung.

Inzwischen wurde es immer dumpfer und heier in dem Stbchen; der Johann
wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bcher abgelegt,
als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
Arbeit hatte: Da, Marie, rief er, jetzt komm du her. Halt, sagte
der Vater, zuerst mssen die Kpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
du noch sitzen, Philipp. Der kleine fnfjhrige Arbeiter setzte sich
mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
Bretter, auf dem die Kpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wute
schon, wie sie's zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Kpfchen neben
dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter auen wurden sie zum
Trocknen gestellt, berall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
sonnigen Tagen waren gar viele Grten und Huser im Dorf so eigenartig
geschmckt.

Jetzt kam Marie wieder zurck in die Stube; der kleine Philipp sah
begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablsen wrde. Die aber nahm ihre
Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
Einsprache: Was fllt dir denn ein, Marie, rief die Mutter, gerad'
nur von der Schul' heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit htten! Elias, siehst nicht den
bermut? rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
sie war auch nicht mehr ntig, denn der Philipp fing so laut an zu
heulen, da Marie ihren bermut aufgab, die Bcher beiseite schob und
des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.

So, Philippchen, sagte die Mutter, jetzt gehst du in die Wirtschaft
und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
mit, da er auch sein Vergngen hat.

Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?

Den Rock mut ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.

Ja, der hat schon gestern keinen Hckel mehr gehabt, den kann man
nimmer zumachen.

Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
Stecknadel findest, da der Rock so lange hlt, bis ihr wieder
heimkommt.

Knntest nicht so einen Hckel hinnhen? fragte der Vater.

Es ist halt alles zerrissen, sagte die Mutter, aber am Sonntag will
ich's schon richten. Johann, gelt, tust dein Rckchen schn halten, da
es auf der Gasse nicht herunterfllt!

Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?

Was fragst so dumm, Philipp, du weit doch, da am Freitag das Geld
aus ist; sag nur, die Mutter zahlt's morgen, wenn sie von Sonneberg mit
dem Geld heimkommt. Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
Hndchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.

Wenn man's doch richten knnt', sagte Greiner zu seiner Frau, da man
immer gleich bezahlen tte, was man holt!

Der Wirt borgt gern, entgegnete die Frau leichthin.

Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
borgen mssen, und der Krmer macht's auch so.

So ist's halt, Elias, das kannst doch nicht ndern, es war immer schon
so.

Aber anders wr's halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
klein Smmchen ins Haus bekm', da man das alte zahlen knnt' und das
neue auch; von da an drft' mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
Lot Kaffee. Aber wir bringen's nie zu einem Smmchen und wenn wir uns
die Finger wund arbeiten.

So red' doch nicht so viel, mut sonst doch nur husten, wer kann's denn
wissen, ob's nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
eine reiche Frau geworden und lebt in Kln am Rhein und mu gar nichts
arbeiten.

Ja, die hat ihr Glck gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
die wei gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstcklein tt!
Schon lang hat sie nichts geschickt.

Weil sie auch gar so weit weg ist!

Von Kln aus knnt' man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
man doch sogar bis nach Amerika.

Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herber
und hinber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Kln kommt keiner, das
mu viel weiter weg sein.

Viel nher ist's, Frau, das knntest auch wissen, nach Amerika mut
bers Meer.

Und nach Kln wirst ber den Rhein mssen, der soll auch so ein groes
Wasser sein.

Der ist doch nur ein Flu!

Meinetwegen, ich hab' auch keinen Flu und kein Meer gesehen.

Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
Familie fr ein Stndchen die eintnige Arbeit beiseite und die mden
Hnde durften ein wenig ruhen.

Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?
fragte Vater Greiner sein Schulmdchen. Marie wollte nicht heraus mit
der Sprache. Warum, sag's, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
abend geschrieben!

Ja, antwortete Marie, aber der Lehrer hat's nicht lesen knnen; ich
soll's bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
Nacht schreiben, knne er gar nicht lesen, so schlecht sei's.

Wart nur, trstete die Mutter, im Winter, wenn die stille Zeit kommt
und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
ganzen Tag. Aber jetzt geht's halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
fr uns, da mu schon der Lehrer nachgeben.

Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
Bis spt in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frhe auf. Da
wurde der riesengroe Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
Puppenkrpern, die Kpfe wurden in groen Schachteln noch oben auf den
Korb geschnrt und ein langes Tuch darber gebunden. Solch einen Korb
aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststck, und mancher krftige Mann
mchte die Brde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
schwchlich sie erschien, war von Jugend auf gewhnt, die Last zu
tragen, und nahm sie auch heute frhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
sorglich die Schnur fest, da nichts ins Wanken geraten konnte von den
oben aufgepackten Schachteln, die hoch ber den Kopf der Frau
hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wuten schon, da
der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu fr die ganze Woche. Ein
gut Stck Weg liefen sie neben ihr, dann muten sie umkehren, aber
diesmal nicht alle. Fr Marie war heute ein besonderer Samstag vor
andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte fr sie einen
eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie knftig helfen knnte tragen,
wenn es gar zu viel fr die Mutter wrde.

Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Drfchen. Aber sie
blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
Husern Frauen und Mdchen mit schwerbeladenen Huckelkrben und mit
kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Strae nach Sonneberg.
Zwischen den schnen Waldbergen hindurch gingen sie gebckt unter der
Last, aber doch in frhlichem Geplauder, und als sie in die Nhe der
Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her hnliche Gestalten
der Stadt zupilgern.

Mutter, was haben die in ihren Krben? Die tragen nicht so schwer wie
du, fragte Marie. Das sind die von Lauscha, sagte Frau Greiner, die
machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt pa auf, der dort mit dem
schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.
Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
Korb.

Nun machte die Strae eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
erschien mit ihren schnen, schiefergedeckten Husern mitten unter
grnen Hgeln. Hier strmten von allen Seiten die Bewohner der
umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die groen Geschfte auf,
die aus den abgelieferten Kpfen, Krpern und Gliedern die Puppen fertig
machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
her, sah nach den schnen Husern hinauf und las die Aufschriften:
Spielwarenfabrik hie es an dem einen, Fabrik gekleideter Puppen an
dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
sein. Darber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.

Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, fr die Greiner
arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das groe
Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tr in ein Arbeitszimmer, in
dem schon mehrere Frauen und Mdchen standen und warteten.

Eine Frau packte eben die Puppenkrper aus, die sie gebracht hatte, und
ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prfend an, warf
ihn dann neben sich in einen groen Kasten und zhlte dabei. Die Frau
sah ngstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Krper beiseite und am
Schlu noch einen.

Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, mssen noch einmal
aufgetrennt werden. Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
hatte, und ging mit diesem in das nchste Zimmer, wo sie ausbezahlt
wurde und neue Auftrge fr die nchste Woche erhielt. So kam eine der
Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergngt strich sie ihr Geld
ein. Fr die nchste Woche gab's Arbeit genug, fast mehr als Frau
Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.

Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig? fragte Marie, als sie
aus dem Zimmer waren. -- Ich wei wohl, aber das darf man nicht sagen,
sonst heit's spter, wenn's weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drngte.

Aber wenn wir's in dieser Woche nicht fertig bringen? O da mcht' ich
nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
da wrd' ich mich frchten!

Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt's doch noch
die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Gromutter und schauen, wie's
der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.

Die Gromutter wohnte ganz oben im alten Teil des Stdtchens, wo kleine
Huschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
einmal dagewesen und hatte ihre Gromutter und die Tante, bei der sie
wohnte, besuchen drfen, sie konnte sich's kaum mehr erinnern.

Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
Marie hielt sich an der Mutter. Gelt, dir kommt's dunkel vor? sagte
die Mutter, aber ich find' gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
wenn's heller Tag wr'. Sie kamen an einer Tr vorbei, man hrte
sprechen. Das ist noch nicht die rechte Stub', da wohnt ein Stimmacher;
weit so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, da sie Papa und
Mama sagen knnen. Und da gegenber ist jetzt einer, der macht
Puppenschuh', hrst nicht seine Maschine?

Aber da wohnen viel Leut', Mutter!

Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
sind wir an der rechten Tr, da wohnen wir. Ohne anzuklopfen machte
Frau Greiner die Tre auf: Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
ihr wohlauf? Marie, kennst die Gromutter noch? Geh vor, gib ihr die
Hand und deiner Tante Regine auch.

Die alte Frau, die am Fenster sa, nickte freundlich den Ankommenden zu
und erwiderte den Gru. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
fertigen, schn bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Kpfchen
noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schn
gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
der Rhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasrhrchen, umwickelt mit
blonder und brauner Mohrwolle, die wie Haar aussah, lagen da
nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
Glasrhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schne Locke, fertig
zum Aufkleben auf den Puppenkopf.

Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
wunderten sich, da Marie schon so gro sei. Auf dem Ofen stand eine
Kanne mit Kaffee. Schenk dir ein und deiner Marie auch, sagte die
Gromutter, hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
euch vergnnt.

Da saen sie und aen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
blitzschnell die Lckchen abstreifte und von der schnen Mohrwolle, die
neben ihr stand, neue feuchte Strngchen um die Glasrhrchen wickelte,
da in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdrhre
wanderte. Das Frisieren ist schner als das Blgemachen, Mutter, sagte
Marie, das mcht' ich lieber tun.

Gefllt dir's? sagte ihre Tante. Wenn du aus der Schule bist, dann
kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Gromutter wird alt, der
zittern jetzt schon die Hnde. Aber Frau Greiner lachte. Du wrst
nicht dumm, sagte sie zu ihrer Schwester. So lang die Kinder klein
sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul' sind, sollen sie
dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben mssen. Wir
haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
Korb will ich der Marie kaufen, da sie mir knftig tragen hilft. Wir
mssen gehen, da wir vor Abend noch heimkommen.

Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rcken von Sonneberg
heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
Haus kamen. Beim Metzger und beim Krmer, beim Bcker und bei der
Nachbarin, die Geimilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
berall wurde noch ein wenig eingekauft, so da die kleine Barschaft
schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
kleine Philipp sprang ihnen entgegen.

Ihr kommt so spt heut', sagte er, es steht schon lang einer da und
wartet auf dich.

Wer ist's denn?

Der den Stoff verkauft, der will Geld. O den kann ich schon gar nicht
leiden, sagte die Mutter, htt' ihn der Vater doch fortgeschickt.
Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.

Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
nicht durch die niedrige Tre gekonnt htte, und dann trat sie ins
Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkrper angefertigt wurden.
Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstcke aufzhlte,
sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die groe Geldbrse
des Kaufmanns. Er htte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
brauchte doch so viel fr die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
sie konnte von dem schnen weien Stoff haben so viel sie wollte.

Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.

Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich ber den Vorschlag. Noch
mehr zahlen! rief sie. Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
leben in der Woche? Und mu ich nicht auch was zurcklegen fr den
Hauszins und etwas fr die Steuer und fr die Sterbekasse? Und gerade
heut', wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
Sehen Sie? Gleich bar hab' ich die Hlfte vom Preis auf den Ladentisch
hinlegen mssen, sonst htte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
Ende der Woche reicht's nimmer zu einem Pckchen Zichorie, das kann ich
schon jetzt sehen.

Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,
beschwichtigte der Kaufmann. Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
Leben Sie wohl, und guten Verdienst!

Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsmmchen im Schrank; auch den
Stoff schlo sie sorgfltig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschpft vom Acker heim, er war die
Feldarbeit nicht gewhnt, auch die Frau war mde von dem langen Marsch.
Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saen,
wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
der Stube aus, die Arbeit war weggerumt, der Boden aufgekehrt. Das
hatte der Mann besorgt, whrend die Frau in der Stadt war, und nun
machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
plauderten.

Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. Schlupft ins Bett,
Kinder, da ich euere Hemden waschen kann, sagte Frau Greiner. Die
Kleinen besaen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
zwei Hemden, dafr mute sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
kam's ihr sauer an, sie war so mde, und als die Mutter einmal von der
Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
zurckkam, war die kleine Wscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
errufen -- sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
Frau Greiner lachte und lie sich's gefallen.

Am Montag morgen sa die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
ihnen htte gedacht, da dieser Tag und all die nchsten genau so
verstreichen wrden, wie die vorigen, denn eintnig flo das Leben
dieser fleiigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
auch Mahnungen wegen rckstndiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
Tre gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: Da ihr nur nicht erschreckt:
diesmal bringe ich einen Trauerbrief! Sie erschraken aber doch. Ich
habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen, sagte der Postbote,
aber _die_ Anzeige habe ich lesen mssen, weil's mich doch gewundert
hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil's so eine ganz besondere
Traueranzeige ist. Er ging. Die Anzeige kam aus Kln. Die Aufschrift
lautete: an Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie und der Inhalt
war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Kln
waren an _einem_ Tag infolge eines Unglcksfalls pltzlich gestorben.
Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
ganz erschttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
sie kaum glauben. Und dann htten sie so gerne Nheres gewut. Was fr
ein Unglcksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.

Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
gesprochen? sagte Frau Greiner. Vielleicht gerade in der Stunde, in
der sie verunglckt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
so traurig zumute.

Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Kln
gehrt hatten, staunten das schwarzgernderte Papier an, das solche
Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saen Greiner
und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
Kinder dachte, Zeit durfte nicht versumt werden; er mute doch wieder
an seine Formen zurck und sie mute die Blge nhen, wie wenn nichts
geschehen wre.

Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einflu auf ihr Leben
haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
Herrn Fabrikbesitzer Greiner berschrieben war.

Was ist aber das! rief Frau Greiner entsetzt. Jetzt sind wohl auch
noch die Kinder verunglckt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
mssen. Ich will's nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hnde voll
Brei! Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, da das
Geschft des Verstorbenen zurckgegangen sei und er sein Vermgen
eingebt habe. Nun msse gesorgt werden fr die drei mittellos
hinterbliebenen Kinder: ein Mdchen von sieben Jahren, ein Knabe von
vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner mchte erklren, ob er
nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen knne. Die Kinder seien etwas
verwhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
Charakters. Nur der vierjhrige sei ein wilder Junge und brauche gute
Zucht. Baldiger Bescheid wre erwnscht.

Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drckte ohnedies die Sorge
fr seine Familie; es war kein Brot brig und war kein Platz frei fr
ein weiteres Familienglied. Er war krnklich und schwach und wollte sich
keine neue Lasten aufbrden, die alte drckte ihn schon schwer genug.
Aber seine Frau sah's anders an. Wir nehmen das Mdchen, sagte sie,
die Groe, die Siebenjhrige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das mu sie
mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
acht, gleich kann sie Blge fllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!

Vater Greiner wurde ganz berstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
eine groe Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
ihm doch schwer auf der Seele, und oft mute ihn seine Frau in den
nchsten Tagen drngen, bis endlich ein Brief nach Kln abging, in dem
sich Greiner bereit erklrte, Edith, das siebenjhrige Tchterchen,
aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Kln. Er war von der
Hand eines jungen Mdchens geschrieben, das als Kinderfrulein in der
Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
da Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jngste Knblein,
den kleinen Alex, aufzunehmen. Es ist ein goldiges Kind, schrieb das
Frulein. Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
da ich mich nun von ihm trennen mu, und ganz gewi werden auch Sie und
Ihr Herr Gemahl die grte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
gedeihen in der kstlichen Luft des Thringer Waldes. Ich bin im
Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thringen vorbei und
wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
bergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
bermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
auch mit. [Funote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
Kochen der Milch fr kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mhe
haben, wird es doch fr die ersten Wochen, bis der Kleine eingewhnt
ist, gut sein. Der Brief war unterschrieben: Elisabeth Moll,
Kindergrtnerin.

Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort Soxhlet stockte
sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. Wen bringt sie mit? fragte
Greiner. Den Soxhlet bringt sie mit; das mu der grere Bruder sein,
der vierjhrige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.

Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehrt, sagte Greiner. Die
vornehmen Leut' haben immer so tolle Namen, meinte die Frau. Alex
steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heit bei uns auch niemand.
Es kann auch gar niemand anders sein, als der grere Bub, sie schreibt
ja, das Mdchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schne Bescherung!

Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und groe
Bestrzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. Mir
kommt's auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
Mdchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man htt's nicht tun
sollen, und wenn's auch meiner Schwester Kinder sind!

Wer wei, ob sie nur Betten mitbringen, sagte Frau Greiner. Kinder,
da drft ihr euch schmal machen.

Wie heit der Bse, Mutter? fragte Marie.

Soxhlet heit er.

Bei wem schlft der? Vor dem frcht' ich mich, gelt, den legst nicht zu
mir?

Der kommt ja nur fr ein paar Wochen, sagte die Mutter.

Ja, wenn das nur wahr ist, sagte Greiner. Wenn ihn aber niemand
abholt, dann bleibt er halt an uns hngen, auf die Strae kannst ihn
doch nicht setzen.

Du meine Gte, du denkst auch gleich ans Schlimmste, rief Frau
Greiner. Das wr doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das rgste, wenn man
nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh' hat. Aber auch noch so einen
Wilden dazu, der die Sgspne verstreut oder deine Kpfe umstt, so
einen knnen wir nicht brauchen. Weit noch, wie der Lehrer einmal so
Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Tuflingsmacher und hat
das Papiermasch umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!

Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
telegraphieren, da sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?

Wenn's halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Kln.

Man knnt' ja fragen, was es kostet.

Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur berschreibst: an Frulein
Elisabeth Moll in Kln am Rhein, uere Ringstrae Nr. 5, hast schon --
zhl' einmal -- hast schon zehn Wrter und steht noch nichts vom Soxhlet
darin. Dann, so barsch mcht' ich auch nicht sein, da ich nur
schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man mt' doch auch
erklren, warum. Wieviel gb' das Wrter! Das geht nicht in ein
Telegramm.

Und zum Brief ist's zu spt?

Ja, zu spt.

Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bckte sich wieder
ber seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
gewohnten frhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
vorher genug. So machte auch sie ein betrbtes Gesicht, whrend sie die
Puppenblge mit Sgspnen ausstopfte, und es lag eine rechte Mistimmung
ber der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: So hat dich wohl niemand genannt,
'mein Herr Gemahl!' und sie lachte und die Kinder auch. Was wohl das
Frulein, wenn sie kommt, fr Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
sieht in seinem groen Schurz voll Papiermaschtropfen und in seinem
verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
Die denkt nicht, da du nur ein Drcker bist und bei uns alles so
armselig ist.

Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Frulein Elisabeth Moll,
die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thringen nur
einmal gesprochen. Mein Bruder, hatte sie gesagt, verfertigt solche
Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
abgegeben. Da nun Herr Langbeck Besitzer einer groen Fabrik war, so
hatte sich das Frulein unwillkrlich Herrn Greiner als den Besitzer
einer eben so groen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
Langbeck alles hbsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
gemacht hatte. Der Vormund fhlte sich sehr erleichtert, als sich eine
anscheinend so gnstige Aussicht fr einen seiner kleinen
Pflegebefohlenen erffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
nicht fr ntig, sich nher nach den Thringer Verwandten zu erkundigen,
noch auch mit ihnen persnlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
auf das bewhrte Kinderfrulein beauftragte er dieses, bei der Familie
Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
die Reisevorbereitungen getroffen.

In einen Reisekoffer packte das Frulein die ganze niedliche Aussteuer
des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
und die feine Bettwsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
Gterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, da er bei
Ankunft in Thringen sein gewohntes Bett gleich fnde. So trat das junge
Mdchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu drfen, dessen
Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, fr ihr
geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.

Der kleine Alex lachte frhlich, als die Fahrt begann. Er wute nicht,
was dieser Tag fr sein Leben bedeutete. Ahnungslos lie er sich aus dem
Haus des Reichtums und Wohllebens in die Sttte der Armut und Not
versetzen.

Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
Sonneberg war die letzte Station; hier mute Elisabeth die Bahn
verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
gute Weile. Es mute fr Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
leichtes sein, sie und ihr zuknftiges Pflegekind aufzufinden.

Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saen an der Arbeit
wie immer; keinem wre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
zu versumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
gewut htten. Aber nun sah Frulein Elisabeth jemand, der ihr als
Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
trugen eine groe Schanze, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
Hemden und Hubchen, offenbar frisch aus der Fabrik -- gewi aus der
Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Frulein. Sie ging auf die beiden
Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
Oberhain kmen. Nein, daher kamen sie nicht, wuten auch nichts von dem
Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, da heute
kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mdchen
nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
sofort nach Oberhain fahren knnte. Ein solcher fand sich auch, gro
genug, da hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. Wo soll ich halten
in Oberhain? fragte der Kutscher.

Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner, sagte Elisabeth, die Wohnung
kennen Sie ja wohl? Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
aber schon erfragen. Nun ging's vorwrts, zuerst flott und rasch durchs
Stdtchen, dann langsamer die aufwrts steigende Strae hinan, rechts
Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick fr die Stdterin. Die
kstliche Waldluft strmte herein, Elisabeth war in glcklichster
Stimmung.

Mein kleiner Schatz, sagte sie zu dem schlummernden Kind, gelt, ich
habe dir eine schne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
Bckchen bekommen, mein Liebling -- aber Papa und Mama knnen sich nicht
mehr darber freuen, armer Schneck!

Als die ersten Schieferhuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
Kutscher langsamer, wandte sich zurck und rief in den Wagen: Wie soll
die Fabrik heien?

Elias Greiner. Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. He, rief der
Kutscher sie an, wo ist die Fabrik von Elias Greiner? Die sahen sich
an und kicherten und ein Junge sagte: Bei uns im Dorfe ist keine
Fabrik. Frulein Elisabeth wurde ngstlich. Das kann ich nicht
begreifen, sagte sie. Ich wei aber gewi, da der Name richtig ist,
wir haben erst vorige Woche so berschrieben und Antwort erhalten.

Wir wollen's schon herausbringen, sagte der Kutscher, es heit sich
mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat. Er trieb die Pferde an, da
sie rasch durch die Dorfstrae fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
Gerusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Tre. Die
Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
sammelten sich einige Leute um die Kutsche, whrend der Kutscher vom
Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
was die beiden im Thringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
hrte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: Es kann gar
kein anderer gemeint sein, als der Drcker Greiner; keiner sonst heit
Elias.

Und nun ging's noch ein Stck langsam weiter, die Dorfstrae wurde
enge, ein Huschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
Bretterzaun, ber und ber mit blassen Puppenkpfen ohne Augen besteckt
-- vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, ffnete den Schlag und
sagte: So, jetzt haben wir die Fabrik! und sich dem Fenster zuwendend,
wo Maries Kopf erschien, rief er: Wohnt da der Elias Greiner? Der
hatte schon den Wagen halten hren, und nun kamen sie alle heraus: Voran
die Frau, dann die Kinder, barfig alle, der Johann in bloem Hemdchen,
zuletzt der Mann. Ach, dem Frulein wurde so weh ums Herz -- das sollte
die Fabrik sein, der Fabrikant! rmlichere Gestalten hatte sie kaum je
gesehen! Noch hoffte sie, es mchte ein Irrtum sein, aber nun kam
Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fruleins, betrachtete
bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: Das ist also meiner
Schwester Kind! Ja, sagte Elisabeth, aber unwillkrlich blieb sie
dicht am Wagen stehen -- keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.

Frau Greiner fand besttigt, was sie sich schon gedacht hatte -- das
junge Mdchen war enttuscht ber das, was sie vor sich sah, bitter
enttuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
drckend. Frau Greiner war nicht gekrnkt darber, das junge Mdchen
dauerte sie. Kommen Sie nur herein, Frulein, sagte sie, das Kind ist
ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?
Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lchelte wieder, und ehe
sich's Elisabeth versah, hatten diese rmliche Mutter und dieses schn
geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
Greiner den kleinen Alex ins Huschen.

Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankmmling sahen,
whrend Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme bergeben. Sie
folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, da
sie nicht glaubte, bleiben zu knnen. Sie haben Feuer an diesem heien
Tag? fragte sie.

Das bringt eben das Geschft mit sich, sagte Greiner und deutete auf
seine Arbeit.

Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen lngst auf den
Lippen lag: Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?

Doch, sagte Elisabeth, ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
drauen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
abnehmen. Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
wuten nun, da Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
Kinder. Fr sie war die ganze elegante Erscheinung des Fruleins mit dem
Kind, der schne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, da es
ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
anders, als da der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
stehen, Philipp aber trat nher.

Bleib da! rief die Schwester ngstlich und leise, da es der Soxhlet
nicht hren sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
sogar mit dem Fu einen Sto gegen den Koffer, sprang aber dann doch
vorsichtig zurck. Hast nicht gehrt, wie er gebrummt hat? sagte
Marie, pa auf, da er nicht herausfhrt. Der mu doch arg bs sein,
da er so eingesperrt wird!

Jetzt kam Frulein Elisabeth mit dem Kofferschlssel heraus, kniete
nieder und schlo auf. Die Kinder blieben ngstlich und fluchtbereit in
der Ferne stehen, wunderten sich, da ihre Mutter so ruhig herantrat,
und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttuscht, als der
Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstcke und
Wsche hervorkamen. Und da ist der Soxhlet, sagte das Frulein und vor
den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
Anzahl leerer Flschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
nur mglich, so da die Kinder sich verblfft ansahen. Das ist der
Soxhlet? sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
geistreiches Gesicht.

Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt, sagte das
Frulein. Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklren. In der
Berliner Anstalt, wo ich als Kindergrtnerin ausgebildet wurde, hat man
uns so gelehrt: 'Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
Flschchen gefllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fnf
Minuten kochen lt. Danach werden die Flschchen durch Glaspfropfen
geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.' Frau Greiner
hatte geduldig und aufmerksam zugehrt. Jetzt schlo das Frulein mit
der Bemerkung: Alex ist doch ein zartes Kind, ber die Sommermonate
sollten Sie ihn noch weiter so ernhren.

Ja, sagte Frau Greiner, ich will schon alles recht machen. Milch
haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, da es grad zum Kaffee
reicht. Aber den wird er schon auch mgen und auch Kartoffeln, und an
Speck und Hering soll's ihm gewi nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
die Hauptnahrung.

Aber doch nicht fr so kleine Kinder? sagte Elisabeth entsetzt.

Es ist ja kein Wochenkind mehr, entgegnete Frau Greiner. Seien Sie
nur ruhig, ich will's ihm schon in die Soxhletflschchen tun, so oft
eben Milch da ist. Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. Da
sind seine Badehandtcher, sagte sie, und da ist der Badethermometer,
ich habe ihn mitgebracht, aber ich wei nicht, setzte sie zweifelnd
hinzu, ob Sie den Thermometer ver -- -- -- ob Sie an ihn gewhnt sind? Wir
haben das Bad auf 24 Grad erwrmt, ich glaube, auf dem Lande prft man
die Wrme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
auch?

O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht's auch nicht!

Ach, sagte Elisabeth, uns hat man gelehrt, da die Hautpflege so
wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Krperchen,
wre es nicht mglich, da Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
eine aus Sonneberg.

Lassen Sie das nur, Frulein, meine Waschwanne tut's schon auch, und so
oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.

Ach ja, bitte, und dann htte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
Zimmer riecht es so stark und es ist so berhitzt; Sie werden das gar
nicht so bemerken, weil Sie es gewhnt sind; knnte Alex nicht in einem
andern Zimmer sein?

Ein anderes Zimmer haben wir gerad' nicht, aber wegen der Luft drfen
Sie gar nicht sorgen, liebes Frulein, die ist berhmt im Thringer
Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
drei waren ganz gesund.

Woran sind sie denn gestorben? fragte Elisabeth.

Das eine ist verunglckt, das arme Trpfle hat den heien Brei ber
sich geschttet, den mein Mann braucht zu den Kpfen; und eines hat's
auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so ber Nacht
weggestorben, niemand hat recht gewut, da ihm was fehlt. Es hat uns
weh getan, aber so ist's halt; wir haben ja auch an dreien genug und
jetzt sind's eben auf einmal vier geworden!

Whrend dieses Gesprchs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
ausgepackt worden mit vielen Anweisungen ber die Verwendung; was jetzt
noch im Koffer verblieb, war des Fruleins Eigentum. Sie schlo wieder
zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
sa.

Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: Willst du ihm eine treue
Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schn gehabt.
Gelt, du fhrst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schn fr ihn?
Die kleine Marie nickte und sah mit groen Augen das Frulein an, das
gegen die Trnen ankmpfte, als sie sich ber den Kleinen beugte, ihn
herzte und kte und leise sagte: Beht' dich Gott, mein Liebling, ich
habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?

Ich mu gehen, sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
zusammen, um ihren Trnen zu wehren. Ich habe Sie noch etwas fragen
wollen, sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; was war
denn das fr ein Unglcksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?

Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschfts
bekannt wurde. Nheres kann ich nicht sagen. Greiner fragte auch nicht
weiter.

Ein paar Stunden spter fuhr das Frulein ihrer Heimat zu, und whrend
sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch sa, nahm Alex auf dem
Scho der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stckchen Kartoffel
hineingeschoben, ein sorgsam geschltes!

Danach, da es Feierabend, drauen aber noch hell und warm war, gingen
sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schnen Kleinen
auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
sten und rief ihm freundlich zu: Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
bist du im Thringer Wald!

Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versumt worden durch all die
Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
zusammenhing! Als am Samstag der groe Huckelkorb vollgepackt wurde,
fand sich, da alles leicht hineinging und da Maries neuer Korb ganz
berflssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
mit dem schnen neuen Brderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein greres Vergngen, als mit
der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie bel an! Der Sonneberger
Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
liefern; die Zeit drngte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.

Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
gestorben und sie htten ein Waisenkind aufnehmen mssen. Die
Entschuldigung wurde ganz ungndig aufgenommen. Ob sie meine, da das
Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten knne. Zum Unglck hatten
noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.

Wenn ich mein Wort nicht halte, sagte er, so verliere ich meine
Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
werden? Ganz schuldbewut und zerknirscht stand Frau Greiner da und
wagte kein Wrtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehriger Abzug
am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
zu haben, ihr neue Auftrge zu geben, und lie sie lange stehen, wie
wenn sie nicht mehr da wre. Da aber noch groe Bestellungen vorlagen,
so bekam sie schlielich doch wieder Auftrge genug, und diesmal verlie
sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
elendes Smmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
und sie frchtete schon ihres Mannes grmliches Gesicht, wenn sie so
wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurcklegen
fr den Winter, wo das Puppengeschft stockt. Aber schlielich konnte
sie auch nichts dafr, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.

In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
gemtlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
Mannes. Die Woche ber arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: Georg,
wart ein wenig!

Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschft plaudernd
gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fuweg
nach Oberhain von der groen Strae abzweigt und ein Wegweiser nach
verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stndchen war's immerhin noch auf
dem Fuweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schlo sich
der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
siegte bei Frau Greiner die Neugier ber die Schchternheit und sie
fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
Kaufmann, der wegen des Puppengeschfts nach Sonneberg gekommen war. Die
deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
verstndigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
und was ihr Mann sei. Mein Mann ist Drcker, sagte Frau Greiner.

Was ist das, Drcker?

Wenn man das Papiermasch in die Formen drckt, da es Puppenkpfe
gibt.

Helfen Sie auch drcken?

Nein, ich bin Balgnherin, was die Krper fr die Puppen gibt. Und die
Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sgespnen.

Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?

Dann haben sie noch keine Augen und --

Wer macht die Augen?

Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
allen Gren, die mu der Augeneinsetzer hineinmachen.

Ist das das Letzte?

Nein, die Maler mssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
die Friseurin mu die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
Balg geleimt.

Das kann Ihr Mann nicht?

O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
geschickt worden, hat schon Kpfe und all die Formen machen lernen, aber
dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
mssen und hat seines Vaters Sach bernommen und ist halt auch wieder
Drcker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul',
aber er hat halt heim mssen, die Not ist gar gro bei uns.

Wieviel verdienen Sie in der Woche?

Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist's mehr, bald weniger. Es gibt
Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.

Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
Woche, Sie mit Mann und Kindern?

Die vorige Woche hab' ich fnfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
schon auf dreiig gestiegen, aber da mu man schon die Nacht
durcharbeiten. Und davon mssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
dafr wieder hinaus und man bringt's fast nicht dazu, da man sich fr
den Winter etwas zurcklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
sonst wird man 's ganze Jahr nicht froh.

Ist Ihr Mann gesund?

Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasch und von den
Sgspnen, aber krank ist er nicht, gottlob.

Jetzt mischte sich Georg ins Gesprch. Die krftige Nahrung fehlt halt
da auen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.

Ja, Fleisch gibt's nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
sind die Hauptsache, bei uns heit's: Kartoffeln in der Frh, zu Mittag
in der Brh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!

Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Hhe
erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstrae einmndeten und von
der Ferne einzelne schiefergraue Dcher sichtbar wurden.

Das ist unser Dorf, sagte Frau Greiner; geht der Herr noch weiter
heut'?

Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
Mann aufsuchen. Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
Frau Greiner ernst und forschend ansah: Sagen Sie ihm einstweilen, da
ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich mchte so eine Familie,
die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinbernehmen nach Amerika.
Ich habe dort Lndereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
alle so weit her holen sollen, das knnten wir drben auch machen, wenn
wir nur die Leute dazu htten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
besten Woche haben, kann ich Ihnen fr drben das ganze Jahr hindurch
versprechen. Alles schriftlich, natrlich. Ich bin schon mit dieser
Absicht herbergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.

Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
Bursche lachte und sagte: Ihr knnt ja gar nimmer reden, es versetzt
Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
wre nicht schlecht!

Und selbstverstndlich freie Reise, fgte der Amerikaner hinzu.

Fr alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.

Das bleibt hier. Dazu gibt's Waisenhuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einfhren, dazu brauchen wir
deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
genug andere, die gerne gehen. Wie heien Sie?

Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
Taler, da sie beim Mann ein gutes Wort fr ihn einlege, und schlug die
kleine Strae ein, die hier von der Oberhainer Strae abzweigte.

Frau Greiner stand still und sah ihm nach. Hab' ich nun das alles
getrumt oder ist's wahr? sagte sie zu Georg. Es mute wohl wahr sein,
denn Georg behauptete, sie habe ein unerhrtes Glck und sie htte nur
gleich ja sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkmen. Warum
sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?

Es ist wahr, sagte Frau Greiner, ich war halt ganz wie aus den Wolken
gefallen, denk nur, alle miteinander bers Meer, die weite Reise! Aber
schn mt's sein, was knnt' man da alles sehen, und ganz freie
berfahrt und drben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
nicht beleidigt sein, da ich so dumm dreingeschaut hab', er wird doch
auch gewi kommen? Was meinst, Georg?

Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. Sag's noch niemand, Georg,
weit, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt? empfahl sie
ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwrdige
Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzhlt.

Es war schon fast eine wehmtige Abschiedsstimmung, mit der die junge
Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grte mit
besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie wrde
sich bald von ihnen trennen. Der Verdru ber die schlechte Einnahme war
ganz berwunden durch die Hoffnung auf zuknftige Reichtmer, und dann
hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mr nicht glauben wollte.

Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
Stubentre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
begrt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
Bblein in seinem schnen Wagen, zog die Beinchen in die Hhe und
kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Mglichkeit,
die groe Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfllt hatte,
sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
Kleider abgelegt, die groe Schrze umgebunden und den Kleinen auf den
Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. Ein paar Stcklein
Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er, berichtete
Marie. Mtterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
davon verstand: Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das
sind bse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinber, von der schnen
weien Gei sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
dafr. Nimm so ein Flschchen mit von seinem Soxhlet, da ihm's gut
bekommt; still, mein Bbchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
haben, so lang du noch bei uns bist. Mut ja doch bald ins Waisenhaus.
Still, mein Waislein, still!

Es war spt abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saen beisammen
und sprachen von dem groen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
befrwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltglichen Leben alles schwer
nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. Wo brchten wir das arme Kind
unter? fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
war der Husten: Siehst doch, ich bin ein kranker Mann, sagte er,
Kranke bleiben am besten daheim.

Wenn aber dann seine Frau sagte: In Gottes Namen, ich will dich auch
nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb'
ich dem Herrn wieder zurck, dann fing wieder Greiner an: Freilich,
die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwlf Mark hast
heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht knnt'
man's schner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, da man sich's
berlegt.

So besprachen sie das Fr und Wider und kamen zu keinem Entschlu. Es
war eine schwle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als she er
dies alles zum erstenmal. Schn war's doch im Thringer Wald und leicht
wre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
Bewutsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
lachte nicht wie sonst ber sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
still und ernst hinaus ins Dunkle. Magdalene, sagte er, kannst nicht
mehr das Lied: 'In allen meinen Taten la ich den Hchsten raten, der
alles kann und wei'; wie geht's da weiter? Sie brachten den Vers
zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemt
gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.

Am nchsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch sa und die Mutter
den Kindern ihren Teil von der dnnen Kaffeebrhe verabreichte, nherten
sich feste Schritte der Tre. Frau Greiner sah ihren Mann an: Der
Amerikaner, flsterte sie. Herein! Aber der eintrat, war ein anderer
Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, da er selbst so oft mit
finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gru wurde gewechselt; der
Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
Kommode und schlo sie auf. Sein Tchterchen folgte ihm, ngstlich sah
sie in sein Gesicht und nun auf seine Hnde, die ein wenig unsicher ein
Kchen ffneten. Vater, reicht's? fragte sie ganz leise und blickte
besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht ntig, man
merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.

Er zhlte das Geld vor dem Steuerboten auf. Alles haben wir nun
freilich gerade noch nicht beisammen, sagte er entschuldigend. Der
Herr wird schon zufrieden sein, setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
er bekommt spter den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.

Anderen wird dann eben gepfndet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
besitzen, sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. Da haben
Sie noch ein schnes Stck, das hat Geldwert, sagte der Beamte.

Das bleibt im Haus, erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
heute war er so zh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
so schn in einem besonderem Bchschen aufgehoben; es half nichts, er
mute eingewechselt und noch zur Hlfte darauf gelegt werden. Erst dann
verschwand der unliebsame Gast. Mimutig sah die Frau ihm nach. Er
wittert das Geld, sagte sie, er hat's nicht wissen knnen, da wir
noch etwas haben, aber er hat's gesprt, da Geld im Haus ist.

Es ist ein Elend, seufzte Greiner, da geht man wahrhaftig gern aus
dem Land.

So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
wir gehen auch fort.

Ja, und das gern.

Bist entschlossen? Im Ernst?

Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.

Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika! rief die
Mutter.

Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
Familie wie noch nicht leicht. Da der Alex nicht mit durfte, das kam
allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wre er gut versorgt; ihre
Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
arme Waislein nur nehmen.

Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: Wenn er nur
auch Wort hlt, dein Amerikaner! worauf dann seine Frau entgegnete:
Denk nur an den Taler! Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.

Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, da die ganze
Familie Greiner auswandern wrde nach Amerika. Dafr hatte schon Georg
gesorgt. fter als sonst ging in den zwei nchsten Tagen die Tre auf,
die Verwandten und Freunde wollten alle genau hren, wie sich die Sache
verhielt, und es wurde in Greiners Stbchen mehr gesprochen als
gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drckte zwar unermdlich seine
Puppenkpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
Amerika bekommen sollten, wrden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
Frau hatte keine Seelenruhe mehr fr ihre Puppenblge; sie dachte nur
immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wre, und die
Kinder liefen vor das Haus und lieen sich anstaunen als die Reisenden,
die bers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzhlte, da ein
Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzhlt habe. Ein
vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geuert,
da er am Mittwoch ber Oberhain nach Sonneberg zurck wolle.

Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustre und
rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenkpfe ab, die da und dort
noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
als sie durch den dmmernden Abend einen lteren Mann langsam und
bedchtig die Dorfstrae herauf auf ihr Huschen zukommen sahen. Die
Frau bemerkte ihn zuerst, stie ihren Mann an und sagte: Der Schulze
kommt zu dir.

Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
weien Haaren einen ehrwrdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
da Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
dem Mund, was er andern gegenber nie fr ntig hielt, und grte den
Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
Haus wollte er nicht, er war noch rstig, stand fest und gerade und
erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. ber den
Gartenzaun besprachen sich die Mnner. Ruppert wollte von Greiner selbst
hren, was wahr sei von dem Gerede, da sie nach Amerika bersiedeln
wollten. Frau Greiner mute ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
Amerikaner erzhlen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.

Und ihr wollt gehen? fragte Ruppert.

Wenn sich alles so verhlt, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wren wir
entschlossen zu gehen, war Greiners Antwort.

Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefhl, als
ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
nicht einverstanden wre. Das konnte sie nicht ertragen. Es ist doch
natrlich, da man aus seinem Elend heraus mchte, wenn man kann, nicht
wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
so wre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
ist's nicht wahr? Und wie rmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
man ihm verpfndet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser
gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?

Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
besser als er die Armut im Dorf! Ja, ja, ja, sagte er nun langsam und
bedchtig, wenn nur _eines_ nicht wre! Wenn die da drben in Amerika
unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
jetzt tun, wer wird dann noch von Thringen Puppen kommen lassen? Wenn
die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fllt die beste
Kundschaft weg; fr 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
Brgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darber gesprochen
und die Herren Fabrikanten auch. Wit Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt,
wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
fr alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr
hingehen und die Quelle verschtten, da der ganze Ort kein Wasser mehr
hat.

Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: Nein, nein, sagte sie, wegen
der Quelle drfen Sie keine Sorge haben, das tt mein Mann nie, mit dem
Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.

Magdalene, was red'st so ungeschickt, sagte Greiner, das ist nur so
sinnbildlich gesagt!

Ja, Greiner, nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, es ist zum
Vergleich. Wenn eine Familie hinbergeht und zeigt's den Amerikanern,
wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr fr unsere Einnahmequelle.
Fr _Euch_ knnt's ein Glck sein, aber fr das ganze Dorf kann's zum
Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
heraufgekommen.

Frau Greiner sah ihren Mann ngstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
Worte zu sagen wte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
entgegnete er etwas. Wer wei, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da
drben? fragte er. Es wird so leicht nicht sein, da er das gerade so
einfhrt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer wei wie lang schon
ist.

Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet
auch Ihr Euer Glck nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
Gelingt's aber, die Industrie dort einzufhren, dann ist's der helle
Schaden fr uns herben, das ist leicht einzusehen. Ja, das war
einleuchtend, die Frau war schon ganz berzeugt. Aber ihr Mann? Sie
mute sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wute wieder etwas dagegen zu
reden.

Auf jeden Fall, sagte Greiner, braucht so etwas Zeit. Bis die da
drben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's
noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.

Die Frau nickte beifllig. Ja, so weit hinaus sorgt niemand, sagte
sie zustimmend.

Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid, sagte Ruppert zur Frau. Mir
kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jhrlein, und an die Nachkommen mu
man auch denken. Fr wen hat denn der Gemeindefrster den Abhang da oben
frisch aufgeforstet? Fr uns nicht, kaum fr die Kinder, fr die
Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
Bumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafr
gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir drfen, da wir
so arm sind in unsern Walddrfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen
wollen!

Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Da die Enkelkinder
auch noch essen wollten, das war berechtigt.

Es ist schon wahr, sagte Greiner mit schwerem Seufzer, am Unglck vom
Dorf mchte ich nicht schuld sein.

Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dchte, es wre gar kein
Verdienst mehr im Ort, es wre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
Amerikaner eine andere Familie mit hinbernimmt? fragte Frau Greiner.

Von unserem Dorf geht keine mit, entgegnete Ruppert, unsere Leut
kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
Amerikaner auch nichts erreichen.

Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
kleinen Alex herausgedrungen, jetzt lie sich auch noch der Johann
vernehmen und die Mutter ging hinein. Ihr habt jetzt ein Kostkind?
fragte Ruppert.

Ja, mein Schwesterkind ist's.

Was bekommt ihr Kostgeld dafr?

So ein Kostkind ist's nicht, fr das man Kostgeld bekommt, wir haben's
blo aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermgen
verloren.

Ist denn gar nichts fr die Kinder brig geblieben? Der Mann Eurer
Schwester war doch reich?

Ich wei selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das groe Mdchen htten wir gern
genommen, aber der Kleine ist ihnen brig geblieben.

Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld httet Ihr Euch
ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er knne sich die Mhe
sparen, in den Husern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
halten alle fest zusammen gegen Amerika.

Ja, ja, das tun wir auch.

Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
und Greiner kehrte in die Htte des Elends zurck, aus der hinaus er
sich getrumt hatte.

Bald wurde es still und dunkel im Huschen. Doch nach Mitternacht
erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
sanft hin und her. Kannst liegen bleiben, sagte der Mann zu ihr, es
ist ja _meiner_ Schwester Kind. Da legte sie sich behaglich und sagte
schon wieder halb schlafend: Es ist recht, Elias, du wirst nicht so md
sein wie ich.

Als am nchsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
anfingen zu plaudern von der Reise bers Meer, da war's doch traurig,
ihnen sagen zu mssen, da ber Nacht das ganze Luftschlo eingestrzt
sei, da man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
gar nicht ablieen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
und sagte: Kinder, seid zufrieden, da drben gibt's noch
Menschenfresser.

Aber der Amerikaner geht doch auch hinber!

Der freilich; Herren fressen sie nicht, blo Kinder. Da gaben sie sich
zufrieden.

Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
als davon, da Greiners bers Meer gingen, und dann, da sie nun doch
nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut
meine, drfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
Bsen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
Drckers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.

Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
Gedanken, da der Herr nun abgewiesen werden mute, und wohl zehnmal
wollte sie von ihrem Manne hren, wie er es denn vorbringen wolle.
Whrend sie an der Arbeit saen, wurde der kleine Philipp immer wieder
vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstrae
heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
hereingerannt und rief: Er kommt, er ist schon da! Und dem kleinen
Kerl auf dem Fu folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
dem Reiseschal schrg ber die Achsel geknpft. Er mute sich bcken,
als er durch die kleine Tre eintrat, denn er war wohl einen Kopf grer
als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, whrend seine Frau ihre
Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
Puppenblgen nhte, als ob sie der Besuch nichts anginge.

Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
Wie geht es, Madame Greiner? fragte er; haben Sie meinen Vorschlag
Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?

Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
an ihrer Stelle: Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen
lassen; es wre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie
sehen. Aber der Beschlu ist doch so ausgefallen, da wir nicht gehen.

Das wollen wir uns doch erst berlegen, Sie und ich. Ich denke mir
wohl, da Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
wollen, und auch ich mte erst vom Arzt hren, ob Sie gesund genug
sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
Sie mssen nicht gleich von einem Beschlu reden. Sie drfen mir selbst
einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.

Der Notar kann da nichts ndern, sagte Greiner, wir Oberhainer gehen
nicht hinber.

Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, da die Sache doch
wohl schon reiflich berlegt war.

Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?

Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, da er die Puppenindustrie nicht
nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schdigen wolle; auch
dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden knnte; und so wie er
dchten auch die andern Familien im Ort.

Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschft --
die Pause war schon lang gewesen fr einen Wochentag, auch die Kinder
rhrten wieder die Hnde. Philipp stopfte Sgspne in die Blge. Marie
wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenhten Krper um, und
der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien htte er
gerne gehabt, drben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter
Gesinnung und mit solchem Flei und Geschick, Leute, die zufrieden waren
in solch rmlicher Umgebung.

Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschmt zog
sie ein Pckchen Geld aus ihrer Tasche: Etwas fehlt an dem Taler, den
Sie mir gegeben haben, sagte sie, weil der Steuerbote so dumm
dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
haben.

Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen, sagte
Greiner, er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nchsten Samstag. Der
hat's und tut's gern.

Nicht ntig, sagte der Amerikaner, es war nicht ausgemacht, da ich
den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.

Und nun grte er und sie grten ihn, und er zog von dannen, zum Ort
hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. --

In der Nhe von Greiners Huschen war schon den ganzen Morgen ein
Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der
ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bsen Fues in der Fabrik zu
entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verlie, folgte ihm Georg
mit seinem bsen Fu erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen
Schritten vorwrts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis
das Dorf auer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte
er vorwrts, versicherte sich noch einmal, da niemand des Weges kam,
lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.
Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht
bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, da es nicht so war.

Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika
mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschft aufgewachsen und ich
wte noch einen Burschen und ein Mdchen aus dem Ort, die wren auch
bereit, mitzugehen; wir drei knnten so gut wie die Greiners die Leute
in Amerika anweisen.

Eine Weile besann sich der Amerikaner. Wit Ihr auch den Grund, fragte
er, warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?

Ja wohl wei ich's, da sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst
bringen wollen. Aber ich bin aufgeklrter, ich denke: Jeder ist sich
selbst der Nchste, und soviel ich von Amerika wei, denken sie da
drben auch so und machen Geld, soviel sie knnen.

Ja, ja, das ist ganz richtig, sagte der Amerikaner. Es ist auch das
Vernnftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will
ich _richtige_ Deutsche, die das Gemt haben, wie es nur die Deutschen
haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind
kein solcher; Sie haben kein Herz fr Ihr Dorf: Sie wrden auch fr mein
Geschft kein Herz haben, sondern wrden mich verlassen, sobald Ihnen
ein anderer einen Dollar mehr bte. Guten Abend.

Mit diesem unverhofften Gru ging der Fremde nach der andern Seite der
Strae und hatte keinen Blick mehr fr Georg. Der stand da, halb zornig,
halb beschmt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
dann und schlich langsam zurck ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der
konnte eher glauben, da er einen bsen Fu habe.

Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem
Menschen, aber am schwersten trgt er daran, wenn er einen Augenblick
gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue
aufgebrdet wird. Es war eine trbe Stimmung im Hause des Drckers in
den nchsten Wochen, bis allmhlich die Erinnerung an den Plan der
Auswanderung verblate und sie wieder eingewhnt waren in das alte
Elend!

Klein Alex aber schien sich nicht einzugewhnen; er nahm nicht zu und
wurde nicht krftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld
und Zeit brig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut
gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im
Haus und drngte die Arbeit, dann mute sich der Kleine wieder mit
Kartoffeln begngen und Kaffeebrhe trinken wie die andern Kinder auch.
Er vertrgt's nicht, sagte dann Greiner und sah trbselig auf das
Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.

Nein, er vertrgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewhnt, sagte die
Mutter. Aber gut ist's, da er's nicht wei und nicht bs auf uns ist,
gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein
Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir
dich in Wald hinaus, wo die Vglein singen und pfeifen, gelt du freust
dich, kleiner Schelm?

So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und
lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der
Mutter nach. Dann lchelte der Kleine so hold, da sie ihn alle lieb
hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
so im Drange der Arbeit.

Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu
Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere
kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren
Lnder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben
keine Auftrge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer
wieder ein Schrecken fr die Leute, wenn der Verdienst aufhrte. Und
doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker
mute bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen
Sommer versprochen hatte, da sie auch einmal geputzt werden sollte,
wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes
Hemd mehr hatte, fr den wurde jetzt ein neues genht. Aber die Kost
wurde immer schmler.

Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. Marie, geh zum Krmer,
sagte die Mutter, hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,
was er mehr kostet, soll der Krmer aufschreiben. Marie kam zurck mit
leeren Hnden. Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,
sagt er; aber ich soll ein Tpfchen bringen, von der Heringsbrh wolle
er mir geben um drei Pfennig. Und Marie nahm ein Tpfchen. Sei doch
gescheit und nimm den groen Topf mit, dann bekommst mehr, sagte Frau
Greiner. Aber der Krmer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur
Hlfte voll.

Die Brh ist krftig, sagte Frau Greiner, als sie sie zu den
Kartoffeln auf den Tisch setzte, man knnt' meinen, man htte einen
Hering, so stark schmeckt sie. Ja, sagte Greiner, aber hintennach
merkt man's doch, da man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
nicht satt von der Brh. Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm'
kommt, dann holen wir wieder Speck. So wurde schon im Dezember die
harte Arbeitszeit wieder ersehnt.

Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den
Bumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den
winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.
Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder lieen
sie ruhig allein, brav waren sie gewi an diesem Morgen, denn sie wuten
von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der
Gromutter ein, und die schickte Lebkuchen, fr jedes Kind einen, und
diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trpplein der Kinder,
das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach
der andern, unfhig an etwas anderes denken zu knnen, als an den
Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,
dick beschneit, erschien unter der Tre, und als er nur die Kinder sah,
rief er: Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist
wohl ein Christstollen darin. Da ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber
da hinauf. Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank
und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
der Philipp und der Johann und sahen andchtig hinauf nach dem groen
Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote
gesagt hatte: Es ist wohl ein Christstollen. Der Philipp, der sich das
Paket nher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und htte den Pack
auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum
fing sie an, an dem Stuhl zu rtteln, so da der Philipp schrie und froh
war, als er glcklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie
auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen
hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kmen.

Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam
hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht
vorwrts kommen, so wurde sie bedrngt und umringt von den Kindern und
ihr Korb bestrmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat
einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam
von dem Weihnachtsgebck. Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber
nicht, sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrstet rief seine Frau:
Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen
essen? er mu doch auch merken, da Christtag ist: da, mein Bbchen, da,
heute ist Weihnacht!

Einen Augenblick hatte das heihungerige Verlangen die Kinder sogar das
Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund
verkndeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und
Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnre gelst. Alle drngten
sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen
begrt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht
geahnt hatte: ein ganzer Kranz Wrste, gute feste Siedwrste, und noch
etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.

Die Sendung kam von Frulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das
Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gru fr die Feiertage den Stollen
gebacken und ihre Eltern hatten die Wrste beigelegt. In einem Brief
voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch
alle lieb htten. Da umringten sie den Kleinen im Gefhl, da sie ihm
das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,
als sich all die freundlichen Gesichter ber ihn beugten. Aber das
schne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht
gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Frulein Elisabeth vorgestellt
hatte. So sollte er halt jetzt sein, sagte Greiner. Wir heben das
Kleidchen gut auf, bis bers Jahr wird er hineingewachsen sein, sagte
die Mutter und verwahrte es sorgsam.

Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte
Mann auf, als die heien Wrste aufgetragen wurden, und wie schmeckte
diese ganze Woche die Kaffeebrhe so wunderbar, wenn der kstliche
Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den
Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Frulein Elisabeth im Namen
der ganzen Familie aussprach! --

Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal
bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine
Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit berschlge zu machen
auf das heie Kpfchen, und das besorgte Greiner. So sa er in der
stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schne Kind
seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald
seiner Mutter nachfolgen wrde, kam den Mann, der jahraus jahrein
handwerksmig die gewohnten Puppenkpfe formte, das Verlangen an, dies
Kinderkpfchen nach dem Leben zu bilden. Htte er nur Wachs gehabt, wie
er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so htte
er sich's wohl zugetraut.

Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in
die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus
Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frhmorgens vors Haus, pate
einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu
seinem Vorhaben.

Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude
gemacht, in den Formen Kpfe auszudrcken, die ihm die Fabrik bergab;
denn die Puppenkpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
sie nur, weil er Geld dafr bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die
ihm Freude machte; er konnte etwas Schnes schaffen, wie vor zwanzig
Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran
und nach ein paar Stunden hatte er ein Kpfchen geformt, das hnlichkeit
hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nchsten Morgen
heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl
waren die einzelnen Zge hnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die
dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit
einem einzigen Druck der Hand zerstrte er die Arbeit der vergangenen
Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Hnden und legte es mutlos
beiseite.

In der nchsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen
innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner
wieder ergriffen von dem rhrenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte
sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmhlich kam's ihm in die
Finger, da er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich
sah. Ja, nun schien sein Kpfchen Leben zu haben; beglckt betrachtete
er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf
den Kleiderkasten; er wollte hren, was seine Frau dazu sagen wrde.

In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die
Kinder beim Aufstehen das kleine Kpfchen, das auf dem Schrank stand,
und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lchelte
er beim Frhstck so traumverloren vor sich hin, da seine Frau ihn
verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, da er so vergnglich
dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grmliche
Gesicht, das sie an ihm gewhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich
zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte
auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mute etwa vor
dem Schrank stehen. Mutter, rief sie nun aus der Kammer, was steht
denn da oben?

Ich wei doch nicht, was du meinst.

Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.

Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die
Kammer. Ein Puppenkopf ist's, rief er, aber kein solcher, und er
deutete auf die, welche sein Vater ausprete.

Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas
hinaufgestellt, Elias?

Mut eben sehen, sagte der mit seinem wunderlichen Lcheln. Jetzt ging
die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob
Frau Greiner das Kpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die
Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. Das ist gar kein
Puppenkopf, hrte er jetzt seinen Philipp sagen, das ist ja der Alex.

Gerade hab' ich's auch gedacht, rief die Frau, unser Alex, ja ganz
wie er leibt und lebt.

Da hrten sie Greiner laut und vergngt lachen, wie sie's gar nicht
gewhnt waren. Was lachst denn du so? fragte seine Frau und kam zu
ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.

Mich freut's halt, da ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's
gemacht, da wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben
sollte, setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise
hinzu.

So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken. Sie trat
an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Kpfchen daneben. Gut
erraten hast's, wirklich gut!

Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das wrde schnere
Puppenkpfe geben, als die alten da?

Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie mt' man das anstellen?

Einen andern Weg wt' ich nicht, als da man den Kopf den Fabrikherren
zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, da er Formen danach machen
liee.

Aber der mt ihn dir abkaufen; fr einen neuen Kopf hat mancher schon
viel Geld bekommen.

Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mut ihn halt
in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu
laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.

Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_
Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl
von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen
sie sich wenden sollte, einer wrde es schon annehmen. Das Kunstwerk
wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden
Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glck in der Stadt zu versuchen.

Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, da es ihm nie
mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Kufer fnde.
Leichtfig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der
groe Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Krbchen, in
dem der Schatz geborgen war, ein groes Tuch um Kopf und Brust
geschlungen, das die Winterklte abhalten sollte, so verlie sie ihr
Heim. Der Mann blieb in grerer Aufregung zurck als je vorher. Wenn
sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie
etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen wrde; heute
aber war die groe Frage, ob sie gleichgltig abgewiesen mit leeren
Hnden beschmt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine
groe Summe erhalten wrde?

Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreiig
Jahre her sein -- da einer ein reicher Mann geworden war durch einen
besonders hbschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner
zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er groe Hoffnungen
setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein,
ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schne Traum mit dem groen
Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!
Nun ja, auch _der_ schne Traum wrde wohl heute abend vorbei sein.
Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen
und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natrlich, sie hatten ja in
Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten
Puppenkpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine
Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fhlen war Greiner bei seiner
Frau, nur krperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hrte
kaum, was sie trieben.

Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und
Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die
Arbeit. Die alte Frau sa am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,
friedlich und still war's im Stbchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde
Frau Greiner eine groe Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm
erwrmte nach dem langen Marsch durch die Klte. Sie hatte schon
erzhlt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch
im Korb.

So zeig doch einmal den Kopf, sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm
ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prfendes
Gesicht. Da spar' dir nur die Mh', Magdalene, sagte sie jetzt, das
ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den
nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreiig Jahr
Kpf' und wei noch nicht, wie sie aussehen mssen! Httest's ihm wohl
sagen knnen, hast's denn du nicht gesehen?

Ja, sagte die Frau kleinmtig, anders ist er freilich, als sonst die
Puppenkpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wren sie schner.

Wie, la mich's doch auch recht sehen, sagte die Schwester und stellte
den Kopf an das Pltzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Kpfen
ihren Haarschmuck zurechtmachte. So einer ist freilich noch nie
dagestanden, sagte sie kopfschttelnd, aber so unrecht ist er gerade
nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drben, da wr's doch nicht
unmglich, da du ihn anbrchtest; da ging' ich hin, der ist frs
Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.

Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir? fragte Frau Greiner.

Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf mcht' ich grad
nicht, sie sind oft so barsch.

Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war
geschlossen, am Glockenzug blieben sie zgernd stehen. Meinst du nicht,
man lacht mich nur aus mit meinem elenden Kpfchen? Sollt' ich's nicht
bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepat.

Wenn der junge Herr so zufllig herauskm', wr's freilich besser, als
wenn man so extra und groartig die Glocke zieht. Eine Weile standen
sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mute die junge Frau an daheim
denken, und es war, als ob sie es sprte, wie ihr Mann mit all seinem
Denken bei ihr war. Ich mu in Gottes Namen hinein, sagte sie, ich
knnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen. Sie
lutete; die Tre wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
zurck und Frau Greiner vorwrts bis an eine Tre mit der Aufschrift
Kontor, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an groen Stehpulten zwei
Herren schrieben.

Sie wnschen? fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf
erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schchtern und unsicher
brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr
Mann gemacht, weil sie ein so schnes Waisenkind htten, nach dem htt'
er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester
Kind sei und Umschlge brauchte bei Nacht.

Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn
eigentlich? fragte der Schreiber.

Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen wrde?

Kaufen? Ja, zu was denn?

Da man Formen danach mache zu Papiermasch-Kpfen. Mein Mann ist
Drcker in Oberhain.

Wenn er Drcker ist, dann soll er nur die Formen schn ausdrcken; aber
die neuen Kpfe, das knnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von
den Drckern da drauen im Wald, die werden von den Knstlern geliefert,
von rechten Knstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So
etwas mu gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen
Sie Ihrem Waisenkind Umschlge, das wird besser sein. Er lachte und der
jngere Herr am nchsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war
nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern
lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den
Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. Das wre er, sagte sie; der Herr
Weber ist wohl nicht zu Haus, da ich ihm den Kopf zeigen knnt'?

Nein, sagte der Herr und schaute nur flchtig nach dem Kpfchen. Herr
Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es
ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Strae kann Ihnen eine
zeigen.

Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie
ganz treuherzig: Es wr' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn
Weber htt' einen Augenblick sprechen knnen. Weil er doch frs
Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er
noch. Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. Sie haben halt
noch gut lachen, sagte sie, Sie sind jung. Aber fr meinen Mann ist's
schon anders, wenn ich mit leeren Hnden heimkomm'. Man knnt's Geld so
ntig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm
heimbring'! Der macht bse Falten hin!

Halblaut sagte der ltere Schreiber zum jngeren: So gehen Sie eben
hinauf und bitten Sie Herrn Weber, da er einen Augenblick
herunterkomme.

Frau Greiner bemerkte mit groer Genugtuung, da Herr Weber nun auf
einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Kpfchen wieder aus.

So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau
Greiner sagte: Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal
sehen. Und whrend er mit dem Kpfchen in der Hand ans Fenster trat, es
fortwhrend betrachtend, fragte er: Wie heit denn Ihr Mann?

Elias Greiner.

Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?

Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.

So, so, und was verlangen Sie fr den Kopf?

Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner
leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? Ich wei nicht,
was ich verlangen soll, sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit
seinem Buchhalter leise verhandelt.

Wer etwas verkaufen will, der mu auch den Preis machen, sagte der
Fabrikant.

Da wuchs Frau Greiner der Mut. Ich denk' halt so, sagte sie; Fabriken
gibt's hier in jedem dritten Haus, ich knnt' berall fragen und es dem
Herrn geben, der's am besten bezahlt.

Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an
sie: Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie knnen es Ihrem Mann
ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen knnen. Es ist
kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal
hundert Puppenkpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als
die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,
und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein
Kinderkpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefllt es so, weil es
nach dem Leben ist, ich kann die groen Puppenaugen nicht leiden; aber
ob es sich gut verkaufen lt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen
eben die hergebrachten Puppenkpfe, und darum drfen Sie mir glauben,
wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer
anbringen. Aber versuchen Sie es nur.

Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, da dieser Mann
an dem Kopf Gefallen fand. Auch flte ihr seine Art Vertrauen ein. Ich
wei nicht, was ich fordern soll, sagte sie, aber wenn Sie ihn kaufen
wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,
was recht ist.

Noch einmal betrachtete der Fabrikant prfend das kleine Kunstwerk, dann
sagte er: Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, da er in den
nchsten Jahren keinen Kopf fr einen anderen Fabrikanten macht als fr
mich, dann zahle ich Ihnen fr den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen
die Hlfte gleich mit und die andere Hlfte, sowie Ihr Mann mir das
Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel
gleich schriftlich gemacht.

Ja, ja, ja, sagte Frau Greiner, einverstanden bin ich, ganz
einverstanden, und die Freude ber die hohe Summe berstrahlte ihr
Gesicht, alle ihre Erwartungen waren bertroffen. Als sie die Summe
wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:
Ihr Mann soll die andere Hlfte des Geldes selbst holen, ich mchte mit
ihm reden, vielleicht knnen wir miteinander verabreden, da er mir den
Kopf auch in andern Gren liefert.

Da fhlte die Frau, da ihr fr jetzt und fr die Zukunft eine Last
abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurckdenken konnte --
die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.
Sie sagte noch mit Trnen in den Augen: Vergelt's Gott, und mein Mann
wird sich selbst bedanken, und ging wie im Traum von dannen. Die Herren
sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: Die htt's auch um weniger
hergegeben. Ja, sagte der Fabrikant, aber es wre nicht recht,
wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausntzen. Ein Knstler
htt' das Doppelte dafr verlangt. Der Kopf ist vorzglich, wollen wir
sehen, ob wir gute Geschfte damit machen. Das Abbild des kleinen Alex
wurde in kostbarem Schrank verwahrt.

Drauen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und
ab. Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!

Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur,
um wieviel? Aber du httest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine!
Komm zur Mutter, komm nur schnell! --

Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen
Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krmer wollte sie vorbeigehen
und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie
heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu
wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den
Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen groen Mund, und dann, wenn
er sich recht gegrmt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem
Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht.
Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;
einkaufen konnte sie doch spter noch, jetzt heim, heim! Und als sie
die Zimmertre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saen und auf sie
warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein
Leben abhinge von dem Wort, das jetzt ber ihre Lippen kommen wrde, da
hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu tuschen; da fuhr sie ihm mit
beiden Hnden ber seine schmalen Backen, und strahlend vor Glck rief
sie: Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!
Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!

Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach
einer Stunde etwa lie er sein Stimmchen hren und ein einstimmiges:
Jetzt wacht er! kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
umringt von allem was Greiner hie, denn die ganze Dankbarkeit wandte
sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glck
ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen
Soxhletflschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all
die freundlichen Gesichter anlchelte, die seinen Wagen umringten, und
wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie
sahen ihm alle zu. Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle
Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!

Aber wie war es nur mglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! Er wird
die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spt sein? dachte
Greiner. Am nchsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das
Soxhletflschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht fate Greiner einen
Entschlu: Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme
ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
alles dafr tun.

Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,
Mhe und Kosten zu machen, er sollte blo aus dem Elend helfen. Jetzt
hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In frher, dunkler
Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen sa, lchelte der kleine
Alex holdselig, dann schlo er halb die kleinen uglein und war still.
Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.
Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.

Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und
Geschwistern nicht mehr htte betrauert werden knnen, und dem kleinen
Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan htte um das
liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schn gewesen
fr diese Welt.

Der Ortsvorsteher schrieb nach Kln, man sollte den Vormund ausfindig
machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,
ob sie die Wsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten drfe?
Er, Ruppert, halte das fr selbstverstndlich. Er habe es nie gebilligt,
da man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den
Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.

Eines Tages brachte Ruppert das Geld fr die Beerdigung und eine Antwort
mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewut, da Fabrikant Greiner
in so schlechten Vermgensverhltnissen sei. Die Wsche und den Wagen
sollten selbstverstndlich die Kostgeber als Entschdigung erhalten.

Vom Soxhlet steht nichts darin?

Nein, von dem nicht.

Siehst, wir sind nicht allein so dumm, sagte Frau Greiner zu ihrem
Mann. Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.

Im Frhjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.
Rings um den Hgel gruben sie in die Erde die Soxhletflschchen, die
dienten als Glser fr die Schneeglckchen und Maiblumen. Sogar ein
schnes Kreuz schmckte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei
Kindergrbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbrger, der, wie
Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt
und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glck gebracht!

Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern
ausgestellt in den Lden der groen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist
nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht
zwischen all den grougigen Puppengesichtern? Dann grt sie
freundlich, ihr wit ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist
sie nachgebildet.




Der Akazienbaum.


Drauen vor dem Stadttor steht ein groes Haus, das ist das
Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.

Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es
in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der
Schwester gepflegt, lange Zeit.

Ach, Schwester Berta, seufzte Lenchen, ich bin schon so lange krank,
wann werde ich wohl wieder gesund?

Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl
dastand und seine drren ste ber die Gartenmauer streckte, und sie
sagte: Wenn die Akazie wieder grne Bltter bekommt, dann wirst du
wieder gesund. Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage
durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grnen Bltter zeigte, und
sehnte sich danach.

Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere
Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frhling, alle Hecken und
Bsche trieben Bltter, viele Bume blhten schon, nur allein die Akazie
stand noch kahl, wie im Winter.

Ach Schwester Marie, seufzte Lenchen, wann wird denn endlich die
Akazie grn? Da sah Schwester Marie hinaus auf den bltterlosen Baum;
sie wute nicht, da die Akazien alle Jahre spter grn werden als die
andern Bume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: Der wird
wohl nie mehr grn, der ist abgestorben. Da erschrak Lenchen und dachte
bei sich: dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch
abgestorben, und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte
sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester
wute aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: Ich glaube, dem
Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.

Dann mu man einen Wandschirm vor sein Bett stellen, sagte der Arzt,
damit es nicht ins Helle sieht. So kam eine Wand vor Lenchens Bett,
und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.

Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital
gebracht hatte, waren lngst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht
besser. Willst du nicht versuchen aufzustehen? fragte manchmal
Schwester Marie das stille Kind.

Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben, sagte die Kleine und man lie
sie liegen.

Eines Tages sprach der Arzt: Ich begreife gar nicht, warum es mit
diesem Kind nicht vorwrts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine
vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann. Lenchen wollte
nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,
aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt
hatte. Lenchen drckte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.
Augen auf! befahl er. Da folgte sie und ffnete die Augen. Ihr erster
Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war ber und ber voll
grner Blttchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel
glnzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich ber die Mauer
herbergrten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: Die Akazie ist
grn, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!

Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie
verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, da
Lenchen so glcklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte
sich nicht satt sehen an dem grnen Baum, und als noch einige Tage
vorber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter
dem schnen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.




Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.


Die groe Frage, was einst aus ihm werden solle, war fr Johannes Ruhn
schon gelst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch
ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, da seine Gedanken ganz und
gar davon erfllt waren. Sein Vater, ein tchtiger und verstndiger
Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, da
fr den kaufmnnischen Beruf etwas Vermgen not tte, und er hatte das
seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
besa, war eine Frau und fnf Kinder. Deshalb uerte Vater Ruhn
manchmal Bedenken ber die Zukunftsplne seines ltesten; aber wenn er
seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,
oder wenn er ihn von seinem zuknftigen Berufe reden hrte, dann hatte
er, ohne recht sagen zu knnen woran es lag, den Eindruck: der wird auch
ohne Vermgen vorwrts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine
sorgliche, schchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: Den lassen
wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wren,
wie der!

Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester
Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater
hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit
der Frage zu schlieen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die
gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschft
wre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder hhere
Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfgung. Andere besahen
sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern
an ihm kannten; sie sahen nur die fr sein Alter noch etwas kleine,
zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht
strahlten und von Unternehmungslust glnzten. Es boten sich so viele
krftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand
wollte Johannes.

So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Pltzchen,
immer kleinmtiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.

Dieser machte sich einstweilen daheim ntzlich. Die Mutter konnte ruhig
auswrts Arbeit annehmen, ihr Groer ersetzte ihr Kindsmagd und Kchin,
denn zur Unttigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mute immer zu
tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens
verga er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,
und das kam daher, da seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die
arbeiteten unablssig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte
Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschft
aufnehmen, so mute es anderswie gehen.

Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen
pltzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mute.

Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen
Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,
aber woher sonst? Was ist es doch fr ein geheimnisvoller Hergang, wenn
wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist pltzlich aufleuchtet, was
uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wre?

Johannes Ruhn htte auch nicht sagen knnen, wie es zugegangen, da er
pltzlich wute, was er tun mute; aber er war glckselig ber diese
Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und
die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hnde auf das
Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein
junges Fllen.

Und dann begann fr den kleinen Geschftsmann die Arbeit. Die erste
mute sein: Vater und Mutter fr seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als
die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine
Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschft ankomme, msse er
selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, msse er etwas
verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekme. Er
wute schon etwas, nmlich: alte Kistchen, Bchsen und Pappschachteln;
die bekomme man umsonst in den Lden und auch von seinen Kameraden wrde
ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und
ausbessern wrde, und htte dann einen ganzen Haufen in allen Gren und
Formen, dann knnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann
Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straenecke,
und alte Packpapiere und Schnre mten auch dabei sein. Und wenn er
dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und
Adrekarten und Begleitscheine, da die Leute alles bequem beieinander
htten, und den Ungeschickten wrde er auch helfen zusammenpacken
und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm pltzlich zum
Bewutsein, da er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch
immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was
sie sagen wrden.

Es kamen allerlei Einwnde. Der Mutter schien der Handel nicht fein
genug; ein Trdelgeschft sei das, und wenn er Trdler sei, komme er
nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergngen
wre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da knnte man
mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schn,
betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit
diesen und hnlichen Einwnden wurde aber Johannes leicht fertig; denn
ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Klte frchtete
er gar nicht und betteln wrde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein
anderes, ein schwerwiegendes Wort: Ohne Erlaubnis geht das nicht,
sagte der Vater, fr so etwas mu man eine Eingabe bei dem Magistrat
machen, mu Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,
daran scheitert die Sache.

An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht
glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kmmern, wenn er,
Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklrte
ihm die Sache, und die schweren groen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer
und Abgaben drckten so sehr auf Johannes' Luftschlo, da es
einzustrzen drohte; bis die Mutter dem schnen Gebilde zu Hilfe kam,
das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung
des Mitleids zu sttzen geneigt war. Sie sagte zum Vater: Du mtest
eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.

Einige Tage spter kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm erffnet
worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so mge er die
Sache immerhin versuchen, zunchst ohne Abgabe. Auch stnde ihm zu
seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfgung.

Johannes Ruhn wute sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glck. Seine
Freude war so gro, da sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die
Eltern mit fortri, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,
ob es eigentlich ein so besonderes Glck sei, wenn im gnstigsten Falle
durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient wrden? Der
zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es
war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfllte und nun seine
Unternehmungslust weckte.

Es dauerte gar nicht lange, so fllten sich die Rume mit Schachteln,
Pappksten und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der
Nachbarschaft herum, wie hocherwnscht solche in der Familie Ruhn seien;
gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,
bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in
Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermdlich
schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmhlich trmten
sich die sauber hergerichteten Schachteln, so da die Familie in ihren
kleinen Zimmern bedrngt wurde von diesem berflu und sehnlich den Tag
erwartete, bis sich der Segen herausergieen wrde aus ihren engen
Rumen.

Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der
zur Erffnung des Geschfts bestimmte Zeitpunkt. Noch vor
Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,
Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der
alten Mebude angewiesen war. Einmtig halfen sie zusammen, doch war den
beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur
leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meleute nicht auf
sich zu ziehen, whrend sie sich mhten, den Stand aufzurichten.
Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
Stnden, um abzusehen wie diese zusammengefgt wurden, und man durfte
ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zgen zu lesen: Heute ist ein
groer Tag!

Seinem Stand gegenber war ein solcher mit Glaswaren und
Porzellanfiguren. Er erfate das sofort als einen besonderen Glcksfall;
und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal
innehielt und neugierig hinberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und
zog artig die Mtze: Ich handle mit Packwaren, sagte er, und wenn Sie
Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
Leuten, da sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann
auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen. So hatte er
schon in der ersten Morgenstunde eine Geschftsverbindung geschlossen.
Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging
er auf die Leute zu, whrend sie im bedrckenden Bewutsein des
Trdelkrames immer Angst hatte, man wrde sie auslachen. So trieb sie
auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: der Johannes richtet es
schon ohne uns, meinte sie, und so berlieen sie den kleinen
Geschftsmann seinem Schicksale.

Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,
ein Kufer kam auf fnf Verkufer und nach leeren Schachteln fragte
keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit groer Befriedigung --
hatten alle Vorbergehenden einen Blick fr die hoch aufgebauten
Schachteln, fr die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine
Holzwolle, die Schnre, die in allen Lngen und Strken dahingen, und
kaum einer bersah die ungewohnte Aufschrift:

    _Packwaren._

Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhndlerin brachte
ein zierliches Figrchen, eine Schferin, zum Verkauf. Nehmen Sie sich
nur gleich da drben eine Schachtel mit, da der Hirtenstab nicht
abbricht, sagte sie zu der Kuferin, und richtig, das Frulein wandte
sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde
sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel
gewhlt und wie vorsichtig die Schferin in feinste Holzwolle gebettet!
Bis nach Australien htte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen
knnen. Und dann nickte Johannes voll Vergngen seinem Gegenber zu, und
bewachte gerne den Kram, whrend die Frau ging, sich einen Topf heien
Kaffees zu holen.

Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erls heim, und
in den nchsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen
durcheinander auf die Verkufer herab, die frierend von einem Fu auf
den andern trippelten, das war kein Spa.

Aber am vierten Tage verkndigte Johannes schon in der Frhe der
Porzellanhndlerin: Der Barometer steigt, und bald darauf brach die
Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der
Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten
Tag bentzen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drngten
sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf
zu hren: Hier knnen wir gleich eine passende Schachtel auswhlen. Das
Geschft ging gut; der kleine Geschftsmann strahlte, und weil er es
jedem Kufer als eine besondere Gte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,
so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mhe, unter
seinen Schtzen den passendsten fr einen jeden auszuwhlen. Dadurch
wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene lieen sich ihre Ware
gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch
wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin
Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und
fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er
sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wute bald die Poststze
bis in die fernsten Lnder und wnschte sich nur jeden Tag, es mchte
recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich
herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie
ein Bub, wei doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz
angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Lngst wre
Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle fr neue
war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch
die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch
Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt
konnte er ja etwas dafr zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch
dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft
zu vor seiner Bude und niemand mute mit einer unpassenden Schachtel
davongehen.

So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen
Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorber.

Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhndlerin stand
ein lterer Herr mit seinem Enkeltchterchen. Die Kleine suchte unter
den Blumenglschen, und whrend sie whlte, horchte und schaute der Herr
hinber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
Einwilligung zur Erffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufllig
das wunderliche Geschft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,
war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: Aber legen Sie keinen Brief
in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten! Es war
Johannes, der das einer Kuferin nachrief. Der alte Herr trat nher und
beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschftsmann. Wie
betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie
unverdrossen half er den Kufern auswhlen, und beachtete ihre Bedenken;
er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es
wohl, da seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten
sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wute wirklich
Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit
der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,
obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: Gehen wir doch
weiter, da ist ja gar nichts Schnes, blieb er doch auf seinem Posten.
Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte
nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast
unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des groen, ernst
dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein
Geschft? Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat, sagte Johannes und
blickte dem Herrn offen ins Auge. Das wei ich, entgegnete dieser;
lchelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem
fortstrebenden Enkelkinde.

Der letzte Metag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stnde
wurden abgeschlagen, Kisten standen berall in den Wegen, die mit Stroh,
Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhndlerin schenkte
Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: Auf
Wiedersehen. Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.
Nun war die Mutter nicht mehr schchtern, das Geschft war ber all ihr
Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber
dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Erffnung der Messe.
Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wute keinen Weg. Trbselig
packte er seinen Kram zusammen.

Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig
ging er, wie einer, der nicht zu spt kommen mchte. Das ist wieder der
Herr, sagte Johannes leise zu seinem Vater. Der? fragte dieser
dagegen, und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich
Wagner, dem das groe Kolonialgeschft am Markt gehrt. Was der jetzt
wohl noch auf der Messe sucht! Johannes antwortete darauf nicht, aber
er ahnte gleich, ja, er fhlte bestimmt: mich sucht er.

Und so war es. Der groe Geschftsmann kam, um den Kleinen fr sich zu
gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust versprt, sich
aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmchtigen Lehrling
hatte er doch noch nie in sein Geschft aufgenommen, immer grere
Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das
reinste Kind.

Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in
seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht
vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als
er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er
diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekme er mit ihm
statt einer Maschine eine Seele ins Geschft. Die wollte er sich nicht
entgehen lassen; er eilte, sie fr sich zu gewinnen.

Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem
Jungen die Hand und fragte: Wie geht's, kleiner Geschftsmann? Wie
geht's ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
aber Johannes fhlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der
Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und
sagte: Es geht nimmer weiter, und dabei lag in seiner Stimme und
seinem Blick das Zutrauen: Zeig' du mir, wo der Weg weitergeht. Und
Ulrich Wagner machte den Wegweiser.

Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meleute wurde das
Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich
weder der groe noch der kleine Geschftsmann in seinem Vertrauen
getuscht.

Johannes trat ein in das Geschft von Ulrich Wagner als der kleinste
Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des groen Mannes
und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das
Geschft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.




Ein geplagter Mann.


Wir sind in einem schwbischen Stdtchen, zwischen Wald und Bergen
gelegen, und versetzen uns um etwa dreiig Jahre zurck. Das Haus, in
dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen groen Tag, liegt
malerisch an dem Flchen, das in raschem Lauf das Stdtchen
durchfliet, und bildet die Ecke der Fahrstrae nach dem Bahnhof. Unser
Haus hat zwei Besitzer; das Erdgescho gehrt dem Schreiner Wahl zu
eigen, der obere Stock dem Stadtschultheien Rmer. Auerdem gibt es
noch im Dachstock sechs Kammern; ursprnglich gehrten drei dem
Schreiner und drei dem Stadtschultheien, aber der Schreiner, der
manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fllen dem
Stadtschultheien eine Kammer zum Kauf an und so gehrten jetzt bereits
fnf Kammern dem Stadtschultheien und nur noch eine dem Schreiner.

Am frhen Morgen des groen Tages, von dem wir berichten wollen,
hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des
Stadtschultheien hrte kaum ber sich seinen schweren Schritt, als sie
auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann
aufsuchte.

Guten Morgen, Herr Wahl, sagte sie freundlich, machen Sie schon die
Fahnen hinaus, das ist recht.

Ja, sagte der Mann, es ist ja gut Wetter.

Und nicht wahr, meine Lmpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig
hinaus.

Wohl, wohl, Frau Stadtschulthei, aber doch erst am Abend, wenn man sie
gleich anznden kann; das ist ja schnell getan.

Meinen Sie? sagte sie unglubig. Am Fenster sind sie freilich leicht
aufzustellen, aber ich meine die auen, die auf dem vorspringenden Sims,
der rings ums Haus herumluft, die mu man doch vorher aufstellen, da
man sieht, wie sich's macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.

Frau Stadtschulthei, auf den Sims wrde ich keine aufstellen, da
brauchen Sie furchtbar viele Lmpchen, an keinem Haus wird es hier so
gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,
weiter braucht's nichts.

Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich
habe deshalb dreihundert Lmpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch
gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die
Felsenbeleuchtung drauen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus
vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Flu. Ich habe das
einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen
Mann damit berraschen, wenn er mit den Herren hereinfhrt. Sie haben
doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.

Nun ja, dann mu ich's eben machen, sagte der Mann zgernd.

Aber gewi nicht zu spt, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei
Uhr, whrend die Herren im Gasthof zur Tafel sind; und als der
Schreiner nicht antwortete, fgte sie hinzu: Ich frchte immer, Ihre
Leiter ist nicht lang genug.

Die ist lang und Leitern gibt es genug im Stdtchen, da mu man nur
eine entlehnen.

Frau Stadtschulthei, rief das Dienstmdchen, das eilig die Treppe
heraufkam, der Herr Stadtschulthei mchte heute frher frhstcken,
das Bckermdchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinber und
hole Brot.

Davon war sie, die Anne, das flinke, frhliche, junge Dienstmdchen, und
die Frau Stadtschulthei kam schnell herab in die Wohnung und richtete
den Frhstckstisch.

Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjhrige Hans, turnte noch im
Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,
das vierteljhrige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,
Stadtschulthei Rmer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
vielleicht zwlf Jahre lter sein als seine Frau, trug einen groen
schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er
ans Fenster und horchte auf. An der Straenecke schellte ein
Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
hatte, las er mit lauter Stimme: Es ergeht an die hiesige
Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer kniglichen
Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Huser zu beflaggen, und bei
einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, da die
Straen whrend des Aufenthalts der hohen Gste sonntglich gehalten
werden und da insbesondere das Federvieh von den Straen ferngehalten
wird.

Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hrte man wieder seine
Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.
Die Folge seines Ausschellens war, da bald da bald dort eine Magd mit
dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und da manches Gnslein
und Hhnervolk, dem soeben erst die Stalltr geffnet worden war,
wieder in den Stall zurckgetrieben wurde. Fahnen und Fhnchen, Krnze
und Laubgewinde wurden an allen Husern angemacht, und glnzten lustig
im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.

Der Stadtschulthei war es, der diese und noch manche andere
Vorbereitung veranlat hatte. Seit Wochen schon stand die
landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und
seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der groe Tag
angebrochen.

Um elf Uhr werden also die Frstlichkeiten erwartet? fragte die Frau.

Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der
Blumenstrau, den wir fr die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun
Uhr Post mu er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe
nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den
Frack und all das bereitlegen, da ich mich rasch umkleiden kann, wenn
ich wiederkomme?

Ja, sagte die junge Frau, jetzt gleich richte ich deine Sachen und
dann Hnschens Bauernanzug.

Wenn er sich nur brav hlt, der Schlingel!

Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem groen Tag.
Eine schwbische Bauernstube war drauen, nahe am Ausstellungsplatz,
eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen
Gste gefhrt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des
Oberamtmanns kleines Tchterlein und des Stadtschultheien Bub, als
Bauer und Buerin verkleidet, darin aufgestellt werden. Es ist immer
gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht, sagte der Stadtschulthei,
wenigstens so kleine. Ich war nicht dafr, aber die andern um so mehr.

Es wird auch nett aussehen und Freude machen.

Wenigstens euch Mttern, sagte Rmer. Aber nun mu ich gehen. Solange
es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede
zurechtlegen.

Zur Begrung am Bahnhof?

Da gengen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf
dem Ausstellungsplatz die Erffnungsrede.

Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann! sagte die Frau freundlich, sie
sah aber stolz zu ihm auf.

Ein geplagter Mann, wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefhl,
wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.

Ehe der Stadtschulthei sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg
ber den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon
allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,
whrend vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schne Stcke
zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche
Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser
Stadtschulthei auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit
verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.

Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes
festlichem Gewand gehrte: Da lag der Frack bereit, die weie Binde, die
Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
der bestellte Strau ein; sorgfltig wurde er aus der Schachtel
genommen; der kleine Hans und die groe Anne waren so entzckt bei dem
Anblick der Blumen, da auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie
noch etwas Schneres und Greres erwartet hatte.

Um zehn Uhr kam der Stadtschulthei wieder. Julie! rief er noch auf
der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht
angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gru, als sie ihm entgegen
kam.

Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?

Htte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich
aufgeschichtet.

Aber du weit das doch; die Straen sollen frei sein. Allen Leuten, die
Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es
wegzurumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne! Die Anne in
der Kche hatte das Gesprch schon gehrt, sie kam nur ungern zum
Vorschein. Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoes am
Haus?

Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so
na ist und weil es so ordentlich aussieht --

Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den
Holzsto damit vollstndig zu!

Wo bekomme ich wohl die Wedel?

Das knnen Sie selbst erfragen. Das Mdchen lief fort.

Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, da sie
wegrumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine
rechte Stadtschultheiin mu ein gutes Beispiel geben.

Aber du hast mir nichts davon gesagt.

Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewhnlich von der andern Seite
herkomme. Der Stadtschulthei kam ins Zimmer.

Papa, sieh dort oben die schnen Blumen, rief Hans.

Rmer besah die Blumen. Das soll der Empfangsstrau sein? sagte er,
das ist ja gar nicht mglich.

Wieso? fragte die Frau.

So sieht doch nicht ein Strau aus fr zwanzig Mark; der ist ja
unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?

Den Preis wute ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber
doch ganz hbsch.

Aber Julie, das ist doch kein Strau, wie man ihn einer Prinzessin
berreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja -- zwei
Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Da du aber so etwas
nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! berreichen kann ich das nicht.

Warum denn nicht? fragte begtigend Frau Rmer, die Prinzessin ist
noch jnger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strau
aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Stdten.

Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nhmen und die Prinzessin
so wenig verstnde wie du!

Noch einmal sah der Stadtschulthei prfend die Blumen an: Fort mit,
geht unmglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas
Geringes. Schicke den Strau in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und
nun sieh, da ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu berlegen; auf
dem Rathaus war keine Mglichkeit dazu.

Der Stadtschulthei begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der
Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne
hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige
herbeigeschleppt hatte und sich bemhte, das an der Hausmauer
aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. Behalte den Kleinen, Anne,
mein Mann will Ruhe haben, sagte die junge Mutter.

Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus
zu. Ist der Herr Stadtschulthei droben? fragte er.

Ja, sagte Anne zgernd und ebenso zgernd bejahte es droben die junge
Frau. Ich habe zu melden, da die Wscherin Matzbeck Wsche aufhngt an
der Bahnhofstrae, und mchte den Herrn Stadtschulthei fragen, ob das
zu beanstanden ist?

Mein Mann ist an der Arbeit, sagte die Frau, knnen Sie der Wscherin
nicht gute Worte geben, da sie das lassen soll bis morgen?

Frau Stadtschulthei, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man
sich mit ihr einlt, ist's besser, da man wei, wie der Herr
Stadtschulthei darber denken.

Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. Nur einen Augenblick,
sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. Sage dem
Polizeidiener, die Straen seien sonntglich zu halten, hat er es doch
selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wsche aufgehngt.

Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete
ihm der Ratsdiener, ein wrdiger lterer Mann. Auch er wollte den
Stadtschultheien sprechen.

Es _mu_ wohl jetzt sein? fragte die Frau Stadtschulthei. Ja,
dringend. Der Schulthei von N. hat sagen lassen, da ein Wagen voll
Pulver durch unsere Stadt kommen werde.

Schadet denn das etwas?

Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: Ja, Frau
Stadtschulthei, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Stdtchen
pat nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschulthei.
Wieder ffnete die junge Frau sachte die Tr des Gastzimmerchens. Etwas
gereizt wurde sie da empfangen. Wenn du die Tre auch leise aufmachst,
das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen.
Was gibt es schon wieder?

Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.

Der Stadtschulthei warf sein Merkbchlein beiseite und eilte hinaus.
Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wsche, er hrte sie
selbst an.

Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen, war sein Bescheid.

Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.

Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er
darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich
schreibe sofort den Befehl. Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben
abgezogen war, sagte die Frau Stadtschulthei: Weil du nun doch schon
aus deinem Gedankengang gekommen bist, la dich nur schnell fragen:
knnte man nicht den Strau in die Bauernstube schicken, da ihn Hans
als Bauernjunge der Prinzessin berreicht? Das wre doch sicher
reizend?

Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon
glcklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel
zu lassen.

Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen
Frau macht das sicher Spa.

Kann sein, mach es so, aber nun la mich nur noch eine halbe Stunde in
Ruhe.

Ach wie gerne htte sie das getan, aber einen Augenblick spter sah sie
schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der
schon einmal wegen der Wsche, die aufgehngt wurde, da war. Richtig,
da kam er schon die Treppe herauf. Die Wscherin Matzbeck, meldete er
nun, hat erklrt, es knne ihr niemand verwehren, bei dem schnen
Wetter ihre Wsche aufzuhngen. Die Frau Stadtschulthei habe ja auch
das Holz vor dem Haus nicht weggerumt, so streng werde es also nicht
genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hngen,
aber ihre schne Wsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!

Ach Hagemann, sagte die Frau Stadtschulthei, knnen Sie denn nicht
der Frau sagen, sie drfe ihre Wsche in meinem Garten hinter dem Haus
aufhngen? Wir knnen doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der
Wsche fragen.

Die tut's eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, da die
jetzt nachgibt und die Wsche wieder abzieht und in der Frau
Stadtschulthei Garten aufhngt.

Ach, so soll sie hngen bleiben, geht denn das nicht?

Wenn der Herr Stadtschulthei die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt
und vorbeifhrt und sieht das, dann fllt die Schuld auf mich.

So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder
stren, sagte die junge Frau und fhrte den Polizeidiener durch Wohn-
und Schlafzimmer bis an das Gaststbchen, wo auf das Klopfen ein sehr
deutliches Herein! erfolgte. Sie hrte, wie der Mann seinen Rapport
machte; ach, auch die Bemerkung, da sie Holz vor dem Haus hatten,
wiederholte er; wre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das htte
sie gewi weggelassen! Und nun hrte sie ihren Mann mit starker Stimme
sagen: Die Matzbeck hat die Wsche binnen einer Viertelstunde
vollstndig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt.
Verstanden? Sie haben fr die Ausfhrung zu sorgen. Was das Holz vor
meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird
berdies so mit Grn berdeckt, da es zum Schmuck dient.

Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschulthei folgte ihm
die Treppe hinunter und berzeugte sich, ob der Holzsto wirklich zum
Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hnschen hatte
noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun frhlich die Treppe
hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Strenfried. Der junge
Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar
Stzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: Ist
der Herr Stadtschulthei da?

Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?

Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von
der Wiese drauen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung
einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen,
wie's doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei's nicht
gewhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er
frchtet, es knnte ein Unglck geben.

Was meint denn der Vorstand, da man tun soll?

Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschulthei fragen.

Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. Wenn du nur die
Rede frher studiert httest, sagte sie, am letzten Morgen ist doch
keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn
hereinlassen?

Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein, sagte der
Mann, hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine
Unannehmlichkeiten von der Sache hast! brigens war bis gestern
bestimmt, da der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute
lie er mir sagen, da er sich zu unwohl fhle, sonst wre ich nicht so
spt daran. Da _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade
noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art. Er ging hinaus
und hrte den Bericht wegen des Stiers.

Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmige Kette anzulegen,
wobei ihm in der Stallung die ntige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet
werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzufhren,
der Stier von der Ausstellung auszuschlieen und im Stall anzuketten.

Der Stadtschulthei ging nicht mehr in das Gaststbchen zurck. Es ist
besser, ich kleide mich jetzt an, sagte er, und gehe wieder aufs
Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim. Er verschwand im
Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte
doch. Nach einer Weile ertnte seine Stimme: Julie, wo ist meine weie
Halsbinde?

Frau Rmer, die eben ihrem kleinen Mdelein die Flasche reichte, rief:
Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.

Nein, da ist sie nicht. Knntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine
Zeit mehr zu verlieren.

Schnde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter
sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.

Die Binde _mu_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn
vielleicht hinter das Schrnkchen gerutscht?

Nun ging ein Suchen an, das immer ungemtlicher wurde, dazu schrie die
Kleine zum Erbarmen.

So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast, sagte Rmer.

Die war dir ja zu alt und abgewetzt.

So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.

Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden,
in fnf Minuten ist sie wieder da. Und hinaus rannte die Frau.

Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister
Keller; eine weie Halsbinde fr meinen Mann, ich zahle sie morgen.

Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der
schreienden Kleinen, wahrhaftig, Trnen standen dem kleinen Wesen im
Auge.

Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht? fragte der
Stadtschulthei; findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine
Unordnung! Nun kam das Gestndnis: Die alte habe ich dem Bubi
geschenkt, der hat sich damit geschmckt und soviel Spa daran gehabt.
Der Mann sagte gar nichts mehr.

Nun kam atemlos Anne zurck. Frau Rmer hrte sie kommen und eilte ihr
entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken
machen. Frulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein
halbes Dutzend fr den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle
weggegangen, berichtete Anne.

Und im andern Geschft?

Frulein Keller meint, da gbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der
Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei,
so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurck, die sie
gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint
Frulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.

Natrlich sollst du, Anne, wrst du doch gleich hingesprungen!

Als Frau Rmer wieder zu ihrer Kleinen zurckkehren wollte, sah sie
ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weie Binde um den
Hals, militrisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor
sich hinsang: Ich bin ein geplagter Mann. Er nahm sich so drollig aus,
der kleine Mann mit seinen dicken roten Bckchen; heute hatte sie noch
kaum einen Blick gehabt fr ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn
an. War wohl im uersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu
brauchen? La sehen, Bubi! Aber was war denn das? Die Binde sah ja
schner aus als gestern. Das war gar nicht die alte -- keine Frage, Hans
hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch
machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei?
Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. Bitte, Mama,
gib mir dafr eine andere.

Sie war aber ungndig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts,
und eilte an dem weinenden Tchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. Da
ist die Halsbinde.

Wo war sie denn? Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen
Haupt laden. Entschuldige, sagte sie, ich hre jemand kommen. Ein
Mdchen war drauen. Hfliche Empfehlungen von Frulein Keller und sie
habe doch noch ins andere Geschft geschickt, und da seien zwei Binden
zur Auswahl.

So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken. Und nun kam
Anne schnaufend daher: Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter
und knnen nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden
Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe. Nun waren genug weie
Binden im Haus. Die Frau Stadtschulthei lie sich's aber nicht merken.
Das ist recht, Anne, sagte sie, du glhst ja ganz.

Es ist blo von der Hitze, antwortete das gute Mdchen.

Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib
ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.

Anne ging zu dem Kind. Sie schlft ja, sagte sie.

So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine
verstndige Tochter.

Der Stadtschulthei kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und
schickte sich an zu gehen.

Wann kommst du wieder? fragte seine Frau.

Ich wei nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung;
um zwlf Uhr etwa in die Bauernstube -- da sehen wir uns wohl einen
Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese.
Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung -- dazu wird dir ja unser
Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und
der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan
verabredet. Es kann spt werden, ich will den Hausschlssel mitnehmen.

Krzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte,
verabschiedete sich Rmer. Seine Frau wute nicht recht, war er nur ganz
mit seinen Gedanken beschftigt oder war er nicht recht zufrieden mit
ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich
heute morgen vom Rathaus heimgeflchtet und hatte zu Hause nur Verdru
gehabt, das ging ihr nach und bedrckte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die
Wagen am Haus vorbei, die die Gste abholen sollten; in einem sa ihr
Mann, er war im Gesprch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf
nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm,
und ihm gern einen Gru zugewinkt htte.

Gegen zwlf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der
Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.

Wie ist es denn heute morgen mit der Wscherin gegangen? fragte sie
ihn.

Wie ich komme und richte aus, da die Wsche polizeilich abgezogen
werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: 'Was wollen Sie denn? Die Wsche
ist ja schon trocken, die mu ich so wie so abziehen', und sie hat sie
heruntergenommen.

Ist die wirklich so schnell getrocknet?

Bewahre, Frau Stadtschulthei, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie
den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten
mssen!

In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige
Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge
prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jngste unsere Frau
Stadtschulthei mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prchtig in
buerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner
kleinen Buerin, dem Tchterlein des Oberamtmanns, das man an einen
Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Prchen. Eine der
anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren
als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern
Verhaltungsmaregeln, wie sie beim Eintritt der Gste knicksen sollten
und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gbe, der Prinzessin den
Strau berreichen sollte.

Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben
diesem, unter der geffneten Tre eines Nebengemachs, hielten sich die
Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stren. Den Mttern
des Prchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder
anfingen, ungeduldig und mimutig zu werden, und Frau Rmer dachte
daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt
hatte. Heute wre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans
irgend welche Strung verursacht htte. Nun hrte man die Erwarteten
kommen; rasch zogen sich die Damen zurck, nur die Frau des
Fabrikbesitzers als persnliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in
der Nhe der Kinder, grte nun mit einer tadellosen Verbeugung die
Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und
begrt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner
Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der
Stadtschulthei und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der
nun auf alle Eigentmlichkeiten der schwbischen Bauernstube aufmerksam
machte. Einige Damen, sagte er, indem er in den Hintergrund deutete,
haben sich besonders bemht um die getreue Ausstattung und haben auch
echte kleine Bewohner gestellt.

Die Prinzessin nherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an
seiner Seite der Stadtschulthei. Was stellst du denn vor? fragte die
Prinzessin das kleine Mdchen, sich freundlich zu ihr beugend.

Ich bin eine Buerin von der schwbischen Alb, antwortete die Kleine
mit hflichem Knicks. Und du? fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah
sehr ernsthaft zu der schnen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer
Empfindung: Ich bin ein geplagter Mann. ber diese unverhoffte
Antwort entstand groe Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich
und sagte dann, zu Rmer gewandt: Da mu man unwillkrlich fragen, was
ist denn der Papa dieses Kleinen?

Rmer sagte lchelnd: Er ist hier Stadtschulthei.

Das lt allerlei Schlsse zu, entgegnete heiter der Prinz; ja, ja,
an dieser uerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!

Hans hielt noch immer seinen Strau, obwohl er schon leichte Winke von
verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand,
merkte, da sie deutlicher werden mute. Hans, sagte sie, du willst
ja deinen Strau der Frau Prinzessin geben!

Oder vielleicht der Mama? rief der Kleine und sprang lustig durchs
Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die lteren
Damen zurckgezogen hatte. So war denn richtig die Strung eingetreten.
Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Rmer nicht mit dem Kind
anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strau aus der
Kinderhand, trat mit Hnschen vor und sagte bittend zur Prinzessin:
Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?

Ja gewi, gern, sagte die Prinzessin liebenswrdig, was haben Sie fr
einen prchtigen Jungen, er hat uns den grten Spa gemacht, der kleine
geplagte Mann.

Noch ein paar Minuten verweilten die Gste, dann verlieen sie die
Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und
wieviel Arbeit und berlegung hatte die Herstellung der Bauernstube
gekostet!

Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurck. Lebhaft wurde das
Vorgefallene besprochen. Es hat sich alles ganz gut gemacht, entschied
schlielich die ehemalige Erzieherin als Sachverstndige, nur das eine
war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschulthei, Sie htten sagen
mssen: 'Wollen Knigliche Hoheit die Blumen annehmen'; wollen '_Sie_'
ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht
nachtragen, setzte sie begtigend hinzu.

Der jungen Frau Rmer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen
Hoheiten ber sie dchten, das war es nicht, was sie bekmmerte, aber ob
ihr Mann ber sie und das Kind rgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen
Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, da am Abend
die schne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen msse. Ihr
Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, da sie doch
ein Gefhl dafr hatte, was der richtigen Stadtschultheiin geziemte,
trotz des Holzstoes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der
Bauernstube.

Dreihundert kleine irdene Schlchen hatte sie sich beim Seifensieder mit
Unschlitt fllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen
Dchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte
sie gehrt, da sie auf diese Weise am leichtesten anzuznden wren. Ja,
von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner
gezeigt htte!

Der Nachmittag rckte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und
jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich
kommen.

Endlich ging sie selbst hinunter. Aber Frau Wahl, was ist denn mit
Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?

Die Frau versicherte, da sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte
sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es
dauerte gewi eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in
schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, da er die
Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine
Frau herauf und sagte beschmt: Es ist meinem Mann nicht gut, er hat
sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schlft ein wenig.

Unsere junge Frau war so entrstet, da sie kein Wort mehr fr die
Hausfrau hatte; auf den Schreiner mute sie ja doch verzichten. Anne,
sagte sie, was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?

Ich wei, was wir tun, sagte Anne. Ich steige selbst auf die Leiter,
wenn's dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst
einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist. Hinter dem
Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei,
Frau Rmer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. Sie
ist ja zu kurz! rief Anne herauf.

Freilich, das habe ich immer gefrchtet!

Was machen Sie denn da? fragte der Bcker, der gegenber wohnte und
neugierig herbeikam. Frau Rmer schpfte Hoffnung. Der Mann konnte
vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan
dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des
Hauses schmckte, angebracht werden. Hat das der Herr Stadtschulthei
angeordnet? fragte er.

Nein, ich mchte es ja zu seiner berraschung tun. Der Mann schttelte
den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig
stampfte sie ein wenig mit dem Fu, -- ihre Ungeduld war _zu_ gro. Die
Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfllig, dachte
sie, htte ich nur meine Hamburger hier!

Frau Stadtschulthei, rief von unten der Bcker, wenn ich etwas sagen
darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hngen die
Fahnen ber dem Sims und knnten Feuer fangen, und zweitens ist's auch
zugig an der Ecke, der Wind blst doch alles aus.

Was war dagegen vorzubringen? Frau Rmer schwieg. Aber Anne ergab sich
nicht so schnell. O Herr Breitling, sagte sie, Sie wollen nur nicht.
Die Fahnen knnte man einziehen, wenn's Nacht wird, und wie sollten denn
die Lichter auslschen, da knnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie
zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken
bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!

Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und
zndete ein Streichhlzchen an -- im Nu war es vom Wind ausgeblasen.
Glauben Sie's jetzt? sagte er, in der Fensternische, da geht's, da
sind die Lichter geschtzt, aber, frei lngs der Hausmauer, da lschen
alle aus. Helfen tt ich gern, daran fehlt's nicht.

Einen Augenblick war es stille. Anne, trage die Leiter an ihren Platz,
lie sich nun von oben eine bekmmerte Stimme vernehmen, und das Fenster
wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum
Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lmpchen sah.
Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schn hatte sie es sich
ausgemalt!

Anne kam herein. Das sind Leute, sagte sie, der Schreiner und der
Bcker!

Gegen den Bcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!

Ja, der Schreiner, ber den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen
Sndenbock will der Mensch haben.

Es wurde dunkel. Da und dort zndeten Leute schon Lmpchen an. Ein
khler Abendwind erhob sich. Wir haben wenigstens viele Fenster, sagte
Frau Rmer, und Lichter fr beide Stockwerke. Und nun fing sie oben im
Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lmpchen vor
die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, da sie
nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In
der Ferne hrte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die groen
Felsen, die das Stdtchen auf einer Seite umsumten, erglnzten in
bengalischer Beleuchtung.

Jetzt war es Zeit zum Anznden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der
Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Rmer tun. Aber der Wind, der
Wind! Kaum brannten zwei, drei Flmmchen, so kam der starke Luftzug und
blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand
und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gsten ins
Auge fallen mute, gerade auf dieser Seite lschten beharrlich die
schwachen Flmmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Husern? Die
junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Huserreihe hinunter --
schn beleuchtet glnzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es
wenigstens, denn da auch an den anderen Husern viele Lichter wieder
verlscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte,
und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam
auch Anne verzweifelt herunter. Droben verlschen sie alle! wie ist's
denn unten?

Ebenso!

Meines brennt, rief vergngt der kleine Hans, der vor einem
angezndeten Lmpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte.

Ja, im Zimmer, das glaube ich gern, sagte Anne.

Anne, ich wei, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den
inneren Fenstersims! rief jetzt Frau Rmer; schnell, geh hinunter vors
Haus und sieh, wie es sich ausnimmt, und whrend das Mdchen
hinuntersprang, legte sie ein paar Bcher auf den inneren Sims des
geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder:
Prchtig sieht's aus, kein Mensch bemerkt, da die Lichter nicht auen
stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.

Jetzt ging es ans Werk. Hans, bring alle deine Bausteine herbei,
schnell, schnell! und mit Bausteinen und Bchern wurden nun smtliche
Fenstersimse so hoch belegt, da die Lichter durch die Scheiben sichtbar
wurden. Und dann wurden sie angezndet. Ob es nun wohl ging? Unsere
junge Frau htte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lmpchen und
Zndhlzer ihren Dienst versagt htten. Aber sie brannten so gutmtig
an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die
Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig
Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster ffnen.
Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur
hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in
allen Zimmern, und Anne nahm Hnschen mit hinunter, da er es von der
Strae aus sehen konnte. Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum
Feuerwerk? rief sie herauf.

Ja, ja, geht nur miteinander.

Das kleine Mdelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflchtet
worden in die Kche; da schlief sie ganz sanft, whrend ihre Mutter
unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze
hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde
es so hei, der weie Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles
fhlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins
untere Stockwerk, waren doch alle Vorhnge fest zurckgesteckt? Es war
fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine
Kanne Wasser in der Hand ging sie unablssig von einem Zimmer ins
andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hrte man drunten auf der
Strae Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die
Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschulthei,
fuhren am Haus vorber in den Gasthof zurck; das Feuerwerk war aus, die
schaulustige Menge strmte ins Stdtchen zurck. Gott Lob und Dank, die
Lichter durften ausgelscht werden!

       *       *       *       *       *

Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Rmer sa allein
auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne
schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strmte
durch die Fenster. Da nherte sich durch die stille Strae ein lauter,
fester Tritt, ein Schlssel wurde in die Haustre gesteckt. Mein Mann
kann es nicht sein, aber doch ist er's! sagte sich die junge Frau und
eilte hinaus. Ja, er war es.

Du kommst schon? sagte sie erstaunt. Ich htte gedacht, heute wird es
spt!

Ja, sagte er, die andern sitzen auch noch fest beisammen!

Und du?

Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal
wieder bei meiner Frau sein. Dies Wort zerstreute alle Sorgen der
jungen Frau, sie fhlte es: alles war schn und gut zwischen ihnen und
nun wurde es gemtlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten
sich behaglich zusammen.

Ist das schn, wenn so ein Tag vorbei ist! sagte Rmer.

Ist alles gut gelungen?

So ziemlich, sagte er. Die Beleuchtung der Huser war ja durch den
Wind recht lckenhaft, nur unser Haus war glnzend. Schon von ferne
fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Huschen gehre. Ich war
nicht wenig stolz, htte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen
wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? berall sonst waren
doch die meisten Lichter verlscht.

Sie erzhlte all ihre Erlebnisse. So, deshalb riecht es so merkwrdig
im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden whrend des
Feuerwerks, ich aber auch!

Wieso du?

Du hast doch heute morgen gehrt, da ein Pulverwagen hier durchkommen
wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche
Mann, hat den Fuweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natrlich
nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die
beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich
seh ihm gleich an, da etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn
beiseite. 'Sehen Sie dort hinber, Herr Stadtschulthei,' sagt er. 'Auf
der alten Strae, an der andern Seite vom Flu, fhrt der Pulverwagen!'
Ich sehe hinber: langsam bewegt sich dort der groe, schwarze Wagen,
mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fhnchen,
unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf
und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. 'Was
ist zu tun?' fragte mich der Ratsdiener. 'Es ist nicht mehr zu ndern,'
sagte ich, 'lassen Sie sich nichts merken, da kein Schrecken unter den
Leuten entsteht. Gehen Sie hinber, sorgen Sie, da der Wagen ohne
Aufenthalt weiterfhrt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft,
kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.' Er
ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder
bewhrt, du knntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von
mir weggeht, hre ich, wie ihn ein Mann anredet: 'Sagen Sie, ist denn
das da drben nicht ein Pulverwagen?' 'Das macht doch nichts,' sagt der
Ratsdiener mit grter Seelenruhe; 'auf dem Wagen knnen Sie ein
Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.' 'So, so,' sagt der
andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute
war, whrend das Feuerwerk so in der Luft herumschwrmte. So oft es
unbemerkt ging, mute ich mich umwenden und hinbersehen nach dem
kleinen roten Licht, das allmhlich weiterrckte auf der Strae. Langsam
kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.

Und der Prinz hat nichts davon erfahren?

Nein, er war in frhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin,
die mir noch an der Bahn einen Gru an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl
von seiner Plage?

Ja, der Kleine ruhte und ebenso geno der Vater den friedlichen Abend;
in der Wohnung des Stadtschultheien gab es jetzt keinen geplagten Mann!




Helf, wer helfen kann!


Am heien Herd in der Kche schaltete mit eifrigen Hnden und glhenden
Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um
vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte
versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da
ertnte die Klingel. Es wird der Vater sein, dachte Frida und ffnete.
Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf
der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in
das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit
ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hrte nur noch mit
halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das
Feuer, das bald ausgehen mute, und berlegte, ob es nicht unhflich
wre, wenn sie den Gast allein liee. Inzwischen hatte der Herr weiter
mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel
davon gehrt.

Haben Sie auch Tchter? fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu
sagen. Er sah sie erstaunt an. Das sind eben meine Tchter, von denen
ich Ihnen erzhlte. Frida errtete.

Es fiel ihr ein, da er von einer Marie und einer Elise gesprochen
hatte. Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Tchter haben? sagte sie in
ihrer Verwirrung.

Er lchelte. Nicht sehr viele, blo zwei.

In diesem Augenblick hrte Frida mit wahrem Entzcken den wohlbekannten
Tritt ihres Vaters. Mit groer Freude begrten sich die beiden Freunde
und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: Du bleibst doch
bei uns zu Tisch? Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem
Vater mit den Worten entlassen: Nun geh du in die Kche und mach dein
Meisterstck!

Ja, ein schnes Meisterstck war es, das Frida vorfand, als sie
hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der
Geruch des angebrannten Fleisches erfllte die ganze Kche. Da war
nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Kchin und hatte nur
den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter kme, die wte Rat!

Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu ffnen. Aber es kam blo
ein Dienstmdchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein
groer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag,
Fridas Eltern auf den nchsten Abend einzuladen. Aber Frida hrte nur
halb die Worte des Mdchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch
abwenden.

Brauchen Sie diesen Fisch fr heute mittag? fragte Frida.

O nein, erst fr morgen abend, antwortete das Mdchen.

Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten mchten! Wir haben unerwartet
einen Gast bekommen und ich wei nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen
soll!

Recht gerne, antwortete das Mdchen, ich kann bis morgen schon noch
einen Fisch bekommen.

Ist er tot? fragte Frida.

Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.

Das Mdchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der
Kche, Frida bezahlte, was das Mdchen verlangte, und gab noch ein
schnes Trinkgeld. Als das Mdchen fort war, wandte sich Frida eifrig
ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der
tote Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit
dem Schwanz auf den Kchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten
Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn
tten.

Und das heit die dumme Person _tot_! sagte sie in Verzweiflung, wenn
ich sie nur zurckrufen knnte. Aber die war nicht mehr zu sehen. Da
klingelte es wieder. Jetzt endlich mute es doch die Mutter sein, die
hei ersehnte. Frida flog zur Tre. Aber diesmal war es nur ein
Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen
verlangte. Ach, wir haben ja selbst gar nichts, sagte Frida in so
verzweifeltem Ton, da ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und
wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida
ein Einfall. Sie rief ihm nach: Hren Sie, knnen Sie einen Fisch
tten?

Ob ich was kann? rief der Bursche erstaunt.

Ob Sie einen Fisch ganz tot machen knnen?

Warum denn nicht? sagte er.

O so kommen Sie doch gleich herauf, bat Frida und der Bursche lie
sich's nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Kche liegen sah,
sagte er: Der ist ja schon tot. O bewahre, der tut nur so und sowie
er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie mssen ihn _ganz_ tot
machen.

Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher
Macht auf, da dieser fast davonflog.

Nun ist er gewi ganz tot, sagte der Bursche, ich kann ihm aber auch
noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen. Bereitwilligst reichte
Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem
Kchenjungen.

Knnen Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?

Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird's nicht sein, da
ich's nicht herausreien kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich's recht
mache?

Ich sehe es gut aus der Ferne, sagte vom Herd aus Frida, die ihr
Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.

Darf man alles herausreien, was darinnen ist?

Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder
hineintun.

Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch
auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.

Nun war Frida wieder in glcklicher Stimmung. Ihr Mitrauen gegen den
Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den
Fisch kunstgerecht zuzubereiten.

Kann ich dem Frulein sonst noch etwas helfen? fragte der Bursche. O
ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu
richten, wre ich recht froh.

Eintrchtig machten sich die Beiden an dies Geschft und Frida erzhlte
dabei ihr Migeschick mit dem Braten.

Man wird ihn _doch_ noch essen knnen, trstete der Handwerksbursche.

Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht! Er fand es
nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wren noch manche Leute
froh daran. Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten, sagte Frida
ganz schchtern, dann mte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund
ist es, glaube ich, nicht.

Durchaus nicht, versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt
und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar
entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm fr seine Hilfe noch ein Stck
Geld und dankte ihm sehr. Vergngt eilte der Handwerksbursche die Treppe
hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei
ihrem Besuch versptet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hrte,
da ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:

Ist auch der Braten gut geworden?

Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten
mute. Aber wir haben einen prchtigen Fisch fr heute mittag!

Einen Fisch? Woher?

Von der Kchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch -- oder nein, ich
glaube blo den Vater, auf morgen -- oder nein -- ich glaube auf
bermorgen einzuladen.

Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?

Ach, bei dem Fisch!

Nun la nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schnsten Stcke
auf.

Es geht nicht, Mutter.

Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?

Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen
mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!

Kind, du wirst doch den dreipfndigen Rindsbraten nicht hergegeben
haben?

Alle weiteren Errterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als
er die Stimme der Hausfrau hrte, herauskam, sie lebhaft begrte und in
Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,
erntete sie groes Lob, aber sie schlug beschmt die Augen nieder und
dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer
Stimmung.

Aha, sprach der Gast, da merkt man doch gleich, da man in einer
katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es
sehr hbsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.

Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte,
berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem
Mdchen, ein dreipfndiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem
Handwerksburschen -- und sie kam zu dem Schlu, auch den dringendsten
Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.

Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er
nur die verbrannte Rinde abgelst hatte, und er fragte sich, ob er es
wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem krftigen Stck Fleisch
bringen werde.

Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr trumte, der
Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Scho gesprungen!




Ein Wunderkind.


Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren
Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen
knnen.

Von einem Wunderkind ganz eigener Art mchte ich erzhlen. Mein
Wunderkind heit Fridolin und ist das lteste Kind von armen
Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne da jemand ahnte,
was fr ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages
der Vater zu ihm sagte: Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum
Schneider, da er den Ri am rmel flicke. Fridolin trug den Rock zum
Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. Ich
will darauf warten, sagte Fridolin. So schnell geht's nicht,
entgegnete der Schneider; ich habe vorher noch anderes zu nhen. Ich
kann ja warten, wiederholte das kleine Brschlein. Da drftest du
lange warten, meinte der Schneider, geh du nur wieder heim. Ich kann
auch _lang_ warten, versetzte der Kleine und rhrte sich nicht von der
Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an
der Arbeit saen, lachten ber den Kleinen, der sich nicht vertreiben
lie; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich
an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: La den Knirps nur stehen,
er wird schon bald genug kriegen. Aber Fridolin bekam nicht genug. Er
stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflcher nhte. Acht
Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. -- Nun
trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte
sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu
sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und
ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider
beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte,
da er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn
und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit
Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken
Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, da auch nicht fadenbreit
dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft
war, da es nicht einmal nach ihnen aufschaute. Wer hat dich gelehrt,
Knopflcher machen? fragte jetzt der Schneider. Der da! antwortete
Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da
staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause
auch schon genht habe, woher er's knne usw., aber es war aus dem
Bblein nicht viel herauszubringen. Nun tat's ihm der Schneider zulieb
und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht
hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die
Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der
Schneider zu ihm: Dich freut unser Handwerk, das seh' ich, komm du nur
ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.

Als am nchsten Morgen in aller Frhe die Meisterin aus der Tre trat,
um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, sa der kleine Fridolin
auf der Treppe und sagte: Ich will nhen helfen. Da lie ihn die
Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte:
Verdirbt er's, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb
nichts und kam nun alle Tage.

Der Herbst zog ins Land und Fridolin mute in die Schule. Er war der
kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er
war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer
konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber sa Fridolin mit
geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. Schlfst du? rief
ihn der Lehrer an und berhrte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr
Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drckte er schon wieder die
Augen zu. Was ist's heute mit dir? rief ihm der Lehrer zu und
schttelte ihn: Bist du faul oder krank? Nein, antwortete der Kleine
weinerlich, aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!
und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm sa. Alle Kinder
lachten, aber der Lehrer sagte: Redest du im Traum oder hast du den
Verstand verloren? Nein, nein, rief Fridolin, die Naht mu _so_
laufen, und im Nu hatte er ein Stckchen Schneiderskreide aus seiner
Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie ber den
Rcken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, da der
Kleine recht hatte und da die Naht etwas krumm lief. Er wute nicht,
sollte er lachen ber den kleinen Sonderling oder staunen ber seinen
scharfen Blick. Setze dich vor zu mir, sagte er und fhrte Fridolin an
einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch
Jackennhte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu
seinem Kameraden: Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht
an deiner Jacke zurecht.

Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider
fr seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu
Fridolins Eltern und bat, da ihm der Kleine nhen helfen mchte. Der
Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm
der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes
wert. Die beiden Mnner handelten hin und her, Fridolin stand dabei und
sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider
verabschiedete sich und war schon unter der Tre, da sprach Fridolin:
_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_! Der Schneider kam wieder
zurck und der Vater sagte: Httest auch frher reden knnen, sei nur
zufrieden, jetzt ist's schon ausgemacht. Aber Fridolin war nicht
zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: Um Geld nh' ich nicht, ich
will Tuch! Ja, wozu denn? fragte der Schneider. Zu einem Anzug fr
unseren Kleinen, antwortete Fridolin und meinte damit seinen jngsten
Bruder, den er sehr lieb hatte. Er ist schon so ein Sonderling, dem man
seinen Kopf lassen mu, sagte der Schneider, versprach ihm schnes Tuch
zu liefern und ging.

Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Ma nehmen
und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es
fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so
flink auf und ab wie eine kleine Nhmaschine, so da es ganz wunderbar
anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er fr seine Geschwister
daheim, und was er ihnen machte, das sa so nett und stand so fein, wie
wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschft hervorgegangen wre.

Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich
nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der
geschickteste Schneider im Stdtchen. Gewachsen war er nicht viel, und
wenn er jemand das Ma nehmen sollte, so mute er auf einen Schemel, ja
manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu knnen. Er lebte
ganz still nur fr seine Arbeit, wute nicht, wie es in der Welt drauen
zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.

Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hrte der
Vater, da in der Hauptstadt ein tchtiger Schneidermeister gestorben
sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: Das Geschft
knnte mein Fridolin bernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist
dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird,
da drfte er sich nur hineinsetzen und knnte sein Glck machen! Die
Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin knne nicht
ohne sie sein, er sei zu unpraktisch fr so ein Geschft. Aber der Vater
sagte: Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann,
er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.
Fridolin selbst redete nicht darein und lie seine Eltern die Sache
ausmachen.

Nach kurzer Zeit sa er als Schneidermeister in der Grostadt. Ein
ganzes Stockwerk war fr ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im
Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn
anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die
Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst ber das Meisterlein, aber bald
bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand,
war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen
und nun betrat er in diesem das Geschft, erklrte sich nicht ganz
zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verndert haben. Den
kleinen Meister Fridolin sah er wohl fr den jngsten Lehrjungen an und
beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den
ltesten Gesellen. Der prfte den Anzug und behauptete, er stehe
tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein
auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem
er mit seiner Kreide ein paar Striche ber das Tuch zog, sagte er: Hier
sitzt der Fehler. Der Geselle mute zugeben, da der Meister recht
habe, und am nchsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten
Hnden der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich ber die
gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem
jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort
unsern Fridolin, da dieser ihm das Ma nehme. Aber Fridolin schttelte
blo den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu
dem Bedienten: Der Herr soll zu _mir_ kommen. Die Gesellen waren nicht
wenig erstaunt ber diese Antwort und der lteste flsterte dem Meister
zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen.
Aber Fridolin sagte ganz ruhig: Ich kann nicht, ich mu meinen Schemel
haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein, und der Diener des Herrn
Baron mute mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun
neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemhte sich selbst in
die Werkstatt. Rhrig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl
und vom Stuhl auf den Schemel, um dem groen Herrn das Ma zu nehmen,
und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit,
lie den hohen Herrn stehen und der Geselle mute ihn zur Tre geleiten.
Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemhten sich die
vornehmsten jungen Herren in das Geschft des Schneiderleins, und sie
taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der
Rechnung bedrngte. Meisterlein, sagte eines Tages der lteste
Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefat hatte, wie steht's mit den
Rechnungen? Frher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wre
Zeit, die Herren sollten bezahlen. Da machte Fridolin ein ngstliches
Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen
knnen. Die Rechnungen? sagte er, die sind schwer zu machen. Da
lchelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und
besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die
Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das
Geld, zhlte es aber nicht nach, schob es beiseite, da es bald zwischen
den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen
Gesellen darber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstck zu
sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schlielich
wre wohl alles verschwunden, wenn nicht der lteste Geselle das Geld
zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben
htte.

Ein Vierteljahr war verflossen, da schnrte der wackre Geselle, dessen
Zeit nun abgelaufen war, sein Bndel. Er war schon viele Jahre in der
Fremde gewesen und wollte zurckkehren in seine Heimat. Der treue
Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschftliche mglichst in
Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der
Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit
prchtig und war von frh bis spt so emsig, da ein Meisterstck nach
dem andern aus seinen Hnden hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was
sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern
wuten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm
umgesehen und seitdem hrten sie nichts mehr, denn das Schreiben war
Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus
der Stadt berrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner
Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es
sei gar nicht zu beschreiben, was fr eine Unordnung in der Werkstatt
herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie
habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er knne wohl nicht
anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf
_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: Ich hab's ja gleich
gewut, da es nicht geht, und der Vater wurde ganz nachdenklich und
sprach vor sich hin: Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei
ihm ganz auf die eine Seite geschlagen. Am nchsten Tag reiste die
Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf,
als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen
Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst
sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste
Kundschaft hatte und von frh bis spt arbeitete, war doch kein Geld da.
Denn meistens verga er, fr seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und
wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so lie er das Geld offen
herumliegen, da es nehmen konnte, wer da wollte.

So kann's nicht fortgehen, sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm
allein war. Nein, so kann's nicht fortgehen, gab Fridolin zu. Das mu
man ndern, erklrte die Mutter. Ja, das mu man ndern, wiederholte
der Sohn. Fridolin, erklrte nun die Mutter bestimmt, du mut
heiraten, da du eine tchtige Hausfrau bekommst. Da sah das
Schneiderlein sie ganz bestrzt an und schttelte den Kopf. Davon
versteh ich nichts, Mutter, sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter
berreden wollte, er gab nicht nach. So mute sich denn die Mutter auf
einen andern Ausweg besinnen. Ist's dir recht, wenn wir zu dir ziehen,
der Vater und ich und die Kinder alle? Diesmal wurde ihr Vorschlag
anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. Ja,
sagte er, und bleib du nur gleich da, Mutter. So leicht geht das
nicht, erst mu ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo
soll das so schnell herkommen? Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal
leid, da er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu
durchsuchen. Mutter, sagte er, ich habe anfangs einen ehrlichen
Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er
gesagt: 'Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht
brauchen Sie's einmal,' aber ich wei nicht mehr, wohin er's versteckt
hat. Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und
richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel
mehrere Goldstcke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im
Geiste dem wackeren Gesellen, der so fr ihren Sohn gesorgt hatte.

Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen,
und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an,
wie glcklich er sich fhlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am
ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, whrend sie
sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, da nun eine
Meisterin da war, die ein strenges Regiment fhrte. Um 12 Uhr deckte die
Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder
versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte
noch. Der merkt nicht, da Essenszeit ist, sagte der Vater und
schickte den Kleinen in die Werkstatt, da er Fridolin hole. Der war
aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er
wieder, und nun stellte sich's heraus, da er nach alter Gewohnheit in
sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, da nun daheim fr
ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,
als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch sa, und er
legte den kleinen Brdern einen Klo nach dem andern auf den Teller,
schaute ihnen vergngt zu und fragte immer wieder: Schmeckt's euch? so
da die Mutter ihm wehrte und sagte: I du lieber selbst. Doch der
Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er a nie so viel wie andere
Leute.

Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren
und sich von dem kleinen Schneiderlein das Ma nehmen lieen; wie sie
ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn
seine kleinen Hnde mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als
wte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der
fremden Arbeiter die Brder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren,
und so gedieh das Geschft immer besser. Die ganze Familie lebte in
Glck und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tchtiges lernen und
frs Alter wurde jedes Jahr etwas zurckgelegt.

Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines
Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer sa. Sie
sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? Mutter, mir
ist so weh, sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und
legte seinen Kopf in ihren Scho wie ein Kind. Die Mutter erschrak. Du
bist krank, Fridolin, sagte sie, komm, wir schicken den Bruder zum
Arzt. Aber er hielt die Mutter zurck. La nur, Mutter, bat er,
einen _Ri_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mrb ist,
dann kann man nimmer helfen. O Herzenskind, was ist dir denn? rief
die Mutter, komm, lege du dich ins Bett! Ich lieg schon drin, ich
lieg so gut, antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er
seine feinen, weien Hnde zusammen und sagte ganz leise:

    Lieber Gott, mach mich fromm,
    Da ich zu dir in den Himmel komm!

Dann fielen ihm die Augen zu -- fr immer. Die alten Eltern haben ihn nie
verschmerzen knnen und die Geschwister alle haben ihm ein treues
Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzhlen von
dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!




Mutter und Tochter.


Zwischen den stattlichen Bumen des Schlogartens wanderte Arm in Arm im
Gesprch ein Paar, das die Vorbergehenden wohl fr ein Ehepaar hielten,
denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreiigern
stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor
Hnlein, ein Witwer, der nach zehnjhriger Ehe seine Frau verloren
hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der
Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er
Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und
hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten
sie sich wieder gesehen in den fnf Jahren des Witwenstandes. Der
Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Tchterchen in Mnchen, und sie
wirkte als Vorsteherin einer Tchterschule in Hannover.

In diesen Tagen nun fhrte eine Versammlung den Direktor fr ein paar
Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren
wieder, und heute hatten sie den Entschlu gefat, den ferneren
Lebensweg gemeinsam zu gehen.

Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die
Frau: Erzhle mir jetzt von deiner Tochter; ich mchte mir ein Bild von
ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?

Nun, wie eben so Mdchen in diesem Alter auszusehen pflegen, sagte
er.

Ist sie gro fr ihr Alter?

Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Groen gehrt, wei ich
nicht, ich denke, sie ist mittlerer Gre.

Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir hnlich oder ihrer Mutter?

Besondere hnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen. Die
Braut lchelte. Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Strae
begegnet? fragte sie.

Er lie sich die Neckerei gefallen. Ich habe keinen Blick fr diese
Dinge. Htte ich geahnt, da du ein so scharfes Verhr mit mir
anstellst, htte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber
bald selbst sehen.

Aber ber ihr Wesen mchte ich etwas von dir hren. Da wute der Vater
besser Bescheid. Sie ist gut, sagte er, du wirst keine schwere
Aufgabe mit ihr haben; die Haushlterinnen, die wir in den letzten
Jahren hatten, haben sich nie ber sie beklagt. Ein wenig zurckhaltend
ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem
Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon
sprechen, fhle ich doch, da das, was sie in diesem Unterricht gelernt
hat, lebendig in ihr geworden ist.

O, das ist gut, sagte die knftige Mutter, dann finde ich schon den
Anknpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, da sie die Nachricht von
unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?

Das wei ich nicht. ber solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen.
Aber du weit ja am besten, wie die Mdchen ihres Alters ungefhr sind.

Ich meine, sie sind sehr verschieden, sagte die Frau, und ich bitte
dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.

Ja, sagte der Direktor.

Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. Ich
frchte, du schreibst mir doch nur: 'Sie hat es aufgenommen, wie es eben
so Mdchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.' Ich mchte es aber
genau hren, bitte, auch wenn sie sich unglcklich darber aussprechen
sollte; es kann mich nicht krnken, sie kennt mich ja noch nicht.

Der Direktor versprach es. In glcklicher Stimmung verbrachte er diesen
Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der
Hochzeitstag festgesetzt.

Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schnes Familienleben
genossen. Verschiedene Haushlterinnen hatten sich in seinem Hause
abgelst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er
nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewhrtes
Dienstmdchen hatte den Haushalt so notdrftig in Ordnung gehalten.
Frhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein
glckliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die
richtige Leitung. Das Dienstmdchen wollte er vor der Hochzeit wechseln,
es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zuknftige Hausfrau sollte
nicht unter ihm zu leiden haben.

Allerlei Geschfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst
nachmittags fand er eine gnstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter
zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse
Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. Du kannst
auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta, sagte er, dabei
erzhle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein
kleines Fest.

Das Mdchen sah ihn gro an. Der Kaffee reicht nur fr dich, Vater, und
was sollen wir denn feiern? Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn
und sah sehr begierig zu ihm auf.

Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner, sagte er und
fgte hinzu: Sie lt dich gren als ihre zuknftige Tochter; im
nchsten Monat soll unsere Hochzeit sein.

Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. Das ist recht, sagte sie,
das ist viel gescheiter als die Haushlterinnen, die immer wieder
wechseln, die bleibt dann doch!

Ja, das ist zu hoffen, sagte der Vater.

Welcher ist sie hnlich von allen, die wir schon gehabt haben? fragte
Berta.

Keiner; du mut sie dir nicht wie eine Haushlterin denken, sondern wie
eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir
verlangt.

O weh, Vater, sagte Berta mit komischem Entsetzen, Liebe habe ich gar
keine. Weit du noch die erste Haushlterin, die zrtliche Frulein
Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und
die mich immer kte, weit du die noch? Die war mir von allen die
Schrecklichste!

La doch einmal die Haushlterinnen beiseite, sagte der Vater
rgerlich, vollends Frulein Schmidt; deine knftige Mutter hat auch
nicht die Spur von hnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz
liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen,
die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben. Berta
schwieg. Sie besann sich ber sich selbst und kam zu dem traurigen
Schlu, da sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber
sie sprach es nicht aus. Und nun erzhlte der Direktor seinem Kinde von
den frheren Schicksalen der knftigen Mutter. Aber als er im besten
Erzhlen und sie im gespannten Zuhren war, wurden sie unterbrochen;
denn Lisette, das Dienstmdchen, kam herein und meldete, da Luise und
Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen.
rgerlich ber die Strung sprach der Direktor: Warum kommen die beiden
schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.

Mir ist's selbst nicht recht, da sie fast tglich kommen und immer so
lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ndern, erwiderte Berta und
ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick
sehr ungelegen kamen. Das mu alles anders werden, sprach der Vater
vor sich hin, es tut not, da eine Hausfrau fr Ordnung in all diesen
Dingen sorgt und Bertas Verkehr berwacht.

Die beiden Mdchen waren inzwischen ins Wohnzimmer gefhrt worden, wo
sie unaufgefordert ihre Hte ablegten, so da Berta wohl merken konnte,
sie wrden so bald nicht wieder gehen. Sie htte jetzt doch so gerne
ber das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und htte ihn
noch vieles fragen mgen. Unmglich konnte sie wie sonst lustig mit den
Freundinnen plaudern.

Was hast du denn? fragte Luise endlich. Du bist ja gar nicht wie
sonst!

Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn? fragte Lorchen; und
nun drngten sich die beiden Mdchen an Berta und fragten und plagten
sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr
anvertraut hatte. Nun begreife ich's, da du so ernsthaft aussiehst,
sagte Luise, es wird alles ganz anders werden bei euch.

Du hast's auch gar so schn gehabt, wie eine kleine Hausfrau; und
Lorchen griff an den silbernen Schlsselhaken, den Berta an ihrer
Schrze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta
sich ausgebeten und einige Schlssel darangehngt. Die Schlssel wird
sie hergeben mssen, glaubst du nicht? sagte Lore zu Luise. Natrlich,
die wird ihr die Mutter abverlangen, sagte Luise.

Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und
sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen
ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Kche, fand diese mit verweinten
Augen am Herd stehen und hrte, da ihr gekndigt worden war. Berta war
sehr bestrzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten
sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles
wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schlo den
Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und whrend sie
sonst oft ber kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschttet hatte,
schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: Lisette geht. Ich
bekomme eine zweite Mutter.

Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darber, wie
Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte
sich dann: Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ frchtet, werde
ich leicht fertig werden mit ihm.

In den nchsten Wochen war ein geschftiges Leben und Treiben im Haus
des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben
ihr Wesen, um die ganze Wohnung schn herzustellen; und als sie alle
endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und
reinigte und putzte, bis alles nur so glnzte vor Sauberkeit.

Es soll mir niemand nachsagen, da ich das Haus nicht ordentlich
bergeben habe, sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wute, da
sie nicht mehr da sein wrde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten.
In einem besonderen Stbchen sa eine Kleidermacherin und fertigte fr
Berta ein weies Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt
hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach
ihr. Berta, sagte er, als sie zu ihm kam, ich finde den Schlssel zum
Schreibtisch nicht!

Zu _meinem_ Schreibtisch? fragte Berta und griff nach ihrem
Schlsselbund.

Zu _deinem?_ Nun, zu dem schnen Schreibtisch im Besuchszimmer, der
gehrt doch nicht dir! Gib einmal den Schlssel!

Berta reichte ihn dem Vater hin. Er ffnete eine Schublade. Die Sachen
sind wohl von dir, die mssen natrlich alle heraus.

Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehrt doch mir, seit Mama tot
ist, und ich habe auch alle die kleinen Fcher und Schubladen voll
Andenken und wichtigen Sachen!

Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mut sie jetzt anderswo
unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du
solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese
Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!

Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles
hinrumen und warum mute sie gerade den Schreibtisch hergeben, in
dessen Besitz sie so glcklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja
tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, da sie mit Liebe der Frau
entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem
Unmut nahm sie die Schtze heraus aus den kleinen Fchern und
Schubladen, um den Platz frei zu machen fr die Mutter; und Lisette, die
sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: Mut du weichen? Ja,
ja, ich mu ja auch den Platz rumen.

Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick
entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begren sollte. Wenn
nur der Vater nicht dabei wre, dachte sie im stillen, ich kann nicht
so liebevoll sein wie er mchte, wenn ich mir auch alle Mhe gebe. Vor
der Abreise mute sie von Lisette Abschied nehmen fr immer. Wenn du
beim frhlichen Hochzeitsmahle sitzst, sagte Lisette, so denke an
mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier, und
Berta versprach unter Trnen, an sie zu denken.

Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von Mnchen gefeiert
werden.

Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der
Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem
Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu
seiner Tochter: Denke daran, da dir Mutterliebe entgegengebracht wird,
und erwidere sie um meinetwillen. Sie nickte. Ja, gewi wollte sie dem
Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei
alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie
empfinden.

Verschiedene Hochzeitsgste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen
nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die knftige Mutter. Wie im
Traum wandelte Berta durch die fremden Straen, und nun ging es in ein
Haus hinein, und der Vater fate sie an der Hand und sie hrte seine
Stimme: Hier, Berta, ist deine Mutter. Berta sah auf. Eine groe,
stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und
begrte sie ruhig und mit wenigen, khlen Worten. Kein Ku, keine
Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt.
Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber
eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zrtliche Empfindung,
so konnte ihre eigene Zurckhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter
stellte sie nun einigen Mdchen vor, die auch als Gste geladen waren,
und berlie sie diesen.

Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mute immer und
immer wieder zu ihr hinberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht frhlich
und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal
begegneten sich ihre Blicke. Schchtern schlug Berta die Augen nieder
vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich
gerichtet fhlte.

Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und
unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und
lustig zu, so da auch sie sich verga und mit den andern frhlich war.
Schne Trinksprche wurden gehalten, von Braut und Brutigam wurde viel
Gutes gerhmt; und alle schienen es ganz gewi zu wissen, da auch
Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen htten. Berta
hrte auch etwas von ihren schnen, kastanienbraunen Haaren erwhnen und
sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie
die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken
abgelenkt. Dort, an der Saaltre war eine groe Uhr angebracht und die
Zeiger dieser Uhr sagten ihr, da es jetzt zwei Uhr sei und da in
dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Frhlichkeit war mit einem
Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfllte wieder ihre Seele und
sie kam sich wie treulos vor, da sie ihn ein paar Stunden hatte
vergessen knnen. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn
angesprochen: Frulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird
angestoen!

Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stie mit allen an, die
freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein frhliches Gesicht zu machen.
Es gelang ihr wohl, die Fremden zu tuschen, auch der Vater schien
nichts zu bemerken, als er mit ihr anstie. Aber die Mutter, hatte sie
wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte
beobachtend auf dem Mdchen, das sich ihr schchtern nherte, und als
sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise,
so da es keines der Umstehenden hren konnte: Nur getrost, der Tag
wird bald berstanden sein! Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie
fhlte, da die Mutter sie durchschaut hatte.

Der Abend war gekommen; ein Dienstmdchen hatte Berta in das
Gaststbchen geleitet, das fr sie gerichtet war, und nun hatte sie sich
zu Bett gelegt. Da ging die Tre auf und die Mutter trat ein. Bertas
erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,
mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich
besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: Hast du
dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb? Und nun, wenn sie so allein
beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht
gewhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: Du wachst doch
noch? antwortete Berta ja und setzte sich in ihrem Bett auf.

Ich komme nur wegen deines Haares, sagte nun die Mutter, es ist ja
ganz offen und wre morgen so verwirrt, da dich das Mdchen wohl
erbrmlich rupfen wrde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir's
noch flechten; rcke nur ein wenig nher her zu mir, so, jetzt wird es
ganz gut gehen. Sie nahm die Haarbrste und strich langsam und geduldig
durch das lange, verwirrte Haar.

Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch ber dein Haar gesagt?
War es nicht, man mte dich schon lieb haben wegen deines schnen,
kastanienbraunen Haares?

Ja, so ungefhr war es, besttigte Berta.

Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da mte ich viele
Mdchen gern haben, wenn ich alle die lieb htte, die kastanienbraunes
Haar haben! Berta lachte. Auch sonst, fuhr die Mutter fort, ist gar
zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb
haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja
vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir
beide Gottes Wege gehen, dann knnen wir uns wohl begegnen. Zunchst
aber ist es ja noch gar nicht mglich.

Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam
ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, da sie die Mutter nicht lieb
hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb.
Eine Weile war es ganz still im Zimmer. Wie ruhig ist es hier in dem
Stbchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen
Leuten, fing die Mutter wieder an. Mir ist's heute schwerer ums Herz
gewesen, als die lustigen Hochzeitsgste geahnt haben. Und dir war es
auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den
Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige
Gedanken?

Ja, sagte Berta, da mute ich an unsere Lisette denken, an unser
Mdchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich
ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.

Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude?
Sieh, das gefllt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie
ein gutes Mdchen?

O ja, rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rhmen.

Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften? fragte jetzt die
Mutter.

Sie hat gar keine gehabt!

So, und ein solch tadelloses Mdchen hat dein Vater gehen lassen? Warum
ist sie denn nicht geblieben?

Weil -- weil eben --

Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr, sagte die Mutter, die den
Grund wohl erraten mochte. Aber hre, wie machen wir denn das, knnen
wir sie nicht wieder bekommen?

Sie ist blo zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.

Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Fr das nchste Vierteljahr
knnen wir also nichts machen; aber dann -- wie meinst du, wenn....

In diesem Augenblick klopfte jemand an die Tre. Die junge Frau wurde
gerufen, sie mchte doch kommen, man warte schon lange auf sie.

Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch husliche
Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.

Das Haar war lngst geflochten, die Mutter sa auf dem Rand des Bettes.
Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel
setzen, da wir Lisette wieder mchten? Da wird sie uns dein Vater
bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.

O ja, sagte Berta, ganz beglckt ber diese Aussicht, das ist ein
schner Plan!

Nun will ich aber hinbergehen, sagte die Mutter und stand auf;
morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen
ja frhzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am
Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst
_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort
daheim fhlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der
glcklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wtet, wie es ihr
zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir
auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir's nicht gefllt,
gehst du wieder. Jetzt aber mu ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater
heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfngt, als das
neue Dienstmdchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen
Fensterladen; alles kalt und fremd. Htte ich nicht deinen Vater so
lieb, htte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich
gebe dir keinen Gutenachtku, ich kann das Kssen nicht leiden bei
Menschen, die sich nicht lieb haben.

Gute Nacht, Mutter, ich danke dir fr das Flechten, sagte Berta und
reichte der Mutter die Hand.

Nun war Berta allein.

Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet
hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Da es auch der
Mutter bange vor der Zukunft sein knnte, daran hatte Berta vorher nie
gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst
ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darber, ob _ihr_
wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat
gefallen wrde, und nun war es ihr recht, da zu Hause alles so schn
gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft
in den Zimmern und all das, was die Mutter frchtete; wenn sie nur das
ndern knnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang
bereiten knnte! Warum lag ihr denn so viel daran, da es der Mutter
gefiele? Berta mute sich selber darber wundern; noch vor einer Stunde
hatte sie gar nichts fr sie empfunden, jetzt aber fhlte sie es
deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am
Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte,
keine von all den Haushlterinnen, war eine heie Sehnsucht in ihr
erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren
frheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu
erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich
gesagt, da sie sich nicht lieb htten. Aber eines hatte die Mutter
gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann wrden sie sich
vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer
Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon
lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit
ihr wollte sie gehen!

       *       *       *       *       *

Nicht ohne groe Mhe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die
nchsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, da sie einen
Tag frher heimreisen und auch dem neuen Dienstmdchen schreiben drfe,
da es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel berredungskunst hatte sie
anwenden mssen, bis man ihr die Schlssel der Wohnung anvertraut hatte.
Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen
Dienstmdchen in der Wohnung. Die Lden waren alle geschlossen, und
sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint
hatte. Christine, sagte sie zu dem Mdchen, wir wollen alle Fenster
weit aufmachen und die Tren offen stehen lassen, da die dumpfe Luft
hinausgeht.

Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu
tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde
diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um
Blumen zu holen, und sie brachten so groe Bsche mit heim, da sie alle
Glser fllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten
eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen
umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen
Luft war nichts mehr zu bemerken.

Am Abend zndeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem
Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen,
bemerkten sie schon auf der Strae, da alle Fenster ihres Stockwerks
hell erleuchtet waren. Ich wei nicht, wie ich mir das erklren soll,
sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. Sicherlich haben uns die
Bekannten eine berraschung bereitet und sich in unserer Wohnung
versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht
angenehm.

Ich bin auch von der Reise etwas mde, und wre lieber ohne Fremde
daheim gewesen an diesem ersten Abend, sagte seine Frau, aber wir
mssen gute Miene zum bsen Spiel machen!

Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastre
stehen. Du bist auch hier? riefen sie wie aus einem Munde.

Ja, ich wollte euch gerne empfangen.

Und wer ist auer dir noch da?

Niemand als das neue Mdchen.

So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemtlich sieht es hier aus! rief
die Mutter, als sie ins Zimmer trat. Wer hat denn alles so schn mit
Blumen geschmckt?

Ich habe es mit Christine getan.

Das ist schn von dir, sprach der Vater sichtlich erfreut.

Ja, sagte die Mutter, sie ist schon eine brauchbare Haustochter und
sie hat ihren Vater lieb. Berta hatte freilich bei all dem mehr an die
Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon
etwas zu sagen; sie begngte sich damit, zu sehen, da es der Mutter gut
gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch
saen.

Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurckzog, war sie sehr
gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen
wrde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,
so lange sie sich auch abmhte, sich den Schlaf ferne zu halten.

Am nchsten Morgen war es Berta ganz merkwrdig zumute, als sie die
Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den
Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemtlich war dann auch das Frhstck! Sonst
war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war
der Herr des Hauses heiter und frhlich dabei, und die Mutter voll
Freundlichkeit. Sie wute auch so vielerlei zu erzhlen, es war ein ganz
anderes Leben als sonst!

Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel,
aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit
dem Auspacken ihres Reisegepcks beschftigt waren, nahm sie das Buch
zur Hand und schrieb: Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
keiner Haushlterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
nur auch lieb htte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.

Was schreibst du denn? fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat
dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errtete ber und
ber.

Aber Berta, wie unpassend! rief der Vater, der dies bemerkt hatte.

Darf ich's denn nicht sehen? fragte die Mutter. Es ist mein
Tagebuch, antwortete Berta.

La doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast! sagte der Vater.

Nein, ich will nicht verlangen, da sie mich ihr Tagebuch lesen lt,
wenn sie es nicht gerne tut, sprach die Mutter und fgte freundlich
hinzu: Aber es ist gewi nichts Schlimmes darin, was du mich nicht
lesen lassen mchtest?

Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mdchen, das in grter
Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschlieen
konnte, das Buch zu ffnen.

Das sind Dummheiten, sagte der Vater rgerlich, ich kann solche
Tagebcher nicht leiden, was wird da fr bertriebenes Zeug
hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!

Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergngt werden. Sie
sagte sich, da die Mutter notwendig meinen msse, in dem Tagebuch stehe
eine unfreundliche Bemerkung ber sie; aber so leid ihr das tat, konnte
sie doch die Schchternheit nicht berwinden, die sie abhielt, der
Mutter das Tagebuch zu zeigen.

Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen.
Sie packte ihre Bcher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und
verabschiedete sich. Was hast du denn da fr ein Jckchen an? fragte
die Mutter. Die rmel gehen dir ja kaum mehr ber die Ellenbogen
herunter und so eng ist es, da es jeden Augenblick zu platzen droht!

Freilich, sagte Berta, meine Freundinnen haben mir es auch alle schon
gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer
nicht an die Frhjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich
keine Kleider.

Darber will ich doch selbst den Vater fragen, sagte die Frau Direktor
und suchte ihren Mann auf.

Wie ist es denn mit Bertas Kleidern? fragte sie, sie sagt, du werdest
ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich htte gar nicht gedacht, da du
dich so eingehend um ihre Kleider kmmerst.

Das werde ich dir auch ganz berlassen; aber bisher mute ich schon
Einhalt tun, Lisette htte nie genug bekommen fr Berta. Weil ich nun
von Mdchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein fr alle Male so
gehalten, da ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre
Wnsche erfllt habe und damit Punktum frs ganze Jahr.

Dann mag es freilich im Frhjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen
haben. Ich meine, wir mssen ihr dringend eine Jacke kaufen.

Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kmmern mute,
sagte der Direktor. Du weit, was ntig ist. Sieh zu, da Berta so
einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.

Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten
wieder ins Zimmer kam und sagte: Ich will dich nach der Schule abholen,
und dann kaufen wir zusammen eine Jacke. Nie war so etwas bei ihrem
Vater vorgekommen.

Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in
eifrigem Gesprch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat,
freundlich zu ihr sagte: Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen
bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute
Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fhlbar!

Sehr hflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die
Haustre, und allmhlich zerstreuten sich auch die Mitschlerinnen, die
neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. Berta, sprach jetzt die
Mutter, die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei
Jahren ziemlich zurckgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig
geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht
leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter
gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hrte,
da ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im
Franzsischen fehle es dir am meisten. Franzsisch und Englisch ist mir
so gelufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen,
da du in _einem_ Jahr auch Franzsisch sprechen kannst. Ich habe sehr
nette franzsische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig
bentzen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur
Franzsisch reden, so ist dir's in einem Jahr gelufig. Aber nur wenn du
selbst willst!

Freilich, freilich will ich, rief Berta voll Eifer.

Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter
bei den Spielen; weit du nicht ein liebes, fleiiges Mdchen? Es darf
aber weder Luise noch Lore sein!

Kennst du denn diese schon? fragte Berta ganz erstaunt.

O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die
Vorsteherin ein paar Worte ber sie gesagt haben. Das sind zudringliche
Mdchen, die viel fter kommen als man sie will und mit denen du
gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben
lieen. Die hast du gewi nicht wirklich lieb.

Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine
Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.

Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein
franzsisches Krnzchen aus, willst du? Wie gerne wollte Berta! Solche
Geselligkeit war ihr etwas ganz neues.

Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft
werden sollte. Da gab es eine groe Auswahl, von den einfachsten bis zu
den feinsten.

Diese wrde dir passen, gefllt sie dir? fragte die Mutter.

Ja, sehr gut.

Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das wrde dem Frulein noch
viel besser stehen, sagte der Ladendiener und zeigte ein reich
verziertes Jckchen.

Ja, das ist die schnste von allen, sagte ruhig die Mutter und leise
fgte sie hinzu: Hat deine Mama immer das Schnste gewhlt oder war sie
fr das Einfache?

Fr das Einfache, sagte Berta und legte die schne Jacke beiseite.
Aber das wre doch etwas viel Vornehmeres, drngte der Verkufer. Ich
will sie nicht, ich will die andere, entschied Berta bestimmt, und
mehr als die schnste Jacke freute es sie, da die Mutter ihr offenbar
befriedigt zunickte.

An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta
half dabei. Hier sind die Schlssel zum Schreibtisch, sprach nun der
Vater, dieser kleine schliet die kleinen Fcher auf. Berta erinnerte
sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut,
da die Mutter dies nicht wute. Inzwischen hatte der Vater das oberste
Fchlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die
Berta gehrten. Was ist das, Berta, rief der Vater, und eine bse
Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, sind diese Sachen von dir?

Ja, antwortete Berta, ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.

Vergessen? das ist nicht wahr!

Doch, Vater, ich habe es gewi nur vergessen!

Das kann doch wohl sein, warf die Mutter begtigend dazwischen.

Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den
Auftrag gegeben, sofort auszurumen, und was dabei gesprochen wurde,
haben wir beide auch nicht vergessen.

Berta errtete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der
kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die groe
Schublade auf -- sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgerumt,
nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglcklicherweise
gerade zuerst gekommen war.

Ach so, sagte der Direktor, das ist etwas anderes, da habe ich dir
Unrecht getan, ich war der Meinung, du httest _gar_ nichts ausgerumt;
und als er sah, wie Berta mit den Trnen kmpfte, fgte er freundlich
hinzu: Es war ja nur ein Miverstndnis. Aber fr Berta war es mehr;
die Mutter hatte sicher erraten, da sie widerwillig den Platz fr sie
gerumt hatte, und es war Berta, als wren nun all die lieblosen
Gedanken aufgedeckt, die sie frher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich
zu weinen an, da die Eltern wohl merkten, es msse seinen besonderen
Grund haben.

Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist, sagte die
Mutter, es tut dir weh, alle deine Sachen ausrumen zu mssen. Es war
wohl dein Lieblingspltzchen?

Ja, sagte der Vater, seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den
Schreibtisch angeeignet und diese Schlssel zu sich genommen; aber es
versteht sich von selbst, da sie dies alles nun abgibt; nicht wahr,
Berta, du mchtest es nicht anders haben?

Nein, nein, rief sie, aber sie war so erregt, da sie ihr Schluchzen
nicht unterdrcken konnte. Ich sehe, wie schwer es ihr wird, sprach
die Mutter, und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine
Sachen nur wieder herein und nimm den Schlssel zu dir. Der Vater
wollte Einsprache erheben, aber die Mutter lie sich nicht berreden.
Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel
lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlssel. Ungerne folgte Berta, _so_
machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.

Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim
Frhstck. Der Vater war rgerlich ber den Verdru, den es wegen des
Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah,
da Berta nicht wieder frhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht
erklren. Sie wute ja nicht, da Berta mit sich selbst kmpfte, ihre
Schchternheit zu berwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr
auf dem Herzen lag.

Kme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann knnte ich alles
sagen, dachte Berta, aber sie kommt nicht; sie ist auch am
Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war. Unwillkrlich
griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. Ich mache ihn auf,
dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten, und sie lste das
Zopfband; sie hoffte, da es im Lauf des Abends von selbst aufgehen
wrde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt
hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lsen und als es bald
Zeit fr sie war, zu Bett zu gehen, mute sie noch einmal heimlich
nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. Dein Haar ist ja ganz offen,
sagte nun die Mutter, wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend
noch ganz schn?

Berta wute nichts weiter zu sagen: Ja, es ist wahr, die Haare sind
ganz offen.

Ich will sie dir drben noch einmal flechten, sagte die Mutter.

Das kann Berta lngst selbst, meinte der Vater.

Aber nicht so schn, wie die Mutter, fiel Berta eifrig ein.

Fr die Nacht doch wohl schn genug, entgegnete der Vater.

Aber nicht so fest, behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese
Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. Ich will ihr
gerne das Haar flechten, versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch
einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: Dann sage ich dir gleich
gute Nacht, Vater und sie verlie das Zimmer.

Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin,
daneben die Schlssel zum Schreibtisch und dann schlpfte sie so schnell
wie mglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam,
gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die
Mutter. Schon im Bett? fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
wenigen Minuten ins Zimmer kam. Eigentlich htte ich dein Haar besser
machen knnen, wenn du dich nicht vorher gelegt httest.

Mutter, sagte jetzt Berta in groer Bewegung, das Haar kann ich wohl
selbst machen; ich mchte dich nur bitten, da du liest, was ich heute
in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch. Und die
Mutter las den Satz: Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
keiner Haushlterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
nur auch lieb htte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.

Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Gestndnis, das mich so
glcklich macht? rief die Mutter, beugte sich ber Berta, zog sie an
ihr Herz und kte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt
hatte seit ihrer Mama Tod.

Mu ich dir jetzt noch sagen, da ich dich auch lieb habe, mein Kind,
oder fhlst du es? fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe
auf Berta.

Ich fhle es, Mutter, sagte Berta, aber ich habe noch eine Bitte:
nimm jetzt die Schlssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen
hinein, damit ich ganz gewi wei, da du mir glaubst, wie gerne ich dir
alles geben mchte, was ich nur habe!

Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, wei ich doch, da es einem
guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.

Ich mchte dich auch noch etwas fragen, Mutter, sagte Berta, und
errtend flsterte sie: Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn
es eine Stelle wre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am
Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?

O, du trichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht
_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?

Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da
lie sich pltzlich drauen des Vaters Stimme vernehmen: Ist das Haar
noch nicht geflochten?

Das Haar, ach ja, das Haar! riefen die beiden und lachten, denn das
Haar war ganz und gar vergessen worden. Nein, wir kommen gar nicht
zurecht mit dem Haar, rief die Mutter, komm nur herein und hilf uns!

Ich soll helfen? fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der
erste Blick, da es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah,
da auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter,
die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so khl und zurckhaltend
gegenber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so frhlich
gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher
Bewegung:

Da Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen wrden, habe ich sicher
geglaubt; aber da wir uns so schnell finden knnten, htte ich noch
heute abend nicht zu hoffen gewagt!

Gott sei Dank, sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im
stillen Schlafkmmerchen waren, sahen viel glcklicher aus, als damals
im strahlenden Hochzeitssaal.

Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: Mein Kind mu jetzt
schlafen, und schnell ergriff sie die Haarbrste und begann ihr Werk.
Morgen wollen wir es besser flechten, da es sicher nicht mehr
aufgeht.

Ist nicht ntig, Mutter, sagte Berta und lachte die Mutter dabei so
schelmisch an, da dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es
mit dem Haar gehabt hatte.

Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr ntig haben, ich
komme von selbst an dein Bett.

Und du, Mutter, sollst nicht ntig haben, die Lisette auf den
Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, da du meinetwegen die Christine
fortschickst, die dich so gern hat!

So, solche Plne sind da geschmiedet worden? sagte der Vater. Du
wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wre euch aber nicht
gelungen, sie heiratet!

Ist es dir leid? fragte die Mutter.

O nein, antwortete Berta, jetzt kann ich sie entbehren, jetzt,
Mutter, wo du da bist!




Die Feuerschau.


Die schnste Strae im Stdtchen ist die Ringstrae, das schnste Haus
in der Ringstrae ist das Eckhaus mit der Altane; und das schnste
Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu
hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Mbel in den Zimmern
sind nagelneu, alles Geschirr in der Kche blinkt und glnzt. Auch die
junge Frau, die an dem feinen Nhtischchen sitzt und strickt, ist noch
ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht
jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jnger als sie ist das
Evchen, das kleine Dienstmdchen, das in frischer, weier Schrze am
Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.

Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie
hrte ihren Namen rufen durch das offene Kchenfenster. Vom Hof herauf
kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmdchen der
Hausfrau.

Was gibt's? fragte das Evchen hinunter.

Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst
es deiner Frau ansagen.

Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag
auszurichten. Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.

Die Feuerschau? Was will die wohl?

Das Evchen wute es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab
es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun
gehabt; aber es zeigte sich doch, da sie drei Jahre lter war als ihr
Dienstmdchen, denn sie sagte: Ich kann mir schon denken, warum die
Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen
wollen, oder vielleicht mu sie alle fen nachsehen.

Es whrte auch gar nicht lange, da klingelte es drauen und als das
Evchen ffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun
freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn
besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. Der
Herr Assessor ist nicht zu Hause, sagte sie auf die Frage des Herrn,
aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer. Nachdem sie die beiden Herren
hineingefhrt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: Die
Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.

Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und
stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern,
dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau
hieen. Diese aber freuten sich, das hbsche junge Frauchen ihres
Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich
schon ein wenig heimisch fhle im Stdtchen? Die Frau Assessor
antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz
natrlich, da sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglck,
und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen
wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor:
Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten? und mit einer
Handbewegung machte sie auf den hohen weien Kachelofen aufmerksam.
Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. Es ist ein sehr hbscher
Ofen, sagte der Ingenieur. In der Tat sehr schn, wiederholte der
Archivar.

Aber er ist so unbequem einzuheizen, sagte die Hausfrau. Das
bedauerten die zwei Fremden von Herzen. Vielleicht knnte man es
ndern? fragte die junge Frau. Das liee sich schwer machen,
antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von
dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
Sie wollten doch artig sein, so muten sie den Ofen eben noch weiter
bewundern. Die Kacheln sind sehr schn, sagte der Ingenieur. Der
Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er
fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen.

Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen,
machte die Tre zum Ezimmer auf und sagte: Wollen Sie nicht den
eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber, und ohne die Antwort
abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
verwunderte Blicke zu, sie muten aber wohl oder bel zu dem eisernen
Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen
herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas
davon und sprach nun ganz eingehend ber die Bauart des Ofens. Der
Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im
stillen ber die Feuerschau zu zrnen; sie fand es wunderlich, da die
Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in
ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor
frchtete.

Ebenso fingen die Besucher an, im stillen ber die junge Frau zu
zrnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, da sie ihnen nicht einmal
einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: Ich mu ihnen
weiter helfen, und indem sie die Tre zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
sie: Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es
ist ein tnerner. Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. Ich
danke, sagte der Ingenieur, wir wollen doch nicht berall eindringen.

Bitte, das strt gar nicht, sagte die Hausfrau und ging voran.

Mir geht wirklich das Verstndnis fr fen gnzlich ab, sagte der
Archivar.

Das ist aber sehr traurig fr Sie, entgegnete die junge Hausfrau, denn
sie dachte: Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.

Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau
in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen,
alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte.

Raucht der Ofen? fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz,
da ihm noch eine so passende Frage einfiel.

Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezndet.

Rauch soll nmlich sehr ungesund sein.

Ja, fr die Lunge, nicht wahr?

Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und
Evchen machte die Tre auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein
lterer Mann in Begleitung eines jngeren.

Wir sind die Feuerschau, sagte der ltere und ohne sich um das
verblfft darein sehende Mdchen zu kmmern, klopfte er an der nchsten
Tre an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer fhrte, in dem nun
schon drei Leute um den Ofen standen.

Entschuldigen Sie, sagte der ltere der beiden Mnner, wir wollen
nicht lange stren, wir sind die Feuerschau.

Noch eine Feuerschau! dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne
Umstnde gingen die Mnner auf den Ofen zu. Da ist auch noch so eine
verbotene Ofenklappe, sagte der ltere zu dem jngeren, schreiben Sie
es auf. Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.

Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, da die
junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war
offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und
sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? Sie sind
gar nicht die Feuerschau, sagte sie nun vorwurfsvoll, Sie haben sich
blo so gestellt.

Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, da hier eine
Verwechslung vorlag. Nein, die Feuerschau sind wir nicht, sagte der
Ingenieur, aber bitte, gndige Frau, wir haben uns doch nicht so
gestellt.

Sie haben doch die ganze Zeit nur die fen angesehen!

Leider ja, sagte der Archivar, wir wollten das eigentlich gar nicht,
aber wir konnten nicht anders, wir muten Ihnen doch folgen.

Nun drfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des
Herrn Assessors: Ingenieur Maier.

Archivar Rau.

Nein, sagte die Frau Assessor halb lchelnd, halb beschmt, was
mssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er
hrt, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt hre ich ihn kommen, o
bitte, wollen wir doch wieder hinber in das Besuchzimmer. Sie waren
kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine
Freunde zu treffen.

Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen
gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wre, sie waren ja lange genug
herumgestanden. Nur sahen sie so ungewhnlich heiter aus, sie hatten
Mhe, ihr Lachen zu verbergen. Eine hbsche Wohnung, nicht wahr? sagte
der Hausherr.

Ja, und wie es scheint, gute fen, bemerkte der Ingenieur. Da war die
Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mute lachen und
die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht,
bis ihm seine Frau alles selbst erzhlte. Ein wenig ngstlich sah sie
trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl
aufnehmen, ob er sie tadeln wrde vor den Herren. Bewahre, das tat er
nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: So habt ihr der
kleinen Frau berall hin folgen mssen? Was wollt ihr, mir geht es ja
auch nicht besser!




In der Adlerapotheke.


Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger
gehrte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen
Abschied. Der lteste Sohn war zum Militr einberufen worden; den
zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt,
und der dritte, Hermann, der jngste, aber doch schon hoch
aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er
wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach
Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten.

Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der
Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter,
Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser
Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das
Stdtchen lag so nahe, da man die Glocken von dort luten hrte, wenn
der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und
tglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fu gemacht. Dieser Weg
hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch
hineingefhrt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher
Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.

So kam es, da Hermann mit frhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte
und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, da seine
Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Trnen in den Augen
dastand. Sie war zwei Jahre jnger als er und hing mit ganzem Herzen an
diesem Bruder. Weine doch nicht, Helene, sagte er, ich komme ja alle
vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich
in der Apotheke.

Einen Abschiedsku noch der Mutter, die ihr Tchterchen freundlich
trstend an der Hand nahm, ein Hndeschtteln mit dem Knecht, der Magd,
und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Stdtchen zukutschierte.
Und Hermann konnte es nicht ndern, so herzlos es ihm vorkam, er freute
sich ber die Maen.

Als das kleine Gefhrt ber den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der
Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentre der Apotheke geffnet, und
der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Mnner mochten
ungefhr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die krftigere
Gestalt, und sein sonngebruntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit,
was man von den etwas blassen aber feinen Zgen des Apothekers nicht
sagen konnte. Er begrte die Ankmmlinge und reichte Hermann die Hand;
der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der
ihm kein Fremder war, und den er, ohne da dieser es wute, schon seit
Jahren als seinen knftigen Lehrherrn betrachtet hatte.

Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentmliche
Geruch herrschte, der fr Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes
hatte, fhrte Apotheker Mohr seine Gste an die Treppe nach dem oberen
Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der
kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschftig den Kaffeetisch
deckte und sich entschuldigte, da der Kaffee noch nicht bereit sei.
Ich wute nicht genau, sagte sie, um wieviel Uhr Sie kommen, und
lieber mchte ich meine Gste einen Augenblick warten lassen, als ihnen
einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.

Whrend sich die Gste setzten, bat sie um die Erlaubnis, da sie und
ihr Mann zu Hermann du sagen drften, es sei doch traulicher fr
Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu
freuen.

Kaum eine Viertelstunde sa die kleine Gesellschaft gemtlich beim
Kaffee beisammen, da ertnte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr
mute hinunter; nach einem weiteren Viertelstndchen gab es eine zweite
Strung dadurch, da Hermann seine Kaffeetasse umstie. Es war seinem
Vater und ihm selbst peinlich, da er sich bei der ersten Mahlzeit so
einfhrte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke
sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu drfen.
Diese Gelegenheit bentzte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an
die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die
beiden Mnner tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wute
nichts mehr zu sagen; seine Gre an Mutter und Schwester hatte er schon
aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, da sein Vater abfahre, er
wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der
letzte Gru, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen
rasselte ber den Marktplatz.

Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah,
sondern aufmerksam nach dem groen schwarzen Adler aufblickte, der
druend ber dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf
die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: So, nun gehrst du in die
Adlerapotheke. Ja, erwiderte Hermann ebenso, und indem er frhlich
die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentre aufmachte, fragte er:
und wie geht's jetzt an?

Wie's angeht? wiederholte der Apotheker und sah lchelnd auf seinen
eifrigen Gehilfen. Wie's angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst
du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!
Er schlo die Ladentre. Es sollte freilich nicht sein, da mitten am
Tag kein Kunde in Sicht ist, sagte er, es war auch frher nicht so,
erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst
seitdem ist's stiller bei mir. Es ist unrecht, da man hier eine zweite
gegrndet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker,
aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter
Geschftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie frher.

Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium gefhrt,
da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und glserne
Trichter und Rhren. Wibegierig sah Hermann dies alles an. Da wird so
mancherlei bereitet, sagte Mohr, heutzutage gibt es zwar viele
Apotheker, die beziehen alles von auswrts, aber ich mache noch vieles
selbst. Machen wir heute auch etwas? fragte Hermann. Diese Woche
nicht mehr, aber nchste Woche will ich Hllenstein machen, der wird aus
Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelffel dazu.

Das wird fein, sagte Hermann vergngt. In meiner Familie, sagte
Mohr, ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine
altberhmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.

Nun erklang die Apothekenglocke. Jetzt kommt doch jemand, rief Hermann
so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wre und lief
eiligst, die Tre zu ffnen. Ein Dienstmdchen brachte ein Rezept, in
einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.

Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen, sagte
der Apotheker, in dem sind gar mancherlei Vorrte, nicht nur Blutegel.
Sie stiegen miteinander hinunter in die groen Kellerrume. In
verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fsser, Flaschen, Kolben
aller Art. Der schne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem
Raum hing ein Lmpchen, von denen der Apotheker eines anzndete. Hier
sind die Blutegel; es mu von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle
lebend sind, und sie mssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter
brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung,
inzwischen kommen wieder frische. Der Apotheker hatte einen groen, mit
Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die
schwarzen Wrmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.

Das nchste Mal mut du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den
Kolben zu und lsche das Lmpchen sorgfltig; ich mu hinauf, ich hre
die Ladenglocke.

In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufllen,
Pulver waren zu richten und in die weien zugeschnittenen Papierchen
einzuwickeln. Sieh zu und mach's nach, sagte der Apotheker zu Hermann
und deutete auf die Plverchen, die auf die einzelnen Papierchen
verteilt waren. Whrend Hermann mit ungeschickten Fingern eines der
Plverchen einwickeln wollte, schob er mit dem rmel die vier anderen
kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein rgerlicher Ausruf entfuhr dem
Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte
lachend: Der ist scheint's nicht der geschickteste. Er ist neu
eingetreten, sagte Mohr entschuldigend und wog neue Plverchen ab, aber
Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.

Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Glschen hin, die er
eben mit Arznei gefllt hatte. Binde die Flschchen zu, so wie dieses,
sagte er, indem er ein farbiges Papierchen ber den Stpsel faltete und
mit einem Bindfaden fest knpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von
selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht
stramm aufliegen, das Schnrchen nicht halten. Eines der Glser rutschte
aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. So geht das
nicht, sagte Mohr und sah seinen Lehrling gro an, so ungeschickt hat
sich noch keiner angestellt. Passe auf, da das nicht noch einmal
vorkommt!

Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann
mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen sa, kam es ihm vor,
als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser
war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr
seinen Lehrling, ob er Sinn fr Botanik habe, die jeder Lehrling
studieren msse, und er fhrte ihn an einen Bcherschrank, der viele
naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte
der Prinzipal, da Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der
Naturwissenschaft schon prchtig Bescheid wute.

Wie kommst du dazu? fragte er. In der Lateinschule hast du das nicht
gelernt.

Nein, blo fr mich; ich habe mir nie etwas anderes gewnscht und
gekauft als naturwissenschaftliche Bcher, schon seit Jahren wei ich
mir nichts Schneres. Vor seinen Bchern stehend, sprach der Apotheker
ber die verschiedenen Werke und stellte, ohne da es Hermann nur recht
bemerkte, eine Prfung mit ihm an, ber deren Ergebnis er staunen mute.
Hermann sa an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker
ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
Stbchen fhrte, das zwischen der Kruterkammer und der Vorratskammer
oben im Dachraum ausgebaut war.

Hermann schlief schon lngst, als noch zwei Paare beisammen saen und
ber ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine
Frau. Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
studiert hat auf seinen Beruf? fragte Frau Hollwanger ihren Mann.

Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.

Anpreisen freilich nicht, aber du httest doch so zufllig die Rede
darauf bringen sollen, da er schon so gelehrt ist.

Der Apotheker wird's bald selbst herausfinden.

Hast aber doch wenigstens das gesagt, da unser Hermann gar keinen
greren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und da ihm die
Apothekerbcher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
mu man doch seinem Kinde zuliebe sagen!

Alles Ntige ist beredet worden, Frau, darber kannst du ganz ruhig
sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ngstlichen, er hat
ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.

So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der
Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.

Das ist wahr. Wegen Hermann drfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg
leichter als seine Brder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.

Whrend die Eltern so ber Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker
zu ihrem Mann: Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch,
scheint mir.

Ja, und gescheit, aber -- und bedenklich schttelte Mohr den Kopf.

Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoen.

Und kann kein Glschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will
nur sehen, wie das geht.

Anfangs ist's allen schwer.

Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er
den Daumen so steif hinausstreckt; er wei gar nicht, wie man die Finger
biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Hnden geschafft
hat, nur hinter den Bchern gesessen ist.

Und so einer kommt vom Land!

Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Brschlein alles nur
auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch
kann.

Aber er wird sich doch machen, es wre mir leid um ihn.

Mir auch, aber besser wre es, sie wrden einen Lehrer oder gar einen
Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da -- an was sollte
es fehlen!

Frisch und frhlich sa am nchsten Morgen Hermann am Frhstckstisch.
Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die
Schlafpulver geholt hat? fragte er den Apotheker.

Kann wohl sein. Was willst du von ihm?

Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.

Warum sollten sie nicht?

Er hat doch erzhlt, da die Kranke fnf Nchte vor Schmerzen nicht
geschlafen habe.

Ja, und?

Und da wre es doch groartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut
geschlafen htte.

Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.

Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke
geben kann! sagte Hermann.

Ja, ja, erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fnfundzwanzig Jahren
daran gewhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit
seiner Mittel.

Und wie mssen erst die glcklich sein, die so ein Mittel entdecken!
fuhr Hermann fort.

Sie wurden unterbrochen durch ein ngstliches, lautes Rufen, das von dem
Mdchen drauen zu kommen schien. Was hat doch die Mine, rief Frau
Mohr lebhaft aufspringend, es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe
riefe, und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mdchen.
Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Tre und rief ihrem
Mann zu: Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt,
nun hat sie einen Blutegel am Fu und sie sagt, berall im Keller
kriechen die Blutegel umher.

Er lt nicht los, rief das Mdchen, was soll ich denn tun? Ich bring
ihn nicht weg.

Nicht wegreien! rief der Apotheker. Salz oder Asche her. Im Nu
brachte Frau Mohr die Salzbchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel
gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden.

Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bsem Gesicht zu
Hermann: Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen
gelassen?

Nein, nein, ich wei gewi, ich habe ihn zugebunden.

Aber wie! Komm mit in den Keller. Drunten klrte es sich bald auf.
Zugebunden war der Kolben, aber so lose, da die ganze Bewohnerschaft
zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
Keller war das Gewrm zu sehen. Zu Vorwrfen war keine Zeit mehr, denn
die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von
selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.

Htte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings
erbarmt, er htte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen
mssen. Aber sie wute, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im
Glas, bis Hermann einen herein brachte.

Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr
ungndig an. Aber Hermann kam ihm reumtig entgegen, so da er nicht
viel mehr sagte als: ber der Sache ist das Abstauben versumt worden,
das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen mu auf
allen Fchern und Stndern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber
das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen! Glas an Glas, Bchse an
Bchse standen an den langen Wnden. Jedes mute abgestaubt werden. Mit
einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, da in der Tat
nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wre er an _einem_
Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit
ansehen.

Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir
zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff ber das Fach,
siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt? In diesem
Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. Lieber Mann,
kannst du Hermann einen Augenblick entbehren? Ja. Dann, Hermann,
komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen. Oben angekommen
sagte Frau Mohr: Nun sieh einmal, mein Junge, und sie deutete ins
Zimmer. Hermann schaute -- aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund
herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.

Was meinen Sie?

Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgerumt, so darf es doch nie
aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft
die Inspektion kme, die sieht in alle Rume des Hauses und berall mu
tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, da ein
Inspektor mit der Hand ber das Treppengelnder gefahren ist und dann
seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker
die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun
sieh nur, wie berall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf
den Mbeln liegt! Den Fuboden reinigt das Mdchen, aber alles andere
geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hngt das Krbchen mit dem
Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Krbchen
mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hlt schwer, ich wei es.
Das mu gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mut du jeden
Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, da dein Lehrherr deinetwegen bei
der Inspektion getadelt wird.

Nein, nein, versicherte Hermann eifrig, ich habe nur davon gar keine
Ahnung gehabt. Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist
und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein fr das
Staubtuchkrbchen.

Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste
Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau
Mohr hatte recht gehabt, da er schwer in der Wand halte. Dann war es
wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz
hielt er wohl leichter. Hermann whlte einen krftigen Kloben, der sich
nicht so leicht umbiegen konnte, hmmerte ihn fest in das Holz der
Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkrbchen
daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Ngel verga er freilich mit
herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurckging; daheim
hatten sechzehn Jahre lang andere fr ihn aufgerumt -- in _einem_ Tage
lernt sich die Ordnung nicht!

Der nchste Tag war ein Samstag. Frher als sonst war Hermann geweckt
worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am
Samstag, dem Markttag. Hermann wute es, und freute sich darauf. Noch
war es dmmerig, als er durch die groen Fensterscheiben der Apotheke
auf den Markt sah. Der groe Platz war leer und still, nur das Wasser im
Marktbrunnen pltscherte und auf dem Kirchturm gegenber schlug es fnf
Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde
im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stokammer nebenan
mute im groen Mrser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten
Brocken hineinkam. Und nun muten gebrauchte Arzneiflschchen in dem
Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.

So wird es gemacht, sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff.
Hermann machte sich daran, als er aber die gesuberten Flschchen in die
Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der
Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
unfreundlich: Geh' hinaus! Warum? Drauen stand Hermann und besann
sich und konnte das unfreundliche hinaus nicht verstehen. Eine Weile
verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. Wie siehst
du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um,
schnell!

Er war allerdings ber und ber na und verschmiert, an den Hemdkragen
sogar waren braune Spritzer gekommen, natrlich vom Putzen. Er hatte nie
gedacht, da sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgltig sei. Hchst
verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung
vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her,
warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur mglichst schnell wieder
herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu.
Bauern und Buerinnen, Kchinnen mit dem Marktkorb am Arm drngten sich.
Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem
Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends
versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker htte in dieser Stunde
freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts,
gar nichts konnte er ihm anvertrauen!

Drauen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren
an mit Krben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verfhrten, als
ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte
Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
langen Reihen saen und standen die Verkuferinnen mit Tauben und
Hhnern, Butter, Eiern, Gemse und Obst. Goldgelb schimmerten die
Apfelsinen ber den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren
Markttaschen, die Dienstmdchen mit groen Krben und Netzen sich
drngten und schoben.

Hermann, hier! rief der Apotheker, einfllen die Flschchen, bis sie
voll sind. Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit krftig nach
Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben,
einen Trichter, dazu zwei leere Flschchen. Hermann steckte den Trichter
in das erste Flschchen und go rasch hinein. Es luft ber, junger
Herr, es luft ber, rief eine Frau, die wartend dastand und ihm
zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter
weg, ringsum flo der schne Wein. Die gefllige Frau machte Miene, zu
Hilfe zu kommen.

Bitte, bemhen Sie sich nicht, sagte der Apotheker, besorgte selbst
das Geschft und Hermann flsterte er zu: Nimm deine nasse Manschette
ab. Die weie Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang
Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den brigen
verunglckten Kleidungsstcken und erschien in der Apotheke wieder mit
frischen.

Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; drauen auf dem Markt waren nicht
mehr die Kchinnen in den weien Schrzen zu sehen, sie standen wohl
alle in ihren Kchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die
Marktweiber saen ruhig in ihren Stnden und verzehrten das Essen, das
ihnen in irdenen Tpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon
abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer
am Mittagstisch saen.

Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Ezimmer die
Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in
der Apotheke.

Schliee die Tre und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach
zum Essen, sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau
beiseite. La die Suppe noch drauen, sagte er, ich mu erst noch
etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen
gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.

War er wieder so ungeschickt?

Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein
Flschchen fllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine
Kleider -- --

Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzhlen, sagte Frau Mohr, sein
nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weien Bettberwurf
hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt
hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht
aufzuregen, jetzt mu ich dir's doch sagen: einen eisernen Kloben hat er
in die polierte Kommode geschlagen, du weit doch, die alte Kommode mit
den Messingknpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das
Staubtuchkrbchen gehngt!

Das ist stark!

Das ist einfach barbarisch! Die Kommode -- --

Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen.
Es ist nmlich drben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem
Wagen, der knnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst
knnte mit heimfahren.

Hast du es dem Jungen schon gesagt?

Nein, sagte Mohr, er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu
sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, knnte mir die
grten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist's am besten, man schickt
ihn gleich fort, da er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.

Aber den Eltern mtest du schreiben, da er keinen schlechten Streich
gemacht hat.

Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, da
er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein
eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur
gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.

In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. Es ist ein Mdchen da,
wollte ein Stck Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich htte es ihr gern
gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten knne. Da sagte sie, sie
knne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das
wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf
ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?

Ja, das kannst du hergeben. Wie der Wind war Hermann verschwunden.

Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.

Er ist so liebenswrdig in seinem Eifer, sagte die Frau, er tut mir
zu leid.

Ja, ein prchtiger Mensch, und wie klug, da er gleich an die
Kundschaft denkt; aber fort mu er doch, er ist keine Hilfe fr mich, im
Gegenteil!

Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,
sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde
aufgetragen, aber kein harmloses Tischgesprch wrzte die Mahlzeit.

Hermann allein war unbefangen. Das werde ich mir merken, sagte er,
da ein Stck Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.

Bei sich selbst fgte der Apotheker hinzu und das letzte.

Neulich habe ich gelesen, plauderte Hermann weiter, da man das
Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert
man sich ganz, wenn man's auch zu einem so unschuldigen Stckchen Seife
gebraucht. Das Glycerin mu ein feiner Stoff sein, nicht wahr?

Ja, sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die
Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhren
sollte, Lehrling zu sein.

Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er
auf, wieder in das Geschft zu gehen.

Komm ein wenig mit mir herein, Hermann, sagte Mohr, ging voraus in den
kleinen, neben dem Ezimmer liegenden Empfangsraum und machte die Tre
zu. Ich wollte dir sagen, Hermann, da ich es doch besser fr dich
finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
studierst, auf die Universitt gehst und Chemiker und vielleicht
Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des
Apothekers.

Nein, nein, sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; ich
will viel lieber Apotheker werden. Ich wei wohl, da es hhere
Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.

Das mag sein, entgegnete Herr Mohr, aber jeder Mensch mu sich den
Beruf whlen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum
Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?

Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und mu es drei
Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.

Hermann, es tut mir leid, da ich es dir sagen mu -- ich kann dich
nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen,
der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um's kurz zu machen, kehre
du heute abend nach Hause zurck und besprich es mit deinem Vater, da
ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch
nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid,
Hermann, ich htte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb
gewonnen.

Hermann war bla geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr
sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich
wahrnahm, da dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da fate er
Mut und sagte: Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich
will mir alle Mhe geben.

Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen htte, ginge es vielleicht; aber
ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so
viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im
Stdtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der
Apotheke.

Ja dann, sagte Hermann, dann mu ich freilich gehen, schaden mchte
ich nicht.

Als Hermann ganz verstrt aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau
Apotheker an: Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel
weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schner Beruf wie du
meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fu im
Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift
in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker mu es im
Kerker ben. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar
nicht nachtragen, da du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner
Urgromutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schne
Mbel; auch der weie Bettberwurf hat einen Flecken, aber er geht
wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der
Tischdecke und du wirst auch wieder frhlich werden, nimm es nur nicht
so schwer, lieber Junge!

Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den
Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er
nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fu gehen, den Koffer konnte
der Knecht spter holen.

Kaum eine Stunde nach dem Gesprch verlie er unter den freundlichsten
Wnschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht
nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er ber den
Markt durch die Straen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstrae,
seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes
freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Trnen der
schmerzlichsten Enttuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er
eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn
liebevoller Eltern, als ein eifriger Schler freundlicher Lehrer ohne
jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
ersten Schmerz gebracht.

Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf
den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, da ein Klblein an dem
Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren
war. Er konnte es kaum glauben, da das erst drei Tage her war, und doch
mute es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem
Klbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die
Stalltre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen
sie: Hermann, du kommst? und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn
fgte die Mutter hinzu: Gelt, du bist krank?

Nein, sagte Hermann und versuchte zu lcheln, aber es war ein
schmerzliches Lcheln, nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit
der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.

Was hat's gegeben, Hermann? fragte der Vater und sah ihn scharf an.

Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet,
und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das
ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrhre,
fllt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
Hnde, abhauen htte ich sie mir mgen! rief er und mit aller Gewalt
schlug er sie an die hlzerne Krippe, da ihm der Schmerz das Gesicht
verzog und das Klblein erschreckt zusammenfuhr.

Geh, sei doch vernnftig, Hermann, komm ins Haus und erzhle genau wie
alles gewesen ist, sagte der Vater. Haben sie dich einfach
fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?

So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das,
ich kann eben kein Apotheker werden.

Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf
brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker,
der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten ber Hermann aussprach
und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universitt zu schicken, er habe
die ntigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.

Diese Zierde der Wissenschaft erffnete eine schne Aussicht und
vershnte einigermaen die gekrnkten Eltern. Es ist ja wahr, sagte
Hollwanger, diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist
nicht das Hchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
im schnsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen
zu schreiben und zu laufen, da ich ihn unterbringe, und das gerade im
Frhjahr, wo ich jede Stunde drauen sein sollte!

Mutter, sagte abends Hermann, ist denn das so etwas Arges, wenn man
in eine Kommode einen Kloben schlgt? Wre dir das nicht ganz einerlei?

Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann
ich nicht begreifen. Aber wer wei, wenn du einen schnen Schinken
mitgebracht httest, so wr's vielleicht doch anders gekommen, die Frau
Apotheker htte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort fr
dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf
die Universitt kommst, ohne Schinken fr den Professor lasse ich dich
nicht fort!

In den nchsten Tagen wurde manchmal ber Hermanns Zukunft gesprochen,
was er studieren knnte und ob man ihn zunchst auf das Obergymnasium
schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so
war ein freudloses: Wie ihr wollt seine Antwort. Der Bub' ist ganz
verwettert, sagte der Vater, es ist nicht recht gewesen vom Apotheker,
er htte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.

Ja, das meine ich wahrhaftig auch, sagte die Mutter, und sie grollten
dem Manne. Am meisten war die Schwester ber die Behandlung des Bruders
gekrnkt, denn fr sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und
sie allein lie sich auch nicht trsten durch die Aussicht, da es ihr
Bruder auf der Universitt noch viel weiter bringen knnte. Er hat sich
doch aber eine Apotheke gewnscht und nichts anderes, war ihre
Entgegnung.

So war fast eine Woche vergangen, den nchsten Sonntag wollte Hollwanger
bentzen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien
am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem frheren frhlichen Gesicht;
und als der Vater in frher Stunde sich auf den Weg machte, nach den
Arbeiten drauen zu sehen, ging er mit ihm. Hast's jetzt verwunden?
fragte ihn freundlich der Vater, gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen
die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben
wir.

Vater, ich mchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer
noch nicht fort, la mich noch bis Herbst daheim!

Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wt'
ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?

Nein, aufs Feld wollt' ich nicht, blo daheim bleiben.

Faulenzen? Oder was? Red' deutsch, Hermann.

Ich wei halt schon vorher, da dir's gar nicht recht sein wird, Vater,
aber einmal mu ich's ja doch sagen: Fr mich allein arbeiten mcht ich,
mich den Sommer ber einben, damit ich im Herbst Apotheker werden
kann.

Apotheker? Ein hartnckiger, starrkpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein
zher, einrissiger Kerl mit deiner verwnschten Apotheke! Hast doch
gehrt, da du nicht taugst dazu, hast's ja selbst gesagt!

Freilich, aber jetzt wei ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und
sieh, sagte Hermann, und wurde immer wrmer, whrend er sein
Zukunftsbild entwickelte, sieh, ich knnte mir in meinem Zimmer alles
einrichten wie in einer Apotheke; da ich mit Flschchen und Plverchen,
mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen
lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stubchen
drft' mir im ganzen Zimmer sein. Von frh bis Nacht wollt' ich mich
einben, ob nicht doch vielleicht meine Hnde geschickt wrden. Nur bis
Herbst, Vater, und wenn mir's dann nicht gelingt, will ich selbst nicht
mehr.

Also versuch's, sagte der Vater, wenn du dich schon ganz vernarrt und
verbohrt hast in den Gedanken, da du Apotheker wirst, so will ich dir
das halbe Jahr wohl gnnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt
werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.

Und die Mutter legt einen Schinken dazu, setzte Hermann frhlich
lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: Da du dir's nicht
einfallen lt, deine Mutter zu verhhnen!

Bewahre, sagte Hermann, das war ja nur Spa, und er schlug den
Heimweg ein.

Wenn er nur wieder spaen kann, der lange Schlingel, sagte Hollwanger
vor sich hin und sah nach dem Sohn zurck, der mit langen Schritten, von
neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.

Am liebsten htte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und
niemand ins Vertrauen gezogen, aber das lie sich nicht durchfhren;
denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge
studierte Herr, in der Kche erschien und sich einen Putzeimer und
Wischtcher ausbat, die er fr immer in seinem Zimmer behalten drfe;
als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe
hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gercht, der
junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache
mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermtig sei er ja schon
all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand
gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der
Waschkche beschftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie
gewaltig erschreckte. Augenblicklich verlie sie die Waschkche und
eilte hinauf in das Bubenzimmer, wie es im Hause genannt wurde.

Als sie die Tre aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter
stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben
sich. So hatte sie ihn freilich nie frher gesehen, aber als er ihr
jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht
verstrt und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich
an und lachte ber ihr verblfftes Gesicht, da ihr alle Sorge verging
und nur die Neugierde blieb. Die mute er nun freilich befriedigen und
ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater
gegenber getan hatte. Zuerst mu mein Zimmer so sauber werden wie die
Apotheke, sagte er dann, du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles
blitzblank ist, kein Stubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur
Bodenkammer, alles rein.

Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, da sie dir das
macht, la du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und
machst blo deine Kleider schmutzig. Aber da geriet Hermann in Eifer.
Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles
will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das mu
ein Apotheker alles knnen und wegen meiner Kleider sorge dich nur
nicht; die mssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in
acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges mu ich mir
anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken
hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mrser, gelt, das
darf ich mir kaufen? Und meinen Bcherstnder darf ich ableeren, damit
ich Platz bekomme fr Glser und dergl., Bcher brauche ich nicht, die
packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.

Die Mutter lie ihren Sohn gewhren. Sie hatte jetzt, im Frhjahr,
Arbeit in Flle, da war es nur bequem, da fr Hermann nichts getan
werden mute. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen
treiben. Helene war die einzige nhere Vertraute bei Hermanns Arbeit;
sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur
als mige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit
erfat, das Hermann anstrebte. Du mut denken, du seiest der Inspektor,
der die Apotheke besichtigt, sagte der Bruder zur Schwester, du mut
berall mit den Fingern prfen, ob du irgendwo Staub findest.

Anfangs fand sie keinen, aber allmhlich wurde ihr Auge schrfer.
Hermann, an der Trleiste ist Staub, sieh her, sagte sie und zeigte
die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Tre wurde
von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstnde.

Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die
Arbeit. Da sa er an seinem Tisch und wickelte Plverchen ein --
Sandkrnchen waren es -- die in die vorschriftsmigen Pulverpapierchen
gepackt wurden. Das mu ich auch versuchen, sagte die Schwester, und
gleich das erstemal brachte sie es glcklicher zustande als der Bruder.
Er war bekmmert darber.

Das kommt blo davon, da du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh,
so kann ich's auch nicht machen, und sie ahmte seine Handbewegung nach.
Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. Ich
wei nicht, warum er so steif ist, sagte Hermann.

Wir wollen den Merz fragen, schlug Helene vor, er wei, was man da
machen mu. Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die
Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel
zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so
ein Glied immer noch so zu halten als wre es krank, die Hunde machten
es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen
lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch
sa, konnte man bemerken, wie er den Finger einbte; bald hatte das
Glied seine frhere Beweglichkeit wieder erlangt.

Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich
Hermann unglcklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er
ganz der bung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit
Leichtigkeit ausfhrte. Helene war es auch, die ihm Glser und
Arzneiflschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen
konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst
reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser
gefllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
das schn gelungen, so wurden sie auf den Bcherstnder gestellt; waren
sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden.
Allmhlich ging das doch besser, eine schne Reihe von Flschchen stand
schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er groe,
schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger mde waren
vom Einwickeln der Plverchen, dann kam zur Erholung die bung, die
Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der
Hand.

So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfllen,
mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich,
im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in
der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, da sein
Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.

In einer Nacht hrte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr
Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit lngerer Zeit hatte er sich
nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekmmert, nun, in der schwarzen
Stimmung, die uns nachts leicht berkommt, wurde er unruhig. Was mochte
Hermann im Schlaf stren? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise
erhob er sich, der Sache mute er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig
die Treppe hinaufstieg, war dem groen Mann ganz ngstlich zu Mute, was
wrde er wohl finden, wenn er nun die Tre aufmachte? In der Ordnung war
nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem
Bubenzimmer. Er klinkte die Tre auf, verschlossen war sie nicht.
Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und fllte ein
Arzneiglschen ein. Vater, du bist's? sagte er. Ich bin ganz
erschrocken, wie so unverhofft meine Tr aufgegangen ist.

Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht
recht bei Trost? Weit du, wieviel Uhr es ist?

Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist's vorbei. Ich bin ganz wach, Vater,
und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich mu aber
hie und da auch nachts etwas machen, weil das fter vorkommt in der
Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber
sieh, ich bin gleich fertig. Und Hermann fllte sein Flschchen, band
es mit groer Ruhe zu und sagte: Heute war ich schon nicht mehr so
schlaftrunken wie die ersten Male.

Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht mu Ruhe sein, so etwas
kann ich nicht haben.

Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, da niemand aufwacht,
sagte Hermann bittend, sieh jetzt bin ich schon fertig, mu nur wieder
aufrumen. Das Klbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das
zweite Fach des Gestells fllte. Alles in dem kleinen Reich sah
wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten spter lag
Hermann schon wieder im Bett.

Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe
hinunter. Dem ist's ernst, sagte er vor sich hin, dem ist's bitter
ernst, der wird Apotheker.

Der Frhling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er
auf dem groen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns
Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermdlich verbrachte er einen Tag wie
den andern und mhte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die
manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach
der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde
zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Flschchen gefllt und
zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und
vierten noch mehr und jetzt im fnften und letzten Monat ging es ihm von
der Hand, da es ein Spa war zuzusehen. Und sie lagen alle suberlich
in Dutzenden zusammengebunden, die weien Pckchen, ein groer Kasten
voll und sie standen in ungezhlten Mengen nebeneinander, die kleinen
Flschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im
Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?

Ein klein wenig Verrcktheit ist doch dabei, dachte im stillen
sorglich die Mutter.

Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den
Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurckblicken auf die
Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen
gleichmig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
sa mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich
liegen.

Nun, Hermann, wie steht's jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wre
vorbei. Lnger kann's bei dir so nicht weiter gehen, hchste Zeit, da
etwas geschieht.

Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wre ich so weit, da ich
mich als Lehrling antragen knnte.

Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der
Hauptstadt.

Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, da ihm der Vorschlag
nicht recht war. Nun, was gibt's? Pat dir's wieder nicht? Du wirst
nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?

Da kam es zgernd heraus: Ich mchte wieder in die Adlerapotheke.

Aber hr! rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, zu _dem_ Mann, der dich
so schnd aus dem Haus gejagt hat!

Nein! sagte der Vater, zu _dem_ gehe ich nicht. Helene sah ngstlich
zum Bruder auf, wie wrde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange
gesagt: Die Eltern sind bs auf den Apotheker Mohr und werden's nicht
erlauben. Aber auch Hermann hatte wohl gewut, da die Eltern immer
noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte
diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten fr
seinen Mann!

Vater, sagte er, fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis
zuletzt; in aller Liebe hat er mir's gesagt, da er mich nicht brauchen
knne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen knnen, ich war _zu_
ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde
zutage kommt. Ihm danke ich's, da mir die Augen darber aufgegangen
sind, was mir fehlt, und jetzt knnt' er mich brauchen. Und die
Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewi nicht viele
gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab,
von einem berhmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere
Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter
Mann, bei dem knnt' ich etwas lernen!

Immer wrmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne
und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester
fand, da der Bruder den besten Grund, der fr die Adlerapotheke sprach,
gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: Neustadt
ist nher als die Hauptstadt.

ber diese Weisheit muten die Eltern lachen. Ja, Neustadt ist nher,
sagte der Vater, dagegen lt sich nicht viel einwenden.

Hermann, glaub' mir's, sprach Frau Hollwanger, sie nehmen dich dort
nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der
in die polierten Mbel Ngel klopft, da du mir den nicht herein lt.

berhaupt, sagte Hollwanger, werden sie schon einen Lehrling haben,
zwei knnen sie nicht brauchen.

Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe,
der geht aber bald.

Du weit's ja sehr genau, woher denn?

Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzhlen
mssen, wie es in der Apotheke steht.

Damit ist noch lange nicht gesagt, da sie dich nehmen. Hermann, dort
frage ich nicht an.

Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht,
so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.

Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!

Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, da die Frau
Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was
meinst du?

Ich glaube, das macht's nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar
nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine
Flschchen, die mssen meine Empfehlung sein.

Die Papierchen voll Sand und all die Arzneiglser voll Wasser? Die
willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht! sagte die Mutter.

Hermann stand betroffen. Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die
Monate. Wenn ich die nicht zeige, wei ich nicht, warum er mich annehmen
sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.

So la ihn's mitnehmen, sagte Hollwanger zu seiner Frau. Jeder hat
seine eigene Art. Du wrdest's mit Butter und Rauchfleisch probieren, er
meint's mit Pulvern und Glsern durchzusetzen, er soll's versuchen,
gleich morgen.

Mit viel Kopfschtteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nchsten
Tag ihren Sohn den ganzen Plunder, wie sie es nannte, in den grten
Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mitrauen machte
Hermann kleinmtig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er
die Eltern berredet, heute htte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab
es kein zurck.

Hermann, sagte Hollwanger, wenn's nun fehl schlgt, so nimm's nicht
schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines
reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst berall an. Er ging
und die er daheim lie, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?

Der Himmel war grau, die Strae aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein
kalter Wind blies. Ungut Wetter heut zum Wandern! sagte ein Wegmacher,
der den Schmutz von der Strae zusammenscharrte; und er sah Hermann
nach, der mit seinem Koffer einsam dem Stdtchen zuwanderte, zwischen
Furcht und Hoffnung schwankend.

An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im
Frhjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum
erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. Bist mir diesmal
hold, du finsterer Geselle? fragte er und trat mit Herzklopfen nher.

Unter der halb offenen Ladentre stand ein junger Herr, das mochte der
Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging
er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den
Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmdchen
und erkannte ihn gleich. Die Frau Apotheker ist oben, sagte sie,
fhrte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker
auf und kndigte ihn an: Der junge Herr ist da, der einmal ein paar
Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich
losgelassen hat!

Was, der lt sich auch einmal sehen? Das ist recht, sagte Frau Mohr,
whrend sie ihre Kchenschrze ablegte, und dann kam sie mit
freundlichem Gru zu Hermann. Endlich sieht man Sie einmal, sagte sie,
immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind
wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer
sehe?

Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. Das mssen Sie alles
auch meinem Mann erzhlen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er
sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte, und fort war sie, Hermann
allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen.
Jetzt mute sein Plunder wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen,
wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfgung gehabt htte,
nahm er vom Tisch den feinen Plschteppich, faltete ihn, legte ihn
sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrckt
voll Plverchen in weiem Papier war, und strzte sie -- es waren wohl
viele Hunderte -- ber den Tisch aus, da ein hoher Haufe in der Mitte
lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen
umbundener Arzneiflschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den
Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund?
Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht
entschlieen, ihn heraus zu nehmen, er hrte auch schon den Apotheker
mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tr entgegen, und
als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn
vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, berkam
ihn eine groe Bewegung, so da er nicht gleich Worte fand, um des
Apothekers herzlichen Gru zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt,
denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: Ei du meine Gte, was
haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da? und sie ging auf
den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fhlte Hermann, da die
Erklrung kommen mute. Es ist nur Plunder, sagte er bescheiden, es
ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im
letzten Halbjahr zur bung, damit Sie mich als Lehrling brauchen
knnen!

Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er,
der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prfend und ernsthaft auf das,
was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den groen Haufen der
Plverchen, nahm ein Flschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und
sagte: Wie haben Sie es gemacht? Ich mchte es sehen. Nun galt es, das
Zittern der Aufregung zu berwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen
freien Raum des glatt polierten Tisches ein Glslein umwarf oder nicht
gleich mit dem Schnrchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht
vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade
nur Zeit zu beobachten, da auch der Daumen seine Schuldigkeit tat.
Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte
der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem
Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: Hermann, jetzt
gehrst du wirklich in die Adlerapotheke! Da hatte der junge Mann
gerade nur zu tun, da ihm nicht ganz unmnnliche Freudentrnen in die
Augen traten. Aber die Rhrung wich bald einem solchen Glcksgefhl und
einer so bermtigen Frhlichkeit, da dem wrdigen Herrn und seiner
Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit
beisammen saen. Und wenn Hermann erzhlte, wie er hundertmal des Tages
die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank
seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der
Uhr Flschchen gefllt habe und auch nachts allwchentlich seine bungen
vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig ber ihn und
nannte ihn einen nrrischen Kauz und sie lachten miteinander darber.

Was sagen denn deine Eltern dazu? fragte der Apotheker.

Ja, sind sie nicht bs auf uns gewesen? setzte Frau Mohr hinzu. Da
fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine
Dienste leisten; rasch holte er ihn, berreichte ihn der Frau Apotheker
und sagte: Das ist ein Gru von meiner Mutter.

Ah, sagte diese, sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer
das Gefhl, sie sei gekrnkt.

Drauen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die
Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. Jetzt
gehe ich heim.

Jetzt gerade? fragten sie ihn.

Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen, antwortete Hermann, da
drauen ist's lustig jetzt.

War's drauen oder war's drinnen im Herzen so lustig? Auf Wiedersehen
am ersten Oktober, sagten sie zueinander.

Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurck, an
dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Plverchen
whlte. Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit, sagte sie.

Geschickt? ja, antwortete der Apotheker. Geschickt sind manche. Aber
solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon
getroffen, Frau? Damit richtet man Groes aus in der Welt!

So htte er doch studieren sollen.

La ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der
Apotheke; wenn Gott einen groen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der
sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn frdern, so gut ich kann.

Frhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in
dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflchtet. Jetzt hatte er
sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertnte sein
Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt
nicht. Das ist nicht Hermann, wer kann's sein? Wer kommt? fragte die
Mutter, als er schon die Zimmertre ffnete und triumphierend ausrief:
Der Lehrling von der Adlerapotheke!




Bei der Patin.


I.

Heinrich, schlfst du schon? fragte leise eine Stimme.

Nein, ich kann nicht einschlafen, antwortete ebenso leise eine zweite.
In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straenlaterne ein schwacher
Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein
Knabenkopf auf. Komm zu mir, aber leise, sprach die erste Stimme
wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich
schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden,
sie waren zwlf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber
heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles
gewesen war seit des Vaters Tod, heute lie der Jammer sie nicht
einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.

Mir ist's gar nicht recht, da der Vormund uns zu Bett geschickt hat,
sagte Heinrich.

Mir auch nicht, ich htte so gern gehrt, ob er mit der Tante und mit
Frulein Stahlhammer ber unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht,
wenn sie uns nur beisammen lassen, sagte Konrad.

Das _mssen_ sie doch! Sie knnen uns doch nicht aus dem Haus
vertreiben!

Ich glaube nicht, da wir dableiben drfen, wer soll denn die
Haushaltung fhren?

Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule
und das Klrchen macht nicht viele Mhe. Klrchen war das einzige
Schwesterchen, fnf Jahre alt.

Ich glaube nicht, da sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht
nicht, meinte Konrad. Ja, sagte Heinrich rgerlich, immer heit es
gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewhnlich. Wo
meinst du denn, da sie uns hintun wollen?

Zu irgend welchen Verwandten.

Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.

Ich auch.

Ich wollte, der Onkel wre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal
lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch
den und nicht Onkel Kuhn?

Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat
Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach
des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine
Schwester ist ja auch die Patin von Klrchen.

Die Patin ist gerade so steif und unheimlich gro wie der Herr Rat
selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich
Klrchen ordentlich vor ihr gefrchtet. Da ist doch die Tante ganz
anders, die erinnert mich so an die Mutter!

Ja, bei ihr wre gewi auch Klrchen am liebsten.

Also, wenn ber uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben
wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, mchten wir zu Onkel und
Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei
beisammen bleiben.

Ja, sagte Heinrich, und das _mssen_ sie uns erlauben.

Es schlug zwlf Uhr.

So spt schon, sagte Konrad.

Ich gehe, sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem
Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide
Brder schliefen.

Whrend die Brder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne da sie
es wuten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon ber ihr Schicksal
entschieden. Drei Personen saen da zur Beratung beisammen: der Vormund,
Rat Stahlhammer; seine Schwester, Frulein Stahlhammer, und Frau
Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte
sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklrt, die beiden Knaben zu
sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgngern zu
erziehen. Gerne htte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch
war es neben der groen Knabenschar nicht mglich.

Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten fr die zwei
Knaben angenommen und die berzeugung ausgesprochen, da seine
Schwester, Frulein Stahlhammer, die in dem nahen Stdtchen Waldeck ein
Huschen besa und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergngen
aufnehmen wrde. Aber Frulein Stahlhammer, eine groe, stattliche
Gestalt von ernstem Aussehen, erklrte zu des Bruders Erstaunen, da sie
seinen Wunsch nicht erfllen knne. Das kam dem Vormund sehr unbequem.
Ich kann nicht begreifen, sprach er zu seiner Schwester, warum du
dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit
deinem Dienstmdchen, du kannst frei ber deine Zeit verfgen, du hast
Platz im Hause; Ausgaben wrde das Kind dir nicht machen, denn seine
Eltern haben ja genug hinterlassen ...

Ach wegen des Geldes wre es mir ja nicht, antwortete Frulein
Stahlhammer.

Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen? sagte Herr
Stahlhammer etwas ungeduldig. Jedermann kann es von dir erwarten.

Es ist ein herzig liebes Ding, warf die Tante dazwischen.

Bei allen mglichen Vereinen und wohlttigen Anstalten bist du, da tust
du Gutes, und hier, wo du die Nchste dazu wrst, willst du nicht. Was
ist der Grund?

Bruder, du weit es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung
gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug
darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttuschung
erleben.

Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und
wirst die Sache geschickter anstellen als damals, sagte der Rat. Aber
seine Schwester wollte nicht nachgeben. Nicht jedermann versteht es mit
Kindern, sagte sie, ich habe sie lieb, aber sie schlieen sich nicht
an mich an.

Unsinn, darauf kommt's nicht an; du hattest damals solch trichte
Gedanken, da du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen.
Httest du sie mit gehriger Strenge von Anfang an behandelt, so wren
sie nicht so nichtsnutzig geworden. brigens werde ich als Vormund meine
Pflicht nicht versumen. Ich werde so oft als mglich zu dir
hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen,
und es wre doch lcherlich, wenn wir zwei Leute, die grten weit und
breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kmen. Und sage selbst, wer
soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen
Junggesellen, nicht zumuten?

Eine lange Pause entstand. Frulein Stahlhammer schien wankend zu
werden. Wenn du sie mir auf Probe geben willst, sagte sie endlich,
dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu
nehmen, fr mehr verpflichte ich mich nicht.

Freilich, freilich, wenn du sie nur zunchst einmal nimmst, dann kann
man ja spter weiter sehen, rief Herr Stahlhammer sichtlich
erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die
Schwester erklrte, da sie am nchsten Morgen mit dem ersten Zug
heimreisen msse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das
Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei,
aber der Vormund war der Meinung, da das Kind gleich am nchsten Tag zu
seiner Patin reisen sollte.

Schlielich fgte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde
beschlossen, da der Vormund am nchsten Morgen das Kind abholen und es
ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmdchen die
ntigen Auftrge und dann verlieen alle drei das Trauerhaus.

Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war,
verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den groen
Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach,
und leise sprach sie vor sich hin: Armes Klrchen, knnte ich dich doch
bei uns aufnehmen!

Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die
Sorge fr seine drei Mndel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?

Whrend sie schweigend in nchtlicher Stunde neben dem Bruder durch die
Straen schritt, dachte sie zurck an eine bittere Stunde ihres Lebens,
wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder
abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hrte
wieder die Worte, die er ihr gesagt: Nicht jedermann versteht es mit
Kindern!


II.

Wach' auf, Klrchen, Herzchen, hrst du mich nicht? Wach' auf, wach'
auf, ich sage dir etwas.

Mit diesen Worten bemhte sich am nchsten Morgen in aller Frhe Rike,
das Dienstmdchen, Klrchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen
auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon
die Strmpfe herreichte. Klrchen ging noch nicht in die Schule und so
hatte sie bisher ausschlafen drfen, und es war fr sie etwas ganz
Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich fr ihr
Alter, ein herziges Mdchen, der Liebling von allen im Haus und selbst
voll Liebe fr alle, die sie umgaben. Warum weckst du mich, Rike?
fragte die Kleine ganz neugierig.

Steh' nur geschwind auf, ich sag' dir's schon, Herzenskind. Aber wir
mssen schnell machen, und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter
war, beim Waschen und Ankleiden.

Aber jetzt sag' mir doch, Rike, was es gibt? fragte Klrchen.

Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du
sollst mit seiner Schwester abreisen.

Mit meiner Patin?

Ja.

Warum denn?

Weil die Mama gestorben ist.

Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?

Hatte Rike die Frage berhrt? Sie gab keine Antwort darauf, sie knpfte
eifrig Klrchens Stiefelchen zu und beugte sich so darber, da
Klrchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Pltzlich aber fiel ein Tropfen
herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klrchen
sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden
Kinderhndchen ber die Backen und sagte: Gelt, Rike, du bist traurig
wegen der Mama.

Rike konnte nur nicken, griff nach Klrchens schwarzem Kleid, lie sie
hineinschlupfen und sagte dann: Komm nur schnell, ich habe dir schon
dein Frhstck gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.

Wo ist der Konrad und der Heinrich?

Die schlafen noch.

Gehen sie denn nicht mit mir?

Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schtteln.

In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustre. Rike sah
hinunter. Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst
herunter kommen, es sei hchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und
deinen Hut!

Aber ich soll doch mit der Patin?

Die wird am Bahnhof auf dich warten.

Jetzt war Klrchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter.

Ich mu aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.

Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.

O nur einen Augenblick, rief die Kleine und sprang hinber in das
Schlafzimmer, wo die beiden Brder, die nachts so spt eingeschlafen
waren, noch schliefen. Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich mu zur
Patin, rief sie, aber noch ehe die Brder recht wach waren, tnte die
Hausglocke noch einmal so heftig und laut, da die Kleine erschreckt
hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.

Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein bses Gesicht, und als
Rike vollends das Kind noch an sich drckte und ihm unter lautem
Schluchzen lebewohl sagte, rief er: Sie alberne Gans, mu sie dem Kind
das Herz noch schwer machen? Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und
fhrte es in groen, eiligen Schritten nach der Bahn.

Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen
bestrmt. Wo ist Klrchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum
hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht frher
geweckt?

Da sie nun hrten, da der Vormund ausdrcklich befohlen habe, sie nicht
zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen
Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurckholen. Nur mit Mhe konnten
Rike und Konrad ihn berzeugen, da das vergeblich wre. Wie ein Balsam
war es fr die aufgeregten Gemter, als ganz unerwartet in aller Frhe
die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der
verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie
es stand: da Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und
Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. Ich habe mir's gedacht, wie es euch
ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frhe schon zu euch
gekommen. Ich htte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, da er
die Sache anders einrichte, aber er hielt es so frs Beste und da konnte
ich nichts machen.

Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund, fuhr Heinrich
auf, uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!

Der Kleinen ist's vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,
begtigte die Tante, sie war gewi nicht so traurig, als wenn sie euren
Schmerz gesehen htte.

Ja, das ist wahr, sagte Rike, gar nicht geweint hat sie und so
gutwillig hat sie sich fortfhren lassen wie ein Lmmlein zur
Schlachtbank.

Der Vergleich pat nun doch gottlob nicht, sagte lchelnd die Tante,
mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.
Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein
Tchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, da die Brder sich
allmhlich beruhigten.

Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante? fragte Konrad;
knnen wir im Haus bleiben?

Nein, das nicht, ihr wrdet gar bald selbst einsehen, da ihr in einer
Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wret. Wenn ihr aber
gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und
ich. Am liebsten htten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber
wir knnen es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt
das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine
drei Buben und auch die vier Kostgnger freuen sich auf euch.

Konrad stand auf, kte die Tante tief bewegt und dankte ihr fr ihre
Gte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klrchen
wre es doch nicht mehr schn gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch
einen Trost. Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wit ihr; es ist nur
ein halbes Stndchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fu; da knnt
ihr Sonntags Klrchen besuchen.

Das ist fein, Tante, sagte Heinrich. Wenn nur die Patin so wre wie
du oder die Mutter, dann wre ich ganz getrost wegen Klrchen. Aber sie
ist so ganz anders, ich glaube, Klrchen wird sich frchten vor ihr.

Es soll aber ein vortreffliches Frulein sein, die Patin; sie tut sehr
viel fr Arme und Vereine, da mu sie doch ein gutes Herz haben, und
Klrchen wird das schon herausfhlen.

Wann drfen wir zu euch bersiedeln, Tante?

Sowie ich daheim alles fr euch gerstet habe und hier die Haushaltung
aufgelst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb
bei eurer Rike.

Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurck, das ihnen ganz
verndert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des
Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie muten
sich selbst sagen: Es wre nicht schn, so fortzuleben.


III.

Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmdchen von Frulein Stahlhammer,
unter der Haustre und plauderte mit dem Mdchen des Nachbarhauses.
Ist's wahr, da dein Frulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht
hat, das ganz bei euch bleiben soll?

Es ist schon so, wenigstens fr ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines
nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem
schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem
leid, so frh verwaist.

Nun, es wird's gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.
Aber Mine schttelte den Kopf. Ich kann's nicht brauchen, es mu mir
wieder fort aus dem Haus.

Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!

Freilich ist's mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie
bisher abends ausgehen, wenn das Frulein im Verein oder in der
Ausschusitzung ist und das Kind daheim lt? Kann ich Sonntags hin, wo
ich will, wenn das Frulein im Mgdehaus zum Vorlesen ist und mir das
Kind bergibt?

Es ist wahr, so gut hast du's dann nimmer wie bisher, aber du wirst's
nicht ndern knnen. -- Das wollen wir erst sehen! Es waren schon
einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafr habe ich gesorgt!

Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?

Beht' mich Gott, da wrde ich mich der Snde frchten! Im Gegenteil,
ich tue ja dem armen Wrmchen nur Gutes, wenn ich sorge, da es
anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht,
du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich mu hinauf, mein
Frulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese
Zeit, so ist's eben, wenn ein Kind da ist, fort mu es!

Oben in dem groen Wohnzimmer sa Frulein Stahlhammer und ihr gegenber
das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der
Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
gewesen, und nun berkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die
Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu
schluchzen. So war es damals auch, dachte Frulein Stahlhammer, als
die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
unheimlich bei mir, und wenn die greren sich nicht bei mir
eingewhnten, wie sollte es das kleine Geschpfchen fertig bringen? Ihr
Herz trieb sie, Klrchen zu trsten, aber sie wollte dieses Kind nicht
auch mit Liebe verwhnen, sie hielt sich zurck und sagte: Du wirst
wohl mde sein, weil du frh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, da
sie dein Bett richtet, dann schlfst du ein Stndchen. Als das Bett
gerichtet war und Frulein Stahlhammer das weinende Kind ins
Schlafzimmer fhren wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob
sie auf den Arm und sagte: Es wird besser sein, wenn ich sie das
erstemal lege, sie frchtet sich wohl noch vor der groen Patin, und
Frulein Stahlhammer lie es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der
Kleinen: Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin bse, darfst auch
nicht merken lassen, da du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du
Heimweh hast, dann sag' du's nur immer mir, vor der Patin sei ganz
still.

Bald hatte Klrchen sich in den Schlaf geweint und Mine verlie das
Zimmer. Ich will schon fr das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange
Sie in Ihrem Verein sind, sagte Mine zu Frulein Stahlhammer und diese
dachte: Wie froh bin ich, da Mine die Kinder gern hat und besser
versteht als ich. Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in
das Schlafzimmer, sa lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche,
unschuldige Gesichtchen und flsterte endlich: O, wie mte es so
kstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben knnte!

Klrchen gehrte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue
Verhltnisse gewhnen. In den nchsten Tagen schlich sie gar trbselig
umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brdern erfllte ihr ganzes
Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
Besuch, denn es lag ihm sehr daran, da seine Schwester gut zurecht kme
mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mdchen,
Frulein Stahlhammer war nicht zu Hause. Nun, wie geht es mit dem
Kind? fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. O, nicht gut, Herr
Rat, antwortete diese, das Kind gewhnt sich nicht an seine Patin, es
mag sie nicht. Klrchen stand dabei und sah ngstlich und erschrocken
auf, als sie diese Worte hrte und bemerkte, wie sich die Zge des
Vormunds verfinsterten. So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
sagen, sprach er verweisend zu dem Mdchen, nahm Klrchen an der Hand
und fhrte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehrig ausschelten und
ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen
hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so
recht wie ein hilfsbedrftiges Geschpfchen, da kam doch etwas wie
Mitleid ber den groen, starken Mann. Ich tue dir nichts, sagte er,
du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber hre, was ich dir sage:
Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brder
sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der fr dich
sorgen mag auer deiner Patin; du mut ihr gehorchen, ihr dankbar sein
und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares
Kind, verstehst du das?

Ja, antwortete leise die Kleine.

Versprich mir, da du nicht undankbar sein willst.

Ich will nicht undankbar sein, wiederholte Klrchen und sah dabei ganz
ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und
fing an zu begreifen, da die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem
sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas
wie Liebe und Dankbarkeit.

Mine, sagte sie spter zu dem Mdchen, ich mu die Patin lieb haben
wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.

Das kann man nicht von dir verlangen, sagte Mine, kein Kind hat die
Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und
hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.

Aber gelt, ein bichen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu
sich genommen.

Aber nicht aus Liebe, blo weil es der Vormund verlangt hat, sagte
Mine. Da fiel ein trber Schatten ber das Gesichtchen der Kleinen und
die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: Blo weil es der
Vormund verlangt hat.


IV.

Leicht hatten sich inzwischen die Brder bei Onkel und Tante eingewhnt.
Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher
wnschten sie auch ihre Schwester herbei und tglich wurde der Kleinen,
von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund
hatte bestimmt, da in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht
besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den
Trennungsschmerz schon berwunden und sich in die neuen Verhltnisse
eingewhnt htten. Klrchen wute davon nichts; die Brder hingegen
erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, fr den ihnen der Besuch in
dem Stdtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich
die treue Tante danach, durch die Brder Nachricht von der kleinen
Nichte zu erhalten.

Es war ein trber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch
auf den Weg und kamen nach einem tchtigen Marsch in dem Stdtchen an.
Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klrchen nichts
vorher davon sagen; sie freute sich auf die berraschung des Kindes und
gab nur heimlich dem Mdchen den Auftrag, etwas fr den Empfang der
jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was fr Gste
erwartet wurden, sphte sie fleiig zum Fenster hinaus; denn sie wollte
die Brder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange,
so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an
den Hten und Mine konnte nicht zweifeln, da es die Erwarteten seien.
Rasch ergriff sie Klrchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen
spielte und flsterte ihr zu: Komm mit, ich wei etwas, das dich
freut, und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brder
waren inzwischen schon in die Nhe des Hauses gekommen, Klrchen
erkannte sie auf den ersten Blick und strzte ihnen laut aufjubelnd
entgegen. Aber im berma der unerwarteten Freude und in Erinnerung
ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Trnen ber, zur
groen Bestrzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf
dem ganzen Wege ausgemalt hatten. Sie drfen sich nicht wundern, da
das Kind weint, sprach nun Mine, es hat so Heimweh nach Ihnen, und es
ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute
kommt!

Hat sie sich noch gar nicht eingewhnt? fragte Konrad bekmmert.

Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewhnen. Ein Kind gehrt
zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen
Frulein, die berdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.

Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein? rief Heinrich und bemerkte
in seiner Erregtheit nicht, wie der ltere Bruder ihm zu bedeuten
suchte, da es nicht passend sei, weiter das Dienstmdchen auszufragen.
Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht fr mich, antwortete
Mine, aber das Kind ist kreuzunglcklich, und wenn das noch lange
dauert, so wird es noch krank werden.

Besorgt sahen die Brder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so
frisch und blhend wie frher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und
jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor:
es hatte erfahren, da es unglcklich und zu bedauern sei.

Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen,
waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie
bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei
Geschwister in das Zimmer zu Frulein Stahlhammer. Diese hatte sich
gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre
Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick
auf Klrchen zeigte ihr, da diese geweint hatte. Auch klammerte sie
sich fest an den Arm ihres groen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der
Kleinen, begrte Frulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen
der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich
schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den
ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klrchen
htte im Glck ber das Wiedersehen mit den Brdern wohl alles andere
bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr
zuzuflstern: Mut recht traurig und still sein, dann nehmen dich die
Brder vielleicht ganz mit heim, und so war die ganze liebliche
Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brdern kam sie gar sonderbar
verndert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends
von der kleinen Schwester.

Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden
Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig
zumute, da er frchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich
hatte um so mehr das Bedrfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante
sollten es nur wissen, wie unglcklich sein Schwesterchen sei. Er
schilderte das Wiedersehen auf der Strae, die Trnen der Kleinen, ihr
verndertes Aussehen, den Bericht des Dienstmdchens und die groe,
ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefrchtet htte, und
nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.

Heinrich, du machst es schlimmer als es ist, warf Konrad dazwischen,
sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.

Natrlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschtzer unserer
Schwester; aber wenn sie allein mit Klrchen ist, wer wei, was sie ihr
da tut!

Nicht zu viel sagen, wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte:
Sie ist gewi nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie
gehalten. Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gesprch:
alle waren voll Mitleid und urteilten hart ber die Patin, bis die Tante
sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: Nun kommt ja bald
Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf lngere Zeit zu uns einladen
und ihr recht viel Freude machen. Damit waren nun alle einverstanden
und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klrchen zu Weihnachten
bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins
Gesprch gemischt hatte: Ich wei, was ihr die Mutter zu Weihnachten
machen wollte; wenn du ihr das geben wrdest, Tante, dann wre ihr
Herzenswunsch erfllt.

Ja, was ist's?

Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb -- ich glaube wirklich so lieb wie
uns; und fr die mchte sie so ein Wickelkissen, wie's die ganz kleinen
Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wre sie glckselig.

Das mache ich ihr, sagte die Tante eifrig, ihr bringt mir einmal das
Lngenma der Puppe, dann soll's ein echtes Wickelkind werden.

Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude fr Klrchen beruhigten
sich die erregten Gemter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie
kannte sich aus bei ihrer jungen Schar.


V.

Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei
Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Huschen in Waldeck waren die
Gedanken bei dem herannahenden Fest. Frulein Stahlhammer hatte in
dieser Zeit alle Hnde voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
Verein, der den armen Schulkindern bescherte; auerdem hatte sie jedes
Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen
Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
htte Frulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen
bertragen -- hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause --, aber es fand
sich niemand bereit, und so sagte sie sich, da Klrchen wohl ebenso
glcklich wre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert wrde;
sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um
den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Frulein Stahlhammer am
Christfest bescheren und sie ging nie an den Lden des Stdtchens
vorbei, ohne sich zu berlegen, womit sie das Kind erfreuen knnte.

Auch Mine hatte ihre Plne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren
Bekannten vergngen und htte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine
aus dem Wege gewesen wre, damit sie wie in frheren Jahren ihre
Freiheit htte.

Klrchen stand mit der geliebten Puppe im Arm trumend am Fenster; sah
hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, da
voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: Wenn's schneit, ist Weihnachten
nahe! Sie htte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
auch zu ihr kme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,
zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und
Mine putzte die Fenster in der Kche. Klrchen machte sich an sie heran.

Mine, fragte sie, wie ist's denn hier an Weihnachten?

An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.

Und dann?

Und dann im Spital.

Und dann?

Und dann? Ist das noch nicht genug? Ein Weilchen war Klrchen still.
Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu
dem Puppenkind zu reden: Gelt Rosa, sagte sie zur Puppe, das schne
Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist
du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:
'Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?' Aber jetzt haben wir keine
Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen 'Herzkind' und sie kann dir
keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du
undankbar. Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Trnen hinunter
und wischte die weg, die ber das Puppengesicht gerollt waren.

Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. Klrchen,
sagte sie, bitte doch die Patin, da sie dich an Weihnachten zu den
Brdern lt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es
lustig zu, aber hier ist's langweilig. Mchtest du nicht zu den Brdern
an Weihnachten?

Ich mchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast
doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie bse!

Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.

Sagst du's nicht fr mich, Mine? fragte Klrchen ngstlich.
Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mut dann auch recht
schn bitten; denke nur, wie traurig es hier fr dich wre ohne
Christbaum! Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, da
Frulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich
nicht denken, da es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht
wrde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Frulein Stahlhammer den
Christbaum fr die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem
Waldschtzen zugleich gesagt: Und besorgen Sie auch fr mich ein recht
nettes, grnes Bumchen.

An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine
Nichte freundlich einlud, ber Weihnachten zu kommen, damit die drei
verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern knnten.
Frulein Stahlhammer kmpfte mit sich selbst. Allerdings wrden die
Kinder vergngt beisammen sein, und Klrchen htte ein frhliches Fest
in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schnen
Weihnachtsabend gehofft, da er ihr das Kinderherz nher bringen wrde;
sie wollte eine Puppenkche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen
Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig
verwhnen. Nun kam ihr recht unerwnscht diese Aufforderung. Nach
gewissenhaftem berlegen dankte sie freundlich fr die Einladung; sagte,
da sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren wrde, und versprach,
die Kleine ber Neujahr zu schicken. Den Brief lie sie Klrchen in den
nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und
gerade als sie vom Schalter zurckkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Frulein
half, Ste von Hemden zusammen zu packen, die fr die Schulbescherung
bereit lagen, gerade da sagte Mine: Klrchen, hast du denn der Patin
schon gesagt, um was du schn bitten mchtest? Nicht? Mu ich es wieder
fr dich sagen? Frulein Stahlhammer, das Kind hat blo den _einen_
Wunsch, da es an Weihnachten zu den Brdern darf, gelt Klrchen?

Ja, sagte Klrchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie
doch so gespannt auf die Patin, da diese wohl die Bitte von den stummen
Lippen ablesen konnte. Wie kommt sie darauf? fragte Frulein
Stahlhammer und sah Mine mibilligend an. Ach, das ist doch natrlich,
da sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so mchte sie doch
wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klrchen? Mir kann's ja
ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter
andere Kinder.

Frulein Stahlhammer zog die Schnre fester an dem Paket und dann sagte
sie zu Klrchen: Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brdern
darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche spter, so ist's
ausgemacht mit deiner Tante.

Mine stie heimlich die Kleine an, sie htte gerne gehabt, da das Kind
noch fr sich selbst bte; aber Klrchen hatte ein unbestimmtes Gefhl,
da dieses der Patin nicht recht wre, sie wagte es nicht und schwieg,
und somit war die Sache zu Mines groem Verdru abgetan. Fr die Brder
war die abschlgige Antwort zwar eine Enttuschung, aber die Tante
konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertrstete die
Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem
sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke fr Klrchen durch die
Brder zusammenpacken lie. Der Professor wollte am Nachmittag vor der
Bescherung selbst der Kleinen das Pckchen berbringen, um auch einmal
nach seiner Nichte zu sehen.

Der heilige Abend kam und brachte fr Frulein Stahlhammer groe
Geschftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital
machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. Morgen, Klrchen,
sagte sie, ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir
auch schon ein Pckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
bekommen, sieh her, und sie gab Klrchen eines von den neuen Hemden,
schn mit roten Bndchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.
Dann eilte sie fort. Mine putzte drauen den Vorplatz und die Treppe.
Als es dunkel wurde, so gegen fnf Uhr, sa das Kind allein am Tisch.
Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da
kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.
Ist Frulein Stahlhammer zu Hause?

Nein, sie ist fort.

Mit meiner kleinen Nichte?

Nein, das Kind ist droben. Ich mu eben putzen vor dem Fest, sonst
liee ich sie nicht allein, das arme Trpflein!

Wann kommt Frulein Stahlhammer wieder?

Ach, da kann's leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei
sind. Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die
Treppe hinauf und ins Zimmer. Da sa die verlassene Kleine allein im
Halbdunkel am Tisch, ein trbseliger Anblick.

Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel
gehrte zu den Brdern, er gehrte zu der Tante, die wie die Mama
aussah, er gehrte zu dem, was sie lieb hatte!

Onkel, sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau
zu sehen, Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen? und
sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zrtlichkeit ging ihm zu
Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.
Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum
zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. Hat dir das
Christkind schon beschert? fragte er.

Ja, sieh nur, ein Hemd.

Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?

Blo so viel davon, sagte Klrchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wute
ja nicht, da im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenkche
schon das geputzte Christbumlein bereit stand, um morgen seinen
Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese
Mglichkeit nicht und war im innersten Herzen emprt. Die Patin war
unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschpfchen
lie sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem
Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz fr das Kind
hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, da es bei den
Brdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,
das Kind, mochte die Patin zrnen, das war ihm ganz gleichgltig!

Klrchen, sagte der Onkel, zieh dich an, recht schnell, ich nehme
dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort. Und hinaus eilte er
zu Mine: Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es
mitnehmen, ich bin sein Onkel.

Mine war hocherfreut, das pate zu ihren Plnen. Klrchen selbst war
ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber
Mine flsterte ihr zu: Zu deinen Brdern darfst du, denke nur, die
Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die
Kleine nur ganz behalten knnten, da wre sie besser versorgt, das arme
Ding!

Sagen Sie Frulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine
Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, htte ich
sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen
wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir mssen gleich fort, damit wir den
Zug noch erreichen.

Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.

Mine, rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus
drhnte.

Was ist's?

Die Puppe mu mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,
Klrchen?

Sie schlft in meinem Bett.

Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klrchen drckte sie sorglich
an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm
noch eingefallen, da es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.

Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: Undankbar ist das nicht, wenn
man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?

Nein, nein, beruhigte der Onkel, ich habe dich geholt und du mut mir
folgen.

Ein halbes Stndchen Fahrt, ein Gang durch die Straen der groen
Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, da dem Klrchen
aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.

Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben
die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Frulein
Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! Du hast recht
gehabt, ganz gewi hast du recht gehabt, da du das Kind entfhrt hast.
Frulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas
vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch
erst so schn geschrieben, da sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
mchte durch eine schne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?

-- -- Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; htte nur die gute Frau
Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Frulein Stahlhammer bei
ihrer Heimkehr -- um acht Uhr war es -- vernahm, da ihr das Kind
weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet
und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu
ihren Verwandten gehen drfe. Frulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur
recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und
das rotgebundene Hemd, sa sie, und bemhte sich vergeblich, Herr zu
werden ber die Empfindungen, die sie berwltigen wollten: Schmerz, da
sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anznden konnte; Beschmung, da
es so vernachlssigt erschienen war; Entrstung, da man ungefragt
eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befrchtung, da es
lieblose Worte ber sie hren und von anderen um so mehr Liebesbeweise
empfangen wrde. Und je lnger der Abend sich hinzog, totenstill in
ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
Schulkindern das Lied hatte singen hren: Selbst die Htte trieft von
Segen, um so bitterer empfand sie ihre Enttuschung.

Die alte, groe Uhr, die in der Ecke des Ezimmers wohl schon ein halbes
Jahrhundert hing und in ihrem schnen, geschnitzten Kasten vom Boden bis
hinauf reichte ber die Tre, fing nun feierlich an zu schlagen mit
einem Klang wie Orgelton, zehn Schlge. Da raffte sich Frulein
Stahlhammer auf und sah nach den groen goldenen Zeigern. Wirklich zehn
Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, vertrumt, verloren!
Das war kein heiliger Abend. Mit aller Gewalt ri sie sich heraus aus
dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind
nicht; das war wohl am glcklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie
ihm das Glck gnnen und nicht bitter gegen Klrchen sein. Das
Christbumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es
doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie
doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich
dem Onkel vorhalten, da er nicht so eigenmchtig htte handeln sollen.

Dieser Brief, der am frhen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei
dem Vormund ankam, versetzte den Mann in groen Zorn. Er war ein
empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewhnt, da ihm
etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,
und wenn er als Vormund das kleine Mdel seiner Schwester bergab, so
hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich
das Kind eigenmchtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.
Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,
wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das
war viel zu lang fr den rger, den er empfand und durchaus aussprechen
mute. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor
Kuhn aufzusuchen.

Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt
mute er durchqueren mit der Straenbahn und dann erst noch ein Stck zu
Fu gehen und all das wegen des kleinen Mdels; das machte sich als
Mndel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mute
er, der Rat, sich so bemhen, ganz ungehrig war das. Seine Schwester
verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie
nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und
Spielkram hingelegt, wie es so kleine Blge nun einmal wollen an
Weihnachten. Er hatte sich in einen gehrigen Zorn hineingearbeitet, der
Herr Vormund, bis er glcklich am Haus des Professors angekommen war.
Auch das Dienstmdchen rgerte ihn, das die Tre aufmachte, denn auf
seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: Es tut mir
leid.

Ob's Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollstndig einerlei, sagte er
gereizt, ist die Frau Professor zu Hause? Das Mdchen hielt es nun fr
sicherer, blo verneinend mit dem Kopf zu schtteln. Der Rat blieb einen
Augenblick unschlssig mit gerunzelter Stirne stehen. Wenn die Leute
nur immer alle fortlaufen knnen, sagte er vor sich hin, ich mchte
nur wissen, wozu sie Huser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?
In diesem Augenblick ging eine Zimmertre auf, frhliches
Kindergelchter drang heraus; unter der Tre stand Klrchen, hinter ihr
kamen noch mehr Kinderkpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was
die beste Strafe fr den Professor war.

Er ging auf Klrchen zu und fragte kurz: Hat die Patin erlaubt, da du
hierher kommst?

Nein, sagte erschrocken die Kleine.

Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir. Zugleich nahm er
eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mdchen: Geben Sie diese
Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.

Klrchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewhnt.
So pltzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte
der Onkel sie vorgestern entfhrt und so wurde sie zurckgeholt. Nach
ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.

Wo ist mein Mantel? fragte die Kleine. Das Dienstmdchen ging rasch
ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die
kleineren Kinder und einer der Kostgnger, aber die Brder, Konrad und
Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Greren auf der
Eisbahn.

Ganz aufgeregt sagte das Mdchen: Da drauen ist ein Herr, ein ganz
unfreundlicher, der will das Klrchen mitnehmen, was soll ich denn tun?
Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: Stahlhammer, Geheimer Rat.

Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich, sagte der Kostgnger,
von dem war schon oft die Rede.

Dann mu man Klrchen mit ihm gehen lassen? Allgemeiner Widerspruch,
lautes Bedauern ertnte nun in der Kinderstube und die Kinder drngten
hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem
Herrn Rat schon zu lang. Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und
das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat? Das Mdchen sprang
eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, da
Klrchen wirklich gehen mute, holten geschftig herbei, was auf dem
groen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im
Wickelkissen, das Weihnachtsgebck, ein Bilderbuch und eine Schrze. Die
Sachen wurden notdrftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar
Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schtze Klrchen noch
gereicht wurden.

Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wute, da um Mittag
ein Zug abging, den er bentzen wollte, um das Kind wieder bei seiner
Schwester abzuliefern. Auch wnschte er nun nicht mehr den Professor zu
sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
Kleinen um die Straenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite
Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.

Sieh nur, sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, man knnte meinen,
das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klrchen; jetzt kannst du sie
nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmglich
Klrchen sein.

In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mndel der Bahn zu;
aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr
das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Pckchen
Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mute erst wieder abgeschttelt
werden. Gib das Buch, ich will es tragen, sagte der Rat und nahm es
ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schrze auf den Boden, da gab es
wieder einen Aufenthalt. Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was
du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man mu auf
seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, da wir den
Zug noch erreichen. Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so
schnell sie konnte nebenher; aber ihr rmchen tat ihr weh, so hoch
hinauf zog es der groe Mann, indem er sie fhrte, und den andern Arm
mute sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in
der Hand war das Backwerk. Allmhlich wurde der Arm mde und konnte die
Puppe nicht mehr fest pressen, so da sie nach und nach immer weiter
hinunter rutschte. Klrchen fhlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand
nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich
unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.
Klrchen wandte den Kopf zurck und wollte still halten, aber der
Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: Nur
vorwrts, Kind. Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurck,
ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war
dahin! Es war fr das treue Puppenmtterlein ein Seelenschmerz. Dicke
Trnen rollten ihr ber die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
ein unterdrcktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie
weine, er glaubte den Grund zu wissen. Nicht weinen, Klrchen, sagte
er, schme dich, am hellen Tag auf der Strae zu weinen. Nun sind wir
gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren knnen? Es war
eine Erleichterung, als am Bahnhof der groe Mann ihre Hand frei gab,
der Arm hatte so weh getan. Und nun sa sie im Wagenabteil zweiter
Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: In deinem Alter
durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
verdienst, sei nur recht dankbar. Da kmpfte das kleine Wesen seinen
Kummer nieder und sagte, die Trnen verschluckend: Ich danke schn.


VI.

Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mndel in der Wohnung
seiner Schwester ankam. Als Mine die Tr aufmachte und unerwartet an der
Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft
hatte, da es vielleicht fr immer wegbleiben wrde, machte sie ein sehr
erstauntes Gesicht. Fr erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer
keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernnftig, und ber das
Vernnftige hat niemand zu staunen. Er lie sie deshalb nicht zu Wort
kommen, sondern fragte kurz: Frulein Stahlhammer zu Hause? und ging,
als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. Ich bringe das Kind
zurck, sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch,
von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte
er mifllig hinzu: Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so
frhzeitig essen mag! Ich bin natrlich um mein Essen gekommen durch
diese unangenehme Sache.

Frulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gste an, den belgelaunten
Bruder und dann das Kind. Da kam es zurck nach zwei Tagen, stand da
fremd und verschchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Trnen; einen
erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den
Mantel ausziehen.

Ich denke, du sorgst zuerst fr mich, sagte der Rat, das Kind kann
sich wohl selbst bedienen.

Frulein Stahlhammer ging in die Kche, die Kleine in das Schlafzimmer,
ihr Mntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es
vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Trnen
in die Suppe und es war kein Wunder, da der Vormund zu seiner Schwester
sagte: Das Kind macht mich nervs mit seinem ewigen Geheul, kannst du
nicht Maregeln treffen, es abzustellen? Da wurde Mine gerufen, sie
sollte die Kleine zu Bett bringen. Frulein Stahlhammer dachte nicht
anders, als da die Rckkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den
wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klrchen mit Mine
allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: Mein Wickelkind habe ich
fallen lassen, im kalten Schnee liegt's auf seinem Gesicht und friert!

Leise, leise, da man dich nicht hrt, mahnte das Mdchen, warum hast
du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?

Ich wei nicht, ich wei nicht! schluchzte das Kind.

Sag's nur niemand, da du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir's
schlecht! Schlupfe unter die Decke, da man dich nicht weinen hrt; so
ist's recht, jetzt schlafe!

Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Frulein Stahlhammer:
Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafr, da es ohne Erlaubnis das
Haus verlassen hat?

Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie
unglcklich es ist. Und berdies ist es nur natrlich, da es seinem
Onkel gefolgt ist.

Es mu aber lernen, da es nichts unternehmen darf ohne deine oder
meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so wei es das fr knftige
Flle. Das wirst du mir zugeben? Und als seine Schwester nicht gleich
Antwort gab, fgte der Rat etwas gereizt hinzu: Oder meinst du
vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser
ein?

Rudolf, du qulst mich. Ich kann das arme Wesen dafr nicht strafen; du
kannst das Kind wegnehmen, -- ich habe es ja nie gewollt -- aber wenn du
es bei mir lassen willst, dann mu ich es so behandeln, wie mich mein
Herz treibt.

Qulen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du lt dich nicht
belehren. Statt Grnde vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So
sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter
einmischen, nur an das eine mchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen
wurden.

Gewi, sagte die Patin, das gebe ich ja zu, Strenge mu sein.

Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem
besonderen Fall durchaus nicht fr angemessen hltst, so will ich da
nicht eingreifen. So klang die Unterredung noch vershnlich aus. Ein
paar Stunden spter war der Vormund auf der Heimreise begriffen.

Wenn wir es mit Klrchen gut meinen, so mssen wir uns jetzt nach ihrem
verlorenen Wickelkind umsehen.

Ein altes Mtterchen, das an seinem Fenster sa, whrend Herr
Stahlhammer mit Klrchen vorberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie
ffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mute
vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
waren die Beiden schon ein gutes Stck vom Haus weg und der schwache Ruf
der Frau wurde vom Wagengerassel bertnt. Ein kleiner Junge sprang
vorber. Reich' mir die Puppe herauf! rief die alte Frau, und so kam
das verlorene Gut in ihre Hnde. Sie hatte das ngstliche Zurckschauen
Klrchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie
sich auch immer wieder sagte: Ein dummes Dinglein ist's gewesen, da es
seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht, so konnte sie
sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine
Anzeige eingesandt hatte: Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstrae
5 p.

Als am nchsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den
Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort Wickelpuppe. Sie hatte ja
erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, da Klrchen
in der Eile wenigstens ihre Schtze noch mitgenommen hatte. Wie traurig,
wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren mte! Wo hatte man die Puppe
gefunden? In der Bahnhofstrae. Durch die mute Klrchen mit dem Vormund
gekommen sein. Wie merkwrdig, da zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag
durch die Bahnhofstrae getragen wurden! Oder sollte es gar die von
Klrchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewi
hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte
kaum vor den Kindern diese Befrchtung ausgesprochen, als auch Heinrich
schon davonrannte nach der Bahnhofstrae. Frohlockend kam er nach kurzer
Zeit mit dem kostbaren Gut zurck. Das Lcheln der Vorbergehenden, die
den Lateinschler so frhlich mit der Wickelpuppe springen sahen,
beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewhnliche
Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes,
war Klrchens Ein und Alles!

In der Familie des Professors hatte Klrchens Entfhrung allgemeine
Entrstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte
bei Konrad ein Entschlu. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
dort bleiben ber die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Frulein
Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am
heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag
machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen.

Frulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen
heien, meinte der Onkel; die Tante frchtete, der Vormund werde es
nicht billigen; Heinrich fand, da er berall sonst seine Ferien lieber
zubringen wrde als bei Frulein Stahlhammer. Aber allen wre es von
Wert gewesen, Nheres zu erfahren ber Klrchens neue Heimat, und so war
das Ende der Beratung doch, da Konrad nach Waldeck gehen und dort sein
Glck probieren solle. Er schnrte sein Bndelchen und machte sich auf
den Weg.

An diesem Tag ging Klrchen so mig umher, da es der Patin auffallen
mute, denn sie war gewhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe
beschftigt zu sehen. Wo ist denn heute deine Puppe? fragte sie.
Klrchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
sagen. Hole doch deine Puppe herein, wiederholte Frulein Stahlhammer,
wo hast du sie denn?

Ich wei nicht, sagte Klrchen.

So suche oder frage Mine danach.

Klrchen ging in die Kche. Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt
nach der Puppe?

Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.

Ich habe aber schon gesagt, da ich nicht wisse, wo sie ist.

Dann sagst du wieder so.

Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es
endlich tat, stand Frulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im
Begriff, einen Ausgang zu machen. Klrchen hoffte schon, sie wrde nicht
mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: Nun, hast du die
Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht? Die Kleine war
in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, da etwas nicht in
Richtigkeit war. Nun sag' mir einmal, wo sie ist, Klrchen? Da schlug
die Kleine die Augen nieder und sagte: Ich wei nicht.

Frulein Stahlhammer suchte Mine auf. Das Kind will mir nicht sagen, wo
die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?

Ach, das arme Wurm getraut sich's nur nicht zu gestehen, sie hat ja
die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.

Frulein Stahlhammer war peinlich berhrt. Das Kind hatte Mine ihr
Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal
mute Strafe sein; das war ein anderer Fall, lgen durfte das Kind
nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine
einen ngstlichen Blick auf sie, ein bses Gewissen war deutlich auf dem
Gesicht geschrieben. Klrchen, sagte die Patin, warum hast du mir
nicht gesagt, da du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt:
ich wei nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich,
so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn
ein Kind so bse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf
gesetzt. Mit diesen Worten fate Frulein Stahlhammer die kleine
Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an
der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ngstlich an die
Wand und wagte gar nicht, von der Hhe herunter zu schauen. Da bleibst
du nun sitzen, sagte Frulein Stahlhammer, und nimmst dir vor, da du
ein andermal nicht mehr lgen willst. Alle unartigen Kinder werden da
oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch
ganz unartig und fllst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich
heimkomme, hebe ich dich herunter.

Als Klrchen das hrte, war sie ganz still; die Patin ging. Drauen
sagte sie noch zu Mine: Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank
gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen
Sie sie herunter, aber frher nicht.

Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da
sa die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrckt. Mine fhlte
sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne htte sie die Kleine
aus ihrer Lage erlst. Ich mchte dich gerne herunterholen, Klrchen,
sagte sie, aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt
sie.

Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich, sagte Klrchen.
Blo, wenn man brav ist, hlt man fest, die Patin hat's gesagt. Gelt,
ich bin jetzt brav? Ich lge jetzt nicht und ich lge auch das
nchstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich
gar nicht fallen?

Nein, nein, du fllst nicht, beruhigte Mine. Sie hatte wirklich
Mitleid. Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann
komme ich gleich wieder herein zu dir. Geklingelt hatte Konrad. Da er
gerade in _diesem_ Augenblick erschien, pate Mine vortrefflich; er
sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das
konnte schon zu dem Entschlu beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie
fhrte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er
sein Klrchen in solcher Hhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn
hereinkommen sah. Konrad, Konrad! rief sie, wagte sich aber nicht zu
rhren. Frulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt, sagte Mine,
zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, da
Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,
und sie eilte in die Kche.

Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien knne,
denn er war emprt, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er
nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klrchen ab. Ich mu
bleiben, sagte sie, bis die Patin heimkommt, ich mu still sein, da
ich nicht falle. Aber was hast du denn Bses getan? fragte Konrad,
und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: Gelogen!
Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. Wegen meinem
Wickelkind, sagte Klrchen. Konrad, es ist in den Schnee gefallen,
und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten
Trost. Schnell packte er sein kleines Rnzchen aus und hob hoch in die
Hhe, da es Klrchen wohl htte erreichen knnen, das wiedergefundene
Kleinod. Aber so gro auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich
vorzubeugen. Mein Wickelkind! rief sie und winkte zrtlich mit den
Hndchen. Warte, ich bringe dir's. Mit diesen Worten zog Konrad einen
Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klrchens Arme und
nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den
Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter
sie, und so beschtzt fhlte sich die Kleine ganz glcklich; streichelte
bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm
die brderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.

Whrend so das Geschwisterpaar nebeneinander sa, kam Frulein
Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie
hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine
Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klrchen sie
beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem
Strafplatz als kleines Mdchen auch gesessen und fter als einmal ihr
Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht
herunterfallen. Aber Klrchen war zarter, ngstlicher, wenn sie sich zu
sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre
Ausgnge ein andermal machen und heimgehen. Ich htte nicht fortgehen
sollen, sagte sie sich, aber meine Mutter ist auch einmal
fortgegangen. Ja, Frulein Stahlhammer wute es noch genau, ihr Bruder
war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft
ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die
Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis
Abend ausharren mssen. Ob wohl auch Klrchen so trutzig sein wrde? Wie
wrde sie sie wohl finden? Ungewhnlich rasch stieg sie die Treppe
hinauf, schlo die Wohnung auf und ffnete mit wahrem Herzklopfen die
Tre des Zimmers. An viele Mglichkeiten hatte sie gedacht, aber an
_die_ nicht, da statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen
wrden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die
ngstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da
in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht
engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter
auf den Tisch, von da auf den Boden, grte in einiger Verlegenheit und
sagte: Ich bin gerade zufllig mit der Puppe gekommen und habe sie
Klrchen hinaufgereicht.

Im ersten Augenblick war Frulein Stahlhammer nur glcklich gewesen, da
sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Htte
lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klrchen so getroffen. Was wird
er denken und daheim berichten von mir! Klrchen ist in Strafe, sagte
sie jetzt, weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will
jetzt gewi wieder brav sein, fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend
und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. Ich
bin schon die ganze Zeit brav gewesen, sagte Klrchen, der Schrank hat
auch gar nicht gewackelt.

So ist's recht, sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde,
dann komm, mein Kind! Und sie fate Klrchen und hob sie herunter.

Es war inzwischen Mittag geworden und Frulein Stahlhammer lud Konrad zu
Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht ber die
Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben drfe. Daheim war er wie ein
Mrtyrer angesehen worden, da er seine Ferienzeit bei Frulein
Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein
zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkrlich zu Hilfe.

Darf denn der Konrad jetzt oft da essen? fragte sie und rckte ihren
Stuhl ganz dicht an den seinigen.

Das will er selbst nicht, sagte Frulein Stahlhammer, sonst drfte
er's wohl.

O doch, ich mchte schon, wenn Sie es erlauben, sagte er, sich an die
Patin wendend, drfte ich einige Tage dableiben? Frulein Stahlhammer
schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefhl, als habe man ihr
einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein
Kind zu ihr gekommen.

_Warum_ mchtest du da bleiben? fragte sie und sah ihn fest dabei an.
Unwillkrlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er
mchte dahinter kommen, wie Frulein Stahlhammer eigentlich sei, und das
harte Urteil, das man ber sie gefllt hatte, kam ihm ins Gedchtnis. Er
geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht
angeben, Ausflchte zu machen war er nicht gewhnt. Aber Frulein
Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wute genug. Ruhig und
fest, ihre groe Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: O ja, du kannst
hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante knnen auch
selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben lnger da als
wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fnf Minuten kommen und
dann ganz falsche Eindrcke mit wegnehmen.

Es war gut, da Klrchen in der Herzensfreude ber des Bruders lngeren
Besuch voll Frhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wre das
Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen.

Frulein Stahlhammer war unwillkrlich zurckhaltend; es lag ihrem Wesen
fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen
eher weniger herzlich gegen Klrchen als sonst, und das Kind, da es
seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die
Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der
Kleinen das Herz auf, und allmhlich kam alles zu Tag, was sie erlebt
hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: Das darf man
nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten. Auch da Mine oft
fortging und Klrchen ganz allein zu Hause lie, kam unter dem Siegel
der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht
Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, da die anscheinend so
wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einflu
ausbe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem
Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorber waren, von der
Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als liee er
sie unter Fremden, whrend er selbst in einen trauten, frhlichen
Familienkreis heimkehren durfte.

Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschlu gefat.
Wenn Konrad mit ungnstigen Berichten zurckkme, so wollten sie an
Ostern, wo einer ihrer Kostgnger abgehen wrde, dem Vormund anbieten,
Klrchen zu sich zu nehmen.

Und nun kam Konrad, noch betrbt von dem Abschiedsschmerz, und gleich
der Beginn seiner Erzhlung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe
getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrstung; und als er noch den
zweifelhaften Einflu Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an
den Vormund zu schreiben. Der Professor fate einen Brief ab, in dem er
sich erbot, Klrchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
Frulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wren wohl am
glcklichsten, wenn sie beisammen wren.

Herr Stahlhammer sa eben am Frhstck, als der Brief ankam. Er erbrach
ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim
Durchlesen. Am nchsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und
legte den Brief vor sie. Da lies, sagte er, dieses Getue mit dem Kind
ist mir allmhlich zuwider. Frulein Stahlhammer las den Brief. Der
Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr
weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie htte es vielleicht
selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber da diese Familie es
ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm
zugetraut, da er Gutes berichten wrde. Er kam ihr falsch vor. Was
soll ich den Leuten antworten? fragte ihr Bruder.

Da ich das Kind behalten will, sagte Frulein Stahlhammer bestimmt.

Dauernd?

Ja, dauernd!

Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid
geben und dann wird hoffentlich von dem Mdchen nicht mehr gesprochen,
bis es konfirmiert ist; wenn alle Mndel so viel Plage machten, fnde
man keinen Vormund mehr! Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwrts
und schrieb ganz artig, er danke fr den Vorschlag; seine Schwester
wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzglicher Pflege.

Als nach ihres Bruders Weggehen Frulein Stahlhammer ihr Pflegekind
aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend
fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan.
Ein frhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
daraus verbannt durch ihr Wort: Ich will es behalten. Und dieses Wort
hatte sie nicht aus edlen Grnden gesprochen.

Bitter enttuscht waren die Brder, als die abschlgige Antwort des
Vormunds eintraf. Zu ndern war daran nichts mehr, das sahen sie ein,
aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und
er schmiedete ganz im stillen Plne. Mute Klrchen bei der Patin
bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
bewerkstelligen.

Am nchsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis
sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmdchen, das wute er. Er
strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Frulein Stahlhammer
ber die Strae schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der
Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine ffnete, folgte
er ihr in die Kche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war
ein gut Stck kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus fr seine
zwlf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem
welligen Haar hervor.

Was willst du denn von mir, Heinrich? fragte das Mdchen verwundert.
Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine, sagte er und zog aus seiner
Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das
Blatt aufschlug. Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
Lokalanzeiger, da sind lauter schne Stellen fr Dienstmdchen
ausgeschrieben. Zum Beispiel da: Ein Dienstmdchen gesucht bei hohem
Lohn, und da Bei guter Behandlung und vollends die Anzeige mssen Sie
lesen Alljhrlich steigender Lohn und beste Behandlung. Mit groer
Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. Fein, sagte sie,
aber ich will ja gar nicht fort von hier.

Warum denn nicht? In der groen Stadt ist's doch schner.

Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.

Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen
Jungfrauenverein gibt's.

Das ist doch wieder was anderes, sagte Mine, und warum soll ich denn
fort?

Ich habe eben so gedacht, sagte der Schelm ganz ernsthaft, das
Klrchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch
noch kommen --

Zu uns? Ins Haus? Fr ganz?

Wir Geschwister mchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da.
Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die
mte ich schon in der Kche aufstellen, denn im Zimmer pat das nicht,
weil die Raupen doch manchmal durchgehen.

Pfui tausend, sei mir still davon, sagte Mine.

Oho, meine Raupen sind schn, da sehen Sie doch einmal, und auf einmal
zog er aus seiner Tasche ein Glschen, in dem ein paar Raupen von der
dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
zurck, er folgte ihr.

Geh mir weg mit dem hlichen Getier, ich kann's nicht leiden.

So? das ist aber rgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und
beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, da sie manchmal
herumkriechen.

Schne Aussicht!

Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schnen Dienst
suchen wollen?

Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es
gibt ja auch hier Pltze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.

Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon
eine an Ihrem Rcken, ja, jetzt kommt sie an den Hals. Mine tat einen
lauten Schrei. Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!

Ja, sagte Heinrich, aber sachte, da ihr nichts geschieht, es ist
eine von meinen grten, und der Schlingel berhrte Mine sachte am
Hals, so da sie die Raupe zu verspren meinte. Ich bitte dich,
Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.

Ja, wenn Sie mir versprechen, da Sie gehen.

Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?

Gleich kommt's weg. Gehen Sie im nchsten Monat?

Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie mglich.

Dann ist's recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie
nur. Lachend lief er dem zrnenden Mdchen davon. Jetzt will ich zu
Klrchen, sagte er.

Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt
wieder; die feine Stelle mit dem alljhrlich wachsenden Lohn fesselte
sie doch und gab ihr zu denken; schlielich konnte man seine guten
Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig
auf den Heimweg. Er war in vergngter Stimmung. Der erste Plan war
gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn
Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Frulein
Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht ntig, das konnte er schon
selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte
immer so vielerlei Bedenken und wrde auch jetzt immer nur sagen: Das
geht nicht. Es mute aber fein gehen!


VII.

Unter der groen Anzahl von Dienstmdchengesuchen konnte man am nchsten
Tag im Lokalanzeiger lesen: Es wird ein recht gutes, freundliches
Dienstmdchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Nheres um zehn Uhr im
Gymnasiumshof.

Als der Zeitungstrger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus
brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_
Anzeige unter vielen andern. Er war berzeugt, da niemand auer
Stellensuchenden diese Anzeige lesen wrde und da er gewi ganz
unvermerkt whrend der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel
auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter
den Dienstmdchen, die da kommen wrden, die freundlichste heraussuchen
knne. Name und Wohnung der Patin hatte er schn deutlich auf einen
Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwhlten geben, damit sie
sich Frulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie
geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewi versprach!

Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmdchen die Anzeige
gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der
ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber grndlich. Sie
brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. Da sieh doch nur, wer kann das
sein, der die Dienstmdchen in unseren Hof bestellt! Der Schuldiener
machte ein ernstes Gesicht. Das ist ein Unfug, sagte er und mu dem
Herrn Rektor gemeldet werden!

La mich nur erst besinnen, sagte die Frau, es kommt doch darauf an,
wer's ist; das bring ich schon heraus, es mu ja von unseren Professoren
jemand sein. Einer, der nicht will, da das Mdchen sich in der Wohnung
zeigt, weil der alten noch nicht gekndigt ist. Der Herr Rektor selbst
ist's natrlich nicht, der Herr kmmert sich nicht um das
Dienstpersonal, und von den alten Herren tte so etwas auch keiner.
Weit du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor.
Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist
ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus,
wenn's seine Frau haben will, und lt die Mdchen kommen und schaut sie
durch seine Brille an und nimmt dann natrlich die ungeschickteste. Da
mu ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, da er nicht gar so
dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.

Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er lie seine Frau reden und
brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem lteren ruhigen
Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er
auch die Vermutung seiner Frau mit. Es kann ja sein, da Professor
Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken
kam, sagte der Rektor, ich werde ihn vorher fragen, dann kann die
Sache noch anders eingerichtet werden. Es wre mir lieb, wenn sich Ihre
Frau nicht einmischte, knnen Sie das verhindern? fragte er mit feinem
Lcheln.

Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig,
sozusagen gewaltttig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so
etwas los ist. Nun es wird sich schon machen lassen, sagte der
Rektor, die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor
Graun morgen frh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu
kommen. Damit war der Diener entlassen.

Am nchsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins
Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet.

Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerckt hat? fragte der
Rektor.

Nein, davon habe ich keine Ahnung. Der Rektor ging in den groen Gang,
der in dem alten Gymnasiums-Gebude auf drei Seiten den Hof umschlo.
Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem
Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um
diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schler polterten die
Treppe herauf und trabten ber den Gang nach ihren verschiedenen
Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hrbar.
Heute wurde von letzteren ein jeder abgefat; der Rektor fragte nach der
Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren
war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die
andern den Urheber der Anzeige und konnte darber keinen Aufschlu
geben. Allmhlich kamen nur noch vereinzelte Schler, jetzt schlug es 8
Uhr, und die grte Stille herrschte in dem noch eben so belebten
Gebude, der Unterricht begann.

Schlag 10 Uhr ertnte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges
Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners
in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am
Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs hchste gespannt. Nein, wie
fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal
sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. Peter! rief sie, Peter!
Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas strker
das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe
hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, mglich war.
Einen Blick warf sie noch zurck, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor,
und da glaubte sie gerade noch ein Mdchen, ein ganz fein gekleidetes,
durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der
Tre seines Zimmers auf sie.

Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem
Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88
bezeichnet sind.

Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls
eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine
Widerrede war nicht zu denken, sie mute hinauf in die Bodenkammer. Aber
etwas Glck ist doch meist beim Unglck, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei
der Dachlcke, und aus dieser herunter konnte man den Hof berblicken.
Und da sah denn die gute Frau von ihrer Hhe aus was vorging. Die
Schler rannten wie alle Tage whrend der Pause in den Hof hinunter, der
Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in
der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien
auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich
ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im
Erdgescho blickte der Schuldiener hervor.

Nun kam von der Strae herein durch den Torweg ganz unbefangen ein
Dienstmdchen und sah sich um, nicht ahnend, da sie von so vielen
gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurck,
um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer
auf das Mdchen zu. Es war Heinrich. Das ist der kleine Schubert,
sagte einer der Lehrer zu dem andern. Ihr Kostgnger, nicht wahr, Herr
Professor Kuhn?

Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.

Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner auer ihm, da
dies Mdchen jemanden sucht.

Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!

Der betreffende Herr oder Dame, die die Mdchen hierher bestellt hat,
scheint sich versptet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das
ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich
ihrer wieder an.

Die Herren Professoren lachten. Htten sie das Zwiegesprch zwischen dem
Dienstmdchen und Heinrich gehrt, so wren sie wohl erstaunt gewesen.

Ich habe mir ja gleich gedacht, da das nichts Rechtes ist, sagte die
groe stattliche Kchin, nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich
die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mdchen in den
Gymnasiumshof bestellt. Da es nur so ein kleiner Lausbub ist, htte ich
mir aber doch nicht gedacht.

Es ist aber eine ganz gute Stelle, sagte Heinrich, und ich hab's
getan wegen meiner kleinen Schwester.

Was wr' denn hernach der Lohn? fragte die Kchin von oben herab.

So genau wei ich das nicht, sagte Heinrich und dann, da hierauf das
Mdchen hhnisch lachte und so gar nicht gutmtig aussah, fgte er
offenherzig hinzu: Ein besonders gutes Mdchen mte es aber sein!

Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht
dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen. Die Groe verschwand, ein
kleineres, vielleicht siebzehnjhriges Mdchen erschien im Hof, und
diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu.

Oben bemerkte der Rektor: Man knnte meinen, der kleine Schubert habe
sie bestellt.

Ja, wahrhaftig, sagte sein Klassenlehrer, er ist oft ein rechter
Schelm und hat nrrische Einflle.

Es kommt mir auch wunderlich vor, meinte Professor Kuhn, dem es schon
geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, whrend er seinen Neffen
beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten -- denn er
frchtete, das Ende der Pause mchte seine Unterhandlungen unterbrechen
-- dem Mdchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten
Frulein und einem herzigen kleinen Mdchen. Und dann schilderte er so
rhrend sein verwaistes Schwesterchen, da er des Mdchens Teilnahme
erregte. Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren, sagte sie,
und deshalb bin ich schon seit meinem fnfzehnten Jahr im Dienst und
hab's so hart als Splerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines
Haus kommen knnte!

Freilich knnen Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie
nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, da ich Sie geschickt
habe, blo: Sie htten's gehrt, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein
Klrchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!

Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weie Bden?

Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.

Ich meine nur so, wenn's so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn
alle Bden wei sind --

Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht wei, mehr so brunlich --

Vielleicht Parkett?

Ja, ja wahrscheinlich.

Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.

Ich glaube auch gar nicht, da sie Parkett sind, wie heit man die
Bden, die so bequem sind zum Putzen?

Die angestrichenen.

Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.

Und wie ist denn der Lohn?

Der ist hoch und alljhrlich wachsend, so viel ich wei. Frulein
Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.

Ist's ein gutes Frulein? Ich frage ja nur, weil's das Kind nicht gut
hat.

Ja so, ja das Frulein ist in allen wohlttigen Vereinen und schreibt
sehr schne Briefe.

Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir's ansehen, aber ums Fahrgeld
ist mir's halt.

Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich
kann Ihnen schon etwas geben; dreiig Pfennig kostet die Fahrkarte, so
viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so
teuer. Heinrich zog sein Beutelchen. Nein, siebenundzwanzig sind's nur
noch, aber drei knnen Sie wohl darauflegen?

Ja, sagte das Mdchen gutmtig, den letzten Pfennig will ich Ihnen
auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.

Gut, sagte Heinrich, dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die
Woche ist noch lang!

Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen knnen,
aber als sie sahen, da sich allmhlich eine ganze Anzahl Schler
neugierig um die Beiden sammelte und da Heinrich seinen Geldbeutel
hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen
Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmdchen
durch den Torweg verschwand.

Als Heinrich in frhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die
Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestrzt, den ganzen Gang voll
Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem
Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts
so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches
Verhr. Der Rektor fragte zuerst: Was hast du mit dem Mdchen im Hof
gesprochen?

Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein lterer
Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen
Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln.
Diesmal aber, in dem Gefhl, da er in bester Absicht gehandelt hatte
und auch unter dem Eindruck der Wrdentrger, die vor ihm standen, hielt
er mit der Wahrheit nicht zurck, sondern sagte gerade heraus: Ich habe
das Mdchen gedungen fr Frulein Stahlhammer, bei der meine kleine
Schwester ist.

So war von dir diese Anzeige verfat? fragte der Rektor.

Ja, sagte Heinrich, die ist von mir.

Wer hat davon gewut?

Wem hast du es vorher mitgeteilt?

Gar niemand.

Heinrich! sagte der Onkel vorwurfsvoll, weder der Tante noch Konrad?

Niemand, sagte Heinrich, sie wren doch alle dagegen gewesen.

Damit gibst du zu, sagte langsam und nachdrcklich Heinrichs
Klassenlehrer, da du dir wohl einer unrechten oder trichten Handlung
bewut warst.

Fr unrecht habe ich's nicht gehalten, sagte Heinrich, aber fr
anders als man's gewhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.

Sie wollen es nicht? Wer 'sie'? fragte der Klassenlehrer scharf. Wen
meinst du mit diesem geringschtzigen 'sie'?

Blo die Menschen, sagte Heinrich.

Ich verstehe den Zusammenhang nicht, sagte der Rektor, sich an
Professor Kuhn wendend, was kann ihn veranlat haben, fr andere Leute
ein Mdchen zu dingen? War er beauftragt?

Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in
ihrem Kosthaus von dem Dienstmdchen allem Anschein nach nicht gut
behandelt und beeinflut; darber waren die Brder -- und ich allerdings
mit ihnen -- sehr betrbt. Meine Frau und ich konnten uns aber der
Verhltnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg
verfallen zu sein.

Nun, fragte der Rektor, und was hast du denn ausgerichtet? es sind
wie mir scheint mehrere gekommen.

Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir
versprochen, da sie nach Waldeck fhrt.

Man darf vielleicht, sagte der Onkel, sich an den Rektor und den
Klassenlehrer wendend, die Anhnglichkeit der drei erst krzlich
verwaisten Geschwister als Entschuldigung fr Heinrich ansehen. Er hat
es gut gemeint mit seiner Schwester.

Wenn Sie es so auffassen, sagte der Rektor, so schliee ich mich
Ihnen an, Sie kennen die Verhltnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung
in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich. Dieser lie sich's
nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlpfte er zwischen den Herren
hindurch, mglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht
eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes
zu, er sah ihn so ungndig an. In der Tat sagte dieser auch etwas
mibilligend zum Rektor: Er ist gut durchgekommen fr diese
unziemliche Handlung, fast zu gut.

Ja, sagte der Rektor, schicken Sie ihn nach Schlu der Schule noch
einmal allein in mein Zimmer.

Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich
aber war bestrzt, als er durch den Lehrer erfuhr, da noch etwas
nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schlu der Schule im Zimmer des
Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem
Jahrgang 88.) Du bist heute ohne Strafe durchgekommen, sagte der
Rektor, das verdankst du der Frsprache deines Onkels. Mit vterlicher
Treue ist er fr dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle
htte es gekrnkt, da du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er
hat bewiesen, da er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?

Ja, sagte Heinrich, und das kam von Herzen.

Dann beweise auch du es. _Wie,_ das mu dir dein Herz sagen.

Ich will's tun, sagte Heinrich.

Und noch etwas: du hast dich darber beschwert, da die Menschen nie
etwas anders machen wollen, als man es gewhnlich macht, und das war der
Grund, warum du deine Absicht, ein Mdchen zu dingen, nicht vorher
verraten hast, nicht wahr?

Ja, sagte Heinrich, es heit immer: das kann man nicht, oder: so
macht's niemand.

Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben
hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heit es: so
machen's alle Leute. Ja, ja, sagte Heinrich von Herzen zustimmend.

Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehrst, sondern
wenn du spter als Mann sagst: Ich tue, was gut und verstndig ist,
ob's nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als
Mann. So lange du noch jung und unselbstndig bist, darfst du dir nicht
herausnehmen, nach eigenem Gutdnken zu handeln; kannst auch berzeugt
sein, da es meistens nicht gut ausfallen wrde. Also fr die nchsten
Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst,
das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.

Heinrich kam spter als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte
dieser noch ber die Sache nachgedacht und war rgerlich ber den
Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen wrde, nachdem er
einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rcken solche Dinge
zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Frulein
Stahlhammer lie sich kein Mdchen aufdrngen, am wenigsten, wenn es von
dieser Seite kam; Mine wrde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache
nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor sa eben vor seinem
Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die
Jugend versammelte sich schon im Ezimmer, da ging die Tre auf und
Heinrich sah herein. Er gehrte nicht zu denen, die ihre Empfindungen
schwer ber die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und
dessen Hand fassend sagte er: Das war so fein von dir, Onkel, da du
mir geholfen hast. Mein Professor htte mich ja am liebsten in den
Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wrst, ich danke
dir recht schn dafr! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner
vterlichen Frsorge gesagt, es war etwas sehr Schnes.

Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz
freundlich auf seinen Neffen. Die Hauptsache ist, sagte er, da du
nicht noch einmal so etwas tust.

Nein, in den nchsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem
Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel?
Ich habe in der Pause nichts essen knnen, bin furchtbar hungrig.

So komm, sagte der Onkel und sie gingen unwillkrlich Hand in Hand --
es war wohl der Rektor, der diese Hnde ineinandergelegt hatte.


VIII.

Am nchsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Kche absplte, klingelte es
und ein Mdchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt
worden, weil man hier ein Dienstmdchen suche. Mine traute kaum ihren
Ohren. Das ist aber unerhrt, rief sie, ich habe ja noch gar nicht
gekndigt und mein Frulein wei von nichts. Wer hat Sie denn geschickt?
Gewi Frau Professor Kuhn?

Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist's besprochen worden.

Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen
Sie's eben und gehen Sie hinein. Wenn das Frulein Sie will, dann soll's
mir auch recht sein.

Da ist ein Mdchen, sagte Mine, indem sie die Tre aufmachte zu dem
Ezimmer und sich rasch wieder zurckzog. Frulein Stahlhammer sa da,
die Zeitung lesend, und Klrchen war mit ihrer Puppe beschftigt. Was
mchten Sie von mir? fragte Frulein Stahlhammer, wer sind Sie?

Katharine Schwarz heie ich und weil ich gehrt habe, da Sie ein
Mdchen suchen, wollte ich mich vorstellen.

Das ist jedenfalls eine Verwechselung, sagte Frulein Stahlhammer,
ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?

Im Hof ist's gesprochen worden.

So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mdchen schon seit fnf
Jahren und behalte sie auch.

Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herber gefahren, sagte das
Mdchen. Ich wre erst so gerne gekommen; so ein stilles Pltzchen bei
guten Leuten, das gefiele mir.

Das tut mir leid fr Sie. Vielleicht ist's in einem der Nachbarhuser.
Meine Mine wei das. Kommen sie einmal mit mir in die Kche. Das
Mdchen folgte ihr. Mine, nehmen Sie sich um das Mdchen an, sie ist
irrtmlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee
ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Pltzchen fr sie.

Nun waren die beiden zusammen in der Kche; Mine rumte noch ihr letztes
Geschirr auf und Katharina lie sich den Kaffee schmecken, nachdem sie
zuerst groe Umstnde gemacht hatte, ihn anzunehmen. Da gefiele mir's,
sagte sie, so ein freundliches Frulein, das gleich Kaffee einschenken
lt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im
Haus, und dem Kind sieht man's von fern an, wie gut es ist. Im Lauf des
Gesprchs hatte Mine bald herausgebracht, da kein anderer als Heinrich
das Mdchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins
Haus kam mit seinen Raupen und der groe Bruder auch noch dazu, dann
waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu
gehen.

Inzwischen hatte Klrchen zur Patin gesagt: Kann das gute Mdchen nicht
bei uns bleiben?

Wir haben ja unsere Mine, sagte die Patin, die ist auch gut.
Frulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit
dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und
jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wre, mit dem
jungen Mdchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war
im Lauf der Jahre so selbstndig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine
ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: Die Kleine sprt's, da Sie seine
Mutter nicht sind, das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mdchen wrde so
etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem
Vorschlag sagen wrde, da sie diesem Mdchen weichen sollte?
Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. Was wrde
mein Bruder von mir denken? sagte sie sich selbst, er wrde zu mir
sagen: Du, die groe Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mdchen
zu reden? Wirklich, sie war allmhlich dieser Mine gegenber ganz
schchtern geworden. Sie schmte sich ihrer Schwche.

Klrchen, sage doch Mine, sie mge herein kommen. Mine kam, Klrchen
blieb in der Kche und schlo Freundschaft mit Katharine.

Es scheint ein ordentliches Mdchen zu sein? sagte Frulein
Stahlhammer zu Mine. Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein
armes Ding ist's, dem's immer hart gegangen ist bisher.

Nun nahm Frulein Stahlhammer einen Anlauf: Wie wr es, Mine, wenn ich
es mit diesem Mdchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?

Zu Frulein Stahlhammers groem Erstaunen war Mine's sofortige Antwort:
Gerade wollte ich's auch vorschlagen!

       *       *       *       *       *

Einen Monat spter war Mine abgezogen, in der Kche hauste das neue
Mdchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die
Klrchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die
Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig
sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. Kommst
du jetzt alle Tage selbst mit mir? fragte das Kind. Ja, wenn ich nicht
im Verein bin.

Hat unsere Katharina auch einen Verein?

Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.

Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?

Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein
gelassen?

Ja, aber das hat man gar nicht sagen drfen, nur dem Konrad habe ich's
gesagt.

Das mut du dir nicht verbieten lassen, Klrchen. Wenn die Katharina
einmal will, da du mir etwas nicht sagst, dann mut du gleich
antworten: Der Patin sage ich alles.

So? So soll ich's machen? sagte die Kleine ganz verwundert.

Ja, so sollst du's machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.

Die Patin gab dem Kind einen Ku und beide hatten das Gefhl, es sei
etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.

Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne da zur Familie des Professors
irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wre. Die Brder
scheuten sich, hinzugehen, wuten sie doch nicht, wie Heinrichs
Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete
diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung
erfuhr er, da die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden
und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wute auch noch das
allerneuste. Frulein Stahlhammer lge krank zu Bett und werde
wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzhlt, als
seine Tante erklrte: Das ist fr mich die Gelegenheit, endlich einmal
Frulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf
der Seele, da kein freundliches Einverstndnis zwischen uns herrscht,
ich mache ihr einen Krankenbesuch!

Es war einer der ersten schnen Frhlingstage, als sie hinausfuhr aus
der groen Stadt und das hbsche Huschen aufsuchte, das am Ende des
Stdtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald
bergingen. Das neue Dienstmdchen fragte Frulein Stahlhammer gar nicht
erst, ob sie zu sprechen sei, sondern lie den Besuch ohne weiteres ein.
Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Frulein
Stahlhammer im Bett und das Kind sa nahe dabei, spielend an seinem
Tischchen.

Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit fr das Kind, sie trat ans
Bett und sagte: Ich habe gehrt, da Sie krank sind, und wollte mich
deshalb nach Ihnen umsehen.

Danke, sagte Frulein Stahlhammer, es geht mir schon besser; aber Ihr
Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen
schreiben und kann es doch nicht recht.

Hocherfreut ber diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die
Tante ans Bett und nach einigen Reden ber die Art der Krankheit sagte
Frulein Stahlhammer: Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich
nicht gern vor der Kleinen sagen.

Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was
darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei
Frauen waren allein. Ich habe Klrchen so viel beobachtet, seit ich
krank bin, sagte die Patin, sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe
und da hre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie
ihrem Puppenkind verspricht, wenn es gro sei, drfe es zu Onkel und
Tante und zu den Brdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz
meine Gegenwart vergessen hatte, hrte ich sie sagen: Wenn du nicht brav
bist, mut du zur Patin nach Waldeck.

Das dumme Gnschen, rief die Tante, Sie sollten gar nicht darauf
hren, was sie mit ihrer Puppe schwtzt.

Ich habe es aber gehrt, sagte die Patin, und ich wei jetzt, da sie
mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht
recht von mir, da ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne
ich Klrchen gehabt htte, wenn sie sich wohl bei mir gefhlt htte, so
mchte ich sie doch Ihnen bergeben, weil sie bei Ihnen eine
glcklichere Kinderzeit haben wird.

Die Tante merkte wohl, da es Frulein Stahlhammer schwer wurde, diese
Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. Ich
begreife nicht, sagte sie, warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfhlt.
Es ist vielleicht ein Miverstndnis dabei. Aber freilich, das
Natrlichste ist, da ein Kind unter andern Kindern aufwchst. Leider
sind es bei uns lauter Knaben.

Ihnen wird Klrchen ein liebes Tchterchen werden, sagte Frulein
Stahlhammer.

Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern lt es sich zwar nicht
mehr einrichten, aber von den Sommerferien an knnen wir sie aufnehmen.

Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch, sagte die Patin
bereitwillig. Ihre Brder knnen sie besuchen so oft sie wollen, und
ich werde ihr auch eine kleine Kamerdin verschaffen. Eine meiner
Bekannten hat auch so ein einzelnes Tchterchen im gleichen Alter. Bis
jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klrchen sich mehr an
mich anschliee, aber nun, da sie doch fort kommt, ist's gleichgltig.

Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darber, sagte Frau
Professor Kuhn, mein Mann wrde wohl nicht gern noch einmal bei ihm
seinen Vorschlag wiederholen.

Ja, das werde ich tun. Ich wei, da seit Weihnachten die beiden Mnner
nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so
herzlos, als Sie denken muten; ich wollte dem Kind am Christfest
bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kmmerlein. Das
Kind wute es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.

_So_ war es? sagte die Tante. Das zu hren freut mich noch
nachtrglich; ich werde es daheim erzhlen, ich selbst war trotz allem
Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung berzeugt. Sie drckte warm
die Hand der Patin und fgte herzlich hinzu: Wenn Sie wieder wohl sind,
kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns nher kennen
lernen und spterhin, wenn Klrchen ganz bei uns ist und Sie besuchen
uns, dann werden Sie auf einmal merken, da das Kind Sie doch lieb hat.

Wollen Sie Klrchen rufen? Ich mchte es ihr gleich mitteilen. Die
Tante fhrte das Kind herein. Klrchen, sagte die Patin, sich im Bett
aufrichtend, weit du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im
Sommer, wenn deine Brder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst
ganz und fr immer bei Onkel und Tante bleiben!

Aber der Vormund holt mich gleich wieder, sagte Klrchen.

Diesmal nicht, sagte die Patin, jetzt erlaubt er es, er fhrt dich
vielleicht selbst in die Stadt.

Nun sah man der Kleinen an, da sie die Wichtigkeit der Nachricht
erfate. Sie schmiegte sich zrtlich an die Tante und sagte: Dann bist
du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brder sind wieder
alle Tage meine Brder!

Ja, so wird es, sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg
zur Patin hin und sagte: Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet,
weil sie wei, da es dich freut.

So, sagte Klrchen freundlich, hast du's eingerichtet? Gelt dann bist
du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh! rief sie in
einem Ton, der glckselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr
gehrt hatte.

Frulein Stahlhammer erholte sich langsam und fr diesen Sommer gab sie
ihre Ttigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie mglich im
Freien sein. Sie nahm Klrchen mit sich zu den tglichen Gngen in den
nahen Wald; und nicht nur Klrchen, sondern auch die kleine
Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerdin bestimmt hatte. Es war ein
Ereignis fr Klrchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr
gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt.

Von nun an, wenn Frulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes
Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos
und Gebsch und waren voll Frhlichkeit miteinander. Mathilde kam in
aller Unbefangenheit zu Frulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und
Klrchen, die zuerst staunte ber diese Zutraulichkeit, gewhnte sich
bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen
auch die Zukunft, die Gegenwart war schn.

Eines Tages, als Frulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald sa
und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mdchen,
zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schlerinnen einen
Waldspaziergang, und da sie Frulein Stahlhammer kannten, blieben sie
ein wenig stehen und begrten sie. Mathilde, die manche der Kinder
kannte, kam herbeigesprungen, Klrchen hielt sich zur Patin.

Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr? sagte
eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern.

Ich schon, sagte Mathilde, ich freue mich darauf, aber Klrchen kommt
fort.

Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren
Puppen zurck. Aber Klrchen war nicht recht bei der Sache und nach
einer Weile kam sie zgernd zur Bank her, auf der die Patin lesend sa,
legte ihr die Hnde auf den Scho und sagte leise: Patin?

Diese sah auf die Kleine hinunter: Was willst du, Kind?

Patin, _darf_ ich zu den Brdern, oder _mu_ ich hin?

Du darfst, du _mut_ nicht.

Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?

Ob du darfst? sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das
Kind war auf einmal auf ihrem Scho, das Kind, das doch schon bald
Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und
Frulein Stahlhammer drckte es an sich und besa nun, was sie so lange
gewnscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen
hatte, wute sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach
gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester,
unbestrittener Besitz. Klrchen bestand die Probe: Mit Bangen lie die
Patin das Kind fr einige Tage zu den Brdern zu Besuch, um zu sehen,
ob es sich nicht getuscht habe; aber aus dem lauten Getmmel des
knabenreichen Hauses in der Grostadt verlangte es bald zurck in das
stille, lndliche Huschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.
Onkel und Tante freuten sich darber, auch die Brder fanden sich nun
leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glcklich.

Und der Vormund? Er kam, als er von dem vernderten Entschlu hrte,
nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er
sagte zu Katharine, die ihm die Tre ffnete: Wenn Sie mich knftig
nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber; die
Schwester fragte er: Hltst du es mit all deinen Beschlssen so, da du
sie dreimal umstt? Er empfahl Klrchen: Sei nur recht dankbar! und
dann kehrte er mit der berzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,
mglichst bald aus dem elenden Nest zurck, zur feinen Mittagstafel in
der Stadt.




Regine Lenz.


Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wute,
htte nicht gedacht, da sie schon zu den Konfirmanden gehrte; sie war
wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmchtig; ein
Persnchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu bersehen
war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine
Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese
Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher
an der Arbeit; auch die zwei greren Geschwister pflegten um diese Zeit
nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die
lteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von
der Mutter und dem jngsten Brderchen nichts zu sehen. Alle schienen
mit ihren Gedanken beschftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren
dsteren Mienen zu schlieen.

Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im
Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Groen nicht
einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mtze und
ging ohne Gru davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut
langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte
und sich an Regine wandte: Ich mu jetzt fort; sorg du fr den
Kleinen. Ich wei nicht, wo der hingelaufen ist, du mut ihn suchen.

Sie ging und lie Regine allein zurck mit dem Vater, der in Gedanken
versunken am Tisch sa. Es war alles so ganz anders als sonst. Wo ist
denn die Mutter? fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefhl, da
irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. Weit du's nicht?
Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell
wieder, die Mutter. Da du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim
bleibst!

Er erhob sich schwerfllig, nahm seine Mtze und ging langsam mit
gesenktem Kopf davon.

Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es
wurde ihr bang und immer bnger zumute in der verlassenen Stube. Es
wunderte sie, da sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht
bei der Mutter, whrend er sonst immer an ihrem Rocke hing und der
Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?

Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Strae, wo ein kalter Wind
blies und die Dmmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem
Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nchsten Straenecke
stehen. Ein schmchtiges Bbchen war der kleine Hansel, aber ein feines
Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz.
Er stand an der Ecke und sah die Strae hinauf.

Hansel, rief ihn die Schwester an, komm heim. Hast ja ganz kalte
Hnde; was tust du denn da? -- Ich wart auf die Mutter, schon so lang,
sagte er klglich. Ob der Kleine etwa wute, wo die Mutter war? Regine
fragte das Kind.

Dorthin ist sie, sagte er, die Strae hinauf deutend. Der Mann hat
sie geholt, der, mit den groen goldenen Knpfen. Sie hat doch gar
nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was
heit das 'gestohlen'? Wohin fhrt sie jetzt der Mann?

Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestrzt
ber die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt
begriff sie alles; die Mutter war in das Gefngnis gefhrt worden! Mit
Mhe konnte sie das Kind berreden, mit ihr heimzugehen.

Unter der Haustre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine
hrte sie sagen: Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trdler verkauft.
Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und
hrten den Kleinen rufen: Ich will aber auf die Mutter warten!

Hansel, da kannst du lang warten, sagte die Hausfrau und sah das
kleine Bbchen mitleidig an. Regine, die beschmt und mit gesenkten
Augen an den beiden Frauen vorbei das Brderchen in das Haus zog, hrte
sie noch sagen: Die ganze Familie ist nichts nutz; die groe Tochter
treibt es auch schon wie die Mutter.

Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Tre hinter sich zu; sie
mochte nichts weiter hren.

Was war das fr ein langer und trauriger Abend! Der Kleine lie sich
endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine sa allein an
dem groen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wre, und ob sie
Heimweh htte nach ihrem Liebling. Sie htte gerne gewut, wie man den
Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da
und dort in die Huser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den
Vater warnen hren: Man wird dich schon einmal erwischen. Aber er nahm
doch auch gerne an, was die Mutter gefunden hatte, wie sie das nannte.
Marie, die groe Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstck
bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schne Tochter. Sie versorgte
auch Thomas mit seiner Wsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute
Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter
hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Groen, und nicht den
Spa, wie an dem Kleinen. Regine wute das und es kam ihr natrlich vor.
War sie doch nicht schn wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht
lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter
allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrckt; sie war in der
Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne
Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.

Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie
sich am nchsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als mten
alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:
Die ganze Familie ist nichts nutz, klangen ihr noch im Ohr; sie
gehrte doch auch zur Familie, sie war also nichts nutz. Die
Mitschlerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als
sonst, und die Schulstunden gingen vorber wie jeden Tag. Nach der
Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande
des Hauses bekannt wrde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehrt
htte? Wie schrecklich mute ihm dies vorkommen!

Es saen wohl siebzig Mdchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem
Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persnlich
bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht
nher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt
verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie
htte sich gerne noch dnner gemacht, so dnn, da alle Menschen sie
bersehen htten.

Aber sie hatte sich unntig gengstigt; die Stunde verlief wie alle
vorhergehenden, und als ihr auch die nchsten Tage kein Zeichen
brachten, da jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich
allmhlich.

Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater
mitteilte: Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nchsten Montag
kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate mu sie
sitzen.

So lang! rief Marie, die lteste, betroffen, und darauf fing der
Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, da die
Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurck sein wrde. Man
brauchte so manches fr diesen Tag, wer wrde ihr das Ntige
verschaffen? Vater, sagte sie bekmmert, das geht doch gar nicht; die
Mutter wre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.

Wenn sonst nichts wre, entgegnete der Vater; so wichtig wird das
nicht sein.

Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den
Unterricht; sa stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die
Hand auf als Zeichen, da sie gerne eine Frage des Geistlichen
beantwortet htte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit
handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rhrte sie sich
nicht mehr und rckte hinter den breiten Rcken der vor ihr Sitzenden,
um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob
dieser es bemerkte; denn pltzlich rief er sie bei Namen und richtete
eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wute die Antwort und ffnete
schon den Mund, um zu sprechen. -- Da stockte sie pltzlich und kehrte
sich um nach dem Mdchen, das hinter ihr sa.

Nun, Regine, mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht
zu, aber das war wie verwandelt, von Rte ganz bergossen. Sie machte
doch noch einen Versuch zu antworten, aber Trnen erstickten ihre
Stimme. In groer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und
schwieg.

Hinter ihr flsterten und kicherten die Mdchen, bis der Pfarrer dicht
an die Bank herantrat und fragte, was es gbe. Regine antwortete nicht;
aber die neben ihr Sitzende sprach: Ich hrte Emilie Forbes sagen:
Regine Lenz mu ja wissen, was unehrlich heit.

Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: Nun ja, es ist
gestern in der Zeitung gestanden, da ihre Mutter wegen Diebstahls zu
vier Monaten Gefngnis verurteilt wurde.

Still! rief der Pfarrer so laut und streng, da all seine Schlerinnen
an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die
sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Hnden bedeckte, da sie aller
Augen auf sich gerichtet fhlte, als ob sie selbst die Diebin wre. Aber
nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete
er verweisende Worte: Ob deine Anschuldigung wahr ist, wei ich nicht,
sagte er; aber das wei ich, da es lieblos und ganz unverzeihlich von
dir ist, solche Worte zu sagen. Fhlst du nicht, da du Regine damit
wehe tust? Und kann sie etwas dafr, wenn ihre Mutter ein Unrecht
begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch
und dabei nicht so herzlos wie du!

Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den
unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, da ihn
das Vorgefallene noch bewegte. Er fhlte, da in dieser Stunde seine
kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder
vergessen wrde, ja, was ihr auch schaden mute. Man hatte ihre Ehre
angetastet; das htte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben
Stunde.

Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich whrend
des Unterrichts.

Dieser ging zu Ende; die Bcher waren geschlossen, ein Liedervers sollte
noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen.
Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, da er noch etwas sprechen wrde
ber das Vorgefallene.

Regine Lenz, rief er nun, komm zu mir.

Gesenkten Hauptes folgte das Mdchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um
sich sah, sprte sie doch, da alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der
Pfarrer nherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, da
alle Kinder ihn hren muten, sprach er: Sieh, weil ich wei, da du
ehrlich bist, und damit alle deine Mitschlerinnen sehen, da ich dir
ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbrse; die
sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel
Geld darin, aber wieviel, wei ich nicht; ich zhle es auch nicht, weil
du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus,
wir andern wollen noch singen.

Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebude und trat durch
das weite Tor hinaus in die belebte Strae. Krampfhaft fest hielt sie
die Brse in der Tasche ihres Kleides, und whrend sie ihres Weges ging,
wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: Weil ich
wei, da du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Zweimal
hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehrt und wuten nun, da
sie ehrlich war. Und sie wute es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher
hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander
nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und
jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht
besser gednkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle
Brse in der Tasche; ungezhltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne
Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natrlich
nicht; der Pfarrer hatte ja erklrt, sie sei ehrlich, und wenn sie es
vorher vielleicht nicht war, -- in dieser Stunde hatte das Vertrauen des
Pfarrers sie dazu gemacht.

Immer die Hand fest in der Tasche und die Brse darin haltend, ging
Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie pltzlich aus ihren Gedanken
geschreckt wurde durch den Ruf: Na, wohin lufst denn du und siehst
einen nicht, wenn man dicht neben dir ist? Sie blickte auf. Ihr Bruder
Thomas schlenderte die Strae herab. Er kam aus der Druckerei, in der er
fr eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete.
Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf grer als Regine, ein
aufgeweckter Bursche.

Wo gehst du hin, fragte er noch einmal, und was hltst du in der
Tasche? Regine erschrak, denn im Augenblick wute sie: gegen den Bruder
konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Strkere, immer der
Klgere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch
schon bemerkt, da sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie htte diesen
so gerne vor ihm verborgen!

Er sah ihre Verlegenheit und lachte: Mach lieber keine Umstnde, rief
er, es hilft dir doch nichts. Treibst du's auch schon wie die Mutter?
Was versteckst du in der Tasche? -- Da blickte sie auf zu ihm und sagte
leise: Ich will dir's erzhlen, Thomas, aber es darf es niemand hren;
komm, wir gehen weiter. Und nun erzhlte sie mit gedmpfter Stimme:
Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heit sie, dem
Pfarrer erzhlt, da die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier
vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die
Mutter gesagt, blo gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich
vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, da ich ehrlich sei und
da er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle shen, gbe er mir
seine volle Geldbrse, ungezhlt, die solle ich seiner Frau bringen. Und
dann habe ich vor dem Singen gehen drfen, und jetzt mu ich die Brse
ins Pfarrhaus bringen.

Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich
vor. Es wird nichts als Kupfergeld in der Brse sein, sagte er, oder
sie hat einen Verschlu, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach
keine Umstnde!

Regine gehorchte; sie wute gar nicht anders, als da sie tun mute, was
die Groen wollten. So zog sie die Brse aus der Tasche und sah mit
Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, ffnete und mit
den Fingern hineinfuhr. Zunchst war nur Kleingeld zu sehen, aber die
Brse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern
mehrere Goldstcke entgegen. Respekt! rief der Bruder bei diesem
Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt
folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. Und du nimmst nichts heraus?
fragte er sie. Sie schttelte nur den Kopf. Da betrachtete er
nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.

Respekt! wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf
nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flte dem groen
Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schlo er
sorgfltig wieder die Brse und gab sie der Schwester zurck. Diese,
erlst von einer groen Angst, sah voll Glck und Dank zu dem Bruder
auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr
klangen: Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.

Ein paar Vorbergehende hrten diese feierlich gesprochenen Worte und
sahen dem Paar erstaunt lchelnd nach. Aber Regine sah und hrte nichts
von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von
mancherlei neuen Empfindungen bewegt. Begleite mich noch bis zum
Pfarrhaus, sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der
Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: Jetzt
kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;
wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer
zusammen, gelt, Thomas?

Der Bruder sah verwundert auf sein schmchtiges Schwesterlein. Wir
zwei, sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wre. Eigentlich war es
zum Lachen, da die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den
krftigen jungen Mann. Aber er fhlte, hier war doch auch eine Kraft,
wenn auch keine krperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in
dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste
wachrief.

Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. So, sagte Thomas, mach deine
Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer
selbst.

Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmdchen, das es im
Zimmer meldete, fgte hinzu: Es wird ein Bettelmdchen sein. Daher war
auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, da dieses Kind
ihr die volle Brse ihres Mannes berreichte. Sie fragte wohl, woher und
wieso, allein die Sache blieb ihr doch rtselhaft; denn Regine war
verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlpfte baldmglichst
wieder zur Tre hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklren, was es
fr eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. Vielleicht hat aber das
Mdchen doch etwas genommen, meinte seine Frau.

Ich glaube es nicht, entgegnete der Pfarrer bestimmt, und wenn auch,
-- durfte ich nicht ein Goldstck daran wagen, um einem jungen
Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?

In der nchsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um
die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in
Versuchung gefhrt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe
und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten
Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverstndnis zu. Nicht
ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt
hinter den Mitschlerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob
sie gewachsen wre, die Kleine.

Daheim hatte sie nichts erzhlt von dem Erlebten; aber am nchsten
Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu
Mittag gegessen hatten, redete Thomas pltzlich seine Schwester Marie
an: Wenn die Mutter nicht da ist, dann mut _du_ eben sorgen, da die
Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.

Marie sah ihn erstaunt an und lachte. Seit wann sorgst du fr Regine?

Sie mu doch haben, was sich gehrt, entgegnete der Bruder rgerlich.

Wenn der Vater Geld hergibt, sagte Marie, dann schon; aber ich kann
nicht alles hergeben fr die Kleine. Sie knnte auch selbst manchmal
etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich lngst nicht mehr so dumm!

Dafr ist sie ehrlich, sagte Thomas.

Wer ist ehrlich? fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr
zugehrt; aber das htte er doch gerne gewut, wer in seiner Familie
ehrlich sei.

Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und
sie hat seine Brse voll Gold und Silber, ungezhlt, ins Pfarrhaus
tragen mssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch
nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie htte mir
einen abgebissen; ist's nicht wahr, du? Die beiden Verbndeten sahen
sich vergngt an, worber Marie groe Augen machte, denn sie konnte die
Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine.
Ehrlich ist sie? wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile:
Ein anstndiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran
darf's nicht fehlen.

Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter
das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem
Gefngnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll
Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am
meisten die Mutter. Wenn die Groen morgens alle das Haus verlieen,
legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer
mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf
der Strae herum; sehnschtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich
wieder die Strae herunterkme, in der sie vor seinen Augen verschwunden
war. Sie trsteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus
der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie frher die Mutter. Nur noch
vier Wochen mute sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.

Nein, nicht lang, und doch zu lang fr das mutterlose Kind. Einmal fand
Regine es ganz durchkltet, die Schuhe und Strmpfe vollstndig
durchnt, die Fe eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem
es herumgestiegen war. Weinend sa der Kleine auf der steinernen
Hausstaffel und zitterte am ganzen Krper. Nun wurde er freilich zu
Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm.
Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen
Bruder; aber die Frsorge kam doch zu spt, und ehe sie nur recht gewut
hatten, da das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer
Lungenentzndung erlegen.

In groer Bestrzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_
Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie
wrde sie die Nachricht ertragen! Was mute das einst fr ein Heimkommen
sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fnde! Und welche Vorwrfe
wrde sie ihnen machen! Htte man das Kind nicht unter Tags in Kost
geben knnen, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese
Gedanken kamen zu spt.

Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand
sich entschlieen knnen, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben.
Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben
war ihm ungewohnt.

Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben,
oder war sie krank geworden vor Kummer? Zrnte sie ihnen, da sie das
Kind nicht besser behtet hatten? Sie hrten nichts von ihr.

Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem
Anla Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches ber sie
bekannt geworden, was ihn fr seine Konfirmandin besorgt machte. Er
hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr,
aber es mute gepflegt werden. So htte er dies Mdchen gern in andere
Verhltnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der
Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau
darber; aber wo sollte man ein so kleines Mdchen unterbringen, von dem
man nicht einmal rhmen konnte: es ist aus gutem Haus!

Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem
Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort
wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte,
eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, da sie
fr Regine ein gutes Pltzchen gefunden hatte. Es ist bei meiner
Schwester, erzhlte sie ihr, bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie
hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues
Dienstmdchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird.
Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst
ein solcher werden, und das mchtest du doch gewi? Regine bejahte aus
aufrichtigem Herzen.

Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen, fuhr die Pfarrfrau fort,
fnf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewhrst,
erhltst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft
und bei der guten Kost gro und stark geworden sein. Nun geh nur heim
und erzhle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester
bittest du, da sie dir die ntige Wsche und Kleider richtet. Gleich
nach der Konfirmation mtest du abreisen, denn meine Schwester mchte
am liebsten schon heute eine Hilfe.

Regine eilte, ganz erfllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fhlte
sich so stolz und glcklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd
bewhrt htte. Wie wrden sie sich daheim alle wundern ber das
Vertrauen, Respekt! wrde Thomas wieder sagen. Und sie trumte sich
hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.

Zu Hause saen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte
noch. Sie wollte mit ihrer Erzhlung warten, bis er kme; aber als es
eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurckhalten, was ihr
ganzes Herz erfllte. Die Frau Pfarrer wei mir ein gutes Pltzchen,
begann sie und wiederholte alles, was sie darber gehrt hatte. Und nun
erlebte sie eine schmerzliche Enttuschung. Mit Hohn und Geringschtzung
wurde von diesem Pltzchen gesprochen und dieses so heruntergemacht,
da nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und
Scham ihr eben Trnen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim
Anblick dieses ihres Verbndeten fate Regine wieder Mut. Ehe sie aber
ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: Du, als
Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fnf Mark Monatslohn
bekommt sie; was sagst du dazu? Und sie lachte laut.

Unsinn, entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu
wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern
sprachen auch nichts mehr darber. Regine verstand sie alle nicht. Warum
wollten sie ihr denn das schne Pltzchen nicht gnnen? Sie brachte kein
Wort mehr heraus whrend des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr
zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, whrend
ihr die Trnen aus den Augen strzten: Was soll ich denn dann der Frau
Pfarrer sagen?

Da sah Thomas die kleine Schwester berrascht an; er merkte erst jetzt,
da es sich fr sie um eine Lebensfrage handelte. Was ist's eigentlich,
was will sie denn? fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und
Herreden. Verdingen will sie sich, rief Marie, statt da sie in die
Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.

So viel mehr ist's zwar auch nicht, entgegnete jetzt der Vater, du
rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie
alles frei, Kost und Wsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr;
und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die
ich kenne.

Marie lachte. So soll sie gehen; aber die Mutter tt's nicht leiden,
wenn sie da wre.

Ja, das ist's, sagte der Vater, sie will immer hoch hinaus mit ihren
Tchtern.

Ja, die Mutter, das ist wahr, meinte auch Thomas, wenn sie heimkommt
-- das eine Kind ist tot, das andere fort; -- Regine, sei gescheit, hre
auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die
Mutter fort sei; er wei ja schon davon und wird's verstehen.

Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem
Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und
vorbei mit ihrem schnen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur
Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte
ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu
lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen,
gro und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift
geschrieben einige Worte. Unwillkrlich sagte sie laut: Wie kommt denn
das in mein Buch? Thomas blickte von seiner Zeitung auf. Was steht
denn darauf?

Nur ein Sprichwort; ich wei nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.
Gleichgltig schob sie es beiseite.

Zeig doch her, was ist's fr ein Sprichwort? rief Thomas, griff nach
dem Blatt und las laut: Der Apfel fllt nicht weit vom Stamm! Er
behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; whrend Regine wieder
in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger
Zeit ihr Bruder rief: Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewi
wieder die Emilie Forbes! Weit du nicht, was das heien soll: Der
Apfel fllt nicht weit vom Stamm? Und als Regine ihn immer noch
verstndnislos ansah, sagte er: Das heit, da du auch nicht ehrlich
bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?

Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; ber und ber errtete
sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Hliches, Feindseliges. Aber
das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes, sagte sie nach einiger
Zeit. -- Dann hat es jemand anders fr sie geschrieben; sie will
natrlich nicht, da euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm
das Blatt zeigst.

Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon
gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan htte! Sie
sttzte den Kopf in die Hnde und weinte. Es war auch heute alles so
traurig; das gute Pltzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch
das dazu!

Der Bruder war erzrnt ber Reginens Mitschlerin. Ich schreibe dir
auch einen Zettel, sagte er, den legst du in ihr Buch, und an dem soll
sie auch keine Freude haben! Nicht umsonst half er tglich als Setzer
eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort
kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte
nichts davon wissen, Thomas wurde rgerlich. So etwas lt man sich
doch nicht gefallen! sagte er, was hilft dein Weinen? Wehren mu man
sich! -- Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: Es wird eben wahr
sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich,
weil's die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so mu
doch auch das mit uns wahr sein!

Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem
Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er trstend zur Schwester:
Nein, nein, es ist nicht wahr. Die pfel bleiben freilich liegen, wo
sie hinfallen; aber wir Menschen knnen aufstehen, und gehen, wohin wir
wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei,
gelt, du? Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder,
der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rckte nher zu ihm heran
und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blttchen Papier beschrieb. So,
sagte er, das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist
jetzt ganz zahm, und wenn es zufllig dein Pfarrer zu lesen bekme, so
htte er selbst nichts dagegen. -- Regine las: Ein Apfel bin ich nicht,
der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom
Platz bewegen.

Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. Das Blatt kannst du ihr
frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, da du dich nicht vor ihr
frchtest. Pa auf, dann lt sie ihre bsen Reden knftig bleiben.

Als nach der nchsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bcher
zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt
Papier entgegen und sagte: Das gehrt in dein Buch. Betroffen sah das
Mdchen auf die Worte, die da standen, und errtete beschmt. Aber sie
geriet in noch grere Aufregung, als sie bemerkte, da Regine vor allen
andern Mdchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verlie; gewi in der
Absicht, mit ihm reden zu knnen. Darin hatte sie auch recht, nur da
Regine nicht ber das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan
hatte; nein, sie mute dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schnen
Pltzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zgernd brachte sie die
ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, da der
Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. Schade, schade! sagte
er, es wre so gut fr dich gewesen. Gerne htte er in dem Herzen des
Mdchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige
Grund der Ablehnung war. Spter, wenn deine Mutter zurck ist, drftest
du dann die Stelle annehmen? fragte er. Regine wute nichts darauf zu
antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen
wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie
gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.

Zunchst ist da nichts zu machen, sprach jetzt der Pfarrer,
vielleicht spter, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges
Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht
mehr findet. Du mut sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan
hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es,
Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so
denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum
Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die
hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben,
aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!

Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine sa am
Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester
waren da- und dorthin gegangen. Wenn du konfirmiert bist, nehme ich
dich auch einmal mit dahin, wo's lustig zugeht, hatte Marie
versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie frher,
sondern bla und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine
war allein.

Alle ihre Gedanken beschftigten sich mit dem nchsten Sonntag. Gestern
Abend hatte die Nherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu
aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem
Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hrte
gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wute,
da am nchsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken,
da die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen wrde, wie der Vater
das immer nannte; whrend andere Mtter in die Kirche kamen, um zu
sehen, wie ihre Kinder eingesegnet wrden. Das zu denken, tat ihr weh.
Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie
sollte ja die Mutter lieb haben.

So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und
schrieb der Mutter einen langen Brief; erzhlte ihr von der Konfirmation
und kam auch auf das verstorbene Brderchen zu sprechen, wie es immer
nach der Mutter verlangt habe, und unter Trnen beschrieb sie die
Krankheit und den Tod des Kindes. Am nchsten Morgen bat sie den Bruder,
da er den Brief berschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn
die Mutter nicht krank sei, wrde sie ihn ganz gewi beantworten. Darauf
hoffte nun Regine, und dachte es sich schn aus, da sie zur
Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde.

Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam
kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem
Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfllt von der Feier. Sie
mute auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag
Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und
Marie entschuldigte sich damit, da sie heute etwas Gutes kochen wolle.
Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen
Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer
zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: ich soll die Mutter lieben
und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte wir und zog ihren
Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.

Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die
Empore und sah von oben, wie unter dem Gelute der Glocken die
Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bnken
vor dem geschmckten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen
Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen
das Herz.

Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten
Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmchtiges Mgdlein, noch ein
ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen
mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr
doch auch der Pfarrer versprochen, da er an sie denken wollte. Sie
erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet
hatte, mit frhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des
Lebens aufzunehmen.

Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden,
war mrrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken
hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der
Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille
verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen.
Pltzlich ging die Tre leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine
blasse Frau mit abgehrmten Zgen und sah mit groen, traurigen Augen
auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: Die
Mutter! Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen,
so blieb die Gestalt wie gebannt an der Tre stehen und rhrte sich
nicht. Einen Augenblick whrte die Bestrzung, dann erhob sich der Mann
und ging auf seine Frau zu. Wie kommst du heute hierher? fragte er.
Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen. -- Nein, nein, sagte die
Frau und trat nun nher an den Tisch heran; ich habe meinen
Entlaschein, ich bin frei. Die Hlfte der Zeit ist mir erlassen worden
wegen guter Fhrung, auch wegen meiner Krnklichkeit und aus Rcksicht
auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.

Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch
immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich
schluchzend ber das Bettchen und rief in lautem Jammer: Mein Hansel,
mein gutes, gutes Kind!

Sie standen alle erschttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer
gegenber, und jeden Augenblick erwarteten sie, da die Mutter sich mit
Vorwrfen an sie wenden wrde. Aber sie schien nicht an sie zu denken.
O Kind! rief sie, ich bin schuld, da du gestorben bist. Deine Mutter
hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Htte ich nur
bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen knnen! Allen, die da
standen, kamen die Trnen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehrmt
aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie.

Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rhrung zu verbergen.
La jetzt das Jammern, sagte er barsch. Setz dich her und i etwas,
du siehst ja aus, da es Gott erbarmt! Da erhob sich die Frau, setzte
sich an den Tisch und a ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie
rckte ihr die Schssel nher. Du siehst so abgemagert aus, Mutter;
warst du krank oder hast du Hunger leiden mssen?

Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei
gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt, sagte sie. Schlaf
habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten
gewhnt; die gibt's dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war
ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat
man's besser, und die Wrterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und
mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen.
Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne
Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, da
das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden
knnen; immer mute ich darber nachgrbeln, da ich's htte verhten
knnen. An diese Nchte werde ich denken mein Leben lang.

Sie waren alle ergriffen und hrten noch manches von der Mutter; denn
sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und
hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand
Regine auf. Ich mu in die Kirche, sagte sie. Da schien die Mutter
erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte
sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen
Kleiderrock vor ihr stand und ihr verndert vorkam. Da das alles so
geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwrdig; und als
nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie
sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter
ganz allein zu Hause; wute nicht recht, wozu sie da war und warum sie
sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald sa sie
wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr
zugejubelt htte.

So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurckkehrte.
Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter
fhlte das. Komm, setze dich her und erzhle mir was von dir, sagte
sie, und dann fuhr sie selbst fort: Deinen Brief habe ich noch in der
Krankenstube bekommen und habe ihn die Wrterin lesen lassen, denn sie
ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen,
wie sie deinen Brief gelesen hat. 'Das Kind ist noch unverdorben,' hat
sie gemeint, 'die drfen Sie nicht mit der groen in die Fabrik
schicken. Ich wrde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.'
Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. Warum
schaust du so? fragte die Mutter. -- Weil unser Herr Pfarrer auch so
meint, entgegnete Regine und schilderte mit aller Wrme die Stelle, die
ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.

O, rief die Mutter, da httet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich
nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu
hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug
wird das auch die Marie erleben. Ich will nicht hoch hinaus, Mutter,
aber du willst ja nicht, da wir in Dienst gehen. -- Ich habe es
freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nchte durchgemacht hat wie
ich, dann denkt man ber manches anders als vorher. Ich rate dir: danke
deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!

Regine sah die Mutter freudig berrascht an. Mutter, wenn du so sagst,
dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute
Pltzchen noch zu haben ist. Die Mutter wunderte sich ber ihre Kleine;
die hatte sich verndert. Geh nur gleich, sagte sie, und eiligen
Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder sa die Mutter
allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem
verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mdchen, das voll Eifer
ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie
hatte sich in der einsamen Zelle angewhnt, ihre Gedanken laut werden zu
lassen: Sie ist ganz anders als wir; es mu etwas Gutes in sie hinein
gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der
wenigstens kann man einmal Freude erleben.

Inzwischen kam auch Thomas heim und hrte staunend von dem raschen
Entschlu. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie
sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. Ich bekomme mein gutes
Pltzchen, rief das Mdchen in hellem Glck. Aber nchste Woche soll
ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie
hilft nicht gerne dazu. Wir machen's schon ohne sie, meinte die
Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen
wollte. Gut, da du wieder da bist, Mutter! sagte Regine. Da verlor
das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher
gehabt hatte. Gut, da du wieder da bist, die Worte taten ihr wohl;
zeigten sie ihr doch, da sich jemand ber ihre Rckkehr freute.

So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie? sagte Thomas nachdenklich
zu der Schwester. Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei
bleiben und fr eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird ber
alles, was geistlich ist; du mtest dich ja schmen, wenn es bekannt
wrde. -- Was fngst du dann aber an, Thomas? fragte die Schwester
betroffen.

Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, da ich bei einer
anstndigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen
selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weit du, ich bin
nur so zufllig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so
ein Apfel vom Baum in den Graben fllt; aber ich will nicht liegen
bleiben, verstehst du?

Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu
ihm die Worte: Ich vertraue dir ganz und gar.

Und wir vertrauen allen beiden und knnen sie nun getrost verlassen; sie
meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird
Segen von ihnen ber ihre ganze Familie kommen.




Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen:


=Die Familie Pfffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten.
31.-40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.--.


=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der groen Pffflingskinder. 350
Seiten. 16.-23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.--.

     Der Glanzpunkt Sapperscher Erzhlungskunst ist die Geschichte der
     _Familie Pfffling_ in zwei Bnden. Der erste Band mit der
     Jugendgeschichte der Pffflingskinder ist eine Perle erzhlender
     Literatur, und fr Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine
     groen ueren Verhltnisse werden da vorgefhrt, alles geschieht
     nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch --
     wie packt es, wie lt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite
     die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im
     Miterleben ins eigene Herz! -- Dem Verlangen nach einem Mehr, das
     auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen mu, hat
     Agnes Sapper im zweiten Band: _Werden und Wachsen_ entsprochen.
     Es ist ein nachdenkliches Buch, fr die reifere Jugend geschrieben
     und, wie der erste Band, auch fr Eltern und Erzieher wichtig.
                                                      Jenaer Volksblatt.


=Das erste Schuljahr.= Eine Erzhlung fr Kinder von 7-12 Jahren. Vierte
Aufl. Gebunden Mk. 1.20.


=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Fr Mdchen von 12-16 Jahren. 3.
Aufl. Geb. M. 3.--.

     Jede Mutter, die dies Buch prft, wird sagen, da dies eine der
     gesndesten, frischesten Jung-Mdchengeschichten ist, die wir
     haben.


Beide Teile in _einem_ Band gebunden:

=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In
Leinwand Mk. 4.--.


=Lieschens Streiche= und andere Erzhlungen. Mit Bildern von Gertrud
Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60.

     Das sind frhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes
     ureigenem Quell schpfen und darum allen Kindern gefallen werden.


=Kriegsbchlein.= 120 Seiten. 11.-20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.--.

     Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten
     Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von
     hchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und
     West lt unsere Kinder hineinblicken in das groe Geschehen der
     Gegenwart, es lt sie mitkmpfen, mitleiden, mithoffen. Manch
     feines pdagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch
     eindringlich darauf hin, da das deutsche Volk nur dann siegen und
     an die Spitze der Vlker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz
     und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl
     prchtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von
     unserem Hindenburg, bildet den Beschlu. Allen Eltern wird dies
     Kriegsbchlein hchst willkommen sein....
                                                     Erlanger Tageblatt.


=Im Thringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und
Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Bchlein in
steifer Decke M. 2.--.

     Diese rhrende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird
     in der schnen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen
     hbschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten.


=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.--.

     Ein verstndiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das
     dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom
     Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der
     Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das
     Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden
     Persnlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloes Werdenlassen kennt,
     sondern dem Kinde durch Erziehung zu mglichster Vollendung seiner
     individuellen Persnlichkeit helfen will.
                                                               Die Frau.

     ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft
     durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzhlungen
     schimmern lie, trgt sie in ihrem neuesten Buche als praktische
     Pdagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, da es keine Theorie,
     da es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis
     zur letzten Zeile.
                                                      Deutscher Courier.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt.
Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 013: Der zog sein Mtzchen ab und sagte. -> sagte:
p 040: [Anfhrungszeichen] Euch ... fleiiger. -> 'Euch ... fleiiger.'
p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
p 195: [Anfhrungszeichen] wute nicht genau, sagte sie -> genau, sagte
p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
p 219: [Anfhrungszeichen] Uhr ist's vorbei. Ich -> vorbei. Ich
p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
p 292: [Anfhrungszeichen] und sagte leise: Patin? -> Patin?

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurde prinzipiell beibehalten.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the fourth
edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p 013: Der zog sein Mtzchen ab und sagte. -> sagte:
p 040: [inner quotes] Euch ... fleiiger. -> 'Euch ... fleiiger.'
p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
p 195: [added quote] wute nicht genau, sagte sie -> genau, sagte
p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
p 219: [removed quote] Uhr ist's vorbei. Ich -> vorbei. Ich
p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
p 292: [added quote] und sagte leise: Patin? -> Patin?

The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
been maintained.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***

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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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