The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Zweiter Band. by Friedrich
Gerstcker



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Title: Nach Amerika! Zweiter Band.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: March 30, 2007 [Ebook #20944]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ZWEITER BAND.***





                              Nach Amerika!
                              Ein Volksbuch

                              Zweiter Band
                                   von
                          Friedrich Gerstcker.
Illustrirt von Carl Reinhardt.
Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung

1855






                        INHALT DES ERSTEN BANDES.


Die Seestadt.
Der Weserkahn.
Das Schiff.
In See.
Die Passagiere.
Leben an Bord.
Leben an Bord.
Die Entdeckung.
Land.





                                Capitel 1.


                              DIE SEESTADT.


Am 29. August Abends zehn Uhr rasselten zwei Droschken durch die engen,
noch ziemlich belebten Straen Bremens, und hielten, dicht hintereinander,
vor dem offenen Thorweg des Hannoverschen Hauses aus dem ein paar
geschftige Kellner sprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen.

Um wie viel Uhr fhrt morgen frh die Haidschnucke ab? frug ein
ltlicher Herr, der in einen weiten Mantel gewickelt hastig aus dem ersten
Wagen stieg, inde aus dem anderen ein paar Damenhte schauten, als ob sie
noch unschlssig wren hier auszusteigen oder weiter zu fahren.

Haidschnucke? sagte der Oberkellner etwas verblfft den Fremden und dann
den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anschauend -- Haidschnucke?

Weet ick nich erwiederte dieser, kurz angebunden, und fing an, ohne
weiter zu fragen die verschiedenen, vorn auf dem Bock aufgehuften Koffer
und Hutschachteln von diesem herunter zu ziehen.

Das Schiff Haidschnucke, Capitain Siebelt, nach New-Orleans bestimmt,
erklrte der Fremde -- ein alter Bekannter von uns, Professor Lobenstein --
dem Kellner inde; der Abgang war auf morgen frh bestimmt, und ich
wollte schon gestern hier sein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden.

Ach Sie meinen ein Seeschiff, sagte der Kellner beruhigend, da brauchen
Sie keine Angst zu haben; die gehen selten so pnktlich -- befehlen Sie
zwei oder drei Zimmer?

Ja selten so pnktlich, wiederholte der Professor ungeduldig -- darauf
kann ich mich nicht einlassen -- He! -- Sie da -- wo laufen Sie denn mit den
Sachen hin? lassen Sie mir das erst Alles einmal auf der Hausflur stehn,
bis Sie weiteren Bescheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der
Haidschnucke?

Der Rheder der Haidschnucke? wandte sich der Oberkellner wieder fragend
an den Hausknecht -- wer hat denn die Haidschnucke eigentlich?

Weet ick nich sagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden.

Ferdinand Hessburg kam ihm der Professor hierbei zu Hlfe, die Firma
heit, glaub' ich, Hessburg und Sohn.

Ach ich wei schon erwiederte der zweite Kellner jetzt -- das Geschft
ist in der Seemannsstrae, aber Hessburgs wohnen am Wall.

Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet? frug der Professor.

Es ist zehn Uhr vorbei sagte der zweite Kellner, achselzuckend.

Ich _mu_ Jemanden aus dem Geschft noch diesen Abend sprechen beharrte
aber der Professor in der einmal gefaten Furcht, da er die Abfahrt des
Schiffs versume, knnen Sie nur Jemand von hier mitgeben, so mgen meine
Damen so lange in das Gastzimmer gehn und sich ein wenig restauriren. Ist
es dann nthig, so nehmen wir nachher Extrapost und fahren nach Bremer
Hafen hinaus.

Die Damen waren inde ausgestiegen, und die verschiedenen Collis in dem
Gastzimmer, an dessen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem
Ofen aufgethrmt worden zu augenblicklicher Weiterbefrderung, falls diese
nthig werden sollte, bereit zu sein. Der Professor Lobenstein aber ging
raschen Schrittes, mit dem einsylbigen Hausknecht als Fhrer, die Straen
entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht
hie, vor einem sehr eleganten Hause Halt machte und dort auch, ohne
weiter ein Wort zu sagen, mit solcher Gewalt an dem Messinggriff der
Klingel ri, da das ganze Haus von dem so pltzlich geweckten Gelute
wiederschallte.

Aber um Gottes Willen rief der etwas rcksichtsvolle Fremde erschreckt.

Dat sollen se woll 'hrt hebben meinte aber Jahn ruhig und schob seine
Hnde, wie vollstndig mit sich zufrieden in die Taschen, whrend drinnen
im Haus ngstlich bestrzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder
liefen. Oben in der ersten Etage ffnete sich aber auch gleich darauf ein
Fenster, und eine ziemlich rgerliche Bastimme frug herunter wer da wre,
und wo es brenne?

Ich bitte tausendmal um Entschuldigung sagte aber der Professor,
unwillkrlich in der Dunkelheit seinen Hut abnehmend, mein Fhrer hier
hat so entsetzlich an der Klingel gerissen.

Zu wem wollen Sie? frug der Ba oben, die Entschuldigung unten kurz
abschneidend -- hier wohnt kein Doktor.

Habe ich das Vergngen mit Herrn Hessburg zu sprechen? frug aber der
Professor zurck.

Mein Name ist Hessburg, sagte der Ba.

Dann sind Sie wohl so freundlich mir zu sagen, um welche Tageszeit die
Haidschnucke morgen segelt sagte der Professor, froh endlich an den
rechten Mann gekommen zu sein, und ob ich noch zur rechten Zeit komme,
wenn ich jetzt Extrapost nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre
-- ich habe mich um einen Tag versptigt und mchte das Schiff nicht
versumen.

Extrapost nehmen? frug die Stimme oben erstaunt; morgen frh um sechs
und Mittags um elf geht ja ein Dampfboot nach Bremerhafen, warum wollen
Sie denn nicht mit dem fahren?

Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?

Die Stimme oben murmelte etwas, das der Professor unten nicht verstehen
konnte -- sind Sie ein Passagier der Haidschnucke? sagte es dann wieder
lauter.

Aufzuwarten -- Professor Lobenstein aus Heilingen.

Ah -- bitte um Entschuldigung Herr Professor, da ich Sie habe so lange da
unten stehen lassen. Marie machen Sie einmal unten die Thre auf.

Bitte, bitte rief aber der Professor -- ich will Sie keineswegs mitten
in der Nacht belstigen -- also komme ich noch frh genug wenn ich morgen
um sechs Uhr mit dem ersten Boot abfahre?

Die Haidschnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn -- der Wind ist noch
nicht ganz gnstig sagte der Ba oben -- wenn Sie um 11 Uhr fahren haben
Sie vollkommen Zeit -- das Schiff liegt vor Brake und wird morgen frh noch
einige versptete Fracht an Bord nehmen.

Vor Brake? wiederholte der Professor, mit der Geographie der Weser noch
nicht so weit bekannt.

Der Hafen diesseit Bremerhafen sagte der Ba -- die Leute auf dem
Dampfboot kennen den Ort und das Schiff --

Ich bin Ihnen sehr verbunden --

Bitte Herr Professor -- Sie werden entschuldigen --

Bitte sehr -- ich habe um Entschuldigung zu bitten --, Sie in so spter
Nachtzeit noch gestrt und belstigt zu haben.

Oh -- war mir sehr angenehm Ihre werthe Be -- das brige verschwamm in
einem dumpfen, unverstndlichen Murmeln, unter dem sich das Fenster oben
langsam wieder schlo, und der Professor bedeutete seinen Fhrer, ihn so
rasch als mglich, zu dem Hotel zurckzubringen.

Lobensteins hatten dort indessen, so gut das in dem ziemlich besetzten
Speisesaal eben gehen wollte, einen der Ecktische in Besitz und Platz
daran genommen, und sich Thee und Butterbrod geben lassen, auf eine
mgliche Nachtfahrt mit Extrapost wenigstens in etwas vorbereitet zu sein.
Die beiden jngsten Kinder, Carl und Gretchen muten dabei im Schlaf in
die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu
sich nehmen, und legten sich dann mit den Kpfchen, Carl auf den Tisch und
Gretchen in Mutters Schoo -- weiter zu schlafen.

Der Aufenthalt in dem groen, heien Saale, mit den vielen Menschen, dem
lauten Reden und Lachen und dem fast undurchdringlichen Tabacksqualm, die
ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbestimmten Gefhl das Schiff, mit dem
ihre smmtlichen Sachen befrdert worden, am Ende gar schon versumt zu
haben, auch das bernchtige einer spten Fahrt, auf der mit bleierner,
peinlicher Schwere der kaum berstandene Abschied aus der Heimath lag, das
Alles vereinigte sich sie niederzudrcken und ernst und traurig zu
stimmen, und das einfache Abendbrod wurde still und schweigend verzehrt.
Jedes war mit seinen eigenen Gedanken viel zu sehr beschftigt sich dem
Andern mitzutheilen.

Nur Eduard, Professor Lobensteins ltester Sohn, der einzige vielleicht
von der ganzen Familie, der sich wirklich auf die Reise freute und gern
das regelmige, ihm entsetzlich langweilig vorkommende Schulwesen
verlassen hatte, einem anderen, freieren Lebensberuf zu folgen, gab sich
in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend ber so Manches hinwegsetzt, den
fremdartigen Eindrcken selbst mit einigem Behagen hin. Die Rcklehne
seines Stuhles gegen die Wand lehnend, berschaute er die bunten, sich vor
ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeschworenen Theater bewegenden
Gruppen, und lauschte den sich fast smmtlich um Amerika und die Reise
drehenden Gesprchen der ihm nchsten Gste und Fremden, bis sein Blick
endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenber und das
Gesicht ihnen zugewendet, seinen Platz genommen hatte, und sie auf das
aufmerksamste zu betrachten schien.

Der Fremde sa verkehrt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Lehne desselben
und sein Kinn wieder auf diese sttzend, und schien sich in der That von
der brigen Gesellschaft ganz zurckgezogen oder abgewandt zu haben, und
die neuangekommene Familie auf das Genauste zu betrachten.

Es schien brigens, wie er _so_ da sa, ein kleines schmchtiges Mnnchen
von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jahren, mit grauer runder Mtze
und schwarzem vorn fast spitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer
Hose, grauer Weste, grauem Halstuch und grauen Zeugstiefeln, in der linken
Hand, lang zusammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandschuh. Die kleinen
lebhaften Augen funkelten dabei scharf und forschend unter dem spitzen
ziemlich tief niedergezogenen Mtzenschilde vor, und hafteten so lang und
so forschend erst auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den
Tchtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf sich zog und dann, als ob er
fhle da sein Betragen vielleicht auffllig wre, sich weiter mit seinem
Stuhl zurckzog und sich mehr seitwrts setzte. Seine Blicke schweiften
aber dennoch fortwhrend, und wie fast unwillkrlich, nach dem Tische
hinber, an welchem die fremden Damen saen, und hafteten dann
hauptschlich -- Eduard, als er erst einmal aufmerksam wurde, konnte das
deutlich erkennen -- auf seiner Mutter.

Die Frau Professorin war jedoch viel zu sehr mit ihren Kindern und der
Sorge um ihr Gepck beschftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu
bemerken, viel weniger denn zu finden da sie selber von ihm so scharf
beobachtet wurden, bis sie Eduard endlich darauf aufmerksam machte und sie
frug, ob sie den Fremden vielleicht schon frher einmal gesehen habe. So
wie sie aber zu dem hinber sah, stand er, wie verlegen, von seinem Sitze
auf, zog die Mtze vorn womglich noch weiter herunter, steckte dann beide
Hnde hinten in seine Fracktaschen, und verlie, leise vor sich hin
pfeifend, das Zimmer.

Sie, Kellner! rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu interessiren
fing, einem der um sie beschftigten aber ebenfalls ziemlich schlfrig
aussehenden Kellner zu -- kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?

Eben hinausging? sagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thr
werfend -- ich habe nicht darauf geachtet.

Der mit der grauen Mtze und dem grauen Rock.

Ach -- die Nachtigall? sagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes
Lcheln zog ihn den Mund fast von einem Ohre bis zum andern.

Die Nachtigall? wiederholte Eduard etwas verdutzt.

Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem spitzen
Mtzenschilde? lachte der Kellner.

Ja wohl, denselben.

Nun ja, das ist ein sonderbarer Kautz, der schon acht Tage bei uns wohnt.
Er heit Schultze und will mit der Haidschnucke nach Amerika.

Mit der Haidschnucke? -- mit der wollen ja auch wir fort -- rief Eduard
rasch -- also segelt sie noch nicht morgen in aller Frh?

Ich glaube nicht sagte der Kellner, sonst wre die Nachtigall doch
schon lngst nach Bremerhafen hinauf -- auf wann war sie denn angezeigt?

Auf morgen frh -- bestimmt.

Ah da haben Sie noch Zeit genug, ghnte der Kellner -- _unter_ acht
Tagen gehn Sie dann gewi noch nicht in See.

_Acht_ Tage? rief Eduard erschreckt -- das wre eine schne Geschichte
wenn wir hier noch acht Tage im Wirthshaus liegen sollten.

Lieber Gott meinte der Kellner, eine Parthie abgegessener Teller von
einem der Nachbartische aufnehmend und damit fortgehend -- die Auswanderer
liegen hier manchmal vier und sechs Wochen, ehe ihr Schiff segelt.

Das wren traurige Aussichten sagte Anna, die nicht weit von Eduard sa,
und des Kellners Bemerkung gehrt hatte -- da htten wir uns freilich die
letzten Tage in Heilingen nicht so entsetzlich abzuhetzen brauchen.

Was wei der Kellner davon trstete sie aber Eduard; apropos, der
kleine graue Mann, der uns da gerade gegenbersa und Mutter immer so
anstarrte, geht auch mit der Haidschnucke nach New-Orleans?

Um Verzeihung, fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten
Tisch sa, ein, sich im Stuhl etwas zurckbiegend -- habe ich recht gehrt
und gehen Sie wirklich mit der Haidschnucke nach New-Orleans?

Allerdings erwiederte ihm Eduard -- wir haben unsere Passage auf dem
Schiff genommen.

Ah, das ist mir doch ungemein angenehm erwiederte der Fremde sich rasch
vollstndig gegen die Damen herumdrehend; da bin ich so frei mich Ihnen
als knftigen Reisegefhrten gehorsamst vorzustellen.

Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einfhrenden, und
Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes
ber die Abfahrt des Schiffes wisse, er lie sie aber gar nicht zu Worte
kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollstndig zu ihrem Tische
rckend, fort:

Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zusammentreffen das,
ebenfalls, eh? -- wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen
hier in _einem_ Gasthaus, an _einem_ Tisch zusammen und sind, unbewut, im
Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren
des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken.

Der gesprchige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er
seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er
vorher gesessen, herber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas
dabei wieder fllte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank.

Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreiigen, sehr sorgfltig angezogen,
mit einem groen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder
vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein
Haar dabei _ la malconte_, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es
schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschrnkteres
Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene,
kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener
Bacchus auf einem Fa, der einen, wahrscheinlich unchten Diamant als Glas
in die Hhe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehnge bestand aus einer
Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher,
Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei
gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas
zurckgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darber hinziehend,
und die kleinen blauen Augen flogen unruhig umher, whrend er sprach,
inde der Zug um den Mund eine merkwrdig stark ausgeprgte
Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch lie
sich ein gutmthiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht
war entschuldigt, sobald man erfuhr, da es einem Weinreisenden gehrte.

Und knnen Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen? frug
die Frau Professorin endlich, die erste mgliche Pause benutzend; es hie
da es schon morgen frh in See gehen sollte.

Wind und Wetter _permitting_ wie die Englnder sagen lchelte der
Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch
sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben.

Was heit das? sagte die Frau Professorin, etwas verlegen.

Ah, da ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht gnstig ist,
lchelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinber. Uebrigens
wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn setzte er
beruhigend hinzu; ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet -- wir
haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich
versichert da er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen
Anker lichten und seine Segel spannen wrde. Sie wissen wohl, gndige Frau
-- Segel gespannt und den Anker gelichtet, wie wir Seeleute singen.

Also vor morgen _Abend_ nicht? oh das ist mir _sehr_ lieb sagte die Frau
beruhigt; dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich
kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurckkommt. Sie wissen
es doch ganz gewi?

_Parole d'honneur_! sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand
und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. Uebrigens fuhr er
lebhafter fort, wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund,
berall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein
Reisegefhrte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke
genommen hat und erst wahrscheinlich morgen frh um elf Uhr mit dem
zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn -- Herr
Mehlmeier, drfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherber zu
bemhen und -- Sie erlauben mir doch da ich ihnen Herrn Mehlmeier
vorstellen darf?

Wird uns sehr angenehm sein sagte die Frau Professorin etwas verlegen;
es war ihr eben _nicht_ angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so
vielen fremden Menschen hier zu verkehren.

Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den
Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder
gefllten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens
aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem
empfindlichen Theil gestochen htte. Es war eine groe, fast bermig
starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden
gutmthigen Gesicht, sehr breiten Schultern und stattlichem, etwas
bauchigem Krper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten
sich kaum eines Lchelns erwehren, als er den Mund ffnete, und mit einer
ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief:

Was befehlen Sie Herr Steinert?

Ach lieber Herr Mehlmeier, rief aber Herr Steinert -- ich wollte mir vor
allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so glcklich
sind knftige Reisegefhrtinnen von uns zu nennen, nach aller Form
vorzustellen -- Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden -- und -- aber ich
wei wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen --

Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen nahm hier Eduard das
Wort, der sich jetzt besonders fr den dicken Mann mit der feinen Stimme
interessirte.

Professor Lobenstein? rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann
herumfahrend -- Familie des Professor Lobenstein -- _corpo di Bacho!_ da
sind wir ja alte Bekannte -- habe das Vergngen schon frher gehabt mit
Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschftsverbindung zu stehn --
ich machte in Weinen fr das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main
-- und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit.

Wir erwarten ihn jeden Augenblick sagte die Frau Professorin, sich dabei
ungeduldig nach der Thre umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn
Steinert, der mit seiner lauten Stimme schon die Aufmerksamkeit
smmtlicher brigen Gste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drckend zu
werden.

Er ist eben fortgegangen sich ber die genaue Abfahrt des Schiffes
Gewiheit zu holen, ergnzte Eduard.

Ah ja, unser Schiff rief Herr Steinert, sich pltzlich wieder der Sache
erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. Sie
haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber
Mehlmeier?

Ja wohl sagte der dicke Mann mit seiner feinsten Stimmlage, whrend er
dabei stark mit dem Kopf schttelte.

Dann ist also keine Gefahr da wir das Schiff versumen, wenn wir bis
morgen frh hier bleiben? frug die Frau Professorin. Herr Mehlmeier
nickte ihr aber sehr bedenklich zu und sie frug rasch -- Sie glauben
doch?

Bitte um Verzeihung -- Gott bewahre sagte der dicke Mann erschreckt. --
Das Gesprch wurde aber hier durch den Professor selber unterbrochen, der
in diesem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thr zwei Zimmer
fr sich und die Seinen mit den nthigen Betten, bestellte. Der
Oberkellner war ihm darin aber schon zuvorgekommen, und trotzdem da Herr
Steinert jetzt mehre Anlufe nahm ein Gesprch mit Professor Lobenstein
anzuknpfen, und sich ihm als alten Bekannten vorzustellen, hatte dieser
doch zu wenig Zeit sich, auer einigen hflich gewechselten Worten, mit
ihm nher einzulassen. Die Frauen waren mde und erschpft, und das Gepck
mute nach oben geschafft werden, wo der Professor selber seinen Thee
trinken wollte; so jede weitere Unterhaltung auf den nchsten Morgen
verschiebend, empfahlen sich die Neugekommenen, und verschwanden gleich
darauf mit den voranleuchtenden Kellnern in den Gngen der ersten Etage.



In dem Gastzimmer des Hannverschen Hauses begann aber jetzt erst, trotz
der spten Stunde, ein reges geselliges Leben. Viele der Passagiere der
Haidschnucke, wie noch mehrer anderer Schiffe deren Abreise theils auf
morgen, theils auf die nchsten Tage angekndigt worden, hatten sich hier
zusammengefunden und feierten unter Lachen und Singen, mit Bier oder
Champagner, und lustigen frhlichen Plnen fr da drben, den letzten
Tag in der Heimath wie sie's nannten.

_Den letzten Tag in der Heimath_ -- wie leicht, wie lustig sie das
sprachen, und wie laut und frhlich die Glser dazu klirrten, und die
Stimmen einfielen in den donnernden rauschenden Chor ihrer heimischen
Lieder. Den letzten Tag in der Heimath; und fr wie Viele war es der
_letzte_ Tag -- wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue
fremde Leben begrten, und die Erinnerung in Strmen Weins verschwemmten,
sollten die Heimath wirklich wiedersehn, nach der doch alle Fasern ihres
Herzens zurck sich sehnten viele Jahre lang. Der letzte Tag in der
Heimath oh es denkt sich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die
unsere Phantasie sich aufgebaut, gewissermaen schon in Sicht -- in Arms
Bereich. Mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, voll Ungeduld dem
Augenblick entgegensehend wo sie das neue beginnen drfen und knnen, ist
ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus sie mit
keckem frhlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und sie
_feiern_ den Tag und die Stunde, vor deren Nahen sie Jahre lang gebebt --
oh da sie nie den Tag beweinen mten.

Die Frhlichkeit der Auswanderer ist aber in solchen Fllen auch selten
eine ruhige, meist eine wilde, ausgelassene, wie das auch wohl kaum anders
der Fall sein kann; sie _wollen_ nicht zurckdenken an das was hinter
ihnen liegt, und das Nthigste was sie dabei zu thun haben, ist die
Gedanken zu betuben, die ihnen oft dennoch ins Hirn steigen, sie mgen
sie eben haben wollen oder nicht.

Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater
gewesen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stck auffhren
zu sehen, und saen jetzt bei ihrem Abendessen und Wein, und sprachen und
stritten sich ber die Auffhrung, als ob sie nur eben deretwegen allein
nach Bremen gekommen wren. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die
wahrscheinlich gemeinsame Casse mit einander hatten, und jetzt ihre
gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchsahen; die meisten aber
lachten und plauderten mit einander und tranken und sangen noch, heimische
Weine und Lieder bis spt in die Nacht hinein.

Ganz still und geruschlos war indessen ein alter polnischer Jude in
seiner Nationaltracht, dem langen schwarzen schmutzigen seidenen Kastan,
mit einem Knaben von vielleicht zwlf oder dreizehn Jahren hinter sich,
ebenfalls in das Gastzimmer gekommen, und hatte sich an einem der leer
gewordenen Seitentischchen ein Glas Bier geben lassen, von dem er in
langsamen, durstigen Zgen trank. Der Knabe trug ein, in ein
rothbaumwollenes Tuch eingeschlagenes Packet unter dem linken Arme, das er
neben sich auf den Tisch legte und sich dann zurck auf seinen Stuhl
setzte, den Kopf auf die Lehne desselben lehnte, und die Augen ermdet
schlo. Das grelle Licht der Lampen fiel voll auf die bleichen, von
schwarzen vollen Locken umwogten Zge, und der sonst wirklich schne Kopf
des Kindes bekam, auch vielleicht mit in der unnatrlichen
zurckgeworfenen Lage, etwas unheimlich Krankhaftes, ja fast
Leichenartiges.

Komm Philipp sagte der Alte, als sie eine Weile so gesessen hatten, mit
unterdrckter Stimme, indem er den jungen Burschen mit dem Fue anstie --
es werd spt, pack die Harmonika aus und la uns anfange. Die Leut' hoben
hier viel getrunken und sind guter Laune; werd auch 'was fr uns dabei
abfalle.

Der Knabe ffnete die groen schwarzen Augen und sah den Mann ein paar
Secunden starr an, als ob er nicht recht begriffen htte was er sagte.

Na, werd's bald? rief aber dieser, rgerlich aufbrausend, aber doch so
leise da es selbst die an den nchsten Tischen Sitzenden nicht verstehen
konnten -- ist es dem jungen Herrn gefllig, oder soll ich ihn etwa
aufwecken?

Ja ja, Vater! rief der Knabe jetzt, rasch und erschreckt emporfahrend --
wollen wir denn noch singen heute Abend? setzte er aber langsamer und
fast wie ngstlich hinzu.

Wolle wir denn noch singen? wiederholte der Alte spttisch und
rgerlich, Gottes Wunder, glaubt der junge Herr da ich ihn Abends in die
Wirthshuser fhre zu seinem Vergnigen? -- wolle wir denn noch singen?
Abraham und Jacob, was ist das for a Frog.

Der Knabe war brigens schon bei den ersten rgerlichen Worten des Alten
von seinem Stuhle aufgesprungen, und sich die Locken aus der Stirn
streichend, machte er sich eifrig daran, das auf dem Tisch liegende Packet
aufzuknpfen, und den Inhalt auf der Tafel desselben auszubreiten. Hierbei
war ihm der Alte behlflich, und ordnete jetzt selber eine Masse mit
einander leicht verbundener Stcke oder Stbe von weichem Holz, die,
manche strker, manche schwcher, mit einer Unterlage von dnn- aber
festgedrehten Strohseilen auf den Tisch an beiden Enden auf- und in der
Mitte hohlzuliegen kamen.

Hallo was ist das? rief Steinert, der dem Tische zunchst sa und die
wunderlichen Vorbereitungen bemerkte -- eine Holzharmonika, wahrhaftig --
ah, meine Herren, jetzt werden wir etwas zu hren bekommen; die klingt
famos, wenn sie der alte Bursche da nur zu spielen versteht.

Werd' er sie nicht zu spielen verstehn -- spielt sie schon fnfundzwanzig
Jahr schmunzelte der Alte vergngt vor sich hin -- nu Philippche, mei
Jingelche jetzt pa auf, und fall mer ein zur rechten Zeit mit der Flte.
Zugleich die beiden, ihm zur Hand liegenden Klppel ergreifend, fuhr er
mit rascher gebter Hand ber die eigenthmlichen Tasten hin, denen er
dabei einen nicht zu lauten, aber wunderbar harmonischen vollen Ton
entlockte. Wie Glockenspiel klangen die Laute, die entfernteren Rume mit
ihrem Wohlklang fllend, und die Gste, nach allen Richtungen hin horchten
hoch auf, vergaen von was sie gesprochen, und kamen heran, den Tisch
umdrngend, an dem der alte Jude spielte.



So Philippche, nu fang an! nickte er aber jetzt dem Knaben zu, der bis
dahin still und regungslos neben dem Tisch gestanden und sich kaum der
Leute hatte erwehren knnen, die ihn umpreten; dabei fiel er in die
englische Volkshymne _God save our gracious queen_ ein, die der Knabe
jetzt in der zweiten Stimme mit der Kehle, aber so tuschend den vollen
weichen Laut der Flte nachahmend, begleitete, da die Zuhrer wirklich in
den ersten Minuten ganz die Harmonika vergaen und noch nher
hinanwollten, nur um zu sehen ob der junge Bursche nicht wirklich eine
Flte habe auf der er spiele, und das Alles allein aus der eigenen Kehle
herausbringe.



Der alte Mann, den der Zudrang freute, denn er bewies ihm die Theilnahme
der Hrer und lie ihn auf gute Einnahme rechnen, fuhr dabei mit groer
Leichtigkeit und Sicherheit ber die fibrirenden Tasten, und seine ganze,
erst so ruhige in sich gesunkene Gestalt schien mit den Tnen Leben zu
gewinnen, und aus sich herauszugehn. Es war eine kleine schmchtige, aber
zhe und knochige Gestalt, der Mann in dem schwarzen, schmutzigen Kastan;
ber die scharf gebogene Nase zog sich ihm eine tiefe dunkle Falte, und
zwei schwarze Gruben in den hohlliegenden Wangen hoben die
dunkelglhenden, unstet umherblitzenden Augen nur noch mehr hervor, und
verloren sich in dem fuchsigen, sorgfltig gekmmten langen und spitzen
Bart, der nur am Kinn in den schon wei gewordenen Haaren das Alter des
Mannes verrieth.

Der Knabe war, wie schon gesagt, etwa zwlf bis dreizehn Jahre alt, trug
aber nicht die polnische Tracht, sondern einen gewhnlichen Rock und eine
blaue Mtze, die er neben sich auf dem Tisch liegen hatte, whrend der
Mann sein altes schmutziges abgegriffenes Sammetmtzchen aufbehielt. Das
zwar bleiche doch wirklich schne asiatische regelmige Gesicht des
Kindes -- denn es konnte kaum ber die Kinderjahre hinaus sein, blieb aber
kalt und theilnahmlos bei den weichsten, ergreifendsten Tnen seiner
eigenen Brust und, ohne Seele, beherrschte er mit wunderbarer Gewalt fast,
die mchtige Stimme, die sich oft zu einer Strke hob, da die Umstehenden
ihr lautes Erstaunen nicht zurckhalten konnten, und dann in strmischen,
donnernden Beifall ausbrachen. Mit unnatrlicher Gewalt mute der Knabe
dabei seine Stimme, die Tne der Flte nachzuahmen, zu ihrer hchsten Lage
hinaufzwingen, und der Schwei stand ihm auf der weien Stirn in groen
Tropfen, solche Anstrengung kostete es ihm. Aber der Alte spielte
unverdrossen fort -- jetzt Ltzow's wilde verwegene Jagd wie es Einzelne
der Gesellschaft wnschten, und dann des Deutschen Vaterland nach
Anderer Ruf; dann den Jgerchor, und die neueste Polka, und Trinklieder
zuletzt, zu denen sie ihm und dem Knaben Wein brachten, bis spt in die
Nacht hinein.

Zuletzt konnte aber der Knabe nicht mehr -- die Stimme schlug ihm mehrmals
ber, und wenn ihn gleich der Alte rgerlich dabei ansah, lie es sich
nicht erzwingen. Philipp schaute bittend zu ihm auf und schttelte mit dem
Kopf, und der Alte legte pltzlich seine Klppel bei Seite und fing an die
Hlzer wieder zusammenzupacken, whrend welcher Zeit der junge Bursch
einen Teller nahm und in dem Zimmer sammelnd umherging. Die Gste schienen
allerdings mit dem frhen Aufbruch, wie sie's nannten, gar nicht
zufrieden, und Steinert besonders verlangte noch einige Lieblings- Trink-
und Weinlieder, die kein Mensch weiter kannte, der alte Mann schttelte
aber mit dem Kopf und meinte es sei genug, sein Junge wrde ihm sonst
krank und knnte nicht mehr pfeifen, und der Ertrag der Sammlung fiel
dabei ber alles Erwarten reich und gnstig aus.

Auswanderer, vorzglich die in den Hotels wohnenden, haben meist immer
noch eine Menge deutsches Geld in den Taschen, das sie, wie sie sagen
doch nicht mit auf das Schiff nehmen knnen und sind gewhnlich sehr
freigebig mit dieser kleinen Mnze, so lange sie eben dauert. Sehr zu
ihrem Erstaunen mssen sie dann aber auch freilich nicht selten schon
eingewechseltes amerikanisches Geld wieder in den Markt bringen, und die
ewige Klage ist nachher oh die theueren Seestdte.

Von woher seid Ihr denn, Alter? frug ihn jetzt Steinert, der, noch am
sparsamsten, nur einige Grote auf den Teller geworfen hatte -- doch nicht
aus Bremen?

Gott der Gerechte, nein! lchelte der Gefragte, mit einem flchtigen
aber zufriedenen Blick den Haufen eingesammelter Mnzen, unter denen sich
nicht ein einziges Kupferstck befand, berfliegend -- bin ich doch von
Bromberg.

Von Bromberg? Donnerwetter das ist weit sagte der Weinreisende -- und
was thut Ihr hier in Bremen?

Was wir in Bremen thun? frug der Jude, die Augenbrauen in die Hhe
ziehend -- Gottes Wunder was thun _Sie_ in Bremen?

Ei _wir_ wollen auswandern, Alter lachte der Reisende, einen vergngten
Blick im Kreis herumwerfend.

Als ich aach nicht hierbleiben mag, werd' ich aach auswandern erwiederte
aber der Israelit, die Schultern in die Hhe ziehend.

Was? -- auch auswandern? riefen aber viele der Umstehenden wie aus einem
Mund.

Na? -- sagte aber der Jude, sich erstaunt im Kreise umsehend -- ist's
etwa wohl zu hibsch hier fr uns Jden, heh? wer sollen uns wohl glicklich
schtze, da mer derfe unsere Steuern zahle und nachher getreten werden
wie die Hunde?

Aber wo geht Ihr hin? rief Einer der Umstehenden, nach New-York?

Der Alte schttelte mit dem Kopf.

Nach New-Orleans.

Und mit welchem Schiff? rief Steinert schnell.

Mit der Haidschnucke.

Hurrah der Alte soll leben jubelten aber die Passagiere der Haidschnucke
um ihn her -- das ist prchtig, das ist ein Reisegefhrte der uns die Zeit
vertreiben wird, und von verschiedenen Seiten wurden noch Flaschen Wein
bestellt den Spielmann zu traktiren, der jetzt kaum hrte wie die Sache
stand, und das Viele der Anwesenden auf ein und demselben Schiff die
Ueberfahrt mit ihm machen wrden, als er auch augenblicklich sein erst
halbgeleertes Glas Bier zurckschob und sich mit augenscheinlichem Behagen
dem Genu des wahrscheinlich lange entbehrten Weines hingab. Der Knabe
aber trank sein Glas aus, und setzte sich dann still und weiter nicht
beachtet, in die eine Ecke, lehnte den Kopf zurck gegen die Wand, und
schlo die Augen -- vielleicht schlief er -- bis die spte Nachtstunde auch
die Uebrigen mahnte aufzubrechen, und ihn sein Vater abrief, ihr eigenes
Lager in einem kleinen billigen Wirthshaus in der Neustadt aufzusuchen.





                                Capitel 2.


                              DER WESERKAHN.


Der nchste Tag war ein gar geschftiger fr die Passagiere zweier
Seeschiffe, die noch an demselben Abend expedirt zu werden hofften, und --
der Aussage der Rheder wenigstens nach -- segelfertig und bis auf einige
unbedeutende Kleinigkeiten vollstndig gerstet, vor Anker lagen.
Tausenderlei Sachen muten noch besorgt und eingekauft werden, die man
theils fr nthig, theils selbst fr unentbehrlich hielt; Wein und
Branntwein wurde dabei angeschafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung
von Heringen und Sardellen eingelegt, den schlimmsten Feind der Reisenden,
die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu
schwchen. Auch mit Blech und anderem Geschirr, mit Messer, Lffeln und
Gabeln als auch verschiedenen Gewrzen, hatten sich besonders die
Zwischendeckspassagiere zu versehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus
nicht geliefert wurde. Und wie viel vergaen sie noch, was sie nachher
gern auf dem Schiff mit dem Doppelten bezahlt htten, wo es freilich nicht
mehr zu bekommen war, und wie viel auch wurde berflssig als geglaubtes
Bedrfni mitgeschleppt, nachher eine Weile unbenutzt im Weg herumzufahren
und zu verderben, und dann ber Bord geworfen zu werden.

Wer aber kann es den Leuten verdenken, da sie nicht gleich wissen und
verstehn, sich auf eine so lange mhselige und mit Entbehrungen und
Gefahren verknpfte Reise in wenigen Tagen, oft fast nur Stunden
ordentlich und vollstndig vorzubereiten? Meist aus dem inneren Land, mit
der See kaum dem Namen nach bekannt, schwimmt ihnen Alles was sie
vielleicht ber eine erste Einschiffung gelesen, nur wie in wirren Bildern
im Hirn herum, die sie dann nicht fassen und halten knnen, sobald sie das
zum ersten Mal jetzt praktisch ausfhren sollen, was sie sich Monate
vorher vielleicht schon einstudirt.

Der Deutsche ist berhaupt, wo es ins praktische Leben eingreift, das
ungeschickteste Menschenkind auf der weiten Gottes Welt. Viel thut
freilich dabei die Erziehung, und gegngelt und am Leitseil gefhrt nicht
allein bis ins Schwabenalter, sondern oft auch bis ins Grab, wird ein so
vortrefflicher Staatsbrger aus ihm (den alle anderen, fremden Regierungen
nicht genug zu rhmen wissen) da er eben zu Nichts weiter zu brauchen
ist, und eben nur so _ver_braucht werden mu. Reit er sich aber einmal
los aus den alten Verhltnissen, lt er die Leute die bis dahin so
aufmerksam und vterlich fr ihn gesorgt -- zurck, dann macht er auch im
Anfang gewi eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten auf die
Zehen oder wird von ihnen getreten (in beiden Fllen regelmig um
Entschuldigung bittend) und verstt gegen Alles was ihm in den Weg kommt,
am meisten aber gewi gegen sich selbst. Spter wird er gescheut, aber es
dauert eine lange Zeit.

_Hier_ aber hat er noch manche Entschuldigung fr sich; eben erst aus
seinem heimischen Boden gerissen, die Augen noch von, wenn auch
heimlichen, Thrnen roth, das Herz zum Brechen voll und den Kopf wst und
wirr in der Erinnerung an das kaum berstandene; was Wunder da er da
_die_ Tage gerade, wo er die Sinne recht beisammen haben sollte, wie im
Traume herumgeht, und trotz allen Bchern und Rathgebern die er vorher
gelesen, erst wieder an das Nthigste denkt wenn er zu Ruhe kommt, d. h.
wenn das Schiff in See und die Seekrankheit vorber ist -- weit weit
drauen im Ocean -- allerdings etwas zu spt.

So sieht man Schaaren von Auswanderern die Straen der Seestdte den
ganzen Tag ber durchziehn in Gesellschaft und einzeln, die Mnner mit
ihren grauen Filzhten auf und Blousen ber die Rcke gezogen, die kurzen
Pfeifen im Mund -- die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in
kleinen schchternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden stehen bleibend
und die Sachen darin bewundernd, oder weiter schlendernd und die
Aushngeschilder buchstabirend, die ber den verschiedenen Thren hngen.
Es ist das die leere Zeit in ihrem Leben, der erste Ruhepunkt
vielleicht, so lange sie denken knnen, eine Zeit in der sie Nichts zu
thun haben -- Nichts weniges fr _andere_ Leute, wenn auch eigentlich genug
fr sich selbst. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer lnger werdend
als der Vorgnger, schleichen die Stunden an ihnen hin und bieten erst
wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen drauen in See.

Die Cajtspassagiere, wie solche der Zwischendeckspassagiere, die noch
ber einiges Geld zu verfgen hatten, wohnten indessen in den besseren
Gasthfen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem
Bestimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem sie ihre Ueberfahrt
bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die tglich zweimal in wenigen
Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und berall an den
Zwischenstationen anlegen; die meisten der Zwischendeckspassagiere aber,
und besonders solche, die von den Rhedern auf einen gewissen Tag
angenommen waren, von dem aus sie bekstigt werden muten, waren schon an
Bord gegangen,(1) ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu
verzehren. Die jedoch, die sich noch in der Stadt befanden und auf freie
Passage nach Bord zu mit ihrem Gepck, Anspruch machten, da sie sich das
gleich in ihrem, mit frheren Agenten abgeschlossenem Schiffscontrakt
festgestellt hatten, waren am 20sten Morgens um sechs Uhr an die
Ausmndung einer bestimmten Strae, unten an die Weser bestellt, wo der
Kahn Nr. 67 -- Kahnfhrer Meinert -- lag, von diesem gratis an Bord der
Haidschnucke geschafft zu werden.

Dort versammelte sich denn auch an dem schnen sonnigen Morgen, dem nur im
Westen dunkel aufsteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine
Masse Menschen verschiedenartigsten Alters und Geschlechts, um sich mit
dem, versprochener Maen bedeckten Fluschiff an den Ort ihrer
Bestimmung baldmglichst befrdert zu sehn. Kisten und Kasten, an denen
Karrenfhrer schon seit zwei Stunden herbeigeschafft, lagen an der
bezeichneten Landung bunt aufgestapelt, und Hutschachteln, Reisescke,
Krbe mit Victualien &c. &c. wuchsen von Minute zu Minute an Masse und
Gewicht.

Die buntgemischteste Gesellschaft, die sich dabei nur denken lt,
sammelte sich um die Effecten, junge und alte Mnner, ihren Taback in die
freie Luft hinausqualmend und ungeduldig dabei am Ufer auf- und abgehend,
und Frauen und junge Mdchen, fest in ihre Umschlagetcher eingehllt, die
doch etwas frische Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht
recht bekannt mit einander geworden; die Gesprche drehten sich bis jetzt
nur um das Gepck und das bedeckte Fluschiff das sich noch immer nicht
zeigen wollte. Damit hatten sie aber auch vor der Hand brig genug zu
thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schlo von seiner Kiste
abgerissen, oder der Deckel eingedrckt worden; der Eine hatte noch dies
in der Stadt vergessen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauslaufen, aus
Furcht die Abfahrt zu versumen, der Andere das im Gasthaus liegen lassen
und die Menschenmenge wogte und drngte durch einander hin, schimpfend und
fluchend hier, lachend und pfeifend oder singend da, whrend neue Karren
mit Gepck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das
berhaupt mglich gewesen wre, zu vergrern.

Die einzige, vollkommen unbewegliche Person in diesem Chaos von Menschen
und Gepck sa auf einem Haufen von Kisten die zuerst hergeschafft und
bereinander gethrmt waren, mit unterschlagenen Beinen regungslos oben
darauf, und schien die Confusion unter und um sich mit ordentlichem
Wohlgefallen, jedenfalls mit vollstndiger Gemthsruhe zu betrachten.

Es war eine, was man so von unten erkennen konnte, vierschrtige derbe und
untersetzte Gestalt, jedenfalls den unteren Volksklassen zugehrig, und
doch auch wieder mit einem gewissen Selbstbewutsein in den rauhen, nichts
weniger als schnen Zgen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es
nicht immer bei diesen findet. Der Mann mochte ungefhr fnf- bis
achtundvierzig Jahre alt sein, und der Ausdruck seines lederartigen
faltigen Gesichts hatte, gleich auf den ersten Blick eine so merkwrdige
und auffallende Aehnlichkeit mit einem groen Affen, der mit
unerschtterlichem Ernst vor einer Menagerie sitzt, und das Wogen und
Treiben der Menge unter sich betrachtet, da wenige der Passagiere, so
viel sie heut Morgen mit sich selber zu thun haben mochten, an ihm
vorbergingen, ohne berrascht ein paar Secunden vor ihm stehn zu bleiben
und ihn zu betrachten, oder sich gegenseitig ein paar erstaunte
Bemerkungen zuzuflstern. Die Mdchen besonders warfen oft verstohlene
Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls mute er
das bemerken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur einmal den
Kopf nach einer der Gruppen um, sondern paffte in kurzen, regelmigen
Zgen den Rauch aus einer kleinen schmutzigen, abgegriffenen Pfeife, mit
einem groen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen
abgerechnet, wirklich einer ausgestopften und dort oben zur Verzierung des
Ganzen hingesetzten Figur. Er trug dabei einen einmal grn gewesenen,
Ziemlich abgescheuerten Rock, der besonders auf den Schultern ordentlich
grau und glnzend aussah, als ob er da oben ganz vorzglich benutzt
worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknpfte gesprenkelte
Weste, ein schwarzes Halstuch, das eiferschtig auch den geringsten
Schimmer von Wsche verdeckte, braun und grn gewrfelte Hosen, groe
ngelbeschlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von Formen
hineingedrckten alten haarlosen und an den Rndern hellgrau gescheuerten
Filzhut, unter dem nur hie und da dnne, straffe und blonde Haare
hervorschauten. Rasirt hatte er sich ebenfalls, wahrscheinlich seit seinem
Entschlu nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weigesprenkelten
Stoppeln die sein breites vorgehendes Kinn umgaben, paten vollkommen zu
der flachen, wie eingedrckten Nase, den kleinen grauen Augen, vorgehenden
Backenknochen und der niederen Stirn, die sich scharf nach rckwrts, wie
scheu unter den Hut hinunterzog.

So ruhig und anscheinend theilnahmlos aber auch dies Individuum dem
allgemeinen Wirrwarr zuschaute und sich vollkommen geduldig in Zeit und
Umstande geschickt hatte, so ungeduldig wurden die brigen Passagiere, als
es jetzt vom Dome her sechs Uhr drhnte und das, eine Strecke weiter oben
liegende Dampfboot, sein Deck mit Passagieren gefllt, an ihnen
vorbeipuffte. Dabei lie sich noch nicht die Spur von einem verdeckten
Fluschiff wie es sich die Passagiere gedacht, an der Landung blicken,
und nur ein kleiner Weserkahn, wie sie dort berall zum Waarentransport
gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Strae, dem Platz
genau gegenber wo ihre Waaren aufgestapelt worden, und der Kahnfhrer,
ein hagerer dnner Gesell, mit furchtbar langen Armen und groen Hnden,
von denen man gar nicht begriff wie er sie je durch die Aermel seiner
Jacke gebracht oder, da sie nun einmal darin waren, wie er sie wieder
herausbringen wollte, ging auf dem Deck seines kleinen Fahrzeugs auf und
ab. Mehrmals versuchte er dabei die Hnde in die Taschen seiner
dunkelblauen sogenannten Lootsenjacke zu bringen, aber umsonst, sie gingen
nicht hinein, und er schlenkerte sie dann wieder zu beiden Borden
herunter und spuckte, seinen Taback dabei kauend, den braunen ekelhaften
Saft regelmig einmal ber Strbord und dann ber Backbord ins Wasser
hinber.

                                    []

                                Capitel 2


Sie da -- lieber Freund redete ihn endlich Einer der Passagiere an, der,
in einen grauen weiten Ueberrock geknpft, bis jetzt seiner Ungeduld in
einer verwirrten Masse von Flchen und Verwnschungen Luft zu machen
gesucht, und das kleine Fahrzeug schon lange rgerlich betrachtet hatte.

Der Matrose, oder was er sonst war, warf einen Blick ber die Schulter
nach ihm hinber, aber ob er nun glaubte da die Anrede ihm nicht gelte,
oder sie nicht beachten _wollte_, kurz er setzte seinen Spatziergang an
Deck ruhig fort und gab keine Antwort.

Sie da -- heh -- Sie Langer mit der blauen Jacke und der hbschen Mtze --
hren Sie nicht?

_Und_? sagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb ber die Schulter
zurckgedreht, stehn, whrend er jedoch den Frager nicht dabei an-,
sondern nach den Dchern der nchsten Huser hinaufsah, als ob ihn von
dort her Jemand gerufen htte.

Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als
unser alter Bekannter, der Weinreisende von gestern Abend, der bernchtig
und mit schwerem Kopf gerade bler Laune genug schien sich ber die
geringste Kleinigkeit zu rgern, murmelte etwas von Dickschdel und
Holzkopf in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und
rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher:

Sie da -- Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg
fahren mssen, wenn das andere Schiff kommt, unsere Sachen und uns selber
an Bord zu nehmen. Sie htten sich wohl nirgends anderswo grad' in den Weg
hinlegen knnen?

Der Matrose oder Kahnfhrer glitt mit seinen Augen langsam vom dritten bis
zum zweiten und von da bis zum ersten Stock und dann quer ber die
Hausthr weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und ffnete
dann den Mund -- aber blos um ein neues Priemchen Taback hineinzustecken,
wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, seinen Spatziergang an
Deck in der alten Weise und Ruhe fortsetzte. Steinert brigens, der sich
jetzt ernstlich an zu rgern fing, war nicht gesonnen sich so leicht
abfertigen zu lassen, und bis an den Wasserrand hinangehend, bis wohin
eine schmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, schritt
er diese hinan und stieg keck an Deck des fremden Schiffes wie die
Uebrigen meinten.

Guten Morgen sagte er hier vor allen Dingen, als er sich auf dem fremden
Boden fand, und doch fhlte da er mit Hflichkeit bei dem sonderbaren,
einsylbigen Mann weiter kommen wrde, als mit Grobheiten.

Morgen sagte der Schiffer brigens, ohne, gerade wie vorher, weitere
Notiz von ihm zu nehmen.

Sagen Sie einmal Freund nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und
suchte sich dem Mann auf seinem Spatziergang entgegenstellen -- wie ist
denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?

Nee! sagte der Schiffer.

Und wann fahren Sie ab?

Sobald wie laden hebben lautete die Antwort.

Steinert, der nur einen unbestimmten Begriff von Plattdeutsch hatte,
begriff nicht recht was der Mann sagte, und suchte ihm selber jetzt
begreiflich zu machen, wie sie mit jedem Augenblick ein verdecktes
Fluschiff erwarteten, das sie und ihre Sachen an Bord der Haidschnucke
schaffen sollte.

Hm -- wo sall'n dat herkomen? frug der Schiffer aber jetzt mit einem
verschmitzten Lcheln nach dem Frager hinberblinzelnd.

Herkommen? wiederholte Steinert erstaunt -- nach unserem Contrakt mit
dem Rheder mssen wir unentgeltlich mit unserem Gepck von hier aus an
Bord des Seeschiffes geschafft werden.

Op en _Fluschiff_? sagte der Matrose mit starker und etwas
humoristischer Betonung des hochdeutschen Wortes.

Jawohl sagte Herr Steinert.

Un wie heet _dat_ hier? sagte der Matrose auf das eigene Fahrzeug
niederdeutend, auf dem sie standen.

Ein bser Verdacht stieg in dem Weinreisenden auf, da sie etwa gar in
einem solchen Kasten transportirt werden sollten. Dessen Besttigung
blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herber und hinber
stellte es sich wirklich heraus, da dies kleine unansehnliche Fahrzeug
das identische bedeckte Fluschiff Nr. 67, und der lange Matrose der
Kahnfhrer Meinert sei, mit dem sie und ihre smmtlichen Sachen nach See
zu geschafft werden sollten. Ein wilder Ausruf des Erstaunens, den der
erschreckte Weinreisende nicht unterdrcken konnte, zog einen Theil der
brigen Passagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs schwrmte
pltzlich von einer Masse verblffter und wirr durcheinander schreiender
Menschen, da die Leute oben in der Strae stehen blieben oder auch mit
zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer mglichen
Prgelei der Auswanderer beiwohnen zu knnen.

Kahnfhrer Meinert, denn diese wrdige Person war es wirklich selbst, lie
sich indessen nicht im Mindesten aus seiner Fassung bringen, und
beantwortete alle Fragen seiner neuen ungeduldigen Passagiere mit einer
Ruhe und Gleichgltigkeit, die diese fast zur Verzweiflung brachte.

Wie viel mal er zu fahren gedchte bis er die Masse Gepck und Menschen
im Stande sei an Bord abzuliefern.

Ein Mal.

Ein Mal? -- und wenn er sie Einer ber den Andern packe gingen sie nicht
Alle hinein.

Noch einmal so viel, mit _Bequemlichkeit_, wenn es sein mte.

Wie lange die Reise dauere?

Mit gutem Wind sechs Stunden.

Und mit schlechtem?

Unbestimmt.

Manche der Passagiere htten jetzt gern Passage auf dem Dampfboot
genommen, das aber war schon fort -- das nchste ging erst um elf Uhr ab
und kam erst Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten sie lange dort sein,
und sie fingen an sich in das Unvermeidliche zu fgen. Aber weshalb wurde
da nicht wenigstens ihr Gepck eingeladen? -- auf was warteten sie noch, da
die Abfahrt doch auf sechs Uhr bestimmt worden.

Kahnfhrer Meinert, oder _Capitain_ Meinert wie er sich gern nennen
lie, wartete noch auf seine Mannschaft, einen Matrosen, den er in die
Stadt hinaufgeschickt hatte ihm einen frischen Vorrath von Taback, Rum und
einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen -- sobald der kam, um die Sachen
im unteren Raume fortzustauen konnte die Sache beginnen.

Endlich kam der Bursche, ein schmutzig aussehendes, theerbeschmiertes
Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwischen den Zhnen eine
Anzahl Papiere haltend. Diese nahm ihm sein Principal vor allen Dingen
heraus, wischte den Tabackssaft davon ab und schob sie dann, ohne sie
weiter eines Blicks zu wrdigen, in seine eigene Tasche.

Die Passagiere wurden jetzt aufgefordert ihre Sachen an Bord zu liefern
und folgten diesem Aufruf mit lobenswerther Bereitwilligkeit. Sie glaubten
nmlich nicht da der kleine unansehnliche Kahn Alles wrde einnehmen
knnen, und Jeder wollte wenigstens _sein_ Eigentum mit der _ersten_ Fahrt
befrdert haben. Ein paar der stmmigsten, oldenburger Bauern, die auch
die grten Kisten hatten, wurden dabei ersucht im Raum ein wenig mit zu
helfen, damit sie auch shen da nichts beschdigt wrde, und diese
untersttzte der Matrose, whrend Capitain Meinert an Deck stand, die
Kisten oder Koffer mit einem Tau umschlang, und in den unteren Raum, oder
vielmehr nur unter Deck, hinunterlie, denn das kleine Fahrzeug hatte nur
den einen Raum.

Whrend die Leute aber solcher Art beschftigt waren, trafen immer noch
andere, versptete Passagiere ein, die ebenfalls mit befrdert werden
wollten und muten. Unter ihnen der alte polnische Jude mit seinem Knaben,
der jetzt auch mit Hand anlegen sollte das Gepck an Bord zu schaffen. Der
alte Bursche schien aber kein Freund von solcher Beschftigung und merkte
kaum wie die Sachen standen, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand
vorn in seinen Kaftan legte -- er wollte sich an dem Morgen weh daran
gethan haben, und konnte sie nicht gebrauchen.

Das Gepck wurde brigens rascher beseitigt als man im Anfang geglaubt
hatte, und merkwrdiger Weise fate dabei das kleine unansehnliche
Fahrzeug eine solche Unmasse von Sachen, die in seinem Bauch ordentlich
verschwanden, da, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug
blieb, auch die Passagiere aufzunehmen, die sich schon ein paar Stunden
solcher Art glaubten behelfen zu knnen. Lieber Gott, man ging ja jetzt in
See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hause. Vor acht Uhr
erklrte aber Capitain Meinert nicht im Stande zu sein abzufahren, da
dann erst die Ebbe eintrte, mit deren ausstrmender Fluth er bei dem
schwachen Winde hoffen durfte vorwrts zu kommen, und es blieb den
Passagieren, die Anfangs allerdings darber murrten, aber sich in das
Unvermeidliche fgen muten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit sich zu
beschftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren sie aber
smmtlich wieder am Ufer, jetzt ernstlich auf endliche Abfahrt ihres
Schiffs dringend.

Ein junger Bursche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch
an denselben Morgen, mit einem ledernen Tornister auf der Schulter und
einem leinenen zerrissenen Staubhemd ber einem sehr abgetragenen
Rckchen, an das Ufer gekommen war und sein Gepck zu dem brigen
gestellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schwei gebadet
wiedergekommen, und schien ber irgend etwas in groer Angst und Sorge.
Die Leute hatten aber smmtlich zu viel mit sich selber zu thun, der Noth
und Sorge eines ihrer vermutlichen Mitpassagiere nachzufragen, und der
arme junge Bursch, als schon smmtliches Gepck an Bord geschafft worden,
sa noch immer auf seinem Tornister am Ufer, das bleiche Antlitz in die
Hand gesttzt, und schien wirklich in stummer Verzweiflung der
Einschiffung der Uebrigen zusehn zu wollen, ohne selber daran Theil zu
nehmen.

Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit
einer ansetzenden Glatze, aber scharfgeschnittenem klugen Gesicht und
lebhaften schwarzen Augen, der sich bis dahin von den Uebrigen ziemlich
fern gehalten. Neugierig gemacht brigens, durch das Wesen des jungen
Burschen, ging er jetzt zu diesem hin, und frug ihn was er htte oder was
ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thrnen in den Augen sein
Leid -- es fehlten ihm wirklich noch fnfzehn Thaler an seiner Passage nach
Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle
Summe gezahlt habe; aber er _msse_ mit fort, und wenn ihn das Schiff
nicht mitnhme sei er rettungslos verloren.

Wald wollte ihn trsten, da er denn wohl noch ein anderes fnde, der
junge Mensch schien aber so in Angst, und berhaupt noch etwas anderes
auch auf dem Herzen zu haben, worber er nicht recht mit der Sprache
herauswollte, sah aber dabei so treuherzig und fast noch kindlich aus, da
der Mann den Kopf herber und hinber schttelnd, endlich sagte:

Nu Gottes Wunder, sind wir doch Menschen hier genug die paar Thaler
zusammenzubringen -- wart einmal a Bisle, ich werd' an zu sammeln fangen.

Aber das Schiff fhrt fort --

Wird nich so schnell fahren sagte der Mann gutmthig, und zu dem
polnischen Juden gehend hielt er dem seine Mtze hin und sagte:

Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld fr einen armen Teufel, den wir
nich drfen zurcklassen in Deutschland.

Armer Teufel? sagte der Israelit -- wie hait? bin ich doch selbst en
armer Teufel -- wo ist er her?

Kann Dir einerlei sein wenn er arm ist meinte Wald.

Der Mann hat Recht sagte aber jetzt der Alte, und griff in seine Tasche.

Wie viel braucht's?

Je mehr desto besser sagte Wald -- funfzehn Thaler Geld mssen werden.

Hier is a Thaler sagte der Alte und warf das Geld in die Mtze.

Der nchste zu diesem war Steinert, an den sich Wald mit seiner Sammlung
wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte
Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche
sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei,
als er sah da er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen knne, und
der junge Bursch gab jede nur mgliche Auskunft, bis Steinert endlich in
seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie
mehrmals durchgesehn, zwlf davon reichte.

Aber wir brauchen fnfzehn _Thaler_ sagte dieser, und zweiundsiebenzig
machen erst einen.

Leider erwiederte ihm Steinert, ich brauche aber noch mehr wie fnfzehn
Thaler und mir giebt Niemand etwas.

Wald sah da alles weitere Zureden umsonst sein wrde, um deshalb nicht
mehr Zeit zu versumen ging er weiter, und einige der jungen Mdchen, die
der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten
selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es
war gut fr sie da sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese
gaben fast alle und -- so geizig sie sonst sein mochten -- gaben reichlich,
ohne weiter zu fragen wie der Mann heie und woher er sei, whrend die
Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten
-- erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede
Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen.

Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Mdchen untersttzt, das
Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt
berglcklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die
Stadt zurck, seinen Schein zu bekommen.

Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung _nicht_ betheiligt, denn
_alle_ brigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der
wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden,
und der auch nur erst in der That seinen Platz gerumt hatte, als die weit
ungeduldigeren Reisegefhrten das Gepck anfingen unter ihm selber
wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle
an Bord aussuchte, dort eine der berall herumliegenden Matratzen, die
fast Jeder bei sich fhrte, aufrollte, und sich, keine Rcksicht auf etwa
spter Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte.

Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art
Schiffsjungen bei sich hatten, gehit, und die mit schwarzer Farbe darauf
gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen
der Abfahrt, und Alles drngte an Bord, einen bequemen Platz fr die
Hinausfahrt zu bekommen.

Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befrdert werden wollten,
befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anstndig
und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen
Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glachandschuhen, ein reizendes
Frauchen, ganz einfach aber hchst geschmackvoll gekleidet, am Arm und
einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren
an der Hand. Der Mann mute sich aber wohl schon frher genau nach der
Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr
gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein
Gesprch einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen.

Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt fr sich und die
Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu drfen,
mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner
Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit
der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen -- freilich im Zwischendeck,
und das Herz schlug ihm recht weh und ngstlich, wenn er die Leute sah mit
denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte,
und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes
junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein muten. Adele aber, die
liebe kleine Frau, die in dem gramumwlkten Blick des Gatten wohl all die
Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und
ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus
den Sorgen zu reien, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an
seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen
wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben;
auf den langen Kahnfhrer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen
Juden mit dem schnen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind ber
das rege Leben und Treiben, das um sie her drngte und wogte, und sie
jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie
hier zurcklie, und das sie an das alte Vaterland noch htte fesseln
knnen; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die
fr sie.

Und dennoch schrack sie fast unwillkrlich zurck, als sie, an des Gatten
Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen,
das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab fhren sollte, dem Seeschiffe
zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das
feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber -- sie schmiegte sich fester an
den Gatten an, wie um Hlfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefhl,
und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die
Scene vor sich mit ngstlich forschendem Blick berflog, denn er sah nicht
ein stilles, geschtztes Pltzchen, wo er Weib und Kind htte unterbringen
knnen, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit
Gewalt jedes andere Gefhl zurck. Die Notwendigkeit gebot hier da sie
sich fgte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer
machen als es schon war, und selbst mit einem Lcheln auf den bleichen
Lippen sagte sie, sich flsternd zu ihm biegend.

Ach Schade, Paul, da Du kein Maler bist; das wre ein Stoff hier fr ein
prachtvolles Genrebild.

Arme Adele flsterte Eltrich leise.

Arme Adele? wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernstlich
entschlossen das Unvermeidliche auch fest und freudig zu ertragen -- wie
Viele gben Gott wei was darum dies nur zu sehn, und da wir endlich,
wonach wir die langen Jahre und immer umsonst gestrebt, erreicht,
bedauerst Du mich?

Wie wirst Du es nur ertragen auf dem Schiff? seufzte der junge Mann.

Wie ertragen es so viele Tausend? entgegnete ihm aber die kleine wackere
Frau, und bin ich nicht jung und gesund? -- was Andere knnen kann auch
ich.

Aber Du warst von je ein anderes Leben gewohnt.

Und Du nicht? -- Ach Paul, qule Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt
unntzer Weise mit solchen Gedanken, und sieh lieber da Du ein Pltzchen
irgendwo fr uns findest, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir
blieben am Besten an Deck.

Ich traue dem Wetter nicht sagte Eltrich kopfschttelnd -- dort im
Westen liegt es dunkel und schwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt ist
auch fr uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele
scheuen sich hinunter zu gehn, ehe sie mssen; nachher drngt denn Alles
hinein und die Leute hier sehen mir gerade nicht aus, als ob sie viel
Rcksicht auf einander nehmen wrden.

So such' uns ein Pltzchen sagte die junge Frau, und wir richten uns
dann huslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf festem
Grund und Boden sind, in Amerika drben, dann werden wir noch oft ber die
Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles gesehn und gehrt.

Und gerochen seufzte Eltrich in komischer Verzweiflung -- lieber Gott,
qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback.

Man gewhnt sich an Alles sagte die kleine Frau; aber geh nun hinunter
und sieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es
wirklich an zu regnen fngt.

In dem Kahn sah es indessen in der That wild und wunderlich genug aus. Die
Erstgekommenen hatten sich, nach Umstnden, vortrefflich eingerichtet und
alle vorgefundenen und meist noch zusammengebundenen Matratzen benutzt,
Lager- oder Sitzpltze fr sich herzurichten, und die spter Eintreffenden
suchten jetzt ihre Betten, ber Alles dabei hinwegsteigend was ihnen im
Wege lag. Jeder that zugleich sein Bestes den Nachbar zu berschreien, nur
um selber gehrt zu werden, und Steinert besonders, der sich aus irgend
einer unbegreiflichen Ursache fr schndlich behandelt und hintergangen
hielt, machte einen Heidenlrm.

Das also nennen diese Herren Rheder ein verdecktes Fluschiff -- einen
Aufenthalt fr Menschen -- fr Auswanderer? Ein Kasten ist's, mit einem
Loch darin, Mehlscke etwa wegzupacken und Fleischfsser -- eine
Vorbereitung zur Galeere fr Mrder und Diebe -- ein schwimmendes
Zuchthaus. Verdecktes Fluschiff. -- da sie der Bse einmal spter in
einem solchen verdeckten Fluschiff nach seinen hllischen Regionen
abfhre, dort mit des Geschickes Mchten einen ew'gen Bund zu flechten.

Ach was unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda -- lassen Sie das
Geschwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fiche von meine Matratze
herunter -- Gott der Gerechte wo sieht der Mensch um die Fie aus und
stellt sich mich Nichts dich Nichts auf's Bettzeug!

Meine Herren! -- rief Steinert dagegen, konnte aber seine Rede nicht zu
Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der also mihandelten Matratze
mit beiden Hnden gefat hatte, und sie dem Weinreisenden mit einem
pltzlichen Ruck so rasch unter den Fen fortri, da dieser das
Gleichgewicht verlor und rckwrts in einen Korb voll Blech und anderes
Geschirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei
erwachsene Tchter eben zu etwas genauerer Inspection hervorgezogen. Der
Lrm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thtliche Rache nehmen,
und bat die Umstehenden da sie ihn halten mchten, weil er sonst den
Elenden ber Bord wrfe.

Frieden, lieben Freunde sagte da eine tiefe aber sehr weiche, fast etwas
singende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder
vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhngenden,
in der Mitte gescheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachlssigt
gekleidet, trat zwischen die Streitenden und fing an ihnen zu beweisen da
sie Beide Unrecht htten, da sie nicht verstnden das Romantische ihrer
Lage zu begreifen und anstatt, wie die Biene aus _jeder_ Blume Honig zu
ziehen, sich von dem ersten bitteren Geschmack abschrecken und verblenden
lieen.

Ja -- eine kleine Biene flog rief Steinert noch immer entrstet
dazwischen, aber ziehn Sie einmal hier Honig heraus, wenn ich bitten darf
-- das wre ein Kunststck.

In einem solchen Kunststck bewhrt sich gerade der Mann! entgegnete die
kleine schmchtige Gestalt des Passagiers mit der tiefen Stimme -- das
Edle wollen und das Gute thun!

Ich brauche mir aber meine Matratze nich einschmieren und mich schimpfen
zu lassen -- brauch ich nich -- schrie jedoch der Israelit, noch keineswegs
beruhigt, dazwischen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig
erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer
Lrm vorbrach, dessen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenhnlichen
Gesicht zu sein schien. Dieser hatte ebenfalls, wie es sich jetzt
herausstellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte sich
nicht sowohl ihn zu rumen, als da er ihn, ohne auch nur ein einziges
Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Mdchen
behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm herausbringen konnte, war
eine ordentliche Wolke des schndlichsten ordinrsten Tabacks der sich nur
denken lie, und je rger der Lrm um ihn her wurde, desto mehr verschwand
er in dem, immer dicker aufsteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen,
von dichten und dunklen borstigen Brauen beschatteten Augen blitzten
daraus hervor, da es den Frauen ordentlich unheimlich zu Muthe wurde,
wenn sie den Mann anschauten.

Wer sich brigens um all den Lrm da unten nicht bekmmerte war der
Kahnfhrer selber, Capitain Meinert, der indessen, da die Ebbe jetzt
wirklich eintrat, mit seines Matrosen Hlfe den leichten Anker an Bord,
und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn
gehalten, mit der Strmung langsam herumschwang, an's Steuer trat und es
weiter hinaus in den Flu lenkte, klar von den brigen Khnen zu werden
und freies Fahrwasser zu bekommen.

Die Passagiere waren brigens hierbei selber zu sehr interessirt, es so
ganz gleichgltig mit anzusehn, wie sie, zum ersten Mal in ihrem Leben
flott wurden, und kaum fhlten sie unten die Bewegung des Schiffs wie
sie den Kahn unverdrossen nannten, als auch die Mehrzahl rasch an Deck
kletterte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbestimmte Ahnung da sie
jetzt bald das Land aus Sicht verlieren und direkt in die offene See
hineinsteuern wrden, das groe Schiff nach irgend einer gegebenen,
unbekannten Richtung aufzusuchen; Andere glaubten da _Brake_
wahrscheinlich um die nchste Landspitze herum lge, und sie dort
sptestens zum Mittagsessen eintreffen mten; jedenfalls gewann Eltrich
indessen unten Zeit ein Eckpltzchen fr Frau und Kind herzurichten, wo er
eine von seinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand
hin hoch aufstellte, als Rcklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit
dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die sich den ganzen
Morgen schon hoher und hher gezogen, begannen Ernst zu machen. Es fing
gegen neun Uhr an erst zu trpfeln und dann ordentlich zu regnen, und die
Passagiere drngten wieder mit Macht nach unten, unter Dach. Nur Einzelne
von den Mnnern blieben oben, die, in ihre Mntel gehllt, oder mit
Regenschirmen, die Nsse, dem Dunst und der Hitze unten vorzogen.

So scharf und frisch die Luft aber auch im Anfang, mit dem ersten Regen
einsetzte, und so rasch das kleine, ziemlich gut segelnde Fahrzeug dabei
die Fluth durchschnitt und die Thrme Bremens bald zurcklie, so bald
schlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Strmung
trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr seinem Steuer gehorchte,
und langsam und schlfrig an dem grnen Ufer niederschwamm. Die Luft war
dabei schwl und drckend, und der Regen go dermaen in Strmen nieder,
da selbst die Luke, wenn auch nicht dicht verschlossen, doch mit
getheerter Leinwand verhangen werden mute, und die Luft in dem beengten
Raum nur noch dumpfiger und schwler machte.

Ein Theil der Passagiere amsirte sich inde ganz gut -- hie und da hatten
sich kleine Gruppen gesammelt und spielten, mit einer Kiste zwischen sich
als Tisch, Karten; dort machten ein paar junge Burschen -- und der Mann mit
der tiefen Stimme und den gescheitelten Haaren befand sich leider zwischen
ihnen -- den jungen Mdchen die Cour und suchten auf solche Weise nicht
allein ihre Zeit zu vertreiben, sondern auch gleich Bekanntschaften fr
die Reise anzuknpfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei
nicht, ber die ein Theil ein wieherndes Gelchter aufschlug, whrend es
den anderen verletzte, und Eltrich seufzte oft tief und schwer auf, seine
arme Frau in solche Umgebung jetzt vielleicht Monate lang gebannt zu
wissen, und nicht im Stande zu sein sie daraus zu befreien.

Adele beschftigte sich indessen theils mit dem Kind, theils suchte sie,
den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Matratze zurckgelehnt, dem
hlichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Lrm war
zu gro, die Luft zu schwl und ungewohnt, und besonders der hliche
Tabacksqualm zu nah und scharf, da sie kaum im Einnicken, immer wieder
husten mute und munter wurde.

So schlich der Vormittag langsam und schlfrig hin; die Brise wurde gegen
zwlf Uhr etwas frischer, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war
sie ihnen fast eben so oft entgegen als zu Gunsten, und um zwei Uhr, als
Todt Wasser wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des
Stillstandes zwischen Ebbe und Fluth, wenn die eine aufhrt und die andere
noch nicht begonnen hat, setzte Capitain Meinert seine Passagiere ungemein
in Erstaunen, als er seinen Anker pltzlich fallen lie und sogar
erklrte, hier wieder sechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen, bis
die Fluth hinauf sei.

Wie weit Brake noch sei, war an dem Morgen wohl tausendmal gefragt worden,
und der Schiffer, der es endlich mde wurde wieder und wieder darauf zu
antworten, sagte dem Einen fnf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem
verschieden, und unten stritten sich dann die Partheien darber, weil jede
behauptete, ihre Nachricht aus bester Quelle zu haben.

Der grte Aerger stand aber den Passagieren noch bevor als auch das
zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe sie
wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauschte. Jetzt kam auch noch die
Angst dazu da sie das Schiff am Ende zu spt erreichten, und wenn sie
auch der Schiffer darber beruhigte, sahen sie ihm doch, oh wie
sehnschtig nach.

Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder gelichtet, wie
Steinert mit etwas heiser gewordener Stimme sang, aber wie es vollkommen
dunkel wurde muten sie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in
der trostlosen Hoffnung nicht vor acht Uhr nchsten Morgens auf's Neue
unter Wegs gehn zu knnen. Capitain Meinert hatte sich aber vorgesehn noch
ein Dorf zu erreichen, ehe er seinen Anker wieder auswarf, und stellte den
Passagieren sein kleines Boot zur Verfgung an Land zu gehn und dort zu
bernachten, wo sie allerdings mehr Bequemlichkeit haben wrden als an
Bord. Die Meisten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit
aufgespannten Regenschirmen, durch Schmutz, Wasser und Dunkelheit, die
Reise nach dem flachen Ufer an, wo sie in einem Nichts weniger als
freundlichen und fast eben so dumpfigen Saal ihr theueres Geld fr etwas
schlechtes Essen und eine Streu bezahlen muten. Die Passage auf dem
Dampfboot htte sie nicht mehr, wenn gar so viel gekostet.

Eltrich wollte seine Frau auch, trotz allen jedenfalls daraus erwachsenden
Kosten, an Land nehmen, sie weigerte sich aber entschieden den Kahn zu
verlassen, verzehrte lchelnd mit ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte
sich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigstens
eingetretenen Ruhe der Nacht so viel Schlaf als mglich abzugewinnen.

Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den
einzelnen Bumen am Ufer, der Regen schlug prasselnd auf Deck, und der
Mast und das Takelwerk knarrte und chzte, den Passagieren an Bord nur
wenig Ruhe gnnend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und
hlich der Morgen aber auch hereinbrach, so freudig wurde er von den an
Bord Befindlichen, die ihn wie lange schon ersehnt, begrt. Jede Stunde
hatten die so oft gezhlt, jede Minute fast, und das Morgengrauen
herbeigewnscht unzhlige Mal. Ein trber Anfang war das auch fr ihre
Seefahrt, und Mancher, der sich am vorigen Tag damit getrstet, welche
Strapatzen und Beschwerden er im Stande wre zu ertragen, sa jetzt kalt
und frstelnd, niederschlagen und mimuthig in einer Ecke, und berlegte
vielleicht jetzt schon, freilich etwas frh, die Grnde die ihn eigentlich
zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken steigen da in dem
Menschenherzen auf, und eine einzige solche Nacht, wenn sie nur etwas
frher gekommen wre, htte manche romantische Erzhlung, manchen
glhenden Bericht ber Amerika, weit, weit aus dem Felde geschlagen.

Jetzt war das freilich zu spt und ein Rcktritt nicht mehr gut mglich;
mit den Effekten und dem Passagegeld htte es sich vielleicht noch
einrichten lassen; lieber Gott, ein kleiner Verlust zur rechten Zeit ist
oft ein groer Gewinn fr's ganze Leben, aber das Lachen zu Hause, das
bse, bse Lachen -- viele Menschen wollen lieber, wenn sie die Wahl haben,
verachtet oder bemitleidet als ausgelacht und verspottet werden, und die
Wenigen deshalb, an deren Grundstzen die kalte unfreundliche Nacht doch
gewaltig gerttelt, bissen die Zhne fest aufeinander und gingen dem
Unvermeidlichen -- eben weil es unvermeidlich war -- entgegen.

Aber solch ein Morgen, auf einem solchen Weserkahn! Erst in solchen
Verhltnissen merkt auch der Mensch an wie viel Bequemlichkeiten er
gewhnt ist, wie viel Bedrfnisse er schon hat, mag er sonst noch so
einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erste Gefhl des
Aufstehens widert ihn an. Ungestrkt, unerquickt, und schon fertig
angezogen, hebt man sich von seinem Lager; man mchte sich jetzt ausziehn
und sich waschen -- aber wo? -- Wasser ist da im Ueberflu, aber kein
Waschbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahnbrste -- nicht einmal ein
Platz die unentbehrlichste Abwaschung von Gesicht und Hnden vorzunehmen,
denn im innern Raum ist jeder Zoll breit besetzt, und drauen an Deck
schtten die Wolken wieder Strme Regens nieder. Wie grau und bleiern da
der dmmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie still und einsylbig
selbst die Lautesten und Unruhigsten der Schaar geworden sind. Nur die
Kinder schreien -- rcksichtslose kleine Gesellschaft, die die Welt nur
erst von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigste dagegen
protestirt auch auf der anderen ihre Bekanntschaft zu machen.

Selbst Steinert war ruhig geworden und sa, durch das Weinen eines solchen
kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen
Morgenschlaf geweckt, frstelnd in seine wollene Decke gehllt auf der
Ecke einer fremden Matratze und blickte finster und verdrossen um sich
her.

Eine Tasse Kaffee -- ein Knigreich fr eine Tasse Kaffee brummte er
zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taschenkamm aus seiner
Brusttasche hervorholte, und langsam die kurzen Haarstummel und den etwas
struppig gewordenen Bart zu ordnen begann -- Himmeldonnerwetter, da ich
des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging;
jetzt sitz ich hier zwischen heulenden Blgern und schnarchenden anderen
Individuen und blase Trbsal in alle vier Winde. Verdecktes Fluschiff --
da dich die Pest hole mit deinen verdeckten Fluschiffen.

Hie und da hob sich jetzt ein Kopf in die Hh, schaute sich schlaftrunken
um und sank wieder in die alte Lage zurck, noch eine Weile die Augen
schlieen zu knnen und gar nicht sehn zu mssen was vorging in dem
ungemtlichen Aufenthalt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den
mitten auf dem Haupt gescheitelten Haaren erhob sich jetzt ebenfalls und
sagte, kopfschttelnd die um ihn her gelagerten Gruppen berschauend:

Guten Morgen Herr Steinert -- ausgeschlafen?

Ja -- danke -- auf der einen Seite wenigstens brummte Steinert, denn die
andere schlft noch und die Sehnen und Muskeln sind mir ordentlich
verklommen -- Himmel war das eine Nacht. Und sehn Sie sich einmal den Platz
hier an -- Wallensteins Lager, beim Zeus, und die Hlfte Marketenderinnen.
Apropos -- Sie sind ja wohl Literat, wie Sie mir gestern gesagt haben -- da
ist Stoff fr Sie eine ganze Bibliothek zu schreiben -- da ziehn Sie sich
Ihren _Honig_ heraus, wenn Sie so gut sein wollen; wre mir lieb zuzusehn
wo Sie ihn finden?

Der junge Schriftsteller schien aber heute Morgen keine Lust zu haben ber
derlei Sachen zu debattiren; ihm war selbst zu unbehaglich zu Muthe seine
gestrige Aeuerung zu vertheidigen, und mit ein paar leise gemurmelten
Worten, die recht gut irgend eine hchst unromantische Verwnschung sein
konnten, brummte er:

Ich mchte nur wissen wer sich da ein Vergngen gemacht und die halbe
Nacht an Deck bei dem Wetter Holz gesgt hat -- die Leute whlen eine
vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen.

Holz gesgt? entgegnete aber Steinert erstaunt -- meinen Sie etwa meinen
Nachbar hier, den dicken Unbeweglichen, der ber Tag den guten Taback
raucht, und seit ein Uhr geschnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?

Das ist ein Schnarcher? rief der Literat im hchsten Erstaunen aus --
aber warum stoen Sie ihn da nicht einmal in die Rippen?

Weil ich mit keinem passenden Werkzeug versehen bin, auch bis jetzt, in
dieser egyptischen Finsterni, nur nach der ungefhren Richtung zu htte
stoen knnen sagte Steinert -- Sie da, Herr Moses oder Aaron wie Sie
gerade heien -- bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem
Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hiee und aus Stollberg sei.

Gottes Wunder, so frih? sagte der eben Angeredete, der auch gerade
munter geworden und den Kopf in die Hhe gehoben hatte. Nichtsdestoweniger
leistete er dem Wunsche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unsanft
angestoen, erschreckt in die Hh.

Habe ich nicht das Vergngen mit Herrn Meier zu sprechen? wandte sich
Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam,
benahm ihm jede weitere Lust zur Conversation mit dem Manne, der sich,
noch innerlich knurrend, seinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und
dann auch ohne weiteren Zeitverlust wieder zurckfiel, noch einmal
einzuschlafen.

Wie das pltzliche Stillstehn einer Mhle die mden Knappen weckt, so fuhr
ein groer Theil der brigen Passagiere in die Hh, als das regelmige
donnernde Schnarchen des Mannes aufhrte, und schlaftrunkene Gesichter
frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo sie wren, und murmelten
halblaute Flche in den Bart, als sie sich ihres Zustandes klarer bewut
wurden.

Eltrich war einer von den Ersten an Deck, zog sich Wasser in einem Eimer
herauf, und badete sich Gesicht und Hnde darin, das eigene Taschentuch
zum ersten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei
beschftigt auf einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde,
Wasser zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugtuung von
diesem, fr ein paar Grote, einen Theil desselben zur Mitbenutzung zu
erwerben. Etwas Kaffee und Zucker fhrte er selber bei sich, auch eine
Flasche Milch fr den Knaben, und seine kleine Frau lchelte ihm dankbar
entgegen, als er sie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher
zum Morgengrue brachte.

Kaffee -- bei Gott! rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen
Raumes, als der aromatische Duft des heien Trankes ihre Nasenlcher traf
-- da oben giebt's Kaffee! und was keine Ueberredung sonst vielleicht
vermocht htte, war der Glaube im Stande. Allerdings sahen sie sich
getuscht, und nur Einigen gelang es noch fr Geld und gute Worte von dem
mrrischen Burschen einen halben Becher gemachten Kaffee's zu erlangen,
die Uebrigen muten mit dem Boot an Land, dort eine Erfrischung zu
erhalten, und Andere suchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm
zu verlangen. Capitain Meinert lie sich aber erst kurz vor acht Uhr, wo
die Fluth sich staute, blicken, trstete brigens seine ungeduldigen
Passagiere mit der guten Nachricht, da sie, wenn der Wind so gnstig
bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden erreichen wrden.





                                Capitel 3.


                               DAS SCHIFF.


Weit besser befanden sich die Passagiere, die mit den, die Weser
befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele rasch und bequem entgegeneilten. So
hatte die Familie des Professor Lobenstein, mit dem grten Theil der im
Hannverschen Haus einquartirten und fr die Haidschnucke bestimmten
Auswanderer, schon um sechs Uhr Morgens Bremen verlassen, und der kleine
rasche Dampfer legte sich bald nach 9 Uhr an Bord des mchtigen
Seeschiffes, dem sie ihre Leben fr die weite Fahrt anvertrauen wollten.
Dort wurden schon Kisten und Kasten, Schachteln und Koffer rasch an Deck
gehoben, und die Reisenden sahen sich pltzlich wie mit einem Schlage, aus
allen ihren bisherigen Verhltnissen herausgerissen, in einer neuen
unbekannten, fremden Welt.

_Das Schiff!_ Wie viel hatten sie darber gelesen, wie viel sich davon
erzhlen lassen: von den Cajten und Decks, von den Masten und Segeln, von
den Matrosen selbst, und dem Leben an Bord; wie hatten sie doch, als sie
erst einmal den Gedanken an Auswanderung fest gefat, und mit den
Verhltnissen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoffnung auf das
neue gesetzt, den Augenblick herbeigesehnt, in dem sie an den hohen
Seitenwnden des Schiffes, das sie nach Amerika hinber bringen sollte,
hinaufklettern, und die Hte schwenken wrden, den stolzen Bau zu
begren. Tausend wunderliche und bunte Bilder hatten sie sich dabei
ausgemalt, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Der Capitain stand dann
auf seinem Deck und winkte dem nahenden Boot schon von weitem seinen
Willkommen zu, die Matrosen jubelten und ein paar Bller wurden gelst,
den Passagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im
Hintergrund rauschte das Meer mit seinen mchtigen Wogen gewaltig darein,
in die Harmonie dieses einen seligen Augenblicks --

So hatte sich die Phantasie eben diesen Augenblick gemalt, und jetzt?
gerade vor neun Uhr fing es, hchst prosaischer Weise, an zu regnen, als
ob sie da oben die Wolken mit Eimern ausschpften und ohne richtige
Ortspolizei das Wasser mitten in die Welt hineingssen. Das auf Deck
liegende Gepck war freilich mit getheerter Leinwand berspannt, wie aber
das Boot an das Schiff hinanrauschte, wurde dieselbe hinweggezogen, und
die Sorge der Auswanderer nahm das so ausschlielich in Beschlag, da sie
fast an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur
das Seinige so rasch als mglich unter Dach und Fach zu bringen suchte.

Das Tau, das ein Matrose vorn am Bug des Dampfbootes zum Wurf
zusammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der
Haidschnucke, von rasch zuspringenden Leuten befestigt, die Rder
arbeiteten langsam vorwrts, das Boot eben gegen die Strmung, gegen die
es aufgedreht war, festzuhalten, und eine von Bord niedergelassene,
bequeme Treppe, mit niederhngenden Tauen (_fallreeps_) an der Seite sich
festzuhalten, diente den Passagieren zum Aufsteigen auf das hhere Deck.

Dort befand sich aber schon ein Theil der Frhergekommenen, die es fr
zweckmig gefunden hatten sich zeitiger einzufinden, und dadurch die Wahl
eines Platzes zu haben. In der Cajte waren nun allerdings die einzelnen
_staterooms_ oder Cajtenpltze schon von den Rhedern selber fr die
Passagiere nach ihrer Anmeldung bestimmt, und eine Beschlagnahme des einen
oder anderen Platzes konnte da nicht stattfinden; im Zwischendeck gab es
aber dafr desto verschiedenere Pltze, die allerdings den Erstgekommenen
zur Wahl frei lagen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft
wren jedenfalls zuerst vor allen anderen belegt worden, htte der
Steuermann, die zweite Person an Bord, den zuerst gekommenen Passagieren
nicht dadurch die Wahl wieder schwergemacht, und Manche sogar dazu
bestimmt sich einen Mittelplatz zu whlen, da er ihnen sagte die, welche
sich gerade in der Mitte des Schiffes befnden, wren der Bewegung
desselben auch am wenigsten ausgesetzt, und wrden deshalb auch am
wenigsten von der Seekrankheit zu leiden haben.

Es hat das etwas fr sich; die Bewegung des Schiffes ist dort allerdings
am geringsten, aber trotzdem noch stark genug dem, der nur irgend zu
diesem Leiden inclinirt, nicht den geringsten Schutz zu gewhren, und der
davon verschont bleibt wird sie auch an den entfernteren Enden nicht
bekommen. Jedenfalls haben die Pltze unter den Luken die meiste frische
Luft, und wer je zur See war, wird die zu schtzen wissen.

Einige, wie schon gesagt, lieen sich aber doch dazu bereden Mittelpltze
zu belegen; unter diesen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden,
falls er frher an Bord kommen sollte, einen Platz fr ihn aufzuheben, und
der selber die Seekrankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber frchtete.
Zu diesem hatte sich noch der kleine graue Herr mit dem spitzen
Mtzenschild gesellt, den der Kellner in Bremen die _Nachtigall_ genannt
und der ebenfalls seine Passage im Zwischendeck genommen; Drei und Drei
bekamen eine Coye zusammen, von denen immer zwei bereinander lagen,
Steinert war also im Bunde der Dritte wie er sich ausdrckte, als er die
Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hie, hatte
sich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang protestirte, dann aber
nachgab, die obere Coye ausgesucht. Die untere Coye nahm der polnische
Jude mit seinem Knaben ein, dem spter noch der junge Bursche, fr den an
der Landung in Bremen gesammelt worden, zugegeben wurde, da Niemand
Anderes ein Logis mit dem langbrtigen, nicht eben reinlich aussehenden
Manne inne haben wollte.

Im ersten Augenblicke wute aber Niemand wohin er gehre, noch sah irgend
Jemand die Mglichkeit ein sich oder sein Gepck an irgend einem nur
ertrglichen Ort unterzubringen. Alles schrie und lief durcheinander;
smmtliche Bagage wurde vorlufig an Deck aufgestapelt, und dann durch die
Matrosen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das
Zwischendeck hinuntergelassen, wo in der Dunkelheit des Raumes an ein
Sortiren der verschiedenen Eigentumsrechte nicht zu denken war. Vergebens
blieben auch alle Protestationen der Passagiere, die _diese_ Kiste nicht
auf den Kopf gestellt, _jene_ nicht gedrckt oder gestoen haben wollten;
die Matrosen thaten gerade so, als ob sie eine ganz andere Sprache
redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwrfen verstnden, schlugen
ein Tau um das erste beste Stck, das ihnen unter die Hnde kam, und mit
einem _heave!_ und _lower away_ den englischen Ausdrcken des
Einladens, hoben sich die Kisten in die Luft, schaukelten einen Moment hin
und her, und verschwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von
Dingen aufgestapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein
unterscheiden konnte. Auch von den Cajtspassagieren wurden eine Menge
Sachen dort versenkt, und diese ebenfalls protestirten vergeblich dagegen.
Die Sachen muten aus dem Weg geschafft werden -- wie es die Matrosen
nannten, indem sie es den Zwischendeckspassagieren gerade _in_ den Weg
warfen -- und wer nicht zufllig einen Theil seiner Sachen oben auf
entdeckte und selber fate und wegtrug, konnte dann sehn wie und wo er es
spter wiederfand.

Die Cajtspassagiere bekamen indessen, sobald sie sich bei dem Steuermann
meldeten, ihre resv. Pltze sofort angewiesen; in der That waren die
verschiedenen Thren, die alle nach innen in den groen Saal fhrten,
schon mit den verschiedenen Namen bezeichnet worden, und die
Lobenstein'sche Familie, die drei nebeneinanderliegende Rume, die Hlfte
der Cajte einnahm, sah sich bald, so gut es den Umstnden nach nur irgend
ging, in zwar kleinen aber ziemlich gerumigen und besonders nett und
reinlich gehaltenen Cajten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten
eine von diesen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden
jngsten Kindern die dritte.

Ihnen gegenber war die eine Eckcoye oder Cajte von Herrn Henkel und
seiner jungen Frau, die brigens noch nicht eingetroffen, belegt worden,
die zweite hatten zwei fremde Herren in Besitz, ein Baron von Benkendroff
und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte schon seit acht Tagen,
sehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfltig genirt worden, ein
Frulein von Seebald mit einer alten wrdigen Dame (einer Frau von
Kaulitz), die ungemein gern Whist spielte und die ersten Tage in einem
gelinden Grad von Verzweiflung gelebt hatte, nicht den dritten Mann zu
einer Parthie bekommen zu knnen. Die beiden Herren Hopfgarten und
Benkendroff erschienen ihr als eben so viele Engel in der Noth, und Herr
von Hopfgarten besonders, war, seitdem er an Bord gekommen, erst im Stande
gewesen sich einen einzigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu
entziehen.

Noch war, der Cajte der beiden Steuerleute gerade gegenber, ein anderer,
etwas schmalerer _stateroom_ frei, dessen unterer Theil von Schiffswegen
zu einer Art Vorratskammer fr neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der
obere Theil war dagegen einem Mittelding zwischen Passagier und
Schiffsoffizier, dem Doktor wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt,
sich darin, so gut wie das eben gehen wollte, huslich niederzulassen.

Im Zwischendeck befanden sich indessen die Leute fast eben so behaglich
und zufrieden wie in der Cajte. Nachdem nur der erste Sturm der
eintreffenden Mitpassagiere abgeschlagen, und diese mit ihrem Gepck
beseitigt worden, hatten sich die Leute in den verschiedenen Coyen
vertheilt und Raum brig genug. Allerdings ging das Gercht da noch
Passagiere mit einem Weserkahn eintreffen wrden, und fnf oder sechs
konnten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit untergebracht
werden, -- einige Coyen standen sogar noch ganz leer, -- vielleicht kamen
die aber auch _nicht_, trsteten sich Andere, und dann versprachen sich
die Meisten eine sehr angenehme Reise. Lieber Gott, das Zwischendeck
versagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafr war man
ja doch auch an Bord, und mute sich die kurze Zeit schon behelfen. Die
Belohnung lag ber dem Wasser drben, und hie _Amerika_.

So verging der zur Einschiffung bestimmt gewesene Tag, der 20ste August,
an dem noch, trotz dem Regen, fortwhrend Fracht in Fssern, Kisten und
Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggestaut wurde. Die erste Nacht
an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Strung vorber; das Schiff, ein
groes stattliches Fahrzeug, lag still und regungslos auf der glatten
Wasserflche, und in dem weiten Raum des Zwischendecks, mit den beiden
Luken geffnet, ber die ein Dach von getheerter Leinwand gespannt worden,
whrend ein Windfang den Tag ber noch frische Luft hinunter fhrte, lie
es sich schon aushalten -- die Leute waren auf Schlimmeres vorbereitet
gewesen. Auch die Provisionen waren leidlich, Butter und Schwarzbrod
konnte sogar gut genannt werden, und mit dem frischen Fleisch und grnen
Gemse, was sie, so lange sie an Bord lagen, statt der Schiffskost
geliefert bekamen, durften sie wohl zufrieden fein; _Viele_ von ihnen
hatten es in der eigenen Heimath lange nicht so gut gehabt.

Nur das Wetter wollte und wollte nicht besser werden, der Himmel hing in
dsteren Wetterwolken ber der schon vollgesogenen Erde, und der Herbst
meldete sich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu
zeitiger, unwillkommener Gast. So verging der Morgen des 21sten, und
whrend ein groer Theil der schon an Bord befindlichen Passagiere einsah,
da er sich keineswegs hatte so zu bereilen gebraucht, wurde ein anderer
schon ungeduldig, behauptete das Versprechen der Abfahrt fr den 20sten zu
haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten _ihren_
Contrakt, und meinten deshalb, da der Capitain den seinigen ebenfalls
halten msse. Die Erwiederung der Seeleute da ein groer Theil der
Passagiere noch gar nicht an Bord sei, hielt ebenfalls nicht Stich. Wer
nicht da wre dem wrde der Kopf nicht gewaschen meinte Herr Schultze,
und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kmen, sollten sie wohl auch
daliegen bleiben und auf sie warten? -- Alle Vgel setzte er dabei hinzu --
hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und sie wollten die ihrige
ebenfalls nicht unnthig versumen.

So rckte der Mittag heran, und der Koch hatte eben zum _Schaffen_
gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unserer norddeutschen
Sprache Essen bedeutet, als der Steuermann, der schon den ganzen Morgen
oft und ungeduldig den Flu hinaufgeschaut hatte, nach der Nummer des
Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rheders, den so lang
erwarteten Kahn mit dem Rest der Passagiere ersphte, und die Ordre gab
das Deck fr den Empfang der neuen Gste _klar_ zu machen. Glcklicher
Weise hatte, seit einer Stunde etwa, der Regen wenigstens nachgelassen,
und die Nachricht verbreitete sich rasch ber Deck, da ihre neue
Einquartierung anrcke. Eben so stand das ganze Deck des kleinen
Weserkahns gedrngt voll Menschen, die sehnschtig ihrer endlichen
Erlsung von dem trostlos engen Fahrzeug entgegensahen und das Schiff
jetzt, dem sie sich rasch nherten, mit einem dreimaligen donnernden
Hurrah begrten. Keineswegs so freudig wurden sie hier empfangen.

_Den_ Schwarm Menschen sollen wir hier noch an Bord bekommen? lief der
Schreckensruf durch das ganze Schiff -- wo wollen sich die denn
unterbringen? -- das ist ja gar nicht mglich! -- und kein einziger Zuruf
antwortete dem grenden Hurrah. Aber der Steuermann hatte indessen die
Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmast, wie ein Tuch,
mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des groen Mastes
gehit, als Merkmal fr den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff
zulief, scharf gegen den Wind anluvte, und als er seinen Bug ziemlich nahe
zum Bugspriet der Haidschnucke gebracht hatte, voll in den Wind
hineindrehte. Whrend das Segel niederfiel fing Capitain Meinert ein
nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er rasch an seinem eigenen Bord
befestigte; der Matrose hatte im Hintertheil des Kahns ein anderes
zugeworfen bekommen, und wenige Minuten spter lag er wohlbehalten
langseit der Haidschnucke seine lebendige und todte Fracht an deren Bord
zu _lschen_.

Unmglich wre es jetzt die Verwirrung, den Lrmen zu schildern, der in
diesem Augenblick entstand -- der Steuermann schrie seine Befehle ber
Deck, aber die ganze Mannschaft, wie smmtliche Passagiere schrien mit,
und der Mann htte sich eben so gut ruhig in die Cajte setzen und seinen
Teller voll Suppe essen knnen der drinnen auf dem Tische kalt wurde, als
hier zu versuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und
Hutschachteln, Matratzen, Kisten, wollenen Decken, kleinen Kindern und
Krben mit Provisionen zu bringen.

                                    []

                                Capitel 3


Jeder der Passagiere wollte natrlich seine Sachen zuerst hinaufgereicht
haben, Jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein, und die
Einen schrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der
Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Uebertragen des
Gepckes selber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und
Krbe da flogen, und wie die Frauen kreischten wenn irgendwo in einem Korb
eine Flasche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geschirr
knackte und splitterte.

Nehmen Sie sich in Acht da ist Glas drin -- Sie stehn ja in meiner
Hutschachtel -- passen Sie auf, das Bett fllt ber Bord -- Herr Gott da
sind meine smmtlichen Provisionen drinnen! -- und tausend hnliche
Aufkreische der Angst und Sorgfalt, eben so oft vergebens, denn die
Seeleute kmmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnungen,
fllten die Luft, bis die Unmasse Gepck, inde die Passagiere ihre
eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brachten, glcklich an Deck
gelandet war, und jetzt eben so rasch und rcksichtslos in das
Zwischendeck hinunter befrdert wurde. Da hinein regnete es ordentlich
Hutschachteln, Reisescke und Matratzen, mit riesigen kistenhnlichen
Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend mglich gewesen wre,
noch grer zu machen, ri inmitten dieser Beschftigung der eiserne
Henkel eines solchen Colli's aus, die Kiste fiel auf der Lukenwand auf,
brach, und streute jetzt ein Hagelwetter von Kleidern, Wsche, Schuhwerk,
Zwieback, Wrsten und allen mglichen und unmglichen anderen Effekten
ber die unten schon aufgehuften Sachen ber die sich der glckliche
Eigenthmer jetzt mit einem lauten Gebrll der Verzweiflung warf, um
gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahren Sinn
des Worts bedeckt zu werden.

War die Verwirrung aber an Deck schon gro gewesen, so wurde sie es jetzt
im inneren Raume des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen
wollten natrlich gleich auch ihre Coyen wissen und belegen, fanden aber
alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich
jedoch hartnckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume
aufzunehmen in dem sie, wie sie erklrten, kaum selber Platz htten. Hier
wie berall sollte der Steuermann entscheiden, von allen Seiten aber
gerufen und geqult, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld
aus. Er fluchte und schwor er wolle verdammt sein wenn er solch ein Gelrm
schon in seinem ganzen Leben gesehn, und erklrte endlich sie mchten sich
erst einmal ordentlich durcheinander schtteln und wrgen, und wenn sie
dann ein wenig zu Verstande gekommen, wolle er hinuntergehn -- eher aber
keinen Schritt.

Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang htte thun knnen und
ging, so wie nur erst einmal smmtliches Gepck an Bord genommen und der
Lichter klar geworden war, in die Cajte zurck, sein Mittagsessen zu
verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem andern, da sie sich unten im
Zwischendeck prgelten und mit Messern und Pistolen drohten; er lie sich
nicht stren und antwortete nur vollkommen gleichmthig, es wre das Beste
wenn sie erst eine Weile einander todtschlgen, denn dann bekmen die
Anderen gewi Platz -- die Todten wrfen sie ber Bord, und die Mrder
steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffungen
schon in den letzten zwlf Jahren, jedes Jahr wenigstens zweimal mit
durchgemacht, und wute da eine gewisse Zeit dazu gehrte bis sich die
Masse erst setzen und ordnen konnte. Der erste Ansturm mute vorber sein,
eher war kein vernnftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch
Alles leicht und ruhig von statten, und da fr Jeden Platz da war, fand
sich auch fr Jeden zuletzt der rechte.

Im Zwischendeck sah es indessen wirklich bs aus, und einen ernstlichen
Zusammensto der verschiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umstand,
da Niemand einen bestimmten Gegner fand an den er sich halten konnte.
Dann war der Capitain selber nicht an Bord, der ein Endurtheil fllen
sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen
werden knnen hinunter zu gehn. Zugleich hinderte das, einem Wall gleich
aufgeschichtete Gepck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die,
die schon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie
wuten da sie augenblicklich von Anderen in Besitz genommen wrden,
whrend die Neugekommenen ihr Augenmerk auf eine oder die andere bestimmte
Coye gerichtet hielten, und diese frmlich belagerten.

Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren so glcklich gewesen schon
einen Platz fr sich zu erbeuten. Zu diesen gehrte Eltrich, der trotz
seiner sonstigen Bescheidenheit hier doch fr Frau und Kind zu sorgen, und
diese gleich im Anfang mit seinem Gepck auf dem Kahn zurckgelassen
hatte, vor allen Dingen eine gute Coye fr sie zu finden. Da immer drei
Personen eine Coye bekommen muten wute er, sein Kind bezahlte halbe
Passage, mute aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere
Schlafstelle, in der Nhe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne
weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau
mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte sich aus jedem Gedrnge fern zu
halten, den Weg zu ihm finden wrde. Es war das Klgste was er htte thun
knnen.

Steinert fand ebenfalls den fr ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit,
und so wie er nur den Fu in das Zwischendeck gesetzt, hatte sich auch der
wunderliche Mann mit dem affenhnlichen Gesicht, sein Gepck ganz
rcksichtslos im Stich lassend, eine obere Coye ausgefunden, in der
allerdings schon Betten lagen, die er aber doch fr sich geeignet hielt,
und wohinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn
noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Coye, Rebecca, Frau des
ehrsamen Krmers Moses Lwenhaupt, am Rockschoo, und wollte ihn, mit
einer Fluth von Verwnschungen zurckziehn, der Mann wandte aber nur den
Kopf nach ihr um, und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen
Augen unter den buschigen Brauen vor so feindlich an, und zeigte ihr dabei
die beiden Reihen weiglnzender und fehlerfreier Zhne, da sie ihn
erschreckt wieder loslie. Der Usurpator sa denn auch, keine halbe Minute
spter, mit untergeschlagenen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf,
der niedrigen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus
seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend mute in der Tasche
gehabt haben, in solchen Sten um sich her, da ihn derselbe in kurzer
Zeit ganz verhllte, und wie eine Wolke, unheimlich und schwer die Coye
fllte.

In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den gescheitelten Haaren in
die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von
dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen mrrischen und finsteren
Gesell, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belstigt zu werden. Der
Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte sich
wenigstens auf die andere Seite, und lie ihn sogar ungehindert einen
kleinen Handkoffer den er bei sich fhrte, und in der ersten Eile vor die
Coye gestellt hatte, nachziehn. Der Mann mit den gescheitelten Haaren
hatte dadurch vollstndig Besitz ergriffen.

Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein brummte
der Erstbewohner des Schlafplatzes brigens, als der junge Literat, der
sich Theobald nannte, nach auen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn
her ein Gesprch anknpfte.

Also bekommen immer zwei und zwei eine Coye? frug dieser rasch, und wie
es schien sehr befriedigt.

Nein, drei -- erwiederte der Mann.

Drei? -- und wer ist der Dritte hier drin?

Meine Frau! lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere
Gesprch abschnitt, denn Theobald war zu bestrzt darber, auch nur noch
eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu knnen.

Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit
geschienen, kam der Steuermann, in Abwesenheit des Capitains die oberste
Behrde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem groen Mast in das
Zwischendeck fhrende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren
Stufen stehn, als ihm hier schon smmtliche Passagiere mit ihren Klagen
und Forderungen laut durcheinander schreiend entgegendrngten.

Hier Herr Obersteuermann -- die wollen mich in keine Coye lassen -- Herr
Obersteuermann wir haben unsern Platz so gut bezahlt wie die Anderen -- Und
meinen Koffer haben sie wieder raus geworfen -- ich schlage dem Hund ein
Bein entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme -- Und meine Frau ist krank
und mu einen guten Platz haben -- Gottes Wunder was geht uns die Frau an,
wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie hait kranke Frau
-- Hier Herr Obersteuermann kommen Sie nur einmal her und sehn Sie, wie sie
meine Hutschachtel zertreten haben -- Mir mu der Capitain den Schaden
ersetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein
Zwieback sind alle untereinander gekommen.

So schrie und tobte es um ihn her, und der Steuermann hielt sich die Ohren
zu und schlo die Augen und blieb, halb abgedreht von den Wthenden, so
lange regungslos stehn, bis diese doch einsahen da sie auf solche Art
ihren Zweck unmglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas
beruhigten.

So -- sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Lrm mit der
eigenen Stimme bertnen zu knnen; hat nun Jeder seinen Platz?

Nein -- nein! schrie es wieder von allen Seiten.

Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die -- Frieden lautete die
Antwort -- oder ich gehe an Deck zurck und Ihr mgt Euch hier
meinethalben die Kpfe blutig schlagen, nach Herzenslust.

Die Passagiere, denen daran gelegen war da der Steuermann ihre
Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selber ein, da sie ihn
gewhren lassen mten, machten ihm also Platz, und Einzelne, die
Vernnftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen wo sie
ihre Matratzen unterbringen, oder die, die Familie hatten, mit diesen
zusammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und
der Steuermann, auf dessen Wink jetzt noch zwei Matrosen mit Laternen
herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die
verschiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu visitiren.

Wen haben wir hier? begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Coye, in
welche dieser jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt hatte, und so
lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt sein wrde.

Mann, Frau und Kind! erwiederte der junge Mann -- ich heie Eltrich.

Alles in Ordnung! sagte der Steuermann, mit einem Stck Kreide das er in
der Hand hielt eine 1 ber die Coye malend -- So, und nun wollen wir die
Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen setzte er hinzu,
seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend, und zu dem
Licht der Laternen haltend -- Coye 2 -- wer ist hier drin? --

Auch diese Coye war durch die Familie des Tischlermeister Leupold besetzt.
Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern
einquartirt hatten, und keinen weiteren Zuspruch gestatten wollten. Der
eine, ein breitstmmiger Bursch, mit ledernen Hosen und ngelbeschlagenen
Schuhen, der vornweg der Lnge lang darin lag erklrte auch dabei ganz
ruhig und bestimmt das sei ihr Platz, sie wren zuerst gekommen, brauchten
was sie htten, und gedchten es zu behalten.

Wer hat noch keinen Platz? frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf
zu erwiedern, die Passagiere -- halt nicht Alle auf einmal schreien -- es
mu eine einzelne Person sein.

Wald meldete sich und der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den
Namen des neu Zutretenden bemerkt:

So, da rckt einmal zu, Ihr da; drei und drei gehren immer in eine Coye,
und dann habt Ihr noch brig Platz.

Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, nachens is es noch immer
Zeit; erwiederte aber der eine Bauer trotzig.

Wollt Ihr in Frieden Platz machen? frug der Steuermann vollkommen
freundlich.

Ne lautete die einzige Antwort.

Smiet mi mal den Dskopp da ruth lautete da der eben so ruhig gegebene
Befehl an die beiden Matrosen, die zuerst vorsichtig ihre Laternen bei
Seite setzten, und dann so pltzlich und mit so eisernem Griff den
Widerspenstigen packten, da dieser auch im Nu aus seiner Coye und auf die
Erde flog. Hier sprang er aber eben so rasch in die Hh, und schien nicht
bel Lust zu haben sich auf den Steuermann zu werfen; oben durch die Luke
schauten aber noch drei oder vier stmmige Burschen von Matrosen, die nur
eines Winks bedurft htten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu
sein, und der Steuermann sagte freundlich:

Wullt Du _noch_ wat?

Widerstand unter solchen Umstnden war hoffnungslos, und der Bauerbursche
brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, da er sich ber solche
Behandlung bei dem Capitain beschweren wrde.

Dat stat Di frie, myn Junge! sagte aber der Steuermann, der stets platt
sprach wenn er grob wurde, gleichgltig, und wies jetzt Wald an, seinen
Platz einzunehmen, wie seine Sachen, die er unterwegs bei sich zu behalten
wnsche, vor die Coye zu stellen.

Das Beispiel, gerade an einem der strksten und stmmigsten der Schaar
gegeben, hatte aber geholfen; in den nachfolgenden Coyen zeigten sich
nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr, und wo noch Platz war, fgten
sich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerspruch in das
Unabnderliche. Nur den polnischen Juden mit seinem schmutzigen Kaftan
wollten sie nirgends einnehmen, und selbst einer seiner Glaubensgenossen,
der gerade unter Steinerts, Mehlmeiers und Schultzes Schlafplatz eine Coye
fr sich selber in Beschlag genommen, und jetzt mit dieser Einquartierung
bedroht wurde, zog es vor auszurumen und sich wo anders Raum zu suchen.
Zu dem dritten Platz in des Polen Coye fand man Niemanden als den armen
jungen Burschen, fr den an der Landung in Bremen noch gesammelt worden,
da er sein Reisegeld zusammen bekam. Der wagte keine Widerrede, und lie
sich hinstecken, wo es den Anderen gefiel.

Ziemlich zu Ende mit der ganzen Anordnung, kam der Steuermann auch jetzt
endlich zu Lwenhaupts Coye, von der der groe Unbekannte wie ihn
Steinert nannte, Besitz genommen, und aus seiner Tabackswolke auch noch
nicht wieder zum Vorschein gekommen war.

Hallo Mosje! -- Sie da drin in dem Qualm schrie der Steuermann, stecken
Sie das Schiff nicht in Brand -- Dusendslag, wo hett denn de Permission
kregen syn Dunnerwehers stinkigen Toback to smken?

Die Wolke stand einen Augenblick, und nicht weiter genhrt, zog sie sich
allmhlig nach oben, jetzt zum ersten Mal die Gestalt des wunderlichen
Mannes enthllend.

Harpunen und Seekrebse brummte aber der Steuermann, der sich
niederkauerte einen Blick unter dem Qualm fort in das Gesicht des Mannes
zu bekommen, gegen den schon, wie er kaum den Fu an Bord gesetzt, eine
Menge Klagen eingelaufen waren, wo heet den de Heer hier in de
smallkragigen Rock mit de grooten linnen Taschen -- Sie da Wo heet hey?

Sehr wrdiger Seemann erwiederte ihm aber hierauf mit groer Ruhe und in
wohlgesetzter Rede der Gefragte, es thut mir unendlich leid da ich keine
Sylbe dieser nordischen Sprache, die Sie hier wenn ich nicht irre,
plattdeutsch nennen, verstehe, und durchaus in reinem Hochdeutsch
angesprochen werden mu, befriedigende Antworten zu erwarten.

Na nu wird's Tag! rief der Steuermann verwundert, dei spreekt wie en
Buk -- Sie da also mit den empfindlichen Ohren, wie heien Sie und wo sind
sie her?

Zachus Maulbeere aus Halle.

Maulbeere -- murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liste suchend --
Maulbeere -- Maulbeere --

Nein, nur einmal Maulbeere! sagte Zachus. Einzelne lachten, die Familie
Lwenhaupt aber, deren Herr und Stamm sich in einem kleinen winzigen
Mnnchen, mit einer furchtbar groen, wie eingehakten Habichtsnase zeigte,
begann wieder auf's Neue ihre Klagen ber den Einbruch in ihre Rechte.

Ruhe da! rief aber der Steuermann -- und Sie da, wer hat Ihnen denn
eigentlich Erlaubni gegeben im Zwischendeck zu rauchen, und noch dazu
solchen Giftknaster -- wenn Sie das Schiff wirklich nicht in Brand stecken
verpesten Sie es.

Der Eine liebt Rosen der Andere Teufelsdreck sagte Zachus ruhig, ich
liebe Rosen.

Kann ich mir denken meinte der Steuermann -- wer aber hat die Coye von
allem Anfang an inne gehabt?

Ich -- wir -- schrieen die Eheleute Lwenhaupt.

Wie viel sind Sie?

Nu wie viel sollen mer sein? frug Madame Lwenhaupt beleidigt -- ich und
der Itzig.

Ja dann kann ich Ihnen nicht helfen sagte der Seemann achselzuckend,
dann mssen Sie noch irgend Jemand darin aufnehmen.

Aber doch nich _den_ Menschen? rief Herr Lwenhaupt rasch und
erschreckt.

Bieten Sie mir einen Tausch an, vielleicht lasse ich mich bewegen und
ziehe aus! sagte Zachus, dem die Gesellschaft als er sie etwas nher
besah, vielleicht selber nicht gefallen mochte.

Na das machen Sie unter sich aus sagte aber der Steuermann, sich mit
seiner Laterne wieder den Anderen zuwendend -- immer drei gehren eben in
eine Coye, und je friedlicher Ihr Euch hier darin vertragt, desto besser
ist es fr Euch. Geraucht wird aber hier unten _nicht_, wandte er sich
noch einmal gegen die Coye um, aus der Zachus schon wieder dicke Wolken
blies; wer rauchen will geht mit seinem Stummel an Deck, verstanden?

Ein dumpfes Brummen tnte als einzige Antwort von der Coye herber, die
Frauen aber besonders dankten Gott, da sie den Qualm und Gestank wie
sie's nannten, da unten in dem berdies engen Raum los wrden.

Die Regulirung der Coyen war brigens hiernach bald beendet, und wie nur
erst Jeder einmal seinen Platz angewiesen bekommen und besttigt hatte,
durften sie auch daran denken ihr Gepck zu ordnen, damit es die Matrosen
dann um die Mittelsttzen herum und an den verschiedenen Coyen befestigen
konnten.

Mit dem Gepck fand sich brigens hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die
besonders in der unzweckmigen Verpackung der Sachen lag, und von den
Auswanderern, trotzdem da sie ihnen so oft an das Herz gelegt, doch so
selten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes
nicht bekannt sind, knnen sich auch gewhnlich gar keine Idee machen wie
beschrnkt der Raum doch natrlich in einem Fahrzeug sein mu, das
Hunderte von Personen in Monate langer Reise ber See schafft, und fr
diese Zeit nicht allein Wasser und Proviant mitnehmen mu, sondern mit
seinem Haupterwerb auch auf die _Fracht_ angewiesen ist. Dabei denken die
Auswanderer gewhnlich nur an sich selbst, der Nachbar und Reisegefhrte
existirt nicht fr sie, und sie mssen dann erst eine Weile durcheinander
geschttelt werden und eigne Erfahrung sammeln, bis sie lernen sich an
Bord zu behelfen.(2)

Sobald sich also die Passagiere, in Cajte wie Zwischendeck, nur erst
halbwege eingerichtet hatten, und jetzt erfuhren da sie heute noch gar
nicht, sondern erst morgen frh in See gehn wrden, verlangte ein groer
Theil derselben, mit dem heimischen Boden dicht neben sich, auch noch
einmal festes Land vor dem Abschied vom Vaterland zu betreten. Die
meisten, besonders der Zwischendeckspassagiere, hatten dabei auch noch so
Manches einzukaufen vergessen, was ihnen auf der Reise gute Dienste
leisten konnte und hier, wie sie hrten, zu bekommen war, da sie sich in
Masse bersetzen lieen, noch eine Menge Geld, oft hchst unnthiger Weise
zu verschwenden. Die noch deutsches Geld hatten, meinten dies hier
zweckmig verwenden zu knnen, und solche, die das schon in Bremen
mglich gemacht, wechselten sich erst einen und dann mehre Dollare wieder
ein, den allerletzten Tag in der Heimath wrdig zu feiern. Nur die
Frauen wollten nicht mehr von Bord, sie hatten mit dem alten Leben
abgeschlossen, den Schmerz der Trennung einmal berwunden, und sie
verlangten keine Zerstreuung, ja frchteten sie eher. Fr sie begann auch
hier an Bord wieder eine neue Welt, in der sie schaffen und wirken muten,
fast wie zu Hause -- die Cajtspassagiere natrlich ausgenommen, denen
geliefert wurde was sie brauchten -- hatten die Frauen im Zwischendeck,
sich wieder eine gewisse Huslichkeit herzurichten, um die sich die Mnner
wenig oder gar nicht kmmerten. Ihre Betten muten gelftet und in Ordnung
gebracht, ihr Geschirr mute gereinigt, die Wsche die sie fr den
Schiffsgebrauch bestimmt nachgesehn werden. Die Sachen muten auch einen
Platz bekommen, und der Mann htte eben so gut an Bord bleiben, und ihnen
kleine Ngel in die Coyen schlagen knnen, Alles daran aufzuhngen, was
sie zum tglichen Bedarf gebrauchten, und tausend andere Kleinigkeiten
herzurichten.

Und wie sah es noch unten im Zwischendeck aus -- berall standen Kisten und
Kasten umher, um die sich ihre nachlssigen Eigentmer nicht bekmmert
hatten; an Auskehren war natrlich gar kein Gedanke, einige kleine Pltze
abgerechnet, und selbst heies Wasser, das bei dem spten Mittag
gebrauchte Geschirr aufzuwaschen, wollte der mrrische Koch nicht
hergeben.

So kam der Abend heran, der die Cajtspassagiere um den gedeckten Tisch
versammelte, und den Zwischendeckspassagieren dnnen Thee, ohne Zucker und
Milch brachte -- Brod und Butter war ihnen an dem Nachmittag schon gut und
reichlich geliefert worden. Die wenigsten machten aber Gebrauch davon; die
Mnner waren fast noch smmtlich an Land, viele schliefen sogar noch dort,
und zahlten schweres Geld fr ein schlechtes Bett, dem Gewirr an Bord, und
dem ungewohnten Dunst des Zwischendecks so lang als irgend mglich zu
entgehn, und die Frauen hatten, mit wenigen Ausnahmen, noch nie in ihrem
Leben Thee getrunken, auer wenn sie krank waren Camill oder Pfeffermnz,
aber wohl viel davon gehrt da es die Leute in der Stadt, oder die
Reichen trnken, und wunderten sich jetzt kopfschttelnd wie die Leute
Geschmack daran finden knnten. Schiffsthee ohne Milch und Zucker aus
einem Blechbecher getrunken schmeckt auch in der That nicht besonders.

Das Wetter hatte sich brigens wieder aufgeklrt, auch war die Fracht
smmtlich eingeladen, und die untere Luke geschlossen worden, das Schiff
lag mit gerumtem Deck vor seinem Anker, und als am nchsten Morgen, mit
Tagesanbruch, die Decks gewaschen wurden, begann ein reges Leben an Bord,
das auf die baldige, und in der That auf den Morgen angesetzte Abfahrt
schlieen lie. Der Weserlootse, der das Schiff in See bringen sollte, kam
an Bord, einzelne, bis jetzt noch fehlende Segel wurden aufgeholt und an
die Raaen geschlagen und gleich nach dem Frhstck begann die Mannschaft
ihre Arbeit an der Ankerwinde. Die Passagiere waren ebenfalls an Bord
gerufen worden, aber immer noch fehlte der Capitain wie die letzten
Cajtspassagiere, die aber mit dem nchsten Dampfboot erwartet wurden.
Dieses kam endlich puffend den Strom herunter, legte sich langseit, und
die sehnschtig Erwarteten, das endliche Signal zur Abfahrt, kamen mit
ihm.

Der Capitain, eine vierschrtige cht seemnnische Gestalt, mit fast
braunem Gesicht, entsetzlich groen, sehnigen sonngebrunten Hnden, und
einem groen Packet Papiere unter dem Arm, sah freilich etwas wunderlich
in seinen Landkleidern, dem schwarzen auch nicht mehr modernen Frack und
dem Zylinderhut (Schwalbenschwanz oder Nagelhammerrock und Schraube, wie
die Matrosen diese Kleidungsstcke nennen) aus, schien sich auch nicht
besonders wohl darin zu fhlen. Er grte seine Passagiere nur flchtig
und zog sich dann in die eigene Cajte zurck, in die hinein ihm gleich
der Steward oder Cajtendiener folgen mute; der zweite Steuermann aber,
ein trockener komischer Kauz, der gerade vor der Thr stand als es drin
ein wenig laut herging, und des Capitains Stimme den Jungen schimpfte,
meinte ruhig zum Steuermann, als er an diesem vorber und an Deck ging:

De Captein kann wedder syn Swalbenswanz nich uht kreegen -- wat de Jong
vor Arbeit het.

Mit dem Dampfboot waren auch Henkels mit Hedwig Loenwerder in ihrer
Begleitung eingetroffen, und Lobensteins, die sich schon ziemlich huslich
an Bord eingerichtet hatten und mit der ganzen Einrichtung ziemlich
zufrieden schienen, begrten sie, wie Hedwig, auf das Herzlichste.

Whrend sich Clara aber, mit dem Bewutsein ihre Eltern ja schon in kurzen
Monaten wiederzusehn, dem Fremden und Neuen was sie berall berhrte, mit
ganzer Seele und leuchtenden Blicken hingab, und sich wie ein frhliches
glckliches Kind selbst auf die Reise und all die kleinen
Unbequemlichkeiten freute, die in so grellem Gegensatz zu dem bisher
gefhrten ruhigen aber auch vollkommen gleichfrmigen Leben standen,
betrat Hedwig nur schchtern und ngstlich das Deck des Schiffes, und
blickte wie scheu und furchtsam umher, auf die ihr so gnzlich fremde
Umgebung, auf die fremden Menschen. Sie hatte sich leicht entschlossen das
Vaterland zu verlassen, das ihr in der Erinnerung ja nur traurige,
schmerzliche Scenen bot, und sogar mit innigem Dank das Erbieten
angenommen die liebe junge Frau auf ihrer Reise zu begleiten; jetzt aber,
da sie den Schritt gethan, da sie wirklich in das neue Leben eintrat,
fhlte sie erst das Gewaltige desselben, fhlte erst wie abhngig sie
geworden sei von anderen fremden Menschen, und frchtete fr sich selbst,
ob sie auch wrde dem Allem gengen knnen was sie unternommen, und was
man von ihr zu erwarten berechtigt sei. Ihre eigenen Krfte kannte sie ja
noch gar nicht, und wie dann, wenn sie diese berschtzt hatte, und die,
die jetzt freundlich zu ihr waren, ihre Hand zurckzogen von ihr -- in
Amerika -- drben -- weit drben ber dem Meere? Dann stand sie ganz allein,
und was -- was sollte da aus ihr werden?

Du darfst nicht solch ein bs und ernsthaft Gesicht machen, Hedwig,
sagte da Marie Lobenstein, ihre Hand nehmend und ihr lchelnd mit der
eigenen ber die Stirn streichend, jetzt fahren wir bald hinaus in's
Meer, nach dem weiten, groen Amerika, und wenn wir da traurig und
verdrielich ankommen, schicken uns die Leute am Ende wieder fort.

Sie sind so gut, Frulein Marie sagte Hedwig leise, die ihr gebotene
Hand innig drckend -- ich will auch mein Mglichstes thun jede thrichte
Furcht zu berwinden.

Frchtest Du Dich? lachte aber das leichtherzige frhliche Mdchen
zurck -- vor dem Wasser? -- das kann ja gar nicht zu uns herauf, siehst Du
wie hoch wir darber stehn?

Ich wei selbst nicht wovor, seufzte das arme Kind -- es ist wohl auch
nur die neue fremde Welt in die ich jetzt getreten, und die mir das Herz
beklemmt; das wird schon bald vorbergehn.

Es mu߫ lachte Marie, wenn wir nur erst in See sind, werden wir uns auch
vortrefflich amsiren; wir haben Bcher zum Lesen mit, und knnen stricken
und nhen und sticken auf dem Schiff, was wir wollen; und dann lehnen wir
Stunden lang ber Bord, und schauen in die herrliche blaue See, von der
uns Herr Henkel schon so viel erzhlt.

So plauderte das frhliche Mdchen dem armen Kind die Sorgen aus der
Stirn, bis der Steuermann kam sie abzuholen, und ihr den eigenen
Schlafplatz zu zeigen, der ihr im Zwischendeck, bei zwei anderen jungen
Mdchen und weitlufigen Verwandtinnen der Familie Rechheimer angewiesen
wurde. Sie sollte im Zwischendeck essen und schlafen, hatte aber die
Erlaubni ber Tag, oder wenn sie sonst von ihrer jungen Herrin gebraucht
wurde, mit in der Cajte und auf dem Quarterdeck zu sein.

Der Capitain hatte aber doch endlich seinen Schwalbenschwanz ber die
Hnde bekommen, wie der zweite Steuermann meinte, und kam jetzt, in
blauer Tuchhose und Jacke, in der er sich vor Behagen ordentlich
schttelte, mit einer grauen Tuchmtze auf und die Fe, wie es an Bord
gebruchlich ist, in Strmpfen und Schuhen, an Deck, die nthigen Befehle
des Unterwegsgehens selbst zu geben. Der Anker, der indessen von den
Leuten nur gelftet worden, kam, unter dem frhlichen Singen der
Mannschaft, denen eine Menge der Deckpassagiere bereitwillig half, nach
oben, die Raaen wurden herumgebrat, die Segel fielen gelt nieder und
faten, wie die Schoten ausgeholt wurden, den Wind, und langsam bewegte
sich zum ersten Mal der mchtige Bau durch die trbe Weserfluth stromab.

Die Passagiere standen dicht gedrngt an Deck, und vorn auf der Back des
Vorcastles die Leute, hie und da noch Bekannten am Ufer zuwinkend, und
Gre fr Andere hinberrufend. Viele der Frauen schwenkten dabei, als sie
das Ufer mehr und mehr verlieen, ihre Tcher, aber sie wuten nicht wem,
und es galt auch wohl mehr dem Lande selbst, als den Menschen die darauf
standen, und ihnen ziemlich theilnahmlos und gleichgltig nachschauten;
sie sahen tglich so viele Schiffe mit Auswanderern in See gehn -- das war
eins mehr, weiter Nichts.

Eine alte Frau stand auch an Deck, hielt sich mit der linken Hand an der
Schanzkleidung und sah hinber nach dem Land, dessen Huser und
Baumgruppen sie hinter sich lieen und langsam an dem niederen kahlen Ufer
hinglitten. Es war die alte Mutter des Webers aus Zurschtel, und sie
winkte mit der rechten Hand hinber und murmelte halblaut und mit dem Kopf
dazu nickend und schttelnd vor sich hin:

Adje Leberecht -- adje Zurschtel und die alte Linde, das Haus und der
Garten und die Astern -- s'ist vorbei -- s'ist Alles vorbei, und sie sollten
mich alte arme Frau nur lieber hier gleich in's Wasser werfen, ehe sie
mich noch mit hinausschleppen auf das groe Meer -- Amerika krieg' ich doch
nicht zu sehn, und der Leberecht mu jetzt allein unter der Linde liegen.
Und tief aufseufzend setzte sie sich auf eine der Nothspieren die dort,
langseit der Schanzkleidung befestigt waren, zog die Schrze ber den Kopf
und weinte bitterlich.

Ihre Tochter stand daneben, das kleinste Kind auf dem Arm, aber konnte die
Mutter nicht trsten; das Herz war ihr selber zum Brechen voll, und die
groen hellen Thrnen liefen ihr dick und schwer die bleichen, abgehrmten
Wangen hinunter.

Auf einem der an Deck befestigten Wasserfsser, dicht bei ihnen, sa der
Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren; die Sonne schien ihm hell und voll
auf das scharfmarkirte Gesicht, dessen oberer Theil wetterbraun und hart
aussah, whrend der untere Theil, wo jedenfalls ein jetzt abrasirter Bart
gestanden, wei und blulich dagegen abstach. Wenig kmmerte der sich aber
um das Land, die dunklen, finster genug dreinschauenden Augen hafteten nur
eine Zeit lang wie forschend auf den Gestalten der beiden Frauen, dann
aber pfiff er gleichgltig ein Lied vor sich hin, und trommelte mit den
Fingern den Takt dazu auf dem Fa.

Diese erste Abfahrt war aber noch keineswegs ein wirklicher Abschied vom
festen Land; die schwache Briese trieb das Schiff mit der gnstigen Ebbe
nur langsam vorwrts, und als die Brise spter strker wurde, trat die
Fluth bald ein, die ihnen fast so viel schadete als jene ntzte, und sie
bald darauf zwang wieder vor Anker zu gehn. Sie befanden sich brigens
jetzt ganz in der Nhe von Bremerhafen, an dem sie die Masten der im Hafen
liegenden Schiffe, ja die am Lande auf- und abgehenden Leute deutlich
erkennen konnten.

Aber die Passagiere rgerte das wieder Ankerwerfen; das Abschiednehmen vom
Vaterland dauerte ihnen zu lang -- das Vaterland nahm gar kein Ende wie
Steinert meinte, der ungeduldig auf Deck auf- und abschritt, und die
langweiligen Ufer der Weser um sich her betrachtete, denn einmal an Bord,
wollten sie nun auch hinaus in See und das auf dem Fluherumfahren war
ihnen -- besonders den mit dem Kahn Gekommenen, fatal und langweilig genug
geworden. Aendern lie sich aber an der Sache auch nichts, und die Leute
schlenderten theils an Deck herum, und sahen nach dem Lande hinber, ob
sie dort irgend etwas Interessantes erkennen knnten, oder lagen lang
ausgestreckt auf den Wasserfssern oder im groen Boot und rauchten ihre
Pfeife. Nur in der Cajte hatte die alte Frau von Kaulitz eine Parthie
Whist arrangirt -- ihre Aiden _konnten_ ihr nun nicht mehr ausweichen -- und
kmmerte sich dabei weder um Land noch See, um Anker oder Segel, ja wenn
nur Jemand von irgend etwas auf das Schiff Bezgliche spruch, wurde sie
ungeduldig, und verlangte die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das viel
wichtigere Spiel.

Von den Zwischendeckspassagieren schien sich aber besonders Herr Schultze,
der ein kleines Taschentelescop in der Hand trug, mit ganzem Eifer einem
anderen Studium, und zwar dem der Seemven hinzugeben, die hier theils auf
dem Wasser schwammen, theils das Schiff umkreisten, und dann und wann
blitzschnell nach einem Fisch hinunterstieen. Er folgte dabei ihrem Flug
mit dem Glas so gut er konnte, und achtete weder auf seine Umgebung, noch
das nahe liegende Ufer.

Merkwrdige Vgel murmelte er dabei, ich gbe etwas darum, wenn ich
einen von ihnen lebendig an Deck haben knnte -- uerst merkwrdige Vgel
-- aber eine Aehnlichkeit bin ich noch nicht im Stande herauszustellen --
sie fliegen zu schnell.

Ist das ein gutes Glas, was sie da haben? redete ihn jetzt Herr Steinert
an, der vor Langerweile schon gar nicht mehr wute was er angeben sollte.

Ein vorzgliches Glas sagte Herr Schultze, ihm artig dasselbe
berreichend -- ein Plssel; es vergrert ungemein und mit
auerordentlicher Schrfe.

Steinert nahm das Glas und richtete es nach Bremerhafen zu, wo er in
diesem Augenblick ein abkommendes Boot zu erkennen glaubte, das am Ufer
herauf hielt.

Wahrhaftig rief er dabei, das ist excellent -- wo war denn das Boot
gleich -- ah da -- ein Boot mit Soldaten, die am Lande hinaufrudern.

Mit was? sagte der Steuermann, der gerade an ihm vorberging und die
Hand wie unwillkrlich nach dem kleinen Fernglas ausstreckte.

Mit Soldaten sagte Herr Steinert, ihm das Glas berreichend durch das
der Seemann einen Augenblick nach dem Ufer hinbersah und es dann, ein
paar unverstndliche Worte dabei in den Bart murmelnd, wieder zurckgab.
Ohne das Boot aber dann weiter eines Blickes zu wrdigen, ging er nach
vorn zu, den Leuten einige nthige Befehle zu geben.

Was sagten Sie da da am Ufer heraufgerudert kme? wandte sich jetzt der
junge Bursche, fr dessen Passage die Zwischendeckspassagiere noch an der
Landung gesammelt, und der bei dem polnischen Juden einquartirt worden, an
Herrn Steinert -- ein Boot mit Soldaten?

Ja, da drben, mein Bursche --

Das hierherzu kommt? frug der junge Mann mit ngstlicher Stimme.

Nun sie thun uns Nichts, lachte Steinert -- die Zeit der Piraten ist
vorber, und ihr Schiff streicht blos so durch die Wellen, Fridolin.

Der Bursche schien aber keineswegs aufgelegt, auf einen Scherz einzugehn;
er suchte nur mit den Blicken das Boot, das er auch bald mit bloen Augen
erkennen konnte, und stand eine Weile rathlos wie vor einer noch
unbestimmten, aber doch gefrchteten Gefahr. Das Boot ruderte indessen
noch eine kleine Strecke am Ufer hinauf und hielt jetzt, mit bloen Augen
lie sich das schon erkennen, in die Mitte des Stromes hinaus und mehr
nach ihnen herber.

Der Obersteuermann kam wieder von vorn zurck, an ihm vorbei und blieb
stehn, noch einmal nach dem Boot hinberzusehn.

Kommen sie hierher? frug da der junge Bursch mit kaum hrbarer
angsterstickter Stimme den Seemann.

Wer? sagte dieser, sich nach ihm umdrehend.

Die Soldaten sthnte der junge Mann.

Hallo mein Bursch sagte aber der Steuermann, ihn jetzt von oben bis
unten aufmerksam betrachtend -- Du bist ja so wei wie ein altes Segel;
was hast Du denn ausgefressen, da Du Dich vor den Soldaten zu frchten
brauchst? Das ist allerdings Polizei die wahrscheinlich hier an Bord zu
uns kmmt.

Dann bin ich verloren hauchte der arme Teufel und barg sein Gesicht in
den Hnden.

Nu nu, was giebt's denn? sagte der Steuermann, whrend sich die
Nchststehenden, die wissen wollten was da verhandelt wurde, noch mehr
herandrngten -- hast Du was verbrochen, so wirst Du auch jetzt dafr
ben mssen. Gesteh es aufrichtig, vielleicht kann's Dir ntzen.

Es lag in dem Ton mehr Gutmthigkeit als Drohung, und der junge Bursche,
vielleicht eben so in der Angst seinem Herzen Luft zu machen, als auch
einen falschen Verdacht von sich abzuwlzen, sagte rasch:

Nein nein, Nichts verbrochen -- nichts Schlechtes habe ich gethan, aber
ich bin -- ich bin --

Nun? -- was bist Du? frug der Seemann jetzt selber neugierig.

Ein Deserteur sthnte der Unglckliche und sank bleich und zitternd in
die Knie.

Hm sagte der Steuermann mit dem Kopf schttelnd, whrend das Wort von
Mund zu Munde lief, und mitleidige Stimmen berall laut wurden -- das ist
eine bse Geschichte, und dann bekommen wir die Rothkragen da drben auch
jedenfalls an Bord -- ja mein Junge, da kann ich Nichts fr Dich thun.

Retten Sie mich, um Gottes und des Heilands Willen retten Sie mich bat
der Unglckliche, und suchte in der Angst des Steuermanns Hand zu fassen,
dieser aber, der einen flchtigen Blick nach dem, jetzt immer nher
kommenden Boote geworfen hatte, machte sich von ihm los und ging rasch
zurck in die Cajte. Mehre der Passagiere folgten ihnen dahin, und baten
ihn dringend den Unglcklichen nicht auszuliefern, aber er wies sie
kopfschttelnd ab und zog rasch die Thre hinter sich in's Schlo.

Wie ein Lauffeuer flog aber inde das Gercht, ein Deserteur sei an Bord
und der Capitain wolle ihn den Soldaten ausliefern, von Mund zu Mund, und
nicht allein die Passagiere nahmen Parthei fr den armen Teufel, sondern
auch die Matrosen, die sich bis jetzt noch ziemlich fern von ihnen
gehalten, mischten sich zwischen sie und traten zu dem zitternd da
Sitzenden, ihm Muth einzusprechen und ihn nach dem und jenem zu fragen.
Von den Zwischendeckspassagieren hatten sich aber indessen schon Einige
rasch entschlossen, den Capitain selber aufzusuchen und ihm die Sache an's
Herz zu legen, als der Untersteuermann aus der Cajte kam, sich durch die
an Deck geschaarten Leute drngte und zu dem jungen Burschen hintrat.

Ach das arme junge Blut! riefen die Frauen -- schon an Bord und nun noch
all den Jammer, all das Elend. Und dann seine Eltern zu Hause; die Schande
und das Herzeleid.

Der Untersteuermann hielt sich aber nicht mit langen Redensarten auf.

Wie heit Du? frug er den jungen Burschen, indem er ihn eben nicht sanft
an der Schulter fate und schttelte.

Carl Berger lautete die Antwort des Erschreckten.

Carl Berger? -- hm murmelte der Untersteuermann vor sich hin, ein Papier
das er in der Hand hielt, mit den Augen dabei mehrmals durchlaufend --
Carl Berger -- Du stehst ja aber gar nicht mit in der Passagierliste --
woher kommt das?

Ich hatte das Passagegeld noch nicht bei der Abfahrt stammelte der junge
Bursch -- gute Leute an Bord schossen es fr mich zusammen, und als ich
zum Rheder zurckkam und es bezahlte, hatte er die Liste nicht mehr und
gab mir nur einen Zettel mit fr den Capitain, da ich hier an Bord
nachgetragen wrde.

Hm, so? sagte der Untersteuermann, und sah ber Bord -- das Boot mit den
Soldaten, das jetzt gerade auf das vor Anker liegende Schiff zuhielt, war
noch kaum zweihundert Schritt von diesem entfernt, und es lieen sich
schon die einzelnen Gesichter der im Boot stehenden Bewaffneten
unterscheiden. Von dem was an Deck vorging, konnten diese aber nicht das
Mindeste erkennen, da die ber fnf Fu hohe Schanzkleidung, die das Deck
als Schutz umgab, alle darauf Befindlichen den Blicken der unten
Heranfahrenden vollstndig entzog. Der Untersteuermann wute das auch, und
wieder zu dem Deserteur hinantretend frug er, seinen Kautaback aus einem
Mundwinkel in den anderen schiebend, die Umstehenden so phlegmatisch, als
ob er eben nach der Zeit oder etwas anderem hchst Gleichgltigen frge.

Knnt Ihr die Muler halten?

Berger, der mit todtbleichen Wangen und ngstlich klopfendem Herzen den
nher, immer nher kommenden Ruderschlgen gelauscht, ohne da er gewagt
htte einen Blick hinauszuwerfen auf den Feind, sah rasch und kaum seinen
Ohren trauend zu dem Manne auf. Lag in der Frage Hoffnung, Trost fr
_ihn_?

Ach Herr Steuermann schaffen Sie ihn fort -- schaffen Sie ihn fort
flsterten aber die ihm Nchststehenden rasch und ngstlich -- so nahe war
das Boot schon da sie frchteten die Soldaten knnten unten verstehen,
was hier oben gesprochen und verhandelt wrde -- wir bissen uns eher die
Zunge ab, ehe wir den Geyern da unten ein Wort verriethen.

Hm sagte der Untersteuermann und sah sich etwas mitrauisch im Kreise
um; viel Zeit war aber auch nicht mehr zu verlieren, denn von unten herauf
tnte schon die Stimme des Unteroffiziers oder Polizeibeamten, was er
gerade war, der das Schiff anrief, und der Capitain selber erschien gleich
darauf auf dem Quarterdeck und sah ber Bord.

Carl Berger faltete in Todesangst die Hnde, der Untersteuermann aber, zu
dem er jetzt noch, wie in letzter Verzweiflung Hlfe suchend aufsah,
blinzte ihm zu und winkte ihm, fast nur mit den Augen und einer kaum
bemerkbaren Bewegung des Kopfes, ihm zu folgen. Ohne sich dann weiter nach
ihm umzusehn schritt er rasch das Deck entlang, vorn der Logiskappe(3),
zu, in die er gleich darauf verschwand, und wohin ihm der junge Bursche
mit zitternden Gliedern folgte.

Hallo das Schiff! rief die Stimme inde aus dem Boot, die, wie sich
spter ergab, einem der Polizeisergeanten gehrte.

Hallo das Boot! lautete die seemnnische Gegenantwort des Capitains, als
er das Deck erreicht hatte.

Werft uns ein Tau herunter, da wir an Bord kommen knnen rief es
wieder, mehr wie Befehl als Bitte klingend.

Die nthige Ordre dazu wurde gegeben, und die Mannschaft, von den
Passagieren jetzt dicht umdrngt, von den Matrosen aber keines Blickes
gewrdigt, kletterte an Bord.

Der Unteroffizier, mit zwei Polizeidienern, ging jetzt, die Leute
zurcklassend, nach dem Quarterdeck hinber, wo der Capitain, die Hnde in
den Taschen, stand, bergaben dort ihre Legitimation, da sie beauftragt
seien das Schiff nach einem Deserteur zu durchsuchen, und forderten dem
Capitain die Passagierliste ab, die einzelnen Passagiere dann selbst zu
revidiren.

Capitain Siebelt wute recht gut da er sich dem nicht weigern konnte; so
wenig sich aber Matrosen, und Seeleute berhaupt, aus einem _Soldaten_
machen, so sehr interessiren sie sich fr einen Deserteur, dem gewi jeder
Matrose, wenn es nur irgend in seinen Krften steht, Vorschub leisten
wird. Der Capitain ging indessen langsam in die Cajte zurck, holte die
Liste und gab sie dem Bevollmchtigten, seinem Steuermann zugleich die
Weisung ertheilend die Herren gewhren zu lassen und smmtliche
Zwischendeckspassagiere an Deck zu schicken. Das war bald geschehn, zwei
von den Soldaten besetzten indessen die Luken, und whrend der
Polizeisergeant oben die Passagiere nach Namen aufrief, und die
Aufgerufenen an sich vorbei defiliren lie, untersuchten zwei Andere unten
die verschiedenen Coyen, und stberten berall herum wo sich nur irgend
ein Kind htte verstecken knnen. Zwei Andere wurden zu gleicher Zeit vorn
in das Logis zu den Leuten geschickt, die jetzt ebenfalls an Deck mustern
muten, whrend diese bei ihnen unten visitirten.

Aber auch selbst da ergab sich Nichts und die, bis dahin abgesperrte
Cajte, wurde nun ebenfalls rcksichtslos von oben bis unten untersucht;
ja der Steuermann mute, auf Verlangen des Sergeanten, den unteren Raum
ffnen, und dieser kroch selber, hier aber von dem Untersteuermann
gefolgt, der darauf sehen sollte da kein Unglck mit dem Licht geschhe,
in das fast vollgestaute untere Deck. Zwischen den Kisten und Fssern
aber, die auch fast berall dicht zusammen lagen, und in der heien
schwlen Atmosphre konnte er mit seiner enganschlieenden Uniform und dem
Seitengewehr, das berall hngen blieb, nicht lange aushalten. Nach einer
halben Stunde etwa kehrte er in Schwei gebadet und unverrichteter Sache
an Deck zurck, und schlug eine Einladung des Untersteuermanns aus, der
ihm anbot auch noch durch die vordere Luke eine hnliche Promenade zu
machen.

Der andere Polizeibeamte hatte inde die Vorrathskammern und verschiedenen
Spintges mit nicht besserem Erfolg, durchsucht, und an Deck
zurckgekehrt wandten sich die Beamten noch einmal an den Steuermann und
verlangten von diesem die Auslieferung des Verbrechers der sich
jedenfalls an Bord befinden _msse_. Der Steuermann behauptete aber noch
keine Schiffsliste berliefert bekommen zu haben, da er zu viel mit dem
Schiffe selber zu thun gehabt, sich auch nur im Mindesten um die
Passagiere zu kmmern, und der Capitain wurde grob als sie von ihm noch
weitere Auskunft forderten.

Da sei die Liste und da die Passagiere sagte er, das ganze Schiff htte
er ihnen ebenfalls zur Verfgung gestellt, ob sie nun etwa noch von ihm
verlangten da er selber mit herumkriechen solle, oder ob er dazu da sei
sich nach den Familien- oder staatlichen Verhltnissen der Leute zu
bekmmern, die er einfach berliefert bekommen habe sicher und
wohlbehalten nach Amerika hinber zu schaffen?

Er war darin in seinem vollen Recht, die Liste ebenfalls vollstndig und
in Ordnung: Keiner der darauf Angegebenen fehlte, aber auf keinen von
diesen pate auch das Signalement, und die Polizei, mit ihrer
Militairuntersttzung sah sich endlich wieder genthigt das Schiff, wie
sie gekommen, zu verlassen.





                                Capitel 4.


                                 IN SEE.


So ungeduldig die Passagiere aber schon vorher gewesen waren, das Schiff
nun endlich einmal in vollem Lauf seinem Ziel entgegengehen zu sehn, so
peinlich wurde ihnen jetzt jeder Augenblick, den sie, mit dem Bewutsein
unter den Kanonen des hannverschen Forts zu liegen, und noch im leichten
Bereich einer neuen Durchsuchung zu sein, hier unthtig, angeschlossen an
die Ankerkette, verbringen muten. Sie zhlten die Minuten die noch bis
zum Einsetzen der Ebbe verlaufen muten, und tausendmal sahen sie nach
allen Richtungen ber Bord, ob sich die Strmung nicht endlich stauen
wrde.

Endlich kam auch _der_ Augenblick, die Zeit fliegt mit nur zu raschen
Schwingen ber uns hin, und wie bald liegt die Stunde weit, weit hinter
uns, die wir so lang herbeigesehnt, so hei erhofft. Das Wasser stand, die
Brise wurde frischer, und -- wenn sie wenigstens erst den Ellbogen hinter
sich hatten, den die Weser bei Bremerhafen macht, gnstiger und jetzt --
die Thatsache war auer jedem Zweifel -- schwang das Schiff vor der
_rckkehrenden_ Fluth vor seinem Anker herum und lag, den Bug stromauf,
dem immer strker strmenden Wasser die scharfe Stirn bietend. Aber noch
keine Anstalt wurde an Bord gemacht Fluth und Wind zu benutzen, noch lagen
die Segel festgeschnrt auf ihren Raaen, und selbst die Matrosen blickten
verwundert nach ihren Offizieren hin, den Kopf schttelnd ber den
unbegreiflichen Aufenthalt; wenn sie noch lange hier zgerten kamen sie
heut Nacht gar nicht mehr in offene See, und konnten nur gleich da vor
Anker liegen bleiben zwlf volle Stunden lnger.

Der Capitain ging indessen mit auf dem Rcken gekreuzten Armen, selber wie
ungeduldig, mit raschen Schritten an Deck auf und ab, und beantwortete
alle an ihn gerichtete Fragen der Cajtspassagiere gar nicht, oder so kurz
abgebrochen und mrrisch, da ihnen zuletzt die Lust verging ihn weiter zu
behelligen. Fortwhrend sah er dabei nach der Sonne hinber, die sich mehr
und mehr dem Horizont neigte, und dann wieder nach seiner Uhr, als ob er
der ersteren nicht glaube, da es so frh noch sei, und endlich halb sechs
Uhr, heute frher als gewhnlich, kam der Koch nach hinten mit seiner
stereotypen Frage:

Captein, beleeft tu schaffen?(4)

Ja Kock, schaff man! lautete die Antwort und Schaffen brllte der
Koch, wie er sich kaum von dem Capitain abgewandt hatte, ber Deck, da es
von einem Ende bis zum anderen drhnte.

Einer der Matrosen hatte indessen schon die riesige blecherne Theekanne
aus der Cambse (Schiffskche) geholt, und nach vorn auf die Back
getragen, auf der die Schiffsmannschaft lagerte; die Jungen brachten
jetzt in groen hlzernen Schsseln den Schiffszwieback und Schwarzbrod,
wie kaltes, von Mittag briggebliebenes Fleisch, und die Leute langten
tapfer zu ihr einfach Mahl zu beenden.

Auch die Zwischendeckspassagiere waren durch den Ruf beordert worden ihren
Thee zu fassen. Noch hatte aber nicht die Hlfte derselben der
Aufforderung gengt, und selbst einzelne der Matrosen kauten noch ihren
kaum aufgeweichten Zwieback, als der willkommene Ruf ertnte die
Ankerwinde zu bemannen. Im Nu war das geschehn, wenigstens zwanzig
Passagiere hingen sich mit daran, und der Anker kam rasselnd empor, wie
die Kette nur aus dem Weg geholt und wieder umgeschlagen werden konnte. Zu
gleicher Zeit war ein Theil der Matrosen nach oben geschickt die leichten
Segel zu lsen, die Raaen flogen herum, die Schoten aus, die frische Brise
legte sich hinein, und mit dem scharf aufgeholtem Ruder fiel der Bug vor
dem Winde ab. Die Leute hingen jetzt smmtlich an den Brassen, den rasch
auf einander folgenden Befehlen zu gehorchen, und zehn Minuten spter
scho das wackere Fahrzeug an Bremerhafen vorbei in das breite Fahrwasser
hinein, und vor dem Winde dahin, da der Schaum -- ein willkommener und
lang ersehnter Anblick -- sich vorn am Buge krute.

Noch aber waren lange nicht alle Segel gesetzt; nichtsdestoweniger machten
sie trefflichen Fortgang, und bald lag Bremerhafen mit seinem darber
hinausdehnenden Mastengitter, wie das runde Fort mit seinen drohenden
Kanonen weit, weit hinter ihnen.

Aber der Deserteur? wo war der junge Bursche geblieben und warum kam er
nicht zum Vorschein, die Gratulationen seiner Mitpassagiere zu empfangen?
-- oder wute der Capitain wirklich nichts von ihm, und mute er noch
versteckt gehalten werden, da dieser nicht gar etwa noch umkehre und ihn
an die Behrden abliefere? -- sonst war doch wahrlich keine Gefahr mehr fr
ihn vorhanden. Die Passagiere frugen das unzhlige Male unter sich, wagten
aber nicht, selbst den Untersteuermann deshalb anzureden. Der wute doch
wohl am besten was er zu thun oder zu lassen hatte, und da er dem armen
Teufel freundlich gesinnt war brauchte er nicht mehr zu beweisen.

Der Lootse, der erst wieder an Deck gekommen war als die Leute anfingen
den Anker zu lichten, stand jetzt vorn auf der Back des Schiffes, dicht am
Bugspriet, und rief von da seine Befehle dem Mann am Steuerruder zurck,
die dieser, zum Beweis da er sie richtig verstanden habe, und damit kein
Irrthum mglich sei, laut zu wiederholen hatte.

Die Sonne war schon lngst hinter dem Horizont verschwunden, und die
Haidschnucke hielt in der jetzt merklich einbrechenden Dmmerung gerade
auf das Feuerschiff zu, das in der Mndung der Weser vor Anker liegt, aus
oder einsegelnden Schiffen die Richtung anzudeuten, die sie zu nehmen
haben. Auf dem Vortop der Haidschnucke wurde aber eine kleine rothe
Flagge, irgend ein verabredetes Signal, aufgehit, und gleich darauf kam
von dem Leuchtschiff, das eben sein rothes Licht entzndet hatte, ein Boot
ab, in dem zwei Mann ruderten, zwei hinten im Stern des Bootes, und drei
vorne im Bug saen.

Die Zwischendeckspassagiere hatten indessen meist das obere Deck
verlassen, vor vlliger Dunkelheit ihre Schlafstellen unten in Ordnung zu
bringen, was nachher immer mit einiger Schwierigkeit verbunden war. Nur
Einzelne standen noch oben, die mit gespanntem Interesse den Bewegungen
des neu anrudernden Bootes entgegensahen, in dem sie kaum etwas anderes
erwarteten, als eine zweite Visitation.

Verdammt will ich sein brummte dabei der Mann mit den kurzen Haaren, der
bis dahin besonders aufmerksam das Mannver mit den Flaggen und dem
abkommenden Boot betrachtet hatte, wenn uns die nicht nochmals ihre
Sprhunde herber schicken; hol sie der Teufel, sie becomplimentiren uns
wohl so hinaus bis in die offene See.

Nun, wenn sie am hellen Tage Nichts gefunden haben, werden sie wohl
diemal auch mit langer Nase abziehn sagte Steinert, der dicht neben ihm
stand. Jetzt kann ich mir aber auch denken, weshalb der Capitain mit der
Abfahrt von unserem letzten Ankerplatz so lange gezgert hat.

Nun? sagte der finstere Bursch und sah ihn von der Seite an.

Er hat gewut, da ihm die Rothkragen hier noch einmal an Bord steigen
wrden flsterte Steinert geheimnivoll und deshalb gewartet, da er
hier erst mit schummrig werden eintrfe -- so ist's.

Fr so gescheut htt' ich ihn gar nicht gehalten brummte der Erste
wieder aber da sind sie setzte er dann hinzu, indem er sich vom Bord
abdrehte und nach dem Eingang des Zwischendecks zu ging -- hol sie der
Teufel, ich mag sie nicht sehn; wenn sie 'was von uns wollen, knnen sie
zu uns herunter kommen.

Mag wohl seine Ursache haben, da er die Polizei nicht leiden kann
lachte der Untersteuermann leise dem einen Matrosen zu, der neben ihm
stand und ein zusammengerolltes Tau in der Hand hielt, es dem nahenden
Boote zuzuwerfen.

Futter fr Amerika sagte der Mann, verchtlich den Kopf auf die Seite
werfend -- _der_ kommt durch --

Ja Hans, wenn er nicht mit dem Kopf darin stecken bleibt; meinte der
Untersteuermann, dem Passagier nachsehend, wie er eben in das Deck
hinunter stieg. Das Gesprch der Beiden wurde aber in diesem Augenblick
durch das Boot selber abgebrochen, das langseits kam. Des Lootsen Ruf
hatte inde die Fock und die Vormarssegel backbrassen lassen, da das
Schiff in diesem Augenblick keinen Fortgang weiter, als mit der Strmung
selber machte, und wenige Minuten spter kletterten fnf Mnner an Deck
und wurden, auf die Frage des Einen von ihnen, nach dem Capitain auf das
Quarterdeck gewiesen.

Steht bei hier und nehmt die Kisten herauf! tnte inde der Ruf des
Steuermanns, und Taue wurden in das Boot hinuntergelassen -- drei
gewhnliche Seemannskisten an Bord zu heben, die indessen oben an Deck
stehen blieben.

Der Capitain stand mit Professor Lobenstein und dem Lootsen allein auf dem
Quarterdeck, als die fnf Mnner die kleine Treppe, die dazu hinauffhrte,
erstiegen. Auf ein paar Worte des ersten blieben dreie von ihnen, denen
der vierte fast wie zur Bewachung beigegeben war, an der Treppe stehn,
whrend Jener auf den Capitain zu ging und mit militrischem Grue an sein
Mtzenschild griff. Der Mann war brigens in Civil gekleidet, und trug
einen dunklen langen Rock und eine einfache Tuchmtze, aber mit steifem
groen Deckel, die etwas uniformsmiges an sich hatte.

Habe ich das Vergngen mit dem Capitain dieses Schiffes zu sprechen?
sagte er artig, als er sich ihm nherte.

Ich bin der Schiffer, ja sagte Siebelt, den Gru sehr kurz erwiedernd --
Sie bringen mir die bewuten Passagiere?

Ja wohl Herr Capitain -- hier ist meine Legitimation; drfte ich Sie
bitten mir die Quittung fr richtige Ablieferung zu schreiben.

Auch noch -- brummte Siebelt mrrisch -- kommt einmal her Ihr Burschen!

Ihr sollt vortreten; habt Ihrs nicht gehrt? sagte der andere, der bei
den dreien stehn geblieben war, barsch, und die Leute folgten rasch dem
Befehl. Es waren drei ziemlich krftige untersetzte Gestalten, zwei von
ihnen, von etwa achtundzwanzig bis dreiig Jahren; der dritte nur schien
lter zu sein, doch lie sich das in dem ungewissen Dmmerlicht kaum noch
erkennen. Sie waren Alle in graue kurze ganz neue Rcke von groben Tuch
und in eben solche Hosen gekleidet, und trugen Mtzen von derselben Farbe
in der Hand; ihre starkmarkirten und eben nicht einnehmenden Zge waren
aber bleich, und die Augen, die scheu den Boden suchten, oder unruhig ber
Deck umherschweiften, lagen ihnen tief in den Hhlen.

Der Capitain sah sie, Einen nach dem Anderen, still und forschend an und
sagte endlich:

Hrt einmal, ich habe Euch hier an Bord bekommen, um Euch mit nach
Amerika hinberzunehmen; ich hoffe, da Ihr Euch an Bord gut betragen
werdet; wenn Ihr's nicht freiwillig thut, ist's Euer eigener Schade, denn
thun _mt_ Ihr's. Uebrigens werdet Ihr wohl wissen was Euch selber gut
ist, und nun nehmt Euere Sachen und macht da Ihr damit unter Deck kommt;
der Untersteuermann wird Euch Euere Coye anweisen. Da Ihr die Muler
haltet brauch' ich Euch wohl nicht erst zu sagen -- schon gut, ich wei
schon, macht jetzt da Ihr nach vorn kommt -- und dem Fremden den Zettel
aus der Hand nehmend ging er in die Cajte hinunter.

Knnen wir aufbrassen Capitain? rief der Lootse hinter ihm her als er
hinunter ging; es wird zu spt wenn wir noch lnger hier Zeit
vertrdeln.

Brat nur auf Lootse rief der Capitain zurck, ich bin gleich wieder
oben.

Die Raaen fuhren herum, die Vorsegel faten den Wind wieder, und das
Schiff bewegte sich rascher vorwrts auf seiner Bahn.

Hallo sagte der eine Mann, der den Oberbefehl ber das Boot zu fhren
schien, indem er ber Bord sah -- nehmen Sie uns nicht etwa mit.

Habt keine Angst Kamerad sagte der Untersteuermann, der eben an ihm
vorberging, den Neugekommenen ihre Pltze anzuweisen -- da blieben wir
eher hier die ganze Nacht liegen.

Danke sagte der Mann --

Keine Ursache, ist gern geschehen, der Untersteuermann, als er seinen
Tabackssaft -- die Seeleute kauen meistentheils -- ber Bord spritzte, und
langsam die kleine Quarterdeckstreppe hinunter stieg.

Der Capitain kam brigens nach sehr kurzer Zeit schon wieder zurck, und
bergab dem Manne seinen Zettel -- die Quittung fr richtige Ablieferung
von drei Verbrechern, denen im Boot erst _die Eisen_ abgenommen waren, und
die sich in Amerika bessern, oder doch jedenfalls allein fttern sollten.

Danke Capitain sagte der Mann, indem er das Papier zusammenfaltete und
in die Tasche schob -- Nichts fr ungut -- Sie wissen wohl --

-- Schon gut sagte der Seemann mrrisch -- das ist brigens das letzte
Mal, da ich derlei Geschichten besorge, und wenn ich mein Schiff
verlieren sollte -- Sie knnen das den Herren meinetwegen sagen.

Derlei Bestellungen bringen Nichts ein meinte aber der Mann trocken,
so, gute Fahrt Capitain, wir sind wahrhaftig schon ein ganz Stck am
Leuchtschiff vorbei und werden tchtig rudern mssen gegen den Strom an.

Der Capitain drehte sich ab und ging auf die andere Seite des Schiffs
hinber, whrend die Fremden rasch in ihr Boot hinunter kletterten.

Der Lootse zeigte aber jetzt, da es ihm Ernst war aus der Weser zu
kommen; Segel auf Segel wurde gesetzt vor der immer frischer und krftiger
einsetzenden Brise, bis sich das Schiff unter der Last derselben bog, und
schumend seine Bahn dahin scho. Im Osten hob sich indessen der Mond, und
go sein funkelndes Licht ber den weiten Strom, bei dem sich eben noch
die ausgelegten Tonnen erkennen lieen, das Fahrwasser zu halten. Das
Wasser war ebenfalls noch vollkommen ruhig, aber der Strom doch hier schon
so breit, da die Brise ihren Einflu darauf ausben konnte, und das
Schiff begann sich mit der schwellenden Dnung leicht zu heben.

Bei dem wundervollen Abend, der warm und licht auf dem Wasser lag, hatten
sich indessen die meisten Passagiere wieder auf Deck gesammelt, und in
kleinen Gruppen erst eine lange Weile das Geheimni des zweiten Bootes,
aus dem sie nicht klug geworden, besprochen. Auch neue Passagiere, von
deren Ankunft man schon in Brake gewut, und eine Coye fr sie
zurckgehalten hatte, waren damit gekommen, Niemand konnte sagen woher,
noch sich, so lange es dunkel blieb, ber ihr Aussehn in's Klare stellen;
die Leute selber aber standen Niemandem Rede; Steinert hatte das schon
lange versucht. Des glcklich durchgebrachten Deserteurs Erscheinen lenkte
zuerst den Strom der Unterhaltung wieder in einen anderen Canal; der junge
Bursche war aber noch scheu und schchtern; er konnte es sich noch gar
nicht denken, da er der fr ihn furchtbaren Gefahr so glcklich entgangen
sei, und forschte durch die Dunkelheit nach allen Seiten hin, bei dem
schwachen Licht des Mondes ein irgendwo nahendes Boot zu erkennen. Die in
der Weser vor Anker liegenden Tonnen, die das Fahrwasser bezeichnen und
zum Theil wei angestrichen sind, hielten ihn dabei fortwhrend in Alarm,
und er frug die Matrosen unzhlige Male, ob er denn nun wirklich nicht
mehr zu frchten htte, da in der Nacht ein Boot mit Polizeibeamten an
Bord kommen knne.

Steinert zeigte sich indessen unter den Lebhaften als den Lebhaftesten.
Das Gesprch war durch das Polizeischiff auf hnliche Flle gekommen, wo
diesem achtbaren Institut eine Nase gedreht worden, und sprang dann, in
einem natrlichen Ideenflug auch auf das Pasch- und Schmuggelwesen
hinber, in dem der Weinreisende, wenn sich Alles so verhielt wie er es
erzhlte, seiner Zeit Auerordentliches geleistet hatte und er wurde nicht
mde davon zu erzhlen. Mitten in einer prachtvollen Anekdote aber schwieg
er pltzlich still, und sah sich nach allen Seiten um.

Suchen Sie wen, Herr Steinert? frug ihn der junge Literat, der ein
eifriger Zuhrer der Geschichten gewesen war und sich immer dann und wann
gegen den Mond drehte, auf ein kleines Zettelchen mit Bleistift einzelne
Worte -- wahrscheinlich die Pointen der Erzhlungen -- zu notiren.

Ich? nein -- ich wei nur nicht sagte Steinert -- das Schiff fngt sich
an so fatal zu bewegen -- immer so auf und nieder; ich glaube -- ich glaube
die Leute haben zu viele Segel aufgesetzt.

Ja, irgendwo ist es doch wohl nicht in Ordnung bemerkte auch jetzt Herr
Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, der schon seit einigen Minuten ganz
still gesessen, nicht mehr gelacht, oft die Augen geschlossen, und dann
auf einmal sehr tief Athem geholt hatte.

Oh, es fngt ein wenig an zu schaukeln sagte Herr Theobald, der sich
durch die Bewegung noch nicht incommodirt fhlte, bitte erzhlen Sie nur
weiter. --

Ja -- wo war ich doch gleich stehn geblieben?

Wie Sie mit dem Mauthbeamten in der Schenke saen und die Wette mit ihm
machten -- untersttzte ihn der junge Literat.

Ach ja so -- ja da -- das schaukelt wirklich unangenehm sagte aber Herr
Steinert, der den Faden nicht wieder finden konnte -- ich sitze auch hier
auf einem hchst fatalen Fleck -- viel zu hoch; das ist doch ein gttlicher
Abend -- wir wollen ein wenig auf Deck spazieren gehn.

Das Spazierengehn half aber auch Nichts, die Bewegung des Schiffs wurde
merklicher, je mehr sie sich der offenen See nherten, und je weiter sie
vom Lande abkamen, wo der Wind mehr Gewalt auf das Wasser hat und die
Wellen weiter rollen knnen und grer werden. Schon standen hie und da
Einzelne ber Bord gelehnt, und thaten als ob sie hinaus auf's Wasser
shen, immer aber in einer sehr verdchtigen Stellung, dem belstigten
Magen Luft zu machen, bis sich bei Manchem das Faktum nicht mehr
verheimlichen lie, und die ersten Seekranken durch einen Jubelruf der
noch Gesunden proklamirt wurden.

Es ist dabei eine sonderbare Thatsache, da sich die meisten Menschen
schmen seekrank zu werden, und es so lange verheimlichen wie nur irgend
mglich; wie denn auch Niemand weniger an Bord eines Schiffes auf Mitleid
zu rechnen hat, als eben ein von diesem Feind Befallener. Was auch sein
Leiden sein mag, wie ihn die Krankheit mitnimmt und nach und nach
entkrftet und herunterbringt, ja whrend er daliegt und den Tod
herbeiwnscht, um nur endlich von seinem entsetzlichen Jammer befreit zu
werden, die Gesunden stehn dabei und lachen und spotten ber den armen
Teufel, und das einzige Gute nur dabei ist, da er sie nicht hrt, oder
wenn er es hrt, sich Nichts daraus macht. Gegen Alles abgestumpft auf der
Welt, wo es ihm selbst gleichgltig wre, wenn man ihn bei den Beinen
fate und ber Bord zge, was macht er sich da aus dem Hohn irgend eines
Anderen.

Seekrank, fr den den es betrifft, ein entsetzliches Wort, und doch eine
Krankheit, an der noch kein hundertstel Procent der Leidenden gestorben.
Was fr Mittel sind nicht schon dagegen empfohlen, wie viel tausend Aerzte
haben nicht schon gethan, als ob sie das Heilmittel dagegen gefunden und
dies und das angerathen, den furchtbaren Gegner entfernt zu halten. Aber
es giebt kein Mittel dagegen; wer etwas braucht und sie nicht bekommt, hat
nicht nthig das Heilmittel weiter zu empfehlen, denn er selber htte die
Krankheit auch ohnedies nicht bekommen, und dessen Magen ihn in den
Bereich derselben bringt, mag sich nur getrost in sein Schicksal
_ergeben_, er mu durchmachen was ber ihn verhngt ist, und hat nur die
einzige Genugtuung spter, wenn er dem tckischen Gott sein Opfer
gebracht, eben so ber Andere lachen zu drfen, wie Andere frher ber ihn
gelacht haben.

Das Schiff bewegte sich nun allerdings noch sehr wenig, doch aber genug,
den meisten der daran gar nicht gewhnten Passagiere, wenn sie auch nicht
Alle krank wurden, Unbehaglichkeit zu verursachen, und trotz des
herrlichen Abends wurde das Deck gar bald von ihnen gerumt. So fatal
ihnen die Luft unten im Zwischendeck war, fanden sie doch im Niederlegen
einige Erleichterung, und suchten frh das Lager. Was kmmerte sie jetzt
der Lootse, den sie hatten wollen von Bord gehen sehen, was der Mondschein
auf dem zitternden wogenden Wasserspiegel; es zitterte und wogte eben und
das mochten sie nicht sehn, und schon der Gedanke daran war ihnen fatal.

Noch vor zehn Uhr erreichten sie inde die letzte Wesertonne, die Grenze
der Nordsee, auf ein Zeichen von Bord aus, durch aufgehangene Lichter
gegeben, kam der dort kreuzende Lootsencutter heran, seinen Lootsen von
Bord zu nehmen, und wie als ob der Wind nur darauf gewartet htte, sich
nun einmal recht voll und ernstlich in die Segel legen zu knnen, nahm er
beide Backen voll, und kam so scharf und heulend von Nordost herunter, da
der Capitain die Oberbramsegel nieder und die schon zu Starbord gesetzten
Leesegel wieder einnehmen lie. Die See wurde dabei natrlich nur immer
unruhiger, und die kleinen kurzen Schlagwellen der Nordsee, die berhaupt
die unangenehmste Bewegung machen, berwrzten sich schon mit ihren wei
schumenden Kmmen, und jagten wie im tollen Spiel hinter und neben dem
durch sie hinbrausenden Schiffe her.

Arme Passagiere -- und in der Cajte sah es nicht besser aus als im
Zwischendeck. Wenn Schiffe bei vollkommen ruhigem Wasser in See gehn, und
der Wind erst allmhlig wchst, da sie die Bewegung so nach und nach
gewohnt werden, und die Krper es lernen derselben nachzugeben, so bleiben
oft viele Reisende von der Krankheit ganz verschont. Der Magen gewhnt
sich an das Schaukeln, und selbst ein kleiner Sturm bringt sie spter
nicht mehr aus dem Gleichgewicht; wo aber der Wind, so wie hier, gleich am
ersten Tage, wenn auch gar nicht gerade scharf einsetzt, wenn nur die
kleinen kurzen Wellen erst einmal einen Kamm bekommen, dann bleiben wenige
verschont, und der Koch darf ein paar Tage lang die Schweine mit den
Erbsen und Bohnen fttern, die er fr die Passagiere in den Kessel gethan;
die Leute denken gar nicht daran sich ihr Essen zu holen, und schon das
Wort _Schaffen_ verursacht ihnen Ekel.

In der Cajte war wirklich nur der junge Henkel, der schon mehre Seereisen
gemacht, verschont geblieben, jedenfalls der Einzige, der mit dem Capitain
und den Steuerleuten am Frhstckstisch erschien und tapfer zulangte; die
Anderen lieen sich unwohl melden, und nur der Herr von Hopfgarten, ein
kurzer, kleiner Mann, aber sonst voll Feuer und Leben, behauptete einzig
und allein keinen Appetit zu haben, sonst aber sich vollkommen wohl zu
befinden.

Einzelne Charaktere entwickelten sich auch in dieser Krankheit im
Zwischendeck auf wunderbare Weise. Herr Mehlmeier z. B. lag ausgestreckt
auf dem Gepck mit von sich geschobenen Armen und Beinen, als ob er so
wenig wie mglich von seinem Krper um sich herum haben mchte. Er lie
sich dabei schtteln und stoen und rufen und schimpfen, wenn er irgend
Jemandem im Wege lag, und verhielt sich so vollkommen regungslos, da er
einmal schon zu dem Gercht Veranlagung gab, der Schlag htte ihn gerhrt.
Aber auch das war wieder den Anderen gleichgltig, und nur Herr Theobald,
der bis jetzt noch verschont geblieben war, notirte sich den Fall, und
ging dann hin sich selber zu berzeugen.

Steinert war nach ihm das beklagenswertheste Subjekt die Familien
Rochheimer und Lwenhaupt lagen in einem Zustand, der sich kaum denken,
auf keinen Fall aber beschreiben lt.

Theobald hielt sich, wie gesagt, noch ziemlich tapfer, und lachte die
Kranken aus nach Herzenslust; das viele Umhergehn im Zwischendeck aber
vielleicht, mit der doch strker werdenden Bewegung des Schiffes, bte
auch auf ihn zuletzt seine Wirkung aus. Er steckte auf einmal sein
Taschenbuch dahin wohin es gehrte, schob die Hnde nach, und stellte sich
ganz still an die Railing an, bis auch diese ihm nicht mehr Sttze genug
schien, und er nun, in der Angst da seine Mitpassagiere merken knnten
wie ihm zu Muthe wrde, auf eine eigene Idee fiel, den traurigen und nicht
mehr wegzulugnenden Zustand zu verbergen. Er band sich sein Halstuch um
die Ohren, hielt die Hnde an den Backen und legte sich endlich, nicht
mehr im Stande auf seinen Fen zu bleiben, mit dem Kopf auf eine der
Nothspieren mitten in den Gangweg hin, wo die Matrosen fortwhrend
vorber, und jetzt ber ihn wegsteigen muten.



Der erste der ber ihn weg_fiel_, war der kleine Lwenhaupt, dem er noch
vor kaum einer halben Stunde einen Teller mit fettem Fleisch unter die
Nase gehalten, und dadurch den armen Teufel fast zur Verzweiflung, dessen
Krankheit aber jedenfalls zu vollem Ausbruch gebracht hatte.



O sehn Sie 'mal an, bester Herr Theobald sagte dieser, als er sich
wieder aufgelesen und, mit todtenbleichem Gesicht, seinen Arm auf eines
der Wasserfsser sttzte, das Gleichgewicht zu halten -- Sehn Sie 'mal an;
jetzt werde ich Ihnen wohl knnen en Tellerche mit Fleisch unter die Nasen
halten und fragen, ob Sie Appetit htten, heh? -- Das kommt davon, wenn man
andere Leute cugginirt.

Ich habe furchtbare Zahnschmerzen sagte aber Theobald, die Nase fester
an die Nothspiere drckend -- lassen Sie mich zufrieden.

Zahnschmerzen? -- so? sagte der kleine Mann mit einem total
verunglckenden Versuch ber ihn zu lachen -- vielleicht hlfe _Ihnen_
dagegen en Stckchen Speck.

Halten Sie's Maul! rief aber Theobald, dem der Ekel ber die angebotene
Mahlzeit den Mund breitzog.

Jawohl -- sagte aber der unverwstliche Lwenhaupt, der nach
vollstndiger Ausleerung einige Erleichterung versprte, der Zahn wird
wohl gleich mit der Wurzel herauskommen, ganz von selber, kann ich mir
etwa denken -- nur a kleines Stckle fettes Fleisch.

Er konnte nicht weiter reden, denn Theobald sprang in die Hhe und war
kaum im Stande den Schiffsrand zu erreichen und ber Bord zu sehn; bei dem
Anblick wurde es aber Lwenhaupt auch wieder weh und weich um's Herz, und
er leistete dem Dichter treue Gesellschaft.

Die einzigen, die im Zwischendeck vollstndig, wenigstens fr jetzt von
der Seekrankheit verschont blieben, waren Maulbeere, seines Gewerkes ein
Scheerenschleifer wie sich endlich herausgestellt, Georg Donner, des
Pastors Sohn aus Waldenhayn, der mit einem der Oldenburger Bauern und
einem langen Schneider eine Coye bekommen hatte, der Mann mit den
kurzgeschnittenen Haaren, und vier oder fnf von den Frauen, unter ihnen
Hedwig. Die anderen muten alle mehr oder weniger davon leiden, und selbst
von den Gesunden bewahrte der Scheerenschleifer fast allein seinen
unverwstlichen Appetit, und sa entweder an Deck und rauchte seinen
nichtswrdigen Taback, da es Niemand unter dem Wind von ihm aushalten
konnte, oder er hockte, zusammengedrckt wie ein groer ungeschlachter
Affe, in seiner Coye, und knapperte den halben Tag lang an dem trockenen
Schiffszwieback. Dabei sprach er kein Wort und schnitt allen, die an ihm
vorbergingen, solche Gesichter, da sich die Frauen schon vor ihm
frchteten und ihm auch spter immer scheu aus dem Wege gingen.

Da unter solchen Umstnden selbst Frau von Kaulitz nicht an ihre Parthie
dachte, versteht sich von selbst, und die nchsten Tage bekam sie nur der
Cajtenjunge, ein Mulatte von zwlf oder dreizehn Jahren zu sehen, der
immer kopfschttelnd die verschiedenartigsten Waschbecken aus und ein
schleppte, und jedesmal, wenn er die Cajte verlie, dem Steward mit den
merkwrdigen Grimassen eine Menge Geschichten erzhlte, ber die sich
dieser dann todt lachen wollte. Der Steward hatte dabei eine so sonderbare
Art zu lachen, da er immer die Augen schlo, und es einmal auch richtig
mglich machte, mit einem ganzen Korb voll Theegeschirr die halbe Treppe
in die Cajte hinunter zu fallen. Der Rheder mute das Geschirr spter
wieder ersetzen, und der Mulatte bekam indessen dafr die Prgel.

Mit einem prachtvollen Nordoster brauste das wackere Schiff seine Bahn
entlang, durchschnitt die grnen Fluthen unseres vaterlndischen Meeres,
der Nordsee, und lief dann, mit Leesegeln an beiden Borden zwischen Dover
und Calais hindurch in den Canal ein. Wohl glhten an dem Abend die
Leuchtfeuer der englischen und franzsischen Kste wie Meteore durch die
Nacht herber, und der nordische Himmel funkelte seinen schnsten Glanz in
Myriaden Sternen nieder, aber Niemand achtete darauf; die Seeleute hatten
das Alles schon, wie oft, gesehn, und die Passagiere lagen in ihren Coyen,
viele ihren Blechtopf im Arm, und sthnten und chzten -- wie mancher mit
bitterer Reue im Herzen, da er je thricht genug gewesen das feste Land
zu verlassen, selbst Amerikas wegen. Die wenigen Gesunden hatten mit ihren
kranken Freunden zu thun, und nur der junge Arzt, Georg Donner, lag vorn
zwischen den Lauftauen des Bugspriets und schaute trumend hinaus in die
stille Nacht, der Lieben daheim gedenkend.

Das Licht was dort herberblinkte vom fernen fremden Ufer, glich es nicht
dem Schein der Abendlampe, die in des Vaters Zimmer brannte? -- Oh wie oft
hatte er, Abends heimkehrend, den freundlichen Strahl sich entgegen
leuchten sehen und dort, das Haupt in die Hand gesttzt, sa der Vater und
arbeitete an seiner Predigt, und die Mutter da drben, auf dem Sopha dicht
neben dem Ofen, mit der kleinen grnen Lampe dicht herangerckt, las in
der Bibel und folgte den so wohl bekannten Zeilen mit dem Finger die ganze
Seite nieder -- Aber nein, sie las nicht -- die Brille legte sie ins Buch,
wischte sich die Augen mit der Hand und schaute still und seufzend ber
das Buch hinaus. Ihre Gedanken waren nicht dabei -- sie flogen weit, weit
hinaus ber das Meer dem fernen Schiffe nach, das ihr den Sohn entfhrte,
das Kind -- das liebe, liebe Kind.

Matter und immer matter glhte das ferne Licht herber -- Georg sah es
schon lange nicht mehr und die Augen mit der Hand bedeckt, im Dunkel der
Nacht, nur mit den Sternen ber sich, weinte er still, und ihm war, als
ober die Thrnen niederfallen hrte auf das vergriffene Buch, in dem die
Brille lag.





                                Capitel 5.


                             DIE PASSAGIERE.


Fnf Tage waren so vergangen; durch die schwere westliche Dnung die fast
stets vor dem Canal steht, hatte das wackere Schiff, von kundiger Hand
gefhrt, seine Bahn gefunden, und der atlantische Ocean schaukelte es auf
seiner tiefblauen, weit wogenden Fluth. Auch die Passagiere thauten auf;
ihre Krper gewhnten sich an die schaukelnde, und bei dem guten Wetter
doch mehr gleichmige Bewegung des Schiffs, und als am sechsten Tag der
Wind schwcher und schwcher wurde, und die Wogen sich legten und
beruhigten kamen sie vor aus ihren Coyen, bleich und hohlugig zwar wie
Leichen aus ihren Grbern, aber doch meist geheilt von der furchtbaren
Qual. Sie lernten auch wieder essen und trinken, der Magen _behielt_ was
ihm geboten wurde, und selbst der Frhstckstisch in der Cajte belebte
sich.

Frulein Amalie von Seebald lehnte an der Railing des Quarterdecks -- es
war Morgens um zehn Uhr, und die meisten der brigen Damen noch nicht
sichtbar -- und schaute, mit den weien Fingern der linken Hand in ihren
Locken spielend, trumerisch ber das Meer hinaus. Der Untersteuermann
hatte die Wacht und sa, ein Leesegel ausbessernd, auf einer niederen Bank
kaum drei Schritte von ihr.



Wie wundervoll ist doch die See, sagte die Dame, ein Gesprch mit dem
Seemann anknpfend, dem ja das Meer Beruf geworden, und der es sich nicht
gewhlt haben wrde, wenn nicht sein Herz an den blauen Wogen hing -- wie
herrlich schatten sich jene dunklen Tinten gegen die leisen lichten
Kruselwellen ab, die von ihnen, wie zarte Kinder getragen, in dem Ku des
Zephyrs zu vergehen scheinen.



Der Untersteuermann sah die Dame mit einem halbscheuen Seitenblick an; er
hatte keinesfalls verstanden was sie sagte, auch keine Idee dabei da sie
ihn angeredet, und glaubte wahrscheinlich sie spreche mit sich selber,
Frulein Amalie aber fuhr langsam und schwrmerisch fort:



Wie weich und duftig liegt des Aethers Halle auf dieser Fluth, und wlbt
sich zum Dom ber der unerforschten Tiefe -- oh ist es nicht schn -- nicht
gottvoll auf der See, Steuermann?



Elkig, wie der Untersteuermann hie -- also bei seinem Titel und direkt
angesprochen, mute wenigstens eine Antwort geben, drehte also den Kopf
halb nach der Dame um, da er einen Blick auf das Wasser bekam, spuckte
seinen Tabackssaft ber Bord und sagte, sich mit dem Rcken der linken
Hand die Lippen wischend.

Ach ja, s'ist recht hibsch.

Welchen kalten Ausdruck gebrauchen sie dafr, verwies ihn aber die Dame
-- wie lt sich das Erhabene dieses Anblicks in solche Sylbe fassen,
_hbsch_; aber die Gewohnheit stumpft uns selbst gegen das Gewaltige ab,
und ich habe mir erzhlen lassen, da z. B. am Niagara-Fall Menschen
wohnen, die nicht einmal mehr das donnernde Brausen des Riesensturzes
hren.

Werden wohl taub davon geworden sein meinte Elkig in unzerstrbarer
Ruhe, indem er sich zugleich einen neuen Drath einfdelte.

Frulein Amalie hatte glcklicher Weise diese Bemerkung berhrt, ihr
Geist schweifte ber der Tiefe, und ihre Gedanken nahmen einen anderen
Flug.

Wie die Mve dort mit dem Kreisschlag ihrer Flgel die flchtige Woge
streift, und dann fortzieht, weit und allein ber die endlose Flche --
ihre Heimath -- welche Aehnlichkeit hat doch das Bild mit dem Seemann
selbst, der auch ber die blauen Wogen seine Furchen zieht -- seine Heimath
das Meer.

Der Untersteuermann nhte ruhig weiter; die Geschichte war ihm griechisch
und er verstand keine Sylbe davon; brigens war das keine direkte Frage
gewesen, und er brauchte also auch nicht darauf zu antworten.

Und wenn er nun die zurcklt die ihm lieb sind fuhr die Dame fort, ein
trbes Bild jetzt vor sich heraufbeschwrend, wenn sein Weib, seine
Kinder daheim sein harren; mit ngstlich klopfenden, fast erstarrten
Herzen dem grollenden Donner lauschen, der seinen Strahl hineinschmettern
kann in das Schiff das den Geliebten trgt -- oh schrecklich -- schrecklich.
-- Sind Sie verheirathet? fuhr sie dann nach kleiner Pause, whrend sie
das Gesicht in den Hnden geborgen hatte, wieder gegen den Seemann gewandt
fort.

Dieser, der inde mit dem Mann am Steuer, einem alten sonngebrunten
Matrosen, ein paar nichts weniger als andchtige Blicke gewechselt hatte;
sah sich wieder halb nach der Fragenden um, sich erst zu berzeugen da er
auch wirklich gemeint sei.

Wer -- ich? frug er nach kleiner Pause.

Ja -- ich meine Sie.

Ne! lautete die, von einem entsprechenden Kopfschtteln begleitete,
sonst jedenfalls bndige Antwort, und wieder spuckte der Mann seinen
Tabackssaft ber Bord.

Aber Sie haben doch gewi eine Braut -- eine Geliebte zurckgelassen von
der Sie der Abschied geschmerzt und traurig gemacht?

Der Untersteuermann horchte hoch auf, und der Mann am Steuer, dem die Dame
den Rcken zudrehte, sah seinen Vorgesetzten mit solch trocken komischem
Blicke an, da dieser sich nicht mehr helfen konnte und gerade
hinauslachte.

Recht htten Sie sagte er aber dann, etwas verlegen -- einen Schatz soll
ich woll haben.

Nicht wahr ich hab es errathen? rief die Dame rasch, das Lachen gern in
der Freude bersehend einem romantischen Verhltni auf die Spur zu kommen
-- und den muten Sie verlassen?

Ja lieber Gott sagte der Untersteuermann, dem nicht wohl bei dem
Gesprche wurde, denn er konnte noch immer nicht herausbekommen ob die
Dame wirklich ernsthaft sei, oder ihn nur zum Besten haben wolle -- das
ist mit uns Seeleuten nun einmal nicht anders -- wer kann's helfen.

Und sehnen Sie sich denn recht nach ihr zurck?

Der Mann am Steuerrad sah mit einem unbeschreiblichen Blick gerade ber
sich in die Wolken, und kratzte sich mit der rechten freien Hand hinter
dem Ohre.

Ach ja sagte der Untersteuermann mit einem unbeschreiblichen Blick, und
einem noch viel unbeschreiblicheren Ausdruck in der Stimme.

Und Sie Armer mssen jetzt nach New-Orleans?

Ach, da krieg ich woll wieder eine Andere sagte in aller Unschuld der
Seemann, ohne von seiner Arbeit aufzusehn; aber es war gut fr ihn da in
diesem Augenblick der Capitain an Deck erschien und ihn nach vorn sandte,
eine der Vorstengenpardunen nachzusehn, die durch das Segel schamfiehlt
worden. Frulein von Seebald blieb inde wirklich stumm vor entrstetem
Erstaunen ber die herzlose Bemerkung eine ganze Weile stehn, und zog sich
dann mit ihrer schmerzlichen Enttuschung in ihre innerste Cajte zurck.

Das Leben an Bord des Schiffes hatte inde seinen geregelten Gang begonnen
und der Gesundheitszustand der Passagiere sich so gebessert, da mit nur
wenigen Ausnahmen Alle ihre bestimmten Mahlzeiten faten, und die
verschiedenen Coyen sich, so unbequem ihnen das auch wohl im Anfang
vorgekommen, endlich einrichteten die regelmige Vertheilung der
Lebensmittel unter sich vorzunehmen. Die Leute mssen unter solchen
Verhltnissen erst ordentlich mit einander bekannt werden, und werden das
auch in der That leicht an Bord eines Schiffes. Dann stehen auch noch im
Anfang eine Menge Sachen umher und im Wege, die spter einen Platz
bekommen; das ganze Schiff schttelt sich durcheinander und man findet
zuletzt da man da existiren, und endlich sogar verhltnimig bequem
existiren kann, wo frher Alles ber- und durcheinander lag.

Den Passagieren selber that aber diese jetzt eintretende Ruhe wohl; bis
jetzt waren sie sich ihrer kaum bewut geworden, und von dem Abschied aus
der Heimath theils, theils von der Sorge um ihr Gepck, und zuletzt der
Seekrankheit so in Anspruch und mitgenommen worden, da diese ganze Zeit
fast wie ein bser, schwerer Traum hinter ihnen lag, ber den sie wohl
noch den Kopf schttelten, der aber doch glcklich berstanden war. Nichts
an Bord erinnerte sie auch mehr an das Vergangene, und was fr Vergleiche
sie auch wohl spter im Stande sein mochten anzustellen ber das was sie
_verlassen_, ber das was sie dafr _wiedergefunden_, diese Zeit jetzt
gehrte sich selbst und lag auer aller Verbindung mit Vergangenheit und
Zukunft.

Das Wichtigste und wirklich Schwierigste fr die Mehrzahl der Passagiere
war dabei, eine richtige Zeiteinteilung zu finden. _Zeit_ -- die Leute
hatten damit auf einmal etwas bekommen, das sie frher in ihrem ganzen
Leben nicht gekannt, und wuten jetzt in der That nicht was sie damit
machen sollten. Sich mit sich selber zu beschftigen -- auch keine so
leichte Kunst -- verstanden die Wenigsten von ihnen, und wo sie frher ihre
bestimmte Beschftigung und Arbeit von Tagesgrauen bis Nacht gehabt, und
Abends dann, erschpft und matt das Lager gesucht, um am nchsten Morgen
wieder zu neuen Anforderungen gestrkt zu sein, fanden sie sich jetzt
pltzlich in einer ununterbrochenen Reihe von Sonntagen, denen selbst
Morgens das Bischen Kirchenschlaf und Abends der Trunk in der Schenke
fehlte.

Die ersten Tage ging das aber immer noch; sie standen an Deck umher, und
sahen ber Bord in die See, oder den verschiedenen Arbeiten der Matrosen
zu, bis die Essenszeit -- der jetzt willkommene Ruf zu Schaffen kam, und
dann schliefen sie ein wenig, oder spielten auch wohl eine gewaltsam
arrangirte Parthie Solo oder Scat -- bis es dunkel wurde; wie aber Tag nach
Tag dasselbe und immer wieder dasselbe brachte, die See ihnen etwas
Gewhnliches, Langweiliges wurde, und das Bedrfni nach einer Thtigkeit,
das nur wenig Menschen gnzlich fehlt, wieder in ihnen erwachte, wandten
sie sich, freilich nur allmhlig und immer noch mit keiner Lust,
verschiedenen Beschftigungen zu, die sie aufgriffen und wieder wegwarfen,
etwas Anderes zu versuchen.

Die Frauen vor allen Anderen, fanden sich am ersten hinein; ein Theil von
ihnen verstand sich bald dazu dem Koch zu helfen, Kartoffeln zu schlen
und sonst kleine Dienstleistungen fr ihn zu thun -- (selbst die Mnner
halfen bei der ersteren Arbeit, da ihnen angekndigt wurde da sie ihre
Kartoffeln selber schlen mten, wenn sie eben geschlte Kartoffeln zum
Mittagsessen haben wollten, und wechselten dabei unter einander ab) dann
hatten sie ihr Geschirr zu reinigen und nach den Kindern zu sehn, und
endlich selber in _Seewasser_ ihre Wsche zu besorgen; damit verging der
Tag und die Zeit verflog ihnen rasch genug.

Schwerer wurde es den unverheirateten oder einzelnen Mnnern sich in das
Waschen zu finden, und sie schoben das so weit hinaus als mglich. So
Steinert und Mehlmeier z. B., die an kleinem und groem Geld in dem
Hafenplatz ausgegeben hatten, was sie nur irgend verfgbar bei sich
trugen, und sich jetzt doch nicht dazu entschlieen konnten die Aermel
selber aufzustreifen. Nichtsdestoweniger kleideten sie sich immer mit
groer Sorgfalt und reiner Wsche, ihren ganzen mitgenommenen Vorrath
erschpfend, und setzten sich nicht selten dem Gesptte der Seeleute und
brigen Passagieren aus, wenn sie mit ihren Geh zur Kirche Kleidern,
gewichsten Stiefeln und den Cylinderhut auf, an Deck erschienen.

Nun Herr Steinert, wollen Sie an Land? tnte dann die unermdliche Frage
von jeder Lippe, und Herr Mehlmeier wurde gewhnlich beauftragt irgend
verschiedene Kleinigkeiten zu besorgen, und um Gotteswillen die Zeitung
nicht zu vergessen. Mehlmeier hatte dabei die wunderliche
Eigenthmlichkeit, da er zu seiner Rede consequent die falschen und sehr
gewhnlich die genau verkehrten Gesticulationen machte; so nickte er, wenn
er nein sagte regelmig mit dem Kopf, und schttelte diesen bei ja, und
wenn er sich mit Jemandem zankte, was in dem Zwischendeck eines Schiffs
etwa keineswegs selten vorkmmt, so faltete er dabei die Hnde und sah
den, dem er manchmal die grten Grobheiten sagte, so bittend und
freundlich an, da sich der Streit jedesmal in ein lautes Gelchter
auflste, und die Partheien sich vershnen muten, sie mochten wollen oder
nicht.

Die Weberfamilie aus Zurschtel ging den Anderen brigens vorzglich mit
gutem Beispiel voran; der Mann, wie nur die ersten Tage an Bord mit
Krankheit und deren Nachwehen berstanden waren, arbeitete von frh bis
spt, half dem Koch in der Kche und den Matrosen wo er nur konnte an
Tauen und Segeln, und war freundlich und gefllig gegen Jedermann, whrend
die Frau die erste war, die ihren Waschtrog herrichtete und sich den
Cajtspassagieren anbot ihre Wsche fr ein Billiges so gut zu waschen und
herzustellen, wie es eben an Bord eines Schiffes mglich war. Lobensteins
machten auch zuerst Gebrauch davon; die Frau Professorin besonders wurde
die erste Kunde der wackeren Frau, und ihr schlossen sich die anderen
Damen an, das getragene Zeug wenigstens auswaschen zu lassen und rein
hinzulegen, bis es in New-Orleans mit frischem Wasser und Bgeleisen
ordentlich in Stand gesetzt werden konnte. Auch Frulein von Seebald fand
Gefallen an der Frau und stellte sich manchmal neben sie, ihr bei ihrer
Arbeit zuzusehn. Sie mute ihr dann von sich und ihrem Leben zu Hause
erzhlen, was sie dort getrieben und wie sie existirt, und das poetische
Frulein schpfte dabei ein ses Gift aus dem Zauber des Landlebens wie
sie es nannte, und dem sie sich ja auch in dem freien schnen Amerika ganz
hinzugeben gedachte.

Die Unterhaltung mit der Webersfrau zog aber noch, schon am zweiten Tage,
einen Dritten in das Gesprch; der Dichter Theobald, der unfern davon auf
einem Wasserfa, mit dem Rcken an die Hhnerkasten gelehnt sa, und sein
offenes Taschenbuch vor sich an einem Bleistift kaute, wurde aufmerksam
gemacht durch einige bilderreiche Bemerkungen der jungen Dame, schlo sein
Buch und nherte sich ihr schchtern. Sie hatten bis jetzt noch kein Wort,
hchstens einen stummen Gru, wenn man sich Morgens zuerst sah,
gewechselt, denn den Zwischendeckspassagieren war das Betreten der Cajte
oder selbst des Hinter- oder Quarterdecks nicht gestattet; ja sogar von
den Cajtspassagieren sehen es die meisten Capitaine nicht gern, wenn sich
diese mit dem anderen Theil in ein Gesprch einladen oder gar fter
zusammenkommen wollten. Capitain Siebelt war brigens nicht so streng, und
wenn ihm nur die Zwischendeckspassagiere vom Quarterdeck wegblieben, wohin
sie ihm aber unter keiner Bedingung kommen durften, lie er seinen
Cajtspassagieren ziemlich freien Willen.

Sie sehnen sich nach dem Land, mein gndiges Frulein, wie ich hre
mischte sich also Theobald in das Gesprch -- bietet ihnen denn die See
nicht des Groen, des Erhabenen so unendlich viel, dem drstenden Geist
wenigstens Nahrung zu geben auf Monate?

Sie haben recht sagte Frulein von Seebald mit leichtem Errthen -- wir
Menschen sind ungengsam, und verdienen eigentlich gar nicht all das
Schne und Groe, was uns von unserem Schpfer in so reichem Mae geboten
wird, aber dennoch, trotz dem groartigen, bewltigenden Eindruck den das
Meer auf mich gemacht, und der mich in den ersten Tagen so erschtterte
da ich ihm gar nicht zu begegnen wagte und mich in meinem stillen
Kmmerlein erst langsam auf das Ertragen dieser Gre vorbereiten mute,
fhle ich manchmal eine Leere, die ich nicht auszufllen im Stande bin.

Theobald dachte unwillkrlich an seine Zahnschmerzen, sagte aber seufzend:

Wohl kann ich mir Ihre Gefhle versinnlichen, gndiges Frulein. Der
zartdenkende Mensch empfindet anders als der rohe; er geniet aber auch
dafr mehr und wrdiger, und das Bewutsein desselben ist ihm zugleich der
Lohn; nur sich da nicht mittheilen zu knnen, das Bewutsein mit sich
herumzutragen das Alles allein genieen zu mssen ist dem Guten oft
drckend, und nur wieder und wieder zurckgestoen von der Masse die ihn
nicht versteht -- nicht verstehen _will_, sieht er sich zuletzt gezwungen
allein, mit seinem Schatz im Herzen seine Bahn zu gehn.

Sie sind Dichter rief Frulein von Seebald rasch und mit einem
berzeugten Blick zu ihm aufschauend.

Gndiges Frulein sagte der Dichter bescheiden.

Sie sind Dichter wiederholte diese aber bestimmt, und

Ich _bin_ es -- sagte Theobald mit einer Resignation, als ob er sich in
diesem Augenblick zu einem Mord bekannt htte.

Ich habe es mir gedacht flsterte Amalie leise vor sich hin -- ja, dann
gengt Ihnen das Meer setzte sie dann aber lauter hinzu, dann begreife
ich, wie Sie in dem Gefhle, auf dnner Planke ber der purpurrothen
Finsterni߫ hingetragen zu werden, sich _allein_ in dieser Wasserwste zu
wissen, ber die der blaue Aether seinen Bogen spannt, schwelgen, sich
glcklich fhlen knnen. Der Dichter ist ja der willkommene Gast des
Olymp, und des Geistes Schwingen tragen ihn rasch und leicht empor aus
allem Irdischen. Auch ich -- und tiefes Errthen frbte ihre Stirn und
Wangen -- auch ich -- die Stimme wurde so leise da Theobald die
flsternden Laute kaum verstehen konnte -- habe mich auf diesem Feld
versucht, aber die Schwingen setzte sie wrmer werdend hinzu sind noch
nicht stark genug mich hinauf zum Parna zu tragen.

Ihre Bescheidenheit tuscht Sie vielleicht nur darin sagte Theobald,
selber dabei, er wute nicht weshalb, errthend.

Ach nein seufzte die Dame, langsam und traurig den Kopf schttelnd --
aber das schadet auch Nichts fuhr sie lebendiger, sich selber trstend
fort -- wir knnen nicht Alle Nachtigallen sein, und auch die bescheidene
Lerche, die ihr einfaches Lied dem Schpfer dankend entgegenwirbelt fllt
ihren Platz in dem Weltenall, so klein, so bescheiden er sein mag, aus.

Gewi thut sie das, gewi߫ mischte sich in diesem Augenblick, ehe
Theobald noch etwas darauf erwiedern konnte, eine dritte Stimme,
allerdings unaufgefordert, in das Gesprch, und die Augen forschend auf
Frulein von Seebald geheftet, whrend er jedoch mit einer artigen und
verbindlichen, fast ngstlichen Verbeugung sie begrte, fuhr er, langsam
mit dem Kopf dabei ihr zunickend fort -- und dem lieben Gott die liebste
Sngerin ist die Lerche, denn ihr schmetterndes Lied steigt mit dem ersten
Blumenduft zu ihm empor, des Frhlings schnstes Opfer.

Sie sind _auch_ Dichter? rief Frulein von Seebald berrascht aus.

Ich? -- nein, bitte um Verzeihung -- ich heie Schultze und bin
Cigarrenfabrikant sagte der kleine Mann verlegen, whrend Theobald eben
im Begriff war ihn als seinen Coyennachbar, Herrn Schultze aus Hannover
vorzustellen.

Cigarrenfabrikant? wiederholte Frulein von Seebald mit einem
getuschten, beinah halbvorwurfsvollen Ton -- Ihrer Aeuerung nach glaubte
ich da --

Herr Schultze hat ungemein viel Phantasie nahm hier Theobald in
Verteidigung des kleinen Mannes, von dem er ein gewisses unbestimmtes
Gefhl hatte, da er ihn seines Geschfts wegen entschuldigen msse, das
Wort; wir haben uns schon mehrfach ber ein System, das er sich gebildet,
unterhalten, und ich mu gestehen da er mir in manchen Beziehungen
merkwrdige Aufschlsse gegeben, und Gedanken in mir erweckt hat, auf
deren Basis sich wirklich weiter bauen liee.

Herr Theobald sagte der kleine Cigarrenfabrikant, ist Einer von den
wenigen Menschen, die fr das Wahre empfnglich sind, und der Ueberzeugung
ihr Ohr nicht gewaltsam verschlieen.

Sie sprechen in Rthseln sagte Frulein von Seebald, drfte ich Sie um
deren Auflsung bitten?

Nichts ist leichter als das, erwiederte Theobald -- Herr Schultze geht
von der Idee aus da wir _Alle_, wie wir diese Erde jetzt in menschlicher
Form bewohnen, schon frher einmal existirt haben, und zwar als _Vgel_.

Als Vgel? rief Frulein von Seebald erstaunt -- welcher sonderbare
Gedanke.

Sonderbarer Gedanke? wiederholte aber der kleine Mann, rasch den Kopf
gegen den halben Zweifel emporwerfend -- Nichts auf der Welt ist leichter
zu beweisen als das, und Sie werden staunen, mein gndiges Frulein, wenn
ich Ihnen, in einfacher Weise den Schlssel zu den jetzt Ihnen vielleicht
rthselhaft scheinenden Worten gebe. Es ist das Ei des Columbus --
unmglich unserem noch umnachteten Blick, und ein Kinderspiel in der
Lsung.

Aber ein Vogel --

Ist Ihnen die Aehnlichkeit fremd, die das Menschengesicht mit dem
Vogelkopf hat? unterbrach sie aber der kleine Mann der jetzt auf seinem
Steckenpferde ritt und die Zgel fest und sicher fate, haben Sie noch
nie derartige Vergleiche angestellt, und wirklich tuschende
Aehnlichkeiten dabei gefunden?

Allerdings sagte Frulein von Seebald, sich mit dem dritten und vierten
Finger der rechten Hand leise die Stirn streichend, wie um ihrem
Gedchtni zu Hlfe zu kommen; eine Freundin von mir hat, wenn man mit
der flachen Hand den oberen Theil ihres Gesichts von dem unteren trennt,
eine frappante Aehnlichkeit mit dem Staar, und ein Vetter von mir, ein
junger Offizier, mit einem Adler.

Des Kleinen Augen leuchteten im Triumph.

Sehn Sie da ich recht habe? rief er, rasch und heftig dabei mit dem
Kopf nickend -- sehn Sie da wir Menschen, selbst ohne es zu verstehen,
uns dessen bewut geblieben sind was wir einst gewesen, und dessen
Grundzge selbst eine vollkommene Umwandlung unserer ganzen Gestalt,
unseres ganzen Seins, nicht im Stande war vollstndig zu vertilgen?

Aber kann das nicht zufllig entstanden sein? sagte Frulein von
Seebald, von dem ernsten Wesen des kleinen Mannes zwar eigenthmlich
ergriffen, sich aber dennoch gegen solche Theorie auch unwillkrlich
strubend -- ja finden wir nicht auch Aehnlichkeiten manchmal zwischen
vierfigen Thieren und Menschen? -- frappante Aehnlichkeiten, die ja dann
auch eben zu solcher Schlufolgerung nach dorthin uns berechtigen mten?

Sie berhren da allerdings ein Thema sagte der kleine Cigarrenfabrikant
mit ernster Miene, das mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
hat; aber ich glaube Ihnen auch selbst das widerlegen zu knnen. Der
Mensch ist, wie die Gelehrten behaupten, das vollkommenste lebendige Wesen
der Schpfung durch seinen _Geist_, aber nicht durch seinen Krper.

Nicht durch seinen Krper? rief aber hier auch Theobald erstaunt aus --
Ihr System reit Sie hin, mein guter Herr Schultze, denn welches Wesen
der Schpfung knnten Sie ihm selbst in krperlicher Hinsicht wohl
vergleichen?

Viele -- sehr viele, mein guter Doktor sagte aber der kleine Mann,
keineswegs durch den Einwurf beirrt; das Pferd ist strker und schneller,
das Wild hat schrfere Geruchssinne, schrfere Seh-, schrfere
Gehrwerkzeuge -- der Mensch ist auf den festen Grund und Boden, und zwar
auf dessen Oberflche angewiesen, einzelne Thiere dagegen bewegen sich auf
dem Lande sowohl mit Leichtigkeit, wie in der Luft als auf dem Wasser. Das
Vorzglichste von allen ist z. B. die Ente, die nicht allein vortrefflich
taucht und schwimmt, sondern auch ausgezeichnet fliegt, und ziemlich rasch
auf festem Boden vorwrts schreitet. Auch ein hlfloseres Geschpf giebt
es nicht auf dem weiten Erdball als ein Kind, whrend die Thiere, mit nur
wenigen Ausnahmen, sehr kurze Zeit nach ihrer Geburt fast, schon den
Gebrauch ihrer smmtlichen Glieder erlangt haben. Gleichwohl nennen wir
uns die Herren der Schpfung, und kriechen noch mit dem Fallhut herum,
whrend der Habicht schon in gleichem Alter auf seine Beute aus hoher Luft
herniederstt, und der Tiger in seinem Dickicht dem Bffel und Hirsch
auflauert.

Das hat Alles viel fr sich sagte Theobald achselzuckend -- aber damit
werfen Sie ja schon einmal vor allen Dingen die ganze biblische Geschichte
ber den Haufen.

Das thut mir sehr leid um die biblische Geschichte sagte Herr Schultze,
aber ich kann ihr nicht helfen, denn gerade das Einzige, womit wir
wirklich der Thierwelt berlegen sind, und was also den ersten Fortschritt
auch bildet zwischen ihr und uns, ist unser Geist, und der selber, mit
seiner Schwester, der Erinnerung, mahnt uns an die vergangene Zeit und
lt uns nicht irren.

Ich verstehe Sie nicht sagte Frulein von Seebald.

Ich werde mich deutlicher ausdrcken erwiederte der kleine
Cigarrenfabrikant. Ist es Ihnen, mein verehrtes Frulein, noch nie
vorgekommen, da Sie in der Nacht getrumt haben Sie flgen, oder
_wollten_ fliegen?

Oh wie oft! rief Frulein von Seebald rasch -- unzhlige Male schon, und
wie lebhaft dabei.

Und nachher ist es einem immer als wenn man von irgend einem alten
Kirchthurme herunterfllt, der Einem unter den Fen fortgeht, sagte
Theobald; ich mu gestehn da ich in der That die Angst habe Jemand, der
eine recht lebhafte Einbildung hat, knnte sich nur allein dadurch
wirklich einmal den Hals brechen.

Herr Schultze rieb sich in aller Freude ber die Anerkennung seines
Hauptschlusses die Hnde, Frulein von Seebald aber, die sich leicht und
gern solch neuen Eindrcken hingab, und alles Andere darber verga,
sagte, freilich immer noch nicht berzeugt, kopfschttelnd.

Aber ich begreife nur nicht wie Sie dadurch Ihre Behauptung beweisen oder
auch nur daraus herleiten wollen; ein Traum ist ein Traum.

So? sagte aber Herr Schultze, pltzlich wieder ernster werdend und fast
ein wenig piquirt -- warum trumen wir denn da nie da wir wie die Fische
im Wasser schwimmen und untertauchen, oder wie das Wild drauen im Wald
herumlaufen? warum _fliegen_ wir nur im Traum? -- weil unserem Geist, wenn
der Schlaf den Krper in Ruhe gelegt und ihn dadurch gewissermaen von der
strenden Auenwelt entfernt hat, allein in seinen _Erinnerungen_ leben
kann, und die fhren ihn zu dem zurck was er war. Sie werden glauben ich
gehe zu weit, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, verehrtes Frulein, da
ich neulich getrumt habe ich wre in der Mauser.

Frulein von Seebald und Theobald lachten gerade heraus, der Gedanke war
ihnen zu komisch, aber der kleine Mann fuhr, mit dem Kopfe nickend, ganz
ernsthaft und ohne sich irre machen zu lassen, fort.

Ja lachen Sie nur, lachen Sie nur; wir lachen ber Manches das uns spter
als nackte Wahrheit ganz entschieden in's Leben tritt. Wir _lernen_
tglich; der Mensch lernt nie aus, und in frheren Zeiten sind Menschen
fr das als Hexen und Teufelsbndner verbrannt worden, was jetzt zu
alltglicher Wahrheit geworden ist, und von Niemandem mehr bezweifelt
werden _kann_. Ich brauche Ihnen dafr keine Beispiele aufzufhren.

Haben Sie einen Blick dafr frug Frulein von Seebald jetzt den kleinen
Mann, von einem neuen Gedanken ergriffen, die Aehnlichkeit zwischen
Menschen und Vgeln oder anderen Thieren herauszufinden?

Wenn ein Jahre langes, unausgesetztes fleiiges Studium dazu berechtigt,
ja! sagte Herr Schultze mit inniger Ueberzeugung.

Gut -- welchem Thier -- oder wenn Sie so wollen, welchem Vogel gleich ich
dann? frug die Dame, und hielt dabei die flache Hand vor ihren Mund, da
nur der obere Theil ihres Gesichts, und zwar im Profil, sichtbar blieb.

Eben so entschieden erwiederte der kleine Cigarrenfabrikant nach kurzem
forschenden Blick, wie Herr Theobald hier einem Habicht gleicht, gleichen
Sie der _Lerche_!

Der Lerche? rief die Dame rasch und erstaunt.

Allerdings der Lerche, und ich selber mte mich sehr irren, wenn Sie
sich nicht auch zu dem Vogel besonders hingezogen fhlen.

Das ist allerdings und merkwrdiger Weise der Fall besttigte Frulein
von Seebald -- aber -- aber Sie haben das gehrt, was ich vorhin ber die
Lerche sagte, und ziehen daraus Ihre Schlufolgerung.

Umgekehrt kommen Sie der Wahrheit nher erwiederte Herr Schultze
freundlich -- wie ich schon smmtliche Physionomieen unserer
Reisegefhrten studirt und berhaupt keine liebere Beschftigung habe, als
die Physionomieen meiner Umgebung genau zu beobachten, und in der
deutlichen Schrift, die ihnen die Natur in die Zge gegraben, zu lesen,
was sie einst in frherer Zeit gewesen, war mir gleich im Anfang Ihre
frappante Aehnlichkeit mit jenem liebenswrdigen Singvogel aufgefallen,
und Ihre Bemerkung vorhin, die ich zufllig hrte, traf mich deshalb um so
mehr, und machte mich so khn mich in das Gesprch zu mischen, was ich
sonst nie gewagt haben wrde.

Es wre doch wunderbar, wirklich wunderbar meinte Frulein von Seebald
nachdenkend, aber lieber Gott, die Natur ist ja so reich an noch
unerforschten Geheimnissen, da uns selbst das Unglaublichste wenigstens
nie unmglich scheinen darf -- doch -- unterbrach sie sich hier und hielt
ihr Taschentuch vor die Nase, wo um Gottes Willen kommt der entsetzliche,
widerliche Tabacksqualm her; er benimmt mir fast den Athem. --

Das bisher gefhrte Gesprch hatte dicht vor dem groen Mast,
gewissermaen auf neutralem Grund und Boden zwischen Cajte und
Zwischendeck statt gefunden, wo des Webers Frau an der Leeseite des
Schiffes(5) ihren Waschtubben aufgestellt und, nur manchmal kopfschttelnd
dem wunderlichen Gesprche lauschend, rstig fortarbeitete. Frulein von
Seebald stand ihr gegenber, mit ihrer linken Hand auf die Nagelbank des
groen Mastes gesttzt, und die beiden Herren Schultze und Theobald, nach
dem inneren Deck zu, vor der Zwischendecks-Luke, die hier hinunter fhrte.
Auf die Nagelbank selber aber, und zwar zu windwrts, hatte indessen, von
den in ihr Gesprch Vertieften gar nicht beachtet, den Rcken an die
straffangespannten Marsfalle gelehnt, Zachus Maulbeere Platz genommen,
und blies den Qualm aus seiner kleinen schmutzigen Pfeife in dichten
Wolken gerade auf die, in so interessantem Gesprch begriffene Gruppe.



Dem Geruch nach ist das Maulbeere sagte Herr Schultze auch, ohne nur den
Kopf nach ihm zu wenden, der raucht einen abominabelen Knaster, meiner
Meinung nach ein Gemisch von gehackten Tabacksstengeln und
Knoblauchsblttern.



Frulein von Seebald warf einen flchtigen Blick dort hinber, wo der
allerdings richtig bezeichnete Mann in unzerstrbarer Ruhe sa, und ohne
die Erwhnung seiner auch nur durch eine Bewegung des Kopfes zu beachten.
--

Himmel, welche merkwrdige Gestalt und Physionomie setzte sie dann
leise, gegen Herrn Schultze gewendet, hinzu, das ist das merkwrdigste
Gesicht, das mir in meinem Leben begegnet ist, und ich wre neugierig, mit
welchem Vogel Sie da die Aehnlichkeit fnden.

Mit welchem Vogel? erwiederte aber Herr Schultze rasch, und ebenfalls
mit etwas unterdrckter Stimme, von ihrem Nachbar nicht gehrt oder
verstanden zu werden, mit dem Amerikanischen Kasuar auf das frappanteste,
ja sogar mit einer eigenen wunderlichen Mischung des jetzt ausgestorbenen
Geschlechts der Dodos -- betrachten Sie nur das Unterkinn.

Bah -- _so_viel fr Ihre Vergleiche berraschte sie aber ganz unerwartet
der Gegenstand ihrer heimlichen Betrachtungen, der jede Sylbe ihres
Gesprchs gehrt und selbst die letzte Bemerkung des Cigarrenfabrikanten
verstanden haben mute, mit seiner Antwort; -- ich wei nicht fr was Sie
sich selber halten, wahrscheinlich fr eine Grasmcke oder fr einen
Spatz, so viel kann ich Ihnen aber sagen, da ich vor der Seelenwanderung
ein Stieglitz gewesen bin, denn ich hole mir noch mein Wasser und
Frenppchen von unten herauf wenn ich's brauche, und was Ihre beiden
Begleiter anbetrifft, so sieht der eine frappant so aus wie ein
unausgewachsener Pfefferfresser, und die Dame hat tuschende Aehnlichkeit
mit einer Ente. Das Bischen Ruchern wird Ihnen brigens miteinander
Nichts schaden, denn da wir die Cholera an Bord haben, und wahrscheinlich
nach acht Tagen jeder, der noch da ist, eine eigene Coye fr sich selber
bekommen kann, soll das, wie behauptet wird, als ein treffliches Mittel
dagegen gelten.

Die Cholera an Bord? rief Frulein von Seebald vor Schrecken
erbleichend, das wre ja furchtbar -- aber seit wann?

Glauben Sie nur kein Wort von dem, was Ihnen dies unglckselige
Menschenbild sagt fiel hier Theobald ein, Herr Maulbeere spricht wenig,
aber wenn er ja einmal den Mund aufthut, ist es gewi eine Lge.

Sie sollten g'rade dankbar sein rief aber Zachus, da ich Ihre
Aehnlichkeit nur so obenhin berhrt habe; bei Ihnen hat man's aber bequem,
Sie besorgen das selbst. _Habicht_ setzte er dabei wie mit sich selber
redend und vor sich hin lachend hinzu -- schner Habichtskopf -- Kuckuck --
Kuckuck!

Frulein von Seebald, die vielleicht nicht mit Unrecht einen Zank zwischen
den Mnnern frchtete, und selber nicht gewillt war, sich hier beleidigen
zu lassen, zog sich, mit einer leichten Verbeugung gegen Herrn Schultze
und Theobald, die diese ehrfurchtsvoll erwiederten, rasch in die Cajte
zurck. Die beiden Passagiere dachten aber gar nicht daran sich mit dem
groben Menschen in einen Wortkampf einzuladen, sondern gingen, ohne ihn
weiter eines Worts oder Blicks zu wrdigen, von ihm fort nach vorn zu.
Ebenso war des Webers Frau zuletzt genthigt ihren Stand zu verndern,
weil sie es in dem jetzt voll nach ihr herber ziehenden stinkendem Qualm
des Scheerenschleifers nicht aushalten konnte, whrend dieser, innerlich
lachend ber den vollstndig errungenen Sieg, auf behauptetem Schlachtfeld
sitzen blieb, und wie ein Diminutivdampfer den Qualm seiner Pfeife in
regelmigen, und kurz abgebrochenen Sten von sich blie.

Nicht weit von dort saen die drei, erst von dem Leuchtschiff bei Nacht
und Nebel an Bord gekommenen Passagiere, die sich bis jetzt noch immer
still und zurckgezogen von den anderen gehalten, und fast mit Niemandem
ein Wort gesprochen hatten. Der eine schnitzte eine zusammenhngende Kette
aus einem Stck weichem Holz, der andere flocht ein Uhrband aus
Pferdehaaren und der dritte lehnte, den Kopf in beide Hnde gesttzt, auf
der oberen Reiling und schaute ziemlich theilnahmlos ber Bord hinaus ins
Meer.

Es waren drei, eben nicht einnehmende Gestalten, mit finsteren
verschlossenen Gesichtern, der Jngste sogar mit frechen breiten Zgen,
ber die sich nur manchmal ein leichtes hmisches Lcheln stahl, wenn er
seinem Kameraden irgend eine Bemerkung ber die, vor ihnen auf und
abgehenden theils beschftigten theils unbeschftigten Passagiere
mittheilte. Ihre Rcke schienen dabei aus _einem_ Stck groben, aber ganz
neuen Tuches gefertigt, mit gleichem Schnitt und gleichen Knpfen, und der
Ort, aus dem sie gekommen, war bald auch den brigen Passagieren kein
Geheimni mehr -- das Zuchthaus stand ihnen zu klar und deutlich an der
Stirne geschrieben. Freilich lie sich ihnen darber Nichts beweisen; als
Passagiere an Bord hatten sie dieselben Rechte mit den anderen, und den
stmmigen untersetzten Gestalten gegenber wagte auch Keiner etwas davon
gegen sie selber zu uern; aber untereinander flsterte man sich seinen
Verdacht erst schchtern, dann offener zu, und Steinert besonders sprach,
aber immer auer Hrweite der drei dabei besonders interessirten Personen,
offen seine Entrstung darber aus, da ihr Schiff wie ihre ganze
Gesellschaft durch solche Kameraden entehrt wrde, und sie sich das
eigentlich gar nicht brauchten gefallen zu lassen. Was aber dagegen thun?
-- Das Schiff war unterwegs, von Land keine Spur mehr zu sehen, und in
einem offenen Boot htte man die Leute, sie mochten nun sein was sie
wollten, auch nicht aussetzen knnen und drfen. Aber die
Zwischendeckspassagiere zogen sich von ihnen zurck, die ber ihnen
befindliche Coye weigerte sich mit ihnen zugleich Fleisch zu fassen was
immer fr doppelte Coyen ausgetheilt wurde, whrend der Untersteuermann,
der die Austheilung des Proviants unter sich hatte, auch nicht den
geringsten Anstand nahm ihnen eine besondere Abtheilung zu gewhren.



Die drei Burschen fhlten dadurch wohl, da man sie als das erkannt was
sie waren -- Verbrecher, die man hatte zu Hause los sein wollen und jetzt
nach Amerika schickte -- schienen aber nicht bse darber und hielten sich,
wie schon gesagt, still und abgesondert fr sich selbst.



Das ist knstliche Arbeit und lernt sich nicht alle Tage redete sie da
von einem der Passagiere eine Stimme an, und der Mann mit den kurz
abgeschnittenen schwarzen Haaren, dessen Gesicht jetzt noch berdie die
schwarzen Stoppeln eines etwa vierzehntgigen unrasirten Bartes trug, nahm
auf einem der Wasserfsser dicht vor ihnen Platz und sah, die Ellbogen auf
seine Knie gestemmt, ihrer Beschftigung ruhig zu -- wie lang habt Ihr
gebraucht bis Ihr's so weit brachtet?

Der junge Bursch sah etwas berrascht zu ihm auf, und mit einem flchtigen
Blick ber die Gestalt hin brummte er: --

Wer wei ob Ihr's nicht besser knnt wie wir -- Zeit genug es zu lernen
werdet Ihr gewi schon gehabt haben.

Doch nicht schmunzelte der Mann, der die Anspielung vollkommen gut
verstand -- doch nicht mein Junge -- ich habe nie Geld genug gehabt, die
Universitt zu bezahlen.

Manche Menschen haben Glck sagte der Andere, auch nur mit einem
Seitenblick auf den Sprecher -- und Glck geht vor Verdienst.

Wo kommt Ihr eigentlich her? frug der Erste wieder, der auf der
Schiffsliste unter dem Namen Meier eingetragen stand -- wenn man eben
fragen darf --

_Fragen_ darf man schon sagte der Jngste mrrisch -- aber Ihr kennt
wohl das alte Sprchwort.

Thuts Euch Noth es zu wissen? frug der zweite.

Nein sagte Meier kopfschttelnd war nur Neugierde, und die Wahrheit
erfhr ich doch wohl nicht -- ich habe aber einmal Jemanden gekannt, der
wie Euer Kamerad da, auf den Alten deutend -- aussah und _Pelz_ hie --
aber 'sist lange her.

Der Alte drehte sich bei dem Namen rasch um, und den Zudringlichen finster
und aufmerksam betrachtend sagte er:

Und wie heit _Ihr_?

Meier -- erwiederte vollkommen ruhig der Mann und nahm seine kleine
Thonpfeife aus der Tasche, die er sich stopfte und anzndete.

So hei ich auch brummte der Alte, und drehte sich wieder in seine alte
Stellung um; der Kurzhaarige rauchte noch eine Weile still vor sich hin,
stand dann auf und ging, ohne ein Wort weiter zu uern nach vorn zu, wo
er sich auf die Back setzte, und die Fe vorn ber Bord hngen lie.

Das Schiff verfolgte inde mit lustig geblhten Segeln seine Bahn; der
Wind war vortrefflich und die fast vierkant gebraten Raaen, die Leesegel
zu Starbord und der rasch vorbeifliegende weie Schaum kndete auch selbst
dem Laien an Bord, wie sie ihrem Ziele rasch entgegenflogen. Das monotone
Leben wurde aber sonst auch durch Nichts unterbrochen; hchstens einmal
zeigte sich ein Segel am fernen Horizont, und Capitain Siebelt ermangelte
dann nicht, noch einen aufmerksamen Blick durch das Fernrohr, seinen
Cajtspassagieren zu erklren, da es entweder ein Amerikaner oder
Englnder, Franzose oder Deutscher sei, wie er nach der Stellung der
Masten und Segel es erkannt hatte. Er betrachtete sich als eine Autoritt
in solchen Dingen, und gewhnlich verschwand dann auch das Segel wie es
gekommen und er mute, aus Mangel eines Gegenbeweises, recht behalten; ein
paar Mal geschah es freilich, da der erklrte Englnder oder Franzose
Deutsche oder Amerikanische Flagge zeigte; dadurch aber keineswegs irre
gemacht hatte Capitain Siebelt immer seine weitere Schlufolgerung
rechtzeitig bei der Hand; nun kannte er auf einmal das Schiff ganz genau;
es hie so und so und war richtig in England oder Frankreich gebaut -- das
konnte man ja mit bloen Augen unterscheiden, aber spter eben an ein
Deutsches oder Amerikanisches Haus verkauft, unter dessen Flagge es jetzt
natrlich segeln mute. Capitain Siebelt behielt immer recht, und da
Henkel, der schon mehre Seereisen gemacht, sich nie in einen Streit mit
ihm einlie, und die anderen gar Nichts davon verstanden, konnte das auch
nicht anders sein.

Die glcklichste, munterste von Allen an Bord, war aber Henkels kleine
liebenswrdige Frau, Clara, der, wie sie nur erst einmal die bse
Seekrankheit berstanden hatte, jeder Tag einen neuen Genu in der
wundervollen Fahrt brachte, und die sich nicht satt sehen konnte an der
wogenden, herrlichen See. Mit keiner Sorge dabei, die ihr Herz beengen
durfte, das glcklich Weib eines innig geliebten Mannes, war ihr die ganze
Reise nur eine frhliche sonnige Lustfahrt, von der sie mit jeder Minute
geizen mute, und Niemand an Bord verstand es besser, auch der
unangenehmsten Lage die heitere Seite abzugewinnen, wie gerade sie.

Die liebste Gesellschafterin dabei war ihr die frhliche Marie, deren
junges Herz sich auch leicht und rasch ber Alles wegsetzen konnte, was
etwa noch trb und traurig fr sie im Schoos der Zukunft verborgen lag.
Anna war schon zu ernst; die Sorge um der Eltern Wohl, das Bewutsein, was
diese Alles in der Heimath aufgegeben, und manche Befrchtung die
Kellmann, sie betreffend, zu Hause ausgesprochen, wollte sie nicht
verlassen, und lag oft wie ein trber Schatten auf ihrer Stirn, und auch
Hedwig, die fast den Tag ber immer bei ihnen war, konnte noch nicht
vergeben was sie gelitten, was verloren, und mute oft gewaltsam die ihr
vielleicht unbewut aufsteigende Thrne zurckzwingen, das Auge der
frhlichen jungen Frau nicht zu trben, die ja Alles that, was in ihren
Krften stand, das arme Kind fr das Gelittene zu entschdigen -- lieber
Gott, ungeschehen konnte sie ja nicht machen, was die Vergangenheit
gebracht.

Henkel selber war meist ernst, zu ernst nach Clara's Sinn, und konnte
Stundenlang mit verschrnkten Armen und in tiefen Gedanken das Quarterdeck
begehn, wenn ihn die junge Frau nicht manchmal gewaltsam aus seinen
Trumen ri, und ihn so lange qulte und neckte, bis er sich lchelnd
ihrem Willen fgte. Einen besseren Gesellschafter aber hatten sie in dem
kleinen munteren Herr von Hopfgarten, der, wenn er sich nur irgend von dem
fast unvermeidlichen Nachmittags-Whist, wo Henkel manchmal seine Stelle
einnahm, losmachen konnte, die Seele der ganzen Cajte wurde,
Gesellschaftsspiele angab und ausfhrte, an denen dann selbst Lobensteins
und das schwrmerische Frulein von Seebald Theil nehmen muten, oder auch
Geschichten und Anekdoten erzhlte, ber die sich Clara oft todtlachen
wollte. Mit Thrnen im Auge vor Lachen erklrte sie dabei mehrmals, es sei
ihr unendlich leid, den thrichten Schritt schon gethan und sich in
Deutschland mit dem mrrischen Herrn Henkel verheirathet zu haben, wre
das nicht geschehn, sie nhme keinen anderen als Herrn von Hopfgarten,
denn ein besser zu einander passendes Paar gbe es doch nicht auf der
weiten Gottes Welt, und Herr von Hopfgarten betheuerte dann ebenfalls, er
sei der Unglcklichste der Sterblichen, ein wahrer lebendiger Tantalus,
dem sein Glck jetzt, in Gestalt der liebenswrdigsten jungen Frau, vor
der Nase herumliefe, ohne da er selbst den Arm danach ausstrecken drfe,
es fest zu halten. In komischer Verzweiflung holte er dann gewhnlich eine
Chokoladen-Pistole, von denen er mehre Dutzend an Bord haben mute, denn
sie schienen unerschpflich, aus der Tasche, setzte sie sich vor die Stirn
und lie sie sich von Marien wegnehmen, die sie, wie sie sagte, um Unglck
zu verhten zerbrach, und den jngeren Geschwistern zum essen gab.

Viel zu ihrer Erheiterung trug, wenn auch sehr oft absichtslos, der
Doktor bei, wie er schlichtweg an Bord genannt wurde, dem von dem Rheder
die halbe Passage erlassen worden, unterwegs etwa vorkommende Krankheiten
der Passagiere zu behandeln, und dadurch die andere Hlfte, mit Hlfe der
an Bord befindlichen Medicinkiste, abzuverdienen.

Doktor Hckler war eine hchst unscheinbare Persnlichkeit, die ihr Diplom
nur eigentlich den Herren Heburg und Sohn verdankte, von denen sie an
Bord zum _Doktor_ gestempelt worden. Chirurg und ein armer Teufel,
wnschte er nach Amerika auszuwandern, und besa nicht die nthigen
Mittel; die Firma Heburg und Sohn wnschte aber, des Geredes der Leute
wegen, einem Schiff mit so vielen Auswanderern auch einen _Doktor_
beizugeben, ohne zugleich besondere Kosten fr einen solchen zu haben. So
war beiden Theilen geholfen, und da man im gewhnlichen Lauf der Dinge
annahm, da auf der kurzen Ueberfahrt nach Amerika gerade keine schweren
Krankheiten, oder doch nur sehr selten vorkommen, konnte alles das, was
man ja sonst sogar dem Capitain allein berlie, auch dem Herrn Hckler
anvertraut werden, der als junger Mensch den lteren Herrn Heburg schon
mehre Jahre rasirt und ihn von Hhneraugen frei gehalten hatte, wie auch
im Hause des reichen Handelsherrn seines stillen demthigen Betragens
wegen sehr gern gesehen und protegirt worden war. Von inneren Krankheiten
verstand Hckler allerdings wenig oder gar Nichts, alles Versumte aber
jetzt mit mglichstem Flei nachzuholen, machte er sich, so wie er selber
die Seekrankheit berstanden, mit groem Eifer darber her, das kleine,
der Schiffs-Medicinkiste(6) beigegebene Receptbuch zu studiren, bei
nthigen Fllen wenigstens gleich die richtige _Nummer_ zu wissen und zu
verabfolgen.

Den Schlssel zur Medicinkiste behielt sich aber trotzdem der alte
Capitain Siebelt vor, der erst seit kurzer Zeit mit Auswanderern fuhr
und immer noch der festen Meinung war, er msse das, was er in seiner
Cajte hatte, auch viel besser, oder doch eben so gut zu verabreichen
verstehn, wie so ein Doktor. Die Passagiere berlie er ihm aber doch,
eben weil es blos Passagiere waren, behielt sich brigens die Behandlung
seiner Leute vor.

Herr Capitain, ich mchte Sie um den Schlssel zur Medicinkiste bitten
sagte am Morgen des dritten Tages, als sie in den Atlantischen Ocean
eingelaufen waren, der Doktor zu dem Selbstherrscher der Haidschnucke.

Na, wat is nu all wedder? frug de Captein, der nur gezwungen mit
seinen Passagieren hochdeutsch sprach, und wenn er bse oder recht guter
Laune war, am liebsten in das ihm weit gelufigere und natrlichere Platt
zurckfiel, nur dann und wann, wenn es ihm gerade wieder einfiel ein paar
hochdeutsche Worte mit einmischend.

Einer der Leute klagt ber Schmerzen in der Brust, und ich frchte fast,
da da vielleicht ein chronisches Leiden --

Ah papperlapapp brummte der alte Seebr, in de Krone sitzt's em nich --
in de fulen Knoken. Ene richtige Porschon Soalts un en reguleres
Brkmiddel ver vor un achter ut, nachens fall e woll spudig beter wern.

Kein Protestiren half dagegen; Capitain Siebelt hatte den festen Glauben
da ein Matrose gar nicht krank werden knne, keinenfalls aber krank
werden _drfe_, so lange er sich auf die Reise verakkordirt htte und
da also Alles, was die Kerle davorn von Krone oder Bunk praalten, man
blaue Dunst wre. Sobald sich also ein Matrose bei ihm krank meldete,
bekam er als erste Dosis eine Handvoll Glaubersalz und keinen Schnaps zum
Frhstck; das half schon gewhnlich, und die Leute kamen selten das
zweite Mal, wollte er dann noch immer nicht besser werden, d. h. blieb er
verstockt dann mute er ein Brechmittel schlucken, und zwar gleich in
der Cajte, nicht etwa die Medicin mit nach vorn nehmen, wo sie eben so
sicher ber Bord gegangen wre. Das half dann jedesmal, denn die dritte
Kur war Glaubersalz und Brechmittel zusammen und die hatte sich nur erst
ein Einziger geholt, der war aber ein solcher Cujon wehst, da er sich
aus lauter Cunterdikschen hingelegt hatte und gestorben war.

Doktor Hckler war keiner von den Leuten, die einer praktischen Erfahrung
ihr Ohr verschlieen; er lie sich berzeugen und der Capitain curirte die
Leute nach wie vor auf seine eigene Hand und Manier.

Um also auf das gesellschaftliche Leben an Bord zurckzukommen, so war
Hieronymus Hckler hier zum ersten Mal in einen Umgangskreis gekommen, der
ihm bis dahin fern gelegen, und in dem er sich im Anfang -- die
Seekrankheit ganz abgerechnet, -- auch nicht recht wohl fhlte. Seine
Verlegenheit wrde er selber auch wohl schwer, und gewi nicht schon auf
der Reise berwunden haben, wren ihm darin nicht die jungen Damen, von
Herrn von Hopfgarten redlich dabei untersttzt, freundlich
entgegengekommen. Diese brauchten aber Alles, was sie nur von verfgbaren
Personen in ihrem Bereich fanden, zu ihrer Unterhaltung, und da sich
Capitain Siebelt, so gefllig er ihnen in jeder anderen Beziehung war, auf
das Hartnckigste weigerte, einigen der gebildeten
Zwischendeckspassagieren den Zutritt zu dem Quarterdeck zu gestatten, die
langen Stunden an Bord zu verkrzen, so wurde Doktor Hckler aus Mangel an
besserer Beschftigung, bald das Stichblatt aller unschuldigen und
frhlichen Scherze der kleinen munteren Gesellschaft. Bei den
Gesellschaftsspielen, die Herr von Hopfgarten unermdlich und in der
erfinderischesten Weise anstellte, bekam er fast alle Schlge mit dem
Plumpsack und verfiel bei den Rthselspielen, bei denen er nie im Stande
war auch nur das leichteste zu errathen, den unerbittlichsten, aber auch
eben so geduldig und gutmthig ertragenen Strafen.

Ein anderer Mitpassagier, der nur sehr schwer zu bewegen war sich in etwas
dem _geselligen_ Leben an Bord anzuschlieen, war der Coyenkamerad des
Herrn von Hopfgarten, ein junger Mann von vielleicht vier- bis
fnfundzwanzig Jahren, und jedenfalls aus sehr guter Familie.

Ich bin der Baron von Benkendroff -- mein Vater ist der wirkliche
Geheimrath von Benkendroff hatte er sich gleich am ersten Tage Herrn von
Hopfgarten vorgestellt -- und ich reise nur zu meinem Vergngen nach
Amerika, um mich von den nichtswrdigen republikanischen Zustnden jenes
Landes nach eigener Anschauung zu berzeugen. Ich _wei_, was ich dort
finde, habe auch schon in der That einige Artikel ber die dortigen
Verhltnisse geschrieben, aber trotzdem gehe ich doch hinber und
betrachte die Reise gewissermaen als eine Kur, als ein Schlammbad, das
ich meinem Geist auferlege, ihn von allen doch noch vielleicht darin
befindlichen Scrupeln und Zweifeln vollstndig zu heilen.

Den Spielen der jungen Damen schlo er sich allerdings manchmal an, aber
dann immer mit einer gewissen vornehmen _nonchalance_. Er war berzeugt,
da er ihnen dadurch eine Geflligkeit erweise, und wute auch in der That
selber manchmal nicht, was er mit sich anfangen solle. Am liebsten noch
spielte er mit Frau von Kaulitz und Herrn von Hopfgarten Whist, wobei er
es liebte, mit seiner sehr weien, fast weiblichen und reich mir Ringen
besteckten Hand zu coquettiren. Auerdem sprach er nie mit den
Steuerleuten, hchst selten selbst mit dem Capitain, den er wunderbarer
Weise _monsieur_ nannte, und der ihn deshalb auch nicht leiden konnte, und
hatte noch mit keinem Fu die Grenze der strengabgeschiedenen Cajte
berschritten.





                                Capitel 6.


                              LEBEN AN BORD.


Es war ein schwler Nachmittag gewesen, und die ziemlich starke gnstige
Brise, mit der sie bis dahin so vortrefflichen Fortgang gemacht, schwcher
und schwcher geworden, bis die See, deren Wellen sich ebenfalls nach und
nach beruhigten wie ein stillwogender Spiegel blank und ungebrochen lag,
und den Rumpf des Schiffes mit seinen langsam schwankenden Masten treulich
im Bilde wiedergab. Matt und lssig schlugen dabei die schweren Segel, von
keiner Luft mehr geblht, gegen die Takellage, fllten auf, wenn das
Schiff schwerfllig nach hinten niedersetzte, und trafen dann wieder mit
mattem Schlag das Tauwerk, das sie dadurch, wie auch sich selbst, mehr
scheuerten und angriffen, als es der rgste Sturm gethan haben knnte.

Reepschlger und Segelmacher prgeln sich sagen die Matrosen wenn bei
Windstille die Segel gegen das Takelwerk schlagen, und der Seemann sieht
es nicht gern. Desto willkommener ist aber gewhnlich den Passagieren eine
solche erste Ruhe, wenn sie natrlich nicht zu lang anhlt, die ihnen das
Meer von einer ganz neuen, noch nicht einmal geahnten Seite zeigt, und
selbst den Krnksten Gelegenheit giebt sich zu erholen und auf Deck zu
ergehn.

Klar und wolkenrein spannt sich der Himmel aus ber der dunkelblauen,
mattglnzenden Fluth, und das Auge schwindelt wenn es in die durchsichtige
Tiefe niederschaut, die sich pltzlich seinem Blicke ffnet. Reges
geschftiges Leben herrscht dabei an Bord, hier schwimmt eine in
schillernden Farben wunderlich gefrbte Blase auf dem Wasser und hebt und
senkt sich nach eigener Willenskraft -- das sogenannte portugiesische
Kriegsschiff wie der kleine Segler heit(7) -- dort streicht die dunkle
Flosse eines Fisches langsam und trge durch die Fluth, und der Ruf ein
Hai, ein Hai lockt selbst den Untersteuermann aus seinem Morgenschlaf
auf, die gefrige Bestie, diesmal vergeblich, mit einem ausgeworfenen und
an einem Haken befestigten Stck Speck zu fangen. Lssig kreist dabei die
schlanke Mve hoch in der Luft, und ganze Schaaren munterer Seeschwalben,
Mutter Kareys Kchelchen, wie sie der Seemann nennt, suchen um das
Schiff herum ausgeworfene Nahrung, und tauchen ellentief unter nach den
wegsinkenden Stcken Fleisch und Speck.

Und nicht den mindesten Fortgang macht das Fahrzeug dabei; das alte
Kartoffelfa, das der Koch an dem Morgen ber Bord geworfen, treibt noch
in kaum hundert Schritt vom Schiff, von den neugierigen Schwalben immer
und immer wieder besucht, umher; Kartoffelschalen und Rbenabflle die die
Frauen ausgeschttet, schwimmen auf dem Wasser und sinken langsam tiefer,
in der Fluth buntfarbige weischillernde Lichter mit prismatischen Farben
annehmend. Wergflocken und Stckchen getheerten Segeltuches, Federn von
fr die Cajte gerupften Hhnern, und Streifen Papier und Zeug sprenkeln
nach allen Richtungen hin die Oberflche, und geben den Mssigen an Bord
Gelegenheit zu rathen was es sei, oder dem versinkenden mit den Augen zu
folgen tief, tief hinunter, dem Abgrund zu.

Aber nicht Alle schauen mig ber Bord; hier sitzen fleiige Gruppen,
ihre Wsche waschend und sich endlich einer Arbeit fgend, der sie sich
eben nicht mehr lnger entziehen knnen; dort hngen Andere die gewaschene
an den Wanten und Tauen auf und rgern die Matrosen damit, die den Leuten
nicht begreiflich machen knnen da sie das laufende Tauwerk dazu nicht
benutzen drfen.(8) Hie und da hat auch Einer ein Buch genommen, und
studirt halblaut vor sich hin die unbegreifliche Aussprache englischer
Wrter nach, irgend einem trostlosen Rathgeber in Redensarten und
Gesprchen, qult sich mit dem w und th, und steckt das Buch endlich
wieder, so klug als vorher und nur vielleicht noch mehr verwirrt, in die
Tasche.

Die Arbeiten der Matrosen gehn indessen ruhig fort, denn es ist gewhnlich
ein irriger Glaube der Leute an Land, da die Matrosen in See, wenn das
Schiff nur erst in Gang wre, nichts weiter zu thun haben als zu segeln,
da heit das Schiff eben ruhig laufen zu lassen. Das Segelausbessern hrt
nicht auf an Bord, eben so mu das Takelwerk fortwhrend nachgesehn, hier
wieder neu gespliet, dort umwickelt, da neu getheert werden, und wre
wirklich gar nichts anderes vorzunehmen, dann mu ein Theil der Leute, zu
spterer Verwendung bei neuen Tauen, altes getheertes Werg zerzupfen, und
ein anderer Schiemanns Garn daraus spinnen, so da es den Leuten nie und
nimmer an Beschftigung fehlt. Ein Schiff in See ist der letzte mige
Platz auf der Welt, und nur die Passagiere haben das Recht darauf zu
faullenzen.

Auf Deck war solcher Art Alles in seinem gewhnlichen stillen Gang
geblieben, als die Cajtspassagiere, die auf dem Quarterdeck auf- und
abgingen, pltzlich ein Hindrngen der Massen nach einer Stelle sahen, und
eine laute Stimme hrten, die zu den um sie Versammelten sprach. Herr von
Hopfgarten, ein wenig neugierig, und keineswegs so prude wie sein
Stubenbursch Baron von Benkendroff, gab sich alle mgliche Mhe von dem
etwas hher liegenden Quarterdeck aus das, was vorn an Deck vorgehe, zu
erkennen; der Sprecher stand aber gerade auf der Back des Schiffes, und
die lose niederhngende Fock verhinderte ihn etwas von ihm zu erkennen. Er
stieg deshalb rasch auf das Deck nieder, dem Platz zuzueilen, von wo ihm
jetzt schon lautes schallendes Gelchter entgegendrhnte.

Hurrah, Maulbeere soll leben -- Zachus vivat hoch! jubelte eine Menge
lachender Kehlen, und die Zwischendeckspassagiere drngten jetzt in so
festem Keil nach vorn, da selbst die Schiemannsscheibe auer Thtigkeit
gerieth, und die Matrosen ebenfalls dem was da vorging mit schmunzelnden
Gesichtern lauschten.

Der Urheber dieses pltzlichen Lrmens sowohl, wie der wilden rauschenden
Frhlichkeit war, aber wirklich niemand Anderes als Zachus Maulbeere, der
sonst so mrrische, einsylbige Patron, der jetzt, aber ebenfalls mit dem
ernsthaftesten Gesicht von der Welt, und selbst whrend dem Jubeln und
Jauchzen der Menge, keine Miene verzog, den Mund nur, als wenn er die
Pfeifenspitze darin hielt, etwas mehr zusammendrckte, und die groen
buschigen Augenbrauen womglich noch hher emporzog, als er das sonst
gewohnt war zu thun.

                                    []

                                Capitel 6


Aber um Gottes Willen, was geht denn hier vor? frug Herr von Hopfgarten,
auf's Aeuerste erstaunt einen der Nchststehenden -- was macht denn der
Mensch da oben?

Maulbeere? sagte dieser, es war der polnische Jude der sich mit dem
vergngtesten Gesicht von der Welt nach ihm umdrehte -- Maulbeere? --
Gottes Wunder er predigt, und _was_ vor a Predigt -- es is a Traktement ihn
zu heren, und sind'er zwa ihn zu sehn.

Der Pole hatte allerdings recht; es _war_ der Mhe werth Maulbeere zu sehn
wie er da oben, im vollen Triumph einer ihm zujauchzenden Menge,
unbeweglich und fest wie ein Fels im Meer stand, und gerade so that, als
ob ihn die ganze Sache auch nicht das Mindeste anginge oder kmmerte. Er
trug seinen gewhnlichen abgebleicht grnen, langschigen Rock mit dem
schmalen Kragen, die gesprenkelte Weste und die schmutzig grauen, etwas
kurzen Hosen, aber den Hut hatte er neben sich auf der Back, und vor sich
einen kleinen niederen Tisch stehn, der dem polnischen Juden gehrte, und
auf dem ein dickes aufgeschlagenes Buch mit einer Brille, wie seine Dose
lag, whrend er in der linken Hand -- die rechte hatte er in die Seite
gestemmt -- sein roth- und gelbgemustertes baumwollenes Taschentuch gefat
und zusammengedrckt hielt.

Er machte eben eine kurze Pause, zu der ihn der Jubel der berraschten und
immer noch mehr herbeidrngenden Zuschauer gezwungen hatte, und schien in
voller Gemthsruhe das endliche Schweigen des strmischen Publikums zu
erwarten.

Aber was ist denn hier los? riefen Einzelne dazwischen, die eben erst
von unten heraufpreten, zu sehn was es gbe; wie kommt denn Maulbeere da
oben hin -- Zachus als Prediger -- hat die ganze Reise den Mund noch nicht
aufgethan und fngt auf die Art an? -- Er ist bergeschnappt jubelten
Andere -- und giebt uns jetzt die Nutznieung seines verschobenen Gehirns
-- Ruhe -- lat ihn sprechen -- still da -- Ruhe -- Zachus hat das Wort!
hie es dazwischen.

Die Passagiere hatten brigens Ursache erstaunt zu sein, denn Maulbeere,
der in der That die ganze bisherige Reise ber noch mit keinen drei
Menschen auch nur ein Wort gewechselt, und still und mrrisch vor sich
hingebrtet hatte Tage lang, war auf einmal mit dem kleinen Tisch, den er
im Zwischendeck gefunden und mitgenommen, an Deck und auf die Back
gestiegen, wo er, ohne weitere vorherige Warnung, ganz im Styl einer
wirklichen Predigt, aber diese parodirend, mit Thema und Einleitung und
citirten Sprchen nach Capiteln und Versen, dem Schnaps (ber dessen
schlechtere Qualitt die Zwischendeckspassagiere seit drei Tagen etwa
Ursache zu haben glaubten sich zu beklagen) eine Lobrede hielt.

Ruhe -- gebt Frieden -- Zachus fahr fort! schrieen inde die Stimmen
durcheinander, und als sich der Lrm ein klein wenig gelegt, der inde so
arg geworden war da der Capitain an Deck kam, zu sehn was es gebe, begann
Maulbeere wieder:

Wir haben drittens gesehn da der Schnaps auch in seinen Wirkungen das
Gemth des Menschen snftiget, und ihm die zum Guten nthige Kraft
verleiht auf der Bahn der Gerechten zu wallen! Schnaps -- geliebte Zuhrer,
welcher Wohllaut liegt schon in dem einen kleinen Wort. Wie sanft und
feurig zugleich durchstrmt er uns die Adern, kitzelt uns den Gaumen und
vertreibt die bsen Dnste. Er auch war es, der schon vor tausenden von
Jahren viele jener merkwrdigen Wunder vollbracht, die eine thrichte Welt
jetzt, und irrthmliche, oft bswillige Uebertragungen, anderen Wirkungen
zugeschrieben haben. Schnaps ist _Geist_ -- wer aber brachte den Geist ber
die Propheten, die mit fremden Zungen redeten und nachher in alle Welt
gingen alle Vlker zu lehren? -- wer anders als jener heilige Geist --

Das ist Gotteslsterung! schrie da eine Stimme aus der Menge -- herunter
von dort Du nichtswrdiger Mensch da Dich nicht der Arm dessen trifft,
den Du verhhnst.

Es war der Weber aus Zurschtel, der sich mit Mhe zwischen die
Menschenmasse gedrngt hatte, zu sehn was da vorgehe, und jetzt in
ehrlicher Entrstung etwas entweihen hrte, an dem seine ganze Seele mit
glubiger Ehrfurcht hing.

Ruhe da -- Frieden! lat den Mann ausreden! rief aber mit Donnerstimme
der Gesell mit den kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt
hatte -- halt's Maul Weber bis Du gefragt wirst!

Nein, er hat recht, das geht nicht -- das drfen wir nicht leiden! riefen
aber jetzt auch Andere dazwischen.

Hurrah Maulbeere soll leben! fahr fort Maulbeere, la Dich nicht irre
machen! jubelten ihm wieder Andere zu -- fort mit den Strenfrieden,
steckt sie in's Zwischendeck hinunter.

Der einzige Ruhige bei dem ganzen Sturm blieb Zachus, der, ohne auch nur
eine Miene zu verziehn, oder mit einer Muskel zu zucken, dem Toben
geduldig zuhrte, langsam eine Prise nahm, sich schnaubte, und dann sein
Taschentuch wieder wie einen Ball zusammendrehte. Sobald aber ein
Augenblick Ruhe eintrat, fuhr er auch eben so unverwstlich in seiner
Predigt fort, sang, mit nselndem Ton, als er diese beendet hatte, die
Litanei ab, die Worte dabei so verdrehend da sie ein Lob des Schnapses
bildeten, und schlo dann seine Predigt, unter dem wiehernden Gelchter
der Passagiere, mit dem Es sind auch noch einige Personen vorhanden,
welche Willens sind in den Stand der heiligen Ehe zu treten, wobei er
eine Reihe unanstndiger Namen von einem Papier ablas, und dann zum Gebet
schreiten wollte, als der Steuermann von dem Capitain, bei dem sich
Einzelne ber den Unfug beschwert hatten, nach vorne geschickt wurde
demselben zu wehren.

Avast da! rief er dem parodirenden Prediger auf seine derbe Art zu --
avast da mein Bursche und herunter von der Kanzel; der Unsinn hat jetzt
lange genug gedauert, und die Leute da unten, die ihre Wacht zur Coye
haben, wollen schlafen. Verstehst Du Hochdeutsch, oder soll ich platt mit
Dir sprechen?

Lat den Mann seine Rede halten, so lang's ihm gefllt nahm hier wieder
Meier seine Parthie -- wir reden Euch auch nicht hinein wenn Ihr sprecht.

Wenn Du einmal gefragt wirst mein Bursch, darfst Du antworten! rief ihm
aber der Seemann keck und zornig entgegen -- wenn ich hier befehle er soll
herunterkommen, so kommt er oder -- ich lasse ihn holen.

Fat Einen von uns hier an! schrie aber der, ber Anrede wie Ausdruck
gereizte Mann -- legt Hand an Einen von uns, und seht dann was aus Euch
und dem Schiff wird. Gott verdamm mich!

Die drei letztgekommenen Passagiere, die hchst aufmerksame und vergngte
Zuhrer der Predigt gewesen waren, standen dicht hinter ihm, und ihre
Blicke begegneten ebenfalls in finsterem strrischem Trotz denen des
Steuermanns; dieser aber, ohne sich im mindesten irre machen zu lassen,
griff eine, gerad' auf der Ankerwinde liegende Handspeiche auf, und
whrend die an Deck befindlichen Matrosen, die recht gut wuten wie
nothwendig es fr sie war in einem solchen Augenblick zusammenzuhalten,
sich rasch und geruschlos neben und hinter ihren Oberen drngten, und
ebenfalls schon in der Eile Alles aufgefat hatten was ihnen bei einem
mglichen Handgemenge von Nutzen sein konnte, rief der Steuermann, die
Handspeiche zum Schlag fertig, und das Gesicht von Zorn und Wuth fast
dunkelroth gefrbt.

Hinunter mit Euch sag ich -- und Ihr drei da besonders mit Euren grauen
Kitteln, hinunter von Deck wohin Ihr gehrt, oder der Erste, bei Gott, der
mir noch mit einem Wort widerspricht, oder die Hand aufhebt gegen mich ist
eine Leiche.

Meier warf einen wilden tckischen Blick im Kreis umher, zu sehn auf wen
von der Schaar er sich wohl allenfalls noch verlassen konnte, aber die
drei Graurcke hatten wohl ihre ganz besonderen Ursachen es nicht zum
Aeuersten kommen zu lassen, noch dazu solcher Lappalie wegen, und von den
Anderen bezeugte ebenfalls Niemand Lust mit dem wilden Burschen, dem
Steuermann, so aus freier Faust anzubinden.

Wir haben ein Recht hier an Deck zu stehn und dafr bezahlt murrte er
da, als er sah wie er nicht hoffen durfte Schutz und Beistand bei den
Anderen zu finden gegen die Schiffsmannschaft.

Das knnt Ihr auch sagte der Steuermann, verchtlich seine Handspeiche
neben sich zu Boden werfend -- er wute da er jetzt keine weitere
Widersetzlichkeit mehr zu frchten hatte -- Niemand wehrt's Euch, so lange
Ihr nicht im Wege seid, wer aber dann nicht geht wird _gestoen_, und darf
sich nachher beklagen, wenn es ihn freut. So also herunter jetzt mit dem
Prediger -- na, wo ist der Mosje denn auf einmal hingekommen?

Zachus war allerdings verschwunden; sobald nmlich der Wortstreit einen
ernsten Charakter anzunehmen schien, hatte er sich, keineswegs gewillt
daran Theil zu nehmen, seitab von der Back hinunter und nach hinten
gedrckt, wo er jetzt schon wieder auf seiner Lieblingsstelle am groen
Mast kauerte, und den Dampf seiner Pfeife in die blaue Luft hineinqualmte.

Herr von Hopfgarten stattete indessen in der Cajte Bericht ber das
Gehrte und Gesehene ab, freute sich aber ebenfalls da solch gemeiner
Blasphemie an Bord gesteuert worden, und erzhlte nun den Damen in seiner
komischen und lebendigen Art, wie der Steuermann dazwischen gesprungen sei
und die Debatte mit der Handspeiche aufgenommen habe.

Und was hatten _Sie_ dazwischen zu thun, _chr ami_? frug Herr von
Benkendroff ber ein Buch weg das er in der Hand hielt (wahrscheinlich
mehr der Hand als des Buches wegen) -- was haben Sie davon sich zwischen
die Canaille zu mischen; wenn es nun wirklich zu Thtlichkeiten kam?

Ich hatte die stille Hoffnung schmunzelte der kleine Mann -- alle
Wetter, ein Seegefecht, Baron, das wr ein famoses Abenteuer gewesen, und
ein prchtiger Beginn fr meine Fahrt. Sie wissen noch gar nicht da ich
nur auf Abenteuer reise?

Auf Abenteuer -- bah sagte Herr von Benkendroff achselzuckend -- ich
hoffe da Sie vernnftiger sind; es giebt nichts Ungentileres als ein
Abenteuer, ein galantes vielleicht ausgenommen, und ich hasse selbst
diese, weil sie den Menschen unnthig aufregen, und aus seiner gewohnten
Ruhe bringen.

Aber was fr Abenteuer wollen Sie erleben? frug lachend Marie.

Was fr Abenteuer? wiederholte der kleine Mann, sich rasch nach ihr
herumdrehend -- alle -- jedes nur erdenkliche -- Ruber, Platzen eines
Dampfbootes, Zusammensto mit einer Lokomotive, Ueberfall von Indianern,
selbst unter Gefahr meines Scalpes, und er nahm dabei seine Mtze ab, und
zeigte seinen etwas kahlen Kopf -- nchtliche Attaque von Bren und
Panthern, Entfhrungen, Verhaftungen, Lynchgesetz und wie all jene tausend
und tausend interessanten vorherzusehenden und unvorhergesehenen Flle
heien, denen man in dem Lande unserer Sehnsucht ausgesetzt ist, oder die
man, wenn sie Einem nicht gleich gutwillig aufstoen, mit Leichtigkeit
aller Orten und Enden aufsuchen kann.

Dann reis' ich gewi nicht mit Ihnen rief Clara rasch und lachend -- Sie
wren im Stande solche Dinge vom lieben Gott, als ganz besondere Zeichen
von Wohlwollen zu erbitten.

Allerdings sagte Herr von Hopfgarten mit grtem Ernst, und ich
schwankte lange zwischen einer Reise in das Innere von Afrika und den
Vereinigten Staaten, aber allen gelesenen Beschreibungen nach halte ich
die Union doch noch fr das passendste Land dazu, und freue mich unendlich
darauf seine werthe Bekanntschaft zu machen.

Sie knnten Einem die Lust zur Auswanderung verleiden sagte lchelnd
Professor Lobenstein, sich in das Gesprch mischend, wenn man eben noch
eine Wahl behalten htte. Jedenfalls ist es ein interessantes Factum Sie,
mit _diesen_ Ansichten, an Bord eines Auswandererschiffes zu haben, dessen
smmtliche Passagiere, mit Ihrer alleinigen Ausnahme, gerade hinbergehn
um Ruhe und Frieden zu finden, und sich eine, nicht so leicht von ueren
Einflssen gefhrdete Existenz zu grnden.

Ich die alleinige Ausnahme? rief aber der kleine Mann rasch und lebhaft
aus -- lieber Professor, da schwimmen Sie in einem gewaltigen Irrthum
herum. Gehn Sie einmal durch das ganze Schiff und sehen Sie sich die
einzelnen Physiognomien, die einzelnen Gestalten der Leute an, wie ich es
wieder und wieder gethan habe, und wenn Sie dann nur irgend in den Zgen
eines Menschen zu lesen verstehn, dann sagen Sie mir nachher, ob sich alle
die Leute nach einer ruhigen Existenz sehnen, und ob berhaupt nur die
Hlfte von ihnen wei, was sie dort mit sich anfangen soll.

In mancher Hinsicht mgen Sie recht haben sagte der Professor lchelnd,
aber derartigen extraordinren Fllen sollte man dann doch eher aus dem
Wege gehn, als sie gerade muthwillig aufsuchen.

Nein sagte der kleine gemthliche Mann, dem sich ein wunderliches
Behagen ber die runden Zge legte, und sie mit einer eigenthmlichen
Gluth und Freude berstrahlte, indem er vor seinem fruchtbaren inneren
Geist wahrscheinlich schon einige der erhofften Scenen heraufbeschwor --
nein lieber Professor, an aus dem Wege gehn ist nun einmal schon gar kein
Gedanke -- wird auch nicht gut mglich sein setzte er sich, wie in innerem
Behagen die Hnde reibend, hinzu -- man mte denn wie eine Schlange
dazwischen durchschlpfen knnen. Vor allen Dingen befahre ich den
Mississippi auf den dortigen Dampfbooten, und lasse mich erst zwei- oder
dreimal in die Luft blasen, oder in den Grund rennen; dann existirt dort
noch, wie ich aus ganz sicheren Quellen wei, die Morrelsche Bande, die
mit allen Pferdedieben und falschen Spielern der Union in Verbindung
steht, und in der That ber die ganzen Vereinigten Staaten ihre
Auszweigungen hat. Wenn ich nur irgend Glck habe falle ich denen in die
Hnde. Dort finde ich ebenfalls die beste Gelegenheit einer Brenjagd
beizuwohnen, und in den Sclavenstaaten mte es mit dem Bsen zugehn, wenn
man nicht wenigstens die Woche einmal, so einem armen Teufel von Schwarzen
zur Flucht verhelfen, und durch das Interessante der Situation manche
mige Stunde ausfllen knnte.

Sie bauen darauf, lieber Hopfgarten sagte hier, whrend die Anderen
lachten, Herr von Benkendroff, wieder ber sein Buch hinber nach seinem
kleinen Freund sehend, da Sie gar keinen Hals haben an dem man Sie
aufhngen kann -- sonst scheinen Sie mir auf dem besten Wege dazu.

Bah, aufhngen rief Herr von Hopfgarten verchtlich -- darin bewhrt
sich gerade der Mann, den Kopf in schwierigen Situationen aus der Schlinge
zu halten.

Jedenfalls sollten Sie sich dann den langen Menschen aus dem
Zwischendeck, ich glaube es ist ein Schneider sagte Herr von Benkendroff
ruhig zum Begleiter, gewissermaen als Sancho Pansa mitnehmen; Ihr Zug
wrde dadurch einen gewissen historischen Werth bekommen.

Spotten Sie nur lchelte aber Herr von Hopfgarten gutmthig -- Jeder
sucht sein Vergngen auf seine eigene Weise, und Don Quixote, einige
verrckte Marotten abgerechnet, war ein ganz achtungswerther Charakter --
seine Kurzsichtigkeit mu brigens Vieles bei ihm entschuldigen, und ich
habe ein Auge wie ein Falke.

Im Zwischendeck ist allerdings ein Mann der fr Sie passen wrde Herr von
Hopfgarten, fiel aber hier das Frulein von Seebald ein, ein junger
Dichter, der ebenfalls noch nicht in dem Alltagsleben der Welt zu Grunde
gegangen, und keineswegs daran zu zweifeln scheint, dem Leben auch noch
eine poetische Seite abzugewinnen. Nur in der That bewhrt sich der
mnnliche Charakter; setzte sie mit einem Seitenblick auf Herrn von
Benkendroff hinzu, der aber an diesem vollkommen abprallte.

Vortrefflich! rief da die muntere Clara -- Herr von Hopfgarten kann dann
die amerikanischen Riesen und Ungeheuer bekmpfen, und sein Begleiter
gleich die Thaten besingen; ich subscribire von vornherein auf ein
Exemplar.

Ihnen, meine gndige Frau lachte aber der kleine Mann, dedicire ich das
Werk, und werde mir von Ihnen noch ganz besonders eine Schleife oder einen
Handschuh ausbitten, nach chter Ritterart am Hut zu tragen.

Ein Wort ein Mann rief die junge Frau, ihren linken Handschuh lachend
abziehend und dem neuen Ritter zuwerfend -- hier ist das Pfand, und
bedenken Sie, da ich es nur mit dem Blut der Feinde getrnkt
zurckerwarte.

Gndige Frau! rief da der kleine Mann, begeistert von seinem Stuhle
aufspringend -- nur mit meinem Leben trenne ich mich wieder von dieser
Gabe, bis ich sie in wrdiger Weise zurckerstatten kann, und hier unser
bequemer Freund Benkendroff selber --

Seine weitere Rede wurde durch das Heraufstrmen der Matrosen auf das
Quarterdeck unterbrochen, die, so ehrerbietig sie sonst dasselbe betraten,
jetzt ohne weiteres Ceremoniell und in grter Eile anfingen die
aufgerollten Falle von den Ngeln herunter auf Deck zu werfen, wobei sie
den berrascht aufspringenden Passagieren sehr ungenirt die Sessel aus dem
Weg rckten. Zu gleicher Zeit sahen diese wie ein Theil der Mannschaft,
gelenk wie Katzen, an den Wanten(9) hinauflief; die leichteren Segel
flatterten dabei aus, und wurden eingeholt und befestigt, die leeren
Raaen(10) queer gebrat, und auf den Marsraaen, dessen Segel in der
frischer werdenden Brise schlug und flappte, lagen die Leute mit der Brust
auf, die Fe gegen das scharfangespannte Lauftau gepret und mit dem
Oberkrper in freier Luft hngend, das ausschlagende schwere Segeltuch zu
fassen und einzuziehen, um es in die Reefbnder zu schlagen, und kleinere
Flche der Leinwand einem jedenfalls erwarteten Sturm zu bieten.

Die Passagiere sahen allerdings im Anfang erstaunt auf und umher, denn das
Wetter war, bei fast vlliger Windstille, mild und warm gewesen, und eine
leichte Brise, die sich nach und nach erhoben und das Schiff wieder
langsam durch die klare, fast spiegelglatte Fluth trieb, von ihnen wohl
freudig begrt worden, aber keinem als irgend Gefahr drohend erschienen.
Der erste berraschte Blick umher berzeugte aber bald alle, selbst die
grten Laien in der Wetterkunde, da der sonnige Morgen einem strmischen
Mittag werde weichen mssen. In Nord-Westen stiegen schwere dunkle
Wolkenmassen auf, die dem Wasser schon ihren fahlen Bleiglanz mitzutheilen
begannen, ber die See zog es in dunkelstreifigen, flchtigen
Kruselwellen, wie die Vorboten des nahenden Wetters, und als die schwache
Brise endlich wieder vollstndig erstarb, die dstere Wolkenmasse aber,
die bis jetzt fast auf dem Horizont gelegen, mit rasender Schnelle hher
und hher stieg, da bat der Capitain, der bis dahin an Nichts anderes
gedacht hatte, als sein Schiff auf das kommende Wetter vorzubereiten und
seine Segel zu bergen, die Passagiere dringend, hinunter in die Cajte und
dem Unwetter aus dem Wege zu gehn, da sich die Mannschaft frei bewegen
knne. Fast alle fgten sich auch dem Wunsch nur zu bereitwillig, die
meisten selber froh unter dem schtzenden Dach der Cajte den Ausbruch des
Sturmes erwarten zu drfen; nur Herr von Hopfgarten holte sich rasch seine
gelten Seemannskleider, die er sich zu diesem Zweck besonders
angeschafft, hervor, zog sie an, setzte seinen Sdwester(11) auf, und
stieg, die Hnde in die Taschen schiebend, wieder an Deck, dem Sturm die
Wetterseite zu bieten.

Diese unheimliche, und einem heftigen Orkan sehr oft vorhergehende Stille
dauerte aber nicht lange; im Nord-Westen nahm der Meeresspiegel eine
vollkommen dunkle Frbung an, wie sich die Kruselwellen da vor der
heranbrausenden Windsbraut hoben, und als die Windsbraut herankam und das
Schiff fate, durch die Blcke und Taue pfiff und ber die nackten Raaen
heulte, fegte sie auch schon die oberen Tropfen von den aufspritzenden,
wie ngstlich zuckenden Wellen, und lehnte sich jetzt hinein in das Meer,
das ruhige aufzurtteln aus seinem Schlaf.

Hui wie es da drngte und bohrte und die Segel fate und schttelte, die
es noch wagten ihm Trotz zu bieten, whrend es dem sthnenden Schiff
pfeilschnell die bumenden Wogen entgegenjagte; wie die Masten chzten und
sich elastisch der furchtbaren Kraft beugten, und die schweren Raaen in
ihren Ketten klirrten und die Falle, und Taue zum Zerspringen spannten.
Aber machtlos griff der Sturm in das knstliche Gebu, das des kecken
Menschen Hand, selbst seinen Schrecken zum Trotz, muthig und sicher ber
die brausenden Wogen fhrte; zur rechten Zeit waren alle berflssigen
Segel geborgen und die nthigsten dicht gereeft, dem Orkan so kleine
Flche als mglich zu bieten, und was noch stand, an dem konnte er rtteln
und reien und seine Kraft versuchen; die Leinwand war stark und neu und
die Taue hielten seinem wildesten Sprung und Drang.

Aber die Passagiere hatte er berrascht, denn sie waren bis jetzt an
ruhiges Wetter und ziemlich gleichmigen Wind gewhnt, der es den Leuten
erlaubte ihre Segel in Ruhe zu setzen oder einzunehmen. Die nthigen
Befehle waren dabei auch natrlich in aller Ruhe gegeben, und von den
Leuten eben so ausgefhrt worden; das aber nderte sich jetzt wie mit
einem Zauberschlag, und in dem wsten Lrm der Seeleute, dem sich das
Toben der Elemente gesellte, schien dem Laien jede Ordnung im Schiff
gerade in dem Moment gelst und aufgehoben, wo die Gefahr zum ersten Mal
mit eiserner Faust an ihre Planken schlug. Die Offiziere schrieen ihre
Befehle, jedem Ohr unverstndlich und in dem Heulen des Sturmes wild und
ngstlich klingend, ber Deck, die Matrosen selber strzten herber und
hinber, die Segel hingen eine Zeitlang gelst und schlugen an die Masten,
die Taue fuhren wirr durcheinander, und die Hast, mit der die zum Reefen
aufgeschickten Leute nach oben eilten, nach rasch ausgefhrtem Befehl
wieder an den Pardunen niederglitten, und die Raaen dann unter dem
schrillen Ruf des Steuermanns und dem ihnen so ngstlich klingenden
Taktsang der Matrosen aufgezogen wurden, besttigten bei Vielen den
schlimmsten Verdacht, und machte ihre Herzen rascher klopfen.

Die Cajte konnte sich da noch eher Raths erholen; besorgte, an die
Steuerleute oder den Capitain gerichtete Fragen der Damen, wurden
beruhigend beantwortet, und die Gewiheit gerade, mit der die Offiziere
den Sturm vorausgesehn, und die nthigen Vorkehrungen dagegen getroffen,
hatte schon an sich etwas Trost und Vertrauen Erweckendes. Schlimmer sah
es dagegen im Zwischendeck aus, wo eine Menge Frauen und Kinder, in den
engen dunklen Raum gebannt, ber dem sie nur das unheimlich rasche Laufen
der Seeleute und das Heulen des Sturmes hrten, durch ihr Jammern und
Sthnen und Wehklagen die Verwirrung, die berdie schon unten herrschte,
noch arg vermehrten.

Wie dabei der Wind ber die See tobte, hoben sich die Wellen hher und
hher, das Schiff fing an zu stampfen und in den anstrmenden Wogen
herber und hinber zu schlingern, da in dem dumpfigen Raum hie und da
schon wieder die Seekrankheit ihren Arm nach einzelnen unglcklichen
Opfern ausstreckte. Die um die Mittelsttzen des Zwischendecks befestigten
Koffer und Kisten schurrten dabei, so weit es ihnen die nach und nach
locker gewordenen Taue gestatteten, mit der Bewegung des Schiffes bald
nach dieser bald nach jener Seite, und drohten in der That sich nach und
nach vllig loszuarbeiten aus ihren Banden, wie einzelne Schachteln mit
unvorsichtig dort aufgespeicherten Vorrthen, Stcken Fleisch und
Zwieback, Zwiebeln und Kartoffeln, oder auch nachlssig aufbewahrte Gefe
und Flaschen, pltzlich laut wurden und hervorpolterten, den Passagieren
dadurch einen ungefhren Begriff gebend, was sie zu erwarten htten, wenn
sich das _schwere_ Gepck losscheuere und mit seinem Gewicht und den
scharfen Ecken und Kanten ber sie hereinbreche und herber und hinber
schleudere.

Einige der Zwischendeckspassagiere machten sich nun zwar bereitwillig
daran, einer solchen Fatalitt durch festes Schnren der Taue in Zeiten
vorzubeugen; bei dem immer strkeren Schaukeln des Schiffs wurde das aber
mehr, als sie auszufhren vermochten; das Arbeiten in dem niederen dumpfen
Raum machte sie schwindlich und bel, und Matrosen muten zuletzt zu Hlfe
gerufen werden, die gelsten und nicht wieder ordentlich befestigten Taue,
die jetzt hie und da nachgaben, auf's Neue zu verbinden und Unglck zu
verhten.

Was brigens im Anfang selbst dem Capitain nur als ein eben so rasch wie
es gekommen, vorbergehendes Gewitter geschienen, artete zuletzt wider
Erwarten in einen ordentlichen Sturm aus, der mit der untergehenden Sonne
neue Kraft gewann. Die Segel blieben dicht gereeft, die Luken wurden, des
niederstrmenden Regens wegen, mit getheerter Leinwand berhangen, und die
Wellen wuchsen natrlich, durch ihre eigene Schwere von Stunde zu Stunde,
bis sie die weisgekrnten Kmme, wie funkelnde Mhnen, im Ansturm gegen
den starken Bug des Schiffes trugen, und ihre Stirnen wild und drhnend,
immer und immer wieder vergebens, dagegen schmetterten.

Die Haidschnucke kmpfte sich indessen still und unverdrossen ihre Bahn,
whrend der Widderkopf, den sie als Brustbild auf der Gallion vorn trug,
ihr alle Ehre machte. Den starken Nacken gebogen, einem wirklichen Widder
gleich, setzte er zum Sto ein, den anprallenden Wogen gegenber, und wenn
sich die hochaufbumenden an ihm brachen, und schumend und brausend ihre
Sturzseen ber Deck warfen, stieg er fest und trotzig, von dem glhenden
Meeresschaum hell erleuchtet, daraus empor, den wilden wsten Schlachtplan
berblickend, und es war fast, als ob er sich einen neuen Gegner
herausfordernd suche, zum Kampf auf Leben und Tod.

In der Nacht gab es wieder viele Kranke an Bord, und Sthnen und Aechzen,
Beten und Fluchen tnte aus dem niederen dunklen und dumpfigen Raum empor,
dem nur manche mal eine bleiche, sich berall krampfhaft anhaltende
Gestalt entstieg, den Schiffsbord zu suchen, sich daran festzuklammern,
und was sie drckte, hinber zu werfen in die boshafte tckische See. Wehe
dem Armen dann, wenn er mit schwindelndem Hirn, und von dem ihn umrasenden
Sturm betubt, die Leeseite, nach der er sich zu wenden hatte, mit der
Luvseite verwechselte, und gegen den Wind seinem Leiden Luft machen
wollte; der boshafte Sturm warf ihm das dann gewi erbarmungslos wieder
zurck und entgegen, und eine nachstrzende See sphlte den Armen
vielleicht mitleidig dem nach, nach Lee hinber, von wo er sich triefend
und betubt die Bahn wieder nach unten suchen mute, seiner dunklen Coye
zu.

Oh wie lang, wie entsetzlich lang dauerte die Nacht, in der selbst den
Gesunden das Kreischen der Kinder, das Jammern der Frauen, das Sthnen und
Aechzen der Seekranken, wie das Werfen der Falle und das Stampfen der
Matrosen an Deck, jeden Augenblick Schlaf raubte oder verkmmerte. Dabei
peitschte drauen die Fluth, die schwachen Planken, die sie allein von der
Unendlichkeit trennten, und die furchtbaren Ste, mit denen der scharfe
Bug des Schiffes den anprallenden Wogen begegnete, whrend ganze Fluthen
von vorn nach aft ber Deck strmten, machten den mchtigen Bau bis in den
Kiel hinab erzittern, und fllten oft die Herzen selbst der
Unerschrockensten mit jenem eigenthmlich unbehaglichen Gefhl, da Holz
und Eisen doch am Ende nicht auf die Lnge der Zeit solchen unermdlichen,
unausgesetzten Anprallen werde widerstehen knnen. Und wenn es brach? --
wenn sich die tolle Fluth die Bahn erzwang in die jetzt Leben gefllten
Rume, wenn die gierigen, donnernden Wogen nur einen Zollbreit Raum
gewannen, nur da sie Halt bekamen an dem Mark des Schiffs, was dann? --
ein wilder Todeskampf, ein Angstgeschrei, der den inneren Raum erfllte,
und mit den Wogen machtlos kmpfend rangen hunderte von Wesen, deren
Herzen jetzt noch warm und hoffend schlugen -- rangen und versanken, der
nchsten Sonne nur in wenig einzeln treibenden Hlzern den Ort verrathend,
an dem die Tiefe sie verschlang.

Mit vollkommen ruhigem und kaltem Blut betrachtet indessen der Seemann den
Aufruhr der Elemente. An das Schiff denkt er dabei, da er es sicher und
unbeschdigt durch die Wogen fhre, nicht an sein Leben, das dem Schiff
gehrt. Gewohnheit stumpft den Menschen auch zuletzt gegen eine wieder und
immer wieder kehrende Gefahr ab, sei sie noch so gro; und fast mechanisch
thut er Alles, was ihm der Augenblick eben zu thun gebietet. Sind dann die
Segel dicht gereeft, ist Alles an Deck so gut befestigt wie es geht, jede
Luke geschlossen und keine drohende Kste in Lee, von der abzukreuzen,
sonst alle Krfte angespannt werden mten, dann hat der Schiffer gethan
was eben in seinen Krften steht, und auf gutem, seetchtigem Schiff,
vertraut er das und sein Leben ruhig dem Schutz des Hchsten.

Auf offener See ist die Gefahr auch lange nicht so gro; es mu da
ordentlich wehn, und eine furchtbare See mu stehn wenn es dem wirklich
guten Schiff verderblich werden soll. Reien die Wellen auch dann und wann
einmal ein paar Ellen Schanzkleidung(12) ber Bord, oder waschen sie gar
das Deck rein von Kambse(13) und Wasserfssern, trotz ihren Tauen und
eisernen Klammern, der Sturm kann nicht ewig whren, und ein paar Stunden
ruhigen Wetters geben dem unerschrockenen Seemann bald wieder Zeit, den
gehabten Schaden, so gut das eben auf offener See geht, auszubessern. Nur
wenn er Land in Lee wei, das bedrngte Schiff kaum im Stande ist, sich
gegen den Anprall von Wind und Wellen zu halten und die Strmung
vielleicht gar noch dem Sturm die Hand bietet; wenn er wieder und wieder
ber Stag(14) mu dem Wind in die Zhne hinein zu segeln und trotz dem das
dmmernde Land immer deutlicher, immer furchtbarer zu ihm herberstarrt,
die Brandung immer drohender, immer furchtbarer an sein Ohr schlgt, dann
mag ihm das Herz pochen, und das Auge ngstlich am Horizont nach Rettung
suchen, ob sich die Wolken nicht lichten, die wilden Ben nicht legen
wollen, dann allerdings lauert der Tod in den dunklen starrenden Klippen,
die gierig die Hupter herausstrecken aus der schumenden Brandung, denn
das _Land_ ist des Seemanns Feind, nicht das _Meer_.

In dieser Nacht legte sich der Sturm aber nicht, und wenn er auch gegen
Morgen etwas in seinem Grimm nachzulassen schien, nahm er vor
Sonnenaufgang auf's Neue die Backen voll und tobte toller als vorher.
S'ist eine frische Hand am Blasbalg sagen in dem Fall scherzhafter Weise
die Matrosen, denen eine Mtze voll Wind mehr oder weniger nicht viel
verschlgt. Im Gegentheil; der Lohn geht fort; hlt sie der Sturm ein paar
Tage lnger auf See, gut, desto mehr Geld haben sie zu fordern, wenn sie
das Land betreten, und knnen desto mehr verthun; ja bei schwerem Wetter
fallen sogar die lstigen Arbeiten, wie Schiemanns-Garn drehen und Werg
zupfen fort, mit denen sie in ruhiger Zeit doch auerdem genug gergert
werden. Die Leute sitzen dann auch meist -- mag das Wetter toben so arg es
will -- ganz ruhig und vergngt im Lee vom groen Boot und erzhlen sich
Geschichten und Anekdoten. Sind die Segel dicht gereeft, und haben die
Leute genug Taback, dann verlangen sie keine bessere Zeit und sind munter
und vergngt. Nur bei Windstille flucht der Matrose, denn das ist die
Zeit, in der er am meisten beschftigt ist.

Nur wenige von den Passagieren hatten sich aber die Nacht ber hinauf
getraut an Deck, dem Sturm und den noch fataleren Sturzseeen khn die
Stirn zu bieten. Die aber, die es gewagt, waren auch reichlich durch den
wundervollen groartigen Anblick der zrnenden See entschdigt worden.
Zischend und schumend wlzten die phosphorglhenden Wogenmassen herum,
mit ihrem geisterhaften Licht die Masten hellend, bis hinauf zu den
nackten tanzenden Spieren. Wie von silberblitzenden Adern durchzogen,
quollen die mchtigen Wellen am Schiff vorbei, das trge und strrisch nur
hindurchzudringen schien, und die See, die sich zu windwrts ber dem Buge
brach, go tausend und tausend glimmende Funken ber das nasse Deck und
schmckte es wie mit blitzenden Edelsteinen. Die Windsbraut hatte dabei
den Himmel rein gefegt; mit der Tiefe wetteifernd funkelten die Sterne ihr
flammendes Licht herab, und als der Mond dem Horizont endlich entstieg,
sandte er seine zuckenden Strahlen wie matte Blitze ber die erregte
Fluth.

Die Noth im Zwischendeck hatte inde ihren hchsten Grad erreicht, denn
die berstrzenden Seeen, die ihre pltschernde Fluth um die Vorderluke
sphlten, schlugen einmal sogar die Leinwand fort, und gossen einen Strom
hinab in den unteren Raum. Die Matrosen sprangen allerdings gleich zu und
schlossen die Luke mit den Lukenklappen, weiterem Eindringen des
Seewassers, weniger der Passagiere, als der unter ihnen eingestauten
Fracht wegen, zu wehren, aber der Angstruf der Zaghaftesten, das Schiff
hat einen Leck -- wir sinken -- wir sind verloren zuckte mit dem Nothschrei
von Lippe zu Lippe, und Alles, was sich noch auf den Fen halten konnte,
drngte jetzt wild zurck, der hinteren Luke zu, den Weg von da an Deck zu
finden. Ein gewisser Instinkt trieb die Schaar an die freie Luft, wo eben
so wenig Rettung fr sie war, als dort unten, wre ihr furchtbarer
Verdacht wirklich begrndet gewesen -- aber sie wollten nicht im Dunklen
sterben.

Na nu setz mich mal an Land! rief der Steuermann verwundert, als die
Passagiere pltzlich, wie Bienen aus ihrem gestrten Haus, an Deck
quollen, und nach dem Boot und um Hlfe schrieen, Dskppe, seid Ihr
verrckt geworden oder was fllt Euch ein? -- wollt Ihr machen, da Ihr
wieder hinunter kommt, oder ich lass' Euch hier oben noch einmal
begieen!

Die Drohung half aber Nichts, Andere preten nach, von unten herauf, den
Erstgekommenen den Rckzug abschneidend, und eine gerade wieder ber das
Schiff herberschlagende See vermehrte die furchtbare Verwirrung der zum
Tod Erschrockenen.

Unten im Zwischendeck schrie eine einzelne Frauenstimme mit
markdurchschneidenden Tnen nach Hlfe, und unheimlich klang der gellende
Laut selbst durch das Gewirr von Stimmen und das Toben der Elemente.

Aber so nehmt doch nur um Gottes Willen Vernunft an -- zurck da mit Euch
oder ich lasse die Luke hier ebenfalls dicht machen und keiner Mutter Sohn
wieder an Deck herauf -- bat und fluchte der Seemann -- aber Alles umsonst;
ein panischer Schrecken hatte sich der unglckseligen Passagiere
bemchtigt und Einzelne, die von der berstrzenden See fortgewaschen an
Deck herumschwammen, und wie sie nur den Mund wieder frei bekamen, nach
Rettung brllten, setzten der heillosen Verwirrung die Krone auf, und
trieben jetzt auch die Cajtspassagiere in Todesangst aus ihren Coyen.

Es bedurfte wohl einer halben Stunde Zeit, in der die Matrosen die, die am
meisten schrieen, und sich am unsinnigsten geberdeten, anfassen, schtteln
und erst wieder zur Vernunft stoen muten, bis die Leute nur anfingen zu
begreifen, da ihnen keineswegs eine unmittelbare Gefahr drohe, und der
Sturm eben nicht rger das noch vollkommen tchtige und dichte Schiff
umtobe, als am Abend, wo sie sich ruhig in ihre Coyen zum Schlafen
niedergelegt. Die Vernnftigsten der Schaar, die sich doch auch ihres
Kleinmuths wegen zu schmen begannen, wollten deshalb eben wieder hinunter
in das Zwischendeck steigen, wo der Lrm noch rger als vorher tobte, auch
dahin die trstliche Nachricht zu bringen, und die Verzweifelnden zu
beruhigen, als sich von dort herauf der Tischler Leupold wild und
ngstlich die Bahn brach, und nach dem Arzt -- dem Doktor schrie, um Gottes
und des Heilandes Willen seiner Frau zu Hlfe zu kommen.

Was ist -- was giebts? riefen die Leute durcheinander, und der Steuermann
fate den halb Rasenden und frug ihn, was geschehen sei; dieser aber ri
sich los und bat und flehte, nur den Arzt aus der Cajte zu holen, damit
dieser der Unglcklichen beistehn knnte, die pltzlich _wahnsinnig_
geworden wre.

_Wahnsinnig_, es ist ein furchtbares Wort, und der Sturm heulte seine
tolle Weise darein, die Masten knarrten und chzten und durch die Blcke
pfiff es wie in wilder unheimlicher Luft.

Der Arzt -- wo ist der Doktor! riefen die Leute jetzt durcheinander, den
Sturm fast vergessend ber die augenblickliche, dringendere Noth des
Mitpassagiers -- der Doktor! und selbst der Steuermann, der sich sonst
wahrlich nicht beeilte, wenn ein Zwischendeckspassagier oder ein Passagier
berhaupt, einen Wunsch aussprach, sprang in die Cajte hinein, den
Doktor herauszuklopfen, damit er helfen knne, wenn hier berhaupt
menschliche Hlfe noch mglich war.

Der Doktor lag angezogen in seiner Cajte auf dem Bett, und sprang bei dem
ersten Ruf schon rasch und bereitwillig auf, aber er sah selber
todtenbleich aus, und ein neuer Angriff der Seekrankheit, mit der Angst um
das eigene Leben, hatte ihm jeden Blutstropfen zum Herzen zurckgejagt.

Doktor machen Sie rasch -- eine Frau ist im Zwischendeck wahnsinnig
geworden -- Sie mssen helfen! rief der Steuermann.

Eine Frau wahnsinnig? sthnte der unglckliche Sohn Aesculaps -- das ist
ja entsetzlich, das ist ja gar zu traurig -- was werden -- was werden wir
ihr denn da gleich eingeben --

Sehn Sie sich die Kranke nur erst einmal an rief aber der Steuermann
ungeduldig, als der Doktor in allen seinen Taschen nach seinem Besteck an
zu suchen fing -- bis Sie hinunterkommen kann sie todt sein, wenn Sie so
lange machen.

Ja wenn das aber _so_ schnell geht sagte der arme Hckler in
Verzweiflung, dann werde ich ihr mit meinem Besuch auch nicht mehr viel
helfen knnen -- das ist eine verzweifelte Geschichte und indessen der
Sturm -- murmelte er vor sich hin, als er die niedere halbe Treppe an Deck
hinaufstieg und sich oben gleich anhalten mute, auf dem spiegelglatten
Deck, nicht nach Lee zu geworfen zu werden -- heilige Dreifaltigkeit,
Steuermann, das Deck geht Einem ja unter den Fen fort -- das Schiff ist
zu schwer auf der einen Seite.

Htte bald was gesagt, murmelte aber der alte Seebr zwischen den Zhnen
durch, whrend er ihn auf der linken Seite sttzte, da er nur rascher
vorwrts kam.

Unter Deck hatte sich indessen eine Gruppe von Frauen meist um die
unglckliche Tischlersfrau gesammelt, die sich den Hnden der sie
haltenden Mnner fortwhrend zu entwinden suchte, und dabei laut lachte
und schrie, und wunderliche, verslose Lieder sang. Der junge Donner,
whrend er sich mit der linken Hand selber fest an der nchsten Coye hielt
und seinen linken Fu zwischen die dort befestigten Kisten eingeklemmt
hatte, hielt sie mit dem rechten Arme umschlungen, da sie sich nicht
selber von ihrem Stand herunterstrzte, und Leupold, mit Herrn Mehlmeiers
Hlfe, suchte sie auf der anderen Seite zu sttzen und zu beruhigen und
sie nur zu bewegen, da sie sich erst einmal wieder in ihre Coye lege.

Ueber dieser von einer gewhnlichen Schiffslaterne beleuchteten Gruppe,
oben an der steilen, in das Zwischendeck niederfhrenden Treppenleiter,
erschien jetzt der Doktor, und mute mit Gewalt den Ekel bezwingen, der
ihm bei dem furchtbaren Schaukeln des Schiffs, und dem warmen, von unten
zu ihm aufstrmenden Dunst des inneren Decks zu erfassen drohte. Gerade
aber, als er sich umdrehte um niederzusteigen, sah und erkannte ihn die
Frau und schrie auf, als ob sie einen Geist erblickt Er will mich wrgen
-- er will mich wrgen. Der arme Doktor, berdie nicht auf festen Fen,
drehte sich bei dem Schrei halb um, rutschte auf seinem schlpfrigen Stand
aus und glitt halb, halb fiel er mitten zwischen die Gruppe hinein.

Hahahaha! lachte da die Unglckliche hell und laut auf -- hahahaha, er
hat den Hals gebrochen, er hat den Hals gebrochen und sank besinnungslos
zurck in Georg Donners Arm, whrend ihr Mann kaum noch Zeit behielt, sie
mit zu untersttzen.

Hckler hatte sich indessen rasch und erschreckt wieder erhoben, und
whrend er sich an der Treppe und den Kisten zu der Patientin hinfhlte,
ri Hedwig ihre Matratze aus dem eigenen Bett, sie der Frau vor der Coye
unterzubereiten, und kauerte dann neben ihr nieder, ihren Kopf zu
untersttzen. Dem Doktor wurde indessen mit kurzen Umrissen die mgliche
Ursache des Unglcks mitgetheilt, das der arme Tischler von einem Sturz
herrhrend glaubte, den die Frau an dem Morgen gethan. Sie war dabei mit
dem Hinterkopf gegen eine Kistenecke geschlagen, und trotzdem, da sich
kein Zeichen uerer Verletzung deutlich machte, viele Minuten lang
bewutlos liegen geblieben; hatte auch nachher, als sie wieder zu sich
kam, ber Kopfschmerz geklagt, sich jedoch sonst wohl befunden, bis der
Sturm an dem Abend berhand nahm, und nun die Angst, vielleicht das Uebel
verschlimmernd, die frhere Verletzung des Hirns zum Ausbruch drngte.

_Dr._ Hckler hatte indessen den Puls der Kranken in seiner Hand gehalten,
und befand sich in grter Verlegenheit, was ihm in diesem Fall zu thun
oder zu lassen bliebe. Der Wahnsinn, weder in seinem Ursprung, noch seiner
Wirkung, stand nicht in dem Medicinbuch mit angegeben, und so viel und
sorgsam er sich auf fast alle brigen Krankheiten und Zustnde
vorbereitet, so wenig hatte er einen solchen Fall fr mglich gehalten, ja
in der That nicht einmal daran gedacht. Aderlassen! das blieb das Einzige
-- er hatte auch eine wirkliche Schwche fr Aderlassen, und es befand sich
nicht eine Person an Bord, die seine Hlfe in Anspruch genommen, sei es
fr was auch immer, und ohne einen Aderla davongekommen wre. Keinenfalls
konnte der schaden. Sein Besteck also, das er, als er die eigene Coye
verlie, fast instinktartig zu sich gesteckt, herausnehmend, ging er auch
ohne weiteres daran, die Operation mit gewohnter Fertigkeit vorzunehmen.
Georg Donner untersttzte ihn dabei nach besten Krften und Doktor
Hckler, der dadurch wieder seine ganze frhere Zuversichtlichkeit erlangt
hatte, verordnete noch, ehe er das Zwischendeck verlie, und als die
Kranke wieder Zeichen zurckkehrenden Bewutseins gab, sie jetzt fest in
ihre Coye zu packen, mit Kissen wohl zu verwahren, damit sie nicht
herausfallen knne, und sie die Nacht durch ordentlich und fest schwitzen
zu lassen.

Georg Donner wollte hiergegen Einspruch thun, Doktor Hckler aber, dem
durch den langen Aufenthalt im Zwischendeck selber wieder der Schwei auf
die Stirn trat, und dem es wst und unbehaglich zu Muthe wurde, hatte
seine Instrumente schon zusammengepackt, und verlie rasch den dumpfigen
Raum. Donner aber stieg, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ebenfalls an
Deck, holte einen Eimer voll Seewasser herunter, den er an einen der in
den Queerbalken befestigten Haken hing, lie sich dann von Leupold ein
reines Handtuch geben, das er mit dem kalten Wasser netzte, und rieth ihm,
die Frau vor der Coye auf der Matratze liegen zu lassen, und ihr
fortwhrend kalte Umschlge auf die fieberglhende Stirn zu legen, die
Hitze daraus zu bannen. Hedwig, die nicht von der Seite der Kranken wich,
bernahm das Amt, die Umschlge zu erneuern, und trotz dem furchtbaren
Stampfen des Schiffes, das gegen die mit jeder Stunde hher wachsende See
fortwhrend anzukmpfen hatte, wurde endlich Ruhe im Zwischendeck. -- Die
Passagiere fanden, da die Gefahr nicht so nah sei wie sie geglaubt, und
ergaben sich endlich -- was sie htten gleich von Anfang an thun sollen --
ruhig in ihr Schicksal.

Der nchste Morgen brach trb und eben noch so strmisch an; mit der
ersten Dmmerung war es fast, als ob sich der Wind etwas legen wollte, wie
aber die Sonne roth und flammend aus dem schumenden Wogenkessel sich hob,
gewann der Sturm neue Kraft und heulend und rasend fegte er die See. Hei
wie er die mchtigen, mit durchsichtigen Kronen berworfenen Wogen fate,
die Schulter dagegen stemmte, und die bumenden Kmme aufgriff und in
Silberperlen ber die grollende See hinaus streute; wie er sich in die
fliegenden Berge whlte und ihnen den Boden unter den Fen wegri, neue
zu bauen mit _einem_ mchtigen Hauch; wie er sie tanzen lie die
gewaltigen Rosse der See, die in unabsehbaren Reihen sich strzend und
drngend, vor ihm flohen, und seine starke Faust doch immer und immer
wieder im Nacken fhlten, wie Sporn und Peitsche, sie zu wilderem Lauf zu
treiben, zu rascherem Sturz. Ha wie das kochte und gohr in den Kesseln und
Schluchten, und die Schaumesadern zu wirbelnden Trichtern in die Tiefe
zog. Schlag auf Schlag donnerte dabei der Wogen Schaar gegen den
zerpeitschten Bug des wackeren Schiffes an, doch Sto um Sto erwiedernd
hob sich das wie mit wachsendem Muth, als der grimme Feind ihm wuchs, auf
dessen Nacken, die klare perlende Fluth von den Schultern schttelnd, dem
neuen Gegner keck die Stirn zu bieten. Wie die Wolken ber den mattblauen
Himmel jagten, als ob sie die Sonne verscheuchen wollten in ihr tobendes
Bett und die Mve mit schrillem Ruf ihre Kreise zog in Lee des Schiffs,
ein bses Zeichen fr den Seemann, der dann wohl sicher wei da er noch
schweres Wetter zu berstehen hat, trotz Sonnenschein und Licht.

Die Kranke im Zwischendeck hatte die Nacht indessen ziemlich ruhig
verbracht; der starke Blutverlust, wie die kalten Umschlge um Stirn und
Schlfe, die Hedwig ihr ununterbrochen aufgelegt (denn Leupolds eigene
Mutter war selber so seekrank da sie den Kopf nicht in ihrer Coye heben
konnte) schienen ihren Zustand, wenn auch noch nicht ganz gehoben, doch
wesentlich verbessert zu haben. Auch die brigen Passagiere, mit Ausnahme
vielleicht von sechs oder acht, wurden das Schaukeln nach und nach
gewhnt, und ngstigten sich nicht weiter ber die Sturzseeen, die ihnen
wohl ein paar Tons Wasser ber Deck schleuderten, aber weiter eben keinen
groen Schaden thaten, viel weniger denn die Sicherheit des Schiffes
selbst gefhrdeten.

Am wackersten hielt sich bei diesem Unwetter die Cajte, deren Passagiere
aber auch luftigere und gerumigere Lager und bessere und leichtere Kost
hatten, der Seekrankheit zu begegnen. Nur Frulein von Seebald htete an
dem Tage noch ihr Bett, heftiger Kopfschmerzen wegen wie sie sich
entschuldigen lie, sonst waren Alle munter und auf den Fen, und selbst
der Mittagtisch versammelte sie heute, wie in stiller Zeit.

Bse Arbeit aber gab es dabei fr den Steward und Cajtenwrter, Geschirr
und Speisen nicht allein glcklich von der Cambse ber Deck in die Cajte
zu schaffen, sondern auch dort so zu stellen und zu befestigen, da sie
durch das tolle Springen des Schiffs nicht vom Tisch heruntergeworfen
wurden. Ein eigenes Gestell, das Herr von Benkendroff gerade nicht
unpassend das _Marterholz_ nannte, da es sich nur bei unruhigem Wetter
zeigte, und eine Masse fr ihn fataler Unbequemlichkeiten mit sich
brachte, wurde ber dem, auf dem Tisch ausgebreiteten, nicht bermig
reinlichen Tischtuch festgemacht. Dieses, durch etwa drei Zoll hohe
Querhlzer verbunden und in Quadrate getheilt, schlo durch seinen hohen
Rand den Tisch vollkommen ein, und hielt Teller und Schsseln so ziemlich
fest, da sie wenigstens nicht hinunterrutschen konnten, war aber
natrlich nicht im Stande das Ueberlaufen der Schsseln und gefllten
Teller zu verhindern, wenn man sie htte vor sich auf den Tisch stellen
wollen. Diese forderten deshalb auch gebieterisch die ungeteilte
Aufmerksamkeit der Essenden, und die geringste Unachtsamkeit blieb gewi
nicht ungestraft.

Herr von Hopfgarten hatte inde von dem Krankheitsfall im Zwischendeck
gehrt, war gleich hinuntergegangen sich selber zu berzeugen, und erfuhr
dort was Doktor Hckler der Kranken nach dem Aderla verordnet habe, und
wie diese gerade durch das Gegentheil wenigstens so weit hergestellt
worden, sie fr jetzt auer Gefahr zu halten. In die Cajte zurckgekehrt
hatte er dann aber auch nichts Eiligeres zu thun, als die Damen davon in
Kenntni zu setzen, und whrend diese der Leidenden _Eau de Cologne_ zum
Einreiben und leichten Zwieback fr eine mehr passende Nahrung als die
schwere Schiffskost, hinunterschickten, nahm Herr von Hopfgarten den
Doktor bei einem Knopf, zog ihn in die nchste Ecke und machte ihm hier
die ungeheuersten Elogen wegen der fabelhaften Kur die er in dieser Nacht
vollbracht, und womit er jedenfalls das Leben der Frau auf die
eclatanteste Weise gerettet habe. Der arme Teufel von Doktor wute
freilich im Anfang nicht wohin er aus Verlegenheit sehen sollte, war auch
von dem kleinen Mann schon so oft zum Besten gehalten worden, um ihm in
diesem Fall gleich zu trauen, da er es wirklich ehrlich meine; Herr von
Hopfgarten verzog aber keine Miene dabei, ja rief zuletzt selbst den
Capitain und die brigen Cajtspassagiere herbei, und gratulirte sich und
ihnen einen so wackeren Arzt an Bord zu haben, der mit Kopf und Herz auf
der rechten Stelle, eine groe Beruhigung fr eine, von jeder weiteren
Hlfe abgeschnittene Schiffsgesellschaft sein mte.

Dem Chirurgen Hckler that aber das Lob, das so offen gespendet auch
aufrichtig gemeint sein mute, nicht allein unendlich wohl, sondern er
bekam sich auch wirklich selber in Verdacht, in letzter Nacht eine hchst
schwierige Kur mit seltener Geistesgegenwart und richtigem Urtheil
aufgefat und behandelt zu haben, und doch am Ende von der Medicin mehr zu
verstehen, als er sich selber zugetraut. Durch dieses Selbstvertrauen aber
fhlte er sich gehoben, wurde gesprchig, und fing nun an, wie das leider
berhaupt seine Gewohnheit war, einzelne andere, mitunter hchst
merkwrdige Kuren zu erzhlen, die er in frheren Zeiten gemacht, und
wodurch er das Leben schon von anderen Aerzten aufgegebener Patienten
mehrmals gerettet haben wollte. Herr von Hopfgarten ging darauf ein sich
das Alles aufbinden zu lassen, und Hckler schwamm in einem Meer von
Wonne.

Die Suppe wurde indessen aufgetragen, und der Steward, in der linken Hand
die Klingel schwingend, mit der er die Passagiere herbeirief Platz zu
nehmen, hielt mit der rechten die auf den Tisch gestellte Terrine, in der
die heie Hhnersuppe qualmte, sie vor dem Ueberschwappen zu bewahren. Des
Doktors Geschft war es brigens bei Tisch die Suppe auszutheilen, und
berhaupt vorzulegen, ein Amt das sich der Capitain, mit seinen
unangenehmen Consequenzen bei einem stark besetzten Passagierschiff, gern
vom Hals geschafft; er sa dabei zu Starbord an der Mitte des Tisches,
neben ihm zur Rechten Eduard Lobenstein, und zur Linken Herr von
Hopfgarten, whrend ihm gegenber Frau von Kaulitz mit Herrn von
Benkendroff die Sitze inne hatten. Professor Lobenstein mit Frau und den
jngsten Kindern nahm den vorderen Theil des Tisches ein, und die jungen
Damen hatte der Capitain so placirt, da sie gerade um ihn selber herum zu
sitzen kamen. Das Schiff lag dabei fast vollstndig auf der Larbordseite,
den an diesem Bord bei Tische Sitzenden eine keineswegs bequeme Stellung
gewhrend, obgleich die Mahagony- und mit geflochtenem Rohr berzogenen
Bnke, auf denen sie saen, wohl befestigt waren, und nicht wanken und
weichen konnten.

So wie Doktor Hckler am Tische Platz genommen, und die Terrine mit der
linken Hand gefat hatte, lie der Steward sie los, um weitere Bedrfnisse
der Tischgste herbeizuholen, und whrend sich die brigen Passagiere
ebenfalls setzten, fllte der Doktor jedem seine Portion auf den
dargereichten Teller. Das Schiff schwankte dabei nach allen mglichen
Richtungen hin, und die Damen besonders hatten im Anfang beide Hnde voll
zu thun, nur ihren Teller mit der Suppe zu balanciren, da er nicht bald
da bald dort berlaufe. Es gehrte auch erst in der That einige Uebung
dazu, dies Geschft der linken Hand allein anzuvertrauen, und, mit den
Augen fest auf den Tellerrand geheftet, der geringsten Bewegung
augenblicklich zu begegnen, mit der rechten Hand indessen nach dem Lffel
herumzufhlen, bis man den glcklich fand, und nun mit uerster Vorsicht
daran zu gehen sein Theil dem Munde zuzufhren. An ein Hinsetzen des
Tellers auf den Tisch durfte, ehe abgegessen war, gar nicht gedacht
werden. Die einzige Schwierigkeit fr den Doktor selber war indessen, da
er, als er Allen ausgefllt hatte, seinen eigenen Teller nicht bedenken
konnte, ohne die Terrine preiszugeben, das Schwanken des Schiffes hatte
jedoch fr den Augenblick ein wenig nachgelassen, die Terrine selber war
auch fast ganz geleert, und sie deshalb zwischen eine Schssel mit
Kartoffeln und das Querbret so fest als mglich einzwngend, da sie
ziemlich sicher stand, begann er seine eigene Portion, denn Hhnersuppe
war ein Leibgericht von ihm, zu verzehren.

Herr Capitain sagte er dabei, Sie erlauben mir wohl da ich nachher der
Kranken einen Teller von dieser Suppe in's Zwischendeck schicke; die wird
ihr gut thun.

Ja woll Doktor, man tau sagte Capitain Siebelt, der mit dem Doktor, sehr
zu dessen Aerger, am liebsten platt sprach -- wo geiht et denn?

Oh gut, Capitain, ich denke wir sollen sie durchbringen, und heute Abend
will ich ihr wieder eine Portion Schrpfkpfe setzen. Das Blut gestern sah
dick und trbe aus, und kam faul und schleimig aus den Adern, aber ich
denke wir bringen sie durch.

Herr von Benkendroff sah den Sprecher, der ihm durch solche Beschreibung
das Essen zu verderben drohte, mit einem hchst mivergngten Blicke an,
sagte aber kein Wort, und der Doktor, dem das heraufbeschworene Bild
andere, hnliche seiner frheren Praxis vor die Seele rief, fuhr in dem
vergeblichen Versuch ein Hhnerbein zu bewegen auf dem Lffel liegen zu
bleiben, schmunzelnd fort:

Wissen Sie Capitain, in Bremerhafen der Matrose, der im vorigen Sommer an
Bord des Gellert von der Raanocke herunter und auf den Anker des daneben
liegenden Alexander White fiel, und sich auch den Hinterkopf so bs
dabei verletzte, der brach zwei Stunden lang die reine Galle, und lag drei
volle Tage besinnungslos, ehe er wieder zu sich kam. An dem haben wir was
herumgeschrpft und Adergelassen.

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen Doktor, schweigen Sie doch nur ein
einziges Mal, wenigstens ber Tisch, von ihren abscheulichen Operationen
und Krankheiten bat ihn da Henkels junge Frau, Sie verderben uns jedes
Mal das Essen.

Aber beste Madame Henkel entschuldigte sich der Geschftseifrige -- es
sind das so natrliche Sachen, und was mit unserem eigenen Krper in
Verbindung steht, sollte uns eigentlich nie Ekel verursachen --
Hautkrankheiten vielleicht ausgenommen, besonders mit feuchten --

Ich verlasse den Tisch, wenn Sie nicht aufhren! rief aber die junge
Frau, jetzt ernstlich bse gemacht.

Sie thten berhaupt besser sich mehr mit Ihrem Teller zu beschftigen
bemerkte jetzt auch Herr von Benkendroff, Sie haben schon zweimal
bergegossen, und die ganze Geschichte kommt hier nach uns herber.

Halten Sie die Terrine! schrie in demselben Augenblick der Capitain,
halb von seinem Sitze emporfahrend, als das Schiff pltzlich scharf nach
Starbord berlegte; der Tisch stand in dem Moment fast ganz gerade, ja
lehnte eher noch etwas nach rechts hinber, trotzdem da das Schiff auf
der Larbordseite lag. Der Doktor sah sich deshalb, so von allen Seiten
zugleich ermahnt, auch bestrzt nach dem Capitain um, aber kaum wandte er
den Blick von dem eigenen Teller, als dieser seinen Inhalt auch auf das
Tischtuch ausleerte, und wie er ihn rasch und erschreckt, wenn gleich
etwas zu spt, auskippte, holte das Schiff zurck.

Die Terrine! schrie nochmals der Capitain, aber das donnernde Getse
einer ber Bord schlagenden See, die das Schiff bis in seine innersten
Rippen erzittern machte, und an Deck prasselte, als ob sie Breter und
Planken in Atome schmettern mte, lie seine Warnung, mit der Verwirrung
die ihr folgte, ungehrt verhallen. Die ganze Tischplatte stand in dem
furchtbaren Wurf fast senkrecht, und die Terrine mit allem was sie noch an
heier Hhnerbrhe enthielt, mit Kartoffeln und Erbsen, und smmtlichen
Messern und Gabeln wie smmtlichen Suppentellern der Starbordlinie kam in
dem Augenblick, wo sich die Passagiere nur an den Bnken halten muten
nicht selber fortgeworfen zu werden, nach Lee hinber, und zwar erhielt
Frau von Kaulitz, die nie auer in einem seidenen Kleide bei Tische
erschien, den Vortheil der ganzen Suppe, von der nur noch hchstens ein
Teller voll der Weste und den Beinkleidern des Herrn von Benkendroff zu
Gute kam, whrend die Erbsen und Kartoffeln ziemlich gleichmig ber die
anderen beiden Flanken vertheilt wurden. Selbst der Tisch, gegen den sich
der Doktor mit seinem ganzen Gewicht warf, drohte aus seinen Klammern und
Schrauben herausgerissen zu werden, und wre auch richtig gefolgt, htte
der eben in die Cajte kommende Steward nicht mit vieler Geistesgegenwart
die Sauce der Frau Professorin in den Schoo, und sich selbst, indem er
die Fe gegen die Wand stemmte, mit der Schulter gegen die Tischplatte
geworfen, wenigstens das noch daraufstehende Geschirr zu retten, das jetzt
in den Querhlzern des Aufsatzes hngen blieb.

Ueberall in der ganzen Cajte klirrte und klapperte es dabei, in dem
Vorrathsspintge fielen die auf solchen Wurf nicht vorbereiteten Flaschen
und Glser durcheinander, in den verschiedenen Coyen strzten Bcher,
Cigarrenkisten und andere Sachen zu Boden nieder, und schurrten dort, mit
der spteren Bewegung des Schiffes herber und hinber, und in der Coye
des Frulein von Seebald klirrte es und brach's, und das Frulein stie
einen durchdringenden Schrei aus.

Der Doktor trug brigens die ganze Schuld, und kaum hatten sich die
Passagiere nur wieder in etwas zusammengelesen und das Schiff einen
ruhigeren, wenigstens nicht mehr so kopfberen Gang angenommen, als Alle
ber den armen Teufel herfielen und ihm die bittersten Vorwrfe machten
die Terrine nicht gehalten, den Tisch nach vorne bergestoen, und mit
beiden Ellbogen noch smmtliches anderes Geschirr nachgeworfen zu haben.
Frau von Kaulitz war dabei auer sich, und gerieth noch in greren Zorn,
als sie sich in ihre Cajte zurckziehen wollte, und deren Thre
verschlossen fand. Die Mitbesitzerin weigerte sich dabei sogar hartnckig
zu ffnen, und fgte sich erst nach langem Parlamentiren, der gerechten
Forderung, whrend sie im Inneren den erlittenen Schaden wahrscheinlich
wieder so gut das eben anging zu verbessern suchte. Herr von Benkendroff
verlie ebenfalls den Tisch, oder vielmehr die Trmmern desselben, und nur
Henkels junge Frau, trotz den Flecken die auch ihr Kleid von Wein und
Erbsen bekommen, wollte sich todtlachen ber die Scene, wie die darauf
folgende Confusion, und hrte nicht auf den armen Doktor, als gerechte
Strafe fr seine ewigen und entsetzlichen Krankheitsbeschreibungen, zu
necken und zum Besten zu haben.

An dem Nachmittag legte sich der Sturm. Die See ging allerdings noch hohl,
und wie der Druck nachlie, den der Wind selber auf das Schiff ausgebt,
da dieses sich mehr emporrichten konnte, wurde auch die Bewegung
desselben, das Schlingern und Stampfen, eher noch heftiger; aber die Wogen
selber beruhigten sich doch mehr, wenn es auch lngere Zeit bedurfte ehe
diese riesigen Wasserberge, die sich jetzt nur noch durch die eigene
Schwere hoben, und mit zerflieendem Kamm in sich zusammenbrachen,
vollstndig in ihr altes Bett zurckkehren konnten.

Der bis dahin so ungnstig gewesene Wind, der das Schiff mehr
zurckgeworfen, als in seinem Cours vorwrts gebucht hatte, rumte mehr
und mehr auf(15), die Reefen wurden ausgeschttelt, die Raaen aufgebrat,
die leichteren Segel wieder gesetzt, und am nchsten Morgen flog das
wackere Fahrzeug fast vor dem Wind, und nur noch etwas gegen die schwere
See ankmpfend, rasch und flchtig seine Bahn entlang, dem fernen Ziel
entgegen.





                                Capitel 7.


                              LEBEN AN BORD.


Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel beschriebenen Sturm
verflossen, und nichts Besonderes in der Zeit an Bord der Haidschnucke
vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht besonders stark,
doch ziemlich gnstig, da sie wenigstens fortwhrend Cours anliegen oder
steuern konnten(16), und bei dem herrlichen und schnsten Wetter den
ruhigen Passat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft so
gleichmig, da sogar eine Vernderung an den Segeln nur selten nthig
war, und die Passagiere, die auch wohl sahen da sie tchtig dabei
vorwrts rckten, fingen schon an ungeduldig zu werden, frugen
unaufhrlich die Steuerleute und Matrosen wann sie wohl nach Amerika
kommen wrden, und kramten den ganzen ausgeschlagenen Tag in ihren Kisten
und Kasten herum ihre Uferkleider wieder vorzusuchen, Stiefeln und
Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, Wsche auszuwaschen, und Tuchrcke und
Hosen an die Luft zu hngen und auszusonnen.

Eine eigenthmliche Vernderung war aber doch mit manchem der Passagiere,
whrend der langen Seereise, vorgegangen. Besonders die Mnner, die sich
im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam,
wenigstens sauber und reinlich gehalten, und regelmig ihre gewhnliche
Kleidung angelegt hatten, als ob sie an Land gehen wollten, fingen an
nachlssig zu werden, und lieen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des
Zwischendecks den Zgel schieen. Diesen voran waren Steinert, und selbst
Mehlmeier, die schon lange ihre Tuchkleider in die Kisten gepackt, und nur
noch in den ersten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden
wchentlich auszuwaschen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Mh';
wozu sich vor den Anderen geniren? -- mit der Cajte, so oft sie das auch
versucht, kamen sie doch in keine Berhrung, denn das nicht unbegrndete
Gercht da sich Ungeziefer im Zwischendeck gezeigt, hielt jetzt selbst
Herrn von Hopfgarten ab sich noch zwischen die Leute zu mischen, und fr
ihre gewhnliche und alltgliche Gesellschaft waren sie auch so gut und
reinlich genug. In zertretenen Pantoffeln und abgerissenen Staubhemden und
Hosen, Steinert ein rothgesticktes sehr schmutziges Sammetkppchen,
Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere streichische Mtze auf
(wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das
Ansehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben sie sich den Tag
ber an Deck herum, und warfen sich den Abend meist unausgezogen auf ihr
Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er sowohl wie Mehlmeier zu
ihrer Strkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der
Weinreisende sah sich genthigt seiner durstigen Kehle den leichter zu
bekommenden aber auch gefhrlicheren Branntwein zu gnnen. Er betrank sich
allerdings nicht, aber er wurde sehr lustig und laut, und Mehlmeier, der
ihm gerade nicht regelmig, aber doch sehr hufig Gesellschaft dabei
leistete, setzte sich dann zu ihm und sang mit ihm, bis sie gewhnlich
Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwiesen wurden, weil
die zur Coye gegangenen Matrosen nicht schlafen konnten.

Noch immer der Alte war und blieb Zachus Maulbeere, der Exprediger des
Zwischendecks, der aber nichtsdestoweniger, und trotzdem da es ihm an
Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meist
in der angefangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar
Zuhrer gefunden hatte. Die Bessergesinnten wollten es freilich auch unten
nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm sei
unmittelbar der Gotteslsterung gefolgt, ja ihr ganzes Schiff wrde noch
dem Zorn des Allmchtigen verfallen, wenn sie den schlechten Menschen
seine nichtsnutzigen und teuflischen Reden unter sich halten lieen, die
Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten sich nicht in das
mischen was unter Deck vorging, so lange es nicht das Schiff selber betraf
und schdigte. Uebrigens trug er noch -- und kein Mensch an Bord hatte ihn
je ohne den gesehn -- denselben verblichenen grnen Oberrock mit den glatt
und glnzend gescheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er
den Weserkahn zuerst betrat. Selbst Nachts that er ihn nicht von sich, und
anstatt sich berhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewhnlichen Leben
doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieser Zeit
noch einen alten einmal blau gewesenen Mantel mit drei oder vier Kragen,
_ber_ seinen Rock, brachte die Kragen dann durch einen pltzlichen Ruck
nach oben unter den Kopf, schob sich mit einem der ngelbeschlagenen
Schuhe, die er ebenfalls nie von den Fen that, die wollene Decke zur
Hand, zog sie bis an sein Kinn, und war dann meistens schon nach wenigen
Minuten fest und schnarchfhig eingeschlafen. Die Wsche hatte ihn dabei
noch Niemand an Bord wechseln sehen, und war es, so mute es heimlich in
der Nacht geschehen sein, wie eine Sache wegen der man sich zu schmen
htte. Den Rock trug er brigens seit den letzten 14 Tagen bis oben an den
Hals hinauf zugeknpft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der
oberste Knopf der ununterbrochenen anstrengenden Beschftigung erlegen
war. Nicht einmal die gesprenkelte Weste kam mehr zu Tage.

Die einzige Person auf dem ganzen Schiff, mit der Maulbeere je verkehrte
und sich manchmal unterhielt -- wenn das Gesprch der Beiden berhaupt eine
Unterhaltung genannt werden konnte, -- war der Mann mit den
kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt, seine Frisur aber
keineswegs beibehalten, sondern der Natur, seit er auf dem Schiffe war,
vllige Freiheit gelassen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach
Herzenslust mit schwarzen struppigen dichten Haaren zu berziehen. Er sah
auch uerlich dadurch ganz anders aus, als wie er vor so viel Wochen das
Schiff betreten hatte, in seinem Betragen nderte das aber Nichts, und
fest und verschlossen gegen Alle, blieb der eben so schweigsame
Scheerenschleifer wirklich der Einzige an Bord, den er fr wrdig hielt
manchmal eine oder die andere seiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen,
wonach es diesem dann vollkommen frei stand, irgend etwas darauf zu
erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine schlanke, nicht unschne aber etwas
abgelebte Gestalt, schien am allermeisten von smmtlichen Passagieren des
ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die sie wirklich
nur in den windstillen Tagen gnzlich verlassen hatte. In der brigen Zeit
lag sie in ihrer Coye fest eingehllt und zugedeckt, frstelnd und gegen
den unerbittlichen Feind ankmpfend, und lie sich fast nur in der
Dmmerung auf Deck sehn. In der Zeit ging sie etwa eine Stunde oben
zwischen dem Haupt- und Fockmast ganz allein auf und ab, und sprach und
verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab sie sich gern und viel
ab, redete sie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl
auch eins der kleineren, wenn sie es sich gefallen lieen, auf den Schoo,
und htschelte und kte es dann, und wollte es fast nicht wieder aus den
Armen lassen. Aber die Kinder frchteten sich, sonderbarer Weise vor ihr,
und nur selten, hchst selten konnte ein oder das andere einmal bewogen
werden die Liebkosungen der fremden Frau standhaft zu ertragen. War es
aber wirklich geschehn und hatten sie ihren Zwieback oder Zucker bekommen,
dann schossen die kleinen Dinger auch gewi so rasch sie konnten zu den
Eltern zurck, drckten sich in deren Nhe, und es war fast als ob sie nun
dort das unheimliche Gefhl erst abschtteln mten, das ihnen bis jetzt
die Kindesbrust beengt.

Am besten jedenfalls von allen Zwischendeckspassagieren hatte sich bis
jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hineingefunden. Er wie sie
waren auch nicht einen Augenblick mig an Bord, so lange die Sonne
schien, und whrend die Frau fr die Cajtspassagiere wusch und nhte, und
besonders von Lobensteins eine Menge Arbeit bekam, die sie mit grter
Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausfhrte, dann nebenbei auch noch ihre
Kinder beaufsichtigte und, ein Muster den Uebrigen, sauber und reinlich
hielt, half er dem Koch in der Kche das Geschirr auswaschen und scheuern,
und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verschiedenen
nthigen Arbeiten verrichten. Besonders eifrig zeigte er sich bei dem
letzteren, die verschiedenen kleinen Handgriffe seines Geschfts zu
erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmermann selber gern dabei
untersttzt, gelang ihm das auch bald fast ber Erwarten.

Wenig oder gar nicht mit seinen Mitpassagieren verkehrte der junge Donner,
der still und abgeschlossen sich die meiste Zeit mit Lesen beschftigte,
oder auch wohl hinauf in die Marsen stieg, und Stunden lang hinaussah auf
das weite wogende Meer. Nichtsdestoweniger war er von Allen gern gelitten,
und wie Einzelne der Passagiere nach und nach erkrankten zeigte er sich
vielen auch als wahrer Freund, verabreichte ihnen kleine Mittel und
stellte sie wieder her. Das wurde dabei um so dankbarer angenommen, als es
sich gar bald herausstellte da der eigentliche Doktor an Bord wenig
mehr von seinem Geschft verstand als eben Aderlassen und Schrpfen, und
die Zwischendeckspassagiere nannten ihn schon gar nicht mehr anders als
den Blutegel. Der Frau des Tischlermeister Leupold hatte sich Donner
ganz besonders freundlich angenommen, ohne freilich ihren Zustand
wesentlich verbessern zu knnen. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken
der Nacht, hatte gleich bs auf ihr Gehirn wie ihre Nerven gewirkt, und
wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tobsucht, wie an jenem
furchtbaren Abend, ausbrach, lag sie doch jetzt in theilnahmloser
Stumpfsinnigkeit, ohne sich um Mutter oder Gatten zu kmmern oder auch nur
nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Hnde
fest gegen die fiebrische Stirn gepret. Leupolds Mutter, so wie sich
diese nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und
Hedwig, die sich jeden Augenblick Zeit abstahl bei der Kranken zu sein,
pflegten sie unermdlich, und thaten Alles was in ihren Krften stand,
ihren Zustand zu erleichtern, aber auch das war nur sehr wenig, und dieser
selbst von dem jungen Donner -- denn Hckler hatte ihn lange aufgegeben --
fr hoffnungslos erklrt. Uebrigens bekam sie, auf Georg Donners
ernstliche Vorstellungen an den Capitain, der im Anfang nicht darauf
eingehen wollte, ihre Kost jetzt einzig und allein aus der Cajte. Lieber
Gott, es war wenig genug was sie davon genieen konnte.

Leupold selber hatte bis jetzt das Unglck das ihn betroffen mit groer
Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen
Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, da sich sein
Weib erholen knne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch diese ihn
zuletzt verlie, und sich ihm die Gewiheit des unersetzlichen Verlustes
endlich aufzwang, da brach die Kraft des starken, besonnenen Mannes auch
zusammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Trstungen
der brigen Passagiere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an
seinem Schmerze nahmen; was er sich selber vorzuwerfen hatte, oder zu
haben glaubte, fhlte er auch allein und am schrfsten, und vermochte dem
ber ihn hereingebrochenen Unglck nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte
er sich jetzt selber an, leichtsinnig und thricht sein Glck in der
Heimath von sich geworfen und mit Fen getreten, ja _durch_ seinen
Leichtsinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerstreben gefolgt, getdtet
zu haben, und sa dann wieder halbe Tage lang dumpf vor sich hinbrtend an
Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und a und trank nicht, antwortete
nicht wenn man ihn fragte, und schaute stier und unverwandt in's Meer.

Am glcklichsten von allen Zwischendeckspassagieren schien der junge
Dichter und Schriftgelehrte Theobald -- wie ihn Steinert nannte -- die
Zeit an Bord zu verleben. Seinem eigenen Ausdruck nach flog er wirklich
wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzusammeln, d. h. er machte sich
nach der Reihe an alle verschiedene Mitpassagiere, die im Bereiche seines
Armes waren, und suchte ihre Lebensverhltnisse und Schicksale zu
erfahren, die er sich dann unverweilt in sein Taschenbuch unter
verschiedene Rubriken eintrug und im Stillen zugleich bestimmte, was davon
zu Prosa, was zu poetischen Ergssen benutzt werden sollte. Manche fand er
nun allerdings hchst bereitwillig ihm alles das zu erzhlen was sie von
sich eben wuten, bei denen lohnte es sich dann aber auch selten der Mhe,
denn sie hatten gewhnlich nur Alltgliches mitzutheilen, und Theobald
bekam von ihnen nicht einmal _Wachs_. Die aber, die wirklich etwas des
Erzhlens Werthes erlebt, rckten nie gern mit der Sprache heraus, ja die
interessantesten Persnlichkeiten an Bord, unter ihnen Maulbeere, Meier
und zwei der letztgekommenen Passagiere wiesen ihn sogar schnde und grob
genug ab, und sagten ihm, mit noch einigen anderen, schwer wieder zu
gebenden Bekrftigungen, er solle sich zum Teufel scheeren und andere
ehrliche Leute mit seinen langweiligen und naseweisen Fragen in Ruhe
lassen.

Maulbeere besonders, der ihm die frhere Charakteristik noch nicht
vergessen und ihn auerdem im Verdacht hatte da er ihn zeichnen wolle
(etwas Schlimmeres htte Maulbeere gar nicht passiren knnen) fertigte ihn
am grbsten ab. Sobald deshalb Theobald, oft nur zufllig ihm gegenber
Platz und sein unausweichliches Buch zur Hand nahm, vernderte er stets
die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Rcken zu, und
schnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit ber die Schulter hin die grimmigsten
Gesichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin da ihm Theobald
wie einen bsgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere
Annherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben mute.

Humoristischer fate der lteste von den drei geheimnivollen Passagieren
die Sache auf, denn dieser kam einer Annherung Theobalds, von der er bald
den wahren Grund vermuthete, auf halbem Wege entgegen, lie sich mit ihm,
ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches
Gesprch ein, und willfahrte auch zuletzt sogar dessen Wunsch, ihm einige
Daten aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitzutheilen. Theobald vertraute
ihm dabei, wahrscheinlich um _sein_ Vertrauen zu erwecken, da er an einer
Biographie berhmter Charaktere arbeite, und, natrlich unter strenger
Verschweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen interessanter
Persnlichkeiten zu sammeln suche. Der Alte strubte sich, nach dieser
offenen Erklrung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunst
wute seine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beseitigen,
und er begann jetzt dem staunenden Dichter eine Kette von Schicksalen zu
erzhlen, deren erster Beginn schon diesen mit Staunen und Bewunderung
erfllte, und ihm ganze Schtze von Material fr sptere Arbeiten
versprach.

Der Mann war, seiner eigenen Aussage nach, der natrliche Sohn eines
Frsten, dessen Namen zu geben er sich hartnckig weigerte, in seiner
Jugend ganz wie Caspar Hauser auf einer wsten Insel in der Nordsee
erzogen worden, und dann spter nach Afrika geschafft, dort wahrscheinlich
dem, Europern so verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte
ihn aber nicht allein gesund und am Leben gehalten, sondern seine
persnliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald
dem Knig des dortigen Reiches so unentbehrlich gemacht, da er die Hand
dessen einziger Tochter mit der Besttigung erhielt, einstens, nach dem
Ableben des alten Frsten die Regierung zu bernehmen, als eine
Palastrevolution seiner Heirath wie seinen glcklichen Aussichten ein
rasches und grausames Ende machte. Der alte Frst wurde von einem nahen
Verwandten, ermordet, und whrend dieser die Prinzessin selber heirathete
nhte man den Fremden, den man beschuldigte durch schndliche Zaubermittel
das Vertrauen des alten wackeren Knigs erschlichen zu haben, in einen
gewhnlichen Kaffeesack, und warf ihn in's Meer. Wunderbarer Weise lag
dort gerade ein europisches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die
politischen Wirren verwickelt zu werden, seinen Anker lichtete, und mit
diesem zu gleicher Zeit den unglcklich Gerichteten, eben noch am Leben,
heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des englischen Schiffs,
das bestimmt war den Sklavenhandel an der afrikanischen Kste zu
berwachen, bis dieses mehre reiche brasilianische Prisen genommen hatte
und nach Hause zurckkehrte.

Unverhofft und wohl auch unerwnscht wurde sein Wiedererscheinen in Europa
von seinem unnatrlichen Vater begrt, der aber doch jetzt nicht umhin
konnte fr den Sohn zu sorgen. Er verschaffte ihm also eine Stelle an der
Brenburger Staats-Eisenbahn, wo er ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben
htte fhren knnen, wenn sich nicht eine junge russische Grfin auf der
Durchreise in ihn verliebt, und ihn zu dem thrichten Schritt verleitet
htte sie zu entfhren, oder sich vielmehr von ihr entfhren zu lassen.
Der Telegraph war schneller als ein genommener Extrazug, sie wurden
eingeholt, die Grfin kam, allem Vermuthen nach in ein sibirisches
Kloster, und er selber auf die Festung nach Torgau wo er drei Jahre lang
in Einzelhaft schmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige
Familiengeheimnisse eines deutschen Knigshauses zu verrathen, verschaffte
ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer streichischer
Consul nach den Vereinigten Staaten dort -- doch er durfte nicht indiscret
sein, und wollte von seinen Instructionen Nichts verrathen.

Theobald war dem Beginn der Erzhlung in freudiger, man knnte fast sagen
gieriger Aufregung gefolgt; je weiter sich der Bursche aber in seine
romantische Schilderung verlor, desto stutziger wurde er, hrte auch auf,
sich die einzelnen Daten zu notiren, und betrachtete den Erzhler mit
einem allerdings noch immer aufmerksamen, doch etwas mitrauisch
gewordenen Blick, der offenem Mimuth Raum gab, als Jener ihm auch noch
den streichischen Consul aufbinden wollte.

Lieber Freund sagte er dabei, whrend er von dem Wasserfa auf dem er
gesessen, aufstand, und sein kleines Notizbuch in die Tasche zurckschob --
Sie glauben vielleicht da Sie sich einen Spa mit mir erlauben knnen --

Furchtbares Gelchter unterbrach ihn aber in jeder weiteren Protestation,
denn oben in der, mitten auf Deck aufgestellten Berkasse, hatten von ihm
ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burschen gelegen, und der ganzen
Erzhlung mit unbeschreiblichem Behagen zugehrt, dem sie erst jetzt Luft
machten, als sie merkten da der Langhaarige wie er auf dem Schiffe
hie, doch nicht lnger anbeien wollte.

Hahahaha! schrie dabei der Jngste -- ob er sich nicht Alles dabei
aufgeschrieben hat wie ein Polizeispion --

Da ich ein afrikanischer Prinz wre hat er geglaubt lachte nun auch der
Alte -- aber der streichische Consul blieb ihm in der Kehle stecken.

Theobald war entrstet, und eben im Begriff dem profanen Menschen in
voller Verachtung zu erwiedern, besann sich aber noch eines Besseren,
drehte sich scharf auf dem Absatz herum, und verlie mit einem
durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der
Uebrigen erwiedert wurde, rasch den Platz.

Guten Morgen Herr Theobald sagte in diesem Augenblick Meier der
jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene gewesen sein mute, zu dem
entrsteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete -- wnschten
Sie nicht vielleicht jetzt auch _meine_ Lebensgeschichte in Ihr kleines
grnes Bchelchen zu notiren? -- ich stnde Ihnen mit Vergngen zu
Diensten.

Gehn Sie zum Teufel! rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten
enthaltenen Hohn nicht miverstehen konnte, in voller Entrstung, und warf
beinah den Waschtrog ber den Haufen, an dem des Webers Frau beschftigt
war, nur um dem fatalen Menschen so rasch als mglich aus dem Weg zu
kommen. Meier blieb aber stehn, sah ihm erst lchelnd eine Weile nach, und
dann sich zu dem Weber wendend, der unsern davon an des Zimmermanns
Hobelbank stand und arbeitete sagte er, whrend er mit dem Daumen seiner
rechten Hand ber die Achsel hinter dem Fortstrmenden her deutete:

Ein liebenswrdiger junger Mann das, Kamerad; den mssen wir uns zum
Freunde halten, oder er streicht uns rabenschwarz an, wenn er einmal in
Amerika unsere Reise beschreibt, und sich vor heimlichem Lachen
ordentlich schttelnd, ohne da jedoch sein Gesicht einen freundlicheren
Ausdruck dadurch bekommen htte, stieg er durch die hintere Luke in's
Zwischendeck hinab.

Der Weber sah ihn an whrend er sprach, und hobelte dann eine Zeit lang
ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit seinen Gedanken doch nicht recht
einig werden knne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu
seiner Frau hinber und sagte, sich das Kinn mit der linken Hand
streichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne
herschauend:

Wenn ich nur wte wo ich das Gesicht von dem da schon frher einmal
gesehen habe -- vorgekommen ist mir's schon, darauf wollt' ich das heilige
Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir schon seit drei Tagen den
Kopf wo ich ihn hinthun soll.

Wen? -- den finsteren schwarzen Burschen, der sich jetzt den groen
schwarzen Bart stehn lt seit er auf dem Schiff ist? sagte die Frau,
ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend -- das ist ein mrrischer Gesell, und je
weniger man mit ihm zu thun hat, desto besser.

Vater sagte da Hans, des Webers ltester Junge, der fr die Mutter die
Wsche ausgerungen und in einen trockenen Kbel gelegt hatte -- der hat
beinah so ein Gesicht wie der Fleischer, der an dem Tage bei uns war als
es so furchtbar strmte und regnete.

Gott sei mir gndig ob der Junge nicht recht hat! schrie die Mutter da,
und lie vor Schrecken die Seife fallen. Das ist der rohe Mensch der so
hlich von den Kindern sprach; darum ist mir das finstere Gesicht auch
immer so fatal und unheimlich gewesen. Herr Du mein Gott, ist mir der
Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren -- setzte sie nach einer
kleinen Pause tief aufseufzend hinzu -- wo er nur herkommt und weshalb er
von daheim fort sein mag?

Wegen was Gutem nicht sagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umsonst
hat er sich nicht den dicken Bart und die langen schwarzen Haare kurz
abgeschnitten gehabt, wie er von zu Hause fort ist, der Patron. Aber Ihr
habt recht, es ist wahrhaftig der Gesell, der damals in dem Unwetter zu
uns kam und dann nach der Schenke hinaufging, sich einen Schnaps zu holen.
Nun was kmmert's uns -- er hat _uns_ nicht wieder kennen wollen, die wir
uns nicht entstellt haben, und das knnen wir ihm nur Dank wissen -- ich
werde mich ihm nicht aufdringen, davor ist er sicher, aber wissen mcht'
ich schon was mit ihm los ist.

Das ist also seine Frau, die lange hbsche Person, die immer krank in der
Coye liegt? frug die Frau.

Er sagt's wenigstens meinte der Weber -- und sie gilt dafr.

Aber wo sind denn seine Kinder? fuhr die Frau rascher fort -- weit Du
nicht da er uns damals sagte er htte so viel -- zum Abgeben? -- ich hab'
es nicht vergessen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem
Anfang an so verhat gemacht.

S'war wohl auch nur eine Prahlerei brummte der Weber achselzuckend --
und er that sich gro mit seiner Gleichgltigkeit. Leider Gottes rhmen
sich die meisten Menschen nur gewhnlich etwas, dessen sie sich eher
schmen sollten, wenn sie Verstand wie Herz auf dem rechten Fleck htten.
Ich bin brigens nur froh da ich herausbekommen habe wohin ich des
Burschen Gesicht thun sollte -- der Hans hat doch ein gutes Gedchtni --

Und damit ging er zurck zu seiner Hobelbank, wo er gleich darauf die
hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und rstig daran fortarbeitete, bis der
Koch zum Schaffen rief, und der Zimmermann kam, sein Handwerkszeug fr
die Nacht fortzupacken.





                                Capitel 8.


                             DIE ENTDECKUNG.


Auf dem Quarterdeck hatten sich indessen an dem Nachmittag, sehr zum
Aerger der alten Frau von Kaulitz, die heute selbst nicht Herrn von
Benkendroff an den Spieltisch fesseln konnte, smmtliche Passagiere
versammelt, den herrlichen warmen und sonnigen Tag sowohl zu genieen, als
auch eine Freudenbotschaft des Capitains zu feiern. Dieser hatte ihnen
nmlich nach seiner um 12 Uhr genommenen Observation erklrt, da sie
morgen, wenn der Wind so aushielte, oder eher noch ein wenig besser wrde,
und die Strmung sie nicht zu weit nach Norden versetze (Schiffscapitaine
haben in einem solchen Fall immer eine Masse _wenns_, sich die nthige
Hinterthre aufzuhalten) mglicher Weise, aber noch keineswegs ganz
bestimmt, Land sehen knnten.

_Land_ -- das Wort, so leise und vorsichtig wie es auch gesprochen, zuckte
doch wie ein Lauffeuer durch das ganze Schiff. _Land_ -- _Amerika_, die
Passagiere strmten in Schaaren herauf aus ihrem dunklen Raum, des Worts
Verheiung auch gleich erfllt erwartend, und schauten nach allen
Richtungen hinaus in See, nach Nord und Sd, nach Ost und West, die
Kstenreihe zu erkennen, wie sie sich ihre Phantasie bis dahin wohl
gedacht und ausgemalt.

Wo ist es? -- dort hinten -- ich habe es den ganzen Morgen schon gesehn --
oh Gott bewahre, das ist nur ein schwarzer Schattenstreif auf dem Wasser --
nein _dort_ hinber liegts, es mu doch nach Westen sein -- aber ich sehe
ja Nichts -- ja ich auch nicht -- rief und schrie es unter den Passagieren
durcheinander, und die Matrosen machten sich ein Vergngen daraus, die
Leute nur wo mglich noch immer mehr irre zu fhren. Wenn die Passagiere
nun aber auch nach und nach erfuhren, da das verheiene Land keineswegs
schon in Sicht, sondern erst auf morgen angesagt sei, kam doch jetzt auf
einmal ein reges, geschftiges Leben in die Leute, und die selbst, die
sich die ganze Reise hindurch kaum geregt, und oft nur mit Gewalt aus
ihren Coyen gebracht waren, dem Zwischendeck unten eine Zeitlang frische
Luft zu gnnen, krochen hervor aus ihrer Hhle, wie lichtscheue Dachse,
und sonnten sich in dem behaglichen Gefhl nun bald wieder festen Grund
und Boden betreten zu knnen, und dem fatalen ewigen Schwanken und
Schaukeln enthoben zu sein.

Am lautesten in ihrer Freude waren ein paar Oldenburger Bauernfamilien,
die sich besonders unzufrieden auch unterwegs schon ber die Schiffskost
gezeigt und den Capitain und die Steuerleute fortwhrend mit Klagen und
Beschwerden bestrmt und gergert hatten. Bald war ihnen das Fleisch zu
fett, bald zu mager gewesen, bald das Brod zu hart, bald nicht genug
davon, und fortwhrend hatten sie dabei ihren Contrakt zur Hand, nach dem
ihnen gute und nahrhafte Kost zugesagt worden fr die Dauer der Reise,
whrend sie jetzt das smmtliche Zwischendeck zu Zeugen aufriefen, ob das,
was sie bekmen, gute und nahrhafte Kost genannt werden knne. In _ihrem_
Lande fttere man die Schweine damit, und hier wolle man es Leuten, die
ihre schwere Passage bezahlt htten, als contraktmige Kost aufzwingen.
Die Leute sahen dabei rmlich und kmmerlich genug aus, und es war die
Frage, ob sie es daheim so gut gehabt, wie sie es wirklich an Bord
bekamen; gerade derartige Passagiere sind aber gewhnlich auf den Schiffen
die am schwersten zu befriedigenden, whrend Andere, die an ein besseres
Leben daheim gewhnt waren, die Dinge gewhnlich nehmen wie sie sie
finden, sich dabei mit Recht denken, da an Bord eines Schiffes, auf einer
langen Reise, nicht eben Alles nach Wunsch gehen knne, und der Reisende
gleich von vornherein auf ein gewisses Maa von Entbehrungen und
Unbequemlichkeiten gefat sein msse.

Morgen Land -- das Wort verschlang aber in dieser Stunde alle anderen
Gedanken, wenn auch das versprochene noch nicht in Sicht war, und viele,
viele Meilen Seeraum noch zwischen ihm und dem, mit vollen Segeln dorthin
strebenden Schiffe lagen. Morgen Land -- die meisten Passagiere
verwechselten dabei, in dem Freudenrausch des neuen Gefhls, den ersten
Anblick, der dann jedenfalls noch sehr fernen Kste mit dem wirklichen
Betreten derselben, und dringende Rufe nach dem Steuermann wurden laut,
ihnen, wie ihnen das in Bremen versprochen worden, den unteren Schiffsraum
jetzt zu ffnen, und von dem und jenem verlangte Kisten vorzuholen,
nothwendige Kleidungsstcke und Wsche herauszunehmen aus dem bis jetzt
verschlossenen Gepck. Vergebens suchten die Steuerleute den Ungeduldigen
begreiflich zu machen, da sie mit dem Land sehen, -- und sie shen es noch
nicht einmal -- nicht auch schon im Hafen wren, und Schiffe in der That
schon in Ruf's Nhe vom Land gewesen, durch ein pltzlich eintreffendes
Wetter aber wieder in See hinausgetrieben wren, und dort noch htten
Wochenlang umherkreuzen mssen, ehe sie ihr Ziel erreichten.(17) Es blieb
Alles vergeblich, die Leute lieen nicht mit Qulen nach, und theils ihr
lstiges Drngen los zu werden, theils auch, weil das Wetter wirklich
vortrefflich und eine baldige Landung mglich war, befahl der Steuermann
endlich einigen seiner Leute, die untere Achterluke aufzumachen, und von
dem darunter befindlichen Passagiergut herauszuholen, was verlangt wrde,
und was sie eben mglicher Weise erreichen konnten.

Die erste Kiste gleich, die zu Tag kam, gehrte den beiden Schwestern,
Rechheimers Verwandten, die mit Hedwig eine Coye theilten, und besonders
laut schon gejammert hatten, da sie einige Sachen nothwendig daraus haben
_mten_, um anstndig an Land zu erscheinen. Die Kiste wurde also auf ein
paar andere hoch in die Luke gehoben, und dort gleich von dem Zimmermann
aufgeschlagen.

Die Passagiere drngten inde auf dem von der Luke zurckgeschobenen
Gepck umher; wer seine Coye dort hatte, stieg hinein, um von dort die
Verhandlung zu berschauen, und wer nicht so glcklich war, suchte auf den
aufgestapelten Kisten und Koffern, oder am oberen Lukenrand einen Platz
und Ueberblick zu gewinnen, als ob da unten wirkliche Sehens- und
Merkwrdigkeiten gezeigt, und nicht eben nur ein paar Auswandererkisten
geffnet und durchstbert werden sollten, die keinesfalls etwas anderes
enthielten, als Wsche und Kleider. Auf See wird aber auch selbst das
Unbedeutendste zum Ereigni, wenn es eben das alltgliche Leben
unterbricht und irgend eine Vernderung bringt, und die Passagiere geben
sich dem nicht selten wie Kinder hin, die nur nach einem bunten neuen
Spielwerk greifen, um es im nchsten Augenblick wieder bei Seite zu
werfen. So war denn auch hier kaum der Deckel von der Kiste gehoben,
Rebecca, die eine der Schwestern, ein junges, allerliebstes schwarzugiges
Mdchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren, hatte eben die
oberste Schicht Leinen abgenommen, und ein etwas buntes Kattunkleid
herausgehoben, als von den Lippen der nchst Sitzenden ein bewunderndes
Ah! laut, und der Scherz von den Uebrigen augenblicklich aufgefat
wurde.

Ah! tnte es fast von jeder Lippe, die Anderen, die nicht in Sicht der
vorgehenden Dinge kommen konnten, aus Neugierde fast zur Verzweiflung
treibend -- ah wie schn, ah wie wunderschn -- ja Frulein Rechheimer -- na
das wird ein Staat werden, in New-Orleans -- Donnerwetter, die Amerikaner
werden wir einmal verblffen -- Ah! tnte es dann wieder in lautem Chor,
als ein roth und grnseidenes, hochgelb geflammtes Tuch zum Vorschein kam
-- ah wie wunderschn!

Oh hre Se auf mit Ihre Dummheite sagte die ltere Schwester Sarah, halb
lachend, halb rgerlich, aber der Chor stimmte ein, und whrend die
Mdchen roth wurden und nicht wuten ob sie lachen oder bse werden
sollten, muten sie doch all ihre Herrlichkeiten den Blicken des dankbaren
Publikums preisgeben, das mit einem Beifallssturme jedes neue Stck von
Schmuck oder Putz begrte.

Madame Lwenhaupt lie gleich darauf eine von ihren Kisten ffnen,
erklrte aber dabei von vornherein, sich dergleichen Verhhnung fr ihre
eigene Person nicht gefallen zu lassen; das machte jedoch das Uebel wo
mglich noch rger, denn wenn das leichtsinnige Vlkchen des Zwischendecks
erst im Anfang gejubelt hatte, so erhob sich jetzt, als das hochrothe
Staatskleid, und zuletzt sogar ein Feder- und Blumenbesteckter Hut der
kleinen, keineswegs mehr hbschen Frau zum Vorschein kamen, ein wahrer
Beifallssturm und solcher Heidenlrm, da der Steuermann wirklich nach
vorn geschickt wurde, zu sehen ob vielleicht irgend ein Unglck
vorgefallen wre. Madame Lwenhaupt wollte nun allerdings bei diesem Klage
ber die nichtswrdige Behandlung wie sie es nannte, fhren, und als
dieser nicht darauf einging, sich in die Privatverhltnisse der
Passagiere zu mischen, wurde Herr Lwenhaupt selber bei Allem beschworen,
was er seiner Frau schuldig sei, die schndliche Betragen nicht zu
dulden. Herr Lwenhaupt wute aber auch selber am besten was ihm gut sei;
er dachte gar nicht daran Streit mit smmtlichen Passagieren anzufangen,
sondern stand vielmehr seiner Ehehlfte bei, ihre Sachen rasch aus dem Weg
und Gesichtskreis der sie Umlagernden zu bringen -- das Gescheuteste
zweifelsohne, was er in diesem Fall zu thun im Stande war.

Die Aufmerksamkeit der Passagiere wurde aber auch selbst hiervon
abgelenkt, als ein anderes Schauspiel vor ihnen auftauchte. Ein
Handwerksbursch -- ein armer Handwerksbursch! schrie es von Deck aus, und
lauter schallender Jubel begrte hier einen jungen Burschen, einen
Schuhmachergesellen, der sich, als Alle ihre Sachen vorholten, zum Spa
seinen Landrock herausgesucht, den groen ausgeschweiften Hut aus der
Kiste, den mit schwarzer Wsche ausgestopften Tornister mit ein paar
eingebundenen Reservestiefeln auf den Rcken, und den Knotenstock in die
Hand genommen hatte, und nun mit groen geschftigen
Handwerksburschenschritten unter dem Zujauchzen der Passagiere und
Matrosen, auf dem Starbordgangweg auf und ab paradirte. Der Jubel wurde
aber noch grer, als der Schustergesell das Privilegium, das ihm als
Handwerksburschen zustand, benutzend, seinen Hut abnahm und bei den
verschiedenen Passagieren des Zwischendecks, die gegen ihn zudrngten,
anfing zu fechten, und Steinert zuletzt, der sich geschwind einen alten
Ueberrock holte, bis oben hinauf zuknpfte und dann ein Seitengewehr
umhing, das er Gott wei wo gefunden, den fechtenden Handwerksburschen als
Gendarme arretirte und unter dem Hurrahgeschrei der smmtlichen Mannschaft
nach unten transportirte. Dieser arbeitete sich aber doch wieder an Deck,
und selbst der alte Capitain Siebelt, der wie schon erwhnt sein Deck
eiferschtig von Zwischendeckspassagieren frei hielt, sagte kein Wort und
schmunzelte sogar, als er die hier gar nicht herpassende Gestalt aus dem
innern Lande zuletzt mit abgezogenem Hut bis auf das Quarterdeck
hinaufsteigen sah. -- Er dachte auch an zu Hause, an Frau und Kind, wo er,
wenn er einmal auf kurze Zeit daheim sa, nie einen armen
Handwerksburschen unbeschenkt entlassen hatte; ja er wrde dem hier mit
grtem Vergngen ein Sechsgrotenstck in den Hut geworfen haben -- und
lieber mehr wie weniger, nur der alten Erinnerungen wegen, aber -- die
Autoritt litt das nicht, der durfte er Nichts vergeben, und dem
Handwerksburschen war schon Ehre genug geschehn, da er das Quarterdeck
betreten; das htte gefehlt da er auch noch Geld dazu bekam.

Die Cajtspassagiere hatten sich aber auch schon ber das rege geschftige
Leben, das heute am Deck herrschte, amsirt, und Clara besonders lachte
mit Marie, das ihnen die Thrnen in die Augen traten, als der allerdings
wunderlich genug aussehende Handwerksbursch an Deck erschien und seine
Runde machte; wie er aber seinen Hut abzog, und zum Quarterdeck fechten
kam, bestand sie darauf, da er nicht umsonst ihre Mildthtigkeit in
Anspruch nhme.

Wir knnen doch wahrhaftig nicht sagen rief die muntere junge Frau
lachend, da wir von derartigen Leuten berlaufen werden, und eine
Schande wr's fr ewige Zeiten, wenn wir den ersten armen reisenden
Handwerksburschen, der uns auf offener See anspricht, unbeschenkt
entlieen. Du mut mir etwas kleines Geld geben, Joseph.

Der junge Henkel, der wahrscheinlich auch mit den Vorbereitungen der
baldigen Landung beschftigt, den ganzen Tag schon in seiner Coye geordnet
und umgepackt hatte, und jetzt auf einer der Quarterdecks-Bnke sa und in
seinem Taschenbuch rechnete und notirte, hatte sich bis jetzt auch nicht
im Mindesten um das bekmmert was im Zwischendeck vorging, und selbst
nicht auf das Lachen und den Jubel um sich her weiter, als mit einem
gelegentlichen theilnahmlosen Blick geachtet. Nur die direkt an ihn
gerichtete Bitte machte ihn aufschauen, und Clara mute sie wiederholen,
ehe er sie nur verstand.

Kleines Geld, liebes Kind, habe ich nicht mehr antwortete er dann, die
Achseln zuckend und seine Papiere wieder vornehmend. Deutsche Grote
nutzen uns doch Nichts mehr in Amerika, und ich habe nicht allein die
letzten in Brake ausgegeben, sondern auch schon, wie Du recht gut weit,
Deine Waschfrau im Zwischendeck neulich in Amerikanischen Dollarn bezahlen
mssen.

Ja lieber Gott, so geht es uns auch rief Marie, die ebenfalls ihr
Portemonnaie herausgeholt hatte und es vergebens durchsuchte, all unser
kleines Geld ist ausgegeben und wir sind des Webers Frau, der Frau
Brockfeld, noch auerdem eine kleine Summe schuldig, die ihr der Vater
versprochen hat in Amerikanischem Gelde zu bezahlen sobald wir an Land
kommen.

Armer reisender Handwerksbursch -- seit drei Tagen keinen warmen Lffel im
Leibe gehabt! sagte in diesem Augenblick der junge Bursch, indem er sich
halb schchtern, als ob er nicht wisse wie der Scherz aufgenommen werde,
den Damen mit vorgehaltenem Hute und tiefem Kratzfu nherte -- mchte
gern das Handwerk begren, aber habe keinen einzigen Schuster hier
vorgefunden.

Lieber Joseph bat die junge Frau schmeichelnd, bitte, la doch nur
einen Augenblick Deine alten hlichen Papiere und sieh Dir den armen
Handwerksburschen mit den bestaubten Stiefeln an -- er kommt direkt von der
Landstrae, und -- ah mir fllt etwas ein -- Du hattest neulich kleines
Englisches Geld, das Du mir zeigtest -- Du hast das noch, nicht wahr? --
warten Sie einen Augenblick wandte sie sich dann rasch zu dem verlegen
stehen bleibenden Burschen -- Sie sollen gleich bekommen -- nicht wahr, Du
giebst mir ein paar von den kleinen Stcken; die gelten auch in Amerika.

Aber liebes Kind, ich wei wirklich nicht wo sie sind, und bin auch in
diesem Augenblick gerade mitten im Rechnen drin.

Aber der Handwerksbursch sagte die muntere, kleine Frau in komischer
Verzweiflung -- thatest Du es nicht damals in Dein Toilettkstchen?

Ich glaube, ja sagte Henkel zerstreut, und froh damit abzukommen -- es
steht unten auf meinem Bett.

Hedwig mag es holen rief Clara rasch -- Du weit Hedwig, das kleine
Lederetui mit dem goldenen Schlo߫ -- auf dem oberen Bett in der Coye --

Hedwig, die eben aus dem Zwischendeck heraufgekommen war, zu sehen ob ihre
junge Herrin etwas bedrfe, sprang rasch in die Cajte hinab, und kam
gleich darauf mit dem verlangten Kstchen zurck.

Aber es ist verschlossen sagte Clara, damit zu dem, wieder ganz in seine
Papiere vertieften Manne tretend hast Du den Schlssel?

Du qulst mich mehr wie mein Geld, Herz, sagte dieser halb lchelnd,
halb ungeduldig in seine Westentasche greifend, aus der er ihr gleich
darauf einen kleinen gelben Schlssel berreichte.

Danke, danke rief Clara, es rasch und freudig ffnend, und nun, Marie,
bekommen wir Geld --

Halt -- gieb mir das Kstchen -- ich will es Dir selber geben -- rief da,
pltzlich von seinem Sitze rasch emporspringend da die Papiere selber
unbeachtet zu Boden fielen, Henkel, und eilte auf sie zu.

Ich habe es schon sagte die Frau lchelnd, ohne seine pltzliche
Aufregung zu bemerken -- hier ist ein Stck und hier -- heiliger Gott -- da
ist ja --

Sie vermochte nicht mehr zu sagen, denn Henkel hatte in demselben Moment
das Kstchen ergriffen; aber seine Hand zgerte es fortzunehmen, und sein
Auge begegnete in demselben Moment fast bewutlos dem stieren, fest und
entsetzt auf ihm haftenden Blick seines Weibes.

Henkel war todtenbleich geworden, aber er nahm jetzt das Kstchen fast
mechanisch aus Clara's Hand, verschlo es und steckte den Schlssel wieder
in die Tasche, whrend er sich abwandte, die niedergefallenen Papiere
aufzulesen.

Hast Du das Geld, Clara? rief Marie lachend, die in dem Augenblick
gerade nach dem Rande des Quarterdecks gesprungen war, die Ursache eines
neuen Lrmes zu erkunden, der von der Zwischendecksluke heraustnte -- ich
glaube dort unten schlagen sie sich.

Hier ist es sagte Clara, sich gewaltsam sammelnd und ihr das Geldstck,
das sie noch in der Hand hielt, reichend -- gieb es dem Mann.

Gott vergelt's tausendfach sagte der Handwerksbursch, der indessen bei
den anderen Passagieren, mangelnden kleinen Geldes wegen, ebenfalls mit
sehr geringem Erfolg gesammelt hatte, und jetzt ebenfalls ungeduldig nach
dem Zwischendeck hinabschaute -- da unten schmeien sie sich aber, glaub'
ich, und da mcht' ich dabei sein -- und seinen Tornister mit einem
pltzlichen Ruck hher auf die Schultern bringend, und einer nicht
ungeschickten Verbeugung gegen das ganze Quarterdeck, drckte er sich den
groen ausgeschweiften Hut wieder fest und etwas seitwrts auf den Kopf,
spukte in die Hand, fate seinen Prgel fester, und sprang dann rasch die
kleine Treppe, die auf Deck hinabfhrte, nieder. Marie und die Uebrigen
traten indessen ebenfalls an den Rand des Quarterdecks, der mit einem
dnnen eisernen Gelnder eingefat war, und von wo aus der Capitain schon
nach dem Steuermann rief, dem Unfug da unten ein Ende zu machen und die
Ruhestrer auseinander zu bringen. Nur Clara blieb mit dem Gatten allein
zurck, und einige Schritte von ihnen entfernt stand der Mann am
Steuerrad.

Joseph sagte die Frau mit leiser, kaum hrbarer Stimme, whrend sie zu
ihm ging und seinen Arm erfate -- Joseph, -- in -- dem -- Kstchen -- lag --
Heiland des Himmels und der Erde, ich glaube, ich werde oder bin
wahnsinnig -- in dem Kstchen lag meiner Schwester Broche -- der blaue,
dreieckige Turquis. -- Wie -- wie um Gottes Willen kam -- kam der Stein --

Ich habe ihn gefunden sagte Henkel, der jetzt wenigstens uerlich seine
ganze Fassung wieder gewonnen hatte, mit gezwungener Gleichgltigkeit --
am Tage, ehe wir abreisten -- er lag unten im Haus, und ich wollte Nichts
davon erwhnen, die alte Geschichte nicht noch einmal aufzurhren.

Er sprach die Worte vollkommen ruhig, nur mit etwas unterdrckter Stimme,
da der Mann am Steuer sie nicht hren sollte, aber sein Gesicht hatte
jeder Blutstropfen verlassen, und sein Blick schweifte wild und unstt
umher. Ihm gegenber stand die Frau -- bleich, kalt und regungslos, wie ein
wunderschnes, aber todtes Marmorbild; nur der Blick, den sie stier und
fest auf den Gatten geheftet hielt, lebte; -- aber sie sprach kein Wort --
that keine Frage weiter, und als sie hrte -- denn sie wandte das Auge
nicht dorthin, -- da die anderen Passagiere wieder zurckkamen, drehte sie
sich langsam ab, und stieg an der hinteren, am Steuerruder abwrts
fhrenden Treppe in die Cajte und ihren eigenen _stateroom_ nieder, den
sie hinter sich verschlo.

Die Sonne ging unter und der Steward rief zum Souper; aber Clara lie sich
entschuldigen. Sie hatte Kopfschmerzen und die Augen thaten ihr weh. Marie
wollte sie nach dem Essen besuchen, um zu sehen was ihr fehle, aber die
Thr war noch immer verschlossen, und wurde auch nicht geffnet, und erst
spt lie die junge Frau Hedwig noch einmal zu sich rufen.

Hedwig, das arme Kind, hatte jetzt auch eine schwere Zeit, denn des
Tischlers Frau war heute ber Tag wieder so krank geworden, da sie Georg
Donner keinen Augenblick verlassen wollte, und das Schlimmste zu frchten
schien. Die alten Phantasieen stellten sich dabei wieder ein, der Lrm den
Tag ber mochte sie auch aufgeregt und beunruhigt haben, und das Brennen
und Pochen im Kopfe war rger als je geworden. Hedwig hatte auch schon die
ganze vorige Nacht bei ihr aufgesessen, und eben war die Kranke, zum
ersten Mal wieder seit acht und vierzig Stunden, in einen kurzen,
unruhigen und oft unterbrochenen Schlummer gefallen, als sie zu ihrer
jungen Herrin gerufen wurde, und zugleich hrte da diese ebenfalls krank
sei.

Rasch und ngstlich eilte sie zurck in die Cajte, und klopfte an der
beiden Gatten enges, aber sehr freundlich eingerichtetes Gemach. Ein
leises Herein antwortete, und sie fand Clara schon auf ihrem Lager, das
Antlitz fest in ihr Kissen gedrckt, von dem aus sie der Eintretenden,
ohne zu ihr aufzusehn, nur die Hand entgegenstreckte.

Liebe, liebe Frau Henkel, was fehlt ihnen? flsterte das Mdchen, neben
der niederen Coye knieend, und die ihr gebotene Hand mit Kssen bedeckend
-- sind Sie krank? -- was um Gottes Willen ist vorgefallen? --

Aber Clara vermochte kein Wort zu erwiedern -- sie hatte sprechen wollen,
aber sie fhlte da es in diesem Augenblick ihre Krfte berstieg, und nur
schweigend hielt sie eine lange, lange Zeit die Hand des Kindes fest und
krampfhaft in der ihren.

Liebe, liebe Frau Henkel wiederholte Hedwig bittend -- was ist Ihnen? --
kann ich Ihnen helfen? --

Ja Hedwig -- ja -- hauchte die Kranke mit kaum hrbarer Stimme -- Du
allein -- aber nicht heute mehr -- komm morgen -- morgen frh --

Aber wenn Sie mir indessen ernstlich krank werden? bat das junge
Mdchen, die nicht begreifen konnte was die rthselhaften Worte bedeuteten
-- Soll ich nicht lieber doch Herrn Donner rufen, den jungen Arzt, den wir
im Zwischendeck haben, und der, wie die Anderen sagen, viel mehr versteht
als der Doktor in der Cajte.

Ich bin nicht krank flsterte aber die Frau -- wenigstens nicht so, da
mir ein Doktor Mittel dagegen verordnen knnte -- nur Ruhe brauche ich --
Ruhe -- so bitte, Hedwig -- la mich jetzt allein.

Darf ich nicht bleiben?

Die Leidende schttelte, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Kopf, und
Hedwig, gehorsam dem gegebenen Befehl, stand langsam auf, zgerte noch
einen Augenblick in der Thr, ob die Kranke nicht den Befehl doch wohl
widerrufen knne, und verlie dann, so geruschlos wie sie es betreten,
aber mit einer schweren Sorge mehr im Herzen, das Gemach.

Was fehlt nur Clara, Herr Henkel? frug Marie den jungen Mann, der mit
verschrnkten Armen und langsamen Schritten oben auf dem Quarterdeck auf
und ab ging, und bei ihrer Anrede rasch und wie erschreckt emporschaute;
das mu ganz pltzlich geschehen sein, denn vorhin war sie ja noch so
munter und ausgelassen, wie ich sie fast noch gar nicht gesehen.

Heftiger Kopfschmerz, weiter Nichts erwiederte ihr Henkel, jetzt
vollkommen ruhig -- sie klagte schon letzte Nacht darber, und es schien
sich ber Tag vollstndig gelegt zu haben kehrte aber den Abend pltzlich
und weit strker wieder. Ruhe allein ist was sie braucht, der Schmerz geht
dann von selbst vorber.

Wie Schade da das gerade heute ist klagte das junge frhliche Mdchen;
wissen Sie, da wir heute Abend Concert haben?

Wirklich erwiederte Henkel zerstreut -- und wer musicirt?

Der alte Polnische Jude mit dem schmutzigen schwarzen Kaftan; er darf
aber nicht auf das Quarterdeck kommen setzte sie lachend hinzu -- er
sieht gar so verdchtig aus, und wird seine Vorstellung unten vor dem
groen Mast geben.

_Vor_ dem groen Mast liegt die Barkasse, mein Frulein fiel hier Herr
von Hopfgarten verbessernd ein, und wenn er dort spielte, wrden wir ihn
weder sehn noch hren knnen.

Oder dahinter sagte das junge Mdchen, halb lachend halb rgerlich den
Kopf schttelnd -- Sie wissen recht gut, da ich Ihre Schiffsausdrcke
nicht verstehe, noch wei ob man vor oder hinter dem groen Mast sagen
mu; aber leid thut mir's da Clara nicht dabei sein kann.

Ist Ihre Frau wirklich krank? frug da der kleine Mann rasch und besorgt
-- davon habe ich ja kein Wort gewut.

Nur unbedeutende Kopfschmerzen -- aber was fr ein Instrument wird denn
gespielt? frug Henkel, der das Gesprch nach anderer Richtung zu lenken
wnschte, wohl eine schreckliche Violine und Flte.

Diemal nur eine Holzharmonika versicherte Hopfgarten, der Jude ist ein
armer Teufel, der sich ein paar Thaler zu verdienen wnscht ehe er an Land
geht. Er hatte mich schon lange um meine Verwendung bei der Cajte
gebeten, aber sein Sohn war immer nicht bei Stimme, die ganze Reise lang,
und dessen Hals wahrscheinlich durch die Seekrankheit zu sehr afficirt
worden; jetzt soll er sich jedoch wieder vollstndig erholt haben, und das
erste Concert heut' Abend stattfinden. Die Kosten sind auch schon durch
unser Whistkrnzchen gedeckt, und eine kleine Sammlung wird noch nachher
stattfinden. Der alte Bursche ist, wie mir gesagt wurde, ein wahrer
Virtuos auf dem unscheinbaren Instrumente, das eigentlich nur aus
einzelnen Stcken Holz besteht.

Ich freue mich darauf ihn zu hren sagte Henkel.

Ja wohl, es giebt endlich einmal wenigstens eine kleine Abwechslung in
unsere doch eigentlich schauerlich monotone Existenz rief von Hopfgarten
-- Ihre Frau Gemahlin darf aber nicht dabei fehlen; sie allein bringt ja
meist Leben und Bewegung in das stehende Wasser unserer Geselligkeit. Wenn
es ihr irgend mglich ist, la ich sie recht schn bitten von der Parthie
zu sein, und wenn sie auch nur in ihrem Neglig eine halbe Stunde an Deck
kommt.

Ich werde es sie wissen lassen sagte Henkel und drehte sich ab, seinen
Spatziergang an Deck fortzusetzen.

Der Polnische Knstler hatte inde seine Vorbereitungen getroffen, seinen
kleinen Tisch hinter die Pumpen gestellt, da er mit dem Rcken gerade
gegen die Nagelbank des groen Mastes zu stehen kam, und whrend sich die
Passagiere dicht um ihn her schaarten, und mit der Mannschaft oben auf der
Barkasse, auf der Nagelbank selber, und in den den Platz gerade
bersehenden Wanten hingen, sammelten sich die Cajtspassagiere wie auf
einer Gallerie, auf dem Quarterdeck dem Genu zu folgen. Henkels junge
Frau war aber nicht an Deck erschienen, und Henkel bat sie zu
entschuldigen, da die Musik ihr Uebel eher verschlimmern knne.

Er hatte sie brigens noch gar nicht wieder gesprochen; wie aber die
Cajtspassagiere oben versammelt waren, und selbst der Steward und
Cajtsjunge dem Drang nicht widerstehen konnten, die neue Musik zu
hren, verlie er unbeachtet seine Mitpassagiere, und stieg mit langsamen
aber festen Schritten die Treppe hinab in die Cajte. Einen Moment zwar
zgerte er, als er die Klinke berhrte die seinen eigenen Raum erschlo,
aber es war auch nur ein Moment, und mit fester Hand ffnete er die Thr,
die er wieder hinter sich in's Schlo drckte.

Die junge Frau hatte ihr Lager verlassen und sa, das Taschentuch fest
gegen die Augen gepret, den linken Ellbogen auf den kleinen Tisch
gesttzt, regungslos da. Sie mute auch den eintretenden Gatten gehrt
haben, denn ihr ganzer Krper zitterte vor innerer Aufregung, aber sie
bewegte sich nicht und blickte nicht empor.

Clara! sagte Henkel mit leiser, doch fester Stimme -- was hast Du nur? --
was ist Dir? -- ich glaube wahrhaftig, Du hast Dir in toller
Einbildungskraft irgend eine fixe Idee, mag sie noch so absurd und
wahnsinnig sein, in den Kopf gesetzt.

Die Frau antwortete nicht, aber das Zittern ihres Krpers wurde heftiger,
und sie prete das Tuch wie krampfhaft an die Augen.

Clara! -- Dein _Mann_ spricht mit Dir! sagte Henkel, jedenfalls
entschlossen das einmal Begonnene zu einer Entscheidung zu bringen. Das
Wort bannte aber auch den Starrkrampf, der bis dahin wie ein bser Zauber
auf den Gliedern der Unglcklichen gelegen; so den Arm sinken lassend, der
mit dem gehaltenen Tuch ihr Antlitz bis dahin verhllt hatte, schaute sie
zu dem Gatten auf, und richtete sich dabei langsam empor, bis sie ihm
gerade gegenber stand. Sie war todtenbleich, aber keine Thrne netzte
ihren Blick, die Augen lagen hohl und trocken in ihren Hhlen, und nur die
Lippen zitterten, als sie wie widerstrebend den Klang der Worte
nachhallten:

_Dein Mann!_

Sei vernnftig, Clara! sagte aber jetzt Henkel mit ruhigerer
begtigender Stimme, denn der Anblick der Frau, die Vernderung, die nur
die wenigen Stunden in ihren Zgen hervorgebracht, traf ihn wie ein Stich
in's Herz -- qule Dich vor allen Dingen nicht mit einem albernen
Verdacht, der Dir nur das Leben verbittern, und doch Nichts ntzen knnte.
Was hast Du, sprich es frei heraus, da ich im Stande bin mich zu
vertheidigen, aber fasse Dich dann auch und zeige Dich wieder an Deck,
denn die Leute fragen nach Dir, wollen wissen, was Dir fehlt, und was Dich
so pltzlich betroffen haben knnte.

Und hast Du es ihnen nicht gesagt? frug die Frau, whrend ihr Blick sich
in seine innere Seele zu bohren schien, mit tonloser, kaum hrbarer
Stimme.

Ich? -- was soll ich ihnen sagen -- sei keine Thrin Clara, und vor allen
Dingen _vernnftig_. Du bist alt genug zu wissen wie weit Du gehen kannst,
-- wie weit nicht --

Mit _Dir_ keinen Schritt weiter in diesem Leben rief aber die Frau jetzt
in wilder ausbrechender Heftigkeit -- und wenn ich mein Brod vor den
Thren der fremden Stadt erbetteln sollte.

Du bist ein _Kind_ Clara sagte Henkel mit rgerlichem ungeduldigem
Kopfschtteln, whrend er die Thr der innern Cajte ffnete, hinaus sah
ob Niemand drauen sei und wieder schlo.

_Leugnest_ Du die That? frug die Frau in zorniger Verachtung zum ersten
Mal ihm einen Schritt entgegentretend -- leugnest Du den armen
unglckseligen Menschen der meinem Vater Jahre lang treu und ehrlich
gedient, und durch _Dich_ sein ehrloses Grab fand, mit kaltem Blute
_gemordet_ zu haben? O barmherziger Gott fuhr sie, ihr Antlitz in den
Hnden bergend fort -- mir reit der Gedanke daran das Herz in blutigen
Stcken entzwei, und _ich_ -- ich bin das _Weib_ eines solchen Verbrechers
-- und _mich_ hat er aus meiner glcklichen Heimath fortgeschleppt --
Verloren -- verloren.

Ein lindernder Thrnenstrom brach sich in diesem Augenblick die Bahn, und
in sich zusammengeknickt sank die Frau auf den Stuhl zurck und schluchzte
laut.

Henkel blieb volle Minuten lang mit unterschlagenen Armen und finster
zusammengezogenen Brauen vor ihr stehn; zwei- oder dreimal ffnete er auch
den Mund, aber kein Laut kam ber seine Lippen, bis drauen in der Cajte,
durch die sie nur durch eine dnne Bretterwand geschieden waren, Stimmen
laut wurden. Es war Frau von Kaulitz mit Herrn von Benkendroff und dem
armen Hopfgarten als Nachtrab, da sich die Dame unter keiner Bedingung
lnger ihr Whist wollte entziehen lassen.

Henkel richtete sich gewaltsam auf, strich sich die Haare aus der Stirn
und sagte mit unterdrckter, aber fester entschlossener Stimme:

Du wirst wissen Clara, wie Du Dich hier an Bord zu benehmen hast -- ich
lasse Dich jetzt allein und hoffe Dich morgen frh wieder _vernnftig_ zu
finden.

Eine abwehrende Bewegung der ausgestreckten Hand war Alles was die Frau
darauf erwiederte, die sonst regungslos in ihrer Stellung blieb, und
Henkel verlie rasch den kleinen Raum und betrat die innere Cajte,
zugleich den Gesellschafts- und Speisesaal, wo Herr von Benkendroff eben
den Spieltisch in Ordnung brachte, und Herr von Hopfgarten indessen als
Opfer auf dem schon bereit gerckten Stuhle sa, und mit vor sich auf dem
Tisch gefalteten Hnden die Daumen umeinander jagte.

Hallo Herr Henkel rief er aber diesem sich rasch nach ihm umdrehend
entgegen, als er ihn aus seiner Cajte treten sah, nun wie geht's meiner
verehrten Dame, Ihrer lieben Frau, noch nicht wieder munter?

Es geht besser erwiederte Henkel ihm zunickend, mit vielleicht
absichtlich lauter Stimme -- ich bin fest berzeugt da sie morgen wieder
wohl genug sein wird, am Frhstckstisch zu erscheinen.

Nun das freut mich herzlich sagte der kleine gutmthige Hopfgarten --
aber, apropos lieber Henkel setzte er rasch und lauter hinzu, _drfte_
ich Sie vielleicht bitten hier ein kleines halbes Stndchen meine Stelle
einzunehmen? -- ich mchte gern --

Es thut mir wirklich leid das heute Abend nicht im Stande zu sein -- ich
mu doch dann und wann nach meiner Frau sehn erwiederte aber Henkel, die
uere Cajtsthre ffnend, whrend Hopfgarten, mit einer gewissen
Resignation auf seinem Stuhl, aus dem er sich schon in halber Hoffnung
erhoben hatte, zurcksank, und die jetzt vor ihn hingelegten Karten an zu
mischen fing.





                                Capitel 9.


                                  LAND.


Der nchste Morgen dmmerte; weit im Osten drben frbte sich der Horizont
mit einem mattlichten Streif, der einen weiten dunklen Schatten auf das
Wasser warf, und die Sterne im Westen schienen noch einmal so hell und
lebendig zu funkeln, ehe der feindliche Tag sie vom Himmel trieb. Oede und
kaum sich bewegend in kleinen rollenden, fahlgrauen Wogen lag das Meer --
ein schlummernder Kolo, gewaltig selbst in seiner Ruhe, und furchtbar,
entsetzlich in seinem Zorn, und mit eben geblhten Segeln, wie ein Schwan
auf stiller Fluth, zog das Schiff langsam dahin auf seiner Bahn. Aber in
seinem Innern regte und trieb geschftiges Leben, der frhen Morgenstunde
zum Trotz, denn heute war ihnen, was sie gestern nicht zu sehn bekommen,
versprochen worden -- _Land_ -- und Jeder wollte der Erste sein der es
entdeckte, den Reisegefhrten die frohe, so hei ersehnte Kunde zujauchzen
zu knnen -- Land!

Vorn auf der Back bis an den Clverbaum(18) hinauf stand schon, noch bei
vlliger Dunkelheit, ein kleiner Trupp, in den Wanten des Fock- und
Hauptmastes hingen sie, und die kecksten und gewandtesten der Schaar,
unter ihnen Carl Berger und der junge polnische Bursche, waren sogar in
die ersten Marsen, und der letztere bis auf die Vor-Marsraae
hinaufgestiegen, von da aus den Horizont weiter zu ersphn.

Und mehr und mehr im Osten lichtete sich der Himmel, ber dessen weiten
Bogen zuckende weiliche Strahlen heraufschossen und den kleinen
zerstreuten Wolken einen rosigen Schimmer gaben; breiter und lichtgelber
wurde der Streifen, den das Meer jetzt schon in seinem Glanze
wiederspiegelte, und dort -- wie ein glhender Berg in blendender Majestt
stieg sie empor des Tages Knigin -- und dort --

Land! Land! jubelte es von den Masten und Raaen, wo hinauf auch schon
Matrosen gestiegen waren, mit weit gebteren Blicken den westlichen
Horizont zu ersphen -- Land! Land! jauchzte es vom Deck ein Echo dem
Freudenruf, und nur mitten hinein in den Rausch der Glcklichen, denen das
ersehnte Ziel vor Augen lag, stieg ein einzelner wilder Klageruf, wie ein
Miton dieser Harmonie, wild und gellend aus dem Zwischendeck heraus.

_Todt -- todt!_ jammerte eine Stimme in herzzerreienden Tnen; und die
Leute aus den Masten glitten schweigend nieder, und die vorn ber das
Schiff postirten Mnner drngten lautlos oder mit leisen, scheuen Fragen
zurck, der dunklen Luke zu, aus der der wilde Weheruf noch immer
schallte.

Was ist geschehn -- wer ist todt? wer klagt da unten? drngten und
flsterten die Leute durcheinander.

Leupolds Frau ist eben gestorben klang aber die Antwort zurck, und die
Gruppen, von denen nur einige neugierig in das Zwischendeck hinabstiegen,
whrend die Uebrigen sich mitleidig flsternd an Deck ber den traurigen
Fall unterhielten, sammelten sich um die Luke und warfen nur manchmal
scheu den Blick nach unten, wo Leupold neben der Leiche sa, ihre kalte
Hand zwischen seinen Hnden hielt, und sich selber laut anklagte der
Mrder der Dahingeschiedenen zu sein, die er gegen ihren Willen aus dem
Vaterland, und in Verhltnisse gerissen habe, denen das zarte Leben
unterliegen mute. Vergebens suchte ihn die Mutter, suchten ihn seine
Freunde zu trsten da Gott es so gewollt, und er ja nur ausgewandert sei,
weil er gehofft habe fr die Seinigen in dem neuen Vaterland besser sorgen
zu knnen. Nein, nein! schrie er immer wieder -- es ist nicht wahr -- es
ist nicht wahr -- reiner Uebermuth nur war es von mir -- reiner toller
Uebermuth da ich, von habgierigen Menschen verlockt, mein sicheres Brod
verlie und dem Versucher folgte. -- Ich habe sie gemordet, mit kaltem Blut
gemordet und Gott wird mich dafr strafen, Gott wird mich dafr strafen.

Was der Bursche da unten fr ein Gewinsel macht da ihm die Frau
abgefahren ist brummte der lteste von den drei an Bord geschafften
Verbrechern halb mit sich selber redend, halb zu Meier gewandt, der nicht
weit von ihm auf einem der Wasserfsser sa und ohne weder Notiz von dem
in Sicht gekommenen Land, noch von dem Todesfall zu nehmen, ein Stck Holz
in die Form eines Schiffes zu schnitzen suchte. Die beiden Mnner hatten
brigens, seit dem vor Wochen kurz abgebrochenen Gesprch noch kein Wort
wieder mit einander gewechselt.

Die Hlfte von uns Menschen wei nie wann's ihr am wohlsten ist sagte
Meier ebenfalls ohne von seiner Beschftigung aufzusehn.

Mancher hielt's fr ein Glck meinte der Erste wieder.

Fr Manchen wr's eins brummte Meier, und die Unterhaltung kam hier
wieder fr eine Weile in's Stocken; dem sonst so schweigsamen Passagier
schien aber heute daran gelegen mit dem Anderen das Gesprch fortzusetzen,
und er sagte nach ein paar Minuten wieder, in denen Jeder still und mit
seinen eigenen Gedanken beschftigt vor sich nieder gesehn:

Kommen nun bald nach Amerika.

Ja erwiederte Meier lakonisch -- wird ein Vergngen werden.

Ihr versprecht Euch nicht viel davon?

Mt' es lgen.

Ein Geschft?

Fleischer --

Hm --

Und Ihr?

Ich?

Ja --

Schlosser! sagte der Alte und warf dabei einen flchtigen Seitenblick
nach dem Mitpassagier, ohne dessen nach ihm hinbersuchendem Auge zu
begegnen.

Gutes Geschft und nhrt seinen Mann sagte Meier endlich nachdenklich --
mu aber recht betrieben werden -- Kein Werkzeug?

Steht nicht zu erwarten sagte der Mann.

Hm, nein --

Schon eine Idee wohin Ihr geht drben? frug der Alte endlich wieder nach
einer zweiten Pause.

Drben? -- wo?

Nun dort -- und er deutete mit dem verkehrt gehaltenen Daumen ber die
Schulter hin der Richtung zu, in der das Land lag. Meier schttelte aber
den Kopf und knurrte:

Zum Teufel wahrscheinlich, wenn's mir nicht besser glckt wie in
Deutschland.

Da knnen wir vielleicht zusammengehen lachte der Alte.

Oder treffen uns wenigstens da spter sagte Meier, ausweichend.

Wahrscheinlich brummte der Alte, mit dem Erfolg seiner Annherung nicht
recht zufrieden, blieb noch eine Weile auf dem Fa sitzen und stand dann
langsam auf nach vorne zu gehn, wo er mit seinen beiden Kameraden wieder
zusammentraf. Meier aber sah ihm, ohne seine Stellung zu verndern oder
auch nur den Kopf auf die Seite zu drehn, so lange nach, wie er ihm mit
den Augen folgen konnte, und pfiff dann leise und mit einem halb
spttischen Grinsen vor sich hin, als er in seiner Selbstbetrachtung
pltzlich durch ein von oben niedertnendes heiseres Lachen gestrt wurde.
Rasch sah er empor, und erkannte den Scheerenschleifer, der oben in der
Barkasse lag, ber deren Rand er gerade mit dem halben Oberkrper
herberschaute, da sich die Sonne an den blankgescheuerten Schultern des
unverwstlichen fahlgrnen Rockes spiegelte.

Gratulire zum Compagniegeschft sagte er lachend, als er des Fleischers
Blick begegnete -- Meier und Compagnie wird gar nicht so schlecht klingen
in New-Orleans.

Danke brummte Meier vor sich hin -- der Contrakt ist noch nicht
unterzeichnet -- Du scheinst Dir da oben aber Dein stetes Quartier genommen
zu haben, Kamerad.

Schade da ich so bald ausziehn mu߫ sagte der Scheerenschleifer, den
Dampf aus seiner Pfeife dabei in weien kurzen Wolken von sich stoend.

Schade? -- ich danke Gott da ich das verfluchte Schiffsleben bald hinter
mir habe -- die Hnde wachsen Einem ja zusammen.

Bah sagte der Scheerenschleifer -- was verlangt ein Mensch mehr auf der
Welt, was kann er mehr verlangen, als drei Mal zu essen den Tag, und
Nichts zu thun, ohne weitere Expensen. Ich wnschte mir mein Lebtag nichts
Besseres als auf solche Art hin- und herzufahren, wenn ich nur irgend
etwas wte wozu sie mich, ohne besondere Beschftigung, an Bord
gebrauchen knnten.

Zur Verzierung etwa meinte Meier.

Ja, fr den Schafskopf vorn sagte der Scheerenschleifer trocken, ohne
die Anspielung brigens bel zu nehmen -- gehst Du heute mit zur Leiche?

Ich habe meinen schwarzen Frack nicht drauen sagte Meier.

Ist schade erwiederte der Scheerenschleifer -- geht mir aber auch so.

Wir werden uns berhaupt bald anziehn mssen an Land zu gehn fuhr Meier
fort -- wenn das Schiff einmal anlegt, wird uns der Capitain schnell genug
hinaustreiben, und gewi nicht daran denken uns lnger zu fttern, als er
unumgnglich nthig hat.

Kann ich ihm auch gar nicht verdenken sagte Maulbeere; ich gehe aber
vor allen Dingen erst einmal im Neglig hinber, und werde mich vor der
Hand beim Prsidenten entschuldigen lassen, da ich ihm nicht gleich meine
Visite machen kann. -- Fttern werden wir uns brigens jetzt wieder selber
mssen.

Nun zum Teufel, man wird doch in dem Amerika wenigstens zu leben haben --
fluchte Meier.

Amerika soll verdammt sein brummte der Scheerenschleifer, und qualmte
rger als vorher.

Warum bist Du denn da herbergekommen, wenn Du's so gut leiden magst?
frug ihn Meier.

Weil ich wenigstens die Condition einmal wechseln wollte; aber in dem
Hundeleben selber wird verwnscht wenig Vernderung sein -- Die Frage ist
auerdem, ob sie hier berhaupt Scheeren zu schleifen haben -- sollte mich
gar nicht wundern wenn ich den alten vermaledeiten Drehkarren am Ende ganz
zu meinem eigenen Vergngen im Lande umherfhre --

Und weiter kannst Du Nichts?

Hm, wer wei߫ sagte Maulbeere -- es liegt noch vielleicht Manches bei mir
verborgen, hat sich aber noch nicht entwickelt.

Nun in Deutschland drben htten wir auch auf der Landstrae verhungern
knnen ohne da sich Jemand anders als vielleicht ein Gendarme
theilnehmend nach unserem Passe erkundigt htte sagte Meier -- die sind
wir doch wenigstens los.

Haben mich noch nie genirt meinte Maulbeere trocken -- wer sich nicht
einmal einen guten Pa verschaffen kann ist selbst zum Stehlen zu dumm.

Mit _den_ Grundstzen wirst Du hier im Lande wohl auch nicht verhungern
lachte Meier -- aber ich glaube da kommen sie aus dem Zwischendeck mit der
Leiche herauf unterbrach er sich da pltzlich, indem er von seinem Sitze
aufstand; ich gehe nach vorn -- mag nicht gern Leichen sehn.

Habe auch keine Passion dafr brummte Maulbeere, und verschwand gleich
darauf hinter dem Rand der Barkasse, in der er sich der Lnge nach
behaglich ausstreckte, von dem unten Vorgehenden nichts weiter sehn zu
mssen.

Meier war langsam nach vorn geschritten, seinen Lieblingsplatz auf einem
der auf der Back liegenden Anker einzunehmen, als er dort dem jungen
Donner begegnete, der eben von da niederstieg.

Hrt einmal Freund, sagte dieser, als er ihn einen Augenblick scharf
fixirt hatte, und dann bei ihm stehen blieb -- wir haben doch einander
schon frher einmal gesehen, aber ich kann mich nicht gleich besinnen
_wo_? -- seid Ihr nicht aus Waldenhayn?

Waldenhayn? wiederholte der Mann, kopfschttelnd, was fr ein
Waldenhayn?

An der Hart --

Kenn' ich nicht -- sagte Meier, ohne sich auf weitere
Auseinandersetzungen einzulassen, und drehte dem jungen Mann den Rcken
zu, die Back hinaufzusteigen. Georg Donner sah ihm noch ein paar Momente
wie zweifelnd und ungewi nach, verzichtete jedoch auf weitere Fragen, da
ihm das Resultat auch ziemlich gleichgltig sein konnte, und ging nach dem
mittleren Theil des Decks zurck, wo sich indessen die meisten der
Zwischendeckspassagiere an zu sammeln fingen.

Die Leiche der Frau wurde jetzt nmlich aus dem engen unteren Raum hinauf
an Deck geschafft, und dort in Lee mit ihrer Matratze auf ein paar ber
die Wasserfsser gedeckte Breter gelegt. Doktor Hckler, der sich jetzt
sehr geschftig zeigte, ffnete ihr dann beide Adern, sich von dem
wirklichen Hinleben der Kranken, da man die Leiche nicht an Bord behalten
konnte, auch fest zu berzeugen. Als aber auch der letzte Zweifel
beseitigt, und der Tod fest und unerbittlich constatirt worden, wurde der
Segelmacher beordert, die Verschiedene in ein Stck Segeltuch, wie das auf
Schiffen gebruchlich ist, einzunhen. Nur das Gesicht sollte noch bis zum
letzten Augenblick der Bestattung frei und offen bleiben.

Es ist ein hlich unangenehmes Gefhl eine Leiche an Bord zu wissen, und
selbst in der Cajte, die doch in keine Berhrung mit der Gestorbenen
gekommen war, ja von deren Passagieren sich nur ein paar erinnerten sie
berhaupt je an Deck bemerkt zu haben, hatte es die frhliche Stimmung die
das nahe Land hervorgebracht, wenn nicht ganz gestrt, doch merklich
gedmpft. Wesentlich zu dem Unbehagen trug aber auch der Doktor Hckler
bei, der sich vor dem Frhstck, das die Passagiere heute auergewhnlich
zeitig in der Cajte versammelt hatte, in seinem unglckseligem
Geschftsstolz nicht enthalten konnte, dem Professor Lobenstein genau den
erfolglosen Aderla an der Todten, die Umstndlichkeiten ihrer letzten
Augenblicke und den wahrscheinlichen Zustand ihres Gehirns, das einer
Entzndung erlegen wre, zu beschreiben. Der Professor suchte dabei
vergebens ihm zu entgehn, eben so beschwor ihn Herr von Benkendroff ihm
nicht wieder das Frhstck mit seinen verzweifelten Beschreibungen zu
verderben. Umsonst, der Fall interessirte ihn selber viel zu sehr, ihn
ruhig und unausgesprochen bei sich tragen zu knnen, und er _mute_ seinem
Herzen Luft machen.

Indessen war Hedwig, die an dem Morgen schon zweimal vergebens an ihrer
jungen Herrin Thr geklopft, durch den Cajtenwrter dorthin beschieden
worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leisten. Die
junge Frau hatte sich ihr stets so mild, so freundlich gezeigt, war
besonders gestern Abend in ihrem Schmerz so herzlich mit ihr gewesen -- und
diese Gte that dem armen, verwaisten Kind so wohl -- da es sie trieb und
drngte ihr Leiden zu erfahren. Konnte sie auch nicht helfen, mittragen
konnte sie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Krften stand, ja
selbst was ber ihren Krften lag, es zu erleichtern.

Sie fand Clara heute schon auf, und vollstndig angezogen in ihrer Cajte,
und als sie die Thre ffnete streckte ihr die junge Frau die Hand
entgegen. Hedwig erschrack aber ber das todtenbleiche schmerzdurchzuckte
Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in
ngstlicher Hast an ihre Lippen fhren, als sie sich von Clara
emporgezogen, von ihren Armen umschlossen und einen heien Ku, heiere
Thrnen auf ihrer Stirne fhlte.

Um Gottes Willen liebe -- gndige Frau --

Nenne mich Clara fortan und Schwester -- flsterte aber die Frau unter
gewaltsam zurckgedrngten Thrnen -- denn ich will es Dir sein bis zum
Tode, Du armes -- liebes Kind. Aber ruhig jetzt -- keine Frage weiter, kein
Wort, bat sie, als Hedwig sich halb erschreckt, halb schchtern aus ihren
Armen loszuwinden suchte -- in wenigen Tagen -- Stunden vielleicht,
betreten wir das Land, und die uns fremd hier sind brauchen nicht zu ahnen
da uns _ein_ Schmerz, _ein_ Leid gedrckt. Komm mein Kind setzte sie
dann ruhiger hinzu, whrend sie die Spuren der Thrnen von ihren Wangen zu
tilgen suchte, komm Hedwig, wir wollen hinaus unter die Leute gehn, aber
Du bleibst bei mir, nicht wahr mein liebes Kind, Du gehst jetzt nicht
wieder von mir fort? -- Schon gut -- schon gut, ich wei da Du mich liebst,
wenn ich es auch nicht verdiene, denn auch ich -- aber das spter -- das
spter flsterte sie, ihr Herz mit beiden Hnden deckend, als wenn sie es
halten und bndigen wollte in der Brust -- Und nun die Maske vor zum
_ersten_ Mal!

Hedwig, nicht im Stande den, fr sie rthselhaften Sinn der dunklen Worte
zu verstehn, wagte auch nicht zu fragen und zu forschen, htte ihr die
Frau selbst Zeit dazu gelassen. Diese aber ffnete rasch die zur Cajte
fhrende Thr, und betrat den inneren Raum, wo sie smmtliche Passagiere
am Frhstckstisch bereits versammelt fand.

Heilige Mutter Gottes! rief aber Marie, die auf sie zu lief, und sie
umarmte und kte, wie bleich und angegriffen Du aussiehst Clara; Du bist
_recht_ krank gewesen -- bist es noch, und mut Dich unendlich schonen und
in Acht nehmen, da Du Dich ja recht bald wieder erholst. Drauen ist ja
schon das Land in Sicht -- soll ich es Dir zeigen? --

Nachher, nachher meine liebe Marie, lchelte Clara, ihren Ku und den
Morgengru der Uebrigen erwiedernd.

Herr von Hopfgarten begngte sich aber nicht mit der kalten Verbeugung,
sondern ging auf sie zu, um den ganzen Tisch herum, schttelte ihr die
Hand, und sagte ihr da es ihn unendlich freue sie wieder wohl und munter
zu sehn, denn sie htte ihm die ganze Zeit lang gefehlt, und er wre
selbst nicht einmal ber das Land froh geworden.

Marie neckte ihn deshalb, aber des Capitains Ruf nthigte die Passagiere
sich zu setzen, und das Gesprch wurde jetzt allgemein.

Mit der Sonne wurde die Brise indessen etwas lebendiger, und das Land lag
schon, ein deutlicher dunkler niederer, aber doch selbst dem bloen Auge
leicht erkennbarer Streifen am fernen westlichen Horizont, dem das Schiff
jetzt mit vollgeblhten Segeln entgegenstrebte. Rechts und links kamen
dabei noch andere Segel in Sicht, kleine Kstenfahrzeuge wie grere
Schiffe, die theils gegen den Wind aufkreutzten, theils mit ihnen gleiche
Bahn gingen der amerikanischen Kste zu, und die Passagiere htten des
Neuen und Fremdartigen zu sehen genug gehabt, wre ihre Aufmerksamkeit
nicht bald auf das Begrbni der Frau gelenkt worden. Der Capitain trieb
nmlich, die Leiche ber Bord zu lassen, einer Masse Umstndlichkeiten zu
entgehen, die er sonst noch bei der Landung htte haben knnen.

                                    []

                                Capitel 9


Der Steuermann ging jetzt zu Leupold, machte ihn damit auf seine rauhe
aber nichtsdestoweniger herzliche Weise bekannt, und forderte ihn auf sich
zu sammeln und dem, was er nun doch einmal nicht ndern knne, mnnlich
in's Auge zu schaun. Leupold aber wollte im Anfang Nichts davon wissen,
bat nur um -- einen Tag, dann um wenige Stunden noch Aufschub -- man knne
die Gestorbene doch nicht, fast noch warm, schon begraben wollen. Seine
Freunde aber redeten ihm zu sich dem Unvermeidlichen zu fgen, selbst
Georg Donner, auf den er am meisten hielt, bat ihn es geschehen zu lassen;
die Frau sei todt, und unter den nun einmal bestehenden Umstnden
jedenfalls das Beste, den leblosen Krper ohne Zeitverlust den Wellen --
ihrem stillen Grab, zu bergeben.

Der Mann fgte sich endlich darein, kte noch einmal die bleichen Lippen
der Dahingeschiedenen, barg dann das Antlitz in den Hnden und weinte
laut. Der Steuermann winkte inde dem Segelmacher, den Krper vollstndig
einzunhen. Er selber befestigte dabei einen Sack schon bereit gehaltener
Steinkohlen zu ihren Fen, und die Zwischendeckspassagiere wurden
aufgefordert der Todten die letzte Ehre zu erweisen. Von allen Seiten
drngten sie still und schweigend herbei, und umstanden den Platz mit
entblten Hupten, wo vier Matrosen die Planke auf der die Leiche lag,
aufhoben und mit dem Fuende auf die Railing hinausschoben; zwei Mann
hielten sie dort im Gleichgewicht.

Der Capitain war indessen auf den Gangweg herunter gekommen, und seine
Mtze abnehmend trat er zu der Leiche hinan, und sagte mit lauter
einfacher Stimme.

Ich habe versprochen gehabt alle meine Passagiere sicher und wohlbehalten
nach Amerika hinberzufhren. Gott der Herr hat es anders gewollt, und
diese eine Seele abgefordert zu Seiner himmlischen Herrlichkeit. Sein Name
sei gelobt und gepriesen, Er fhrt Alles zum Guten aus, und des Menschen
Kraft ist wie ein Hauch vor Seinem Willen. Aber Er hat uns auch Seine
ganze weite Welt zum Trost dafr gegeben, in der jede schwellende Woge,
jeder blinkende Sonnenstrahl ein Zeichen und Merkmal Seiner Macht und
Gnade ist -- Ihm wollen wir vertrauen. Des Herren Name sei gelobt! Und
dann das Haupt neigend begann er mit leiserer Stimme das Vater unser zu
beten, in das die Passagiere lautlos mit einstimmten -- mit den letzten
Worten aber und auf ein leises Zeichen des Capitains, hoben die beiden
Matrosen die die Planke hielten, diese langsam an dem inneren Ende in die
Hh; die Leiche wurde dadurch mit dem Kopfende mehr aufgerichtet und glitt
rasch, von dem Gewicht des Steinkohlensackes nach vorn gezogen, hinab.

Louise -- Louise! rief der Mann mit einem herzzerreienden Ton und
streckte die Arme nach ihr aus, aber im nchsten Momente schlug die Fluth
ber ihr zusammen, und whrend das Schiff rasch ber die Stelle glitt,
sank der Krper tiefer und tiefer hinab, und verschwand in der blulichen
Nacht.

Vorbei -- ber der Leiche wogte die See so still und ruhig als vorher, und
das gewaltige Grab von Millionen wlzte seine munter pltschernden Wellen
rasch und lebendig dem nher und nher rckenden Lande entgegen.






ANMERKUNGEN


    1 Das in neuerer Zeit in Bremerhafen errichtete _Auswanderungshaus_
      existirte damals noch nicht

    2 Es ist leicht einzusehen da nicht Jeder sein ganzes Gepck, was er
      aus dem alten Vaterland mitnimmt, auch bei sich im Zwischendeck
      behalten kann, bald in der, bald in jener Kiste herumzustbern, je
      nachdem er gerade dies oder jenes braucht, oder zu brauchen glaubt.
      Wo der Raum fr einen Jeden nach einer bestimmten Anzahl von
      Kubikfu eingetheilt wird, darf der Eine nicht mehr beanspruchen als
      der Andere, und die Rumlichkeit eines Schiffes ist nicht die eines
      Hauses mit so und so viel Stuben, Kammern und Boden. Hat der
      Auswanderer also _viel_ Gepck, so suche er sich vor allen Dingen
      das, was er _unterwegs notwendig_ bei sich fhren _mu_ (und je
      weniger das ist desto angenehmer ist es fr ihn und die Anderen) und
      packe das in eine kleine Kiste, die am bequemsten drei Fu lang,
      zwei Fu breit und anderthalb oder zwei Fu hoch sein kann und mit
      einem verschliebaren Deckel (weniger zweckmig sind
      Vorlegeschlosser, die leicht unterwegs abgestoen werden knnen)
      versehen ist. Die Coyen sind gewhnlich nur sechs Fu und vielleicht
      einige Zoll lang, und hat man nur drei Fu lange Kisten, die aber,
      der unteren Coyen wegen, nicht zu hoch sein drfen, bei sich, so
      knnen vor der eigenen Coye zwei neben einander stehn, dienen, wenn
      geschlossen, zum Sitz, und nehmen nicht viel Raum, in dem ohnedies
      engen Zwischendeck ein. Das andere Gepck mu aber in den _unteren_
      Raum und aus dem Weg weggestaut, und was oben bleibt durch Taue
      und vorgenagelte Holzkeile so befestigt werden, da es bei noch so
      starkem Schaukeln des Schiffs nicht im Stande ist zu weichen oder
      berzuschlagen, und Gliedmaen wie selbst das Leben der Passagiere
      zu bedrohen.

    3 Logis wird der Aufenthalt der Matrosen, vorn im Vorcastle unter Deck
      genannt, und die Kappe (sogenannte Logiskappe) ist ein kleiner
      Unterbau ber dem Eingang nach unten, der Regen oder Spritzwellen
      verhindert hineinzuschlagen.

    4 Ist es dem Capitain gefllig da gegessen wird?

    5 obgleich schon oft wiederholt, will ich doch noch einmal zur
      Verstndnis des mit nautischen Ausdrcken nicht bekannten Lesers
      hier bemerken, da die Leeseite eines Schiffes immer die dem Wind
      entgegengesetzte ist. Starbord oder Strbord ist, wenn man am
      Steuerruder steht und nach vorn sieht, die rechte Lar- oder
      Backbord, die linke Seite des Schiffes. Kommt also der Wind mehr von
      der Starbordseite, so ist Backbord zugleich in Lee oder die
      Leeseite. Wenn der Wind genau von hinten kommt, hat daher das Schiff
      keine Leeseite. Die Luvseite, oder die zu windwrts, ist der
      Leeseite entgegengesetzt.

    6 Auf allen Schiffen befindet sich eine sogenannte Medicinkiste, der
      ein kleines Receptbuch beigegeben ist. Die Medicinen sind
      smmtlich in numerirten Flaschen und Glsern und das Buch enthlt
      hinter der Nummer die Angabe des Inhalts wie noch auerdem einen,
      vielleicht aus dreiig bis vierzig Seiten bestehenden Anhang, in
      welchem die Behandlung der verschiedenen Krankheiten mit Angabe der
      Nummer der dabei zu verwendenden Medicinen gegeben ist. Auf
      Kauffartheischiffen, auf denen sich keine Passagiere befinden, hat
      der Capitain die Medicinen nach bestem Wissen auszutheilen, falls
      Einer von seinen Leuten krank werden sollte, ja selbst auf vielen
      Auswandererschiffen befand sich, bis in die neueste Zeit, kein
      angestellter Arzt. Am liebsten helfen sich dabei die Rheder damit,
      irgend einen jungen Arzt oder Chirurgen fr halbe Passsage
      mitzunehmen, der, selbst auf den lngsten Reisen, dann die
      Unglcklichen, die ihm unter die Hnde fallen, behandelt. Eine
      Controlle darber findet, so viel ich wei, nicht statt, wenn aber,
      scheint sie vollkommen ungengend zu sein.

    7 Heinrich Schmidt hat eine reizende kleine Erzhlung _the man of
      war_ in seinen Seemannssagen und Schiffermrchen darber
      geschrieben.

    8 Das laufende Tauwerk im Gegensatz zu dem stehenden (Pardunen und
      Stagen) werden die Taue genannt, mit denen die Raaen und Segel
      gerichtet und gestellt, und aus- und eingezogen werden. Hngt man,
      und den Passagieren auf Auswandererschiffen kann da in der That
      nicht streng genug aufgepat werden, Wsche an diesem laufenden
      Tauwerk, und kommt pltzlich einmal eine B auf, bei der es davon
      abhngt da die Segel rasch geborgen werden, wenn sie nicht
      zerreien, ja in einzelnen Fllen den Mast, oder doch wenigstens
      eine Stenge mit ber Bord nehmen, so klemmen sich Hemden und
      Strmpfe in die Blcke ein, die Taue knnen nicht arbeiten, und die
      gefhrlichsten Folgen allerdings dadurch entstehn.

    9 Wanten ist das, was der Landmann im gewhnlichen Leben und sehr
      unrichtig _Strickleitern_ nennt, und sie bestehen aus den Pardunen
      welche die Maste fest und unbeweglich auf ihrer Stelle halten, da
      sie nicht nach Starbord oder Larbord hinberschwanken knnen, und
      sind durch dnne Seile _Wevelien_ genannt, mit einander
      leiterartig verbunden. Jeder Mast hat seine Wanten zu Starbord und
      Larbord.

   10 Raaen sind die Querbalken an den Masten an welchen die Segel
      befestigt werden.

   11 Sdwester heien die aus Leinwand gemachten und steif getheerten
      Seemannskappen, deren breites und langes Schild im Nacken sitzt,
      diesen gegen den Regen zu schtzen.

   12 Die Schutzwand, die das Deck rings umgiebt.

   13 Kche

   14 Ueber Stag gehn, wenden, kreuzen.

   15 Man sagt auf See, wenn der Wind gnstiger wird, er rumt auf, im
      entgegengesetzten Falle aber er schrahlt weg!

   16 Es lt sich denken, da auf See nicht immer ein gnstiger Wind
      weht, den Schiffer gerade dahin zu treiben, wohin er eben will. Wenn
      die Schiffe also nicht ihren gewnschten Cours steuern, oder (auf
      dem Compa) anliegen knnen, so mssen sie eben _laviren_ oder
      gegen den Wind aufkreuzen. Dies ist aber nur durch die verschiedene
      Stellung der Segel mglich und der Raaen, an denen die Segel
      festsitzen knnen deshalb nach den verschiedenen Seiten hin angeholt
      (gebrat) werden. Das Princip des Segelns, unter diesen
      Verhltnissen, ist ungefhr das der schrggestellten
      Windmhlenflgel; die Windmhle steht aber fest, und das Schiff
      wrde durch einen Seitenwind zu viel abgetrieben werden (Abdrift
      machen) wenn es eben nicht so tief im Wasser ginge, und der scharfe
      Kiel so stark wiederhielte. Das Steuer hilft dabei ebenfalls mit,
      das Schiff trotz ungnstigem Winde gegen diesen anzuhalten, und den
      Segeln Gelegenheit zu geben es vorwrts zu treiben, was selbst
      geschehen kann, wenn der Wind nicht einmal mehr blos von der Seite,
      sondern sogar mehr von vorn kommt. Der Compa ist in 32 Striche
      getheilt, und es wird angenommen da ein mit Querraaen versehenes
      Schiff mit _sechs_ Strichen in den Wind liegen kann d. h. wenn der
      Wind z. B. von Norden weht, im Stande ist nach West-Nord-West oder
      nach Ost-Nord-Ost zu liegen. Das, bald nach der einen bald nach der
      anderen Richtung hinberhalten nennt man eben laviren oder
      aufkreuzen; das Schiff gewinnt dabei jedesmal etwas in seinem
      Fortgang nach Norden, und was es ber den einen Bug zu viel nach
      Osten hinberkommt, macht es, wenn es ber den anderen Bug nach
      Westen liegt, wieder gut. Es ist klar da ein Schiff, je dichter es
      im Stande ist am Wind zu liegen, auch desto leichter und
      erfolgreicher laviren und sich zu luv- oder windwrts hinaufarbeiten
      wird.

      Das Wenden des Schiffes geschieht dadurch, da man die, z. B. erst
      zu Backbord scharf angebraten Segel lst, und nach Starbord oder
      auf die andere Seite hinberbrat, oder anzieht -- und umgekehrt. Mit
      dem Steuer wird dann nachgeholfen, und die Segel, welche den Wind
      erst von der einen Seite faten, fassen ihn nun von der anderen.

   17 Ein Auswandererschiff erreichte vor einer Reihe von Jahren eines
      Abends den Hafen von New-York, aber die Nacht brach ein, es wurde
      dunkel und die Brise heftiger, so da der Capitain lieber den Morgen
      abwarten wollte, einzulaufen. Die Nacht erhob sich ein Nord-Wester,
      das Schiff wurde wieder in See zurckgeworfen und brauchte nachher
      noch drei volle Wochen, ehe es im sicheren Hafen Anker werfen
      konnte.

   18 Clverbaum ist das was die Stenge auf den Masten ist, die
      Verlngerung des Bugspriets, an der die vorderen dreieckigen Segel
      (Clver) befestigt sind.





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ZWEITER BAND.***



CREDITS


March 30, 2007

            Project Gutenberg Edition
            richyfortytwo
            Joshua Hutchinson
            Online Distributed Proofreading Team



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