Project Gutenberg's Ueber Goethes Hermann und Dorothea, by Victor Hehn

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Ueber Goethes Hermann und Dorothea

Author: Victor Hehn

Commentator: Albert Leitzmann
             Theodor Schiemann

Release Date: May 7, 2007 [EBook #21349]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER GOETHES HERMANN UND DOROTHEA ***




Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
produced from scanned images of public domain material
from the Google Print project.)









Ueber

Goethes Hermann und Dorothea.

Von

_Viktor Hehn._


Aus dessen Nachla herausgegeben

von

Albert Leitzmann und Theodor Schiemann.


Stuttgart 1893.

_Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung_
Nachfolger.


Alle Rechte vorbehalten.


Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.




Vorwort.


Viktor Hehns litterarische Thtigkeit ist durch seine ungerechte
Verbannung nach Tula im Jahre 1851 gewaltsam durchbrochen worden. Er
hatte bis dahin unermdlich gesammelt, und mit wahrhaft
bewunderungswrdigem Flei nicht nur die lange Reihe seiner
Reisetagebcher zu stilistischer Vollendung ausgearbeitet, sondern auch
in seinen Kollegienheften eine deutsche Litteraturgeschichte entworfen,
die berall auf eigene Studien gegrndet, die klassische Periode unsrer
Litteratur, speziell Schiller und Goethe, soweit es der damalige Stand
der Wissenschaft erlaubte, erschpfend behandelte. Schon damals war ihm
Goethe der Meister, zu dem er aufschaute und die spter in seinen
Gedanken ber Goethe niedergelegten Anschauungen und Urteile lassen sich
im Keim bereits in jenen fr seine Schler an der Universitt bestimmten
Vorlesungen wiederfinden. Nur da sie in Zweck und Anlage eine andre
Behandlung des Problems verlangten und teils zu ausfhrlichen
Kommentaren einzelner Werke, und bestimmter zu einem Ganzen
zusammengefater Dichtungen sich gestalteten, teils einen biographischen
Charakter trugen. Da Hehn in den vier Jahren seiner Dorpater
Dozentenzeit neben seinen weitgreifenden linguistischen Studien, die
damals auch die esthnische Sprache umfaten, die Zeit fand, den
ungeheuren Stoff nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zu
bewltigen, wird nur verstndlich, wenn man wei, da er von jeher das
litterarhistorische Gebiet mit besonderer Liebe gepflegt hat, und in
seinen sorgfltig bewahrten Kollektaneen, die bis in den Anfang der
dreiiger Jahre zurckreichten, Vorarbeiten besa, die ihm nunmehr sehr
zu statten kamen. Es kann als sicher angenommen werden, da Hehn
einzelne Abschnitte seiner Vorlesungen zu selbstndigen Darstellungen zu
erweitern gedachte. Ausgefhrt hat er den Plan nur mit Hermann und
Dorothea. Das Manuskript war fertiggestellt, auch die Vorrede bereits
geschrieben, als seine Verhaftung erfolgte.

Smtliche Papiere Hehns wurden mit Beschlag belegt und nach Petersburg
gebracht. Auch nach der Begnadigung im Mai 1855 wurden sie ihm nicht
wiedererstattet, das geschah erst viel spter. Hehn schreibt darber im
Dezember 1874 seinem lteren Bruder: (Meine Papiere) werden endlich
geordnet werden mssen, nachdem sie vor 23 Jahren in den Hnden der
heiligen Hermandad gewesen sind -- die sich in ihrer Liebenswrdigkeit
die besten Stcke ausgewhlt und zum Andenken behalten hat. Bisher war
ich zu weichlich, daran zu rhren; nur da von meinen Dorpater
Kollegienheften einzelne Bogen, wahrscheinlich besonders anstige,
fehlen, habe ich konstatiert und mich giftig gergert. Zu einer
vollstndigen Ordnung der Papiere ist es nun berhaupt nicht gekommen.
Es scheint, da Hehn jenes von ihm als weichlich bezeichnete Gefhl,
nicht berwinden konnte. Nur mit den Tagebchern und den Heften seiner
Lesefrchte machte er eine Ausnahme. Die wurden fleiig durchackert, und
es lt sich noch heute an dem Unterschiede der Handschrift verfolgen,
wo er fr ntig hielt, Korrekturen anzubringen, oder etwa durch ein
Fragezeichen seiner inzwischen anders gewordenen Ueberzeugung Ausdruck
zu geben. Hermann und Dorothea gehrt zu den nicht berhrten
Manuskripten und ist leider in der dritten Abteilung (so hie die
Geheimpolizei in Petersburg) ebenfalls beraubt worden. Glcklicherweise
gestatten die zum Teil erhaltenen Konzepte des Buches die Lcken mit
annhernder Sicherheit in Hehns Geiste zu schlieen.

Hehn war 37 Jahre alt, als er das Manuskript ber Hermann und Dorothea
fertigstellte. So wesentlich sich auch nachher sein politisches Urteil
modifizierte und sein Wissen bereicherte, sein sthetisches Urteil war
um jene Zeit bereits dasselbe wie in spteren Jahren. Wo er, wie in den
Gedanken ber Goethe ber das Goethesche Epos redet, finden wir keinen
Widerspruch zu seinen mehr als ein Menschenalter frher formulierten
Ausfhrungen. Es bietet dem Freunde Hehnscher Gedankenarbeit aber einen
besonderen Reiz, zu verfolgen, wie in diesen Werken des krftigsten
Mannesalters eine Wrme der Empfindung berwiegt, die spter oft durch
eine khle Ironie in Beurteilung von Menschen und Verhltnissen
zurckgedrngt wurde. Findet das Hehnsche Buch die Beachtung und
Anerkennung, die wir ihm wnschen, so soll es der Vorlufer anderer
sein.

Theodor Schiemann.




Inhalt.


                                                           Seite

Einleitung                                                   1-4

Hermann und Dorothea                                        5-26

Wahl des Stoffes. Warum kein politischer                   26-51

Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme                       52-60

Ort und Zeit                                               60-65

Gang der Fabel                                             65-85

Charaktere                                                86-100

Sitten und Lebenssphre                                  100-114

Diktion                                                  114-129

Vers                                                     129-139

Andre deutsche Epen (Luise von Vo, Messias von Klopstock)
zur Vergleichung                                         139-146

Anmerkungen                                              147-164

    Einleitung                                           148-150

    Hermann und Dorothea                                 150-156

    Wahl des Stoffes. Warum kein politischer             156-158

    Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme                 158-159

    Ort und Zeit                                             159

    Gang der Fabel                                           159

    Charaktere                                               160

    Sitten und Lebenssphre                              160-161

    Diktion                                              161-162

    Vers                                                 162-163

    Andre deutsche Epen (Luise von Vo, Messias von Klopstock)
        zur Vergleichung                                 163-164




Einleitung.


Wieder ber Goethe! ruft vielleicht mancher und wirft das Buch
ungeduldig beiseite. Aber was haben wir denn sonst noch Groes, was
besitzen wir bis jetzt noch andres, nicht im Traum, sondern wahrhaft,
als Goethe? Wie die Franzosen sich das Bild der Revolution, ihres
Heroenzeitalters, in immer neuer Beleuchtung vorfhren, so fllen wir
Bibliotheken ber die Literatur und vornehmlich ber deren grte
Gestalt, den einzigen wirklichen Dichter, der uns zu teil geworden. Jch
bringe meinen Beitrag zu den vielen andern. Der fromme Beter, aus dem
Tempel tretend, pflanzt dankbar auch sein Bumchen, so da im Lauf der
Jahre ein immer herrlicherer Hain das Heiligtum umrauscht.

Noch ist die Arbeit, Goethe in das Bewutsein der Nation einzufhren,
lange nicht vollendet. Wer die herrschende Bildung beobachtet hat, mu
gestehen, da die groe Mehrzahl gar nicht ahnt, wieviel sie an Goethe
besitzt. Seine Dichtungen sind berhmt und von allen gekannt, genossen
und empfunden sind sie nur von wenigen. Sinn fr Poesie ist berhaupt
nicht weiter verbreitet als Talent z. B. fr Mathematik. Die meisten
haften an dem falschen Golde rhetorischen Schmuckes, werden kindisch
gelockt von den Flittern der Diktion und, wenn es sich um Gestalten
handelt, nur durch abstrakte Idealitt berhrt und fortgerissen. Selbst
unter denen, die als Goethes Ausleger aufgetreten sind, haben sich nicht
alle durch das Entzcken des poetischen Genusses und das Streben, auch
andre daran teilnehmen zu lassen, zu ihrem Amte berufen geglaubt,
sondern wurden vielmehr durch schulphilosophische Bedrfnisse,
religise, politische, soziale Standpunkte, also mehr durch ein
scholastisches und praktisches Interesse dazu gefhrt. Sie suchten an
jenen Dichtungen die Gelegenheit, sie drngten sich den Inhalt schon
mitbringend an sie heran, statt in unbefangener Hingabe die schne
Menschlichkeit und reine Darstellung auf sich wirken zu lassen und der
Empfindung andrer nher zu bringen. So ist in den zahlreichen Schriften
ber Faust zwar jedes Wort, das in des Helden Monologen, in den
Gesprchen mit Mephistopheles und Wagner ausgesprochen wird, zu einem
heiligen Text geworden, zu dem die Noten und Exkurse sich huften und
welcher zu aller Art von Schriften und Verhandlungen Sprche liefert,
aber die wundervollen Szenen zwischen Faust und Gretchen, die Blte des
Werkes, wo die volle dichterische Schpfungsmacht das ergreifendste
individuelle Bild von Lieb und Leid des Menschenlebens vor uns hinwirft,
bilden weie Seiten, bei denen die geschftige Interpretation schweigt.
Wenn es Rtscher ber sich vermag, bei Gretchens Gestalt und ber sie
hinweg an Unschuld, Fall und Erlsung des Menschengeschlechts, die durch
sie dargestellt werden, zu denken, so mssen wir an seinem poetischen
Sinne ebenso sehr zweifeln, als wenn Viehoff in seinem neusten Kommentar
zu Goethes Gedichten die Schnheit derselben in Zsur und Alliteration,
iambischem und trochischem Rhythmus, in das Vorherrschen dieses und
jenes Vokals u. s. w. setzt. So findet Karl Grn die volle Bedeutung des
Goetheschen Geistes in Wilhelm Meisters Wanderjahren, im zweiten Teil
des Faust u. s. w., whrend z. B. Hermann und Dorothea von ihm kaum
berhrt wird. Auch ihm also liegt die soziale Wahrheit nher am Herzen
als die poetische Kunst: er kann gleichgltig vorbergehen, wo die
letztere unwiderstehlich fesselt; er kann liebevoll verweilen, wo sie
erloschen ist. Sind so die Ausleger nicht immer das Organ reiner Freude
an der Gegenwart der Poesie geworden, so findet man unter der groen
Menge der Leser und Urteiler berwundene Meinungen und lngst verlassene
Standpunkte noch so sehr in vollem Bestand, da es fortwhrend not thut,
die in engerem Kreise gewonnene sthetische Einsicht von neuem
vorzutragen. Der moralisch-didaktische Gesichtspunkt einem Dichterwerk
gegenber, die religisen Abstraktionen, der Dualismus zwischen
Sinnlichem und Uebersinnlichem, Leib und Seele, Irdischem und
Himmlischem, der alle Kunst bis zur Wurzel zerstrt, die Flucht aus der
vollen Wirklichkeit der Natur und des Lebens, das Unvermgen, in der
ersteren den innerlich bildenden Geist, in den Gestalten des letzteren
die sie hervortreibende und beseelende Sittlichkeit zu empfinden -- dies
alles ist in der groen Masse der Gebildeten noch so wenig erschttert,
da es noch vieler und wiederholter Anwendung der Wahrheit auf einzelne
Punkte bedarf, ehe sie sich des Sieges wird rhmen drfen.

Unter den Goetheschen Dichtungen hat brigens Hermann und Dorothea
verhltnismig nur wenig von sich reden gemacht. Voll klarer Einsicht
in das Wesen des homerischen Epos ist die gleich nach Erscheinen des
Goetheschen Werkes verfate Rezension von August Wilhelm Schlegel.
Geistvolle Bemerkungen enthlt ein Aufsatz ber Hermann und Dorothea von
Yxem, den wir, wie billig, fr unsre Darstellung benutzt haben. Nur
geringe Belehrung haben wir in Wilhelm von Humboldts Schrift ber
Hermann und Dorothea gefunden, die schon im Jahre 1799 als erster und
einziger Teil der sthetischen Versuche erschien. Die Darstellung hlt
sich in blut- und markloser Abstraktion, von deren Hhe das lebendige
poetische Individuum ganz aus dem Gesicht verschwindet, und lst man den
jedesmaligen Gedanken aus der gezwungenen Eleganz und eisigen
Vornehmheit des Ausdrucks, so findet man ihn gewhnlicher, als es den
Anschein hatte. Wenn Schiller daher nach Lektre der ihm bersandten
Schrift von der kunstphilosophischen Theorie berhaupt nichts mehr
wissen wollte, so wird diese Stelle seines Briefes zwar gewhnlich als
Gestndnis der Umkehr, in der er sich vom Denker zum schaffenden Dichter
gerade befand, gefat; vieles aber an jener Stimmung kommt gewi auf
Rechnung des gerade sehr unfruchtbaren Buches, aus dessen Veranlassung
er sich uert. Auch Goethe wandte sich bald von der Lektre desselben
unwillig ab, angeblich weil ihn der Tadel eines in dem Gedicht
vorkommenden Motivs verdro. Auch uns hat die ganze umfangreiche
Abhandlung geringere Ausbeute geliefert als die wenigen Seiten, die der
vortreffliche Hillebrand dem Gedichte widmet. Gervinus erwhnt dasselbe
nur vorbergehend, weniger, wie wir glauben, aus Grnden seines Prinzips
historischer Genesis, dem er selbst hufig genug untreu wird, als wegen
der seiner Darstellung berhaupt zu Grunde liegenden Klte gegen den
Dichter des Humanismus.




Hermann und Dorothea.


Von allen Dichtungen Goethes ist keine, wenn wir den Werther ausnehmen,
gleich anfangs von der Nation mit so allgemeinem Beifall aufgenommen
worden, als Hermann und Dorothea. Der Faust, der jetzt vielleicht unter
den Goetheschen Werken das populrste ist, auch im Auslande, gewann sein
Ansehen erst allmhlich und wohl erst in der spteren Gestalt, in der er
zur Zeit der romantischen Schule im Jahre 1808 neuvermehrt in zweiter
Auflage erschien. Hermann und Dorothea war dem Stoffe nach so deutsch
und so menschlich ansprechend und zugleich eine so durchsichtige und
vollendete Kunstgestalt, da das Gedicht sowohl die Menge, die nur nach
dem Stoffe urteilt, als den gebildeten Kunstsinn, dem nur die Form, die
knstlerische Behandlung gilt, zur Bewunderung hinri. Schiller
erklrte, nachdem er Hermann und Dorothea gelesen, dies Gedicht fr den
Gipfel der Goetheschen, ja aller modernen Kunst. Wilhelm von Humboldt
knpfte in einem eigenen Buche, das bald nach Hermann und Dorothea unter
dem Titel Aesthetische Versuche erschien, an dies Gedicht eine
ausfhrliche Errterung allgemeiner sthetischer Prinzipien. Auch August
Wilhelm Schlegel nannte in einer eigenen Beurteilung Hermann und
Dorothea ein vollendetes Kunstwerk im groen Stil, ein Buch voll goldner
Lehren der Weisheit und Tugend. Mit gleicher Bewunderung uern sich
neuere Kritiker. Hermann und Dorothea, sagt Hillebrand, der ganz
krzlich eine vortreffliche Geschichte der deutschen Nationalliteratur
von Lessing bis auf die Gegenwart verfat hat, Hermann und Dorothea ist
ein Bibelwerk deutscher Religion und Tugend. Und Gervinus meint, wenn
jetzt ein alter Grieche wieder auferstnde, so wre in der ganzen
neueren Literatur Hermann und Dorothea das einzige Gedicht, das wir ihm
ohne Verlegenheit anbieten drften. Auch Rosenkranz hlt wie Humboldt
und Gervinus Hermann und Dorothea in knstlerischer Hinsicht fr das
vollendetste von Goethes Werken. Goethe selbst hatte eine besondere
Vorliebe fr dasselbe: er konnte es, wie er in den Tag- und Jahresheften
erzhlt, nie ohne Thrnen der Rhrung vorlesen.

Ein hnliches Urteil spricht unser eigenes Gefhl: wir haben alle das
Gedicht, das uns hier beschftigen soll, gelesen und genossen. Dennoch
aber erhht diesen Genu Mitteilung und klares Bewutsein seiner
Quellen; die Wirkung, die ein schnes Gedicht auf uns macht, strebt von
selbst nach einem angemessenen Ausdruck, und da ein wahrhaftes
Kunstwerk, wie Hermann und Dorothea, immer halb unbewut von dem
knstlerischen Genius geschaffen ist, gleichsam eine Unendlichkeit von
Absichten in sich birgt, so ist es zwar schwer, ein so beseeltes und
ganz individuelles Gebilde treffend zu charakterisieren, gleichsam die
Fden seiner Textur aufzuwinden und den Eindruck, den es macht, kritisch
in die einzelnen wirkenden Motive zu zerlegen; dennoch aber bietet es
gerade durch seinen Reichtum der Auslegung und Betrachtung die
verschiedensten Seiten dar und gibt der Aesthetik fruchtbare
Gelegenheit, ihre allgemeinen Prinzipien daran zu messen.

Hermann und Dorothea ist ein Epos oder, wie Jean Paul es noch nher
bezeichnet, ein episches Idyll. Wir werden also, um dem Gedicht seine
Stelle, gleichsam seine substanzielle Heimat anzuweisen, im folgenden
uns ausfhrlich daran erinnern mssen, welches das Wesen und die Gesetze
der epischen Dichtung berhaupt sind; wir werden dann zu Goethe
zurckkehren und finden, da er durch eine einzige Gunst der Natur ganz
zum epischen Dichter geboren war und da das Wesen seiner Dichtung mit
dem Wesen der epischen Dichtung auf das glcklichste zusammenfllt. Wir
werden darauf zusehen, ob die Zeit und Nation, in welche der Dichter
fiel, dem Epos gnstig war oder nicht, welches sein Verhltnis zu den
groen politischen Begebenheiten von damals und zu der ihn umgebenden
nationalen Welt war, ob es leicht war hier einen epischen Stoff zu
finden und ob der Dichter eine glckliche Wahl dabei getroffen. Wir
werden dann weiter die Begebenheit selbst, die der Dichter uns erzhlend
vorfhrt, die Personen und Charaktere, die er in Handlung setzt, sowie
die ganze Art der Darstellung und Behandlung nher ins Auge fassen. Auch
die Diktion, der sprachliche Ausdruck, der Versbau gehrt zur
Charakteristik des Gedichts, sowie zum Schlu die Begleichung mit den
beiden epischen Vorgngern unsres Gedichts in der deutschen Literatur,
ich meine mit Klopstocks Messias und Voens Luise dazu dienen wird, die
Eigentmlichkeit und den Wert unsres Gedichts ins Licht zu setzen. Dies
also der Faden, an dem unsre Betrachtung fortlaufen wird.

Die inneren Gesetze der epischen Poesie werden wir nirgends sicherer
erkennen und in reinerer Gestalt wiederfinden knnen, als bei dem Vater
aller epischen Poesie, dem alten Homer. Das glckliche Volk der Griechen
war ja so knstlerisch und poetisch organisiert, da bei ihnen die
einzelnen Gattungen der poetischen Idee sich in naturgemer Stufenfolge
eine aus der andern entwickeln und sich selbst ihre notwendige Form
erschufen, so da die inneren Momente des Begriffs nirgends so rein mit
der Wirklichkeit, die Poetik mit der Geschichte der Poesie
zusammenfllt. Goethe selbst hatte, indem er Hermann und Dorothea
dichtete, den Homer als Vorbild vor Augen und so ruft er eben mit Bezug
auf seinen Hermann:

    Denn Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schn.

Wir werden also, indem wir die Grundzge der epischen Poesie entwerfen,
dies immer im Hinblick auf Homer thun.

Epos, Wort, Sage ist die Poesie im Kindheitsalter der Vlker, in den
Anfngen der Geschichte. Die epische Poesie blht in jener
Morgendmmerung, wo ein Volk schon aus der Wildheit und Stumpfheit des
ersten Naturdaseins zum Geiste erwacht ist, wo aber die geistigen und
sittlichen Mchte noch nicht als etwas Bewutes, klar Erkanntes und als
eine abgesonderte feste Gewalt dem Menschen gegenberstehen, sondern
dieser auf ganz naive Weise mit dem sittlichen Gebot noch eins ist. Es
gibt in dieser Periode zwar schon ein Staatsleben, aber noch nicht in
Form bestimmter Gesetze und fester Rechte, die die Freiheit des
Einzelnen zgeln. Jeder trgt vielmehr die politische Sitte in seiner
eignen Brust und, indem er ihr folgt, wei er nicht, da es anders sein
knnte. Gesetz und Empfindung sind noch nicht geschieden und die
Empfindung ist es eben, die den politischen Zustand geschaffen hat. So
ist Agamemnon zwar Knig, aber diese Herrschaft beruht auf keinem
geschriebenen Gesetze. Wenn er den besten Anteil von der Beute erhlt,
so versteht sich dies bei jedem von selbst. An welchem Punkte seine
Macht aufhrt und die der Aristokratie, der Geronten und Basileis
beginnt und die letztere wieder durch die Volksversammlung beschrnkt
wird, dies ist nicht durch feste Satzung bestimmt, sondern durch das
Allgemeingefhl der Einzelnen von selbst gegeben. Eine durch Reflexion
bestimmte, durch Beratung zu stande gebrachte geschriebene promulgierte
Verfassung gibt es nicht; die politische Ordnung hat keinen andern Boden
als die unbefangene Gesinnung aller. Ebenso ist auch das Recht und die
Rechtspflege nicht eine fr sich bestehende Welt; die Bestimmungen
derselben sind schwankend; es hat keine andre bindende Form, als die ihm
durch das unmittelbare Volksleben, durch das Rechtsgefhl und den
Billigkeitssinn gegeben wird. Hat einer z. B. einen Mord begangen, was
bei dem frischen Dasein der homerischen Menschen nichts Seltenes ist, so
sucht er die Familie des Getteten durch eine Bue zu vershnen oder er
verlt fliehend die Heimat: eins oder das andre macht ihm die Sitte zur
Pflicht. Streiten zwei um ein Gewicht Goldes, so bildet das Volk im
Freien einen Kreis, die Greise als Richter sitzen auf erhhten
steinernen Stufen, das Szepter als Zeichen richterlichen Ansehens und
erfahrener Weisheit in der Hand: hin und her wird gestritten, das Volk
fllt von beiden Seiten schreiend ein, die Herolde gebieten Ruhe;
endlich geben die Greise nach eigenem Sinne und unmittelbarem
Wahrheitsgefhl die Entscheidung. So ist auch das Kriegswesen der
homerischen Zeit ohne uerlich zwingende Norm und gestaltet sich aus
dem Grunde des in allen Teilnehmern lebenden kriegerischen Sinnes. Keine
Disziplin braucht wie in spteren Zeiten die widerstrebende Willkr der
Individuen zu zgeln; wenn sich die Reihen fest zusammenschlieen, wenn
ein Kmpfer dem andern hilft, wenn um den Leichnam des Gefallenen die
Ueberlebenden rettend und schirmend sich scharen, so geschieht dies
nicht nach Befehl, sondern durch eine innere Ntigung, die jeden von
selbst drngt. So handelt in diesem epischen Zeitalter das Individuum
ganz naiv und unbewut nach dem Zuge seiner Menschlichkeit; es ist von
dem Volksgeist in allem, was es thut und fhlt, bestimmt und in den
allgemeinen Mchten, die das Leben und die Sitte bilden, vllig
enthalten. Es sind mit einem Worte objektive, substanzielle Menschen. So
wie nun in einer spteren Periode der Geschichte die Trennung des
Subjekts von der Substanz vor sich geht, treten wir aus der spezifisch
epischen Welt heraus. Das Gemt und die Gesinnung des Einzelnen sind
nicht mehr im Einklang mit dem Geltenden: was frher bei seinem Thun
eine innere Notwendigkeit war, das steht ihm jetzt gegenber als ein
moralisches Gebot; es gibt feste Rechte und Gesetze, die sich dem Gefhl
des Einzelnen als Schranke entgegensetzen; der Staat tritt auf als eine
bestimmte Verfassung mit besondern Satzungen, geschaffen durch
Gesetzgeber; letzterer freilich fat auch nur die geltende nationale
Empfindung in Stze und Formeln, dennoch ist schon diese Form des
geschriebenen Gesetzes die erste Stufe der Reflexion; das poetische
Gesamtleben der episch-heroischen Zeit wird zu einer prosaischen Ordnung
der Dinge. Wird nun das in sich gebrochene Gemt, das aufgehrt hat ein
totales zu sein, in sich selbst zurckgetrieben, um dort in subjektiven
Empfindungen und Betrachtungen zu weilen, so gibt diese Beschftigung
des Subjekts mit sich selbst der lyrischen Poesie Entstehung; drngt es
umgekehrt den Zwiespalt mit der bestehenden Welt nach auen und sucht
praktisch und handelnd sein Inneres in der objektiven Welt geltend zu
machen, so fhrt dieser Kampf individueller Zwecke und Charaktere mit
den allgemeinen objektiven Mchten zur dramatischen Poesie.

Wie aber in der Periode des Epos die Krfte des Menschen berhaupt noch
in Einheit sind, so ist auch sein sinnliches Dasein noch nicht von dem
geistigen unterdrckt. Die homerischen Helden sind ganze volle, zugleich
herrlich sinnliche und edel geistige Menschen, stehen im engen Verkehr
mit der uern Natur, und die physischen Bedrfnisse und deren
Befriedigung gelten ihnen eben so sehr, als wir sie zu verhllen
streben. Essen und Trinken ist in ihrem Lebenslauf keine Nebensache, und
die ueren Verrichtungen, die dazu ntig sind, stehen nicht unter ihrer
Wrde. Der Held schlachtet selbst seinen Ochsen und zerlegt und reinigt
ihn und brt das Fleisch; der Sessel, auf dem er sitzt, das Bett, in dem
er schlft, die Matten, Segel und Ruderbnke des schnellen hohlen
Schiffes, mit dem er bers Meer gekommen, sein Helm, sein Schild, sein
Panzer und der Speer, mit dem er sich zur Schlacht wappnet, der Wagen,
mit dem er ber die troischen Gefilde eilt, die Zgel, die Pferde --
alles dies gehrt wesentlich zum Kreise, in dem seine Persnlichkeit
gegenwrtig ist. Und indem er in diese sinnlichen Beschftigungen und
physischen Bedrfnisse sein ganzes Ich hineinlegt, werden diese
Verrichtungen selbst geadelt und gleichsam menschlicher. Fr uns
arbeiten Maschinen und Fabriken; wir beteiligen uns an den sinnlichen
Geschften nur halb, unser edleres Selbst ist nicht dabei zugegen;
Diener thun es fr uns hinter unserm Rcken; Handwerker verfertigen
unser Gert; die Speisen kommen uns knstlich bereitet schon zu und
diejenige Klasse, die sich mit jenen Verrichtungen abgibt, hat dafr den
geistigen Adel eingebt, den die homerischen Menschen bei all ihrem
Thun bewahren. So macht es jetzt einen rhrenden Eindruck auf uns, wenn
Penelope, die Frstin von Ithaka, und Helena, die Gattin des
Knigssohnes Paris, selbst ihr Gewand weben, da Nausikaa selbst am
Meeresufer mit ihren Mgden ihre Kleider wscht und trocknet. Wenn von
dem einen Helden gerhmt wird, da die Beredsamkeit von seinen Lippen
geflossen wie ser Honig (ein sehr geistiges Lob), so preist der
Dichter dafr andre wegen ihrer mchtigen Stimme, wegen der
Schnelligkeit ihrer Fe und der Kraft, mit der sie groe Steine
aufheben und fortschleudern, also wegen sinnlicher Eigenschaften. Das
Ansehen des Knigs sttzt sich auf die Gewalt des Heldenkrpers, durch
die der Herrscher dem Volk berlegen ist. Der Kampf selbst ist ein
krperlicher: Mann trifft auf Mann. Voll schner symbolischer Gebruche
ist die Kriegfhrung, die Bestattung, der Opferdienst, ffentlich ist
die Volksversammlung, sie bewegt sich in lauter sichtbaren und hrbaren
Formen. So gilt das Recht der Sinnlichkeit unverkrzt und das Sittliche
und Physische verschmelzen mit gleicher Macht zum Bilde einer totalen,
in sich einigen und ungebrochenen Menschennatur.

Auf diesem Boden also entsteht das Epos und damit ergeben sich alle
Eigenschaften dieser poetischen Gattung von selbst. Wenn der Held abends
von seinen Thaten ruht, wenn nach beendigtem Mahle das Verlangen nach
Speise und Trank gestillt ist, dann tritt der Rhapsode auf und sein Lied
ist eine ideale Reproduktion des Erlebten und Vollfhrten, Erzhlung
geschehener Thaten und Begebenheiten, Erinnerung an eine nhere und
fernere Vergangenheit. Solche Gesnge tnen bei jedem Fest, unter jedem
Dache, berhaupt wenn die Muezeit eingetreten ist. Sie sind nicht
willkrlichen und individuellen Inhalts; nicht der Einzelne hat sie mit
diesem bestimmten Geiste gefllt und in dieser bestimmten Form
gestaltet; er ist ein Organ, gleichsam der Mund des Volkes, das
lautwerdende Allgemeingefhl. Das Nibelungenlied, sagt Grimm, hat sich
selbst gedichtet. So haben diese Rhapsodieen einen inneren Zug
zusammenzuflieen; zugleich bildet sich die anfangs schwankende Sage
durch vielseitigen Austausch zu einer festen Gestalt. Das so entstehende
epische Gedicht wird in einer Periode, wo berhaupt mehr die allgemeinen
Lebensgesetze gelten als das Individuum, das ganze nationale Leben
umfassend spiegeln; es wird ein Abbild der Thaten und Gesinnungen des
Volkes berhaupt. Das Volk selbst dichtet das wahre Epos und spricht
sich darin mit allen seinen Eigentmlichkeiten aus. Das epische Gedicht
erzhlt uns daher keine vereinzelte That, sondern die Bewegung, die Zge
und Kmpfe nationaler Massen: in ihm herrscht nicht eine einzelne
Empfindung oder Leidenschaft oder eine begrenzte Herzens- und
Lebenssituation wie im lyrischen Gedicht oder im Drama, sondern es
umschliet die volle Totalitt einer Nation und einer Zeit. Dadurch nur
wird auch das Epos zum Hauptbuche, zur allgemeinen Quelle der Erziehung
und Bildung oder, wie Hegel treffend sagt, zur Bibel des Volkes. So
blieb Homer fr immer der heilige Lehrer der Griechen, dessen Aussprche
wie Entscheidungen eines Gottes galten, auf den sich jeder berief, der
das Fundament wurde, auf welches sich die gesamte poetische, religise
und sittliche Bildung der Griechen auferbaute. Homer schuf nach Herodot
den Griechen ihre Gtter, die Tragiker entnahmen ihm die Fabel ihrer
Stcke, die Philosophen maen ihre Ansichten an ihm; Grenzstreitigkeiten
wurden nach seinen Aussprchen geschlichtet; Lykurg legte ihn der
altdorischen Ordnung, die er befestigte, zu Grunde; in Athen war Homer
das Erziehungsbuch der Jugend. Eine hnliche epische Bibel hat fast jede
bedeutende Nation in einem gewissen Stadium ihrer Geschichte
hervorgebracht: die Indier haben ihre groen Epen wie die Griechen ihren
Homer; so erzeugten die Italiener gleichfalls am Anfangspunkt ihres
nationalen Werdens ihren Dante, fr dessen Erklrung sogar eigene
Lehrsthle an den Universitten errichtet wurden; so die Portugiesen
ihren Camoens, der ebenfalls in einer Periode des Aufschwunges der
portugiesischen Volksmacht lebte und diesen Aufschwung, nmlich die
Entdeckungsfahrten nach Indien in seine Lusiaden aufnahm; und nicht
anders wurde im deutschen Mittelalter Wolfram von Eschenbachs Parzival
der treue und vollstndige Spiegel des damals herrschenden mystischen
Rittertums und wurde daher auch das am allgemeinsten verbreitete Buch,
Genu und Vorbild fr alle. Manchen Bibeln fehlt die epische Form, z. B.
dem alten Testament, wo auch niedergelegt ist, was das jdische Volk an
Sage und Geschichte, an Poesie und Nachdenken besa, obgleich im Alten
Testament das Religise zu sehr vorherrscht, als da wir es fr ein
wirkliches Epos erklren knnten. Ebenso verhlt es sich mit den
religisen Grundbchern der Perser und Araber, dem Zendavesta und dem
Koran. Eben aber weil das Epos auf diese Weise den ganzen geistigen
Schatz eines Volkes in sich schliet, rhrt es in seiner reinsten
Gestalt auch nicht von einem einzelnen Dichter her, sondern ist aus
Rhapsodieen, Volksgesngen, epischen Bruchstcken aller Art
zusammengeflossen. Wie Homer sind auch die Nibelungen und Gudrun, auch
das finnische Epos auf diese Weise entstanden. Hegel widersetzt sich
zwar mit Nachdruck der Wolfschen Hypothese, wonach die Ilias und Odysse
aus gesonderten Teilen erst spter zusammengesetzt worden: aber er thut
dies nicht aus Grnden historischer Kritik, sondern weil er mit Recht
glaubte, die Einheit sei einem Gedicht unerllich und ein wahrhaftes
Kunstwerk msse ein geschlossenes Ganzes bilden. Allein die Einheit
braucht deshalb nicht verloren zu gehen: es kommt durch die
Gleichartigkeit des in der epischen Zeit alle Einzelnen beherrschenden
Volksgeistes und seiner Sage in die getrennten Bruchstcke von selbst
Einheit des Tones und lebendiger Zusammenhang; ferner ist ja das Epos in
der Gestalt, wie es den spteren Geschlechtern berliefert wird, das
Werk eines Ordners und Zusammensetzers (Diaskeuasten), der nach einem
bestimmten Gedanken verfhrt, welcher in den Bruchstcken selbst
enthalten ist. So konnten die Ilias und Odyssee, obgleich sie nur eine
Konkretion alter Heldengesnge und epischer Hymnen sind, dennoch den
strengen Zusammenhang haben, dessen Fugen nur das geschrfte kritische
Auge an manchen Stellen entdeckt. Umgekehrt fehlt es in manchen
reflektierten spteren Epen, obgleich sie von einem Dichter herstammen,
an der ntigen inneren Gleichartigkeit. Die Aeneis des Virgil z. B.
besitzt die knstlerische Einheit nicht; die Geschichte von der Dido
z. B. fllt aus dem epischen Ton heraus und ist eine ganz tragische
Episode. Auch Klopstocks Messias ist, weil der Dichter ungefhr zwanzig
Jahre daran arbeitete, sehr disparat in seinen einzelnen Teilen. Gerade
wenn das Gedicht das unmittelbare Produkt des naiv dichtenden Volkes
ist, wird es in sich zusammenstimmen, so lang es auch sei. Das echte
Epos wird immer das Ansehen haben, als wenn das Volk selbst mit dunklem
Triebe nach Selbstdarstellung es geschaffen: der Einzelne, der daran
gearbeitet, verliert sich; das Nibelungenlied hat sich selbst gedichtet,
es ist erwachsen. Daher sagt Jakob Grimm sehr wahr: es gibt gute und
schlechte lyrische Gedichte, gute und schlechte Dramen, aber dem echten
Epos steht nur ein falsches gegenber. Dies ist der Mangel z. B. bei
Virgil: er ist ein knstlicher gelehrter Dichter, der an die Wahrheit
der Dinge, die er erzhlt, selbst nicht glaubt; er ist in dem Bewutsein
der von ihm geschilderten Welt nicht befangen, schafft mit Absicht, ahmt
nach und stutzt seine Rede mit rhetorischen Blumen auf. Nur in einer
Hinsicht zeigt er sich als wahrhaft epischen Dichter: auch ihn nmlich
durchdringt wie das ganze rmische Volk das Bewutsein der Herrlichkeit
dieses Volkes, seine gttergleiche Gre, der Stolz und die Pracht der
Weltherrschaft. An solchen Stellen ist auch er nur ein Ausdruck seines
Volkes, die Begeisterung ist keine knstliche und die Worte strmen ihm
zu, daher er auch fnf Jahrhunderte hindurch in allen Schulen bei den
Rmern der gefeierte Liebling blieb.

Indem wir nun mit Recht das Epos fr das poetische Totalbild eines
Volkes und einer Zeit ansehen, ist dies nicht so zu verstehen, als solle
das Gedicht ein ethnographisches Gemlde sein oder eine geordnete
Schilderung der damals herrschenden Sitten, wie sie der Historiker
unternimmt. Vielmehr fordert das Gesetz aller Poesie auch beim Epos, da
der allgemeine Geist sich zu einer bestimmten epischen Begebenheit
zusammenziehe und sich individualisiere, und da nicht das ganze Volk
oder gar die Menschheit, sondern ein bestimmter Held Subjekt derselben
sei. Das nationale Leben wird uns im Epos in einer einzelnen begrenzten
That vorgefhrt; es kommt durch eine bestimmte Situation, durch
bestimmte Zwecke und Handlungen als ein konkretes Individualbild zur
Anschauung. Einen Konflikt und eine Kollision verlangt auch das Epos,
aber dieser Konflikt ist von dem dramatischen sehr verschieden. Im Drama
stehen sittliche Mchte in Kollision; das Subjekt, das sich auf dem
Punkte ihres Zusammenstoes befindet, geht zu Grunde. Oder das
Individuum macht sein individuelles Pathos, den inneren Drang seiner
Leidenschaft der objektiven Ordnung der Dinge gegenber geltend; es
kreuzt mit seinen subjektiven Zwecken die des Schicksals und der
sittlichen Notwendigkeit und macht untergehend die tragische Erfahrung
seiner Endlichkeit. In der epischen Welt aber gibt es noch keinen so
tiefen Zwiespalt; der Lauf des Schicksals tritt dem Streben des
Einzelnen nicht entgegen, sondern hebt und frdert es. Die epische
Kollision vernichtet daher den Frieden des Menschen nicht; ohne die
harmonische Entfaltung des Volksganzen zu stren, bringt sie nur eine
belebende Bewegung hervor. Eine passende epische Kollision ist daher der
Krieg, in welchem die Nation ihre Krfte bt und Wachstum und Entfaltung
beschleunigt fhlt; nur darf der Krieg kein innerer, im Schoe des Volks
selbst ausgebrochener sein, kein Dynastieenkampf wie bei Shakespeare,
kein Bruderzwist um das Erbe des Thrones, denn dann stehen wir auf dem
tiefen Boden der dramatischen Kollision. Auch Entdeckungszge wie die
der Portugiesen bei Camoens, eine Kreuzfahrt wie bei Tasso sind ein
schner epischer Stoff: auch dort trmen sich die Hindernisse, die
Gefahren nur auf, um berwunden zu werden, und der Widerstand der
Wirklichkeit dient nur dazu bei jedem Schritte sich dieser Wirklichkeit
vollstndiger und glcklicher zu bemchtigen. Auf diesem allgemeinen
Boden epischer Kollision tritt nun die ganz individuelle epische
Begebenheit auf, und in ihr bewegen sich die epischen Charaktere. Auch
der Charakter des epischen Helden schwebt wie die Begebenheit in der
Mitte zwischen der nationalen Basis und seiner individuellen
Besonderheit. Er ist, was jeder sein kann, was jeder im Grunde ist: dies
in ihm Waltende ist nichts andres als die allgemeine Lebensgrundlage,
die alle trgt. Sein Streben ist kein Kampf, weder mit dem Schicksal
noch mit der ihn umgebenden Volksnatur. Er will nicht die Welt
umgestalten und etwas erst noch in seinen Gedanken Vorhandenes
realisieren, sondern in der Realitt selbst wirkend, folgt er dem Zuge
der Dinge mehr in ein ueres Geschehen verflochten als durch wirkliche
That, die immer in dem Innern des Subjekts entspringend in der Welt der
Objekte sich durchsetzt, die Natur nach Zwecken seiner Freiheit
umformend. Im Epos ist daher kein verwickeltes psychologisches Getriebe,
kein verstecktes Motiv; die Handlungen flieen aus dem Instinkt des
Ganzen. Die erzhlte Begebenheit strmt ruhig an uns vorber; der uere
Vorgang, Umstnde, Zuflle, Ereignisse, dasjenige, was dem Helden
begegnet, nicht der Held selbst als eine innerlich von Absichten bewegte
oder von streitenden Motiven aus dem Gleichgewicht gebrachte
Persnlichkeit ist im Epos das Wesentliche. Danach lassen sich alle
geschichtlichen Charaktere in epische und dramatische einteilen. Der
epische Held ist nur eine Konzentration der Nation und der Zeit; was er
will und fhlt, ist Wille und Gefhl aller. Er ist daher immer
glcklich, er ist der Gnstling des Geschickes und die Gtter sind mit
ihm. Die Macht der Umstnde trgt ihn von Erfolg zu Erfolg, Hindernisse
und Hemmungen weichen, sein eigenes Innere ist offen, harmonisch bewegt;
keine individuelle Willkr reit ihn los von der Lebensgemeinschaft mit
allen brigen, und, indem er ein umfassendes Werk mit Gre vollfhrt,
ist diese Vollfhrung vielmehr das bewutlose Werden der Dinge selbst.
Bei den tragischen Charakteren, die der reine Gegensatz der epischen
sind, ist die religise Harmonie zur Emprung geworden. In Zeitaltern
vorgeschrittener Zivilisation isoliert sich der begabte weiter blickende
Genius; er fhlt der stumpfen Masse gegenber hhere Einsicht,
berwiegende Kraft in sich; er bildet den ersten Strahl des kommenden
Zeitalters; in dem Kampf gegen das Bestehende fllt er als Opfer; der
zhen Gewohnheit, der Beschrnktheit gegenber verblht er langsam; oder
er berwindet den Widerstand, steigt zum hchsten Glanz empor und will
die Welt nach seinen Zwecken zwingen. Aber da ereilt ihn nach dem
tiefsinnigen Ausdruck der Alten der Neid der Gtter, die nicht dulden
knnen, da ein Sterblicher sich mit ihnen messe und das Steuer der
Weltregierung ihren Hnden entreie. Indem er sein individuelles Pathos
zum alleinigen Gesetz macht, strt er den Gesamtkomplex der sittlichen
Mchte, die in gegenseitiger Durchdringung das Leben bilden; seine Kraft
und Gre nach einer Seite ist seine Schwche nach der andern; die
durchbrochene Ordnung stellt sich wieder her, die Massen reagieren gegen
ihn und, wo er am hchsten stand, strzt er am tiefsten; in dem
Augenblick, wo seine Plne dem Gelingen am nchsten waren, sinken sie in
Staub. Die Gtter, die den epischen Helden lieben, hassen und vernichten
den tragischen. Prometheus ist der wahre Typus tragischer Helden. Csar,
Xerxes, der in seinem Uebermut den Hellespont geielte, Ajax, den Pallas
ins Verderben strzt, sind tragische Charaktere, die daher auch von den
Dichtern, von Shakespeare, Aeschylus und Sophokles gewhlt wurden.
Manche Figuren der Weltgeschichte tragen, je nachdem sie aufgefat
werden, mehr den tragischen oder den epischen Charakter, z. B. Napoleon.
Im ersten Stadium seines Lebens, als Obergeneral in Italien und Aegypten
ist er der epische Held, den die Schwinge des Jahrhunderts und die
Strmung der Dinge glck- und sieggewhrend trgt; seine Thaten sind ein
sonnenbeglnztes Epos; allmhlich isoliert er seine Zwecke; er verliert
sich in eine immer khnere und einsamere Hhe; die objektive Welt mit
allen endlichen Bedingungen und Verhltnissen, die Vlker mit ihrer
nationalen Denkart werden ihm nur der gleichgltige Stoff, dem er die
Form seines idealen Willens aufprgen will; da reagiert eben diese reale
Welt, die sich von keinem Einzelnen aus dem Schwerpunkt rcken lassen
will; die Katastrophe, d. h. das pltzliche Umschlagen erfolgt und den
Vermessenen trifft ein erschtterndes Verderben. So ist auch bei
Alexander dem Groen, bei Kolumbus eine doppelte Auffassung mglich:
epische Helden sind beide, insofern sie nur Organ des Zeitgeistes sind;
der eine ffnet den Orient, der andre den fernen Occident; beide sind
von dem allgemeinen Streben der beengten Vlker nach Erweiterung des
Weltbewutseins zu glcklichem Ziele getragen; in das Leben beider
mischt sich aber bald das tragische Unglck, dem der eine in der Blte
der Jugend, der andre nach einer Kette von Krnkungen und Migeschicken
verfllt.

Die letzte Betrachtung, die wir dem Epos zu widmen haben, betrifft,
nachdem wir die epische Substanz bezeichnet, die epische Haltung, die
Weise der poetischen Behandlung im Epos. Diese wird die einfache
Konsequenz von jener sein, und auch darin kann uns Homer das Muster
sein. Da das Epos in jene frhe Zeit fllt, wo die fhlende Seele in
unmittelbarer Einheit mit der Welt ist und der Wille noch keinen Kampf
mit den Naturtrieben zu bestehen hat, so wird auch die ganze epische
Darstellung von jenem heitern Frieden und jener ungetrbten Harmonie
berall getragen sein. Da ferner der epische Dichter von einer
vergangenen Zeit nur erzhlt, da, was er vortrgt, nur durch den stillen
Sinn des Ohres vernommen wird und nicht wie im Drama in unmittelbar
ergreifende Gegenwart tritt, so wird der Gemtsanteil ein milderer, die
Stimmung eine freiere und der Snger gewinnt Raum zu plastischer
Entfaltung aller Seiten und Umstnde, zu ruhiger Entwicklung und
ebenmiger Anerkennung auch des Kleinsten und Geringfgigsten. Im Drama
ist der Charakter der Personen gleichsam nur von einer Seite beleuchtet,
insofern sie nmlich durch eine vorherrschende Leidenschaft, durch eine
besondere Stellung zum System des Ganzen in den tragischen
Kollisionsfall verwickelt sind. Das Epos aber hat nicht einen besonderen
Gesichtspunkt, es beleuchtet die Persnlichkeit von allen Seiten, in
allen Beziehungen und stellt den ganzen Menschen mit verweilender
Ausfhrlichkeit als eine Totalitt von Neigungen, Eigentmlichkeiten und
Interessen vor unser geistiges Auge. Das Drama eilt unruhig durch eine
Reihe von immer heftigeren Dissonanzen seinem Ziele entgegen; von
Steigerung zu Steigerung drngt es der Katastrophe zu; der Zuschauer,
zwischen Furcht und Hoffnung bewegt, in sich selbst geteilt und aus dem
Gleichgewicht harmonischen Selbstgefhls gerissen, findet keine Ruhe als
in dem endlichen Ausgangspunkt, wo die gewaltsame Spannung sich in
ideales Mitleid auflst und die Harmonie des vollendeten Kunstbaues uns
die innere Vershnung wiedergibt. Umgekehrt bleiben wir dem epischen
Erzhler gegenber immer in der Freiheit des Gemtes und in der
allseitigen Integritt unsrer Krfte. Statt wie im Drama den Gehalt
heftig zusammenzudrngen, entfaltet er vielmehr das ganze Leben, die
ganze Breite menschlichen Wirkens und Daseins mit allen Nebenumstnden,
allen Nebenstimmungen in gleichmig heller Beleuchtung. Seine
freundliche Ansicht der Dinge gewhrt auch dem Unscheinbarsten ein
Dasein im Ganzen und er verweilt gern dabei. Mit gttlicher
Unparteilichkeit und Unbefangenheit gibt Homer jedem Gegenstande, dem
grten wie dem kleinsten seinen Namen und sein Recht; nachgiebig und
milde hebt er jede zur Seite sich anschlieende Beziehung hervor, sie
mag wichtig oder unwichtig sein, und sich ganz hinter der von ihm
geschilderten Welt verbergend lt er alles und jedes sich in seinen
eigensten Tnen aussprechen und nach seiner eigensten Form und Stelle in
das reiche und mannigfache Bild einfgen. In dem weiten Umfang seines
anschauenden Geistes und in der gleichmigen Wrme seiner Teilnahme ist
nichts als strend, berflssig oder unbedeutend ausgeschlossen. Er
berichtet uns nicht blo, wie seine Helden hassen, lieben und kmpfen,
sondern auch, wie sie die Sohlen anlegen und ber das Unterkleid den
Mantel werfen; er zhlt uns alle Stcke der ehernen Rstung auf von den
Beinschienen bis zum Haarbusch des Helms, ebenso alle Polster und
weicheren wollenen Teppiche des Bettes; er folgt der Mahlzeit in allen
ihren Teilen, die Helden waschen sich die Hnde, sie erhalten alle
gleiche Portionen Fleisch zugeteilt, die Herolde mischen den Wein mit
Wasser und gieen aus dem Mischkessel jedem Gaste das Getrnk in den
kleineren Becher u. s. w. Treten im entscheidenden Moment der Schlacht
zwei Kmpfer einander gegenber, schon ist die Lanze gehoben, so hat der
Dichter doch noch Zeit und heitere Seelenruhe genug uns mit den
bisherigen Schicksalen des einen oder des andern bekannt zu machen, wo
er bisher gelebt, wer seine Mutter und sein Vater gewesen, ja wie dessen
Vater geheien und wo und wie alt er gestorben sei. Ganz von dieser
epischen Ruhe sind auch Homers Dialoge, die Wechselreden der Helden und
der Gtter unter einander durchdrungen. Sie mgen in heftiger
Leidenschaft mit einander streiten oder sie mgen Befehle geben und
empfangen oder prahlend mit einander im Wortkampf wetteifern oder in
Todesnot um Rettung flehen oder forschen oder erzhlen, immer ist es der
langsame, ruhig strmende Flu, der nirgends anhlt, aber auch nirgends
mit strmischer Gewalt fortdrngt. Ein gutes Beispiel epischen
Verweilens bildet die Stelle, wo die Amme Eurykleia beim Fuwaschen
pltzlich ihren Herren, den als Bettler zurckgekehrten Odysseus an der
Narbe am Knie erkennt. Es ist der Moment hchster Spannung: dennoch
erzhlt der Dichter nun ausfhrlich, wie Odysseus in der Jugend zu
dieser Narbe gekommen, bei einem Besuch bei Autolykus auf dem Parna;
die Eberjagd, auf der der Eber ihm die Wunde beibrachte, wird mit allen
Einzelheiten geschildert; die dabei vorkommenden Reden werden
mitgeteilt; endlich wird mit den Worten: diese Narbe also erkannte die
alte Amme wieder eingelenkt. Wiederum als Patroklus gettet worden und
Achilles die Waffen ergriffen, schwrmt er voll Wut und
Vernichtungseifer auf dem Schlachtfelde: da trifft er auf den Lykaon,
den Sohn des Priamus; ein Augenblick gengte, um den Unglcklichen zu
verderben. Aber der Dichter schiebt ruhig diesen Augenblick noch auf: er
erzhlt uns zuerst, wie Achilles schon frher einmal den Lykaon in
dunkler Nacht in des Vaters Weingarten berfallen; der Jngling schnitt
sich da mit scharfem Messer von einem Feigenbaum junge Ruten; diese
Ruten sollten zu Wegweisern dienen; doch berfiel ihn nun dort
unversehens der gttliche Sohn des Peleus. Aber er schickte den
Gefangenen auf einem Schiffe ber das Meer und verkaufte ihn ins
schngebaute Lemnos. Kufer aber war Euneus, Sohn des Jason. Von dort
kaufte ihn ein Freund los, viel Gold gebend, Eetion der Imbrier, und
schickte ihn nach Troja zurck in die gttliche Arisbe. Von dort
heimlich entfliehend kam er ins vterliche Haus zurck. Daselbst war er
elf Tage, sich des Umgangs seiner Lieben freuend, nachdem er Lemnos
verlassen, am zwlften aber traf er wieder auf den Achilles. Jetzt also
stehen wir wieder bei dem Moment wie vor jener Einschaltung. Aber noch
fllt der tdliche Streich nicht. Achilles ist verwundert den nach
Lemnos Verkauften wieder auf dem Kampfplatz vor sich zu sehen und jetzt
folgt ein lautes Selbstgesprch von zehn Versen, in welchen Achilles
ausruft: Frwahr ich glaube, die von mir getteten Troer kehren aus der
Unterwelt wieder zurck; so habe ich diesen doch in die heilige Lemnos
verkauft, aber das graue salzige Meer hat ihn nicht zurckhalten knnen
und viele kommen doch wider ihren Willen im Meere um; aber nun will ich
sehen, ob er, wenn er meines Speeres Schrfe erfahren, auch von da
zurckkehren wird oder ob ihn die Erde bndigen wird, die ja auch den
Krftigen bndigt. Jetzt beschreibt der Dichter, wie Lykaon im Gemte
nicht sterben gemocht, in welcher Stellung Achilles ihm gegenber
gestanden, wie Lykaon darauf bittend sich ihm genaht, und nun folgt in
mehr als zwanzig Versen diese Bittrede, in der Lykaon wieder Zug fr Zug
erzhlt, wie er in dem Obstgarten gefangen worden, fr hundert Ochsen
nach Lemnos verkauft sei, elf Tage zu Haus zugebracht u. s. w. Ich sehe,
sagt er, da meine Mutter mich nur zu kurzem Leben geboren hat, die
Laothoe, die Tochter des greisen Altes, welcher ber die kriegerischen
Leleger herrscht in der hohen Pedasos am Flusse Satnioeis. Dieses Altes
Tochter hatte Priamus wie viele andre: wir waren von der Mutter zwei
Kinder, du wirst sie wohl beide tten, den einen hast du schon gettet,
den gttergleichen Polydorus u. s. w. Hierauf antwortet Achilles
seinerseits ausfhrlich in fast ebenso langer Rede, worin er den Tod des
Patroklus anfhrt, und nun erfolgt die Ttung, deren nhere Umstnde
gleichfalls genau angegeben werden. Solche Beispiele des wahrhaft
epischen Tones lieen sich aus Homer unzhlige anfhren. Der Dichter
folgt aber in der Reihe der Zeitmomente nur dem Gesetz poetischer
Anschaulichkeit und, wenn er manchmal das Ausgedehnte zusammenfat, so
entfaltet er meistens das, was sich in der Wirklichkeit zusammendrngt,
z. B. wenn sich eine spannende Lage, ein heftiges Gefhl in unsrer Brust
oft nur in einem kurzen Ausruf oder in einem einzigen Wort Luft macht,
zu voller Darlegung des darin liegenden mannigfaltigen Gehaltes. Der
epische Dichter gleicht darin ganz dem bildenden Knstler: auch dieser
hlt einen im Zeitflusse vorbergehenden Moment fest und stellt ihn mit
festen und vollen Marmorumrissen vor unsre Anschauung, so da wir seinen
ganzen Inhalt entfaltet und bleibend vor uns haben. Daher nun auch die
Neigung des epischen Dichters zu Episoden. Im Drama duldet die Angst
der Erwartung kein Abspringen, es folgt immer in strenger Linie Schlag
auf Schlag dem Endziele, aber das Epos ist der wahre Boden der
mannigfaltigsten Episoden. Der Dichter wie der Zuhrer folgen in ihrem
inneren Frieden jedem Zuge der sich darbietenden Gelegenheit; wo ein
Seitenpfad sich ffnet, wird er harmlos betreten. Homer macht nichts
parteiisch, weil er das Recht eines jeden Dinges kennt und bereit ist es
ihm zu geben. Seine Darstellung will weder loben noch tadeln, sondern
nur sich selbst genugthun. Ganze Gesnge der Ilias, kann man sagen, sind
nur Episoden, so der sehr schne fnfte, der von der Tapferkeit und den
Thaten des Diomedes handelt; in den Gesngen aber sind die unzhligen
kleineren Digressionen wieder, so zu sagen, fr sich bestehende Epen im
kleinen, Teilgebilde, die ein eigentmliches Leben fhren und nur locker
und lose mit dem Hauptgange zusammenhngen; polypenartig wchst Epos aus
Epos hervor. Jeder Punkt in dem groen Gebilde ist fr sich belebt;
jeder Satz hat seine eigne Seele und ist um seiner selbst willen da; und
daher auch die lose Wort- und Satzverknpfung berhaupt, die bis in die
kleinste Form von dem epischen Prinzip durchdrungen ist. Auch die
hufigen ausgefhrten Gleichnisse, die alle epischen Dichter dem Homer
nachgebildet haben, sind von diesem Geiste ruhigen Verweilens bei
Nebenvorstellungen eingegeben: indem dem Dichter bei irgend einer
Situation eine hnliche aus einem andern Gebiete einfllt, verweilt er
bei dieser zweiten, die unter der Hand zu einem eigenen Ganzen wird und
ein selbstndiges Interesse gewinnt, was sich auch in dem Uebergange aus
dem abhngigen Nebensatze in einen Hauptsatz zeigt, der bei homerischen
Gleichnissen so oft vorkommt. Dieselbe epische Ruhe zeigt sich bei den
so hufigen Wiederholungen: wenn bei Homer ein Bote eine Meldung zu
bringen hat, so wird er den Auftrag gewi, so lang dieser sein mag, mit
allen Nebenmotiven in denselben Worten wiederholen. Auch dies ist ja nur
ein Zeichen jener gttlichen Geduld, die durch die ganze epische Welt
waltet, jener zwar immer schaffenden und bildenden epischen Phantasie,
die aber, eben weil sie solchen Reichtum im Schoe trgt, ganz wie die
gebrende Natur selbst mit ihrem Erzeugen halb zurckhaltend zgert. Das
Epos, sagt Herder einmal, mu langweilig sein: dies ist in dem Sinne
wahr, als es allen dramatischen Drang, alle lyrische Erreglichkeit und
Unruhe ausschliet. Aber das dadurch mangelnde lebhaftere Interesse
ersetzt es durch die Sinnlichkeit, durch die Plastizitt, durch das
helle Licht und den ununterbrochenen greifbaren Umri, womit es den
anschauenden Sinn entzckt.

Wir haben uns scheinbar von Goethe und unserm Gedicht weit entfernt,
aber in der That dadurch die wichtigsten Anhaltspunkte zu seiner
Beurteilung und Charakterisierung gewonnen.

Goethe war seiner ganzen Naturanlage nach nicht blo ein Dichter,
sondern im besondern ein epischer Dichter nach den Merkmalen, die wir
oben angegeben haben. Sein ganzes Leben ist ein groes episches Gedicht
und verflo in innerer und urer Harmonie unter dem stillen Bilden der
Lebensschicksale. Eine Altersstufe lste mit unmerklichem Werden die
andre ab und jede trug im vollen Walten des Naturgesetzes die ihr
eigentmlichen Blten und Frchte. Der Strom seines Lebens stockte und
wirbelte nie, von feindlichen Hindernissen gehemmt; in sanften Windungen
umging er den Fu entgegentretender Felsberge. Goethe war immer
glcklich und jedes Migeschick verwebte er ausgleichend in den groen
Zusammenklang seines Lebens und der Natur. Wohl hatte auch er innere
Kmpfe zu bestehen, Kmpfe voll tiefer Spaltung und Verfinsterung der
Seele, denn er war ja ein Dichter, aber immer stimmte die reiche
Heilkraft seiner Natur das gebrochene Gemt wieder zur heitern
Vershnung mit der Welt und mit sich selbst. Immer in kindlichem
Zusammenhang mit der Ordnung der Natur und in ihren stillen
gesetzmigen Gang einstimmend konnte er daher zu der Tragdie, die die
Kmpfe des Subjekts mit den objektiven Mchten oder den Konflikt der
letzteren unter sich poetisch darstellt, sich nicht bestimmt fhlen. Ich
fhle deutlich, schreibt er an Schiller, da der bloe Versuch eine
wahre Traggdie zu schreiben mich innerlich zerstren wrde. In der
epischen Welt dagegen, die von jenem Leiden der subjektiven Freiheit
nicht berhrt wird, fand er den Frieden wieder, den die Natur und das
rein und einfach Schne gewhrt. Von Shakespeare entfernte er sich, je
lnger er lebte, immer mehr; zu Homer fhlte er sich immer mehr gezogen;
er dachte in Sizilien lange ber den Plan zu einem Drama Nausikaa nach,
er begann in spterer Zeit ein Heldengedicht, die Achilleis: in beiden
wollte er mit Homer wetteifern. Das Epische liegt teils vor dem
Tragischen, d. h. wo dieses in der ungetrbten Brust noch nicht
hervorgebrochen ist, teils in der Hhe ber demselben, wo nach
Ueberwindung aller Qualen und Widersprche der endlichen Welt die
bewutvolle Vershnung und Seligkeit wieder eingetreten ist. Goethe nun
stand in dieser Region echter in sich beruhigter Menschlichkeit. Die
hchste Bildung war ihm die reinste Menschlichkeit; Schnheit und
Sittlichkeit, ebenso Glck und Sittlichkeit war ihm eins. Der Zustand,
wo die Pflicht mit der Neigung, der moralische Wille mit dem natrlichen
Triebe nicht zusammenstimmt, wo wir also nicht in vollem ungeteiltem
Besitz unsrer selbst sind, war ihm unertrglich. Er folgte dem schnen
Zuge seiner Natur, aber nicht der gemeinen und hlichen, sondern der
edeln und geluterten. Dies ist ganz jene Geistesstufe, die wir oben als
die dem Epos und dem epischen Dichter eigentmliche gefunden haben.
Goethes besonderes Erbteil war eine mchtige Energie der Phantasie und
die volle Gabe der Anschauung. Dadurch blieb er in einem Zeitalter des
kalten und trocknen Verstandes ein ewiger Jngling. Mit klarem Blick
schaute und beobachtete er die Dinge um sich her, trbte ihr Anschauen
nie durch Ha und eigne Einmischung, lie sie unbefangen auf sich wirken
und stellte sie mit idealer Kunstluterung dann in ihrer innersten
Wahrheit wieder dar. Wahrheit und Natur sind daher die Hauptmerkmale
aller Goetheschen Dichtung. Die objektive Treue, mit der das
Menschenleben und die Natur sich in seiner Dichtung spiegelt, die
plastische Sinnlichkeit, mit der alle Darstellungen seiner Hand im
heitern Sonnenlicht nachbildender Kunst uns entgegentreten, lt sich
nur mit der Plastik und Objektivitt des Homer vergleichen. Merck, der
ltere Freund Goethes, erriet diese Gabe des Dichters schon frhe und
uert in einem Briefe, Goethes unverrckbare Richtung sei die, dem
Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, whrend die andern nur die
Imagination zu verwirklichen suchten. Auch Schiller bemerkt ber Goethe,
bei keinem modernen Dichter finde sich so die volle sinnliche Wahrheit
der Dinge als bei ihm. Goethe hielt sich ganz an die lebendige Gegenwart
der ihn umgebenden Dinge und fand in ihr den Gehalt der Ewigkeit:

    Willst du ins Unendliche schreiten,
    Geh nur im Endlichen nach allen Seiten!

Das Uebersinnliche galt ihm nur, insofern es sich im Sinnlichen
offenbart; er schaute das Allgemeine im Besondern an; so war er Realist
und Idealist zugleich. Nach fernen Idealen jagen war ihm zuwider;
sentimentale Sehnsucht, wenn sie ihn beschlich, legte er in ein
lyrisches Lied nieder, das ihn wieder heilte und befreite, und bog sie
zur erfllten Gegenwart um. Daher kam es nun auch, da Goethe wie spter
Schiller, der Mann der Freiheit, der Dramatiker, von Kant, da so der
epische Goethe von Spinoza mchtig angezogen ward. Goethe liebte und
studierte diesen Denker, besonders seine Ethik eifrig, mit dem er in
ursprnglicher Wahlverwandtschaft stand. Die alles ausgleichende Ruhe
Spinozas, die Goethe selbst an ihm preist, war nur das Widerspiel seiner
eigenen Sinnes- und Darstellungsweise. Was er selbst lngst gefhlt,
davon fand er die bewute Erkenntnis bei Spinoza: die Gegenwart des
Unendlichen im Endlichen, die Unabtrennbarkeit der Idee von der
Erscheinung, die erhabene sittliche Ruhe und Vershnung, die
pantheistische Nhe Gottes in allem. Auch Spinoza wie Goethe sah in der
Welt, in den Dingen, die uns umgeben, in jedem Augenblick, der uns
geschenkt ist, berall die Immanenz, d. h. das bleibende Inwohnen eines
ewigen Gehaltes und eine groe Harmonie, in der das All zusammenklingt.
Jene episch-plastische Richtung, die der Dichter durch seine eigene
Natur und durch Spinoza erhalten hatte, kam zur vlligen Reife in dem
plastischen Italien. Die Natur- und Kunstwelt Italiens gab ihm die
durchsichtige Klarheit, die vollendete Form, die objektive Bestimmtheit
und den milden Frieden, der seine Werke von da an auszeichnet. Die
bildende Kunst, weil sie so reine Anschauung ist, die Natur, weil sie
ohne Willkr ihr stilles, aber tiefes Leben vollendet, waren von jetzt
an fr immer Gegenstnde seiner Liebe und Betrachtung. Noch aus Rom
schreibt Goethe, er glaube nun doch wohl einzusehen, da er mehr zur
Poesie als zur bildenden Kunst geboren sei, woraus also folgt, da es
eine Zeit gegeben, wo er sich zum Bildhauer bestimmt glaubte.
Naturwissenschaft, Beschftigung mit der eigentlichen Kunst hat er sein
ganzes briges Leben lang nicht aufgegeben. Die Dichtwerke, die er aus
Italien mitbrachte, Iphigenie, Tasso, Wilhelm Meister, tragen den reinen
epischen Kunstcharakter deutlich an sich. Zwar bewegt sich die Iphigenie
aus dem innerlichen Boden seiner Seelenvorgnge, aber in der ganzen Form
herrscht die Gleichmigkeit, Stille und der sanfte Flu des Epos.




Wahl des Stoffes. Warum kein politischer.


In Goethe selbst lagen alle Bedingungen zum epischen Dichter: desto
schwieriger war es mitten in der Prosa einer alternden Welt einen Stoff
zu finden, der der epischen Darstellung fhig war. Treten wir den
damaligen Zeiten und Volksverhltnissen nher, um zu sehen, welcher Art
dieser Stoff nur sein konnte.

Man hat es in neuerer Zeit Goethe oft zum Vorwurf gemacht, da er so
egoistisch sich abgeschlossen und nichts fr sein Volk gethan. Er mit
seiner mchtigen Rede htte die schlummernde Nation zur Freiheit wecken,
zu Thaten begeistern und zur politischen Gre fhren sollen. Aber statt
dem unterdrckten Recht seine hilfreiche Stimme zu leihen, suchte er
Selbstgenu in der schnen Kunst; ohne Herz fr die Leiden des
Vaterlandes, das in den Fesseln feudaler Barbarei oder moderner
Polizeigewalt lag und in unzhlige Herrschaften zerstckt das
Schlachtfeld Europas bildete, vergngte er sich als Hfling in Weimar
und weder die Thaten Friedrichs des Groen noch die Unmacht des heiligen
rmischen Reichs deutscher Nation erregten ihn zu Begeisterung oder
Unwillen. Besonders gegen das groe Weltereignis, das am Ende des
Jahrhunderts von Frankreich aus seine Donner ber den Weltteil rollen
lie, htte er nicht mit solcher Abneigung sich verschlieen sollen:
denn wo lie sich ein mchtigerer Stoff fr Epos oder Tragdie finden
und wodurch konnte ein wahrhafter Dichter wrdiger zu groen Gesngen
gestimmt werden und tiefer alle Herzen der Zeitgenossen und der
nachkommenden Geschlechter zu bewegen hoffen?

Es war besonders Ludwig Brne, ein gewi ebenbrtiger Gegner, der diese
Vorwrfe hufte. Lessing sagt in einem Briefe, er laufe Gefahr rgerlich
zu werden und mit Goethen trotz dem Genie, worauf dieser so poche,
anzubinden. Ein halbes Jahrhundert spter erfllte ein Geistesverwandter
Lessings die Drohung gegen den unterdes mchtig gewordenen Dichter. In
immer erneuerten hingeworfenen Bemerkungen kommt er auf Goethe zurck,
den er von Anbeginn gehat zu haben gesteht, und schleudert aus der Glut
seines edeln Herzens, in der sich sein Mrtyrerleben verzehrte,
leuchtende Brandkugeln in Goethes Kunstanlagen. Goethe, ruft er aus,
htte ein Herkules sein knnen, sein Vaterland von groem Unrate zu
befreien; aber er holte sich blo die goldenen Aepfel der Hesperiden,
die er fr sich behielt, und dann setzte er sich zu den Fen der
Omphale und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die
groen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Und nun
fhrt er das Beispiel Dantes, Alfieris, Montesquieus, Voltaires,
Rousseaus, Miltons u. s. w. an. Die furchtlose unbestechliche Richterin,
sagt er ein andermal, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast
du je die Niedrigkeit beschmt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast
du je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst
immer nur dein eigener Wchter! Wenn Gottes Donner rollen und
niederschmettern das Gequieke der Menschlein da unten, dann horcht ein
edles Herz und jauchzt und betet an und, wer angstvoll ist, hrt und ist
still und betet; der Dmische aber verstopft sich die Ohren und hrt
nicht und betet nicht und betet nicht an. Schiller whrend der heien
Tage der franzsischen Revolution schrieb in der Ankndigung der Horen:
Vorzglich aber und unbedingt wird sich die Zeitschrift alles verbieten,
was sich auf Staatsreligion und politische Verfassung bezieht. So sprach
und dachte auch Goethe, er, der angstvoller als eine Maus beim leisesten
Gerusche sich in die Erde hineinwhlt und Luft, Licht, Freiheit, ja des
Lebens Breite, wonach sich selbst die totgeschaffenen Steine sehnen,
alles, alles hingibt, um nur in seinem Loche ungestrt am gestohlenen
Speckfaden knuppern zu knnen. Als ich heute gegen Weimar zu fuhr,
schreibt er in einem Briefe, und es vor mir lag mit seinen roten Dchern
im Wintersonnenschein kalt und freundlich, und ich dachte, da Goethe
darin schon lnger als fnfzig Jahre wohne, da er es nie verlassen, da
berfiel mich wieder der Groll gegen diesen zahmen, geduldigen,
zahnlosen Genius. Wie ein Adler erschien er mir, der sich unter der
Dachtraufe eines Schneiders angenistet. Und ein solcher Mensch sollte
doch ein fleischfressendes Tier sein und nicht wie ein Spatz Gerste
essen, auch nicht aus der schnsten Hand. Und zu Goethes Tag- und
Jahresheften von 1790 ruft er: Was? Goethe, ein reichbegabter Mensch,
ein Dichter, damals in den schnsten Jahren des Lebens, wo der Jngling
neben dem Manne steht, wo der Baum der Erkenntnis zugleich mit Blten
und mit Frchten prangt, er war im Kriegsrate, er war im Lager der
Titanen, da, wo vor vierzig Jahren der zwar freche, doch erhabene Kampf
der Knige und Vlker begann, und zu nichts begeisterte ihn dies
Schauspiel, zu keiner Liebe, zu keinem Hasse, zu keinem Gebete, zu
keiner Verwnschung, zu gar nichts trieb es ihn an als zu einigen
Stachelgedichten, so wertlos nach seiner eigenen Schtzung, da er sie
nicht einmal aufbewahrte, sie dem Leser mitzuteilen? Und als die
prchtigsten Regimenter, die schnsten Offiziere an ihm vorberzogen,
da gleich der jungen blassen Frau eines alten Mannes bot sich seinem
Beobachtungsgeiste kein anderer, kein besserer Stoff dar als die
vergleichende Anatomie? Und als er in Venedig am Ufer des Meeres
lustwandelte, Venedig, ein gebautes Mrchen aus Tausend und einer Nacht,
wo alles tnt und funkelt, Natur und Kunst, Mensch und Staat,
Vergangenheit und Gegenwart, Freiheit und Herrschaft, wo selbst Tyrannei
und Mord nur wie Ketten in einer schauerlichen Ballade klirren, die
Seufzerbrcke, die zehn Mnner, es sind Szenen aus dem fabelhaften
Tartarus, Venedig, wohin ich sehnsuchtsvolle Blicke wende, doch nicht
wage ihm nahe zu kommen, denn die Schlange sterreichischer Polizei
liegt davor gelagert und schreckt mich mit giftigen Augen zurck, dort,
die Sonne war untergegangen, das Abendrot berflutete Meer und Land und
die Purpurwellen des Lichts schlugen ber den felsigen Mann und
verklrten den ewig Grauen und vielleicht kam Werthers Geist ber ihn
und dann fhlte er, da er noch ein Herz habe, da es eine Menschheit
gebe um ihn, einen Gott ber ihm, und dann erschrak er wohl ber den
Schlag seines Herzens, entsetzte sich ber den Geist seiner gestorbenen
Jugend, die Haare standen ihm zu Berge und da in seiner Todesangst,nach
gewohnter Weise, um alle Betrachtungen loszuwerden, verkroch er sich in
einen geborstenen Schafschdel und hielt sich da versteckt, bis wieder
Nacht und Khle ber sein Herz gekommen! Und den Mann soll ich verehren?
den soll ich lieben? u. s. w.

Um diese Vorwrfe zu wrdigen, ist es ntig, das Jahrhundert, in dem
Goethe lebte, und die Nation, die ihn hervorgebracht hatte, kurz zu
zeichnen.

Das achtzehnte Jahrhundert verfolgte bei den drei Hauptvlkern Europas
eine ganz verschiedene Richtung: es war in England industriell, in
Frankreich emanzipativ, in Deutschland sthetisch. Das achtzehnte
Jahrhundert erhob England zu der kolossalen Industrie, die jetzt das
Staunen der Welt bildet; damals begann von geringen Anfngen die
Baumwollenproduktion, die der Tpferwaren, die Stahl- und
Eisenbearbeitung und stieg mit rapidem Wachstum zu ihrer jetzigen Hhe
auf. In den industriellen Bezirken wurden kleine Flecken, rmliche
Fischerdrfer in wenigen Jahren mchtige Fabrikstdte; ganze
Grafschaften verwandelten sich in unermeliche rauchumhllte
Werksttten. Industrielle Genies traten auf, die durch Erfindungen aller
Art, durch unermdliche Beharrlichkeit den wichtigsten Zweigen in der
Stille einen raschen Schwung gaben. Ein verbessertes Verfahren drngte
das andre, eine Maschine die andre. In gleichem Verhltnis mit der
Entwicklung der Industrie stieg die der See- und Kolonialmacht Englands.
England eroberte Ostindien, das groe anglo-indische Reich ward
gegrndet und den Franzosen, Spaniern, zuletzt auch den Hollndern alle
ihre Kolonien entrissen. Der nordamerikanische Freiheitskrieg zwar
schien dies Wachstum unterbrechen zu wollen, eine der wichtigsten
Kolonien hatte sich losgerissen und Frankreich gewann wieder Vorteile.
Aber die langwierigen Kmpfe mit der franzsischen Revolution und mit
Napoleon machten England zur Herrscherin in allen Meeren; wenn man Kuba
ausnimmt, welches Spanien verblieb, und Java, welches die Hollnder
retteten, so gingen alle bedeutenden und reichen Niederlassungen in
allen Teilen der Welt und alle wichtigen Seestationen in Englands Hnde
ber; es fate Fu im mittellndischen Meer, ri den levantischen Handel
an sich und ffnete sich Mittel- und Sdamerika, indem es den Abfall der
spanischen Dependenzen begnstigte. So machte das achtzehnte Jahrhundert
England in grerem Mastabe zu dem, was im siebzehnten Jahrhundert
Holland gewesen war.

Eine ganz andre Mission hatte das Jahrhundert in Frankreich zu erfllen.
Hier war politische und religise Emanzipation der Punkt, dem alle
nationalen Krfte zustrmten. Nach der formellen Klassik unter Ludwig
dem Vierzehnten wurde unter dem Regenten und unter Ludwig dem
Fnfzehnten Kritik und Skepsis in allen Gebieten herrschend. Was schon
Cartesius an die Spitze gestellt hatte =de omnibus dubitandum est=, was
darauf Pierre Bayle mit durchdringendem Scharfsinn, obgleich noch
schchtern begonnen hatte, das wurde jetzt von Voltaire, Rousseau und
den Encyklopdisten umfassend ins Werk gesetzt. Es war das Jahrhundert
der Aufklrung, das berall mit der Leuchte der Humanitt und
Philosophie die Gespenster des Aberglaubens zu bannen und die Fesseln
barbarischer Traditionen zu brechen suchte. Unter der Fahne der Ideen
Vernunft, Natur, Menschheit, Freiheit, mit den Waffen des Spottes, der
Beredtsamkeit und der Kritik ward ein siegreicher Kampf mit den Dogmen
und der Hierarchie der Kirche und den politischen Einrichtungen gefhrt.
Der Deismus, der in England keine nationalen Wurzeln gehabt hatte und
bald abgestorben war, ward in Frankreich zur populren Sache des
Jahrhunderts erhoben. Montesquieu, der schon in seinen =lettres persanes=
die Kirche empfindlich getroffen hatte, lenkte durch seinen esprit des
lois die Blicke der Nation aus den Staat; Rousseau untersuchte in seinem
=contrat social= das Fundament der politischen Gesellschaft; Voltaire, der
Alleinherrscher seiner Zeit, lag sein langes Leben hindurch mit den
Ungeheuern der Finsternis im Kampf, die er spielend erlegte; die
Encyklopdisten unterwarfen alles Gegebene den dekomponierenden
Operationen ihres Verstandes; Beaumarchais untergrub durch seine Komdie
die Hochzeit des Figaro den Adel: so nahm in allem das Subjekt die
Autonomie in Anspruch und nichts galt mehr, als was sich vor Vernunft
und Menschengefhl rechtfertigen konnte. Whrend in England zugleich mit
dem Industrialismus und wachsendem Volkswohlstand der finstere
Methodismus sich verbreitete, die Hochkirche erstarrte, die Oligarchie
und Kastensonderung sich befestigte, der Staat ein irrationales Gewchs
blieb und in Gebruchen, Meinungen und Sitten das Mittelalter und die
Scholastik ihre Herrschaft behaupteten, brach Frankreich die Bastille
und die Adelsschlsser nieder, hob in der Nacht des 4. August alle
feudalen Vorrechte auf, impfte durch Jefferson Amerika seine Demokratie
ein, rief die Schwarzen von St. Domingo zur Freiheit auf und durchzog
mit Ideen und Kriegsheeren den Weltteil.

Ganz anders gestaltete sich die Aufgabe, an deren Lsung Deutschland in
diesem Jahrhundert arbeitete. Sie war weder kommerziell wie in England,
noch progressistisch wie in Frankreich, sondern sthetisch und
metaphysisch; die innere Freiheit und Schnheit des Gemtes war das
Ziel, das den Besten der in ueren geistlosen Formen erstorbenen Nation
vorschwebte.

Auf das rege nationale Leben im Reformationszeitalter war geistige
Erstarrung gefolgt. Die Universitten, von denen im sechzehnten
Jahrhundert zum Teil die frische Bewegung ausgegangen war, waren jetzt
die Sttten, wo das Geistesdunkel am sorgfltigsten gepflegt wurde.
Toter Formalismus und barbarische Scholastik umschnrten dort die
lebendige Wissenschaft, die zum gemeinen Handwerk herabgesunken war und
den strebenden Geist, wo er nur seine Flgel zu regen suchte, mit
geistlosem Mechanismus niederdrckte und in die Formel der Orthodoxie
zurckdrngte. Die Schultraditionen wurden auf den Universitten mit
pedantischer Despotie aufrechterhalten; von den Kathedern ertnte mit
steifer Ernsthaftigkeit die drre und geistlose, mitunter durch Zoten
gewrzte Paragraphen- und Zitatenweisheit. Der enge Geist der
Korporation schlo die Universitten gegen das Volk und das Leben ab.
Dieser Geist zeigte sich in der lcherlichen Steifheit und Wrde der
gravittischen Universittslehrer, unter denen der Brotneid herrschte
(in der That kmpften sie oft mit dem Hunger), sowie in der emprenden
Roheit und dem Pennalismus des Burschenlebens, das sich ohne idealen
Schwung in brutalen Lizenzen dem brgerlichen Leben ebenso abgeschlossen
gegenberstellte. Ueberall war statt der Volkssprache das echte Organ
der Scholastik, das Latein, in Gebrauch. Leibniz sagt: =in Germania inter
alias causas ideo fixior est scholastica philosophia, quod sero et ne
nunc quidem satis germanice philosophari coeptum est=. Das Latein bildete
die dicke Mauer zwischen dem Volk und den Gelehrten: jenes erfuhr nichts
von den gelehrten Spitzfindigkeiten und konnte ihnen also weder Spott
noch gesunden Menschenverstand entgegensetzen; diese raubten sich
dadurch selbst den freien Blick ins Leben und bauten, wie Schlosser sich
ausdrckt, im Dunkeln ihre Kartenhuser, die nur Trumer bewohnen
konnten. Selbst die literarischen Journale, doch fr das lebendige
Bedrfnis des Tages und fr Kenntnisnahme aller berechnet, erschienen
in lateinischer Sprache, welche Sitte sich bis tief ins achtzehnte
Jahrhundert erhielt: whrend in Frankreich und England die einheimischen
Sprachen schon eine klassische wissenschaftliche Prosa aufzuweisen
hatten, whrend z. B. in Paris das =journal des savans= in franzsischer
Sprache erschien, gab es in Leipzig eine lateinische Literaturzeitung
unter dem Namen =acta eruditorum=, in Hamburg eine andre =nova literaria
Germaniae= u. s. w. Das =journal des savans= wurde in Deutschland durch
den Professor Nitzsch ins Lateinische bersetzt und noch in der Mitte
des achtzehnten Jahrhunderts sah sich der Philosoph Wolff gentigt, mit
seiner deutsch geschriebenen Logik ein Gleiches zu thun, um sie seinen
gelehrten Amtsbrdern zugnglich zu machen. Als es Thomasius im Jahre
1688 in Halle wagte, seine Vorlesungen in deutscher Sprache
anzukndigen, war der Skandal ungeheuer und von allen Seiten traf
Verhetzung und Verachtung den khnen Verletzer der Zunftgesetze: man
erklrte seinen Schritt mit schadenfrohem Dnkel aus seiner Unwissenheit
im Latein. Diejenige Wissenschaft aber, die durch den traurigsten
Einflu das Leben und alle brigen Wissenschaften lhmte, war die
Theologie. Die frische religise Polemik der Reformationszeit hatte die
starren Formen einer blinden und fanatischen Orthodoxie als Niederschlag
zurckgelassen. Eigensinnige Theologen stritten ber Nebenpunkte des
fertigen dogmatischen Systems mit einer Heftigkeit und Hartnckigkeit,
neben welcher jede andre wahrhaft fruchtbare Geistesarbeit erstickt
ward. In uniformer Rechtglubigkeit wurde von allen Kathedern gelehrt
und von allen Kanzeln gepredigt. Jeder etwas freier denkende Kopf ward
durch Verfolgung zum Verstummen gezwungen und, wenn er Widerstand
leistete, das weltliche Schwert zu Hilfe gerufen. Der gegenseitige Ha
der Lutheraner und Reformierten war fast rger als ihr gemeinsamer gegen
die katholische Kirche, und an den protestantischen Hfen hatten die
Oberhofprediger dieselbe einflureiche und intrigante Rolle, wie die
Beichtvter an den katholischen. Dieser trocknen Schultheologie
gegenber konnte die katholische Kirche wenigstens aus dem reichen
Schatz ihrer alten Mystik, Kunst und Liturgie schpfen und an
Fanatismus gaben die lutherischen Zeloten und Kanzelpolemiker den
Jesuiten und rmischen Pfaffen der schlimmsten Zeiten nichts nach. Fast
derselbe blinde Positivismus wie in der Theologie herrschte auch in der
Jurisprudenz. Was dort die Formel des Symbols, war hier die Formel des
rmischen Rechts. Das lebendige, mit dem Volksbewutsein verschlungene
Recht war ebenso zur Buchstabenweisheit einer abgeschlossenen Zunft
geworden. Man wird von Schauder ergriffen, wenn man einen Blick in die
damalige Kriminalistik wirft. Nicht blo zogen sich die Prozesse durch
alle Windungen des Formalismus mit endloser Langsamkeit in die Lnge,
sondern ohne Ahnung von dem innern Seelenleben des Verbrechers, von den
Motiven und Gemtsleiden, die zu dem Verbrechen gefhrt, von den
sozialen und politischen Schden, deren Symptom es war, wurden mit
Anwendung der Folter Gestndnisse erpret und schaudervoll grausame
Hinrichtungen verfgt. Die Juristenfakultten, denen die Akten zur
Begutachtung bersandt wurden, wetteiferten in unmenschlichen
Entscheidungen. Die monstrseste Geburt aber, die die positive
Jurisprudenz und die positive Theologie in gemeinsamer Umarmung
erzeugten, waren die entsetzlichen Hexenprozesse, die im siebzehnten
Jahrhundert in ganz Deutschland hufig waren und sich bis ins achtzehnte
Jahrhundert erhalten: theologische Finsternis und juristische Barbarei
wirkten in ihnen zusammen. Die Philosophie war noch immer die
kmmerliche, gedrckte =ancilla theologiae=; bald mit dem Fluch belegt,
bald zu formellen Geschften benutzt, nahm sie im Verbande der
Wissenschaften ungefhr die Stelle ein, wie die Juden im politischen
Verbande. Leibniz wandte sich in seiner groartigen, vielseitigen
Wirksamkeit mehr an die Hfe und das Ausland und bediente sich bei
seinen Schriften des Lateinischen und Franzsischen; rcksichtsvoll,
schonend, ngstlich wie er war, flte er dem breit herrschenden
Dogmatismus keine Besorgnis ein. Erst um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts begann die Leibnizsche Philosophie unter der systematisch
verstndigen Gestalt, die ihr Christian Wolff gegeben hatte, die brigen
Wissenschaften zu rationalisieren. Unter den Hnden der Philologie jener
Zeiten verwandelten sich die Schtze des Altertums in totes Gestein und
bildeten ein Gewicht mehr, den Geist herabzudrcken. Weit entfernt,
durch das ideale Menschentum, das aus den Schriften und Kunstwerken der
Griechen redet, erfrischend und begeisternd die erstarrten Pulse der
Nation zu lsen, hatten die Philologen kaum eine Ahnung von dem wahren
Leben jener Vlker, die der Gegenstand ihrer gelehrten Bemhungen waren.
Erst in der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts wurde durch
Heyne in Gttingen die trockne grammatisch-kommentatorische
Zitatengelehrsamkeit, deren Hauptquartier besonders Sachsen war, von der
sthetischen Richtung gemildert; erst Friedrich August Wolf emanzipierte
die Philologie als eigne Wissenschaft aus der niedern Stellung eines
theologisch-pdagogischen Mittels; bis auf Buttmann wurden die
grammatischen Regeln nicht aus den Klassikern, sondern meistens aus dem
Neuen Testament abstrahiert. Die Wurzel dieses berall sichtbaren
unfreien Geistes lag in dem traurigen Zustand der Pdagogik und der
Schule. Hier waltete, wie in der uern Disziplin der Bakel, so im
Unterricht der Zwang kirchlicher Autoritt und die Tyrannei der Methode.
Statt die Jugend in naturgemer Selbstentwicklung zu frdern und zur
Menschlichkeit zu bilden, waren die gelehrten Schulen nur darauf aus,
durch unfruchtbare Pedanterie alle genialen Regungen in ihr zu tten;
lateinisch sprechen, lateinische Verse machen, war der Triumph der
Schulbildung. Die Naturwissenschaft, noch in der Kindheit begriffen,
ward bei jedem Schritt von der Kirche und deren Dogmen behindert.
Ueberhaupt war das Gefhl fr die Natur und die Hingebung an sie durch
den supranaturalen Wunderglauben erstickt; der Standpunkt, sie zu
betrachten, war der mechanische und der teleologische. Die Theologie,
die berall den Mittelpunkt bildete, hatte ja den ganzen Inbegriff der
natrlichen und menschlichen Dinge als weltlich und _also_ nichtig von der
Teilnahme ausgeschlossen, die Erforschung derselben fast als Snde
gestempelt: wie konnte die Naturforschung, ja die Wissenschaft berhaupt
gedeihen, solange der theologische Standpunkt die Gemter beherrschte?
Gehen wir von der Wissenschaft zum Leben und zur Sitte ber, so finden
wir hier alles in gleicher Unnatur befangen und von toten
konventionellen Formen eingeschnrt. Den geselligen Umgang hemmten
willkrliche Anstandsgesetze, weitlufige Umschweife und Titulaturen,
Heuchelei und schamlose Servilitt. Das Ihr in der Anrede ward zum
knstlichen Er, das Er zum vllig abgeschmackten Sie. Nirgends trat der
Mensch selbst hervor, nirgends sprach der Mensch zum Menschen. Die freie
soziale Bildung, die in Frankreich lngst aufgeblht war und sich ihre
eignen Regeln geschaffen hatte, kam nach Deutschland nicht in ihrem
humanen Prinzip, sondern in ihren Regeln hinber, die nun einen
lcherlich-unwahren Zwang ausbten. Eine prde Moral hielt die beiden
Geschlechter ferne voneinander; die Stnde waren durch strenge Schranken
geschieden und jede Extravaganz der Leidenschaft oder der Begeisterung
ber die Linien der Satzung und des Herkommens fand an der Menge eine
lieblose und verdammungsschtige Richterin. Da auf solche Art das Leben
in jeder Richtung in Formalismus erstarrt war und das Herz der Nation
unter einer dicken Eisrinde stillstand, so konnte auch die Poesie ohne
Wurzeln in der nationalen Wirklichkeit nur ein drftiges, knstliches
Dasein fristen. Da sie aus dem Quell des lebendigen Menschengefhls
nicht zu schpfen fand, fiel sie bald in geistlose Leere, bald in
unertrglichen metaphorischen Bilderprunk; sie war in Form und Ausdruck
wie im Inhalt unwahr und konventionell. Obgleich Opitz kaiserlicher Rat
gewesen war, stand das Geschft des Dichters immer noch in schlimmem Ruf
und Brger empfahl sich bei den Gttinger Professoren schlecht durch
sein Versemachen.

Aus jenem Formenzwange nun, aus der Selbstentfremdung in drren
objektiven Satzungen die Nation zu Wahrheit und Natur zurckzufhren,
dem Gemte, der innerlichen Welt des Subjekts ihr Recht wiederzuerobern,
die falschen Konvenienzen zu brechen, die dumpfen Kerker der Pedanterie
und Scholastik dem Licht zu ffnen, dies war die Arbeit und die Aufgabe
des achtzehnten Jahrhunderts, und auf diesem Punkt ist es, wo Goethe
durch seine Dichtungen den unvergnglichen Lorbeer gewann. Alle
politischen Fragen lagen bei dieser naturalistisch-sthetischen
Emanzipation auer dem Gesichtskreise. Der Kampf richtet sich gegen die
Schranken, die die freie Subjektivitt einengen: das Individuum soll mit
den tiefen Rtseln und Mysterien seines Inneren, mit der ganzen
Unendlichkeit seiner Empfindung das arme Schema der fertigen ueren
Gattungen durchbrechen, es soll zugleich in schner Selbstbildung die
Welt anerkennen und mit der positiven Vernunft ihrer Einrichtungen sich
erfllen; die abstrakten Stze des hochmtigen, in Kirche und
Wissenschaft verhrteten Verstandes sollen sich in dem Lebensstrom der
totalen allumfassenden Natur auflsen; die Sitte soll wieder die
Wahrheit ursprnglichen Menschengefhls aussprechen und durch schne
Kultur die elende, heuchlerische Moral ersetzen. Wie seit den Zeiten der
Reformation ber zwei Jahrhunderte lang die Theologie das Szepter
gefhrt und das theologische Interesse den Mittelpunkt gebildet hatte,
so setzte diese neue Zeit ber den Trmmern der theologischen Welt die
Schnheit als Herrscherin ein. Winckelmann fhrte zuerst die Nation in
die Heiligtmer der alten Kunst ein, wo die Vershnung der Natur und des
Geistes sichtbar vollzogen war; in den marmornen Darstellungen
griechischer Gtter, die die Theologen als Teufelswerke und Gtzenbilder
der Heiden gebrandmarkt hatten, gingen ihm Ideale der Schnheit und
echten Menschlichkeit auf, die er in seiner Kunstgeschichte mit naiver
Begeisterung beschrieb. Lessings Bestimmung war es, die Schule, diesen
Alp, der auf Deutschland drckte, wegzuwlzen. Mit gewandter Unruhe in
alle Gebiete der Wissenschaft und Kunst bald kritisch, bald produktiv
Streifzge machend, strte er berall die hochmtige Sicherheit des
gelehrten Besitzstandes und legte Feuer an die morschen hlzernen
Burgen, in denen dieser verschanzt sa. Indem er die Stellen
bezeichnete, wo die wahre Quelle der Poesie, des echten religisen
Gefhls sprudelte, warf er die Gedichte und orthodoxen Lehren seiner
Zeit als leere Hlsen fort. Wie Winckelmann, der Kunstbegeisterte, aus
dem alten Luthertum austrat, so wute auch Lessing nicht blo in seinen
Schriften die umfassendste Gelehrsamkeit in die Form der leichteren
dialogischen Prosa zu bringen, sondern warf auch in seinem Leben allen
pedantischen Zwang ab. Nathan der Weise, sein letztes Werk, befreite
ganz im Sinne des Jahrhunderts die Idee der Menschenliebe und
Menschenachtung aus den positiven Religionen, die auf den Ha und die
alleinige Formel gebaut waren. Gleicherweise ist auch in Herders langer
Schriftstellerlaufbahn die primitive Menschennatur der berall
durchklingende Grundton. Auch er suchte das starre Eis der leblos
gewordenen Formen durch den warmen Hauch des Gemtes zu schmelzen; in
die drre altlutherische Orthodoxie fhrte er die belebenden Mchte der
Dichtung und Sage, der Liebe und Phantasie, die Mystik, Vision und
orientalische Bilderwelt, in die Theorie der Dichtkunst die Natur, die
Genialitt, das Volkslied, die Unmittelbarkeit der knstlerischen
Produktion, die nationelle und historische Charakterbestimmtheit ein. So
knpfte sich an ihn der Anbruch jener Epoche, die strmend und drngend
den inneren Genius aus den Fesseln jeglicher Unnatur zu befreien
trachtete. Goethe war das poetische Genie, das diese Befreiung in
positiven Dichterthaten vollzog; er wollte nach seinen eignen Worten den
Menschen das Gefhl eines edeln und wahren Daseins zum Bewutsein
bringen. Schon in seinen Jugendliedern, die auf die kalte,
moralisierende, gemachte Lyrik unmittelbar folgen, trifft die wahrste,
naivste, seelenvollste Melodie unser Ohr; im Werther werden alle Leiden
und Seligkeiten eines einseitigen Gemtslebens, das mit sich und der
Welt in grausamem Bruch ist, vor uns erschlossen; im Tasso ist
gleichfalls die innere Welt der Dichterbrust in ihrem thrnenvollen
Kampf mit der herben Realitt, mit der sie eigenwillig und bergreifend
sich noch nicht in Einklang gesetzt hat, vor unser Auge gezaubert; der
Faust ist das tiefsinnige Drama von dem Ich, das auf sich selbst
gesttzt an sich verzweifelt, schmerzvoll ringt, in Genu und Erkenntnis
vergeblich sich zu gengen strebt und endlich in freier Wirksamkeit und
Thtigkeit den Frieden gewinnt; in der Iphigenie stehen wir auf dem
Boden des schon gewonnenen Sieges und die Schnheit einer edeln Seele
ist Herrin ber die blinde Verworrenheit der Leidenschaft und ber Fluch
und Frevel grauenvoller Vergangenheit; in den rmischen Elegieen ist in
dem sen Genu befriedigter Liebe, in der unbefangenen Grazie reinen
menschlichen Empfindens alle negative, naturfeindliche Moral auch selbst
als Feindin aus dem Bewutsein geschwunden und nur die hineinblickenden
Zeugen einer groen untergegangenen Welt mischen Tropfen der Wehmut in
den Kelch heiterer Freude, diese mehr lindernd als trbend. So bilden in
Goethes Dichtungen berall innere Seelenstimmungen das Thema und in
tausend variierenden Modulationen singt er von den Leiden und der
Heilung der Brust. Die innere Unendlichkeit des Subjekts hat sich
aufgethan und es lutert sich zu Schnheit und Adel. Daher das weibliche
Ideal Goethe am herrlichsten gelungen ist, denn des Weibes Bestimmung
ist, sich mit der Welt ins Gleichgewicht zu setzen, nicht mit ihr
heroisch zu kmpfen. Mit der Politik, wo im Lrm der Leidenschaft und
That die innere Musik der Seele verhallt und die stille Entwicklung
natrlichen Werdens durch die Emprung des Eigenwillens unterbrochen
wird, mit dieser konnte Goethe und das ganze ihn umgebende Geschlecht
nichts zu schaffen haben wollen. Wo Goethe ein politisches Thema zu
behandeln unternimmt, z. B. im Gtz, im Egmont, da verwandelt es sich
unter seiner Hand in ein Gemlde innerer Seelenzustnde. So bekmpft und
verhhnt auch Lessing die Aristokratie hochgelehrter Perckenhupter,
nirgends die politische Aristokratie, den Sultanismus, die
Favoritenherrschaft seiner Zeit. Auch er war ein Literat, kein
Publizist. Die Mnner des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich kamen
in die Bastille, sie muten ihre Bcher in Holland drucken lassen und
diese wurden von Staatswegen ffentlich verbrannt: die gleichzeitigen
deutschen Reformatoren blieben in Frieden mit der Zensur, denn ihre
Bcher waren auf Befreiung des inneren Menschen und des Privatlebens,
nicht auf brgerliche Emanzipation gerichtet; was sie zerstren wollten,
war die Satzung in Kunst, Moral und Sitte; was sie erobern wollten, war
die Welt im theologischen Sinne des Wortes. Selbst Schiller, den man als
den historischen Dramatiker zu bezeichnen pflegt, hielt sich unter den
Kantschen Werken am meisten an die Kritik der Urteilskraft, wo der
Kampf der Freiheit in der Schnheit sich vershnt, und entfaltet in
seinen Dramen mehr Neigung zu psychologischen Schilderungen und zum
Pathos des Individuums, als Talent fr Zeichnung der ehernen Zge der
Zeitphysiognomie im groen. Mit Recht sagt Gustav Pfizer ber den
Wallenstein: Wallenstein macht doch nicht den Eindruck, da von dem
Schicksal des darin auftretenden Helden die Wendung des welthistorischen
Krieges und das Schicksal Deutschlands groenteils abhnge; Wallenstein
selbst interessiert uns nur als Individuum, als psychologischer, nicht
als historischer Held; Deutschland, das blutende, zerrissene und einer
noch grausenvolleren Zukunft entgegenschauende Deutschland jener Zeit
ist weder in den Piccolomini, noch in Wallensteins Tod vertreten. Auch
in der Maria Stuart ist es nicht der Konflikt zwischen dem
Staatsinteresse Englands und den Forderungen der Menschlichkeit, nicht
der Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus, auch nicht der
zwischen dem schsischen und dem schottisch-franzsischen Volksstamm, es
ist nicht dieser politische Konflikt, der die Seele des Stcks ausmacht,
sondern weibliche Eifersucht fhrt die tragische Katastrophe herbei und
wir befinden uns ganz in dem privaten Gebiet individueller
Charakterentwicklung. Ganz in dem Sinne jener Literaturepoche ist es,
wenn Schiller in der Ankndigung der Horen sagt, es sei Bedrfnis, durch
ein allgemeines hheres Interesse an dem, was rein menschlich ist, die
Gemter wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt
unter der Fahne der Wahrheit und Schnheit wieder zu vereinigen. Da
auch in den Briefen ber sthetische Erziehung Schiller nicht die
sthetische Kultur zu einem geschichtlichen Durchgangspunkt machen
wollte, durch welchen die Vlker in den verschiedenen Perioden der
Weltgeschichte gehen mssen, um fr die politische Freiheit reif zu
werden, da also der ganze Gegensatz fr Schiller nicht, wie Gervinus
will, ein empirischer Einteilungsgrund des historischen Materials ist,
sondern die sthetische Erziehung nur eine sittlich-schne Wiedergeburt
bezweckt, welche, wird sie jemals vollendet, die politische Wiedergeburt
ersetzte und sie enthielte, dies hat Guhrauer vortrefflich gegen
Gervinus und dessen einseitige Betonung des historisch-politischen
Elementes auseinandergesetzt.

Nichts natrlicher also, als da Goethe, der Dichter des achtzehnten
Jahrhunderts (denn das war er, obgleich sein Leben auch das erste
Drittel des neunzehnten umfate), von dem politischen Geiste unberhrt
blieb, der jenseit des Rheins so furchtbare Ereignisse ins Leben rief.
Das deutsche Publikum war allen politischen Gegenstnden gegenber
apathisch, es bewegte sich in ganz anderen Sphren; so auch die Dichter.
Ich selbst und mein engerer Kreis, erzhlt Goethe von seiner Jugend,
befaten uns nicht mit Zeitungen und Neuigkeiten; uns war darum zu thun,
den Menschen kennen zu lernen; die Menschen berhaupt lieen wir gern
gewhren. Die Revolution fand zwar anfangs in Klopstock einen
enthusiastischen Anhnger, aber wie alles bei diesem Dichter war auch
diese Bewunderung eine abstrakte; die Freiheit, die ihm vorschwebte, war
eine Seifenblase, die sehr bald zerplatzte; als die Revolution sich auf
konkretem Boden nach den Bedingungen der Wirklichkeit gestaltete, als
sie wie jedes Ideal in die historischen Verhltnisse eingehend durch
diese sich durchkmpfen mute, da hatte er nicht Sinn fr wirkliche
Politik genug, um sie in diesem Kampf zu begleiten; er ward der Idee bei
der ersten unvollkommenen Gestalt, die sie annahm, untreu und schmhte
sie nun mit derselben Grandiloquenz, mit der er sie frher gepriesen
hatte.

Im allgemeinen, mu man bekennen, liegt in der deutschen Natur wenig
politischer Sinn. Wir sind ein Volk der Familie, des Privatlebens, des
Gemtes, und dieser Zug geht durch die ganze Geschichte Deutschlands.
Der Feudalstaat des Mittelalters, dieses germanische Produkt, ruht auf
der Treue, der Liebe, dem Gemte, der Hingabe des einzelnen an den
einzelnen. Der Vasall folgt dem Lehnsherren, der selbst wieder Vasall
eines Hheren ist: er ergibt sich dem Dienst einer Persnlichkeit, nicht
einem allgemeinen Gedanken. Privatbeziehungen, privatrechtliche
Verhltnisse bilden zusammengerechnet den mittelalterlichen Staat. Alles
zerfllt in eine bunte Mannigfaltigkeit besonderer Existenzen. Jeder
Stand hat seine Rechte und Vorrechte, eine Freiheit steht neben der
andern. Eine allgemeine ordnende Vernunft, ein auf dem gleichen humanen
Anspruch aller einzelnen ruhendes Gesetz gibt es nicht. Der Baron, der
oben auf dem Felsen haust, wird anders gerichtet als der Leibeigene, der
unten an die Scholle gebannt ist, beide anders als der Brger der
Reichsstadt; in der Stadt hat jede Zunft ihre Gerechtigkeit, ihr
Herkommen, ihren Schutzpatron; dieses Kloster hat Immunitten, die jenem
fehlen; der einzelne steuert nicht dem Staate, sondern demjenigen, dem
er pflichtig ist; er gehrt in Gesichtskreis und Sitte nicht dem
Vaterlande, denn ein solches gibt es nicht, sondern dem Gau, in dem er
geboren ist, und auch nicht dem Gau, sondern der Stadt, deren Brger er
ist, und auch nicht dieser, sondern der Zunft, zu der er gehrt.

Der Feudalstaat ist eigentlich gar kein Staat, weil ihm die Form der
Allgemeinheit fehlt und in ihm alles privatrechtlich und lokal ist. Der
Sinn fr das Lokale und im engsten Sinne Heimische ist in der deutschen
Natur vorherrschend. Deutschland hat keine groen Stdte erzeugt, wo der
Weltverkehr sich drngt, wo das Leben sich zu groen Verhltnissen
aufhuft und in raschem Umschwung fortbraust: hchstens kommen solche
Stdte und auch die greren Staaten da vor, wo im Osten das deutsche
Blut schon durch Vermischung alteriert ist. In den kleinen Stdten unter
engen lokalen Verhltnissen hat sich die eigentmliche deutsche
brgerliche Sittlichkeit ausgebildet. Arbeitsam und fleiig mehrt der
deutsche Brger in ruhigem Tagewerk seine Habe, lebt dem kleinen Amte
und Gewerbe, erfllt geduldig seine Pflichten und Gewohnheit und Geduld,
diese echt deutschen Genien, fhren ihn tglich auf demselben Pfade hin
und zurck. Einem hereinbrechenden Landesunglck, dem Kriege, der
Feuersbrunst setzt er den passiven Widerstand seines Fleies, seiner
heimischen Anhnglichkeit entgegen: die bse Zeit geht vorber und mit
den alten Gesinnungen richtet sich das alte Leben wieder ein.
Individuelle Existenzen und beschrnkte Sphren gliedern die Stadt in
ihrem Innern, das Staatsganze liegt auer der Reflexion des echten
deutschen Brgers; Verordnungen, hhere Befehle nimmt er mit angeborner
Scheu vor der Obrigkeit entgegen; in ferner Glorie schwebt der Frst vor
seiner Phantasie und tief rhrt es ihn, wenn dieser durch persnliches
Erscheinen, durch Herablassung oder auch nur durch erzhlte Anekdoten
humanen Benehmens seinem treuen Gemte nher gerckt wird. Vor einem
Kaiser oder Knig gestanden, ein Wort aus ihrem Munde vernommen zu haben
ist eine Ehre, die durch Tradition von Gromutter auf Enkel vererbt
wird; wer bei der Durchreise des Prinzen durch die halbgeffnete Thr
hat lauschen knnen, wei nachher seinen horchenden Freunden von der
wunderbaren Einfachheit oder dem wunderbaren Ueberflu der frstlichen
Tafel, Garderobe u. s. w. zu erzhlen. Dem deutschen Brger in seiner
stillen Privatexistenz verwandelt sich alles Politische in ein
Persnliches, eine Anekdote. In dem Wochenblatt nimmt er besonders
diejenigen Stellen mit Interesse auf, die von merkwrdigen Naturspielen,
sonderbaren Prozessen und Testamenten und dergleichen handeln. Hchstens
abends mit dem Nachbar beim Kruge Bier liebt er es, zu kannegieern und
aus gemtlichem Hafen sich erzhlen zu lassen, wie weit hinten in der
Trkei die Vlker aufeinander schlagen. Er phantasiert lieber ber die
Politik des Auslands, als er in den einheimischen Angelegenheiten einen
Schritt thut und, wenn bei andern Nationen morgens im Kaffeehause aus
den Zeitungsblttern die Stimmung sich bildet, aus der die Thaten des
Tages hervorgehen, so politisiert der deutsche Brger abends nach
vollbrachtem Tagewerk zur Erholung auf Museen, Ressourcen, Kasinos und
legt sich dann zu Bett, um alle Trume und Grothaten zu verschlafen. Er
baut sich in seiner Huslichkeit, in seinem Familienleben seine eigene
kleine Welt, die mit Wall und Graben umzogen ist und von der aus er das
brige groe Welt- und Vlkerleben als ein Fremdes und Feindliches sich
gegenberliegen sieht; er ist in seinem Hause nach Goethes Ausdruck wie
im Schiff auf dem Meere. Der Romane lebt in der Gesellschaft, im
politischen Gewhl, auf der Strae und flieht seine vier Wnde als
drckend und beengend und den Aufenthalt in ihnen als that- und
gedankenlos; der Deutsche atmet auf, wenn er seine Schwelle wieder
betritt, die sein Heiligtum von der harten Auenwelt scheidet. Dort
trgt alles das Geprge gemtlicher Innigkeit, behaglicher Ruhe, des
Langsamen, Gewohnten und Ererbten von dem Schlafrock und der Pfeife bis
zu den blankgescheuerten Thrgriffen, dem Familiensalzfa, dem
einfrmigen Tiktak der Wanduhr, die noch vom Grovater stammt, der alten
Bibel, auf deren erstem Blatt der Geburtstag von Vater, Mutter,
smtlichen Kindern und beiden Groeltern steht, der Wochenordnung,
wonach der Montag diese, der Sonnabend jene bestimmte Speise bringt
u. s. w. In der deutschen Ehe, der deutschen brgerlichen Huslichkeit
und lokalen Gengsamkeit waltet Treue und Gemt, in der Thtigkeit der
mehr politischen Vlker Verstand und Wille. Mit dem Familienprinzip
hngt die aristokratische Ueber- und Unterordnung, die gleichfalls dem
deutschen Stamme eigen ist, eng zusammen. Das Adelsgefhl ruht auf dem
Gefhl der unverletzten Heiligkeit der Familie, die sich bis auf
Voreltern und Enkel erstreckt und alle Glieder derselben, ja das
Stammschlo, die Bilder, Sammlungen und Diener zu einem gemtlichen
Ganzen vereinigt. Tritt der Deutsche aus der Familie heraus, so empfngt
ihn nicht die Welt oder der Staat, sondern der Stand; die Erweiterung
des Familiengeistes ist der Standesgeist. Daher in Deutschland
Rangstufen, Kastenabsonderungen, Absonderung der hheren und der
niederen Klassen, die in romanischen Lndern, wo alle durch eine gewisse
Gleichheit des Benehmens, der Empfindung und der Sprache verbunden sind,
nicht vorkommt. Abneigung und Scheu trennt in Deutschland den Zivilisten
vom Militr, den Edelmann vom Brger, diesen vom Bauer, den Kaufmann vom
Gelehrten; auch hier also das vorherrschende Prinzip die Privatexistenz.

Alle diese Zge sind seit Goethes Zeit durch die fortgehende Geschichte
gemildert worden; in den greren Stdten hat sich das Leben dem der
brigen europischen Lnder hnlich gestaltet und die Eisenbahnen werden
dazu beitragen, die nationellen Schranken und die partikulren
Lebenskreise zu erweitern. Goethe selbst aber und sein Jahrhundert
hatten keinen Beruf, weder politisch zu wirken noch eine politische
Wirksamkeit, die nicht vorhanden war, poetisch darzustellen. Die
franzsische Revolution war etwas Fremdes, von dem deutschen Gefhl
nicht Geteiltes; sie fand in der Masse kein Echo und konnte also auch
nicht Stoff eines Epos sein. Aber noch war jenes stille und sittliche
deutsche Familien- und Brgerleben vorhanden, dort war ein echt
nationaler Kern gegeben; noch bestand jene zwar beschrnkte, aber in
sich volle und tiefe Empfindung, die allmhlich von den Wogen der
anbrechenden politischen Aera verschlungen und in dem Mechanismus und
der Berechnung der Fabrikindustrie erstickt werden sollte. Hermann und
Dorothea ist das Epos von der deutschen Brgertugend, das Epos von der
Familie und dem Privatbesitz, dieser Substanz des deutschen Geistes. Es
ist darum ein episches Idyll, wie es Jean Paul benannte, ein
brgerliches Epos nach Humboldts Bezeichnung, kein heroisches und
historisches. Idyllisch ist es, weil das einfach Menschliche, die
berall wiederkehrende, auf dem Menschengefhl selbst ruhende Sitte, die
stillen Verhltnisse, mit denen die ewig gleiche Natur selbst den
Menschen umgibt, heiter und warm uns aus dem Gedichte entgegenwehen. In
einer Zeit der Reflexion und der Zerfallenheit machen diese
Darstellungen und Zustnde nach Hegels Bemerkung dasjenige in uns
lebendig, was zum unvergnglichen Reiz in den ursprnglich menschlichen
Verhltnissen der Odyssee und der patriarchalischen Gemlde des Alten
Testaments gehrt, das Freien am Brunnen, das Leben mit den Herden, Zorn
und Segen des Vaters, das Keimen der Familie aus der Familie u. s. w.
Erhht wird der Reiz dieser Schilderung noch durch den Umstand, da wir
das idyllische Privatleben gleichsam noch am Rande des Abgrunds in den
letzten Momenten vor seinem Untergange fassen: schon kndigt sich das
politische Zeitalter dumpfgrollend im Hintergrunde an; schon steht der
festgestalteten Lebensordnung unsrer Familie die wilde Auflsung des
Zuges der Vertriebenen gegenber und, wie ferne Gebirge vom Horizont in
ein friedliches Thal hinbersehen, so hallen die gewaltigen Ideen und
wilden Mnner und furchtbaren Ereignisse der Revolution aus gedmpfter
Ferne bis in unsre idyllische Welt, die durch den Kontrast nur noch
inniger an unser Herz tritt. Hierin knnte man Hermann und Dorothea mit
Virgils Eklogen vergleichen, wo gleichfalls lndliche Gemlde auf den
schrecklichen Hintergrund der rmischen Revolutionsgeschichte
aufgetragen werden, nur da bei Virgil die innere Wahrheit der
Darstellung fehlt, die an Hermann und Dorothea entzckt. Das Bewutsein
eines glcklichen Privatlebens dem Schwanken politischer Umwlzungen
gegenber wird in dem Gedichte selbst an mehreren Stellen deutlich
ausgesprochen. So sagt die Mutter zu Hermann:

    Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,
    Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.

Und der Pfarrer verteidigt in einer herrlichen Schilderung das
verharrende, immer wiederkehrende Leben des ruhigen Brgers:

    Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Brger, u. s. w.

Und den gleichen Gedanken als den Sinn und das Resultat des ganzen
Gedichtes spricht Hermann am Schlusse aus:

    Desto fester sei bei der allgemeinen Erschttrung,
    Dorothea, der Bund! u. s. w.

Hermann und Dorothea ist so wenig ein politisches Gedicht, da es
vielmehr in seiner innersten Substanz antipolitisch ist, da es uns als
ein unverdorbenes Vermchtnis aus jener stillen Zeit berliefert ist,
die den Strmen der politischen Epoche vorausging. Es ist aus der
inneren Tiefe der deutschen Nationalitt hervorgehoben, die berall nur
die zweite Rolle spielen wird, wo die Aufgabe aus der Stille der Natur
in den Kampf des Willens, aus der Familie in den Staat sich versetzt.

Karl Grn wendet Goethes Abkehr von der Politik positiv und will
darthun, die Erringung abstrakter politischer Rechte sei Goethe zu wenig
gewesen und er habe weiterblickend jenes ganze Streben als zu eng und
leer verschmht. Allein Goethe ruht nicht auf der berwundenen
politischen Bewegung, nicht auf deren Konsequenzen, sondern auf der Zeit
vor der Revolution, wo jene Bewegung noch gar nicht hervorgebrochen war.
Der Kommunismus setzt die Tendenzen des Liberalismus als durchgefhrt
voraus; das System politischer Gleichheit, die gleiche Geltung
abstrakter Persnlichkeit ist ihm nur nicht genug: er will jedem
einzelnen auch gleiches Wohlsein, gleiche Mglichkeit humaner Bildung,
wahrhaften Anteil an den materiellen und geistigen Gtern des Lebens
verbrgen und den Individualismus in einem sozialen Organismus zugleich
binden und befreien. Nun strebt zwar auch die deutsche Dichtung nach dem
Besitz humaner Schnheit, aber ohne dem Leben die vorgefundene, durch
Naturkrfte ihm gegebene Gestalt nehmen zu wollen. Im Gegenteil, die
Idee der Natur ist es, die jenes ganze Geschlecht, an dessen Spitze
Goethe steht, bei seinem Abfall wie bei seinem Schaffen leitet. Der
Frieden der Natur, ihre stille Entwicklung, ihr Gewhrenlassen wird das
Vorbild auch im Menschenleben: Was die Pflanze willenlos ist, sei du es
wollend, das ist's. Die Liebe wird wieder in ihr Recht eingesetzt,
ebenso die dunkle mchtige Naturkraft des Genies, die Familie, die
Tradition, die Sage, die Poesie. Der Mensch fhlt sich mitbegriffen in
dem groen schaffenden All, ordnet sich ihm unter und wird in offener
Hingabe, im Drang der Umstnde und Bedingungen zum Gleichgewicht schner
Bildung getragen. Aller starren Satzungen, durch welche die
Menschenwillkr der Natur entgegentritt, allem leblosen Dnkel des
Verstandes, den abstrakt formalistischen Diktaten der Kirche entzieht
sich das Subjekt durch Wiederherstellung lauteren Menschengefhls in
sich. Alle Unruhe der kmpfenden Geschichte, jeder Anspruch, emprerisch
Leben und Gesellschaft umzugestalten, wird von Goethe als dem Werden und
Wachsen der Natur entgegengesetzt verabscheut. Die ausbrechenden
politischen Strme sind daher strend, sie drngen nach Goethes eigenem
Ausdruck ruhige Bildung zurck. Der Sozialismus betrachtet nun zwar sein
Objekt, den Menschen, auch nicht als abstraktes Rechtsindividuum,
sondern als lebendiges Ganzes, dem in allen Bedrfnissen und in seiner
vollen Bestimmung Rechnung getragen werden soll; er will ihn kein Opfer
werden lassen weder der negativen Moralitt noch den Scheinbildern
religiser Transscendenz; hier in dem Rhodos dieser reichen Gegenwart
soll er genieen und sich bilden und der Flle der Welt sich
bemchtigen. Aber der Sozialismus will mit dem autonomischen Prinzip der
Revolution eingreifen und gestalten und das Recht des Individuums auf
allseitige Existenz in Vollzug setzen. Der Sozialismus verwirklicht ein
philosophisches Ideal, er ist revolutionr und so dem
naturphilosophischen Humanismus Goethes gerade entgegengesetzt. Goethe
steht auer der Geschichte, der Kommunismus fut auf ihr, indem er ihre
bisherigen Resultate bekmpft. Goethe lt bei seiner Humanisierung des
Individuums den Staat auer Augen, der Kommunismus will gerade die leere
Form des Staates erfllen. Goethe ist unpolitisch, der Kommunismus ist
ultrapolitisch. Und welche Verwandtschaft htte die affirmierende
Anerkennung des Privateigentums in Hermann und Dorothea, welches Gedicht
Karl Grn auch weislich bergeht, mit den Tendenzen des Kommunismus?
Gewi finden wir gerade hier den echten Goethe reiner als in manchen
Grillen der Wanderjahre, die der Greis geschrieben.

Auch Dahlmann bespricht in seiner Geschichte der franzsischen
Revolution das Verhltnis des kritischen Geistes in Frankreich zu der
deutschen Literaturperiode des achtzehnten Jahrhunderts. Nachdem er
Montesquieu, Rousseau und Voltaire genannt, fhrt er fort: Fat man
diese drei hervorragenden Kpfe zusammen und fgt noch als vierten Mann
den genialen Diderot hinzu, der noch mehr tzende Elemente im Geiste
trug, so erkennt man recht deutlich, da der vierzehnte Ludwig bei
weitem hhere Gter als blo industrielle antastete, damals als er seine
fleiigen Reformierten ausstie; denn er schnitt mit ihnen das Asyl fr
eine unabwendbare Entwicklung der menschlichen Geisteskrfte ab, welche
sich in dieser bedchtig prfenden Glaubensform unschdlich htte
ablagern knnen; der Protestantismus ist ja nun einmal begngt, wo man
ihn auch allenfalls blo duldet, der Katholizismus dagegen will die
Alleinherrschaft fhren und Ludwigs Dragoner verhalfen ihm dazu; aber
herrscht denn am Ende eine Kirche wirklich, von welcher sich die ersten
Kpfe der Nation mit Trotz und Geringschtzung abwenden? Ganz anders
stand auch diese Sache im deutschen Reiche; denn in demselben
achtzehnten Jahrhundert trug der deutsche Reichsboden vier grobegabte
Mnner, welche ihr gediegenes Wesen aufrichtig hinstellen durften, wie
es war, unbekmmert darum, wie es zu den Glaubenssatzungen stehe,
welchen der westflische Frieden Schutz verleiht: Winckelmann, Lessing,
Goethe und Schiller; Pflanzen dieser edeln Gattung konnten nur auf einem
Boden gedeihen und ihre unsterblichen Frchte zeitigen, auf welchem der
Protestantismus ein Recht des Daseins hat und sich zugleich mit dem
Katholizismus friedlich eingewhnen und ausgleichen soll, da denn der
unwiderstehliche Wert solcher hheren Naturen den seichten
Verketzerungstrieb nach beiden Seiten zu Boden wirft; was diese
deutschen Mnner nicht ohne heien Kampf zwar, aber ohne Verbitterung
ihres lichten Innern berwanden, die Hindernisse, welche dumpfer
Glaubenseifer einer edeln Geistesbildung entgegensetzt, an diesen
Klippen scheiterten jene starken Geister Frankreichs und es schlug hier
die verwandte Richtung in den Witz des Grimmes und eine giftige
Leichtfertigkeit um, weil sie keinen erlaubten Boden fand. -- Hier haben
wir die beliebte deutsche Weise, religise Kategorieen berall zum
Mittelpunkt von allem zu machen und sie auf Gebiete zu bertragen, wo in
ihnen die Bewegung gar nicht liegt. Dahlmann teilt also die vulgre
Meinung protestantischer Theologen, Frankreich sei deshalb in die
Revolution gefallen, weil der Protestantismus dort nicht hatte
durchgesetzt werden knnen, womit die ebenso verbreitete katholische
Ansicht, die Revolution sei nur die natrliche Konsequenz des in der
Reformation enthaltenen Aufruhrprinzipes, in direktem Widerspruch steht.
Nun ist es aber reine Tuschung, das Luthertum oder den Calvinismus des
siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts fr eine liberale Lehre zu
halten, die einen unschdlichen Abzugskanal fr den Vorwitz und das
Neuerungsgelst der Menschen gebildet htte. Der Protestantismus setzte
Autoritt gegen Autoritt, den geschriebenen Buchstaben gegen die
Tradition; die lutherische Dogmatik ist in keinem Punkte freisinniger,
in mehr als einem naturwidriger als die katholische; nicht die Autonomie
der Vernunft, deren Verstocktheit und Blindheit die Reformatoren nicht
genug einschrfen knnen, sondern der Glaube und die Schrift ist die
Losung des Kampfes. Den Scheiterhaufen der Inquisition steht die
Verbrennung Servets gegenber, die von Melanchthon ffentlich gebilligt
wurde. Mute Galilei im Kerker widerrufen, so mute der Philosoph Wolff
auf Anklagen der Pietisten Halle und Preuen binnen vierundzwanzig
Stunden verlassen bei Strafe des Stranges. Ludwig der Vierzehnte trieb
die Reformierten durch Dragoner zum Lande hinaus, aber das
erzprotestantische England verfolgte die Katholiken auf nicht minder
emprende Weise und emanzipierte sie erst vierzig Jahre nach der
franzsischen Revolution und auch da nur teilweise. Erst als durch das
mannigfaltigste Zusammenwirken der verschiedensten Ursachen, besonders
durch den Einflu der Naturwissenschaften die Glaubensfinsternis
gebrochen ward, begann der Protestantismus die Geistesfreiheit, die
auer ihm gewonnen worden, fr sein Prinzip zu erklren und auch das in
ganz allgemeiner theoretischer Weise, da er gleichzeitig =in praxi= der
Aufklrung jeden Schritt streitig machte. Winckelmann freilich fand in
der hellenischen Kunst die selige Anschauung einer mit dem Geiste
vershnten schnen Sinnlichkeit; aber ist dies protestantisch, da doch
der spezifische Charakter des Protestantismus gerade in der
Sittenstrenge liegt, die er gegen die Sinnenfreundlichkeit des
Katholizismus geltend machte? Mit keiner Epoche hat das Aufblhen der
Poesie in Deutschland eine tiefere Aehnlichkeit als mit dem Humanismus
Italiens im fnfzehnten Jahrhundert, der ganz so auf allmhlicher
Ueberwindung der Asketik des Mittelalters ruht, wie der deutsche auf
Ueberwindung der lutherischen Theologie. Gerade gegen jenen
Schnheitskultus in Italien aber war die Reformation gerichtet. Freilich
ist die genannte Bltezeit Italiens doch in mancher Beziehung reicher
als die drei Jahrhunderte spter erfolgende deutsche, reicher um das
mannigfache historische Leben, das gleichzeitig in Italien nicht fehlt.
Stellt sich dem wunderbaren Genius Rafaels der ihm so nahe verwandte
Goethes gegenber, so suchen wir in Deutschland vergeblich nach einem
Macchiavelli. Da die politische und die humane Bildung getrennt sein
knnen, sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in England.
Nirgends ist das reine Menschengefhl weniger entwickelt als in England,
diesem angeblich hoch-zivilisierten Musterlande unsrer Doktrinrs,
nirgends die Liberalitt der Lebensansicht durch eine dickere Mauer
theologischer Satzung und konventioneller Moral behindert: Heuchelei und
Prderie, Nutzen und Selbstsucht, Pharisismus, Barbarei in der Kunst,
ffentliche Herrschaft der Formel bilden eine trbe Atmosphre der
Unfreiheit, die auf dem englischen Leben und Denken lastet. Jene ideale
Bildung des inneren Menschen, die Deutschland im achtzehnten Jahrhundert
erreichte, ist bis auf den heutigen Tag in dem puritanischen England
nicht erreicht und es kann zu ihr nicht anders gelangen, als durch
politische Unglckstage. Auch in Frankreich war unter all den
mannigfachen Bestrebungen nach dem Licht die Kunst und die Luterung der
Kunstempfindung nicht mitbegriffen. Dennoch bildet Frankreich fr die
sthetische Verjngung Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert die
Voraussetzung. Lessing bekmpfte Voltaires Poetik, aber den Mut zu allen
seinen kritischen Thaten gab ihm nur die breite Basis der Aufklrung,
die Voltaire ber den ganzen Weltteil gelegt. Auch die geniale
Auflehnung in Goethe und seinen Genossen ist ohne den unmittelbar
vorausgegangenen Kampf der kritischen Geister Frankreichs, der in einer
positivistisch erstarrten Welt Luft und Licht schaffte, nicht denkbar.
Fr einen Geschichtschreiber wie Dahlmann ist es nun gewi ein
unglcklicher Gedanke, nach Wegen zu sphen, wie das von ihm
geschilderte Ereignis htte vermieden werden knnen, und friedliche
Archologen, Literaten und Dichter wie Winckelmann, Lessing, Goethe und
Schiller hher zu schtzen, als historische Mnner wie Voltaire und
Rousseau. Nach dem Ma der Geschicke des Weltteils und der Geschichte
der europischen Menschheit im groen gemessen, ist der einzige Voltaire
unendlich wichtiger als alle vier genannten Deutschen zusammen, und es
mte eine wahre Festlust fr einen Historiker sein, seinen Einflu zu
schildern.




Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme.


Goethe liebte es nicht, wenn man ihn fragte, woher er den Stoff zu
seinen Dichtungen genommen, wenn man gleichsam in die geheimnisvolle
Werkstatt treten wollte, in der sie entstanden. So verriet er auch
nicht, wie er zu der unserm Gedicht zu Grunde liegenden Fabel gekommen.
Dennoch hat er spter in Wahrheit und Dichtung, in seiner Erklrung der
Harzreise im Winter u. s. w. selbst den Schleier, der die Entstehung
mancher seiner Gedichte verhllte, vor den Augen der Neugierigen
weggezogen. Auch zu Hermann und Dorothea ist spter die Quelle mit
Wahrscheinlichkeit in einem Vorfall entdeckt worden, der sich im Jahre
1732 bei Vertreibung der Protestanten aus Salzburg ereignete. Nachdem
schon im Jahre 1809 im Morgenblatt jemand darauf aufmerksam geworden,
mute 1827, wo Panses neue ausfhrliche Geschichte dieser Auswanderung
erschien, jedem Leser die Aehnlichkeit einer darin erzhlten kleinen
Begebenheit mit der Fabel von Hermann und Dorothea in die Augen fallen.
Geschpft ist dieselbe ursprnglich aus einigen von der Salzburger
Emigration handelnden und mit dem Ereignis gleichzeitigen Schriften.
Eine von ihnen oder vielleicht ein neuer Abdruck in irgend einem
Zeitungs- oder Unterhaltungsblatt mu Goethe in die Hnde gefallen sein.
Wir geben die betreffende Stelle aus einer kleinen Flugschrift vom Jahre
1732, die die Quelle der brigen Berichte gewesen zu sein scheint und
den Titel fhrt: Das liebthtige Gera gegen die Saltzburgischen
Emigranten d. i. kurze und wahrhaftige Erzhlung, wie dieselben in der
grflich Reu-Plauischen Residenzstadt Gera angekommen. Dort heit es
(nach dem Abdruck in einem Aufsatz von Yxem, woselbst sich auch die drei
brigen Relationen in vergleichender Zusammenstellung nebst
interessanten Bemerkungen finden):

In Alt-Mhl, einer Stadt im Oettingischen gelegen, hatte ein gar feiner
und vermgender Brger einen Sohn, welchen er oft zum Heyrathen
angemahnet, ihn aber dazu nicht bewegen knnen. Als nun die Saltzburger
Emigranten auch durch dieses Stdtgen passiren, findet sich unter ihnen
eine Person, welche diesem Menschen gefllt, dabey er in seinem Herzen
den Schlu fasset, wenn es angehen wolle, dieselbe zu heyrathen;
erkundigt sich dahero bei denen andern Saltzburgern nach dieses Mdgens
Auffhrung und Familie, und erhlt zur Antwort, sie wre von guten,
redlichen Leuten und htte sich jederzeit wohl verhalten, wre aber von
ihren Eltern um der Religion willen geschieden und htte solche zurcke
gelassen. Hierauf gehet dieser Mensch zu seinem Vater und vermeldet ihm,
weil er ihn so oft sich zu verehlichen vermahnet, so htte er sich
nunmehro eine Person ausgelesen, wenn ihm nur solche der Vater zu nehmen
erlauben wolle. Als nun der Vater gerne wissen will, wer sie sey, sagt
er ihm, es wre eine Saltzburgerin, die gefalle ihm, und wo er ihm diese
nicht lassen wolte, wrde er niemalen heyrathen. Der Vater erschrickt
hierber und will es ihm ausreden, er lt auch einige seiner Freunde
und einen Prediger ruffen, um etwa den Sohn durch ihre Vermittelung auf
andere Gedancken zu bringen; allein alles vergebens. Daher der Prediger
endlich gemeinet, es knne Gott seine sonderbare Schickung darunter
haben, da es sowol dem Sohne, als auch der Emigrantin zum besten
gereichen knne, worauf sie endlich ihre Einwilligung geben, und es dem
Sohn in seinen Gefallen stellen. Dieser gehet sofort zu seiner
Saltzburgerin und fragt sie, wie es ihr hier im Lande gefalle? sie
antwortet: Herr gantz wohl. Er versetzet weiter: ob sie wol bey seinem
Vater dienen wolte? Sie sagt: gar gerne; wenn er sie annehmen wolle,
gedencke sie ihm treu und fleiig zu dienen, und erzehlet ihm darauf
alle ihre Knste, wie sie das Vieh fttern, die Kh melcken, das Feld
bestellen, Heu machen und dergleichen mehr verrichten knne. Worauf sie
der Sohn mit sich nimmet und sie seinem Vater prsentiret. Dieser fragt
das Mdgen, ob ihr denn sein Sohn gefalle, und sie ihn heyrathen wolle?
Sie aber, nichts von dieser Sache wissend, meinet, man wolle sie
vexiren, und antwortet: Ey, man solle sie nur nicht foppen, sein Sohn
htte vor seinen Vater eine Magd verlangt, und wenn er sie haben wolle,
gedchte sie ihm treu zu dienen und ihr Brod wohl zu erwerben. Da aber
der Vater darauf beharret und der Sohn auch sein ernstliches Verlangen
nach ihr bezeiget, erklret sie sich: Wenn es denn Ernst seyn solte, so
wre sie es gar wohl zufrieden, und sie wolte ihn halten, wie ihr Aug im
Kopf. Da nun hierauf der Sohn ihr ein Ehe-Pfand reichet, greiffet sie in
den Busen und sagt: Sie msse ihm doch auch wol einen Mahl-Schatz geben;
womit sie ihm ein Beutelgen berreichet, in welchem sich 200 Stck
Ducaten befunden.

Vergleichen wir diese Erzhlung mit dem darauf gebauten Goetheschen
Gedicht, so tritt der ganze Unterschied des bloen Faktums und
prosaischen Vorfalls mit einer von der Phantasie wiedergeborenen idealen
Begebenheit hervor. Der Dichter hatte mit dem rohen Stoffe, nachdem er
ihn aller Zuflligkeit entkleidet, eine doppelte Prozedur vorzunehmen:
er mute ihm eine Seele, eine Idee einhauchen und von diesem Lebenspunkt
aus die Form sich gestalten und bis ins einzelnste individuell
herausarbeiten lassen. Es war eine Familienbegebenheit, eine auf
verworrener Wanderung in einer kleinen Stadt zu stande gekommene Heirat,
die in der Anekdote vorlag: die Familie, Darstellung des in der Familie
und dem Brgertum waltenden und durch Tradition sich immer neu
erzeugenden Geistes unmittelbarer Sittlichkeit, Kontrastierung desselben
mit der Unruhe geschichtlicher Kmpfe, dies wurde folglich die Idee des
Gedichts, nach der sich nun alle brigen Teile desselben dienend
richteten. Um die Familie zu vollenden, war auch die Mutter ntig, die
in der Anekdote fehlt; die dort erwhnten mehreren Freunde zog der
Dichter der Ueberschaulichkeit wegen in zwei zusammen; mit Vater,
Mutter, Sohn, zwei Hausfreunden und der hinzukommenden Tochter war der
menschliche Kreis der Familie vollendet. Alle diese Gestalten empfingen
den Typus der reinen Menschlichkeit und der besondern Sphre, deren
Vertreter sie waren, whrend der Brger und sein Sohn nur reale
Individuen waren mit allem Eigensinn und Zufall der endlichen Existenz;
zugleich aber wurden sie zu allseitig bestimmten und plastisch
verkrperten Individuen, whrend die prosaische Quelle nur ganz
allgemein die Personen nannte, mit denen jener Vorfall sich ereignet
hatte. Der Gastwirt, der Pfarrer, der Apotheker vertreten die drei
Hauptfiguren jeder kleinen Stadt. Da das Mdchen dem Jngling einen
Mahlschatz von zweihundert Dukaten gereicht habe, blieb als eine unreine
Zuthat der Wirklichkeit weg. Der so im groen umgestaltete Stoff mute
nach allen Seiten motiviert, durch Belebung im einzelnen nahe gerckt,
nach Zeit, Lokalitt und Umstnden als gegenwrtig vor unsre Phantasie
gestellt werden. Dies alles hat der Dichter geleistet und, wie viel dazu
gehrte, welchen Reichtum schpferischer Akte bei aller Einfalt diese
Belebung des Stoffes erforderte, lehrt ein Blick auf die Quelle. Mit
fester Bildnerhand, deren Zge berall von der Inspiration der Phantasie
wie von der bewuten Einsicht gereifter Kunsterfahrung geleitet werden,
hat er den Plan folgerichtig entworfen, sicher durchgefhrt, an jedem
Punkte festgehalten, die Personen eigentmlich charakterisiert und
zugleich zu idealen Typen generalisiert, die Lokalitt so individuell
bestimmt, da wir sie kennen wie unser Vaterhaus, die Zeit endlich so
glcklich gewhlt, da Familie und Brgertum gerade in jenem bestimmten
Moment von der innigsten Lebenswrme durchdrungen erscheinen. Die
Salzburgische Religionszwistigkeit nmlich war eine verschollene,
verhltnismig kleinliche Angelegenheit: der Dichter lie sie fort und
setzte die franzsische Revolution an ihre Stelle, die bei weitem
mchtiger die gemtliche Privatexistenz erschtterte und von deren
ergreifenden, das heterogen gestimmte Gemt des Dichters zerrttenden
Eindrcken er sich soeben zu sthetischer Freiheit der Betrachtung
wiedererhoben hatte. Zugleich mute nun das thringische Stdtchen zu
einem Stdtchen am Rhein werden und danach die ganze Welt der Sitten und
die Oertlichkeit im einzelnen sich richten.

Goethe glaubte an dem Stoffe einen besonders glcklichen Fund gemacht zu
haben. Er schreibt an Heinrich Meyer: der Gegenstand selbst ist uerst
glcklich, ein Sujet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet;
wie denn berhaupt die Gegenstnde zu wahren Kunstwerken seltener
gefunden werden, als man denkt, deswegen auch die Alten bestndig sich
nur in einem gewissen Kreise bewegen. Die letztere Bemerkung zu prfen,
wrde hier zu weit fhren; wir erinnern nur an Friedrich Vischers
geistvolles Wort, die Findung des Stoffes sei dem geheimen
Wechselgesprche zwischen Zufall und Genius zu berlassen, an dem
Instinkt habe der Knstler seine Wnschelrute, an dem Zufall seinen
Boden.

Auch die Idee zu Hermann und Dorothea hatte Goethe schon mehrere Jahre
mit sich herumgetragen, wie Schiller an Krner schreibt. Es ging also
mit diesem Gedicht wie mit den meisten der brigen Dichtungen Goethes:
er trgt sie lange, sie werden langsam reif, eine gewisse Weichlichkeit
hlt ihn ab, die Schmerzen und die Arbeit, die mit der Ablsung
verbunden sind, zu bernehmen; auch wird ihm der geheime innere Schatz
so lieb, da er ihn ungern an die Auenwelt entlt. So gehen viele
Goethesche Konzeptionen ganz verloren, weil ihre Geburtsstunde niemals
kam; andre blieben Fragment, Entwurf; bei andern kam der Moment der
eigentlichen Niederschlagung zu spt, d. h. des Dichters Lebensalter war
darber hinaus. Eine alte Idee war so die Braut von Korinth, die um
dieselbe Zeit entstand und von deren befreundeten Gestalten der Dichter
ungern schied. Manches berlie er auch Schiller. Der Moment der
Ausfhrung war aber bei Hermann und Dorothea ein sehr glcklicher. Mit
niemand war ber den Plan hin- und hergesprochen worden, wie etwa bei
Wilhelm Meister, also kein innerer Zweifel, keine strende Reflexion;
die Geschwindigkeit der Produktion, wie sie Goethe in jugendlichen
Jahren besessen, war wiedergekehrt. Die Ausfhrung, schreibt Schiller an
Krner, die gleichsam unter meinen Augen geschah, ist mit einer mir
unbegreiflichen Leichtigkeit und Schnelligkeit vor sich gegangen, so da
er neun Tage hintereinander jeden Tag ber anderthalb Hundert Hexameter
schrieb. Schiller mute dies unbegreiflich sein, da Schiller, von der
Natur nicht so begnstigt, berhaupt der Schnheit und Vollendung des
Daseins sich nicht so unbefangen und gttlich heiter erfreuend, alle
seine Produkte mit ernstem Willen und mhevoll der Natur abtrotzen und
abringen mute, wovon natrlich die Spuren immer noch sichtbar blieben.
Die Ausfhrung geschah brigens im Herbst 1796 teils in Weimar und Jena,
teils in dem lieblichen Bergstdtchen Ilmenau. Vossens Luise hatte das
Gedicht zwar nicht veranlat, aber doch neuerdings geweckt: beide
Gedichte sind brigens himmelweit verschieden, wie wir spter sehen
werden, und es ist lcherlich, sie vergleichen zu wollen.

Goethe war selbst mit dem Gedicht sehr zufrieden, was immer ein
gnstiges Zeichen ist: es war der Proze der Entuerung also nie vor
sich gegangen. Er liebte das Gedicht vorzulesen, was er nie ohne Thrnen
der Rhrung konnte. Zum erstenmal geschah es ihm auch, da das Publikum
gleich anfangs zufrieden war, da ein freudiger Widerhall ihm
antwortete, whrend er sonst immer erst sein Volk allmhlich zu sich
heranziehen und immer erst eine Generation vergehen mute. Seine
philisterhaften prosaischen Feinde, die preuische Schule mit ihrem
beschrnkten sogenannten gesunden Menschenverstande mkelten dennoch
auch an diesem Gedichte herum; Kritiker der alten Schule nahmen eine
wohlweise Miene an. Der Rezensent z. B. in der neuen Bibliothek der
schnen Wissenschaften und freien Knste sagt, die einen htten das
Gedicht ebenso sehr erhoben, als andre es herabgesetzt htten; wir
glauben fr unsre Person, da es ebensowenig ohne Einschrnkung gerhmt
als ohne Einschrnkung getadelt werden knne. Also mattherzige Migung,
wie wir sie auch bei den jetzigen Gegenstzen, den religisen und
politischen, bei Alltagskpfen finden, die sich dabei sehr weise dnken.
Das Gedicht, fhrt er fort, liegt auf dem Gange der epischen und
mimischen Gattung: Unsinn!

Goethe sandte seinem Epos ein kleines elegisches Gedicht nach unter dem
Titel Hermann und Dorothea, das sich unter den lyrischen Gedichten
findet und worin er wie ein Vorredner von sich, seinem Publikum, seinem
Werke spricht. Dennoch ist in dem schnen Gedichte alles Prosaische und
blo Individuelle durch eine ganz poetische Behandlung ausgelst. Ein
Hauch menschlich-natrlicher Lebenseinfalt, ein Zug rhrender
Vertraulichkeit durchweht diese Worte; man mu das Gedicht lesen,
nachdem man Hermann und Dorothea gelesen, um auch den liebenswrdigen
Dichter selbst, sein Haus, seine Person sich nahe gerckt zu sehen. Er
klagt ber kommendes Alter und bittet das Geschick nur um zweierlei, um
die fortwhrende Gunst der Muse und um einen stillen und frohen
huslichen Kreis; beides wird ihm die Jugend erhalten und die Heiterkeit
nicht erlschen lassen. Heller flamme das Feuer im Kamin, das die Gattin
schrt und in das der Knabe spielend das Reis wirft. Der Wein fehle im
Becher nicht, die Freunde mgen kommen und sich zu freundlichen
Gesprchen niederlassen und des Dichters neuestes Werk hren. Auf sehr
treffende und herzliche Weise spricht er selbst von diesem seinem
Lieblingskinde; den idyllisch-idealen Charakter deutet er in den Worten
an:

    Deutschen selber fhr' ich euch zu in die stillere Wohnung,
      Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.

Auch da Krieg und Revolution als Hintergrund die einfach rhrende
Idylle trgt, wird in den folgenden Versen angedeutet; dann sagt der
Dichter:

    Hab' ich euch Thrnen ins Auge gelockt und Lust in die Seele
      Singend geflt, so kommt, drcket mich herzlich ans Herz!

Interessant sind auch die literarischen Anspielungen in dem Gedichte und
die Weise, wie der Dichter auch literarische Kritik in die Grazie
elegischer Poesie aufzulsen verstand. So freut er sich darber, da
Friedrich August Wolf den einen Dichter Homer in mehrere Rhapsoden
zerlegt hat, denn der _eine_ war zu gro und schlug allen Mut nieder:

    Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen Homeros
      Khn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn!
    Denn wer wagte mit Gttern den Kampf und wer mit dem Einen?
      Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schn.

Spter freilich dachte Goethe anders. Auch Vo bekommt wegen seiner
Luise ein nur allzu freigebiges Lob:

    Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise
      Rasch dem wrdigen Freund, uns zu entzcken, verband.

Beide Dichter, Schiller und Goethe, berschtzten das Vossische Gedicht
und liest man Schillers Aeuerungen in seiner naiven und
sentimentalischen Dichtung, wo er griechischen und naiven Geist in der
Luise findet, so begreift man nicht, wie Schillers sonst so
eindringendes Urteil hier sich so bestochen zeigt. Auch in diesem
Gedicht rgert man sich, gleich hinter Homer den Schulmeister von Eutin
mit dem Werke seiner etwas groben Finger erwhnt zu sehen. Wie Vo einen
Kranz bekommt, so werden andrerseits die Tadler abgewiesen, die Goethe
wegen seiner Elegieen und Epigramme, wegen des ppigen und stachlichten
Tons Vorwrfe gemacht. Er beruft sich auf seine rmischen Vorgnger und
meint mit vollem Recht, gerade er habe den Geist des Altertums ergriffen
und die Alten aus dem Staube der Schulstube in das Leben gefhrt:

    Also das wre Verbrechen, da einst Properz mich begeistert,
      Da Martial sich zu mir auch, der Verwegne, gesellt?
    Da ich die Alten nicht hinter mir lie, die Schule zu hten,
      Da sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt?

Und mit Bezug auf die neue Art, den Genu der Liebe auch poetisch
auszusprechen:

    Da ich der Heuchelei drftige Maske verschmht?

So ist das ganze Gedicht warm, persnlich, eine liebenswrdige Beichte:
so fhrt es uns ein in den traulichen Kreis des Goetheschen Hauses, in
das Heiligtum seines schnen Gemths und wei ber alles dies den Glanz
der Poesie, eine antike Hoheit und Milde zu verbreiten. Schiller
schreibt darber: Ihre Elegie macht einen eigenen tiefen Eindruck, der
keines Lesers Herz, wenn er eins hat, verfehlen kann; ihre nahe
Beziehung auf eine bestimmte Existenz gibt ihr noch einen Nachdruck mehr
und die hohe schne Ruhe mischt sich darin so schn mit der
leidenschaftlichen Farbe des Augenblicks; es ist mir eine neue
trostreiche Erfahrung, wie der poetische Geist alles Gemeine der
Wirklichkeit so schnell und so glcklich unter sich bringt und durch
einen Schwung, den er sich selbst gibt, aus diesen Banden heraus ist,
so da die gemeinen Seelen ihm nur mit hoffnungsloser Verzweiflung
nachsehen knnen.




Ort und Zeit.


Der Dichter versetzt uns in ein Stdtchen am Rhein zur Zeit der
Revolutionskriege. Es liegt von der groen Heerstrae seitwrts in einer
glcklichen Verborgenheit, denn von den Vertriebenen sagt der Wirt, da
sie

                              Durch den glcklichen Winkel
    Dieses fruchtbaren Thals und seiner Krmmungen wandern.

Und an einer andern Stelle:

                              Schon ist der neue Chausseebau
    Fest beschlossen, der uns mit der groen Strae verbindet.

Gerade in dieser stillen Abgelegenheit, die nicht bis zur vlligen
barbarischen Isolierung geht, konnte sich die husliche Sittlichkeit
guter Menschen entwickeln und erhalten. Unser Stdtchen liegt am
Mittelrhein gerade da, wo in weintragender, fruchtbarer, vielbevlkerter
Gegend die Sitten menschlicher sind und das Blut leichter und frhlicher
ist. Der Vater wnscht einmal, sein Sohn Hermann solle sich etwas in der
Welt umthun und

                Sehn zum wenigsten Straburg und Frankfurt
    Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.

Und in einer Rede des Pfarrers kommt Straburg nochmals vor:

    Denn wir waren in Straburg gewohnt den Wagen zu lenken,
    Als ich den jungen Baron dahin begleitete; tglich
    Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durch
    Staubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und Linden
    Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.

In jener Gegend hatte der Dichter selbst seine Heimat, dort waren seine
Jugendjahre verflossen: in Frankfurt war er geboren, in Straburg hatte
er zwei Jahre zugebracht, die durch sein Liebesverhltnis mit
Friederike von Sesenheim, durch die Bekanntschaft mit Herder und die
literarische Revolution in seinem Innern zu den inhaltvollsten seines
Lebens geworden waren. Dort liegen die Wurzeln seiner Poesie. Wer aus
dem Norden Deutschlands den Main berschreitet, der wird an dem vollen
Leben und der naiven Frhlichkeit der Menschen inne, da er in Goethes
Heimat- und Jugendluft atmet: hier wurden seine Lieder empfangen und
geboren; hier umklang des Dichters Seele von frh auf in der konkreten
und grazisen Volkssprache jener Hans-Sachsische Ton, der in seinen
Werken so unendlich heimatlich zu uns spricht und ber den wir mit so
tiefer Rhrung lcheln; hier fand er in der vollen Teilnahme an dem
Leben und in der Flle der Anschauung, die es gewhrte, ein Prservativ
gegen den blden und zhen Pedantismus der Schule; hier endlich in dem
Element leichterer Sitten an der Grenze des hellen und humanen
Frankreich knpften und lsten sich immer von neuem die Bande der Liebe,
wie sie bei dem grberen niederdeutschen Stamme und den Englndern, die
nur die beiden gleich widerwrtigen Pole der Prderie und der
Prostitution kennen, in so unbefangen menschlicher Weise nimmermehr
mglich gewesen wre. Alle Dichtungen Goethes sind nur spter
aufschlagende Blten seines Main- und Rheinaufenthalts und wir drfen
behaupten, da auch Hermann und Dorothea nicht blo auf jenem Schauplatz
spielt, sondern in seiner Essenz von dorther geflossen ist.
Kindergefhle und alte Eindrcke belebten des Dichters Darstellung jener
Menschen und Gegenden. Er war in dem dortigen Brgertum geboren und
blieb ihm bei aller aristokratischen Vornehmheit innerlich verwandt. Wir
mssen uns unser Stdtchen in einem der Querthler des Rheins denken; es
ist wahrscheinlich von Fachwerk erbaut und mit einer Mauer und einem
trocknen Graben umgeben. Das Stdtchen enthlt eine fleiige,
wohlhabende Bevlkerung voll Lust, Neugier und Thtigkeit; es ist
gewerbsam, denn

    Mancher Fabriken befli man sich da und manches Gewerbes

und die Einwohner betrieben neben dem stdtischen Geschft auch Weinbau
und Ackerbau. Am Markte liegt das neue grngestrichene Haus des
Kaufmanns, des reichen Mannes, mit grogetfelten Fenstern und weier
Stuckatur in grnen Feldern, denn wer thut es dem Kaufmann nach, der

                                    bei seinem Vermgen
    Auch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?

Woraus zugleich hervorgeht, da die Fenster der brigen Huser aus jenen
kleinen sechseckigen, mit Blei verbundenen Scheibchen bestehen. Am
Markte liegt auch die Apotheke zum Engel und das Wirtshaus zum goldenen
Lwen, dessen Besitzer der Vater unsres Hermann ist; beide waren einst
nach dem groen Brande, der das Stdtchen vor zwanzig Jahren zerstrt
hatte, die schnsten am Markte, sind jetzt aber von dem Hause des
Kaufmanns verdunkelt. So ist auch der goldene Engel Michael, der die
Offizin des Apothekers bezeichnet, von der Zeit ganz gebrunt. An das
Wirtshaus zum goldenen Lwen stoen doppelte Hfe, Scheunen und Stlle;
ihnen schliet sich der weite Garten mit Apfel- und Birnbumen und
Kohlpflanzungen an und reicht bis an die Stadtmauer, bis zu einer Laube
von Jelngerjelieber. Dort hatte einst der Ahnherr unsres Lwenwirtes,
der wrdige Brgermeister, aus besondrer Gunst ein Pfrtchen durch die
Mauer brechen drfen, um den weiten Umweg durch das Thor zu vermeiden.
Trat man durch das Pfrtchen hinaus und berschritt den trocknen Graben,
so gelangte man an den aufsteigenden Weinberg, den ein bedeckter
Laubgang auf unbehauenen Platten hinanfhrte; zu beiden Seiten wuchsen
groe, weie und rtlichblaue Trauben, nicht zum Keltern, sondern zum
Nachtisch, und den brigen Berg bedeckten Stcke mit kleineren Trauben,
von denen der edle Wein kommt. Rief man auf der Hhe des Weinbergs, so
kam ein geschwtziges Echo von den Trmen der Stadt zurck. Eine Thr
fhrte dort auf das weite goldene Kornfeld, das den breiten Rcken des
Hgels bedeckte und das man auf einem schmalen Grasrain durchschritt dem
Birnbaum zu, der oben die Grenze der Felder bezeichnete, die dem Wirt
zum goldenen Lwen gehrten. Man wute nicht, wer jenen Baum gepflanzt.
Er war weit und breit in der Gegend zu sehen, seine Frchte waren
berhmt; in seinem Schatten freuten sich die Schnitter des Mahles und
rasteten die Hirten mit ihrer Herde. Bnke von hohem Rasen und Stein
umgaben seinen Stamm. Zwei der lieblichsten und rhrendsten Szenen des
Gedichts spielen unter diesem Baum und man kann von ihm wohl rhmen, was
Cicero von der berhmten Platane des Plato, die am Anfang des Phdrus
vorkommt, preisend sagt, da sie mehr durch die Darstellung des
Philosophen als durch den Quell an ihrem Fue so gediehen. Verfolgte man
von dem Baume den Pfad weiter, so erblickte man bald den Turm eines
Dorfes und sah die Huser und umgebenden Grten in geringer Entfernung.
Dort lag ein weiter, grner, rasenbedeckter Anger, den uralte Linden
beschatteten, den Bauern und nahen Stdtern ein Lustort. Unter den
Bumen befand sich ein flachgegrabener Brunnen, zu dem man auf Stufen
hinabstieg; eine Mauer fate den immer lebendigen Quell ein und
steinerne Bnke zum Ruhen umgaben ihn. Das Wasser stand in hohem Rufe:

    Suerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.

Auch an diesem Brunnen unter diesen Bumen geht eine der herrlichsten
Szenen vor, die Begegnung beider Liebenden, ihr Gesprch und gemeinsames
Schpfen. Ueber die Bedeutung der Linden vor den Drfern, in deren
Schatten sich die Gerichtssttte der Gemeinde befand, vergleiche man
Jakob Grimms deutsche Rechtsaltertmer, wo zwei interessante Stellen aus
Hans Sachs angefhrt sind. Auch auer der Weihe zur Gemeindesttte ist
die Linde auf dem Anger, die Quelle unter der Linde ein altnationaler,
lndlicher Lustort und durch die Poesie so verbreitet wie die Platane
bei den antiken Dichtern. So heit es im Parzival:

    =d vor stuont ein linde breit
    f einem grenen anger=

und an einer andern Stelle:

    =d vermret und geleitet was
    durch den schaten ein linde.=

Auch in Tristan und Isolt wei der Dichter das einsame Paradies, in
welches er die Liebenden versetzt, nicht besser zu schmcken als durch
einen Anger, drei Linden und in ihrem Schatten eine Quelle:

    =und einhalp was ein planje,
    d vlz ein funtanje,
    ein vrischer keler brunne
    durchlter als diu sunne;
    d stuonden ouch dr linden obe
    schne unde ze lobelchem lobe,
    die schermeten den brunnen
    vor regene unde vor sunnen.=

Diese ganze Lokalitt ist nicht etwa abgesondert geschildert, nicht ein
vorausgeschicktes Gemlde, welches abstrakt, d. h. auer dem lebendigen
Zusammenhang mit dem Treiben und den Empfindungen der Menschen vor uns
aufgestellt wrde, sondern alle Zge sind unbefangen in die Erzhlung
verwebt, einer nach dem andern tritt in der Entfaltung der Fabel von
selbst mit ein, trgt diese und wird von ihr getragen und atmet in
demselben heitern Element anschaulicher Gegenwart.

An die Oertlichkeit schliet sich die Jahreszeit, das Wetter, der
Himmel. Ein halber Tag gengt dem Gedicht: die am Mittag beginnende
Handlung ist am Abend vollendet. Wir befinden uns im Hochsommer, glhend
brennt die Sonne, kein Wlkchen ist am Himmel zu sehen. Unter dem
Thorweg des Hauses ist zwar Schatten, aber die Fliegen umsummen die
Glser und, wer behaglich ruhen und trinken will, zieht sich in die
inneren Rume zurck, wo die strkeren Mauern die warme Luft abwehren.
Hermann, der ins nahe Dorf eine Fahrt gemacht, lt die Pferde im
Schatten der Bume halten, und wie sie nach Hause eilen, quillt der
Staub wirbelnd unter ihren Hufen. Schon wankt das Korn schwer und
golden, die Ernte ist fr den nchsten Tag bevorstehend. Nach dem heien
Tage steigt am Abend der klare Vollmond am Himmel auf, mit ihm ein
schweres Gewitter. Die Sonne hatte beim Untergehen mit getrmten Wolken
gekmpft und bald hier bald dort hervorbrechend eine kurze glhende
Beleuchtung ber die Gegend geworfen: spter, als es vllig Nacht
geworden, blickte der Mond mit schwankenden Lichtern durchs Laub, bis
ihn die schwarzen Wetterwolken gnzlich umhllten. Die Nacht bedeckt
sich immer breiter mit sinkenden Wolken, der Sturm saust, der Donner
grollt und Regengsse schlagen herab. Auch dieser einfache
Witterungsverlauf verwebt sich untrennbar mit dem Thun und Fhlen der
geschilderten Menschenwelt; zu rechter Zeit mit kurzen Zgen angedeutet,
hebt er anschaulich und ausdrucksvoll deren Momente. Wie herrlich
begleitet die Mondnacht und das Gewitter Hermanns und Dorotheas Heimgang
durch das Kornfeld und den Weinberg, ihr Ruhen unter dem Birnbaum, ihr
schchtern vertrautes Gesprch und die Umarmung auf den Stufen! Und die
letzte Szene im Hause, wo wir der Vollendung des reinsten Liebes- und
Familienglcks beiwohnen, wie rhrend wird sie gehoben durch das drauen
strmende Unwetter und den Regen, der durch die finstre Nacht
niederstrmt! Auch da der Dichter gerade den Sommer whlte, ist der
glckliche Griff des Genies. Der Hochsommer ist die Zeit, wo das
nordische Leben fr einige Wochen an dem Himmel Ioniens teilnimmt, wo
die Geschfte und Zusammenknfte der Menschen in die freie Natur treten,
wo die unfrmlichen Hllen fallen, die farbigen Trachten sich
hervorwagen und unter Bumen, auf Wegen und in Grten Gestalten und
Szenen sich bilden. In dem ganzen Gedicht waltet eine sommerliche,
lichtvolle Phantasie, gerade wie umgekehrt auf dem ganzen Hamlet die
Nebel Skandinaviens liegen.




Gang der Fabel.


Wie die Grammatiker die Geschichte des Herodot nach der Zahl der Musen
in neun Bcher teilten, wie manche, z. B. Krates von Mallos, auch den
Homer nach neun Gesngen ordneten, so hat auch Goethe sein kleines Epos
in neun Gesnge zerlegt und jeden nach einer Muse benannt. Er lie die
Musen abwechselnd singen mit schner Stimme von der Gtter Herrlichkeit
und den Schmerzen der Endlichkeit:

                      [Greek: ameibomenai opi kal
    humneusin rha then dr' ambrota d' anthrpn
    tlmosunas.]

Und ganz wie die Grammatiker jedem Gesange des Homer eine Ueberschrift
gegeben hatten, die dessen Inhalt andeuten sollte, z. B. [Greek: ta en
Pyl, nekuia, mnestrophonia, oneiros], so berschrieb auch Goethe jeden
Gesang mit einem ganz allgemein gehaltenen Titel, z. B. Schicksal und
Anteil, die Weltbrger, das Zeitalter u. s. w. Alles dies fand man
unbescheiden (so z. B. der Rezensent in der Bibliothek der schnen
Wissenschaften) zumal im Hinblick auf jenes Epigramm, welches erzhlt,
da Herodot die Musen bewirtet und von jeder eines seiner Bcher zum
Zeichen der Dankbarkeit erhalten habe. Allein wenn Goethe es in den
Gedichten dieser Zeit liebte, den Musen seinen Gesang zu weihen, so hat
dieser fromme Dienst keinen andern Sinn, als da der bescheidene Dichter
still zurcktritt und den Gesang sich selbst durch seinen eigenen
innewohnenden Trieb, eben durch die Huld der Musen Gestalt und Gesetze
geben lt. Der Rhapsode, sagt Goethe selbst, sollte als ein hheres
Wesen in seinem Gedichte nicht selbst erscheinen; er lse hinter einem
Vorhange am allerbesten, so da man von aller Persnlichkeit
abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hren
glaubte. Die Abteilung in Gesnge wird brigens wie die des Dramas in
Akte durch das Gesetz des pulsierenden Rhythmus, des Wechsels von
Spannung und Ruhe erfordert: jeder Gesang umschliet mehr oder minder
ein eigentmliches Bild und der Snger benutzt jene momentane
Unterbrechung, die Phantasie auf einen neuen Schauplatz zu versetzen
oder den Sprung zu einer eintretenden weiteren Entwicklung der erzhlten
Begebenheiten zu erleichtern.

Der Dichter versetzt uns, was auch die Alten vom Homer rhmten, ohne
Vorrede mitten in die Dinge. Das alte Ehepaar sitzt unter dem Thorweg
des Hauses in behaglicher Ruhe und des Vaters abgerissen hingeworfene
Bemerkungen, zwischen denen Pausen zu denken sind, lehren uns sogleich,
wo wir sind und was heute vorgeht. Die Kriegsnot hat eine Menge Menschen
von jenseit des Rheines zur Flucht gentigt, sie ziehen in einiger
Entfernung von der Stadt vorbei, alle Einwohner sind trotz dem heien
Mittag hinausgewandert, den Zug zu sehen, und auch Hermann, der Sohn,
ist in der neuen Kutsche hingefahren, um die Notleidenden zu erquicken.
Allmhlich kommen die Neugierigen zurck, die Straen fllen sich, der
reiche Kaufmann von drben kommt an sein neues Haus gefahren, auch der
Pfarrer und der Apotheker sind wieder da und gesellen sich grend zu
den beiden Sitzenden. Einige allgemeine Betrachtungen, die die beiden
hinzugekommenen Hausfreunde ber das heutige Ereignis in verschiedenem
Sinne anstellen, unterbricht die ungeduldige Hausfrau mit der Frage nach
dem, was sie denn gesehen. Der Apotheker, schnell das Wort ergreifend,
gibt darauf eine lebendige Schilderung des verworrenen Zuges der
Flchtigen, der ordnungslos unter Unfllen und Bildern mannigfachen
Elends dem Dorfe zuging. Dieser Bericht rhrt den menschlichen Hauswirt,
aber in seiner behaglichen Art will er die Gedanken davon abwenden und
ldt die Freunde zu einem erfrischenden Glase Wein in den khleren Saal.
Dort sitzen die drei Mnner um den groen braunen Tisch und frhliche
Hoffnung belebt den Wirt. Dies Stdtchen, ruft er aus, dessen Wohlstand
seit dem groen Brande so sichtlich gedeiht, Gott wird es nicht von
neuem untergehen lassen. Ja, fhrt er nach einer besttigenden
Zwischenrede des Pfarrers fort, der mchtige Rheinstrom wird uns wie
Wall und Graben schtzen; die Streiter sind mde, alles deutet auf
Frieden. Und wenn dann das Friedensfest gefeiert wird und in der Kirche
Orgel, Glocke und Trompete das Tedeum begleiten, wenn doch dann dies
hohe Landesfest fr mich auch ein husliches Fest wrde und mein Hermann
mit der Braut vor den Altar trte. Aber ich frchte, das wird nicht so
sein, denn so thtig zu Hause, so schchtern ist er nach auen, zeigt
sich nicht unter den Leuten und flieht den Tanz und die Gesellschaft
junger Mdchen. Indem er so sagte, rollte Hermanns Wagen donnernd unter
den Thorweg.

Damit schliet der erste Gesang. Er enthlt die Exposition in
unmittelbar frischem Gemlde; noch kein Hindernis, kein Knoten, aber
deutlich ist die eigentmliche Welt des Gedichts vor uns ausgebreitet,
in der wir schon heimisch sind: die Brgersitten, die Lage des
Stdtchens, Ort, Tageszeit, die Familie, das Ereignis des Tages, das
bald das individuellere unseres Gedichts zur Folge haben wird; auch die
Charaktere sind angedeutet; in dem Wunsche des Vaters und seiner
Schilderung des Sohnes liegt die kommende Handlung; Aussicht auf
frhliche Entwicklung ist in dem ganzen heiter epischen Tone schon im
voraus gegeben. Der Dichter versetzte uns nicht selbst in das Gedrnge
der Flchtigen, welches Schauspiel uns zu mchtig in Anspruch genommen
htte; wir sollten vor allen Dingen mit dem behaglichen Brgerhause und
dessen Gliedern vertraut werden und, nachdem auf die Familie
hinreichendes Licht gefallen, werden wir spter an der Hand des Dichters
den hohen Standpunkt ersteigen, wo wir das politische Wetter drohend am
Himmel sehen.

Der zweite Gesang fhrt uns die Personen schon nher, und indem dies
geschieht, schrzt sich der Knoten zusehends. Hermann tritt ins Zimmer
und des Pfarrers kundiger Blick erkennt an seinem ganzen Wesen eine
Vernderung: der Jngling ist munterer und heiterer. Dies besttigt
unsre Ahnung von etwas Geschehenem, das bald in ruhigem epischem
Fortgang sich vor uns aufthun wird. Hermann erzhlt, wie er mit seinem
Wagen etwas zu spt gekommen und den Zug schon vorber gefunden; nur ein
Wagen mit Ochsen bespannt war zurckgeblieben, den ein Mdchen, zu Fue
schreitend, mit langem Stabe lenkte. Das Mdchen sprach den Jngling um
eine Gabe fr die auf dem Wagen im Stroh liegende bleiche Wchnerin an,
und da Hermann gerade deshalb gesandt worden, gibt er rasch und freudig
das mitgebrachte wollene und leinene Zeug her. Wie das Mdchen weiter
ins Dorf ziehen will, hat Hermann schnell so viel Vertrauen zu ihr
gefat, da er ihr auch alle Lebensmittel, die er im Wagen liegen hat,
mitgibt mit dem Auftrag, alles im Dorfe unter die Notleidenden zu
verteilen. Das Mdchen verspricht dies und beide scheiden. Nachdem
Hermann so berichtet, spricht der Apotheker den Gedanken aus, wie doch
derjenige glcklich sei, der in so schweren Zeiten nicht fr Weib und
Kind zu sorgen hat. Diese so einfache, sich von selbst ergebende und mit
dem besondern Charakter des Sprechenden bereinstimmende Wendung leitet
in unaufhaltsamem Fortschritt die Verwicklung ein. Hermann nmlich
tadelt die Gesinnung des Nachbars und erklrt gerade heute lieber als je
sich zur Heirat entschlieen zu wollen. Beide Eltern stimmen freudig ein
und die Mutter erzhlt ausfhrlich, wie auch sie einst unter furchtbarer
Not unmittelbar nach dem groen Brande ihre Ehe geschlossen, und lobt
Hermann wegen seines Vertrauens, im Krieg und unter Trmmern freien zu
wollen. Da fllt aber der Vater lebhaft ein und meint: Besser ist
besser. Hermann soll kein unbegtertes Mdchen in ein leeres Haus, in
drckende, armselige Verhltnisse fhren; es soll die Wirtschaft
reichlich besorgt und das husliche Behagen durch gute Mitgift gleich
anfangs verbrgt sein. Ja, Hermann, fgt er hinzu, du wrdest mein Alter
hoch erfreuen, wenn du mir aus jenem grnen Kaufmannshause dort drben
eine Schwiegertochter brchtest; der Mann ist reich, von seinen drei
Tchtern solltest du eine whlen. Hermann erwidert, dies sei auch seine
Absicht gewesen, aber die Mdchen seien eitel und lieblos, und dabei
erzhlt er einen Vorfall, wo sie singend und beim Klaviere sitzend sich
ber ihn lustig gemacht. Whrend die Mutter Hermanns Urteil ber die
Mdchen zu mildern sucht, fhrt der Vater zornig auf und wirft ihm
Beschrnktheit und Mangel an Ehrgefhl vor. Da der Sohn sich schweigend
der Thr naht, ruft der Vater immer mehr entrstet: Denke nicht, mir je
eine Buerin als Schwiegertochter ins Haus zu bringen; ich verlange von
ihr, sie soll sich gefllig zu benehmen wissen, Erziehung haben und
meinem Hause zur Ehre gereichen. Da verlie Hermann schweigend das
Zimmer.

Meisterhaft dient dieser Gesang dazu die Charaktere in den Wechselreden
zu entfalten und in ihrer Verschiedenheit das Hindernis zu begrnden,
das die beginnende Handlung zugleich aufhlt und forttreibt. Vater und
Sohn empfinden verschieden im Punkt der Wahl eines Mdchens: der Boden
eines Konflikts ist gelegt; wir ahnen, da Hermann im Herzen schon die
Geliebte trgt, da ihr Stand mit den Wnschen des heftigen Vaters nicht
bereinstimmt; wie von selbst fallen unsre Gedanken auf jenes Mdchen,
von dem Hermann eben erzhlt hat; er, der in der Wirtschaft Erfahrene,
konnte das Mdchen und alles, was sie sorgend that, gewi rasch
beurteilen. Vielleicht wren ihm die Gefhle, die ihr Anblick, ihr
Gesprch in ihm erregt, nicht einmal deutlich zum Bewutsein gekommen
oder er htte sie still und ngstlich verborgen, wenn nicht die einfache
Bemerkung des Apothekers und das daran sich knpfende Gesprch seinen
inneren Zustand rasch zur Reife gebracht und die Verhltnisse in
scharfer Beleuchtung gezeichnet htte. Hier ist keine Wendung, kein
Glied in der Kette wegzudenken. Man kann die Erzhlung der Mutter von
dem Brande und ihrer an dies Unglck sich knpfenden Heirat als eine
Episode betrachten, damit auch dies epische Erfordernis hier nicht
fehle; in der That fhrt die ganze Stelle von dem Boden der
gegenwrtigen Situation ab und gewhrt ein kleines, beraus liebliches
und wahres Bild fr sich; dennoch aber ist sie in dem Fortgang des
Gesprches wesentlich und steht in der nchsten inneren Beziehung zur
Gegenwart. Die in diesem und dem ersten Gesange geschilderten Szenen der
Flucht und Verwirrung erinnern brigens an manches, was der Dichter
selbst in der Champagne erlebte und in seinem Tagebuche, der Campagne in
Frankreich, uns erzhlt hat, so namentlich das Umstrzen des groen
schwerbepackten Wagens und die von dem unbekannten Mdchen der bleichen
Wchnerin geleistete Hilfe.

Der dritte Gesang enthlt noch keine weitere faktische Fortfhrung. Wir
hren den fortgehenden Reden zu, die dazu dienen, die Charaktere und
Gesinnungen zu entwickeln und den in ihnen liegenden Gegensatz sowie die
mgliche Ausgleichung nach allen Seiten zu beleuchten. Nach dem harten
Ansto und der bewegten Leidenschaft des vorigen Gesanges beruhigt sich
in diesem die Stimmung; gegenseitiges Gesprch mildert die Aufregung
des Vaters sowie die Furcht des Hrers. Die Mutter, nachdem sie den
Vater wegen seines harten Benehmens gescholten, eilt dem Sohne nach, um
ihn zu begtigen.

Am Anfang des vierten Gesanges begleiten wir die suchende Mutter auf
ihrem Wege. Hier wird nun die Gegend geschildert, Garten, Weinberg,
Feld, Birnbaum, immer aber in unbefangener Verknpfung mit der Wanderung
der besorgten, sich nach ihrem Sohne umsehenden Mutter. Naturbild und
Muttersorge tritt als eins und unabgesondert in unsre Empfindung ein.
Die Naturschilderung ist nicht die modern-sentimentale, nicht die
Gemtsschwelgerei Werthers, was mit dem Tone des ganzen Gedichts
gestritten htte, sie ist auch nicht die des abstrakten Kenners der
Landschaft, sondern sie bleibt auf dem Standpunkt des unverdorbenen
menschlichen Gefhls, das sich zwar der Natur freut, aber diese Freude
noch gar nicht von dem Wohlsein, dem Nutzen und der Fruchtbarkeit
abtrennt. Der Weinberg ist schn, aber besonders deshalb, weil er so
herrliche Trauben trgt. Um den Birnbaum schwebt die Poesie des Alters,
die Poesie ferner Landschaft, die vor dem unter ihm rastenden Wanderer
ausgebreitet liegt, aber nicht minder dient zu seiner Verherrlichung,
da er so schmackhafte Frchte trgt und dem Hirten wie dem Schnitter in
der heien Mittagsstunde willkommenen Schatten gewhrt. Einen blo
malerischen Baum mit schner Aussicht zu schtzen lge ganz auer der
Empfindungssphre unsres Gedichts. Die Darstellung schwebt vielmehr in
jener Mitte, wo der Gegensatz des rein prosaischen Nutzens und der
unwahren weichherzigen Natursentimentalitt noch gar nicht
hervorgebrochen ist; sie erhlt sich in jener primitiven, wiederum
homerischen Einheit, wo die Schnheit der Natur und die Natur als Sphre
des Ackerbauers, Grtners, Jgers, Fischers, Schiffers u. s. w. zu einem
Gesamteindruck zusammenflieen und ein Gesamtgefhl bilden. Landschaft
und Wetter, Sonne, Pflanzen, Wiesen und Berge, alles wird hier mit dem
Auge des schaffenden Arbeiters, des besitzenden Brgers, des
einsammelnden, von der Erde sich nhrenden Ansiedlers betrachtet; die
Natur wird geliebt als Bodenkultur, als [Greek: aia biodros] in
Sophokles' Philoktet. Zugleich erhalten wir das Bild der geschftigen
Hausfrau, die keinen Schritt vergeblich thut, sich in ihrem Gebiete und
Besitze fhlt und in diesem Gefhl ihr kleines, durch Flei erworbenes
Knigreich durchwandert. Der Spur des Sohnes immer weiter folgend,
finden wir ihn endlich abgewandt unter dem Birnbaum sitzend. Er hat
Thrnen im Auge, indem die Mutter ihn berrascht. In dem nun folgenden
Gesprch tritt uns die Hauptperson, Hermann, nahe ans Herz. Wie durch
Zauber thut sich sein Sein und Wesen vor uns auf, wir hren seine
Gestndnisse und die echt menschliche Wahrheit seiner Worte und
Entschlieungen gewinnt ihm unsre Teilnahme und Rhrung. Obgleich ganz
episch in langen weitausholenden Reden sich fortbewegend, enthlt die
ganze Szene doch mit meisterhafter Entwicklung den Verlauf innerer
Gemtsbewegungen, die sich unter Thrnen in der Einsamkeit erst
verbergen, dann halb sich verraten, dann endlich hervorbrechen und zum
Entschlusse, zur That werden, den Proze zwischen der leidenschaftlichen
Seelenerregung des Sohnes und Jnglings, die sich endlich in die Brust
der Mutter ergiet, und der erst betroffenen, dann mit liebevoller
Besorgnis forschenden, endlich nach erfolgtem Gestndnis beratenden
mtterlichen Helferin. Zu der Wahrheit, mit der dieser stufenweise
fortgehende Proze fortgefhrt ist, zu der Sicherheit, mit der sich das
Verhltnis von Mutter und Sohn nach den in ihm liegenden Momenten
darlegt, kommt noch der Reichtum dieses Verhltnisses selbst, der
Reichtum an sittlich-menschlichen Motiven, den der Augenblick bei aller
Einfachheit in sich trgt. Ein Sohn, den eine unglckliche Liebe in
seinem Innern schmerzvoll zerreit, eine weinende Mutter, die sich voll
Muttermitleid forschend und ratend ber ihn niederbeugt -- diese Szene
ist an sich rhrend und heilig. Sie ist heilig, wie es die
Madonnenbilder Rafaels sind, auf denen gleichfalls durch Darstellung der
Mutter mit dem Kinde der reinste menschliche Inhalt uns vor Augen
gestellt wird. Und diese menschlich rhrende Szene ist in eine
Oertlichkeit verlegt, die sie mit allem poetischen Zauber umgibt: es ist
der Rasensitz unter jenem Birnbaum, von wo der sehnschtig kummervolle
Blick nach der Gegend hinreicht, in der die Geliebte weilt.

In dem fnften Gesang wird, wie die Mutter vorhergesagt hatte, die
Einwilligung des Vaters wirklich erlangt. Hiermit ist die Verwicklung
gelst und scheinbar ein Schlu herbeigefhrt. Allein auf ganz epische
Weise liegt in der Auflsung eine neue Verwicklung, ein neues Hindernis,
das der Strom der Erzhlung ruhig zu umgehen hat. Der Apotheker hat den
Vorschlag gethan, doch erst das Mdchen zu prfen und die Gemeinde, in
der sie aufgewachsen, nach ihr zu befragen. Diese Wendung ist abermals
dem Charakter des Apothekers angemessen; sie fliet auch sonst auf
natrliche Weise aus der Lage der Dinge, denn man will doch vorher
erfahren, wer und wie das unbekannte Mdchen ist; indem aber dieser Rat
des Vaters Zustimmung erst mglich macht, knpft er dieselbe doch an
eine erst zu erfllende Bedingung und das accelerierende Moment ist
zugleich ein retardierendes. Im brigen enthlt auch diese Szene in
ihrer successiven Entwicklung und dem Spiel der einander
gegenbergestellten Charaktere die grte Naturwahrheit. An Hermann
zeigt sich in jedem Wort, da die Liebe ihn, den blden und unbeholfenen
Jngling, schnell zum Manne gereift hat, da sie seinen Blick geschrft
und seine Sprache beflgelt hat. Der Vater, der lebhaft gutmtige Mann,
ist nach dem Zornausbruch von heute mittag schon innerlich nachgiebig
gestimmt; da kommen nun Sohn, Mutter und Freunde mit ihrer dringenden
Ansprache; anfangs schweigt er verwundert; endlich wie einer, der sich
einer Sache nicht voll berlassen mag, macht er die Seitenbemerkung,
Hermanns Zunge, die immer gestockt, sei nun mit einemmale gelst; dann
gleichsam aus Scham, von einer lange mit Eifer und Wrde verfochtenen
Gesinnung jetzt abgehen zu sollen, kleidet er seine Zustimmung in die
humoristische Wendung, er erfahre, was jedem Ehemann und Vater gedroht
sei, da Mutter und Freunde immer den Willen des Sohnes begnstigen; und
wie noch halb grollend richtet er die Zusage nicht an den Sohn, sondern
an die brigen Anwesenden: Gehet und prfet und bringt mir meinetwegen
die Tochter ins Haus, wo nicht, so mag er das Mdchen vergessen; wie
dies alles in hnlicher Lage im Leben berall sich wiederholt.

Nach einer ganz homerischen Beschreibung des Anschirrens der Pferde
folgt die Fahrt ins Dorf. Hermann hlt die Pferde im Schatten der Linde
und die beiden Hausfreunde gehen nach Erkundigung aus. Wir begleiten sie
in das Gewhl der Menschen, von dem wir eine episch ausfhrliche
niederlndische Genreschilderung erhalten. Nachdem wir uns Schritt vor
Schritt der politischen Sphre genhert, stehen wir endlich betrachtend
vor dem furchtbaren Ereignis der Revolution und des Krieges, welches
allen stillen Naturbildungen den Untergang droht, um die Welt aus Nacht
und Chaos nach Vernunftprinzipien neu zu gestalten. Hermanns Liebe tritt
fr einen Augenblick zurck, aber nur um sich auf dem nun sich
zeichnenden dstern Hintergrund desto heller abzuheben. Aus der Tiefe
der Auflsung selbst wird die ewig wirksame Bildungskraft von neuem die
Familie hervortreiben. In dem verworrenen Zuge der Flchtlinge, in der
Schilderung des Richters tritt uns Auflsung aller sittlichen Bande,
Zerrttung entgegen, aber, wie gewaltig auch der furchtbare Sturm der
Geschichte die Wohnungen des Privatgeistes niederwerfe, immer wieder
fat der Mensch von neuem Fu, knpft neue Bande, steckt neue Grenzen
des Besitzes aus und grndet feste Anstalten, in die er den Inhalt des
Gemtes giet. Die Revolution tritt uns nahe, aber nur damit
antipolitisch und antikommunistisch die Privatexistenz, die Familie, das
Eigentum sich bewhre und aus der Zerstrung neu erzeuge. Als das Symbol
dieser in der Menschheit wohnenden Naturmacht wird uns Dorothea
erscheinen, sie, die Flchtige, Elternlose, des vterlichen Hauses, des
Brutigams Beraubte, die in den Krieg und die Verwirrung als ein
hilfloses Mdchen Verschlagene, die dennoch, wo sie auch ist, sorgend
und weiblich durch Rat, Pflege und Hilfeleistung eine Sphre der Liebe
um sich zieht, die endlich als knftige Gattin und Mutter in einen neuen
Familienkreis einzieht, den sie durch ihre Einkehr vollendet und
abschliet. Gleich bei den ersten Schritten, die die beiden Freunde
unter die Menge thun, treffen sie diese in Streit: die Mnner drohen
einander, die Weiber mischen sich schreiend ein. Das hliche Bild wird
aber rasch vor den Augen weggezogen und es folgt eine vershnende
patriarchalische Szene. Ein langes Zwiegesprch zwischen dem Pfarrer und
dem ehrwrdigen Richter der Gemeinde fllt den Schlu des fnften und
den Anfang des sechsten Gesanges. Wir erhalten eine Schilderung des
Verlaufes der Revolution, der Freiheitsbegeisterung, der darauf
folgenden Enttuschung, der Greuel des Krieges; wir hren von Dorotheens
heroischer Selbstverteidigung. Unterdes hat der Apotheker das Mdchen
aufgesprt und zieht den geistlichen Herrn mit fort. Wir blicken mit
beiden durch die Lcke des Zauns und sehen zum erstenmal Dorotheen.
Nachdem wir soeben alle Zerrttung des Krieges durchlebt, nachdem wir
voll Bewunderung und Entsetzen von der That der mnnermordenden Jungfrau
([Greek: androktonos]) gehrt, erblicken wir sie nicht schreitend, nicht
handelnd, sondern ruhig und betrachtungsvoll dasitzend, in ihrem Arm das
neugeborene Kind; wir sehen sie als liebende Helferin und knftige
Mutter. Der Richter tritt nochmals hinzu und vollendet durch weitere
Nachricht ber das Mdchen das geistige Bild, das wir von ihr gefat.
Nachdem wir durch alles Gesehene und Erfahrene sicher geworden, da
Hermanns Wahl eine glckliche gewesen, nachdem seine Liebe durch ihre
Beziehung zu dem Schicksal der Vlker und Staaten eine tiefere
allgemeine Bedeutung fr uns gewonnen, eilen wir mit ungeduldiger
Teilnahme zu dem am Brunnen harrenden Jngling, ihm die herrliche
Botschaft zu bringen. Allein abermals hat sich, kaum da die Spannung
gelst ist, eine neue vorbereitet. Hermanns Seele, in der Einsamkeit
sich selbst berlassen, ist unterdes von schweren Sorgen befallen
worden, von Sorgen, wie sie ein liebendes und also ngstliches Herz zu
qulen pflegen. Da die Freunde von Dorotheen nur Gutes erfahren wrden,
wute er im voraus: aber wird sie selbst auch einwilligen? Wird sie dem
ersten besten, der da kommt, zu folgen bereit sein? und ist ihr Herz
nicht vielleicht schon versagt? Whrend einer komischen
Zwischenerzhlung des Apothekers, die recht fr die epische Gelassenheit
Zeugnis gibt und deren fr den gegenwrtigen Moment Unpassendes der
gesprchige Mann nicht merkt, hat Hermann innerlich nach Art der
Liebenden einen zugleich krftigen und dennoch ngstlichen und
ausweichenden Entschlu gefat. Die Freunde sollen ohne ihn nach Hause
fahren und den Eltern die Nachricht bringen; er will allein
zurckbleiben, Dorotheen selbst befragen und den nheren Fuweg am
Birnbaum vorbei entweder glcklich mit ihr nach Hause herabsteigen oder
ohne sie einsam zurckschleichen. Alle Worte, die er hier spricht, sind
die eines liebenden, zwischen Jammer und Glck hin- und hergeworfenen
Herzens, die dieselbe Wahrheit, Tiefe und Zartheit an sich tragen wie in
Alexis und Dora. Wir schweben mit dem Jngling in Erwartung, teilen
seine Betrbnis, lcheln ber die drolligen Scherze bei der Abfahrt der
Freunde, aber innerlich bewegt sehen wir mit Hermann den Staub sich
erheben, sich zerstreuen und stehen wie er ohne Gedanken.

Je nher wir mit Erffnung des siebenten Gesanges dem Schlusse rcken,
desto reicher werden die aufgewandten poetischen Mittel, die Empfindung
immer inniger, ngstlicher, die Darstellung immer seelenvoller und ihre
zartbleichen Farben steigern und rten sich unmerklich. Das innere Herz
und die uere Natur, die Stimmung der Seele und die umgebende
Landschaft, der Zug der Liebe und der leise spielende Zufall, alles
neigt sich zusammen, Sinn und Bedeutung des Bildes zu steigern und
sammelt alle Zauber der Phantasie zu der Flle der zartesten Rhrung,
die aus dem Grunde eines lauter menschlichen Verhltnisses quillt. Der
Gesang beginnt mit einem ebenso wahren als prachtvollen Gleichnis. Wie
der Wanderer am Abend die versinkende Sonne noch einmal ins Auge fat
und dann geblendet ihr Bild schweben sieht, wohin er die Blicke auch
wendet, so sah Hermann Dorotheens Gestalt sich vor seinem Auge durch das
Feld bewegen. Es war der Traum der Liebe, in welchem die Geliebte dem
geblendeten Auge berall gegenwrtig ist, aber der Traum verschmilzt
hier mit der Wirklichkeit: Hermann erwacht und staunt und staunt wieder,
denn Dorothea kommt wirklich, es ist kein Scheinbild, sie ist es
selbst. Mit Krgen in der Hand kommt sie zum Brunnen geschritten, um
Wasser zu schpfen. Der Zufall fhrte sie gerade jetzt zur Quelle, bei
der Hermann in Sorgen der Liebe einsam trumte.

Der Zufall! Man knnte ihn mit Humboldt das Wunderbare unsres Gedichts
nennen. Unter die Erfordernisse eines epischen Gedichts stellte die
pedantische Theorie frherer Zeit auch eine sogenannte Maschinerie des
Wunderbaren: es sollten im Epos Gtter und Dmonen auftreten und mit
phantastischen Hebeln in das Treiben der Menschen eingreifen. Daher
wurde von dem Dichter eine Gtterwelt erfunden, es wurden allegorische
Personifikationen abstrakter Begriffe in Bewegung gesetzt und der Gang
der Handlung nicht als ihre eigene innere, sie forttreibende Dialektik,
sondern als das Werk berirdischer Figuren dargestellt. Schon bei Virgil
sind die Gesprche und Anordnungen der Gtter mehr eine kalte
Maschinerie des nachahmenden und reflektierenden Dichters als eine in
der Anschauung unbefangenen Volksglaubens sicher befestigte Welt. Anders
bei Homer. In dem homerischen Zeitalter kamen die sittlichen Mchte, die
das Leben gestalten, nicht als solche dem Menschen zum Bewutsein; sie
wurden in ein Jenseits verlegt und jede wurde ein Gott, eine handelnde
Person. Die Heiligkeit des Gastrechts z. B., die da, wo sie verletzt
wird, sich an ihrem rohen Verchter in dessen eigenem Busen und eigenem
Lebensschicksal rcht, wurde zu einer lebendigen Person, die ber ihre
Aufrechterhaltung wachte; der Geist der Kunstfertigkeit, der berall aus
der menschlichen Natur, wo diese sich entwickelt, hervorbricht, wurde zu
der offenbaren Gabe des sie konkret personifizierenden Hephaistos, dem
nun alle bedeutenden Kunstwerke, deren Mglichkeit dem naiv staunenden
Natursohn ein Geheimnis scheint, beigelegt wurden; die Gewandtheit des
rstigen jugendlichen Krpers, in ihrem Adel dunkel gefhlt, wurde
Eigenschaft des Hermes, dem sie das Menschengeschlecht verdankte und dem
es nun jede Palstra weihte u. s. w. Streiten zwei Stimmen in der Brust
des Helden und entscheidet er sich nach solchem Selbstkampfe fr eines,
so wird dies vorgestellt als Befehl oder Rat eines erscheinenden
Gottes, das Gute als Hilfeleistung des Gottes gegen den erkorenen
Liebling, das Bse als Berckung durch den feindseligen Dmon. Nicht
anders mit den Wirkungen der Gtter in der Natur. Das tiefe Leben der
Natur kam dem kindlichen Menschen berall entgegen in tausend Gestalten
und Phnomenen, in ewigem Zeugen, Gebren und Vernichten; als ein von
innen bildendes plastisches Prinzip konnte er es nicht fassen; je mehr
er es aber als ein Unwiderstehliches und Gttliches empfand, desto mehr
war er geneigt, es in Gttergestalten zu verwandeln und nun den Blitz
und Donner dem Zeus, das Erdbeben dem Poseidon u. s. w. zuzuschreiben.
Daher ist in jener mythischen Region eigentlich nichts Wunderbares, denn
die Substanz jener Gtter bilden nur irdische Lebensmchte und sie sind
so vollstndig in konkrete Individuen bergegangen, da sie wirkliche
menschliche Wesen, nur in gesteigerter Kraft und Stimmung abgeben. Ein
modernes Epos nun wie Hermann und Dorothea ist ber jene mythische
Anschauungsweise hinaus. Die Gtter sind in die Brust des Menschen
zurckgekehrt, ihre Einwirkung ist in das Walten und die
Selbstoffenbarung des Weltgesetzes berhaupt zurckverlegt. Das
Geschehen im Epos ist so wunderbar und natrlich zugleich wie das Leben
selbst. Was dem Menschen widerfhrt, ist teils nur die Konsequenz seines
eigenen Thuns, teils ist es durch den groen Weltzusammenhang, durch den
Komplex aller Gesetze und Bedingungen des menschlichen Gesamtlebens
mitgesetzt. So ist alles endliche Schicksal wunderbar, denn es steigt
aus dem Grunde der Idee auf und erhlt von ihr tiefere Bedeutung, es ist
aber auch natrlich, denn alles hat seine Grnde in der Verknpfung mit
dem brigen. Man kann das Hereinragen der franzsischen Revolution in
die idyllische Familienwelt das Wunderbare unsres Epos nennen,
dasjenige, was in unsrem Gedicht die Gtter der Ilias ersetzt; und in
der That derjenige, der auf naive Weise in der Substanz der
Familiensittlichkeit begriffen ist, wird von der gewaltigen, die
Grundlagen der Privatexistenz umwerfenden politischen Idee wie von einer
unbegreiflichen That hherer Dmonen getroffen; umgekehrt aber liee
sich auch sagen, die Naturkraft der Familie bilde das Wunderbare, da sie
dem in der politischen Sphre ganz Heimischen als ein unbegreiflich
zher fundamentaler Widerstand entgegentritt. So gesetzmig nun auch
alles Geschehen ist, so wird dennoch, da wir eben in einer endlichen
Welt begriffen sind, immer ein irrationaler Rest bleiben, der sich in
die Formel nicht auflsen lassen will: es ist eben das, was wir Zufall
nennen, wo so ist und auch anders sein knnte, was grundlos sich gefgt
hat, was zutrifft, ohne da dies Eintreffen aus dem Zweck und Gesetz der
gerade vorliegenden Sphre erklrt werden kann. Da dieser Zufall eben
irrationell und unberechenbar ist, knnen wir ihn das Wunderbare nennen.
Da Dorothea gerade zum Brunnen kommen mu, wo Hermann noch dasteht, ist
ein liebliches Spiel des Schicksals; es ist, als htten freundliche
Genien ihr den Gedanken geweckt und ihren Gang geleitet, und gern
gewhren wir dies Hineinspielen des bald neckenden, bald hilfreichen
Ungefhrs in einer Darstellung, wo alles auf dem sichern Grunde der
ewigen Naturwahrheit ruht.

Hermann redet die kommende Dorothea an, die verwundert ist, den
Wohlthter von heute morgen hier wiederzufinden. Sie erwiedert
freundlich seinen Gru und erklrt ihm ihr Kommen. Beide steigen die
steinernen Stufen hinab und setzen sich auf die kleine Mauer, die den
Quell einfat; sie beugt sich ber und schpft, er fat den andern Krug
und beugt sich ber; sie sehen ihr Bild in dem blauen Spiegel schwanken
und nicken sich freundlich zu. Dorothea reicht dem Jngling den Krug und
er trinkt; darauf ruhen sie beide vertraulich auf die Gefe gelehnt.

Diese Gruppe beider Liebenden, die, whrend oben der Sommer glht, hier
unten am rinnenden Brunnen sitzen, auf die Wasserkrge sich lehnend,
gleicht an Sitte, Einfalt und Adel antiken oder orientalischen
Darstellungen, als mte die Phantasie sich nicht weit davon die Sulen
eines Tempels denken oder als wren jene Linden Palmen des Morgenlandes.
Dennoch ist das ganze Bild wiederum lndlich, dorfmig, deutsch,
heimatlich; das nur Menschliche kehrt ja unter jedem Himmelsstrich
wieder. Nehmen wir zu jener ueren Gestalt der Szene Hermanns innerlich
bebendes Herz, die bedeutungsvolle Beziehung des Jnglings zu dem
Mdchen, die Spannung der Liebe, die sie zu ewiger Verbindung zu
einander zieht und deren Zug dennoch von Scheu und Selbstbeherrschung
aufgehalten wird, so bethtigt sich hier und in dem folgenden Gesange
die Kunst, durch welche Goethe so einzig ist, die Kunst, die tiefste und
leiseste Stimmung der Seele in die uere Anschauung, das Bild der
ueren Anschauung in die Empfindung des Herzens zurckzufhren.

Auf ihre Frage, was ihn hierhergefhrt, bringt er halbverhllt sein
Anliegen vor, dessen Sinn Dorothea miversteht. Sie glaubt als dienende
Magd von ihm geworben zu werden, geht schnell auf den Antrag ein und ist
bereit mit ihm zu gehen. Kommt mit mir, sagt sie, und empfangt mich aus
den Hnden der lieben Freunde, denen ich die Krge wiederbringe. Beide
stehen auf, sehen noch einmal ihr Bild im Brunnen und ses Verlangen
ergreift sie. Dann gehen sie durch den Garten zu der Scheune, wo die
Wchnerin ein Unterkommen gefunden hat. Da Hermann ihr das
Miverstndnis nicht lste, da seine Rede so unbestimmt blieb, liegt in
der ngstlichen Natur des Jnglings und der Liebe berhaupt; er bebt vor
der Entscheidung zurck und desto mehr, je mehr von ihr abhngt; das
Mdchen nur berhaupt ins Haus zu fhren scheint ihm schon Glck und
Gewinn. Wir selbst zittern mit ihm und freuen uns des Auswegs, durch den
schon viel gewonnen und noch nichts verloren ist. Hermann, innerlich das
se Geheimnis tragend, ist fast stumm; beglckt Dorotheen zur Seite zu
gehen ist er doch feierlich und wie abwesend. Mit Leichtigkeit bewegt
sich dagegen das gewandte Mdchen vor ihm; sie spricht mit holder Demut
und heiterem Verstande von ihrer Lage, dem Schritte, den sie zu thun
gedenke; sie wei, wo sie ist und was sie thut; sie ist es, die Hermann
leiten und mitziehen mu. Und in diese Unbefangenheit, die so sehr mit
Hermanns verliebter Schwermut kontrastiert, in diese Leichtigkeit des
anmutigen Benehmens mischt sich mit leichter Andeutung ein Zug
mdchenhaften Strebens dem Jngling zu gefallen, ein Bewutsein von der
Macht, die sie ber ihn ausbt. Wir ahnen, da auch sie nicht frei ist
von zrtlicher Neigung. Die Abschiedsszene, die nun folgt, unterbricht
das Spiel der Liebe, die Schwle der Empfindung mit naiv wahren Zgen,
mit Ernst und Heiterkeit. Dorothea erscheint hier als Glied der Familie
wie eine liebe Tante oder ltere Schwester, die das Hauswesen besorgt
und den Schlssel zum Speiseschrank fhrt und an die die Kinder
vertraulich gewhnt sind. Ihr Bild tritt uns verklrt aus dem Spiegel
der Liebe entgegen, die sie in der befreundeten Familie erweckt hat, des
Bedauerns, das ihr Wegziehen bei gro und klein erregt. Alle segnen sie,
die Mutter weint um sie, die Kinder wollen von ihr nicht lassen, der
Richter, der ernste Menschenkenner, preist den, in dessen Haus sie
kommt. Zugleich aber hat Dorothea weder Vater und Mutter noch
Geschwister, so da das Interesse des Hrers sie Hermann zu teil werden
zu sehen gar nicht durch bergroen Schmerz der Trennung geteilt wird.
Vielmehr laufen alle Strme der Empfindung ungeschwcht darauf hin
Hermann und dessen wrdige Familie in den Besitz des schnen seltenen
Mdchens gelangen zu sehen.

Der folgende achte Gesang enthlt in reizender Bewegung alle Zauber der
holdesten idyllischen Romantik, die sich zu dem zartesten Natur- und
Seelengemlde vereinigen. Der Sommerabend, der mit khlem Schatten die
Gluten dmpft, der gro aufgehende, am Himmel herrlich glnzende Mond,
das Gewitter, das die untergehende Sonne umtrmt, um dann in schweren
Donnern ber den Huptern der Menschen zu rollen, die wechselnde, aus
glhenden Sonnenblicken, weiem Mondlicht und dunkeln Wolkenschatten
ahnungsvoll gemischte Beleuchtung, der Pfad durch die uns wohlbekannte
liebliche Oertlichkeit, das wankende Korn, das die Gestalten der
Wandernden an Hhe fast erreicht, der ehrwrdige Birnbaum, unter dem
Hermann heute um das Mdchen geweint, an dessen Hand er nun nach wenigen
verhngnisvollen Stunden dahinwandelt, die belaubte Treppe den Weinberg
hinab -- dazu das Herzensgeheimnis, das beide in sich tragen, die se
Beklommenheit, die auf dem Jngling lastet, die Schchternheit, die bei
dem vollsten Herzen und in der gnstigsten Stunde ihm dennoch den Mund
verschliet, die oft so lieblich doppelsinnigen Worte des Gesprchs, das
wir oft eine Wendung nehmen sehen, wo die Blume der Liebe in offenem
Gestndnis die Knospe sprengen zu wollen scheint, Dorotheens Ausgleiten
auf den Platten des Weinbergs, die Umarmung, in der Hermann sie auffngt
und die Wrme des Herzens, den Balsam des Atems empfindet, die edle
Selbstbeherrschung, die er in diesem Moment zeigt, Dorotheens Scherz, zu
dem sie bei aller eignen inneren Bewegung doch noch Freiheit des Gemtes
und der Sitte genug hat -- dies alles wrde diesen Gesang zur Krone der
ganzen Dichtung machen, wenn es nicht unpassend wre, in einem Gedicht
wie das unsre von besonders schnen Stellen zu reden, in einem Gedicht,
wo ein mildes Licht ber alle Teile seine harmonische Heiterkeit
verbreitet, jeder einzelne Punkt Zweck des Ganzen ist und das
Fortstrmen der Erzhlung ebenso mchtig als still, der Anteil des
Gemtes ein ebenso inniger als freier ist. Auch hier spielt der Zufall,
der Liebende ja so oft begnstigt oder neckt, da ihnen alles von
Bedeutung ist und alles ihrer Empfindung eine Handhabe gewhrt, sein
liebliches Spiel. Dorothea, unter dem Birnbaum sitzend, sieht im hellen
Mondlicht die Huser und Hfe der Stadt daliegen, besonders ein Fenster
hell im Wiederschein glnzen: dies Fenster ist zufllig gerade Hermanns;
er sagt es ihr auch; es ist meines, spricht er, vielleicht wird es nun
das deine; dann, als htte er sich schon zu deutlich verraten, fgt er
hinzu: wir verndern im Hause, welche Worte wieder einen Doppelsinn
enthalten. Auch das Fehltreten Dorotheens, das dem Jngling noch vor der
Verlobung das Glck schafft die Geliebte ans Herz drcken zu knnen, ist
ein Spiel des Schicksals, das Amor selbst mit sinnvoller List gefgt zu
haben scheint.

Aus der Sphre der Empfindung und des Liebesspieles hebt uns der letzte
Gesang, der nach der Urania, der Sternenmuse, benannt ist, in die Hhen
der Familie. So fein auch hier wieder die Spiegelung des wirklichen
Lebens, so reich die Szene an Zgen ist, die der Natur unmittelbar
abgelauscht sind, so sehr alles dadurch in vertrauliche Nhe gerckt
wird, so tritt doch hier im Schlugesange in und mit der Empfindung fr
das sich krnende Verhltnis der uns liebgewordenen Personen der hohe
Sinn des Gedichts, der Ideengehalt zu Tage: Tod und Leben, der Kreislauf
der Lebensalter, Saat und Frucht des Menschenlebens, Schicksal und
Sitte, die Familie in ihrer festen Grundlage mit ihrem Schatz dunkler
unmittelbarer Naturgefhle und die Geschichte, die die Wohnungen der
Naturbestimmtheit zerbrechend Vlker gegen Vlker treibt und sie eins
nach dem andern als Werkzeuge der sich in ununterbrochener Entwicklung
vollziehenden Idee verwendet. Goldne Worte tiefer Wahrheit hat der
Dichter dem Pfarrer in den Mund gelegt, wenn dieser ber den Tod und die
Vergnglichkeit des Lebens die doppelte Ansicht des Philosophen und des
Religisen ausspricht:

                                    Des Todes rhrendes Bild steht
    Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.
    Jenen drngt es ins Leben zurck und lehret ihn handeln;
    Diesem strkt es zu knftigem Heil im Trbsal die Hoffnung;
    Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht
    Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.
    Zeige man doch dem Jngling des edel reifenden Alters
    Wert und dem Alter die Jugend, da beide des ewigen Kreises
    Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!

Whrend also der Fromme in dem Tode nicht das Ende sieht, sondern an ihn
die Vorstellung fortgesetzten Lebens knpft, fordert der Gedanke des
Todes den Weisen auf die Gegenwart zu ergreifen, sie mit Wesentlichem zu
fllen und ewig zu sein in jedem Momente. Die Vergnglichkeit aber ist
zugleich eine immerwhrende Erneuerung, der ewige Untergang eine ewige
Geburt; so blicke denn der Jngling auf den Wert des Alters, dem er
unaufhaltsam zureift, und der Greis auf die Jugend, in der er sich
selbst wiederholt, da beide sich des ewigen Kreises ohne egoistisches
Bedauern, ohne Vorwurf gegen die Weltordnung erfreuen. Die ewige
Verjngung und Erneuerung der Familie zeigt sich in Hermanns und
Dorotheens Bunde, denen Vater und Mutter als Reprsentanten des Alters
gegenberstehen. Bei der Verlobungsszene findet der Pfarrer mit
Erstaunen an Dorotheens Finger den frheren Verlobungsring und nun hlt
Dorothea eine Rede, die das idyllische Familienbild in den Zusammenhang
mit dem groen Ganzen der geistigen Welt erhebt. Der Rat, den der
scheidende Brutigam ihr hinterlie:

    Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fu auf! u. s. w.

das Bild, das er ihr von den Strmen der gewaltigen Zeit entwirft:

                                        Alles bewegt sich
    Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen u. s. w.

-- es ist die Stimme der Geschichte selbst, die heiligend und
erschtternd in unsern stillen Kreis hineinruft, um diesen auf den
Gipfel zu heben, wo der Mensch den Zusammenhang des kleinsten Lebens mit
dem grten berblickt. Die frohe Zuversicht aber, die beim Einsturz
aller politischen Formen das Gefhl der unverrckbaren Festigkeit des
Familienfundamentes und des Eigentums dem darauf fuenden Manne gewhrt,
dieses echt deutsche Gefhl, diesen letzten Sinn des Gedichts spricht
Hermann in den Schluworten befriedigend aus. Man knnte sich darber
wundern, da Goethe nicht, um die in dem Gedicht herrschende Empfindung
noch mehr abzuschlieen, durch eine eingeflochtene Nachricht den Frieden
mit Frankreich und die Sicherheit der Rheinlande zu stande kommen lt,
um so mehr, da er selbst gerade zur Zeit, wo er an dem Gedicht
arbeitete, an Schiller schreibt: Auch mir kommt der Friede zu statten
und mein Gedicht gewinnt dadurch eine reinere Einheit. Der Dichter
begngte sich den Vater gleich anfangs von frohen Friedenshoffnungen,
auf die alles deute, von dem festlichen Friedenstedeum, das bevorstehe,
sprechen zu lassen und im Geiste sehen nun auch wir voraus, da Hermanns
Hochzeit an dem Tage des groen Landesfestes mitbegangen werden kann.
Was den Gang der Szene im einzelnen betrifft, so versetzt uns der
Dichter bei Erffnung des Gesanges auf einen neuen Schauplatz, ins
elterliche Haus, wo Eltern und Freunde erwartungsvoll der Ankunft
Hermanns harren. Durch die Schilderung der Ungeduld der Mutter, die
lange Erzhlung des Apothekers, die Betrachtung des Pfarrers ber Tod
und Leben wird der langen Szene der beiden Liebenden gegenber, die den
ganzen vorigen Gesang einnahm, das Gleichgewicht und die Symmetrie
wiederhergestellt, wonach fr das elterliche Haus ein ungefhr gleiches
Verweilen gefordert war. Sehr gewandt ist das Mittel, durch welches der
Dichter das holde Gestndnis der Liebe Dorotheen entlockt, ber deren
Gesinnung wir bisher nicht ganz sicher waren; die Weise, wie dies aus
dem Miverstndnis sich entwickelt, ist zugleich eine sehr natrliche,
dem Charakter sowohl des Vaters als Hermanns angemessene und stellt uns
noch zum Schlu die ganze mdchenhafte Zartheit Dorotheens, die sich mit
echt weiblicher Entschlossenheit paart, vor die Augen. Der Miton, der
dem harmonischen Zusammenklang aller Umstnde und Charaktere vorhergeht,
erreicht in Dorotheens Rede die hchste Stufe; denn sie will ja wieder
fort; aber er ist auf demselben Punkt der schnen Auflsung am nchsten,
da das Motiv ihrer Entfernung ja die heimliche Liebe zu Hermann ist. Im
brigen ist auch hier die Naturwahrheit jedes ausgesprochenen Wortes zu
bewundern, die sich mehr nachfhlen als erklren lt und die den Leser
desto tiefer ergreift, je reicher an Menschen- und Lebenserfahrung er
ist. So wenn die Mutter zu wiederholten Malen das Zimmer der Mnner
verlt und wieder betritt und vom Gewitter spricht und, da der Mond
sich schon verdunkelt habe, und von der Gefahr der Nacht und die Freunde
lebhaft tadelt, da sie von Hermann sich getrennt, und der Vater unmutig
nach Weise der Mnner sie bedeutet: Mach nicht schlimmer das Uebel; du
siehst, wir harren ja selbst. Oder die muntern Worte, mit denen der
Vater die eben hereingetretene Dorothea neckend begrt: Ja, das gefllt
mir, mein Kind u. s. w.; oder auch diejenigen, die er spter spricht im
Widerwillen gegen das Weinen des Mdchens: Also das ist mir zuletzt fr
die hchste Nachsicht geworden u. s. w.




Charaktere.


Nachdem wir in dem Bisherigen die substanzielle Welt, die sich hier vor
uns ffnet, besprochen haben, gehe ich ber zur Beleuchtung der
individuellen Charakterbilder, die der Dichter auf diesem Boden, in
dieser Atmosphre uns vorfhrt und in denen der allgemeine darin
herrschende Geist sich individualisiert, sich zusammenfat.

Der Hausvater, ein behaglicher, wohl etwas beleibter Wirt, der im
Wohlstande lebt, besitzt nicht blo sein Gasthaus zum goldenen Lwen,
sondern er ist wie die Brger kleiner Stdte zugleich Landwirt und es
gehrt ihm auer dem groen Garten auch ein schner Weinberg und ein
weites Kornfeld. Im Hause ist unser Wirt etwas herrisch und brummig,
gerade wie Hausvter zu sein pflegen. Mtterchen, seit langen Jahren mit
ihm verbunden, wei ihn aber zu behandeln und ertrgt sein auffahrendes
Wesen mit Gleichmut. Unbertrefflich ist die Physiognomie des alten
Ehebundes gezeichnet: Gewohnheit verbindet beide, ihre Gefhle sind mit
ihnen alt geworden, ja sie streiten miteinander und dennoch wrden sie
die Hlfte ihres Selbst verlieren, wenn eins dem andern entrissen wrde.
Obgleich sie sich gegen den Sohn auf verschiedene Weise benehmen, sind
sie doch durch gemeinschaftlichen Besitz dieses einzigen Kindes eins und
oft bestimmen sie ihm mit elterlichem Geschwtz bald dieses bald jenes
Mdchen zur Braut. Der alte Herr ist auch Mitglied des Rates gewesen,
hat mit tchtigem Geschftssinn manches zur Verbesserung der Verwaltung,
zur Ausbesserung der Gebude und Reinlichhaltung der Straen gewirkt,
sich aber auch mit seinen Kollegen im Rat tchtig gezankt und, wenn er
dann nach Hause kam, muten die Hausgenossen die ble Laune und den
mitgebrachten Aerger entgelten. Bei Tische trinkt er nach Sitte jener
weintragenden Gegend einige Schoppen, erhitzt sich dabei, wird
gesprchiger, aber auch leicht zum Zorne gereizt und spricht dann manch
heftiges Wort, das ihn am Abend, wenn der kleine Rausch verflogen,
wieder gereut. Nachher ist er dann auch wieder sehr leicht zu behandeln
und fr dasjenige, wogegen er heftig geeifert, zu gewinnen. Verhat ist
ihm wie vielen lteren Herren das Weinen, Jammern, das viele Reden der
Weiber, das ihn aus seiner Ruhe strt; droht das Geschnatter oder das
Lamentieren anzugehen, dann steht er rgerlich auf und geht in sein
Schlafzimmer, um sich zu Bette zu legen. Seine Einwilligung zu seines
Sohnes Heirat gibt er halb scherzend nur deswegen, weil er im
entgegengesetzten Fall nur Trotz und Thrnen voraussieht. Eine gewisse
Gravitt und brgerlich-stattliche Haltung ist ihm angeboren; bedchtig
schreitet er Sonntags aus der Kirche, so da die Schuljugend dadurch zu
Neckereien gereizt wird. Seinen Sohn Hermann hat er immer zu tadeln, wie
so oft Vter thun, wenn sie grmlich geworden; er mchte ihn anders
haben und versteht dessen Charakter nicht; er mchte ihn gern nach
Vtereitelkeit zu hherem Stande streben sehen und wnscht ihm feinere
Manieren, gewandteres Benehmen; berhaupt hlt er, wie Hermann selbst
Dorotheen mitteilt, auf Aeueres und auf zierliches Benehmen und er
rhmt von sich selbst, da er als guter Gastwirt jeden nach Stand und
Charakter zu behandeln wisse. Er will daher auch kein burisches Mdchen
zu sich als Schwiegertochter ins Haus; sie soll das Klavier spielen und
die schnsten und besten Leute sollen sich Sonntags bei ihm versammeln.
Bei all diesen Eigenheiten ist der Vater dennoch eine kernhafte und
gutmtige Natur. Das Elend der Vertriebenen rhrt ihn und er gibt gern
das Seinige hin ihr Unglck zu mildern. So erteilt ihm auch der Dichter
das Epitheton: der menschliche Hauswirt. Und die neue Schwiegertochter,
so sehr ihr Stand und ihre Armut seinen Lieblingswnschen entgegen ist,
umarmt er dennoch herzlich, die Thrnen verbergend.

Die Mutter ist ein echtes Weib, eine echt brgerliche Hausfrau. Das
Haus, der Keller, der Garten sind das Reich, in dem sie geschftig
waltet. Voll Besorgnis ihren Sohn suchend, geht sie einmal durch den
Garten und nimmt gleich im Vorbeigehen einige Raupen vom Kohl und stellt
die Sttzen der Obstbume zurecht. Als Weib ist sie leichter gerhrt als
der Vater, beweglicher als dieser in seiner brgerlichen Gravitt. Die
Thrnen kommen ihr, wie der Dichter sagt, leichtlich ins Auge. Obgleich
sie im wesentlichen sich dem Grundton anschliet, in dem der Vater denkt
und spricht, so hat sie doch oft als Weib und Mutter die raschen Worte
und heftigen Meinungen zu mildern, zu denen jener im Eifer sich
hinreien lt. Sie steht als wahrhafte Mutter mit ihrem Sohn in regem
Gemtsbndnis; dieser verlt nie das Haus, er sagt es ihr denn; sie
neigt sich zu ihm, wenn er leidet, weint mit ihm, errt seine Gedanken,
empfngt seine Gestndnisse und schilt den Vater, wenn dieser ber ihren
Hermann ungeduldig wird. Sie und der Vater erinnern lebhaft an Goethes
Eltern, denn auch im Goetheschen Hause war die geistvolle nachsichtige
Mutter oft die heimliche Verbndete des genialen Sohnes, wenn dessen
Dichternatur mit der pedantischen Gravitt des Vaters in Widerspruch
trat. Auch Wilhelm Meister stand wie Hermann mit seiner Liebe, so mit
seinem Theaterdurst und seinen Kunstidealen dem alten Kaufherren Meister
innerlich fern, der Mutter aber durch Vertrauen und Einverstndnis nahe.

Hermann der Sohn zeigt uns die deutsche Natur, die deutsche nationale
Eigenheit in einem meisterhaften Individualbilde verkrpert. Hermann ist
treu und fleiig, gediegen und tchtig. Ihm ist nicht gegeben, mit
raschem Geistesblick die Dinge zu ergreifen, aus der Tiefe der Seele die
Gedanken mhelos an die Oberflche zu heben, mit energischem Willen
augenblicklich die Menschen und Einrichtungen nach seiner Absicht und
Einsicht zu zwingen. Geistesgegenwart geht ihm ab, die Waffe der List
ist ihm versagt, die feinere und geistreichere, aber oft auch nichtigere
und leicht verbrausende Lust des Lebens ist ihm unbekannt. Hermann
sprudelt nicht von Witz- und Geistesfunken, die, nachdem sie einen
Moment geleuchtet, erlschend in Asche versinken; seine Auffassung ist
langsam, aber, wenn sie erfolgt ist, immer der Wahrheit eines reinen und
innigen Gemtes entsprechend. Hermann denkt immer mehr, als er spricht;
auf ihn kann man sich verlassen, sowohl auf sein Gemt, als auf sein
Wort, als auf die Arbeit, die er thut. In Gesellschaft ist er blde,
sein Auftreten, seine Kleider sind etwas burisch; herzlosen
Weltmenschen erscheint er lcherlich und der Gewandtheit gegenber ist
er waffenlos. In der Schule ging es mit ihm langsam; der Vater klagt,
da Hermann immer der Unterste sa; er konnte eben nicht flchtig
aufnehmen, um das Aufgenommene von jedem neuen Eindruck wieder wegsplen
zu lassen; aber war etwas von ihm angeeignet, so war es gewi seiner
Natur gem und sein Besitztum fr immer. Gutmtig und langsam, lie er
sich von seinen Schulkameraden manches gefallen, nur wenn sein
Innerstes, sein Gemt mit ins Spiel kam, z. B. wenn ber seinen Vater,
ber dessen bedchtigen Gang und groblumigen Schlafrock gespottet
wurde, dann erwachte sein Zorn und blind und wtend hieb er um sich;
denn gerade, wenn eine schwerfllige Natur wie die Hermanns einmal
emprt wird, so wirft sie unaufhaltsam wie ein Element alle Schranken
vor sich nieder. Flieend und beredt sprechen war Hermann nicht gegeben:
Deine Zunge stockte immer, sagt der Vater. Desto besser gelangen ihm
buerliche Arbeiten auf dem Felde, im Weinberg, im Garten. Die Hengste
im Stall besorgt er selbst; er hat sie auferzogen und vertraut sie
keinem andern an, recht ein lndlicher Bursche, dessen Freunde ja immer
die Pferde sind. Er wohnt in der Kammer im oberen Stock, ist frhmorgens
mit der Sonne auf und wenige Stunden gesunden Schlafs gengen ihm.
Ueberhaupt ist er gesund, hat starke Nerven und einen hohen Wuchs. Er
ist kein sentimental schwindschtiger Jeanpaulischer Romanheld, der
Sehnsucht nach den Sternen hat. Von knstlichen Reizen und exotischen
Phantasien wei er nichts: er ist der ruhige Brgerssohn, der nicht fr
das Weite und Umfassende, nicht fr Staat, Krieg, Wissenschaft, Ehre
bestimmt ist, sondern fr die immer wiederkehrenden Geschfte des
Ackerbaues und ein enges geordnetes Erwerbs- und Familienleben. Zwar
will er einmal aus den gewohnten Lebensverhltnissen scheiden und mit in
den Krieg ziehen, aber nicht weil ihm jene zu eng sind oder dieser den
inneren Thatendrang zu stillen verspricht, sondern gerade weil er in
Gestaltung seines huslichen Lebens durch Widerspruch gestrt worden
und weil die Liebe, die Seelenbezwingerin, auch ihn fr den Augenblick
aus dem Gleichgewicht gebracht hat. In der Uniform zu prunken und als
Soldat vor den Mdchen zu stolzieren, diese Eitelkeit fllt ihm nicht
ein. Am Schlusse des Gedichts spricht er eine standhafte patriotische
Gesinnung aus, aber nur weil der gewonnene Besitz eines geliebten Weibes
ihn mit der Empfindung des Eigentums berhaupt erfllt hat; nun ist das
Meine meiner als jemals, ruft er aus; es ist der Mut des
Brgerwehrmannes, des Nationalgardisten, der fr den Bestand des
Besitzes auch sterben kann und, wenn die Gefahr vorber ist, rasch zu
seiner Sphre des Privaterwerbes zurckkehrt. Bei aller Beschrnktheit
des Blickes und der Wnsche ist Hermann rein von Gemt, unbefleckten
Herzens, voll Zartgefhl gegen die Eltern. Er ist ein ungestrtes
Naturprodukt und ein sicherer Instinkt fhrt ihn auf das ihm Geme, das
er bald erkennt und als das Seinige festhlt. So hat er auch Dorotheen
gefunden, nach wenigen Augenblicken erkannt und in einem Tage ist seine
Ehe entschieden. Das Unbehlfliche und Beschrnkte seines Wesens ist nur
die uere Gegenseite der inneren Unverrckbarkeit und Integritt seines
Gemtes. Auch die Art, wie seine Liebe zu Dorotheen sich uert, stimmt
ganz zu seinem brigen Wesen und dem Lebenskreise, dessen Produkt er
ist. Kein idealer Wahn der Phantasie, der den Jngling zu den Fen des
Mdchens strzt, kein himmelhoch Jauchzen, zum Tode betrbt; sondern in
stiller Kammer hat er sich einsam gefhlt; der Garten, das Feld, die
Geschfte sind ihm de erschienen; der Vater wird alt, die Habe mehrt
sich, fr wen schaffen und wirken? Er entbehrte der Gattin, er sehnte
sich nach einer Lebensgefhrtin. In solcher Stimmung stie er auf
Dorotheen und findet rasch, da sie fr ihn bestimmt ist; herzliche
Neigung fesselt ihn so entschieden, da er das Haus verlassen will, wenn
ihm das Mdchen versagt wird, und ist eine sichere Gewhr fr bleibendes
husliches Glck. So haben wir in Hermanns Liebe nur den Zug der
Sittlichkeit, die Gestalt gewinnen will, das stille Anknpfen eines
brgerlichen Ehebundes, nicht die phantastische Ueberspannung einer
poetischen Jugendleidenschaft, deren Flamme, je verzehrender sie um den
ergriffenen Gegenstand lodert, desto eher in diesem Besitze erlischt.

Durch die Gruppe der genannten drei Personen ist die Familie vollendet.
Zu ihr treten zwei Hausfreunde, der Pfarrer und der Apotheker des
Stdtchens. Beide sind an Bildung der schlichten Brgersfamilie
berlegen, der Pfarrer mehr von der idealistischen, der Apotheker von
der realistischen Seite. Doch erkennt man an dem Pfarrer als einem durch
wissenschaftliche Studien Gebildeten eine wirkliche
Geistesberlegenheit, whrend der Apotheker seinem Berufe angemessen,
der zwischen dem Gelehrten und Techniker in der Mitte schwebt, eine
halbe Stellung einnimmt und sich mehr die Miene hherer Weisheit gibt,
als diese wirklich besitzt.

Der Pfarrer ist als Kandidat der Theologie nach Vollendung der
Universittsstudien, wie dies zu geschehen pflegt, Hofmeister eines
jungen Barons gewesen und mit ihm nach Straburg gegangen, wo der
Zgling wahrscheinlich studieren sollte. Als Hofmeister hat er die Welt
auch in hheren Kreisen etwas kennen gelernt; er versteht z. B. die
weltmnnische Kunst einen Wagen vom Bocke zu lenken; berhaupt ist er
kein beschrnkter und burischer Dorfpfarrer. Er vertritt in dem engen
Brgerleben der kleinen Stadt den weiteren Geistesblick, die tiefere
Einsicht. Natrlich kennt er sein Fach, die heilige Geschichte, aber
auch in der profanen ist er wohlbewandert. Seine Ansichten tragen das
Geprge der Vershnlichkeit und milden Heiterkeit; durch humane Toleranz
ist er die Zierde der Stadt; in allem, was er sagt, drckt sich edle
Lebensweisheit ab; immer weist er auf das Hhere und Vernnftige, auf
die innere Ordnung hin, die dem blinden Treiben der Welt zu Grunde
liegt; er findet das Gute berall heraus und empfiehlt das Sittliche als
das allein Zweckmige und Glckbringende. Kein Rigorismus, kein
religiser Fanatismus, kein Pfaffentum ist in ihm. Auch als mildthtig
zeigt er sich: im Dorf unter den Vertriebenen hat er schnell sein
Silbergeld verschenkt und hndigt auch noch ein Goldstck dem Richter
ein, um es durch diesen den Armen zukommen zu lassen. Der Dichter nennt
ihn einen Jngling, nher dem Manne.

Der Charakter des Apothekers ist uerst fein von dem Dichter
gezeichnet, so da es schwer ist, dies leichte und doch so konsequente
Gebilde zu fassen. Haben wir in dem Pfarrer einen ernstfreundlichen
Mann, der in seinen sittlichen Grundstzen und in reifer Bildung bei
jedem Handeln den Schwerpunkt findet, so bewegt sich der Apotheker
geschftig und unruhig hin und her; er kann mit der Rede nicht an sich
halten, sondern nimmt jedem das Wort vor dem Munde weg; in seiner
Lebendigkeit schiet er an dem Ziel auch vorbei; er ist rhrig und thut
sich auf seine List und Schlauheit etwas zu gute; auch allgemeine
Betrachtungen wei er anzustellen und gibt sich als einen
Vielerfahrenen, aber er ist zu unstten Geistes, als da seine Ansichten
das Wahre und die Wurzel des menschlichen Lebens getroffen htten, und
hufig hat der Pfarrer den rechten Gesichtspunkt wiederherzustellen. Er
ist ein gutmtiger, dienstfertiger Alltagsmensch, der glcklich ist,
wenn man ihm eine Hantierung auftrgt, mit Bestrebungen und
Besorgnissen, die er mit der groen Menge praktisch-realistischer
Menschen teilt. Geduld ist seine Sache nicht. Schon als Knabe, erzhlt
er uns selbst, war ihm einmal, als der Wagen, der sie zu den Linden
fhren sollte, zu lange ausblieb, die Geduld vllig ausgegangen; er lief
wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem
Fenster zur Thr. Die Hnde prickelten ihm, er kratzte die Tische,
stampfte mit den Fen und das Weinen war ihm nahe. Da fhrte ihn der
Vater ans Fenster und wies auf die gegenberliegende Werkstatt des
Tischlers, der den Sarg macht, in den wir uns alle legen mssen, frh
genug, ob wir geduldig oder ungeduldig seien. Seitdem, meint er, wurde
ihm die Ungeduld mit der Wurzel ausgerissen, aber er tuscht sich mit
dieser Behauptung. Whrend im Dorfe der Pfarrer mit dem Richter im
Gesprch begriffen ist und dies Gesprch eine allgemeinere Wendung
nimmt, treibt den behenden Mann die Unruhe fort, er luft beiseite und
spht durch Hecken und Grten nach der Unbekannten. Nachdem endlich
beide ber das Mdchen hinreichende Erkundigung eingezogen und indem sie
nun wieder zu Hermann kommen, spricht er schon aus der Ferne dem
Harrenden zu, er kann nicht an sich halten. Wie Hermann an einer
frheren Stelle des Gedichts seinen Entschlu kundthut, Dorotheen zur
Gattin zu whlen, stimmt der Pfarrer sogleich freudig bei, der Apotheker
aber rt erst das Mdchen zu prfen, ob sie des Brutigams auch wert
sei. Dieselbe vulgre Klugheit zeigt er in dem Augenblick, wo der
Pfarrer zum ersten Mal Dorotheen erblickt und, von ihrer Gestalt
ergriffen, der Schnheit ihrer Seele sogleich gewi ist: dem Schein ist
nicht zu trauen, warnt er weise; man soll ber niemand urteilen, bevor
man mit ihm den Scheffel Salz verzehrt hat. Gleich anfangs, wo er vom
Anblick des Zuges der Vertriebenen zurckgekehrt ist, nennt er jeden
glcklich, der nicht Weib und Kind daheim hat in so gefhrlichen Zeiten,
denn einem solchen kann das Schicksal nichts Ernstes anhaben und sein
Bndel ist leicht geschnrt. Ich selbst habe, sagt er, die Kostbarkeiten
beiseite gepackt, um mich ohne Zeitverlust aufmachen zu knnen, obgleich
ich die gesammelten Kruter und Wurzeln ungern verlasse. Unser Apotheker
ist also unverheiratet und in der That macht er den Eindruck eines
Hagestolzen, der nirgends recht festen Fu gefat hat. Wo am Schlusse
des Gedichts die Verwicklung glcklich gelst ist und die brigen in
Empfindung verloren sind, neigt sich der Apotheker sogleich mit
Segenswnschen. Eine komische Rolle spielt er, wo er sich in den Wagen
setzen soll, den der Pfarrer leitet: er zaudert und sitzt whrend der
ganzen Fahrt wie einer, der immer zum weislichen Sprunge bereit ist.
Etwas spahaft ist auch seine Wohlthtigkeit: da er kein Geld bei sich
hat, so zieht er wenigstens den gestickten ledernen Tabaksbeutel, ffnet
ihn zierlich und teilt mit dem fremden Richter die wenigen Pfeifen
Knaster, den er zu loben nicht ermangelt. Der Dichter hat den ganzen
Charakter mit einer leichten liebenswrdigen Ironie behandelt, die aber
nirgends stark hervortritt, sondern sich gleichsam nur in einem leisen
Lcheln des erzhlenden Sngers kundgibt.

Wenn wir den Richter erwhnt, der wie der Vater die Kinder, wie ein
altorientalischer Patriarch einen ziehenden Stamm, so die Haufen der
Fliehenden mit Weisheit und wrdigem Ernste lenkt und ermahnt, so ist
von den Hauptgestalten nur noch eine brig: Dorothea. Dorothea ist ein
starkes Dorfmdchen in der Tracht, wie sie an zwei Stellen des Gedichts
beschrieben wird, mit blauem, gefaltetem Rock, rotem Brustlatz,
schwarzem Mieder und einer Halskrause. Sie wscht und trgt, sie treibt
die Ochsen des Wagens, sie holt Wasser und verdingt sich als Magd. Sie
hat auch, wie der Schulthei erzhlt, einmal ihre und ihrer Gefhrtinnen
Unschuld gegen eindringendes Kriegsgesindel verteidigt, indem sie mit
rascher Krperkraft den ersten zu Boden hieb und die andern in die
Flucht jagte. Dies beweist ihre Entschlossenheit. Es fehlt ihr aber
deshalb nicht an Zartheit der Empfindung; denn nicht nur ist sie
hilfreich gegen die Wchnerin und wei die Kinder an sich zu fesseln;
sie hat auch frher mit liebender Aufopferung einen alten Verwandten,
bei dem sie wohnte, bis an seinen Tod gepflegt; obgleich ihr Auge, wie
Hermann sagt, mehr Verstand als Liebe blickt, hat sie doch schnell eine
zrtliche Neigung zu dem Jngling gefat und die letzte Szene offenbart
uns unter der Hlle der krftigen Magdgestalt den zartesten Seelenadel
und eine echt jungfruliche Delikatesse. Eigentmlich weiblich ist es,
wenn Dorothea sich abweisend und kurz abfertigend gegen Hermann benimmt,
z. B. da, wo er ihr den Wasserkrug abnehmen will und sie dies nicht
zugibt. Dorothea ist ein Mdchen von der Westgrenze Deutschlands, etwa
aus dem Kurfrstentum Trier oder Mainz; in ihr verschmilzt das deutsche
Gemt mit dem feinen Takt und Verstand der franzsischen Nachbarn.
Selten wird sie von sentimentaler Rhrung angewandelt und auch, wo sie
sich der Empfindung berlt, verliert sie den freien Blick ber den
Moment und das, was er fordert, nicht. Scheinbar als Magd in das Haus
ihres knftigen Gatten gelangt, bersieht sie beim ersten Scherzwort
sogleich die Gefahr ihrer Lage und mit Kraft und Offenheit beschliet
sie durch augenblickliche Entfernung ihr zu entgehen. Dies, sowie die
Feinheit ihres immer angemessenen Benehmens, das Taktvolle ihrer Worte
und die verstndige Klarheit bei allem Handeln ist ein Anflug aus dem
nahen Frankreich, wie dies Dorothea selbst einmal andeutet. Sie wird,
wie vorauszusehen ist, des Vaters Lieblingstochter werden. Gegen
Dorothea steht Hermann etwas zurck: er ist der Weiche, Innerliche,
sehnschtig Bewegte, sie die Besonnene, Bestimmte, die ihre richtige
Empfindung sogleich in die That, z. B. das Mitleid in Hilfsleistung
umsetzt. So finden wir auch in diesem Paar das Charakterverhltnis
wieder, das durch alle Liebespaare der Goetheschen Dichtung geht. Eine
gewisse Weichheit zeichnet die Mnner aus und sie sind alle der
weiblichen Vollkommenheit gegenber leidend und gefangen; so Weislingen,
Werther, Clavigo, Egmont, Tasso, Wilhelm Meister, Eduard. Das weibliche
Ideal gelang Goethe unbertrefflich: er hatte aber selbst zu viel
seelenvolle Weichheit in seiner Natur, als da er heroischer
Mnnlichkeit vollkommen htte nachempfinden knnen. Von dem Heroismus
aber, der auch in der weiblichen Natur liegt und in entscheidenden
Momenten groen Unglcks oder dringender Gefahr hervortritt, legt auch
Dorothea Zeugnis ab, indem sie die eindringenden Soldaten so tapfer
abwehrt. Diese Selbstverteidigung Dorotheens als einen falschen,
widerwrtigen Zug zu tadeln ist leicht. Wenn auch Wilhelm von Humboldt
sich den Tadlern anschliet, so scheint uns dieses Urteil noch ein Rest
jener stolzen und kalten Idealitt, die Humboldt eigentmlich war und
die er in seinem Umgang mit Schiller reichlich pflegte. Die brigen
minderbegabten Rezensenten, die das Gedicht nach seinem Erscheinen in
den damaligen kritischen Instituten beurteilten, fanden noch eine viel
grere Menge von Zgen unzart und platt; da sie Ochsen treibt, da sie
um eine Wchnerin und ihr eben geborenes nacktes Kind beschftigt ist
u. s. w.; dies alles ist wider die konventionelle Delikatesse. Sie
muten folgerecht Dorotheens ganze Gestalt, ja alle Personen und Sitten
des Gedichtes verwerfen. Auch da Dorothea schon frher einen Brutigam
gehabt, knnte ihr in den Augen manches Lesers schaden, denn es ist also
nicht die erste frische Liebe, die sie zu Hermann fhrt, jene Liebe, von
der das bis dahin unbefangene nichtsahnende Herz pltzlich und
unwiderstehlich berrascht wird. Allein die romantische subjektive Liebe
als solche zu schildern war hier berhaupt des Dichters Zweck nicht,
sondern eine werdende Ehe. Er wollte in einem ruhigen Gemlde die Art
und Weise darlegen, wie in einer unverdorbenen brgerlichen Welt auf
unbefangen menschlichem Wege das Institut der Ehe sich verwirklicht und
von Geschlecht zu Geschlecht sich erneut. Gerade Dorotheens frheres
Unglck, der Verlust ihres Brutigams gibt ihr bei aller Kraft der
Seele, bei aller Heiterkeit des Schaffens einen rhrenden Zug, der uns
das liebliche Mdchen noch nher bringt. Wer daran Ansto nimmt, da
Dorothea schon einmal geliebt, der wird in dem Gedicht auch sonst noch
viel vermissen, aber auch die eigentmliche Welt, in der es sich bewegt,
ganz verkennen. Alle Gefhlsschwelgerei, alle Exzentrizitt der
Leidenschaft hat der Dichter durchgngig abgewiesen; in der Gesinnung
echter Brger, sowie in dem Gange ihres Lebens waltet ja nicht sowohl
phantastische Ueberspannung als verstndiger Realismus. Hermann und
Dorothea stehen beide nicht zu einander wie Romeo und Julie. Nachdem
Goethe in frheren Dichtungen alles Entzcken und alle Verzweiflung der
Liebe aus tiefster Erfahrung ausgesprochen, neigte sich seine Dichtung
in spteren Jahren den stillen Beziehungen der Ehe zu und, wie in den
Wahlverwandtschaften die Ehe selbst und die in ihr schlummernden
negativen Mchte das Thema bilden, so ist die Muse unseres Gedichts nach
des Dichters eigenen Worten diejenige, die gern die herzliche Liebe
begnstigt und den Bund eines lieblichen Paares vollenden hilft.

Dies sind die Charaktere des Gedichts. Man wei nicht, was man an ihnen
mehr bewundern soll, die ideale Wahrheit und individuelle Lebendigkeit
oder die poetisch-konkrete Entfaltung oder die feine Nancierung oder
die Kunst plastischer Gruppierung. Sie sind alle dem Leben selbst
abgelauscht, sie ergreifen durch das wiederkehrend Menschliche, das ewig
Allgemeine, das uns in ihnen entgegentritt. Sie sind ein Ausdruck der
unwandelbaren Naturkrfte, die das Leben durchdringen und gestalten, der
Gefhle, Bestrebungen und Stimmungen, die berall sind, wo nur ein Herz
menschlich schlgt, heute wie im grauen Altertum, bei Homer wie in
unsrer tglichen Erfahrung. Als Schattenbilder im Reiche der Phantasie
in idealen Hhen geboren, treten sie in vertraute Nhe zu uns heran und
wir erkennen sie wieder als befreundete Gestalten, aus denen unsere
eigene innerste Herzenserfahrung spricht. Bei allem individuellen
Kolorit sind sie so typisch, da wir sie in der uersten Ferne
wiederfinden: der Apotheker ist in unserm Kreise, was Pylades in der
Iphigenie, Antonio im Tasso, Mephistopheles im Faust, was bei Homer der
erfindungsreiche Odysseus; der Vater gleicht im Rate seiner Freunde und
Familiengenossen dem gtterberatenen, gewaltig herrschenden, leicht
zrnenden Sohn des Kronos, den seine Umgebung durch List und Ueberredung
dennoch beherrscht; er wnscht wie jeder Vater, wie Hektor beim Homer,
da ihm der Sohn nicht gleich sei, sondern ein Besserer; der Pfarrer,
der in Hermanns Liebe die Stimme des Schicksals vernimmt und dieser zu
folgen fr die edelste Weisheit hlt, er ist, was der Seher Kalchas bei
Homer, welcher kannte, was ist, was war und was sein wird; beide
Hausfreunde stehen sich gegenber wie Erfahrung und Idee, wie Verstand
und Vernunft als Typen geistiger Gegenstze; und Hermann selbst in
seiner stillen arbeitsamen Naturexistenz, er ist der Jngling berhaupt,
der zum Manne heranreift, und wie Telemach wohnt er im oberen Stock und
ist auf mit der rosenfingerigen Eos; ja gegen den Schlu mit wachsendem
Kraftgefhl erhebt sich seine Gestalt zu der des Heros berhaupt, der
mit Mannesgefhl die Heldengre des Weibes trgt, den sein Weib zur
Schlacht wappnet:

                            Und drohen diesmal die Feinde
    Oder knftig, so rste mich selbst und reiche die Waffen!

Dies Typische spricht sich in dem Gedicht an zahlreichen Stellen aus,
z. B. wenn die Mutter ausruft: So sind die Mnner! oder der Vater: Sind
doch ein wunderlich Volk, die Weiber! oder wenn er sagt, er erfahre, was
jedem Vater gedroht ist, da den heftigen Willen des Sohnes die Mutter
immer allzugelind begnstigt. Hermann, von seiner Liebe sprechend, ruft
aus: Ja, es lset die Liebe, das fhl' ich, jegliche Bande, wenn sie
die ihrigen knpft; und nur das hinzugefgte das fhl' ich fhrt jenes
allgemeine in die Sphre des besondern Individuums zurck. Wie in
Hermann der Sohn und Jngling, so spricht und handelt in Dorothea das
Mdchen, das Weib berhaupt: und sie sagt dies wiederum selbst, wo sie
ihren Schritt als Magd dienen zu wollen als allgemeine weibliche
Bestimmung des Dienens und Sorgens hinstellt. Ist Hermann der
Telemachus, der Hektor berhaupt, so erscheint in Dorothea der Typus
griechischer Jungfrauen, Tchter und Heldenfrauen, die liebende
Andromache, die weise gewaltige Athene, die [Greek: parthenos
androktonos], die schreitende Kanephore oder das =amphora=tragende Mdchen
u. s. w. Nirgends zeigt sich ferner im Gedichte die Absicht einen
Menschen vor uns hinzustellen, keine abstrakte Zeichnung, keine
besondere Charakterschilderung; sondern, indem uns die Begebenheit
erzhlt wird, ergeben sich zugleich und unabtrennbar in organischem
Zusammenhang die sie tragenden und von ihr wiedergetragenen Charaktere.
Die Handlung geht nur fort, insofern der Charakter sich entfaltet, und
diese Entfaltung eben ist es, die die Handlung weiterfhrt. So konkret
auf diese Art die Charaktergebilde vor uns entstehen, so fein sind sie
unter einander nanciert. Alle Personen sind in der idyllischen Sphre
des Ganzen enthalten, sie sind alle ein Spiegel reiner Sitten,
gemtlicher Gte und brgerlich schlichten Verstandes. Dennoch hat diese
gleiche Substanz in jedem auf eigentmliche Weise Gestalt gewonnen: hier
der Vater mit leichter Hinneigung zu den Schwchen und Eigenheiten des
Alters, der Bevormundung, der Eitelkeit; dort der Sohn mit tiefer
Frbung unbehilflicher Gemtskonzentrierung; hier der Pfarrer als ein
etwas pedantischer Verbesserer; dort der Apotheker mit seinem naiv
drolligen Egoismus; dort die Mutter, die bewutlos gutmtig alles nur in
ihrem Hermann sieht u. s. w. Uebrigens treten die Charaktere in dem
Gedicht selbst lange nicht so schneidend hervor, wie wir sie oben aus
zerstreuten Zgen zusammengestellt; manche Reden, die der eine spricht,
knnte man bei flchtigem Hinsehen auch wohl dem andern zuteilen. Wie
alles in unserm Gedicht mavoll ausgeglichen und verschmolzen ist, so
zittert auch um die Charaktere ein feiner Aether, sie ebenso beleuchtend
als verhllend, ein zarter Nebel, der zwar durchscheinend ist, aber die
Hrte mildert und eine reizende Blsse um sie giet. Man mu die sich
bewegenden Personen aufmerksam verfolgen, sie lange ansehen, um die
ganze Zartheit der Nancierung zu empfinden. Aeuerst kunstvoll und
plastisch sind sie endlich gruppiert. Die stille Gruppe der idyllischen
Hauptgestalten wird durch den Gegensatz der flchtenden Menge, die
verworren von der Grenze herzieht und, wie sie alle Brunnen im Dorfe
getrbt hat, so auch mit trben Sinnen und in leidenschaftlichem Geznke
auf ihrem Wege weiterdrngt, getragen und beleuchtet. Des Vaters
Ungeduld hebt die liebevolle Nachsicht der Mutter; an die im Mittelpunkt
stehende Familie treten zu beiden Seiten die beiden innerlich
verschiedenen Hausfreunde heran; der realistischen Gruppe des Vaters und
Apothekers stellt sich die idealistische des Pfarrers und Richters
gegenber; hier der Vater mit den beiden Freunden in klterer Stimmung
und unter allgemeineren Gesprchen im Wirtssaale, dort gleichzeitig die
liebende Mutter mit dem tiefergriffenen Sohn unter dem Birnbaum; Hermann
und Dorothea, das selig beklommene Paar, am Brunnen, auf dem Heimgang,
drauen im Mondlicht, unter drohenden Gewitterwolken, ihnen gegenber
die unruhig harrenden Eltern und Freunde im Hause; endlich in der
Schluszene die rhrende Vereinigungsgruppe aller Personen in
mannigfaltiger Beziehung zu dem Ereignis, je nach der Nance des
Charakters und der Beteiligung nher und weiter mit leichterer und
tieferer Seelenbewegung zu dem glcklichen Momente sich stellend. Die
Linien sind berall so einfach, die Gestalten so heiter und rein, die
Momente bei aller Tiefe der Bedeutung so falich, da hier alles die
bildende Kunst zu einer Reihe von Figuren und Gruppen aufzufordern
scheint. Bei der herrlichen Gruppe, die Hermann und Dorothea bilden, wo
sie auf den Stufen des Weinbergs gestrauchelt ist und er sie in seinen
Armen hlt, ruft der Dichter selbst:

                                            So stand er
    Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebndigt.

Vielleicht schwebte seiner Phantasie hier unbewut die Gruppe des
Sabinerinnenraubs von Giovanni da Bologna in der Loggia zu Florenz vor:
ein sich stemmender heldenhafter Jngling, der ein junges Weib hoch
trgt ganz wie Hermann hier die ber ihm hochschwebende Dorothea. Beide
am Brunnen sitzend, neben einander herschreitend, am Baumstamm ruhend
--lauter Momente fr eine Marmorgruppe. An Meyer schreibt er, die
hchste Instanz, vor der das Gedicht gerichtet werden knne, sei die,
vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringt; und an
Schiller, er habe die Vorteile, deren er sich in Hermann und Dorothea
bediente, alle von der bildenden Kunst gelernt. In der That gibt es kein
neueres Gedicht, dem die klare stille Kunst der Plastik verwandter und
dessen Phantasiegebilde leichter in sichtbare Marmorgestalten zu
verwandeln wren.




Sitten und Lebenssphre.


Schon oben ist von dem epischen Gedicht gesagt, da es das Leben in
seiner ganzen Breite vor uns aufrollt, mit freundlicher Anerkennung dem
Kleinsten wie dem Grten eine Stelle in dem Gemlde gewhrt und den
Menschen als sinnlich-geistige Totalitt im konkreten Zusammenhang mit
der ganzen ihn umgebenden Welt der Dinge in den poetischen Spiegel
aufnimmt. Nun hat aber eben unser Leben eine Gestalt, wie sie dem
Dichter und Knstler nicht zusagt, sei es infolge der Zivilisation oder
infolge des dstern Klimas, welches ein schnes Gleichgewicht
menschlicher Entwicklung nicht begnstigt. Das Sinnliche ist bei uns
zurckgedrngt, die frische Energie der Existenz, die in schnen und
krftigen Formen nach auen tritt, ist bei uns gebrochen. Der Maler
strubt sich gegen unsre Kleidertracht als phantasielos: er flieht mit
seinen Darstellungen in frhere Jahrhunderte oder in einsame
Gebirgsthler oder in den Orient und sucht dort kleidsame farbige
Gewnder, malerische Formen und Schnitte, prchtigen Schmuck, Adel und
Einfalt der Erscheinung. Wie weit haben sich bei uns die Formen des
Umgangs von jener naiven Ursprnglichkeit entfernt, mit der der Mensch
die ganze Macht seiner innern Leidenschaft und Gesinnung in sein ueres
Benehmen, in den Ausdruck des Gesichts, in Gang, Haltung und Wort
hineinlegte! In unsrer Geselligkeit darf weder der Zorn und Ha, noch
die Freude und Liebe rein hervorbrechen und sich energisch in der
sinnlichen Erscheinung malen. Nirgends versetzen wir in unser ueres
Thun den vollen Inhalt eines ungebrochenen Herzens, wir achten im
Gegenteil unser Naturdasein gering und schtzen den Menschen nur nach
dem Ma seiner geistigen Thtigkeit.

Im homerischen Zeitalter stehen die Helden noch im engen Verkehr mit der
uern Natur: bei ihnen verschmelzen das Sittliche und Physische zum
Bilde einer totalen und in sich einigen Menschennatur. Wie ganz anders
bei uns! Wir beteiligen uns an den sinnlichen Geschften nur halb oder
gar nicht mehr. Schon hrt bei uns das Handwerk allmhlich auf, wo der
Mensch mit gemtlichem Anteil in ein bestimmtes Werk seiner Hnde sich
vertieft: es verwandelt sich in Fabrik- und Maschinenarbeit, die ihr
Produkt gleichgltig und uniform zu Tage wirft. Wo sonst ein Herold in
bunter Tracht mit silberner Trompete den Krieg ankndigte, da wird jetzt
ein Manifest geschrieben. Krieg und Schlacht sind mechanisch geworden,
eine halb mathematische Wissenschaft, die mit Truppenlinien, mit Carrs,
mit Sto und Gegensto massenhaft operiert; es kann der Sieg gewonnen,
die Schlacht verloren sein, ohne da der einzelne Krieger etwas davon
gewahr geworden. Die Erfindung des Schiepulvers hat wie die des Geldes,
welche letztere erst in unsrem Jahrhundert zu ihren Konsequenzen
gekommen, das volle einzelne Leben in Abstraktionen aufgelst. Statt der
naiven Rechtsverhandlungen unter offnem Himmel, wo der geehrte Sinn der
Handlung in zahlreichen symbolischen Formen hervortrat, werden jetzt
zwischen dstern Mauern Aktenste zusammengeschrieben und Paragraphen
zitiert. Die Staaten befehden sich durch Noten und Schriften; wo der
Mensch sonst mit Mund und Auge, mit Wort und That hervortrat, da wird
jetzt in geheimen Staatskabinetten geschrieben; geschrieben wird
berall, in Breaus, in Amtsstuben, in Kanzleien; dem lauten bunten
Leben tritt die Polizeiregel, der freien Individualitt die
mechanisierte hierarchische Verwaltung entgegen. Schreiben und Lesen ist
bei uns an die Stelle von allem getreten. Und doch ist der Mensch, wie
Goethe selbst sagt, eigentlich nur berufen in der Gegenwart durch seine
Persnlichkeit zu wirken; Schreiben ist ein Mibrauch der Sprache,
stille fr sich Lesen ein trauriges Surrogat der Rede. Unsre Sinne,
nicht mehr im Kampf mit den Elementen gebt, sind stumpf und blde
geworden; jede eigensinnige Individualitt, d. h. jede Durchdringung
ganz eigentmlicher Umstnde und Bedingungen, die in dieser Art nie
wiederkehren kann, ist in negativen allgemeinen Richtungen
untergegangen. Nivelliert sind auch unsre Stdte, in denen man das Haus
nach der Nummer, in Amerika, diesem Lande moderner Prosa, sogar die
Strae nach der Nummer aufsucht; nivelliert ist das Land, wo regelmige
Grenzen einen Acker von dem andern sondern und die Naturfreiheit der
Landschaft immer weiter vor der verfolgenden Bodenkultur zurckweicht.
Der wechselnde Pfad, der den Reiter unter Gefahren und Mhseligkeiten
durch Wlder, durch Strme und ber Berge fhrte, er ist zur geraden und
den Chaussee geworden, diese zur noch abstrakteren Eisenbahn. Der Tag
des Stdters wird von dem Amt, von der Gewohnheit prosaisch und
pnktlich geregelt; der Landmann blickt nicht mehr nach der Sonne, um
sich die Tageszeit anschaulich-sinnlich vom Himmel zu holen; er hat eine
Uhr, ein mechanisches Werkzeug dazu. Die Maschine dringt auch immer mehr
in den Ackerbau: Shmaschinen, Dreschmaschinen, selbst Pflugmaschinen
ersetzen die lebendige Hand; wenn der Ackerbauer sonst mit kundigem
Blick den Horizont bersah, um das kommende Wetter zu erraten, wenn ihm
dabei poetisch-aberglubische Traditionen, gereimte Sprche behilflich
waren, so hat er jetzt ein Barometer an der Wand hngen, wenn nicht gar
ein Hygrometer. Ein unfruchtbarer Acker wurde sonst als vom Teufel
verdorben, vom bsen Blick gestochen unter geheimnisvollen Gebruchen
exorzisiert und neugeweiht; jetzt wird ein Lehrbuch der
Agrikulturalchemie aufgeschlagen und der Boden entmischt und gemischt.
Die seltsamen bunten mannigfaltigen Tauf-, Hochzeits- und
Beerdigungsgebruche unsrer Ahnen sind nur noch in schwachen Spuren
briggeblieben; der Volkstanz, sonst voll Charakter und unmittelbarer
Energie, ist allmhlich zu dem bleichen Schatten unsrer
Gesellschaftstnze geworden, wo von schner Darstellung nicht mehr die
Rede sein kann und die, je feiner die Gesellschaft ist, desto
ngstlicher als bloe abstrakte Formen aufrecht erhalten werden; der
Ausdruck gerade wird bei ihnen gemieden, die zu starke Erhitzung gilt
fr unanstndig. So ist unser ganzes Leben aus einem blhenden naiven
Naturdasein zu einem abstrakten, ohnmchtig reflektierten, von einigen
allgemeinen Formeln umschlossenen geworden. Fern sei der Gedanke diese
Losreiung von dem natrlichen Pflanzenleben zu verurteilen; Abstraktion
ist gegen Unmittelbarkeit die hhere Stufe und unser allzu geistiges
Dasein mu zu einer zweiten Natur, zum Ziel schner Sittlichkeit fhren;
so wie unsre Sitten aber jetzt sind, mssen sie den Dichter und Knstler
anwidern, vor der sthetischen Betrachtung sind sie verworfen. In
welchem traurigen Dilemma befindet sich der Bildhauer, der einen
heutigen Helden als Statue zu bilden hat: abgesehen davon, da
Heldengre heutzutage nicht durch Kraft und Anmut des Leibes, sondern
auf Kosten derselben erreicht wird, die Skulptur also an dem zu
verherrlichenden Manne eigentlich nichts darzustellen findet, so mu der
Knstler entweder das abstrakt idealisierende Kostm, z. B. die antike
Toga, wo alle Wahrheit aufgeopfert wird, oder den modernen Frack und die
Militruniform whlen, wo alle plastische Schnheit ausgeschlossen ist.
Einen Mann wie Napoleon konnte der Erzgieer in seinem Ueberrock und
seinem dreieckigen Hute auf die Vendmesule stellen: der Held hatte
sich so der Vlkerphantasie auf immer eingeprgt und von historischer
Macht ergriffen hat der Sinn beim Anschauen des Bildes gleichsam nicht
Zeit auf die Linie der Schnheit zu achten. Im brigen ist die Bildnerei
beschrnkt auf mythologische Figuren und Gruppen, berhaupt auf
Gegenstnde, die unserm Sinn und Leben fernliegen. Wie sie das Nackte
bei uns schmerzlich vermit, denn wir verhllen alles, wie sie unsern
gebrechlichen verunstalteten Krper berhaupt verschmht, so sucht die
Malerei bei uns vergebens nach Reprsentation, nach augenflligen
Szenen, Handlungen und Momenten. Der epische Dichter, um auf diesen
zurckzukommen, befindet sich in gleicher Verlegenheit wie die bildende
Kunst; er soll eine Welt poetisch schildern, die sich der poetischen
Darstellung auf allen Punkten entzieht, die sich gar nicht fassen lt,
da sie das Sinnliche abgestreift oder, wo sie es nicht aufgeben konnte,
wenigstens so viel als mglich ins Dunkel verwiesen hat.

Unter solchen Umstnden griff Goethe mit glcklichem Takt nach
derjenigen Schicht der Gesellschaft, die der Einfalt der Natur in Worten
und Werken noch nahe stand, ohne mit dumpfem Bldsinn gegen die Weite
der Welt und des Lebens verschlossen zu sein. Es ist eine Brgerfamilie,
die zugleich das schne uralte heilige patriarchalische Geschft des
Ackerbaues treibt. Dadurch ist sie mit der lebendigen Natur in
bestndiger Berhrung; Wolken und Winde, Regen und Sonne, der stille
Wechsel der Jahreszeiten ist ihr wichtig; krperliche Arbeit wird von
ihr gefordert; ihre Mhen wie ihre Erholungen sind sinnlicher Art.
Hermanns Vater ist kein bleicher, blder Gelehrter, dem es hinter der
Oellampe gleichgltig ist, ob es in der brigen freien Welt regnet oder
schneit; er sitzt vor seiner Thr und zum Himmel schauend spricht er:
Schnes Erntewetter morgen! Hermann, der Sohn, schirrt die Pferde
selbst, legt ihnen das Gebi an, zieht die Riemen durch die Schnallen,
befestigt die Zgel, fhrt die so geschirrten Tiere auf den Hof, auf den
unterdes der Knecht die Kutsche schon hinausgeschoben, setzt sich auf
den Bock, bndigt die Hengste, schwingt die Peitsche und fhrt bergan
und bergunter. Er ist es, der arbeitend und anordnend auf den Feldern
waltet; am Erntetag, wo gewi die ganze Familie Hand anlegt, wird dann
auch das lndliche Mahl im Schatten des Baumes gehalten, ganz wie auf
dem Schilde des Achilles, whrend die Schnitter die goldnen Halme
sicheln und zusammenbinden, die Herolde unter der Eiche das schne Mahl
bereiten und krbetragende Frauen ihnen dabei zur Hand gehen. Hermann
sagt von sich selbst:

    Und ich verstehe wohl gut die weltlichen Dinge zu sondern,
    Auch hat die Arbeit den Arm und die Fe mchtig gestrket.

Auch sein Blick ist scharf: auf seiner ersten Fahrt fllt ihm sogleich
ein Wagen, von tchtigen Bumen gefgt, ins Auge; zwei gewaltige Ochsen
schreiten ihn ziehend daher, die er sogleich als auslndische erkennt.
Auch Dorothea ist ein Mdchen voll frischer buerlicher Lebenskraft: sie
ist keine therisch-sentimentale Stubenblume, trgt kein Korsett, ist in
keiner Pension erzogen und liest keine blumigen Novellen aus Almanachen
mit goldnem Schnitt, keine vergoldeten Gedichte von Theodor Krner oder
Emanuel Geibel. Der Richter rhmt von ihr, sie sei rstig geboren und
ebenso gut als stark; Hermann selbst vergit neben dem Verstande, der
sich in ihren Worten zeigt, unter ihren Eigenschaften nicht die frohe
Gewandtheit, die Strke des Arms, die volle Gesundheit der Glieder.
Phantasielose Rezensenten der alten Schule fanden es bei Erscheinen des
Gedichts zu niedrig, da Dorothea die Ochsen treibt, Wasser holt, sich
als Magd verdingt. Aber gerade dies Bild Dorotheens neben den Ochsen mit
dem Stabe ist wie das der Wasserschpfenden von rhrender homerischer
Einfalt und Menschlichkeit. Der Ochse und die Kuh sind seit der ersten
Gesittung des Menschengeschlechts in das Leben und die Sitten desselben
verflochten, es sind heilige Tiere wie das Ro, sie sind poetisch wie
der Pflug; sie dienen dem Menschen in geruhiger Wrde, ganz Nahrung und
Gedeihen ausdrckend. Gern verweilt die Phantasie an ihnen gleichwie an
Szenen aus der kindlichen Zeit primitiver Menschengeschlechter, gern
stellte auch die bildende Kunst den Menschen neben sie und statt
Niedrigkeit finden wir Adel in jener Gruppe Dorotheens und Hermanns auf
der Landstrae. Auch Dorotheens buerliche Tracht ist noch so bunt
sinnlich, da sie Stck fr Stck an zwei Stellen des Gedichts vom
Dichter beschrieben, da das Mdchen auf ganz episch primitive Weise
nach ihr erkannt und beurteilt werden konnte. Bei alle dem sind es
nicht bloe Bauern, die wir vor uns haben; sie sind nicht wie diese
stumpfsinnig auf das nchste sinnliche Dasein gerichtet. Das stdtische
Brgertum, dem sie zugleich angehren, die Wohlhabenheit, in der sie
leben, hat ihre freiere geistige und sittliche Entwicklung begnstigt.
Hermanns Vater ist kein roher Dorfbauer, er ist zugleich Gastwirt,
dadurch mit den verschiedensten Menschen in Berhrung gekommen, in den
Stand der Reflexion bergetreten und eine Art Weltmann im kleinen
geworden. Auch bei den brigen Personen finden wir auf ganz homerische
Weise die Einfalt der Lebensgewohnheiten und kindlich-sinnliche
Beschrnktheit der Lebenssphre mit echt menschlicher Zartheit der
Empfindung und gesunder Einsicht in die allgemeinen Verhltnisse
gepaart. Jene Wohlhabenheit, die so gnstig wirkt, wird dennoch nur
durch Arbeit erhalten, wie sie nur durch Arbeit gewonnen worden; und
diese Arbeit ist wiederum nicht die des armen Knechtes, des gedrckten
Hrigen und an gemeine Dienstverrichtungen gefesselten Proletariers; sie
macht darum nicht roh und unfltig wie in dem einen, nicht unterwrfig
und gehorsam wie in dem andern Falle. Der fleiige Hermann hat dennoch
noch einen Knecht, der ihm zur Hand geht. So gewann der Dichter gerade
bei solcher Lebensstellung seiner Personen die ntige Naturlebendigkeit,
indem er zugleich eine reiche Welt innerlicher sittlicher Motive vor uns
aufthun konnte. Wir sammeln im Folgenden die einzelnen Zge, die das
Bild dieser brgerlich-lndlichen Sphre der Sitten vervollstndigen.

Hermanns Vater hat auf der Brandsttte beider Huser die Mutter zur
Gattin gewhlt; der Brand aber war vor zwanzig Jahren geschehen; Hermann
selbst wird also nicht mehr als achtzehn oder neunzehn Jahre zhlen.
Dennoch ist er lngst von den Eltern getrieben worden, sich eine Braut
zu whlen und ihm selbst ist das Leben de und einsam erschienen, weil
er der Gattin entbehrte: alles dies schon im achtzehnten bis neunzehnten
Jahre. So ist hier also die schne Naturordnung noch ungeirrt, nach
welcher der Jngling, wenn er zeugungsfhig geworden, mit dem Weibe sich
verbindet und jetzt erst das sittlich erfllte Leben, derjenige
Abschnitt desselben beginnt, zu dem alles Vorhergehende nur
Vorbereitung ist. In der Zivilisation unsrer groen Stdte heiratet der
Mann meistens dann, wenn er abgelebt ist und nach erschpftem Genu sich
ein husliches Asyl schaffen will; die Ehe ist das Hospital fr den im
Kriegsdienst des Lebens Aufgeriebenen und Ermdeten. In frischen Jahren
fehlt in der Regel das ernhrende Amt oder die einseitig geistige
Ausbildung ist noch nicht vollendet oder das Freiheitsgefhl hindert den
Jngling bei unsrer Form der Ehe sich auf ewig zu binden. Die Idee der
Familie kommt dabei nur verkmmert zur Wirklichkeit; wie selten ist
jener so rhrend patriarchalische Kreis, wo um das wrdige weie Haupt
des Ahnherren die Kinder, die Enkel, die Schwiegershne und
Schwiegertchter, die homerischen [Greek: galo kai einateres eupeploi]
mit ihren Abkmmlingen sich gruppieren und seine segnende welke Hand
kssen, wo der Grovater noch rstig sich regt und neben ihm mit Hfen
und Aeckern der Sohn, der Enkel sich angebaut hat. Auch Hermanns Mutter
war nach ihrer eigenen Erzhlung fast noch ein Kind, da der Vater sie
zur Braut whlte, so da wir wohl hoffen drfen, sie werde noch als
Gromutter, ja als Aeltermutter in der Mitte des jngeren Geschlechts
sich einer erneuten Jugend freuen. Gegenber der abgeschmackten
Gefhlsromantik unsrer Schauspiele und Romane, die gerade dort alles
Interesse erschpft glauben, wo der eigentliche Inhalt des Lebens erst
recht beginnt, gehrt auch dies zu der Lauterkeit homerischer
Empfindungsweise, die uns aus dem ganzen Gedicht so wohlthuend anweht.

Auch der folgende echtbrgerliche, auf Hervorwachsen einer Familie aus
der andern bezgliche Zug fehlt in dem Gedichte nicht. Die Eltern
bereiten der Tochter schon frhe eine Art Aussteuer: die Mutter sammelt
ihr manche Jahre hindurch Leinwand im Kasten, zu der sie das Garn ohne
Zweifel selbst gesponnen hat, die Taufpaten verehren ihr Silbergert und
der Vater legt im Pult die seltene Goldmnze fr sie zur Seite.

Ein Zug von hoher Wahrheit wird es jedem, der das Brgerleben, die
Sitten der kleinen Stadt kennt, erscheinen, wenn bei den Personen unsres
Gedichts das Brandunglck, von dem die Stadt vor zwanzig Jahren
betroffen wurde, zur Zeitbestimmung dient und beim Zurckdenken die
Epochen des Familienlebens, das Vorhandene und Geschaffene im Geiste
sich immer an jenes Ereignis knpfen. Es war zwei Jahre nach dem groen
Brande, sagt der, der auf ein Vergangenes sich besinnt, der das
Geburtsjahr irgend eines Hauses, einer Einrichtung u. s. w. angeben
will.

In lterer Zeit, berichtet der Apotheker, war es Gebrauch, da, wenn die
Eltern fr ihren Sohn eine Braut sich ersehen hatten, sie einen
vertrauten Freund des Hauses als Freiersmann zu den Eltern des Mdchens
sandten. Dieser kam etwa Sonntags nach Tische stattlich geputzt in das
erkorene Haus, sprach zuerst ber allgemeines, lenkte dann das Gesprch
geschickt auf die Tochter, die er samt ihren Eltern rhmte, dann auf den
Mann, der ihn gesandt hatte, den er gleichfalls lobte. Gegenseitig
merkte man bald die Absicht und den Willen und konnte sich weiter
erklren; ward der Antrag abgelehnt, so war's fr keinen eine Schande.
Gelang aber die Unterhandlung, so blieb in dem Hause des neuen Paares
der Freiersmann auf immer der erste. Jetzt ist das alles, fgt der
Sprechende hinzu, mit andern guten Gebruchen aus der Mode gekommen. --
Hier ist zunchst die letzte Aeuerung in ganz brgerlichem Geiste: der
Brger liebt es, in die behaglichen Zustnde der Gegenwart eingesponnen,
auf die Sitte der Voreltern sich zu beziehen und mit der Phantasie sich
eine gemtlich ideale Welt aus Erinnerungen des Alten zu erbauen. Auch
Homer hat eine solche grovterliche Zeit im Hintergrunde, wo die
Menschen strker waren und mit den Gttern verkehrten; [Greek: hoioi nyn
brotoi eisin] heit es oft halb verchtlich. So beruft sich auch der
Vater an einer Stelle auf die Alten:

    Einmal fr allemal gilt das wahre Sprchlein der Alten.

Dann ist jene Art der Ehestiftung, wo die Eltern whlen, die ganz
unverflscht brgerliche; nicht die Romantik eigensinniger Phantasie,
wie bei dem Minnen des Rittertums, sondern Gemt und Verstand, das
Familiengefhl sind bei derselben thtig; nicht Individuum verbindet
sich mit Individuum, sondern Familie mit Familie. Der Sohn mu heiraten,
dieser Entschlu geht voraus; die Eltern ratschlagen; indem sie seinen
Sinn auf ein Mdchen lenken, folgt daraus die Neigung. Und Hegel an
einer merkwrdigen Stelle der Rechtsphilosophie erklrt diese Art der
Ehestiftung sogar fr sittlicher als diejenige, wo nicht die
Veranstaltung der wohlgesinnten Eltern und der Entschlu zur
Verehelichung den Anfang macht und die Neigung erst zur Folge hat,
sondern wo der Jngling verzaubert an der Vorstellung eines bestimmten
Mdchens haftet: dort nmlich gilt die objektive Sittlichkeit der Ehe
berhaupt, hier setzt die moderne bergreifende Subjektivitt an eine
Grille alles Glck und Wehe. Dennoch liegt in jener Wahl durch die
Eltern etwas Hartes, Gebundenes, Unerschlossenes; es wird darum diese
Sitte in die Zeit der Eltern zurckverlegt, also in eine Hhe, zu der
wir mit Ehrfurcht aufblicken und von der alle Quellen der Sittlichkeit
zu uns herabgerauscht kommen.

Nachdem die Woche fleiig gearbeitet worden, ist der Sonntag die Zeit
der Erholung, der Landfahrten. Dieser brgerliche Zug kommt mehrmals
vor. Damals, als der Vater des Apothekers dem Knaben durch Hinweisung
auf die Tischlerwerkstatt die Ungeduld benahm, war es ein Sonntag und
die Fahrt sollte zum Lindenbrunnen gehen. Als vor zwanzig Jahren die
Feuersbrunst ausbrach, wurde sie deshalb so gefhrlich, weil als am
Sonntag alle Leute in festlichen Kleidern spazierend auf den Drfern und
in Schenken und Mhlen zerstreut waren. Und heute, wo unsre Geschichte
vorgeht, ist gleichfalls Sonntag; nur heute hat der arbeitsame Hauswirt
Zeit, behaglich unter dem Thorweg zu sitzen und mit den Nachbarn zu
schwatzen; nur heute knnen diese auf der Stelle die Fahrt ins Dorf
machen und dort verweilend sich erkundigen. Gerade diese Bedeutung des
Sonntags und der Feste ist dem Brgerstande eigentmlich. Dem Vornehmen
und Reichen ist jeder Tag gleich, er wrde es fr schlechten Ton halten,
gerade am Sonntag sich besonders herauszuputzen und berlt sich an
jedem Tage mit Freiheit dem Genu und der Pflege des Krpers. Der Brger
besucht Sonntagvormittags in festlichen Kleidern, frisch gewaschen und
gekmmt, das Gesangbuch unter dem Arm, die Kirche und macht nachmittags
Spaziergnge zum Thor hinaus, begleitet von Frau und Tchtern und
Gesellen und Burschen, wie dies im Faust am Ostersonntag geschildert
wird. Die Stube ist an solchem Tage frisch mit Sand bestreut; ein
Gericht mehr kommt auf den Tisch. Unbertrefflich hat Goethe selbst das
Poetische der arbeitsamen Regelmigkeit des Brgerlebens in dem Gedicht
der Schatzgrber ausgedrckt, welches mit den Worten schliet:

    Tages Arbeit, abends Gste,
    Saure Wochen, frohe Feste
    Sei dein knftig Zauberwort.

Das Brgertum, wo es unverdorben und in seinem ursprnglichen Sinn sich
erhalten hat, liebt es die sittlichen Mchte, von denen es regiert wird,
in Sprichwrter, Maximen, Lebensregeln, allgemeine Erfahrungsstze
zusammenzufassen. Der ehrsame Meister, wenn er seinen Lehrlingen gute
Lehren mit auf den Weg gibt, wenn er abends auf der Bank vor seiner
Hausthr sitzt und das menschliche Treiben behaglich bespricht, die
Nachbarn, wenn sie beim Kruge Bier sich das Herz ffnen, bedienen sich
immer sprichwrtlicher Sentenzen, in denen sich ihre Moral wie ihre
Lebensweisheit ausdrckt. Solche Erfahrungsstze sind eigentlich die
Religion des ehrsamen, fleiigen, verstndig-herzlichen Brgers und sie
leiten sein Thun mehr als die Dogmen, die er Sonntags in der Kirche
hrt, so hei ihm auch oft die Hlle dort gemacht wird. In der
Brgerregion sind die Sprichwrter ganz eigentlich zu Hause. Als die
Adelsromantik im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts abblhte und die
Literatur von den Schlssern der adligen Grafen und Herren zu den
znftigen Meistern der Stdte herabstieg, da that sich in
Spruchgedichten jene brgerliche Lebensweisheit auf wie im wlschen
Gast, in Freidanks Bescheidenheit, im Renner des Hugo von Trimberg, in
den Priameln der Meistersngerschulen, jene dumm-tchtige,
unerschtterliche, etwas konventionelle Moral, die den brgerlichen
Philister ausmacht. So ist auch Sancho Panza, der Reprsentant des
derben plebejischen Realismus, ganz voll von Sprichwrtern, mit denen
er die sublimen Schwrmereien seines Herren ins komische zieht.
Sprichwort und Fabel ist Handwerkspoesie. In Hermann und Dorothea ist
dies der Ton, in dem alle Reden gehalten sind; es sind ganz brgerliche
Reflexionen, menschliche Verhltnisse betreffend, voll naiven Glaubens
an die sittlichen Ideen, wie ihn Weltmenschen so oft belachen, ohne die
dogmatische Herzenshrtigkeit, wie sie Theologen so oft beherrscht,
Maximen, gesammelt aus der Lebenserfahrung des Kleinstdters und
Dorfbewohners, eingegeben von der Mitempfindung des in den mannigfachen
menschlichen Verhltnissen waltenden sittlichen Geistes. Da das
Sprichwort Allgemeingedanke des Volkes ist, da es traditionelle Klugheit
enthlt, so kann es nicht originell und geistreich sein und der geniale
Kopf verschmht es; es ist der Ausdruck des begrenzt-sittlichen,
beschrnkt-verstndigen Brgertums, das eine natrliche Abneigung gegen
alles Ungewhnliche hat, dem nichts ferner liegt als Schrankenlosigkeit
des Gefhls oder der Phantasie. Blttern wir nur in den Anfangsgesngen
unsres Gedichtes, so finden wir eine Menge dieser unscheinbaren
Reflexionen:

    Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. --
    Mancherlei Dinge bedarf der Mensch und alles wird tglich
    Teurer: da seh' er sich vor des Geldes mehr zu erwerben. --
    Ein wackerer Mann verdient ein begtertes Mdchen. --
    Ungerecht bleiben die Mnner, die Zeiten der Liebe vergehen. --
    Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm. --
    Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden erwachsen
    Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,
    Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung. --
    Wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,
    Da gewhnet sich leicht der Brger zu schmutzigem Saumsal,
    Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewhnet. --
    Denn wir knnen die Kinder nach unserm Sinne nicht formen;
    So wie Gott sie uns gab, so mu man sie haben und lieben,
    Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewhren. --
    Der eine hat die, die andern andere Gaben,
    Jeder braucht sie und jeder ist doch nur auf eigene Weise
    Gut und glcklich. --
    Einmal fr allemal gilt das wahre Sprchlein der Alten:
    Wer nicht vorwrts geht, der kommt zurcke; so bleibt es. --
    Denn wer lange bedenkt, der whlt nicht immer das Beste. --
                                              Ein Tag ist
    Nicht dem anderen gleich: der Jngling reifet zum Manne;
    Besser im stillen reift er zur That oft als im Gerusche
    Wilden schwankenden Lebens, das manchen Jngling verderbt hat. --
    Aller Zustand ist gut, der natrlich ist und vernnftig. --
    Vieles wnscht sich der Mensch und doch bedarf er nur wenig,
    Denn die Tage sind kurz und beschrnkt der Sterblichen Schicksal. --
    Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:
    Eh du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,
    Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,
    Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe. --
                            Der Augenblick nur entscheidet
    Ueber das Leben des Menschen und ber sein ganzes Geschicke;
    Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschlu nur
    Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verstnd'ge das Rechte;
    Immer gefhrlicher ist's beim Whlen dieses und jenes
    Nebenher zu bedenken und so das Gefhl zu verwirren u. s. w.

Auch Schiller liebt es, in lyrischen Gedichten wie in Tragdien
Sentenzen anzubringen, aber wie verschieden sind sie von denen in unsrem
Gedicht! Es sind Prachtgedanken, philosophische Sprche, mit bildlichem
Schmuck umgeben, blendende rhetorische Antithesen; hier ist es der
schlichte Sinn der mannigfaltigen Lagen des Lebens, der ohne Prtension
in einer allgemeinen Bemerkung sich aufthut. Daher ergreifen diese Reden
wie echte Lebensweisheit; daher kann man von diesem Gedicht sich durchs
ganze Leben begleiten lassen und es immer wieder vornehmen und lesen.
Die Maximen sind nur leichte ideale Gegenbilder der schnen realen
Sittlichkeit, die sich hier als eine konkrete Welt von Handlungen und
Charakteren vor uns ausbreitet.

Die positive Religion hat in diesem Gedicht voll reiner Menschlichkeit
keine Stelle gefunden. Nur einmal tritt sie in einer vorbergehenden
Andeutung auf, wo des Tedeums am Friedensfeste erwhnt wird; der Vater
wnscht, Hermann mchte dann auch mit der erwhlten Braut vor den Altar
treten. Die Religion ist hier also nicht getrennt von dem schnsten
Inhalt des Menschenlebens und seinen reichsten Momenten, der
Friedensfeier und der Ehestiftung, Momente, die so reich sind, da alle
Lebenskraft, die die Kirche noch besitzt, ihr von dorther zufliet und
sie an ihnen parasitisch ihr Dasein fristet.

Kleinstdtisch und brgerlich ist auch die Geltung, die der
Nachbarschaft zukommt. Der Apotheker wird als Nachbar angeredet und er
hat als solcher ein Recht, der Familie nahe zu stehen. Frisch, Herr
Nachbar, getrunken! ruft ihm der Vater zu, und ein andermal: Gern geb'
ich es zu, Herr Nachbar. Auch Hermann redet ihn so an: Nachbar,
keineswegs denk' ich wie Ihr. Die Nhe der Wohnung wird zum Bande der
Freundschaft, zur geistigen Nhe und Vertraulichkeit. Nachbarn sehen
sich oft, kmmern sich um einander, helfen sich aus; die Kinder
erwachsen zusammen spielend auf denselben Hfen, an denselben
Gartenzunen. Alexis und Dora, auch Hermanns Eltern waren
Nachbarskinder. So wird auch Frau Martha im Faust von Gretchen Nachbarin
angeredet und ihre Freundschaft rhrt daher. Der Vater wnscht, Hermann
mge aus dem grnen Nachbarhause sich eine der Tchter des Kaufmanns
whlen, mit denen er als Knabe so oft gespielt. In groen Stdten umgibt
uns keine trauliche Teilnahme der Nahewohnenden; wir verlieren uns
isoliert und fremd in den wechselnden Strom der gleichgltigen Menge.
Kaum kennen wir den, der ber uns im zweiten Stock wohnt, kaum gren
wir ihn; in demselben Hause oft zu gleicher Zeit eine Hochzeit und ein
Leichenbegngnis, beide nichts von einander wissend; aus den Zeitungen
erfahren wir, da gestern in dem Dachzimmer uns gegenber ein
Selbstmrder seinem Leben ein Ende gemacht; und wenn ein einsamer
Unglcklicher, in der Verlassenheit weinend, aus dunkler Kammer auf die
Strae hinausblickt, sieht er oft die Fensterreihe, die ihm gegenber
liegt, glnzend erleuchtet und wei nicht, welches Fest dort von
Unbekannten begangen wird, ob eine Verlobung oder ein Geburtstag oder
eine Rangerhhung.

Den armen Flchtlingen gegenber findet sich die Brgerfamilie nicht
durch einen baren Geldbeitrag ab, nicht mit einer Hilfeleistung =in
abstracto= ohne menschliche Nhe und Teilnahme; sie sendet den Ueberflu
der Wirtschaft, Schinken und Brot, Bier und Leinwand und lt den
Notleidenden so unmittelbar teilnehmen an der eigenen Wohlhabenheit. So
kauft der lndliche Brger seine Hausbedrfnisse auch nicht fr Geld aus
dem Laden: er braut sein Bier selbst, backt sein eigenes Brot, gewinnt
die Wsche aus eigenem Flachs durch eigenes Spinnen und Weben und
erzieht das Schwein selbst, das ihm den Schinken und die Wrste liefert.
Ist das Erzeugnis der eigenen Arbeit auch nicht immer so vollkommen wie
die aus groen Anstalten bezogene Ware, so ist es doch lauter und echt,
nicht blo scheinbar, auch nicht vermengt und geflscht. Und auch besser
schmeckt es und trgt sich besser, denn die Erinnerung an die eigene
Mhe, an manche aufgewandte Kunst und Fertigkeit haftet daran.




Diktion.


Das Innere der Dichtung, wie wir es bisher besprochen, tritt mit seiner
Entfaltung in Stil und Sprache bis in das einzelne Wort nach auen und
ist in der krperlichen Hlle berall durchsichtig und gegenwrtig. Wie
der Umfang des Bildes bei allem Reichtum der Lebenserfahrung, den es
einschliet, nicht gro ist, so ist auch in der Diktion Einfalt und
schlichte Bescheidenheit das erste Merkmal, das uns in die Augen fllt.
Aus dem reichen Schatz von Worten und Wendungen, die die Sprache bot,
griff der Dichter nach dem Unscheinbarsten und Gewhnlichsten; er ist so
sparsam an Schmuck, da der Unkundige, der Verbildete geneigt ist, das
Ma fr Klte und die Sparsamkeit fr Armut zu erklren. Die uerste
Anspruchslosigkeit zeigt sich gleich bei den Epitheten, mit denen der
Dichter die Nennung der Personen begleitet: der treffliche Hauswirt, der
menschliche Hauswirt, der gute Vater, der edle verstndige Pfarrherr,
der wohlgebildete Sohn, der alte wrdige Richter, der gehaltene
Jngling, der sinnige Jngling u. s. w. Dieselbe Schlichtheit herrscht
auch sonst in der Wahl adjektivischer Bezeichnungen. Dorothea sagt:

                            O lat mich dieser Erinnrung
    Einen Augenblick weihen, denn wohl verdient sie der Gute.

Der Pfarrer sagt von Dorotheen, die eben in hchster Erregung ihr holdes
Bekenntnis gethan und nun durch die Sturmnacht nach Hause will, wodurch
sie jedem um das Geheimnis wissenden Anwesenden so ungemein lieblich
erscheinen mu:

    Welche Klugheit htte denn wohl das schne Bekenntnis
    Dieser Guten entlockt?

Dorothea spricht mit demselben Lieblingsworte des Dichters zu Hermann:

    Guter, dem ich zunchst ein freundlich Schicksal verdanke.

Und frher am Brunnen:

    Da ich finde den Guten, der uns so manches gereicht hat.

Von der Wchnerin sagt sie:

    Ja, ich gehe mit euch, sobald ich die Krge den Freunden
    Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.

Hermann spricht zu den Freunden:

    Glaubt ihr, es sei ein Weib von solcher Schnheit und Sitte
    Aufgewachsen, um nie den guten Jngling zu reizen?

Und:

    Und mit wenigen Worten entscheide die Gute mein Schicksal!

Zu Dorothea auf dem Heimgange:

    Gutes Mdchen, halte mich nicht fr kalt und gefhllos!

Dorothea zur Wchnerin:

    O, so gedenkt des Jnglings, des guten, der sie uns reichte!

Unmittelbar darauf heit es:

    Und sie kniete darauf zur guten Wchnerin nieder.

Einige Verse weiter spricht der Richter:

    Aber den Menschen, der alles erhlt, wenn er tchtig und gut ist.

Der Pfarrer sagt:

                                    Komm, da wir
    Um sie werben und bald nach Hause fhren die Gute.

Den schreienden Kindern wird versprochen:

        Sie geht in die Stadt und bringt euch des guten
    Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte.

Nach Goethes Weise, der ganz als Dichter von dem Schlechten nicht
abstrakt moralisch verletzt, sondern als von etwas Ordnungswidrigem
sthetisch gestrt wird, steht auch in unserm Gedicht dem Wunderlichen
und Verworrenen als Tadel das Ruhige und Verstndige als Lob gegenber.
Der Vater sagt:

    Mir ist lstig dies wunderliche Beginnen.

Ferner:

    Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet.

Und Dorothea nennt sich da, wo sie dem Vater den Verdru abbittet, eine
Verworrene:

    Ja, der erste Verdru, an dem ich Verworrene schuld war,
    Sei der letzte zugleich!

Dagegen ist das Ruhige und Verstndige berall das mild lobende Beiwort.
Dorothea sagt zu Hermann:

    Kommt und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten!

Der Pfarrer, als er den Richter die Streitenden hat beschwichtigen
sehen, preist seinen ruhigen Sinn:

    Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen
    Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte.

Auch an dem Brgerlose rhmt er das Ruhige:

    Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Brger. --
    Nein, der Mann bedarf der Geduld, er bedarf auch des reinen
    Immer gleichen ruhigen Sinns und des graden Verstandes. --
    Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemhen!

Hermann sagt von dem Eindruck, den Dorothea auf ihn gemacht:

    Als ich die Worte vernahm, die verstndigen, war ich betroffen.

Und Dorothea in der Abschiedsszene wiederum von ihm:

    Also folg' ich ihm gern; er scheint ein verstndiger Jngling.

Der Pfarrer gibt Hermann dasselbe Prdikat:

    Nun verkennet es nicht, das Mdchen, das eurem geliebten
    Guten verstndigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.

Auch sonst findet sich das gemigte Beiwort:

    Es ergreift doch nur der Verstnd'ge das Rechte.

Ein andermal:

    Bald zu thun und gleich, was recht mir deucht und verstndig.

Ein drittesmal:

    Ach, da sieht man sich um, wer wohl der verstndigste Mann sei.

Auch das Reinliche und Saubere erscheint als allgemeines Lob, nicht blo
der Kleider:

    Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider;

sondern auch sonst:

    Lie zurck die Mauern der Stadt und die reinlichen Trme. --
      Wo die Hengste rasch den reinen Hafer verzehrten. --
    Knpften mit sauberen Stricken die Kraft der Pferde. --
    Wenn ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quelle genieet. --
    Denn, wer die Stdte gesehen, die groen und reinlichen, ruht nicht. --
    Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut.

Dieselbe Migung zeigt sich in den Ausdrcken fr Schmerz und Freude.
Ein wiederkehrendes Wort ist das milde 'traurig', ihm gegenber
'bequemlich', 'erquicklich', 'behaglich', 'freundlich', besonders
'munter'. Das Wort 'munter' kehrt z. B. in der Erzhlung des Richters
von den Revolutionsereignissen mit kurzen Zwischenrumen dreimal wieder.
Mit derselben Einfalt wiederholt sich berall das Wort 'herrlich' als
hchstes Lob, zu dem die Rede es bringt: herrlich glnzte der Mond; im
Schatten des herrlichen Baumes; die herrliche weite Landschaft.

    Streifen nicht herrliche Mnner von hoher Geburt nun im Unglck? --
      Sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten. --
    Von der herrlichen That, die jene Jungfrau verrichtet. --
    Und so fhlt er die herrliche Last. --
                              Es zeigte das herrliche Paar sich. --
    Alle lobten das herrliche Wasser. --
    Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mdchens entgegen. --
      Und redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens u. s. w.

Von hchster Anspruchslosigkeit sind auch die folgenden Adjektiva:

    Von der begeisternden Freiheit und von der lblichen Gleichheit. --
    Von dem wrdigen Dunkel erhabener Linden beschattet. --
    Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begnstigt. --
    Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. --
    Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.

Ebenso die adverbialen Zustze:

    Da versetzte der Wirt mit mnnlichen klugen Gedanken. --
    Ruhig erwiderte drauf der Sohn mit ernstlichen Worten. --
    Und es versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck u. s. w.

Dieselbe Blsse des Ausdrucks bei Schilderung der die Personen
bewegenden Empfindung. Das Mdchen, sagt Hermann von seiner Geliebten:

                    Das ich allein nach Haus zu fhren begehre. --
    Wnschtest du nicht noch vorhin, er mchte heiter und lebhaft
    Fr ein Mdchen empfinden? --
    Sollt' ich im Arme der Braut, der zuverlssigen Gattin
    Mich nicht erfreuen des Kriegs?

Dorothea von ihrer Liebe zu Hermann:

    Sondern weil mir frwahr im Herzen die Neigung sich regte
    Gegen den Jngling. --
              Wo ich beschmt und ngstlich nur stehe,
    Frei die Neigung bekennend und jene thrichte Hoffnung.

Hermann tadelt des Apothekers Egoismus, der

                            Leiden und Freuden zu teilen
    Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird.

Dieselbe khle Wendung braucht der Pfarrer von Hermanns Liebe:

                    Das Mdchen, das eurem geliebten
    Guten verstndigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.

Auch die Wonne der endlichen Vereinigung beider Liebenden spricht sich
zwar gesteigerter, aber immer noch mit sparsamer Beherrschung des
Ausdrucks am Schlusse aus:

                    Da schn mir die Liebe das Glck hier
    Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschliet.

Auch in den Naturszenen sind nur ganz milde Farben aufgetragen:

                                                Die herrliche weite
    Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hgeln umherschlingt.

So die Schilderung der Weinlese, selbst im vorletzten Gesange die des
Gewitters und Mondscheins:

    Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne u. s. w.

und spter:

    Herrlich glnzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter u. s. w.

Diese Einfalt und Schlichtheit der Rede hat aber nicht den Sinn, als sei
sie dem Gegenstande nicht gewachsen. Im Gegenteil: mit den geringsten
Mitteln erreicht der Dichter die tiefste Wirkung. Die Wahrheit ist es,
wodurch er wie durch Zauber die Phantasie weckt und das Gemt rhrt.
Kein falsches Wort drngt sich zwischen den Gegenstand und die
Anschauung, kein ungehriger Ton trbt die durchsichtige Klarheit, die
uns bis ins innerste Herz der Dichtung blicken lt. Alles blo
Rhetorische, alle knstlichen Blumen, Tropen und Metaphern sind hier
ausgeschlossen. Ein Pbelgeschmack, der grelle Farben liebt, eine durch
Gewrz abgestumpfte Zunge, ein kindisches Urteil, das sich durch
blitzende Glasperlen bestechen lt, kann an dieser einfach-wahren Rede
kein Gefallen finden, die so schmiegsam dem jedesmaligen Gegenstande
sich anschliet, die Empfindung in ihren innersten Tnen voll und leise
hervorstrmt und berall den gediegenen Gehalt des Gedankens ohne Abzug
und Zusatz auf ganz antik naive Weise ausprgt. Je prunkloser und
ruhiger sie ist, desto mehr hat es der Dichter in der Gewalt durch
vermehrte Wrme, erhhte Farbe und beschleunigte Bewegung die Wirkung an
passenden Punkten ins Unendliche zu steigern. Solche Stellen sind die
Blumen unter den Blttern im Kranz:

    Gib auch Bltter, den Glanz der blendenden Blumen zu mildern;
      Auch das Leben verlangt ruhige Bltter im Kranz.

So ist zwar zur Schilderung von Hermanns Liebe nicht viel Aufwand von
Worten gemacht, dennoch kommen glhendere Stellen wie folgende vor, wo
nun die Wirkung um so tiefer ist:

    Ich will den Mund noch sehen, von dem ein Ku und das Ja mich
    Glcklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstret. --
                            Und ses Verlangen ergriff sie. --
    Hermann hrte die Worte nur flchtig; ihm bebten die Glieder
    Innen und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.

Wenn der keusche Dichter einmal ein Bild braucht, so bt es gewi durch
beglckende Wahrheit eine ergreifende Macht auf unsre Phantasie. Ein
geringerer Dichter htte sich z. B. die Gelegenheit nicht nehmen lassen
das Gewitter, das die Liebenden berfllt, mit Pomp zu schildern: Hier
finden wir nur wenige Striche, die aber eine zauberische Wirkung ben.
Sie gingen, heit es, der sinkenden Sonne entgegen, die sich
gewitterdrohend in Wolken hllte und aus dem Schleier bald hier bald
dort eine ahnungsvolle Beleuchtung strahlte. Diese Worte malen aufs
glcklichste den Zustand des Himmels und der Erde in dem Moment, wo
Gewitterwolken die Sonne zu verhllen drohen. Die Streiflichter fallen
dann glhend auf das Feld, ber den Wald, sind zerstreut und
vorbergehend, erscheinen hie und da, werden abwechselnd vom
Wolkendunkel verschlungen und berfliegen die Gegend, wie eine pltzlich
erhellende Ahnung den Geist berfliegt, der dann wieder in bewutloses
Dunkel versinkt. Indem Hermann und Dorothea unter den Birnbaum gelangt
sind, ist es schon Nacht; nur der Vollmond steht am Himmel. Vor ihnen,
sagt der Dichter, lagen in Massen gegen einander Lichter hell wie der
Tag und Schatten dunkler Nchte. Das Eigentmliche des Mondlichtes die
Welt in groe Massen abzusondern ist hier so wahr und einfach angegeben,
da die dadurch erregte Phantasie das Ganze des Bildes leicht vollzieht.
Auch in Schillers Erwartung heit es:

    Der Mond erhebt sein strahlend Angesicht,
    Die Welt zerschmilzt in ruhig groe Massen.

Wie glcklich ist das Gefhl der Wolkennacht in dem Verse ausgedrckt:

    Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken.

Oder das Gefhl des Ackerbaus, der ber fruchtbare Ebenen seinen Segen
erstreckt:

    Von der Erde sich nhrend, die weit und breit sich aufthut.

Oder das Gefhl irrender Flucht, entgegengesetzt dem Gefhl der
Sicherheit, die fester Anbau gewhrt:

    Aber zerrttet die Not die gewhnlichen Wege des Lebens,
    Reit das Gebude nieder und whlet Garten und Saat um,
    Treibt den Mann und das Weib vom Raum der traulichen Wohnung,
    Schleppt in die Irre sie fort durch ngstliche Tage und Nchte u. s. w.

Wie sehr es dem Dichter um Wahrheit, nicht um die knstlichen Regeln der
Rhetorik und Stilistik zu thun ist, lehrt z. B. die Stelle, wo die
Mutter unter dem Birnbaum den Sohn auffordert in seinen Gestndnissen
fortzufahren: Fahre nur fort u. s. w. Hier folgt sich unmittelbar das
Wort 'heftig' dreimal, das Wort 'geschickt' zweimal.

Als eine weitere Eigenschaft der Diktion unsres Gedichts ist eine
gewisse epische Breite, behagliche Geschwtzigkeit und anmutige Flle zu
erwhnen. Die Rede fliet berall wie ein langsamer breitausgedehnter
Strom von Gedanken zu Gedanken. Dahin gehren Stellen wie folgende:

    Wenn er ihm tglich ntzt und mit den Gtern ihm dienet. --
    Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. --
                                            Ihr habt mich
    Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. --
    Durch dein Wort verfhrt und deine bedeutenden Reden.

Von dem Geiste geschwtziger Behaglichkeit ist auch die Form der Stze
und Perioden, die in dem Gedichte herrscht, eingegeben. Immer hell und
natrlich hlt sie eine anmutige Mitte zwischen einem leidenschaftlich
abgebrochenen Aufreihen von lauter Hauptstzen und der rednerischen
vielverschlungenen Periodik. Eine immer wiederkehrende
Lieblingsverbindung der Stze ist die mit 'denn', auch wo das Folgende
nicht unmittelbar den Grund des Vorhergehenden enthlt: diese Partikel
verbindet er auf ganz allgemeine Weise mit behaglich-schwatzender
Argumentation. Beispiele finden sich berall:

    O, wie geb' ich dir recht, du gutes treffliches Mdchen,
    Da du zufrderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!
    Denn so strebt' ich bisher vergebens dem Vater zu dienen u. s. w.

Oder:

    Aber noch frh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten;
    Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt, doch mehr noch
    Krnkte mich's tief, da so sie den guten Willen verkannten,
    Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die Jngste.
    Denn so war ich zuletzt an Ostern hinbergegangen u. s. w.

Und:

    La mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.
    Deinetwegen kam ich hieher und was soll ich's verbergen?
    Denn ich lebe beglckt mit beiden liebenden Eltern,
    Denen ich traulich das Haus und die Gter helfe verwalten u. s. w.

Oder:

    Billig seid ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zhlen,
    Die mit tchtigen Menschen den Haushalt zu fhren bedacht sind.
    Denn ich habe wohl oft gesehn, da man Rinder und Pferde
    So wie Schafe genau bei Tausch und Handel betrachtet u. s. w.

Eine ebenso hufige Uebergangsform ist 'und so', die gleichfalls das
Geprge liebenswrdiger wortreicher Gemtsruhe trgt. Wo wir das Gedicht
aufschlagen, stoen wir auf diese Verbindung:

    Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. --
    Und so fhlt' er die herrliche Last, die Wrme des Herzens. --
    Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegterten Mannes,
    Thust du; indessen mu der Vater des Sohnes entbehren,
    Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Brgern sich zeigte.
    Und so tuschte mich frh mit leerer Hoffnung die Mutter. --
    Dieser kannte das Leben und kannte der Hrer Bedrfnis,
    War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,
    Die uns der Menschen Geschick enthllen und ihre Gesinnung;
    Und so kannt' er wohl auch die besten weltlichen Schriften.

Noch eigentmlicher, aber voll Grazie ist die Verbindung mit 'so auch':

    Was er begehrte, das war ihm gem; so hielt er es fest auch. --
    Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,
    Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. --
    Und sie reichte das Wasser herum; da tranken die Kinder
    Und die Wchnerin trank mit den Tchtern; so trank auch der Richter.

Dahin gehrt auch die anmutige Art einen Nebenzug in Form eines kurzen
Hauptsatzes ohne weitere Verbindung folgen zu lassen:

    Und so sitzend umgaben die drei den glnzend gebohnten
    Runden braunen Tisch; er stand auf mchtigen Fen. --
    Und so kam auch zurck mit seinen Tchtern gefahren
    Rasch an die andere Seite des Markts der begterte Nachbar
    An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,
    Im geffneten Wagen; er war in Landau verfertigt.

Wir fhren noch drei Stellen an, die fr die in dem Gedicht herrschende
Satzverbindung charakteristisch sind:

    Lange hab' ich gelebt und wei mit Menschen zu handeln,
    Wei zu bewirten die Herren und Frauen, da sie zufrieden
    Von mir weggehn; ich wei den Fremden gefllig zu schmeicheln.
    Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertchterchen endlich
    Wieder begegnen und so mir die viele Mhe versen. --
    Und es lst der Besitz sich los vom alten Besitzer,
    Freund sich los von Freund; so lst sich Liebe von Liebe. --
    Heilig sei dir der Tag, doch schtze das Leben nicht hher
    Als ein anderes Gut; und alle Gter sind trglich.

So heit es im Reineke Fuchs:

                                  So scheut das bse Gewissen
    Licht und Tag; es scheute der Fuchs die versammelten Herren,

was prosaisch wre: der Fuchs scheute die Versammlung, wie das bse
Gewissen Licht und Tag zu scheuen pflegt.

Ueberhaupt knnte Hermann und Dorothea gerade im Punkt des Periodenbaus
zu einer reichen Quelle der Belehrung werden. Die Rede fliet so
verbindungslos und dennoch in so ununterbrochenem Zusammenhang, sie
bewegt sich bei dem freisten Gang so voll Numerus, die Glieder, die sich
logisch auf einander beziehen, sind oft so weit von einander, ohne
jemals die volle Klarheit dieser Beziehung einzuben; das epische
Prinzip der Episodik durchdringt so sehr jedes einzelne, da man auch
hierin an Homer und die bei diesem Dichter herrschende Einheit von
Kunst und kindlicher Einfalt erinnert wird. Jakob Grimm bemerkt in
seiner Grammatik, es finde sich nach epischer Weise in Hermann und
Dorothea kein einziges Prsens historicum, whrend in Vossens Luise am
Anfang des dritten Gesangs aus der Erzhlung gewichen wird und Wielands
Oberon nach romanischer Weise solche Prsentia im Ueberflu hat.

Bei aller Wahrheit und Natrlichkeit unterscheidet sich die poetische
Sprache in unserm Gedicht dennoch von der prosaischen des gemeinen
Lebens. Der Dichter erreicht diese Idealitt, indem er scheinbar den
Boden der alltglichen Rede gar nicht verlt, ja indem er auf demselben
ganz bequemlich sich niederlt. Die Nachlssigkeiten der mndlichen
Rede erhebt er zu poetischen Freiheiten: dies zeigt sich sogleich an der
Wortstellung. Diese ist berall die ganz natrliche des tglichen Redens
und nirgends gehindert, verschoben und gezwungen wie so oft bei Vo und
Klopstock; im Sprechen aber lassen wir ein Wort, das uns erst im Lauf
der Rede eingefallen ist, nachfolgen, whrend es eigentlich schon htte
vorangehen mssen. Dies wendet nun der Dichter als poetische Khnheit
an, z. B.

    Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegterten Mannes

oder:

    Die uns sollte hinaus zum Brunnen fhren der Linden.

So ist an unzhligen Stellen des Gedichts der Genetiv von dem
regierenden Substantiv getrennt. Eben dahin gehrt die so hufig
vorkommende Nachsetzung des Adjektivs mit dem Artikel, die gleichfalls
nur der poetischen Sprache angehrt und dennoch aus der Rede des
gemeinen Lebens entspringt, wo wir das vergessene Adjektiv gleichsam
erklrend nachholen:

    Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nhern,
    Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. --
    Denn wer die Stdte gesehen, die groen und reinlichen, ruht nicht.

Nicht anders ist die versetzte Wortfolge bei Stellen wie folgende zu
erkren:

    Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeigtest zum Acker. --
                            Der eine mit schwcheren Tieren
    Wnschte langsam zu fahren, der andere emsig zu eilen.

Etwas weiter erhebt sich der Dichter von der Sprache der Prosa in den
zusammengesetzten Adjektiven wie folgende: der vielbegehrende Stdter,
der allverderbliche, der vielbedrfende Krieg, die gartenumgebenen
Huser, die wohlgezimmerten Scheunen, der wohlumzunte Weinberg, die
wohlerneuerte Kirche. So anspruchslos diese Adjektiva auch sind, so wohl
sie sich in die deutsche Rede fgen, so erinnern sie doch an die antike
Dichtersprache: [Greek: pamphthartos, polyphthoros, euktimenos,
eunaietan] und unzhliges andre der Art. Hier ist der Ort auf die
vielfachen Anklnge an die Ausdrucksweise der Alten und besondes Homers,
die das Gedicht durchziehen, aufmerksam zu machen.

Zwar, so gro die Verwandtschaft ist, die das Goethesche Gedicht in
Geist und Ton mit Homer an den Tag legt, so wenig lt sich sagen, da
der Dichter direkt nachgeahmt htte. Er lie sich vielmehr von Homers
Anschauungs- und Empfindungsweise ganz durchdringen und schuf dann auf
modernem Boden und mit modernen Mitteln ein Gedicht, das in seiner Weise
ganz denselben heitern reinmenschlichen stillrhrenden Eindruck macht.
Dennoch aber hat der Dichter hin und wieder Formeln aus den Alten
herbergenommen, mit denen er in heitrer Ueberlegenheit nur spielt, die
aber dennoch dazu beitragen den Naturton, die nationale Wahrheit des
Denkens und der Rede durch kleine, fremdartig reizende Unterbrechungen
noch rhrender hervortreten zu lassen oder im Zusammenklang mit den
entferntesten Weisen uralter Menschensprache in ihrer ewigen Geltung zu
besttigen. So wird die Wirkung des Gedichts, die wunderbare Harmonie
seiner Form durch jene Nachahmungen, die von einer kaum merklichen
Ironie angeflogen sind, nur noch erhht.

Zwei Stellen erinnern uns an Virgil und Cicero. Bei der Szene, wo der
ehrwrdige Schulthei die streitende und drohende Menge durch sein
Auftreten schnell besnftigt, scheint der Dichter eine Stelle in Virgils
Aeneis vor Augen gehabt zu haben:

    =Ac veluti magno in populo cum saepe coorta est
    seditio saevitque animis ignobile volgus
    jamque faces et saxa volant, furor arma ministrat,
    tum, pietate gravem ac meritis si forte virum quem
    conspexere, silent arrectisque auribus adstant;
    ille regit dictis animos et pectora mulcet.=

Noch deutlicher ist die Uebereinstimmung einer Reflexion des Richters
ber den Leichtsinn, mit welchem man Menschen whlt, whrend man doch
Rinder, Pferde und Schafe erst genau bei Tausch und Handel betrachtet,
mit einer den gleichen Gedanken enthaltenden Stelle in Ciceros Schrift
ber die Freundschaft: =sed saepe querebatur, quod omnibus in rebus
homines diligentiores essent, ut capras et oves quot quisque haberet,
dicere posset, amicos quot haberet, non posset dicere; et in illis
quidem parandis adhibere curam, in amicis eligendis neglegenter esse nec
habere quasi signa quaedam et notas, quibus eos, qui ad amicitiam essent
idonei, judicarent.= Cicero hat selbst wieder eine hnliche Stelle in
Xenophons Memorabilien vor Augen gehabt, die aber weiter von Goethes
Worten abliegt als Ciceros Nachbildung.

Antik ist auch der Anruf der Musen:

    Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begnstigt u. s. w.

Aber der Dichter verlegte ihn nicht an den Anfang des ganzen Gedichts,
wo er uns kalt und fremd entgegentrte, sondern nachdem wir zu inniger
Teilnahme gerhrt worden und der ganze Ton des Gedichtes sich unmerklich
gesteigert, rufen wir mit dem Dichter die freundlichen Gttinnen an,
deren Erwhnung nun halb wie ein frommes Gebet halb wie ein heitres
Spiel erscheint. Auch Homer ruft ja nicht blo am Anfang des Epos,
sondern bei bedeutungsvollen Abschnitten die Musen an:

    [Greek: Espete nyn moi, Mousai, olympia dmat' echousai?]

und so ruft auch unser Dichter:

    Aber saget ([Greek: espete]) vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.

Homer ist reich an Gleichnissen. Unser Dichter hat nur ein einziges,
aber ein sehr schnes und wahres:

    Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
    Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, fate u. s. w.

Goethe selbst erklrte diese Sparsamkeit durch den Grund, weil einem
mehr sittlichen Gegenstande das Zudringen von Bildern aus der physischen
Welt nur lstig gewesen wre, d. h. er hatte nicht so viel uerlich
Sinnliches zu schildern wie Homer, sondern mehr Seelenvorgnge; ganz
derselbe Unterschied wie zwischen seiner Iphigenie und der griechischen.
Zwei andre Gleichnisse treten nicht in Gestalt selbstndiger Teilgebilde
hervor, sondern sind mehr in die Rede verflochten.

Auch die homerische Sitte schon dagewesene Stellen mit gleichen Worten
zu wiederholen ist nur einmal in unserm Gedicht nachgeahmt, bei
Schilderung nmlich von Dorotheens Tracht. Gerade dadurch aber wird das
Mdchen aufs festeste unsrer Anschauung eingeprgt. Der ganze Ton dieser
Schilderung ist brigens homerisch und das Altertmliche darin
kontrastiert auf drollige Weise mit dem Modernen in der Tracht der
heutigen Buerin, so da auch hier die schon erwhnte leichte Ironie
sich zeigt.

Gleichfalls homerisch ist die Detailschilderung des Anschirrens der
Pferde:

    Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste
    Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten u. s. w.

Auch hier liegt in der Anwendung homerischer Formen auf die
Stallgeschfte eines heutigen Burschen ein Zug ironischer
Schalkhaftigkeit.

Die halb ernste halb scherzende Wendung, wodurch der Dichter die Person,
die er als sprechende bezeichnen will, selbst anredet, ist ebenfalls dem
Homer nachgebildet. Wie Homer den Eumus anredet:

    [Greek: Ton d' apameibomenos prosephs, Eumais sybta,]

so spricht auch unser Dichter zum Apotheker:

    Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest,

und zum Richter:

    Aber du sagtest indes, ehrwrdiger Richter, zu Hermann.

Auch Homers Weise jeder Person, jedem Gegenstande ein Adjektiv
beizugeben, welches nun zum festen Begleiter des Substantivs wird ohne
Rcksicht auf den Zusammenhang jeder einzelnen Stelle, auch diese
freundlich epische Weise, die mit heitrer Anerkennung kein Ding ohne
rhmendes Beiwort lassen will, findet sich in unserm Gedicht wieder. Da
heit es: die reinlichen Trme, der krftig strotzende Kohl, die mutigen
Hengste, die schn versilberten Schnallen, die saubern Stricke, die
gerumigen Pltze, der gewlbte Busen, die reinliche Anmut, zierliches
Eirund, die wohlgebildeten Knchel u. s. w. Selbst Homers fixierte
Adjektiva fehlen nicht:

          Denn ich lebe beglckt mit beiden liebenden Eltern. --
    Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten. --
    Wei ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern.

In der Abschiedsszene heit es von den fremden Frauen:

    Denn so sagte wohl eine zur andern flchtig ans Ohr hin,

und gleich darauf:

    Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend;

beide Verse nahe bereinstimmend mit dem homerischen:

    [Greek: hde de tis eipesken, idn es plsion allon.]

Noch andre homerische Formeln sind: mit fliegenden Worten, mit
geflgelten Worten ([Greek: epea pteroenta]), da befahl ihm sein Geist
([Greek: thymos angen, epotrynei, keleuei]), und ses Verlangen
ergriff sie ([Greek: kai me glykys himeros hairei]), denn Zwiespalt war
mir im Herzen ([Greek: diandicha mermrixa]). Auch die homerische
Umschreibung mit Kraft ([Greek: menos, is bi]) ist einigemal
angewandt:

    Abgemessen knpften sie drauf an die Wage mit saubern
    Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. --
                                                Und freute
    Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,
    Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.

Griechisch ist die Umschreibung mit Mann: der wandernde Mann ([Greek:
anr hodoiporos]), ein Knecht des wohlbegterten Mannes ([Greek: anr
aphneios]), der Richter von diesen flchtenden Mnnern ([Greek: anr
hikets]), die hufige Wiederkehr der Versicherungsformel frwahr und
wahrlich, die Verbindung des Verbums sein mit dem Dativ, z. B. dem
ist kein Herz im ehernen Busen ([Greek: chalkeon tor]), dem ist kein
Sinn in dem Haupte ([Greek: en phresi thymos]), mir ist im tiefsten
Herzen beschlossen, wre mir jetzt nur Geld in der Tasche, und es ist
mir genug davon im Kasten des Wagens u. s. w.

Noch leisere Homerismen lieen sich in Menge anfhren, nur da die
Grenze, wo sie beginnen und die ungemischt deutsche Ausdrucksweise
aufhrt, nicht zu bestimmen ist, da die fremde Frbung oft nur wie ein
kaum sichtbarer Hauch ber die nationale Rede hinschwebt:

    Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. --
    Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe. --
                                            Des Gewinnes,
    Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herumhuft. --
    Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. --
    Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. --
    Aber es kommt der Abend heran und die vielen Gesprche
    Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. --
    (Das Gesprch), das viel hin und her nach allen Seiten gefhrt wird. --
    Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. --
                                Da freut' ich mich seines
    Anblicks so sehr, als wr' mir der Himmlischen einer erschienen. --
    Da ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern. --
    Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers.

('Besitzer' deutsch nicht ohne Ergnzung mglich, nicht absolut.)




Vers.


Fr das Epos, welches instinktiv auf dem Boden des poetischen
Gesamtlebens einer Zeit erwchst, erfindet der Einzelne nicht die
Versgattung, sie gibt sich ihm als die einzig vorhandene und hchstens
bildet er sie aus. In der epischen Zeit ist der epische Vers die
poetische Form berhaupt, und erst spter, wenn mit dem Erwachen der
Subjektivitt die Lyrik auftritt, entfalten sich mannigfache Mae und
Rhythmen, und jedes Lied ist je nach dem eigentmlichen Gefhl, von dem
es beseelt ist, verschieden moduliert. So war der Hexameter bei den
Griechen das erste und zugleich epische Versma fr immer, dessen Geburt
und Werden sich in eine dunkle, bewutlose Zeit verliert. Diese
Sicherheit und Notwendigkeit ging nun einem in die jngste moderne Zeit
gestellten Dichter wie Goethe ab; das Versma blieb seiner eigenen Wahl,
wo nicht gar seiner Erfindung berlassen. Historisch gegebene Versmae
gab es nur folgende und auch nur dem Literaten, nicht dem Volke gegeben:
der Hexameter der Alten, die Terzinen und Stanzen der Italiener, der
franzsische Alexandriner, der Nibelungenvers. Von diesen war der
Alexandriner durch die letzte literarische Revolution vor kurzem, als im
Deutschen zu eintnig, sogar aus kleineren Gedichten verbannt worden;
von ihm konnte zum epischen Gebrauch nicht die Rede sein. Die Terzinen,
die Dante angewandt hatte, die achtzeiligen Stanzen bei Tasso, Ariost,
Camoens waren zu knstlich, zu musikalisch und melodisch, um dem
epischen Erzhler bei seiner heitern, gleichmigen Entfaltung dienen zu
knnen. Die Nibelungenstrophe hatte den Vorteil, national zu sein, aber
auch dies nur scheinbar, denn die Zeit, in der sie gebraucht, die
Gedichte, zu denen sie verwandt worden, waren durch eine unermeliche
Kluft von der Gegenwart geschieden; Jahrhunderte totaler Vergessenheit
lagen dazwischen, und wer mit jenem Versma in die Mitte der
Zeitgenossen htte treten wollen, brachte ihnen gewi etwas weit
Fremderes, als die Metra der Alten waren. Goethe und die damalige Zeit
kannten zudem die altdeutschen Dichtungen kaum, so da schon darum die
Anwendung ihrer Form eine Unmglichkeit war. Spter freilich wurden jene
Dichtungen durch die neualtdeutschen Romantiker und
christlich-germanischen Patrioten eifrig hervorgesucht, gepriesen und
anempfohlen, so da es z. B. die Nibelungen zu einer gewissen
Popularitt gebracht haben, die indes gleichfalls mehr eine knstliche,
der Schule angehrige ist und daher auch wahrscheinlich mit den
Tendenzen, von denen sie getragen wurde, wieder absterben wird. Seit dem
Auftreten der romantischen Doktrin ist die Nibelungenstrophe in epischen
Romanzen hufig angewandt worden; mit ihr verband sich ein Streben nach
volksmiger Kindlichkeit des Tons, eine gesuchte Unbehilflichkeit, eine
reflektierte Unmittelbarkeit, naive Anwendung ausfllender Formeln, aber
unter diesem Schein der Herablassung und freiwillig angelegter
Knechtsgestalt verbarg sich ein wirkliches poetisches Unvermgen, die
wirklich mangelnde Fhigkeit, einen reichen Inhalt zu seiner eignen
schnen Form zu vollenden. Auch Gervinus meint, hinter der
Nibelungenstrophe verstecke sich die Armut sehr leicht, und fgt
treffend hinzu, die Romanzenabteilung zerpflcke das Epos wieder in
seine ersten Elemente. Was von der Nibelungenstrophe, gilt in noch
hherem Mae von den sogenannten hfischen Reimpaaren; der Reim
berhaupt mit seiner Rckkehr und seinem Widerhall und als Ausdruck der
die Seele durchziehenden Klnge ist der anschauenden Heiterkeit des
epischen Erzhlens ganz unangemessen. Fr Goethe blieb also nur der
Hexameter brig, ein fremder, ein griechischer Vers. Aber derselbe
Dichter, der in der Iphigenie die antike Formschnheit mit der modernen
Unendlichkeit des Gefhls zu vermhlen und die Nebel nordischer
Phantastik mit griechischer Sonnenheiterkeit zu durchleuchten gewut
hatte, der in unserm Epos den Geist homerischer Einfalt durch eine ganz
moderne Welt wehen lie, demselben war es vorbehalten, auch den
heroischen und elegischen Vers der Alten nach Klopstocks und Vossens
mhevoller, nicht immer glcklicher Anstrengung mit so leichter
Aneignung in unsre Sprache zu verpflanzen, da es schien, er habe
derselben von jeher angehrt.

Die ersten Versuche, deutsche Hexameter zu machen, fallen in die Zeit,
wo das Mittelalter abblhte und der Geist nach dem Rausche
transszendenter Romantik vor allem nach Form verlangte; wie in der
Architektur, in der Tragdie, in der Behandlung der Sprache u. s. w.
Nachahmung des Antiken herrschend wurde, so auch in der Versform.
Fischart, der in seiner Bearbeitung des Rabelais deutsche Hexameter
anbrachte, verbindet sie noch mit dem einheimischen Reim. Erst Opitz
indes stellte im siebzehnten Jahrhundert die neuere deutsche Prosodie
fest, ohne welche deutsche Hexameter ein Unding waren. Das Gesetz
derselben bestand darin, da nicht die uere Zeitdauer, die nach Lnge
und Krze des Vokals und nach dem Zusammensto der Konsonanten gemessen
wird, sondern die Bedeutsamkeit eine Silbe zur langen mache und da im
Deutschen die Lnge mit dem Accent zusammenfllt. Nach einigen Versuchen
des Christian Weise (1642-1700, Rektor am Gymnasium zu Zittau) und des
Herus (1671-1730, Hofdichter bei Kaiser Karl dem Sechsten in Wien) war
es erst Klopstock, der mit Entschiedenheit von der scholastischen
Tradition quantitierender lateinischer Metrik abging und den Hexameter
nach dem modernen Gesetz accentuierender Rhythmik bildete. Vo erzhlt
in seiner Zeitmessung der deutschen Sprache von seinem Lehrer in der
Schule, wie dieser ber die unverstndigen Neuerungen Klopstocks gezrnt
und seinen Schlern die Worte aus Luthers Bibelbersetzung als echten
Hexameter wiederholt habe:

    Da Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka.

Klopstocks ziemlich mangelhafter Hexameter wurde von Johann Heinrich Vo
vervollkommnet. Vo suchte den deutschen Hexameter der technischen
Strenge des alten zu nhern; er bemhte sich um Spondeen, vermied,
soviel er konnte, den Trochus, schuf sich knstliche Daktylen, setzte
fest, welche Silben lang, welche kurz sein mten, welche als
mittelzeitig bald kurz bald lang gebraucht werden knnten, und gelangte
so zu Hexametern wie folgende:

    Drauf antwortetest du, ehrwrdiger Pfarrer von Grnau,

oder:

    Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische Jungfrau
    Und des Gesangs Wohllaut, eindringenden Worten vereinigt,
    Wallete hell, dann leise gedmpft in die Stille des Abends.
    Von hinschmelzendem Halle gesnftiget lauschten sie ringsum,
    Fhlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufwrts
    Ueber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.

Da aber der Genius der deutschen Sprache sich gegen solche vollkommene
Hexameter strubte, so muten hufig Listen und Zwangsmittel angewandt
werden, um ihn zu bndigen. Vo brauchte Diminutiva auf -lein, z. B.
'Shnlein' statt 'Sohn', um Spondeen zu gewinnen; er setzte den
Komparativ der Adjektiva fr den Positiv, z. B. 'der grnere Hain' statt
'der grne', behielt das durch den Sprachgebrauch ausgestoene e der
Verbalflexion bei, wie in dem obigen Beispiel 'wallete', 'besnftiget',
beides, um Daktylen zu erzwingen; er brach die Worte durch schwere
Spondeen wie 'drauf antwortetest', 'du ehrwrdiger', wodurch das
Grundgesetz von der Geltung des Accents umgestoen ward, da niemand
sagt: 'antwortetest', 'ehrwrdiger'. Das schlimmste aber war, da die
Versnot berall eine ganz undeutsche Ausdrucksweise, die des natrlichen
Gefhles spottete, und lateinisch-griechische Wendungen und
Wortstellungen herbeifhrte. Der Sieg, den der Genius des Deutschen
durch die akzentuierende Rhythmik ber die lateinische Prosodie
erfochten hatte, war abermals durch scholastische Metrik verkmmert; der
Hexameter in dieser harten und steifen Gestalt war ein fremder, ein
aufgedrngter Vers, aus dem keine Seele sprach. Erst Goethe und Schiller
machten ihn aus einem Kunststck der Schule zum Eigentum der Nation und
bewiesen sich durch die feine Grazie ihrer Behandlung als grere
Versknstler und metrische Meister als Vo, August Wilhelm Schlegel und
Platen. Selbst bei dem Letztgenannten berwiegt das Interesse der
glnzenden Technik des Verses zu sehr, um den lautern und vollen
sthetischen Eindruck nicht zu stren. Auch Platens Verse sind nicht
'frei und schlank wie aus dem Nichts entsprungen' und noch fhlen wir an
ihnen die Gegenwart der widerstrebenden unbezwungenen Materie, deren
Schwere nicht weichen will, so gewandt auch der Meiel an ihr sich
herumbewegt; wir fhlen, da der Inhalt erst allmhlich nach dem
Bedrfnis des Verses entstand und da jene prchtige Form zwar in einem
kleinen Gedicht, in einer einzelnen Stelle erreicht werden, nicht aber
ein langes Epos hindurch sich erhalten und dessen mannigfaltigen
Reichtum begleiten konnte. So wird wahrhafter Formensinn in die
triumphierende Ueberlegenheit nicht einstimmen, mit welcher Vo und
Platen auf die weimarischen Hexameter herabsehen.

Goethe gab bei seinem Hexameter zufrderst alle Versmalerei auf, die mit
Absicht durch den Gang des Verses den jedesmaligen Gegenstand
versinnlichen will. In Zeiten, wo das wahrhafte poetische Gefhl
verschwunden war, bei Dichtern, die nach verstndigen Regeln den Effekt
erzwingen wollten, bildeten solche knstliche Malereien den Gipfel
poetischer Schnheit. In der didaktisch-moralischen Zeit der deutschen
Literatur wurden die Verse des Virgil und Ovid, wo das Galoppieren des
Pferdes durch lauter Daktylen, das Fallen der Hmmer durch lauter
Spondeen, das Gequk der Frsche durch hnliche Laute versinnlicht wird,
hchlich bewundert und Vo gab in seinen Uebersetzungen hnliche
Malereien mit Treue, oft sogar bertreibend wieder. Daher sein:

    Hurtig mit Donnergepolter entrollt ihm der tckische Marmor,

und:

    Ihn von der Au' aufwlzend den Berg.

Er selbst dichtete:

    Als ringsher pechschwarz aufstieg grau'ndrohende Sturmnacht.

Homers und Goethes Vers wissen nichts von dergleichen Knsteleien und
der Inhalt gibt die Wahl und Zusammenstellung der Worte von selbst.
Hinterdrein kann man dann hie und da ein ungesuchtes Zusammentreffen
bewundern, wie in den beiden angefhrten homerischen Versen:

    [Greek: Autis epeita pedonde kylindeto laas anaids. --
    Laan an theske poti lophon,]

oder in dem Hexameter unsres Gedichts:

    Hatte der Ahnherr einst, der wrdige Burgemeister,

wo der spondeische Ausgang den Eindruck der Wrde untersttzt; weit
fter aber werden wir den Vers, unbekmmert um den jedesmaligen Sinn,
seinen eigenen gleichmigen Gang verfolgen sehen. Und letzteres gerade
ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, da ohne
Rcksicht auf den mannigfach wechselnden Gedanken ewig ein und dieselbe
unvernderliche rhythmische Form wiederkehrt. Wre jene Wortmalerei das
Richtige, so mte ein festes Versma berhaupt verworfen werden. Dieses
bindet den Strom mannigfacher Empfindungen und Anschauungen an ein
unverbrchliches Gleichma und steht nur zu dem Ganzen des Gesanges,
nicht aber zu jedem Punkt der Bewegung in entsprechendem Verhltnis.

Goethe wandte den Trochus da an, wo die alten Dichter den Spondeus
gebraucht hatten. Eigentliche Spondeen nmlich sind im Deutschen
unmglich. Selbst Vo erkennt dies in einer vorbergehenden Bemerkung
an, deren Gewicht er aber nicht einsah. Steigende Spondeen, sagt er,
ahmen den Jambus, sinkende den Trochus nach. Der Grund dieser
Unmglichkeit, reine Spondeen im Deutschen zu bilden, liegt auch sehr
nahe. Bei den Alten, wo die Lnge der Silbe etwas fr sich Bestehendes
und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige
Silbe des Spondeus lang sein, die diesen erhhten Ton nicht erhielt; im
Deutschen aber, wo die Lnge eben nur in jener Erhebung der Stimme,
abgesehen von der quantitativen Zeitdauer, besteht, sind zwei Silben,
von denen nur eine den Ton hat, unmglich zu einem Spondeus zu
vereinigen. Vo half sich auf eine doppelte Weise, um dennoch wirkliche
Spondeen zu erzwingen, indem er beidemal das Gesetz des deutschen
Wortaccentes verletzte. Er lie nmlich entweder zwei wirklich betonte
Silben zusammen einen Spondeus bilden und sagte:

    Der Herrscher im Donnergewlk Zeus

oder

    Fate, dieweil Karl drngte, den Arm des bescheidenen Jnglings,

wo aber die zweite Silbe 'Zeus', 'Karl' entweder wider Sinn und
Sprachgebrauch den Ton verliert oder beide Silben betont werden und also
aufhren, sich zu der Einheit eines Fues zu verbinden. Oder er bildete
sogenannte geschleifte Spondeen, indem er die starkbetonte Silbe in die
Senkung, die schwachbetonte in die Hebung brachte und z. B. sagte.

              Wer getrost fortgehet, der kommt an. --
    Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,

womit aber aller deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand
sagt 'fortghet', es mte denn sein, da der Gegensatz zum Fortreiten,
Fortfliegen u. s. w. auf das Gehen den Ton verlegte. Aus dem obigen
folgt, da auch der deutsche Daktylus ein ganz andrer ist als der
antike; doch kommt auf diesen Unterschied in der Anwendung wenig an.

Wahrhafte Spondeen sind im Deutschen nicht mglich, und angebliche
Spondeen wie 'Weinberg', 'Schauspiele' fgen sich ohne Zwang in
trochischen Rhythmus. Goethe wandte hnliche Wrter mit Unbefangenheit
auch im Daktylus an, da in der That die Rede ber die zweite Silbe mit
Leichtigkeit fortgeht, z. B.:

    Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. --
    Der im Glck wie im Unglck sich eifrig und thtig bestrebet. --
    Ungern wrd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. --
    Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. --
    Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. --
    Alle mit Fleie gepflanzt der Gste Nachtisch zu zieren.

Goethe hielt den trochischen Gebrauch solcher Wrter fr so
unverfnglich, da er selbst da, wo die Aenderung auf der Hand lag,
diese Aenderung verschmhte:

    Und unten Weinberg und Garten,

wo es so leicht gewesen wre umzustellen 'Garten und Weinberg', was aber
nach Humboldts Bemerkung die natrliche Aufeinanderfolge gestrt haben
wrde, da dem von der Hhe des Hgels Blickenden zuerst der Weinberg und
dann erst die Grten sich boten.

Den so auf die Bedingungen heimatlicher Rede zurckgefhrten Vers
behandelte Goethe mit der anmutigsten Leichtigkeit. Der Vers drngt sich
nirgends vor, er drngt sich nirgends gewaltsam auf. In dem dunkeln,
beglckenden Gefhl, sicher und leicht von dem rhythmischen Element
getragen zu sein, berlassen wir uns mit ungestrter Empfindung der
lebendigen Wirkung des schnen Inhalts. Keine ungehrige Wendung, kein
unntzer Zusatz, kein empfindlicher Abzug verrt den Zwang des Metrums;
die Worte, berall klar und natrlich, werden in edler Wohlbewegung von
selbst zu Hexametern, und haben wir oben den epischen,
leichtverschlungenen Periodenbau bewundert, so mssen wir hier
bewundern, wie der Gang der Rede mit dem Gang des Verses in Anfang,
Mitte und Ende so harmonisch zusammenstimmt. Kunstlos und doch voll
Kunst, nachlssig und doch voll Haltung bewegen sich diese Verse im
Spiel der Trochen und Daktylen, gegliedert durch passende Zsuren, den
Perioden entgegen und von ihnen ab, bis sie schlielich mit ihnen
zusammentreffen. Auch in der naiven Zwanglosigkeit des Verses kann
Goethe mit Homer verglichen werden. Wie ungezwungen bewegt sich der
Rhythmus gleich in der Anfangsrede:

    Hab' ich den Markt und die Straen doch nie so einsam gesehen!
    Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fnfzig,
    Deucht mir, blieben zurck von allen unsern Bewohnern u. s. w.

Wie wrdig ohne gesuchten Pomp in dem Gleichnis:

    Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
    Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, fate,
    Dann im dunkeln Gebsch und an der Seite des Felsens
    Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,
    Eilet es vor und glnzt und schwankt in herrlichen Farben.

Oder in der Naturschilderung:

    Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
    Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhllte,
    Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glhenden Blicken
    Strahlend ber das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.

Goethe verdankte die Schnheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo
die Schule und das Handwerk immer mchtig war, geringe kritische
Anerkennung fand, blo dem Ohr und dem richtigen Gefhl, denn die
Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu
Moritz, so zu Vo in die Schule und htte von diesem bei minder
glcklichem Instinkt viel bse Angewhnungen annehmen knnen. Hin und
wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen
gerade zu den metrischen Fehlern zhlen. Wenn es heit:

    Tretet herein in den heiteren Raum, in das khlere Slchen,

so ist das Diminutiv 'Slchen' fr 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf,
zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begngt htte. Auch
der bald darauf gebrauchte pretise Genetiv:

    Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,

der unntz hinzugefgte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet
hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu
niederlndische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grnlichen
Glser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des
Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende
Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, da
unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein
Mdchen vollbrachte u. s. w., und es knnte wohl sein, da der Dichter
manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck
hineinkorrigierte, als er die letzten Gesnge des Gedichts noch einmal
mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen
benutzte, worber er an Schiller berichtet.

Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfige
Hexameter:

    Ungerecht bleiben die Mnner und die Zeiten der Liebe vergehen

scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu
verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zsur bei 'Mnner' das Ohr des
Dichters tuschte; denn eben die Zsur und Pause hebt mit Leichtigkeit
ber die ganz flchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe
von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzhlt: Ich
hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers,
ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewisse =grata
negligentia= einzuben, nicht wohl zu ndern war, ich mich auch
erinnerte, da Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend,
ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele
erlutert habe, so lieen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte
spter auch Heinrich Vo, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll,
wie jener erzhlt, gesagt haben, die siebenfige Bestie mge als
Wahrzeichen stehen bleiben.




Andre deutsche Epen (Luise von Vo, Messias von Klopstock) zur
Vergleichung.


Die Luise von Vo, schon 1783 gedichtet, ist in vielfacher Beziehung ein
dem Goetheschen verwandtes Gedicht; ja man hat Hermann und Dorothea
geradezu fr eine Nachahmung jenes Idylls erklrt, die natrlich, wie ja
der Nachahmer immer der Unfreie und an produktiver Kraft Geringere ist,
hinter der Schnheit des Urbildes zurckblieb. Andre, die billig sein
wollten, lieen unentschieden, ob Luise oder Hermann und Dorothea den
Vorzug verdiene, und sprachen bescheiden, sich sehr klug dnkend: =non
nostrum inter vos tantas componere lites=. Niebuhr ging soweit, das
vossische Gedicht mit Homer in Vergleich zu stellen und den letztern
gegen das erstere hingeben zu wollen: das Urteil eines plattdeutschen
oder friesischen Bauernsohnes, sehr willenskrftig, aber ungeheuer
einseitig, mit geringem Sinn fr griechische Humanitt. Aehnliche Gunst
fand die Luise merkwrdiger Weise auch bei Goethe und Schiller. Goethe
liebte sie vorzulesen, wie er selbst erzhlt, und man kann nicht
leugnen, da sie ihm vorschwebte, als er seinen Hermann dichtete. In dem
Promium zu Hermann und Dorothea sagt er:

    Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise
      Rasch dem wrdigen Freund, uns zu entzcken, verband.

Und Schiller uert ber sie in der Abhandlung ber naive und
sentimentalische Dichtung: Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von
sentimentalischen Einflssen frei, gehrt ganz zum naiven Geschlecht
und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten
griechischen Mustern mit seltenem Erfolge nach; sie kann daher, was ihr
zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache,
sondern mu mit griechischen Mustern verglichen werden, mit welchen sie
auch den so seltenen Vorzug teilt uns einen reinen, bestimmten und immer
gleichen Genu zu gewhren. Schiller findet also ganz dasselbe in der
Luise, was wir von Hermann und Dorothea gerhmt haben: den antiken
Geist, die Naivett der Auffassung und Darstellung. Vo selbst hatte
eine hohe Meinung von seinem Gedicht und sah das Erscheinen von Hermann
und Dorothea als einen Triumph mehr fr sich an. Er schreibt 1797 an den
alten Gleim, einst den Mcen aller jungen Dichter, jetzt einen
Allerweltsversmacher, der von der neuen klassischen Poesie nichts
begriff: Sie werden fr manche zu eilfertig gearbeitete Stellen durch
sehr schne entschdigt werden; die zur Vorrede bestimmte Elegie beweist
hinlnglich, da es ihm Ernst war etwas wo nicht Homerisches, doch
Homeridisches aufzustellen, um auch diesen Kranz des Apollo zu gewinnen;
ich werde mich herzlich freuen, wenn Griechenlands Geist uns Deutschen
ein vollendetes Kunstwerk gewhrt, und nicht engherzig nach meiner Luise
mich umsehen; aber ebenso ehrlich denke ich fr mich und sage es Ihnen:
Die Dorothea gefalle, wem sie wolle; Luise ist sie nicht; sieh, ich
wollte keck thun und fhle doch, da ich rot werde. Gleim machte daraus
den Vers:

    Luise Vo und Dorothea Goethe,
    Schn beide wie die Morgenrte,
    Stehn da zur Wahl
    Und Wahl macht Qual.
    Hier aber, seht, ist nichts zu qulen,
    Hier kann die Wahl nicht fehlen:
    Luise Vo ist mein in Lied und in Idyll;
    Die andre nehme, wer da will.

Auch die Luise ist ein Idyll und schildert husliche beschrnkte
Zustnde, einfltige sittlichreine gemtvolle Menschen. Die Sitten eines
Landpfarrerhauses in Norddeutschland treten uns in dem Rahmen des
Gedichtes mit allem Detail entgegen. Luise, die Tochter wird mit dem
Kandidaten Walther vermhlt und zieht als knftige Frau Pastorin von
Grnau nach Seldorf. Der ehrwrdige Pfarrer von Grnau, die geschftige
Mutter und Hausfrau, die grfliche Nachbarschaft, Hans der Knecht,
Susanne die Magd bilden zusammen einen gemtvollen lndlichen Kreis,
dessen Thun und Reden uns durch manchen Zug echter Menschlichkeit rhrt.
Soweit enthlt das Gedicht denselben idyllischen Grundton wie Hermann
und Dorothea, gleich welchem es auch in Hexametern geschrieben ist. Aber
Hermann und Dorothea ist nicht blo ein Idyll, sondern auch ein Epos. Es
hngt durch tausend Fden mit dem ganzen Menschenleben zusammen, von dem
es ein Stck ist; jede einzelne Empfindung mndet in den Strom groer
objektiver weltbewegender Mchte, whrend in der Luise der Blick in den
kleinen Familienvorgngen des engen Pfarrhauses gebannt bleibt. So
vollzieht sich in dem Goetheschen Gedicht auch eine wirkliche
Begebenheit, mit welcher zugleich die Charaktere sich entwickeln und in
der ein Menschendasein handelnd den Reichtum seines Inhalts, seiner
Motive und Richtungen darlegt; eine stille sichere, gemessen wandelnde
Erzhlung fhrt von der freundlichen Ruhe unerschlossener Existenz zu
Konflikten und Gegenstzen, von da in die Grundempfindung der
Vershnung, in die Vernunft und Schnheit sittlicher Ordnung zurck.
Vossens Luise beschreibt etwas Vorhandenes. Luise ist die Braut Walthers
von Anfang an und die geschilderten Lebensverhltnisse werden nicht
durch Strung oder Kampf gezwungen, ihren Inhalt zu bewhren. Das
vossische Gedicht ist also ein reines Idyll mit allem Unzureichenden,
was diese Gattung hat, mit allem Ueberdru, den sie so leicht erregt,
und aller Armut trotz der gehuften konkreten Zge. Sehen wir weiter auf
die poetischen Krfte, die in beiden Gedichten wirksam sind, so geht uns
vollends alle Vergleichung aus. In Hermann und Dorothea ffnet uns ein
Dichtergenius eine ideale, durch das Feuer der Phantasie von allen
Schlacken geluterte Welt; in Voens Luise kopiert ein niederlndischer
Genremaler ngstlich und genau die kleinsten Bestimmtheiten der
Wirklichkeit. Essen und Trinken, die Mahlzeit vom ersten bis zum
letzten Gericht, die Kleider, der Schlafrock, das Pfeifenrohr, die ganze
Hauseinrichtung, alle Verrichtungen des tglichen Lebens werden in
ausfhrlicher Malerei aufgeboten, um unsrer Anschauung Realitt zu
bieten; dennoch will sich das Bild nicht beleben, es bleibt tot. Auf
mechanische Weise stellt sich Zug neben Zug; die Schilderung erwchst
nicht organisch aus innerem Kern durch den bildenden Instinkt der
Phantasie. Die Goetheschen Personen sind poetische Geschpfe, sie sind,
wie wir schon oben sahen, Typen und Individuen zugleich; die vossischen
sind eine mechanische Mosaik, Kinder der Reflexion. Der Dichter fragte
sich: wie mu eine Mutter sich benehmen? wie machen es die Mtter
gewhnlich? wie zeigt sich eine Pfarrersfrau? und nun wandte er die
Zge, die er durch Reflexion ber das Mutter- und Gattenverhltnis
gefunden, auf seine Pfarrerin von Grnau an. Ebenso der Vater: er ist
der individualisierte Pfarrer- und Hausvaterstand, der norddeutsche
Pfarrer, wie ihn die Beobachtung findet und die Abstraktion sich denkt.
Daher fehlt den Personen die innere Beseelung, welche die Gebilde
schpferischer Phantasie durchdringt; so fehlt die Kunst des
Wesentlichen, des Vor- und Rcktretens der Zge, die Kunst idealer
Zeichnung, die, wahrer und konsequenter als die Natur, doch nicht in
jedem einzelnen Punkte nach Verkrperung strebt. Dieselbe bewute
Absicht zeigt sich in der berall hervortretenden bestimmten Tendenz des
Dichters. Er will uns ein Gemlde reiner Sitten geben; seine letzte
Triebfeder ist nicht der Reiz des Schaffens, sondern moralische
Stimmung, soziale Beobachtung, sittengeschichtliches Interesse.
Aufklrung, Widerwille gegen Dogmen, werkthtige liebevolle Religiositt
erscheint als eine Herzensangelegenheit des Dichters, aber sie geht
neben seinem poetischen Bilden einher, sie wird direkt gepredigt, es
werden sogar Bcher genannt, die sich darauf beziehen, so da wir uns
aus dem Reiche sthetischer Freiheit auf den Boden der Erde
zurckversetzt finden. Auch in der uern Form endlich suchen wir
vergeblich die edle Grazie, die liebliche Anmut und harmonische
Vollendung von Goethes Gedicht. Absicht, Mhe, Unnatur, Verknstelung
entstellt den Ausdruck und Vers fast berall. Mit diesen
spondeenreichen Hexametern voll Zwang und Arbeit, mit dem Tone kostbarer
Gesuchtheit kontrastiert dann seltsam der Naturalismus einzelner Worte
und Vorflle, ebenso mit der durchgngigen lastenden Schwere des
Ausdrucks der hin und wieder gemachte Versuch dichterisch spielen und
tndeln zu wollen. Was Vo in allen Gedichten abging, Feinheit der
Technik, fehlt auch seiner Luise. So sind auch die Nachahmungen Homers
und der Alten lange nicht so anmutig in das Ganze verwebt als bei
Goethe; sie ragen mehr oder minder als fremde Stcke aus der Rede
hervor, ohne in ihren Strom zu verflieen.

Fehlt es auf diese Weise dem vossischen Gedicht an Idealitt, so leidet
Klopstocks Messias an dem entgegengesetzten, fr die Kunst, die am
wenigsten der Sinnlichkeit entbehren kann, noch viel schlimmeren Fehler
des Mangels an Realitt. Klopstock hat religise Abstraktionen in
Handlung gesetzt, denen aller Zauber lebendiger Gegenwart, alle Wrme
pulsierenden Lebens abgeht. Eben weil sie Abstraktionen sind, duldeten
sie kein nheres Eingehen; wie gestaltlose Schatten wallen sie an uns
vorber. Vo ist ein Genremaler, Klopstocks Messias eine lange unfabare
Musik. Die Handlung ist keine wahre und wirkliche, auf konkreten
Verhltnissen und menschlichen Triebfedern ruhende und in dem
Zusammenhang der Welt begriffene; sie geht ber dem Wirklichen in leeren
Rumen vor sich und verlt die Erde, den vertrauten Wohnsitz der
Menschen. Ueberall nicht sowohl erflltes Leben als abstrakte Beziehung
auf das dogmatische System, statt anschaulicher Gegenwart zerflieende
religise Sentimentalitt. Wie anders wre ein Dichter von wirklicher
Gestaltungskraft verfahren! Das damalige Palstina in seinem
historischen Zustande, die herrschenden Rmer, die pharisischen
Priester mit ihrer Sophistik und ihrem starren Halten an der Satzung,
das Volk der Juden selbst, die auf religise Innigkeit dringende, dem
Gesetz die Gesinnung entgegenhaltende neue Sekte der Christen; dazu die
durch Tradition gegebene, nur weiter auszufllende und zu belebende
Geschichte Christi, die von dem Zwang des Dogmas befreit, aus der
falschen transzendenten Hhe mitten in das Leben verlegt, in einem
schnen Bilde voll Bedeutung und Wrme eine edle Menschlichkeit vor uns
htte entfalten knnen; in den Gruppen der politisch Herrschenden und
Beherrschten, der religis Gebietenden und sich Auflehnenden wirksam
sich entgegenstehende Massen; in den Individualitten Jesu, des
Verrters Judas, der brigen Jnger u. s. w. mit einander
kontrastierende, leicht zu gruppierende Charaktere; die Aussicht auf die
einstige Gre der neuen Religion, die antizipierenden Blicke auf die
Geschichte der Kirche wie bei Virgil auf die sptere rmische
Weltherrschaft; endlich die sdliche Natur des Landes und die damit
zusammenhngenden Sitten, die Palmen und Kamele, Wsten und Quellen, der
Oelberg und der Tempel, das wunderbare tote Meer -- alles dies gab einer
wahrhaft bildenden Phantasie den reichsten Stoff eine handelnde
konkrete, menschlich das Herz ergreifende Welt zu schaffen. Statt dessen
ging Klopstock an sein Gedicht nicht als gestaltender Epiker, sondern
als musikalischer Lyriker, nicht mit der freien, der Natur der Dinge
sich hingebenden Anschauung des Dichters, sondern mit der Andacht eines
seiner Snde sich bewuten Herzens, das seine Bedrfnisse mit Hilfe
endlichen Verstandes zu bersinnlichen Wesen macht, denen man nicht
nahen darf, ohne da sie sich wie alle Abstraktionen in das Nichts
auflsen. Daher in dem ganzen Epos nichts als Empfindungen, daher
Erhabenheit die einzige Stimmung. Der Dichter sucht unablssig zu
steigern, hher zu fliegen, Erweiterung auf Erweiterung zu hufen; er
streift alles sich begrenzende, sich individuell zusammenfassende Leben
ab und findet sich zuletzt in der erhabenen anschauungslosen Leere, in
dem reinen Reich unsagbarer Empfindung; er verstummt. Ermdung und
Langeweile berfllt den Leser nach wenigen Schritten, die er durch
diese Sammlung von leeren Empfindungen und Reden gemacht hat. Alles
Sinnliche und Krperliche, alles wahrhaft Natrliche und Reelle liegt
tief unter uns; wir steigen von Anbetung zu Anbetung, von Greuel und
Grauen zu Greuel und Grauen; beides als blo abstrakt kann uns nicht in
wirklichen Umrissen und Farben, sondern nur mit Worten gereicht werden.
Ausrufungen, Floskeln rhetorischer Erhabenheit, Hymnen, Jubel- und
Verzweiflungsgesnge ersetzen die lebenbeseelte Menschen- und Naturwelt
einer wirklichen Dichterphantasie. Zu alledem kommt die Gezwungenheit
der Sprache, aus der uns gleichfalls nicht die Laute vertraulich
redender Menschengeschlechter entgegentnen; sie ist wie durch den Ruck
eines Zauberschlssels aus der natrlichen Stimmung gedreht, sie ist
immer wie auer sich, sie schreit, sie ruft, sie windet sich
konvulsivisch; harte Worte reiben sich knarrend aneinander, hohle Tne
hallen durch die gestaltlose Oede.

So sind denn beide Gedichte, die idyllische Luise wie der erhabene
Messias, Migeschpfe nach entgegengesetzter Richtung hin. Verschmht es
die Kunst, tuschende Wachsfiguren zu bilden, so hascht sie noch viel
weniger nach Traumbildern: ihre Marmorgestalten sind wahre und dennoch
ideale, natrliche und doch berirdische, lebenerfllte und doch stille
und kalte Wesen. Wie keusch ist der Dichter von Hermann und Dorothea in
individualisierenden Einzelheiten des Lebens, in Essen und Trinken,
Kleidern, Sitten, Idiotismen der Umgangssprache dem Dichter der Luise
gegenber! Wie heiter sinnlich entfaltet er in bestimmten Handlungen,
Lokalitten, menschlichen Motiven das Gemlde vor uns, verglichen mit
den sich jagenden Phantasmagorieen und der verhallenden Musik des
Klopstockischen Gedichts! Er lt die Charaktere durch Handlungen vor
uns entstehen, whrend in der Luise nur Beschreibung ist; er nanciert
und individualisiert sie, whrend die Personen Klopstocks als
verkleidete Abstraktionen des Guten und Bsen, der Allmacht und Unmacht
u. s. w. alle den gleichen wesenlosen Typus tragen. Von einer Tendenz
ist in Hermann und Dorothea keine Spur; Vo und Klopstock sind beide
Theologen, der eine ein rationalistischer, der andre ein orthodoxer, und
beide haben theologische Absichten. Aus Hermann und Dorothea weht uns
ein geluterter Geist echter Humanitt an, der eins ist mit dem Element
sthetischer Freiheit und schner Kunstdarstellung; bei Klopstock
verdrngt Gebet und Fluch die stille Heiterkeit des bildenden Dichters,
die theologische Satzung den Geist freier Betrachtung der Dinge. Beide
Dichter endlich, Vo sowohl als Klopstock sind deutsch und national,
aber ebenfalls in beschrnkter Weise. Vo malte manche Seiten
norddeutschen Seins und Lebens mit Glck und befreundete sich mit den
ehrbaren Gestalten begrenzter Sittlichkeit in derjenigen Sphre, welcher
er durch seine Geburt angehrte, aber er erschpfte den Gehalt des
deutschen Volkes nicht, sein Deutschtum ist zu eng; Klopstock besang den
leeren Begriff Vaterland und fuhr auf den Flgeln der Begeisterung fr
alles Germanische dahin, aber er verkehrte nicht freundlich und
vertraulich mit den konkreten Interessen und den wirklichen Zustnden
des deutschen Volkes und Landes, sein Deutschtum ist zu abstrakt. Es
kostete darum Klopstock auch nichts in seinem Hauptgedicht, welches als
Epos vor allem einen nationalen Boden verlangte, den Kreis des
Vaterlndischen zu verlassen und dem religisen, wohl auch dem
theologischen Interesse auf Kosten des nationalen Genge zu geben,
welches ihm Goethe in dem Gedicht die Krnze auf gewohnte
mildentschuldigende Weise vorwarf. Goethe ist auch nationaler als beide
Dichter, er ist deutscher als irgend einer unsrer Dichter, obgleich er
nie fr Arminius geschwrmt, den Welschen immer freundlich gewesen und
seinen Widerwillen gegen eine christlich-germanische Erneuerung des
Mittelalters nicht verhehlt. In Hermann und Dorothea ist deutscher Geist
in echter Wesenhaftigkeit: da aber alles Krankhafte und Irrige, worin
dieser Geist sich selbst verlor, von dem Gedicht ausgeschlossen blieb,
so erscheint es ebenso deutsch als homerisch und human.

Wir haben im Obigen ber beide Gedichte, die Luise und den Messias,
etwas hart geurteilt, weil es uns darauf ankam, ihr poetisches
Wertverhltnis zu Hermann und Dorothea deutlich zu betonen. Fr sich
betrachtet haben beide gewi manche Schnheiten, die Luise im naiven,
die Messiade im sentimental-elegischen Tone; den, der die hchsten
Forderungen mitbringt, knnen sie nicht befriedigen. So ist denn auch
Klopstocks Messias nach einer oft gemachten Bemerkung lngst schon ohne
Leser; und von Vossens Luise bleibt August Wilhelm Schlegels Ausspruch
wahr: Bei der Nachwelt wird es Luisen empfehlen knnen, da sie Dorothea
zur Taufe gehalten hat.




Anmerkungen.


Die eigenartigen grossen Vorzge der Auffassung und Darstellung, die aus
Viktor Hehns Gedanken ber Goethe (zweite Auflage, Berlin 1888) allen
wahren Freunden unsres Dichters bekannt und liebgeworden sind, die Wrme
der persnlichen Hingabe, die Kraft individuellster Anschauung, das
feine Verstndnis fr den innersten Wesensgehalt der Poesie und
besonders der Goetheschen Poesie finden sich in vollem Masse auch in
seinen Betrachtungen ber Hermann und Dorothea, Goethes innigste und
vollendetste Dichtung. Hehns Manuskript lag fast ganz druckfertig vor
und bedurfte nirgends grsserer Aenderungen: schade nur, dass es nicht
lckenlos erhalten ist. Zwar fehlt nichts Grsseres und Vollstndiges,
denn alle in der Disposition S. 6 aufgezhlten Punkte kommen in unserm
Texte zur Behandlung; aber an zwei Stellen fehlen leider Bogen, die den
Schluss von Kapiteln enthalten haben. So sollten sich S. 26 noch
Betrachtungen anschliessen, die mit Gedanken ber die Spuren der
Entstehung der Tragdie bei den Griechen aus dem Epos beginnen, welche
aber wegen ihres durchaus fragmentarischen Charakters von mir ganz
fortgelassen sind; ihre Ausdehnung lsst sich nicht ermessen und auch so
hat das Kapitel befriedigenden Abschluss. Dann fehlte der Schluss des
Kapitels ber die Lebenssphre, wo ich S. 114 wenigstens den Schluss des
abgebrochenen Satzes und der Betrachtung aus den Gedanken ber Goethe S.
253 hierher bernehmen konnte; vielleicht hat noch mancher andre Zug,
der dort sich findet, hier nher beleuchtet werden sollen. Viele Stze
und auch zuweilen grssere Abschnitte unsres Buches, die ich unten
verzeichnet habe, finden sich schon in den Gedanken ber Goethe: sie
konnten hier im Zusammenhange nicht entbehrt werden, wenn sie auch der
Verfasser, der wohl an eine Herausgabe unsres Buches nicht mehr dachte,
schon dort in weiterer Ausgestaltung verwertet hat. Ausgeschieden aus
dem Text, um den ruhigen Fluss genussreicher Lektre nicht durch de
Zahlen zu unterbrechen, habe ich alle genaueren Zitate: ich bringe sie
hier in den Anmerkungen nach, denen ich auch einige kleinere auf
zerstreuten Blttern erhaltene Parerga Hehns eingefgt habe; meine
eigenen Zuthaten, meist Literaturnachweise bringend, nehme man fr
nichts als anspruchslose Glossen, die ich dem mir liebgewordenen Buche
nicht vorenthalten mochte.




Einleitung.


S. 2. Rtscher, Zum Verstndnis des Goetheschen Faust, erschienen in
seinen dramaturgischen und sthetischen Abhandlungen (Leipzig 1846) S.
36.

Viehoff, Goethes Gedichte erlutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen
und Vorbilder zurckgefhrt nebst Variantensammlung und Nachlese, 3
Bnde, Dsseldorf 1846-53, die 3. Auflage erschien Stuttgart 1876; vgl.
ber hnliche Dinge Scherer, Aufstze ber Goethe S. 5.

Grn, Ueber Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846; vgl.
auch S. 46. 48. Das eigenartige Buch, so sehr es oft Goethes innerstes
Wesen verkennt und seiner Poesie nicht gerecht wird, enthlt doch eine
Reihe sehr anregender und tchtiger Betrachtungen.

S. 3. Die gesamte Literatur ber Hermann und Dorothea verzeichnet jetzt
am ausfhrlichsten Max Koch in der 2. Auflage von Goedekes Grundriss zur
Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 689.

Schlegel besprach Goethes Hermann und Dorothea in der Jenaischen
allgemeinen Literaturzeitung 1797 Nr. 393-396, wiederabgedruckt in
seinen Charakteristiken und Kritiken Band 2, S. 260 und seinen
smtlichen Werken Band 11, S. 183; vgl. auch S. 5. August Wilhelm
Schlegels sthetische Kritik kann sich sicherlich mit allem, was die
damalige Zeit hervorbrachte, auch der philosophischen Tiefe nach messen
und fand erst an Hegels und Vischers Aesthetik eine ebenbrtige
Fortsetzung und beziehungsweise Gegnerschaft.... Gleich seine ersten
kritischen Versuche in Jena, ber Goethes rmische Elegieen und ber
Hermann und Dorothea, ragten sowohl historisch als theoretisch ber das
Gewhnliche hoch hinaus. Die rmischen Elegieen, die ein bedenkliches
moralisches Wagnis schienen, besprach er mit einer Sachkenntnis und
Wrme, mit einem freien poetisch-sittlichen Gefhl, wie man es den
damaligen und spteren Geschmacksrichtern und Neidern, z. B. Herder,
wohl htte wnschen mgen.... Wie ber die rmischen Elegieen war auch
August Wilhelm Schlegels Charakteristik von Hermann und Dorothea eine in
wenig Worten erschpfende Vorausnahme alles dessen, was jemals ber dies
Epos einsichtiges gesagt worden ist Gedanken ber Goethe S. 112. 113.
114. Hehn selbst verdankt Schlegels Rezension in seinen Betrachtungen
viele Anregung, namentlich in den Kapiteln ber das Epos und die
Homerismen.

Yxem, Ueber Goethes idyllisches Epos Hermann und Dorothea, erschienen in
von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft
fr deutsche Sprache und Altertumskunde) Band 2, S. 98.

Humboldt, Aesthetische Versuche, erster Teil, ber Goethes Hermann und
Dorothea, Braunschweig 1799, wiederabgedruckt in seinen gesammelten
Werken Band 4, S. 1; die 4. Auflage der Einzelausgabe (Braunschweig
1882) enthlt wertvolle geschichtliche Vorerinnerungen von Hettner; vgl.
auch S. 5. 77. 95. 136. In diesem Buche, das von dem Goetheschen
Gedichte handeln will, verschwindet dasselbe als poetisches Individuum
fast ganz unsern Augen und es wird in Weise Schillers, nur noch krper-
und inhaltsloser, ber Gattungen und Formen reflektiert und die
Ueberlegung hin und her gewendet, ohne dass sich etwas Greifbares ergbe
... Humboldts ... Anlage, die als Adel der Gesinnung und Idealitt, aber
auch als Eleganz und Klte bezeichnet werden kann Gedanken ber Goethe
S. 114. 226. Vorurteilsfreier und liebevoller wird Humboldts grosses
Werk von Hettner in den oben erwhnten Vorerinnerungen gewrdigt, die in
ihren Schlussbetrachtungen den richtigen Schlssel fr das Verstndnis
des Buches geben: es muss durchaus in festgefgtem Zusammenhang mit
Humboldts sprachwissenschaftlichen und streng-philosophischen Ansichten
betrachtet werden. Tieferes Verstndnis irgend einer Seite von Humboldts
Wesen und Leistungen ist ohne eingehende Verwertung von Steinthals
unbertrefflichem Kommentar zu den sprachphilosophischen Werken (Berlin
1884) berhaupt unmglich.

Schillers Eindruck von Humboldts Werk ersieht man am besten aus seinem
Briefe an Humboldt vom 27. Juni 1798 (Briefwechsel zwischen Schiller und
Humboldt S. 297), den mir Hehn jedoch unrichtig in seiner Grundstimmung
zu deuten scheint; Goethes Ansicht erhellt aus seinem Schreiben an
Humboldt vom 16. Juli 1798 (Goethes Briefwechsel mit den Gebrdern von
Humboldt S. 55).

S. 4. Hillebrand, Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des
achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart
handelt im 2. Bande S. 236 ber unser Gedicht; vgl. auch S. 5. Selbst
Joseph Hillebrand, der von allen Literarhistorikern Goethe am tiefsten
erkannte, hat sich von Gervinus nicht ganz freihalten knnen.... Wo
Hillebrand selbst spricht, da ist er vortrefflich Gedanken ber Goethe
S. 171, Anm. 2.

Gervinus spricht ber Hermann und Dorothea im 5. Bande seiner Geschichte
der deutschen Dichtung S. 522; vgl. auch S. 5. 40. 131. Er schrieb eine
Geschichte der deutschen Dichtung, wie er sein Buch nannte, in nicht
dichterischer, sondern moralisch-prosaischer Absicht, wo natrlich alle
Grssenverhltnisse sich umkehrten. Er schtzte das jedesmalige
poetische Produkt nicht nach seinem eigenen inneren Werte, auch nicht
als Glied einer fortgehenden Entwicklung, sondern insofern es ein Mittel
werden konnte die sthetische Stimmung aufzuheben und statt des
literarischen ein politisches Zeitalter mit Brgerfreiheit und
nationaler Grsse, wie er, Gervinus, sie konstruiert hatte,
herbeizufhren.... Gervinus wurde eine viel studierte Autoritt und mit
seiner Doktrin, die Epoche der schnen Seelen sei vorber und die des
Heroismus angebrochen, neben den brigen badischen und rheinischen
Professoren der Fhrer in dem allgemeinen Umschwung. Und sieht man
jetzt, nachdem ein halbes Jahrhundert darber hingegangen, auf ihn
zurck, so muss man bekennen, er war eigentlich ein beschrnkter
Querkopf, der sich selbst oft eigensinnig das Ziel verrckte; kein
rechter Gelehrter, obwohl er als Literarhistoriker viel hatte lesen
mssen; ursprnglich ein Kaufmann, und was dem fehlt, holt man
bekanntlich nie wieder ein. Seine unharmonische Natur malte sich in dem
unertrglich harten Stil: man legt seine Bcher mit dem Gefhl aus der
Hand, als htte man sich durch ein Dorngestrpp durcharbeiten mssen und
stnde nun mit zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren da; aber eben
dadurch wuchs sein Ansehen, denn die schne Form hat in Deutschland
immer verdchtig gemacht Gedanken ber Goethe S. 165. 167. Es ist, als
wenn Hehn nie Gervinus' herrliches Shakespearebuch gelesen htte; sein
Urteil ist mit Ausnahme der Stilbemerkung recht unbillig und ohne rechte
Fhlung mit Gervinus' innerster Eigenart. Sympathischer und richtiger
ist Hermann Grimms Urteil, der in seinem Goethe S. 90 eine Lanze fr den
Schpfer unsrer Literaturgeschichte bricht; vgl. auch Scherer,
Geschichte der deutschen Literatur S. 723.




Hermann und Dorothea.


S. 5. Das zitierte Urteil Schillers steht in seinem Briefe an Heinrich
Meyer vom 21. Juli 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band
1, S. 296 Spemann).

S. 6. Rosenkranz, Goethe und seine Werke S. 346.

Tag- und Jahreshefte von 1796: Goethes Werke Band 35, S. 65 Weimarische
Ausgabe; vgl. auch S. 57. Mit Rhrung erinnere ich mich, wie uns Goethe
in tiefer Herzensbewegung unter hervorquellenden Thrnen den Gesang, der
das Gesprch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthlt, gleich nach
der Entstehung vorlas. So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen, sagte
er, indem er sich die Augen trocknete, berichtet Karoline von Wolzogen
in ihrem Leben Schillers S. 225 Cotta, wiederabgedruckt in Goethes
Gesprchen Band 1, S. 186.

Jean Pauls Charakteristik wird auch S. 45 erwhnt.

S. 11. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: es
ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich
selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden; die Stelle ist
wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;,
vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage ber dieses Grundprinzip Grimms zu
denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner
Poetik S. 133.

S. 12. Hegel, Vorlesungen ber Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S.
13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten ffnete sich ein unermesslicher
Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des
Geistes, und vor der Wrme dieses neuaufgegangenen Frhlings schmolzen
die starren hartnckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und
der dualistischen Moral Gedanken ber Goethe S. 15. Hehns
philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl.
Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke
ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung
fussen berall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem
greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drngt sich
nirgends der Anschlu an den verehrten Meister bermssig oder strend
hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den
Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik
bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefhl fr die
Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.

Herodot sagt im 2. Buche  53 von Hesiod und Homer: [Greek: houtoi de
eisi hoi poisantes theogonin Hellsi, kai toisi theoisi tas epnymias
dontes kai timas te kai technas dielontes kai eidea autn smnantes.]

S. 13. Hegel, Vorlesungen ber Aesthetik Band 3, S. 388.

S. 20. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392
und Ilias Buch 21, Vers 34.

S. 23. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea Vom
Langweiligen, das die Epope oft begleitet smtliche Werke Band 24, S.
284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard
Suphans.

Mit der Natur der epischen Poesie beschftigen sich noch einige Bltter
aus Hehns Nachla, aus denen ich hier folgendes mitteilen mchte:

     Das Epos hat mit der Plastik und deren Objektivitt im Sinne
     sowohl des substanziellen Gehalts als auch der Darstellung in Form
     realer Erscheinung die meiste innere Verwandtschaft. Darum blhte
     beides in Griechenland. Die Welt der homerischen Gedichte ist in
     der schnen Schwebe zwischen den allgemeinen Lebensgrundlagen der
     Sittlichkeit in Familie, Staat, religisem Glauben, Recht, und der
     individuellen Besonderheit des Charakters, in dem schnen
     Gleichgewicht zwischen Geist und Natur, zweckvoller Handlung und
     uerem Vorgang, nationaler Basis der Unternehmungen und einzelnen
     Absichten und Thaten; die freie Bewegung einzelner Helden erscheint
     gemigt durch den Ernst des Schicksals und die Bestimmtheit der
     Zwecke. Daher auch die Naivett der erscheinenden Gttergebilde,
     die ganz menschlich und es doch nicht ironisch sind.

     Das Epos, seines poetischen Gewands entkleidet, gibt dasjenige, was
     Geschichte in geistvoller Behandlung und Naturbeschreibung in ihrer
     grten Allgemeinheit gewhrt, einen vollkommenen Ueberblick ber
     die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Nur da der
     Dichter nicht die Vollstndigkeit der Objekte braucht, sondern
     mittelst eines einzelnen Objekts noch mehr leistet, da er das Gemt
     in eine unendliche Stimmung versetzt. Der epische Dichter geniet
     die weiteste Aussicht; seine Dichtung ist am meisten fhig den
     Menschen mit dem Leben zu vershnen.

     Das Epos gibt der Musik Gestalt, der Skulptur Bewegung und Sprache.

     Idyll heit nicht blo eine Dichtungsart, sondern eine
     Empfindungsweise. Die Idylle beschreibt einen Zustand, das Epos
     erzhlt eine Handlung.

     Der Kampf individueller Charaktere, Zwecke und Leidenschaften mit
     den objektiven Mchten fhrt zur dramatischen Poesie. Das Epos
     fordert aber noch jene unmittelbare Einheit von Empfindung und
     Handlung, von inneren konsequent sich durchfhrenden Zwecken und
     ueren Begebenheiten, eine Einheit, welche nur in den ersten
     Perioden des nationalen Lebens vorhanden ist. Indes ist die epische
     Kunst selbst spter als jener naive unmittelbare Volkszustand, der
     unbefangen sich in seinem poetischen Dasein heimisch fhlt. Homer
     und Ossian folgen der von ihnen geschilderten Zeit.

     Dennoch mu der epische Dichter ganz in den geschilderten
     Verhltnissen und diesem Glauben stehen und er bringt nur die Kunst
     der Darstellung, das poetische Bewutsein hinzu. Fehlt diese
     Verwandtschaft im Leben und Vorstellen, so wird das Gedicht
     disparat. Die Scheidung zwischen dem knstlerischen Geist und der
     geschilderten nationalen Wirklichkeit ist unangemessen und strend
     z. B. in Goethes Achilleis. Auf der einen Seite stehen die Szenen
     des vergangenen Weltzustandes, auf der andern Formen und
     Gesinnungen einer davon verschiedenen Gegenwart. Dadurch wird der
     frhere Glaube zu einer kalten Sache, einem Aberglauben, einem
     leeren Schmuck, einer bloen sogenannten poetischen Maschinerie,
     der alle Lebendigkeit, aller Pulsschlag wahren Lebens, alle Seele
     abgeht.

     Der Weltzustand, in welchem das Epos entsteht, ist ein solcher, da
     das allgemeine Leben zwar schon eine vorhandene Wirklichkeit ist,
     aber noch im engsten ursprnglichen Zusammenhang mit den
     Individuen, die dies allgemeine Leben bewutlos als ihr eigenes
     Leben fhlen. Im Epos sollen nicht die Helden einen Gesamtzustand
     erst grnden, denn er fiele dann in das Gemt und den Willen des
     Subjekts und erschiene nicht als objektiv vorhanden.

     Jedes Epos mu ein bestimmtes Volk schildern. Das Prinzip
     griechischen Geistes lernt man in lauterer Quelle aus Homer kennen.
     Zweierlei Art nationaler Wirklichkeit: positive spezielle Gebruche
     und Substanz des Volksgeistes, die im Lauf der Zeit unverndert
     bleibt. Hermann und Thusnelda sind uns nicht mehr national, auch
     die Nibelungen knnen nicht mehr gefhlt werden. Die besondre
     Nationalitt mu allgemein-menschliche Geltung haben. So haben
     Homers Gedichte ewige Gegenwart. Das indische Epos ist zu
     berwiegend spezifisch: das Menschliche kann nicht durchbrechen.

     Das Nibelungenlied hat inneres Mark. Auch in ihm ist substanzieller
     Gehalt in Bezug auf Familie, Gattenliebe, Vasallentum, Diensttreue,
     Heldenschaft; dennoch ist die ganze Kollision eher dramatisch und
     tragisch als episch. Die Darstellung hat keinen individuellen
     Reichtum, keine lebendige Anschaulichkeit; sie verliert sich ins
     Harte, Wilde, Grausame; die Charaktere gleichen in ihrer abstrakten
     Schroffheit mehr rohen Holzbildern, als da sie der menschlich
     ausgearbeiteten geistvollen Individualitt homerischer Personen
     vergleichbar wren.

     Die epische Begebenheit mu auf den Boden der sie umgebenden
     totalen Volksnatur gegrndet sein, die individuelle That darf nicht
     mit dieser Natur in Gegensatz stehen. Das allgemeine Leben mu in
     so konkreten einzelnen Thaten aufgefat sein, da daraus notwendig
     eine bestimmte Situation, bestimmte Zwecke und Handlungen, eine
     bestimmte Begebenheit hervorgeht. Die einzelne epische Handlung mu
     erstens individuell lebendig und bestimmt sein und zweitens
     epischen Charakter haben; drittens mu sie eine innere
     Notwendigkeit des Fortgangs haben, welche teils als Schicksal,
     teils als offenbare Leitung ewiger Gttermchte erscheint.

     Das epische Geschehen mu in die uere Realitt der umgebenden
     Welt eintreten und nicht blo innerlich vorgesetzter Zweck des
     Individuums sein, welchen dieses in sich zur Realitt bringt.
     Daher ist die epische Begebenheit nicht blo Durchfhrung von
     Zwecken, sondern es treten in sie Umstnde, Naturereignisse,
     Zuflle u. s. w. ein. Sie ist keine That streng genommen, sondern
     ein Geschehen. Sie mu eine ganz individuelle sein, daher nicht
     blo Staat, Vaterland, Menschheit das Subjekt sind, sondern ein
     besonderer Held; trotzdem keine Biographie.

     Der epische Charakter mu eine Totalitt von Zgen, ein ganzer
     Mensch sein; daher die Breite der Zeichnung nach allen Seiten hin,
     whrend im Drama das Pathos, die eine Richtung des Menschen
     beleuchtet ist und ihn ganz verschlingt. Als total und das
     Eigentmliche der Nation und Zeit in sich zusammenfassend haben
     diese Helden das Recht, an die Spitze gestellt zu sein. Die Nation
     konzentriert sich in ihnen zum Subjekt. Der epische Charakter geht
     nicht in seinem Zwecke auf; nicht seine Wirksamkeit, sondern was
     ihm begegnet, ist die Hauptsache.

     Der dramatische Charakter macht sich sein Schicksal selber, dem
     epischen wird es durch die Macht der Umstnde gemacht. Das Drama
     kehrt das innere Recht der Handlung objektiv heraus, das Epos aber
     stellt das totale Dasein dar und diesem substanziellen Zustande
     folgt das Individuum und leidet demgem. Das Schicksal bestimmt,
     was geschieht. Die epische Gerechtigkeit richtet nicht die Person,
     wie die dramatische, sondern die Sache; daher ein Grundzug der
     Trauer.

     Die Notwendigkeit des Schicksals kann doppelt zur Darstellung
     gebracht werden. Der Dichter stellt entweder die Begebnisse hin und
     erklrt ihren Gang nicht durch das Mithandeln ewiger Gttermchte.
     Dennoch mu durch das Ganze sich die Empfindung durchdrngen, da
     es sich nicht um das blo Zufllige handelt, sondern die Geschicke
     in sich selbst begrndet sind, ohne da die dunkle Macht deshalb
     hervortritt, bestimmt individualisiert und in ihrer Thtigkeit
     poetisch vorgestellt wird. Hierher gehrt das Nibelungenlied. Oder
     es erscheint eine vielgestaltige Gtterwelt, welche eingreift.
     Zwischen Gttern und Menschen ist wechselseitige Selbstndigkeit
     ntig. Die ersteren drfen nicht leblose Abstraktionen, die
     Menschen nicht blo willenlose Werkzeuge sein. Im Christentum haben
     die Engel und Genien zu wenig Krper. In Bezug auf die Gtterwelt
     besonders ist der Unterschied knstlicher und ursprnglicher Epen
     wichtig: so bei Virgil und Homer. Die Anschauungsweise des Dichters
     und der dargestellten Welt bei Virgil ist nicht im Einklang: die
     Gtter sind bloe Erdichtungen, knstliche Mittel, mit denen es
     nicht Ernst ist. Bei Homer schweben die Gtter in dem magischen
     Licht zwischen Dichtung und Wahrheit: der Glaube an sie ist der
     Glaube an den substanziellen Gehalt, den sie reprsentieren.
     Gemacht sind auch Milton, Bodmer, Klopstock, Voltaire; berall
     Zwiespalt des Inhalts und der Reflexion des Dichters. Bei Klopstock
     spukt Wolffsche Metaphysik. Gottvater und die himmlischen
     Heerscharen sind gar nicht zur Individualisierung gemacht, wie die
     homerischen Gtter. Klopstocks Welt ist bodenlos, seine Engel und
     Teufel leere Einbildung, Abbadonna, der bekehrte Teufel, eine
     absurde Inkonsequenz des Lasters, des personifizierten Lasters.
     Klopstock gefllt sich in unrealen Personen und Dingen, die nicht
     aus der wirklichen Welt und deren poetischem Gehalt herausgegriffen
     sind. Moralische Weltrichterschaft geht auf Allgemeines, whrend
     Dante bestimmte Personen verurteilt. Die Reden der Erzvter und
     biblischen Figuren stimmen schlecht mit der geschichtlichen Gestalt
     zusammen, in der wir sie kennen. Der historische Fond ist hier
     verflchtigt, im ganzen Gedicht viel Hohles, Abstrakt-Verstndiges
     und zum absichtlichen Gebrauch Herbeigeholtes.

     Das Epos mu Einheit und Rundung haben. Dadurch ist es ein Werk der
     freien Kunst, whrend die Wirklichkeit sich zerstreut, in einem
     endlosen Verlauf von Ursachen, Wirkungen und Folgen sich fortzieht.

     Das Epos blht nur in Zeiten ruhigen Behagens, es stirbt in Zeiten
     drangvoller Arbeit, rapider Entwicklung. Mit der fortschreitenden
     Kultur ist zugleich Entzweiung gegeben, darum ist das Epos nicht
     die Kunstform zivilisierter Zeitalter.

     Das Epos flo aus Volksgesngen zusammen. Sobald eine grere Menge
     derselben gegeben, aufgeschrieben und gesammelt war, so kam von
     selbst die Aufforderung sie untereinander zu verbinden. Eine
     Zusammensetzung dieser Art fliet aus dem bestimmten Gedanken, um
     den sich die Teile fest verbinden, den sie halb dem epischen
     Dichter an die Hand geben, den dieser zur andern Hlfte selbst
     ausbildet. Diese Einheit, die man lcherlicherweise als einen
     Beweis gegen die volksmige Entstehung der groen Epen hat geltend
     machen wollen, ist die Grundbedingung jedes greren in ein Ganzes
     geschlossenen Volksepos.

     Die epische Betrachtungsweise des Lebens ist gleich der antiken,
     der griechischen. Konzentration in allem Dichten und Treiben, Liebe
     des Ortes und Vaterlandes, Lebenslust, frohes Ergreifen der nahen
     Gegenwart, Einheitsliebe, Umfriedigung, Geschlossenheit, das
     Unendliche berall als eins und sich verwirklichend in dem
     Einzelnen und Endlichen und Individuellen. Bei den Neueren und den
     nordischen Vlkern herrscht phantastische Ausschweifung, die Flucht
     in die Ferne, in das Endlose und in die jenseitige Zukunft. Die
     Tempel der Griechen sind in der schnsten Harmonie des Inneren und
     Aeueren, mit einem Blick berschaubar; jeder gotische Dom ist mit
     riesenhafter Anlage begonnen, als ob er nie fertig werden sollte:
     theokratische Rundbogen, ritterliche Spitzbogen, industrielle
     Bden; ungeheure Trme, deren Einzelheiten dem Auge verschwinden,
     bei den Griechen Metopen und Skulpturen groartiger, um den
     Eindruck zu lassen, um alles einem Blick zu gewhren.

     Das Epos ist weder komisch noch tragisch: es spaltete sich nicht in
     diese zwei Zweige wie das Drama. Denn indem das Epos erzhlt, was
     war, indem es auf ein altertmliches Heroengeschlecht gerichtet
     ist, ist es vorherrschend ernst, ruhig, heiter; das Drama, die
     Gegenwart darstellend, ist teils tragisch teils komisch, wie die
     Begebenheiten der brgerlichen Welt.

     Das Epos und die naive Dichtung bleibt bei den geschilderten
     wirklichen Zustnden stehen, die sentimentale bezieht sich auf
     Ideen. Das Epos fllt in Zeiten, wo die Kraft der Phantasie
     lebendig ist, da sie keiner Hilfe bedarf.

Die feinsinnigsten Bemerkungen ber epische Poesie, besonders ber Homer
und seine Zeit, die letzthin erschienen sind, finden sich in Hermann
Grimms herrlichem Buche ber die Ilias, dessen Fortsetzung jeder echte
Freund der Poesie mit Sehnsucht erwartet.

Die Stelle Goethes an Schiller steht im Briefe vom 9. Dezember 1797
(Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 360 Spemann).

S. 24. Ueber Goethes Nausikaa (Werke Band 10, S. 97. 406 Weimarische
Ausgabe) vgl. Scherer, Aufstze ber Goethe S. 177.

S. 25. Schiller urteilt ber Goethe in seiner Abhandlung ber naive und
sentimentalische Dichtung: Dieses gefhrliche Extrem des
sentimentalischen Charakters ist der Stoff eines Dichters geworden, in
welchem die Natur getreuer und reiner als in irgend einem andern wirkt
und der sich unter modernen Dichtern vielleicht am wenigsten von der
sinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt (Smtliche Schriften Band 10, S.
476 Goedeke).

Der Goethesche Spruch in den Werken Band 2, S. 216 Weimarische Ausgabe.

S. 26. Goethes Ausspruch ber seine knstlerische Befhigung steht in
der italienischen Reise unter dem Datum des 23. Februar 1788 (Werke Band
24, S. 474 Hempel); ein Originalbrief, der diese Worte enthielte, ist
nicht vorhanden.




Wahl des Stoffes. Warum kein politischer.


S. 27. Die Aeusserung Lessings in einem Briefe an seinen Bruder Karl vom
11. November 1774 (Werke Band 20 Abteilung 1, S. 589 Hempel).

Ueber Brnes Beziehungen zu Goethe handelt ausfhrlich Brandes, Das
junge Deutschland S. 48; vgl. auch Gedanken ber Goethe S. 164. 313.

S. 32. Der Ausspruch Leibnizens (_dissertatio de stilo philosophico_ 
12) wird zitiert in Feuerbachs Darstellung, Entwicklung und Kritik der
Leibnizschen Philosophie S. 193.

S. 33. Hehn verweist hier auf Prutz, Geschichte des deutschen
Journalismus Band 1, S. 279.

Ueber Thomasius vgl. Minors Aufsatz in der Vierteljahrsschrift fr
Literaturgeschichte Band 1, S. 1. Wertvolle historische Nachweise ber
das Deutsche als Universittssprache enthlt die Jenaer Doktorschrift
von Hodermann, Universittsvorlesungen in deutscher Sprache um die Wende
des 17. Jahrhunderts, Friedrichroda 1891, die leider viel zu wenig
bekannt geworden ist.

S. 36. Ueber die Anredeformeln, wie sie in Goethes Werken vorkommen,
vgl. Gedanken ber Goethe S. 274.

S. 37. Mit der obigen guten Charakteristik Lessings vergleiche man die
heissbltige Verkennung seines Verhltnisses zu Goethe in den Gedanken
ber Goethe S. 56. Wie kann man Lessing so verkennen und als Neid gegen
Goethe auffassen, was doch nichts als eine leidige Voreingenommenheit
seines Urteils in betreff des Werther und ein gut Teil Heterogeneitt
der Natur und Weltanschauung war! Auch Biedermanns Darstellung des
Verhltnisses beider (Goethejahrbuch Band 1, S. 17) befriedigt nicht.

S. 38. Herder war keine harmonische Natur, sondern eigenwillig und
ungleich, bald weich und freundlich, bald herzlos und ungerecht, von
mehr dialektischem als konstruktivem Geiste, wie Goethe von ihm sagt
Gedanken ber Goethe S. 14.

S. 40. Das Urteil Pfizers in der Vorrede zu seinem Buche: Der Wlsche
und der Deutsche, Aeneas Sylvius Piccolomini und Gregor von Heimburg,
Stuttgart 1844.

Gervinus' Auseinandersetzung ber Schillers sthetische Briefe in seiner
Geschichte der deutschen Dichtung Band 5, S. 468.

S. 41. Guhrauer, Goethe im Verhltnis zu Politik und Geschichte in Brans
Minerva 1846 Band 4, S. 181; vgl. besonders S. 228.

Nicht Goethe, sondern Schiller war der poetisch vollendete Ausdruck des
achtzehnten Jahrhunderts, der dreifach oder hundertfach erhhte
Klopstock; Goethe stand im tiefsten Gegensatz zu dem Geiste desselben
und seine Dichtung begleitete dessen Phasen und Epochen keineswegs, wie
fter mit Unrecht behauptet worden Gedanken ber Goethe S. 109.

Goethes Aeusserung ber Zeitungen im 17. Buch von Dichtung und Wahrheit
(Werke Band 29, S. 69 Weimarische Ausgabe).

S. 43. Fr die Ehrfurcht vor Hheren verweist Hehn auf Riemer,
Mitteilungen ber Goethe Band 1, S. 155.

S. 45. Und was anders ist der Sinn der ganzen Dichtung von Hermann und
Dorothea, als dass in wilder Zeit, in der Auflsung alles Gewordenen,
doch die heilende Naturkraft sich bewhrt und in Haus und Besitz, in
Stiftung der Familie, in begrenztem Dasein und wiederkehrender, sich
bescheidender Thtigkeit die ewige Ordnung unzerstrbar ist? Gedanken
ber Goethe S. 239.

Humboldts Charakteristik der brgerlichen Epope findet sich in  77
seiner Schrift ber Hermann und Dorothea (S. 154 der 4. Auflage;
gesammelte Werke Band 4, S. 205).

Hegel, Vorlesungen ber Aesthetik Band 1, S. 238.

S. 46. Ueber Goethes Beziehungen zur franzsischen Revolution handelt
Hehn ausfhrlich in den Gedanken ber Goethe S. 93.

S. 47. Das Zitat aus Schillers Distichon Das Hchste (Smtliche
Schriften Band 11, S. 74 Goedeke).

S. 48. Dahlmann, Geschichte der franzsischen Revolution S. 9.

S. 50. Ueber Rafael und Goethe vgl. Hermann Grimm, Goethe S. 183.

S. 51. Ueber Voltaires Schtzung durch Goethe vgl. Hermann Grimm, Goethe
S. 48.




Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme.


S. 52. Ein Aufsatz Ueber den mutmasslichen Stoff zu Goethes Hermann und
Dorothea erschien im Morgenblatt 1809 Nr. 138.

Panse, Geschichte der Auswanderung der evangelischen Salzburger im Jahre
1732, Leipzig 1827.

Yxem, Ueber die Quelle des idyllischen Epos Hermann und Dorothea von
Goethe, erschienen in von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der
Berlinischen Gesellschaft fr deutsche Sprache und Altertumskunde) Band
2, S. 137.

S. 55. Goethes Aeusserung an Heinrich Meyer in einem Briefe vom 28.
April 1797 (Riemer, Briefe von und an Goethe S. 51).

S. 56. Schillers Brief an Krner ist vom 28. Oktober 1796 (Briefwechsel
Schillers mit Krner Band 3, S. 374); aus demselben Briefe ist auch das
Zitat S. 57.

S. 57. Die Rezension steht in der Bibliothek der schnen Wissenschaften
und freien Knste Band 61, S. 230. 260, wiederabgedruckt bei Braun,
Goethe im Urteile seiner Zeitgenossen Band 2, S. 306; vgl. auch S. 66.
Im allgemeinen vgl. ber die Aufnahme von Hermann und Dorothea beim
Publikum Gedanken ber Goethe S. 99.

Die Elegie Hermann und Dorothea steht in Goethes Werken Band 1, S. 293
Weimarische Ausgabe, Anmerkungen dazu in Goethes Gedichten Band 1, S.
431 Loeper.

S. 59. Schillers Brief ist vom 9. Dezember 1796 (Briefwechsel zwischen
Schiller und Goethe Band 1, S. 229 Spemann)




Ort und Zeit.


S. 61. Ueber den sddeutschen Charakter vgl. auch Gedanken ber Goethe
S. 18.

S. 63. Die ciceronianische Stelle findet sich _de oratore_ Buch 1,  28
und lautet: _nam me haec tua platanus admonuit, quae non minus ad
opacandum hunc locum patulis est diffusa ramis quam illa, cujus umbram
secutus est Socrates, quae mihi videtur non tam ipsa aquula, quae
describitur, quam Platonis oratione crevisse_.

Grimm, Deutsche Rechtsaltertmer S. 796.

Die beiden Parzivalstellen sind 162, 8 und 185, 28 Lachmann.

S. 64. Die Stelle aus Gottfried von Strassburgs Tristan steht 420, 23
Massmann.

S. 65. Hochsommer: vgl. Gedanken ber Goethe S. 307.




Gang der Fabel.


S. 66. Homers Hymnus auf Apollo Vers 189.

Goethes Aeusserung ber den rhapsodischen Vortrag findet sich in der mit
Schiller gemeinsam redigierten Arbeit Ueber epische und dramatische
Dichtung (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 368
Spemann).

S. 70. Die Stellen in der Campagne in Frankreich sind Aufzeichnungen vom
4. und 11. Oktober 1792 (Werke Band 25, S. 82. 94 Hempel).

S. 71. [Greek: biodros aia] Sophokles' Philoktet Vers 1138; vgl. auch
Gedanken ber Goethe S. 298.

S. 77. Humboldt handelt vom Wunderbaren im Epos in  41 seines Buches
ber Hermann und Dorothea (S. 86 der 4. Auflage; gesammelte Werke Band
4, S. 114).

S. 84. Goethes Brief an Schiller, worin er des Friedensschlusses
gedenkt, ist vom 13. Mai 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe
Band 1, S. 275 Spemann).




Charaktere.


S. 88. Die Schilderung von Hermanns Charakter ist fast wrtlich schon in
den Gedanken ber Goethe S. 237 verwertet.

S. 91. Ueber die fter aufgeworfene Frage, ob der Pfarrer Katholik oder
Protestant sei, ussert sich sehr richtig Hehn folgendermassen: Ob der
Pfarrer in Hermann und Dorothea ein katholischer oder protestantischer
Geistlicher ist und ob er Messe liest oder eine Predigt hlt, bleibt bei
der hohen und freien Religiositt, die ihn in Thun und Reden leitet,
unentschieden: doch knnte die Erwhnung des Tedeums, wo zur Orgel die
Glocke tnt, und der Umstand, dass nirgends seiner Familie gedacht ist,
mehr fr das erstere sprechen; hinwiederum ist er aber auch Mentor eines
jungen Barons in Strassburg gewesen, also wie Lenz und Herder, und mit
solchem Amt pflegt der lutherische Kandidat seine Laufbahn zu beginnen
(Gedanken ber Goethe S. 34).

S. 94. Hier ist zu erwhnen, dass das Urbild der Dorothea nach
Bielschowskys Ansicht (Die Urbilder zu Hermann und Dorothea: Preussische
Jahrbcher Band 60, S. 335; vgl. auch Band 69, S. 666) Goethes frhere
Geliebte Lili sein soll, deren Schicksale bei ihrer Flucht vor den
eindringenden Franzosen Goethe verwertet habe. Mir sind Bielschowskys
Argumente in keiner Weise berzeugend.

S. 95. Humboldts Tadel dieses Motivs findet sich in  34 seines Buches
ber Hermann und Dorothea (S. 69 der 4. Auflage; Gesammelte Werke Band
4, S. 92); vgl. auch Goethes Gesprche Band 7, S. 37.

S. 97. Ueber das Typisch-homerische in unserm Gedicht handelt Hehn auch
Gedanken ber Goethe S. 201.

[Greek: Patros g' hode pollon ameinn] Ilias Buch 6, Vers 479.

S. 100. Goethes Aeusserung an Meyer ist aus einem Briefe von 28. April
(Riemer, Briefe von und an Goethe S. 51), die an Schiller aus einem
Briefe vom 8. April 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band
1, S. 258 Spemann).




Sitten und Lebenssphre.


S. 104. Ausfhrlich handelt Hehn ber Goethes poetische Verwertung des
Brgertums in den Gedanken ber Goethe S. 234.

Die Homerstelle lautet (Ilias Buch 18, Vers 558):

    [Greek: krykes d' apaneuthen hypo drui daita penonto,
    boun d' hiereusantes megan amphepon, hai de gynaikes
    deipnon erithoisin leuk' alphita polla palynon.]

S. 106. Ueber frhe Ehe bei Goethe vgl. Gedanken ber Goethe S. 220.

S. 108. Der ganze Abschnitt vom Freiwerben in frherer Zeit steht fast
wrtlich so auch in den Gedanken ber Goethe S. 246.

S. 109. Hegel, Philosophie des Rechts  162; vgl. Gedanken ber Goethe
S. 247.

Ueber die Sonntagserholungen der Brger bei Goethe vgl. Gedanken ber
Goethe S. 250.

S. 110. Ueber Sentenzen als ethischen Ausdruck des Brgertums vgl.
Gedanken ber Goethe S. 241.

S. 113. Ueber die Geltung der Nachbarschaft in Goethes Werken vgl.
Gedanken ber Goethe S. 243.

Der Endabschnitt steht fast wrtlich in den Gedanken ber Goethe S. 253.




Diktion.


S. 119. Das Distichon aus Goethes Gedicht Der neue Pausias und sein
Blumenmdchen (Werke Band 1, S. 273 Weimarische Ausgabe).

S. 120. Ueber Goethes Schilderungen der Wirkung des Mondlichts vgl.
Gedanken ber Goethe S. 291.

S. 123. Reineke Fuchs Gesang 1, Vers 15.

S. 124. Grimm, Deutsche Grammatik Band 4, S. 146.

S. 125. Die ironische Frbung der antikisierenden Sprache, die auch S.
127 behauptet wird, mchte ich in Abrede stellen trotz Hehns Ausspruch:
Wohl aber, wie so oft bei Goethe, bewirkt die Wahrheit des Tones, dass
ber die Erzhlung wie ein leichter ironischer Hauch hinzuschweben
scheint (Gedanken ber Goethe S. 71).

Virgil, Aeneis Buch 1, Vers 148.

S. 126. Cicero, Laelius  62.

In Xenophons Memorabilien Buch 2, Kapitel 4,  4 heisst es: [Greek: eti
de pros toutois horan eph tous pollous tn men alln ktmatn kai pano
polln autois ontn to plthos eidotas, tn de philn olign ontn to
plthos agnoountas.]

Die Homerstelle steht Ilias Buch 2 Vers 484, Buch 11 Vers 218, Buch 14
Vers 508, Buch 16 Vers 112.

S. 127. Goethes Aeusserung ber die Gleichnisse in seinem Gedicht in
einem Briefe an Schiller vom 23. Dezember 1797 (Briefwechsel zwischen
Schiller und Goethe Band 1, S. 370 Spemann).

Die beiden in die Rede verflochtenen Gleichnisse sind Gesang 1 Vers 176:

    Denn wer erkennet es nicht, dass seit dem schrecklichen Brande,
    Da er so hart uns gestraft, er uns nun bestndig erfreut hat
    Und bestndig beschtzt, so wie der Mensch sich des Auges
    Kstlichen Apfel bewahrt, der vor allen Gliedern ihm lieb ist;

und Gesang 3 Vers 9:

    Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen
    Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,
    Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung.

Die Homerstelle steht Odyssee Buch 14 Vers 55. 165. 360. 442. 507, Buch
16 Vers 60. 135. 464, Buch 17 Vers 272. 311. 380. 512. 579.




Vers.


S. 129. Fr dies ganze Kapitel verweise ich auf Hehns usserst anregende
Abhandlung Einiges ber Goethes Vers im Goethejahrbuch Band 6, S. 176.
Die bessernde Arbeit, die Goethe in metrischer und stilistischer
Hinsicht seinem Epos angedeihen liess, wird erst nach Erscheinen des
unser Gedicht enthaltenden Bandes der Weimarischen Ausgabe klar und
eingehend beurteilt werden knnen; einstweilen orientiert Schreyers
Abhandlung Goethes Arbeit an Hermann und Dorothea im Goethejahrbuch
Band 10, S. 196.

S. 131. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 132.

Ueber den Anfang des deutschen Hexameters vgl. Wackernagel, Geschichte
des deutschen Hexameters und Pentameters bis auf Klopstock, Berlin 1831,
wiederabgedruckt in seinen kleineren Schriften Band 2, S. 1; ferner
Martins Aufsatz in der Vierteljahrsschrift fr Literaturgeschichte Band
1, S. 98.

S. 132. Voss, Zeitmessung der deutschen Sprache S. 13.

S. 134. Bei Platens Tadel ber die weimarischen Hexameter verweist Hehn
auf Nr. 99 der Deutschen Jahrbcher von 1841.

Die beiden Homerverse stehen Odysee Buch 11 Vers 598. 596.

S. 135. Voss, Zeitmessung der deutschen Sprache S. 127.

S. 136. Humboldts Bemerkung steht in  102 seiner Schrift ber Hermann
und Dorothea (S. 201 der 4. Auflage; gesammelte Werke Band 4, S. 266)

S. 138. Der Bericht Goethes an Schiller in seinen Briefen vom 8. und 15.
April 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 257.
260 Spemann). Humboldts prosodische Bemerkungen stehen in seinen Briefen
an Goethe vom 6. und 30. Mai 1797 (Goethes Briefwechsel mit den
Gebrdern von Humboldt S. 32; Goethejahrbuch Band 8, S. 67).

Riemer, Mitteilungen ber Goethe Band 2, S. 586.




Andre deutsche Epen (Luise von Voss, Messias von Klopstock) zur
Vergleichung.


S. 139. Ueber Vossens Luise vgl. noch Gedanken ber Goethe S. 228.

Andre Urteile Niebuhrs zitiert Hehn in den Gedanken ber Goethe S. 103.
132.

Goethe schreibt an Schiller am 28. Februar 1798: Mein Gedicht scheint,
wie ich aus diesen Nachrichten sehe, Voss nicht so wohlthtig als mir
das seine. Ich bin mir noch recht gut des reinen Enthusiasmus bewusst,
mit dem ich den Pfarrer von Grnau aufnahm, als er sich zuerst im Merkur
sehen lies, wie oft ich ihn vorlas, so dass ich einen grossen Teil davon
noch auswendig weiss, und ich habe mich sehr gut dabei befunden, denn
diese Freude ist am Ende doch produktiv bei mir geworden, sie hat mich
in diese Gattung gelockt, den Hermann erzeugt, und wer weiss was noch
daraus entstehen kann. Dass Voss dagegen mein Gedicht nur _se
defendendo_ geniesst, thut mir sehr leid fr ihn. Denn was ist dann an
unserm ganzen bisschen Poesie, wenn es uns nicht belebt und uns fr
alles und jedes, was gethan wird, empfnglich macht? Wollte Gott, ich
knnte wieder von vorn anfangen und alle meine Arbeiten als ausgetretene
Kinderschuhe hinter mir lassen und was Besseres machen (Briefwechsel
zwischen Schiller und Goethe Band 2, S. 51 Spemann).

S. 140. Schiller, Smtliche Schriften Band 10, S. 489 Anmerkung Goedeke.

Vossens Brief an Gleim in seinen Briefen Band 2, S. 339; ebenda S. 340
Anmerkung steht Gleims oben zitiertes Gedicht.

S. 143. Die Ehrbarkeit und die theologische Dogmatik, das gestalt- und
inhaltlose Kraftgefhl, der Schwung in die Leere des Erhabenen, die
Spannung zwischen Geist und Sinn, die Versenkung in dunkle
Zusammenklnge, die grbelnde Gewaltsamkeit gegen die Sprache, die
Thrnen der Schwermut um nichts, der persnliche Ernst statt der offenen
Hingabe an Welt und Leben, dies waren die Eigenschaften, die das
schsische Deutschland an dem Snger des Messias und der Oden entzckten
und ihm begeisterte Jnger zufhrten, Gedanken ber Goethe S. 11; vgl.
auch daselbst S. 61.

S. 146. Goethes Gedicht Die Krnze steht in den Werken Band 2, S. 136
Weimarische Ausgabe; Anmerkungen dazu in Goethes Gedichten Band 1, S.
400 Loeper.

Schlegels Ausspruch ber Vossens Luise steht im Athenum 1798 (Gedanken
ber Goethe S. 229).

_Jena_, 20. Juli 1893.

Albert Leitzmann.





End of Project Gutenberg's Ueber Goethes Hermann und Dorothea, by Victor Hehn

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER GOETHES HERMANN UND DOROTHEA ***

***** This file should be named 21349-8.txt or 21349-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/1/3/4/21349/

Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
produced from scanned images of public domain material
from the Google Print project.)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
