The Project Gutenberg EBook of Die Schwestern, by Jakob Wassermann

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Title: Die Schwestern
       Drei Novellen

Author: Jakob Wassermann

Release Date: May 19, 2007 [EBook #21535]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                            Die Schwestern


                           Drei Novellen von
                           Jakob Wassermann

                            Dritte Auflage




                      S. Fischer, Verlag, Berlin

                                 1907



Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.

Published, May 10, 1906. Privilege of copyright in the United States
reserved under the act approved March 3, 1905 by S. Fischer, Verlag,
Berlin.



Inhalt

Donna Johanna von Castilien    Seite   9
Sara Malcolm                     "    69
Clarissa Mirabel                 "    99




Donna Johanna von Castilien


Die Infantin Johanna wurde geboren beim Sterbensgeschrei von mehr als
hundert Ketzern, die in derselben Stunde den Feuertod erlitten und unter
demselben Fenster, hinter dem die Knigin Isabella in Wehen lag.

Des Kindes Haut zeigte eine bernsteingelbe Farbe und seine Augen waren
gro, tief, still und dster. Auerdem hatte es unter der Brust ein Mal
in Form eines liegenden Kreuzes, von sonderbaren helleren Linien
umgeben, die zngelnden Flammen glichen. Am Hof entstand spter das
Gercht, da die Infantin den Anblick des Feuers nicht ertragen knne.

Nicht wie andere Kinder hatte sie Freude an Spiel und Tand und bei
festlichen Gelegenheiten verbarg sie sich und suchte die Einsamkeit. Sie
lernte spt sprechen und galt bei allen, die sich auf den menschlichen
Geist verstehen, alsbald fr blde. Ihren Eltern brachte sie wenig Liebe
entgegen, auch sah man sie niemals mit wahrer Inbrunst beten, doch immer
wenn die Nacht kam, wurde sie noch scheuer als sonst und im Schlaf
schrie sie wie ein Teufel aus peinigenden Trumen auf.

Der Knig, dem das Kind ein ngstlicher und trbsinniger Anblick war,
suchte sie mehr und mehr aus seinen Augen zu entfernen, und als sie elf
Jahre zhlte, schickte er sie ins Kloster Santa Maria de las Huelgas bei
Burgos; sein Entschlu hiezu wurde durch den Vorfall mit dem englischen
Windspiel bekrftigt.

Johanna besa nmlich ein englisches Windspiel von edler Rasse; sie
hing mit groer Liebe an dem Tier, es mute des Nachts neben ihrem Bette
schlafen, sie gab ihm selbst zu fressen und fhrte es selbst in die
Grten. Das Tier war auch seinerseits der jungen Herrin treu ergeben.
Eines Nachts aber geschah es, da sich Johanna aus dem Schlaf erhob; es
war ein Gewitter, und in dunkler Furcht schritt sie zum Fenster. Das
Windspiel aber, mochte es nun durch Donner und Blitz erschreckt und
erregt sein oder ein Traum seinen Instinkt getrbt haben, knurrte
pltzlich und bi Johanna ins Bein. Die Wunde war ungefhrlich, doch
Johanna, obwohl sie das Tier noch eben so zrtlich liebte, hatte
beschlossen, es msse sterben und nichts konnte sie von ihrem Vorsatz
abbringen. Sie wute sich ein Dolchmesser zu verschaffen, lockte den
Hund in einen abgelegenen Teil des Gartens und schnitt ihm dort, whrend
er zu ihren Fen lag, ruhig und schnell die Kehle durch.

Diese Tat wurde bekannt und erzeugte teils Verwunderung, teils mehrte
sie das stille Grauen vor der Infantin. Sie hatte auch eine Art,
Menschen anzublicken, da die betreffenden am liebsten Reiaus genommen
htten, sich jedenfalls aber heimlich bekreuzten.

Das traurige Land um Burgos, seine kahlen Hgel, die nur, wenn die Sonne
unterging, in einem Bad aus Purpur wie ungeheure Rubine funkelten; die
dstere Stadt mit ihren krummen Gassen, den hohen getrmten Husern, den
alten Palsten mit halbverfallenen Schwibbgen, vergitterten Torwegen
und kleinen Fenstern; dazu die Abgeschiedenheit des Klosters selbst,
dies alles war dazu angetan, Schleier auf Schleier um das Gemt der
Infantin zu weben. Nur ihre Augen strahlten aus der Dmmerung der Seele
wie der Widerschein zweier Sterne aus dem Wasser eines tiefen Brunnens.

Als sie an den Hof zurckkehrte, hie es, da sie sich auf die magischen
Knste verstehe. Einige sagten offen, da sie mit Spiegeldeutern,
Menschenmachern und Rosenkreuzern zu tun habe, da sie aus kochendem
Wasser weissagen knne und da sie von einem dnischen Schwarzknstler
gelernt habe, Mumien wieder zu beleben. Sicherlich verstand sie sich auf
den Ringgang der Planeten um die Sonne, und eines Tages erzhlte der
Greffier, der es wiederum vom Turmwart wute, da sie oft um Mitternacht
regungslos auf dem Balkon liege und in den gestirnten Himmel blicke.
Auch befand sich in ihrem Schlafgemach ein Astrolabium und die
Marmormaske eines hellenischen Gottes.

Um diese Zeit zog einmal der Hof nach Toledo, wo in der Charwoche eine
Reihe von Ketzergerichten abgehalten wurde. Vom Schaugerste aus
erblickte Johanna ein schwangeres Weib am Pfahl. Durch die Heftigkeit
der Flammen sprang das Kind aus der Mutter Leibe, doch nach einer kurzen
Beratung der Priester schleuderte man es als eine Ketzerbrut wieder ins
Feuer. Niemals verga Johanna den tierisch-jammervollen Schrei der
Mutter. Ihr in eine weite Ferne, gleichsam auf ein fernes Licht
gerichteter Blick suchte nach einem Pfad zu diesem Licht; die Erwartung
besiegte die Erfahrung.

Kaum hatte sie das siebzehnte Lebensjahr vollendet, als sich von vielen
Lndern und Thronen her Bewerber um ihre Hand meldeten, denn diese Hand
verfgte ber die Reiche Castilien und Arragon, welche ihr elterliches
Erbe bildeten. Was den Knig betrifft, so hatte er nur einen ins Auge
gefat: Philipp von sterreich, des rmischen Kaisers Sohn. Aber der
Kaiser war anfangs nicht zum hchsten von dem Plan erbaut, seinen
einzigen Sohn der Spanierin zu vermhlen.

Es war eine Hatz von Intriguen und wurde in der Sache endlos viel Papier
verschrieben und Boten reisten hin und her zwischen dem Connetable und
dem Hofmarschall. Viele Stimmen erhoben sich dawider, der Prinz selber
verhielt sich schwankend, da hatte einer unter den Spaniern den Einfall,
die Schnheit der Infantin durch eine poetische Floskel zu beleuchten
und er schrieb ber sie an den Hof zu Wien: Johannas Haut sei so fein,
da man den roten Wein, den sie trinke, ihr durch den Hals gleiten sehen
knne. Die Metapher wurde von den einen belchelt, von den andern fr
bare Mnze genommen, doch wurde Philipp neugierig nach einem solchen
Weibe.

Endlich waren die Vertrge feierlich besiegelt und beschworen, und mit
einem groen Gefolge von edlen Herren, worunter sich auch sein Spezial,
der Pfalzgraf Friedrich befand, zog der achtzehnjhrige Philipp ber
Savoyen und Sdfrankreich nach dem ehrwrdigen Burgos, wo er zu Beginn
des Herbstes ankam. Er trug beim Einzug ein weies Kleid von offner
weier Seide und ritt auf einem weien Pferd. In der engen Strae beim
Tor stolperte das Pferd und fiel auf die Kniee; darin sahen viele ein
Ereignis von bler Vorbedeutung.

Beim ersten Anblick ihres zuknftigen Gemahls blieb Johanna, alles
Zeremoniell vergessend, bleich und khl wie ein steinernes Bild inmitten
ihrer Frauen stehen. Sie rhrte sich nicht, bis Madame de la Marche sich
ihr nherte und mit einer dringlich zugeflsterten Mahnung der
erschreckenden Starrheit ein Ende machte. Gegen den befremdeten Prinzen
wurde die Ausrede erfunden, die Infantin habe den Tag ber in einem
finstern Gemach in Gebetsandacht verweilt und sei durch den reichen
Kerzen- und Fackelschein geblendet gewesen; auerdem habe die Schnheit
Don Philipps sie gewi der Sprache und des Ausdrucks schuldiger
Hflichkeit beraubt.

Philipp, nicht gewohnt in den Mienen anderer Menschen zu lesen, legte
dem Vorfall keine Wichtigkeit bei, auch nahmen die Vergngungen einer
ununterbrochenen Geselligkeit seine Gedanken vllig ein. Am Tag vor der
Hochzeit ward er unter einem kstlichen Baldachin durch sieben
Triumphbgen in die Kathedrale geleitet und verrichtete dort seine
Andacht. Es war schon in der dritten Stunde der Nacht, als er mit der
Infantin im geschmckten Saal des Schlosses zusammenkam, darnach folgte
der ppstliche Legat, der sie ehelich verband, und der Erzbischof von
Toledo hielt die Messe. Als sie ihre Snden gebeichtet, so erzhlt ein
namenloser Chronist, haben sie das hochwrdige Sakrament empfangen und
nach dem Segen des Kardinals heilig und christlich Hochzeit gehalten.

Aber als die Nacht verstrichen war, sah man den Herzog bleich und wild
aus dem Gemach strzen, whrend die Infantin von ihren Frauen ohnmchtig
aufgefunden wurde. Es hie alsbald, doch nur im Geheimen wurden solche
Stimmen laut, da Johanna sich der Hingabe an ihren Gatten weigere.

       *       *       *       *       *

Das Gebot der Kirche drang nicht in Johannas Seele; das priesterliche
Wort war ihr nicht viel mehr als eine auf die Mauer gemalte Formel. Ihr
Krper lebte, er wurde befehligt vom Blut und das Blut ward entzndet
von der Sehnsucht. Der in die weite Ferne gerichtete Blick war des
Pfades noch ungewi, welcher zum Licht fhrte.

Unter dem Meeresspiegel, unberhrt von Strmen, fr Menschen nicht
erreichbar, wchst ein Zauberkraut, das den Tod besiegt. So wuchs in
Johannas einsamem Gemt ein Bild von Liebe: eine Blume, die den Tod
besiegt. Sie konnte nicht geraubt werden, sie konnte nur langsam bis an
die Oberflche des Lebens wachsen. Vllig vom Zweck entblt, in
Erwartung und Zuversicht so gesammelt, da es wie Himmelsflammen Geist
und Leib durchdrang, der Vision unterworfen, von der Speise des Traums
genhrt, Wort, Wunsch und Hoffnung musikalisch fllend, so empfand sie
Liebe.

Schnell wird Tugend zum Wahn und Wahn zur Krankheit; und wieder ist das
Edelste an den Geschpfen nicht ohne einen Hauch von Krankheit. In
einem arragonischen Tal gab es ein Weib, die seit Jahr und Tag auf einem
Stein sa, um den Heiland zu erwarten, und die weinend das Gesicht
verbarg, wenn einer vorbeiging, der eben nur Mensch war. Dieser war es
bestimmt, ihr Herz an ein Etwas zu binden, was nicht aus Erde gemacht
ist, und sie webte hin in geheimnisvoller Glut.

Johannas Unschuld hatte sich bewahrt beim Anblick der tckischen
Leidenschaften, die ihr Vaterland mit Blut dngten. Sie hatte sich im
Frost der Lieblosigkeit wie ein winterliches Kleid um das Herz
geschmiegt. Johanna hatte vieles gesehen, was den Schlummer ihrer Jugend
zerrissen hatte, und es war Zwang von auen, der ihr das Schicksal an
den Lauf der Sterne zu knpfen befahl. Auch war es eine Zeit, vor der
der Nachdenkliche in Bangnis geraten konnte: der Ozean gebar neue
Lnder, Ost und West gaben unerhrte Mysterien preis, das Wort Christi
starb hin, als wre es nie gewesen, ber das Firmament schauerte wie ein
Fieber der Gedanke der Unendlichkeit.

Sie trumte von einem Antlitz, das im Schmerz die Zge groer Liebe
annahm wie der glhende Stahl sich unter dem Hammer biegt; von einem
Auge, nicht getrbt, sondern verklrt durch das Verlangen; von einer
Gebrde, vertrauenswrdiger als Eide; von einem Laut aus dem innersten
Innern des Herzens; von einer Gewalt, die sie ergriff und trug,
Niedriges zerstampfte, Hliches unsichtbar machte. Ihre Sinne waren
geschrft fr Blick, Gebrde, Laut; fr den Schmerz, den die Gelegenheit
erzeugt, und fr den, der das Dasein verdunkelt; fr die aus Qual und
Lust geborenen Versprechungen, welche die Zge der Redlichkeit heucheln,
und fr diejenigen, die von Gott selbst geheiligt werden und wie ewige
Sulen den Bau der Seele tragen.

Oft war ihr, als risse sie eine ungeheure Faust vom Boden empor und
hielte sie so zwischen Himmel und Erde, da sie nicht fallen konnte,
jedoch fortwhrend zu fallen frchten mute. Sie schien hoch ber allen
zu schweben und verging vor Angst, tief unter alle hinab zu fallen. Es
kam vor, da sie nchtelang auf den Knieen lag und fr Philipp betete;
aber nicht wie das Weib fr den Gatten betet; Philipp stand schattenbla
vor ihrem innern Auge, fast wie ein Gespenst, noch ohne feste Gestalt,
wie etwas aus weiten Fernen, was auf einer schwanken Brcke ging oder
auf lautlosem Wasser glitt. Sie wnschte, da Philipp kommen, da er
werden, da er leben mge.

Sie hatte soviel Finsternis in sich, da ihr die Nacht bisweilen wie ein
leuchtender Nebel erschien. Dann schoben sich alle Dinge auf einfachste
Linien zusammen, alles wurde Gesicht, Steine atmeten, tote Rume
redeten. Wie unfalich und berwltigend war es dann, auf dieses Wesen
zu warten, das da wurde, aus dem Wirrsal der Kreaturen emporstieg,
zugleich kristall- und pflanzenhaft. Sie selbst sprte sich wie eine
Blume, ihr Menschenleib lste sich ab, und sie schaute in ihr eigenes
Antlitz, das welk und schlafend schien.

       *       *       *       *       *

Es liegt den geringen Naturen nahe, da sie, an das Los einer greren
gekettet, nicht an Schicksalsvollzug glauben wollen, sondern die Flucht
ergreifen und zu den niedrigen Neigungen eilen, die ihnen die Herrschaft
in ihrem Eigenkreise sichern.

So auch Philipp. Den Spott seiner Leute frchtend, bemhte er sich, der
Alte zu sein, sich selbst zu berbieten, und gab acht, da die Sache,
die insgeheim seine Ehre benagte, nicht durch die Muler geschleift
werde. Wurde nach und nach seine Hoffnung geringer, die Infantin zur
Vernunft zu bringen, so verbarg er doch so gut als mglich die wachsende
Ungeduld. Er dachte an Gewalt; dies hatte gute Weile, es brachte zuviel
Lrm mit sich, auerdem durfte er die Meinung des Volkes nicht
miachten, dem er noch ein Fremdling war.

Zuviel Kopfzerbrechen. Diesem Jngling war es nicht gegeben, am Menschen
Schwierigkeiten zu entdecken. Er suchte Zerstreuungen und trieb es
unverhohlen mit der hbschen Anna Sterel, der Gattin eines schwbischen
Edelmannes. Seine Phantasie malte ihm das Bild einer eiferschtigen
Infantin, die sich so, schlau erdacht, in den eignen Stricken fing.
Nchtlicherweise ging er mit dem Freund, dem Pfalzgrafen Friedrich, auf
Abenteuer. Sie verkleideten sich und trieben allerhand Unfug.

Der Pfalzgraf war ein Held, eine Leuchte des Rittertums, deutscher Herr,
aber ganz nach dem neuen spanischen Schnitt, voller Galanterien, voller
Schulden. Er war auch musikalisch und schlug den Herrn von Moncada, der
behauptet hatte, die Musik mache weibisch, beim Turnier so darnieder,
da er taub wurde. Als Reiter hatte er nicht seines gleichen; es war
sprichwrtlich zu sagen: er reitet wie der Pfalzgraf. Dieser Bramarbas
brach in ein hllisches Gelchter aus, als ihm Herr Hughes von Melun,
der die Kunde von Frau von Molembais besa, vorsichtig zuflsterte, wie
es um Philipp und Johanna stand. Er rasselte von Kopf bis zu den Fen,
er rasselte mit Kette, Schwert und Augen, als er erwiderte: Gemach,
gemach! der Herzog wird wohl wissen, wie man ein strrisches
Frauenzimmer traktiert. Es ist nicht lange her, da der muntere Philipp
zu jedem Nachtessen ein warmes Weiberherz verspeist hat.

Nun mute der Pfalzgraf im Frhjahre nach Deutschland zurckkehren.
Philipp war traurig wie einer, der beim Wein sitzt und dem pltzlich der
Wind Becher und Flasche davontrgt. Er verlor die Sicherheit und begann
mitrauisch und mit verhaltener Wut auf das Wispern zu horchen, in dem
sich Herren und Diener gefielen, wenn er vorberging.

Das Gerede war nicht mehr zu dmmen. Ein Hoffrulein hatte das Geheimnis
dem Granvella anvertraut, der hinterbrachte es dem Knig nach Madrid.
Der Knig war auer sich und schickte seinen Kanzler zu Philipp, die
Knigin ihre erste Dame zu Johanna. Scheidung und Kerker wurden der
Infantin in Aussicht gestellt; wo heilige Satzungen verletzt wrden,
drfe der Knig das eigene Geschlecht nicht schonen. Im August mute Don
Philipp nach Italien ziehen, und der Knig befahl der Infantin, sich
nach Medina del Campo zu begeben. Sie wurde dort gleich einer Gefangenen
gehalten, ein fanatischer Dominikaner, durch ihre Ruhe getuscht,
glaubte mit wilden Predigten ihr Gewissen schrecken zu sollen und
krchzte ihr wie ein bser Rabe dreimal tglich das Register der
hllischen Strafen vor.

Nach seiner Heimkehr lie Philipp die Infantin zu sich kommen und
versprach ihr aus freien Stcken, sie vor allen Verfolgungen zu
schtzen. Einige meinten, Furcht vor ihren Zauberknsten htte ihn dazu
bewogen. Andere sagten, ihre Schnheit habe pltzlich seine Begierde
erregt, und aus List habe er sie bestimmt, sich vorerst zum Schein zu
fgen.

Indes brachten giftige Zungen sein Blut in Aufruhr, und ihn wurmte der
dstere Spott in allen Gesichtern. Dem versteckten Spaniertum war seine
aufrichtige Jugend nicht gewachsen. Wie eitel ihre Blicke, wie
verrterisch ihr Hndedruck, und der Ton ihrer Rede so s, da man
Honig auf der Zunge zu spren glaubte. Eingesponnen von
wirbelnd-schwler Luft, des ftern schlaflos liegend, von Gier und Groll
gewrgt, lie sich Philipp von seinem ungelenkten Trieb zu einer
Handlung niedertrchtiger Art hinreien.

Er verabredete sich mit den beiden Kmmerlingen, Herrn von Fyennes und
Herrn Florys von Ysselstein. An einem Abend drangen sie zu spter Stunde
durch einen geheimen Gang und, indem sie eine verschlossene Tr
erbrachen, in das Schlafgemach Johannas. Mit dem gezckten Schwert
stellte sich der Herzog vor das Bett und forderte die Infantin auf,
sein rechtmig leibliches Weib zu werden; strube sie sich aber, so
msse sie den Tod erleiden.

Die schngeflchten Wangen von fahlem Glanz bergossen, richtete sich
die Infantin auf und bedeutete den beiden Edelleuten, das Zimmer zu
verlassen. Diese dachten nicht anders, als ihrem Herrn geschehe der
Willen, und gehorchten. Darauf entkleidete sich Johanna, band ein
schwarzes Tuch ber die Augen und sagte: So knnt ihr mich nehmen,
sehend nicht, so knnt ihr euren Wunsch befriedigen und zugleich eure
Drohung wahr machen. Gott sei mir gndig.

Philipp, eben noch toll und hei, stand eine Weile nachdenklich. Dann
fing er an zu zittern und zitternd, mit scheu gesenkten Blicken, verlie
er den Raum. Von Stund an war er verwandelt. Im Palast verbreitete sich
Sorge und Befremden. Nur fr Johanna begann sich sein Krper langsam aus
dem Chaos der Ungestalten zu lsen.

       *       *       *       *       *

Anfangs lag er noch der Jagd und dem Ballspiel ob, erschien auch noch
regelmig bei der Tafel. Dann schlo er sich ab. Seine Hautfarbe ward
grau, sein Auge trb und krank, sein Gang gebckt. Don Diego Gotor, der
Leibarzt, sagte, da ein Fieber in seinen Knochen whle. Es schien, als
wre er nicht mehr imstande, ein vernnftiges Gesprch zu fhren; jede
Aufmunterung nahm er ohne Anteil hin.

Er gab die notwendigen Befehle schriftlich und sprach nur mit Donna
Gregoria, Johannas einziger Vertrauten, die tglich zu ihm kam.

Es ist Zauberei, sagten die Hofleute. Wenn Diego Gotor aus dem Zimmer
des Herzogs trat, umringten sie ihn neugierig. Das Greisengesicht Don
Diegos, das durch ein dauerndes Wechselspiel von tausend Falten und
Fltchen hnlichkeit mit einem strmischen Wolkenhimmel hatte, war
traurig und ratlos. In einem Leben von siebzig Jahren hatte Diego Gotor
das Gemt der Menschen mit derselben Begierde erforscht, mit welcher der
unscheinbare Wurm das Innere der Erde durchhhlt.

Er sagte: Im Morgenland erfuhr ich, da Jnglinge, denen der Gegenstand
ihrer Liebe sich entzog, in ein Leiden verfielen gleich dem unseres
Herzogs. Ein solcher Mensch lag wie im Starrkrampf da, schwebte zwischen
Schlaf und Tod, und sein Geist hatte nicht mehr die Kraft, den Krper zu
regieren. Konnte sein Begehren nicht gestillt werden, so siechte er
allmhlich hin und mute sterben oder es brauchte viele Jahre und
dauernde Entfernung von der geliebten Person, bis er wieder unter
Menschen wandeln konnte, der Freude freilich beraubt. So geschieht es
wie gesagt im Morgenland, wo das Blut von dicker und schwarzer
Beschaffenheit ist. Doch versicherte mich ein gelehrter Mann, da, wie
der Blitz nur in die hchsten Bume schlgt, blo Auserwhlte von
solchem Unheil betroffen werden knnen, und da gemeine Fleischeslust
damit nicht mehr verwandt ist als das Kchenfeuer mit dem Blitz.

Die Ritter fluchten der Infantin. Wie kann Johanna einem Jammer ruhig
zusehen, dessen Ursache sie selber ist, lieen sie sich vernehmen; wie
ertrgt sie es vor ihrem Gewissen, den herrlichen Mann so sich verzehren
zu lassen, als wre sie stumm, taub, blind und lahm.

Bald fing Philipp an, Trank und Speise von sich zu weisen, versagte sich
dem Gebet, und sonst heilsame Mixturen bten keine Wirkung. Seine Augen
erloschen, die Hand schlo sich nicht mehr zum Druck beim Gru.

Des Nachts richtete er sich auf und streckte die Arme aus, als wolle er
ein Luftbild umschlingen. Die heie Lippe lallte einen zrtlichen Laut.
Wenn er in den Spiegel sah, so erblickte er nicht sein eigenes Antlitz
und bisweilen kte er in der Verblendung den eigenen Mund.

Die Infantin trat oft an Philipps Lager, sie erhaschte seinen Blick und
hielt ihn fest, sie grub gleichsam das Innere seines Auges auf. Die
blauen Sterne schwammen auf der milchigen Iris in einer Art von Wahnsinn
langsam von Eck zu Eck. Das korngelbe Haar klebte na auf der steilen
Stirn. Der schmale Krper, auf der Seite liegend, glich einem gespannten
Bogen. Donna Johanna schttelte den Kopf; noch schritt Philipp auf
lautlosem Wasser in trber Ferne.

Aber ihre Sehnsucht wurde so gro, da es, als wre die Erfllung schon
geschehen, wie ein Strom der Verzcktheit durch ihre Brust flo. Sie sah
den blauen Himmel best mit smaragdenen Blumen und die myrten- und
lorbeerbeladene silberne Erde hob sich schwellend dem Firmament
entgegen. Oft eilte sie in der Dmmerung durch die Galerien in die
Grten, so schnell, da Donna Gregoria kaum zu folgen vermochte.
Begegnete ihr jemand auf diesem Weg, so blieb sie stehen und schaute ihn
an, streng und wild. Wer ist der Mann? fragte sie ihre Begleiterin mit
ihrer wunderlich fltenden oder gurrenden Stimme. Und Donna Gregoria
erwiderte etwa: es ist einer von Don Philipps Freunden. Doch Johanna
hrte die Antwort nicht mehr; sie war schon weiter geschritten; die
gelben dnnen Lider, von zahllosen blauen derchen bersponnen, schienen
die vollflammenden Augen zu begraben, der Kopf senkte sich nach vorn,
von ihrer Schulter wehte der Abendwind den Schleier herab, und der
entblte Nacken leuchtete wie das Holz eines frischgeschlten jungen
Baumes...

Da geschah es, da Herr von Carancy und Herr von Aymeries bereinkamen,
dem Knig neuerdings von allem Bericht zu erstatten und dringend zu
fordern, da die Infantin in ernste Rechenschaft gezogen wrde, deren
Verhalten sie als eine Frucht und einen Beweis der teuflischen
Schwarzkunst ansahen. Sie versicherten sich des Einverstndnisses der
brigen Granden und Rte, und Herr von Carancy sollte den Wortfhrer
machen. An einem Freitag zu Anfang September ritten sie mit ihren Leuten
gen Valladolid, in welcher Stadt der Knig damals gerade Hof hielt. Am
Hoflager angelangt, lieen sie sich melden, und Herr von Carancy trug
mit zornverhaltener Beredsamkeit vor, was im Palast von Burgos die
Gemter verfinsterte.

Der Knig wurde vor Ingrimm totenbleich. Schon lange hegte er der
schmhlichen Angelegenheit wegen gerechte Besorgnis. Es wurde ein
Haftbefehl ausgefertigt, demzufolge Johanna auf das feste Schlo
Portillo in Ketzergewahrsam zu bringen sei. Der Kommandant von Burgos
habe zweihundert Mann unter den Befehl des Herrn von Carancy zu stellen;
mit ihnen und in Begleitung des Ober-Alguazils, damit den Waffen auch
das Gesetz zur Seite stehe, solle dieser in den Palast dringen und die
Infantin fortfhren.

Die zwei Herren waren zufrieden; Ketzergewahrsam hie so viel, als unter
Foltern langsam sterben. Sie kehrten ehestens nach Burgos zurck und
handelten ohne Verzug. Der Stadtkommandant, sehr betroffen ber den
kniglichen Befehl, wagte nicht zu widersprechen, trotzdem er eigentlich
nur dem Herzog zu gehorchen hatte. Er sandte aber im geheimen Botschaft
an den Haushofmeister im Schlo, um die Leute der Infantin vorzubereiten
und zu warnen.

Als das Abendluten von den Trmen der Kathedrale klang, forderte Herr
von Carancy mit seinen Bewaffneten im Namen des Knigs Einla in den
Palast, lie smtliche Tore besetzen, postierte einen Teil der Leute in
den Gngen und auf den Treppen und schritt, von seinem Genossen und dem
Oberrichter gefolgt, nach den Gemchern der Infantin. Madame de Bevres,
die ihm entgegentrat, antwortete auf seine rauhen und herrischen Worte
mit Ruhe, da sich Donna Johanna im Bade befinde.

Herr von Carancy war mitrauisch, mute sich aber zu warten
entschlieen. Da jedoch beinahe eine halbe Stunde verflo, ohne da
weder die Herzogin noch eine ihrer Damen sich zeigte, bermannten ihn
Argwohn und Ungeduld, er ffnete die nchste Tre, die in ein leeres
Zimmer fhrte, durchschritt diesen Raum und gelangte zu einer zweiten
Tre, die er gewaltttig aufwarf.

Die Infantin sa vor einem Porphyrtisch, auf dem ein goldner Leuchter
mit fnf brennenden Kerzen stand. Sie sa in einem Stuhl mit hoher
Lehne, doch nicht hingelehnt; ihr Oberkrper war seltsam steif
aufgerichtet und diese Steifheit wurde vermehrt durch die regungslos
niederhngenden Arme. Sie trug ein kastanienbraunes Kleid, das man fr
ein Mnchsgewand htte halten knnen, wre nicht die zartgelbe Stickerei
am Saum und an den rmeln gewesen.

Hinter ihr stand Donna Gregoria und kmmte der Herrin das Haar. Donna
Gregoria war klein, schlank, gelenkig, spitzgesichtig. Sie hatte etwas
von einer ffin und etwas von einer Schwalbe. Liebkosend hielt sie das
bluliche Haar in der Linken und lauschte dem knisternden Gerusch, das
ihr Kamm hervorbrachte.

Auch der Alguazil und andere Herren waren inzwischen herbeigekommen und
starrten nicht ohne Scheu ber die Schwelle. Von gegenber, aus offenen
halberleuchteten Rumen eilten Kammerfrauen herzu und blieben mit
gefalteten Hnden stehen. Donna Gregoria hrte auf zu kmmen und schaute
ber die Schulter hinweg hochmtig fragend auf Herrn von Carancy, dem
die Sprache versagte und der rckwrts griff nach dem Pergament in den
Hnden des Richters. Donna Johanna erhob sich; sie war weder erstaunt
noch erzrnt. Es war, als lausche sie auf den verworrenen Lrm, der von
drauen hereinschallte, und ihre gelben dnnen Lider bewegten sich kaum,
als sie fragte: Was hat seine Herrlichkeit der Knig ber mich verfgt?
denn nur in seinem Namen kann vielleicht ein solcher berfall sich
rechtfertigen.

Herr von Carancy zuckte zusammen und ber seine Haut rann ein Schauder.
Doch antwortete er, was er antworten mute.

Bei dem Worte Ketzerhaft stie Donna Gregoria einen gellenden Schrei
aus. Die Infantin machte eine abwehrende Bewegung. Ihre Stirn schien
beinahe unsichtbar zu werden unter der sinkenden Wolke des Kummers. Ihr
Gesicht lag wie ein Stein im Bett des schwarzaufgelsten Haares. Ich
bin bereit, sagte sie mit einem verlorenen Lcheln, denn der Wille zu
leiden umflutete sie wie Wollust.

Donna Gregoria ergriff den Leuchter und wollte damit, planlos, sinnlos,
der Herrin vorauseilen. Die fnf brennenden Lichter, im Zugwind wehend
und hoch emporgehalten, erschienen Johanna auf einmal als untrgliche
Verheiung, so da was nun folgte, ihrem atemlosen Erwarten schon wie
ein tiefes, sattes Ruhen war, und indem sie es lebte, sprte sie es
schon als Erinnerung, dankbar und mde.

Besorgt ber die Wirkung, die Johannas Gefangennahme auf Philipp haben
wrde, hatte Don Diego Gotor dem Herzog in kurzer Frist von dem was im
Werke war Mitteilung gemacht. Zwischen seinem letzten Wort und der
Sekunde, die ihn nun Aug in Aug mit der Infantin sah, war nicht soviel
Zeit verflossen, als man braucht, um bis fnfzig zu zhlen. Der Herzog
strauchelte keuchend herein. Sein Auge, das den Eindruck von etwas
Morschem, Faulendem machte, haftete auf nichts, auf keinem. Er sank vor
Donna Johanna auf die Kniee, und als sie ein wenig zurckwich, sank er
noch weiter hin, platt an die Erde. Wie er lag, fing er an zu weinen.
Alle dachten, nun sei es zu Ende mit ihm, und starrten bestrzt einander
an.

Die Infantin hatte die Fingerspitzen beider Hnde zusammengepret. Ihr
Haupt fiel auf den gedehnten Hals nach rckwrts. Sie lauschte beseligt
dem Weinen, das wie Flgelrauschen zu ihr emporwirbelte. Jetzt sah sie
Philipp, jetzt war er da, er lebte. Mit jhem Ruck beugte sie sich herab
und drckte sanft die Hand auf sein Haar. Philipp schwieg, schaute auf,
ihre Blicke verschmolzen, es hob ihn wie von selbst, er umfate mit den
Armen ihre Schenkel und trug sie kurz und heiser aufjubelnd durch einen
purpurnen Nebel von Glck hindurch.

Johanna lachte lautlos in die Luft hinein, und es war ihr, als ginge es
ber Mauern, die vor Philipps Schritt zerbarsten, ber Wlder, deren
Finsternis wie Glas zersprang, und ber das Meer, das wie flssiges
Morgenrot schumte.

Die ganze Nacht hindurch war das Schlo von heiterster Ausgelassenheit
erfllt, auch in der Stadt herrschte alsbald festliches Wesen. Die
vornehme Familie der Stuniga lie auf offener Strae eine Zechtafel fr
das Volk errichten.

       *       *       *       *       *

Fahrende Snger und Liederdichter flochten nun in ihre oft rezitierten
Strophen gern einen Vers ein zum Preis der innigen Liebe zwischen
Philipp und Johanna von Castilien.

Aber der Hof zu Burgos wurde allmhlich eine Sttte des Schweigens. Den
Pagen, Rittern und Edelfrauen ging der Stoff zu schwatzen aus. Ein
vereinzeltes Lanzenstechen half auch nur ber ein paar Tage hinweg. Die
Herren saen oft betrbter da als nach verlorenen Schlachten, und manche
erbaten den Abschied, um nach Rom, Madrid oder Flandern zu ziehen.

Kamen die spttischen Granden zusammen, so hie es: was macht Philipp?
schlft er noch? Und es wurde erwidert: wenn der Drstende trinkt, so
spricht er nicht.

Der Herzog zeigte sich selten ffentlich. Sobald die Ratsgeschfte
erledigt waren, bei denen er ein ernst-wohlwollendes Betragen an den Tag
legte, zog er sich wieder in seine Gemcher zurck. War eine Jagd
angesagt, so lie er die Geladenen oftmals allein ziehen oder entfernte
sich von der Gesellschaft, wenn es gerade am lustigsten war, und ritt
davon. Dann berichteten Hirten, da sie ihn in einem einsamen Tal
angetroffen htten, wo das Pferd sich selbst berlassen an einem Abhang
graste, indes Philipp ruhvoll auf der Erde lag und den Blick in die
Wolken sandte.

Einige lieen schchtern verlauten, er sei eben im Bann gewisser
Zauberknste. Doch mit Bestimmtheit wute man nur, da Johanna ihm
italienische Gedichte vorlas, auch die Berichte der Seefahrer ber die
indischen Lnder und die neuen Traktate ber den Sternenhimmel, die in
Deutschland gedruckt wurden. Das Gerede blieb haltlos; zudem war der
Herzog nach wie vor ein eifriger Kirchengnger und bei den geistlichen
Umzgen zeigte er solche Andacht, da es ergreifend war, in sein helles
Jnglingsgesicht zu schauen.

       *       *       *       *       *

Es kam aber die Zeit, wo in diesem Gesicht bisweilen eine rasche Angst
aufzuckte. Da wurde dann die glattgespannte Stirn schlaff und warf eine
ermdete Falte. Doch mute Philipp allein sein, um den Mut zu finden,
diesem Ziehen auerhalb der Haut nachzugeben. Etwa wenn er in der
Dmmerung am Fenster stand und ber die Baumwipfel hinwegsphte, in
deren sten der Frhling prickelte. Auch geschah es vor dem Einschlafen
in der Nacht, da ein Seufzer ber seine Lippen eilte.

Vor dem Traum flog sein Geist an die fernen Ufer der Donau. Dort war das
Leben viel leichter; es schien, als knne man dort mit pltzlich
unbelasteter Schulter wandeln.

Philipp sehnte sich nach einem Spiel. Nicht nach ritterlichem Spiel, --
er hatte hufig Lust, sich mit Landsknechten an einen schmutzigen
Kneipentisch zu hocken und mit ihnen Karten zu spielen. Es reizte ihn,
an ihren rohen Scherzen teilzunehmen, fr sich allein trieb er Rede und
Widerrede, vergngte sich innerlich an einer unfltigen Wendung und
kicherte, wenn er den Beifall der eingebildeten Hrer erworben zu haben
glaubte.

Ja, er trug Begierde nach etwas Gemeinem, Lsternem, Schmutzigem und
Verruchtem. Diese Begierde wuchs, da er sie vor der Welt und sich selbst
mit Sorgfalt zu verbergen trachtete.

Nach lngerem Beisammensein mit Johanna fielen ihm vor Erschpfung die
Augen zu, und er sah aus, als schlafe er im Gehen und im Stehen. Denn
sie spannte seine Seele, sie dehnte seine Seele ber alles Vermgen.
Wenn sie sprach oder schwieg, war es gleich schwer, immer gegenwrtig zu
sein. Ihr Schweigen war wie ein Marmorblock, den er auf seinen Hnden
tragen sollte. Hnde, Arme und der ganze Leib gerieten durch das Gewicht
des Blocks nach und nach ins Zittern, und die Kraft versagte. Sie ahnte
nichts davon, die mit aufgereckter Inbrunst ihm zur Seite ging,
bestndig trunken von derselben dnnen Luft.

Hier war ein geheimnisvoller Kreis, in dem zu schreiten die Nerven bis
zum Klingen auseinanderzerrte. Ihn zu verlassen, schien bedenklich, denn
jenseits war vielleicht der Tod. Philipp frchtete sich vor seinem Weib.

Einst gedachte er der nchtlichen Streiche, die er verkleidet in
Gesellschaft des Pfalzgrafen verbt. Er verkleidete sich ebenso, und als
es Nacht war, trieb er sich in den Gassen herum, mischte sich in die
Hndel zwischen ein paar franzsischen Buschkleppern, brach einem
schwarzen Hund, der ihm bellend an die Schulter sprang, mit einem Griff
das Genick, fand eine Schenke voll schwbischer Sldner, denen er soviel
Wein auftischen lie, da sie schlielich allesamt wie tot auf der Erde
lagen, und gelangte beim Morgengrauen unerkannt wieder ins Schlo. Es
war ein Auf- und Ausatmen.

Eine Woche vor Johannas Niederkunft kam der Connetable mit einer
vertraulichen Botschaft des Knigs. Er gab dem Herzog zu verstehen, wie
groe Bedenken es habe, das Kind in den Hnden einer Frau zu lassen, die
nach dem Zeugnis aller Urteilsfhigen der gesunden Vernunft entbehre.
Wenn auch neuerdings das Unwesen sich gemildert habe, so bestehe doch
keine Sicherheit, schon der nchste Tag knne den Geist der Infantin
wieder verdunkeln. Der Herzog mge besserer Einsicht Gehr schenken und
das Kind aus dem dmonischen Bereich entfernen; der Hof von Madrid
erklrte sich bereit, die Erziehung zu bernehmen.

Philipp strubte sich zuerst, gab aber bald nach. Es kam ein Mdchen zur
Welt, das am siebenten Tag seines Alters der mtterlichen Hut entwendet
wurde. Als die Infantin sich aus ihrem Bett erhob, konnte ihr der
Sachverhalt nicht verheimlicht werden. Man stellte aber alles so dar,
als ob ein Beweis der gndigen Gesinnung des Knigs vorliege.

Johanna hrte ruhig zu. Sie verlangte den Herzog zu sprechen. Es wurde
ihr bedeutet, Don Philipp habe in dringenden Geschften verreisen
mssen.

In Wirklichkeit hielt sich Philipp auf einem Schlo in Arragon
versteckt, bis er annehmen durfte, Johanna habe sich dem Unvermeidlichen
ergeben. Er hatte ein paar gesellige Kumpane mit sich genommen,
darunter den Ritter Franz von Kastilalt, einen Abenteurer und
Possenreier. Dieser wurde sein unzertrennlicher Trabant; auf die Gunst
des Herzogs bauend, verbte er mancherlei Untaten und wurde der
Schrecken friedlicher Brger. Er war ein so gewaltiger Fresser, da ihn
einst der Graf von Aranda um Gottes willen ersuchte, sein Gebiet zu
verlassen, weil er und seine Leute eine Hungersnot herbeifhren knnten.

Dem Herzog wurde die Stadt zu eng und von Castilien sprach er als von
einer Provinz des Teufels. Verhat wurde ihm sein Haus, verhat der
Himmel, der es bedeckte. Schien die Sonne, so beklagte er sich ber ihre
Glut, fiel Regen, so meinte er hhnisch, ein Land, das Wasser gebre
statt Wein, msse man fliehen. Und er floh. Als die Unruhen in Flandern
ausbrachen, begab er sich bers Meer nach Antwerpen, dort blieb er aber
auch nicht lange, sondern zog den Rhein hinauf nach der frhlichen Stadt
Kln und zu seinem getreuen Pfalzgrafen. Dann hetzte es ihn weiter, er
suchte die Heimat auf und verlie sie wieder, enttuscht, beklommen und
grundlos erbittert. Die Herren am kaiserlichen Hof wunderten sich ber
die unvertrgliche Natur des Prinzen und seine hitzige Art; denn Philipp
war ehedem sanft gewesen.

Im ersten Monat des neuen Jahrhunderts, als die Kometen Unheil
ankndeten und die schwarze Pest aus Asiens Wsten hauchte, machte sich
Don Philipp abermals auf und zog nach der niederlndischen Stadt Gent.
Wie er nur noch eine Stunde von den Mauern entfernt war, kamen ihm der
Audiencier und Meister Jakob von Goudebault entgegen und teilten ihm
mit, da Donna Johanna, hochschwangeren Leibes, seiner im Schlo harre.
Sie war wenige Tage zuvor von Spanien eingetroffen, voll Sehnsucht nach
dem Gemahl.

Don Philipp klopfte das Herz. In den sieben Monaten seiner Abwesenheit
hatte er Johanna gleichsam aus seinem Innern verloren. Er wute nicht
mehr, wie sie aussah, wie sie sprach; er erinnerte sich nicht mehr an
die Farbe ihrer Augen und an die Form ihrer Schultern; ihre Stimme klang
ihm nicht mehr im Ohr, seine Gedanken hatten sich ihrer entwhnt.
Geblieben war nur die zunehmende Bangigkeit, wenn er sich vorstellte,
eines Tages wieder Angesicht in Angesicht mit ihr sein zu sollen.

Er hatte ihren Namen durch die Lnder geschleppt; nichts weiter als
ihren Namen. Sie mit Leib und Geist in der Stadt Gent zu wissen,
berraschte und erschreckte ihn. Er verzgerte den Einzug auf alle
Weise, so da seine Leute nicht wuten, was sie davon denken sollten.

Dennoch durchflammte ihn gleichzeitig die uerste Ungeduld und suchte
ihn zu bereden, da die alte Leidenschaft wieder erstanden sei.

Als er Johannas Lippen auf den seinen sprte, starrte er offenen Auges
und stockenden Atems auf ihre bernsteingelben Lider, die sich tief
herabgesenkt hatten wie in einem Schlaf der Liebe. Ihm war, als msse er
mit einem Messer die beiden zitternden Hautkugeln durchritzen, um
Sonnenlicht durch diese Behlter der Finsternis zu gieen.

Das groe Gent gab dem Herzog zu Ehren ein Fest. Um Mitternacht, als
Tanz und Lustbarkeit im besten Zuge waren, fhlte sich die Infantin sehr
unwohl. Ehe man sie hinwegfhren konnte, gebar sie im dichten Kreis
ihrer Damen ein Kind. Es war ein Knabe und er wurde Carlos genannt. Die
Herzogin Margarete nahm ihn in Obsorge. Diesmal kam der Entschlu, das
Kind in der flandrischen Stadt zu lassen, von Philipp selbst.

Als man das Schiff zur Rckkehr nach Burgos betrat, war die Infantin
noch des Glaubens, ihr Knabe sei mit an Bord. Erst auf hohem Meer erfuhr
sie, da dem nicht so war. Mit einem langen Schrei strzte sie aufs
Verdeck, um sich in die Wellen zu werfen, um zurckzuschwimmen und das
Kind zu holen. Ein Matrose packte sie noch am Arm. Bewutlos fiel sie
hin.

       *       *       *       *       *

Dieses Kind hatte sie mit dem Wissen einer Mutter im Scho getragen. Die
lange Trennung von Philipp hatte ihr Gefhl zur Tiefe gedrngt. Der
hfisch gemessene Stil ihrer Briefe an ihn war die Schanze, hinter der
sie die Zuckungen und Trnen ihrer einsamen Leidenschaft verbarg. Auf
das unsichtbare, jedoch so nahe, ja mit ihr selbst verschmolzene
Geschpf brdete sie die Schnheit und den Reichtum der Erde wie man das
Bild der Muttergottes mit Rosen und Kostbarkeiten behngt. Sie hatte
den Strahl seines Auges aus der Dmmerung des Nochnichtseins
aufgefangen, sie hatte es schon ganz im Besitz und es mit verzckten
Armen ber sich und ber Philipp hinausgehoben, um es Gott nher zu
bringen. Mit entzndeter Phantasie hatte sie seine Seele erschaffen. Sie
hatte seinen Geist aus Trumen gemeielt und ihre Liebe, bisher
krperlos verschwebend, hatte ein Gef erhalten, atmende, zeugende
Gegenwart.

Durch den neuerlichen Raub sah sie sich ausgestoen aus der Welt und aus
sich selbst. In frierender Ble war sie schamloser Neugier
preisgegeben. Sie erschien sich entkrftet und zweigeteilt. Sie verlor
die seltsam umschleierte Sicherheit von Rede, Schritt und Haltung,
bewahrte aber doch ihre Ruhe. Wie ehemals formte sich alles zur
geduldigen Erwartung, doch war es nicht mehr die Erwartung vor dem
Anbruch des Tages, sondern diejenige vor dem Kommen der Nacht.

Es trumte ihr, da sie zwei Teller sah, die wie zwei gefallene Monde
anzuschauen waren. Auf jedem der beiden Teller lag ein Herz, auf dem
einen das ihre, auf dem andern Philipps Herz. Ihr Herz war
scharlachfarben, von den Seiten rann Blut und quoll ber die blulich
leuchtende Schale. Philipps Herz war bla und schleimig; es erinnerte an
jene Quallen, die das Meer bisweilen an den Strand splt. Da trat eine
Gestalt heran, packte Johannas Herz und warf es empor. Es stieg aber
kaum ber Baumeshhe und fiel schwer zurck. Dann schleuderte dieselbe
Hand Philipps Herz empor, und dies flog leicht wie eine Rakete bis in
die Wolken und kam nicht mehr zum Vorschein.

Frchterlich zu denken, da sie die unreife Frucht gepflckt haben
sollte und da Ses pltzlich bitter geworden war. ffne deine Hnde!
gebot sie Philipp nach einer Gewitternacht, die sie zusammen auf der
Burg bei Illescas verbracht hatten. Er ffnete seine Hnde und sie
gewahrte, da es die kleinen Hnde eines Pagen waren. Der eine
Daumenballen war von einer Falkenkralle zerrissen. Warum lchelst du?
fragte sie verwundert; sie erkannte, da dies Lcheln sein Schild war,
hinter dem sich niedrige Geheimnisse versteckten.

Auf die Wand der Kapelle, in der sie zu beten pflegte, war eine Szene
gemalt: ein schner Jngling, der vor der geisterhaften Erscheinung des
heiligen Jago die Flucht ergreift. Wenn sie in Philipps dunkelgrne
Augen blickte, sah sie in unendlicher Verkleinerung das Bild des
fliehenden Jnglings darin. Stets ergriff er die Flucht vor ihr. Sein
geringstes Wort, seine zuflligste Bewegung ergriff die Flucht vor ihr.
Wenn sie sprach, senkte er den Kopf und alles an ihm verstummte. Ging
sie mit den Frauen ber die Galerien und er stand mit seinen Freunden im
Hofe, so hrte er auf zu scherzen und legte mit bekmmerter Miene den
Arm ber den Hals des Pferdes.

Fnfundzwanzig Tage des Monats war er fort vom Schlosse. Die Bringer von
wichtigen Nachrichten muten warten. Wo ist Don Philipp? fragten die
Rte. Geantwortet wurde: er jagt mit dem Grafen Balduin; oder er zecht
mit dem Ritter Kastilalt; oder er ist zum Winzerfest nach Saragossa
geritten. Es gab auch Ausknfte, die man nur heimlich zu raunen wagte;
denn nicht selten spielten die schnen Maurinnen eine Rolle bei den
Zerstreuungen der Herren.

Wenn Philipp, wie es selten geschah, zur Nachtzeit das Gemach Johannas
betrat, war er fast jedesmal trunken. Seine Liebkosungen rochen nach
Wein, seine Leidenschaft war geruschvoll und prahlerisch. Sein Gemt
war im Rausch der Lge wie sein Blut im Rausch des Weines. Er merkte
nicht, wie dann alles an Johanna lautlos schluchzte und ihr Ku ein
Krampf der Reue wurde. Er hatte noch immer nicht gelernt, in
Menschengesichtern zu lesen; er hatte den Geist eines Pagen. Wenn er auf
dem Pferde sa und den Kopf stolz zur Seite drehte, dann mochte er als
ein Wesen fr sich erscheinen. Aber seine Zunge war von Gott versiegelt,
und er wute nichts von dem Schmerz um sich selbst.

Wie die Tage sich ausspannen zu Wochen und die Monate sich zu Jahren
dehnten, empfand Johanna kaum. Sie brachte ein drittes Kind zur Welt,
ein viertes, ein fnftes. Sie trug sie unter einem verdeten Herzen und
gebar sie -- hoffnungslos. Alle wurden ihr genommen wie jenes Kind der
Liebe; ihr war, als setze sie Gespenster ins Leben, Dinge, die zu Luft
verrannen, wenn ihr sehnschtiger Arm nach ihnen griff. In ihre tiefe
Verlassenheit blickten aus weiter Ferne, von hyperboreischer Meereskste
her die lebendigen Augen ihres Sohnes Karl. Sie wute nicht mehr von
ihm, als man von den Sagenfiguren aus der Vorzeit erfhrt.

Ihr vernichtetes und gescheuchtes Herz grub sich weiter in die Nacht. In
fremdartiger Hitze rollte ihr Blut. Beim Anblick der Sterne konnte sie
vor Ungeduld zittern und die Hand auf die zum Aufschrei geffneten
Lippen pressen. Des Schlafes bedurfte sie kaum. Was sie sprach, klang
feindselig und verworren. Einmal nahm sie Petrarcas Sonette zur Hand und
las; pltzlich schleuderte sie das Buch, von Wut, Gram und Ha
berwltigt, weit weg, hob es wieder auf, ri es in Fetzen und
zerstampfte, was davon brig war, mit den Fen. Ihre Ruhelosigkeit
erregte den Schrecken aller Bewohner des Palastes; selbst ihr
Beichtvater hatte Angst vor den lodernden Augen. Wenn alles schlief,
ging sie mit der Kerze langsam durch ihr Zimmer, doch schritt sie nie
durch die Mitte des Raumes, sondern an den Wnden entlang. Und ihr
bloer Hals leuchtete ber dem dunklen Kleid wie der Stengel einer
Blume, die sich vor dem Sturme senkt.

       *       *       *       *       *

Es ereignete sich nun, da eine schne Portugiesin an den Hof zu Burgos
kam, deren Name Benigna von Latiloe war. Sie wohnte im Hause Don Inigos
de Stuniga, dort sah sie auch den Herzog zum ersten Mal und sie geriet
in solche Liebe zu ihm, da alle, die zugegen waren, es sogleich
merkten. Philipp jedoch verhielt sich khl, trotzdem die Dame von
bezaubernder Anmut war und auch einigen Geist besa. Bei spteren
Begegnungen wich er um so weniger von seinem hflichen, aber gemessenen
Betragen ab, als ihm der Eifer Donna Benignas lstig zu werden begann
und ihre Nachstellung den Stoff des ffentlichen Geredes bildete. Wre
sie geschickt und kokett genug gewesen, seine Eroberungslust zu reizen,
so wre sie vielleicht Gunstfrulein geworden, denn andere, die sich
nicht solcher Gaben rhmen konnten wie sie, wurden dieses Vorzugs leicht
zuteil; ihr schlug es fehl. Die Aufrichtigkeit ihrer Leidenschaft war zu
gro.

Das Unheil wollte es, da der Ritter Franz von Kastilalt, der noch immer
der unzertrennliche Begleiter Don Philipps war, sich mit ebensolcher
Heftigkeit in die schne Portugiesin verliebte, wie diese in den Herzog.
Er fand aber kein Gehr, und seine ungestmen Bemhungen machten ihn
blo zum Gegenstand des Abscheus fr das Frulein. Als er sah, da ein
Glck, welches Philipp gleichgltig verschmhte, ihm verwehrt sein
sollte, wurde er von tdlichem Ha erfllt, nicht nur gegen Donna
Benigna, sondern auch gegen seinen Herrn, und seiner tckischen
Gemtsart entsprechend, sann er darauf, an beiden sich zu rchen. Hufig
war er Helfer und Anstifter bei den Liebesabenteuern Philipps gewesen.
Er wute, da dieser mit ngstlicher Sorgsamkeit darber wachte, sein
Treiben vor Donna Johanna geheim zu halten und nur auf Schleichwegen den
leichtsinnigen Neigungen frhnte. Wie alle war auch Ritter Kastilalt
davon berzeugt, da die Infantin mit unsichtbaren Mchten im Bndnis
sei, und er beschlo, den Herzog und Donna Benigna bei Johanna zu
verraten, als ob sie in verbotener Beziehung stnden. Zu diesem Zweck
wute er sich die Briefe anzueignen, welche die Portugiesin fast tglich
an Philipp sandte, und whlte diejenigen aus, deren hingebender und
zrtlicher Ton wohl darauf schlieen lassen konnte, da die Anklage des
Ritters auf Wahrheit beruhe.

Er lie sich bei der Infantin melden, gab sich ein demtig-ergebenes
Ansehen, als ob ihm auf der Welt nichts im Sinn lge, als das Wohl der
Herzogin und als ob ihn sein Gewissen der Ruhe beraubt und ihn endlich
gezwungen habe, sich der Last des Verschweigens zu entledigen. Darnach
brachte er das Gespinnst ans Licht, das er in seinem schwarzen Innern
gewoben, gab die Briefe Donna Benignas zum Beleg und ging wieder, seiner
Sache keineswegs versichert, denn die Infantin hatte ihn mit unbewegter
Miene angehrt und kein einziges Wort gesprochen. Ehe noch der Stein
seinem Auge entschwunden war, den er so rnkevoll den Abhang hinunter
gerollt, nisteten sich schon Angst und Reue bei ihm ein.

Als der Ritter fort war, prete Donna Johanna ihre beiden Hnde gegen
die Brust, schritt zu dem hohen Spiegel, der zwischen zwei Halbsulen
aus gelbem Marmor hing, und betrachtete mit groer Aufmerksamkeit ihr
Gesicht. Im Zimmer befand sich niemand als Donna Gregoria und diese
verfolgte das Tun ihrer Herrin bang und lautlos.

Endlich rief Johanna, ohne sich zu rhren, mit klarer Stimme in den
Spiegel hinein: Gregoria! -- Was befehlt Ihr, edle Donna? antwortete
diese zitternd. -- Er mu sterben, Gregoria, sagte die Infantin. Donna
Gregoria schwieg. Hrst du, Gregoria, er mu sterben, wiederholte
Johanna, und das letzte Wort erstickte in einem schnelleren Atemzug,
whrend die Hnde, wie leblos geworden, von der Brust heruntersanken.
Und Donna Gregoria hauchte kaum vernehmlich: Ja, edle Donna. Dann
nherte sie sich der Infantin, fiel auf die Kniee und lehnte die
eiskalte Stirn gegen Johannas starre Hand. Johanna beugte sich herab,
weit, mit Anstrengung beugte sie sich nieder und flsterte ins Ohr der
Dienerin.

Es lebte ein Verwandter von Donna Gregoria am Hof, ein Edelknabe namens
Morales, und dieser war Donna Gregoria mit Leib und Seele zugetan. Sie
sprach mit ihm noch am selben Abend und sagte ihm, er knne an einem
Bach bei Murcia gewisse Kruter finden und fertigte ihm auch eine Liste
von den Krutern an. Morales reiste fort, sammelte die Kruter und ritt
damit nach Molina in Arragon zu einem Apotheker, den er kannte. In
seiner Wohnung destillierte der Apotheker den Saft aus den Krutern und
zum Beweis, wie furchtbar das entstandene Gift sei, gab er einen Tropfen
davon einem Hahn ein, der sogleich verendete.

Einige Tage darauf gab der Herzog in einem Haus bei Burgos, welches
Cordon genannt wurde und damals dem Grafen Punon-Rostro gehrte,
mehreren Granden des Landes ein Essen. Die Ordnung fr die Mahlzeit war
diese: sobald man von der Mittelhalle ins Haus trat, fand man im ersten
Saal zwei Schenktische, einen fr die Speisen und einen fr den Wein.
Links davon war der Speisesaal, dessen Fenster aufs freie Feld gingen.
Zwischen beiden Rumen war ein enger Durchgang. Whrend getafelt wurde,
verstand Morales es so einzurichten, da, so oft Don Philipp zu trinken
verlangte, kein anderer als er ihm den Wein brachte. Dreimal reichte er
ihm den Becher; vor dem dritten Mal schttete er in jenem dunklen
Korridor heimlich und schnell das Gift hinein. Es war ungefhr soviel
als eine Nuschale gefllt htte.

Wenige Minuten darauf fhlte sich der Herzog krank. Er ging hinaus,
indes die Herren ahnungslos sitzen blieben um zu spielen. Eine halbe
Stunde nachher rief sie der Haushofmeister in groem Schrecken, denn
Philipp lag bereits im Fieber. Er wurde eilends nach der Stadt
geschafft, es ward aber spte Nacht, ehe sie ankamen und die rzte
erschienen. Gleich hernach verstarb er unter grlichen Schmerzen.

Don Gotor begab sich zur Infantin. Er glaubte sie noch schlafend und
weckte die Diener und Kammerfrauen. Da erschien Donna Gregoria und
fhrte ihn schweigend in einen Saal, wo Johanna vor einem Kohlenbecken
sa. Mit einem Gesicht, starr und fahl wie Eisen, berichtete der Arzt in
sonderbar gemessener Form den Tod seines Herrn. Das Auge der Infantin
wandte sich langsam der regungslosen Gestalt des Greises zu, dessen
Blick furchtlos und brennend dem ihren begegnete. Doch wie der Schwamm
von einer Faust wurden Johannas Zge von Ekstase zusammengepret, es
zog ein Freudenschimmer darber hin, und die Beine, der ganze Leib
streckten sich wie im Bade.

       *       *       *       *       *

Der Leichnam war begraben. Bses Gerede schwirrte ber der Gruft und
erstickte wieder in aberglubischer Furcht. Als einst mehrere Edelleute
auf dem Hauptplatze standen und ungescheut die Vermutung aussprachen,
da Philipp durch Mrderhand umgekommen sei, erschtterte ein Erdbeben
die Stadt, die Fenster des Rathauses zerbrachen und die erschreckt
Flchtenden sahen die Trme der Kirchen wanken. Der Herr von Mingoval,
hochbetrauter Oberstallmeister, wollte whrenddem die Infantin mit
fliegenden Haaren auf dem Dach des Palastes bemerkt haben, wo sie einen
weien Zauberstab schwang.

Es fiel auf, da Donna Gregoria ihren Abschied nahm und sich auf einen
Ruhesitz bei Barcelona begab. Der Ritter Franz von Kastilalt floh bers
Gebirge und nahm Dienste beim Knig von Frankreich. Der Edelknabe
Morales wurde nchtlicherweile von einem betrunkenen Sldner erstochen.
Donna Benigna kehrte in ihre Heimat zurck und nahm den Schleier.

Die Infantin lebte in hohen Gemchern voll glserner Luft. Ihre Frauen
mieden sie, die Diener jeglicher Art frchteten sie. Es war spter
Herbst, der Sturmwind rttelte an den Mauern des Schlosses. Welche
Unruhe in Johannas Herz! Trat jemand unerwartet vor sie hin, so
erschrak sie und ihr angstvoll fragendes Auge zeigte den matten Glanz
der Schlaflosen. Bisweilen war ihr Gesicht in rtselhafter Zrtlichkeit
wie gegen eine unsichtbare Gestalt gerichtet und die Hand krmmte sich
gleich einem drren Blatt, das sich zusammenrollt, bevor es Winter wird.

Bei der Tafel sa sie still und in sich gekehrt und berhrte selten eine
Schssel. Einmal lief ein Sonnenstrahl, durch eine Kristallvase
zerteilt, als siebenfarbige Brcke durch den Raum, bis er ihre Hand
erreichte und dem Flgel eines Insektes hnlich geheimnisvoll auf- und
abzitterte. Da sprang sie empor und schluchzte laut. Ihr war wie einem,
der ein schnes Bild von der Wand gerissen hat; nun strmt Finsternis
und Grauen von der Stelle aus, die vorher so freundlich geschmckt war.

In Philipps Zimmern konnte sie ein wenig Frieden finden, trotzdem alle
Gegenstnde zu fragen schienen: wo ist Philipp? Sie erwiderte in ihrem
Innern, um sich und die Dinge zu besnftigen: er ist verreist, er kommt
wieder. Und sie behngte sich manchmal fr die Stunde seiner Wiederkunft
mit Edelsteinen und schnen Kleidern. Als einst Frau von Dutselle
fragte: Warum schmckt Ihr Euch wie zum Balle, Frstin, derweil Ihr
doch Trauer um Don Philipp tragen solltet? Da erwiderte sie mit dem
Aufseufzen eines von Trumen gequlten Kindes: Ich schmcke mich, weil
ich auf Philipp warte.

Sie schmckte auch sein Zimmer mit Blumen und legte einen Teppich ber
die Schwelle. Aus den Truhen holte sie seine Waffenkleider und kte
die goldenen Ketten, Armspangen und Fingerringe. In seinem Bett sprte
sie mit ihrer flachen Hand die Wrme seines Krpers und an seinem Tisch
sa sie an demselben Platz, wo er gesessen. Dabei erstaunte sie, da
alles so war, wie es war, da die Sonne schien, da es Abend werden
konnte und wieder Morgen.

Es war an einem Novembertag, als sie einige von den Dienern rief und an
ihrer Spitze durch das nrdliche Tor gegen Millaflores ritt. In der
Kartause zu Millaflores lag Herzog Philipp begraben. Die erschrockenen
Mnche muten das Tor aufsperren, sodann lie sie den Stein vom
Gruftgewlbe nehmen und den Sarg herausheben und ffnen. Alle waren
gerhrt beim Anblick der wohlerhaltenen Zge ihres Herrn. Das Gesicht
schien lnger, die Zge ernster.

Ein dsteres Lcheln bewegte den Mund der Infantin. Der Pater Guardian
meinte spter, sie habe gelchelt, weil der Teufel sie, wie er deutlich
wahrgenommen, am Ohr gekitzelt habe. Johanna gebot allen, sich zu
entfernen, -- unwidersprechlicher als das Wort war ihr Blick -- und als
sie allein war, kniete sie hin, kreuzte die Hnde hoch ber der Brust,
so da die Daumen schier den Hals umschlossen und fing an zu beten. Doch
unversehens und whrend ihre Lippen noch mit Gott verkehrten, verlor sie
die Demut aus der Brust, es war, wie wenn ein Opfer pltzlich von
unheiligen Fingern entwendet wrde, das Gebet verwandelte sich zur
Forderung, und die Arme streckten sich aus, nicht um zu erflehen,
sondern um zu empfangen und die Stirne leuchtete wie von Bereitschaft
und der Leib zitterte und bebte gleichwie in den Wehen der Geburt, und
Atem, Gebrde, Pulsschlag, alles schrie: Gib mir Philipp wieder!

Darauf schien ein Hauch durch die Luft der Kapelle zu gleiten und
Johanna sprte, da ein ses Jasagen die Wlbung erfllte. Sie sprang
empor. Sie rief die Leute. Des Einspruchs der Mnche nicht achtend, lie
sie den balsamierten Leichnam auf eine Bahre heben. Sie wurde ganz
Antrieb, peitschte die Trger frmlich vorwrts und blieb unbewegt und
blickte nicht zurck, da jene schauderten, weil die Mnche unter dem Tor
standen und wehklagten. Es wurde Nacht, der Boden war aufgeweicht, sie
verloren den Weg; Johanna hie die Mnner rasten und schickte einen
Diener voraus, um Fackeln zu holen. Im Regen ging sie ruhlos hin und
her, das Kleid emporgerafft, den Schritt von qualvoller Ungeduld bald
bekmpft, bald befeuert, und als endlich eine Fackelflamme in der
sturmdurchwhlten Dunkelheit aufloderte, schrie sie jubelnd, so da die
am Gehlz lautlos wartenden Begleiter erbleichten.

Im Palast angelangt, bekleidete sie den Krper Philipps mit einem
prachtvollen Gewand aus Silberschuppen, lie ihn in einen glsernen Sarg
legen, der oben und an der Seite zu ffnen war, und lie den Sarg in
ihrem Schlafgemach neben dem Bett aufstellen. Unverwandten Auges
betrachtete sie die edel hingegossene Gestalt, an der sich jede Form im
geheimen von selbst vollendet zu haben schien. Es war kein Jngling
mehr, sondern ein Mann und ein Knig.

Kein weibliches Geschpf durfte den Raum betreten, auf den Gngen und in
den Nebengemchern durfte keine Stimme laut werden. Johanna war es, als
sei vor allem die groe Stille auch von auen erforderlich, die in
Philipps Antlitz so tief innen wohnte, sei notwendig, damit sie in diese
Stille eintauchen knne, wach und lauschend, um ihre Ursache und ihr
Wesen zu ergrnden, in einem begnadeten Augenblick das ungeheure Rtsel
zu lsen, und dann den Funken in der triumphierenden Hand zu halten, der
das Auge wieder mit Leben zu speisen vermochte. Und so beugte sie sich
immer wieder ber den Leichnam, wie sich der Habgierige ber einen
Schacht beugt, worin rote Klumpen Goldes funkeln, angeschmiedet und
verwachsen an die gewaltige Erde.

Schon am zweiten Tag erschien der Bischof und befahl der Infantin, die
Leiche wieder zu bestatten. Johanna weigerte sich dessen und wies
endlich, rasend vor Angst, da man sie des toten Gemahls berauben knne,
den Kirchenherrn aus dem Palast. Die Folge war, da die Dominikaner den
Pbel aufregten und verlauten lieen, der unbegrabene Leichnam mache das
Glck vom Lande abspenstig, der Wein msse verderben und die Ernte
miraten. Indes die Rte beratschlagten, wie man der Gefahr steuern
knne, die das Land bedrohte, erschien vor der Infantin ein wunderlicher
Mnch, der Bruder Alonso de Jesu Maria, der viele Jahre in einer Einde
der Estremadura nur seinen gttlichen Visionen gelebt hatte und fr
einen Propheten galt.

Eines Tages erschallte groer Lrm aus der Vorhalle, und als die
Herzogin zornig und befremdet heraustrat, schwiegen alle bis auf einen
halbnackten bleichen Fremdling, der sich in Anrufungen und
Verwnschungen erging, weil Diener und Wachen ihm den Eintritt
verwehrten. Dies war der Bruder Alonso, ein noch junger bartloser
Mensch, verwstet durch Askese, hager wie ein Pfahl, beredt wie ein
Trunkener, feurig wie ein Verliebter. Diesem armseligsten der Geschpfe
lieh Johanna das Ohr, so vielleicht zum ersten Mal dem Zuspruch eines
Andern untertan.

Er begann damit, da er der Infantin von einem Knig erzhlte, welcher
nach der Zeit von sieben Jahren aus dem Tod wieder zum Leben
aufgestanden sei. Auch mit Philipp werde ein gleiches geschehen, wenn
die keusche Liebe Johannas und ihr unerschtterlicher Wille jeden
eigenen Schmerz vergesse, keine selbstische Lust mehr begehre, sondern
einzig dem Gedanken der Wiedererweckung hingegeben sei. Dies daure
sieben Jahre; denn sieben sei die heilige Zahl der Bibel. In sieben
Jahren erneure sich das Feuer der Sterne und des Mondes; nach sieben
Jahren zerschelle immer wieder dieselbe Woge am Strand; nach sieben
Jahren grne der Baum des Lebens und siebenfach geteilt sei seine
Wurzel.

Als sie solches vernahm, kniete die Infantin nieder, beugte das Haupt
tief vor dem Bruder Alonso und berhrte mit den Lippen den Saum seines
Kleides. Sie bewirtete den Mnch und beschenkte ihn, aber sie redete
nicht mit ihm und allmhlich wurde dem Heiligen beklommen zumut in ihrer
Nhe und er machte sich unter einem schicklichen Vorwand davon. Johanna
sah ihn ohne Teilnahme scheiden. Sie empfand das Leben der Lebendigen
nicht mehr; dem eigenen Krper entfremdet, begriff sie auch von den
Menschen nichts als die Gestalt und ein schattenhaft-spielendes Hin und
Her, alles Licht der Welt sammelte sich am Sarge Philipps und je weiter
der Fu sich davon entfernte, je finsterer wurde der Raum. Doch wenn sie
an der Seite des Toten kauerte und wieder wie einst seinen Blick zu
erhaschen, sein Auge aufzugraben suchte und ihn doch fester hielt als
ehedem, wo er auf lautlosem Wasser durch Nebel glitt, da sehnte sie sich
nach einem Zeugnis seiner Gegenwart, nach irgend einem Laut aus dem
Innern dieser starren Hlle und sie verfiel auf einen absonderlichen
Einfall.

Es lebte in Burgos ein brabantischer Uhrmacher mit Namen Symon Longin,
ein Mann von groer Geschicklichkeit in seinem Fach. Don Philipp, der
viel Vergngen an Uhren gehabt und manche mige Stunde damit verkrzt
hatte, ein feingefgtes Werk behutsam auseinanderzulegen, hatte den
Meister in hoher Schtzung gehalten. Die Infantin lie ihn kommen und
erteilte ihm einen Auftrag, der Herrn Symon sehr in Verlegenheit setzte
und ihm viel Kopfzerbrechen machte. Er sollte nmlich ein Werk
anfertigen, das man in die Brust des Leichnams schlieen knne und das
den Schlag eines lebendigen Herzens nachzuahmen vermchte. Nach einigem
Besinnen versprach Symon Longin, sein Bestes zu tun und die Infantin
stellte ihm eine Belohnung von zweitausend Dublonen in Aussicht.

Nach Verlauf zweier Wochen brachte der Meister das kunstreiche
Pendelwerk. Der Rcken der Leiche wurde aufgeschnitten und der
Mechanismus in die linke Seite der Brust geschoben. Unter der Schulter
war ein Stift mit einer Drehscheibe angebracht, vermittelst deren das
Werk wieder in Gang zu setzen war, wenn es nach vierundzwanzig Stunden
ablief. Als Johanna zum ersten Mal ihr Ohr auf das Kleid des Toten legte
und den wundersam dumpfen Schlag vernahm, schlo sie die Augen, als
lausche sie der Musik von Engelchren. Die halbe Nacht lang lag sie und
horchte; die linke Hand hielt sie ans eigne Herz gepret und hatte ein
seliges Gefhl des Gleichklangs, wenn dessen natrliches Pochen mit
jenem knstlichen in denselben Pausen erfolgte.

Die Sache sprach sich herum und steigerte das Entsetzen vor der Infantin
immer mehr. Sie mute darauf sinnen, dem allgemeinen Drngen zu
entfliehen und sagte denen, die sie um Bestattung des Leichnams
bestrmten, sie wolle den Krper des Herzogs nach seiner Heimat bringen
und ihn im Dome von Sankt Stephan beisetzen. Damit waren Philipps
Landsleute einverstanden, und sie schufen eine kleine Partei zugunsten
der Herrin. Johanna hielt Auswahl unter den Dienern, und wenige, die
treu, aber viele, die habschtig waren, -- denn sie achtete des Geldes
nicht -- boten sich aus freien Stcken an, mitzuziehen, wohin sie wolle.
Auch warb sie an hundert Sldner zu hohem Lohn und lie Pferde und
Maultiere herbeischaffen.

So gerstet, begab sie sich auf die Reise. Es war wie eine Wettfahrt
mit der Zeit oder als wolle sie die Zeit zu grerer Eile reizen. Der
Worte des Mnchs blieb sie eingedenk zu jeder Stunde.

       *       *       *       *       *

Am Tag der heiligen Katharina, vor Anbruch der Nacht, verlie die
Infantin Burgos, zog bis in die arragonischen Berge, kam am Morgen bei
heftigem Unwetter vor das Schlo Armedilla, und schon in der nchsten
Nacht ging es weiter: nach Olmedo, nach Escalona und San Francisco, von
Dorf zu Dorf ber die unwirtlichen Hochtler nach Norden.

Vier Maultiere trugen den Sarg, vierundzwanzig Mnner mit Fackeln in den
Hnden ritten ihm zur Seite. Schrecklich war das Aussehen dieser Mnner,
ihre Gesichter waren kohlschwarz vom Flammenru. An vielen Orten
verkrochen sich die Menschen beim Anblick des schauerlichen Zuges. Auch
unter Johannas eigenen Leuten verbreitete sich eine dster-ahnungsvolle
Stimmung, und einige ergriffen heimlich die Flucht. Andere sagten, sie
wollten eine Stadt beschauen, gingen und kehrten nicht wieder.

Vor dem Sarge ritt ein Fahnentrger mit einem schwarzen, fr die Augen
durchlcherten Tuch vor dem Gesicht. Auf der Fahne brannte in goldnen
Buchstaben das Wort Nondum, noch nicht.

Bei Tag gewhrten die Htten der Bauern, die Huser der Herren Rast und
Aufenthalt. Johanna bevorzugte die Orte in der Ebene, wo ihr Blick die
Fernen fassen konnte, ehe sie sich zu kurzem Schlaf neben Philipp
bettete. Sie liebte nicht Blumen in ihrer Nhe, aus Furcht, da dann ein
flchtiges Vergessen ihre Sinne kraftloser machen knnte. Sie gab kein
Ziel an, denn so erschien es ihr, als ob Philipp Richtung und Weg
befehle. Nach Osten, Westen oder Norden zu ziehen, galt ihr gleich, wenn
nur die Tage hinabflossen zur Zukunft. Whrend die Welt an ihr
verschlossenes Ohr vergebens pochte, sammelte sie in ihrer Brust Leben.
Der Tote war gereinigt von aller Schuld, sie selbst hatte fr ihn die
Verantwortungen des Daseins bernommen. Im voraus schmckte sie sein
Auge mit jener Glut, mit welcher er ihr danken wrde fr die Freiheit
und Leichtigkeit seiner Seele. Einst hatte sie Ungeheures gewollt, ihr
anmaender Traum hatte von ihm verlangt, da er einem Gott gleich sei;
jetzt wollte sie nichts weiter als einen Menschen und sie schmachtete um
den leersten seiner Blicke und die knabenhafteste seiner Gebrden, so
wie er einmal um sie geschmachtet hatte auf dem Krankenlager der
Sinnenliebe. Der blaue Himmel war ihr nichts, sie mute erst die Blue
von Philipps Auge darin sehen, der se Duft burgundischer Grten
nichts, auer er schien Hauch aus seinem Munde, kein Schmerz war auer
dem seinen um das frhverlorene Leben, kein Ding war betrachtenswert
auer dem erstarrten Leichenantlitz.

Unter ihren Begleitern war ein Mann, der ihr tief im Herzen ergeben war.
Er hie Jan Dalaunes und war ein ehemaliger Falkner, dem bei einer Jagd
ein Auge ausgeschossen worden. Seitdem hatte er sich der Dichtkunst
gewidmet, wobei ihn seine melancholische Gemtsart untersttzte, und er
schrieb auch Stcke geistlichen Inhalts. Er wute von Johannas ehern
umschlossenen Mienen die Mdigkeit abzulesen, die sie sich selbst
verhehlte, und er wurde zum khnen Redner, wenn es galt, die immer rege
Widerspenstigkeit der Sldner zu besnftigen. Das nchtlich lautlose
Wandern mit einer Leiche, in deren Brust ein Rderwerk den Schlag des
Lebens nachahmte, verdsterte den Geist der Leute. Kam es doch vor, da
rauhe, kriegsgewohnte Burschen von Krmpfen befallen wurden, wenn
mitternchtiger Sturm die Bume bog, oder da sie schrieen wie
Besessene, wenn das Irrlicht bers Moor tanzte und der Mond grnliche
Schleier auf den Felsen spann. Sie atmeten auf, sowie der erste
Morgenschein den Osten frbte, und als sie nach Monaten ins flandrische
Gebiet kamen, verlieen sie den Dienst der Infantin.

Jan Dalaunes berredete die Herrin, in der Stadt Gent zu verweilen. Er
trug dabei in seinem stillen Sinn die Hoffnung, da sie nach ihrem Sohn
Carlos Verlangen haben wrde und durch seinen Anblick von der
unergrndlichen Schwermut geheilt zu werden vermchte. Doch seine
Rechnung ging fehl. Als der Graf von Croy, der ihr Wohnung in seinem
Palast angeboten hatte, vor ihr erschien und sie fragte, ob sie den
jungen Prinzen zu sehen begehre, da zuckte es auf in Johannas Gesicht,
wie wenn eine Fackel durch einen finstern Raum fllt. Dann aber
entgegnete sie kopfschttelnd und mit kaltem Ausdruck, sie wolle Don
Carlos nicht sehen. Die Worte des Mnchs erhoben sich wie Wchter in
ihrem Innern, wenngleich sie ihrer nur als Formel gegen die feindlich
andringende Welt bedurfte.

Sie schlo sich in ihre Gemcher ein, um nichts zu sehen, als ihren
Toten, nichts zu hren als das tuschungsvolle Klopfen des Uhrwerks. Ja,
zwischen Tuschung und Vision lag sie in einem Krampf, der halb Schmerz
und halb Lust war. Sie mute Weib sein, um Philipp zu lieben, Mann, um
ihn noch einmal zu zeugen und Mutter, um ihn noch einmal zu gebren. Sie
mute in diesem fertigen Leib Kindheit und Jugend wiedererschaffen, das
erwachende Auge mit allen Erinnerungen fllen, nichts von dem vergessen,
was solch ein knigliches Leben hlt und trgt; daher mute sie auch er
selbst werden, damit Einheit entstehe zwischen dem Philipp von einst und
dem der Zukunft und, wie alle Schuld, auch der grauenvolle Zustand des
Nichtseins ausgelscht werde aus seinem Geist. Dies zu vollbringen,
still, allein, den Menschen unverstndlich, ja scheinbar auch Gott
zuwiderhandelnd, forderte bermenschliche Anspannung und mute das Blut
in unaufhrlichem Fieberlauf durch die Adern treiben.

Frhling, Sommer und Herbst verflossen zum zweiten Mal. In dieser Zeit
war der junge Knig Karl sehr krank gewesen. Einst war er nmlich des
Nachts aufgeweckt worden, um eine angekommene Depesche von geringer
Wichtigkeit zu lesen. Sein Gouverneur, der ihn nach rmischen
Grundstzen erzog, hielt unerbittlich darauf, da er sich trotz seiner
groen Jugend an die Geschfte gewhne. Als der Knabe durch einen
dunklen Korridor in ein Zimmer gelangte, in welchem nur eine matte Ampel
brannte, hielt er still, da er sich verirrt zu haben glaubte und
belauschte ohne zu wollen das Gesprch zweier Diener, die in einer
Nische kauerten.

Wit Ihr denn, da die spanische Knigin hier ist? fragte der eine,
schlfrig ghnend. Und der andre erwiderte: So? ist die hier? ich wut
es nicht. Darauf der erste: Es ist die Mutter unsres jungen Herrn. Ein
schlechtes Weib. Und wieder der andre: Warum lebt sie nicht beim
Sohn? -- Das bse Gewissen ist schuld, flsterte der erste, hat sie
doch ihren Herrn und Gemahl mit Gift vergeben.

Ein leiser Schrei unterbrach die Erschreckenden. Der Knabe war zu Boden
gestrzt. Er mute fortgetragen werden und lag lange darnieder.

Viele Wochen spter gab der Graf von Croy ein groes Maskenfest, welches
drei Tage whrte. Die Musik und das Lachen der Gste tnte bis in die
Zimmer der Infantin. Als Jan Dalaunes vor seiner Herrin erschien,
entsetzte er sich, denn so durchwhlt und erregt hatte er sie niemals
gesehen. Sie raste durch den Raum, immer querber von Ecke zu Ecke und
hielt die Hnde gegen die Ohren gepret. Offenbar war das Spiel der
Flten und Geigen daran schuld. Der Falkner ging hinaus, beriet mit dem
Kastilianer Antonio Vacca, was zu tun sei, dann kehrten beide zurck
und Jan Dalaunes schlug der Infantin vor, ihm in den Luxemburger Palast
zu folgen, der nur wenige Straen entfernt lag. Johanna, qualvoll
bedrngt, hatte nicht bel Lust, zu willfahren. Doch nherte sie sich
zuerst der Leiche Philipps, beugte sich nieder, umschlang den Toten,
wisperte in sein Ohr, kte die wchserne Stirn, lchelte
beschwichtigend wie eine Mutter, wenn sie den Sugling verlassen mu,
wandte sich endlich mit fahl glnzenden Augen zu den beiden Mnnern und
sagte heiteren Tons: Er fngt schon an zu trumen.

Dann ging sie, tief in sich gekehrt. Und so, nach innen webend, schritt
sie im Luxemburger Palast ber einen von Dmmerlicht erfllten Flur, als
pltzlich der Kastilianer vor der offenen Tre eines Saals stehen blieb
und lchelnd den Arm ausstreckte. Vor einem lnglichen Tisch stand ein
feister Mann im Samthabit und mit weier Halskrause und neben ihm, ein
Buch in der Hand, sa ein Knabe von etwa zehn Jahren.

Donna Johanna hob langsam die schweren Augenlider und starrte hinein.
Durch die Marienglasscheiben der schmalgebogenen Fenster fiel ein
gelblicher Perlenschein in den stillen Raum. Wer ist der Knabe? fragte
Johanna beklommen. Antonio Vacca antwortete mit demselben diensteifrigen
Lcheln: Es ist Euer Sohn Karl, edle Donna, und der wrdige Herr Cernio
ist mit ihm, der beste Grammatikus weit und breit. Ich selbst habe die
Ehre, seine Hoheit in den Rechtswissenschaften zu belehren.

Flsternd trat der Kastilianer an den Tisch. Der Knabe erhob sich und
schritt gravittisch zur Schwelle. Dann stand er vor seiner Mutter:
regungslos, schmalen Antlitzes, bleich, schweigend und schwermtig.

Ein Laut drngte sich auf Johannas Lippen. Ihr war, als seien Brust und
Leib mit Feuer angefllt. Schon wollte sie reden, da gedachte sie noch
zu rechter Zeit der Worte des Mnchs: zu vergessen jeden eigenen Schmerz
und jede eigene Lust.

Stumm und khl nickte sie dem Knaben zu, wandte sich ab und ging weiter.
Mit tief gesenktem Haupt folgte ihr der treue Falkner Jan Dalaunes.

       *       *       *       *       *

Drei Tage spter verlie Donna Johanna die flandrische Stadt und zog mit
neugeworbenen Sldnern den Rhein hinauf gegen Kln und Mainz und ber
Franken an die Donau und weiter, wochen- und monatelang, Sommer und
Winter hindurch, manchmal bei Tage und fter bei Nacht. Da und dort nahm
sie Aufenthalt; in Regensburg blieb sie acht Monate, in Landshut sechs,
in Augsburg fnf. An den Hof des Kaisers zu gehen wagte sie nicht. Die
Schlsser der Edelleute gaben ihr gute Unterkunft, denn es war bekannt,
da sie mit kniglichen Geschenken lohnte. Zu Memmingen lie sie eine
Kapelle erbauen und in Ulm eine ganze Kirche. Es war ihr trostreich, in
diesem Land der vielen Flsse, der Berge und der schnen Seen zu weilen;
oft schien ihr ein Stck von Philipps Seele in der milden Luft zu ruhen,
und wenn der Frhling kam, mute sie sich mit doppelter Kraft
verschlieen, um nicht teilzunehmen an dem holden Erwachen der Natur.

Sie mied Pltze, wo das Volk in Freudigkeit zusammenstrmte, und wenn
sich ein Kindergesicht unschuldig-froh ihr zuwandte, schlo sie die
Augen. Deswegen liebte sie auch am meisten des Nachts zu reisen, weil da
Dinge und Menschen erstarben und die Flammen der Fackeln wie Opferfeuer
hinausstrahlten ber den Sarg ihres Herrn Liebsten. Empfindungslos gegen
Sturm und Regen, weder Mhsal noch Entbehrung scheuend, so trieb sie die
Zeit vor sich her wie einen lahmen Hund.

Jahr auf Jahr flo vorber. Johanna zhlte sie nicht im Kalender,
sondern ma sie an ihrer Hoffnung. Doch mit der Zeit ist es wunderlich
beschaffen: sie hat ein Zeugnis der Wahrheit in sich, das selbst den
umschlossensten Sinnen nicht verborgen bleiben kann. Johanna zog einem
Bild entgegen, und je mehr sie sich ihm zu nhern gedachte, je mehr
schrumpfte es zusammen, und von all den vergeudeten Flammen des Herzens
wurde sie nicht reicher, ja, ihr Herz glich endlich der blassen Qualle,
die das Meer an den Strand splt, und frierend stand sie da als die
letzten Fetzen ihrer Armut von der zuckenden Schulter sanken. Philipp!
wer war Philipp? der bloe Name schien zu verflieen, und gab es noch
einen Mann auf Erden, der so hie, so war er sicherlich nur der Schatten
seiner selbst. Und obwohl sie das leblose Abbild von Philipps Leib
tglich vor sich ruhen sah, verlor sie die Erinnerung an ihn und wute
nicht mehr, wie er aussah und wie er sprach, wute nichts mehr von der
Farbe seiner Augen und der Form seiner Hnde und es ward ihr bang und
banger, als sie so seinen Namen durch die Lnder schleppte, nichts
weiter als seinen Namen. Die Finsternis in ihr verlor gleichsam ihre
Grenzen, berdeckte Himmel, Erde und Wasser, erfllte die Schpfung mit
eisiger, bodenloser Trauer.

In den rhtischen Gebirgen erkrankte Jan Dalaunes und blieb in einem
Dorf zurck. Erst im Savoyischen holte der ergebene Mann die Herrin
wieder ein und kam gerade recht, um die Sldner und Diener zu ermutigen
und anzufeuern, als sie sich weigerten, am Abend ber einen verschneiten
Pa zu wandern.

Es war ein schauriges Unwetter, als sie die Hhen erreichten. Die
Vordersten verloren den Weg und sanken tief in den Schnee. Einige
blieben ermattet liegen, schliefen ein und erfroren. Die Fackeln
verlschten und zum Glck entdeckte der vorauseilende Jan Dalaunes die
Htte eines Hirten. Da fanden die Zuflucht, die sich noch retten
konnten; der Sarg blieb drauen und wurde vom Schnee zugeweht.

Noch in der Nacht erwachte Jan Dalaunes, tastete sich zur Tr des vom
schlechten Atem der Schlfer erfllten Raums und trat hinaus. Angst um
die Herrin hatte seinen Schlummer verscheucht.

Der Himmel war klar und die Sterne funkelten in erhabener Pracht und
Ruhe. ber einem fernen Schneefeld herauf bog sich die Milchstrae ber
das dunkelblaue Gewlbe wie erstarrter Rauch. Zwischen zwei mchtigen
Felszacken glitzerte grnlich das Eis, ghnten ungeheure Spalten.
Bisweilen kam ein schneidend kalter Windsto und wirbelte den Schnee zu
dnnen leuchtenden Sulen empor. Es herrschte ein Schweigen, welches den
Atem stocken lie.

Im unsicheren Licht gewahrte Jan Dalaunes die Herrin. Sie sa auf einem
niedrigen Holzblock, hatte die Arme um die Kniee geschlungen und starrte
mit gefrorenem Blick in die gewaltige Stille. Sie schien die Klte nicht
zu spren. Eine Pferdedecke umhllte ihre Schultern.

Ihr msset krank werden, edle Donna, sagte Jan Dalaunes, indem er sich
nherte. Die Infantin antwortete nicht.

Der Falkner ging ins Haus zurck und klaubte Spne und Reisig zusammen.
Dann kam er wieder und machte auf einer schneefreien Stelle Feuer an.
Das Mitleiden mit der Herrin wrgte ihm die Kehle und whrend er immer
neues Holz in die aufprasselnden Flammen warf, war sein brtiges Gesicht
vom Kummer frmlich verwstet. Es drngten sich Worte auf seine Lippen:
Verse, die er einmal gehrt oder gelesen oder getrumt.

Was sprecht Ihr da? hrte er auf einmal die dunkle Stimme der Herrin.
Ihr Gesicht hatte sich auf der schneebewehten Decke fremd und dster wie
das Antlitz einer Sphinx ihm zugedreht. Er schttelte befangen den Kopf
und kniete vor dem Feuer hin. Nach einer Weile kehrten die seltsamen
Worte traumhaft wallend wieder.

    Wo des Nebels Silberbogen
    ber eine Gletscherwand
    gro und feierlich gezogen,
    dort liegt meiner Sehnsucht Land.

    Sah ich eisige Gestalten,
    schaudernd im gefrornen Strahl
    grnkristallne Kerzen halten,
    tanzen in dem weien Saal.

    Sah ich eine, die beklommen
    nur des Mantels Saum bewegt,
    und ihr Herz vom Tisch genommen,
    der den ganzen Himmel trgt.

    Wie im Schlaf hlt sie die schwere
    Purpurkugel sanft empor,
    und es ffnet sich die Sphre,
    Gottes Arm streckt sich hervor.

    Er empfngt des Lebens Schale,
    jene aber steht beglckt,
    schaut hinunter zu dem Tale,
    wo ein Knabe Blumen pflckt.

Lautlos wlzte sich eine bluliche Wolke von Schneestaub heran und
entfernte sich wieder.

Da sank Johannas Haupt etwas vorne ber. Wie um es zu halten, schlug sie
die Hnde vors Gesicht und gleichzeitig brach sie in ein furchtbares
Weinen aus. Es klang wie der dumpfe Schlag eines Hammers gegen eine
hohle Wand. Unwiderstehlich hatte sie der Schmerz um das eigene Leben,
um die eigene vernichtete Seele ergriffen. Es war als sei ihr Herz bis
jetzt durch einen knstlichen Mechanismus in Gang erhalten worden, der
nun zu versagen drohte.

Sie fhlte die Kraft der Erinnerung vllig aus ihrer Seele entschwinden,
sie sprte nur sich selbst, nur den eigenen unermelichen Jammer, es
ergriff sie wie Flammen eines Scheiterhaufens, sie schrie und schlug um
sich und als eine Wahnsinnige wurde sie von ihren Leuten zu Tal
gebracht.

Der zertrmmerte Sarg mit dem sehr entstellten Leichnam ward erst viele
Wochen spter in einem Schneeloch aufgefunden, wo er hinabgestrzt war.
Der Herzog von Savoyen lie die sterblichen Reste des Frsten nach
Burgos schaffen. In einer Gruft der Kirche San Andrea fand endlich
Philipps Krper seine irdische Ruhe.

       *       *       *       *       *

Zwischen den Stdten Palencia und Valladolid lag in unfruchtbarer Ebene
das de Schlo Tordesillas. In einem Turm dieses Schlosses lebte die
wahnsinnige Infantin. Der Turm war rings von Wasser umgeben; die
Zugbrcke war stets emporgezogen. Auf dem Wasser schwammen Schwne.

Lngst war Johanna Knigin von Spanien, freilich nur dem Namen nach.
Doch wurden in ihrem Namen alle Regierungshandlungen ausgebt und die
Dekrete gesiegelt. Aber diese Knigin herrschte in Wirklichkeit blo
ber ein Reich von Katzen. Der treue Jan Dalaunes war Majordom von
Tordesillas. Tglich fuhr er auf einem Boot hinber und sah zu, wenn die
Herrin mit den Katzen spielte, als ob es ihre Kinder wren. Jedes der
Tiere trug ein buntes Bndchen um den Hals und jedes hatte seinen Namen
und seine Wrde.

Gleichmig flossen die Jahre an Donna Johanna vorber wie Wasser an
einer steinernen Mauer. Lange, viele Jahre. Sie alle fanden die edle
Frau versunken in ein Spiel, ja, nur in den kargen Abglanz eines Spiels,
in stumpfer Unwissenheit von sich selbst, in niemals erleuchtetem
Frieden.

Drauen in der Welt hatte sich mancherlei begeben. Der Knabe Carlos war
zum Mann geworden, und die Frsten hatten ihn zum rmischen Kaiser
gewhlt. Er fhrte Kriege gegen die Ketzer und warf sie zu Boden. Er war
stark in der Tat und stark im Wort. Sein ganzes Leben war ein Krieg:
voller Blut, voller List. Heidrngender Ehrgeiz lockte ihn von
Enttuschung zu Enttuschung. Sein wahres Gesicht trug er verborgen
hinter vielen andern Gesichtern. Er hatte viele Gesichter gegen die
Menschen, aber sein Gesicht vor Gott war immer dasselbe: schwermtig und
krank.

Einst war er ausgezogen mit einem weigeschliffenen Schild, auf welchem
das Wort strahlte: Nondum, noch nicht. Nachdem die Jahre verflossen
waren und er alle Macht in Hnden hielt, die einem Menschen gewhrt
sein kann, da sagte sein mder Verzicht: nicht mehr. Er war ein so
gewaltiger Frst, da er zwei Weltkugeln im Wappen fhren durfte, und
seine Leute nannten ihn blo den Herrn. Nichtsdestoweniger schien ihm
die Ruhe eines Klosters ber alles begehrenswert.

Als er fnfzig Jahre alt war, reiste er nach Santander und zog ber
Burgos nach Tordesillas.

Eines Tages im Herbst rasselte die Brcke ber den Wassergraben und ein
ansehnlicher Zug glnzender Herren betrat den halbverfallenen Hof. Der
Kaiser allein ging hinauf.

Ungeachtet des sonnigen Tages herrschte im Zimmer Dmmerung; die
beklemmende Luft roch nach Weihrauch und Rucher-Essenzen. Inmitten des
Raums stand Johannas Bett und auf der morschen Damastdecke lagen Katzen:
wei und schwarz, alt und jung; andere hockten auf dem Sims, andere in
einem Winkel oder auf Sthlen.

Donna Johanna hatte sich erhoben. Ihr schmales, fast runzelloses Gesicht
mit dem hochgeschwungenen Munde erschien wie aus Holz geschnitzt.
Neugierig blickte sie auf die schmchtige Gestalt im schwarzen Barett
und mit dem roten, bis auf die Knie reichenden Spaniermantel; verwundert
sah sie dies totenblasse, kalte, mde Angesicht.

Mit gravittischem Schritt nherte sich der Kaiser und indem er sich auf
ein Knie niederlie, zitterte die Unterlippe ein wenig und er murmelte:
Euren Segen, Mutter.

Donna Johanna duckte sich, und als sie die feindurchderten Lider in
krankhafter Erregung noch weiter ffnete, war es, als fasse ihr Blick,
als halte ihre Wimper noch einmal den ganzen Ernst und die Furchtbarkeit
des lngst verschwundenen Lebens fest.

Die Zugbrcke rasselte hinauf, und an der Spitze seiner Herren ritt der
Kaiser schweigend der untergehenden Sonne zu.

Da verlie auch Donna Johanna ihr Gemach, zum ersten Mal seit langen
Jahren. Wie schlafend stieg sie die Turmtreppe empor, bis sie zu einem
runden Fensterchen gelangte, das freien Ausblick ber die Ebene gab.
Hier stand sie und verfolgte mit dem Blick den glnzenden Reiterzug. Als
der Horizont, im goldnen Lila schwimmend, das farbige Bild einzusaugen
drohte, stieg sie eine Treppe hher. Sie gewahrte noch ein paar
funkelnde Lanzenspitzen, und ihre drren Lippen flsterten: der Kaiser,
der Kaiser.

Es dunkelte, und sie stieg herab. Ihr Herz verschnrte sich bang und mit
dem letzten Funken des vergehenden Bewutseins seufzte sie einem
ungetrsteten Tod entgegen.




Sara Malcolm


Zu Ende des Jahres siebzehnhundertzweiunddreiig, unter der Regierung
Knig Georgs des Zweiten geschah es, da der Londoner Nachtwchter bei
seinem vierten Rundgang in der Nhe von Templebar ein junges Mdchen
leblos auf der Strae liegen sah. Er versuchte die Besinnungslose
aufzurichten und zu erwecken, und als seine Bemhungen vergeblich
blieben, begab er sich zum Tor des nchsten Hauses und klopfte die
Bewohner wach. Bald erschienen einige Mgde der Mistre Lydia Duncomb.
Auch Master John Kerrel, der im zweiten Stock dieses Hauses sein
Quartier hatte und zu der spten Stunde erst vom Wirtshaus heimkehrte,
gesellte sich der Gruppe hinzu, die alsbald die Ohnmchtige umstand. Sie
schien den rmsten der Armen anzugehren; abgerissene und schmutzige
Gewnder hingen um den vermagerten Krper, der graue Wollrock bedeckte
kaum noch die Kniee, das Haar, von jener kupfrigen Farbe, wie es viele
Irlnderinnen haben, war vom Straenschmutz besudelt und hing aufgelst
um den Kopf und um die Schultern. Auch ein wenig Blut klebte daran, und
man entdeckte beim Nachsehen eine Ri- oder Schlagwunde am Arm, etwas
unterhalb der Schulter.

Master John Kerrel, ein Mann, der alle Schlupfwinkel der Stadt kannte
und sich auf die Menschenarten Londons verstand, erklrte, das Mdchen
gehre wahrscheinlich zu den Wscherinnen vom Temple. Indessen trug man
die Leblose ins Haus; der Nachtwchter leuchtete mit seiner Laterne
voran. Mistre Duncomb, eine Greisin von fnfundsiebzig Jahren, war von
dem Tumult erwacht und kam in den Flur. Sie lie die Verwundete in die
Kche tragen und befahl, ihr ein Lager neben dem Herd zu bereiten; dann
holte sie ein Stck Linnen und war behilflich, den verletzten Arm
einzubinden.

Am Morgen war das unbekannte Mdchen noch immer nicht aus der Betubung
erwacht. Augen und Mund waren fest geschlossen, der Leib war ohne
Merkmal des ttigen Atems. Es wurde ber die Strae nach dem Doktor Rush
geschickt; als er kam und sah, da er seine Kunst an ein armseliges
Dirnlein verschwenden sollte, zuckte er die Achseln und verordnete einen
Aderla, ohne die Wunde am Arm zu bedenken, durch die schon genug
Lebenssaft entflossen war. Das Rezept blieb wirkungslos; es verging der
ganze Tag und die Fremde lag da wie in der ersten Stunde; man hatte
nichts ber sie erfahren knnen, nicht, woher sie kam, wie sie hie und
durch welche Umstnde sie ums Leben gekommen war, -- denn allmhlich
durfte man annehmen, da es mit dem Kind vorber sei und nichts mehr
anderes zu geschehen habe, als fr die geheimnisvoll Hingegangene ein
Grab zu besorgen. Die Hausbewohner waren lebhaft erregt durch den
Vorfall. John Kerrels Freund und Zimmerkamerad, Master John Gehagan, der
in der vergangenen Nacht zu frher Zeit heimgekehrt war, wollte gegen
ein Uhr ein heftiges Geschrei aus der Richtung von St. James gehrt
haben, aber dadurch war nichts erklrt. John Gehagan ging hinunter in
Mistre Duncombs Kche, besichtigte das regungslose Mdchen mit dem
Mitrauen eines Menschen, der alle Tcken und Schliche des Bettelvolks
kennt und gab den Rat, man solle der Person einen Blasebalg unter die
Nase fhren oder ihre Fusohlen mit glhendem Eisen kitzeln. Trotzdem
betrachtete er nicht ohne Erbarmen die kindlich schmale Gestalt, aus der
das Leben unmerkbar zu flieen schien wie Wasser aus der hohlen Hand.

Die Dunkelheit war schon angebrochen, da begann pltzlich die
Ohnmchtige sichtbar zu atmen. Nur die Zofe und das Laufmdchen waren in
der Kche, und jene rief sogleich ihre Herrin. Als Mistre Duncomb an
das Lager trat, blieb sie voll tiefen Staunens wie angewurzelt stehen.
Sie blickte in ein Gesicht, das von aller irdischen Qual gelst war. Ein
sanftes Lcheln hatte sich ber den Mund gebreitet und, gleichsam von
innen heraus, die Lippen auseinandergedrngt. Zweifellos umfing ein
Traum die gefesselten Sinne und erschlo ihnen das Tor zu einem Land der
Wunder und des Glcks. Es war, als ob die Schlferin Engelstimmen hre,
denn sie schien zu horchen; es war, als ob ein gttliches Wesen ihr nahe
sei und die Last gefrchteter Leiden von ihrem Herzen hebe, denn sie
schien zu sehen und auf ihrer Stirne lag es wie ein Schimmer von
Dankbarkeit und Erleichterung. Die brigen Mgde, die sich nach und nach
einfanden, umgaben verwundert das Bett. Das Lcheln der Trumerin fate
jede einzelne tief an in ihrem Innern. Andchtig standen sie, die Hnde
ber den weien hollndischen Schrzen gefaltet, und blickten in das
Feuer dieses Traums, bis ihre Augen glnzten und sie etwas wie
Unzufriedenheit mit den Zustnden dieser Welt und ihres eigenen Daseins
versprten. Schlielich begann eine der Letztgekommenen laut zu beten,
und davon erwachte das Mdchen aus ihrem Todesschlaf und ffnete die
Augen.

Da war es nun wieder ein Gesicht wie alle Gesichter oder wenigstens wie
viele; die Fremdheit sank von ihm herunter, und die Weiber, die im Kreis
standen, fhlten sich beschmt und gergert. Man wollte den Namen einer
so seltsam sich gebrdenden Person wissen, und sie gab bereitwillig
Auskunft, da sie Sara Malcolm heie. Sonst war nichts aus ihr
herauszubringen. Je mehr man in sie drngte, je verstockter wurde sie.
Sie gab sich so scheu und verschlossen, da selbst das Wohlwollen der
gutmtigen Herrin daran Ansto nahm, die ihr immer von neuem
versicherte, da sie in ihrem Hause bleiben knne, da sie hier Arbeit
und Brot finde und Gefahren nicht mehr zu frchten brauche, deren
Andenken ihr vielleicht das Herz beschwerten. Vergeblich; argwhnisch
und ngstlich flogen ihre Augen von Gesicht zu Gesicht, blieben auf
keinem sanfter ruhen, und als sie mit der Musterung aller fertig war,
seufzte sie bang und schaute verdrossen zu Boden. Die nachsichtige
Mistre Duncomb lie ihr zu essen bringen, und mit Gier schlang Sara bis
auf den letzten Bissen Brot alles hinunter. Darauf mute sie ihre Lumpen
ablegen und erhielt anstndige Kleider, und ein Mdchen war ihr
behilflich, das wunderbare rote Haar auszukmmen, das bis zu den
Schenkeln reichte und so dicht war, da es an Stelle eines Mantels
htte dienen knnen.

Sara Malcolm blieb im Hause. Sie mute niedrige Arbeit verrichten und
des letzten Dieners Dienerin sein. Sie mute treppauf treppunter laufen,
fr die Mietsherren ber die Strae rennen, das Schohndchen der Frau
suchen, wenn es sich verloren hatte, und aus der Schenke das Bier fr
den Stallknecht holen. Sara! rief es frh und spt, Sara! hier und dort.
Und nicht genug mit all dem Eilen, Hasten, Schaffen und
Kommandiertwerden, hatte sie auch noch die frechen Zumutungen der Mnner
abzuwehren, vom noblen Gentleman, der um Mitternacht besoffen die Stiege
hinaufstolperte, bis zum pockennarbigen Bckerjungen, der nach
Tagesanbruch ans Haustor pochte. Viel Arbeit hatte Sara und wenig
Schlaf. Wenn die Stiefel geputzt und die Gewnder gebrstet waren, stand
die Uhr schon weit in der Nacht, das Haus lag im Schlummer, und sie
taumelte in einen Verschlag neben der Kellerluke, wo sie und das
Laufmdchen auf Strohscken liegen muten.

Doch war sie in ihrem Gemte zufrieden, wenn man sie nur mit Worten in
Ruhe lie, nur nicht an ihr herumfragte und nach vergangenen Dingen
forschte. Die Warums und Wanns schmeckten ihr bitterer als Hunger und
Regenwetter. Das eine hatte sich bald herausgestellt, und John Kerrel
hatte recht geraten; sie war im Tempelbar Wscherin gewesen. Aber es war
lnger her denn ein Jahr; man wollte wissen, da sie sich einem
unehrbaren Wandel ergeben habe und der eine oder andere behauptete sie
in verrufenen Kneipen gesehen zu haben mit Leuten, denen ein anstndiger
Mann nirgends begegnen mchte.

Bei solchem Gemunkle hatte es sein Bewenden, zum Schlu kmmerte man
sich nicht mehr viel um Sara. Man lie sie leben und atmen, das war
alles, -- fr sie genug. Den Himmel zu sehen, hatte sie kein hufiges
Verlangen, und wenn sie von der Sonne nur gerade gestreift wurde, ihr
war es genug. Den auf sie gerichteten Blick erwiderte sie nicht, fr ein
Lcheln hatte sie kein Gegenlcheln, Scherze wute sie nicht zu deuten
oder sie schlpften an ihren Ohren vorbei wie die Blicke an ihren Augen.
Sie klagte nicht, somit schien sie mit ihrem Los einverstanden und jener
Sorte von Geschpfen anzugehren, die ohne den Anblick froher Dinge und
ohne Freude mhselig-stumpf dahinweben.

Dennoch hatte sie eine Eigentmlichkeit, durch die ihr Wesen immer
wieder als etwas Besonderes, ja Verdchtiges von den Hausleuten
empfunden wurde. Am Sonntag, wenn andere Geselligkeit suchten, spazieren
gingen und die besten Gewnder umhingen, blieb Sara einsam zu Hause
sitzen und starrte vor sich nieder mit einem Ausdruck des Besinnens,
einem Ausdruck des gewaltsamen Nachdenkens, der stundenlang ihrem
Gesicht die Unbeweglichkeit einer Maske gab. Ihre indigoblauen Augen
verloren den Blick nach auen; ihre um die Kniee geschlungenen Arme
zogen Kopf und Schultern nach vorwrts, und so sa sie, der Spott aller
Wachen und die Bengstigung aller Frommen, die der Meinung zuneigten,
da Sara Malcolm ein Hexlein sei, das mit dem Bsen Umgang habe und am
Tage des Herrn dafr zur Erstarrung verurteilt werde.

Es war der Traum, der Solches bewirkte, der vergessene Traum. Die einmal
beglckt gewesene Seele wollte das verlorene Bild wiederhaben und fand
es nicht. Sie erinnerte sich deutlich, wie etwas Herrliches aufgequollen
war, damals aus der Finsternis des langen Schlafes; ein nie zuvor
gesprtes Glck hatte ihr Herz zum Bersten voll gemacht und war
emporgesprot bis zum Munde und war als ein Lcheln um die Lippen
erblht. Dann war das Erwachen gekommen, -- die Augen sahen nichts mehr,
das Herz fhlte nichts mehr. Aberglubisch schaudernd dachte sie an
diese Stunde, die ihr nichts zurckgelassen hatte als die Sehnsucht nach
etwas rtselhaft Unbekanntem.

Einmal kam Master Gehagan nach Hause und trat in den Hof, um zu den
Fenstern John Kerrels hinauf zu pfeifen, und ihm zuzurufen, da Francis
Rhymer, der junge Freund beider Mnner, noch diesen Abend zu seiner
Hochzeit aus Schottland in London ankomme; ein Eilbote habe die
Nachricht gebracht. Kerrel freute sich und erwiderte, es sei wohl das
beste, ihn fr die nchsten Tage hier im Haus zu herbergen. Master
Gehagan wollte den Hof wieder verlassen, da fiel sein Blick durch die
beginnende Dmmerung auf Sara, die vor der offenen Stalltre eine frisch
geschlachtete Gans rupfte. Obwohl er sich sagte, da es kaum der Mhe
verlohne, hatte er Lust, das unscheinbare, sommersprossige Mdchen zu
kssen. Er ging auf sie zu, ergriff wortlos mit beiden Hnden ihren Kopf
und spitzte seine Lippen; aber was er fr leicht gehalten, zeigte sich
unausfhrbar. Wild aufgerissene Augen starrten ihn an, und zwei Arme
stemmten sich sthlern gegen seine Brust. Da wuchs die Begierde; er
packte sie bei den Schultern, schleppte sie in den Stall, wo ber den
leeren Krippen ein Lmpchen dster flammte, und warf sie aufs Stroh. Als
er sich nun zu ihr niederbeugen wollte, prallte er mit einem
erschrockenen Aufschrei zurck. Das ganze Gesicht Saras war mit Blut wie
bestrichen, so da es einen grauenhaften Anblick darbot; wohl erkannte
er den natrlichen Grund: aus dem Hals des toten Tieres, das Sara nicht
aus den erhobenen Hnden gelassen, war das Blut noch einmal entflossen
und hatte das Antlitz des Mdchens bedeckt; aber mit seiner Liebesgier
war's vorbei und er floh ngstlich und erregt.

Als Sara allein war, ging sie zum Brunnentrog und wusch Gesicht und
Arme, dann setzte sie sich auf den Rand des Brunnens und grbelte.
Indessen wurde es Nacht und zwischen zwei steilen Mauern stieg am
blulichen Himmel der Mond herauf. Sie wnschte, da das Gestirn zur
goldenen Schale werde und ihr vor die Fe fallen mchte; sie wnschte,
da aus der Dmmerung ein edler Geist hervortrete, um ihr das Gefhl der
drckenden Gegenwart zu nehmen. Aber da rief es schon wieder: Sara!
Sara! Mistre Duncomb begrte im Flur einen eben angekommenen
Fremdling, der vor der Stiege stand und langsam Schritt um Schritt
hinaufging. Vor dem Haus hielt die Karosse, in der er gereist war. John
Gehagan half auf der Strae dem Diener, das Gepck abladen. Gib acht,
da nichts vergessen wird, John! rief die Stimme des jungen Mannes; es
war eine wohllautende Stimme ohne Schwere, der man es anhrte, da sie
zu scherzen liebte. Er kehrte noch einmal zurck und nahm mit
frsorglichem Wesen dem Bedienten einen Gegenstand ab. Was ist es?
fragte Gehagan, am Ende gar das Brautgeschenk? Der andere nickte, und
in einer Wallung der Freude oder des bermuts ffnete er die Hlle und
zeigte John Gehagan einen Pokal aus purem Golde und mit Edelsteinen
verziert, die einen feurigen Kreis unterhalb des Mundrandes bildeten.
Master Gehagan griff erstaunt danach und rief lachend aus: Ein Ehepfand
der Art wird man in England nicht mehr auftreiben. Eines solchen
Kleinods kann sich nicht einmal des Knigs Schatzkammer rhmen. Und er
folgte dem Freund und trug den Pokal selbst hinterdrein.

Sara mute Wein aus dem Keller holen. Ihre Ohren vernahmen den Befehl,
aber in ihrem Sinn ging anderes vor. Whrend sie sich mit dem Wachslicht
die Kellertreppe hinuntertastete, sah sie im Dunkel vor sich immerfort
den schnen Becher. Ihr deuchte, da alles Glck des Lebens mit seinem
Besitz verbunden sein msse, und wenn sie ihn auch nicht haben, nicht
Eigentum nennen konnte, einmal wollte sie ihn in der Hand halten, ganz
zwischen den Hnden, ihn mit den Fingern umfangen wie etwas, das man mit
aller Kraft des Herzens begehrt hat. Whrend ihr aus dem niedrigen
Gewlbe die khlfeuchte Luft in Wellen ins Gesicht schlug, nahm das
unerklrliche Verlangen so berhand, da eine glhende Bangigkeit ihr
die Brust verschnrte. Was war es nur? Nicht das Gold, nicht das
Edelgestein lockte so, nicht die Vorstellung vom hohen Wert des Bechers
und da etwas anderes, gleich Wertvolles dafr zu erkaufen sei; nein, es
erschien ihr wie ein Talisman, begabt, das dunkle, enge Leben irgendwie
in die Helle und Weite zu zaubern und mit einem Trank, den man aus ihm
trinke, den durstigen Leib zu strken und zu beseligen. Nie hatte sie
etwas mit gleicher Inbrunst begehrt. Wenn sie mit Mary Tracy und den
beiden Brdern Alexander nchtlicherweile, gehorsam durch Zwang, auf
Diebstahl ausgezogen war, hatte sie das Erbeutete mit Verachtung und
Leid angesehen und ihren Anteil nicht selten verschenkt.

Zitternd kam sie in die Kche, und von den Flaschen, die sie brachte,
entfiel eine ihrer Hand und zerbrach auf den Steinfliesen. Die Kchin
nahm ein brennendes Scheit vom Herdfeuer und wollte es im Zorn nach Sara
schleudern, die mit blanken Fen im flieenden roten Wein stand. Sie
deckte die Hnde ber das Gesicht und lief stumm davon. Die Arbeit ging
nicht mehr von statten, Arme und Beine schienen aus Blei, Lippen und
Zunge brannten. Vom unwiderstehlichen Trieb geplagt, schlich sie die
Stiegen hinauf bis vor das Zimmer, in das der junge Mann eingezogen war.
Das Schlsselloch war durch den Schlsselbart verdeckt; unten aus der
Spalte schimmerte Licht. Whrend sie ihr Ohr an das Holz legte, hrte
sie ihn mit seiner leichten Stimme singen; sie verstand auch die Worte:

    Miraten Herz, was schreist du nach dem Golde,
    Halt es nur fest, auf da es nicht entgleite,
    Die wilde Braut, die alles haben wollte,
    Trgt ein Gewand aus himmelblauer Seide.
    Und hast du nichts und kannst du ihr nichts geben,
    So fordert sie dein junges Blut und Leben.

Im oberen Stock wurde John Kerrels Tr mit groem Lrm aufgemacht und
seine Bastimme drhnte durch das Haus. Sara schlich wieder hinab, die
wtende Unrast ihres Innern konnte sie nicht mehr dmpfen. Allmhlich
kam Nachtstille und die Stunde, wo selbst Saras Fe ruhen durften. Das
Tor ward zugetan, der Wchter schrie seine Zeiten ab. Auf ihrem harten
Lager warf sich Sara von einer Seite auf die andere. Kaum schlo sie die
Augen, so erblickte sie den goldenen Pokal, und ihr wurde kalt und hei.
Nach Mitternacht erhob sie sich leise, zog Rock und Kittel an, ging
unsicheren Schritts auf den Gang und schlich langsam, auf jeder Stufe
innehaltend und lauschend, die Treppe zu Francis Rhymers Zimmer empor.
Es war nicht vllig finster; durch das runde Fensterchen oberhalb des
Haustors schien der Mond herein und bemalte das breite Stiegengelnder
mit einem grnen Streifen. Bald stand sie wieder vor der Tr und
horchte. Es war alles still, nur das eigene Herz schlug wild und laut.
Sie legte die Hand auf die metallene Klinke, und sprte eisigen
Schrecken, als die Tr sich wie von selber auftat und das Zimmer in
wunderlicher Doppelbeleuchtung vor ihr lag. Durch die Fenster strahlte
der helle Mond, und auf einer Konsole am Bett brannte die llampe. Der
junge Fremde schlief, noch halb in seinen Kleidern, und ein Buch, in dem
er gelesen, war der herabhngenden Hand entglitten und auf den Boden
gefallen; dies, wie das unverriegelte Trschlo waren Anzeichen, da er
den Schlaf noch nicht gesucht hatte, sondern da er von ihm berwltigt
worden war. Wenn Sara in ihrem verblendeten Sinn eine gnstige Schickung
darin htte erblicken wollen, so mute der hhere Wille in ihren Augen
unbezweifelbar werden, als sie das Ziel ihrer Begierde dicht vor sich
auf dem Tisch stehen sah: den goldenen Becher, auf der einen Seite grn
beglnzt vom Mondlicht, auf der andern rtlich vom Licht der Nachtlampe.
Sie ging und griff danach, legte ihre Hnde um das Kleinod und fhlte
die Beseligung ber den Besitz durch jeden Finger einzeln in den Krper
strmen. Im berma der unheimlichen Glut setzte sie den Bechersrand an
den Mund, als ob sie trinken wollte; es entstand ein Rauschen und
Brausen im Innern des leeren Pokals, und es war, als ob irgend etwas
Laues, Wohliges den Schlund hinabflsse und den Leib bis zu den Zehen
und Haarspitzen ausfllte.

Da sie nun den Pokal hatte, gedachte sie fortzueilen und aus dem Haus zu
fliehen. Aber eine flchtige Lust wandelte sie an, das Gesicht des
jungen Menschen zu sehen und sich auszumalen, wie seinen Zgen das Leid
stehen mchte, das er morgen um das verlorene Brautgut tragen wrde.

Sie trat hin. Sie beugte sich ein wenig und gewahrte die freundlichen
Zge. Sie wollte einen Schrei ausstoen, doch die Lippen hielten ihn
noch rechtzeitig zurck. Ihre Augen erweiterten sich, und sie atmete
schwer. Mein Traum, dachte sie innerlich schluchzend, mein Traum. Diesen
Jngling hatte sie im Traum gesehen, mit denselben schlummergefrbten
Wangen. Erst in seinem Schlaf erkannte sie ihn. Lchelnd war er zu ihr
gekommen, sie waren mitsammen in ein strahlendes Haus gegangen, und dort
hatten sie sich vermhlt. Um ihretwillen war er ins Haus getreten, ihr
brachte er den Becher und dennoch: sie mute fliehen. Zusammengeduckt
wandte sich Sara um und eilte aus dem Zimmer, verga die Tr zu
schlieen, ging die Stiege hinunter, begab sich in die Kammer, wo die
Schlafgenossin schnarchte, warf sich auf ihr Lager und stierte in die
Luft. Den Pokal hatte sie noch immer im Arm. Er bekam an ihrem Krper
eine lebendige Gewalt und redete zu ihr. Da packte sie die Furcht; sie
whlte an der Wandseite des Lagers das Stroh auf und versteckte ihn.
Aber er war nicht genug verborgen, er redete noch lauter. Sara konnte es
nicht ertragen. Sie stand auf, frierend lief sie in den Flur und
wnschte, da die Nacht vorber wre. Sie schob den Riegel vom Haustor,
ffnete und lief auf die Strae. Ein herrenloser Hund eilte brummend auf
sie zu. Das helle Mondlicht scheuend, flchtete sie ins Dunkel, ohne zu
wissen, wohin sie sich wenden sollte. Es trieb sie zu einer Kirche, sie
wollte beten, sie wollte vor Gottes Angesicht erscheinen. Die Liebe
hatte sie ergriffen, und nun wute sie, da Liebe Mark und Bein
verzehrt und das Blut so schnell antreibt, da alle Adern brennen. Sie
hatte den Herrgott nie gekannt, jetzt kannte sie ihn; hatte Christum
verleugnet; jetzt glaubte sie ihn.

Indessen geschah es, da sich vor Mistre Duncombs Haus eine
Gesellschaft von drei Personen zusammenfand, zwei Mnner und eine Frau.
Es waren die beiden Brder Alexander und die gelbe Mary Tracy. Die
beiden Alexander, berhmt in der Verbrecherzunft, waren Zwillingsbrder
und sahen einander so hnlich, da man einst in Whitechapel, als sie
betrunken waren, dem einen das linke Ohr abgeschnitten hatte, damit man
sie frder unterscheiden knne. Sie waren es, die vor Wochen mit Sara
Malcolm aus Aldermans Bierspelunke aufgebrochen waren, um einen wohl
vorbereiteten Streich am Bullhead in Breadstreet auszufhren. Da
verweigerte Sara pltzlich ihre Teilnahme, denn aus den Reden der zwei
Kumpane hatte sie herausgehrt, da diesmal Blut flieen msse. Es
entstand ein kurzer Wortwechsel, Tom Alexander schlug das Mdchen nieder
und Bill Alexander, der Ohneohr, tat ihr Gewalt an, whrend sie
ohnmchtig dalag; dessen rhmte er sich spter, denn Sara hatte ihren
Spiegesellen alles zu Willen getan, nur ihren Leib hatte sie nicht
gegeben. Es vergingen Wochen; Mary Tracy erfuhr zufllig, da Sara bei
Mistre Duncomb in Diensten stehe. Sofort wurde beschlossen, diesen
Umstand auszuntzen, aber die Versuche, sich Sara zu nhern, waren
erfolglos; bei Tag durfte man sich nicht blicken lassen, schon aus
Furcht, da Sara Verrat ben wrde, und in der Nacht glich das Haus
einer versperrten Festung. Doch als die Spionin Kunde brachte, ein
reicher, schottischer Edelmann, Francis Rhymer, habe bei Mistre Duncomb
Quartier bezogen, wollten Tom und Bill um jeden Preis etwas unternehmen.
Mit Strickleitern, Spreng- und Sgewerkzeugen machten sie sich auf den
Weg und kamen genau zu der Zeit an, wo der Mond hinter die Dcher der
Huser sank. Zuerst wollten sie an das Tor pochen in einer Weise, die
Sara kennen mute und, weil sie nahbei schlief, auch hren konnte. Wenn
dann ein anderer aufmachte, so war es eben um ihn geschehen, falls er
unbewaffnet und ahnungslos war. Sehr berrascht waren nun die Elenden,
als sie das Tor offen sahen; sie dachten an eine Falle. Vorsichtig
warteten sie; nichts Verdchtiges zeigte sich. Mary Tracy blieb auf
Wache, die beiden Alexander begaben sich hinein, krochen zur Treppe, ein
Lichtschimmer von oben erleichterte den Weg, und sie fanden eine
offenstehende Stubentre. Mary Tracy, die in der Dunkelheit
dabeigestanden, als der Schotte aus dem Wagen gestiegen, hatte ihnen
seine Erscheinung beschrieben, und als sie den Schlafenden gewahrten,
zweifelten sie nicht, da sie ihr Opfer erreicht hatten. Sie waren
kundige Kpfe und geschickte Arbeiter; sie wuten, wo Schtze verborgen
sein konnten, der Zweck verlangte eine grauenvolle Tat von ihnen; und so
geschah es, wie es geschehen mute, weil es von Anfang an durch den Lauf
der Dinge besiegelt war.

Als Sara zurckkam und im Finstern vor dem Duncombschen Hause eine
Gestalt sah, erschrak sie, denn jetzt wurde ihr bewut, wie strflich
sie gehandelt, da sie das schlafende Haus unverwahrt gelassen. Sie kam
nher, und Mary Tracy, forschend wer es sei, trat ihr entgegen. Da
erkannten sich die beiden. Du bist's, Sara, sagte Mary vertraulich und
legte den Arm um die Schulter des Mdchens. Saras Herz fllte sich mit
dstern Ahnungen. Sie war so bestrzt, da sie auerstande war, sich auf
den Beinen zu halten und sich auf die Steintreppe niederlie. Mary Tracy
fragte mit verstellter Zrtlichkeit, wie es ihr gegangen sei, wo sie
jetzt in tiefster Nacht herkomme und ob sie nicht wieder mit
hinauskommen wolle in das freie Leben. Sara horchte geistesabwesend in
die Luft hinein, sie sprte, da im Haus etwas Bses vorging, dann
schlug sie die Hnde vors Gesicht und fing bitterlich an zu weinen. Hr
doch auf, gebot Mary Tracy, schaute ngstlich straauf straab und zu
den Fenstern. Hr doch auf, wir geben dir Geld. Nun war ich bis unter
dem Schwibbogen bei Fig-tree-Court, wehklagte Sara in ihr Weinen
hinein. Ich wollte zu einer Kirche und wollte beten, und als ich eine
fand, war alles verschlossen. Warum ist Gott in seinem eigenen Haus
eingesperrt? Noch fester hielt sie die Hnde ans Gesicht gepret, noch
strmischer wurde ihr Weinen. Aus dem Tor huschten hastig die beiden
Alexander; nacktfig huschten sie, horchten vorwrts, horchten verstrt
zurck, lauschten in die Strae hinein und raunten, die Hnde zum Mund
emporgehoben: Fort! fort! fort! Darauf sprangen sie davon, ohne Sara
nur gesehen zu haben. Mary Tracy folgte ihnen mit einem Wutschrei; sie
frchtete um die Beute betrogen zu werden.

Das Frhrot dmmerte. Sara ging ins Haus und sperrte den Riegel ab.
Innen war alles still wie zuvor. Sie wankte in ihre Kammer und fiel aufs
Stroh. Schlafen konnte sie nicht. Die Glieder ruhten, aber Augen und
Brust brannten. Ich bin ein verloren Weib, dachte sie. Es wurde heller.
Da gewahrte sie oben an der Decke einen roten Fleck. Gerade ber dem
Raum, wo Sara lag, war Francis Rhymers Zimmer. Was fr ein Flecken mag
das sein? fuhr es ihr durch den Kopf, und siehe, es tropfte etwas herab,
und nach einem Weilchen wieder, es tropfte auf ihr Hemd. Bei dem klarer
werdenden Licht erkannte sie, da es Blut sein mute. Nun wurde ihr
Inneres so starr, als ob der Tod hineingegriffen htte. Ich bin ein
verloren Weib, wiederholte sie, als sie aufstand. Der Bcker klopfte
schon ans Haus. Eine halbe Stunde spter wurde das Laufmdchen wach und
sah das Blut und lief entsetzt auf die Diele. Sara war um die Milch fr
den Molkensekt gegangen; als sie wiederkam, stand eine Menge Volks vor
dem Hause. Einer ist umgebracht worden, erzhlten sie einander. Master
Knight, der ebenfalls zu den Bewohnern des Logierhauses gehrte, schaute
vom zweiten Stock im Nachthemd herab und schrie. Sara drngte sich
schweigend durch die Leute und gelangte ins Tor. Eben wurde Mistre
Duncomb ohnmchtig von Anne Love und Mi Oliphant die Stiege
herabgetragen; ihre Jungfer Elisabeth Harrison, ein krnkliches
Geschpf, hatte wie leblos den Pfosten umklammert. Darauf kam Master
Kerrel die Stiege herab; er war schneewei im Gesicht, man sah es ihm
an, da er etwas sagen wollte und nicht konnte, vor Entsetzen blieb ihm
die Sprache aus. Er war erst um fnf Uhr morgens nach Hause gekommen, so
lange hatte er sich in den Kaffeehusern von Coventgarden umgetrieben.
Er hatte nichts Verdchtiges bemerkt, Francis Rhymers Zimmer war
geschlossen gewesen. Oben hrte man John Gehagan brllen vor Schmerz,
denn er beklagte in dem Ermordeten den teuersten Freund. Der Pbel
drngte ins Haus. John Kerrel und der Stallbursche hatten Mhe, die
Leute zu verhindern, da sie die Stiege strmten. Sara schaute eine
Weile regungslos dem allen zu, pltzlich zuckte sie konvulsivisch
zusammen und fuhr mit beiden Hnden an die Schlfen. Sie sprang die
Treppe empor, strzte in das Zimmer des unglcklichen Jnglings und warf
sich vor das Bett hin, ohne da ein Laut von ihren Lippen kam. Du
Hllenhure, scher' dich fort! schrie John Gehagan, packte sie bei den
Haaren und wollte sie vom Bett wegzerren, auf dem der bleiche Mensch mit
durchschnittenem Hals lag. Da sah ihn Sara mit Augen an, vor denen er
erstarrte. Jetzt erinnerte er sich an ihr blutbedecktes Gesicht von
gestern, und ihm wurde unheimlich zumute. Einige Mdchen standen an der
Schwelle und beobachteten, was vorging, unter ihnen die Kchin, und auch
sie erinnerte sich, wie Sara am Abend im roten Wein gewatet wie in Blut.
Der Konstabler erschien. Die Volksmenge drauen hatte sich vermehrt,
doch es war gelungen, das Tor abzuriegeln. Wie vom Fieber getrieben,
ging Sara aus dem Zimmer, taumelte hinunter, machte sich in der Kche zu
schaffen, stellte sich mit gerunzelter Stirne zum Feuer und wrmte die
Hnde. Bald kam die eine bald die andere von den Mdchen. Sie flsterten
und tuschelten; Stunden mochten verflossen sein, da hie es: Sara, du
sollst hinaus zu Master Gehagan. Sara ging hinaus, floh an John Gehagan
und John Kerrel, die beide im Flur warteten, mit gesenktem Haupt vorbei
in ihre Kammer. Dort stand sie zitternd, horchend, schnell atmend, bis
die Mnner nachfolgten. Hast du die Nacht ber geschlafen? fragte der
mildere Master Kerrel. Keine Antwort. Warum ist dein Rock vor den
Knieen blutig? fragte John Gehagan. Ich habe oben gekniet, das wit
Ihr doch, erwiderte sie mit kaum vernehmbarer Stimme. Dein Benehmen
ist sonderbar. Hast du Geld am Leibe versteckt, Mdchen? forschte John
Gehagan weiter. Zugleich trat er auf sie zu, steckte die Hand in ihr
Busentuch, suchte die Brste hinunter, und wie er ihr unter den Arm
fhlte, erschrak sie und ihr Kopf flog zurck. Da wurde ein Stck Hemd
mit dem Blutfleck sichtbar. Und woher ist dies Blut? fragte Master
Gehagan rauh. Sara deutete in die Hhe; dort ist es her, entgegnete
sie, ohne des Doppelsinns inne zu werden. Mittlerweile hatte sich John
Kerrel an das Durchsuchen des Strohlagers gemacht, und auf einmal zog er
mit einem heiseren Schrei den Pokal hervor. Das Gef schwankte in
seiner Faust, John Gehagan drckte fassungslos die Hnde gegen das
Herz.

Ich wei, ich bin ein verloren Weib! schrie Sara. Ich will ja gern
den Tod erleiden. Sie fiel nieder und umklammerte die Beine John
Gehagans so fest, da er sich kaum losmachen konnte. Ihre Augen rollten
und vergingen fast, und ein furchtbares Seufzen drang aus der Tiefe
ihres bedrngten Innern. John Kerrel eilte hinauf, bald kamen zwei
Konstabler und fhrten Sara ins Gefngnis nach Newgate, wie sie war, mit
ihrem Arbeitsrock und der blauen Kappe.

Vor den Richter, Sir Roger Brocas gebracht, konnte sie nicht sprechen.
Es war ein Jammer, sie anzusehen. Sir Roger fhlte Erbarmen, verschonte
sie fr diesen Tag und lie sie in die Zelle zurckbringen. Sie legte
sich nicht hin, sie ging nicht umher, sie stand regungslos am
vergitterten Fenster und blickte hinaus auf den finstern Hof und sah zu,
wie es zu regnen anfing und wie es Nacht wurde, und hrte den Wind
heulen. Und als es nun so einsam und dunkel um sie geworden war, da
sprte sie pltzlich ein wundersames Pochen in ihrem Leibe. Zuerst
achtete sie kaum darauf, es schwieg auch eine Zeitlang, dann wiederholte
es sich strker. Verwundert dachte sie nach, was das Pochen zu bedeuten
habe, und als es zum dritten Mal wiederkehrte, da verklrte dasselbe
himmlisch selige Lcheln ihre Zge, wie damals im Traum bei Mistre
Duncomb. Sie hatte ein Kind im Scho. Im Traum hatte sich der Geliebte
ihr vermhlt, im Traum war er gekommen, im Traum hatte er sie beglckt.
Sie kroch in einer Ecke des kalten finstern Raums in sich zusammen, denn
so eng ihn vorher ihre Bangigkeit und Trauer gefunden hatte, so weit
wurde er jetzt ihrer Verzckung. Sie lauschte in das Innere ihres Leibes
hinein, und abermals regte es sich, sie glaubte es zu spren, glaubte
jedes der kleinen Gliederchen zu fhlen, und nun war sie Gott dankbar
fr die auferlegte Prfung und freute sich darauf zu sterben, das
Geheimnis unter dem Herzen. Gewi war es derselbe lustgekrnte Engel,
der sie mit dem Geliebten zusammengefhrt und der sie den Todesweg
hinaufgeleiten wrde bis an das Tor des Paradieses. Armes kleines
Wesen, so redete sie lchelnd vor sich nieder und in ihren Scho
hinein, bist jetzt noch in der Finsternis, bald aber wirst du flgge
sein, mein Vgelchen, und wirst Flgel haben und wirst dich im Lichte
baden. So schlief sie allmhlich ein. Kein leisester Zweifel regte sich
gegen das Wunder, das sich an ihr ereignet.

Wie erstaunt war am andern Tag Sir Roger, als Sara Malcolm heiter und
ruhig vor ihn hintrat, auf alle Fragen runde, klare Antwort gab und
weder die Reue und Zerknirschung einer Schuldigen noch das Staunen und
den Schmerz einer Unschuldigen zeigte. Die Frage, ob sie den Mord verbt
habe, erwiderte sie mit nein. Sie erzhlte, da sie aus dem Haus
gelaufen, da sie vor dem Kirchlein bei Fig-tree-Court, wo die Lampe
brennt, gewesen sei, da sie sogar dort den Master Oaks aus der
Themsestrae gesehen habe. Was sie denn dort gemacht? fragte der
Richter. Sie habe gebetet, antwortete sie. Dann sei sie zurckgegangen
und habe vor Mistre Duncombs Haus Mary Tracy getroffen, und sie
erzhlte, was sich darnach zugetragen. Sie erzhlte auch, wie sie
ehemals die Diebsgenossin der beiden Alexander geworden sei, als sie
elend und verhungernd durch die Straen geirrt war. Elternlos,
heimatlos, freundelos war sie stets gewesen. Sie erinnerte sich, als
Kind einmal auf dem Meer gefahren zu sein, aber woher und wohin, das
wute sie nicht. berhaupt besa sie nur wenig Erinnerungsvermgen.

Als aber der Richter auf den Pokal zu sprechen kam, den man doch in
ihrer Lagerstatt gefunden, da schwieg sie beharrlich, -- nicht wie eine
Verbrecherin, die sich zu verraten frchtet, sondern wie ein Mensch, der
ein Geheimnis bewahren will und mu. Das Rtsel, das ihr selbst unlsbar
und ungelst blieb, konnte sie nicht preisgeben, ihre Zunge fand keine
Worte dafr, und eine innere Stimme befahl ihr zu schweigen. Darauf
wurde sie wieder in die Zelle zurckgefhrt und zwei Scharwchter kamen,
vor denen sie sich vllig entkleiden mute, und die ihre Gewnder
untersuchten, die Haare aufbanden und sie fragten, ob sie irgend etwas
vergraben habe, es sei auch Geld geraubt worden. Sara schttelte den
Kopf. Da mt ihr euch an die beiden Alexander wenden, sagte sie, und
trotz ihrer Nacktheit benahm sie sich so, da sich die beiden Alten
darber wunderten.

Mary Tracy und die Brder Alexander konnten nicht aufgefunden werden. Am
andern Tage wurde Sara aus dem Gefngnis geholt und man brachte sie vor
die Leiche des gemordeten Jnglings. Der Richter und die Unterrichter
waren dabei, ferner John Gehagan und ein Konstabler. Sie blickte stumm
auf das wchserne Antlitz, ihre Augen schimmerten na und sie faltete
innig bewegt die Hnde. John Gehagan, auer sich vor Gram und Wut,
ballte die Faust und schlug sie, ehe es jemand verhindern konnte, ins
Gesicht. Sie taumelte, aber sie schrie nicht; bald stand sie wieder
aufrecht und bedeckte nur mit dem Arm die Augen, vor denen es flammte.
Was tut ihr mir, Master Gehagan? murmelte sie klagend.

Dann ging es wieder nach Newgate, und sie wurde den Zeugen
gegenbergestellt. Es waren hauptschlich die Frauenzimmer, die sich
ber Saras seltsames, verstecktes, hexenhaft scheues Wesen uerten,
auch die Geschichte mit dem vergossenen Wein kam zur Sprache. Andere
stellten sich ein, die Sara in frherer Zeit gekannt, und sagten Bses
aus; wenn ein Mensch im Unglck sitzt, wollen alle, denen er einmal
mifallen, ihr Mtchen auslassen. Sie zeigte sich wrdig und fest. Kein
berflssiges Wort kam von ihren Lippen, aber keine leichtsinnige
Verdchtigung lie sie hingehen, ohne dem Urheber mit scharfer, ja
scharfsinniger Frage und Weiterfrage an den Leib zu rcken, so da sie
die Betreffenden oft sehr in Verlegenheit brachte. Ihre Art und Weise
erregte schlielich Aufsehen. Gebildete Leute kamen, sie zu sehen und
ihr zuzuhren. Es war ein fremdes, stolzes Wesen in ihr aufgewacht, seit
sie im Gefngnis sa. Die Wrter, die Konstabler, der Trenschlieer,
alle konnten ihre Sanftmut, ihre Geflligkeit, ihr munteres und
gesammeltes Wesen nicht genug rhmen, und sie geno Freiheiten wie kein
anderer Gefangener. Da es um sie geschehen war, daran war nicht zu
zweifeln; man wollte ihr die Tage leicht machen.

Ende Mrz wurde sie zum Tode verurteilt, und der Wrter teilte ihr
abends mit, da sie in Fleetstreet mit sechs oder sieben andern gehngt
werde. Sie antwortete nichts und blickte klaren Auges, klaren Ausdrucks
in die Hhe. Das schmale Gesicht mit dem schmalen Kinn vernderte sich
in dieser Minute zu einem Bild ergreifender Menschlichkeit. Hinter der
Stirn wohnte der Wunderglaube und machte sie leuchtend, in den Augen
dunkelte der Tod.

Es war ein greulicher Sturm an jenem Abend. Sara schritt in ihrer Zelle
auf und ab. Sie hatte nur noch die einzige Sorge, da niemand ihre
Schwangerschaft merken mge, die jetzt schon ein wenig vorgeschritten
war, denn eine Schwangere durfte nicht gerichtet werden. Whrend sie hin
und her ging, kam der Geistliche in die Zelle, ein milder Mann, der die
Snder gndig mit Worten bedachte und die Gnade nach dem Ma der Bue
verteilte. Lange redete er in Sara hinein, sie mge ein offenes
Bekenntnis ablegen, aber sie entzog sich allen Ermahnungen durch ein,
wenn auch freundliches, doch starrsinniges Schweigen, und am Ende sagte
sie mit Wrme: Wenn ich eine Weile im Grabe gelegen, wird die Wahrheit
aufstehen.

Dann war sie wieder allein, streckte sich auf dem Lager aus und hrte
beglckt zu, wie ungestm sich das Kind in ihrem Innern bewegte, als
knne es die Zeit nicht erwarten, um ans Licht zu gelangen. Hab' nur
Geduld, Traumseelchen, flsterte Sara, bald werden wir auf die Reise
gehen, und du wirst ein herrliches Bett bekommen bei deinem Vater, das
ist der schnste Mann. Sie schlief ein und schlief ruhig bis in den
Tag, der so finster und strmisch war, da er sich hier in der Zelle nur
um weniges von der Nacht unterschied. Am Nachmittag kamen einige Leute
in ihre Zelle, der Lord Oberrichter und ein schottischer Edelmann, ein
Vetter des Ermordeten. Er hatte in seinen Zgen einige hnlichkeit mit
Francis Rhymer, aber besonders erregte er Saras Aufmerksamkeit durch
einen Blick des Erbarmens, der anders als des Pfaffen Blick bis in die
Nieren drang. Sara breitete die Arme aus, und ein schneller Krampf
zuckte ber ihr Gesicht. Nur einmal lat mich noch den Mund an meinen
goldenen Becher drcken! rief sie ber und ber schaudernd aus; aber
niemand verstand sie, man glaubte, sie fasle oder rede irr.

Um sechs Uhr kam der Ausrufer nach Newgate, der im Hof die Namen
derjenigen verlas, die am nchsten Morgen sterben sollten. Ein gewisser
Chambers, der sich in der gegenberliegenden Zelle befand, ein hchst
grausamer Mrder, bat Sara, sie mge doch um Gottes willen acht geben,
ob sein Name vorkomme. Sara stellte sich ans Fenster und hrte zu;
gleich nach ihrem eigenen kam der Name Chambers. Sie beschlo, es dem
Unglcklichen zu verheimlichen, damit er eine ruhige Nacht habe, aber
er erfuhr es doch. Der Wrter kam auf seiner letzten Runde. Ohne Mhe
erreichte es Sara, da er sie hinbergehen lie zu dem weinenden Mrder.
Sie fragte ihn, ob sie mit ihm beten solle. Ja, Sara! rief er, von
ganzem Herzen. Sie begann inbrnstig mit ihm zu beten, und tief in die
Nacht hinein lagen sie auf den Knieen, bis alles Licht ausgebrannt war.
Ohne da sie es gewahr wurden, kamen die andern Todgeweihten, denen der
Wrter die Tren geffnet hatte, und beteten mit. Wie auf eine Heilige
blickten sie auf Sara, und je nher die bittere Stunde kam, je mehr
fhlten sie ihre Seelen entlastet. Die Wrter vergaen des Schlafes in
dieser Nacht und dachten, nun seien auch einmal des Himmels Heerscharen
eingezogen in die Hlle von Newgate.

Der Morgen graute und die Hellebardiere erschienen, um die Verurteilten
nach Fleetstreet an den Galgen zu fhren. Fnf Mnner waren es: ein
Mrder, zwei Brandstifter, ein Hochverrter und ein meuterischer
Matrose. Sie zogen singend ber den Hof des Gefngnisses und nahmen Sara
in ihre Mitte. Damit sie durch den Regen nicht litte, zog Chambers seine
Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Die beiden Brandstifter
gingen ihr zur Seite und beteuerten, da sie den Tod nicht frchteten.
So kamen sie vor dem Blutgerste an. Sara durfte zuerst hinansteigen.
Selbst der rohe Pbel, der sich auf dem Schauplatz versammelt hatte,
starrte in schweigender Ergriffenheit empor und keiner verga den
jubelnd-totbereiten Ausdruck ihres Antlitzes. Als der Strick um ihren
schlanken Hals gelegt wurde, glaubten viele zu sehen, da sie einen Ku
in die Luft hauchte. Auch die Sonne befreite sich fr einen Augenblick
aus Wolkendunst und schaute zu.


Nicht im Wirklichen und Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben
der Menschen ab. Das Tiefste, woran der Sterbliche seine Seele bindet,
ist Rauch, ist Traum. So werden Glck und Unglck zu bloen Namen.




Clarissa Mirabel


In der kleinen Stadt Rhodez, die im Westen der Sevennen liegt und vom
Flusse Aveyron besplt wird, wohnte der Advokat Fualdes, ein
unbedeutender Mann, weder gut noch bse. Trotz seinem vorgerckten Alter
hatte er sich erst unlngst von den Geschften zurckgezogen, und seine
Vermgensumstnde waren so zerrttet, da er im Anfang des Jahres
achtzehnhundertsiebzehn seine Domne La Morne veruern mute. Mit dem
Erls wollte er sich an einem stillen Fleck des Landes zur Ruhe setzen
und von seiner Rente leben. Eines Abends, es war der neunzehnte Mrz,
erhielt er vom Kufer des Gutes, dem Prsidenten Seguret, den Rest der
Kaufgelder in Papieren und Wechseln ausbezahlt und nachdem er die
Dokumente in seinem Schreibtisch verschlossen hatte, verlie er das Haus
und sagte der Wirtschafterin, er msse noch einmal nach La Morne
hinber, um mit dem Pchter einige notwendige Abmachungen zu treffen.

Er kam weder nach La Morne, noch kehrte er in seine Wohnung zurck. Am
andern Morgen sah die Frau eines Schneiders aus dem Dorfe Aveyron seine
Leiche in einer untiefen Stelle des Flusses liegen, rannte nach Rhodez
und holte Leute herbei.

Die felsige Bschung der Ufer war an jener Stelle senkrecht steil und
ber zwlf Meter hoch. Von dem schmalen Fupfad, der aus Rhodez gegen
die Weinberge fhrte, war ein groes Stck losgebrckelt; kein Zweifel,
da der unglckliche Mann dadurch in die Tiefe gestrzt war. Es hatte am
Tage zuvor heftig geregnet, und das Erdreich oben war, nach dem Zeugnis
einiger Winzer, schon lngst locker gewesen. Auffallend erschien eine
tief einschneidende Riwunde am Hals des Toten; da aber aus dem Gestein
des Abhangs berall scharfe schiefrige Platten hervorragten, erklrte
sich eine solche Verletzung von selbst. Bei der Untersuchung der steilen
Wand wurden keine Blutspuren an Stein und Erde gefunden; der Regen hatte
alles abgewaschen.

Die Kunde des Ereignisses verbreitete sich rasch, und den ganzen Tag
ber standen fortwhrend zwei bis dreihundert Rhodezer, Mnner, Weiber
und Kinder, an beiden Ufern und starrten mit einem Ausdruck der
Lsternheit und des selbstgeschaffenen Gruselns in die Tiefe der
Schlucht. Es wurde erwogen, ob nicht etwa ein Irrlicht den alten Mann
verfhrt habe. Eine Frau wollte mit einem Hirten gesprochen und dieser
Hirt wollte einen Hilferuf vernommen haben; allerdings war das schon
gegen Mitternacht gewesen und Fualdes hatte um acht Uhr das Haus
verlassen. Ein dicker Tpfer bestritt, da die Finsternis so dicht
gewesen sei wie alle glaubten; er selbst sei um neun Uhr von La Valette
her ber die Felder gegangen und da habe der Mond geschienen. Ihn wies
der Zollaufseher unwillig zurecht und bedeutete ihm, da gerade gestern
Neumond gewesen sei, man brauche ja nur den Kalender aufzuschlagen.
Jener zuckte die Achseln, als wolle er sagen, in solchen Zeitluften sei
sogar dem Kalender nicht zu trauen.

Um die Dmmerungsstunde wanderten die Leute heimwrts, paarweise und in
Gruppen, bald plaudernd, bald schweigend, bald streitend, bald
geheimnistuerisch flsternd. So wie argwhnisch gemachte Hunde immer um
dieselbe Stelle im Kreis herumrennen, schnappte ihre hungrige Begier
nach neuer Erregung. Sie sphten mit aufmerksameren Augen vor sich hin,
sie vernahmen mit wacheren Ohren jedes gesprochene Wort. Manche blickten
einander mitrauisch von der Seite an; wer Geld liegen hatte, versperrte
seine Tr und berzhlte es. Abends in den Weinkneipen wurde von den
ungeheuern Reichtmern erzhlt, die der geizige Fualdes im Lauf der
Jahre aufgestapelt; das Gut La Morne habe er nur deswegen verkauft, weil
er Scheu getragen, den Pchter Grammont, der sein Neffe war, mit den
Rechtsmitteln zur Bezahlung der seit zwei Jahren flligen Pachtsumme zu
zwingen.

Das geredete Wort blieb lauernd auf der Lippe stehen und ri ein noch
halbgedachtes mit. Unter den Brgern galt es als eine ausgemachte Sache,
da Fualdes, der liberale Protestant, der ehemalige Beamte des
Kaiserreichs, mit Drohungen gegen sein Leben verfolgt worden sei. Die
verdsterten Gedanken spannen emsig an dem Gespinst der Furcht. Die noch
an einen Unfall glaubten, verschwiegen ihre Grnde, sie muten sich
hten, da nicht Verdacht auf sie falle. Schon wurde eine Reihe von
Verbndeten bezeichnet, der feindlichen, drohenden, bermtig gewordenen
Partei der Legitimisten entstammend. Der dunkle Ha deutete auf die
Jesuiten und ihre Missionen als Urheber der ungewissen Tat. Wie oft
hatte die Gerechtigkeit gezaudert, wenn die Macht der Mchtigen den
Verbrecher beschirmte!

Die Frhlingssonne des nchsten Tages leuchtete in gespannte,
aufgewhlte, suchende, zu langsamer Wildheit sich entflammende
Gesichter. Die Royalisten fingen an, um Hab und Gut besorgt zu werden;
um sich zu schtzen, auch angesteckt vom allgemeinen Schauder, den das
Unbekannte ausstrmte, gaben sie zu, da ein Frevel geschehen sei. Aber
wie? und wo? und durch wen?

Ein Schuster hat gewhnlich ein besseres Gedchtnis und einen
geschftigeren Geist als andere Leute. Der Schuster Escarboeuf pflegte
bisweilen in der Vesperstunde seine Nachbarn und Getreuen um sich zu
versammeln. Er erinnerte sich genau dessen, was der Doktor beim
Leichenbefund gesagt hatte; er war daneben gestanden und hatte es Silbe
fr Silbe gehrt. Das sieht ja beinahe aus, als ob der Mann
geschlachtet worden wre; dies waren die verwunderten Worte des Doktors
gewesen, whrend er die Verletzung am Hals untersucht hatte.
Geschlachtet? was sprichst du da, Mann? fiel einer ein. Ja,
geschlachtet! rief der Schuster triumphierend. -- Aber es soll doch
Sand an der Wunde geklebt haben, bemerkte ein junger Mensch schchtern.
-- Ach was, Sand, Sand! eiferte der Schuster, was beweist denn Sand!
-- Nein, Sand beweist gar nichts, gaben alle zu. Und schon am Mittag
hie es in allen Husern des Viertels: Fualdes ist geschlachtet worden,
sie haben ihn abgeschlachtet. Das Wort gab den entzndeten Gehirnen ein
Bild, den raunenden Zungen einen Hinweis.

Nun hatte ein unheimlicher Zufall es gefgt, da der Nachtwchter an dem
verhngnisvollen Abend vor dem Bancalschen Haus, das durch die finstre
Quergasse de l'Ambrague vom Haus des Advokaten Fualdes getrennt lag,
einen Stock mit Elfenbeingriff und vergoldetem Ring gefunden und in der
Wachtstube abgegeben hatte. Fualdes' Wirtschafterin, ein altes taubes
Weib, bezeichnete den Stock mit Sicherheit als Eigentum ihres Herrn;
ihre Behauptung schien unwidersprechlich. Viel spter stellte es sich
heraus, da der Stock einem durchreisenden Kaufmann gehrte, der mit
einigen Dirnen die Nacht verlumpt hatte; aber jetzt richtete sich die
Aufmerksamkeit auf einmal und mit vorbereiteter Glut auf das
belberufene Bancalsche Haus, ein verfallenes, dumpfes Gebude mit
feuchten schmutzigen Winkeln. Frher hatte es ein Schlchter besessen,
und auf dem Hof wurden noch Schweine gehalten. Es war ein
Gelegenheitshaus und wurde allnchtlich von Soldaten, Schmugglern und
verdchtigen Mdchen besucht; auch dichtverschleierte Damen und vornehme
Herren huschten bisweilen dort ein und aus. Im Erdgescho wohnten auer
dem Ehepaar Bancal der ehemalige Soldat Colard mit seiner Geliebten, die
Dirne Bedos und der bucklige Missonier, oben hauste ein alter Spanier
namens Saavedra mit seiner Frau, ein politischer Flchtling, der in
Frankreich Schutz gesucht.

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag des einundzwanzigsten Mrz stand der Soldat Colard am Eck
der Rue de l'Ambrague und blies auf der Flte eine eintnige Melodie,
die er von den Schafhirten der Pyrenen gelernt hatte. Da kam der Krmer
Galtier des Weges, blieb stehen, stellte sich als ob er zuhre,
unterbrach aber schlielich den Musikanten und sagte streng: Was
treibst du dich herum und gibst dich unwissend, Colard? Weit du denn
nicht, da in euerm Haus der Mord geschehen sein soll?

Colard schob den struppigen Schnurrbart von den Lippen und erwiderte, er
und Missonier seien an dem Abend in der Weinwirtschaft bei Rose Feral
gewesen, neben dem Bancalschen Haus. Htt' ich Lrm gehrt, sagte er
prahlerisch, so wr ich gekommen und htte gerettet, denn ich habe zwei
Gewehre, Herr.

Wer war denn sonst noch bei Rose Feral? forschte der Krmer. Colard
dachte nach und nannte Bach und Bousquier, zwei berchtigte Schmuggler.
Die Strolche, sie mgen sich hten, sagte der Krmer, und du, Colard,
komm' mit, der arme Fualdes wird begraben, da ist es nicht in der
Ordnung, Flte zu blasen.

Kaum waren sie auf die Hauptstrae gelangt, wo sich eine zahlreiche
Menschenmenge angesammelt hatte, so gesellte sich pltzlich Bousquier zu
ihnen, der ein seltsames Betragen zeigte, bald lachte, bald den Kopf
schttelte, bald blde vor sich hinglotzte. Colard sah ihn scheu von der
Seite an, und der Krmer, der an nichts andres dachte als an den Mord
und in alledem die Kapriolen des bsen Gewissens zu sehen vermeinte,
beobachtete den Mann scharf. Auch die Umstehenden wurden aufmerksam und
jedem leuchtete es sogleich ein, da, wenn irgendwer von dem in Bancals
Haus geschehenen Verbrechen wissen knne, dies Bousquier sei. Der
aufgeregte Galtier fragte ihn geradezu und mit lauter Stimme. Bousquier
war angetrunken, der ungewohnte Menschentumult berauschte ihn noch mehr,
er schien verlegen, empfand sich aber zugleich als wichtige Person. Erst
tat er so, als wollte er nur ungern herausrcken, dann erzhlte er mit
feierlicher Umstndlichkeit, da er in der Mordnacht von einem
Tabakshndler in blauem Rock gerufen worden sei; dreimal habe der
Unbekannte nach ihm geschickt, dann sei er gekommen, habe einen schweren
Ballen tragen mssen und sei mit einem Goldstck bezahlt worden.

Schon whrend des Redens rann der Schrecken ber das Gesicht des
schwatzhaften Menschen; er wurde sich der Bedeutung seiner Worte langsam
bewut. Die Zuhrer hatten einen dichten Kreis um ihn gebildet, und eine
schmetterndschrille Stimme erschallte aus dem Haufen: Sicherlich hat
die Leiche in dem Ballen gesteckt!

Bousquier schaute beklommen drein. Er mute immer wieder von neuem
anfangen, und die gespannt auf ihn gehefteten Blicke zwangen ihn zur
Erfindung neuer kleiner Einzelheiten, wie da der Tabakshndler
pltzlich auf unerklrliche Weise verschwunden sei und da er eine
schwarze Maske vor dem Gesicht gehabt habe. Wohin hast du denn die
Leiche tragen mssen? fragte Galtier mit aufeinandergepreten Zhnen.
Bousquier schwieg entsetzt, dann, durch die vielen drohenden Augen
eingeschchtert, erwiderte er leise: Gegen den Flu hinaus.

Zwei Stunden spter war er verhaftet und hinter Schlo und Riegel
gesetzt. Noch am selben Abend wurde er vor den Untersuchungsrichter,
Monsieur Jausion, gefhrt, und wie nun der Unselige gewahrte, da es
Ernst wurde, da sein Geschwtz zum Zeugnis werden sollte, da jedes
seiner Worte aufgeschrieben ward und da er dafr einstehen msse mit
der Freiheit, ja vielleicht mit dem Leben, da packte ihn die Angst. Er
leugnete die Geschichte mit dem Tabakshndler und dem schweren Ballen,
und als der Richter zornig wurde, verstummte er ganz. In die Kerkerzelle
zurckgebracht, verfiel er in dumpfes Brten. Nur frisch darauf los,
Bousquier, redete ihm der Wchter zu, man darf die Herren nicht
langweilen; wenn du strrisch bist, wirst du bse Nchte zu berstehen
haben.

Bousquier schttelte den Kopf. Der Wrter holte einen dicken Folianten
herbei, und da er selbst des Lesens unkundig war, rief er einen andern
Gefangenen, und dieser mute die Gesetzesstelle vorlesen, wonach
derjenige, der einem Verbrechen gezwungenermaen beigewohnt und es
freiwillig bekenne, mit einem Jahr Gefngnis davonkomme. Der Wrter
hielt die Laterne neben das ledergelbe Gesicht des Vorlesers und nickte
Bousquier ermunternd zu. Bousquier leierte ein Vaterunser vor sich hin.
In groer Unruhe und nach einem Ausweg aus der Bedrngnis irrend, sagte
er endlich, es sei alles so gewesen, wie er zuerst erzhlt, aber der
Tabakshndler habe ihm nicht ein Goldstck gegeben, sondern nur ein paar
Silbermnzen. Er wiederholte das Gestndnis vor dem Richter, der
ungeachtet der spten Stunde gerufen wurde.

Am nchsten Morgen wute ganz Rhodez, Bousquier habe gestanden, da
Fualdes im Bancalschen Haus abgeschlachtet und da die Leiche in der
Nacht zum Flu getragen worden sei. Auf einmal ffneten sich Lippen,
denen bisher die Furcht ein Siegel auferlegt hatte. Jemand, dessen Name
nicht zu erfahren war, wollte vor dem Haus des Kaufmanns Constans
schleichende Schatten gesehen haben; auch hatte er beobachtet, da sie
wenige Schritte weiter Halt gemacht und zur Beratung zusammengetreten
waren, worauf er selbst, das Grliche ahnend, entfloh. Es wurde
vergeblich nach diesem Zeugen geforscht, dessen Stimme hinter andern
Stimmen so schnell verklang und der doch, wie mit unsichtbarer Hand, die
erste Skizze zu dem Bild des nchtlichen Todeszugs entworfen hatte. Jede
Phantasie malte im stillen daran weiter; man sah die Leiche selbst auf
der Tragbahre; die Bahre ward mit einer Deutlichkeit beschrieben, als
stellte sie das Merkmal der geheimnisvollen Tat vor; ein Tischler
zeichnete sie sogar mit groen Kreidestrichen auf die Mauer des
Rathauses. Eine an Schlaflosigkeit leidende Dame gab an, sie sei in
jener Nacht am Fenster gesessen und habe trotz der Dunkelheit Bancal
sowie den Soldaten Colard erkannt, welche die Bahre an den zwei
vorderen Stangen trugen. Ferner habe sie den Arbeitsmann Missonier, der
den Zug beschlo, fluchen gehrt. Vor dem Richter vernommen, geriet sie
in ein widerspruchsvolles Wesen, was mit ihrer begreiflichen Erregung
entschuldigt wurde. Die Worte waren einmal da; welches Gewicht sie
tragen muten, lag in der Gewalt und Sonderbarkeit der Umstnde; das
Leichtgesprochene wog im Ohr des zuflligen Hrers schon schwer wie
eigene Schuld, so da er sich der Last zu entledigen trachtete und es
weitergab, als brenne es ihm die Zunge wund, falls er im geringsten
zgerte. Vielleicht war es diese Schlaflose, vielleicht der namenlose
Mund der Fama selbst, welche das Gemlde der Mordkarawane um die Gestalt
eines groen, breitschultrigen Mannes bereicherte, der mit einer
Doppelflinte versehen war und dem Zug als Anfhrer vorausschritt. Nun
hatte das graue Gewebe einen Mittelpunkt und erhielt eine Art
Beleuchtung und Belebung durch die wahrscheinliche und ergrndbare
Ruchlosigkeit eines einzelnen. Noch zwlf Stunden, und jedes Kind wute
um die genaue Anordnung des nchtlichen Zuges: erst der groe starke
Mann mit der Doppelflinte, dann Bancal und Colard und Bach und
Bousquier, die Bahre tragend, dann der bucklige Missonier als Aufpasser
und Nachhut. Bei den letzten Husern der Stadt wurde der Weg zum Flusse
schmal und abschssig; es war nicht Raum genug fr zwei Leute
nebeneinander, Bousquier und Colard muten den Leichnam allein tragen,
und Bousquier war es, nicht Missonier, der bei diesem Anla fluchte, so
laut fluchte, da der Lizentiat Coulon davon aus dem Schlaf erwachte
und nach seinem Diener rief. An der steilen Stelle vor den Weinbergen
wurde der Krper des Toten losgewickelt, ins Wasser geworfen und als
dies geschehen war, legte der groe starke Mann den Teilnehmern mit
vorgehaltenem Gewehr ewiges Stillschweigen auf.

Durch diese Handlung trat der Unbekannte mit der Doppelflinte vllig aus
dem Nebel des Sagenhaften und des bloen malerischen Dabeiseins; aus
seiner drohenden Gebrde quoll Licht ber das Vergangene. Was nach dem
Mord geschehen war, hatte nun Umri und Bewegung. Aber hatte kein Auge
den armen Fualdes auf seinem letzten Gang begleitet, hatte niemand
gesehen, wie er ahnungslos sein Haus verlassen und, vielleicht munter
vor sich hinpfeifend, durch die finstre Rue de l'Ambrague gegangen war,
in welcher die Mordgehilfen sicherlich auf der Lauer standen? Doch.
Derselbe Lizentiat, den Bousquiers Fluch aus dem Schlummer geschreckt,
hatte den Greis um acht Uhr abends in das Gchen einbiegen sehen und
kurz darauf war ihm jemand mit Eile gefolgt, ob ein Mann oder eine Frau,
dessen konnte sich Herr Coulon nicht entsinnen. Ferner meldete sich ein
Schlossergeselle, der vor dem Haus des Brgermeisters Leute gewahrt
hatte, die einander Zeichen gaben. Das Haus des Brgermeisters lag zwar
in dem entgegengesetzten Teil der Stadt, das aber kam bei einer so weit
versponnenen Verschwrung wenig in Betracht, hatte man doch das Zeugnis
eines Kutschers, der um elf Uhr in der Rue des Hebdomadiers zwei Leute
unbeweglich stehen sah. Jetzt erinnerten sich viele Bewohner dieser
Strae, da sie bestndig flstern, ruspern und rufen gehrt hatten,
natrlich ohne in ihrer damals arglosen Stimmung sonderlich darauf zu
achten. Es war eine ausgemachte Sache, da an allen Ecken Wchter
postiert waren, ja man hatte sogar eine weibliche Schildwache im Torweg
des Zunfthauses bemerkt. Der Schneider Brost behauptete, das Flstern
oder Seufzen deutlicher als alle anderen gehrt zu haben; er hatte dann
das Fenster geffnet und sah fnf oder sechs Leute ins Bancalsche Haus
gehen, darunter auch den groen starken Mann. Geraume Weile spter hatte
sein Nachbar beobachtet, wie man einen Menschen ber das Pflaster
schleppte; er hatte geglaubt, es sei eine Dirne, die man betrunken
gemacht, und hatte weiter keinen Sinn dahinter gesucht. Viel
bedeutungsvoller als so verworrene Gerchte schien es, da noch zwischen
neun und zehn Uhr ein Leiermann auf der Rue des Hebdomadiers seine Orgel
gedreht hatte. Die Absicht war klar: das Todesgeschrei des Opfers sollte
bertnt werden. Es stellte sich bald heraus, da es zwei Leiermnner
gewesen sein muten, von denen einer, ein Krppel, am Prellstein vor der
Rue de l'Ambrague gehockt war. Freilich war an jenem Tage Jahrmarkt in
Rhodez gewesen und die Anwesenheit von Leiermnnern htte deshalb nichts
Rtselhaftes gehabt, wenn die spte Stunde sie nicht dem Argwohn
preisgegeben htte. Einige nannten sogar die Mitternacht als Zeit ihres
Spiels. Es wurde nach den Musikanten gefahndet und die Drfer der
Nachbarschaft wurden nach ihnen abgesucht, doch sie waren ebenso
spurlos verschwunden wie der verdchtige Tabakshndler.

An demselben Vormittag, an dem das Bancalsche Haus durchsucht wurde und
ein Polizist im Hof ein weies Tuch mit dunklen Flecken fand, wurden das
Bancalsche Ehepaar, der Soldat Colard, Bach und der Arbeitsmann
Missonier festgenommen und mit Ketten beschwert ins Gefngnis gebracht.
Stumpf hinstierend saen die fnf Menschen auf dem Leiterwagen, der sie
durch die Straen fuhr, und den die Volksmenge schwatzend, fluchend und
fusteballend umgab. Im Nu hatte sich die Nachricht von dem gefundenen
Tuch verbreitet; da die Flecken darauf Blutflecken waren, unterstand
keinem Zweifel; da es dazu gedient hatte, Fualdes zu knebeln, war
selbstverstndlich.

Indes hatte Bousquier, in seiner armseligen Lage allen Halt verlierend,
von Verhr zu Verhr gejagt, durch Drohungen gengstigt, durch Hunger
gefoltert, durch Freiheitshoffnungen und trgerische Versprechungen
verfhrt, tglich mehr und mehr gestanden. Ihn trieb der Wrter, ihn
trieb der Richter, denn dieser handelte unter der Ungeduld und Wut des
Volkes und unter dem Gefabel der Zeitungen wie unter einer Peitsche.
Bousquier schien verstockt; der Vorhalt seiner frheren Erzhlungen, die
nun seine Glubiger waren und ihm immer hhere Wucherzinsen der Lge
erpreten, gengte schon, ihn kirre zu machen. Er schien mde, er schien
unfhig, dem, was er wahrgenommen, Worte zu verleihen, was er gehrt, zu
beschreiben, -- Monsieur Jausion untersttzte ihn durch Fragen, in denen
die geforderte Antwort enthalten war.

So gab er zu, da er ins Bancalsche Haus gekommen sei und da die
Eheleute Bancal, der Tabakshndler, der Soldat Colard, der Schmuggler
Bach, zwei junge Frauenzimmer und eine verschleierte Dame im Zimmer
gewesen seien. Je mehr Personen er nannte, einen je vershnlicheren
Ausdruck zeigte das Gesicht des Richters, und wie vor den Rachen eines
hungrigen Tieres warf er gleichmtig Brocken um Brocken hin. Er mochte
sich wohl aus andern Nchten der bunten Gesellschaft in Bancals Stube
entsinnen, und so erschien ihm die Person der verschleierten Dame als
eine Zutat, die seinen Kredit steigern konnte. Aber Monsieur Jausion
fand, da eine wichtige Figur fehle, und er fragte mit Strenge, ob
Bousquier nicht jemand vergessen habe. Bousquier erschrak und berlegte.
Besinne dich gut, Bousquier, drngte der Richter, was du
verschweigst, kann zum Strick fr deinen Hals werden. Also sprich: war
nicht auch ein groer starker Mann zugegen? Bousquier sah ein, da
diese neue Person dazu gehre. Schattengestalt auf Schattengestalt,
zuchtlos und abenteuerlich, tauchte in seinem zerrtteten Kopf empor,
und er mute die Puppen spielen lassen, um seine Peiniger zu
befriedigen. Auf die Frage, wie der groe starke Mann ausgesehen und wie
er gekleidet gewesen, antwortete er: wie ein Herr.

Und nun hie es erzhlen, den Schauplatz beleben. Auf dem groen Tisch
in Bancals Zimmer lag nicht etwa der Ballen Tabak, um dessentwillen er
gerufen worden, sondern eine Leiche. Er wollte fliehen, da eilte ihm
der groe starke Mann nach und bedrohte ihn mit der Pistole.

Der Richter schttelte vorwurfsvoll den Kopf. Mit der Pistole? fragte
er. Denke nach, Bousquier, war es nicht vielleicht ein Gewehr? war es
nicht eine Doppelflinte? Gut denn, dachte Bousquier wtend, wenn man
auf eine Flinte versessen ist, kann es auch eine Flinte gewesen sein; er
nickte, als fhle er sich beschmt, und fuhr fort, da er, solchermaen
am Leben bedroht, in Bancals Stube bleiben und den Helfershelfer machen
mute. Der Tote wurde in ein leinenes Tuch gewickelt, mit Stricken
umwunden und auf die Tragbahre gelegt. Diese Tragbahre war mit Hilfe des
Gefngniswrters in Bousquiers Phantasie bis zur Vollkommenheit
vorbereitet. Doch als er nun den Leichenzug beschreiben sollte, verlor
der gemarterte Mensch die Besinnung, und wie er am spten Abend noch
einmal zum Verhr gefhrt wurde -- selten versagte die Nacht und das
Kerzenlicht im den Saal seine gespenstigen Wirkungen --, da leugnete er
wider Erwarten alles ab, weinte, schrie, betete und benahm sich vllig
sinnlos. Um ihn zu ermutigen und zu beruhigen, griff Monsieur Jausion zu
einem ebenso einfachen als khnen Mittel; er sagte nmlich, Bach und
Colard htten heute gleichfalls ein Gestndnis abgelegt, und es sei
erfreulich, da ihre Angaben mit denen Bousquiers bereinstimmten; wenn
er sich nun vernnftig benehme, so sollte er bald das Gefngnis
verlassen drfen.

Bousquier stutzte. Je lnger er berlegte, einen je tieferen Eindruck
machte ihm das Vernommene. Sein Gesicht wurde bleich und am ganzen Leibe
wurde ihm kalt. Es war wie wenn ein wster Traum pltzlich unleugbares
Wachen wird oder wie wenn jemand, der in halber Trunkenheit die erlogene
Geschichte eines Unglcks erzhlt und mit jeder neuen Einzelheit
gewaltiger ins Lgen verwoben wird, pltzlich erfhrt, da sich alles in
Wirklichkeit so zugetragen. Eine wunderliche Schwermut nahm von ihm
Besitz, ihm graute vor dem Alleinsein in seiner Zelle und er sprte
Angst vor dem Schlaf.

In fieberhafter Gier hatte ganz Rhodez den Angaben Bousquiers gelauscht.
Endlich erhielt die Gestalt des Unbekannten mit der Doppelflinte Nhe
und Greifbarkeit. Da er ausgesehen wie ein Herr, stachelte die Wut des
Volkes, und die legitimistische Partei, die sich zumeist aus den Reichen
und Vornehmen zusammensetzte, begann zu zittern. Wahrscheinlich wurde in
ihrer Mitte zum ersten Mal der Name genannt, der erst vorsichtig, dann
ungescheut, dann anklagend von Mund zu Mund lief und ber dem die
Wetterwolke, die sich aus einem Nebelstreif gebildet hatte,
blitzezuckend stille stand. Es war bekannt, da Bastide Grammont, der
Pchter von La Morne, trotz seiner Verwandtschaft mit dem Advokaten
Fualdes in Feindseligkeit oder doch in der drckenden Abhngigkeit eines
Schuldners zu dem Alten lebte. Jedermann wute oder glaubte doch zu
wissen, da es oft strmische Auftritte zwischen Oheim und Neffen
gegeben hatte. War das nicht genug? Dazu das herrische Temperament und
herbe Wesen Bastides, der rasche Verkauf von La Morne und eine
wohlgegliederte Kette kleiner Verdachtsmerkmale, wer durfte noch
zweifeln?

Der unermdliche Schmied, der da irgendwo in den Lften oder unter der
Erde am Werk war, sorgte dafr, da der Ring des Verderbens sich schlo
und warb mit tckischer Laune seine Gesellen auf allen Gassen, bei hoch
und niedrig. Am Vormittag des neunzehnten Mrz waren Fualdes und
Grammont auf der Promenade von Rhodez auf- und abgegangen. Eine
Trdlerin hatte gehrt, wie der Junge zum Alten sagte: Also heute abend
um acht Uhr. Ein Maurer, der an einem Neubau Sand schaufelte, hatte
vernommen, wie Monsieur Fualdes ausrief: So hltst du mir Wort? Worauf
Bastide Grammont erwiderte: Beruhigen Sie sich, heute abend werde ich
Ihnen die Rechnung machen. Der Musiklehrer Lacombe erinnerte sich
deutlich, wie Bastide dem Alten mit zornfinsterem Gesicht zugerufen:
Sie treiben mich zum uersten. Das zufllige Geschwtz eines
Schwtzers gewann im geschftigen Hrensagen dieselbe Wichtigkeit, wie
die ehrlich bewiesene Wahrnehmung, und was etwa vorher oder was nachher
geredet worden, vermischte und verknpfte sich zu frecher Willkr. So
wollte Professor Vignet, eines der Hupter der Royalisten, gegen sieben
Uhr abends, kurz vor dem Mord, in einen Obstladen gekommen sein und dort
einen Kollegen getroffen haben. Er erzhlte, da er Bastide Grammont
gesehen, der in ziemlicher Eile an ihm vorbergegangen war. Er
behauptete, ausgerufen zu haben: Finden Sie nicht, da Grammont ein
unheimliches Gesicht hat? Worauf der andere bejahte und erwiderte, man
msse sich vor dem Manne hten. Es meldeten sich Zeugen, die dieses
Gesprch besttigten. Es meldeten sich Zeugen, die Bastide vor dem
Bancalschen Haus gesehen haben wollten; er habe mehrmals einen scharfen
Pfiff ausgestoen und sich dann in den Schatten geduckt.

Seit fnf Jahren hauste Bastide Grammont auf La Morne. Er war vielleicht
der einzige Mann im ganzen Bezirk, der sich niemals um Politik
bekmmerte und allem Parteitreiben fernblieb, und diese stolze
Unabhngigkeit gab ihn dem belwollen, ja dem Ha seiner Mitbrger
preis. Als einmal in Rhodez eine Kundgebung fr die Bourbonen
stattfinden sollte und die Straen von einer aufgeregten Menge erfllt
waren, ritt er auf seinem Apfelschimmel gravittischkhl durch die
erhitzten Gruppen und lchelte den beleidigten wilden Blicken, die ihn
trafen, mit Geringschtzung entgegen.

Man erzhlte, da er seine Jugend und ein betrchtliches Vermgen in
Paris vergeudet habe und da er von dort menschensatt in die Heimat
zurckgekehrt sei. Seine Gepflogenheiten deuteten auf einen das
Absonderliche liebenden Geist. In frheren Jahren war ein gelehrter
Pater der benachbarten Benediktiner-Abtei oftmals bei ihm zu Gast
gewesen; es hatte geschienen, als ob der stille Mann und Menschenkenner
an dem ungebundenen Wesen und der heidnisch-brnstigen Naturvergtterung
des Einsiedlers Bastide seine heimliche Freude habe; aber als Bastide
eine Nherin aus Alby, die hbsche Charlotte Arlabosse, gewaltsam
entfhrt hatte und in wilder Ehe mit ihr lebte, mute der Benediktiner,
dem Befehl seiner Oberen gehorchend, den Verkehr abbrechen.

Von da an verzichtete Bastide berhaupt auf jeden vertraulichen Umgang.
Er hatte keinen Freund, wnschte keinen Freund. Hochmtig schlo er sich
ab; der Anblick eines neuen Gesichts machte seine Zge fremd und kalt;
den Leuten aus der Gesellschaft begegnete er mit verletzender
Gleichgltigkeit. Vielleicht war es nur die Furcht vor Enttuschung,
wenn er sich auch dem herzlichsten Werben schroff versagte, denn es lag
bisweilen in der Tiefe seines Auges die Sehnsucht selbstungewisser
Liebe. Hart werden, weil unerfllte Ansprche die Seele beschweren und
verdunkeln, einsam bleiben, weil berhebender Stolz sich scheut, das
erglhte Herz frei darzubringen und ohne Gerechtigkeit sein, aus Scham
und miverstehendem Trotz, das war vielleicht sein Los und sicher seine
Schuld.

Tagelang trieb er sich mit seinen Hunden in den Tlern der Sevennen
herum. Er sammelte Steine, Pilze, Blumen, fing Vgel und Schlangen,
jagte, sang und fischte. Ging ihm etwas in die Quere und war sein Blut
in Wallung, so nahm er das feurigste Pferd aus dem Stall und ritt etwa
ber die gefhrlichen Felsenpfade nach Rieux. Im Winter, in kalter
Morgenstunde, sah man ihn im Wasser des Flusses baden, in schwlen
Sommernchten lag er nackt und fiebernd unter freiem Himmel. Er
behauptete dann, er she die Sterne tanzen und fhle die Erde zittern.
Um die Zeit der Weinlese war er, ohne je zu trinken, wie im Rausch; er
veranstaltete Feste mit Musik und Fackelzgen und machte den
Schutzpatron aller Liebesverhltnisse unter dem Winzervolk. Bei
langdauerndem schlechten Wetter wurde er bla, schlaff und
berempfindlich, verlor Schlaf und Appetit und geriet in pltzliche
Wutanflle, die der Schrecken seiner Leute waren; bei einer solchen
Gelegenheit fllte er einmal mit der Axt ein halb Dutzend der
herrlichsten Bume im Garten, die er, wie alle wuten, so
leidenschaftlich liebte, als ob sie seine Brder wren.

Da bei seiner ungeordneten Verwaltung der Ertrag des Gutes von Jahr zu
Jahr geringer wurde, war keinem erstaunlich als ihm allein. Er geriet in
Schulden, aber davon zu sprechen oder daran zu denken, bereitete ihm den
grten Widerwillen und was er dagegen unternahm, war eine regelmige
Beteiligung an verschiedenen Lotterien, deren Ziehungstermine er stets
mit kindlicher Ungeduld erwartete.

       *       *       *       *       *

Als das Gericht, der unberhrbaren Meinung und Anklage des Volkes
gehorchend, die Verhaftung Bastides anordnete, wute dieser schon, was
gegen ihn im Werke war. Er sa, mit einer Holzschnitzerei beschftigt,
unter einer mchtigen Platane, als die Huissiers auf dem Hof erschienen.
Charlotte Arlabosse strzte zu ihm und packte seinen Arm, doch er machte
sich los und sagte: La sie nur gewhren, die Eiterbeule ist schon
lange reif. Mit ironischer Grandezza trat er den Bewaffneten entgegen
und rief: Euer Diener, meine Herrn.

Die Bewohner von La Morne wurden einem strengen Verhr unterworfen. Nach
Bastides eigener Angabe war er am Nachmittag des neunzehnten Mrz nach
Rhodez geritten; um sieben Uhr abends sei er schon bei seiner Schwester
im Dorfe Gros gewesen, dort habe er bernachtet, sei am Morgen nach La
Morne zurckgekehrt, dann auf die Nachricht vom Tode des Oheims wieder
nach Rhodez geritten und habe sich ungefhr eine halbe Stunde lang in
Fualdes Haus aufgehalten. Seine Schwester besttigte, da er die Nacht
in ihrem Hause verweilt habe, und fgte hinzu, er sei im Gesprch
besonders heiter und liebenswrdig gewesen. Auch die Magd, die ihm
aufgewartet und das Bett bereitet hatte, sagte aus, da er sich um zehn
Uhr schlafen gelegt habe.

Diesen Zeugen wurde nicht geglaubt, ja sie wurden bald darauf als
verdchtig in Haft genommen. Von den Leuten auf La Morne schwatzte der
eine dies, der andere das. Um nur irgend etwas zu sagen und nicht als
Dummkpfe oder Mitschuldige dazustehen, verwickelten sie sich in Reden
von bedeutungsvoller Dunkelheit, und so uerte ein Diener, da die
graue Stute des Herrn, wenn sie zu sprechen vermchte, von sauren Ritten
in jener Nacht erzhlen knnte. Die Mgde faselten oder vergossen
Trnen, Charlotte Arlabosse entfloh sogar, wurde in den Weingrten
ergriffen und ins Stadtgefngnis gebracht.

Bousquier und seinen Gefhrten blieben diese Ereignisse keineswegs
verborgen, ja es wurden ihnen geringfgige Umstnde mit wichtiger
Betonung mitgeteilt, um sie sicher zu machen und ihrem Gedchtnis
nachzuhelfen. Hauptschlich auf den Schmuggler Bach hatte es nun der
Untersuchungsrichter abgesehen, den man zuerst wie auch das Ehepaar
Bancal zu keiner Angabe hatte bewegen knnen. Er hatte Richter und
Wrter mit heftigen Wutausbrchen erschreckt und war zur Strafe und
Bndigung in Ketten gelegt worden. Ohne es eigentlich zu wissen, litt
dieser Mensch an ungeheurer Sehnsucht nach seiner Freiheit, denn er war
das Muster eines schweifenden Vagabunden und Strolches. In einer Nacht,
als er versucht hatte, sich durch Zusammenpressen der Kehle zu tten,
machte ihn Monsieur Jausion mit den Gestndnissen seines Kameraden
Bousquier bekannt und ermahnte ihn, auch seinerseits der fruchtlosen
Verstocktheit zu entsagen. Da verwandelte sich pltzlich das Benehmen
des Menschen; er schien heiter, wurde mitteilsam und sagte boshaft
grinsend: Nun gut, wenn Bousquier viel wei, so wei ich noch mehr.
Und in der Tat, er wute mehr. Er war ein Stotterer und nutzte dieses
bel aus, um Zeit zur berlegung zu gewinnen, wenn die Einbildungskraft
erlahmen wollte, und so oft er sich ins Gebiet des Mrchenhaften
verirrte, fhrte ihn der scharfsinnige Monsieur Jausion sanft auf die
Strae der Wirklichkeit zurck.

Er erzhlte also: Als er mit Bousquier ins Zimmer trat, sa der Advokat
Fualdes auf einem Stuhl beim Tisch und mute Wechsel unterschreiben.
Der groe starke Mann, Bastide Grammont nmlich, -- kein Zweifel, es war
Grammont; Bach vertraute darin den Mitteilungen des Richters und der
beredsamen Fama -- steckte die unterschriebenen Papiere in seine
Brieftasche. Whrenddessen kochte Frau Bancal einen Imbi, Hhner mit
Gemse und Kalbfleisch mit Reis; eine wichtige Schattierung, durch
welche die Kaltbltigkeit der Mrder bezeichnet wurde. Kurz vor acht Uhr
kamen zwei Tamboure herein, aber das Gesicht des Wirts oder des fremden
Herrn mifiel ihnen, sie glaubten zu stren und gingen wieder, worauf
das Haustor versperrt wurde. Doch wurde dann noch mehrmals gepocht; das
verabredete Zeichen waren drei kurze Schlge mit der Faust und nach und
nach kamen der Soldat Colard mit seiner Geliebten, der bucklige
Missonier, eine vornehme verschleierte Dame mit grnen Federn auf dem
Hut und ein Tabakshndler im blauen Rock. Der Hut mit grnen Federn war
ein besonderer Beweis von Bachs Erfindungsgabe und stach malerisch
glaubhaft ab von dem blaurckigen Tabaksmann.

Um halb neun Uhr brachte Frau Bancal ihre Tochter Magdalene in die
Dachkammer zum Schlafen, und nun erklrte Bastide Grammont dem alten
Mann, da er sterben msse. Das beschwrende Flehen des Opfers hatte
keinen andern Erfolg, als da ihn der starke Bastide ergriff und trotz
seines heftigen Strubens auf den Tisch legte, von welchem Bancal rasch
zwei Brote wegnahm, die irgend jemand mitgebracht hatte. Fualdes schrie
jmmerlich, man mge ihm einen Augenblick Zeit lassen, damit er sich
mit dem Himmel vershnen knne, doch Bastide Grammont entgegnete barsch:
Vershne dich mit dem Teufel!

Hier unterbrach Monsieur Jausion die Erzhlung und fragte mit
treuherziger Neugier, ob nicht vielleicht in diesem Moment eine
Drehorgel vor dem Haus zu spielen angefangen htte. Bach besttigte es
eifrig und fuhr in seinem Bericht fort, der nun ihm selber Spannung und
Grauen verursachte: Colard und Bancal hielten dem Alten die Beine,
whrend der Tabakshndler und Colards Geliebte Arme und Kopf packten.
Ein Herr mit einem Stelzfu und einem dreispitzhnlichen Hut hielt die
Kerze hoch. Das Auftauchen dieser neuen Figur hatte etwas Unheimliches
und wenn sie nichts darstellen sollte als einen die Schauer der
Mordnacht vervollstndigenden Schnrkel, so erfllte sie ihren Zweck
trefflich. Der kerzenhaltende Stelzfu glich einem verruchten Schatten
aus der Unterwelt, und es war nicht vonnten, das schmale Kinn, das
feixende Maul, das geisterhafte Auge besonders zu schildern.

Mit einem breiten Messer versetzte Bastide Grammont dem Alten einen
Stich; durch eine bermenschliche Anstrengung gelang es Fualdes, sich
loszureien, er sprang auf, rannte, schon zu Tod verwundet, mit heiserem
Gurgeln durch das Zimmer; Bastide Grammont ihm nach, umklammerte ihn,
warf ihn abermals auf den Tisch, der Tisch wankte, ein Bein brach; nun
trug man den Sterbenden auf zwei rasch zusammengerckte Bnke und
Bastide Grammont stie das Messer tief in seinen Hals. Mit dem letzten
Seufzer des Greises kamen Bancal und seine Frau und fingen das
herunterflieende Blut in einem irdenen Tiegel auf; was ber die Dielen
rann, scheuerten die Weiber ab. In den Taschen des Ermordeten fand sich
ein Fnffrankenstck und mehrere Soustcke. Bastide Grammont warf das
Geld in die Schrze der Bancal und sagte: Nehmt! wir tten ihn nicht um
dieses Geldes willen. Es wurde auch ein Schlssel gefunden, den steckte
Bastide zu sich. Frau Bancal hatte Lust zu dem feinen Hemde des Toten
und bemerkte lstern, es she wie ein Chorhemde aus, doch lenkte man sie
von ihrer Begierde ab, indem man ihr einen Amethystring von Fualdes
Finger schenkte. Dieser Ring wurde am andern Tag von einem unbekannten
Herrn gegen eine Entschdigung von zehn Franken wiedergeholt.

Als Bachs Erzhlung mit ihrer ganzen Umstndlichkeit und ihrer
heuchlerischen Flle seltsamer und einleuchtender Einzelheiten bekannt
wurde, fehlte nicht viel und man htte den phantasievollen Schurken wie
einen Erlser gefeiert. Die Entrstung nhrte den Glauben und Kritik
erschien als Verrat. Das Publikum, die Zeugen, die Richter, die
Behrden, alle glaubten an die Tat und alle begannen mitzudichten. Bach
und Bousquier, die einander gegenbergestellt wurden, stritten sich und
einer schimpfte den andern Lgner; der eine wollte vor, der andere nach
dem Mord ins Bancalsche Haus gekommen sein, der eine behauptete,
zugegriffen zu haben, der andere wollte blo die in ein Betttuch und mit
Stricken umschnrte Leiche aufgeladen haben. Der bldsinnige Missonier
bezeichnete noch eine Reihe anderer Personen, die er im Bancalschen
Hause gesehen hatte, zwei Notare aus Alby und einen Koch. In der Kneipe
der Rose Feral, wo allerlei schlechte Individuen verkehrten und alte
Kriegstaten und Diebsthle zur Sprache kamen, wurde am Mordabend die
Plnderung eines Hauses besprochen, das einem Liberalen gehrte. Dieses
Gercht war darauf berechnet, den Schrecken der ruhigen Brger zu
vergrern, und da sich nachher alle Verschwrer, auch wohlhabende
Leute, in Bancals Wohnung einfanden, mochte weiter nicht auffallen.
Alles stimmte in dem verworrenen und hllischen Gewebe; in den Kleidern
des toten Fualdes war kein Geld, an seinen Fingern kein Ring gefunden
worden; Grammont hatte noch am siebzehnten Mrz den Gerichtsvollzieher
im Hause gehabt und dieser Umstand, rechtzeitig emporgetrieben aus dem
Lgensumpf, gab Sicherheit. Bastide war unrettbar verstrickt. Die
Gefangenen untereinander gerieten in Bedrngnis durch die fhlbare
Unruhe des Volkes; jeder erschien dem andern als schuldig, jeder gab,
was man nur wissen wollte, vom andern zu, um sich selber zu entlasten;
sie kannten ihr Schicksal nicht, sie verloren den Sinn fr die Bedeutung
der Worte, sie sprten nicht mehr sich selbst, ihren Leib, ihre Seele,
sie fanden sich umspannt von einer unsichtbaren Klammer und jeder suchte
sich auf eigene Rechnung zu lsen, ohne zu wissen, was er denn
eigentlich getan oder unterlassen habe. Tglich fanden neue Verhaftungen
statt, kein durchreisender Fremdling war seiner Freiheit sicher und
nach einigen Wochen war halb Frankreich von dem Rausch der Wut, des
Racheverlangens und der Furcht ergriffen. Aus den Gestalten des
lcherlich-grauenvollen Mordgetmmels tauchte bald diese, bald jene
deutlicher und wesenhafter empor, und am wichtigsten erschien
schlielich, weil immer von neuem genannt, die verschleierte Dame mit
den grnen Federn auf dem Hut; ja sie wurde allmhlich zum Mittelpunkt
und zur treibenden Gewalt der blutigen Handlung, vielleicht nur, weil
ihre Herkunft und Existenz ein Geheimnis blieb. Von vielen Stimmen wurde
Charlotte Arlabosse verdchtigt, aber sie konnte ihre Unschuld durch
kaum angreifbare Zeugnisse erhrten, auch erschien sie als zu harmlos
und zu sehr als das Opfer von Bastides tyrannischer Grausamkeit, um dem
dmonischen Bilde der mysterisen Unbekannten zu entsprechen.

Whrend Bach und Bousquier in einem Wetteifer, durch den sie ihr eigenes
Verderben beflgelten, mit immer neuen Erfindungen die Behrde zur Milde
bestachen und durch Bezichtigungen, zu welchen sie das unterirdisch
ihnen zusickernde Gerede ermunterte, den trben Quellen frische Nahrung
zufhrten; whrend der Soldat Colard und das Ehepaar Bancal infolge der
harten Gefangenschaft, der unnachsichtigen Behandlung der Wrter und der
folternden Verhre in Delirien des Wahnsinns gestrzt wurden, so da sie
Dinge berichteten, welche selbst der an ein berma schon gewhnte
Monsieur Jausion als Traumgeburten bezeichnen mute; whrend die brigen
Hftlinge, haltlos zwischen eigenen Erlebnissen und krankhaften
Visionen steuernd, immer einer den andern verdchtigte und heute
widerriefen, was sie gestern beschworen, bald um Gnade winselten, bald
sich trotzig verschlossen; whrend die Bewohner der Stadt, der Drfer,
der ganzen Provinz mit einem Fanatismus, dessen Feuer von dunklen Htern
bewacht und gespeist wurde, die Beendigung des langwierigen Verfahrens
und die Bestrafung der Missetter forderten; whrend endlich das Gericht
in der unbeherrschbar anwachsenden Flut der Beschuldigungen und
Verleumdungen Weg und Richtung verlor und im Begriffe war, ein Werkzeug
in den Hnden des Pbels zu werden; -- whrenddessen war es den uferlosen
Krften gelungen, das Gemt eines Kindes zu vergiften, welches als Zeuge
auftrat gegen Vater und Mutter und das betrte Volk glauben machte, Gott
selbst habe durch ein Wunder die Zunge einer Unmndigen gelst.

Schon am Anfang war die elfjhrige Magdalena Bancal vom
Untersuchungsrichter befragt worden; sie hatte nichts gewut. Darnach
kam das Kind ins Hospiz, und auf einmal meldeten sich Personen, die von
andern und diese, die wieder von dritten und vierten Personen gehrt
hatten, das Mdchen habe gesehen, wie man den alten Mann auf den Tisch
gelegt und wie man ihrer Mutter Geld gegeben habe. Freilich ermittelte
der Gerichtsrat Pinaud, der einzige Mann, der in dem wsten Wirrsal
Klarheit und Urteil behielt, da Magdalena von dem konomen des
Hospizes, sowie von andern Leuten Geschenke erhielt; aber da war es
schon zu spt, um die Wurzel der Lge zu entdecken und zu tten. Immer
fester wurde dem Kind seine erste Aussage eingeredet und die Erzhlung
erweiterte sich, je mehr man ihm Aufmerksamkeit schenkte und seiner
Eitelkeit schmeichelte, so da es in Wahrheit alles erlebt zu haben
glaubte und sich in der Teilnahme und dem Bedauern der Erwachsenen wohl
fhlte. Ihre Mutter hatte sie auf den Dachboden gefhrt, so berichtete
Magdalena, aber dann war sie aus Furcht vor Klte heimlich wieder
heruntergeschlichen und hatte sich im Bett des Alkovens versteckt. Durch
ein Loch im Vorhang konnte sie alles gewahren und belauschen. Als der
Alte erstochen werden sollte, lief die Dame mit den grnen Federn
entsetzt in die Kammer und suchte durchs Fenster zu fliehen. Bastide
Grammont zog sie hervor und wollte sie umbringen. Bancal und Colard
baten um Schonung fr sie und sie mute einen furchtbaren Eid schwren,
der sie zum Schweigen verband. Ein wenig spter sah Grammont, dessen
Argwohn nicht stille wurde, auch im Bett nach. Magdalena stellte sich
schlafend. Er betastete sie zweimal und sagte dann zur Mutter, sie mge
sehen, sich des Kindes zu entledigen, was Frau Bancal um vierhundert
Franken zu tun versprach. Am andern Morgen wurde das Kind von der Mutter
aufs Feld geschickt, wo der Vater gerade ein tiefes Loch gegraben hatte.
Sie glaubte, der Vater werde sie hineinwerfen, aber er umarmte sie
weinend und ermahnte sie zur Frmmigkeit.

Wre man auch jedes andere Zeugnis zu bezweifeln bereit gewesen, der
Bericht des Kindes galt als unwiderleglich, und niemand fragte darnach,
wie er zustande gekommen, wie man das unwissende Geschpf umworben,
bestochen und durch Beifall und Zrtlichkeit oder gar durch Furcht
trunken gemacht hatte. Man zog aus seinen Schrecktrumen Nutzen, indem
man es nachts aus dem Schlaf zerrte; jeder neue Einfall war willkommen,
das Mdchen glaubte etwas Vortreffliches zu leisten und gab sich immer
bereitwilliger an seine Rolle. Solcherart formte sie Dinge aus dem
Nichts heraus, die geeignet waren, auf das Fieberbild der Mordnacht ein
wunderliches Wirklichkeitslicht zu werfen, zum Beispiel, wie die Mutter
am Morgen mit demselben Messer Brot geschnitten hatte, mit dem der alte
Herr erstochen worden war, und wie Magdalena das Brot zurckgewiesen
hatte, weil ihr davor geschaudert; oder wie das im Tiegel aufgefangene
Blut einem der Schweine zu trinken gegeben und wie das Tier darnach wild
geworden und schreiend durch den Hof gerast sei.

Bastide Grammont lie mit kalter Gelassenheit Verhr um Verhr ber sich
ergehen. Seine trocken-hochmtige Wrde, sein spttisches Lcheln, sein
stummes Achselzucken setzten Monsieur Jausion nicht selten in
Verlegenheit. Doch kam es wohl vor, da er, von Ungeduld hingerissen,
dem Richter kurzweg das Wort entri und khn und beredt an dem
gebrechlichen und dennoch unzerstrbaren Bau der Indizien rttelte.

Falls es in meinem Plan und Interesse gelegen war, den Oheim ums Leben
zu bringen, bedurfte es dann einer Verschwrung von so vielen
Personen? so fragte er etwa und die Verachtung machte seine Zge
flammen. Soll ich so dummschlau sein und mich mit Bordellwirten,
Dirnen, Schmugglern, alten Weibern und abgestraften Verbrechern
verbnden, Leuten, die zeitlebens meine Meister und Mahner geblieben
wren, selbst wenn Stillschweigen zu ihren Tugenden gehrte? Lt sich
etwas Sinnloseres ausdenken, als einen Mann auf offener Strae zu
ergreifen und ihn in ein ohnehin verdchtiges Haus zu schleppen? Wozu
das alles? Gab es fr mich keine bessere Gelegenheit? Konnte ich den
Alten nicht auf das Gut locken, ihn im Wald erschieen und verscharren?
Ich htte ihn zum Unterschreiben von Wechseln gezwungen, -- wo sind sie,
die Wechsel? Sie mten doch zum Vorschein kommen und mich blostellen.
Sie sagen selbst, das Bancalsche Haus sei so verwahrlost, da man von
der Wohnung der Spanier durch die morschen Bretter in Bancals Stube
blicken kann; warum hat dann Monsieur Saavedra nichts gehrt? Aha, er
hat geschlafen. Guter Schlaf das. Oder ist er auch im Komplott, wie
meine Mutter, meine Schwester, meine Geliebte, meine treuen Diener? Und
alles zugegeben, gengten nicht die Bancalschen Eheleute zur Hilfe,
einen schwachen Greis zu tten und beiseite zu schaffen, mute ich dazu
noch ein halb Dutzend verdchtige Kerle aus den Kneipen holen? Warum hat
mein Oheim nicht geschrieen? Er war geknebelt, schn; aber der Knebel
ist auf dem Hofe gefunden worden. So hat er doch geschrieen, als der
Knebel entfernt war, und ich habe die Leiermnner spielen lassen. Sehr
geistreich, das mit den Leiermnnern, aber solche Drehorgeln machen
doch Lrm und locken Leute an die Fenster und auf die Strae. Und warum
das Opfer schlachten, da so viele starke Mnner es leicht htten
erwrgen knnen? Zeigen Sie mir den rztlichen Befund, Monsieur, ob
darin von einem Stich und nicht vielmehr von einem Ri die Rede ist. Und
welches Geschwtz, das mit dem Leichenzug, welche verrterischen
Anstalten in einem Land, wo jeder Grenzpfahl Augen hat! Man beschuldigt
mich, am andern Morgen in meines Oheims Haus gestrmt zu sein und
Papiere geraubt zu haben. Wo sind diese Papiere? Mein Oheim starb fast
arm. Seine Forderung an mich ist an den Prsidenten Seguret
bergegangen. Wozu also die Tat? Was will man von mir? Wer, der Augen
hat, sieht meine Hnde befleckt?

Diese Sprache war herausfordernd. Sie erweckte den Unwillen des Gerichts
und den gesteigerten Ha der Menge, die davon entstellte Kunde erhielt.
Aus Angst vor dem Volk wagte kein Advokat, die Verteidigung Bastide
Grammonts zu bernehmen. Monsieur Pinaud, der allein den Mut hatte, auf
die Unwahrscheinlichkeiten und die abenteuerliche Herkunft der meisten
Zeugenaussagen zu verweisen, htte seinen Eifer fr die Wahrheit fast
mit dem Leben bezahlen mssen. Eines Nachts zog ein Pbelhaufen,
darunter auch Bauern, vor sein Haus, zertrmmerte die Fensterscheiben,
demolierte das Tor und legte Feuer auf der Treppe an. Nur mit Mhe
konnte sich der erschrockene Mann ins Freie retten, und er floh nach
Toulouse.

Wohl erkannte Bastide Grammont, da es fr ihn zunchst keinen
Widerstand gab; er entschlo sich, alle Tapferkeit in Geduld zu
verwandeln und seine Lippen so zu verschlieen, als ob sie die Tren
wren, durch welche die Hoffnung entfliehen knnte. Er, der freieste der
Menschen, mute die strahlenden Tage des Frhlings, die duftigen Abende
des Sommers in einem feuchten Loch zubringen, das den eigenen Atem ekel
machte; er, zu dem die Tiere redeten, den die Blumen mit Augen
anblickten, fr den die Erde zu gewissen Zeiten etwas wie einen Glanz
von Verliebtheit hatte, der zu gehen, zu schreiten, zu wandern, zu
reiten wute so wie Knstler entzckende Werke schaffen, er mute, durch
ein widersinniges Spiel unbegreiflicher Umstnde bezwungen, den
Vorgeschmack des Grabes kosten und entbehren, was ihm das innerste und
eigenste des Lebens war. Hufig wurden die Nchte des Trotzes, wo der
Blick berflo und stumpf wurde im Gedanken der Schmach; hufiger die
Tage nicht zu beherrschender Sehnsucht, wo jedes von der nassen Mauer
brckelnde Sandkorn an das wunderbare Wirken und Weben der Erde, der
Wiese, des Waldes gemahnte. Von den Ereignissen, die sein Schicksal
verdunkelt hatten, wandte er alles Nachdenken angewidert ab, und er
hrte es kaum, als eines Morgens der Wrter erschien und ihm frohlockend
mitteilte, da die geheimnisvolle Unbekannte, welcher es bestimmt war,
Haupt- und Kronzeugin zu werden, die Dame mit den grnen Federn endlich
gefunden sei; sie habe sich selbst gemeldet und es sei die Tochter des
Prsidenten Seguret, Madame Clarissa Mirabel.

Bastide Grammont blickte finster vor sich hin. Aber von Stund an
umflatterte dieser Name sein Ohr wie der Flgelschlag des unabwendbaren
Fatums.

       *       *       *       *       *

So war es: Madame Mirabel hatte bekannt, da sie whrend der Mordnacht
im Bancalschen Haus gewesen sei. Doch geschah dies Gestndnis im Drang
eines sonderbaren Augenblicks, und es verflo nicht so viel Zeit, wie
das flinke Gercht brauchte, um offenbar zu werden, da nahm sie alles
wieder zurck. Aber das Wort war gefallen und zeugte Tat auf Tat.

Clarissa Mirabel war das einzige Kind des Prsidenten Seguret. Sie war
auf dem Land erzogen worden, in dem alten Schlo Perri, das ihr Vater
beim Anbruch der Revolution gekauft hatte. Die politischen Strme und
die Unsicherheit der Zustnde waren schuld, da sie in ihrer Kindheit
keines regelmigen Unterrichts geno. Die tiefe Abgeschiedenheit, in
der sie aufwuchs, begnstigte ihre Anlage zur Schwrmerei. Sie
vergtterte ihre Eltern und in den bewegten Zeiten der Anarchie zeigte
die erst vierzehnjhrige Jungfrau an der Seite ihres Vaters einen
solchen Opfermut und solche Hingabe, da sie dadurch die Aufmerksamkeit
des Obersts Mirabel erregte, der dann fnf Jahre spter kam und um sie
warb. Sie liebte ihn nicht, -- kurz vorher hatte sie ein
seltsam-romantisches Verhltnis mit einem Hirten der Gegend angeknpft,
-- doch heiratete sie, weil ihr Vater es befahl. Die Ehe war nicht
glcklich; nach drei Monaten trennte sie sich von ihrem Mann; der Oberst
ging mit dem Heer nach Spanien. Als der Krieg zu Ende war, kam er
zurck und lie Clarissa sein Verlangen andeuten, da sie bei ihm wohnen
solle, doch weigerte sie sich, erklrte auch schriftlich ihre Weigerung,
zornig darber, da er fremde Leute schickte, um mit ihr zu
unterhandeln. Doch erfuhr sie, Mirabel sei verwundet, und dies nderte
ihren Sinn. In der Nacht, auf verborgenen Wegen, unter umstndlichen
Frmlichkeiten wurde der Oberst ins Schlo getragen, und in einem
abgelegenen Zimmer pflegte ihn Clarissa mit treuer Sorgfalt. Solange es
geheim blieb, fesselte sie die neuartige Beziehung zu dem Mann als
Liebhaber, doch die Mutter entdeckte alles und glaubte, der vlligen
Ausshnung zwischen den Gatten stehe nichts im Wege. Clarissa wute
ihren Mann zu entfernen; in einem Gehlz beim Dorf hatte sie abendliche
Zusammenknfte mit ihm. Oberst Mirabel wurde aber des wunderlichen
Treibens berdrssig; er erhielt eine Anstellung in Lyon, starb aber
kurz darauf an den Folgen seiner Ausschweifungen.

Jahre gingen hin; auch die Mutter starb und die Trauer Clarissas war so
gro, da sie tagelang nicht vom Grabe wich und nur durch den Einflu
des leichter getrsteten Vaters zu bewegen war, sich wieder in das
einsam-leere Dasein zu fgen. Vllig sich selbst berlassen, ergab sie
sich dem Genu ungewhlter Lektre und ihre Wnsche richteten sich mit
verborgener Glut auf groe Erlebnisse. Sie brachte sich durch auffllige
Neigungen und Gewohnheiten in das kleinstdtische Gerede; sie lie
Kinder und halbwchsige Knaben und Mdchen ins Schlo kommen,
deklamierte ihnen Verse und richtete sie zum Theaterspielen ab. Ihr
zwangloser Charakter erweckte Feinde; sie sagte, was sie dachte,
verletzte ohne bse Absicht, stiftete Verwirrung und Klatsch in aller
Unschuld, bertrieb das Geringfgige und bersah das Groe, gefiel sich
zuweilen in Maskeraden, Verkleidungen und erdichteten Rollen und
bezauberte doch wieder den Empfnglichen durch die Anmut ihrer Rede, die
heitere Beweglichkeit ihres Geistes, das gewinnend Herzliche ihrer
Manieren.

Sie war jetzt fnfunddreiig Jahre alt; aber nicht nur, weil sie
auerordentlich schlank, klein und zart war, sah sie aus wie ein
achtzehnjhriges Mdchen, sondern es war auch in ihrem Wesen eine tiefe
und ungewhnliche Jugend, und wenn ihr Auge voll und nachdenklich auf
einem Gegenstand ruhte, hatte es die Klarheit und trumerische Se des
Kinderblicks. Sie war gleichsam ein Erzeugnis der Grenze: sdliche
Lebhaftigkeit und nordische Schwere waren zu ruheloser Mischung
gediehen; sie grbelte gern und wie ein Tierlein spielend, vermochte sie
in Mnnern aller Art ein mit Scheu gemengtes Begehren zu erregen.

Von der Flut der Gerchte ber den Tod des Advokaten Fualdes blieb sie
zunchst unberhrt, obwohl ihr Vater durch den Kauf der Domne La Morne
mittelbar an den Ereignissen beteiligt schien und tglich neue
Nachrichten ins Schlo getragen wurden. Der Vorfall war ihr zu
verwickelt und alles was damit zusammenhing, roch zu sehr nach Schmutz.
Erst als der Name Bastide Grammonts genannt wurde, horchte sie auf,
verfolgte die Dinge und lie sich den geglaubten Hergang vom Vater oder
von den Dienerinnen berichten, wobei sie mehr Teilnahme als Verwunderung
bezeigte.

Sie wute nichts von Bastide Grammont. Des ungeachtet fiel sein Name,
kaum da sie ihn gehrt, wie ein Gewicht in ihr lauschendes Innere. Sie
fing an, sich nach ihm zu erkundigen, unternahm heimliche Ritte nach La
Morne und brachte den einen oder andern seiner Leute ber ihn zum Reden,
ja einmal gelang es ihr sogar, mit Charlotte Arlabosse zu sprechen, die
um jene Zeit schon wieder in Freiheit war. Was sie vernahm, erzeugte in
ihr ein eigentmliches, schmerzhaftes Staunen; ihr war zumut, als htte
sie eine wichtige Begegnung versumt.

Dazu kam, da sie sich pltzlich erinnerte, ihn gesehen zu haben. Er
mute es gewesen sein, wenn sie die verworrenen Schilderungen seiner
Person nur halbwegs recht verstand. Es war ein Jahr zuvor gewesen, an
einem frhen Morgen im ersten Frhjahr. Von der allgemeinen Unruhe
gepackt, durch die der erwachende Lenz das Blut aufwhlt und den Schlaf
schneller als sonst beendigt, hatte sie das Schlo verlassen und war zu
Fu ber die Weinbergwege in das bewaldete Tal von Rolx gewandert. Und
whrend sie durch die sonnebeglnzten, feuchten Gebsche schritt, ber
sich das Jubeln der Singvgel und das glhende Blau der Himmelskugel,
unter sich die wie ein Leib atmende Erde, hatte sie einen Mann von
mchtigem Gliederbau gewahrt, der aufrecht dastand, barhuptig, die Nase
in der Luft und mit einer berirdischen Begierde, mit aufgerissenen
Augen geno, was eben zu genieen war: die Dfte, die Sonne, die
berauschende Feuchtigkeit, den Glanz des thers. Er schien dies alles zu
riechen, er schnupperte wie ein Hund oder wie ein Hirsch und indes sein
nach oben gekehrtes Gesicht eine entfesselte, lachende Befriedigung
zeigte, zitterten die herabhngenden Arme wie in Krmpfen.

Damals hatte sich Clarissa gefrchtet; sie war entflohen, ohne da jener
sie bemerkte, ohne da er das Rascheln der Zweige und den Schall ihrer
Tritte vernahm. Jetzt gewann das Bild eine andere Bedeutung. Oft wenn
sie allein war, gab sie sich der Ausmalung jener Stunde hin: wie sie dem
Sonderling entgegentrat, ihm durch ein tiefberechnetes Spiel von Fragen
Antwort um Antwort von den trotzigen Lippen raubte und wie er dann,
unfhig sich lnger zu verstellen, aus eigenem Trieb sein Herz
aufschlo. Und eines Nachts kam er auf wildem Pferd, drang ins Schlo,
nahm sie und ritt mit ihr davon, so schnell, da es schien, als sei der
Sturm sein Diener und als sei das Ro vom Sturm beflgelt. Wenn die Rede
bei Tisch oder in Gesellschaft auf Bastide Grammont kam und seine von
allen unbezweifelte Mordschuld, beschftigte sich Clarissa niemals mit
dem Entsetzlichen der Tat, die einen solchen Mann auf ewig von der
Gemeinschaft der Guten trennen mute, sondern, umhllt von wollstigem
Dunst, empfand sie die Wirkung einer Kraft, das Heroische einer Gebrde,
die Wahrheit einer Existenz und die Gewiheit von der erreichbaren Nhe
jener Gestalt, die aus ihren bangen Trumereien nicht mehr weichen
wollte. Sie erschrak ber sich selbst, sie staunte in die gefrchteten
Abgrnde der eigenen Brust hinab und oft war ihr, als lge sie, sie
selbst im Kerker und als ginge er, Bastide, drauen auf und ab und sinne
auf Mittel, die Tre zu sprengen, whrend sein beflgeltes Pferd
triumphierend wieherte.

Nun war sie versponnen in all das Reden, Raunen und Fabulieren und der
ganze Knuel von Scheulichkeiten, in welchem Plan und Willkr unlsbar
verwhlt waren, rollte stetig anwachsend auch vor ihren Weg. Es ergriff
sie immer sonderbarer, und sie glaubte in vergifteter Luft zu atmen; sie
ging durch eine Strae in Rhodez und whnte aller Augen Rechenschaft
fordernd auf sich gerichtet, so da sie ihren Schritt beschleunigte,
bleich und verwirrt nach Hause eilte und mit stockenden Pulsen vor einem
Spiegel stille stand.

Vor nicht langer Zeit war sie auf dem Gut einer Familie zu Gast gewesen,
die ihrem Vater befreundet war. Eines Tages geriet der Herr des Hauses,
ein Gelehrter, ber den Verlust einer wertvollen Handschrift in Unruhe
und Sorge. Die Dienstleute wurden aufgeboten, jeden Raum zu
durchstbern, doch eines Diebstahls wurde niemand verdchtigt. Clarissa
geriet nach und nach in einen qualvollen Zustand; sie bildete sich ein,
man beargwhne sie; in jedem Wort sprte sie den Stachel, in jedem Blick
eine Frage, mit Angst und Eifer nahm sie am Suchen teil, schon hatte sie
Fiebergesichte von Kerker und Schande, wollte zum Vater eilen, ihre
Unschuld beteuern, -- da fand sich pltzlich die Handschrift unter alten
Bchern, Clarissa atmete auf wie von Todesgefahr errettet und nie zuvor
war sie so witzig, gesprchig und hinreiend liebenswrdig gewesen wie
in den darauffolgenden Stunden.

Als in der Phantasie der Menge mit den brigen bei der bestialischen
Abschlachtung des armen Fualdes Beteiligten die Dame mit den grnen
Federn zu immer deutlicherer Gestaltung erwuchs, wurde Clarissa von
einer Bestrzung erfat, mit der sie anfangs nur spielte, wie um sich
auf einem Ungefhr zu erproben oder auf einer Mglichkeit zu schaukeln,
gleich einem Knaben, der mit angenehmem Gruseln die gefrorene Decke
eines Flusses auf ihre Festigkeit prft. Sie verschlang die Berichte der
Zeitungen. Das zaghafte Tndeln ward zu einer plagenden Vorstellung,
hauptschlich durch den Umstand, da sie einen Hut mit grnen Federn
wirklich besa. Daran konnte nichts Aufflliges gefunden werden. Die
Mode erlaubte es, grne, gelbe oder rote Federn zu tragen; trotzdem
wurde der Besitz des Hutes fr Clarissa zur Qual. Sie wagte nicht mehr,
ihn zu berhren, ihr schien, als seien die Federn mit einem blutigen
Schimmer umhllt und schlielich versteckte sie ihn in einer
Rumpelkammer unter dem Dach.

Sie beschftigte sich mit Reiseplnen, wollte nach Paris, aber der
Entschlu wurde tglich wieder wankend. Indessen kam der Juni. Eine
wandernde Theatergesellschaft kndigte in Rhodez Vorstellungen an, und
ein Offizier namens Clemendot, der Clarissa seit langem mit
Liebesantrgen verfolgte, von ihr aber seiner Gewhnlichkeit und
offenbaren Roheit halber stets khl, ja bisweilen schimpflich
zurckgewiesen worden war, brachte ihr ein Billett und lud sie ein, mit
ihm gemeinschaftlich das Theater zu besuchen. Sie lehnte ab, doch in
letzter Stunde hatte sie Lust hinzugehen und mute es dulden, da sich
Kapitn Clemendot nach dem Aufgehen des Vorhangs auf den leeren Platz zu
ihrer Rechten setzte.

Die Truppe fhrte ein Melodram auf, dessen Handlung das Unglck und den
schaudervollen Mord eines schuldlosen Jnglings mit Behagen in die
Breite zerrte. Am Schlu des ersten Aktes trat eine als Mann verkleidete
Dame auf die Bhne; sie trug einen spitzen, runden Hut und eine Maske
vor dem Gesicht. Eine hastige, im Flsterton gehaltene, von der dsteren
Lampe eines Verbrecherquartiers beschienene Liebesszene mit dem Haupt
der Mrderbande besiegelte das Schicksal des unglcklichen Opfers, das
betend auf den Knieen lag. Im Zuschauerraum herrschte gieriges
Schweigen, alle Augen brannten. Clarissa glaubte die hundert Herzen wie
ebensoviele Hmmer schlagen zu hren, ihr wurde hei und kalt, es
entschwand jedes Gefhl sicherer Gegenwart und als in der
darauffolgenden Pause Kapitn Clemendot in seiner halb demtigen, halb
schamlosen Weise zudringlich ward, berflog ein Schauder ihren Krper
und der Weindunst seines Mundes brachte sie einer Ohnmacht nahe.
Pltzlich warf sie den Kopf zurck, bohrte den Blick auf sein
verschwommenes Trinkergesicht und fragte mit leiser, scharfer, eilender
Stimme: Was wrden Sie sagen, Kapitn, wenn ich es wre, ich, die im
Bancalschen Hause dabei gewesen ist?

Kapitn Clemendot erblate. Sein Mund ffnete sich langsam, seine
Backen zitterten, seine Augen bekamen einen furchtsamen Glanz, und als
Clarissa in ein weiches, spttisches, aber nicht ganz natrliches
Gelchter ausbrach, erhob er sich mit verlegenem Gru und ging. Er war
ein einfltiger Mensch, ungebildet wie ein Trommler und stand wie jeder
andere in Rhodez wehrlosen Geistes unter dem Einflu der blutrnstigen
Gerchte. Als die Vorstellung zu Ende war, nherte er sich Clarissa, die
in apathischer Haltung zum Ausgang schritt, wo ihr Wagen wartete, und
fragte, ob sie sich einen Scherz mit ihm habe machen wollen, und sie,
mit trockenen Lippen, etwas wie neugierigen Ha im Gesicht, antwortete
abermals lachend: Nein, nein, Kapitn. Darnach wurden ihre Zge wieder
ernst, fast traurig und sie senkte die Stirn.

Clemendot ging verstrt nach Hause, durchaus in der Meinung, er habe ein
wichtiges Gestndnis empfangen. Er fand sich verpflichtet zu reden und
vertraute sich am andern Morgen einem Kameraden an. Dieser zog einen
zweiten Freund ins Geheimnis, es wurde Rat gehalten und schon am Mittag
wurde der Richter verstndigt. Monsieur Jausion lie den Kapitn und
Madame Mirabel zu sich entbieten. Nach langem und merkwrdigem berlegen
erklrte Clarissa alles fr einen Spa und der Richter mute sie
zunchst entlassen.

Aber nicht Spa wollten die Herren, sondern Ernst. Der Prfekt, von dem
Vorgefallenen unterrichtet, erschien am Abend beim Prsidenten Seguret
und hatte eine kurze Unterredung mit dem wrdigen Mann, der, in
tiefster Brust erschttert, vernehmen mute, welche Schmach seine
Tochter ber ihn und sich heraufbeschwor und so den Frieden seines
Alters bedrohte. Clarissa wurde herbeigeholt; wie entgeistert stand sie
vor den beiden Greisen und der in jeder Bewegung und Miene des Vaters
sich bekundende Kummer rhrte schmerzlich an ihre Seele. Sie berief sich
auf den unbesonnenen Augenblick, auf eine tolle Laune und Verwirrung des
Gemts; umsonst, der Prfekt legte seinen Unglauben offen dar. Herr von
Seguret, der trotz einer zum heiteren geneigten Lebensfhrung beraus
mitrauischen Gemtes war, auch des festen und klaren Urteils ber
Menschen ermangelte, konnte nicht umhin, das bedrckte Wesen der Tochter
als einen Beweis von Schuld aufzufassen und er erklrte ihr mit
schneidender Strenge, da er nur um den Preis der Wahrheit sie nicht von
seinem Herzen stoen wolle. Clarissa verstummte; die Worte drangen
gleich wrgenden Teufeln auf sie ein. Der Prsident verlor Schlaf und
Ruhe und wanderte mit zerwhlten Sinnen die ganze Nacht ber im Schlo
herum. Seine berlegungen bestanden darin, Clarissas Natur nach der
Seite jener furchtbaren Mglichkeit hin zu erforschen, und bald genug
sah er ihren undurchdringlichen Charakter mit den Flecken und Brandmalen
eines romantischen Lasters bedeckt. Auch er war vllig im Bann der
fanatisierten Meinung von aller Welt, seine Erfahrung hielt dem
Pesthauch des verleumderischen Wesens nicht stand; die Furcht, am
Ungeheuren teil zu haben, war strker als die Stimme des Herzens; der
Argwohn wurde Gewiheit und das Leugnen zur Lge. Wenn er Clarissas
Vergangenheit bedachte, ihre unbndige Lust, die vorgeschriebenen Wege
zu verlassen, -- eine Eigenschaft, die ihm jetzt als die Pforte zum
Verbrechen erschien -- dann war keine Annahme verwegen genug, und ihr
Bild verwob sich von selbst in das dstere Gewebe.

Auch Clarissa schlief nicht. Im Dmmergrauen des Tages berraschte sie
den Vater bei seinem verstrten Schreiten durch die Rume und
schluchzend warf sie sich ihm zu Fen. Er machte keine Anstalten sie zu
trsten oder zu erheben; ihre verzweifelte Frage, was sie denn dort im
Bancalschen Hause htte suchen sollen, da ihr, als einer Witwe, keine
Freiheitsfessel den Schritt verkrze und sie der Heimlichkeiten entraten
drfe, beantwortete der Prsident mit einem vielsagenden Achselzucken,
und so fest war schon die schwarze berzeugung genistet, so fern jede
Milde, da er auf ihre edle Forderung um ein gerechtes Erwgen nichts
als die Worte hinwarf: Sprich die Wahrheit.

Die Kunde war nicht lahm. Verwandte und Freunde des Prsidenten kamen:
bestrzt, erregt, lstern, schadenfroh. Die undurchsichtig fremde,
gleitend unnahbare Clarissa in den Kot geworfen zu sehen, war ein
Anblick, den zu genieen alle begierig waren. Einige ltere Damen wagten
ein heuchlerisch sanftes Zureden und Clarissas verachtendes Schweigen
und ihr wehvolles Auge schienen Gestndnisse zu geben. Der Prfekt kam
neuerdings und in seiner Begleitung befanden sich zwei Beamte. Fr die
Regierung und die Behrde stand alles auf dem Spiel; der Racheruf, der
um ihre Sicherheit besorgten Brger, der Hohn und Groll der
Bonapartisten wurden tglich ungestmer, die Zeitungen forderten die
Verurteilung der Schuldigen, eine Emprung des Landvolks war im Zuge.
Eine an der Tat selbst unbeteiligte Zeugin wie Madame Mirabel konnte
alles schnell wenden und beenden, man redete ihr zu, versprach, was den
im Bancalschen Haus geleisteten Eid anlangte, schriftlichen Dispens aus
Rom und ein Jesuitenpater, den der Brgermeister ins Schlo fhrte,
mute dies ausdrcklich besttigen. Als alles vergeblich war und
Clarissa dem frevlerischen Eindringen eine steinerne Ruhe
entgegenzusetzen begann, drohte man ihr mit dem Gefngnis, drohte, ihre
Schmach und Lasterhaftigkeit zu einer ffentlichen Sache von ganz
Frankreich zu machen und bei diesen Worten des Prfekten warf sich ihr
Vater vor ihr auf die Kniee, so wie sie am Morgen vor ihm getan und
beschwor sie zu sprechen. Das war zu viel; mit einem Aufschrei strzte
sie ohnmchtig zu Boden.

Clarissa glaubte sich zu erinnern, da sie den Abend des neunzehnten
Mrz bei der Familie Pal in Rhodez verbracht habe; sie glaubte sich zu
erinnern, da Frau Pal selbst am andern Tag zu ihr gesagt hatte: wir
waren so lustig gestern und vielleicht ist um dieselbe Zeit der arme
Fualdes ermordet worden. Als sie sich darauf berief, stellten die Pals
alles mit Bestimmtheit in Abrede, sie leugneten den Besuch Clarissas,
ja, in ihrer unbestimmten feigen Angst erklrten sie sogar, mit Madame
Mirabel seit Jahren verfeindet zu sein.

Menschlichem Erbarmen waren die von Furcht und Wahn verblendeten Geister
nicht mehr zugnglich. Htte auch die Vernunft eines Einzelnen zu
widerstreben versucht, es wre nutzlos gewesen; die riesige Lawine
konnte nicht gehemmt werden. Es wurde ein teuflischer Plan erdacht, und
der Prfekt Graf d'Estournel war es, der ihn so vervollkommnete, da er
den besten Erfolg versprach. Gegen ein Uhr nachts rollte ein Wagen in
den Schlohof; Clarissa mute darin Platz nehmen, der Prsident, der
Richter, der Prfekt fuhren mit. Der Wagen hielt vor dem Bancalschen
Haus. Herr von Seguret fhrte seine Tochter in das ebenerdige Zimmer zur
Linken, einen hhlenartigen Raum, dumpf wie das schlechte Gewissen. Auf
dem Ofensims brannte ein rmliches Lmpchen, in dessen Schein lehnten
zwei Huissiers und ein Schreiber mit starren Gesichtern an der Wand. Die
Fenster waren mit Lappen verhngt, aus dem Alkoven ugte tiefe
Finsternis, im ganzen Haus war es lautlos still.

Kennen Sie diesen Ort, Madame? fragte der Prfekt mit feierlicher
Langsamkeit. Alle blickten Clarissa an. Um die grliche Spannung ber
ihrer Brust zu mildern, lauschte sie auf den Regen, der drauen an die
Mauer klatschte; all ihre Sinne schienen sich hiezu im Ohr versammelt zu
haben. Ihr Leib wurde schlaff, ihre Zunge war nur zu einem Nein oder Ja
gewillt, und da jenes neue Qual und Marter, dieses aber vielleicht Ruhe
versprach, so hauchte sie ein Ja: ein kleines Wrtchen, aus Schrecken
und Erschpfung geboren und, kaum lebendig, von einer geheimnisvollen
Kraft beflgelt. Ihr Geist, verwirrt und von Sehnsucht durchflammt,
machte ein Spukgebilde, das von tausend grenden Gehirnen erschaffen
war, zum Erlebnis. Das halbbewut Vernommene, halbzerstreut Gelesene
wurde brennendes Geschehen. Wunderbar verstrickt schien ihr Dasein mit
dem jenes Mannes in Busch und Baum, der sich brnstig zum Himmel gereckt
und mit dem Ausdruck eines durstigen Tieres die Luft durchschnuppert
hatte. Jetzt stand sie auf der Brcke, die zu seinem Reich fhrte; sie
sah sich zu seinen Fen sitzen, von seiner ausgestreckten Hand fielen
Blutstropfen auf ihren demtigen Scheitel. Grauen und lieblichste
Hoffnung faten ihr Herz, jedes von einer andern Seite und dazwischen
loderte wie eine Fackel, jauchzte wie ein Schlachtschrei der Name
Bastide Grammont, ein Spiel fr ihre Trume.

Erleichtertes Aufatmen flog nach dieser ersten Silbe eines
bedeutungsvollen Gestndnisses ber die Gesichter der Mnner. Der
Prsident Seguret bedeckte die Augen mit der Hand. Im Innern beschlo
er, der Liebe zu dem miratenen Kind zu entsagen. Clarissa sprte es;
alle Vertrge, die sie an die bisherige Existenz geknpft, waren
gebrochen.

Sie sei also am Abend des neunzehnten Mrz hier in diesem Raum gewesen?
wurde gefragt. Sie nickte. Wie sie denn hierher gelangt sei? fragte
Monsieur Jausion weiter, und er gab seiner Miene und seiner Stimme etwas
Vorsichtiges und Delikates, um die noch zaghaften Geister der Erinnerung
nicht bei der Arbeit zu stren. Clarissa schwieg. Ob sie durch die Rue
des Hebdomadiers gegangen sei? fragte der Prfekt. Clarissa nickte.
Sprich! sprich! donnerte pltzlich Herr von Seguret und selbst die
beiden Huissiers schraken zusammen.

Es begegneten mir mehrere Personen, flsterte Clarissa so leise, da
alle unwillkrlich den Kopf vorstreckten. Ich frchtete mich vor ihnen
und aus Furcht lief ich ins erste offene Haus.

Monsieur Jausion gab dem Schreiber einen Wink. In dieses Haus also?
fragte er liebevoll, indes der Schreiber auf der Bank beim Ofen Platz
nahm und in verkauerter Stellung schrieb.

Clarissa fuhr mit demselben klagenden Flstern fort: Ich ffnete die
Tr dieses Zimmers. Jemand ergriff mich beim Arm und fhrte mich in den
Alkoven. Er gebot mir stille zu sein. Es war Bastide Grammont.

Endlich der Name! Aber wie anders war es, ihn auszusprechen als ihn blo
zu denken! Clarissa machte eine Pause, whrend sie die Augen schlo und
die Hnde ineinanderkrampfte. Nachdem er mich eine Weile allein
gelassen, begann sie wieder, wie im Schlafe redend, kam er zurck,
hie mich ihm folgen und brachte mich ins Freie. Da blieb er stehen und
fragte, ob ich ihn kenne. Ich sagte erst nein, dann ja. Darauf fragte
er, ob ich etwas gesehen htte und ich sagte nein. Gehen Sie fort!
befahl er, und ich ging. Doch war ich noch nicht bis zum Hauptplatz
gekommen, als er wieder neben mir war und meine Hand in seine nahm. Ich
gehre nicht zu den Mrdern, sagte er beteuernd, ich traf Sie und wollte
nichts als Sie retten. Schwren Sie zu schweigen, schwren Sie beim
Leben Ihres Vaters. Ich habe geschworen, darauf lie er von mir. Und das
ist alles.

Monsieur Jausion lchelte skeptisch. Sie wollen, Madame, von der Strae
aus hier herein geflchtet sein, bemerkte er, es ist aber durch
einwandfreie Zeugen festgestellt, da das Tor von acht Uhr ab
verschlossen war. Wie erklren Sie das?

Clarissa schwieg.

Und wie ist es ferner zu erklren, da Sie nichts gesehen haben,
whrend Sie durch das hellerleuchtete Zimmer gingen? nichts gesehen,
niemand gesehen und kein einziger hingegen, der nicht Sie gesehen
htte?

Clarissa blieb stumm, sogar ihr Atem schien zu stocken. Der Prfekt
machte Monsieur Jausion ein abwehrendes Zeichen; vorerst war genug
erreicht, genug, da Bastide Grammont von Clarissa erkannt worden war.
Der Beschlu, den jede Schuld ableugnenden Verbrecher durch eine
berraschende Konfrontation mit der Zeugin zum Gestndnis zu zwingen,
ergab sich jetzt von selbst.

Die Herren brachten Clarissa zum Wagen, da sie vor Schwche kaum fhig
war zu gehen. Zu Hause geriet sie in einen seltsamen Zustand. Erst lag
sie lethargisch in einem Sessel, pltzlich sprang sie auf und schrie:
Schafft mir die Mrder fort! Die Tr wurde geffnet und ein
erschrockenes Dienergesicht zeigte sich in der Spalte. Das ganze Gesinde
stand wartend auf dem Flur, die meisten waren gewillt, den Dienst beim
Prsidenten zu verlassen. Clarissa sah sich jedes Schutzes der Liebe
beraubt und ausgestoen aus dem Kreis, wo man das Herkommen achtet und
gebundene Form als die geringste der Pflichten anerkannt ist. Sie war
jedem Auge preisgegeben, der frechste Blick durfte ihr Innerstes
betasten, sie war ein ffentlicher Gegenstand geworden, und nichts an
ihr war mehr ihr eigen, sie fand sich selbst nicht mehr, nichts mehr in
sich selbst, um dabei zu ruhen, sie war gebrandmarkt von auen und von
innen, Speise der allgemeinen Lsternheit, wehrlos herumgeschleudert auf
den schmutzigen Fluten des Geredes, Mittelpunkt eines entsetzlichen
Ereignisses, von dem ihre Gedanken nicht mehr loskommen konnten. Wehmut,
Trauer, Angst, Verachtung, das waren keine Gefhle mehr fr sie, dazu
war ihr Blut zu sehr gejagt; Selbstungewiheit beherrschte sie, Zweifel
an ihrer Wahrnehmung, Zweifel am Sichtbaren berhaupt und bisweilen
stach sie sich mit einer Nadel in den Finger, nur um die Wirkung zu
erfahren und den Schmerz zu empfinden, der als ein Zeugnis ihres
Wachseins gelten und ihr Herz vor Verwesung bewahren konnte. Dabei die
Qual, die sie von den Zudringlichen litt: Die Aufforderung zur Wahrheit,
das Hhnen und Murren von unten, der Befehl von oben, die Rachsucht und
Unvergelichkeit des einmal gesprochenen Worts; schlielich sah sie die
ganze Welt erfllt von roten, unablssig geschwtzigen Zungen, auf sie
gerichteten, schlangenhaft bewegten, blutigen Zungen; jeder Gegenstand,
den sie berhrte, wurde zur schlpfrigen Zunge. Die Menschengesichter
verdmmerten bis auf eines, ein heldenhaft leidendes, eines das trotz
Schuld und Verdammnis hoch ber den andern thronte, ja ausgezeichnet
schien durch seine Schuld wie durch seinen Trotz. Und als der Tag kam,
wo man ihr mitteilte, da sie Bastide Grammont gegenbertreten solle, um
ihn zu bezichtigen Aug in Auge, da klopfte ihr Puls zum ersten Mal
wieder in freudigen Schlgen und sie kleidete sich wie zu einem Fest.

Die Begegnung sollte im Amtszimmer des Richters stattfinden. Auer
Monsieur Jausion und seinen Schreibern war noch der Rat Pinaud anwesend,
der wieder zurckgekehrt war. Monsieur Jausion warf ihm ber die
Brillenglser hinweg einen boshaften Blick zu, als Clarissa Mirabel
spitzengeschmckt hereinrauschte, sich lchelnd vor den Herren verneigte
und dann ihren Blick mit heitrer Gelassenheit durch den ungastlichen
Raum schweifen lie. Aus einem Bilderrahmen in der Mitte der Wand
schaute das fette und verdrieliche Gesicht des Knigs auf sie herab, so
verdrielich, als sei ihm jeder einzelne seiner Untertanen ganz
besonders zuwider. Sie verga, da nur ein Bild vor ihr hing und sah mit
einem kokettschmollenden Spiel ihrer Lippen hinauf.

Der Richter gab ein Zeichen, eine Seitentre wurde geffnet und zwischen
zwei Justizsoldaten, mit aneinandergefesselten Hnden trat Bastide
Grammont herein. Clarissa stie einen leisen Schrei aus und ihr Gesicht
wurde fahl.

Um Bastide hauchte Kerkerluft. Das verwildert hngende Haar, der lang
gewachsene Bart, der starre, etwas geblendete Blick, die leichte, an
Lastentrger gemahnende Gebcktheit der Hnengestalt, die heimlich
zuckende Wut auf frisch gefurchter Stirn, all das verleugnete nicht
Grund und Herkunft. Ja, er schien die Mauern unsichtbar um sich herum zu
tragen, die seine Brust mit Dunkelheit und Pein fllten und von Monat zu
Monat mit hoffnungsloserm Glanz die Gemlde der Freiheit zeigten, bis
sie sich schlielich weigerten, einen blhenden Baum, einen strotzenden
Acker vorzulgen; dann glichen sie dem den Grau eines herbstlichen
Abends, wo die Luft schon nach dem Winter roch, der Leichenwagen fter
als sonst am Gartentor vorbei nach dem kleinen Kirchhof rasselte und der
aufgehende Halbmond wie ein blutendes, geteiltes Riesenherz flammend
ber den feuchten Azur schwamm.

Und dennoch dieses stolze Auge, in dem der Entschlu funkelte, sich
selbst getreu zu bleiben? Dennoch dieser seltsam knisternde Spott in den
Mienen, der dem vorsichtigen und dabei majesttischen Ducken der
gefangenen Tigerkatze vergleichbar war? Diese unendliche Verachtung, mit
der er auf die schreibbereiten Hnde der Schreiber blickte, die
innerliche Freiheit und groe Losgebundenheit, trotz der Handfessel und
der beiden Soldaten?

Das war es, was Clarissa den Schrei entlockte und die trichte
Munterkeit aus ihrem Gesicht jagte. Nicht etwa, weil sie den Waldmann
und Erddmon von damals gebunden und gebrochen erblicken mute, sondern
weil sie wie unter Blitzesleuchten erkannte, da diese Hand kein
Mordmesser gefhrt haben konnte, da eine solche Tat den Kreis seines
Wesens nicht berhrte, wenn er auch vielleicht dazu fhig gewesen wre,
und da dies alles nun umsonst war, ein unverstndlicher Rausch und
Wahnsinn, das undurchsichtige Grauen selbst, ein Schauspiel von
Heuchelei und Krankheit. Es packte sie ein Schwindel, als ob sie von
einem hohen Turme herunterstrzte. Sie schmte sich ihres prunkvollen
Gewandes, des herausfordernden Aufputzes und in leidenschaftlicher
Wallung ri sie die kostbaren Spitzen von den rmeln und warf sie mit
einer Grimasse des schmerzlichsten Ekels zu Boden.

Monsieur Jausion durfte das anders deuten. Wieder lchelte er Herrn
Pinaud zu, aber diesmal triumphierend, als wollte er sagen: das Exempel
stimmt. Kennen Sie diese Dame, Bastide Grammont? wandte er sich an den
Gefangenen. Bastide wandte den Kopf zur Seite und ein Blick voll
nachlssiger und bitterer Geringschtzung ging Clarissa durch Mark und
Bein. Ich kenne sie nicht, entgegnete er finster, ich habe sie
niemals gesehen.

Und neuerdings lchelte Monsieur Jausion, wie um einen vorbergehenden
Irrtum zu berichtigen und suselte: Das ist nicht gut mglich; Madame
Mirabel, damals in Mnnerkleidung und mit einem Hut mit grnen Federn,
war in der Bancalschen Wohnung und ist von Ihnen selbst auf die Strae
gefhrt worden, wo Sie ihr den Eid abnahmen. Ich bitte, sich dessen zu
entsinnen.

Bastides Gesicht zog sich zusammen wie vor der lstigen Zudringlichkeit
einer Fliege und er wiederholte energisch und laut: Ich kenne die Dame
nicht. Ich habe sie niemals gesehen. Und das Aufeinanderpressen seiner
Lippen verriet den unerschtterlichen Vorsatz, von nun ab zu schweigen.

Monsieur Jausion schob seine Percke zurecht und sah bekmmert aus. Was
haben Sie darauf zu entgegnen, Madame? wandte er sich an Clarissa, die
verloren starrte.

Er kann es nicht wissen, da ich ihn gesehen habe, flsterte sie, doch
hatte dabei ihre Stimme etwas so Durchdringendes wie das Zirpen einer
Zikade.

Jetzt wandte sich Bastide abermals zu ihr und in dem etwas schrgen
Blick seines md glnzenden Auges mischten sich Neugierde und Hohn, doch
nicht mehr von beiden, als etwa einer sonderbaren Spielart von Pilz oder
Spinne zukommt. In seinem Innern wog er gleichsam diese zarte
Kindergestalt, wunderte sich flchtig ber das Bebende jeder Gebrde,
das fliegende Auge, das ratlose Zucken der Lippen, wunderte sich ber
die am Boden liegenden Spitzen und glaubte zu trumen, als er gewahrte,
da eine flehentliche Bewegung ihrer Hnde ihm galt.

Der Richter sprang auf und rief mit entstelltem Gesicht Clarissa zu:
Scherzen Sie nicht mit uns, Madame, es knnte Ihnen teuer zu stehen
kommen. Sprechen Sie endlich! Ein abgezwungener Eid gilt nicht! Der
Frieden Ihrer Mitbrger, die Ruhe des Landes steht auf dem Spiel. Lsen
Sie sich aus der Bezauberung des Elenden! Ihr infames Lcheln, Grammont,
wird Ihnen angerechnet werden am Tage des Gerichtes.

Der Rat Pinaud trat vor und murmelte Bastide ein paar Worte ins Ohr,
der dann die Arme erhob und die geballten aneinandergeketteten Fuste
mit einer Miene fressenden Ingrimms vor die Augen drckte. Clarissa
wankte zum Tisch des Richters vor und indem sich ihre Wangen mit
Leichenblsse berzogen, schrie sie: Es ist alles Lge! Lge! Lge!

Monsieur Jausion musterte sie von oben bis unten, dann sagte er kalt:
So versetze ich Sie in den Anklagezustand, Madame, und erklre Sie fr
verhaftet.

Ein Schimmer dstrer Genugtuung berlief Clarissas Zge. Rasch, mit der
blitzartigen Drehung einer Tnzerin kehrte sie sich zu Bastide Grammont,
sah ihn an wie man nach einem schwlen Tag in den Gewitterhimmel schaut
und nannte schmerzhaft aufatmend mit leiser Stimme seinen Namen. Er aber
trat einen Schritt zurck wie bei unreiner Berhrung, und niemals zuvor
hatte Clarissa solchen Blick und Ausdruck der Verachtung gesprt. Ihre
Kniee bebten, es ward ihr bel im Gaumen, die Wimpern fllten sich mit
Trnen. Erst als sich die Tre des Gefngnisses hinter ihr geschlossen
hatte, wich der kraftlose Zustand des Gepeitschtseins. Scham und Reue
berwltigte sie, kaum fand sie einigen Trost in dem Geheimnisvollen
ihrer Lage. Von keinem Gesetz berwacht, schien sie aus dem Gleise
gehoben, wo sonst Ursache und Folge, schwerfllig aneinandergekoppelt,
den langsamen Gang des Geschehens kriechen.

Ihrem Stande entsprechend, hatte sie den besten Raum des Gefngnisses
erhalten. In den ersten Stunden lag sie auf dem Strohbette und wand sich
in Krmpfen. Als der Wrter auf ihre dringende Bitte Licht brachte, da
sie in der Finsternis wahnsinnig zu werden frchtete, fiel der
Kerzenschein auf das Bild des Gekreuzigten mit der Dornenkrone, das an
der graugetnchten Wand hing. Sie schrie auf, ihre berreizten Sinne
fanden eine hnlichkeit in den Zgen des Heilands mit jenen Bastide
Grammonts. Dasselbe qualvolle Rund hatten seine Lippen gezeigt, als er
die Fuste an die Augen gepret.

Noch einmal lehnte sie sich auf gegen die malose Unbill. Mit der Welt
zu leben war ihr eigentliches Element, ihr ganzes Wesen war auf ein
liebenswrdiges Einverstndnis mit den Menschen gestimmt. Sie verlangte
Tinte und Papier und schrieb einen Brief an den Prfekten.

Gerechtigkeit, Herr Graf! schrieb sie. Noch ist es Zeit, das uerste
zu verhindern. Erinnern Sie sich der Mhe, die Sie gehabt haben, das von
mir zu erpressen, was die Wahrheit sein soll, erinnern Sie sich der
Drohungen, durch die ich nachgiebig geworden bin. Ich bin ein Opfer der
Umstnde. Was immer ich gestanden habe, ist Lge. Kein Mann von Vernunft
kann an meinen Aussagen das Geprge der Wahrscheinlichkeit entdecken. In
einem Mutwillen der Verzweiflung hab' ich falsches Zeugnis abgelegt.
Sagen Sie meinem Vater, da seine Grausamkeit ihm sicherer die Tochter
raubt als mein scheinbares Vergehen. Schon wei ich nicht mehr, was ich
glauben darf, die Vergangenheit entschwindet meinem Gedchtnis, meine
Sicherheit beginnt zu wanken. Wenn es zu viel ist, Gerechtigkeit zu
fordern, dann bitte ich um Mitleid, Herr Graf. Mein Schicksal will mich
prfen, aber mein Herz ist rein wie der Tag.

Es war erfolglos. Es war zu spt fr Worte, selbst wenn der Mund eines
Propheten sie hinausgedonnert htte. Am andern Morgen wurden viele der
Zeugen und Eingekerkerten Clarissa vorgefhrt. So kamen Bach, die
Bancals, der Soldat Colard, Rose Feral, Missonier und die kleine
Magdalena Bancal. Bousquier war krank. Der Anblick der vernichteten,
schlotternden, in ein Phantom verlorenen, von hundertfltigen Martern
eingeschchterten, rachschtig zu allem bereiten Geschpfe beunruhigte
Clarissa bis ins Mark und gab ihr zugleich ein Gefhl unauslschlicher
Besudelung. Ist sie es? wurde jeder von den Unglcklichen gefragt und
mit verwegener Gleichgltigkeit antworteten sie: sie ist es. Blo
Missonier stand da und lachte wie ein Idiot.

Clarissa war erstaunt. Solche Bestimmtheit und Selbstverstndlichkeit
der Antwort hatte sie nicht erwartet. Mit innerlichem Schluchzen hielt
sie das Unleugbare des gegenwrtigen Zustands von sich ab und suchte in
ihrem Gedchtnis schaudernd einen Weg zu jenem Vergangenen, auf den er
sich grndete und den man von ihr bekrftigt wissen wollte. Ihr
erschtterter Geist kroch zurck in frher gelebte Jahre, bis in die
Jugend, bis in die Kindheit, um den doppelgngerischen Feind zu
entdecken; was unheimlich und fremd gewesen, ward allmhlich Kern und
Schwerpunkt ihres Daseins und die Mordnacht in Bancals Haus wurde wie
die ganze brige Welt zu einer Vision von Blut und Wunden.

Aber durch die dstern Phantasien fhrte der Weg zu Bastide Grammont;
ein Blumenpfad zwischen brennenden Husern. Es dnkte ihr schn, ihn
schuldig zu wissen. Vielleicht hatte er seine Lippen auf die ihren
gedrckt, ehe seine Hand nach dem Mordmesser gegriffen. Sie vermhlte
die eigene, finsterempfundene Schuld mit seiner greren. Was ihn von
der Menschheit abschnitt, knpfte ihn an sie. Seine Grnde zu der Tat?
Sie fragte nicht darnach. Sicherlich hatte die Tat damals Wurzel
geschlagen, als sie ihn zuerst gesehen, als er den ganzen Wald, den
ganzen Frhling in sich hineingeschluckt hatte. Gleichviel, ob er die
Hnde in Sonnenlicht oder in Blut tauchte, beides gehrte zu seinem
Bild, zu ihrer dunklen Leidenschaft und Fualdes war der bse Dmon und
das verderbliche Prinzip. Ach, dachte sie in ihrem sonderbaren Grbeln,
htte ich es gewut, so htte ich selbst es vollbracht und htte eine
Heldin sein knnen wie Charlotte Corday. Doch warum leugnete, warum
schwieg Bastide? warum jener Blick zermalmender Verachtung, den sie
nicht vergessen konnte und der noch immer auf ihrer Haut wie ein
Schandmal brannte? War er zu stolz, sich einem Spruch zu beugen, der
seine Tat nicht besser erachtete als die jedes Straenrubers? Kein
Zweifel, er erkannte seine Richter nicht an. So konnte sie ihn also zu
sich niederziehen, ihn abhngig machen vom Hauch ihres Mundes, das freie
wilde Tier bndigen, und sie verga, was auf dem Spiele stand, verga
das eherne Entweder-Oder, vor welches hier die Geschicke gestellt
waren, und gab sich hin wie ein Kind, das nichts vom Tode wei.

Fr den sechzehnten Oktober war die Verhandlung vor den Assisen
anberaumt. Am Mittag des zehnten begehrte Clarissa Monsieur Jausion zu
sprechen. Vor den Richter gefhrt, sagte sie, sie wisse um alles, sie
wolle auch alles bekennen. Mit erregt zitternder Stimme rief Monsieur
Jausion seine Schreiber.

Ich kam in die Stube und sah das Messer blitzen, gestand Clarissa.
Ich flchtete in den Alkoven, Bastide Grammont eilte mir nach, umarmte
mich und kte mich. Er vertraute mir an, Fualdes msse sterben, denn
der alte Satan habe ihm sein Glck zerstrt und das Leben unwert
gemacht. Bastide war wie trunken von Begeisterung, und als ich Einwnde
machte, schlo er mir abermals mit Kssen den Mund, ja er kte mich so,
da ich keinen Widerstand leisten konnte. Dann lie er mich einen Schwur
tun, dann ging er und ich hrte sthnen, ich hrte ein schreckliches
Geschrei, die kleine Magdalena Bancal, die im Bette lag, richtete sich
pltzlich auf und weinte, da verlor ich das Bewutsein und als ich
wieder zu mir kam, war ich auf der Strae.

Diese Erzhlung brachte sie in einem mechanisch-abgemessenen Ton vor;
ihre Stimme klang glsern und fast verstellt, ihre Augen waren umflort
und halbverschlossen, ihre kleinen Hnde hingen schwer neben den Hften
und als sie schwieg, lchelte sie slich vor sich hin.

Sie haben also schon vordem mit Bastide Grammont verkehrt? fragte der
Richter.

Ja. Wir trafen uns im Wald. In der Nhe von La Morne ist ein alter
Brunnen im Feld; auch dort trafen wir uns hufig; besonders des Nachts
und bei Mondschein. Einmal nahm mich Bastide auf sein Pferd und wir
ritten in rasender Geschwindigkeit bis an die Schlucht von Guignol. Ich
fragte: wovor fliehen Sie, Bastide? denn mir war kalt vor Schrecken, und
er flsterte: vor mir und vor der Welt. Doch sonst war er stets sanft.
Nie kannte ich einen bessern Mann.

Immer silbriger klang ihre Stimme und schlielich sprach sie wie eine
Verzckte oder wie eine Schlafende. Die Aussage ward ihr vorgelesen, sie
unterschrieb ruhig und ohne zu zaudern, darauf erklrte ihr Monsieur
Jausion, da sie frei sei.

Im Schlo empfing sie feindselige Ruhe. Die wenigen Dienstboten, die
geblieben waren, zischelten frech hinter ihr her. Niemand sorgte fr
ihre Bequemlichkeit, den Krug Wasser mute sie selbst aus der Kche
holen. Indes, als Herr von Seguret nach Hause kam, wute er wie die
ganze Stadt um Clarissas Gestndnisse. Der Umstand ihrer verliebten
Beziehungen zu Bastide erleuchtete nun mit jhem Schein das
Vorhergegangene und wob eine Glorie um ihr frheres Schweigen. Doch Herr
von Seguret schlo sich nur um so fester zu und als er vorberkam, da
Clarissa auf der Schwelle ihres Zimmers stand, wandte er das Gesicht ab
und machte eine Gebrde des Abscheus.

Am Abend hatte der Prsident einige Freunde bei sich zu Gast. Whrend
des Mahls ffnete sich die Tre und Clarissa erschien. Herr von Seguret
sprang vom Stuhl empor, Zorn raubte ihm die Sprache. Wag' es nicht,
stammelte er heiser und mit ausgestrecktem Arm, wag' es nicht.

Des ungeachtet schritt Clarissa bis an den Rand des Tisches. In ihrem
Gesicht war ein strahlender, bezaubernder Ausdruck. Mit vollem Auge
blickte sie auf den Vater, so da dieser den Blick wie geblendet sinken
lie. Schmhe nicht, Vater, sagte sie sanft und in einem bestrickenden
Ton anmutigen Werbens.

Mit alltglicher Frage wandte sie sich an einen der Herren. Der
Angeredete zauderte, schien bestrzt, verwundert, vermochte aber nicht
zu widerstehen. Ihre von Gefngnisluft gebleichten Zge hatten etwas
traumhaft Geistiges angenommen; das gewhnlichste Wort aus ihren Lippen
war von besonderem Reiz umglnzt.

Das Gesprch wurde allgemein; die Gste besiegten, ja vergaen ihr
heimliches Staunen. Clarissas Witz und schalkhafte Laune bten eine
hinreiende Wirkung. Dabei lag ein sinnlich prickelnder Hauch um sie,
was Mnnern nicht entgeht, ihre Gebrden hatten etwas Schmeichlerisches,
ihre Augen schimmerten in schwrmerischem Feuer. Beunruhigt, widerwillig
lauschend, konnte sich Herr von Seguret doch dem Zauber, der seine Gste
gefangen nahm, nicht ganz entziehen. Eine Macht, die strker war als
sein Vorsatz, zwang ihn zur Milde, er nahm schchternen Anteil an der
Unterhaltung, trotzdem seine Brust wie von Bergeslast bedrckt war. Es
wurde von Politik, von Bchern, von Kunst, von der Jagd, vom Krieg
gesprochen, von allem und von nichts, ein glitzerndes Hin und Her
geschliffener Stze und funkelnder Beobachtung, von Lcheln und Beifall,
Spott und Ernst. Es war manchmal wie in einer meisterhaft gefhrten
Schauspielszene oder als ob ein leichter Champagnerrausch die Geister
beflgelt htte; jeder gab das Beste und suchte sich selber
zuvorzukommen, und Clarissa hielt und spannte das Ganze wie eine Fee,
die auf einem Wolkenwagen einen Zug von Tauben lenkt.

Kurz nach Mitternacht erhob sie sich, ein kurzes, sattes, wildes Lcheln
blitzte ber ihr Gesicht, sie verbeugte sich beinahe geziert und verlie
den Raum, die Mnner in einem wunderlichen, jhen Schweigen
zurcklassend. Als Herr von Seguret seine Gste hinausbegleitete, war er
verstrt, und jene entfernten sich still wie Diebe aus dem Schlo.

Der Prsident wandelte eine Weile in der Vorhalle auf und ab und seine
Gedanken liefen nebeneinander her wie ein flchtendes Rudel Wild. Da ihn
das Widerklingen seiner Schritte unangenehm berhrte, trat er in den
Garten hinaus und auf den verschlungenen Wegen spazierend, atmete er
erleichtert die frische Nachtluft ein. Als er die Taxusallee verlie,
fiel ein Lichtschein ber den Weg; Herr von Seguret stellte sich auf die
Mauerbrstung einer kleinen Fontne und konnte so in Clarissas Zimmer
sehen, dessen Fenster offen standen. Mit Mhe enthielt er sich eines
erstaunten Ausrufs, als er Clarissa im losen Nachtgewand mit
hingenommenem Ausdruck und leidenschaftlicher Bewegung tanzen sah. Die
Augen waren ganz geschlossen, gleichsam versperrt, die Brauen
kokett-angstvoll in die Stirn hinauf verzogen, die Schultern wiegten
sich in einem Bad unhrbarer Tne, deren Tempo jetzt gehetzt, jetzt
bermig langsam schien. Pltzlich griff sie nach einem Gegenstand und
hielt ihn sich vor, -- es war ein Spiegel; hineinblickend, schauerte sie
zusammen und lie ihn fallen, so da der Lauscher die Scherben klirren
hrte, dann trat sie ans Fenster, ri das Kleid ber der Brust auf,
legte die Hnde auf die bloe Brust und sah gerade nach der Richtung, wo
Herr von Seguret stand. Dieser duckte sich, als htte man eine Flinte
auf ihn gerichtet, doch Clarissa sah ihn nicht, sie starrte eine Weile
in die ziehenden Wolken und machte dann das Fenster zu. Der Prsident
stand noch geraume Weile da und wurde seiner Gedanken nicht Herr. Wen
betrgt sie? dachte er mit Kummer, sich selbst, oder die Menschen oder
Gott?

Seit langem zum ersten Mal hatte Clarissa wieder ruhigen Schlaf. Doch
als sie sich in das weie Bett legte, schienen die Kissen eine
Purpurfarbe anzunehmen und sie fiel in den Schlummer wie in eine
Schlucht. Sie trumte von Landschaften, von unheimlichen alten Husern
und von einem Himmel, der wie geronnenes Blut aussah. Sie selbst ging im
Silberschein wie eine Braut und ohne da sie eine Berhrung sprte oder
eine Gestalt sah, hatte sie doch auf den Lippen das Gefhl starker
Ksse und in ihrem Scho regte es sich, als ob Leben darin entstehe.

Dieselbe wunderliche Lust und Wallung verlie sie auch whrend der
folgenden Tage nicht. Ein silberner Schleier lag zwischen ihr und der
Welt. Aus Furcht ihn zu zerreien, sprach sie leise und ging langsam;
hinter ihm hatte die Sonne nicht mehr Leuchtkraft als sonst der Mond.
Als sie am Vorabend des Verhandlungstages von einem Gang ber die Felder
zurckkehrte, sah sie am Eingangstor des Schlosses zwei Frauen stehen.
Die eine eilte ihr entgegen, warf sich auf die Kniee und packte ihre
Hnde. Es war Charlotte Arlabosse. Was haben Sie getan, flsterte das
schne Mdchen keuchend, er ist unschuldig, bei Christi Leiden, er ist
unschuldig! Erbarmen, Madame, und wenn auch nicht mit mir, so wenigstens
mit seiner alten Mutter!

Die Rte der Abendsonne lag auf den flehentlich verzerrten Zgen. Hinter
Charlotte stand eine sehr beleibte Dame mit groen Warzen auf den
Hnden; doch der Kopf war hager und das Gesicht regungslos wie das einer
Toten. Sie glich einem kraftstrotzenden Baum, dessen Krone verdorrt ist.

Clarissa machte eine abwehrende Bewegung, doch blieb ihre Miene
freundlich und gelassen. Eine Sekunde lang glaubte sie in der Knieenden
sich selbst zu sehen, die Doppelgngerin zu sehen und grausamer Triumph
erfllte ihr Herz. Keine Sorge, mein Kind, sagte sie leise und
lchelnd, was Bastide betrifft, so ist alles schon entschieden. Damit
ffnete sie das Tor und schritt ins Haus. Charlotte erhob sich und sah
starr durch das Gitter.

An diesem Abend ging Clarissa bald zur Ruhe, erwachte aber schon um vier
Uhr morgens und begann sich anzukleiden. Sie whlte ein schwarzes
Sammetkleid und befestigte als einzigen Schmuck einen Diamantstern am
Saum unter dem entblten Hals. Ihr Herz klopfte in verdoppelten
Schlgen, je nher die Stunde kam. Um acht Uhr fuhr der Wagen vor; es
war eine lange Fahrt bis Alby, wo das Assisengericht tagte. Herr von
Seguret war schon am frhen Morgen fortgeritten, niemand wute wohin.

Kaum da die Mauern der alten Stadt sichtbar geworden, zeigte sich schon
so viel Volk auf den Wegen, da die Pferde im Schritt gehen muten. Die
Leute umlagerten die Kutsche und schauten gespannt in die offenen
Fenster; Frauen hoben ihre Kinder in die Hhe, damit auch sie die
berhmte Madame Mirabel sehen konnten. Sie verbarg sich nicht der
allgemeinen Neugier, mit einem hochzeitlichen Lcheln sa sie da, die
feinen schwarzen Brauen waren weit in die Stirne hinauf verzogen.

       *       *       *       *       *

Punkt zehn Uhr erschien Prsident Enjalran, der Leiter des Prozesses, im
menschenberfllten Saal, und nach Verlesung der weitlufigen
Anklageschrift wurde Bastide Grammont zum Verhr aufgerufen.

Fest wie aus Bronze stand er vor dem Tisch der Richter. Seine Antworten
waren khl, knapp und klar. Von Anfang bis zu Ende durchschaute er
jetzt das unsinnige Mrchen, gewoben aus Dummheit und Schlechtigkeit.
Durch beienden Spott gab er die namenlose Verachtung gegen all das zu
erkennen, wessen man ihn bezichtigte, und setzte damit den Verteidiger,
den das Gericht ihm in letzter Stunde bestimmt hatte und mit dem zu
unterhandeln er sich hartnckig geweigert hatte, in nicht geringe
Bedrngnis.

Bisweilen wandte er den Blick gegen die kirchenartig hohen Fenster, und
als er einen Vogel gewahrte, der sich auf das Sims gesetzt hatte und den
gelben Schnabel in die Brustfedern grub, verlor er einen Augenblick die
Fassung und sein Mund ffnete sich schmerzvoll.

Seine Vernehmung dauerte nur kurze Zeit. Sie war eine Formsache, denn
sein Schicksal war besiegelt. Mit Bach, Colard und den brigen
Mitschuldigen hatte Herr von Enjalran leichtes Spiel; ihre Aussagen
waren gleichsam schon versteinert. Bousquier war im Gefngnis gestorben.
Von den andern suchte jeder fr sich selbst noch ein Restchen Unschuld
zu ergattern, sie machten den Eindruck von zerbrochenen und vllig
willenlosen Menschen. Aufsehen erregte der alte Bancal, der whrend des
Verhrs in einen Weinkrampf fiel und sich dann, seine Unschuld
beteuernd, wie ein Rasender gebrdete. Der bucklige Missonier grinste,
wenn von seiner Anwesenheit beim Mord die Rede war; er war vertiert
durch die lange Gefangenschaft und das viele Verhrtwerden. Die kleine
Magdalena Bancal benahm sich komdiantisch und grte mit Handkssen
ihre Bekannten und Gnner, die unter den Zuhrern saen. Rose Feral
wurde beim Anblick der blutigen Lumpen, die auf dem Tisch des Richters
lagen, totenbleich und vermochte nichts zu reden. Frau Bancal erinnerte
sich, da Monsieur Fualdes von sechs Mnnern in ihr Haus geschleppt
worden war, da er einige Schriften habe unterzeichnen mssen, der Lnge
und Quere nach, wie sie sagte. Am Tage darauf habe sie einen dieser
Wechsel, auf Stempelpapier, gefunden, habe ihn aber, weil er mit Blut
befleckt gewesen, verbrannt. Mehr wollte sie durchaus nicht bekennen,
setzte allen Fragen ein stumpfsinniges Schweigen entgegen und uerte
schlielich, was sie noch wisse, wolle sie nur ihrem Beichtvater
anvertrauen.

Die Zeugen bekundeten das Unglaublichste mit Seelenruhe. Ihr Gedchtnis
war so stark, da sie sich der geringfgigsten Dinge, die man von einem
zum andern Tage vergit, auf Stunde und Minute entsannen. In Nacht und
Nebel hatten sie Menschen gesehen und erkannt, ihre Gesichtszge, ihre
Gebrden, die Farbe ihrer Kleider. Sie hatten Reden, Flstern, Seufzen
durch dicke Mauern hindurch gehrt. Ein Bettler namens Laville, der in
Missoniers Stall zu schlafen pflegte, hatte nicht nur die Orgelspieler
und Lrm und Schreien vernommen, sondern er hatte auch gehrt, da vier
Leute mit einer Last gingen, etwa wie Mnner, welche ein Fa schleppen.
Bastide Grammont lachte oft bei Aussagen, die er fr unverschmte Lgen
erklrte. Als die Bancal anfing zu gestehen, sagte er, da es so spt vor
sich gegangen, habe er erwartet, da das alte Weib noch mit mehr
Umstnden niederkommen werde. Einer andern Zeugin hielt er bebend vor,
wie des Himmels Hand schwer auf ihr laste und gemahnte sie an den
frchterlichen Tod ihres Kindes. Er glich einem Fechter, der gegen den
Nebel ficht; niemand stand ihm eigentlich Rede, er war allein, die
Widersprche, die er nachzuweisen glaubte, blieben eben Widersprche.
Zuerst schien er zuversichtlich, bewahrte seine Haltung, blickte den
Zeugen fest ins Gesicht, dann war es, als schwinde ihm der Sinn fr die
Bedeutung der Worte, nicht nur seiner eigenen, sondern aller Worte der
Welt, oder als verliere er den Boden unter den Fen und falle
unaufhaltsam von Raum zu Raum ins grauenvoll End- und Grenzenlose hinab.
Er begriff nicht mehr; er fragte sich entsetzt, ob dies noch Leben sei,
noch Leben heien drfe, der herrliche Bau der Natur schien ihm
verwstet wie eine vom Sturm geborstene Mauer, der redende Mund all
dieser Leute dnkte ihn nichts andres als ein in widerlichen Krmpfen
auf- und zuklappender Schlund, sein Geist ffnete sich der Finsternis,
Scham durchflammte ihn, er schmte sich im Gefhl des namenlosen Gottes
und er schmte sich, da sein Krper so gestaltet war wie der dieser
Geschpfe rings um ihn. Er hatte die Welt geliebt, er hatte einst die
Menschen geliebt, jetzt schmte er sich dessen. Ihn schmerzte, da er
jemals Hoffnungen gehegt, da er sein Herz mit Versprechungen
hingehalten, da Himmel und Sonne ihm einen frohen Blick, Scherzworte
ihm ein Lcheln hatten entlocken knnen, er wnschte wie der Stein am
Weg sein Inneres nie verraten zu haben, um nicht Schicksalszeuge sein zu
mssen vor dem eigenen gebrandmarkten, gepeitschten und unerhrt
erniedrigten Selbst. Schon das Denken erschien ihm Schmach, um wie viel
mehr erst das, was er htte sagen knnen; es war nichts, war weniger als
der Atem. Worauf sich sttzen? worauf harren? Sie glaubten nicht, nicht
einmal den Hohn, nicht einmal das Schweigen. Und Bastide schlo sich zu
und blickte dem Tod ins aufdmmernde Antlitz.

Es war schon gegen Abend, als endlich die Kronzeugin, Madame Mirabel, in
den Saal gerufen wurde, und die ganze schon ermdete Versammlung zuckte
auf wie ein einziger Krper. Sie kam, und trotz der schwlen Luft, die
den Raum erfllte, schien sie zu frsteln. Als sie den Eid ablegte,
zitterte sie sichtbar. Herr von Enjalran forderte sie auf, der Wahrheit
gem zu berichten. Mit fremder, gleichmig matter Stimme, doch
ziemlich hastig redend, gab sie dieselbe Aussage ab wie vor dem
Untersuchungsrichter. Im Saal herrschte eine bengstigende Stille und
infolgedessen wurde ihre Stimme immer leiser. Sie wute jetzt eine Menge
von Einzelheiten, hatte das lange Messer auf dem Tisch liegen sehen,
hatte gesehen, wie Bancal und Colard eine hlzerne Wanne hereintrugen
und da der Advokat Fualdes whrenddessen neben der Lampe sa und mit
tiefgebeugten Schultern schrieb. Sie hatte auch den geheimnisvollen
Fremdling mit dem Stelzfu gesehen und hatte beobachtet, da Bach und
Bousquier ein groes weies Laken entfalteten. Auf die Frage, weshalb
sie in Mnnerkleidern gekommen sei, gab sie keine Antwort. Und als sie
dann flsternd, mit zusammengekrampften Fingern, den Kopf geduckt, den
mageren Rumpf etwas vorgebeugt, wie unter den Krallen eines Tieres sich
kaum merkbar windend und doch mit jenem selig-slichen Lcheln, das
ihrem Gesicht einen Ausdruck stiller Raserei gab, erzhlte, wie Bastide
sie im dunklen Nebenraum umarmt und gekt habe, da sprang dieser
pltzlich auf, schlug verzweifelnd die Hnde zusammen und eilte ein paar
Schritte vorwrts, bis er neben Clarissa stand. Alle hrten, wie schwer
sein Atem ging.

Der Vorsitzende verwies ihm sein Benehmen, das er als unzart
bezeichnete, Bastide aber rief mit starker, schmetternder Stimme aus:
Vor Gott, der mich hrt und richten wird, erklre ich, da dies alles
grauenhafte Lgen sind. Ich habe niemals dies Weib mit einem Finger
berhrt, noch mit Augen gesehen.

Clarissa wurde wei wie Kalk. Ihr war als hre sie jetzt erst das
Klirren des zerbrochenen Spiegels, den sie nach dem Tanz zu Boden
geworfen. Als der Generalprokurator sie aufforderte, fortzufahren,
schwieg sie; ihre Augen verdrehten sich und der ganze Leib schauderte
konvulsivisch.

Sprechen Sie doch! rief ihr Bastide Grammont zu, und die Emprung
erstickte fast seine Stimme, sprechen Sie! Ihr Schweigen ist noch
verderblicher fr mich als alle Lgen.

Da schlug Clarissa die Augen zu ihm auf und fragte wunderlich bewegt:
Kennen Sie mich wirklich nicht, Bastide?

Nein! nein! nein! brach dieser aus und nach oben blickend, sthnte er
qualvoll: Sie ist eine Nrrin.

Innerhalb einer Sekunde wurde Clarissa glhendrot und wieder
totenbleich. Und indem sie sich abermals zu Bastide wandte, sagte sie
mit furchtbarem Ton des Vorwurfs: O Mrder!

Das Publikum applaudierte. Endlich war das Wort der Wahrheit gesprochen.
Doch Clarissa wankte, ein Gerichtsdiener sprang herbei und fing sie in
seinen Armen auf, mehrere Damen verlieen ihre Pltze und bemhten sich
um sie, und es dauerte eine halbe Stunde, bis sie wieder zu Bewutsein
kam; sie bot aber einen so vernderten Anblick, als sei sie pltzlich um
zwanzig Jahre gealtert. Herr von Enjalran suchte das Verhr
fortzusetzen, doch sie antwortete nur in halben Worten: sie wisse nicht;
es sei mglich; sie wolle nicht widersprechen. Bastide Grammont hatte
sich wieder auf der Anklagebank niedergelassen; auf seinem Antlitz malte
sich unermeliche Trauer und Bestrzung. Sein Verteidiger bat Clarissa,
da sie doch nun einmal gesprochen, so solle sie weiter reden. Ich
beschwre Sie, Madame, seien Sie deutlich, sagte er, von Ihnen hngt
es ab, einen Unschuldigen zu retten oder ihn aufs Blutgerst zu
bringen. Clarissa schwieg, als hre sie nicht; in ihrem Herzen wogte,
wie Morgennebel ber dem Wasser, ein trstliches und bestrickendes Bild.
Nun wandte sich der Rat Pinaud mit strenger Mahnung an sie; sie mge
nicht glauben, da sie ihre Aussagen nach Gutdnken machen und
verschweigen knne, was sie wolle; aber darauf nahm der Prokurator fr
sie das Wort und sagte, man wisse, warum sie schweige, sie habe ja
selbst versichert, da sie eine berzeugung habe, deren Grnde sie nicht
darlegen knne, man mge zufrieden sein, da man aus ihrem Mund das
Wichtigste gehrt habe, ja er erklrte sogar jedes weitere Drngen fr
unschicklich. Er war noch nicht zu Ende mit seiner Rede, als ihn
Clarissa unterbrach; sie erhob den rechten Arm und sagte feierlich
beteuernd: Ich habe keinen Eid geschworen.

Bastide Grammont schaute empor. Er entri sich seiner Betubung, stand
schwerfllig auf und begann mit ruhiger, doch um so mehr ergreifender
Stimme: Die Mauern der Kerker sprechen nicht. Einst aber werden sie
dennoch reden und sie werden die angezettelten Heimlichkeiten mit Namen
nennen, die man angewendet hat, um alle diese Elenden zu zwingen, aus
der Lge die schimpfliche Schutzwehr ihres Lebens zu machen. Fualdes war
nicht mein Feind, er war nur mein Glubiger. Wenn Habsucht einen sonst
anstndigen und migen Mann irregeleitet, wenn sie meinen Arm bewaffnet
htte, so htte ich ihn doch nimmer gegen einen wehrlosen Greis erhoben.
Wollt ihr ein Opfer haben, so nehmt mich; ich bin bereit, aber vermengt
mein Schicksal nicht mit dem dieser Brut. Meine Familie, die stets auf
dem Land lebte und die Sitte und Einfachheit des Landlebens bte, ist
entehrt. Meine Mutter weint und erliegt. Urteilt, ob ich, in dieses Meer
von Unglck gestrzt, noch Liebe zum Leben haben kann. Ich liebte einst
die Freiheit, ich liebte die Tiere, das Wasser, den Himmel, die Luft und
die Frchte der Bume; jetzt aber bin ich geschndet und lge noch eine
Zukunft vor mir, sie wre klebrig von Schande und die Zeit schmeckte mir
bel. Ist es ein Gericht, vor das man mich gestellt hat? Nein, es ist
eine Treibjagd, der Richter ist zum Jger geworden und richtet den
Schuldlosen her zu einem Braten fr den Pbel. Ich verlange keine
Gerechtigkeit mehr; es ist zu spt, mir Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, zu spt, und wenn man mir die Krone Frankreichs anbte. Ich gebe
mich euch zur Vernichtung dar, euer Gewissen soll mit dieser Brde
beladen sein, ein Schuldiger macht tausend und eure Kindeskinder werden
noch dafr die lebendige Erde mit Schmach berfluten.

Lhmende Stille folgte diesen Worten. Pltzlich aber brach ein
unbeschreiblicher Tumult aus. Zuhrer und Geschworene erhoben sich,
ballten die Fuste gegen Bastide Grammont, schrieen und heulten
durcheinander und Herrn von Enjalrans donnernde Mahnung verhallte
ungehrt. Und ebenso pltzlich entstand wieder eine Totenstille. Ein
matter, langgezogener Schrei, der sich im Getse erhoben hatte und nun
klagend weitertnte, machte die Gesichter versteinern. Aller Augen
richteten sich auf Clarissa. Sie fhlte die Blicke auf sich herabstrzen
wie Balken eines zusammenbrechenden Gebudes.

Ihr Herz war von ungeheurem Shnewunsch wie verbrannt ...

Die Rede des ffentlichen Anklgers sammelte noch einmal die Waffen des
Hasses, welche die Fama gegen ihre Opfer geschmiedet; mit abgefeimter
Kunst verstand er die Mordnacht in solchen Farben zu malen, da das
Grauen wie zum ersten Mal lebendig wurde. Der Verteidiger Bastides
dagegen gengte sich an hochtrabenden Phrasen; ihm wurde warm, die Hrer
lie er kalt. Whrend er sprach, entstand ein Schieben und Drngen im
Hintergrund; einige Damen kreischten, ein mittelgroer schwarzer Hund
lief durch eine ffnung der Schranken, schaute sich mit glitzernden
Augen um und kauerte sich vor den Fen Bastides kurz aufbellend nieder.
Dieser legte in tiefer Bewegung die Hand auf den Hals des Tieres und
wehrte den Huissier gebieterisch ab, der es entfernen wollte.

Als der Gerichtshof sich zur Beratung zurckzog, wagte niemand laut zu
sprechen. Irgendein Frauenzimmer schluchzte und man verwies sie zur
Ruhe; es war die Dirne Benoit, Colards Geliebte. Sie hatte den
armseligen Menschen bei den Schultern umschlungen und das in Trnen
gebadete Gesicht drckte kein andres Verlangen aus, als sein Schicksal
zu teilen. Ein Verwandter Bastides trat zu diesem, um mit ihm zu
sprechen; Bastide schttelte den Kopf und sah den Mann nicht einmal an.
Etwas Schlaftrunkenes war in seinen Zgen, jedenfalls hatten Worte kein
Gewicht mehr in seinen Ohren. Doch geschah es, da seine Augen sich noch
einmal erhoben und, nachdem sie unermessene Fernen durchlaufen hatten,
denen Clarissas begegneten. Da schien ihm das fremde Weib nicht mehr so
sehr fremd. Er hrte wieder den Ton ihrer Stimme, als sie ihn Mrder
genannt hatte; war es nicht vielmehr ein Hilferuf als eine
Beschuldigung gewesen? und dieser flehentliche Blick, als htten
unsichtbare Fuste sie am Hals gewrgt? und diese zarteste Gestalt, so
seltsam alterslos, zitternd wie ein junger Birkenbaum im Herbst?

Zwei einsame Schiffbrchige werden durch den unterirdischen Meeresstrom
in ein und dieselbe Bahn getrieben, jeder von einer andern Welt,
diesseits und jenseits des Meeres, nicht imstande das Brett zu
verlassen, woran ihr Dasein hngt, nicht einmal imstande sich die Hand
zu reichen, blo hingetrieben vom allmhlich erschpften Wind zu
unbekannten Tiefen. Es liegt etwas Geisterhaftes in dem Erbarmen des
einen fr den andern. Doch Bastides schmerzliches und finsteres
Erstaunen grte wieder in den Rausch und Traum der Mdigkeit hinber und
die aufmerksamen Augen seines Hundes erschienen ihm wie zwei rtliche
Sterne zwischen schwarzen Baumkronen. Er vernahm das Todesurteil, als
der Gerichtshof zurckkehrte; er war aufgestanden und lauschte den
Worten des Prsidenten; es klang, als ob Regenwasser auf mrbe Bltter
pltscherte. Er hrte sich selbst etwas sagen, aber was es war, wute er
kaum. Viele Gesichter sah er in ungengender Beleuchtung gegen sich
gewandt, sie machten ihm den Eindruck wurmstichiger und verwesender
pfel.

       *       *       *       *       *

Das Verdikt gegen die brigen Angeklagten sollte erst am folgenden Tag
verkndigt werden. Die Menschenmenge im Saal, in den Gngen und auf der
Strae verlief sich langsam. Als Clarissa durch den Korridor schritt,
wich alles scheu zur Seite.

Sie hatte in Erfahrung gebracht, da Bastide nicht nach Rhodez
zurckgefhrt wrde, sondern im Gefngnis von Alby bleibe. Darauf
schickte sie den Wagen fort, der auf sie wartete, und begab sich in ein
nahegelegenes Gasthaus, wo sie ein Zimmer forderte und einen Brief an
ihren Vater schrieb, ein paar fieberdurchwhlte Stze: Ich wei nicht
mehr was Wahrheit ist und was Lge; Bastide ist unschuldig, und ich habe
ihn vernichtet, whrend mein Wille zu ihm stand; Ja und Nein sind in
meiner Brust wie zwei gestorbene Flammen; wrde ich dorthin
zurckkehren, woher ich kam, ich wrde einen bestndigen Tod erleiden,
darum und weil so die Menschen leben wie sie leben, gehe ich dorthin
wohin ich mu. Es war schon Mitternacht vorber, trotzdem begehrte sie
den Wirt zu sprechen. Sie bat ihn, den Brief am nchsten Morgen durch
einen sicheren Boten nach Schlo Perri zu senden, dann ersuchte sie den
verdutzten Mann, ihr ein Krbchen frischer Frchte zu verkaufen. Der
Wirt bedauerte hflich, er habe nichts mehr in der Kammer.
Leidenschaftlich drngend, bot sie den zehn- und zwanzigfachen Preis und
warf ein Goldstck auf den Tisch. Es ist fr einen Sterbenden, sagte
sie, alles hngt davon ab. Der Mann betrachtete ngstlich das
bleich-leuchtende Antlitz der vornehmen Dame und berlegte, erklrte
endlich seinen Nachbar aufwecken zu wollen und hie Clarissa warten. Als
sie allein war, kniete sie vor dem Bett nieder, whlte die Stirn in die
Kissen und weinte. Nach einer halben Stunde kam der Wirt zurck und
brachte einen Korb voll Birnen, Trauben, Granatpfel und Pfirsichen.
Kopfschttelnd sah er der Davoneilenden nach und hielt den
verschlossenen Brief, den er besorgen sollte, neugierig gegen das Licht.

Die Straen waren de und von verdmmertem Mondschein erfllt. Die
kleinen Fenster kleiner Huser blinzelten verschlafen; unter einem
Torweg stand der Nachtwchter mit der Hellebarde und murmelte wie ein
Betrunkener. Vor dem niedrigen Gefngnisbau war ein freier Platz;
Clarissa setzte sich auf eine Steinbank und da nebenan ein Brunnen rann
und sie Durst hatte, trank sie sich satt. Die sanftgeschwellten Rnder
der unfernen Hgel flossen kaum merklich in den Himmel ber und hinter
einer Talsenkung lohte Feuerschein, auch glaubte sie bei gespanntem
Horchen Glockenluten zu hren. So schlief doch nicht die ganze Welt und
sie durfte das bange Herz noch einmal an Menschendinge binden. Nach
einer Weile erhob sie sich, schritt zu dem Gebude hinber, stellte den
Fruchtkorb auf die Erde und pochte mit dem Trklopfer ans Tor. Es
dauerte lange, bis der Pfrtner erschien und unwirsch nach ihrem Begehr
fragte. Ich mu Bastide Grammont sprechen, erklrte sie. Der Mensch
machte ein Gesicht, als habe ihn eine Wahnsinnige berfallen, knurrte
drohend und wollte das Tor wieder zuschlagen. Clarissa packte mit der
einen Hand seinen Arm, mit der andern ri sie die Diamantagraffe von der
Brust. Da, da, da! stammelte sie. Der Alte hob seine Laterne ein
wenig und besah sich das blitzende Schmuckstck von allen Seiten.
Clarissa miverstand seine schmunzelnd-furchtsame Freude, dachte, es sei
ihm nicht genug und gab ihm noch ihre Brse. Was ist in dem Korb?
erkundigte er sich in devotem Mitrauen. Sie zeigte ihm, was darinnen
war. Da gab er sich zufrieden, dachte, es sei wohl die Maitresse des
Verurteilten, und nachdem er die Tr zugeschlossen, ging er voran. Sie
schritten ein paar Stufen hinab, dann durch einen schmalen Gang. Wie
lange wollen Sie drinnen bleiben? forschte der Wrter, als sie vor
einer eisernen Tre standen. Clarissa schpfte tief Atem und erwiderte
flsternd, sie werde dreimal gegen die Tre klopfen. Der Alte nickte,
sagte, er wolle oben auf der Treppe warten, sperrte vorsichtig auf,
reichte der Frau seine Laterne und schlo hinter ihr zu.

Drinnen hielt sich Clarissa an der Mauer fest und schlo die Augen, um
zu warten, bis sich ihre rasenden Pulse beruhigt hatten. Es schien ein
mig groer, nicht ganz unwohnlicher Raum. Bastide lag auf einem
Strohsack an der gegenberliegenden Wand; er schlief in seinen Kleidern.
Welche Stille! dachte Clarissa schaudernd und schlich nun auf den
Fuspitzen bis zum Lager des Schlafenden. Welche Stille auch in diesem
Antlitz, welch ein schner Schlummer, dachte sie, und ihre Lippen
ffneten sich in lautlosem Schmerz. Sie stellte die Laterne so auf den
Boden, da der Schein sein Gesicht traf, dann kniete sie hin und
lauschte den festen Atemzgen. Bastides Mund war ernst geschlossen, die
Lider vibrierten nicht, ein Zeichen von Traumlosigkeit; der lange Bart
umkrnzte Wangen und Kinn wie braunes Buschwerk, der ganze Kopf war
etwas hintber gesunken und die Haare glnzten feucht. Allmhlich
strmte der Frieden seines Antlitzes auch auf Clarissa ber, alle Worte,
alle Zeichen, die sie mit hereingetragen, schwanden hin, sie beschlo,
nichts weiter zu tun, als ihr Geschenk an sein Lager zu stellen und sich
zu entfernen. Sie leerte also den Korb und erschrak jedesmal und
wartete, wenn nur ein Sandkorn unter ihren Fen knackte. Als sie nun
alle Frchte ausgelegt und jede einzelne wie ein lebendiges Geschpf in
ihrer Hand zrtlich befhlt hatte, ward ihr immer ruhiger und leichter
zu Sinn, sie sprte sich dem Tode schon so wunderbar hingegeben, da sie
den Gedanken, diesen Raum verlassen zu mssen, fast mit Schrecken abwies
und sich mit gefater Sicherheit anschickte zu tun, was sie tief
erfllte. Es entstand das Verlangen in ihr, den schlafenden Bastide zu
kssen und sie beugte sich auch ber ihn, doch eine gebieterische
Ehrfurcht hielt sie ab, mehr noch als die Angst, er knne erwachen. Ihr
Krper krampfte sich zusammen, sie umarmte ihn im Geiste und schien sich
losgelst von der Erde wie eine Perle, die aus einem Ring gefallen ist.
Darauf erhob sie sich leise, ging auf den Fuspitzen auf die andere
Seite des Raums, legte sich hin, nahm ein kleines Federmesser aus der
Tasche und schnitt sich an beiden Handgelenken mit tiefen Schnitten die
Adern auf. Innerhalb einer Viertelstunde seufzte sie noch zweimal und
die Hand des Todes suchte vergeblich das trunkense Lcheln von ihren
erblaten Lippen zu wischen.

Bastide schlief noch eine Weile in seiner abgrndigen Tiefe hin, Glieder
und Geist von einem Allvergessen gefesselt und betubt. Dann begann er
zu trumen. Er befand sich in einem groen, abgeschlossenen Raum, in
dessen Mitte eine kostbar gedeckte Tafel stand. Es saen viele Menschen
da; sie zechten und unterhielten sich frhlich. Auf einmal starrten alle
nach der Mitte der Tafel, wo ein Gef aus undurchsichtigem blauem Glase
stand, das vorher nicht dagewesen war. Was ist in dem Glase? was mag es
bedeuten? wer hat es gebracht? fragten dunkle Stimmen. Darauf trat ein
grauenhaftes Schweigen ein; die vielen Augen starrten bald auf das blaue
Gef, bald in dsterm Argwohn gegeneinander. Pltzlich erhoben sich die
vorher so heitern Zecher und einer beschuldigte den andern, die
verdeckte Schale auf den Tisch gestellt zu haben. Es entstand ein
heftiges Geschrei, manche zogen ihre Dolche, andere schwangen Sthle und
whrenddessen wuchs aus dem Gef heraus ein magerer nackter Mdchenleib
wie weier Rauch. Das Gesicht war Bastide bekannt, es war das der
Lgnerin Clarissa; mit schlangenhaft flimmernden Augen sah sie ihn an,
immer nur ihn. Alle Mnner folgten dem Blick und strzten ber ihn her.
Du mut sterben! du mut sterben! schallte es aus heiseren Kehlen, aber
indes sie noch schrien, verhallten schon ihre Stimmen, die nebelhaften
Arme der Lgnerin streckten sich aus, zerteilten die eine Wand und man
konnte in einen blhenden Garten sehen, in dessen Mitte ein Schafott
stand, behangen mit Zweigen voll reifer Frchte. Bastide war zum Knaben
geworden; langsam schritt er hinaus, die Hnde Clarissas schwebten ber
ihm und pflckten die Frchte ab und seine Todesfurcht wurde besnftigt
von dem berauschenden Geruch dieser Frchte, der wie eine Wolke den
ganzen Saal, ja den ganzen Weltraum erfllte.

Da erwachte er. Sein erster schlafbefangener Blick fiel auf das
flackernde Licht der Laterne, der zweite auf eine riesige Birne, die
gelb wie ein kleiner Mond neben seinem Bette lag. In dumpfbeglcktem
Erstaunen griff er darnach, aber indem er sie zum Mund fhrte, gewahrte
er, da Blut daran klebte. Er schrak empor, noch whnte er zu trumen.
Vor den Fenstern wogte schon das Grau der Morgendmmerung. Nun gewahrte
er die brigen Frchte, eine Pracht und Flle, als wre das Paradies
geplndert worden. Doch klebte auch an ihnen Blut ... Ein kleiner
zweigeteilter Blutbach rieselte von der Mauerecke herber.

Und Bastide sah ...

Er wollte aufstehen, allein der unvollendete Schlaf lhmte noch seinen
Krper.

Bitterer und wilder Kummer umklammerte ihm die Brust. Ihn gelstete
nicht mehr nach dem Tag, der sich drauen so md erhob; der Schlge
seines eigenen Herzens satt und voll Gewiheit dessen was geschehen war
und geschehen mute, sehnte er das endliche Ende herbei, begehrte keine
besondere Kunde mehr von dem vollbrachten Schicksal drben an der
andern Wand des Kerkers, das, von dunklen Gewalten befehligt, sich auf
seinen Weg gedrngt hatte, keine Kunde mehr von den Menschen und dem was
sie bauten oder zerstrten. Ein Greuel war ihm der Mensch.

Und dennoch, als sein Blick wieder auf die herrlichen Frchte fiel, da
jammerte ihn die Kreatur; er wollte der Bringerin wenigstens die Augen
zudrcken. Aber jetzt drehte der argwhnisch gewordene Wchter drauen
den Schlssel im Schlo.


_Ende_



Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.



Von diesem Buche sind 25 Exemplare auf handgeschpftem Bttenpapier
abgezogen, numeriert und in Ganzleder gebunden. Sie sind zum Preise von
10 Mark fr das Exemplar direkt vom Verlage zu beziehen.



Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:

Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Neunte Aufl.
Der Moloch. Roman. Zweite Auflage.
Der niegekte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der dritten Auflage erstellt. Die Werbung fr die
Sonderausgabe und die anderen Werke Jakob Wassermanns wurde vom Anfang
des Buches an das Ende verschoben. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine
Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 012: sie hing mit groe Liebe -> groer
S. 027: waren inzwischen herbeigekommen und starren -> starrten
S. 044: wie der Schwamm vor einer Faust -> von
S. 063: enfernte sich wieder -> entfernte
S. 076: [Komma ergnzt] hatte es sein Bewenden, zum Schlu
S. 077: sommersprssioge Mdchen -> sommersprossige
S. 080: mit gleicher Inbrust begehrt -> Inbrunst
S. 082: [Punkt ergnzt] um das verlorene Brautgut tragen wrde.
S. 085: bei Mistres Duncomb Quartier bezogen -> Mistre
S. 088: [Komma ergnzt] vor Schmerz, denn er
S. 102: und bedeutete ihn -> ihm
S. 122: ermahnte ihn, auch einerseits -> seinerseits
S. 126: [vereinheitlicht] Kneipe der Rose Fral -> Feral
S. 144: In Dmmergrauen des Tages -> Im Dmmergrauen
S. 148: sagte er beteurend -> beteuernd

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third
edition copy. The notes advertizing the special edition and other works
by Jakob Wassermann have been moved from the beginning of the book to
the end. The table below lists all corrections applied to the original
text.

p. 012: sie hing mit groe Liebe -> groer
p. 027: waren inzwischen herbeigekommen und starren -> starrten
p. 044: wie der Schwamm vor einer Faust -> von
p. 063: enfernte sich wieder -> entfernte
p. 076: [added comma] hatte es sein Bewenden, zum Schlu
p. 077: sommersprssioge Mdchen -> sommersprossige
p. 080: mit gleicher Inbrust begehrt -> Inbrunst
p. 082: [added period] um das verlorene Brautgut tragen wrde.
p. 085: bei Mistres Duncomb Quartier bezogen -> Mistre
p. 088: [comma added] vor Schmerz, denn er
p. 102: und bedeutete ihn -> ihm
p. 122: ermahnte ihn, auch einerseits -> seinerseits
p. 126: [unified] Kneipe der Rose Fral -> Feral
p. 144: In Dmmergrauen des Tages -> Im Dmmergrauen
p. 148: sagte er beteurend -> beteuernd

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwestern, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWESTERN ***

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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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