The Project Gutenberg EBook of Ins neue Land, by Gabriele Reuter

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Title: Ins neue Land

Author: Gabriele Reuter

Release Date: February 1, 2009 [EBook #27959]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INS NEUE LAND ***




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                              INS NEUE LAND




                              Ullstein-Bcher

                               Eine Sammlung
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                               INS NEUE LAND

                                    VON

                              GABRIELE REUTER



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                     *       *       *       *       *




Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem
Parterresaal der Verwundetenbaracke.

Wie geht's unserm Finsteren? fragte der junge Doktor im weien
Operationsmantel, mit der unpersnlichen Heiterkeit, die rzten und
Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur
Gewohnheit geworden ist.

Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere
Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch
mal mit ihm, Herr Doktor...

Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten
unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit
ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen...

Sie haben eben die grere Denkfhigkeit, um sich alle
Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,
antwortete die Schwester. Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn
unseres Finsteren geachtet?

Was Ihnen noch alles auffllt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ...
Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.

Der junge Arzt ffnete die Glastr. Aus langen Reihen weier
Eisenbetten grten ihn die Augen von brtigen und unbrtigen, jungen
und alten Mnnerkpfen. Feine wie stumpfe, trichte wie kluge
Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese
Krieger, welche ihr Leben rcksichtslos dem Tode entgegengeworfen
hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nchten so mrbe
geworden, da sie von einem blonden frhlich blickenden jungen Manne
im weien Kittel sehnschtig irgendeine Linderung ihrer Leiden,
irgendeinen Trost fr unertrgliche Pein des Krpers oder der Seele
erwarteten.

Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte
sich fr einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, fr eingetroffene
Briefe wie fr die Fiebertabellen zu Hupten der Verwundeten und fr
ihre Verbnde. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der,
aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er
zrtlich, wie einem jungen Bruder ber den kurzgeschorenen Kopf.
Weiterschlafen, -- ruhig weiterschlafen!

Der Finstere, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in
reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf
ausgeprgtes Gesicht mit groer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um
das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken
Verbnden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.

Damit knnen wir jetzt aufhren, sagte der Arzt. Er lste mit Hilfe
der Schwester die Binden und Gehnge. Es hat keinen Zweck mehr. Die
Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl ertrglicher,
seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? -- -- Was?

Ein bitterer Zug, der ein Lcheln vorstellen sollte, verzog den Mund
des Mannes. Er brummte etwas Unverstndliches.

Nun heit es nur, auch den Allgemeinzustand heben, fuhr der junge
Arzt fort. Dazu knnen Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber
Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben -- -- wird schon alles
wieder werden! Der Staat sorgt fr seine Verteidiger -- --, na und
einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn's sein mu,
sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch -- --
werden wieder gesund...

Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Trster, scharf,
durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, da er verlegen
schwieg.

Lassen wir die Zukunft, sagte der Verstmmelte herrisch. Wre es
nicht mglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte,
oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten knnten, wr'
ich Ihnen dankbar.

Gewi, gewi -- -- das lt sich tun! Nur, ich wei nicht, ob Ihnen
jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung,
Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen
Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!! Als der andre nicht
antwortete, fuhr er zgernd fort: Knnte nicht jemand von Ihrer
Familie Sie mal besuchen?

Ich habe keine Familie, sagte der Mann schroff. Bitte nur um das
Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafr
aufkommen.

Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.

Ich werde es besorgen, sagte er in einem Ton, der pltzlich
bescheiden und beinahe schchtern geworden war. Schwester, -- -- der
Patient hier soll auf Nummer sechsunddreiig umgebettet werden. Sie
knnten das in die Hand nehmen, nicht wahr? Er ging hinaus, die
Schwester folgte ihm.

Was ist der Mann eigentlich, -- -- ich meine, seiner brgerlichen
Stellung nach? fragte er drauen.

Ich glaube, Knstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie ber sich.
Man kommt ihm nicht nher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!

Mein Gott, murmelte der Doktor bekmmert, wenn man immer wte -- --
es ist so schwer...

Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den
Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu
vollenden.

       *       *       *       *       *

Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die
seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden
Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu
den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den
verschiedenen Anfllen seiner Krperpein, nur um sein Denken nicht auf
das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her
waren Beine zerschmettert, Gedrme zerrissen, Lungen durchbohrt,
Schdel zertrmmert worden ... alles htte er mit Mut und Freude
erlitten. -- -- Nur nicht die Augen, -- -- nicht Hand und Arm. Doch
gerade das -- -- das Schwerste wurde von ihm gefordert.

Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrmmerten Welt
einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar
-- -- selbstverstndlich klar.

Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die
Mglichkeit in der Phantasie aufgestiegen -- -- er hatte sie mit
Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewutseins
hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.

Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender
Traum.

-- -- Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... -- Er sah
es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fhlte wieder
genau, wie alles sich fr ihn abgespielt hatte. -- Das Boot des
norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schreninsel, wo er
malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu
bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von rger:
Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ... Und:
Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so.
Vor allem, sich nicht stren lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm
der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und
schwenkte die Drucksachen wild in die Lfte.

... Zunchst ein Verstummen -- ein Versagen jeglichen Gefhls.
Pltzlich diese frchterliche Selbstverstndlichkeit des
Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfltiger blitzartiger
Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle
verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an...

Rolfers hatte niemals gedient. Militrisches Wesen lag vllig
auerhalb seiner Lebenssphre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte
das Entsetzen wten -- wenn er wollte, konnte er morgen weiter
arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand wrde ihn hier in
seiner Nordlandeinsamkeit hindern.

Auf dem schwarzen sonndurchwrmten Granitfelsen sa er abends, schaute
ber die wogenden Gewsser, die von lila und flaschengrnen Streifen
durchzogen waren und in einem milchigen Wei verdmmerten. Geruhsam
klatschte das Wasser regelmig gegen den Stein, den die Umwlzungen
von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.

Da kam es pltzlich ...: Aus dem langsamen Nherrollen der fernen
groen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ...
Aus den tckischen Stimmen der Tiefe drang das bse Gemurmel ihres
Hasses in sein Bewutsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher
Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ...
Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig -- berlebensgro an Formen
und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre
Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewnder wehen in der
Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen
Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmckengesichter, verzerrt von
einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie
geschwungen, sausten klatschend ber ihre edle Stirne, da Blut
herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute
grlicher Gestalten raste ber sie dahin, immer teuflischer, immer
grauenvoller an Aussehen und Gebrden ... Schwarze Rauchgespenster
wlzten sich ber den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen,
wie er es nie gehrt ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte
ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlgen, die
Brust war ganz erfllt von diesem Pochen und Hmmern ... Gott -- Gott
-- sie erhob sich -- blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schwei
bedeckt -- Sie sah auf ihn -- auf ihn, Franz Rolfers -- aus
unergrndlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie
sterben mute...

       *       *       *       *       *

Eine Stunde spter waren seine paar Malergertschaften
zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz
eines Goldstckes und der Macht seiner herrischen Person bestochen,
ihn hinberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle
nordische Nacht, in der alle Zauber gttlicher Friedensschnheit ber
den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. ber de Heideflchen,
durch Ginster und Wacholdergestrpp, durch Birkenwlder und
Felsenwildnisse stundenweit zur nchsten Bahnstation gelaufen. In
atemloser Hast den Schnellzug genommen -- hinein gestrmt in den sich
heimwrts ergieenden Schwall von Reisenden. Angehrige aller
europischen Vlker in engsten Rumen zusammengepret einer neuen
Trennung der Stmme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen
mute mit der Schrfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ...
Gepckstcke waren sie alle, nichts weiter, die befrdert wurden,
liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rcksicht auf
menschliche Bedrfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und
Nsse, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen
schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaten oder
aufgeregt redenden Mnnern -- bis man in einer unbegreiflichen Weise
zum Ziele kam und die deutsche Grenze berschritt.

Von Militrbehrde zu Militrbehrde. Hier zurckgewiesen, dort
vertrstet, -- endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie
Tausende von andern Mnnern und jungen Knaben. Eingeordnet in die
ungeheure, bewunderungswrdig genau arbeitende Maschine des deutschen
Heerwesens.

Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich fr
ihn und noch fr manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr
jungen Mnner. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem
Machtbewutsein ihrer Herrschaft ber die Flle von Kraft, Geist und
gelassener Vornehmheit, die ihnen so pltzlich zur Verfgung gestellt
wurde. Aufgaben, fr die in gewhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen
waren, muten in Wochen bewltigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit
in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine
krperliche Abhrtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert
abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. brigens ging
alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind
heran ... Nur ihn endlich fassen drfen ... Hinaus -- hinaus ins Feld,
an die Front...!

-- -- Der Rausch des Abschieds, Blumen und Trnen, Singen, Jubeln,
flatternde Tcher, winkende Hnde, brausende Musik ... Rolfers
marschierte, von einigen Schlern begleitet, die dem gleichen Los mit
Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu.
Ein Gefhl in ihnen allen ... Das Persnliche in dieser Stunde vllig
ausgelscht -- himmelhoch aufschlagend die Flamme _eines_ Wollens in
Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht fr ihn, den Einsiedler,
der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft lngst
verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefhl aller als
etwas Kstliches, als einen hehren und flchtigen Besitz.

Er kannte sich. Bald genug wrden Kritik und Zweifelsucht und das
innerliche Zurckweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das
begann schon whrend der langen Eisenbahnfahrten unter all den
schwitzenden, stinkenden Mnnern mit ihren plumpen Spen, ihren
trichten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden
Singen, Schreien, Begren an den Bahnhfen. Doch herrschte ein
Unbekanntes in ihm. Es war die berzeugung von der vlligen
Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers fhlte und
dachte. Das waren nur noch briggebliebene Fetzen aus einem abgetanen
und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichgltig wie den
andern.

Nur vorwrts, vorwrts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel!--

Mrsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten
vor Schmerzen, bei denen der Schwei am Krper niedertroff und ihn in
ekle Dnste hllte, bei denen man mit entzndeten Augenlidern im
Sonnenbrand, unter dicken weien Staubschichten, Staub in der
ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend
helle Landstraen entlang trabte. Dann wieder in finsteren
Regennchten durch unergrndlichen zhen Schlamm vorwrts torkelnd,
kaum den Vordermann zu unterscheiden vermgend und doch mit ihm die
dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich ausstrecken -- schlafen --
fressen...

Manchem zarten Jungen liefen die Trnen stromweis ber die Backen in
berreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der Krper
herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich --
nur vorwrts -- vorwrts -- vorwrts!

Der Hunger whlte und ri in den Eingeweiden, qulte die erschpfte
Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in
trben Nebeln. Hartnckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers'
Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschftigte sich mit
einer Daunendecke von violetter Seide, khl und zart anzufhlen, in
die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer
Freundin die Glieder hatte hllen drfen. Er sah das Monogramm, das
er einmal gezeichnet, in dem berschlag, die Freiherrenkrone ber den
Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glhte in groen
Kristallkelchen -- immer hatte er eine Vorliebe gehabt fr edles
Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen -- er sprte den
Geschmack des Weines auf der Zunge -- Fasanenpastete reichte der
Diener ... Er roch den feinen Duft der Trffeln -- widerlich, da man
von den dummen Erinnerungen nicht loskam...

Verflucht feine Kle konnte meine Olle kochen, hrte er eine
brummige Stimme hinter sich ... ick sage schon, wenn ick davon 'ne
Schssel hier htte -- mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja...!

-- -- Franz Rolfers mute lachen -- laut und erlsend. Hatte er das
Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?

       *       *       *       *       *

Es kam keine groe Schlacht fr sie, keine der gewaltigen Taten mit
Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes -- mit
schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den
leichenbersten Feldern.

Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment.
Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch ber ihren Kpfen
vernahmen sie die kleinen Vgel, die so seltsam fein und scharf
sangen, wenn man sie am Ohr vorberfliegen hrte ... Hier -- dort
streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte
vorwrts -- sank in sich zusammen.

       *       *       *       *       *

Die erste Zeit im Schtzengraben ... Strenges Verbot zu feuern,
nachdem einige der in den Grben vor dem ihren liegenden Kameraden
getroffen worden waren. Unttiges Liegen. -- Warten. -- Tage und
Nchte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige
Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden
Gliedmaen zusammen. Knattern, Sausen, Brllen, Drhnen, Donnern --
die Luft auf Meilen ringsum von Getse erfllt. Ein Heulen in letzter
Todesqual -- Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen -- obszne Scherze
-- krampfiges Gelchter -- betende Hilferufe, abgelst von starrem
Schweigen hinter zusammengebissenen Zhnen, whrend die Granaten in
ihren Reihen wteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers
lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrckt, den
Tornister zum Schutz auf den Nacken gerckt. Pltzlich fhlte er sich
erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken
-- erkannte, da er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der
explodierenden Geschosse. An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken
ein schweres Schnarchen anderer toderschpfter Mnner. Er -- Franz
Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte
-- nur einer von vielen -- vom Todesgrauen in Bleischlaf gestrzt --
wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf
schlaftrunken an seine Schulter drngte.

Als der Morgen dmmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stie
er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern,
sprang, schlich, strzte, sprang wieder in weiten Stzen, wie sie die
Sehnen nur leisten konnten, ber die glitschigen Lehmschollen, die
faulenden Bltter der Rbenfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder
springen mit dem schweren Tornister auf dem Rcken, das Gewehr mit
aufgepflanztem Bajonett schwingend, -- ja, wie sie brllten schrien,
tobten -- die Gesichter blaurot -- die Augen aus den Hhlen gequollen,
kein menschlicher Ausdruck mehr -- vom Blutrausch ergriffen, eine
Schar von Teufeln, von Vernichtern ... Und im Nebel auftauchend die
blutigroten Flecken der Franzosenhosen -- die feindlichen Gestalten,
die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenstrzten
-- im grauen klatschenden Regen ... Im Nahkampf sich packten mit
Fusten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette
sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfontnen spritzten in die
Lfte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den Hhlen -- die
Nase fllte sich mit dem Gestank des Todes ... Keiner -- nicht Freund
noch Feind -- mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden
-- nur noch ungeheure Gewalten, in wtender Wollust und grausiger
Umarmung gegeneinander ringend -- in jedem Blutstropfen nur noch das
Leben des Vaterlandes sprend...

-- -- Vernichtet, zerstampft mute sie werden, die feindliche Gewalt,
wie Hirnmasse und Schdeldecken zerstampft wurden in den grausamen
Kmpfen ... Rolfers raste, tobte, scho, schlug, haute um sich,
brllte und wrgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern.
Vernichtet mute sie werden, die franzsische Kultur, die er studiert,
zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge
auf Erden. Notwendigste Ergnzung des eigenen Besitzes war ihm
Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen ... Welch
ein wahnsinniger Traum...

-- -- Viele Nchte in Kellern oder zerschossenen Bauernhtten, wo man
in der nchsten Sekunde in Flammen eingehllt sein konnte, mit Gestank
und Ungeziefer, zwischen einer feindlichen Bevlkerung, von der man
sich aller Greuel und jeder Heimtcke zu versehen hatte. Ihm kam die
Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdrcken
zugute -- er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er
Hndel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur
gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Miverstndnissen
hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, faten
trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er
sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg ber alle diese
Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den
Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz
fhlte er nur: auch sie morden ja fr den einen gttlichen Begriff:
Vaterland -- Heimat!

Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie berall
sonst zwischen Menschen: er geno Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne
geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den
Kameraden verband, blieb eine khle Ferne zwischen Rolfers und den
Mannschaften. Das nderte sich auch nicht durch die brderliche
Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die
Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur,
die sich warm erschlieen konnte, oder die ffnung andrer Herzen zu
erwecken vermochte. Frher hatte er diesen Mangel schmerzlichst
beklagt, spter nahm er ihn als unabnderlichen Teil seines Wesens.
Drstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach
zu ihm, wie nur zu Auserwhlten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie
intimste Reize erschlo, den sie trunken machen konnte mit einem
Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete Rolfers, da
auch unter Offizieren wie Soldaten manche whrend dieses Feldzuges die
Rckkehr in den Zustand des wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen
Lust genossen. -- Wrde solche erstaunliche Vernderung Frchte tragen
in einem Frieden, der hchst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar
schien? ... Wrde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und
Empfindungen eine Neugestaltung berfeinerter Kultur bewirken knnen?
Oder wrde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb der
schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln Grnde,
die unter dem wachen Bewutsein schlummern, zurckgeworfen und dem
Vergessen berantwortet werden?

Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in migen Stunden nach.
Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich alles in
strmender Bewegung, in frchterlicher Aufwhlung von unmglichen
Gegenstzen, in denen zu jeder Stunde Rckflle in Barbarentum und
Tierheit mit den strahlendsten Beweisen hchsten Menschentums
zusammenstieen. Gleicherweise bei Freund und Feind.

In all den fremdartigen Lebensumstnden geleitete doch ein
tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers.
Gleich den Blutstrmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in
steter gleichmiger Ttigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder
zurck den Weg durch Lunge und Krper nahmen, ihn mit tausend
geheimnisvollen Krften nhrend, blieb der starke Strom seines
Kunstgefhls zu jeder Sekunde in ihm rege ttig. Ohne da die Gedanken
teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern
unaufhrlich getrnkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebrden
von Menschen, die gro, einfach und gewaltig waren, wie er nichts
hnliches frher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von
Pferden und Mnnern, die alles Glaubhafte weit hinter sich lieen,
wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetme von
Haubitzen eine Anhhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschtz, den
Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende
Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne
Ertragen wtenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen,
gegen die antike Masken von Kriegern gleichgltig wurden. Alles, alles
war zum uersten gesteigert: Ausbrche der Freude, der Wut, der
Liebe, der Frmmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden
aus Urschlnden und Abgrnden ferner Zeiten, da Mensch und Tier
begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnchte voll der
sesten Schnheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten,
Tnen, Dften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das
Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknpften,
da es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu
unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.

       *       *       *       *       *

Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal -- der
Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages
eine Schieerei in dem Gelnde stattgefunden, die Rothosen waren
berwltigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig
zurckgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos
vom Feind gesubert war. Man fand nichts Verdchtiges, kehrte,
vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurck. Der Offizier und
die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stck weit voran, als Rolfers
seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im
tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag.

Ein Toter oder Verwundeter, flsterte er seinem Nachbar zu.

Ach was, schnell vorwrts, murrte der. Wir verlieren den Anschlu,
und wer wei, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.

Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen
fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen
in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mtze vor und leuchtete mit
der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob
sich mhsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung
-- in demselben Moment krachte der Schu.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers -- er strzte wie ein Stck Vieh
quer ber den Franzosen.

       *       *       *       *       *

Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bume. Er bewegte den
Kopf, blickte aus nchster Nhe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen,
deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedchtnis
trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der
Mund war wie von einem mden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges,
feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.

Rolfers suchte sich zu erheben -- da packte ihn wtender Schmerz in
Arm und Schulter und atemlose Angst ... War's mglich, war's nur zu
denken, da das Schlimmste getragen werden mute?

Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen -- auf den starren
Krper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber
Bewutlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten ngsten. Bei
grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanittssoldaten, die von den
Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.

Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser
heimtckisch im Innern des Krpers platzenden Geschosse.

Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.

Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, da der Stabsarzt
begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch
zahllose mhselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu
entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mute. Die
wtenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten,
unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von
Hoffnung und Verzweiflung.

In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er
sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf
einem gefllten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lssigen Grazie,
die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde
Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe
Wange beschattet, ein lauernd grausames Lcheln um den roten
Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers
arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen
seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung
ben sollte, von der in den Schtzengrben mit wollstigem Vergngen
geredet wurde.

Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz
seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von berfeinerung und
Verruchtheit eines todgeweihten Volkes -- aber zugleich versank in ihm
die Hoffnung tiefer und tiefer, da er jemals wieder Stift und Pinsel
fhren knne.

Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung
eines groen Chirurgen in Berlin ausgefhrt werden. Der Lazarettzug
trug ihn mit vielen Leidensgefhrten durchs deutsche Land.

Einmal, whrend sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in
langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren
Fieberzustnden heraus, in denen die Dinge urpltzlich so
geheimnisvolle Bedeutungen annehmen knnen, einen Anblick, der ihn
grenzenlos erschtterte.

Auf dem Bahndamm, hoch ber dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau.
Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme
steil gen Himmel, faltete die Hnde und beugte sich tief, bis zur Erde
nieder.

Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Gre und Inbrunst
geschaut. Ihm war zumute, als gre in der Gestalt dieser Bauersfrau
Germania selbst ihre geopferten Shne.

Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fhlte sich mit
einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlnde des Todes
hinabsinken, gegrt von jener gttlich-hohen, inbrnstig-demtigen
Gebrde.

Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des
brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu
lassen.

       *       *       *       *       *

Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen
Wunsch, seine knftigen Tage hinschleppen zu mssen ... Konnte das
Pflicht sein? -- Unsinn!

Er hatte seine Pflicht geleistet, rcksichtslos, instinktiv, wie alle
Volksgenossen. -- -- Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz
Rolfers, an. Er war aus einem Stck der Allgemeinheit wieder zur
Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen
fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt
verlassen wrde, mute die Erlsungsstunde fr ihn kommen. Dies hatte
er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrckt
den Interessen der Kameraden.

Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten fr andere sich
hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstmmelten, das lag ihm nicht.
Er hate Heuchelei -- auch gegen sich selbst.

       *       *       *       *       *

Besuchsstunde. Neben den weien Betten, auf den kleinen Glastischen
Blumen oder Frchte: Trauben, Birnen, pfel auf Tellern, in braunen
Tten, weie Kstchen mit Konfekt, Marmeladetpfchen, Bcher und
Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen
Kinder, Frauen, Mtterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein
Lachen, Schwatzen, Scherzen erfllte den hohen Saal. Verstohlen
wischte hie und da eine Frauenhand niederstrzende Trnen von der
Wange. Ein altes Jngferchen, drftig gekleidet, mit einem lieben
Lcheln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit sem
roten Gelee und weier Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Fr
mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam
tglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten
sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen
rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhten durch das
bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten
Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weien Hubchen,
den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen
ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.

Alles in allem htte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben
knnen, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weien, von
heiterem Stimmenwirrwarr erfllten Saal ausgefochten wurde.

Rolfers tnten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine
Gefhle waren zwiespltig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und
opferwilligen Gte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher
bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz ber die Anmutlosigkeit
der Gebrden, der Erscheinungsform dieser Liebe, ber die Torheit der
Gesprche, die Zudringlichkeit der Wohltterinnen.

Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prfung seiner krankhaft
gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme
beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine
Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit mglichst wenig auf seine
Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, da eine
hbsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschftigung, riesige
Stcke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager pltzlich gestutzt
hatte und dann einen Schrei tat: Meister--! Ja, Meister Rolfers,
sind Sie's oder sind Sie's nicht? Und Berlin wei nicht, da Sie hier
liegen? Aber das ist ja unerhrt -- aber da mu ich doch gleich ...
Was kann ich nur fr Sie tun?

Nichts, gndige Frau, als zu schweigen! hatte Rolfers geantwortet.
Dies war freilich das strkste Verlangen, was man an die
liebenswrdige Schwtzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen
Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem
Lackschuh -- jede Berhrung seines Lagers verursachte ihm noch immer
unertrgliche Pein -- und hatte ihm versichert, da er ganz der Alte
geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben
drfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine berfhrung in das
Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit
haben wrde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere
Frsorge.

Rolfers sah, whrend die junge Frau so plauderte, auf den blaroten
Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen
waren, und der unter dem weien Schleier eigentmlich reizvoll
blhte. Es fiel ihm ein, da er diesen Mund einmal in der Nachtlaune
eines Knstlerfestes sehr lange und innig gekt hatte. Er dachte
daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im
Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Portrt gehabt.
Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wre
ihm auch das reiche Mdchen nicht unzugnglich gewesen, doch nach dem
Ku auf den blhenden blaroten Mund packte ihn pltzlich ein Grauen
vor all dieser wohlarrangierten Brgerlichkeit, und er hatte sich jh
zurckgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm
aufs freundlichste ihre Gaben. Wie vllig belanglos schien ihm auch
dies und jede Hoffnung, die sich daran knpfen mochte. -- Widerwrtige
Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu bentzen, um als
Krppel ber einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten
obzusiegen...

Der jungen Frau wurde mit einem hflichen Lcheln ablehnend gedankt
fr all ihre gtigen Plne. Als trotzdem am folgenden Tage eine
Fruchtschale und Rosen von wundervollster ppigkeit eintrafen, lie
Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht
wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestrkte ihn nur in
dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er fr solche Besuche
unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch
wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die
steigende Khle ihm gegenber mit Humor.

Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz
menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und
seine Persnlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurckgenommen
hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und
die nur durch Hand und Arm fr die Menschheit Wert gehabt, aus
selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich
wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kmmern, wie er auf
seine Umgebung wirken mochte.

       *       *       *       *       *

-- -- Frulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle,
Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen, hrte Rolfers
eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er --
oder tuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, da er die Stimme
gehrt hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen
ihm -- das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme
heller und frhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hren, und
leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung
verborgen die mittelgroe, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu
Bett ging, mit den Schsselchen, die sonst von dem alten Frulein
verteilt wurden.

-- -- Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt
... wie hbsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den
hellen Augen -- lieber Gott -- nun sah sie aus wie irgend jemand ...
farblos -- das war wohl heut die Formel fr sie...

Er fhlte nicht das mindeste Bedrfnis nach einer neuen
Erkennungsszene -- aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgltig,
und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn
es einmal nicht zu umgehen war.

Die Frau nherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: Das
tut mir nun leid -- fr Sie habe ich nichts mehr.

Der Herr liebt sowieso keine sen Speisen! bemerkte bissig eine
junge Pflegerin, die vorberlief.

Rolfers legte die Zeitung beiseite. Die Schwester hat recht -- machen
Sie sich also keine Sorge, sagte er hflich und hielt die Frau, die
an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen.
Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?

Es ist nichts Ernstes -- nur eine Erkltung, antwortete die Frau.
Ein Errten stieg ihr vom Hals hinauf, lief ber Wangen und Stirn.
Ihre Augen bekamen, whrend sie Rolfers anschauten, einen hilflosen
Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue
zu flchten versuchte. Trnen quollen empor, verhllten die
hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen
Schleier, bis sie langsam ber die Wangen niedertropften.

-- Ja, Martha, sagte der Mann sanft, so steht es nun mit mir.

Sie nahm hastig ihr Tuch und verhllte ihr Gesicht.

Komm, setze dich, es ist nicht gerade ntig, da die Menschen auf uns
merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm -- Es ist lieb, da
das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht
anders...

Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl,
den sie ein wenig von seinem Bette fortrckte. Sie blickte ihn mit
ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Rnder nun
leicht gertet waren, aufmerksam an. Hast du viel Schmerzen gehabt?
fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die
sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.

'... Sie ist alt geworden,' dachte er. 'Merkwrdig, wie schnell das
bei blonden Frauen geht. Wie die Zge sich verndern, alle festen
Formen verlieren.' -- -- Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,
sagte er laut. Aber das ist ja gleichgltig. Das Schlimmste ist
berstanden. -- -- Wie lebst du, Martha?

Wie immer -- ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein
Brot. Wird der Chef eingezogen, wei ich freilich nicht, wie es gehen
soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,
fgte sie eilig hinzu.

Und der Junge?

Ein groer Kerl -- schon in Obertertia.

Ich habe mich gefreut, da du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich
wchst er dir nicht zu sehr ber den Kopf, qult dich nicht...

O nein, entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen
begannen zu glnzen. Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge
und begabt! Hat fr alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer. Kaum
hrbar flsterte sie: Ich bin dir dankbar, da ich ihn aufs Gymnasium
schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!

Das ist doch nur selbstverstndlich! antwortete Rolfers ablehnend,
seine Brauen zogen sich zusammen.

Martha Lebus erhob sich sofort. Ich mu nun gehen, sagte sie scheu,
und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und
mitleiderweckend. Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?

Rolfers lchelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr
bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden
Frau.

Gewi, Martha, das ist hbsch. Komm nur!

Sie hatte seine Hand gefat, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie
zu drcken.

Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen
werde. Du findest mich allein, und wir knnen freier miteinander
plaudern. Lebe wohl, Martha.

Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal.
An der Tr blickte sie noch einmal zurck und nickte Rolfers zu. Er
grte mit der linken Hand.

Die Klingel tnte, die Besucher, mnnliche und weibliche, entfernten
sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam
das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der
Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltglichen
Ordnung zurck. Die meisten der Verwundeten waren mde von den
ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit
geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.

'... Es scheint, da ich noch einmal einen berblick ber mein
ganzes Leben bekommen soll,' dachte er. 'Ob ich sie auf der Strae
wiedererkannt htte? Arme kleine Martha -- Die Zeit ist doch grausam
gegen die Frauen' ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen
verstaubten Atelier hausten, die unmglichsten Gerichte auf dem
Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den
unmglichsten Wirtschaften nchtigten ... Die Winterabende, an denen
man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Kpfe hei
und die Kehlen trocken redete ber lauter Kunstfragen, die er heute
belchelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das
so schlicht an ihrer schlanken Mdchengestalt niederfiel, ging, von
all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehllt, hin und
wieder und legte Kohlen in das eiserne fchen, bis es rot glhte,
oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus
dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen
Bewegungen, die ihn unsglich rhrten. -- -- Wie vorsichtig sie
heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berhren...

       *       *       *       *       *

Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten
Ursache fr den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein
Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner
Entwicklung.

Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der
sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht
zurck zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet -- was er an
ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstrt
-- all das Armselige, Lcherliche einer Familienwirtschaft ohne Geld
... Es graute ihm davor. -- Er fhlte sich nicht im mindesten reif fr
die Pflichten eines Vaters.

Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es
gelassen und natrlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verstndigkeit
zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestrt, die ihn leicht ein
wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der
Dmon seiner Kunst herrschte immer strker ber ihn. -- Die
regelmigen Zahlungen fr den Jungen, die von ihm erhht wurden, als
er besser verdiente, lie er durch seinen Bankier bermitteln. Er
selbst wollte mglichst wenig und selten an diese Jugendepisode
gemahnt werden.

       *       *       *       *       *

Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die
er gerne hrte. -- Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, da sie
tglich am Nachmittag fr einige Stunden bei ihm war, Auftrge fr ihn
besorgte, Briefe fr ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand
ging. Sie tat dies alles in einer selbstverstndlichen schlichten
Weise, so da es ihm nicht in den Sinn gekommen wre, ihre Dienste
abzulehnen.

Sie nannte Richard oft und erzhlte diesen oder jenen Zug von dem
Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fhlen beschftigte
sich mit ihm. Rolfers hrte hflich zu, ohne wrmere Anteilnahme zu
zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht
einmal mitbringen drfe.

Die Frage berhrte ihn peinlich. -- Sein Sohn? -- Ein Stck seiner
eigenen Persnlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine
Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine berraschung
prgte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer
gewut, da da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter
sicherlich gut und tchtig erzogen wrde.

Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung.
Als er die traurige enttuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur
Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.

Martha -- Kind -- was hat es denn fr einen Sinn? Der Junge wird kaum
sehr freundliche Gefhle fr mich haben knnen.

Darum eben dachte ich ..., stotterte sie verlegen.

Ihr Frauen denkt immer, das Unmgliche geht -- weil ihr es wnscht.
Wozu den armen Kerl qulen mit unangenehmen Situationen? Ja, -- wenn
er nie von mir gehrt htte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um
sich bereits Gedanken ber seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht
-- desto besser fr ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?

Neugierig schon...

Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier
eines Buben zu befriedigen! sagte Rolfers schroff.

Martha lie das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett
bringen drfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich fr die Linke
zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lcheln zu beginnen.

'Jetzt htten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Trnen und
Vorwrfen,' dachte Rolfers. 'Ob das Leben sie so gleichgltig hat werden
lassen? -- Frher konnte sie doch genug Temperament aufweisen -- Oder
nennt man das nun weibliches Heldentum?'

Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn
ein Dmon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller
als sonst.

'So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel
verfolgt,' berlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen
die Gedanken ungestrt nach allen Seiten wandern und Umschau halten
konnten. 'Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich
bin hilflos, pflegebedrftig ... Sie sieht, da mir ihre Dienste nicht
unangenehm sind ... Wollte ich berhaupt leben -- warum dann nicht
ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft -- die
schlielich dieselben Wnsche und Plne haben wrde -- und ohne ihre
Berechtigung. Sie will mich einfangen -- zweifellos -- das Muttertier
kmpft fr ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden
hat -- tausendmal bewies sie es --, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit
einfach erwrgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege
steht!'

Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rhrung nach. Es war eine
gleichmtig-philosophische Rhrung.

Lieben kann sie mich kaum noch -- so wenig, wie ich sie noch liebe.
Das Aufflackern solcher Gefhle, die einmal ausgeschpft und ausgelebt
wurden, kommt wohl berhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite
wrde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu
befrchten sein...

Er fate noch einmal eine mgliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich
einen Tag, der noch zu leben sei -- ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den
tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen
Bestandteile und erkannte schaudernd, da fr solches im Jahre 365 mal
sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht
ausreichen wrde.

Wie in das Glck eines sen Betubungstrankes versanken seine Sinne
in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefllt mit
den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund
gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des
Vergehens ber die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach
Tod ergriff strker als jemals sein ganzes Wesen und lste seine
Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, splte sie gleichsam hinweg,
wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und
versplen, da der Boden glatt, wei, unberhrt daliegt, wie am ersten
Schpfungstag.

Als Franz Rolfers am nchsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis
aller Nachttrume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu
lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hlfte dessen, was die
wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte,
sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen
ein gut Teil in sich tragen mute, die Zukunft sichern, dem Jungen vor
allem die Mglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. -- Die andere
Hlfte wollte er zu jeweiligen Untersttzungen an junge Knstler von
Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen.
Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie
Kunst in diesen wilden Zeitluften ein ingrimmiges Lcheln nicht
unterdrcken konnte.

       *       *       *       *       *

Aus solchen Erwgungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie
das nchste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu
einem Beruf zeige.

Er wird Maler wie du, antwortete sie ohne sichtliche Freude oder
Abneigung.

Ein zeitgemer Plan, hhnte Rolfers. Waffenfabrikant soll er
werden. Etwas anderes wird in den nchsten fnfzig Jahren bei uns kaum
in Ehren stehen. Natrlich hast du dem Bengel die Kateridee
beigebracht?

Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet, sagte Martha.

Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: Ihr Frauen seid
unbegreifliche Geschpfe. Ich erinnere mich gut, da du meine Kunst im
Grunde immer hatest -- wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen
konntest. Bei Gelegenheit brach's doch durch. Ganz elementar. War ja
auch fr dich eine fragwrdige feindliche Macht. Wre ich einfacher
Brger gewesen, htte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben
handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von
sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm
vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte
Verstndigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwlf Jahr'?

Nein -- vierzehn, berichtigte sie mit zitterndem Munde.

Ach, so alt schon ...? Ja -- verzeih -- ich habe Tage und Jahre
niemals nachgezhlt! Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit
einem eigentmlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick
ernst und ruhig.

Wir wollten von dem Jungen sprechen, sagte er nach einer Weile khl.
Du hast mir neulich angedeutet, da er nicht gerade von liebevollen
Gefhlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht
verdenken kann.

Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,
verteidigte sich Martha.

Das traue ich dir zu. Aber der Junge mte doch ein Schlappinsky
erster Gte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Ha gegen mich htte
-- Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn
Bilder von mir?

Auer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei
uns hngt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie
zu gehen und die 'Dne im Sturm' zu sehen, die sie dort von dir
angekauft haben.

Ja -- dann verstehe ich aber noch weniger...

Er will auch gar nicht Maler werden. Er hat alle Knstler --
'verachtet' sie, wie er sich ausdrckt. Er hat ja nie einen gesehen
und gesprochen --, fgte sie mit einem kleinen Lachen ein ... Er
will Jura studieren und Rechtsanwalt werden -- weil er gehrt hat,
die verdienten unter den Juristen am meisten Geld...

So so -- also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.

Er will dir dann die Kosten fr seine Erziehung mit Zinsen
zurckgeben, hat er mir gesagt, antwortete die Mutter und reckte sich
in die Hhe.

Donnerwetter! Das ist ungewhnlich! rief Rolfers verblfft.

Er will dir nichts zu verdanken haben!

Famos -- famos! -- Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken
haben, was er mir nicht gut zurckgeben kann!

Ja, einen harten Willen hat er!

Also -- was ist's dann mit dem Gefasel von der Knstlerschaft?

Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden.
Ich mu dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du
wenigstens sehen!

Ja, tue das -- morgen! Der Junge interessiert mich nun doch, rief
Rolfers, und seine dunkeln Augen sprhten Feuer.

       *       *       *       *       *

Als Martha am folgenden Tage mit der ungefgen Mappe aus grauem
Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen auer
Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte,
statt des blau- und weigestreiften Lazarettanzuges hatte er die
feldgraue Uniform angelegt. Der rechte rmel hing lose herab. Das
Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes
erschien nur wie von ganz dnner wachsgelber Haut berzogen, unter der
jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in
einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flchtigem
Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lcheln auf den Lippen, ein
freundliches Glnzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in
braunen Schatten liegenden Augen.

Der Frau schossen die Trnen unter die Wimpern. Sie fhlte mit jher
Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger,
dem sie unpersnlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat --
der fr sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer
geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste
Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und kte sie.

Sie stand rot und hei und schmte sich, denn es war ja das
Unpassendste, was sie htte tun knnen. Doch verstand er sie, und
wenngleich das Lcheln von seinem Gesicht verschwand und es noch um
einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder
bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als
scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverstndliches.

Da hast du die Mappe, sagte er, das ist ja gut -- ich hatte beinahe
Furcht, der Bengel wrde sie nicht herausrcken.

Er wei gar nicht, da ich sie nahm.

So -- desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster
rcken, bitte -- da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich,
mir die Bltter zu geben. Danke -- ja -- so ist's gut. Das ist ja eine
Menge! Fleiig scheint er zu sein.

Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun
die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervs zitterten, vor ihn
hinlegte. Kohle- und Rtelzeichnungen, dann ausgefhrtere Aquarelle,
auch einige Versuche in l. Landschaftsstudien, ein einzelner
Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stckchen hrenfeld, ein
toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu
fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von
Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in
Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur
in ein paar Linien fr das Gedchtnis festgehalten.

Doll -- ganz doll, murmelte Rolfers ein paarmal. Was der Kerl
riskiert -- eine unverschmte Keckheit -- Er schttelte den Kopf,
hielt ein Blatt lange vor sich hin. Wieder mal recht kindlich --
Dieses hier ist milungen, -- das auch, -- das -- -- nee, wahrhaftig,
er fngt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich
innerlich gebost haben. -- -- Dies ist nun geradezu unglaublich--!
Dieser Sinn fr Raumverteilung -- Kstlich -- jetzt kommen wohl die
Schulzeichnungen? So 'n ganz andres Kaliber! Na ja -- hier schludert
er richtig und macht so was fr den Lehrer zurecht. #Ia#.
Selbstverstndlich! Schweinerei!

Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mhsam mit der Linken eine
#4b# neben die Schulnote.

Meinst du nicht auch, da er Talent hat? fragte Martha zaghaft.

Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.

Talent -- Talent hat heut jeder Lausejunge -- fragt sich, ob er den
Charakter hat, ein Knner zu werden!

Rolfers zog zwei Bltter aus den brigen hervor.

Donnerwetter -- was ist denn hier -- freie Phantasien ... Mit den
Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen
die Unterschriften: Der Schlafende --Der Erwachte. In khnen
krftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getnt,
zeigten sie eine ganz eigentmliche und persnliche Technik. Eine Bank
auf einer Anhhe unter einem Baum, der ungefhr eine Eiche vorstellen
mochte. Hier sa ein nackter Mann, einen alten ungefgen
Kavalleriesbel ber den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt,
in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbumen,
grnen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Drfchen im
Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen
kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen,
ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen,
Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft
verfinstert und wildverstrt, das Drfchen in gelb und roten Flammen,
die Obstbume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch
das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom
Sturm durchwhlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer
Silhouette mit mchtigem Schritt die Anhhe hinab, den Sbel gewaltig
schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme
nach ihm aus.

-- -- Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht? fragte
Rolfers lebhaft ... Das ist ja famos! die Gelstheit der Glieder im
Schlaf -- die Macht des Schreitens -- das ist einfach verblffend --
die Majestt der aufgereckten Haltung -- das soll erst mal einer von
uns lteren rauskriegen, was dem Bengel da geglckt ist ... Ha -- hier
kommen die Studien -- wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also --
die Badeanstalt!

Ja -- von dort kam er immer zu spt heim -- da hat er Stunden und
Stunden verhockt -- und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die
Sachen entdeckte.

Rolfers vertiefte sich mit zusammengefater Aufmerksamkeit in die
Skizzen.

Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. -- Na ja -- Anatomie
fehlt noch -- aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ...
merkwrdig -- hchst merkwrdig.

Pltzlich lehnte er sich zurck und lachte herzlich.

Der Bengel will Rechtsanwalt werden -- richtig so 'ne ausgeklgelte
Chose--! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander
bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwstung
ab!--------

Du -- schade eigentlich, da du ihm gesagt hast ... wte er nicht,
da ich sein Vater bin, -- den Kerl htte ich gern zum Schler gehabt
-- aus dem liee sich was machen ... Teufel ja -- das knnte mich
reizen...

Marthas Blick glitt ber ihn hin -- er fhlte ihn, sah auf, traf den
Ausdruck eines erschtterten Mitleids in ihren Zgen.

-- Ja -- du hast ja recht ... ich hatte vergessen...

Heftig stie er den Stuhl zurck, sprang auf, schritt mit starken
Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich pltzlich taumelnd auf
den Bettrand, wei, hohlugig -- mit gezerrten Zgen, wie ein
Sterbender anzuschauen.

Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nhe stand. Er
trank das Glas leer und belebte sich allmhlich wieder. Die Frau stand
neben ihm und strich ihm zaghaft trstend ber das Haar. Er lehnte den
Kopf an ihren Arm, schlo die Augen und murmelte: Wie gut du bist.
Aber geh jetzt -- ruf mir die Schwester -- ich mu mich hinlegen --
man ist ja zu nichts mehr ntze.

Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege...

Ach, Marthchen -- erholen ... wozu...?

Er starrte in Gedanken vor sich nieder, whrend sie die Bltter wieder
in die Mappe legte, die Bnder zuknpfte, ihren Hut aufsetzte, sich
still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.

Sag' dem Jungen vorlufig nichts davon, da ich die Zeichnungen
gesehen habe, sagte Rolfers, wenn sich's tun lt.

Gewi nicht -- obschon es ihn natrlich doch beglcken wrde -- aber
es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, da ich sie ohne sein Wissen
mitbrachte.

Sie lchelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.

Ich denke, den Vertrauensbruch knnen wir verantworten, sagte
Rolfers.

       *       *       *       *       *

Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und
Stille ausgefochten werden mute und zu keinem Siege, zu keiner
Klarheit fhrte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in
ihm, whrend er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefhl
der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf
sich geladen hatte. Darber kam er nicht hinweg. Er wute, da er im
gleichen Falle wieder genau so handeln wrde, wie er gehandelt hatte.
Aber das Wissen nahm das Schuldgefhl nicht von ihm. Zwei Mchte
rangen um seine Seele -- gleich an Kraft und gleich in ihrer
unerbittlichen Forderung an den Menschen, muten sie sich ewig
feindlich einander gegenberstehen: das Individuelle und das Soziale.
-- Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen
verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung
seiner einen persnlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen
gesndigt, hatte es tausendmal verneint -- weil er an die ewige
Herrlichkeit seiner Gttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ...
Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und
Schne hinaus ber alle Kriege, ber alle blutrnstigen
Zerfleischungen und Wahnsinnsanflle des Menschengeschlechtes -- war
sie nicht unvergnglicher als alle Vaterlnder und alle nationalen
Ideen? Die Staaten zerfielen -- die Rassen vernderten sich und
versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen
Forderungen und Idealen -- die Kunst lchelte ernst und heiter hinweg
ber sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind
begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs
neue zu erobern -- die selbe Welt, in der ihre hchsten Offenbarungen
rcksichtslos zerstampft und verwstet dem Sozialen zum Opfer fielen.

Rolfers wute, warum er sterben wollte: In seiner vlligen Opferung
sah er einzig die Shne fr eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen
mssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer
einzigen Idee -- der kann nicht mit zerklfteter Seele armselig dumpf
sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten
Krankenhaus, das angefllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen
Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der
ihn ganz verstanden htte. Wohl ihnen, da die soziale Kraft in ihnen
allen so bermchtig geworden war -- wie htten sie anders ihr
Riesenwerk vollbringen knnen? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers
unter ihnen wieder als der Einsame gefhlt, der er immer gewesen.

Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprht, der eine flchtige
leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem
andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach
heien oder nicht -- gleichviel -- da war ein Geschpf auf Erden, in
dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnckige Wille lebte, der
ihn erfllte -- ein Wille, den er aufstacheln, bewut machen, auf
dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. -- Und
das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch
geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glhend Eisen, das sich
tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bumte
sich auf gegen das Mitleid -- in sich sprte er ein wildes Tier, das
die Zhne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich
mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er
sie hate, weil sie seine Schwche gesehen hatte! Wie sich die Flamme
seines Lebenswillens von Minute zu Minute strker entfachte, wenn er
sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da -- da --
bei dem Knaben! Da war Shnung und neuer Beginn! Er ahnte, da in ihm
das Unvereinbare zu verknpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf
dem er nicht selbst ein Kmpfer in den ersten Reihen vorwrts
schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer -- Weiser --
Hter sein durfte -- desto eigensinniger sein Verlangen, das
Ungewohnte zu ertrotzen.

       *       *       *       *       *

Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, da Rolfers in
den nchsten Tagen entlassen wrde. Die Trennung stand vor der Tr,
schneller, als sie es erwartet hatte.

Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin? so fragte sie
beklommen, weil sie sich nicht strker ber seine Genesung zu freuen
vermochte.

In Berlin? Auf keinen Fall! antwortete Rolfers heftig. Sich hier
als Krppel anstaunen zu lassen -- nein, das wre das letzte, was ich
ertragen knnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Huschen --
dorthin will ich mich verkriechen. Es gehrte frher meinem Freunde
Ptsch. Du hast ihn doch auch gekannt -- den Ptsch, der die
Moorbilder malte -- immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht
weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du
nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht
weiter mit deiner Malerei. Na -- und daraufhin habe ich ihm die
Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram,
Bcher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar
hlt mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau
kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben.
Ja -- nun wollte ich dich bitten, den Brief an Ltjes zu schreiben,
sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorrte
anschaffen, damit wir's gemtlich finden, wenn wir hinkommen.

Martha blickte hastig auf.

Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich fr eine Weile zu
begleiten.

Aber der Junge?

Der kommt natrlich mit!

Er mu doch in die Schule!

In der nchsten Stadt ist ein Gymnasium. Ltje fhrt ihn hin, bis er
die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor mu in seinem
Alter sein. Die Jungens knnen sich zusammentun. Das wre kein
Hinderungsgrund.

Ja, das liee sich machen, antwortete Martha -- Nur...

-- Du hast mir neulich angedeutet, sagte Rolfers bedchtig, da
deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich mu jemand
haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschftlich immerfort etwas zu
erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische
Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas
hnliches gedacht?

Zuweilen habe ich daran gedacht, gestand die Frau zgernd.

Also! -- Ohne Verbindlichkeiten fr die Zukunft, so wenig von deiner
wie von meiner Seite.

Nein! rief Martha hastig. Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht
dazu entschlieen!

Sage mir offen deine Grnde -- wir reden ruhig darber.

Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschrnktes Leben ist
mir wert geworden. Ich mag's nicht aufgeben. Wie es war, war's
harmonisch -- friedlich.

Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Fr
Kampf bin ich nicht mehr gestimmt -- wenigstens nicht fr einen Kampf
mit dir!

Ach, Franz -- das sagt man so. Nachher ist's doch anders. Jeder will
etwas fr sich und der andre wei nichts davon und will das Gegenteil.
Und so qult man sich...

Wir mssen eben nicht zu viel wollen -- wir beiden Alten, sagte
Rolfers und lchelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig khl
und spttisch.

Mit dem Jungen ist's anders. Der soll nur wollen! Fr ihn fllt doch
manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung -- Ein frisches Stck
Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs...

Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,
antwortete Martha in glcklichem Mutterstolz.

Damit sprichst du sehr viel aus, Martha, sagte Rolfers. Ein
besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die grten
Pdagogen niemals angestrebt. Ich wnsche dir Glck dazu! -- Nun
wollen wir den Brief an Ltjes aufsetzen ... Es sind zwei hbsche
Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie fr dich und Richard
herrichten! Pa auf -- es gefllt dir, mal wieder auf dem Lande zu
sein!

Es wird mir schon gefallen, sagte Martha Lebus, und ber ihr Gesicht
verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.

       *       *       *       *       *

Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der
Abreise in Berlin statt. Sie begrten einander auf dem Bahnhof wie
zwei Fremde, die durch uere Zuflle gezwungen sind, miteinander zu
verkehren. Whrend der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der
hartnckig aus dem Fenster schaute. Er lie es ruhig geschehen, da
Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, Herr
Professor oder Herr Rolfers nannte. Es widerstrebte ihm durchaus,
Ansprche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine
Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gnzlich auer acht
gelassen hatte. Er htte auch kaum gewut, wie er Vaterwrde
darstellen sollte.

Zunchst enttuschte ihn Richards ueres ziemlich stark. Er hatte
unwillkrlich ein Abbild der eigenen Persnlichkeit erwartet, nur mit
dem Reiz der Jugend neugeschmckt --: eine schlanke geschmeidige
Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur
eben mittelgro, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch
ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der
etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute
Lcheln, das eigentmlich sonnig zuweilen ber sein stubenblasses
Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergngen,
da er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise
gefllig erwies. Das war ihm vorlufig wertvoller, als htte sich
Richard ihm gegenber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den
Stolz seiner Zurckhaltung.

Bei der langen Schlittenfahrt ber die sturmumsauste Landstrae und
spter durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschtzten
Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch
hufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm
gegenber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmtze ber
die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rcksitz das Gleichgewicht zu
halten suchte, und sich nicht rhrte, wenn dem Professor die
schtzende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft
werden mute. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig
hbschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen
htte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.

-- Ob das strrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in
diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zhen
Kampf wird's kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn
immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin wrde man auch wissen, ob
Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben wrde. Ehe man
nicht diese _eine_ von allen Gewiheiten mit sich nehmen konnte, eher
htte man doch nicht von hinnen gehen knnen.

       *       *       *       *       *

So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfes
gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten ber einen schmalen
Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von
hohem Heckengestrpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie
weie Blumen in dem drren Gest. Das Haus wagte keineswegs den
Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Ktnerhaus
mit einem hheren, mehrere gerumige Zimmer und eine Glasveranda
enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles berwuchs, verband die
beiden Gebude zu grner Einheit. Rolfers fhrte Martha in die fr sie
bestimmten Zimmer und ergtzte sich an ihrer durch Befangenheit
schimmernde Freude ber die hbschen, behaglich eingerichteten Rume.
Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und
streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen
Tannen, hohen Lebensbumen und immergrnen Stechpalmengebschen.
Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten,
buntgefleckten Stamm und die schngebaute Krone vornehm, ungehemmt in
die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen
Gemsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsumtem Weg durchschnitten.
Hinter der abschlieenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das
frhere Ktnerhaus barg nur die Kche und zwei Wohnrume fr das
Ehepaar Ltje. Vor seiner niederen Tr gab es noch einen uralten
moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall fr
das braune Pferd, fr ein paar Schweinchen, fr Hhner und Enten,
deren Zucht das besondere Ttigkeitsfeld der alten Frau mit dem
schwarzen Tuch um den weien Scheitel und dem winzigen Zpfchen am
Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, whrend Richard dort stand,
mit einem Napf voll Futter fr das Federvieh und nickte dem Jungen
freundlich zu, whrend er aufmerksam das eifrige Getmmel der Hennen
um die ausgestreuten Krner beobachtete. In der Scheune stand zwischen
Haferscken, Zaumzeug und Gartengertschaften ein leichtes
Sommerwgelchen. Ltje putzte den Schlitten, der sie von der
Bahnstation hergefhrt hatte.

-- -- Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu
einer bersiedelung in Rolfers' Haus zu bewegen. Sie mute sich
fragen, ob sie ihren Einflu auf ihn nicht bedeutend berschtzt habe.
Er war emprt und zrnte tief mit seiner Mutter, da sie hinter seinem
Rcken die alten Beziehungen wieder angeknpft und sogar gepflegt
hatte. Er nannte sie schwach und erbrmlich, von Rolfers auch nur ein
Stck Brot anzunehmen! Was--? sie sollten ihm so geradehin gehorchen,
dem Manne, der sie schmhlich verlassen hatte, nun er sie herrisch
wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte
sich frmlich an zornigen hhnischen Worten, -- seine Mutter hatte ihn
noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte
ja ein mchtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die
Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig
sei, und vor der jede, aber auch jede persnliche Empfindlichkeit zu
schweigen habe. Vor diesem Einwurf mute er verstummen, hier lag der
Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht lnger zu widersetzen.
Keinesfalls wollte er sich aber durch die grere Bequemlichkeit der
Lebensfhrung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche
Erbrmlichkeiten verfhren lassen, aus herber Abgeschlossenheit
herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa
einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. brigens
handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde
als lstiges Anhngsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich
emprend. Er beobachtete Rolfers mitrauisch, konnte aber nichts
andres bemerken als eine gleichmige Hflichkeit im Betragen gegen
die Mutter. Donnerwetter, wr's anders gewesen, er war zu manchem
fhig und htte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es
wrgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit
liebevoller Demut diente -- ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das
Fleisch zubereitete, das Obst schlte, den Wein einschenkte. Durch
diese innerliche Wut bestrkte Richard sich dann wieder recht in dem
Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die
ihm vorzglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, berhaupt nur
gerade soviel, wie er notdrftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde
ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren
gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit,
und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tchtig
zuzureden.

Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl lndlich
einfach, doch mit selbstverstndlichem knstlerischen Geschmack
eingerichtet waren und manches merkwrdige Stck an volkstmlichen
Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Bchern und
fremdlndischen Gegenstnden enthielten. Hundertmal wollte ihm eine
Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit
der Dinge ber die Lippen springen und er mute energisch die Zhne
zusammenbeien, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es
immer, wenn am frhen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die
altertmliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Ltje geschickt
wurde oder er selbst dahin strmte, die neuen Zeitungen zu holen, und
er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte ber all die
ungeheuren Taten, die drauen geschahen, sondern so stumm und abseits
stehen mute. Es war schon mit solchen Gelbden eine bittere Sache!

Dann wieder sagte er sich, da er sich mit dem Manne doch nie
verstehen wrde. Fr einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgltigkeit, die den
Jungen emprte. Er konnte, wenn bengstigende oder glorreiche
Nachrichten kamen, die gedruckten Bltter schweigsam beiseite legen
und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren.
Das war dem Jungen unheimlich.

Am liebsten trieb er sich drauen im Garten und Hof, in Stall und
Scheune herum. Da fand er eine hchst anziehende Welt. Mit dem alten
Ltje hatte er sich schnell angefreundet und lie sich von ihm nicht
nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Fttern und
Aufzumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem
Ziehbrunnen, schaute, von Mrchenschauern durchstrmt, in seine enge
dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glnzte, und lachte,
wenn der hohe ungefge Schwengel bewegt und die vor Alter
kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um
gefllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das
Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als kme es aus dem
geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trge etwas von Urkraft
in sich. -- Es war ihm tglich ein neues Entzcken, frh im Dunkelgrau
des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu
schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zgelfhrung zu
lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu
schnellster Gangart anzuspornen und mit einem khnen Bogen vor der
altertmlichen Wirtschaft des Stdtchens vorzufahren, wo die Liese
untergestellt wurde, whrend er selbst sich den Wissenschaften
zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten
Wissenswrdige von allen guten Dingen der Erde dnkten. Auch die
Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas
hinterhltigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzershne
wute er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit
voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverstndlich schien, so
begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rcken die Kpfe
zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was
ihnen Altgewohntes war, und es nun pltzlich von einer ganz andern
Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar
vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte,
wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken
stehen und den gefleckten Khen nachschauen, die am Morgen durch
die stillen Stadtstraen getrieben wurden, und darber den
Schulanfang versumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den
Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rssel whlen. Er
starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten
Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, da
der Alte verlegen und gergert sich brummend umwandte, als knne
dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf
unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der
Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergrnden, die nicht jeder
zu wissen brauchte.

       *       *       *       *       *

Rolfers hrte im Nebenzimmer oft mit Vergngen auf die frische Stimme,
die so bersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen
unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und
Kurioses begegnet war. Er htete sich, die beiden durch sein
Erscheinen zu jhem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedrfnis, viel
allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch hufig plagten, mit sich
selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben,
ohne seine strende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden.
Das mute wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige
Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu
anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.

Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefhlsseligkeit hatte, bewegte es
dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen
Geschftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am
wenigsten in dieser Gegend zur Hflichkeit neigen, beim Anblick seines
leer niederhngenden rmels mit linkischer Ehrfurcht die Mtzen zogen.
Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorberging, oder
sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tr, ein Gatter zu ffnen. Frauen
traten nher, fragten, wo er sich das geholt -- und Ihrer sei auch
dabei, und wann er meine, da der Friede kme, als habe die Tatsache
seiner Verwundung gengt, ihn mit hellseherischen Krften auszursten.
Andre brachten ihm die letzten pfel, die ersten frischen Eier ins
Haus oder ein altes Huhn zu einer krftigen Fleischbrhe. Rolfers
hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt -- er hatte vor
allem frei und unbelstigt in seinem Huschen leben wollen -- er wute
auch jetzt gut genug, da diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit
kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der
Dankbarkeit gegen die Schtzer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch
taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen,
die um ihn her unter den alten grnbemoosten hohen Strohdchern
wohnten. Sein Gru wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst
stehen, mit den Alten, die auch die Shne an der Front hatten, eine
Zwiesprache anzuknpfen, nach Briefen zu fragen, Erklrungen zu geben,
soweit er es vermochte, Nachforschungen ber Verwundete und Vermite
in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fhlte er sich
unter Freunden, und es bedrckte ihn nachgerade mit einer
unertrglichen Spannung, da der eigene Sohn in ihm nur den Feind zu
sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und
kaltes Wesen, was ihn bekmmerte, sondern vielmehr die Unfhigkeit des
Jungen, sich aus dem Persnlichen zu einer hheren und strkeren
Anschauungswelt aufzuschwingen.

Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer
Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das
Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem
hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die
Angelegenheit lngst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder
in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst
seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch bersandt. Er
ging hinber in das gemeinsame Ezimmer, wo er Martha und Richard
hrte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm
das schwarzweie Bndchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wute er
genau, er tat dies nur fr den Knaben.

Richard kam nher, nahm das Kreuz, whrend es auf dem Tisch lag, in
die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann
wieder hin, warf einen scheuen glnzenden Seitenblick auf Rolfers und
beschftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.

Du bist doch ein rechter Stoffel, schalt Martha. Kannst du nicht
dem Onkel Glck wnschen? Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung fr
die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.

Na, das hat doch beinahe jeder, knurrte der Junge als Antwort. Was
ist denn da weiter dabei!

Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein -- ich mu mich ja fr
dich schmen, rief die Mutter und hatte Trnen in der Stimme.

La nur Martha, sagte Rolfers ruhig. Er hat ja ganz recht. Es ist
wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, da man seine
Pflicht getan hat. Man hat noch andre.

Richard zog die Mundwinkel verchtlich herab. Er hatte sicher
erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers' Mund ber das Eiserne Kreuz
zu hren, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es
krnkte ihn, da nun nichts dergleichen kam.

Der Kerl hat natrlich nicht das mindeste patriotische Gefhl, so
ging es durch des Knaben Hirn. Pfui, wie widerwrtig ist mir diese
herablassende Klte!

Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Ltje, die Tr mit
betrchtlichem Knall zuschlagend.

Rolfers trat neben die Mutter und strich leise ber ihr Haar. Es war
die erste sanfte Berhrung, seit sie zusammen hausten.

Geduld, Kind, sagte er. Schnell gehen solche Eroberungen niemals.
Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefat
gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den
Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.

Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem
Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Flle von
Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blte
kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befrchtungen.
War es nicht tausendmal gemtlicher gewesen, als sie und ihr Junge in
der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung frhlich hausten und sich
lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung
dem Manne -- und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben -- gebracht hatte,
nun fr Frchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu
erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten,
was sie fr Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er
schien sehr gengsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in
der langen Zeit ihrer Trennung.

-- -- Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau,
gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rcksichten zu nehmen
hatte? Demtigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine
Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rckhaltlos mit ihr
ber alle seine geschftlichen und pekuniren Angelegenheiten. Aber
daneben bte er sich doch fortwhrend im Schreiben mit der linken
Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem
geliebten Wesen endlich die erwnschten Nachrichten von sich selbst
ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?

Hatte er in dem hbschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem
sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche
Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wute davon ... die weihaarige
Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Kche mit dem Geschirr
klapperte, htte ihr Auskunft geben knnen. Aber es wre Martha Lebus
eine Unmglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers' Leben in
der Zwischenzeit, seitdem er sie verlie, gehrte ihm, -- wie ihr das
ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Mnner ihr nahegetreten
waren. Es krnkte Martha, da er davon nichts wissen wollte. Warum
eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn
es ihm gleichgltig war?

       *       *       *       *       *

Im Oberstock des Hauses hatte schon der frhere Besitzer ein
gerumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es
verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die
Treppe, die nach oben fhrte, betreten.

Eines Nachmittags in der Schneedmmerung brachte der Fuhrmann zwei
Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung
zurckgesandt wurden. Ltje schleppte sie hinauf und rief Richard zu,
sich den Schlssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und
ihm die Tre zu ffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters
-- zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Knstlers.

Ltje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen? fragte Martha.

Nee, der Richard ist noch oben!

Mein Gott -- so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt
er keinen Unfug an! rief sie besorgt.

Nee -- Unfug macht er nich -- der guckt sich blo die Bilder an,
brummte Ltje.

La ihn, entschied Rolfers.

Er kann ja gar nichts mehr sehen -- willst du nicht doch
hinaufgehen?

Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in
den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.

Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tr zu
gehen und hinauszurufen:

Richard, wo steckst du? Komm zu mir!

Rolfers schttelte den Kopf.

Knnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck fr
einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen -- und gnnst ihm das
nicht...

Ich ngstige mich, er knnte etwas fallen lassen oder verderben...

Und wenn schon -- was liegt daran ... Sehen mchte ich ihn -- sein
Gesicht -- wie er da herum geistert...

Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die
Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerhrt. Sonst hatte
ihr Richard stets gehorcht...

Nach einer Weile hrten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen,
durch den Flur schleichen, die Haustre aufklinken.

Er sollte doch zum Tee kommen, bemerkte die Mutter.

Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen -- la ihn laufen, er soll
mit sich allein sein. Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und
blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich,
um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder
ins Zimmer zurckschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezndet
hatte, glnzten seine Zge warm und freudig.

-- Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein
Museum kam -- meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die
Stadt und ging mit mir hinein! -- Wie besoffen bin ich vier Tage lang
herumgelaufen -- kriegte Tadel ber Tadel in der Schule, weil ich
nicht aufpate -- ja -- ich wei noch -- ein kolossaler Schinken von
Rubens mit so 'nem springenden Lwenbiest und einer fetten
Frauensperson -- der berwltigte mich ganz und gar -- jetzt finde ich
ihn scheulich -- es war einfach die Kraft, die ppigkeit, die mich da
so anschrie... Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine
Jugenderinnerungen vertiefte. Damals ging mir's zuerst auf, da ich
Maler werden msse...

Martha fragte weiter und lie sich erzhlen, whrend sie ihn mit Tee
versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre
liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet -- es geschah
schon frher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders
guter Stimmung. Pltzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder
unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit
schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen
Rauchdunst eingehllt, und trumte von unwiederbringlichem Glck
ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem
Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hrte, stiegen
Farben empor, fgten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als
Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie
zusammen zu Entwrfen. -- -- Rolfers blickte ihnen nach, wie sie
entstanden und mhlich zerrannen...

       *       *       *       *       *

Der Professor gab Ltje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach
dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard:

Die Bilder mssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst
nachher mit hinaufkommen und mir helfen.

Das Gesprch beschrnkte sich auch oben in dem verstaubten, mit
Skizzen, Zeichnungen behngten, mit beiseite gestellten Leinwnden,
mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien
vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab.
Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an
den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick fr alle
Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung
schrie.

Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hie er ihn, es auf
eine Staffelei stellen.

Das ist unser Moor, sagte der Junge erfreut.

Woran erkennst du's?

Nu -- hier doch, die groe Eberesche und der Torfgraben. Das mu fein
sein, wenn die Heide so blht.

-- -- Ja -- von einer tollen Farbigkeit -- das Braun des Bodens steht
famos zu dem Purpur der Bltenflche. In manchem Jahr ist sie auch
blasser -- lila -- Die Lufttne sind hier immer so schwer und satt --

Das mchte ich sehen ..., rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an
dem Bilde hingen.

Wirst du schon mit der Zeit.

Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme -- in dem Huschen, wo
das viele Moos auf dem Dache wchst -- der sitzt immer so dsig vor
der Tr...

Ja -- dsig ist er -- hat 'en Blick wie ein altes Tier, das eben aus
'm Moor rausgekrochen ist. Warte mal, -- irgendwo mssen hier herum
die Studien zu dem Bild sein -- daraus kannst du sehen, wie so was
wird.

Der Junge stand verlegen, whrend Rolfers in den Mappen bltterte.
Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den groen Tisch zu tragen.
Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus -- erklrte, sprach ber seine
Plne, Versuche, errterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie,
ber Raumverteilung und Perspektive -- ber knstlerische Abgrenzung
als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, da er einen Knaben
vor sich hatte, dem das alles bhmische Drfer sein muten. Er redete
geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von
herangewachsenen Akademieschlern gesprochen haben wrde. Dabei ging
er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausfhrungen an dem
Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnflligen
Beispielen.

Interessierst du dich eigentlich fr diese Dinge? fragte er, sich
unterbrechend.

Der Junge nickte eifrig.

Rolfers lchelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen
haben knnen -- wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und
Zrtlichkeit, seine Umarmung, seine Ksse erwartend. Sonderbar, wie
tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden...

Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben
hrte, scheu und heiser vor Erregung:

Ich mchte Ihnen mal was zeigen -- na -- es ist nischt -- ich wei
schon...

Also -- hol's und dann werden wir sehen!

Er scho unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorber: Du --
er will meine Skizzen sehen...

Sie sah die leuchtende Geistesschnheit, die das junge Gesicht
durchglhte -- nein so -- so hatte sie ihren Jungen nie vorher
geschaut.

Ein Schmerz, der sie vllig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis
in die Fingerspitzen.

Warum lie ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie
voller Ha.

       *       *       *       *       *

Nun wurde Richard der Schler seines Vaters. Der war ihm ein harter
Lehrer. Oft htte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber
vertrumt, verbummelt, wre ziellos im Dorf und in der Umgegend
herumgestreift. Das gab's nicht mehr. Die karge Zeit, die von den
Schulpflichten brigblieb, mute ausgentzt werden. Das Schlimmste fr
Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten,
Pinsel und Farben beiseite lassen -- nur zeichnen, mit Kohle, mit
Rtel, mit Bleistift -- aber immer nur zeichnen. Das fand er
demtigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf
und bereute oft genug, da er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen
lie. Es war ein liebes Trumen und Versuchen gewesen bisher, ein
Ausfllen von Muestunden. Was arbeiten heien wollte, lernte er jetzt
erst.

Beim Durchblttern seiner frheren Skizzen hatte er eines Tages die
mhselig hingekritzelte 4 auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt
und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine
Arbeiten also schon frher gesehen ... Na ja -- die Mutter hatte es
wohl nicht lassen knnen, mit ihm zu renommieren.

Aber wie war denn das -- sollte etwa doch das Interesse an seinen, an
Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine
Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre
Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung
des Professors: Merke dir eins, mein Junge -- beleidigen knnen mich
deine Ungezogenheiten gar nicht--! Es kommt weder auf dich noch auf
mich bei unserm Zusammenleben an -- sondern nur deine Ausbildung ist
von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche -- nicht der
einzelne Mensch und seine Gefhle oder Stimmungen!

Solche Aussprche rgerten Richard wtend und er nahm sich dann erst
recht vor, seinen Ha und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen
Herzenskammer sorgfltig aufzuheben.

Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum
eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er,
Richard, doch nie ein Meister werden wrde.

Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht
zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen
von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit -- machte
ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten --
manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie
es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente
sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen,
an der Nachlssigkeit gegenber dem Handwerklichen. Er konnte
hinreiend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hrte Richard ihm
mit glhendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in
ihm auf.

Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch
einmal mit Schnee und Frost bers Land gekommen war, saen sie mit
Mappen und Blttern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so
heftig durch die groen Atelierfenster gepfiffen hatte, da sie beide
vor Klte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte
Torfstcke in den groen Kachelofen oder strickte graue
Soldatenstrmpfe, die Beschftigung aller deutschen Frauen und
Mdchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu mssen im
feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wnde
drang, und mit den Musen, die ihr ber die Fe liefen. Sonst hatte
sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche,
das Gesprch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer
fhlte, heftig und nachdrcklich zurck. Martha wurde innerlich
erschttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, da
Richard rcksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja
geradezu den Ton des Professors nach. brigens tuschte sie sich,
Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter
ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es
wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und htschelte, wie
man ein kleines schwaches Kindchen htschelt. Er hatte schon frh
diesen mnnlich behtenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein
wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so
deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Frher war in ihr nur
Rhrung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft
bitteren rger.

So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige
Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder
bers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: Was lacht ihr? und
Richard sagte verschmitzt: Ach, Mutti, das ist nur was fr Mnner!

Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, da Rolfers Sinn hatte fr
Schulgeschichten mit derber und meistens unanstndiger Pointe. Wenn er
sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzhlte -- und das konnte er gut,
dafr hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens
sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschtten. Es
brachte ihn ihm bedeutend nher. Er war doch ein feiner Kerl.

Auch ber Mdels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert
mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner
Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch
bestnden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverndert und
es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der
Schmuddelige, Gutmtige, mit dem man Ulk trieb, bis er wtend wurde
und mit den Fusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante,
der lcherliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen
spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem
man Respekt hatte. Alles war noch wie frher. Nur gehauen wurde in des
Professors Jugend mehr. Es war ein alltgliches Vorkommnis, da man
sich feste Lehrbcher einknpfte in die Buxen, bergelegt wurde und
mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine groe Geschichte und
kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit verga. Aber
Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und
manche trieben's widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte
sich nicht viel aus den Mdels.

Es wird noch kommen, trstete der Professor. Aber es wird nie die
Hauptsache fr dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer
nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgnge ... Das
Wirkliche bleibt fr uns immer nur die Kunst.

ber das Wort mute Richard viel nachdenken. Unsereinem -- hatte der
Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.

Aber dann stie er sich ... Durchgnge--? War auf diesem Wege
vielleicht die Erklrung zu finden fr die Weise, wie Rolfers seiner
Mutter gegenber gehandelt hatte--? Seit Richard ihn kannte, schien
ihm das Problem immer unbegreiflicher.

-- Durchgnge -- und das Wirkliche nur die Kunst?--

Nein, hier emprte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er
nicht auszudenken wagte: als habe eine gttliche Macht das zertretene
Menschliche an dem unglcklichen Manne gercht.

       *       *       *       *       *

In den frhen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der
Schule das Frhstck zurechtmachte, whrend Rolfers noch schlief, da
konnte es geschehen, da eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die
sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers' Ansichten
angriff -- ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben
sich gelten lassen wollte -- der bedeutend sei -- wer htte das
bezweifeln knnen -- aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt
trauen drfe.

Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit
rieb sich an des ltern Zersetzungslust. Dann kten Mutter und Sohn
sich zum Abschied wrmer als sonst und fhlten sich aufs neue froh
vereint. Die Frau berkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust
das Bewutsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein
auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem
Schicksal ausfechten mute.

Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt
wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine
heimliche Schuld an ihm zu shnen.

In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor ber
die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers fr Richards Leistungen in
der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, da er dem Jungen
Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den
Sonntagmorgen frei hatte, da er ihm franzsische bersetzungen und
mathematische Lsungen einfach diktierte und sich mit ihm ber die
Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, da er Richard
geradezu aufgefordert und mit tausend Grnden ermuntert habe, nur das
Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen,
nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das fr ihn nur
Zeitvergeudung bedeuten wrde. Solche leichtsinnigen uerungen mten
schdlich auf den Jungen einwirken, und sie msse ihn dringend bitten,
sie zu unterlassen. Sie habe fr Richards Zukunft als Mutter die
Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige
innere Gereiztheit fand ihre Entladung.

Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es
ausgesprochen habe, da in dem Jungen ein Knstler stecke.

Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren
Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt knne er sicherer auf
Brot und Verdienst rechnen.

Worauf Rolfers ein lautes krftiges Gelchter anstimmte und meinte,
das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Knstler sei immer auf
irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob
ein Mensch dies nun auf sich nehmen msse, darber entscheide nicht
Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine hhere
Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als da sie eben
auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus
ihrem Munde so gefallen wie jenes: Ich sagte nicht, er will Maler
werden, sondern er wird es. Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die
ihr einmal gekommen, nicht durch nachtrgliches kleinliches Sorgen
wieder zuschanden machen.

Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard spter
regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur
gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers'
kaustischen Hohn ber die Akademien als die Brutsttten aller
Mittelmigkeiten -- eine berzeugung, die ihm von seiner kurzen
Lehrttigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.

Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf
nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm
zu machen, der seinen Vater tchtig berflgeln kann und ein
wirklicher Gewinn fr die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst
mir nicht dazwischen pfuschen, Martha -- das erwarte ich von dir. Merk
dir's, Kind.

Nannte Rolfers sie Kind, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz,
tausend Erinnerungen, se und traurige, fielen ber sie her und
machten sie schwach, so da sie nur den Kopf schtteln und die Lider
senken konnte, damit er die Trnen, die darunter brannten, nicht
bemerkte.

       *       *       *       *       *

Der Frhling kam spt und sprlich. Es war, als scheue er sich, seine
friedevolle Blumenschne hineinzuwerfen in all das Morden, Wrgen und
Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die
Hohlwege um Rolfers' Haus zwischen dem drren Heckengest waren eine
unergrndliche Schlammasse, oder ein jher Frost lie sie glashart
erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte
in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.

Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht
gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrn quollen die
Moosflecke auf den Stmmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem
Farngekrut, aus den faulenden Blttern der Weibuchen. Efeu und
Waldrebe bildeten ein zhes nasses Gespinst, das Luft und Licht von
der Tiefe abhielt. berall glitschte der Fu auf Schlpfrigem aus.

Vor einem nicht hohen, aber steil niederstrzenden Abhang blieb der
Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm,
den Schwindel zu berwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er
seine Kraft berschtzt. Es war lcherlich -- erbrmlich -- aber er
wute, da er da nicht hinunter kommen wrde, mit diesem Gefhl von
Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwhrend
anzukmpfen hatte.

Sie sind mde, sagte der Junge. Legen Sie doch die Hand auf meine
Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht
ausrutsche.

Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten.
Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der
junge Fhrer den bsen Weg hinab. Unten kamen sie in einen
Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr drres Laub, ihre ste
knarrten und sthnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase.
Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Tne, als jammerten verfolgte
Menschen in groer Qual.

So denk' ich mir die Argonnen, rief Richard atemlos. Donnerwetter,
wenn man sich vorstellt, da es so von allen Seiten kracht und
prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt drrer
Zweige.

Und man tritt in Leichen, statt in faulende Bltter. Nein, Junge, man
kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,
grollte Rolfers' Stimme. Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen
die finsteren Moorwlder dort. Und die Angriffe nachts in der
rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man
nicht wei, hat man Freund oder Feind im Griff der Fuste -- man
ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von
Schlachtenbildern gesehen hat -- was man von frheren Kriegen in der
Schule gelernt hat -- alles kindischer lcherlicher Kitsch gegen die
Greuel von heute. Junge -- fr's Vaterland sterben -- das klingt ...
Aber in so einem Mordwald liegenbleiben -- von den Weiterstrmenden
vergessen -- und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bumen
herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab -- jeden
Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach
dem eigenen Messer -- kann nicht dazu -- kann nicht ... liegt wehrlos
da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glcklich vorber
sind, der Durst, der wie die Hlle ist, der Hunger, das Rasen in den
Eingeweiden, die Angst -- und das kleine Viehzeug, was sich nun leise
scheulich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was
unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als
das Sterben frs Vaterland--

Richards Augen glhten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm
sprach. -- Er -- er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so
objektiv erzhlte. Es whlte in des Jungen Zgen, es ri wie Schmerz
und Lust an seinem Herzen. Sein glnzender Blick hing voll scheuer
Andacht an dem leeren rmel -- dort waren die Wunden, in denen die
Wrmer gehaust -- er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling
der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene
stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis
ber das schne weie qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fhlte den
Krieg -- fhlte jh geoffenbart sein Entsetzen...

Rolfers' Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des
Knaben blasses Gesicht und seine Erschtterung bemerkte, was
vollfhre ich fr ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen...

Komm weiter, brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben
geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am
Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. ber den Himmel
jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder
gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die
sie trieben. Dazwischen glnzte hartes helles Blau -- die Landschaft
leuchtete in einem jhen Licht weit hinaus, in starken kindlichen
Farben: die blankgrne Wintersaat, die fetten schwarzen
frischgebrochenen cker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen
Pflug mit hageren Gulen, die gleich ihm daheim geblieben, ber die
Breite fhrte. Und die sprieenden Moorwiesen, auf denen schon die
schwarz-weien Khe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre
Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefge grn- und
braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische
Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachskpfige Kinder
spielend mit dem klffenden Hndchen. Alles voll Heiterkeit und
blitzendem Frohsinn.

Rolfers lie seine Augen schweifen: Dafr lohnte sich's schon, sagte
er. Sieh, Richard, da so was erhalten bleibt -- still und friedlich
bleibt -- die Kinder spielen drfen -- das Hndchen klffen, die alte
Hexe in der Sonne sitzen kann -- und die Felder so frhlich blaugrn
sich breiten -- darum heit es: frs Vaterland sterben!

Der Junge nickte stumm. Eine groe Wolke fuhr herber, nahm pltzlich
allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, lie nur den Kampf
des Grau mit dem Grau. Er mute seine Mtze packen, damit sie ihm
nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer strker werdenden Sturm
kmpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in
einer weichhingedehnten schnen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers
berlegte einen Augenblick. Wir knnen hier noch ein Stckchen weiter
gehen und ich zeige dir unser Schlo, einen famosen alten Barockbau.
Der Graf wird im Felde sein und die Grfin in Hamburg. Ich denke, wir
knnen es ungestrt besichtigen.

-- -- 'Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile
ausruhen', dachte er dabei, denn es schien ihm unertrglich, den
Jungen noch einmal seine Erschpfung merken zu lassen.

Hast du schon einmal ein Schlo gesehen? fragte er unterwegs.

Das vom Kaiser in Berlin!

Na ja, natrlich, ich meine so ein feines Landschlo. Die gehren
auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhtten. Sollst
schon sehen, wird dir gefallen.

Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schne Baumgruppen
gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel
jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren
ungeschickten Sprngen begeisterten. Der Htejunge zog die schmierige
Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter
Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf
dem das graue Schlchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und
der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen
und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grnen Hintergrund bilden.
Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebude um einen
lnglichen Hof.

Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die
Karyatiden, die das Wappen ber dem Portale trugen, und die
geflgelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem
Parterrefenster und grte.

Sind Nachrichten vom Grafen da? fragte Rolfers.

Ja, es geht ihm gut. Aber der jngste Bruder des Herrn ist gefallen.
Die Grfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?

Nein -- im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die
Herrschaften in Hamburg.

Sie sind gestern erst zurckgekehrt. -- Die Frau Grfin wrde sich
gewi freuen!

Ich spreche in den nchsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.
Rolfers lftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee
weiter. Der Junge trat zwischen die Bume und blickte noch einmal
zurck auf die weite Wiese.

Das mchte ich malen -- -- die komischen kleinen Viecher auf dem
Grn...

Versuch's -- geh morgen nachmittag her.

Sehen Sie mal -- die Bume sind schon anders als im Winter -- so viel
dunkler und voller Saft...

Ja -- ich mochte den Vorfrhling auch immer gern. Er ist bedeutend
malerischer als das volle Blhen. Zeichne mal eine Studie von dem
Gest. Das ist wie Schmiedeeisen. -- Na -- da laufen wir der Grfin
doch in die Arme.

Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und
nherten sich ihnen.

Rolfers sah lachend auf den Jungen: Mach' kein so verstrtes Gesicht,
sie fressen dich nicht.

Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrte sie. Richard hatte
sich Grfinnen anders vorgestellt. Die Jngere trug einen grauen
Lodenmantel ber dem Trauerkleid und einen ziemlich schbigen
schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den
Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschrzt, die Fe in derben
Lederstiefeln. Trotz des lndlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm
aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor
sprachen, war sehr herzlich -- es muten gute alte Bekannte sein. Die
junge Grfin sagte, sie habe gestern erst gehrt, da er zurck sei
und schwer verwundet -- und habe bereits zum nchsten Morgen den Wagen
bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so
tapfer marschierend zu finden. Er msse mit seinem jungen Gast zu
ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn spter nach Haus
fahren lassen, denn er drfe sich durchaus nicht beranstrengen.

Rolfers zgerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und
fragte mit der freien Liebenswrdigkeit, die zuweilen an den Damen der
groen Welt so bezaubernd wirken kann: Nicht wahr, du bist auch
meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen
ist, mu er sich strken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den
magst du doch?

Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Fllen
auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.

Mein Schler, stellte Rolfers ihn nun vor, und die Grfin rief
lebhaft: Ja, verzeihen Sie, da ich Sie du nannte -- Sie sehen noch
so jung aus...

Das ist er auch noch -- vorlufig nichts weiter als ein Schulbub.

Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurck, der Professor zwischen den
beiden Damen -- sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von
dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege
berhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er
verwunderte sich, da die alte Dame nicht weinte, whrend sie von
ihrem jngsten Sohn sprach -- er war noch nicht neunzehn Jahre alt
gewesen -- ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden
Ausdruck, ihr Mund lchelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her.
Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes -- ber den
Kummer hinaus erhaben.

Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wnden schne
gebauchte Rokokokommoden mit Meiner Porzellanfiguren standen, man
sa auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen.
Die Grfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel
Silbergeschirr und eierschalendnnen Tchen besetzt war. Nachdem der
alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid
heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre
Gestalt war.

Richard fand sich pltzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber
zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, da
Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden
und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen
sprach.

Sie mssen oft zu uns kommen, lieber Professor, sagte die jngere
Grfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur
Tr das Geleit gab. Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen
wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind
fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und
Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswrdig, aber dann
bricht sie zuweilen doch zusammen.

Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Grfin
reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schttelte. Ihren
jungen Schler bringen Sie aber mit, sagte sie, dem Knaben herzlich
zulchelnd, das heit, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt.
Aber wir haben ja Bcher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher
interessieren werden.

Richard wurde aufs neue sehr rot, whrend er die Aussicht,
wiederkommen zu drfen, als etwas Entzckendes empfand, erschrak er
zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch
gezwungen sein wrde, bengstigten ihn.

Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Grfin bestellt
hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen,
begann der Professor auch schon: Wenn die Grfin dir die Hand reicht,
hast du sie zu kssen -- nicht mit einem heftigen Schmatz -- sondern
nur mit einem leisen Berhren der Lippen. brigens knntest du dir
auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon lngst
einmal sagen.

Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Ngel poliert, brummte
Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.

Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Krper pflegt. Das
gehrt einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du
noch so ziemlich alles zu lernen.

Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin, sagte Richard
ungezogen.

Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard
aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft--? Na, es ist
schon gut so, hlich und plump wie ich bin -- ein feiner Herr wie er
werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schne kraftvoll
beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fhlte jh den
Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heier Bewunderung
schlug ber sein Herz.

Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, strzte er eifrig zu
seiner Mutter herein.

Du -- drauen steht ein Diener vom Schlo mit einem groen Korb fr
den Professor.

Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mrrisch, unzufrieden. Schon am
vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine
Erzhlung von dem Besuch bei den Grfinnen aufgenommen hatte.

Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewchshausflieder umkrnzten
Korb erlesener pfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard
stand strahlend vor Freude neben der Gabe, whrend Rolfers mit dem
geffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.

Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schn, um es zu
zerstren. Lieb von den Damen, nicht?

Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten wei und lila
Bltenflle.

Rolfers kam zurck, neigte sich ber die Blumen und Frchte und sog
ihren Duft ein. Das gefllt dir, was, Kerlchen? Ja -- wir Knstler
und der Luxus -- das gehrt nun mal zusammen. Wir sind ja auch
Luxusgewchse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten -- einen Rehbraten
mitessen! was sagst du?

Mutter auch? fragte der Junge pltzlich und in seine Augen kam das
helle sthlerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.

... Nein -- -- die Grfinnen kennen Mutter doch nicht.

Ein Schweigen war pltzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich
hin und her ging. Richard polterte mit seinen Bchern und Martha
entfernte sich -- man hrte sie dann in der Kche.

Bei Tisch sagte Richard: Ich mchte nicht mit in das Schlo. Was soll
ich da...?

Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn, antwortete Rolfers khl. Ich
glaube, die Grfinnen knnen deine Gegenwart entbehren.

Martha senkte den Kopf, eine Rte stieg ihr vom Hals herauf bis unter
das helle krause Haar.

Rolfers sah sie an und schwieg zunchst. Er hatte diese peinliche
Situation vorausgesehen und deshalb das Schlo bisher vermieden. Nun
mute es durchgefochten werden.

Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha, sagte er zu der Frau,
als sie allein waren, warum dem Jungen die Freude verderben? Es war
reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte
begrte. Die alte Grfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerhrt. Er
gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht
hinein. -- Nur -- was mich betrifft -- ich kann mich dem Umgang mit den
Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen fr viele
Gastfreundschaft und manche erwiesene Geflligkeit einmal ntzlich
sein kann.

Du glaubst gewi, ich htte dir den Jungen aufsssig gemacht, sagte
die Frau heftig. Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er
gehen. Er gehrt ja doch bald ganz zu dir.

Welcher Ton? fragte Rolfers berrascht. Martha, ich frchte, du
irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens
eingedrungen. Mignnst du mir das schon?

Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins
Gesicht. Dann schttelte er ein wenig den Kopf.

Martha begann zu schluchzen. Ich bin auch nur ein Mensch.

Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, -- vergi nie, da du mir
das bist! Und da ich dich sehr ntig habe! Ja, wenn ich dich nicht
wieder fand -- wo wre ich jetzt?

Er beugte sich und kte sie leise auf das Haar.

Meine gute Freundin!

Sie lchelte durch ihre Trnen und gab ihm die Hand:

Du hast nichts mit der Grfin? Zwar -- was geht es mich an...?

Martha, ich denke, du knntest mir den Takt zutrauen, da ich dich
dann nicht hierher gebracht htte -- dich und den Jungen! -- Aber
sieh, wenn du anfngst eiferschtig zu werden -- dann geht das alles
nicht mehr.

Nein, nein! rief die Frau ngstlich.

Dann bekommt alles eine Frbung, die ich nicht ertragen knnte!
sagte Rolfers. Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser
Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungengend oder
unerfreulich, mchte ich dich keine Stunde lnger hier halten.
Obschon ich dich entbehren wrde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich
wei, ich bin ein unangenehmer Geselle -- war es immer -- bin es heute
mehr als je zuvor.

Ich kenne dich besser, sagte Martha weich. Was kommt auf mich an.
Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da mu ich mich oft
wundern.

Er ist doch mein Fleisch und Blut, sagte Franz Rolfers ernst und
seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lge, dachte
er, aber mag es immerhin sein -- sie wrde ja nie verstehen, da ein
Fremder mir dasselbe htte werden knnen, wenn er Richards Talent und
seinen Arbeitseifer htte.

       *       *       *       *       *

Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden ber Rolfers'
Verkehr im Schlo und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht
teilzunehmen wnschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte
zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen
Angelegenheit und zu Rolfers' Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam
nicht dazu, ihren Vorsatz auszufhren. Es fand sich niemals die
passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend
nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten -- seit wie langer
Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie
sprachen sehr eifrig ber den Krieg und die Zeitungsnachrichten, ber
Schtzengrben und Friedensaussichten. Spter rckte sich Richard die
Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den
Wagen rollen hrten, der den Professor zurckbrachte. Die
Selbstverstndlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestrt. Von
den beiden Menschen, die so eng zusammengehrt hatten, fhlte sich,
durch ein drittes Element geschieden, pltzlich jeder in seiner
eigenen Welt, mit seinen eigenen Kmpfen beschftigt, weit entfernt
von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, da alles fr ihn neu
zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich
erlahmen msse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei
allem, was der ltere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung
auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser
Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und
empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, da er sofort abreisen oder
einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch
unsympathisch wurde, ihm durch gegenstzliche Ansichten ber Kunst,
durch den Klang der Stimme, durch irgendeine uerlichkeit auf die
Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht fr Monate in die Einsamkeit
begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu
ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden
empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fra an
seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wten sah, die
schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schnheit, an Jugend, an
reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte,
bedrckte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten
vermochte.

Oft htte er den widerborstigen Bengel schtteln und ohrfeigen mgen
und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung fr
das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin,
dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit
deines doppelt reich und herrlich blhe?

Rolfers sagte sich, da er verzichten msse, dem Jungen menschlich
nherzukommen, er besa dafr wohl ein fr allemal nicht die richtige
Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt -- ursprnglich. Nur sprte
er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich
auseinanderzuhalten waren. Beide Mchte beeinfluten sich gegenseitig
in einer Weise, die ihm erschtternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard -- diese eigenartige, scharf durchdachte,
ganz persnliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde
in Frage gestellt, ja vllig unmglich gemacht, wenn der Junge sich
ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von
Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem
heftig aufgestrten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mitrauen
gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard
geistig von ihm abrckte, desto strenger wurde Rolfers in seinen
Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begrndung.

-- So rgerte es den Professor malos, da Martha hinter seinem Rcken
ihrem Sohn einen Malkasten mit lfarben geschenkt hatte, trotzdem er
den Jungen vorlufig noch ganz auf das Zeichnen beschrnkt wissen
wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich lie er sich
noch einmal herab, seinem Schler die Grnde fr seine Forderung zu
erklren. Richard hrte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu
lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche
Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen
-- den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange wrden die Dinge so nicht weitergehen knnen.

-- -- Ist es immer und berall Elternlos, zu geben -- zu schenken --
nichts dafr einzutauschen -- nicht Dankbarkeit -- nicht Liebe --
nicht einmal ein wenig Anhnglichkeit? so fragte sich Rolfers oft.
Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande
ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das
Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu
bestehen, um weiter zu blhen? Galt von ihnen das gleiche wie von der
Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar fr sich verlangt. Das wute er
gut genug. Die rcksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche
Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner
Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmglich
geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen
Geschpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht
zu werden?

       *       *       *       *       *

-- -- -- Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen htte! -- Aber nun
sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder
zurck in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben -- aber
sich selbst aufgeben, das schien ihm unmglich. Mit vierzig Jahren und
ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und
Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe -- konnte er das
vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich emprt
gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu
lassen, dem Werk, in das er sich so glhend verbissen hatte? Es
forderte das letzte Opfer von ihm -- und das konnte er nicht bringen.

       *       *       *       *       *

Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die
Bltterknospen aufbrachen, und sah mit heien berwachten Augen dem
alten Ltje zu, der sorglich die Rosen an neue Stcke band. Bei den
Gemsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweie ihres Angesichtes. Sie
war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit
Kartoffeln, Rben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst
nicht hufig im Dorfe aufzutreiben war, gab's jetzt in diesen
Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Gte. So pflegte sie
lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Dngung, Saat- und
Pflanzzeit, studierte Bcher wie den kleinen Kriegsgemsegarten und
den Blumengarten der deutschen Hausfrau, hantierte mit Spaten,
Steckholz und Rechen, wurde rotbckig und frhlich in der neuen
Ttigkeit.

Sie wchst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fhlen, dachte
Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die
schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit.
Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer
Tau und die Pflnzchen zwischen den noch kahlen stachligen
Rosenbschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder.
Hier und da blhten schon Bschel von gelben Primeln, von blauen
Perlhyazinthen und den zarten Glckchen der Scilla. Die breiten
Irisbltter drngten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten
die gefiederten Blttertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen
Bauernpflanzen gab es in Rolfers' Garten, wenn der Sommer auf seiner
Hhe stand, mute auf den Rabatten ein dichtgedrngter tausendfarbiger
Blumenflor sein Malerauge entzcken. Er hatte Martha freie Hand
gelassen, fr Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte,
das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebckten
Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glnzten in dem erhitzten
Gesicht, unter dem weien Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte,
hing ihr blondes Haar in losen Lckchen ber die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder krftiger und behender geworden, und
wie hbsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers,
als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer wei, erblht ihr
eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und
streng verschlossen. Die Augen blickten sehr mde in all dies Keimen
und Drngen jungen Daseins. Whrend hier die Pflanzen trieben und sich
entfalteten, ungestrt wachsen durften wie in jedem Jahr, und die
Amsel im Gebsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des
Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander
seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnckiger und grauenhafter
mit jedem Tage. In der Frh hatte er die Nachricht bekommen, da
wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jnger, ein fester
und ehrlicher deutscher Knstler, bei einem Sturmangriff gefallen war
-- Kopfschu -- sofort tot. Der Glckliche...

Fr ihn selbst mute der Kampf ein Leben lang dauern. Warum fr ihn,
und fr jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorber, es war ihm nicht nach einem behaglichen
Geplauder zumute. Er ffnete das Pfrtchen in der Tannenhecke und trat
hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen berrieselt, die
die leichte Bewegung aus den hheren Bumen schttelte. Der Knick war
in seiner ganzen Lnge mit Fliederbumen eingefat -- die wrden, wenn
der Mai kam, in duftenden blauen Bltenwogen prangen -- aber noch war
es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Huschen des
Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demtig in den
Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor
ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weier Nebel lag noch
ber dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das
sprossende Grn der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen
Wasserlufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die
Frsche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und
wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergimeinnicht mit kleinen,
frhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbume zur Seite des Weges
entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stie ein Kiebitz
seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging trumend auf dem
schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder
schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance
des Frhlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen
Linien der Landschaft, immer berweht von der herben Luft, die vom
Meer herberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er
hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden
Dfte all des Sprossens und Werdens ein, fhlte die warmen
Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde
schwerer und schwerer vor Traurigkeit.

Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand
stand, wie in einen durchsichtigen silbergrnen Schleier gehllt,
jene Gruppe schner Birken, die der frhere Besitzer seines Hauses,
der gute Ptsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers' Rat
gewaltsam von dem Stck Heimaterde losri, in das er sich festgerannt
hatte. Heute sa der Unglckliche irgendwo in Sibirien in russischer
Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie
mglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die
finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten
war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darber gemtskrank
geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst lngst von
Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen
war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen -- oder ob er noch
einmal heimkehren wrde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,
die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers
durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto
setzen.

Herrgott -- war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden?
Die durchwachten Nchte trugen mit Schuld, er wute es wohl. Die
Nchte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlschte und ein
einsamer Mann sich bte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter
als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zhen Energie
eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder,
Bleistift und Kohle zu fhren, wie ihr Herr es wollte -- und am Ende
auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.

Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets
trstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so
sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut -- aber ihm
stand die bung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es
vielleicht auch -- wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser
schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in
diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schmte sich, es dem Licht
des Tages zu zeigen, verschlo sorgfltig den Raum vor allen fremden
Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Ltje, der die gute
Eigenschaft besa, berhaupt nichts zu sehen. Unertrglich wre es ihm
gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt htten.
Darum bte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wute,
und kmpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die
beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis,
das rings um ihn her ber dem Lande lag und wie ein Feind durch die
Fenster zu ihm einzudringen versuchte.

Klagend seufzte der Wind ber die Wiesen, eintnig klatschte der Regen
oder er pickte und rieselte noch melancholischer -- oder der Sturm
rttelte an Dachziegeln und Lden. Selten erfreute ihn ein Blick auf
klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn
er, sich einen Augenblick der Erholung gnnend, zum Fenster trat und
sich aus den geffneten Flgeln hinausbeugte in die Nachtluft.

Warum das gierige unermdliche hartnckige Arbeiten? Hatte er dazu
nicht Zeit genug vor sich -- viele Jahre Zeit ... Zu einer
Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft -- wie er sie
verstand -- irgend etwas zu tun hatte, wrde er es ja doch nie
bringen. Das fhlte er bitter und deutlich. Htte er's nicht gefhlt
-- grausame unbarmherzige Jugend mute ihn darauf stoen, da er den
Schlag nie wieder verschmerzen wrde.

Er hatte Richard an der groen Wiese am Schlo getroffen, wie er dabei
war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten
voll lfarben munter auf einer ziemlich groen Leinwand
herumwirtschaftete. Der Hterjunge hielt ihm gerade das eine der
braunen frhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch
ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem
Pinsel darauf los arbeitete, da ihm der Schwei von der Stirne lief,
war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht
herausgekommen. Rolfers interessierte sich fr seine verzweifelten
Versuche -- das war wieder einmal so khn angelegt, so persnlich
gesehen, da man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem
Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf
fuhr und schrie: Es ist zum Rasendwerden -- ich krieg's nicht und
krieg's nicht -- das Biest hlt auch keine Sekunde still...

Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt, sagte Rolfers,
beugte sich ber Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. Siehst Du
-- so mu es einsetzen. Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er
gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche
heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.

Zum Teufel, schrie Richard wtend, was machen Sie denn da -- Sie
verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie knnen doch nicht mehr
malen...

Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmi voll
Zorn die Leinwand daneben.

So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon
geqult. Und ich htt's auch noch gepackt -- wenn Sie nicht
dazugekommen wren.

Rolfers war wei geworden und seine Zge erstarrten. Er regte sich
nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als
vermchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wute, diese Sekunde
war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher
Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich
jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen -- und
das kann ich nicht ertragen -- dann mu ich ihn erwrgen...

Er hrte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und
knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fhlte, er msse ihm den
Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg
unmglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren
Steifheit und Schwche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee
hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er
in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines
Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein
Todfeind.

Lange sa er auf einem gefllten Stamm unter den hohen Buchen und
chzte laut in bitteren Qualen, und fhlte, wie es ihm hei und salzig
aus den Augen rann und die Wangen hinablief.

       *       *       *       *       *

Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu
beweisen, da Manneswille das Unmgliche erzwingen kann. Wie die
drauen an der Front Tag und Nacht das Unmgliche dem hchstgespannten
Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehrte er
nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue
Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen
verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen
neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die bermacht eines
ungeheuren Schicksals besiegen, das mute er als einzelner ihnen
gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem
Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend
heranwuchs -- und wieder Kunst machen und Schnheit neu schaffen und
die Alten verachten durfte...

       *       *       *       *       *

Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nchsten --
in vielen folgenden Nchten, die er einsam arbeitend durchwachte und
durchkmpfte.

Vielleicht half ihm ein knstliches Glied, das ihm an sich als etwas
greulich Unsthetisches, seinen knstlerischen Geschmack Verletzendes
zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wre es gewesen, den
leeren rmel herabhngen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er
fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Ltje, prfte,
whlte, lie ndern und wieder ndern in der Werksttte fr Prothesen.
Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte
seine Ehre darein, dem Knstler mit dem bekannten Namen, den das harte
Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte
Rolfers uerlich als ein fr den flchtigen Blick gesunder und
wohlgebildeter Mann nach Haus zurck.

Martha freute sich kindlich. Sie hatte lngst gewnscht, er mge sich
zu diesem letzten Schritt entschlieen. Es war ihr unbegreiflich, da
er so lange damit gezgert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so
schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, fr
ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr
und Khle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei
allen notwendigen bungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner
bedienen zu lernen, lie er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten
Ltje helfen und verschmhte ihren Beistand. Sie mute ihm das Essen
auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers
mehr und mehr von ihr und Richard zurck und umhllte sein verwundetes
Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.

       *       *       *       *       *

Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf
waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und
grausamen Ausbruches auf den Professor vollstndig erfat. Ein
wirbelndes Gefhl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.

Als das strenge feine Antlitz, das ihm schner erschien als irgendein
andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und
der schlanke groe Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bumte
ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem
Herzen: Das habe ich gekonnt -- ich -- Rcher meiner Mutter und meiner
Jugendschmach!

Und er htte geradeheraus lachen mgen, laut und wild und
triumphierend lachen. Er bi die Zhne aufeinander und knirschte mit
ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum
Schluchzen geworden wre, und weil er sich entsetzte ber die Wirkung
seiner Worte.

Armer Rcher -- auch ihm kamen nun schlaflose Nchte, in denen er sich
wlzte und in sein Kissen whlte, um die Trnenfluten zu verbergen,
die sein Gesicht berschwemmten.

Er heulte, weil er sich frchterlich verachtete. Als Kind hatte er
sich oft vorgestellt, da er seinen Vater tten msse -- da dieses
Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit ber ihm schwebe. Und er hatte
sich immer ausgemalt, wie es geschehen wrde. Er sah sich Rolfers zum
erstenmal gegenberstehen und den Dolch erheben -- grauenhaft, kurz,
gewaltttig schn ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach
dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein -- niedertrchtig...

-- Sein leidenschaftlich unbndiges Herz wurde durchschttert von
unermelichem Mitleid. Es bedrngte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefhl
ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es fr
diesen Mann heien wollte, nicht mehr arbeiten knnen -- leben mssen
und nicht mehr wirken drfen ... Blind und taub, dumm und beschrnkt
war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung fr die Seelengre,
die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was fr sie
selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig
verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand
bei Richard fest. Nein -- er durfte sich auch selbst niemals
verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur da das so wehtat,
hatte er nicht geahnt. Da ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und
verbrannt war, mute er nun tragen. Ja -- er geno den Schmerz, rang
sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen
des Vaterlandes -- das kmpfende Vaterland in ihm! Was -- er hatte ihm
Klte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen -- aber whrend er,
Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schnen Trumen,
hatte der andre sich geopfert -- hatte gelitten--! War denn der
Professor nicht zum Krppel geworden -- damit das Vaterland frei blieb
-- damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und
Knstler werden drfte -- wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll
arbeiten -- das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers' Rat, ohne
seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der
sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt
haben mute.

So nahm der Junge es auf sich, da Rolfers sich nicht mehr um ihn
kmmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet
hatte -- deren Folgen er tragen mute. Ging ihm noch scheu aus dem
Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der
gesunde Jungenschlaf berwltigte, ernsthafte und eindringliche
Phantasiegesprche mit ihm, konnte stundenlang grbeln ber ein Wort,
das der weltreife Mann flchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und
Bedeutung der Knabe sich nun abqulte.

-- Ob diese Zeit gro oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft
erweisen. Die Gre einer Zeit hnge nicht von Kriegen und Siegen ab,
auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und
Helden seien nur die zu nennen, die sich als Trger eines
Gottgedankens fhlen, -- nicht die, welche fr ihr Fleisch und Blut,
fr die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kmpften.
Bewundernswert auch diese, ja, -- aber noch lange nicht Helden.

Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, fr die sein
Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mute er dem
Professor grollen, da er ihn von Berlin fort in diese Einde gefhrt
hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur
in die Ferne lauschend spren konnte, whrend er in Berlin sich ganz
hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den
Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.

-- -- Warum in der Tutmesbste des Knigs Amenophis und in denen
seiner kleinen Tchter, der gyptischen Prinzessinnen, ein grerer
Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf
den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? -- Das Wort hatte
Richard, als er es hrte, heftig erzrnt, ja erbittert. Er sprte
daraus eine Gegenstzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft
zwischen seinem Wesen und Rolfers' Wesen. Der Mann -- der
Weltknstler, fr den es keine Grenzen gab, keine nationalen
Unterschiede -- nur Unterschiede in Strke und Schwche, in Schn und
Hlich, fr den dieser Krieg keine Aufwrtsbewegung, sondern einen
Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten
Europertums.

Guter Europer -- auch so ein Ausdruck, den der Junge hate.
Womglich sollte er auch noch ein guter gypter werden -- nein, er
bedankte sich. Diese gyptische Kunst, von der der Professor so viel
hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum --
neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie
ihm nicht das geringste -- er stand ganz verstndnislos vor den
Kolossen -- das seltsame starre Gtterlcheln erboste ihn nur. Was
hatten sie so zu lcheln, ber die Welt und alle ihre bedrngende
wundervolle Schnheit weit hinaus! Am liebsten htte er sie
zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen
Zerstrungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger
Stil bis zur Wut krnkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schlowiese
war ihm mehr als alle die strengen Gtter und Knige, als Amenophis
mit dem berfeinerten geistreich-krnklichen Gesicht und die
Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Tchter. Wie die Pupille des Tieres
in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm -- wie das
Geschpf ihn ansehen konnte -- so dumm-unschuldig... War das nicht zum
Schreien schn ...? Und das wunderlich ungefge weiche Pferdemaul mit
den groen Nsterlchern darber, das zarte Rosa an ihren Rndern ...
Gott -- -- welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten
Fohlenmaul -- in einem schwimmenden Tierauge.

Nein, wahrhaftig, er wrde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht
an Freude, an Glck aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der
eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Hhe schlug ... die und
keine andere! Und wenn's ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden
sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes
Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht
betrgen lassen -- auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, da
man htte brllen knnen, dafr war man eben deutscher Kmpfer und
verbi den Schmerz.

       *       *       *       *       *

Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrtige Junge stand in
hilfloser Verlegenheit vor ihr und lie die Flut ihrer heftigen Worte
wie einen Regengu ber sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr
einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, da Richards
Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht
unbegabt, nur grenzenlos vertrumt, und wenn er nicht einen
energischen Anlauf nehme, so knne er unmglich in der neuen Klasse,
in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schlern Schritt
halten.

-- Und eitel wirst du auch noch, klagte die Mutter, nachdem er dies
alles hatte anhren mssen und nicht wute, was er darauf erwidern
sollte, denn es war ja leider die Wahrheit -- er, Richard, war
stinkend faul. Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster
Fehler, hrte er seine Mutter zanken, aber jetzt mu ich meine
Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch
suchen. Das ist einfach rcksichtslos von dir. Fr solchen Kommunismus
bin ich nicht zu haben, merk' dir das ... Ja, wendete sie sich zu
Rolfers, meine Flasche Klnisches Wasser hat er mir auch stibitzt --
was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein
Mdel von der Tauentzienstrae -- pfui Teufel!

Also doch--! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lchelte
verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte,
eine seltene Mischung von Veilchenparfm, Schmierstiefeln, Pferdestall
und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und
hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch da Richards dunkelblonder,
wster Haarschopf dem kleinstdtischen Friseur zum Opfer gefallen und
durch eine kurzgeschnittene Brste ersetzt worden war, nicht eben zur
Verschnerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Hrte wunderlich
miteinander stritten und vorlufig nur die hellen glanzvollen Augen
zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft ben
konnten.

Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal grndlich mit dem
Direktor ber Richard sprechen, sagte Rolfers. Er hat natrlich
recht und Richard mu sich Mhe geben. Zu einer Zurckversetzung darf
es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das wrde seine Stellung in der
Schule unmglich machen. Dann mte man ihn sofort herausnehmen und es
kme die Frage mit den grlichen Instituten, Pressen und dergleichen
an die Reihe. Er htte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen,
zum Trumen und zum Zeichnen. Die Penne mu durchgemacht werden, wie
der Schtzengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir
sagen, Richard, -- mancher von den Bengels hat sich brennend nach der
Schulklasse zurck gesehnt, wenn er's auch nicht Wort haben wollte.

Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden
Augen flammten ber ihn hin.

Ehe ich mit dem Manne ber dich rede, mu ich erst Klarheit haben,
was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder
Knstler -- was soll's werden?

Das ist doch keine Frage mehr, brummte Richard.

Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn, antwortete der Professor
scharf. Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen.
Ein fr allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung
einfach eine Willensangelegenheit. Eine bung zu Grerem! Also --
kann ich bei dem Direx fr dich eintreten -- oder kann ich's nicht?

Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit
dem Professor klar und frei ins Gesicht.

Sie knnen es!

Gut -- schlag ein!

Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine
Rechte hinein. Der Mann drckte sie fest.

Richard ging ganz betubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der
Professor war doch ein groartiger Mensch -- wer von den Vtern seiner
Berliner Freunde wrde so gehandelt haben? Keiner -- kein einziger.
Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen htte es gehagelt --
jawohl.-- Er mute ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen
geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die
wrden ihm Freude machen.

Nun brauste das Gefhl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch
des Jungen Herz. Er -- er -- er fllte sein Denken, Trumen,
Phantasieren. Freund -- Freund -- sagte er bisweilen leise vor sich
hin. Professor -- Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs
Haus, sobald er von der Schule heimkam.

Versunken konnte er lange auf Rolfers' Hand blicken, denn
Menschenhnde bedeuteten ihm viel, -- er hatte Jungens, die sich ihm
zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hnde ihm nicht gefielen.

Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des
Professors. Es machte ihn tief glcklich, in der Form der Ngel, der
Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens hnlichkeiten zu entdecken.
Und ein inneres heies Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, da
er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Knstlerhand des
geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen drfen. Und er fhlte
zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der
Vernichtung. Fhlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schne
geschaffen hatte und niemals wieder schaffen wrde. Langsam bildete
sich in ihm das Neue -- das Verstndnis und das Wollen: ein Erbe zu
sein ... Sein Schler, -- o ja--! Der Professor hatte selbst gesagt,
das habe mit Gefhlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn -- dem Gedanken
war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand
das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es
aus den Grnden seines Herzens herauszureien. Und wie im Mrchen ging
es zu -- das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff.--

Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schler des Professors -- er war
sein Sohn...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist muten auch in ihm
lebendig sein! Sprte er nicht seine Gabe des Schauens, die
Fhigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen
-- und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von
ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im
tiefsten verwandt fhlte...

Wie junger Wein war seine Liebe, wrzig und herbe und voll perlender
Frische und htte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins
Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschmt, da
sie nie den Ausdruck fr all dies Quellen und Drngen und all die
goldenen Seligkeiten gefunden htte. Eine Liebe, die keine
Zrtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich
nicht mehr aufhielt mit der Oberflche der Dinge, sondern gleich
eindrang in den Kern der Persnlichkeit des andern. Ein flchtiges,
ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte
tagelang in glcklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene
eigene Wege der Opferung.

Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespltigem Gefhl.
Fragte sich zuweilen: Ist's nicht zu spt? Ist ein Vertrauen zwischen
Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein
fr allemal unmglich? Denn ein Groll sa ihm noch im Herzen seit
jenem schlimmen Abend an der Schlowiese vor dem Fohlen. Er fhlte
seitdem die Feindschaft dessen, der zurckgedrngt wird, der der
Jugend das Feld rumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun
war der zum Sieger ber ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so
schnell. Lie ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das
Glck des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen
gegenber -- war eine Viertelstunde lang herzlich, gut,
aufgeschlossen, zog sich dann wieder fr ganze Tage khl zurck. So
ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.

Der Flieder blhte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem
Garten und seine Dfte schlugen mit sen Dmpfen bis in die Veranda
und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frhling hatte
sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang
versumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, brckelnden Gemuer des
alten Ziehbrunnens sprieten feine grne Farnkrutlein und umkleideten
seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schnheit. In den Bschen sang und
klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrne, flache
Hnde breitete der Tulpenbaum an seinen breiten sten aus und die
alten knorrigen Apfelbume waren nur noch zauberhafte Gebilde von
rosenroten Bltengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus
dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue
Schaum der Vergimeinnicht go sich darber. ber dem Moor wogten
silberne Grser und rtlich blhender Sauerampfer. Das Laub der Birken
dunkelte schon, aber hellgrn stand der Buchenwald in der Ferne. Und
weie, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder,
luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte
Ast- und Laubwerk, und blies durch die blhenden Graswellen, da sie
in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und
wiegten.

       *       *       *       *       *

Richard taumelte vor Glckseligkeit in diesem Frhlingsrausch, den er,
das Grostadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen
Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Flle seines Glanzes
kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrne Seide der
sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorber
an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-wei
gefleckten Khe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehnge der
blhenden Hecken in den Sandhohlwegen -- in denen es zwitscherte und
fltete von Leben der nistenden Vogelfamilien -- jede Fahrt zur Schule
mit der braven braunen Liese, die fr den Militrdienst untauglich
befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen lie er die Zgel
hngen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg -- er aber
schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche,
das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weien Sommerwolken. In der
Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und
im milden Wei den Mond sich spiegeln, da das Geschwebe opalfarben
zu schimmern begann -- hrte versunken auf das Liebesgequake und
Geschnarr der Frsche -- auf all das Gleiten, Schlpfen, Huschen der
kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte -- sah
die mrchenhafte Krte, mchtig und schauerlich mit ihren Warzen auf
dem Rcken trge ber den Weg hpfen wie ein verzaubertes Hexenweib,
sah die seltsam verkrppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen
Wasserlufen hocken und ihre Zweige wie sehnschtige Arme in die Luft
breiten -- etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und
wankte unter seinem Fu, der da sank -- sank -- Er mute eilend
zurckspringen auf sicheren Boden -- und ahnte tausendfach
erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen
Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie
hinauswagte. Und die Schauer der Vergnglichkeit durchwehten khl
sein Blut, das noch eben pochte und glhte in seinen Adern, whrend
die Nstern die schweren taumelig sen Liebesdfte der Frhlingsnacht
eintranken.

Und so geschah es, da er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte
Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekruts, die
Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und
Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah
er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn,
hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tr der
schlafenden Mutter vorber, um Ihm, den er dort oben wute, ein
Stck zu geben von seinem Glck. Nichts andres. Dunkelheit ringsum,
Schwle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsrmeln am Tisch,
bei der elektrischen Birne, die hartes, weies Licht auf das Blatt
warf, vornbergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der groen
scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter groen runden
Brillenglsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er
verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mhseligen,
von all der Sommerherrlichkeit da drauen nur die paar Grser in ihrer
reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand
nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelst, das seltsam
schauerliche unlebendige Gebilde aus Drhten, Holz, spiegelndem
Metall, Schnallen und Riemen, das knstliche Glied.

Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wute nicht warum. Der
Mann sah auf, fragte kurz: Was willst du? Und schob ein Blatt ber
seine Versuche.

Richard bemerkte es.

Also, -- was heit das? fragte Rolfers ungeduldig. Warum kommst du
herauf und strst mich?

Ich dachte nur -- die Nacht ist so unbndig schn --, ob Sie nicht
hinauskommen mchten? stotterte er.

Ich habe zu tun. Geh jetzt!

Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder
auf.

Nun?

Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie
Sommernchte duften, wehte von ihm zu dem berwachten Mann hin. Und
mit dem Dufte kam ein Lcheln. Richard hatte nichts andres zu geben.
Worte waren unmglich. Er htte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen
Augen, um seinen blhenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen
Sekunden empfand.

Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.

       *       *       *       *       *

Eine Woche spter traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand
skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich
ungeschickt. Beim Nherkommen bemerkte Rolfers, da der Junge sich mit
Bindfaden den rechten Arm auf den Rcken festgebunden hatte. Er lie
den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen
sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und
die Fubank, die er fr Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und
stand nun beschmt, an seiner Fesselung zerrend.

Junge -- verdrehter, toller Bengel!

Ich will nichts Besseres haben als Sie! schrie er leidenschaftlich,
und die Trnen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.

Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so,
damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben
Kopf, auf sein hartes Brstenhaar.

Mein Junge, mein lieber Junge!

Weiter wurde nichts ber den Fall zwischen ihnen geredet.

       *       *       *       *       *

Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe
ausfllen. Ltje mute Kisten zunageln, groe und kleine, und sie zur
nchsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die
beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu
schelten, wenn etwas nicht so ausgefhrt wurde, wie er es wnschte.

Eine groe Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner
Arbeiten veranstalten, eine Gesamtbersicht seines Schaffens durch
verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der
fr das Vaterland gelitten, -- so schrieb der Besitzer.

Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.

Wozu -- kein Mensch hat heut Sinn fr Bilder. Wenn wir einen
ehrenvollen Frieden geschlossen haben -- ja, dann lasse ich's mir
gefallen. Dann knnen sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten
-- mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem grten
Schinken. Jetzt ist's ein Reinfall. Ich will nicht.

Schlielich lie er sich doch berzeugen. Praktische Erwgungen gaben
den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war fr die Zukunft nicht zu
rechnen, da mute man sehen, das Vorhandene mglichst gnstig zu
verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedchtnis der Kunstfreunde,
der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der
Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit
harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mute das Ntige zum
Studium bereitstehen.

Selbst nach Berlin zu fahren, das Hngen der Bilder zu beaufsichtigen,
dazu konnte er sich nicht entschlieen. Ihm graute vor der Welt, vor
dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene
Heimsttte zwischen Wiese und Moor zu besitzen -- hier ein Obdach fr
die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu vertrumen, zu durchleiden
gezwungen war. Sich verkriechen zu knnen, ein weidwundes Tier, vor
dem Mitleid, der Sentimentalitt der Menschen, war schon Glck.

Er dachte daran, Martha zu senden, lie jedoch diesen Plan gleich
wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Knstlerklatsch der
Hauptstadt gezogen zu werden.

Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen
trotzdem von einer Reife des Verstndnisses, die mit seinem Alter
nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rtsel in der Welt
der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen ber die
Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung...

Richard -- packe dir einen Handkoffer. Du mut bermorgen zur
Erffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief
mit, der dich als meinen Vertreter einfhrt. Was meinst du -- freut's
dich? Du mut ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben!
Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergit!

Richard stand mit offenem Munde -- ganz dumm vor Staunen. Vom Hals
empor strmte ihm heie Rte ber Wangen und Stirn -- und die Augen
wurden mit jeder Sekunde glnzender.

Sie -- Sie wollen mich doch nur uzen -- es ist doch nicht wahr,
Professor?

Rolfers lchelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen,
das war doch entzckend...

Sehen Sie -- Sie lachen -- es ist doch nicht wahr.

Dies kam mit einem unendlich enttuschten Ton.

Frage deine Mutter!

Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken.
bermorgen mit dem Frhzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten
Anzug gebgelt.

Richard stie einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der
Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprnge wie sein
geliebtes Fohlen auf der Weide.

Er raste treppauf, treppab und erfllte das ganze Haus mit dem Gesause
und Gebraus seiner strmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha
bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spren, bis der kleine
Handkoffer auf dem Korbwgelchen stand, bis Richard sich in der
schaurigkhlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter
abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls
aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthndler,
seinen alten Freund, zu bergeben, die Hand schttelte. Rolfers hatte
in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, da der junge Bote sein
Sohn sei und hoffentlich einmal sein knstlerischer Erbe.

Sinnend blickte er dem davonrollenden Wgelchen nach, von dem der
Junge leidenschaftlich mit der Mtze zurckwinkte, als er um die Ecke
bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute,
auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.

Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese
Nchte ihr Kopfkissen mit vielen Trnen befeuchtet. Doch die zwei, die
nur miteinander beschftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr
sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.

Mit zwei Auftrgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise
bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins
Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.

Sieh, die mchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mhe und
Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wnschte, da du ihr einen
schnen Kleiderstoff mitbrchtest. Eine weiche Wolle, die sanfte,
flieende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln
Violett wie reife Pflaumen. Das mu gut stehen zu ihrem blonden Haar
und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hbsch sehen. Sie gibt
zu wenig auf ihr ueres.

Ja, das habe ich ihr oft gesagt, rief Richard eifrig. Aber sie
wollte nie hren, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig
Geld, fgte er naiv hinzu.

Darum mssen wir beide nun fr sie sorgen, sagte Rolfers und klopfte
Richard auf die Schulter. Sieh, da du etwas Schnes findest -- und
vergi auch die Farbentuben fr dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.

Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob
dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser
Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, da die Wohnung noch nicht gekndigt
war.

Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha? fragte er. Deine
Einrichtungen gehen mich ja nichts an -- aber da du sonst so sparsam
wirtschaftest, nimmt es mich wunder...

Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie msse einen Ort haben,
ihre Mbel aufzubewahren, an denen sie doch hnge, und berhaupt wolle
sie einen Fleck wissen, der ihr gehre. Sie zeigte ein so ablehnendes
Wesen in dieser Angelegenheit, da Rolfers schnell das Gesprch auf
ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt
war, mute er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck
denken, der sich bei dem Gesprch ber die Wohnung auf ihrem Gesicht
gezeigt hatte.

Er ging viel und unruhig im Haus umher.

Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha? fragte
er mehrmals. Ich hatte gar nicht gewut, da der Bengel so viel Lrm
vollfhrte. Und er hrte in Gedanken die frische eifrige Stimme
durchs Haus jubeln: Professor -- Professorchen! Denn je vertraulicher
der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wnsche hatte er auch an ihn.

Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den
breiten Weg zwischen den Gemsebeeten hinab und hinauf wandelte, an
dessen Rndern nun schon die ersten Rosenknospen sich ffneten, fragte
er seine Gefhrtin sacht und ein wenig verlegen: Sage, Martha, hast
du keine alten Photographien -- so dumme kleine Kinderbilder von dem
Jungen? Die mcht' ich wohl gerne einmal sehen.

Ich lie sie in Berlin! erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg
betroffen. Er ging dann bald ins Haus '... Jetzt wird er bei Gebhardts
sitzen,' dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard
in der Familie gastlich aufzunehmen, er wute, da dies in dem
grogefhrten Hause keine Schwierigkeiten machte. 'Oder vielleicht
haben sie ihn auch ins Theater gefhrt. Wie er sich wohl gebrden wird
... ich wollte, ich knnte ihn sehen' ... So trumte er sehnschtig
und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.

Martha hatte sich ebenfalls frh in ihr Zimmer zurckgezogen. Sie
verschlo die Tr. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes
abgegriffenes kleines Lederalbum und bltterte darin. Es enthielt die
Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als
nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in
der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard
als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrngten
Schuljungenkpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem
Baumstumpf unter den Wandervgeln. Sie kte und streichelte die
Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche
Kosenamen, als seien sie lebendig.

Nein, nein, flsterte sie, die soll er niemals sehen -- die sind
mein Eigentum, meines allein -- Seine se Kindheit, die will ich mit
niemand teilen -- die gehrt nur mir allein!

Sie versteckte das Album wieder sorgfltig unter ihrer Wsche und
schob die Lade zu.

Lange sa sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte
sich leise hin und her und schaute trbe vor sich nieder. Zuletzt
raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe,
rckte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschlu
verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten
hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen,
legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch
einmal rechnete sie auf dem Lschblatt verschiedene Zahlenreihen
zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mute sie
zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil groe Trnen
auf das Papier fielen und die Schrift verlschten. Endlich brachte sie
ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch
zustande. Sie ging hinaus und ffnete die Haustr. Oben lehnte sich
Rolfers aus dem Fenster.

Wer ist dort?

Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen, antwortete Martha und
lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene
Dunkelheit hinaus.

       *       *       *       *       *

Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang
strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten berstrmend.
In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dchern,
denn Lemberg sei gefallen, und nun strmten die Heere auf Warschau
zu--! Und die Ausstellung--! Der Professor solle nur nicht glauben,
da die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr fr Kunst
haben wollten--! Gedrngt htten sich die Leute -- die
Nationalgalerie habe das groe Seestck gekauft, das mit der grauen
schweren Luft und dem dunkeln Wasser -- und es habe sich fein gemacht,
da schon bei der Erffnung der Ausstellung daran gestanden habe:
Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es
sei aber noch ungewi welches. Und Gebhardt htte es schon
telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gnnen, es zu berichten.
Und lieb sei er zu ihm gewesen -- Frau Gebhardt auch und der junge
Gebhardt ... Nicht zu sagen--! Aber er wisse schon, wem er das zu
verdanken habe.

Der Abend verging unter den frhlichen Berichten des aufgeregten
Knaben. Sie saen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das
Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten,
sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche
Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schnen schlanken
Kristallkelche, die sonst im altertmlichen Glasschrank standen.
Richard war ganz wild vor Entzcken. Martha schttelte den Kopf und
meinte, Rolfers verwhne den Jungen, doch sie wurde berstimmt. Der
Professor war lustig wie ein Akademieschler -- und die beiden heckten
allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das
Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhllten
sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing
Rolfers ihr die goldene Kette ber den Kopf. Dann holte Richard seine
Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer
mit, lehrte ihn auch Melodien von schnen alten Volksliedern. Martha
hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.

Einmal fragte Rolfers: Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so bla
aus? Doch sie meinte, es sei nur der grne Schein von den dichten
Weinranken.

       *       *       *       *       *

Mit heien roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard
aus den weien Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam,
ihm den Gutenachtku geben.

Mutti -- war das ein schner Abend -- nicht? Herrlich! Da der
Professor so lustig sein knnte, htte ich doch nie geglaubt! Und die
Goldkette, was--? Die mut du jetzt tglich tragen -- o, warum hast
du sie abgenommen -- sie steht dir so gut! -- Mutti, was hast du --
dich qult etwas -- du hast dich auch nicht gefreut ber die Geschenke
-- glaubst du nicht, da der Professor uns lieb hat? Sag' doch, Mutti?

Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter
Hals und streichelte sie.

Dich hat er lieb! stie Frau Martha hervor. Was bin ich ihm?
Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin--! Ausntzen tut
er uns und dann ein Geschenk. Wie's mich beleidigt, ahnt er nicht
einmal! So von oben herab! -- O -- ich kenne ihn, den Zauberer -- aber
ber mich hat er keine Macht mehr -- nur dich -- dich hat er ganz und
gar!

Sie schluchzte laut auf. Richard lste bestrzt den Arm von ihrem
Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, da er zunchst nur
grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche
Tne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille,
Gefate, Verstndige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange
mute das schon in ihr gewhlt haben ... Aber was denn? Er begriff
den Grund ihres Kummers noch immer nicht.

Sag' mir doch nur, warum du so traurig bist? bat er. Und als sie
schwieg, nur den Kopf heftig schttelte, begann er leise zgernd, voll
Scham und Scheu: Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du
dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs
nicht -- ja -- aber dann--! Dann habe ich ja begriffen -- so gut --
so gut ... Man mu ihn verehren...

Martha ri ihren Sohn pltzlich in ihre Arme und kte ihn wild.

Ich ertrage es nicht -- ich ertrage es nicht! sthnte sie. Ich gehe
daran zugrunde -- ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe -- gemein,
boshaft -- gehssig -- ganz, ganz klein werde ich, wenn ich lnger
hier bleibe ... Er hat mir alles genommen -- und er wird dich mir auch
noch nehmen. Du siehst und hrst ja schon nichts andres als ihn! Du
bist ja schon wie verzaubert -- Richard, hast du denn dein armes Mutti
gar nicht mehr lieb?

Aber, Mutter --, rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah
seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, wie redest du nur?
Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch
selbstverstndlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht
liebhaben ... Mutti -- er -- er ist doch mein Vater!

Gut -- so whle! sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit
verweinten, zerwhlten Zgen auf ihn nieder. Ja, Richard -- es geht
nicht anders. Ich habe mir bermenschliches zugetraut und kann es
nicht durchfhren. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur
ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will
ich!

Mutter -- das -- nein, das kannst du nicht! schrie Richard ganz laut
vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.

Sei leise, Richard, er hrt uns, mahnte die Mutter. Mein Junge, es
wird dir schwer, aber du mut mir das Opfer bringen -- du wirst -- ich
wei es...

Welches Opfer? fragte Richard und begann zu zittern. Was meinst du
denn, Mutti?

Da du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen
wir fort. Anders geht es nicht -- sonst bringt er uns ja doch wieder
in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem
Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard -- ich kenne ihn -- in
ihm ist eine schauerliche Klte. Was gilt ihm Menschenglck -- ihm
gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttuschest -- du sollst es
sehen, wie er dich rcksichtslos ber Bord wirft...

Das darf er auch, sagte der Knabe trotzig. Das ist sein gutes
Recht!

Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.

Ihre Augen irrten hilflos. Vielleicht ist es schon zu spt, sagte
sie pltzlich gedrckt, wie unter einer allzu schweren Brde von
Kummer. Ja, ich fhle es, bleibe nur bei ihm ... La mich gehen,
Richard, halte mich nicht zurck. Sieh -- ich habe mir eine Stellung
gesucht, wo ich Brot habe, selbstndig bin. Nicht in Berlin, das war
nur, um ihn irrezufhren. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn
ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel
Arbeit -- dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon
wiederfinden...

Mutter -- das ist alles so unmglich -- so sonderbar unmglich...

Nun streichelte sie ihn unter Trnen, die ihr ber das blasse,
eingefallene und erschpfte Gesicht liefen.

Gelt -- du sagst ihm nichts -- verrtst mich nicht? Mein armer Junge,
da ich dir so weh tun muߠ...

Ja, murmelte Richard und lie den Kopf trostlos auf die Brust
fallen, du tust mir weh -- so weh... Er krmmte sich, wie in groen
Krperschmerzen. Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter --
bitte -- versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders
sehen...

Nein, Richard -- das ist kein Plan von heut -- der ist seit Wochen in
mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich
nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wre wohl zu grausam...?

Richard ballte die Fuste. 'Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,'
schrie es in ihm. 'Ich gehre zu ihm und bleibe hier'...

Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn
eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den
Kopf von ihr fort. Mrrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.

Einige Augenblicke stand sie unschlssig an seinem Bett. Richard,
willst du mir nicht noch einen Ku geben? fragte sie mit leiser
demtiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und
whlte sein Gesicht in die Kissen...

Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurck. Sie lie die
Tre geffnet, denn ihr war, als knne sie jetzt nicht allein sein,
als msse sie wenigstens noch seinen Atem hren. Leise und schnell
legte sie sich nieder. Schwer hing die heie Sommernacht ber dem
Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hrte, wie
Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange
still, so da sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Knnte
sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen
... Aber wenn er sich von ihr losmachen wrde, wenn sie ihn verlieren
mte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich
klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So
viele Jahre hatte sie in nchterner Stille gelebt ... Nein, sie htte
gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch
auf ihr. Sie hatte es lngst verwunden. Sie war friedlich und froh in
ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, da
ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein knnten, wie sie sie in
den letzten Wochen durchgemacht hatte.

Sie hrte die Tre leise gehen, vernahm das Tappen nackter Fe. Sie
unterschied Richards Gestalt im weien Nachthemd. Er kam sachte nher,
setzte sich zu ihr, beugte sich tief ber sie nieder und flsterte ihr
ins Ohr: Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht
wahr?...

Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drckte ihren Kopf an seine
Brust. Ich wei nicht--! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch -- --
ja -- ich glaube -- ich liebe ihn immer noch...

Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann
sagte er ruhig und sicher: Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich
nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun hre
zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man
will, mu man auch vertreten. Du mut es ihm sagen.

Ich kann nicht!

Doch, du kannst. Er hlt uns nicht zurck, wenn wir fortgehen wollen
-- dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und
ich sage ihm, da ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen
uns.

Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreienden Ton
von Hoffnungslosigkeit, da Martha ihn heftig an sich drckte und
flsterte:

Du wirst mich auch nicht hassen -- mein Einziges?

Nein, Mutti -- ich verstehe dich ja, sagte er leise und mde.

So saen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwlen
Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise ber die
Einzelheiten von Marthas Plan.

Endlich kehrte Richard in sein Bett zurck und fiel gleich in einen
tiefen, schweren Schlaf.

       *       *       *       *       *

Rolfers ging ber den Hof in die Scheune. Ltje sollte das Pferd
putzen und einspannen. Er wollte mit Richard ber Land fahren, um ihm
einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt
hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er
war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des frhlichen kleinen
Gelages auf der Veranda, die Melodie von Deutschland, Deutschland
ber alles.

Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von
Mackensen -- damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das
sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwrts strmend nach Ruland
hineinwlzen konnte. Deutschland wrde nicht untergehen ... Es wrde
leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlst in die Zukunft. Der
furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust
gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen -- sich
freuen und leben. Sein Ich war tot -- unter tausend bitteren Schmerzen
gestorben. Dieses harte strrische Ich, das nur dazu da war, damit die
Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich
selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur
Darstellung bringen mute, und darum doch niemals das Hchste
erreichte ... Das wute er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden
Armen und Hnden htte er's nie gefat und erlangt, immer sich in
Theorien zerqult ... Der Junge -- der arbeitete viel naiver darauf
los, als er's je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst,
was er so inbrnstig gesucht sein Leben lang. Knnte er ihn nur
bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den
Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Knnte er ihn
schtzen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt
hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife
Se in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen -- nur noch
einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, fr die Jugend in
der geretteten Heimat.

Rolfers trat in den dmmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das
groe Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden
Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte
eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hrte er
hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er
horchte auf -- dort verbarg sich jemand.

Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf
einem Futtersack sa Richard, zusammengekrmmt, beide Arme auf einen
vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrckt. Seine
Schultern zuckten in kurzen Sten, ein Ton, wie von einem Weinen, das
gewaltsam unterdrckt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt
und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier
geschehen?

Richard...

Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der whlte sich nur
tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkrper wurde
durchschttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.

Richard, mein Kerlchen -- um Gottes willen -- was ist dir denn
geschehen? Sieh mich doch an -- weit du denn nicht, wie ich's mit
dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!

Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein hei und rot geweintes
Gesicht, entzndete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den
Hals und legte, wie in einer vlligen Erschpfung von Jammer, seinen
Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunchst nur seine Trnen zu
trocknen, streichelte ihm das Haar und flsterte ihm gute, beruhigende
Worte zu.

Richard hob den Kopf und lchelte, wie kranke Kinder zuweilen lcheln,
um die Erwachsenen ber ihre Schmerzen zu beruhigen.

-- Es ist ja nichts, antwortete er eilig, nur Dummheit ... Ich
hatte etwas mit Mutti, -- es ist schon vorbei.

Da machst du mir nun nichts wei, mein Junge, sagte Rolfers sehr
ernst. Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir
nicht sagen willst -- verla dich drauf.

Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten
Mglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen
Schmerzensausbruch veranlat haben knnten, jagten durch seine
Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in
Berlin erschien ihm als das Nchstliegende. Mutter und Sohn hatten
gestern abend lange miteinander geredet, -- ja er hatte ihre erregten
Stimmen einigemal in harter Steigerung gehrt.

Richard, -- soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?

In dem von Weinen verschwollenen Gesicht whlte und arbeitete es. Die
Mutter wollte mit Ihnen reden, stotterte der Junge. Sie wird es doch
nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.

Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas
Finsteres, Drohendes. Keinen Mut, grollte er, was soll denn das
heien ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu
leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rcken irgend
etwas aus, was nur geheimgehalten werden mu.

Sehen Sie, sagte Richard lebhaft, das habe ich der Mutter auch
gesagt. Sie mssen es wissen! Wir wollen fort!

Was -- fort von mir -- fort--? du auch?

Richard nickte. Ich gehre zu Mutter! Das war nur noch ein trotziges
Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollstndig
fassungslos -- an diese Mglichkeit, wenn er sie auch Martha
freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefhl einer
ungeheuren Enttuschung schnrte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in
ihm hoch -- er htte sich auf den Jungen werfen und ihn erwrgen
knnen. -- Der aber, wie er sah, da der Mann blauwei wurde im
Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine
linke Hand und kte sie. Demtig und zrtlich hob er die Hand und
legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Sten ihm die Brust
beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgernderten Augen, deren
Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes
Tierchen, dem groes Unrecht geschieht.

Rolfers zog einen tiefen Atemzug. Also -- da scheint sich deine
Mutter etwas recht Trichtes ausgegrbelt zu haben! Nun -- wir werden
ja sehen -- wir werden ja sehen!

Er fate mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu
sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben
lange an.

-- du glaubst, ich liee dich von mir, sagte er undeutlich, dich --
meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit...

Er strich mit der Hand ber die Stirn.

Nun komm, wir gehen durchs Gartenpfrtchen ins Moor hinaus. Die
Mutter ist vorn und sieht uns nicht, -- da erzhlst du mir alles. Wir
werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube,
ich wei bereits eins -- mit dem ich mich in diesen ganzen letzten
Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar -- man wei -- ein Entschlu
ist reif -- und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Tre
aufzustoen.

Nicht wahr, fragte Richard, wenn wir heimlich fortgegangen wren --
Sie htten uns nie wieder geholt?

Nein, da kennst du mich gut -- das htte ich nie ber mich
gebracht.

Richard nickte sinnend. Pltzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um
den Hals, drckte ihn strmisch und kte ihn auf den Mund, der ihm
beglckt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: Vater
-- mein Vater!

Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen
kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war.
Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.

Martha sa vor der Veranda und nhte, als Rolfers zurckkehrte und
sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. ber
dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die groen
Tannen dufteten krftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie
eine se leichte Melodie in der Luft. Martha fhlte sich ein wenig
dumpf im Kopf und gleichsam ausgehhlt. Als habe mit der gestrigen
Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschlu
an Energie verloren. Sie fand das Leben unertrglich schwer und
arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein,
denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie
ein friedliches Bchlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein.
Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung
gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder
auf ebene freundliche Straen hinausfinden wrde. Immer heftiger und
eiliger stach sie mit der Nadel durch den weien Stoff, als msse mit
der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgltig beendigt
werden. Sie hrte Rolfers kommen und es scho ihr durch den Kopf:
jetzt wre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu
berfallen. Sie nickte ihm nur flchtig zu und nhte immer schneller
weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuznden,
doch das oft Gebte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu
heftig, er mute um Marthas Untersttzung bitten. Sie strich ein
Zndholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit
wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.

Man sollte meinen, Martha, du nhtest um dein Leben..., sagte er
heiter und eine Wenigkeit ironisch. Sieh einmal auf und geniee diese
goldene Stunde!

Ach -- es ist einem nicht immer um goldene Stunden! sagte sie
traurig.

Nein, gewi nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns
noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich frchte auch, ich whle eigentlich
nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange
im Gemt rumort. Aber es mu nun doch heraus: Willst du meine Frau
werden?

Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Hhe.

Das soll ich doch nur um Richards willen, rief sie dunkel erglhend
und schon wieder nahe an den ausbrechenden Trnen. Wenn du glaubst,
ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein fr allemal
vorber!

Martha, ich mchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig
ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen
Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das
Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, da ich ihn
vielleicht nicht lieben gelernt htte, wenn ich nicht in ihm mein
eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden htte. Du kennst
mich, Martha, -- meine Strke und meine Schwche, unter der du ja
schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um
irgendeinen lieben Jungen -- es geht mir um meine Kunst -- ach -- was
sage ich -- meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard
sich so prachtvoll frisch und krftig regt! Mu ich knftig nur noch
Hter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Krften werden!
In diesen frchterlichen Weltkrmpfen ist es doch etwas Heiliges, die
kleinen Pflnzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkrpert,
das der Mensch doch schlielich ebenso ntig braucht wie Brot und
Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwrdig, da die
Kunst auf blutigem, gefhrlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie
ist eine dmonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem
Menschendnger nhrt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage,
es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein
Glck, sondern um etwas viel Hheres, Allgemeineres. Htte ich die
berzeugung nicht, ich wrde gewi nicht wagen, dir diese letzte
Entsagung zuzumuten...

Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. Ich
kann nicht, Franz -- was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten!
Das mit der Kunst -- es ist gewi wahr -- aber es klingt so kalt --
ich kann es doch nicht verstehen.

Sie stand auf, starrte in den blhenden sommerwarmen Garten, blickte
wieder zurck auf den Mann, den sie liebte -- sie fhlte es so stark
in dieser Stunde -- und der ihr doch so fremd war und so Grausames von
ihr forderte, whrend er still wartete.

Gut denn -- nimm Richard -- ich schenk ihn dir -- wenn es sein Glck
ist ..., sprach sie bebend und schluchzend. Nur sehen will ich ihn
zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum
Besuch haben, das wirst du mir ja gnnen!

Sie trank ihre salzigen Trnen mit den Lippen, als msse sie damit den
herben Trank ihrer Zukunft kosten.

Nein, Martha -- das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide!
Du bist seine Mutter -- unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich
ihn heute liebe -- niemals mchte ich den warmherzigen Jungen von
seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden...

'Das knnte ich auch am wenigsten ertragen,' flsterte Martha zornig.

Also lassen wir das Kapitel beiseite, sagte Rolfers. Wre es dir
lieber, Martha, wir wrden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen:
wir zwei alternde Menschen, fr uns knne noch mal ein Liebesfrhling
kommen? Unser Frhling heit Richard -- ich meine, er blht schn und
verheiungsvoll.----

Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten --
darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Fhrer sein aus
dir selbst heraus -- hinein in ein besseres und hheres Gefhl, das
uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe mu genug Kraft und Saft
haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du
nicht?

O Franz ... Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend
Erinnerungen, wute der Mann, da er sie gewonnen hatte. Er ffnete
die Tre und rief laut nach seinem Sohn.


       *       *       *       *       *


Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen:

     S. 26: drngte --> drngte. (Punkt ergnzt.)
     S. 52: qult dich nicht .. --> qult dich nicht ...
     (Auslassungspunkt ergnzt)
     S. 59: berrraschung --> berraschung (Druckfehler korrigiert)
     S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)


Formatierung:

Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
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or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
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with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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