The Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in den
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner

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Title: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

Author: Rudolf Steiner

Release Date: April 4, 2009 [EBook #28494]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE ***




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  INTERNATIONALE BCHEREI FR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN




  DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE

  IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT

  VON

  DR. RUDOLF STEINER


  [Illustration: Signet]


  1920

  DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG
  STUTTGART

  41.-80. Tausend

  Alle Rechte vorbehalten
  Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,
  Verlag, Stuttgart.


  Druckfehlerberichtigung.

  Auf Seite 14, Zeile 9 von oben, mu es
  statt: in dem Urteil
  heien: von dem Urteil.

  Auf Seite 26, Zeile 11 von unten, mu es
  statt: angetrieben
  heien: ausgetrieben.


  Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.




       Inhalt

                                                                    Seite

       Vorrede und Einleitung                                          5

       Vorbemerkungen ber die Absicht dieser Schrift                 16

    I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfat aus dem Leben
       der modernen Menschheit                                        20

   II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemen
       Lsungsversuche fr die sozialen Fragen und Notwendigkeiten    39

  III. Kapitalismus und soziale Ideen                                 63

   IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen             98




Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift


Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, mu derjenige
verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man
kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese
oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat,
msse die Menschen beglcken; dieser Glaube kann berwltigende
berzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwrtig die soziale Frage
bedeutet, kann man doch vllig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben
geltend machen will.

Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar
Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann
annehmen, irgend jemand wre im Besitze einer vollkommenen theoretischen
Lsung der sozialen Frage, und er knnte dennoch etwas ganz Unpraktisches
glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte Lsung anbieten
wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll,
auf diese Art im ffentlichen Leben wirken zu knnen. Die Seelenverfassung
der Menschen ist nicht so, da sie fr das ffentliche Leben etwa einmal
sagen knnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen
ntig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.

In dieser Art wollen die Menschen Ideen ber das soziale Leben gar nicht an
sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich
weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen
haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen
utopistischen Charakter beigelegt haben. Am strksten haben dies diejenigen
getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern,
was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.

Fr den praktisch Denkenden gehrt es heute schon zu den Erfahrungen des
ffentlichen Lebens, da man mit einer noch so berzeugend erscheinenden
utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die
Empfindung, da sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer
solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie mssen sich davon
berzeugen, da sie nur unntig reden. Ihre Mitmenschen knnen nichts
anfangen mit dem, was sie vorbringen.

Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige
Tatsache des gegenwrtigen ffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der
Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenber dem, was zum Beispiel die
wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen
Zustnde des ffentlichen Lebens zu bewltigen, wenn man an sie mit einem
lebensfremden Denken herantritt?

Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlat das
Gestndnis, da man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses
Gestndnis der sozialen Frage auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese
Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwrtigen Zivilisation
behandelt, wird man Klarheit darber erlangen, was dem sozialen Leben ntig
ist.

Auf die Gestaltung des gegenwrtigen Geisteslebens weist diese Frage hin.
Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen
Einrichtungen und von wirtschaftlichen Krften in einem hohen Grade
abhngig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den
Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die
wirtschaftlichen Zustnde der Umgebung es gestatten, aus denen er
herauswchst.

Man kann nun leicht glauben, dadurch msse der Mensch gut an die
Lebensverhltnisse der Gegenwart angepat sein. Denn der Staat habe die
Mglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und
damit des wesentlichen Teiles des ffentlichen Geisteslebens so zu
gestalten, da dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde.
Und auch das kann man leicht glauben, da der Mensch dadurch das
bestmgliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne
der wirtschaftlichen Mglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswchst,
und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den
ihm diese wirtschaftlichen Mglichkeiten anweisen.

Diese Schrift mu die heute wenig beliebte Aufgabe bernehmen, zu zeigen,
da die Verworrenheit unseres ffentlichen Lebens von der Abhngigkeit des
Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrhrt. Und sie mu zeigen,
da die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhngigkeit den einen Teil
der so brennenden sozialen Frage bildet.

Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtmer. In der
bernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas
dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende knnen
sich kaum etwas anderes vorstellen, als da die Gesellschaft den Einzelnen
zu ihrem Dienste nach ihren Manahmen erziehe.

Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem
Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, da in der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer spteren Zeit zum
Irrtum werden kann, was in einer frheren richtig ist. Es war fr das
Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhltnisse notwendig, da das
Erziehungswesen und damit das ffentliche Geistesleben den Kreisen, die es
im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate berantwortet wurde.
Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer
Irrtum.

Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des
Staatsgefges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in
dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle
Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,
das es angenommen hat, da es ein vllig selbstndiges Glied des sozialen
Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch
alles geistige Leben herauswchst, mu in die Verwaltung derer gestellt
werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts
hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft ttig
ist. Jeder Unterrichtende hat fr das Unterrichten nur so viel Zeit
aufzuwenden, da er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein
kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und
den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht
gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht.
Kein Parlament, keine Persnlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet
hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz
unmittelbar erfahren wird, das fliet auch in die Verwaltung ein. Es ist
naturgem, da innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und
Fachtchtigkeit in dem hchst mglichen Mae wirken.

Man kann natrlich einwenden, da auch in einer solchen Selbstverwaltung
des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im
wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Da das Best-Mgliche
zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fhigkeiten, die in
dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich
bermittelt werden, wenn ber ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus
geistigen Bestimmungsgrnden heraus sein magebendes Urteil fllen kann.
Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist,
darber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen
knnen. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu
verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt
werden. Aus ihr knnen das Staats- und das Wirtschaftsleben die Krfte
empfangen, die sie sich nicht geben knnen, wenn sie von ihren
Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.

Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, da auch die
Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem
Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien
Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,
landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre
Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift mu
notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese--
richtige-- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus flieen
diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man
durchschaut, da sie im Grunde aus dem unbewuten Glauben hervorgehen, die
Erziehenden mssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man knne
ihnen gar nicht zumuten, da sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche
den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen
mssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen
stehen, und die Erziehenden mssen gem den Richtlinien wirken, die ihnen
gegeben werden.

Wer so denkt, der sieht nicht, da Erziehende, die sich nicht bis ins
Kleinste hinein und bis zum Grten hinauf die Richtlinien selber geben
knnen, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen knnen dann
Grundstze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen
herrhren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen.
Die antisozialen Zustnde sind dadurch herbeigefhrt, da in das soziale
Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her
sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen knnen nur aus einer
Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und
verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man
nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile
behandelt. Man schafft Antisoziales nicht blo durch wirtschaftliche
Einrichtungen, sondern auch dadurch, da sich die Menschen in diesen
Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die
Jugend von Menschen erziehen und unterrichten lt, die man dadurch
lebensfremd werden lt, da man ihnen von auen her Richtung und Inhalt
ihres Tuns vorschreibt.

Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, da
derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen
Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat.
Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,
werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schpfen.
Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien
Geistesleben aus berantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den
lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen knnen.

Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein,
die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht
das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die
von bloen Praktikern gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen
gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren
Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen
die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten mu, das wird in
dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt.

Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrcken.
Besorgte Knstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn
die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem
gegenwrtigen vom Staat und den Wirtschaftsmchten besorgten? Solche Frager
sollten bedenken, da diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch
gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt:
dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften
angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wnschenswerte
herbeifhren knnen. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen,
sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner
freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung
seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die
ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann.

Die soziale Frage ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das
Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder
durch Parlamente gelst werden kann und dann gelst sein wird. Sie ist ein
Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie
einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird fr jeden Augenblick der
weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelst werden mssen. Denn das
Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der
aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen
lt. Dieses mu stets neu bewltigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit
nach der Sttigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der
soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhltnisse in die Unordnung.
Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhltnisse gibt es so wenig
wie ein Nahrungsmittel, das fr alle Zeiten sttigt. Aber die Menschen
knnen in solche Gemeinschaften eintreten, da durch ihr lebendiges
Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben
wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige
Glied des sozialen Organismus.

Wie sich fr das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie
Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so fr das Wirtschaftsleben
die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben
zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie
werden die menschlichen Bedrfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die
Menschen mit ihrer Ttigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine
Teilinteressen; jeder mu mit dem ihm mglichen Anteil von Ttigkeit in sie
eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden;
was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhltnisse
des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch
nicht berall so auf der Erde; innerhalb des gegenwrtig zivilisierten
Teiles der Erdbevlkerung ist es im wesentlichen so.

Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung
erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die
Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht
man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein
erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise
schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon
abhngig, da die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser
Lebensverhltnisse vorherrschend wirksam geworden ist.

Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskrfte in einer abstrakten
Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften
sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem
Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen
als blo wirtschaftlichen Krften entsprungen. Da man sie zu
Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale
Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich
aus seinen eigenen Krften heraus unabhngig von Staatseinrichtungen,
aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur knnen,
wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen
bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und
Produzenten sich zusammenschlieen. Durch die Verhltnisse des Lebens wird
der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine
Assoziationen wrden zu kostspielig, zu groe wirtschaftlich zu
unbersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus
den Lebensbedrfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden.
Man braucht nicht besorgt zu sein, da derjenige, der sein Leben in
reger Ortsvernderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen
eingeengt sein werde. Er wird den bergang von der einen in die andere
leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche
Interessen den bergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb
eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des
Geldverkehrs wirken.

Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine
weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die
Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Gter, sondern die
Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch
ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben knnen die Menschen diese
notwendige Einsicht haben; dadurch, da Interesse mit Interesse sich
vertragsmig ausgleichen mu, werden die Gter in ihren entsprechenden
Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschlieen nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen
Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie
kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den
Grundstzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung
der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man
parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten berein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den
Assoziationen werden nicht Lohnarbeiter sitzen, die durch ihre Macht von
einem Arbeit-Unternehmer mglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden
Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den
konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch
Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu
gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen.
Vor solchen mte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn
unzhlige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen ber die Arbeit verbringen
mten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation
vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, da der
Zusammenschlu den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der
Konsumierenden entspricht.

Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt:
dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,
wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in
Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen
entsprechen.

Da sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschlieen, dafr sorgt
einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft
nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedrfnisse. Andrerseits
kann dafr das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten
zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung
heraus denkt, mu zugeben, da solche assoziative Gemeinschaften in jedem
Augenblick entstehen knnen, da sie nichts von Utopie in sich schlieen.
Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als da der Mensch der
Gegenwart das wirtschaftliche Leben von auen organisieren will in dem
Sinne, wie fr ihn der Gedanke der Organisation zu einer Suggestion
geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von
auen zusammenschlieen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation,
die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenber. Durch
das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das
Planmige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen.-- Man
kann ja sagen: was ntzt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich
assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion
von auen her gerecht geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung
unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das
Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien
Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz
aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem
Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Krfte ein, dann wird
der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung
ausgleichen mssen. Heute spricht man ber solche Dinge nicht aus den
Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den
Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und
anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln,
weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben
immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen
Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die
wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der
Wirtschaft wirkenden Gestaltungskrfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie
arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den
Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig
wissen mu. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung ber das Mgliche sich
bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht
und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden.

Wie in dem freien Geistesleben nur die Krfte wirksam sind, die in ihm
selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die
wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was
in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus
dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist.
Dadurch wird er genau so viel Einflu auf die allgemeine Wirtschaft haben,
als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfhige sich dem
Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift
auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenber dem Starken schtzen, kann ein
Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Krften heraus gestaltet ist.

So kann der soziale Organismus in zwei selbstndige Glieder zerfallen, die
sich gerade dadurch gegenseitig tragen, da jeder seine eigenartige
Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Krften hervorgeht. Zwischen
beiden aber mu sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche
staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das
geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mndig
gewordenen Menschen abhngig sein mu. In dem freien Geistesleben bettigt
sich jeder nach seinen besonderen Fhigkeiten; im Wirtschaftsleben fllt
jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen
Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu
seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhngig ist von den
Fhigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und
unabhngig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Gter durch das
assoziative Wirtschaftsleben erhalten.

In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine
Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem
steht jeder dem andern als ein gleicher gegenber, weil in ihm nur
verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch
gleich urteilsfhig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem
Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.

Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der
selbstndigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die
Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung
des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder
gestalten kann. Wer die soziale Frage lsen will durch eine ausgedachte
oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht
praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu
solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen
Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen knnen, der wird dem
Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch
nicht absprechen.

Das Buch ist im April 1919 zuerst verffentlicht worden. Ergnzungen zu dem
damals Ausgesprochenen habe ich in den Beitrgen gegeben, die in der
Zeitschrift Dreigliederung des sozialen Organismus enthalten waren und
die soeben gesammelt als die Schrift In Ausfhrung der Dreigliederung des
sozialen Organismus erschienen sind[1].

  [1] Der Einfhrung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind,
  in das praktische Leben dient der im April 1919 begrndete Bund fr
  Dreigliederung des sozialen Organismus. (Er hat seinen Hauptsitz in
  Stuttgart, Champignystrae17.)

Man wird finden knnen, da in den beiden Schriften weniger von den
Zielen der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird,
die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis
heraus denkt, der wei, da namentlich einzelne Ziele in verschiedener
Gestalt auftreten knnen. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem
erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das
Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht klar genug
dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dnken, sind gerade solche
Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, da das Leben die mannigfaltigsten
Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein flieendes Element. Und wer mit ihm
gehen will, der mu sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem
flieenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem
solchen Denken ergriffen werden knnen.

Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift
erkmpft; aus dieser heraus mchten sie auch verstanden sein.




Vorbemerkungen ber die Absicht dieser Schrift


Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.
Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen,
da zur Lsung dieser Aufgaben Wege gesucht werden mssen, an die bisher
nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart untersttzt,
findet vielleicht heute schon derjenige Gehr, der, aus den Erfahrungen des
Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen mu, da dieses Nichtdenken an
notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf
der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausfhrungen dieser Schrift.
Sie mchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die
von einem groen Teile der Menschheit gegenwrtig gestellt werden, auf den
Weg eines zielbewuten sozialen Wollens zu bringen.-- Ob dem einen oder
dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei
der Bildung eines solchen Wollens wenig abhngen. Sie sind da, und man mu
mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mgen
diejenigen bedenken, die, aus ihrer persnlichen Lebenslage heraus, etwa
finden, da der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den
proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefllt,
weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf
etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen mu. Der Verfasser aber
mchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwrtigen Lebens heraus
sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens mglich
ist. Ihm stehen die verhngnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen
mssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren
Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem
sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.

Wenig befriedigt von den Ausfhrungen des Verfassers werden auch #zunchst#
Persnlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen,
wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die
Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, da in dieser
Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persnlichkeiten glaubt
der Verfasser, da gerade #sie# werden grndlich umlernen mssen. Denn ihm
erscheint ihre Lebenspraxis als dasjenige, was durch die #Tatsachen#,
welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben mssen, unbedingt als ein
Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu
Verhngnissen gefhrt hat. Sie werden einsehen mssen, da es notwendig
ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter
Idealismus erschienen ist. Mgen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser
Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem
Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit
gesprochen ist. Der Verfasser #mu# aus seiner Lebenserkenntnis heraus
meinen, da zu den begangenen Fehlern ungezhlte weitere werden hinzu
gemacht werden, wenn man sich nicht entschliet, auf das Geistesleben der
neueren Menschheit die sachgeme Aufmerksamkeit zu wenden.-- Auch
diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen
hervorbringen, die Menschheit msse aus der Hingabe an rein materielle
Interessen herauskommen und sich zum Geiste, zum Idealismus wenden,
werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes
Gefallen finden. Denn er hlt nicht viel von dem bloen Hinweis auf den
Geist, von dem Reden ber eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die#
Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird.
Dieser erweist sich in der Bewltigung der praktischen Lebensaufgaben
ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche
die seelischen Bedrfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, da man
von einer Geistigkeit wei, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, da dies
eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen
Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese
Lebenswirklichkeit nicht als eine blo fr das innere Seelenwesen
reservierte Nebenstrmung.-- So werden die Ausfhrungen dieser Schrift den
Geistigen wohl zu ungeistig, den Praktikern zu lebensfremd erscheinen.
Der Verfasser hat die Ansicht, da er #gerade deshalb# dem Leben der
Gegenwart werde in seiner Art dienen knnen, weil er der Lebensfremdheit
manches Menschen, der sich heute fr einen Praktiker hlt, nicht zuneigt,
und weil er auch demjenigen Reden vom Geiste, das aus Worten
Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.

Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die soziale Frage in
den Ausfhrungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu
erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und
Geisteslebens die wahre Gestalt dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser
Erkenntnis heraus knnen aber die Impulse kommen fr eine gesunde
Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung.--
In ltern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte
dafr, da diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals
entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der
Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese
Gliederung durch zielbewutes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen
ltern Zeiten und der Gegenwart liegt fr die Lnder, die fr ein solches
Wollen zunchst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten
Instinkte und der neueren Bewutheit vor, das den Anforderungen der
gegenwrtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man
heute fr zielbewutes soziales Denken hlt, leben aber noch die alten
Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenber den fordernden
Tatsachen. Grndlicher, als mancher sich vorstellt, mu der Mensch der
Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfhig ist. Wie
Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit
selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das--
so meint der Verfasser-- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen
entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser
glaubt, ber eine solche notwendige Gestaltung sagen zu mssen, das mchte
er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung#
zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwrtigen
Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, mchte der
Verfasser geben. Denn er meint, da nur ein solches Streben ber
Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens
hinausfhren kann.

Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den mchte der
Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwrtig mit manchen
Vorstellungen, die man sich ber eine mgliche Entwicklung der sozialen
Verhltnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in
Schwarmgeisterei verfllt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren
Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser
Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser
Darstellung deshalb etwas Abstraktes sehen, weil ihm konkret nur ist,
was er zu denken gewohnt ist und abstrakt auch das Konkrete dann, wenn er
nicht gewhnt ist, es zu denken[2].

  [2] Der Verfasser hat bewut vermieden, sich in seinen Ausfhrungen
  unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebruchlichen
  Ausdrcke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein
  fachmnnisches Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte
  zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, da er auch fr Menschen
  sprechen mchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur
  ungelufig ist, sondern vor allem die Ansicht, da eine neue Zeit das
  meiste von dem einseitig und unzulnglich sogar schon in der
  Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als
  fachmnnisch sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser htte auch
  hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder
  Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu
  bedenken, da die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten
  Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung
  zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung
  der gegebenen Impulse sind und nicht etwa blo so oder anders geartete
  Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem AbschnittIV ersehen
  kann, fr die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht,
  als hnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch
  nicht bemerkt wurden.

Da stramm in Parteiprogramme eingespannte Kpfe mit den Aufstellungen des
Verfassers zunchst unzufrieden sein werden, wei er. Doch er glaubt, viele
Parteimenschen werden recht bald zu der berzeugung gelangen, da die
Tatsachen der Entwicklung schon weit ber die Parteiprogramme
hinausgewachsen sind, und da ein von solchen Programmen #unabhngiges#
Urteil ber die nchsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig
ist.

Anfang April 1919.

                                                     #Rudolf Steiner.#




I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfat aus dem Leben der modernen
Menschheit


Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne
soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulnglich Gedanken
waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen
glaubte?

Was gegenwrtig sich aus frher niedergehaltenen Forderungen des
Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberflche des Lebens
drngt, ntigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mchte, welche das
Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhltnis, in
das sich diese Mchte zu den sozialen Triebkrften eines groen Teiles der
Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne
Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur
sind.

Manche Persnlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen mglich machte, durch
ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder frdernd einzuwirken auf die Krfte im
europischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drngten, haben sich
ber diese Triebkrfte den grten Illusionen hingegeben. Sie konnten
glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstrme beruhigen.
Solche Persnlichkeiten muten gewahr werden, da durch die Folgen ihres
Verhaltens die sozialen Triebe erst vllig in die Erscheinung traten. Ja,
die gegenwrtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige
geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft
erhielten. Die fhrenden Persnlichkeiten und Klassen muten ihr Verhalten
in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhngig machen, was
in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie htten
oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise htten
unbeachtet lassen knnen. In der Gestalt, die gegenwrtig die Ereignisse
angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.

Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was
jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der
Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, da den gewordenen
Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser
Tatsachen entstanden sind. Viele Persnlichkeiten, die ihre Gedanken an
diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales
Ziel lebt, vermgen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen,
die von den Tatsachen gestellt werden.

Noch glauben zwar manche dieser Persnlichkeiten, was sie seit langer Zeit
als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben,
werde sich verwirklichen und dann als mchtig genug erweisen, um den
fordernden Tatsachen eine lebensmgliche Richtung zu geben.-- Man kann
absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch whnen, das Alte msse
sich gegen die neueren Forderungen eines groen Teiles der Menschheit
halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die
von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung berzeugt sind. Man wird
doch nicht anders knnen, als sich gestehen: es wandeln unter uns
Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen
zurckgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, fr welche
die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien
haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren
Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurckgeblieben. Man braucht
vielleicht nicht unbescheiden gegenber heute noch als mageblich geltenden
Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe
der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu knnen. Man darf daraus
die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart msse empfnglich sein fr den
Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu
kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial
orientierten Persnlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es
knnte wohl sein, da die Tragik, die in den Lsungsversuchen der sozialen
Frage zutage tritt, gerade in einem Miverstehen der wahren proletarischen
Bestrebungen wurzelt. In einem Miverstehen selbst von seiten derjenigen,
welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind.
Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer ber sein eigenes Wollen das
rechte Urteil.

Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen:
was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht
dieses Wollen demjenigen, was gewhnlich von proletarischer oder nicht
proletarischer Seite ber dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in
dem, was ber die soziale Frage von vielen gedacht wird, die _wahre
Gestalt_ dieser Frage? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken ntig?
An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten knnen, wenn man
nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das
Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen
Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung,
welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.

Man hat viel gesprochen ber die Entwicklung der modernen Technik und des
modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung
das gegenwrtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die
Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen
ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel
Treffendes. Da damit aber ein Entscheidendes doch nicht berhrt wird, kann
sich dem aufdrngen, der sich nicht hypnotisieren lt von dem Urteil: die
uern Verhltnisse geben dem Menschen das Geprge seines Lebens. Es
offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus
inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewi ist, da die
proletarischen Forderungen sich entwickelt haben whrend des Lebens der
modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese
Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschlu darber, was in diesen
Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man
in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren
Gestalt_ der sozialen Frage nicht beikommen.

Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen
bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden
Triebkrfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der
moderne Proletarier ist _klassenbewut_ geworden. Er folgt den Impulsen
der auer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaen instinktiv,
unbewut; er wei sich als Angehriger einer besonderen Klasse und ist
gewillt, das Verhltnis dieser seiner Klasse zu den andern im ffentlichen
Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu
bringen. Wer ein Auffassungsvermgen hat fr seelische Unterstrmungen, der
wird durch das Wort klassenbewut in dem Zusammenhang, in dem es der
moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der
sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der
modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher mu vor
allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren ber das
Wirtschaftsleben und dessen Verhltnis zu den Menschenschicksalen zndend
in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine
Tatsache berhrt, ber welche viele, die nur _ber_ das Proletariat denken
knnen, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der
ernsten Ereignisse der Gegenwart schdliche Urteile haben. Mit der Meinung,
dem ungebildeten Proletarier sei durch den Marxismus und seine
Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht
worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hren kann, kommt
man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen
Verstndnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine
solche Meinung uert, nur, da man nicht den Willen hat, den Blick auf ein
Wesentliches in der gegenwrtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein
solches Wesentliches ist die Erfllung des proletarischen
Klassenbewutseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren
_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem
Bewutsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede ber die
Wissenschaft und die Arbeiter gelebt hat. Solche Dinge mgen manchem
unwesentlich erscheinen, der sich fr einen praktischen Menschen hlt.
Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung
gewinnen will, der _mu_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In
dem, was gemigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa
das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich
manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_,
von welcher das proletarische Bewutsein ergriffen worden ist. In der
wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten
Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu
leugnen, bedeutet ein Augenverschlieen vor den wirklichen Tatsachen. Und
eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist
die, da der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen
sich den Inhalt seines Klassenbewutseins bestimmen lt. Mag der an der
Maschine arbeitende Mensch von Wissenschaft noch so weit entfernt sein;
er hrt den Aufklrungen ber seine Lage von seiten derjenigen zu, welche
die Mittel zu dieser Aufklrung von dieser Wissenschaft empfangen haben.

Alle die Auseinandersetzungen ber das neuere Wirtschaftsleben, das
Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mgen noch so einleuchtend auf die
Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die
gegenwrtige soziale Lage entscheidend aufklrt, erfliet nicht unmittelbar
aus der Tatsache, da der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, da er
in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fliet aus
der andern Tatsache, da ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines
Klassenbewutseins an der Maschine und in der Abhngigkeit von der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es knnte sein, da
die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses
Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur
ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenber mu gesagt
werden: um so schlimmer fr die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung
in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das
Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen
will, der mu vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die
proletarische Bewegung-- von ihren gemigten Reformbestrebungen an bis in
ihre verheerendsten Auswchse hinein-- wird nicht von auermenschlichen
Krften, von Wirtschaftsimpulsen gemacht, sondern von _Menschen_; von
deren Vorstellungen und Willensimpulsen.

Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische
Bewutsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und
Willenskrfte der gegenwrtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre
Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem
Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele
mit einem menschenwrdigen Inhalt erfllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab
sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie
dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fhlte, lag
etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor
dem eigenen Bewutsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen lie. Er
vermochte, was er tat, so anzusehen, da er dadurch verwirklicht glauben
konnte, was er als Mensch sein wollte. An der Maschine und innerhalb der
kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein
Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine
das Bewutsein tragende Ansicht von dem errichten lt, was man als
Mensch ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strmte fr eine solche
Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, da das proletarische Bewutsein
die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es
hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren.
Das aber geschah in der Zeit, in der die fhrenden Klassen der Menschheit
einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die
geistige Stokraft hatte, um das menschliche Bewutsein nach dessen
Bedrfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu fhren. Die alten
Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen
Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als
Naturwesen innerhalb der bloen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht
empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt flieender
Strom, der den Menschen als Seele trgt. Wie man auch ber das Verhltnis
der religisen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der
wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird,
wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben
mssen, da sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religisen
entwickelt hat. Aber die alten, auf religisen Untergrnden ruhenden
Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der
neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich
auerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem
Bewutseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden
konnten. Den fhrenden Klassen konnte dieser Bewutseinsinhalt noch etwas
Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer
Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen
Bewutseinsinhalt, weil die berlieferung durch das Leben selbst sie den
alten noch festhalten lie. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten
Lebenszusammenhngen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf
eine vllig neue Grundlage gestellt worden ist. Fr ihn war mit der
Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Mglichkeit
geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schpfen. Die standen
inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen
Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig-- in
dem Sinne, wie man die groen weltgeschichtlichen Strmungen gleichzeitig
nennen kann-- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das
Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den
ihm notwendigen neuen Bewutseinsinhalt. Aber es war zu dieser
Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhltnis gesetzt als die fhrenden
Klassen. Diese fhlten sich nicht gentigt, die wissenschaftliche
Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen.
Mochten sie noch so sehr mit der wissenschaftlichen Vorstellungsart sich
durchdringen, da in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von
den niedersten Tieren bis zum Menschen fhre: diese Vorstellungsart blieb
doch theoretische berzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch
empfindungsgem so zu nehmen, wie es dieser berzeugung restlos angemessen
ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator
Bchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart
durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele
etwas, das sie festhalten lie an Lebenszusammenhngen, die sich nur
sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man
stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit
auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhngen mit dem eigenen Dasein
verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator
hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht
ausgefllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der
neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, da sie ihren Ursprung
in geistigen Welten haben. Sie sind darber belehrt worden, da sie in der
Urzeit unanstndig als Baumkletterer lebten; belehrt, da sie alle den
gleichen rein natrlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken
hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier
gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen
sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese
Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen fr
das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als
den Angehrigen der fhrenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung
drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte
alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen
dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser
Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht
eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwrdigen Inhalt
durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den
Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus
der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die
wissenschaftliche Denkungsart.

Es knnte manchen Leser dieser Ausfhrungen wohl zu einem Lcheln drngen,
wenn auf die Wissenschaftlichkeit der proletarischen Vorstellungsart
verwiesen wird. Wer bei Wissenschaftlichkeit nur an dasjenige zu denken
vermag, was man durch vieljhriges Sitzen in Bildungsanstalten sich
erwirbt, und der dann diese Wissenschaftlichkeit in Gegensatz bringt zu
dem Bewutseinsinhalt des Proletariers, der nichts gelernt hat, der mag
lcheln. Er lchelt ber Schicksal entscheidende Tatsachen des
gegenwrtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, da mancher
hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, whrend der ungelehrte
Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die
er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft
aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber
in Lebenszusammenhngen und lt sich von diesen seine Empfindungen
orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der
Proletarier ist durch seine Lebensverhltnisse dazu gebracht, das Dasein so
aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die
andern Klassen Wissenschaftlichkeit nennen, mag ihm ferne liegen; die
Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Fr
die andern Klassen ist bestimmend eine religise, eine sthetische, eine
allgemeingeistige Grundlage; fr ihn wird die Wissenschaft, wenn auch oft
in ihren allerletzten Gedanken-Auslufen, Lebensglaube. Mancher Angehrige
der fhrenden Klassen fhlt sich aufgeklrt, freireligis. Gewi, in
seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche berzeugung; in seinen
Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines
berlieferten Lebensglaubens.

Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung
mitbekommen hat: das ist das Bewutsein, da sie als geistiger Art in
einer geistigen Welt wurzelt. ber diesen Charakter der modernen
Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehrige der fhrenden Klassen
hinwegsetzen. Denn ihm erfllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der
Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten
Traditionen aus seiner Seele. Er bernahm die wissenschaftliche
Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut
wurde die Grundlage seines Bewutseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser
Geistesinhalt in seiner Seele wute nichts von seinem Ursprung in einem
wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen
als geistiges Leben allein bernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung
aus dem Geiste.

Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch
Proletarier berhren werden, die mit dem Leben praktisch vertraut zu sein
glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte fr eine
lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwrtigen
Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn
erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem mu sich
offenbaren, da einer Lebensauffassung, welche sich nur an das uere
dieser Tatsachen hlt, zuletzt nur noch Vorstellungen zugnglich sind, die
mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich
so lange praktisch an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine
hnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung knnte die
gegenwrtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister fr viele sein. Denn: was
haben sie gedacht, da werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch
mit dem sozialen Denken gehen?

Auch hre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer
Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der
den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken mchte,
das dem brgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner
durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht
hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu
bewegen sucht, die ihm von den herrschenden Klassen als Erbgut bermacht
ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ brgerlich. Die neue Zeit
macht nicht blo notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch
in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum
lebentragenden Inhalt werden knnen, wenn sie auf ihre Art fr die Bildung
eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stokraft entwickelt, wie
sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.

Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines
der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung fhrt. Am Ende
dieses Weges ertnt aus der proletarischen Seele die berzeugung: ich
strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist
_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den ueren Weltvorgngen
spiegelt, fliet nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im
bergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet
die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der
proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen
der Gegenwart auslebt, der mu imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht
bewirken kann, da das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was
wei der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Kpfen der
mehr oder weniger geschulten Fhrer verwirrend spukt. Der so spricht, redet
am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein
solcher wei nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte
vorgegangen ist; er wei nicht, welche Fden sich spinnen von der Ansicht,
das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm
nur fr unwissend gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den
Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus Revolution
machen.

Darinnen liegt die Tragik, die ber das Erfassen der sozialen Forderungen
der Gegenwart sich ausbreitet, da man in vielen Kreisen keine Empfindung
fr das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die
Oberflche des Lebens heraufdrngt, da man den Blick nicht auf das zu
richten vermag, was in den Menschengemtern _wirklich vorgeht_. Der
Nichtproletarier hrt angsterfllt nach den Forderungen des Proletariers
hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann
fr mich ein menschenwrdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich
keine Vorstellung davon zu bilden, da seine Klasse beim bergang aus einer
alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm
nicht gehrenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern da sie nicht
vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt
hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben
vorbeisehen und vorbeihandeln, mgen sagen: aber der Proletarier will doch
einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden
Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine
Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den
andern Klassen nichts fr meine Seele; ich will, da sie mich nicht weiter
ausbeuten knnen. Ich will, da die jetzt bestehenden Klassenunterschiede
aufhren. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie
enthllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches
Bewutsein in den Seelen der arbeitenden Bevlkerung, das von den
herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt htte, wrde die
sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne
Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie
sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des
Geisteslebens berzeugt; aber es wird durch diese berzeugung immer
unglcklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglckes, die es
nicht bewut kennt, aber intensiv erleidet, berwiegen weit in ihrer
Bedeutung fr die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer
Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der ueren Lebenslage
ist.

Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen
Lebensgesinnung, die ihnen gegenwrtig im Proletariertum kampfbereit
entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, da sie
von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben
knnen, was von diesem als Ideologie empfunden werden mu.

Nicht das gibt der gegenwrtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches
Geprge, da man nach einer nderung der Lebenslage einer Menschenklasse
verlangt, obgleich es das natrlich Erscheinende ist, sondern die Art,
_wie_ die Forderung nach dieser nderung aus den Gedanken-Impulsen dieser
Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von
diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen,
wie Persnlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen
Impulse halten wollen, lcheln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese
oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lsung der
sozialen Frage. Sie belcheln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie.
Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloen Geistesleben heraus, so meinen sie,
werde gewi nichts beigetragen werden knnen zu den brennenden sozialen
Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drngt es sich einem
auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,
gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige
Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_.

Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine hnliche
Bewegung der Welt-- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im
eminentesten Sinne-- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage
ich nicht blo wie ein im Nachdenken ber die soziale Bewegung gewonnenes
Aperu. Wenn es mir gestattet ist, eine persnliche Bemerkung einzufgen,
so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule
in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt.
Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen
proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch
zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der
verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche
nicht blo vom Gesichtspunkte theoretischer Erwgungen, sondern ich spreche
aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen
zu haben.

Wer-- was bei den fhrenden Intellektuellen leider so wenig der Fall
ist-- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von
_Arbeitern_ getragen wird, der wei, welch bedeutungsschwere Erscheinung
_dieses_ ist, da eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer groen
Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwrtig
schwierig macht, zu den sozialen Rtseln Stellung zu nehmen, ist, da eine
so geringe Mglichkeit des gegenseitigen Verstndnisses der Klassen da ist.
Die brgerlichen Klassen knnen heute sich so schwer in die Seele des
Proletariers hineinversetzen, knnen so schwer verstehen, wie in der noch
unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine
solche-- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will--, eine solche an
menschliche Denkforderungen hchste Mastbe anlegende Vorstellungsart, wie
es diejenige Karl Marxens ist.

Gewi, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem
andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden
Grnden wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das
soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem
Gesichtspunkte ansahen als diese Fhrer. Von dem Inhalte dieses Systems
will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle
in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint
mir, da die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als
mchtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der
folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine
Lebensbewegung mit alleralltglichsten Menschheitsforderungen stand noch
niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie
diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaen sogar die erste
derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche
Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache mu aber richtig angesehen werden.
Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier ber sein
eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewut zu sagen hat, so scheint
einem das programmig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung
durchaus nicht als das wichtige.

Als wirklich wichtig aber mu erscheinen, da im Proletarierempfinden fr
den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur
in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die
_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art
innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewut zugestehen. Er ist von
diesem Zugestndnis abgehalten dadurch, da ihm das Gedankenleben als
Ideologie berliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf
die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders
kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch
die Handlungen ihrer Trger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in
ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung
durchschaut.

Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen
Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, da in der
Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die
Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen mu. Denn es
ist wesentlich, da der Proletarier die Ursachen der ihn nicht
befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung
in einer solchen Art strebt, da Empfindung und Streben von diesem
Geistesleben die Richtung empfngt. Und doch kann er gegenwrtig noch gar
nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, da in diesen
geistigen Untergrnden der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine
bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, da das
Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie
empfinden mu? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man
nicht erwarten, da es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man
nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten
Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst,
sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der
menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des
Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden
Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufgen kann. Ihm sind
sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mgen sie
immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche
Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das
materielle Leben wieder gestaltend zurckwirken: ursprnglich steigen sie
als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ knnen von sich
aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten fhrt. Nur
_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum
Ziele geleitet.

Das neuere Geistesleben ist von den fhrenden Klassen der Menschheit an die
proletarische Bevlkerung in einer Form bergegangen, die seine Kraft fr
das Bewutsein dieser Bevlkerung ausschaltet. Wenn an die Krfte gedacht
wird, welche der sozialen Frage die Lsung bringen knnen, so mu dies vor
allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so
mte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen
gegenber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem
Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein groer Teil des modernen
Proletariats berzeugt; und diese berzeugung wird aus marxistischen oder
hnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne
Wirtschaftsleben hat aus seinen ltern Formen heraus die kapitalistische
der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm
unertrgliche Lage gegenber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde
weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden
Krfte ertten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des
Proletariates erstehen. Diese berzeugung ist von neueren sozialistischen
Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie fr einen
gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch
da geblieben. Dies drckt sich darinnen aus, da es dem, der gegenwrtig
echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn
irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen
Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so
wird von diesem die Kraft ausstrahlen knnen, die auch der sozialen
Bewegung den rechten Antrieb gibt.

Da der zur proletarischen Lebensfhrung gezwungene Mensch der Gegenwart
gegenber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht
hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines
Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung
von seiner Menschenwrde verleiht. Denn als er in die kapitalistische
Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit
den tiefsten Bedrfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben
hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die fhrenden Klassen als
Ideologie berlieferten, hhlte seine Seele aus. Da in den Forderungen des
modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem
Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwrtige Gesellschaftsordnung geben
kann: dies gibt der gegenwrtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft.
Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der
Menschheit richtig erfat, noch von dem proletarischen. Denn der nicht
proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Geprge des modernen
Geisteslebens, das er selbst herbeigefhrt hat. Der proletarische Teil
leidet darunter. Aber dieses ideologische Geprge des ihm vererbten
Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes
als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hngt das
Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwrtigen sozialen
Lage der Menschheit herausfhren kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung,
welche unter dem Einflu der fhrenden Menschenklassen beim Heraufkommen
der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen
Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen mssen, ihn zu
ffnen._

Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwrtig
denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, da
ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben
als Ideologie wirkt, eine der Krfte entbehrt, welche den sozialen
Organismus lebensfhig machen. Der gegenwrtige krankt an der Ohnmacht des
Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung,
ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man
eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung
entsprechendes Denken entwickeln kann.

Gegenwrtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu
treffen, wenn er von seinem _Klassenbewutsein_ redet. Doch die Wahrheit
ist, da er seit seiner Einspannung in die kapitalistische
Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen
kann, das ihm das _Bewutsein seiner Menschenwrde gibt_; und da ihm das
als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewutsein nicht entwickeln
kann. Er hat nach _diesem_ Bewutsein gesucht, und er hat, was er nicht
finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene
_Klassenbewutsein_ ersetzt.

Sein Blick ist wie durch eine mchtige suggestive Kraft blo hingelenkt
worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, da
anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Ansto liegen knne zu
dem, was notwendig eintreten mte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung.
Er glaubt allein, da durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen
Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigefhrt werden knne, den _er_ als
den menschenwrdigen empfindet. So wurde er dazu gedrngt, sein Heil allein
in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde
er gedrngt, da durch bloe Umgestaltung des Wirtschaftslebens
verschwinden werde all der Schaden, der herrhrt von der privaten
Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der
Unmglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprchen
auf Menschenwrde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne
Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der
berfhrung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in
_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine
solche Meinung ist dadurch entstanden, da man gewissermaen den Blick
abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet
hat auf den rein konomischen Proze.

Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen
proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, da aus der
Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln msse,
was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle
Menschenrecht kmpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf,
was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge
auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende
Tatsache, da geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der
sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwrtigen Menschheit
heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, da es aus dem Wirtschaftsleben
selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte,
das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die ber das alte
Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen
Arbeitsproletariat herauffhrt. Wie auch fr das moderne Leben die
Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen
von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen
Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen
wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewut empfunden wird, das
aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist
dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde
genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser
Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden
innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer
_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein.

Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der
ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den
unterbewuten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor
lebt, da er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen mu, wie
man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, da auf dem
Arbeitskrftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle
spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man
darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware
Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz
unbefangen darauf blicken wird, da, was da wirkt, auch nicht eindringlich
und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,
_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen
Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden mu, da er
heute die soziale Frage zu einer drngenden, ja brennenden macht.

Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware
verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des
Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsproze eingegliedert durch
die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch
einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrckt: der
Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, da diese Tatsache nicht bemerkt
worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine
fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefhlt, was gewichtig
in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie
betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die
Frage ber den Warencharakter zu einer bloen Wirtschaftsfrage. Man glaubt,
da aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Krfte kommen mssen, welche
einen Zustand herbeifhren, durch den der Proletarier nicht mehr die
Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner
unwrdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der
neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man
sieht auch, da diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den
Charakter der Ware aufgeprgt hat. Aber man sieht nicht, wie es im
Wirtschaftsleben selbst liegt, da alles ihm Eingegliederte zur Ware werden
_mu_. In der Erzeugung und in dem zweckmigen Verbrauch von Waren besteht
das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des
Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Mglichkeit findet, sie aus
dem Wirtschaftsproze herauszureien. Nicht darauf kann das Bestreben
gerichtet sein, den Wirtschaftsproze so umzugestalten, da _in_ ihm die
menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt
man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsproze heraus, um sie von
sozialen Krften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?
Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine
Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb,
weil er nicht sieht, da der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich
von seinem vlligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsproze herrhrt.
Dadurch, da er seine Arbeitskraft diesem Proze berliefern mu, geht er
mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsproze strebt
so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der
zweckmigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so
lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen lt. Wie
hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man
den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese
Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht.
Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer
andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren
Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht,
da im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion
nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren
Machtbereich nicht ber die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden
soll.

Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen
Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben
eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der
andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem
Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen mu von ihrer
Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung
gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits
zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche
Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen
soll.

Man sieht schon hieraus, da die soziale Frage sich in drei besondere
Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des
Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird
das Arbeitsverhltnis in seiner rechten Eingliederung in das
Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben
knnen, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.




II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemen Lsungsversuche fr die
sozialen Fragen und Notwendigkeiten


Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt
der sozialen Frage in der neueren Zeit gefhrt hat, wohl _so_
aussprechen, da man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik
getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen
naturhaften Selbstverstndlichkeit gewirkt und die moderne
Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der
Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit fr dasjenige, was
Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit
abgelenkt worden fr andere Zweige, andere Gebiete des sozialen
Organismus. Diesen mu ebenso notwendig vom menschlichen Bewutsein
aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale
Organismus gesund sein soll.

Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer
_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung ber die soziale Frage
charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem
Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, da mit diesem Vergleich
nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann
untersttzen das menschliche Verstndnis, um es gerade in diejenige
Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen
ber die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen
Gesichtspunkt betrachten mu den kompliziertesten natrlichen Organismus,
den menschlichen Organismus, der mu seine Aufmerksamkeit darauf richten,
da die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander
wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen
Selbstndigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man
etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natrlichen
Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schliet
_Nervenleben und Sinnesleben_. Man knnte es auch nach dem wichtigsten
Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaen
zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen.

Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn
man ein wirkliches Verstndnis fr sie erwerben will, das, was ich nennen
mchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_,
aus all dem, was sich ausdrckt in _rhythmischen Vorgngen_ des
menschlichen Organismus.

Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und
Ttigkeiten zusammenhngt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_.

In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art
unterhlt, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des
menschlichen Organismus[3].

  [3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach rumlich
  abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Ttigkeiten
  (Funktionen) des Organismus. Kopforganismus ist nur zu gebrauchen,
  wenn man sich bewut ist, da im Kopfe in erster Linie das
  Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natrlich im Kopfe auch
  die rhythmische und die Stoffwechselttigkeit vorhanden, wie in den
  andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnesttigkeit vorhanden ist. Trotzdem
  sind die drei Arten der Ttigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng
  voneinander geschieden.

Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was
naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese
Dreigliederung des menschlichen natrlichen Organismus wenigstens zunchst
skizzenweise in meinem Buche Von Seelenrtseln zu charakterisieren. Ich
bin mir klar darber, da Biologie, Physiologie, die gesamte
Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernchsten Zeit zu
einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrngen werden,
welche durchschaut, wie diese drei Glieder-- Kopfsystem,
Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem-- dadurch den
Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, da sie in einer
gewissen Selbstndigkeit wirken, da _nicht_ eine absolute Zentralisation
des menschlichen Organismus vorliegt, da auch jedes dieser Systeme ein
besonderes, fr sich bestehendes Verhltnis zur Auenwelt hat. Das
Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System
durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernhrungs- und
Bewegungsorgane.

Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so
weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus
geisteswissenschaftlichen Untergrnden heraus fr die Naturwissenschaft von
mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der
naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem
solchen Grade zu bringen, wie das wnschenswert fr den
Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere
Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht
vollstndig angemessen dem, was z.B. im menschlichen Organismus sich als
die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man knnte nun wohl sagen:
Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren
Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise
als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und
namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da mu
nicht nur bei irgendwelchen Fachmnnern, sondern da mu in jeder
Menschenseele-- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit fr
den sozialen Organismus-- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem
vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes
Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die
Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei
es auch mehr oder weniger blo instinktiv, sich klar darber ist, da
dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein
mu wie der natrliche Organismus.

Es ist nun, seit _Schffle_ sein Buch geschrieben hat ber den Bau des
sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der
Organisation eines Naturwesens-- sagen wir, der Organisation des
Menschen-- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat
feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was
Zellengefge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch
erschienen von Merey, Weltmutation, in dem gewisse naturwissenschaftliche
Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach bertragen werden
auf-- wie man meint-- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all
diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier
gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen
Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natrlichen
Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur
beweisen, da er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist.
Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine fr naturwissenschaftliche
Tatsachen passende Wahrheit herber zu verpflanzen auf den sozialen
Organismus; sondern das vllig andere, da das menschliche Denken, das
menschliche Empfinden lerne, das Lebensmgliche an der Betrachtung des
naturgemen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise
anwenden knne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man
glaubt gelernt zu haben am natrlichen Organismus, bertrgt auf den
sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, da man
sich nicht die Fhigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso
selbstndig, ebenso fr sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu
forschen, wie man dies ntig hat fr das Verstndnis des natrlichen
Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der
Naturforscher gegenberstellt dem natrlichen Organismus, dem sozialen
Organismus in seiner Selbstndigkeit gegenberstellt, um dessen eigene
Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hrt gegenber dem Ernst der
Betrachtung jedes Analogiespiel auf.

Man knnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube
zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der
Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus aufgebaut werden. Das aber
liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur mglich. Auf ganz
anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwrtige geschichtliche
Menschheitskrisis fordert, da gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem
einzelnen Menschen_, da die Anregung zu diesen Empfindungen von dem
Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung
der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewute Aufnahme in das
menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben
hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehrt zu den
Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben
eintreten wollen, da die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen
Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung
gefordert wird. Da man gesund empfinden lernen msse, wie die Krfte des
sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfhig sich erweist,
das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich
ein Gefhl davon aneignen mssen, da es ungesund, antisozial ist, _nicht_
sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen.

Man kann heute von Sozialisierung als von dem reden hren, was der Zeit
ntig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsproze, sondern ein
Kurpfuscherproze am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein
Zerstrungsproze, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die
menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von
der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser
soziale Organismus mu, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder
gesetzmig ausbilden.

Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner
Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles
brige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen
Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses
konomische Leben mu ein selbstndiges Glied fr sich innerhalb des
sozialen Organismus sein, so relativ selbstndig, wie das
Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbstndig ist. Zu
tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,
Warenzirkulation, Warenkonsum ist.

Als _zweites Glied_ des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des
ffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehrt
dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche
Staatsleben bezeichnen knnte. Whrend es das Wirtschaftsleben mit all dem
zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen
Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es
dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem,
was sich aus rein menschlichen Untergrnden heraus auf das Verhltnis des
Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich fr die Erkenntnis der
Glieder des sozialen Organismus, da man wei, welcher Unterschied besteht
zwischen dem System des ffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann
aus menschlichen Untergrnden heraus mit dem Verhltnis von Mensch zu
Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es _nur_ zu tun hat mit
Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man mu dieses im Leben
empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das
Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natrlichen
Organismus die Ttigkeit der Lunge zur Verarbeitung der ueren Luft sich
abscheidet von den Vorgngen im Nerven-Sinnesleben.

Als drittes Glied, das ebenso selbstndig sich neben die beiden andern
Glieder hinstellen mu, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was
sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer knnte man sagen, weil
vielleicht die Bezeichnung geistige Kultur oder alles das, was sich auf
das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige,
was beruht auf der natrlichen Begabung des einzelnen menschlichen
Individuums, was hineinkommen mu in den sozialen Organismus auf Grundlage
dieser natrlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des
einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das
Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein mu, damit der
Mensch sein materielles Verhltnis zur Auenwelt regeln kann. Das zweite
System hat es zu tun mit dem, was da sein mu im sozialen Organismus wegen
des Verhltnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit
all dem, was hervorsprieen mu und eingegliedert werden mu in den
sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualitt heraus.

Ebenso wahr, wie es ist, da moderne Technik und moderner Kapitalismus
unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Geprge
gegeben haben, ebenso notwendig ist es, da diejenigen Wunden, die von
dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden
sind, dadurch geheilt werden, da man den Menschen und das _menschliche
Gemeinschaftsleben_ in ein richtiges Verhltnis bringt zu den drei Gliedern
dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich
selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch
eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders
machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens
sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverstndlichkeit
sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen
Organismus einzugliedern. Fr sie ist es notwendig, da der Mensch aus den
oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt,
jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne
derjenigen Lsungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat
jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der
nchsten Zukunft.

Dasjenige, was das erste Glied des sozialen Organismus ist, das
Wirtschaftsleben, das ruht zunchst auf der Naturgrundlage geradeso, wie
der einzelne Mensch mit Bezug auf dasjenige, was er fr sich durch Lernen,
durch Erziehung, durch das Leben werden kann, ruht auf der Begabung seines
geistigen und krperlichen Organismus. Diese Naturgrundlage drckt einfach
dem Wirtschaftsleben und dadurch dem gesamten sozialen Organismus sein
Geprge auf. Aber diese Naturgrundlage ist da, ohne da sie durch
irgendeine soziale Organisation, durch irgendeine Sozialisierung in
ursprnglicher Art getroffen werden kann. Sie mu dem Leben des sozialen
Organismus so zugrunde gelegt werden, wie bei der Erziehung des Menschen
zugrunde gelegt werden mu die Begabung, die er auf den verschiedenen
Gebieten hat, seine natrliche krperliche und geistige Tchtigkeit. Von
jeder Sozialisierung, von jedem Versuche, dem menschlichen Zusammenleben
eine wirtschaftliche Gestaltung zu geben, mu bercksichtigt werden die
Naturgrundlage. Denn aller Warenzirkulation und auch aller menschlichen
Arbeit und auch jeglichem geistigen Leben liegt zugrunde als ein erstes
elementarisches Ursprngliches dasjenige, was den Menschen kettet an ein
bestimmtes Stck Natur. Man mu ber den Zusammenhang des sozialen
Organismus mit der Naturgrundlage denken, wie man mit Bezug auf Lernen beim
einzelnen Menschen denken mu ber sein Verhltnis zu seiner Begabung. Man
kann gerade sich dieses klarmachen an extremen Fllen. Man braucht z.B.
nur zu bedenken, da in gewissen Gebieten der Erde, wo die Banane ein
naheliegendes Nahrungsmittel fr die Menschen abgibt, in Betracht kommt fr
das menschliche Zusammenleben dasjenige an Arbeit, was aufgebracht werden
mu, um die Banane von ihrer Ursprungssttte aus an einen Bestimmungsort zu
bringen und sie zu einem Konsummittel zu machen. Vergleicht man die
menschliche Arbeit, die aufgebracht werden mu, um die _Banane_ fr die
menschliche Gesellschaft konsumfhig zu machen, mit der Arbeit, die
aufgebracht werden mu, etwa in unsern Gegenden Mitteleuropas, um den
Weizen konsumfhig zu machen, so ist die Arbeit, die fr die Banane
notwendig ist, gering gerechnet, eine dreihundertmal kleinere als beim
Weizen.

Gewi, das ist ein extremer Fall. Aber solche Unterschiede mit Bezug auf
das notwendige Ma von Arbeit im Verhltnis zu der Naturgrundlage sind auch
da unter den Produktionszweigen, die in irgendeinem sozialen Organismus
Europas vertreten sind,-- nicht in dieser radikalen Verschiedenheit wie
bei Banane und Weizen, aber sie sind als Unterschiede da. So ist es im
Wirtschaftsorganismus begrndet, da durch das Verhltnis des Menschen zur
Naturgrundlage seines Wirtschaftens das Ma von Arbeitskraft bedingt ist,
das er in den Wirtschaftsproze hineintragen mu. Und man braucht ja nur
z.B. zu vergleichen: in _Deutschland_, in Gegenden mit mittlerer
Ertragsfhigkeit, ist ungefhr das Ertrgnis der Weizenkultur so, da das
_Sieben- bis Achtfache_ der Aussaat einkommt durch die Ernte; in _Chile_
kommt das _Zwlffache_ herein, in _Nordmexiko_ kommt das _Siebzehnfache_
ein, in _Peru_ das _Zwanzigfache_. (Vergleiche Jentsch,
Volkswirtschaftslehre, S.64.)

Dieses ganze zusammengehrige Wesen, welches verluft in Vorgngen, die
beginnen mit dem Verhltnis des Menschen zur Natur, die sich fortsetzen in
all dem, was der Mensch zu tun hat, um die Naturprodukte umzuwandeln und
sie bis zur Konsumfhigkeit zu bringen, alle diese Vorgnge und nur diese
umschlieen fr einen gesunden sozialen Organismus sein Wirtschaftsglied.
Dieses steht im sozialen Organismus wie das Kopfsystem, von dem die
individuellen Begabungen bedingt sind, im menschlichen Gesamtorganismus
drinnen steht. Aber wie dieses Kopfsystem von dem Lungen-Herzsystem
abhngig ist, so ist das Wirtschaftssystem von der menschlichen
Arbeitsleistung abhngig. Wie nun aber der Kopf nicht selbstndig die
Atemregelung hervorbringen kann, so sollte das menschliche Arbeitssystem
nicht durch die im Wirtschaftsleben wirksamen Krfte selbst geregelt
werden.

In dem Wirtschaftsleben steht der Mensch durch seine Interessen darinnen.
Diese haben ihre Grundlage in seinen seelischen und geistigen Bedrfnissen.
Wie den Interessen am zweckmigsten entsprochen werden kann innerhalb
eines sozialen Organismus, so da der einzelne Mensch durch diesen
Organismus in der bestmglichen Art zur Befriedigung seines Interesses
kommt, und er auch in vorteilhaftester Art sich in die Wirtschaft
hineinstellen kann: diese Frage mu praktisch in den Einrichtungen des
Wirtschaftskrpers gelst sein. Das kann nur dadurch sein, da die
Interessen sich wirklich frei geltend machen knnen und da auch der Wille
und die Mglichkeit entstehen, das Ntige zu ihrer Befriedigung zu tun. Die
Entstehung der Interessen liegt auerhalb des Kreises, der das
Wirtschaftsleben umgrenzt. Sie bilden sich mit der Entfaltung des
seelischen und natrlichen Menschenwesens. Da Einrichtungen bestehen, sie
zu befriedigen, ist die Aufgabe des Wirtschaftslebens. Diese Einrichtungen
knnen es mit nichts anderem zu tun haben als allein mit der Herstellung
und dem Tausch von Waren, das heit von Gtern, die ihren Wert durch das
menschliche Bedrfnis erhalten. Die Ware hat ihren Wert durch denjenigen,
der sie verbraucht. Dadurch, da die Ware ihren Wert durch den Verbraucher
erhlt, steht sie in einer ganz anderen Art im sozialen Organismus als
anderes, das fr den Menschen als Angehrigen dieses Organismus Wert hat.
Man sollte unbefangen das Wirtschaftsleben betrachten, in dessen Umkreis
Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenverbrauch gehren. Man wird den
_wesenhaften_ Unterschied nicht _blo_ betrachtend bemerken, welcher
besteht zwischen dem Verhltnis von Mensch zu Mensch, indem der eine fr
den anderen Waren erzeugt, und demjenigen, das auf einem Rechtsverhltnis
beruhen mu. Man wird von der Betrachtung zu der praktischen Forderung
kommen, da im sozialen Organismus das Rechtsleben vllig von dem
Wirtschaftsleben abgesondert gehalten werden mu. Aus den Ttigkeiten,
welche die Menschen innerhalb der Einrichtungen zu entwickeln haben, die
der Warenerzeugung und dem Warenaustausch dienen, knnen sich unmittelbar
nicht die mglichst besten Impulse ergeben fr die rechtlichen
Verhltnisse, die unter den Menschen bestehen mssen. Innerhalb der
Wirtschaftseinrichtungen wendet sich der Mensch an den Menschen, weil der
eine dem Interesse des andern dient; grundverschieden davon ist die
Beziehung, welche der eine Mensch zu dem andern innerhalb des Rechtslebens
hat.

Man knnte nun glauben, dieser vom Leben geforderten Unterscheidung wre
schon Genge geschehen, wenn innerhalb der Einrichtungen, die dem
Wirtschaftsleben dienen, auch fr die Rechte gesorgt werde, welche in den
Verhltnissen der in dieses Wirtschaftsleben hineingestellten Menschen
zueinander bestehen mssen.-- Ein solcher Glaube hat seine Wurzeln nicht
in der Wirklichkeit des Lebens. Der Mensch kann nur dann das
Rechtsverhltnis richtig erleben, das zwischen ihm und anderen Menschen
bestehen mu, wenn er dieses Verhltnis _nicht_ auf dem Wirtschaftsgebiet
erlebt, sondern auf einem davon vllig getrennten Boden. Es mu deshalb im
gesunden sozialen Organismus _neben_ dem Wirtschaftsleben und in
Selbstndigkeit ein Leben sich entfalten, in dem die Rechte entstehen und
verwaltet werden, die von Mensch zu Mensch bestehen. Das Rechtsleben ist
aber dasjenige des eigentlichen politischen Gebietes, des Staates. Tragen
die Menschen diejenigen Interessen, denen sie in ihrem Wirtschaftsleben
dienen mssen, in die Gesetzgebung und Verwaltung des Rechtsstaates hinein,
so werden die entstehenden Rechte nur der Ausdruck dieser wirtschaftlichen
Interessen sein. Ist der Rechtsstaat selbst Wirtschafter, so verliert er
die Fhigkeit, das Rechtsleben der Menschen zu regeln. Denn seine Manahmen
und Einrichtungen werden dem menschlichen Bedrfnisse nach Waren dienen
mssen; sie werden dadurch abgedrngt von den Impulsen, die auf das
Rechtsleben gerichtet sind.

Der gesunde soziale Organismus erfordert als zweites Glied neben dem
Wirtschaftskrper das selbstndige politische Staatsleben. In dem
selbstndigen Wirtschaftskrper werden die Menschen durch die Krfte des
wirtschaftlichen Lebens zu Einrichtungen kommen, welche der Warenerzeugung
und dem Warenaustausch in der mglichst besten Weise dienen. In dem
politischen Staatskrper werden solche Einrichtungen entstehen, welche die
gegenseitigen Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen in solcher
Art orientieren, da dem Rechtsbewutsein des Menschen entsprochen wird.

Der Gesichtspunkt, von dem aus hier die gekennzeichnete Forderung nach
vlliger Trennung des Rechtsstaates von dem Wirtschaftsgebiet gestellt
wird, ist ein solcher, der im _wirklichen_ Menschenleben drinnen liegt.
Einen solchen Gesichtspunkt nimmt derjenige nicht ein, der Rechtsleben und
Wirtschaftsleben miteinander verbinden will. Die im wirtschaftlichen Leben
stehenden Menschen haben selbstverstndlich das Rechtsbewutsein; aber sie
werden _nur_ aus diesem heraus und nicht aus den wirtschaftlichen
Interessen Gesetzgebung und Verwaltung im Sinne des Rechtes besorgen, wenn
sie darber zu urteilen haben in dem Rechtsstaat, der als solcher an dem
Wirtschaftsleben keinen Anteil hat. Ein solcher Rechtsstaat hat seinen
eigenen Gesetzgebungs- und Verwaltungskrper, die beide nach den
Grundstzen aufgebaut sind, welche sich aus dem Rechtsbewutsein der
neueren Zeit ergeben. Er wird aufgebaut sein auf den Impulsen im
Menschheitsbewutsein, die man gegenwrtig die demokratischen nennt. Das
Wirtschaftsgebiet wird aus den Impulsen des Wirtschaftslebens heraus seine
Gesetzgebungs- und Verwaltungskrperschaften bilden. Der notwendige Verkehr
zwischen _den Leitungen_ des Rechts- und Wirtschaftskrpers wird erfolgen
annhernd wie gegenwrtig der zwischen den Regierungen souverner
Staatsgebiete. Durch diese Gliederung wird, was in dem einen Krper sich
entfaltet, auf dasjenige, was im andern entsteht, die notwendige Wirkung
ausben knnen. Diese Wirkung wird dadurch gehindert, da das eine Gebiet
in sich selbst das entfalten will, was ihm von dem anderen zuflieen soll.

Wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite den Bedingungen der
Naturgrundlage (Klima, geographische Beschaffenheit des Gebietes,
Vorhandensein von Bodenschtzen usw.) unterworfen ist, so ist es auf der
andern Seite von den Rechtsverhltnissen abhngig, welche der Staat
zwischen den wirtschaftenden Menschen und Menschengruppen schafft. Damit
sind die Grenzen dessen bezeichnet, was die Ttigkeit des Wirtschaftslebens
umfassen kann und soll. Wie die Natur Vorbedingungen schafft, die auerhalb
des Wirtschaftskreises liegen und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen
mu als etwas Gegebenes, auf das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so
soll alles, was im Wirtschaftsbereich ein Rechtsverhltnis begrndet von
Mensch zu Mensch im gesunden sozialen Organismus durch den Rechtsstaat
seine Regelung erfahren, der wie die Naturgrundlage als etwas dem
Wirtschaftsleben selbstndig Gegenberstehendes sich entfaltet.

In dem sozialen Organismus, der sich im bisherigen geschichtlichen Werden
der Menschheit herausgebildet hat und der durch das Maschinenzeitalter und
durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsform zu dem geworden ist, was
der sozialen Bewegung ihr Geprge gibt, umfat das Wirtschaftsleben mehr,
als es im gesunden sozialen Organismus umfassen soll. Gegenwrtig bewegt
sich in dem wirtschaftlichen Kreislauf, in dem sich blo _Waren_ bewegen
sollen, auch die menschliche Arbeitskraft, und es bewegen sich auch Rechte.
Man kann gegenwrtig in dem Wirtschaftskrper, der auf der Arbeitsteilung
beruht, nicht allein Waren tauschen gegen Waren, sondern durch denselben
wirtschaftlichen Vorgang auch Waren gegen Arbeit und Waren gegen Rechte.
(Ich nenne Ware jede Sache, die durch menschliche Ttigkeit zu dem geworden
ist, als das sie an irgend einem Orte, an den sie durch den Menschen
gebracht wird, ihrem Verbrauch zugefhrt wird. Mag diese Bezeichnung
manchem Volkswirtschaftslehrer auch anstig oder nicht gengend
erscheinen, sie kann zur Verstndigung ber das, was dem Wirtschaftsleben
angehren soll, ihre guten Dienste tun.)[4] Wenn jemand durch Kauf ein
Grundstck erwirbt, so mu das als ein Tausch des Grundstckes gegen Waren,
fr die das Kaufgeld als Reprsentant zu gelten hat, angesehen werden. Das
Grundstck selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht
in dem sozialen Organismus durch das _Recht_ darinnen, das der Mensch auf
seine Bentzung hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das
Verhltnis, in dem sich der Produzent einer Ware zu dieser befindet. In dem
letzteren Verhltnis liegt es wesenhaft begrndet, da es nicht bergreift
auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die dadurch
hergestellt wird, da jemandem die alleinige Bentzung eines Grundstckes
zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt
von ihm zur Arbeit auf diesem Grundstck angestellt werden, oder die darauf
wohnen mssen, in Abhngigkeit von sich. Dadurch, da man gegenseitig
wirkliche Waren tauscht, die man produziert oder konsumiert, stellt sich
eine Abhngigkeit nicht ein, welche in derselben Art zwischen Mensch und
Mensch wirkt.

  [4] Es kommt eben bei einer Darlegung, die im Dienste des Lebens gemacht
  wird, nicht darauf an, Definitionen zu geben, die aus einer Theorie
  heraus stammen, sondern Ideen, die verbildlichen, was in der
  Wirklichkeit eine lebensvolle Rolle spielt. Ware im obigen Sinne
  gebraucht, weist auf etwas hin, was der Mensch erlebt; jeder andere
  Begriff von Ware lt etwas weg oder fgt etwas hinzu, so da sich der
  Begriff mit den Lebensvorgngen in ihrer wahren Wirklichkeit nicht
  deckt.

Wer eine solche Lebenstatsache unbefangen durchschaut, dem wird
einleuchten, da sie ihren Ausdruck finden mu in den Einrichtungen des
gesunden sozialen Organismus. Solange Waren gegen Waren im Wirtschaftsleben
ausgetauscht werden, bleibt die Wertgestaltung dieser Waren unabhngig von
dem Rechtsverhltnisse zwischen Personen und Personengruppen. Sobald Waren
gegen Rechte eingetauscht werden, wird das Rechtsverhltnis selbst berhrt.
Nicht auf den Tausch als solchen kommt es an. Dieser ist das notwendige
Lebenselement des gegenwrtigen, auf Arbeitsteilung ruhenden sozialen
Organismus; sondern es handelt sich darum, da durch den Tausch des Rechtes
mit der Ware das Recht selbst zur Ware gemacht wird, wenn das Recht
_innerhalb_ des Wirtschaftslebens entsteht. Das wird nur dadurch
verhindert, da im sozialen Organismus einerseits Einrichtungen bestehen,
die _nur_ darauf abzielen, den Kreislauf der Waren in der zweckmigsten
Weise zu bewirken; und anderseits solche, welche die im Warenaustausch
lebenden Rechte der produzierenden, Handel treibenden und konsumierenden
Personen regeln. _Diese_ Rechte unterscheiden sich ihrem Wesen nach gar
nicht von anderen Rechten, die in dem vom Warenaustausch ganz unabhngigen
Verhltnis von Person zu Person bestehen mssen. Wenn ich meinen
Mitmenschen durch den Verkauf einer Ware schdige oder frdere, das gehrt
in das gleiche Gebiet des sozialen Lebens wie eine Schdigung oder
Frderung durch eine Ttigkeit oder Unterlassung, die unmittelbar nicht in
einem Warenaustausch zum Ausdruck kommt.

In der Lebenshaltung des einzelnen Menschen flieen die Wirkungen aus den
Rechtseinrichtungen mit denen aus der rein wirtschaftlichen Ttigkeit
zusammen. Im gesunden sozialen Organismus mssen sie aus zwei verschiedenen
Richtungen kommen. In der wirtschaftlichen Organisation hat die aus der
Erziehung fr einen Wirtschaftszweig und die aus der Erfahrung in demselben
gewonnene Vertrautheit mit ihm fr die leitenden Persnlichkeiten die
ntigen Gesichtspunkte abzugeben. In der Rechtsorganisation wird durch
Gesetz und Verwaltung verwirklicht, was aus dem Rechtsbewutsein als
Beziehung einzelner Menschen oder Menschengruppen zueinander gefordert
wird. Die Wirtschaftsorganisation wird Menschen mit gleichen Berufs- oder
Konsuminteressen oder mit in anderer Beziehung gleichen Bedrfnissen sich
zu Genossenschaften zusammenschlieen lassen, die im gegenseitigen
Wechselverkehr die Gesamtwirtschaft zustande bringen. Diese Organisation
wird sich auf assoziativer Grundlage und auf dem Verhltnis der
Assoziationen aufbauen. Diese Assoziationen werden eine blo
wirtschaftliche Ttigkeit entfalten. Die Rechtsgrundlage, auf der sie
arbeiten, kommt ihnen von der Rechtsorganisation zu. Wenn solche
Wirtschaftsassoziationen ihre wirtschaftlichen Interessen in den
Vertretungs- und Verwaltungskrpern der Wirtschaftsorganisation zur Geltung
bringen knnen, dann werden sie nicht den Drang entwickeln, in die
gesetzgebende oder verwaltende Leitung des Rechtsstaates einzudringen
(z.B. als Bund der Landwirte, als Partei der Industriellen, als
wirtschaftlich orientierte Sozialdemokratie), um da anzustreben, was ihnen
innerhalb des Wirtschaftslebens zu erreichen nicht mglich ist. Und wenn
der Rechtsstaat in gar keinem Wirtschaftszweige mitwirtschaftet, dann wird
er nur Einrichtungen schaffen, die aus dem Rechtsbewutsein der zu ihm
gehrenden Menschen stammen. Auch wenn in der Vertretung des
Rechtsstaates, wie es ja selbstverstndlich ist, dieselben Personen sitzen,
die im Wirtschaftsleben ttig sind, so wird sich durch die Gliederung in
Wirtschafts- und in Rechtsleben nicht ein Einflu des Wirtschafts- auf das
Rechtsleben ergeben knnen, der die Gesundheit des sozialen Organismus so
untergrbt, wie sie untergraben werden kann, wenn die Staatsorganisation
selbst Zweige des Wirtschaftslebens versorgt, und wenn in derselben die
Vertreter des Wirtschaftslebens aus dessen Interessen heraus Gesetze
beschlieen.

Ein typisches Beispiel von Verschmelzung des Wirtschaftslebens mit dem
Rechtsleben bot sterreich mit der Verfassung, die es sich in den sechziger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gegeben hat. Die Vertreter des
Reichsrates dieses Lndergebietes wurden aus den vier Zweigen des
Wirtschaftslebens heraus gewhlt, aus der Gemeinschaft der
Grogrundbesitzer, der Handelskammern, der Stdte, Mrkte und
Industrialorte und der Landgemeinden. Man sieht, da fr diese
Zusammensetzung der Staatsvertretung an gar nichts anderes in erster Linie
gedacht wurde, als da aus der Geltendmachung der wirtschaftlichen
Verhltnisse sich das Rechtsleben ergeben werde. Gewi ist, da zu dem
gegenwrtigen Zerfall sterreichs die auseinandertreibenden Krfte seiner
Nationalitten bedeutsam mitgewirkt haben. Allein als ebenso gewi kann es
gelten, da eine Rechtsorganisation, die neben der wirtschaftlichen ihre
Ttigkeit htte entfalten knnen, aus dem Rechtsbewutsein heraus eine
Gestaltung des sozialen Organismus wrde entwickelt haben, in der ein
Zusammenleben der Vlker mglich geworden wre.

Der gegenwrtig am ffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewhnlich
seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie fr dieses Leben in
Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,
den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Fr ein
_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.
Denn bei _jedem_ Wahlmodus mssen sich im Vertretungskrper die
wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stren. Und
was aus der Strung fr das soziale Leben fliet, _mu_ zu Erschtterungen
des Gesellschaftsorganismus fhren. Obenan als notwendige Zielsetzung des
ffentlichen Lebens mu gegenwrtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man
sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden
Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten fr
die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwrtig
zur Entscheidung drngt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als
solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in
Betracht. Wo die alten Verhltnisse noch vorhanden sind, wre aus diesen
heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
bereits aufgelst hat, oder in der Auflsung begriffen ist, mten
Einzelpersonen und Bndnisse zwischen Personen die Initiative zu einer
Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
Von heute zu morgen eine Umwandlung des ffentlichen Lebens herbeifhren zu
wollen, das sehen auch vernnftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.
Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmhliche,
sachgeme Umwandlung. Da aber die geschichtlichen Entwicklungskrfte der
Menschheit gegenwrtig ein vernnftiges Wollen nach der Richtung einer
sozialen Neuordnung notwendig machen, das knnen jedem Unbefangenen
weithinleuchtende Tatsachen lehren.

Wer fr praktisch durchfhrbar nur dasjenige hlt, an das er sich aus
engem Lebensgesichtskreis heraus gewhnt hat, der wird das hier Angedeutete
fr unpraktisch halten. Kann er sich nicht bekehren, und behlt er auf
irgend einem Lebensgebiete Einflu, dann wird er nicht zur Gesundung,
sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute
seiner Gesinnung an der Herbeifhrung der gegenwrtigen Zustnde gewirkt
haben.

Die Bestrebung, mit der fhrende Kreise der Menschheit begonnen haben und
die zur berleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in
das Staatsleben gefhrt hat, mu der entgegengesetzten weichen: der
Herauslsung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung
nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die uerste
Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,
insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem
wirtschaftlichen Leben seine Selbstndigkeit geben und dem politischen
Staate die Fhigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskrper so
zu wirken, da der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen
Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewutsein empfindet.

Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen
Leben_ der Menschheit begrndet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit
lenkt, welche der Mensch fr den sozialen Organismus durch seine
krperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so
eingegliedert, da sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer
abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Reprsentant
der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit
gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In
Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur
entstehen knnen, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft fr die Entstehung
hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhlt der Arbeiter einen Anteil,
der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das
Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens ber.
Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhltnis zwischen Arbeiter
und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische
Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die
wirtschaftliche bermacht des Arbeitgebers ber den Arbeiter bedingt ist.
Im gesunden sozialen Organismus mu zutage treten, da die Arbeit nicht
bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch
Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,
und das Ma, in dem ein Mensch fr den Bestand des sozialen Organismus zu
arbeiten hat, mssen aus seiner Fhigkeit heraus und aus den Bedingungen
eines menschenwrdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,
wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhngigkeit von
den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.

  [5] Es ist durchaus mglich, dass im Leben Vorgnge nicht nur in einem
  falschen Sinne erklrt werden, sondern da sie sich in einem falschen
  Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,
  sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld fr Arbeit,
  so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in
  Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld fr Arbeitserzeugnis geben.

Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die
sich vergleichen lt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.
Wie der Wert einer Ware gegenber einer andern dadurch wchst, da die
Gewinnung der Rohprodukte fr dieselbe schwieriger ist als fr die andere,
so mu der Warenwert davon abhngig werden, welche Art und welches Ma von
Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden
drfen[6].

  [6] Ein solches Verhltnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
  Wirtschaftsleben ttigen Assoziationen ntigen mit dem, was rechtens
  ist als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch
  erreicht, da die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch
  von der Wirtschaftsordnung abhngig ist.

Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen
notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche
die Menschheit hinnehmen mu, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewutsein heraus auf dem Boden des vom
Wirtschaftsleben unabhngigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.

Es ist leicht einzusehen, da durch eine solche Fhrung des sozialen
Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
dem Ma von Arbeit, das aus dem Rechtsbewutsein heraus aufgewendet wird.
Allein eine solche Abhngigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist
im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, da
der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, da er sein
Dasein nicht mehr als menschenwrdig empfinden kann. Und auf dem
Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwrdigen Daseins beruhen in
Wahrheit alle Erschtterungen im sozialen Organismus.

Eine Mglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer hnlichen Art, wie
eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,
veranlat durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und
das Ma der Arbeit ndern. Aber diese nderung soll nicht aus dem Kreislauf
des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die
sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhngigen Rechtslebens
entwickelt.

In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewutsein in der
Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus
einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fhigkeiten des
einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfat alles von den hchsten geistigen
Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfliet durch die bessere
oder weniger gute krperliche Eignung des Menschen fr Leistungen, die dem
sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, mu in den
gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einflieen, als dasjenige,
was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben flieen kann. Es
gibt keine andere Mglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
als sie von der freien Empfnglichkeit der Menschen und von den Impulsen,
die aus den individuellen Fhigkeiten selbst kommen, abhngig sein zu
lassen. Werden die durch solche Fhigkeiten erstehenden Menschenleistungen
vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation knstlich beeinflut,
so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum grten Teile
entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die
Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln mssen. Wird die
Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,
oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfnglichkeit fr sie
gelhmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen
Organismus einflieen zu lassen. Fr das Geistesleben, mit dem auch die
Entwicklung der anderen individuellen Fhigkeiten im Menschenleben durch
unbersehbar viele Fden zusammenhngt, ergibt sich nur eine gesunde
Entwicklungsmglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
Impulse gestellt ist, und wenn es in verstndnisvollem Zusammenhange mit
den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.

Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens
gedeutet wird, das wird gegenwrtig nicht durchschaut, weil der rechte
Blick dafr getrbt ist durch die Verschmelzung eines groen Teiles dieses
Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im
Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie
hineingewhnt. Man spricht ja wohl von Freiheit der Wissenschaft und des
Lehrens. Aber man betrachtet es als selbstverstndlich, da der politische
Staat die freie Wissenschaft und das freie Lehren verwaltet. Man
entwickelt keine Empfindung dafr, wie dieser Staat dadurch das
Geistesleben von seinen staatlichen Bedrfnissen abhngig macht. Man denkt,
der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann knnen
diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben frei
entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewhnt,
nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem
innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese
Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern
Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit
dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des
Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhngt, in den letzten
Jahrhunderten das Geprge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewi,
was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom
Staate beeinflut werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern
Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was
sich aus dem Zusammenhang ihrer Trger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus
den Bedrfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen
aufgeprgten Charakter haben die gegenwrtigen wissenschaftlich
orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
Charakter den Menschengedanken aufgeprgt wird durch die Bedrfnisse des
Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen
wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkmpfe sah
der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles
Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der konomischen Organisation.

Eine solche, das geistige Leben des Menschen verdende Anschauung hrt auf,
wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine ber
das materielle Auenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in
sich selber trgt. Es ist unmglich, da eine solche Empfindung ersteht,
wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich
innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche
Trger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und
Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebhrende Gewicht
im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung
und alles, was damit zusammenhngt, bedarf einer solchen selbstndigen
Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hngt
alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von
den Bedrfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von
ihnen entwickelt, wie die Menschen ber ihren Wert denken, welche Wirkung
ihre Pflege auf das ganze brige Geistesleben haben kann, und vieles andere
wird durch diese Bedrfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des
Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste
Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein
anderes, wenn er diese Impulse erhlt aus einem Geistesleben heraus, das
auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der
leitenden Kreise bernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige
Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskrper
einzubeziehen. Sie knnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,
damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung
gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit
ihrer Forderung: Religion msse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
Organismus mu alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenber
in dem hier angedeuteten Sinn Privatsache sein. Aber die Sozialdemokratie
geht bei der berweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der
Meinung aus, da einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des
sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer
wnschenswerteren, hheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einflu
des Staates. Sie ist der Meinung, da der soziale Organismus durch seine
Mittel nur pflegen drfe, was _ihm_ Lebensbedrfnis ist. Und ein solches
sei das religise Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem
ffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religise Leben der
neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
seine fr diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.

Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
Geisteslebens durch die Menschheit mu auf dem freien Seelenbedrfnis
beruhen. Lehrer, Knstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im
unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die
aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen
getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfnglichkeit fr
ihre Leistungen entwickeln knnen bei Menschen, welche durch den _aus sich_
wirkenden politischen Staat davor behtet werden, nur dem Zwang zur Arbeit
zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Mue gibt, welche das
Verstndnis fr geistige Gter weckt. Den Menschen, die sich
Lebenspraktiker dnken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:
die Menschen werden ihre Muezeit vertrinken, und man werde in den
Analphabetismus zurckfallen, wenn der Staat fr solche Mue sorgt, und
wenn der Besuch der Schule in das freie Verstndnis der Menschen gestellt
ist. Mchten solche Pessimisten doch abwarten, was wird, wenn die Welt
nicht mehr unter ihrem Einflu steht. Dieser ist nur allzu oft von einem
gewissen Gefhle bestimmt, das ihnen leise zuflstert, wie sie ihre Mue
verwenden, und was sie ntig hatten, um sich ein wenig Bildung
anzueignen. Mit der zndenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst
gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, knnen sie ja nicht
rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch
zndende Kraft ausben knnen.

Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zuflu aus
dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden
geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung fr das
Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem
Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten knnen. Entsprechend
vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet
machen knnen durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen
Erfahrung werden den bergang finden in die Geistesorganisation und in
derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden mu.

Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.
Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einflu eines solchen
Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner
Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen knnen. Er wird zu der Einsicht
kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit
zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen
kann. Er wird das Gefhl von der Zusammengehrigkeit _seiner_ Arbeit mit
den organisierenden Krften, die aus der Entwicklung individueller
menschlicher Fhigkeiten stammen, in sich aufnehmen knnen. Er wird auf dem
Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil
sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier
Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gnnen, der dessen
Entstehung ermglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
Mglichkeit entstehen, da dessen Hervorbringer von den Ertrgnissen ihrer
Leistungen auch leben. Was jemand fr sich im Gebiete des Geisteslebens
treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand fr den sozialen
Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschdigung derer
rechnen knnen, denen das Geistesgut Bedrfnis ist. Wer durch solche
Entschdigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was
er braucht, wird bergehen mssen zum Gebiet des politischen Staates oder
des Wirtschaftslebens.

In das Wirtschaftsleben flieen ein die aus dem geistigen Leben stammenden
technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie
unmittelbar von Angehrigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.
Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Krfte, welche das
wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschdigung fr
diesen Zuflu in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das
freie Verstndnis derer zustande kommen, die auf diesen Zuflu angewiesen
sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete
des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat
selber fr seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das
Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
Rechtsbewutseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.

Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet mu im gesunden sozialen
Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der
Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskrfte
der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen
durch die Instinktkrfte eines groen Teiles der Menschheit sich fhren
lie, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In
einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewutes
Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses
Bewutsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann
eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.
Nach dieser Orientierung strebt in den unbewuten Tiefen des Seelischen die
moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
getrbte Abglanz dieses Strebens.

Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,
tauchte aus tiefen Untergrnden der menschlichen Natur heraus am Ende des
18.Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen
Organismus. Da hrte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei
Worte: Brderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich
mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden
einlt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann
natrlich nicht anders, als Verstndnis haben fr alles, worauf diese Worte
deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des
19.Jahrhunderts sich Mhe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmglich ist,
in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brderlichkeit,
Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, da
sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen
Organismus widersprechen mssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden
z.B., wie unmglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich
verwirklicht, da dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begrndete
Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen
denen, die diesen Widerspruch finden; und doch mu man zugleich aus einem
allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
Sympathie haben!

Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale
Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der
notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit
zusammengefgt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit
sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;
und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die
Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt
eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird
man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man
imstande ist, die wirklichkeitsgeme Gestaltung dieses sozialen Organismus
mit Bezug auf Brderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann
wird man erkennen, da das Zusammenwirken der Menschen im
_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brderlichkeit ruhen mu, die aus den
Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des
_ffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen
Verhltnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung
der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer
Selbstndigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der
Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei
Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie knnen sich nicht in einem chaotischen
sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen
sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann
durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit
verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann
aus einem dieser Impulse seine Kraft schpfen. Und es wird dann in
fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken knnen.

Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18.Jahrhunderts die Forderung nach
Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit
erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie spter wiederholt haben, sie
konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskrfte der neueren
Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den
Einheitsstaat berwunden. Fr diesen bedeuten ihre Ideen etwas
Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den
unterbewuten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung
des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu
einer hheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskrfte, die in dem
Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrngen, zum
bewuten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden
sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.




III. Kapitalismus und soziale Ideen

(Kapital, Menschenarbeit)


Man kann nicht zu einem Urteile darber kommen, welche Handlungsweise auf
sozialem Gebiete gegenwrtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert
wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
einer Einsicht in die Grundkrfte des sozialen Organismus. Der Versuch,
eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung
zugrunde. Mit Manahmen, die sich nur auf ein Urteil sttzen, das aus einem
eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung
herausgewachsen sind, offenbaren Strungen in den Grundlagen des sozialen
Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberflche vorhanden
sind. Ihnen gegenber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis
zu den Grundlagen vordringen.

Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,
worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrckung sucht. Zu
einem fruchtbaren Urteil ber die Art, wie das Kapital frdernd oder
hemmend in den Kreislufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur
kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fhigkeiten der
Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Krfte des Wirtschaftslebens
das Kapital erzeugen und verbrauchen.-- Spricht man von der
Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der
Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und
an dem der Arbeiter zum Bewutsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil
darber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
sein mu, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwrde
nicht zu stren, ergibt sich nur, wenn man das Verhltnis ins Auge fassen
will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fhigkeiten
einerseits und zum Rechtsbewutsein anderseits hat.

Man fragt gegenwrtig mit Recht, was zu _allernchst_ zu tun ist, um den in
der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird
auch das _Allernchste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen knnen, wenn
man nicht _wei_, welches Verhltnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen
des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und wei man dieses, dann wird
man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen
vermag, die Aufgaben finden knnen, die sich aus den Tatsachen heraus
ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt
sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenber, was im Laufe langer Zeit
aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen bergegangen ist. Man hat
sich in die Einrichtungen so eingelebt, da man aus ihnen heraus sich
Ansichten gebildet hat ber dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
verndern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch
der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, da man
nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch
Zurckgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde
liegen.

Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Krfte, welche in
diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus
zuflieen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht
lebenfrdernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der
Menschen aber leben mehr oder weniger unbewut die Urgedanken fort, auch
wenn die vollbewuten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende
Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenber chaotisch sich uern, sind
es, die offenbar oder verhllt in den revolutionren Erschtterungen des
sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschtterungen werden nur dann
nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, da
in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich
bildet, und wo zugleich die Mglichkeit besteht, dieser Abweichung
entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhngnistragende Strke gewonnen hat.

In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen
von den durch die Urgedanken geforderten Zustnden gro geworden. Und das
Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht
als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da ber das, was sich im
sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es
des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden
und nicht zu verkennen, wie schdlich es gerade heute ist, diese Urgedanken
als unpraktische Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevlkerung lebt die
Tatsachen-Kritik ber dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen
Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenber ist, der
einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, da man aus dem Urgedanken
heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewut_ gelenkt
werden mssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit gengen
kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.

Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenssischen Kritik heraus auftreten,
ist die, in welcher Art die Bedrckung aufhren kann, welche die
proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der
Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die krperliche
Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
herzustellen unternimmt. Man mu in dem sozialen Verhltnis, das in dem
Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei
Glieder unterscheiden: die Unternehmerttigkeit, die auf der Grundlage der
individuellen Fhigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen
beruhen mu; das Verhltnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein
Rechtverhltnis sein mu; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf
des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhlt. Die Unternehmerttigkeit kann
in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in
dessen Leben Krfte wirken, welche die individuellen Fhigkeiten der
Menschen in der mglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das
kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,
das dem Fhigen die freie Initiative gibt, von seinen Fhigkeiten Gebrauch
zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fhigkeiten durch
freies Verstndnis fr dieselben bei andern Menschen ermglicht. Man
sieht: die soziale Bettigung eines Menschen durch Kapital gehrt in
dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Bettigung der
politische Staat hinein, so mu notwendigerweise die Verstndnislosigkeit
gegenber den individuellen Fhigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
sein. Denn der politische Staat mu auf dem beruhen, und er mu das in
Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung
vorhanden ist. Er mu in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung
ihres Urteils kommen lassen. Fr dasjenige, was er zu vollbringen hat,
kommt Verstndnis oder Nichtverstndnis fr individuelle Fhigkeiten nicht
in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen
Einflu haben auf die Bettigung der individuellen menschlichen
Fhigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
Vorteil bestimmend sein knnen fr die durch Kapital ermglichte Auswirkung
der individuellen Fhigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler
des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, da nur durch diesen Anreiz
des Vorteils die individuellen Fhigkeiten zur Bettigung gebracht werden
knnen. Und sie berufen sich als Praktiker auf die unvollkommene
Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
Gesellschaftsordnung, welche die gegenwrtigen Zustnde gezeitigt hat, hat
die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache
der Zustnde, die jetzt erlebt werden knnen. Und diese Zustnde drngen
nach Entwicklung eines andern Antriebes fr die Bettigung der
individuellen Fhigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden
Geistesleben erflieenden _sozialen Verstndnis_ liegen mssen. Die
Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus
den Menschen mit Impulsen ausrsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm
innewohnenden Verstndnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen
Fhigkeiten drngen.

Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewi, die
Schwarmgeisterei hat unermelich groes Unheil auf dem Gebiete des sozialen
Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte
Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf
dem Wahnglauben, da der Geist Wunder wirken werde, wenn diejenigen
mglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf
geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhlt durch seine eigene
Wesenheit ein soziales Geprge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln
kann.

Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Geprge
nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die
geistigen Krfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser
Krfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,
konnte nur in knstlicher Weise an die proletarische Menschheit
herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
Kraft aus diesem Geistesleben schpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an
dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen fr volkstmliche
Belehrung, das Heranziehen des Volkes zum Kunstgenu und hnliches
sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so
lange dieses Geistesgut den Charakter beibehlt, den es in der neueren Zeit
angenommen hat. Denn das Volk steht mit dem innersten Anteil seines
Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm
nur ermglicht, gewissermaen von einem Gesichtspunkte aus, der auerhalb
desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im
engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen
des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche
Leben einflieen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische
Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berhrt
werden, whrend der Kapitalist allein wei, welches das Schicksal der
erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll
mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln knnen ber die
Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung
der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
mssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmig von dem Unternehmer
veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen
Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschliet. Ein
gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verstndnis dafr
erzeugen, da eine rechte Bettigung des Kapitalverwalters den sozialen
Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst
frdert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
ffentlichkeit seiner Geschftsfhrung zu einem einwandfreien Gebaren
veranlat.

Nur, wer gar keinen Sinn hat fr die soziale Wirkung des innerlichen
vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das
Gesagte fr bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird
durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivitt gefrdert wird, wenn
die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem
Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das blo wegen des
Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur
dann, wenn diese Voraussetzung erfllt ist, dem sachlichen Interesse an der
Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz
machen.

Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der
Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben
berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden knnen, da diese
Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der
wirtschaftliche Zwang unmglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht
und als menschenunwrdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine
Ttigkeit aus den Krften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es
wird die Lhmung der individuellen menschlichen Fhigkeiten nicht eintreten
knnen, die als eine Folge sich ergeben mu, wenn diese Fhigkeiten vom
politischen Staate verwaltet werden.

Das Ertrgnis einer Bettigung durch Kapital und individuelle menschliche
Fhigkeiten mu im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung
aus der freien Initiative des Ttigen einerseits sich ergeben und
anderseits aus dem freien Verstndnis anderer Menschen, die nach dem
Vorhandensein der Leistung des Ttigen verlangen. Mit der freien Einsicht
des Ttigen mu auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung
dessen, was er als Ertrgnis seiner Leistung-- nach den Vorbereitungen,
die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen
mu, um sie zu ermglichen usw.-- ansehen will. Er wird seine Ansprche
nur dann befriedigt finden knnen, wenn ihm Verstndnis fr seine
Leistungen entgegengebracht wird.

Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
liegen, wird der Boden geschaffen fr ein wirklich freies
Vertragsverhltnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
Verhltnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)
fr Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede
der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.

Was auf der Grundlage des Kapitals fr den sozialen Organismus geleistet
wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen
menschlichen Fhigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung
dieser Fhigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls
erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen
Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates
oder in die Krfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche
Produktivitt alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem
beruhen, was sich an freien individuellen Krften durch die lhmenden
Einrichtungen hindurchzwngt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen
Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf
Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fhigkeiten hat Zustnde
hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein
mu, sondern die Fesselung dieser Krfte durch das politische Staatsleben
oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu
durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung fr alles, was auf
dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit
hat den Aberglauben hervorgebracht, da aus dem politischen Staate oder dem
Wirtschaftsleben die Manahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem
Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem fhren, was sie erstrebt,
sondern zu einer unbegrenzten Vergrerung des Bedrckenden, das sie
abgewendet sehen mchte.

ber den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher
dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsproze
verursacht hat. Den Krankheitsproze erlebt man; man sieht, da ihm
entgegengearbeitet werden mu. Man mu _mehr_ sehen. Man mu gewahr werden,
da die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital
wirksamen Krfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur
kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskrfte der
Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht
in Illusionen treiben lt durch die Vorstellungsart, welche in der
Verwaltung der Kapitalbettigung durch das befreite Geistesleben das
Ergebnis eines unpraktischen Idealismus sieht.

In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale
Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knpft an
dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehrt. Man sieht, wie
in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Grobetrieb, und dieser zur
gegenwrtigen Form des Kapitalismus gefhrt hat. An die Stelle dieser
Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die fr den
Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverstndlich die
Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt
man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige groe Genossenschaft.
In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der
Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein knne, weil sie sich selbst
ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknpfen will oder mu, blickt man
nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft
verwandeln will.

Man bemerkt dabei nicht, da man von einer solchen Genossenschaft sich
Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten knnen, je grer die
Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
menschlichen Fhigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
wird, wie es in diesen Ausfhrungen dargestellt worden ist, kann die
Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen
Organismus fhren.

Da fr ein unbefangenes Urteil ber das Eingreifen des Geisteslebens in
den sozialen Organismus gegenwrtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rhrt
davon her, da man sich gewhnt hat, das Geistige mglichst fern von allem
Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die
etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, da in der
Bettigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des
geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, da in dieser
Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehrige der bisher
leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern bereinstimmen. Man
wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen fr eine Gesundung des
sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten mssen in gewisse
Gedankenstrmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen
Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen
Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.

Diese Gedankenstrmungen streben-- mehr oder weniger unbewut-- hinweg
von dem, was dem inneren Erleben die rechte Stokraft gibt. Sie erstreben
eine Lebensauffassung, ein seelisches, ein denkerisches, ein nach
wissenschaftlicher Erkenntnis suchendes inneres Leben gewissermaen wie
eine Insel im Gesamtmenschenleben. Sie sind dann nicht in der Lage, die
Brcke zu bauen von diesem Leben hin zu demjenigen, was den Menschen in die
Alltglichkeit einspannt. Man kann sehen, wie viele Menschen der Gegenwart
es gewissermaen innerlich vornehm finden, in einer gewissen, sei es auch
schulmigen Abstraktheit nachzudenken ber allerlei ethisch-religise
Probleme in Wolkenkuckucksheimhhen; man kann sehen, wie die Menschen
nachdenken ber die Art und Weise, wie sich der Mensch Tugenden aneignen
knne, wie er in Liebe zu seinen Mitmenschen sich verhalten soll, wie er
begnadet werden kann mit einem inneren Lebensinhalt. Man sieht dann aber
auch das Unvermgen, einen bergang zu ermglichen von dem, was die Leute
gut und liebevoll und wohlwollend und rechtlich und sittlich nennen, zu
dem, was in der uern Wirklichkeit, im Alltag den Menschen umgibt als
Kapitalwirkung, als Arbeitsentlhnung, als Konsum, als Produktion, als
Warenzirkulation, als Kreditwesen, als Bank- und Brsenwesen. Man kann
sehen, wie zwei Weltenstrmungen nebeneinandergestellt werden auch in den
Denkgewohnheiten der Menschen. Die _eine_ Weltenstrmung ist die, welche
sich gewissermaen in gttlich-geistiger Hhe halten will, die keine Brcke
bauen will zwischen dem, was ein geistiger Impuls ist, und was eine
Tatsache des gewhnlichen Handelns im Leben ist. Die _andere_ lebt
gedankenlos im Alltglichen. Das Leben aber ist ein einheitliches. Es kann
nur gedeihen, wenn die es treibenden Krfte von allem ethisch-religisen
Leben herunterwirken in das alleralltglichste profanste Leben, in
dasjenige Leben, das manchem eben weniger vornehm erscheint. Denn, versumt
man, die Brcke zu schlagen zwischen den beiden Lebensgebieten, so verfllt
man in bezug auf religises, sittliches Leben _und auf soziales Denken_ in
bloe Schwarmgeisterei, die fernsteht der alltglichen wahren Wirklichkeit.
Es rcht sich dann gewissermaen diese alltglich-wahre Wirklichkeit. Dann
strebt der Mensch aus einem gewissen geistigen Impuls heraus alles
mgliche Ideale an, alles mgliche, was er gut nennt; aber denjenigen
Instinkten, die diesen Idealen gegenberstehen als Grundlage der
gewhnlichen tglichen Lebensbedrfnisse, deren Befriedigung aus der
Volkswirtschaft heraus kommen mu, diesen Instinkten gibt sich der Mensch
ohne Geist hin. Er wei keinen wirklichkeitsgemen Weg von dem Begriff
der Geistigkeit zu dem, was im alltglichen Leben vor sich geht. Dadurch
nimmt dieses alltgliche Leben eine Gestalt an, die nichts zu tun haben
soll mit dem, was als ethische Impulse in vornehmeren, seelisch-geistigen
Hhen gehalten werden will. Dann aber wird die Rache der Alltglichkeit
eine solche, da das ethisch-religise Leben zu einer innerlichen
Lebenslge des Menschen sich gestaltet, weil es sich ferne hlt von der
alltglichen, von der unmittelbaren Lebenspraxis, ohne da man es merkt.

Wie zahlreich sind doch heute die Menschen, die aus einer gewissen
ethisch-religisen Vornehmheit heraus den besten _Willen_ zeigen zu einem
rechten Zusammenleben mit ihren Mitmenschen, die ihren Mitmenschen nur das
Allerallerbeste tun mchten. Sie versumen es aber, zu einer Empfindungsart
zu kommen, die dies wirklich ermglicht, weil sie sich kein soziales, in
den _praktischen_ Lebensgewohnheiten sich auswirkendes Vorstellen aneignen
knnen.

Aus dem Kreise solcher Menschen stammen diejenigen, die in diesem
welthistorischen Augenblick, wo die sozialen Fragen so drngend geworden
sind, sich als die Schwarmgeister, die sich aber fr echte Lebenspraktiker
halten, hemmend der wahren Lebenspraxis entgegenstellen. Man kann von ihnen
Reden hren wie diese: Wir haben ntig, da die Menschen sich erheben aus
dem Materialismus, aus dem uerlich materiellen Leben, das uns in die
Weltkriegs-Katastrophe und in das Unglck hineingetrieben hat, und da sie
sich einer geistigen Auffassung des Lebens zuwenden. Man wird, wenn man so
die Wege des Menschen zur Geistigkeit zeigen will, nicht mde, diejenigen
Persnlichkeiten zu zitieren, die man in der Vergangenheit wegen ihrer dem
Geiste zugewendeten Denkungsart verehrt hat. Man kann erleben, da jemand,
der versucht, gerade auf dasjenige hinzuweisen, was heute der Geist fr das
wirkliche praktische Leben so notwendig leisten mu, wie das tgliche Brot
erzeugt werden mu, darauf aufmerksam gemacht wird, da es ja in erster
Linie darauf ankomme, die Menschen wiederum zur Anerkennung des Geistes zu
bringen. Es kommt aber gegenwrtig darauf an, da aus der Kraft des
geistigen Lebens heraus die Richtlinien fr die Gesundung des sozialen
Organismus gefunden werden. Dazu gengt nicht, da die Menschen in einer
Seitenstrmung des Lebens sich mit dem Geiste beschftigen. Dazu ist
notwendig, da das alltgliche Dasein geistgem werde. Die Neigung, fr
das geistige Leben solche Seitenstrmungen zu suchen, fhrte die bisher
leitenden Kreise dazu, an sozialen Zustnden Geschmack zu haben, die in die
gegenwrtigen Tatsachen ausgelaufen sind.

Eng verbunden sind im sozialen Leben der Gegenwart die Verwaltung des
Kapitals in der Warenproduktion und der Besitz der Produktionsmittel, also
auch des Kapitals. Und doch sind diese beiden Verhltnisse des Menschen zum
Kapital ganz verschieden mit Bezug auf ihre Wirkung innerhalb des sozialen
Organismus. Die Verwaltung durch die individuellen Fhigkeiten fhrt,
zweckmig angewendet, dem sozialen Organismus Gter zu, an deren
Vorhandensein alle Menschen, die diesem Organismus angehren, ein Interesse
haben. In welcher Lebenslage ein Mensch auch ist, er hat ein Interesse
daran, da nichts von dem verloren gehe, was aus den Quellen der
Menschennatur an solchen individuellen Fhigkeiten erfliet, durch die
Gter zustande kommen, welche dem Menschenleben zweckentsprechend dienen.
Die Entwicklung dieser Fhigkeiten kann aber nur dadurch erfolgen, da ihre
menschlichen Trger aus der eigenen freien Initiative heraus sie zur
Wirkung bringen knnen. Was aus diesen Quellen nicht in Freiheit erflieen
kann, das wird der Menschenwohlfahrt mindestens bis zu einem gewissen Grade
entzogen. Das Kapital aber ist das Mittel, solche Fhigkeiten fr weite
Gebiete des sozialen Lebens in Wirksamkeit zu bringen. Den gesamten
Kapitalbesitz so zu verwalten, da der einzelne in besonderer Richtung
begabte Mensch oder da zu Besonderem befhigte Menschengruppen zu einer
solchen Verfgung ber Kapital kommen, die lediglich aus ihrer ureigenen
Initiative entspringt, daran mu jedermann innerhalb eines sozialen
Organismus ein wahrhaftes Interesse haben. Vom Geistesarbeiter bis zum
handwerklich Schaffenden mu ein jeder Mensch, wenn er vorurteilslos dem
eigenen Interesse dienen will, sagen: ich mchte, da eine gengend groe
Anzahl befhigter Personen oder Personengruppen vllig frei ber Kapital
nicht nur verfgen knnen, sondern da sie auch aus der eigenen Initiative
heraus zu dem Kapitale gelangen knnen; denn nur sie allein knnen ein
Urteil darber haben, wie durch die Vermittlung des Kapitales ihre
individuellen Fhigkeiten dem sozialen Organismus zweckmig Gter erzeugen
werden.

Es ist nicht ntig, im Rahmen dieser Schrift darzustellen, wie im Laufe der
Menschheitsentwicklung zusammenhngend mit der Bettigung der menschlichen
individuellen Fhigkeiten im sozialen Organismus sich der Privatbesitz aus
andern Besitzformen ergeben hat. Bis zur Gegenwart hat sich unter dem
Einflu der Arbeitsteilung innerhalb dieses Organismus ein solcher Besitz
entwickelt. Und von den gegenwrtigen Zustnden und deren notwendiger
Weiterentwicklung soll hier gesprochen werden.

Wie auch der Privatbesitz sich gebildet hat, durch Macht- und
Eroberungsbettigung usw., er ist ein Ergebnis des an individuelle
menschliche Fhigkeiten gebundenen sozialen Schaffens. Dennoch besteht
gegenwrtig bei sozialistisch Denkenden die Meinung, da sein Bedrckendes
nur beseitigt werden knne durch seine Verwandlung in Gemeinbesitz. Dabei
stellt man die Frage so: wie kann der Privatbesitz an Produktionsmitteln in
seinem Entstehen verhindert werden, damit die durch ihn bewirkte Bedrckung
der besitzlosen Bevlkerung aufhre? Wer die Frage so stellt, der richtet
dabei sein Augenmerk nicht auf die Tatsache, da der soziale Organismus ein
fortwhrend _Werdendes_, _Wachsendes_ ist. Man kann diesem Wachsenden
gegenber nicht so fragen: wie soll man es am besten einrichten, damit es
durch diese Einrichtung dann in dem Zustande verbleibe, den man als den
richtigen erkannt hat? So kann man gegenber einer Sache denken, die von
einem gewissen Ausgangspunkt aus wesentlich unverndert weiter wirkt. Das
gilt nicht fr den sozialen Organismus. Der verndert durch sein Leben
fortwhrend dasjenige, das in ihm entsteht. Will man ihm eine vermeintlich
beste Form geben, in der er dann bleiben soll, so untergrbt man seine
Lebensbedingungen.

Eine Lebensbedingung des sozialen Organismus ist, da demjenigen, welcher
der Allgemeinheit durch seine individuellen Fhigkeiten dienen kann, die
Mglichkeit zu solchem Dienen aus der freien eigenen Initiative heraus
nicht genommen werde. Wo zu solchem Dienste die freie Verfgung ber
Produktionsmittel gehrt, da wrde die Verhinderung dieser freien
Initiative den allgemeinen sozialen Interessen schaden. Was gewhnlich mit
Bezug auf diese Sache vorgebracht wird, da der Unternehmer zum Anreiz
seiner Ttigkeit die Aussicht auf den Gewinn braucht, der an den Besitz
der Produktionsmittel gebunden ist: das soll hier nicht geltend gemacht
werden. Denn die Denkart, aus welcher die in diesem Buche dargestellte
Meinung von einer Fortentwicklung der sozialen Verhltnisse erfliet, mu
in der Befreiung des geistigen Lebens von dem politischen und dem
wirtschaftlichen Gemeinwesen die Mglichkeit sehen, da ein solcher Anreiz
wegfallen kann. Das befreite Geistesleben wird soziales Verstndnis ganz
notwendig aus sich selbst entwickeln; und aus diesem Verstndnis werden
Anreize ganz anderer Art sich ergeben als derjenige ist, der in der
Hoffnung auf wirtschaftlichen Vorteil liegt. Aber nicht darum kann es sich
allein handeln, aus welchen Impulsen heraus der Privatbesitz an
Produktionsmitteln bei Menschen beliebt ist, sondern darum, ob die freie
Verfgung ber solche Mittel, oder die durch die Gemeinschaft geregelte den
Lebensbedingungen des sozialen Organismus entspricht. Und dabei mu immer
im Auge behalten werden, da man fr den gegenwrtigen sozialen Organismus
nicht die Lebensbedingungen in Betracht ziehen kann, die man bei primitiven
Menschengesellschaften zu beobachten glaubt, sondern allein diejenigen,
welche der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen.

Auf dieser gegenwrtigen Stufe _kann_ eben die fruchtbare Bettigung der
individuellen Fhigkeiten durch das Kapital nicht ohne die freie Verfgung
ber dasselbe in den Kreislauf des Wirtschaftslebens eintreten. Wo
fruchtbringend produziert werden soll, da mu diese Verfgung mglich sein,
_nicht_ weil sie einem einzelnen oder einer Menschengruppe Vorteil bringt,
sondern weil sie der Allgemeinheit am besten dienen kann, wenn sie
zweckmig von sozialem Verstndnis getragen ist.

Der Mensch ist gewissermaen, wie mit der Geschicklichkeit seiner eigenen
Leibesglieder, so verbunden mit dem, was er selbst oder in Gemeinschaft mit
andern erzeugt. Die Unterbindung der freien Verfgung ber die
Produktionsmittel kommt gleich einer Lhmung der freien Anwendung seiner
Geschicklichkeit der Leibesglieder.

Nun ist aber das Privateigentum nichts anderes als der Vermittler dieser
freien Verfgung. Fr den sozialen Organismus kommt in Ansehung des
Eigentums gar nichts anderes in Betracht, als da der Eigentmer das
_Recht_ hat, ber das Eigentum aus seiner freien Initiative heraus zu
verfgen. Man sieht, im sozialen Leben sind zwei Dinge miteinander
verbunden, welche von ganz verschiedener Bedeutung sind fr den sozialen
Organismus: _Die freie Verfgung_ ber die Kapitalgrundlage der sozialen
Produktion, und _das Rechtsverhltnis_, in das der Verfger zu andern
Menschen tritt dadurch, da durch sein Verfgungsrecht diese anderen
Menschen ausgeschlossen werden von der freien Bettigung durch diese
Kapitalgrundlage.

Nicht die _ursprngliche_ freie Verfgung fhrt zu sozialen Schden,
sondern lediglich das _Fortbestehen_ des Rechtes auf diese Verfgung, wenn
die Bedingungen aufgehrt haben, welche in zweckmiger Art individuelle
menschliche Fhigkeiten mit dieser Verfgung zusammenbinden. Wer seinen
Blick auf den sozialen Organismus als auf ein Werdendes, Wachsendes
richtet, der wird das hier Angedeutete nicht miverstehen knnen. Er wird
nach der Mglichkeit fragen, wie dasjenige, was dem Leben auf der einen
Seite dient, so verwaltet werden kann, da es nicht auf der anderen Seite
schdlich wirkt. Was _lebt_, kann gar nicht in einer andern Weise
fruchtbringend eingerichtet sein als dadurch, da im Werden das Entstandene
auch zum Nachteil fhrt. Und soll man an einem Werdenden selbst
mitarbeiten, wie es der Mensch am sozialen Organismus mu, so kann die
Aufgabe nicht darin bestehen, das Entstehen einer notwendigen Einrichtung
zu verhindern, um Schaden zu vermeiden. Denn damit untergrbt man die
Lebensmglichkeit des sozialen Organismus. Es kann sich allein darum
handeln, da im rechten Augenblick eingegriffen werde, wenn sich das
Zweckmige in ein Schdliches verwandelt.

Die Mglichkeit, frei ber die Kapitalgrundlage aus den individuellen
Fhigkeiten heraus zu verfgen, mu bestehen; das damit verbundene
Eigentumsrecht mu in dem Augenblicke verndert werden knnen, in dem es
umschlgt in ein Mittel zur ungerechtfertigten Machtentfaltung. In unserer
Zeit haben wir eine Einrichtung, welche der hier angedeuteten sozialen
Forderung Rechnung trgt, teilweise durchgefhrt nur fr das sogenannte
geistige Eigentum. Dieses geht einige Zeit nach dem Tode des Schaffenden in
freies Besitztum der Allgemeinheit ber. Dem liegt eine dem Wesen des
menschlichen Zusammenlebens entsprechende Vorstellungsart zugrunde. So eng
auch die Hervorbringung eines rein geistigen Gutes an die individuelle
Begabung des einzelnen gebunden ist: es ist dieses Gut zugleich ein
Ergebnis des sozialen Zusammenlebens und mu in dieses im rechten
Augenblicke bergeleitet werden. Nicht anders aber steht es mit anderem
Eigentum. Da mit dessen Hilfe der einzelne im Dienste der Gesamtheit
produziert, das ist nur mglich im Mitwirken dieser Gesamtheit. Es kann
also das Recht auf die Verfgung ber ein Eigentum nicht von den Interessen
dieser Gesamtheit getrennt verwaltet werden. Nicht ein Mittel ist zu
finden, wie das Eigentum an der Kapitalgrundlage ausgetilgt werden kann,
sondern ein solches, wie dieses Eigentum so verwaltet werden kann, da es
in der besten Weise der Gesamtheit diene.

In dem dreigliedrigen sozialen Organismus kann dieses Mittel gefunden
werden. Die im sozialen Organismus vereinigten Menschen wirken als
Gesamtheit durch den Rechtsstaat. Die Bettigung der individuellen
Fhigkeiten gehrt der geistigen Organisation an.

Wie alles am sozialen Organismus einer Anschauung, die fr _Wirklichkeiten_
Verstndnis hat, und die nicht von subjektiven Meinungen, Theorien,
Wnschen usw. sich ganz beherrschen lt, die Notwendigkeit der
Dreigliederung dieses Organismus ergibt, so insbesondere die Frage nach dem
Verhltnis der individuellen menschlichen Fhigkeiten zur Kapitalgrundlage
des Wirtschaftslebens und dem Eigentum an dieser Kapitalgrundlage. Der
Rechtsstaat wird die Entstehung und die Verwaltung des privaten Eigentums
an Kapital nicht zu verhindern haben, solange die individuellen Fhigkeiten
so verbunden bleiben mit der Kapitalgrundlage, da die Verwaltung einen
Dienst bedeutet fr das Ganze des sozialen Organismus. Und er wird
Rechtsstaat bleiben gegenber dem privaten Eigentum; er wird es niemals
selbst in seinen Besitz nehmen, sondern bewirken, da es im rechten
Zeitpunkt in das Verfgungsrecht einer Person oder Personengruppe bergeht,
die wieder ein in den individuellen Verhltnissen bedingtes Verhltnis zu
dem Besitze entwickeln knnen. Von zwei ganz verschiedenen Ausgangspunkten
wird dadurch dem sozialen Organismus gedient werden knnen. Aus dem
demokratischen Untergrund des Rechtsstaates heraus, der es zu tun hat mit
dem, was _alle Menschen_ in gleicher Art berhrt, wird gewacht werden
knnen, da Eigentumsrecht nicht im Laufe der Zeit zu Eigentumsunrecht
wird. Dadurch da dieser Staat das Eigentum nicht selbst verwaltet, sondern
sorgt fr die berleitung an die individuellen menschlichen Fhigkeiten,
werden diese ihre fruchtbare Kraft fr die Gesamtheit des sozialen
Organismus entfalten. Solange es als zweckmig erscheint, werden durch
eine solche Organisation die Eigentumsrechte oder die Verfgung ber
dieselben bei dem persnlichen Elemente verbleiben knnen. Man kann sich
vorstellen, da die Vertreter im Rechtsstaate zu verschiedenen Zeiten ganz
verschiedene Gesetze geben werden ber die berleitung des Eigentums von
einer Person oder Personengruppe an andere. In der Gegenwart, in der sich
in weiten Kreisen ein groes Mitrauen zu allem privaten Eigentum
entwickelt hat, wird an ein radikales berfhren des privaten Eigentums in
Gemeineigentum gedacht. Wrde man auf diesem Wege weit gelangen, so wrde
man sehen, wie man dadurch die Lebensmglichkeit des sozialen Organismus
unterbindet. Durch die Erfahrung belehrt, wrde man einen andern Weg spter
einschlagen. Doch wre es zweifellos besser, wenn man schon in der
Gegenwart zu Einrichtungen griffe, die dem sozialen Organismus im Sinne des
hier Angedeuteten seine Gesundheit gben. Solange eine Person fr sich
allein oder in Verbindung mit einer Personengruppe die produzierende
Bettigung fortsetzt, die sie mit einer Kapitalgrundlage zusammengebracht
hat, wird ihr das Verfgungsrecht verbleiben mssen ber diejenige
Kapitalmasse, die sich aus dem Anfangskapital als Betriebsgewinn ergibt,
wenn der letztere zur Erweiterung des Produktionsbetriebes verwendet wird.
Von dem Zeitpunkt an, in dem eine solche Persnlichkeit aufhrt, die
Produktion zu verwalten, soll diese Kapitalmasse an eine andere Person oder
Personengruppe zum Betriebe einer gleichgearteten oder anderen dem sozialen
Organismus dienenden Produktion bergehen. Auch dasjenige Kapital, das aus
dem Produktionsbetrieb gewonnen wird und nicht zu dessen Erweiterung
verwendet wird, soll von seiner Entstehung an den gleichen Weg nehmen. Als
persnliches Eigentum der den Betrieb leitenden Persnlichkeit soll nur
gelten, was diese bezieht auf Grund derjenigen Ansprche, die sie bei
Aufnahme des Produktionsbetriebes glaubte wegen ihrer individuellen
Fhigkeit machen zu knnen, und die dadurch gerechtfertigt erscheinen, da
sie aus dem Vertrauen anderer Menschen heraus bei Geltendmachung derselben
Kapital erhalten hat. Hat das Kapital durch die Bettigung dieser
Persnlichkeit eine Vergrerung erfahren, so wird in deren individuelles
Eigentum aus dieser Vergrerung so viel bergehen, da die Vermehrung der
ursprnglichen Bezge der Kapitalvermehrung im Sinne eines Zinsbezuges
entspricht.-- Das Kapital, mit dem ein Produktionsbetrieb eingeleitet
worden ist, wird nach dem Willen der ursprnglichen Besitzer an den neuen
Verwalter mit allen bernommenen Verpflichtungen bergehen, oder an diese
zurckflieen, wenn der erste Verwalter den Betrieb nicht mehr besorgen
kann oder will.

Man hat es bei einer solchen Einrichtung mit Rechtsbertragungen zu tun.
Die gesetzlichen Bestimmungen zu treffen, wie solche bertragungen
stattfinden sollen, obliegt dem Rechtsstaat. Er wird auch ber die
Ausfhrung zu wachen und deren Verwaltung zu fhren haben. Man kann sich
denken, da im einzelnen die Bestimmungen, die eine solche
Rechtsbertragung regeln, in sehr verschiedener Art aus dem
Rechtsbewutsein heraus fr richtig befunden werden. Eine Vorstellungsart,
die wie die hier dargestellte _wirklichkeitsgem_ sein soll, wird niemals
mehr wollen als auf die _Richtung_ weisen, in der sich die Regelung bewegen
kann. Geht man verstndnisvoll auf diese Richtung ein, so wird man im
konkreten Einzelfalle immer ein Zweckentsprechendes finden. Doch wird aus
den besondern Verhltnissen heraus fr die Lebenspraxis dem Geiste der
Sache gem das Richtige gefunden werden mssen. Je wirklichkeitsgemer
eine Denkart ist, desto weniger wird sie fr Einzelnes aus vorgefaten
Forderungen heraus Gesetz und Regel feststellen wollen.-- Nur wird
andrerseits eben aus dem Geiste der Denkart in entschiedener Weise das eine
oder das andere mit Notwendigkeit sich ergeben. Ein solches Ergebnis ist,
da der Rechtsstaat durch seine Verwaltung der Rechtsbertragungen selbst
niemals die Verfgung ber ein Kapital wird an sich reien drfen. Er wird
nur dafr zu sorgen haben, da die bertragung an eine solche Person oder
Personengruppe geschieht, welche diesen Vorgang durch ihre individuellen
Fhigkeiten als gerechtfertigt erscheinen lassen. Aus dieser Voraussetzung
heraus wird auch zunchst ganz allgemein die Bestimmung zu gelten haben,
da, wer aus den geschilderten Grnden zu einer Kapitalbertragung zu
schreiten hat, sich aus freier Wahl ber seine Nachfolge in der
Kapitalverwertung entscheiden kann. Er wird eine Person oder Personengruppe
whlen knnen, oder auch das Verfgungsrecht auf eine Korporation der
geistigen Organisation bertragen knnen. Denn wer durch eine
Kapitalverwaltung dem sozialen Organismus zweckentsprechende Dienste
geleistet hat, der wird auch ber die weitere Verwendung dieses Kapitals
aus seinen individuellen Fhigkeiten heraus mit sozialem Verstndnis
urteilen. Und es wird fr den sozialen Organismus dienlicher sein, wenn auf
dieses Urteil gebaut wird, als wenn darauf verzichtet und die Regelung von
Personen vorgenommen wird, die nicht unmittelbar mit der Sache verbunden
sind.

Eine Regelung dieser Art wird in Betracht kommen bei Kapitalmassen von
einer bestimmten Hhe an, die von einer Person oder einer Personengruppe
durch Produktionsmittel (zu denen auch Grund und Boden gehrt) erworben
werden, und die nicht auf der Grundlage der ursprnglich fr die Bettigung
der individuellen Fhigkeiten gemachten Ansprche persnliches Eigentum
werden.

Die in der letzteren Art gemachten Erwerbungen und alle Ersparnisse, die
aus den Leistungen der eigenen Arbeit entspringen, verbleiben bis zum Tode
des Erwerbers oder bis zu einem sptern Zeitpunkte im persnlichen Besitz
dieses Erwerbers oder seiner Nachkommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wird auch
ein aus dem Rechtsbewutsein sich ergebender, durch den Rechtsstaat
festzusetzender Zins von dem zu leisten sein, dem solche Ersparnisse zum
Schaffen von Produktionsmitteln gegeben werden. In einer sozialen Ordnung,
die auf den hier geschilderten Grundlagen ruht, kann eine vollkommene
Scheidung durchgefhrt werden zwischen den Ertrgnissen, die auf Grund
einer Arbeitsleistung mit Produktionsmitteln zustandekommen und den
Vermgensmassen, die auf Grund der persnlichen (physischen und geistigen)
Arbeit erworben werden. Diese Scheidung entspricht dem Rechtsbewutsein und
den Interessen der sozialen Allgemeinheit. Was jemand erspart, und als
Ersparnis einem Produktionsbetrieb zur Verfgung stellt, das dient den
allgemeinen Interessen. Denn es macht erst die Produktionsleitung durch
individuelle menschliche Fhigkeiten mglich. Was an Kapitalvermehrung
durch die Produktionsmittel-- nach Abzug des rechtmigen Zinses--
entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen
Organismus. Es soll also auch in der geschilderten Art wieder in ihn
zurckflieen. Der Rechtsstaat wird nur eine Bestimmung darber zu treffen
haben, _da_ die berleitung der in Frage kommenden Kapitalmassen in der
angegebenen Art geschehe; nicht aber wird es ihm obliegen, Entscheidungen
darber zu treffen, zu welcher materiellen oder geistigen Produktion ein
bergeleitetes oder auch ein erspartes Kapital zur Verfgung zu stellen
ist. Das wrde zu einer Tyrannis des Staates ber die geistige und
materielle Produktion fhren. Diese aber wird in der fr den sozialen
Organismus besten Art durch die individuellen menschlichen Fhigkeiten
geleitet. Nur wird es demjenigen, der nicht selbst die Wahl darber treffen
will, an wen er ein durch ihn entstandenes Kapital bertragen soll, frei
berlassen sein, fr das Verfgungsrecht eine Korporation der geistigen
Organisation einzusetzen.

Auch ein durch Ersparnis gewonnenes Vermgen geht mit dem Zinsertrgnis
nach dem Tode des Erwerbers oder einige Zeit danach an eine geistig oder
materiell produzierende Person oder Personengruppe-- aber _nur_ an eine
solche, nicht an eine unproduktive Person, bei der es zur Rente wrde--
ber, die durch letztwillige Anordnung von dem Erwerber zu whlen ist. Auch
dafr wird, wenn eine Person oder Personengruppe nicht unmittelbar gewhlt
werden kann, die bertragung des Verfgungsrechtes an eine Korporation des
geistigen Organismus in Betracht kommen. Nur wenn jemand von sich aus keine
Verfgung trifft, so wird der Rechtsstaat fr ihn eintreten und durch die
geistige Organisation die Verfgung treffen lassen.

Innerhalb einer so geregelten sozialen Ordnung ist zugleich der freien
Initiative der einzelnen Menschen und auch den Interessen der sozialen
Allgemeinheit Rechnung getragen; ja es wird den letzteren eben dadurch voll
entsprochen, da die freie Einzel-Initiative in ihren Dienst gestellt wird.
Wer seine Arbeit der Leitung eines andern Menschen anzuvertrauen hat, wird
bei einer solchen Regelung wissen knnen, da das mit dem Leiter gemeinsam
Erarbeitete in der mglichst besten Art fr den sozialen Organismus, also
auch fr den Arbeiter selbst, fruchtbar wird. Die hier gemeinte soziale
Ordnung wird ein dem gesunden Empfinden der Menschen entsprechendes
Verhltnis schaffen zwischen den durch das Rechtsbewutsein geregelten
Verfgungsrechten ber in Produktionsmitteln verkrpertes Kapital und
menschlicher Arbeitskraft einerseits und den Preisen der durch beides
geschaffenen Erzeugnisse andrerseits.-- Vielleicht findet mancher in dem
hier Dargestellten Unvollkommenheiten. Die mgen gefunden werden. Es kommt
einer wirklichkeitsgemen Denkart nicht darauf an, vollkommene Programme
ein fr alle Male zu geben, sondern darauf, die _Richtung_ zu kennzeichnen,
in der praktisch gearbeitet werden soll. Durch solche besondere Angaben,
wie sie die hier gemachten sind, soll eigentlich nur wie durch ein Beispiel
die gekennzeichnete Richtung nher erlutert werden. Ein solches Beispiel
mag verbessert werden. Wenn dies nur in der angegebenen Richtung geschieht,
dann kann ein fruchtbares Ziel erreicht werden.

Berechtigte persnliche oder Familienimpulse werden sich durch solche
Einrichtungen mit den Forderungen der menschlichen Allgemeinheit in
Einklang bringen lassen. Man wird gewi darauf hinweisen knnen, da die
Versuchung, das Eigentum auf einen oder mehrere Nachkommen noch bei
Lebzeiten zu bertragen, sehr gro ist. Und da man ja in solchen
Nachkommen scheinbar Produzierende schaffen kann, die aber dann doch
gegenber anderen untchtig sind und besser durch diese anderen ersetzt
wrden. Doch diese Versuchung wird in einer von den oben angedeuteten
Einrichtungen beherrschten Organisation eine mglichst geringe sein knnen.
Denn der Rechtsstaat braucht nur zu verlangen, da unter allen Umstnden
das Eigentum, das an ein Familienmitglied von einem andern bertragen
worden ist, nach Ablauf einer gewissen, auf den Tod des letzteren folgenden
Zeit einer Korporation der geistigen Organisation zufllt. Oder es kann in
andrer Art durch das Recht die Umgehung der Regel verhindert werden. Der
Rechtsstaat wird nur dafr sorgen, _da_ diese berfhrung geschehe; wer
ausersehen sein solle, das Erbe anzutreten, das sollte durch eine aus der
geistigen Organisation hervorgegangene Einrichtung bestimmt sein. Durch
Erfllung solcher Voraussetzungen wird sich ein Verstndnis dafr
entwickeln, da Nachkommen durch Erziehung und Unterricht fr den sozialen
Organismus geeignet gemacht werden, und nicht durch Kapitalbertragung an
unproduktive Personen sozialer Schaden angerichtet werde. Jemand, in dem
wirklich soziales Verstndnis lebt, hat kein Interesse daran, da seine
Verbindung mit einer Kapitalgrundlage nachwirke bei Personen oder
Personengruppen, bei denen die individuellen Fhigkeiten eine solche
Verbindung nicht rechtfertigen.

Niemand wird, was hier ausgefhrt ist, fr eine bloe Utopie halten, der
Sinn fr wirklich praktisch Durchfhrbares hat. Denn es wird gerade auf
solche Einrichtungen gedeutet, die ganz unmittelbar an jeder Stelle des
Lebens aus den gegenwrtigen Zustnden heraus erwachsen knnen. Man wird
nur zu dem Entschlu greifen mssen, innerhalb des Rechtsstaates auf die
Verwaltung des geistigen Lebens und auf das Wirtschaften allmhlich zu
verzichten und sich nicht zu wehren, wenn, was geschehen sollte, wirklich
geschieht, da private Bildungsanstalten entstehen und da sich das
Wirtschaftsleben auf die eigenen Untergrnde stellt. Man braucht die
Staatsschulen und die staatlichen Wirtschaftseinrichtungen nicht von heute
zu morgen abzuschaffen; aber man wird aus vielleicht kleinen Anfngen
heraus die Mglichkeit erwachsen sehen, da ein allmhlicher Abbau des
staatlichen Bildungs- und Wirtschaftswesens erfolge. Vor allem aber wrde
notwendig sein, da diejenigen Persnlichkeiten, welche sich mit der
berzeugung durchdringen knnen von der Richtigkeit der hier dargestellten
oder hnlicher sozialer Ideen, fr deren Verbreitung sorgen. Finden solche
Ideen Verstndnis, so wird dadurch _Vertrauen_ geschaffen zu einer
mglichen heilsamen Umwandlung der gegenwrtigen Zustnde in solche, welche
deren Schden nicht zeigen. _Dieses_ Vertrauen aber ist das einzige, aus
dem eine wirklich gesunde Entwicklung wird hervorgehen knnen. Denn wer ein
solches Vertrauen gewinnen soll, der mu berschauen knnen, wie
Neueinrichtungen sich praktisch an das Bestehende anknpfen lassen. Und es
scheint gerade das Wesentliche der Ideen zu sein, die hier entwickelt
werden, da sie nicht eine bessere Zukunft herbeifhren wollen durch eine
noch weitergehende Zerstrung des Gegenwrtigen, als sie schon eingetreten
ist; sondern da die Verwirklichung solcher Ideen auf dem Bestehenden
weiterbaut und im Weiterbauen den Abbau des Ungesunden herbeifhrt. Eine
Aufklrung, die ein Vertrauen nach dieser Richtung nicht anstrebt, wird
nicht erreichen, was unbedingt erreicht werden mu: eine Weiterentwicklung,
bei welcher der Wert der bisher von den Menschen erarbeiteten Gter und der
erworbenen Fhigkeiten nicht in den Wind geschlagen, sondern gewahrt wird.
Auch der ganz radikal Denkende kann Vertrauen zu einer sozialen
Neugestaltung unter Wahrung der berkommenen Werte gewinnen, wenn er vor
Ideen sich gestellt sieht, die eine wirklich gesunde Entwicklung einleiten
knnen. Auch er wird einsehen mssen, da, welche Menschenklasse auch immer
zur Herrschaft gelangt: sie die bestehenden bel nicht beseitigen wird,
wenn ihre Impulse nicht von Ideen getragen sind, die den sozialen
Organismus gesund, lebensfhig machen. Verzweifeln, weil man nicht glauben
kann, da bei einer gengend groen Anzahl von Menschen auch in den Wirren
der Gegenwart Verstndnis sich finde fr solche Ideen, wenn auf ihre
Verbreitung die notwendige Energie gewandt werden kann, hiee an der
Empfnglichkeit der Menschennatur fr Impulse des Gesunden und
Zweckentsprechenden verzweifeln. Es sollte _diese_ Frage, ob man daran
verzweifeln msse, gar nicht gestellt werden, sondern _nur die_ andere: was
man tun solle, um die Aufklrung ber vertrauenerweckende Ideen so
kraftvoll als mglich zu machen.

Einer wirksamen Verbreitung der hier dargestellten Ideen wird zunchst
entgegenstehen, da die Denkgewohnheiten des gegenwrtigen Zeitalters aus
zwei Untergrnden heraus mit ihnen nicht zurechtkommen werden. Entweder
wird man in irgend einer Form einwenden, man knne sich nicht vorstellen,
da ein Auseinanderreien des einheitlichen sozialen Lebens mglich sei, da
doch die drei gekennzeichneten Zweige dieses Lebens in der Wirklichkeit
berall zusammenhngen; oder man wird finden, da auch im Einheitsstaate
die notwendige selbstndige Bedeutung eines jeden der drei Glieder erreicht
werden knne, und da eigentlich mit dem hier Dargestellten ein
Ideengespinst gegeben sei, das die Wirklichkeit nicht berhre. Der erste
Einwand beruht darauf, da von einem _unwirklichen_ Denken ausgegangen
wird. Da geglaubt wird, die Menschen knnten in einer Gemeinschaft nur
eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst
in die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der
Lebenswirklichkeit verlangt. Die Einheit mu als das _Ergebnis_ entstehen;
die von verschiedenen Richtungen her zusammenstrmenden Bettigungen mssen
_zuletzt_ eine Einheit bewirken. _Dieser_ wirklichkeitsgemen Idee lief
die Entwicklung der letzten Zeit zuwider. Deshalb stemmte sich, was in den
Menschen lebte, gegen die von auen in das Leben gebrachte Ordnung und
fhrte zu der gegenwrtigen sozialen Lage.-- Das zweite Vorurteil geht
hervor aus dem Unvermgen, die radikale Verschiedenheit im Wirken der drei
Glieder des sozialen Lebens zu durchschauen. Man sieht nicht, wie der
Mensch zu jedem der drei Glieder ein _besonderes_ Verhltnis hat, das in
seiner Eigenart nur entfaltet werden kann, wenn im wirklichen Leben ein fr
sich bestehender Boden vorhanden ist, auf dem sich, abgesondert von den
beiden andern, dieses Verhltnis ausgestalten kann, um mit ihnen
zusammenzuwirken. Eine Anschauung der Vergangenheit, die physiokratische,
meinte: entweder die Menschen machen Regierungsmaregeln ber das
wirtschaftliche Leben, welche der freien Selbstentfaltung dieses Lebens
widerstreben; dann seien solche Maregeln schdlich. Oder die _Gesetze_
laufen in derselben Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben von selbst
luft, wenn es sich frei berlassen bleibt; dann seien sie berflssig. Als
Schulmeinung ist diese Anschauung berwunden; als Denkgewohnheit spukt sie
aber berall noch verheerend in den Menschenkpfen. Man meint, wenn ein
Lebensgebiet seinen Gesetzen folgt, dann msse aus diesem Gebiete _alles_
fr das Leben Notwendige sich ergeben. Wenn, zum Beispiel, das
Wirtschaftsleben in einer solchen Art geregelt werde, da die Menschen die
Regelung als eine sie befriedigende empfinden, dann msse auch das Rechts-
und Geistesleben aus dem geordneten Wirtschaftsboden sich richtig ergeben.
Doch dieses ist nicht mglich. Und nur ein Denken, das der Wirklichkeit
fremd gegenbersteht, kann glauben, da es mglich sei. Im Kreislauf des
Wirtschaftslebens ist _nichts_ vorhanden, das von sich aus einen Antrieb
enthielte, dasjenige zu regeln, was aus dem Rechtsbewutsein ber das
Verhltnis von Mensch zu Mensch erfliet. Und will man _dieses_ Verhltnis
aus den wirtschaftlichen Antrieben herausordnen, so wird man den Menschen
mit seiner Arbeit und mit der Verfgung ber die Arbeitsmittel in das
Wirtschaftsleben einspannen. Er wird ein Rad in einem Wirtschaftsleben, das
wie ein Mechanismus wirkt. Das Wirtschaftsleben hat die Tendenz,
fortwhrend in einer Richtung sich zu bewegen, in die von einer andern
Seite her eingegriffen werden mu. Nicht, _wenn_ die Rechtsmanahmen in der
Richtung verlaufen, die vom Wirtschaftsleben erzeugt wird, sind sie gut,
oder wenn sie ihr zuwiderlaufen, sind sie schdlich; sondern, wenn die
Richtung, in welcher das Wirtschaftsleben luft, fortwhrend beeinflut
wird von den Rechten, welche den Menschen nur als Menschen angehen, wird
dieser in dem Wirtschaftsleben ein menschenwrdiges Dasein fhren knnen.
Und nur dann, wenn ganz abgesondert von dem Wirtschaftsleben die
individuellen Fhigkeiten auf einem eigenen Boden erwachsen und dem
Wirtschaften die Krfte immer wieder neu zufhren, die aus ihm selbst sich
nicht erzeugen _knnen_, wird auch das Wirtschaften in einer den Menschen
gedeihlichen Art sich entwickeln knnen.

Es ist merkwrdig: auf dem Gebiete des rein uerlichen Lebens sieht man
leicht den Vorteil der Arbeitsteilung ein. Man glaubt nicht, da der
Schneider sich seine Kuh zchten solle, die ihn mit Milch versorgt. Fr die
umfassende Gliederung des Menschenlebens glaubt man, da die
Einheitsordnung das allein Ersprieliche sein msse.

                  *       *       *       *       *

Da Einwnde gerade bei einer dem wirklichen Leben entsprechenden sozialen
Ideenrichtung von allen Seiten sich ergeben mssen, ist selbstverstndlich.
Denn das wirkliche Leben erzeugt Widersprche. Und wer diesem Leben gem
denkt, der mu Einrichtungen verwirklichen wollen, deren Lebenswidersprche
durch andere Einrichtungen ausgeglichen werden. Er _darf nicht_ glauben:
eine Einrichtung, die sich vor seinem Denken als ideal gut ausweist,
werde, wenn sie verwirklicht wird, auch widerspruchslos sich gestalten.--
Es ist eine durchaus berechtigte Forderung des gegenwrtigen Sozialismus,
da die neuzeitlichen Einrichtungen, in denen produziert wird um des
Profitierens des einzelnen willen, durch solche ersetzt werden, in denen
produziert wird, um des Konsumierens Aller willen. Allein gerade derjenige,
welcher diese Forderung _voll_ anerkennt, wird nicht zu der Schlufolgerung
dieses neueren Sozialismus kommen knnen: also mssen die Produktionsmittel
aus dem Privateigentum in Gemeineigentum bergehen. Er wird vielmehr die
ganz andere Schlufolgerung anerkennen mssen: also mu, was privat auf
Grund der individuellen Tchtigkeiten produziert wird, durch die rechten
Wege der Allgemeinheit zugefhrt werden. Der wirtschaftliche Impuls der
neueren Zeit ging dahin, durch die Menge des Gtererzeugens Einnahmen zu
schaffen; die Zukunft wird danach streben mssen, durch Assoziationen aus
der notwendigen Konsumtion die beste Art der Produktion und die Wege von
dem Produzenten zu dem Konsumenten zu finden. Die Rechtseinrichtungen
werden dafr sorgen, da ein Produktionsbetrieb nur so lange mit einer
Person oder Personengruppe verbunden bleibt, als sich diese Verbindung aus
den individuellen Fhigkeiten dieser Personen heraus rechtfertigt. Statt
dem _Gemeineigentum_ der Produktionsmittel wird im sozialen Organismus ein
_Kreislauf_ dieser Mittel eintreten, der sie immer von neuem zu denjenigen
Personen bringt, deren individuelle Fhigkeiten sie in der mglichst besten
Art der Gemeinschaft nutzbar machen knnen. Auf diese Art wird zeitweilig
diejenige Verbindung zwischen Persnlichkeit und Produktionsmittel
hergestellt, die bisher durch den Privatbesitz bewirkt worden ist. Denn der
Leiter einer Unternehmung und seine Unterleiter werden es den
Produktionsmitteln verdanken, da ihre Fhigkeiten ihnen ein ihren
Ansprchen gemes Einkommen bringen. Sie werden nicht verfehlen, die
Produktion zu einer mglichst vollkommenen zu machen, denn die Steigerung
dieser Produktion bringt ihnen zwar nicht den vollen Profit, aber doch
einen Teil des Ertrgnisses. Der Profit fliet ja doch nur im Sinne des
oben Ausgefhrten der Allgemeinheit bis zu dem Grade zu, der sich ergibt
nach Abzug des Zinses, der dem Produzenten zugute kommt wegen der
Steigerung der Produktion. Und es liegt eigentlich schon im Geiste des hier
Dargestellten, da, wenn die Produktion zurckgeht, sich das Einkommen des
Produzenten in demselben Mae zu verringern habe, wie es sich steigert bei
der Produktionserweiterung. Immer aber wird das Einkommen aus der geistigen
Leistung des Leitenden flieen, nicht aus einem solchen Profit, welcher auf
Verhltnissen beruht, die nicht in der geistigen Arbeit eines Unternehmers,
sondern in dem Zusammenwirken der Krfte des Gemeinlebens ihre Grundlage
haben.

Man wird sehen knnen, da durch Verwirklichung solcher sozialer Ideen, wie
sie hier dargestellt sind, Einrichtungen, die gegenwrtig bestehen, eine
vllig neue Bedeutung erhalten werden. Das Eigentum hrt auf, dasjenige zu
sein, was es bis jetzt gewesen ist. Und es wird nicht zurckgefhrt zu
einer berwundenen Form, wie sie das Gemeineigentum darstellen wrde,
sondern es wird fortgefhrt zu etwas vllig Neuem. Die Gegenstnde des
Eigentums werden in den Flu des sozialen Lebens gebracht. Der einzelne
kann sie nicht aus seinem Privatinteresse heraus zum Schaden der
Allgemeinheit verwalten; aber auch die Allgemeinheit wird sie nicht zum
Schaden der einzelnen bureaukratisch verwalten knnen; sondern der
geeignete einzelne wird zu ihnen den Zugang finden, um durch sie der
Allgemeinheit dienen zu knnen.

Ein Sinn fr das Allgemeininteresse kann sich durch die Verwirklichung
solcher Impulse entwickeln, welche das Produzieren auf eine gesunde
Grundlage stellen und den sozialen Organismus vor Krisengefahren
bewahren.-- Auch wird eine Verwaltung, die es nur zu tun hat mit dem
Kreislauf des Wirtschaftslebens, zu Ausgleichen fhren knnen, die etwa aus
diesem Kreislauf heraus als notwendig sich ergeben. Sollte, zum Beispiel,
ein Betrieb nicht in der Lage sein, seinen Darleihern ihre
Arbeitsersparnisse zu verzinsen, so wird, wenn er doch als einem Bedrfnis
entsprechend anerkannt wird, aus andern Wirtschaftsbetrieben nach freier
bereinkunft mit allen an den letzteren beteiligten Personen das Fehlende
zugeschossen werden knnen. Ein in sich abgeschlossener
Wirtschaftskreislauf, der von auen die Rechtsgrundlage erhlt und den
fortdauernden Zuflu der zutage tretenden individuellen
Menschenfhigkeiten, wird es in sich nur mit dem Wirtschaften zu tun
haben. Er wird dadurch der Veranlasser einer Gterverteilung sein knnen,
die jedem das verschafft, was er nach dem Wohlstande der Gemeinschaft
gerechter Art haben kann. Wenn einer scheinbar mehr Einkommen haben wird
als ein anderer, so wird dies nur deshalb sein, weil das Mehr wegen
seiner individuellen Fhigkeiten der Allgemeinheit zugute kommt.

                  *       *       *       *       *

Ein sozialer Organismus, der im Lichte der hier dargestellten
Vorstellungsart sich gestaltet, wird durch eine bereinkunft zwischen den
Leitern des Rechtslebens und denen des Wirtschaftslebens die Abgaben regeln
knnen, welche fr das Rechtsleben notwendig sind. Und alles, was zum
Unterhalte der geistigen Organisation ntig ist, wird dieser zuflieen
durch die aus freiem Verstndnis fr sie erfolgende Vergtung von seiten
der Einzelpersonen, die am sozialen Organismus beteiligt sind. Diese
geistige Organisation wird ihre gesunde Grundlage durch die in freier
Konkurrenz sich geltend machende individuelle Initiative der zur geistigen
Arbeit fhigen Einzelpersonen haben.

Aber _nur_ in dem hier gemeinten sozialen Organismus wird die Verwaltung
des Rechtes das notwendige Verstndnis finden fr eine gerechte
Gterverteilung. Ein Wirtschaftsorganismus, der nicht aus den Bedrfnissen
der einzelnen Produktionszweige die Arbeit der Menschen in Anspruch nimmt,
sondern der mit dem zu wirtschaften hat, was ihm das Recht mglich macht,
wird den Wert der Gter nach dem bestimmen, was ihm die Menschen leisten.
Er wird nicht die Menschen leisten lassen, was durch den unabhngig von
Menschenwohlfahrt und Menschenwrde zustande gekommenen Gterwert bestimmt
ist. Ein solcher Organismus wird Rechte sehen, die aus rein menschlichen
Verhltnissen sich ergeben. Kinder werden das Recht auf Erziehung haben;
der Familienvater wird als Arbeiter ein hheres Einkommen haben knnen als
der Einzelnstehende. Das Mehr wird ihm zuflieen durch Einrichtungen, die
durch bereinkommen aller drei sozialen Organisationen begrndet werden.
Solche Einrichtungen knnen dem Rechte auf Erziehung dadurch entsprechen,
da nach den allgemeinen Wirtschaftsverhltnissen die Verwaltung der
wirtschaftlichen Organisation die mgliche Hhe des Erziehungseinkommens
bemit und der Rechtsstaat die Rechte des einzelnen festsetzt nach den
Gutachten der geistigen Organisation. Wieder liegt es in der Art eines
wirklichkeitsgemen Denkens, da mit einer solchen Angabe nur wie durch
ein Beispiel _die Richtung_ bezeichnet wird, in welcher die Einrichtungen
bewirkt werden knnen. Es wre mglich, da fr das einzelne ganz anders
geartete Einrichtungen als richtig befunden wrden. Aber dieses Richtige
wird sich nur finden lassen durch das zielgeme Zusammenwirken der drei in
sich selbstndigen Glieder des sozialen Organismus. Hier, fr diese
Darstellung, mchte im Gegensatz zu vielem, was in der Gegenwart fr
praktisch gehalten wird, es aber nicht ist, die ihr zugrunde liegende
Denkart das wirklich Praktische finden, nmlich eine solche Gliederung des
sozialen Organismus, die bewirkt, da die Menschen in dieser Gliederung das
sozial Zweckmige veranlassen.

Wie Kindern das _Recht_ auf Erziehung, so steht Altgewordenen, Invaliden,
Witwen, Kranken das Recht auf einen Lebensunterhalt zu, zu dem die
Kapitalgrundlage in einer hnlichen Art dem Kreislauf des sozialen
Organismus zuflieen mu wie der gekennzeichnete Kapitalbeitrag fr die
Erziehung der noch nicht selbst Leistungsfhigen. Das Wesentliche bei all
diesem ist, da die Feststellung desjenigen, was ein nicht selbst
Verdienender als Einkommen bezieht, nicht aus dem Wirtschaftsleben sich
ergeben soll, sondern da umgekehrt das Wirtschaftsleben abhngig wird von
dem, was in dieser Beziehung aus dem Rechtsbewutsein sich ergibt. Die in
einem Wirtschaftsorganismus Arbeitenden werden von dem durch ihre Arbeit
geleisteten um so weniger haben, je mehr fr die nicht Verdienenden
abflieen mu. Aber das Weniger wird von allen am sozialen Organismus
Beteiligten gleichmig getragen, wenn die hier gemeinten sozialen Impulse
ihre Verwirklichung finden werden. Durch den vom Wirtschaftsleben
abgesonderten Rechtsstaat wird, was eine allgemeine Angelegenheit der
Menschheit ist, Erziehung und Unterhalt nicht Arbeitsfhiger, auch wirklich
zu einer solchen Angelegenheit gemacht, denn im Gebiete der
Rechtsorganisation wirkt dasjenige, worinnen _alle mndig gewordenen
Menschen_ mitzusprechen haben.

Ein sozialer Organismus, welcher der hier gekennzeichneten Vorstellungsart
entspricht, wird die Mehrleistung, die ein Mensch auf Grund seiner
individuellen Fhigkeiten vollbringt, ebenso in die Allgemeinheit
berfhren, wie er fr die Minderleistung der weniger Befhigten den
berechtigten Unterhalt aus dieser Allgemeinheit entnehmen wird: Mehrwert
wird nicht geschaffen werden fr den unberechtigten Genu des einzelnen,
sondern zur Erhhung dessen, was dem sozialen Organismus seelische oder
materielle Gter zufhren kann; und zur Pflege desjenigen, was innerhalb
dieses Organismus aus dessen Scho heraus entsteht, ohne da es ihm
unmittelbar dienen kann.

Wer der Ansicht zuneigt, da die Auseinanderhaltung der drei Glieder des
sozialen Organismus nur einen ideellen Wert habe, und da sie sich auch
beim einheitlich gestalteten Staatsorganismus oder bei einer das
Staatsgebiet umfassenden, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln
beruhenden wirtschaftlichen Genossenschaft von selbst ergebe, der sollte
seinen Blick auf die besondere Art von sozialen Einrichtungen lenken, die
sich ergeben mssen, wenn die Dreigliederung verwirklicht wird. Da wird,
zum Beispiel, nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches
Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den
Manahmen beruhen, welche von den Verwaltungskrpern der
Wirtschaftsorganisation ausgehen. Denn Geld kann im gesunden sozialen
Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern
erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb
beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben
hat. Durch den Geldverkehr wird ein Wirtschaftsgebiet eine einheitliche
Wirtschaft. Jeder produziert auf dem Umwege durch das ganze
Wirtschaftsleben fr jeden. Innerhalb des Wirtschaftsgebietes hat man es
nur mit Warenwerten zu tun. Fr dieses Gebiet nehmen auch die _Leistungen_,
die entstehen aus der geistigen und der staatlichen Organisation heraus,
den Warencharakter an. Was ein Lehrer an seinen Schlern leistet, ist fr
den Wirtschaftskreislauf Ware. Dem Lehrer werden seine individuellen
Fhigkeiten ebensowenig bezahlt wie dem Arbeiter seine Arbeitskraft.
Bezahlt _kann_ beiden nur werden, was, von ihnen ausgehend, im
Wirtschaftskreislauf Ware und Waren sein kann. Wie die freie Initiative,
wie das Recht wirken sollen, damit die Ware zustande komme, das liegt
ebenso _auerhalb_ des Wirtschaftskreislaufes wie die Wirkung der
Naturkrfte auf das Kornertrgnis in einem segensreichen oder einem magern
Jahr. Fr den Wirtschaftskreislauf sind die geistige Organisation bezglich
dessen, was sie beansprucht als wirtschaftliches Ertrgnis, _und auch der
Staat_ einzelne Warenproduzenten. Nur ist, was sie produzieren, innerhalb
ihres eigenen Gebietes nicht Ware, sondern es wird erst Ware, wenn es von
dem Wirtschaftskreislauf aufgenommen wird. Sie wirtschaften nicht in ihren
eigenen Gebieten; mit dem von ihnen Geleisteten wirtschaftet die
Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.

Der rein wirtschaftliche Wert einer Ware (oder eines Geleisteten), insofern
er sich ausdrckt in dem Gelde, das seinen Gegenwert darstellt, wird von
der Zweckmigkeit abhngen, mit der sich innerhalb des
Wirtschaftsorganismus die _Verwaltung_ der Wirtschaft ausgestaltet. Von den
Manahmen dieser Verwaltung wird es abhngen, inwiefern auf der geistigen
und rechtlichen Grundlage, welche von den andern Gliedern des sozialen
Organismus geschaffen wird, die wirtschaftliche Fruchtbarkeit sich
entwickeln kann. Der Geldwert einer Ware wird dann der Ausdruck dafr sein,
da diese Ware in der den Bedrfnissen entsprechenden Menge durch die
Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Wrden die in dieser
Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im
Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch
die bloe Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird
durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden
Genossenschaften die Gtererzeugung sich den Bedrfnissen anpassen. Dadurch
wird das diesen Bedrfnissen entsprechende Verhltnis zwischen dem Geldwert
und den Produktionseinrichtungen im sozialen Organismus hergestellt[7].
Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein;
denn hinter jedem Geldstck oder Geldschein steht die Warenleistung, auf
welche hin der Geldbesitzer allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es
werden sich aus der Natur der Verhltnisse heraus Einrichtungen notwendig
machen, welche dem Gelde fr den Inhaber seinen Wert benehmen, wenn es die
eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche Einrichtungen ist
schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
geeigneter Form an die Allgemeinheit ber. Und damit Geld, das nicht in
Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Manahmen der
Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurckbehalten werde, kann Umprgung
oder Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhltnissen
heraus wird sich allerdings auch ergeben, da der Zinsbezug von einem
Kapitale im Laufe der Jahre sich immer verringere. Das Geld wird sich
abntzen, wie sich Waren abntzen. Doch wird eine solche vom Staate zu
treffende Manahme gerecht sein. Zins auf Zins wird es nicht geben
knnen. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die
ihm auf sptere Waren-Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie
gegenwrtige Leistungen auf den Eintausch gegenwrtiger Gegenleistungen;
aber die Ansprche knnen nur bis zu einer gewissen Grenze gehen; denn aus
der Vergangenheit herrhrende Ansprche knnen nur durch Arbeitsleistungen
der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprche drfen nicht zu einem
wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher
Voraussetzungen wird die _Whrungsfrage_ auf eine gesunde Grundlage
gestellt. Denn gleichgltig wie aus andern Verhltnissen heraus die
_Geldform_ sich gestaltet: _Whrung_ wird die vernnftige Einrichtung des
gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung. Die Whrungsfrage
wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch _Gesetze_ lsen;
gegenwrtige Staaten werden sie nur lsen, wenn sie von ihrer Seite auf die
Lsung verzichten und das Ntige dem von ihnen abzusondernden
Wirtschaftsorganismus berlassen.

  [7] Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die in dieser Art
  zustande kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen
  Organismus, wird sich als Ergebnis fr das Wirtschaftsleben ein gesundes
  Preisverhltnis der erzeugten Gter einstellen. Dieses mu so sein, da
  jeder Arbeitende fr ein Erzeugnis so viel an Gegenwert erhlt, als zur
  Befriedigung smtlicher Bedrfnisse bei ihm und den zu ihm gehrenden
  Personen ntig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Arbeit wieder
  hervorgebracht hat. Ein solches Preisverhltnis kann nicht durch
  amtliche Feststellung erfolgen, sondern es mu sich _als Resultat
  ergeben_ aus dem lebendigen Zusammenwirken der im sozialen Organismus
  ttigen Assoziationen. Aber es _wird_ sich einstellen, wenn das
  Zusammenwirken auf dem gesunden Zusammenwirken der drei
  Organisationsglieder beruht. Es mu mit derselben Sicherheit sich
  ergeben, wie eine haltbare Brcke sich ergeben mu, wenn sie nach
  rechten mathematischen und mechanischen Gesetzen erbaut ist. Man kann
  natrlich den naheliegenden Einwand machen, das soziale Leben folge
  nicht so seinen Gesetzen wie eine Brcke. Es wird aber niemand einen
  solchen Einwand machen, der zu erkennen vermag, wie in der Darstellung
  dieses Buches dem sozialen Leben eben _lebendige_ und nicht
  mathematische Gesetze zugrunde liegend gedacht werden.

                  *       *       *       *       *

Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als
Zeitersparnis, Warenvollkommenheit, Warenaustausch usw.; aber man
bercksichtigt wenig, wie sie das Verhltnis des einzelnen Menschen zu
seiner Arbeits_leistung_ beeinflut. Wer in einem auf Arbeitsteilung
eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der _erwirbt_ eigentlich
niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit
_aller_ am sozialen Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum
Eigengebrauch einen Rock macht, setzt diesen Rock zu sich nicht in dasselbe
Verhltnis wie ein Mensch, der in primitiven Zustnden noch alles zu seinem
Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den Rock,
um fr andere Kleider machen zu knnen; und der _Wert_ des Rockes fr ihn
hngt _ganz_ von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich
Produktionsmittel. Mancher wird sagen, das sei eine Begriffsspalterei.
Sobald er auf die _Wertbildung_ der Waren im Wirtschaftskreislauf sieht,
wird er diese Meinung nicht mehr haben knnen. Dann wird er sehen, da man
in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht
fr sich arbeiten kann. Man kann nur fr andere arbeiten, und andere fr
sich arbeiten lassen. Man kann ebensowenig fr sich arbeiten, wie man sich
selbst aufessen kann. Aber man kann Einrichtungen herstellen, welche dem
Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das geschieht, wenn die
Gtererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen als
Eigentum zu berliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen
Organismus als Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drngt den
sozialen Organismus dazu, da der einzelne Mensch in ihm lebt nach den
Verhltnissen des Gesamtorganismus; sie schliet _wirtschaftlich_ den
Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von
Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer
Zustand, der zu Erschtterungen des sozialen Organismus fhrt. In solchen
Zustnden leben wir gegenwrtig. Es mag manchen geben, der nichts davon
hlt, wenn man fordert, die Rechtsverhltnisse und anderes mssen sich nach
dem egoismusfreien Schaffen der Arbeitsteilung richten. Ein solcher mge
dann nur aus seinen Voraussetzungen die Konsequenz ziehen. Diese wre: man
knne berhaupt nichts tun; die soziale Bewegung knne zu nichts fhren.
Man kann in bezug auf diese Bewegung allerdings Ersprieliches nicht tun,
wenn man _der Wirklichkeit_ nicht ihr Recht geben will. Die Denkungsart,
aus der die hier gegebene Darstellung heraus geschrieben ist, will, was der
Mensch innerhalb des sozialen Organismus zu tun hat, nach dem einrichten,
was aus den Lebensbedingungen dieses Organismus folgt.

                  *       *       *       *       *

Wer seine Begriffe nur nach den eingewhnten Einrichtungen bilden kann, der
wird ngstlich werden, wenn er davon vernimmt, da das Verhltnis des
Arbeitsleiters zu dem Arbeiter losgelst werden solle von dem
Wirtschaftsorganismus. Denn er wird glauben, da eine solche Loslsung
notwendig zur Geldentwertung und zur Rckkehr in primitive
Wirtschaftsverhltnisse fhre. (Dr.Rathenau uert in seiner Schrift Nach
der Flut solche Meinungen, die von _seinem_ Standpunkt aus berechtigt
erscheinen.) Aber dieser Gefahr wird durch die Dreigliederung des sozialen
Organismus entgegengearbeitet. Der auf sich selbst gestellte
Wirtschaftsorganismus im Verein mit dem Rechtsorganismus sondert die
Geldverhltnisse ganz ab von den auf das Recht gestellten
Arbeitsverhltnissen. Die Rechtsverhltnisse werden nicht unmittelbar auf
die Geldverhltnisse einen Einflu haben knnen. Denn die letzteren sind
Ergebnis der Verwaltung des Wirtschaftsorganismus. Das Rechtsverhltnis
zwischen Arbeitleiter und Arbeiter wird einseitig gar nicht in dem Geldwert
zum Ausdruck kommen knnen, denn dieser ist nach Beseitigung des Lohnes,
der ein Tauschverhltnis von Ware und Arbeitskraft darstellt, lediglich der
Mastab fr den gegenseitigen Wert der Waren (und Leistungen).-- Aus der
Betrachtung der _Wirkungen_, welche die Dreigliederung fr den sozialen
Organismus hat, mu man die berzeugung gewinnen, da sie zu Einrichtungen
fhren werde, die in den bisherigen Staatsformen nicht vorhanden sind.

Und innerhalb dieser Einrichtungen wird dasjenige ausgetilgt werden knnen,
was gegenwrtig als _Klassenkampf_ empfunden wird. Denn dieser Kampf beruht
auf der Einspannung des Arbeitslohnes in den Wirtschaftskreislauf. Diese
Schrift stellt eine Form des sozialen Organismus dar, in dem der Begriff
des _Arbeitslohnes_ ebenso eine Umformung erfhrt wie der alte
_Eigentumsbegriff_. Aber durch diese Umformung wird ein _lebensfhiger_
sozialer Zusammenhang der Menschen geschaffen.-- Nur eine leichtfertige
Beurteilung wird finden knnen, da mit der Verwirklichung des hier
Dargestellten nichts weiter getan sei, als da der Arbeitszeitlohn in
Stcklohn verwandelt werde. Mag sein, da eine einseitige Ansicht von der
Sache zu diesem Urteil fhrt. Aber _hier_ ist diese einseitige Ansicht
nicht als die rechte geschildert, sondern es ist die Ablsung des
Entlohnungsverhltnisses durch das vertragsgeme Teilungsverhltnis in
bezug auf das von Arbeitsleiter und Arbeiter gemeinsam Geleistete _in
Verbindung mit der gesamten Einrichtung des sozialen Organismus_ ins Auge
gefat. Wem der dem Arbeiter zukommende Teil des Leistungsertrgnisses als
Stcklohn erscheint, der wird nicht gewahr, da _dieser_ Stcklohn (der
aber eigentlich kein Lohn ist) sich im _Werte_ des Geleisteten in einer
Art zum Ausdruck bringt, welche die gesellschaftliche Lebenslage des
Arbeiters zu andern Mitgliedern des sozialen Organismus in ein ganz anderes
Verhltnis bringt, als dasjenige ist, das aus der einseitig wirtschaftlich
bedingten Klassenherrschaft entstanden ist. Die Forderung nach Austilgung
des Klassenkampfes wird damit befriedigt.-- Und wer sich zu der namentlich
auch in sozialistischen Kreisen zu hrenden Meinung bekennt: die
_Entwicklung_ selbst msse die Lsung der sozialen Frage bringen, man knne
nicht Ansichten aufstellen, die verwirklicht werden sollen; dem mu
erwidert werden: gewi wird die Entwicklung das Notwendige bringen mssen;
aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen
_Wirklichkeiten_. Und wenn die Zeit ein wenig vorgeschritten sein wird und
das _verwirklicht_ sein wird, was heute nur gedacht werden kann: dann wird
eben dieses Verwirklichte in der Entwicklung drinnen sein. Und diejenigen,
welche nur von der Entwicklung und nicht von der Erbringung fruchtbarer
Ideen etwas halten, werden sich Zeit lassen mssen mit ihrem Urteil bis
dahin, wo, was heute gedacht wird, Entwicklung sein wird. Doch wird es eben
dann _zu spt_ sein zum Vollbringen gewisser Dinge, die von den _heutigen_
Tatsachen schon gefordert werden. Im sozialen Organismus ist es nicht
mglich, die Entwicklung _objektiv_ zu betrachten wie in der Natur. Man mu
die Entwicklung _bewirken_. Deshalb ist es fr ein gesundes soziales Denken
verhngnisvoll, da ihm gegenwrtig Ansichten gegenberstehen, die, was
sozial notwendig ist, so beweisen wollen, wie man in der
Naturwissenschaft beweist. Ein Beweis in sozialer Lebensauffassung kann
sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung _das_ aufnehmen kann, was
nicht nur im _Bestehenden_ liegt, sondern _dasjenige_, was in den
Menschenimpulsen-- von ihnen oft unbemerkt-- keimhaft ist und sich
verwirklichen will.

                  *       *       *       *       *

Eine derjenigen Wirkungen, durch welche die Dreigliederung des sozialen
Organismus ihre Begrndung im Wesenhaften des menschlichen
Gesellschaftslebens zu erweisen haben wird, ist die Loslsung der
richterlichen Ttigkeit von den staatlichen Einrichtungen. Den letzteren
wird es obliegen, die Rechte festzulegen, welche zwischen Menschen oder
Menschengruppen zu bestehen haben. Die Urteilsfindungen selbst aber liegen
in Einrichtungen, die aus der geistigen Organisation heraus gebildet sind.
Diese Urteilsfindung ist in hohem Mae abhngig von der Mglichkeit, da
der Richtende Sinn und Verstndnis habe fr die individuelle Lage eines zu
Richtenden. Solcher Sinn und solches Verstndnis werden nur vorhanden sein,
wenn dieselben Vertrauensbande, durch welche die Menschen zu den
Einrichtungen der geistigen Organisation sich hingezogen fhlen, auch
magebend sind fr die Einsetzung der Gerichte. Es ist mglich, da die
Verwaltung der geistigen Organisation die Richter aufstellt, die aus den
verschiedensten geistigen Berufsklassen heraus genommen sein knnen, und
die auch nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder in ihre eigenen Berufe
zurckkehren. In gewissen Grenzen hat dann jeder Mensch die Mglichkeit,
sich die Persnlichkeit unter den Aufgestellten fr fnf oder zehn Jahre zu
whlen, zu der er so viel Vertrauen hat, da er in dieser Zeit, wenn es
dazu kommt, von ihr die Entscheidung in einem privaten oder
strafrechtlichen Fall entgegennehmen will. Im Umkreis des Wohnortes jedes
Menschen werden dann immer so viele Richtende sein, da diese Wahl eine
Bedeutung haben wird. Ein Klger hat sich dann stets an den fr einen
Angeklagten zustndigen Richter zu wenden.-- Man bedenke, was eine solche
Einrichtung in den sterreichisch-ungarischen Gegenden fr eine
einschneidende Bedeutung gehabt htte. In gemischtsprachigen Gegenden htte
der Angehrige einer jeden Nationalitt sich einen Richter seines Volkes
erwhlen knnen. Wer die sterreichischen Verhltnisse kennt, der kann auch
wissen, wieviel zum Ausgleich im Leben der Nationalitten eine solche
Einrichtung htte beitragen knnen.-- Aber auer der Nationalitt gibt es
weite Lebensgebiete, fr deren gesunde Entfaltung eine solche Einrichtung
im gedeihlichen Sinne wirken kann.-- Fr die engere Gesetzeskenntnis
werden den in der geschilderten Art bestellten Richtern und Gerichtshfen
Beamte zur Seite stehen, deren Wahl auch von der Verwaltung des geistigen
Organismus zu vollziehen ist, die aber nicht selbst zu richten haben.
Ebenso werden Appellationsgerichte aus dieser Verwaltung heraus zu bilden
sein. Es wird im Wesen desjenigen Lebens liegen, das sich durch die
Verwirklichung solcher Voraussetzungen abspielt, da ein Richter den
Lebensgewohnheiten und der Empfindungsart der zu Richtenden nahestehen
kann, da er durch sein auerhalb des Richteramtes-- dem er nur eine
Zeitlang vorstehen wird-- liegendes Leben mit den Lebenskreisen der zu
Richtenden vertraut wird. Wie der gesunde soziale Organismus berall in
seinen Einrichtungen das soziale Verstndnis der an seinem Leben
beteiligten Personen heranziehen wird, so auch bei der richterlichen
Ttigkeit. Die Urteilsvollstreckung fllt dem Rechtsstaate zu.

                  *       *       *       *       *

Die Einrichtungen, die sich durch die Verwirklichung des hier Dargestellten
fr andere Lebensgebiete als die angegebenen notwendig machen, brauchen
vorlufig hier wohl nicht geschildert zu werden. Diese Schilderung wrde
selbstverstndlich einen nicht zu begrenzenden Raum einnehmen.

Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, da
es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich _nicht_, wie mancher meinen
knnte-- und wie tatschlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das
Dargestellte mndlich vorgetragen habe--, um eine Erneuerung der drei
Stnde, Nhr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser
Stndegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch
in Stnde _sozial_ eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus
selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft
Mensch sein knnen. Denn die Gliederung wird eine solche sein, da er mit
seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird. In dem Gliede des
sozialen Organismus, in dem er durch den Beruf drinnen steht, wird er mit
sachlichem Interesse stehen; und zu den andern wird er lebensvolle
Beziehungen haben, denn deren Einrichtungen werden zu ihm in einem
Verhltnisse stehen, das solche Beziehungen herausfordert. Dreigeteilt wird
der vom Menschen abgesonderte, seinen Lebensboden bildende soziale
Organismus sein; jeder Mensch als solcher wird ein Verbindendes der drei
Glieder sein.




IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen


Die innere Gliederung des gesunden sozialen Organismus macht auch die
internationalen Beziehungen dreigliedrig. Jedes der drei Gebiete wird
sein selbstndiges Verhltnis zu den entsprechenden Gebieten der
andern sozialen Organismen haben. Wirtschaftliche Beziehungen des
einen Landesgebietes werden zu eben solchen eines andern entstehen,
ohne da die Beziehungen der Rechtsstaaten darauf einen unmittelbaren
Einflu haben[8]. Und umgekehrt, die Verhltnisse der Rechtsstaaten
werden sich innerhalb gewisser Grenzen in vlliger Unabhngigkeit von
den wirtschaftlichen Beziehungen ausbilden. Durch diese Unabhngigkeit
im _Entstehen_ der Beziehungen werden diese in Konfliktfllen
ausgleichend aufeinander wirken knnen. Interessenzusammenhnge der
einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die
Landesgrenzen als unbetrchtlich fr das Zusammenleben der Menschen
erscheinen lassen werden.-- Die geistigen Organisationen der
einzelnen Landesgebiete werden zueinander in Beziehungen treten
knnen, die _nur_ aus dem gemeinsamen Geistesleben der Menschheit
selbst sich ergeben. Das vom Staate unabhngige, auf sich gestellte
Geistesleben wird Verhltnisse ausbilden, die dann unmglich sind,
wenn die Anerkennung der geistigen Leistungen nicht von der Verwaltung
eines geistigen Organismus, sondern vom Rechtsstaate abhngt. In
dieser Beziehung herrscht auch kein Unterschied zwischen den
Leistungen der ganz offenbar internationalen Wissenschaft und
denjenigen anderer geistiger Gebiete. Ein geistiges Gebiet stellt ja
auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in
unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewutsein
selbst gehrt in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen
mit denen eines andern nicht in unnatrliche Konflikte, wenn sie sich
nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation
oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur
gegenber einer andern eine grere Ausbreitungsfhigkeit und geistige
Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie
wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen
zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhngig sind.

  [8] Wer dagegen einwendet, da die Rechts- und Wirtschaftsverhltnisse
  doch in Wirklichkeit ein Ganzes bilden und nicht voneinander getrennt
  werden knnen, der beachtet nicht, worauf es bei der hier gemeinten
  Gliederung ankommt. Im _gesamten_ Verkehrsproze wirken die beiderlei
  Verhltnisse selbstverstndlich als ein Ganzes. Aber es ist etwas
  anderes, ob man Rechte aus den wirtschaftlichen Bedrfnissen heraus
  gestaltet; oder ob man sie aus den elementaren Rechtsempfindungen heraus
  gestaltet und, was daraus entsteht, mit dem Wirtschaftsverkehr
  zusammenwirken lt.

Gegenwrtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der
schrfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhnge
erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich
entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen mssen an dem Ziel,
das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als
Ganzes immer bewuter wird setzen mssen. Diese Menschheit wird empfinden,
da ein jeder ihrer Teile zu einem wahrhaft menschenwrdigen Dasein nur
kommen kann, wenn er sich lebenskrftig mit allen anderen Teilen verbindet.
Volkszusammenhnge sind neben anderen naturgemen Impulsen die Ursachen,
durch die sich Rechts- und Wirtschaftsgemeinsamkeiten geschichtlich
gebildet haben. Aber die Krfte, durch welche die Volkstmer wachsen,
mssen sich in einer Wechselwirkung entfalten, die nicht gehemmt ist durch
die Beziehungen, welche die Staatskrper und Wirtschaftsgenossenschaften
zueinander entwickeln. Das wird erreicht, wenn die Volksgemeinschaften die
innere Dreigliederung ihrer sozialen Organismen so durchfhren, da jedes
der Glieder seine selbstndigen Beziehungen zu anderen sozialen Organismen
entfalten kann.

Dadurch bilden sich _vielgestaltige_ Zusammenhnge zwischen Vlkern,
Staaten und Wirtschaftskrpern, die jeden Teil der Menschheit mit anderen
Teilen so verbinden, da der eine in seinen eigenen Interessen das Leben
der andern mitempfindet. Ein Vlkerbund _entsteht_ aus wirklichkeitsgemen
Grundimpulsen heraus. Er wird nicht aus einseitigen Rechtsanschauungen
eingesetzt werden mssen[9].

  [9] Wer in solchen Dingen Utopien sieht, der beachtet nicht, da _in
  Wahrheit_ die Wirklichkeit des Lebens nach diesen von ihm fr
  utopistisch gehaltenen Einrichtungen hinstrebt, und da die Schden
  dieser Wirklichkeit gerade davon kommen, da diese Einrichtungen nicht
  da sind.

Von besonderer Bedeutung mu einem wirklichkeitsgemen Denken erscheinen,
da die hier dargestellten Ziele eines sozialen Organismus zwar ihre
Geltung haben fr die gesamte Menschheit, da sie aber von _jedem
einzelnen_ sozialen Organismus verwirklicht werden knnen, gleichgltig,
wie sich andere Lnder zu dieser Verwirklichung vorlufig verhalten.
Gliedert sich ein sozialer Organismus in die naturgemen drei Gebiete, so
knnen die Vertretungen derselben als einheitliche Krperschaft mit anderen
in internationale Beziehungen treten, auch wenn diese anderen fr sich die
Gliederung noch nicht vorgenommen haben. Wer mit dieser Gliederung
vorangeht, der wird fr ein gemeinschaftliches Menschheitsziel wirken. Was
getan werden soll, wird sich durchsetzen viel mehr durch die Kraft, welche
ein in wirklichen Menschheitsimpulsen wurzelndes Ziel _im Leben_ erweist,
als durch eine Feststellung auf Kongressen und aus Verabredungen heraus.
Auf einer Wirklichkeitsgrundlage ist dieses Ziel _gedacht_; im wirklichen
Leben, an jedem Punkte der Menschengemeinschaften lt es sich erstreben.

Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgnge im Leben der Vlker und Staaten
von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung
ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde
mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich
in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drngten.
Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkrfte aus
unbewuten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird
das Heilmittel gegen die Erschtterungen sein, welche der
Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der magebenden
Menschheitsleiter war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit
langem vorbereitete. Im Frhling und Frhsommer 1914 konnte man noch
Staatsmnner davon sprechen hren, da der Friede Europas dank der
Bemhungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei.
Diese Staatsmnner hatten eben keine Ahnung davon, da, was sie taten und
redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte.
Aber sie galten als die Praktiker. Und als Schwrmer galt damals wohl,
wer entgegen den Anschauungen der Staatsmnner Anschauungen durch die
letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser
Ausfhrungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor
einem kleinen Zuhrerkreise aussprach. (Vor einem greren wre er wohl
verlacht worden.) Er sagte ber das, was drohte, ungefhr das Folgende:
Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer strker
werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut
derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie berall
furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwrbildungen aufsprossen. Das ist die
groe Kultursorge, die auftritt fr denjenigen, der das Dasein durchschaut.
Das ist das Furchtbare, was so bedrckend wirkt und was selbst dann, wenn
man allen Enthusiasmus sonst fr das Erkennen der Lebensvorgnge durch die
Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrcken knnte, einen dazu
bringen mte, von dem Heilmittel so zu sprechen, da man Worte darber der
Welt gleichsam _entgegen_schreien mchte. Wenn der soziale Organismus sich
so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schden
der Kultur, die fr diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_
im menschlichen natrlichen Organismus sind. Aber die Lebensanschauung
herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie
nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Manahmen fhrten, die
htten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren,
Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu
begrnden.-- Wer glaubt, da unter den unmittelbaren Ursachen der
gegenwrtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine
Rolle gespielt haben, der sollte sich berlegen, was aus den politischen
Impulsen der in den Krieg drngenden Staaten dann geworden wre, wenn die
Staatsmnner in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten
aufgenommen htten. Und was unterblieben wre, wenn man durch solchen
Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt htte als die Zndstoffe zu
schaffen, die dann die Explosion bringen muten. Wenn man in den letzten
Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als
Folge des sozialen Lebens der fhrenden Teile der Menschheit ins Auge
fate, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen
Geistinteressen stehende Persnlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen
das soziale Wollen in diesen fhrenden Teilen annahm, schon 1888 sagen
mute: Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu
einem Reiche von Brdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggrnden
nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der
Karte von Europa verfolgt, knnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner
Mord msse unsere nchste Zukunft erfllen, aber nur der Gedanke, da ein
Weg zu den wahren Gtern des menschlichen Lebens gefunden werden msse,
kann den Sinn fr Menschenwrde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist
ein solcher, der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rstungen und denen
unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber
glaube, und der uns erleuchten mu, wenn es nicht berhaupt besser sein
sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschlu abzuschaffen und
einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen. (So Hermann Grimm
1888 auf S.46 seines Buches: Aus den letzten fnf Jahren.) Was waren die
Kriegerischen Rstungen anderes als Manahmen solcher Menschen, welche
Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem
diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden
Zusammenlebens der Vlker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes
Zusammenleben aber knnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen
Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus
gestaltet ist.

Das sterreichisch-ungarische Staatsgebilde drngte seit mehr als einem
halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in
einer Vielheit von Vlkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer
Form, fr deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete
Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-sterreichische Konflikt, der
am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgltigste
Zeugnis dafr, da die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem
gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften fr das
Vlkerleben. Wre eine Mglichkeit vorhanden gewesen, da das auf sich
selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhngige
Geistesleben sich ber diese Grenzen hinber in einer Art htte entwickeln
knnen, die mit den Zielen der Vlker im Einklange gewesen wre, dann htte
der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen
Katastrophe entladen mssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien
allen, die in sterreich-Ungarn sich einbildeten, staatsmnnisch zu
denken, als eine volle Unmglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren
Denkgewohnheiten lieen nichts anderes zu als die Vorstellung, da die
Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten
zusammenfallen. Verstehen, da ber die Staatsgrenzen hinweg sich geistige
Organisationen bilden knnen, die das Schulwesen, die andere Zweige des
Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und
dennoch: dieses Undenkbare ist die Forderung der neueren Zeit fr das
internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar
Unmglichen hngen bleiben und glauben, da Einrichtungen im Sinne dieser
Forderung auf unberwindliche Schwierigkeiten stoen; sondern er mu sein
Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu berwinden. Statt
das staatsmnnische Denken in eine Richtung zu bringen, welche den
neuzeitlichen Forderungen entsprochen htte, war man bestrebt,
Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen
aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem
unmglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts
stand er davor, fr seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun
zu knnen und die Auflsung zu erwarten, oder das innerlich Unmgliche
uerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Manahmen
des Krieges begrnden lie. Es gab 1914 fr die sterreichisch-ungarischen
Staatsmnner nichts anderes als dieses: entweder sie muten ihre
Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen
Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues
Vertrauen htte erwecken knnen, mitteilen, oder sie _muten_ einen Krieg
entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergrnden
heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird ber die Schuldfrage gerecht
denken knnen. Durch die Teilnahme vieler Vlkerschaften an dem
sterreichisch-ungarischen Staatsgebilde wre diesem die weltgeschichtliche
Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu
entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Snde wider den
Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat sterreich-Ungarn in den Krieg
getrieben.

Und das Deutsche Reich? Es ist gegrndet worden in einer Zeit, in der
die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus
ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung htte dem Reiche
seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben knnen. Die
sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropischen Reiche
wie in dem Gebiete zusammen, das fr ihr Ausleben weltgeschichtlich
vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen
Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus
der zu ersehen war, wohin es drngte. Das htte zu einem Arbeits-Inhalt
fr dieses Reich fhren mssen. Das htte seinen Verwaltern die Aufgaben
stellen mssen. Es htte die Berechtigung dieses Reiches im modernen
Vlkerzusammenleben erweisen knnen, wenn man dem neugegrndeten Reiche
einen Arbeits-Inhalt gegeben htte, der von den Krften der Geschichte
selbst gefordert gewesen wre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Groe
zu wenden, blieb man bei sozialen Reformen stehen, die aus den
Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande
die Mustergltigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer
mehr dazu, die uere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen grnden
zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens ber die Macht
und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich,
das ebenso wie das sterreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach,
was in den Krften des Vlkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich
ankndigte. Von diesen Krften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts.
_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft
des Militrischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte
gefordert ist, htte auf der Verwirklichung der Impulse fr den gesunden
sozialen Organismus ruhen mssen. Mit _dieser_ Verwirklichung htte man
sich in die Gemeinsamkeit des modernen Vlkerlebens anders hineingestellt,
als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen
Forderungen des Vlkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem
Nullpunkte ihrer Bettigungsmglichkeit angelangt. Sie hatte in den
letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was htte geschehen sollen;
sie hatte sich beschftigt mit allem Mglichen, was in den neuzeitlichen
Entwicklungskrften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit wie
ein Kartengebude zusammenbrechen _mute_.

Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen
Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, wrde ein getreues
Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiliee, die Vorgnge innerhalb
der magebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1.August 1914 zu prfen und
vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgngen wei das In- und
Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der wei, wie die deutsche Politik
damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen
im Nullpunkt ihrer Bettigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu
beginnen war, in das Urteil der militrischen Verwaltung bergehen _mute_.
Wer magebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militrischen
Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_,
weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden
konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn auer dem militrischen Gebiet
hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr
fhren konnte. Alles dieses wrde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache
ergeben, wenn jemand sich fnde, der darauf dringt, die Vorgnge in Berlin
von Ende Juli und 1.August, namentlich alles das, was sich am 1.August
und 31.Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer
der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgnge knne man doch
nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der frheren
Zeit kennt. Will man ber das reden, was man gegenwrtig die Schuldfrage
nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewi kann man auch durch
anderes ber die lngst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese
Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben.

Die Vorstellungen, die Deutschlands Fhrer damals in den Krieg getrieben
haben, sie wirkten dann verhngnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und
sie verhinderten, da whrend der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht
bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren
Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die
mgliche Empfnglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus htte
ergeben knnen, wollte der Schreiber dieser Ausfhrungen bauen, als er sich
bemhte, innerhalb Deutschlands und sterreichs in dem Zeitpunkte der
Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem
gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen fr das politische
Verhalten nach auen an Persnlichkeiten heranzubringen, deren Einflu
damals noch sich htte fr eine Geltendmachung dieser Impulse bettigen
knnen. Persnlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes
ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang fr diese
Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten strubten
sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militrisch orientierten
Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen
knne. Hchstens da man fand, Trennung der Kirche von der Schule, ja,
das wre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der
staatsmnnisch Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu
Durchgreifendem fhren sollte, lieen sie sich nicht bringen. Wohlwollende
sprachen davon, ich solle diese Gedanken verffentlichen. Das war in
jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmigste Rat. Was konnte es helfen, wenn
auf dem Gebiete der Literatur unter manchem andern auch von diesen
Impulsen gesprochen worden wre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser
Impulse liegt es doch, da sie _damals_ eine Bedeutung nur htten erlangen
knnen durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wren. Die Vlker
Mitteleuropas htten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse
gesprochen worden wre, gesehen, da es etwas geben kann, was ihrem mehr
oder weniger bewuten Drang entsprochen htte. Und die Vlker des
russischen Ostens htten ganz gewi in jenem Zeitpunkte Verstndnis gehabt
fr eine Ablsung des Zarismus durch solche Impulse. Da sie dies
Verstndnis gehabt htten, kann nur der in Abrede stellen, der keine
Empfindung hat fr die Empfnglichkeit des noch unverbrauchten
osteuropischen Intellekts fr gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung
im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk.

Da militrisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht
abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem-- militrischen Denken zu
verbergen. Da man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben
wollte, das war die Ursache des Unglckes des deutschen Volkes. Niemand
wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag,
keinen Sinn hatte fr weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen
Notwendigkeiten etwas wute, dem war auch bekannt, wie die
englischsprechenden Vlker Persnlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche
durchschauten, was in den Volkskrften Mittel- und Osteuropas sich regte.
Man konnte wissen, wie solche Persnlichkeiten der berzeugung waren, in
Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mchtigen sozialen
Umwlzungen sich ausleben mu. In solchen Umwlzungen, von denen man
glaubte, da in den englisch sprechenden Gebieten fr sie weder schon
geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Mglichkeit vorlag. Auf
solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und
Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, da
sie wie ein Kartengebude zusammenstrzen mute. Nur eine Politik, die
auf die Einsicht gebaut gewesen wre, da man in englisch sprechenden
Gebieten grozgig, und ganz selbstverstndlich vom englischen
Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, htte Grund und
Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wre wohl besonders den
Diplomaten als etwas hchst berflssiges erschienen.

Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem htte auch fr Mittel- und
Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe fhren knnen
trotz der Grozgigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr
man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen.
Und whrend der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht,
da es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in
politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine
andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskrften dieses Europa heraus
geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten
Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als
geistiger Impuls Europas hineingetnt htte, wre eine Verstndigung
mglich gewesen. Jedes andere Verstndigungs-Gerede klang vor den
geschichtlichen Notwendigkeiten hohl.-- Aber der Sinn fr ein
Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben
liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhltnissen heraus an die
Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mute der Herbst
1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militrischen
Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens
in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europischem Wollen heraus
geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die
bloe Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson
vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch
Wilson ber seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland
nur in dem helfen, was es selbst will. Er mute doch eine Kundgebung dieses
Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges
kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation,
herbeigefhrt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas
wie eine letzte Hoffnung setzten.

Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Krften heraus;
Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhnge
sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht.
Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der
Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann
gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit,
so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse
sprechen eine Sprache, der gegenber die ganze zivilisierte Welt eine
Aufgabe hat. Soll das Denken ber dasjenige, was geschehen mu, heute
gegenber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die
mitteleuropische Politik fr ihre Aufgaben 1914 angekommen war?
Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten
abseits halten konnten: gegenber der sozialen Bewegung drfen sie es
nicht. Gegenber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es
keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende
Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr
Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.

Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind,
heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser
Ausfhrungen vor einiger Zeit verfat worden, und von einem Komitee, das
fr ihn Verstndnis gefat hat, der Welt, vor allem den mitteleuropischen
Vlkern mitgeteilt worden ist. Gegenwrtig sind andere Verhltnisse als zu
der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal
htte ihn die ffentliche Mitteilung ganz notwendig zur Literatur
gemacht. Heute mu die ffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm
vor kurzer Zeit noch nicht htte bringen knnen: verstehende Menschen, die
in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verstndnisses und der
Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch
solche Menschen entstehen.




Anhang

_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_


Sicher gefgt fr unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor
einem halben Jahrhundert aufgefhrten Reichsbau. Im August 1914 meinte es,
die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde
diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trmmer
blicken. Selbstbesinnung mu nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses
Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die
herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum
erwiesen. Wo liegen die Grnde dieses verhngnisvollen Irrtums? Diese Frage
mu Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben.
Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hngt
die Lebensmglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hngt davon
ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in
meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm
die Erkenntnis aufleuchten, da es vor einem halben Jahrhundert ein Reich
gegrndet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt
der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen.-- Das Reich war
gegrndet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemht, seine
inneren Lebensmglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte
Traditionen und neue Bedrfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu
bringen. Spter ging man dazu ber, die in materiellen Krften begrndete
uere Machtstellung zu festigen und zu vergrern. Damit verband man
Manahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen
Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als
Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein groes Ziel fehlte, wie es sich
htte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskrfte, denen die
neuere Menschheit sich zuwenden mu. So war das Reich in den
Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand
rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses
in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die
auerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen knnen, was
ihr die Meinung htte erwecken knnen: die Verwalter dieses Reiches
erfllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden
darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat
notwendig die Meinung in der auerdeutschen Welt erzeugt, die fr den
wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.

Unermelich vieles hngt nun fr das deutsche Volk an seiner unbefangenen
Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglck mte die Einsicht auftauchen,
welche sich in den letzten fnfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die
Stelle des kleinen Denkens ber die allernchsten Forderungen der Gegenwart
mte jetzt ein groer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die
Entwicklungskrfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen
strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhren mte der
kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten
unschdlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskrfte richten.
Aufhren mte die Anmaung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker
dnken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das
Unglck herbeigefhrt haben. Bercksichtigt mte werden, was die als
Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker ber die
Entwicklungsbedrfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.

Die Praktiker aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer
Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen
Forderungen innerhalb des Rahmens altberlieferter Denkgewohnheiten und
Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die
Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater
Initiative schien unmglich. berleitung des privaten Arbeitens in
gesellschaftliches drngte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen
Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser
Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprielich erschien.
Radikale berfhrung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das
Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen
Wirtschaftslebens an der Erhaltung der berkommenen Privatziele kein
Interesse hat.

Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren
Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames
zugrunde. Sie drngen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen
dabei auf die bernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat,
Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen
Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften
(z.B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen
entstanden sind, sondern die aus berlieferten Denkgewohnheiten heraus den
alten Formen nachgebildet sind.

Die Wahrheit ist, da keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten
gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen
will. Die Krfte der Zeit drngen nach der Erkenntnis einer sozialen
Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge fat, als was heute
gemeiniglich ins Auge gefat wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich
bisher zum grten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit
gebildet. Ihre Krfte mit vollem Bewutsein zu durchdringen, wird Aufgabe
der Zeit.

Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natrliche. Und wie der
natrliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge
besorgen mu, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme
notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen bernehmen kann, jedes
aber unter Wahrung seiner Selbstndigkeit mit den anderen zusammenwirken
mu.

Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbstndiges
Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Krften und Gesetzen sich
ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefge bringt, da
es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch
wirksamen, aufsaugen lt. Dieses politisch wirksame Glied mu vielmehr in
voller Selbstndigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im
natrlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr
heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, da beide
Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt
werden, sondern da jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die
lebendig zusammenwirken. Denn das politische System mu die Wirtschaft
vernichten, wenn es sie bernehmen will; und das wirtschaftliche System
verliert seine Lebenskrfte, wenn es politisch werden will.

Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus mu in voller
Selbstndigkeit und aus seinen eigenen Lebensmglichkeiten heraus gebildet
ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige
Anteil der beiden anderen Gebiete gehrt, der ihnen von dem mit eigener
gesetzmiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede
berliefert werden mu, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders
beeinflut werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen
eines natrlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.

Man kann schon heute das hier ber die Notwendigkeiten des sozialen
Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begrnden und
ausbauen. In diesen Ausfhrungen knnen nur die Richtlinien hingestellt
werden, fr alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen
wollen.

Die deutsche Reichsgrndung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten
an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht
verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese
Notwendigkeiten. Dieser Blick htte ihm nicht nur das rechte innere Gefge
gegeben; er htte seiner ueren Politik auch eine berechtigte Richtung
verliehen. Mit einer solchen Politik htte das deutsche Volk mit den
auerdeutschen Vlkern zusammenleben knnen.

Nun mte aus dem Unglck die Einsicht reifen. Man mte den Willen zum
mglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht
mehr da ist, mte der Auenwelt gegenbertreten, sondern ein _geistiges,
politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern mten als
selbstndige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_
Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der
drei Systeme zu einem unmglichen sozialen Gebilde gemacht hat.

Man hrt im Geiste die Praktiker, welche ber die Kompliziertheit des hier
Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, ber das Zusammenwirken dreier
Krperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen
Forderungen des Lebens wissen mgen, sondern alles nach den bequemen
Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen mu klar werden:
entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der
Wirklichkeit sich zu fgen, oder man wird vom Unglcke nichts gelernt
haben, sondern das herbeigefhrte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte
vermehren.

                                                 #Dr. Rudolf Steiner.#




Anmerkungen zur Transkription

  S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde gendert in
        "diese oder jene Einrichtung"
  S. 10: "mit dem ihm mglichen Antei "
         wurde gendert in
         "mit dem ihm mglichen Anteil"
  S. 11: "und  hrem Interesse heraus"
         wurde gendert in
         "und ihrem Interesse heraus"
  S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhngigen Verhltnis"
         wurde gendert in
         "die in dem vom Warenaustausch ganz unabhngigen Verhltnis"
  S. 53: "Da aber die geschicht ichen" wurde gendert in
         "Da aber die geschichtlichen"
  S. 55, Funote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde gendert in
                    "von der Wirtschaftsordnung"
  S. 88: "durch die aus freiem Verstndnis fr sie erfolgenden Vergtung"
         wurde gendert in
         "durch die aus freiem Verstndnis fr sie erfolgende Vergtung"
  S. 88: "da nach den allgemeinen W rtschaftsverhltnissen"
         wurde gendert in
         "da nach den allgemeinen Wirtschaftsverhltnissen"
  S. 97: "da es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde gendert in
         "da es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"
  S. 99, Funote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem"
                    wurde gendert in
                    "die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"
  S. 106: "Brest-Litowks" wurde gendert in "Brest-Litowsk"






End of the Project Gutenberg EBook of Die Kernpunkte der sozialen Frage in
den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, by Rudolf Steiner

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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