Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Nach Amerika! Dritter Band
       Ein Volksbuch

Author: Friedrich Gerstcker

Illustrator: Carl Reinhardt

Release Date: August 21, 2009 [EBook #29746]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***




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 Nach Amerika!




 Ein Volksbuch
 von
 Friedrich Gerstcker.
 Illustrirt von Carl Reinhardt.


 Dritter Band.


 Leipzig,
 Hermann Costenoble,
 Verlagsbuchhandlung

 Berlin,
 Rudolph Gaertner,
 Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.

 1855.




 Inhalt des dritten Bandes

 Die Mndung des Mississippi                 1
 New-Orleans                                37
 An Land                                    65
 Abschied der Passagiere                    93
 Der Mississippi                           123
 Leben an Bord des Dampfers                149
 Die Ufer des Mississippi und Ohio         180
 Die Farm in Indiana                       209
 Das deutsche Wirthshaus in New-Orleans    257




Capitel 1.

Die Mndung des Mississippi.


Die Brise wurde strker, und die Passagiere hatten bald alles Andere in
dem einen Gefhl der Landung vergessen. Das niedere Ufer, an dem sich
freilich noch immer keine Berge entdecken lieen, so viel auch die Leute
mit bewaffneten und unbewaffneten Augen danach sphten, trat dabei mehr
und mehr heraus. Dort lie sich schon die Einfahrt selbst unterscheiden,
wo der gewaltige Mississippi in den Golf von Mexico mndet, und ses
Wasser kam ihnen von da wieder aus dem Land ihrer Sehnsucht entgegen
-- ein Flu war es, der sie bald mit beiden Armen liebend umfangen
sollte, und die See, die weite de See lag hinter ihnen, wie ein
schwerer Traum.

Selbst die Cajtenpassagiere gingen jetzt ernstlich daran ihre Sachen zu
packen und sich auf eine baldige Landung vorzubereiten, und die Matrosen
waren unter der Leitung des Untersteuermanns emsig damit beschftigt
die beiden, auf der Back liegenden Anker klar zu machen, und die groe
mchtige Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett, und an
Deck auszulegen.

Die meisten der Zwischendeckspassagiere glnzten heute in ihrem
Sonntagsstaat, und selbst Steinert und Mehlmeier waren wie buntfarbige
Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas unscheinbaren und schmutzigen
Verpuppung hervorgegangen. Steinert besonders war das Erstaunen der
brigen Passagiere, obgleich sie die Verwandlung hatten Stck fr
Stck vor sich gehen sehn. Er trug vor allen Dingen ein schneeweies
geplttetes Hemd, das er sich fr diesen Moment besonders aufgespart,
dann eben solche Hosen mit Strippen, spiegelblank gewichste Stiefeln,
eine sehr buntfarbige helle Piquweste mit rothen Glasknpfen, einen
blauen Frack mit blanken Metallknpfen, eine sehr dicke blau- und
rothseidene Cravatte mit entsprechenden Vatermrdern, und einen hchst
modernen, sorgfltig gebrsteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur
manchmal abnahm, sich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel anzusehn,
dann die steinbesetzten Hemdknpfchen ein wenig mehr zurecht rckte, die
goldene Uhrkette mit dem groen Carniol als letzte Vollkommenheit etwas
weiter herauszog, und schlielich vollstndig mit sich zufrieden war.

Die Frauen und Mdchen kicherten mit einander -- das Begrbni war
lange vergessen -- und manche der Mnner amsirten sich gerade so ber
ihn, wie sie sich vorher ber den improvisirten Handwerksburschen
gefreut hatten. Steinert aber schien mit dem blauen Frack auch einen
vollkommen neuen Menschen angezogen, und seine frhere Gesellschaft von
sich geschttelt zu haben, denn er sprach, Mehlmeier ausgenommen, mit
Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und ungeduldig nach dem
Quarterdeck hinber werfend, als ob er dort Jemanden suche oder erwarte,
mit raschen Schritten den Gangweg zu luvwrts auf und ab. Der Einzige
der ihn dabei rgerte war Maulbeere.

#A la bonheur# Herr Steinert sagte dieser, als er ihm zuerst in
solchem Glanz und Schmuck begegnete -- _sehre_ schn -- ganz auer
ordentlich sehre schn.

Lieber Maulbeere lassen Sie mich zufrieden, ich habe Nichts mit Ihnen
zu thun sagte Steinert, und drehte sich von ihm ab.

Ne wahrhaftig Herr Steinert sagte aber Maulbeere in hchstem Ernst,
und mit beruhigender Handbewegung, das thut kranken Augen ordentlich
wohl Sie nur anzuschauen -- und das feine Tuch zum Frack -- wie Sammet.

Rhren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf rief aber jetzt der
Weinreisende, ernstlich bse gemacht, als der Scheerenschleifer, der
heute womglich noch struppiger und ungewaschener aussah wie je, mit dem
Zeige- und dritten Finger der rechten Hand vorsichtig und bewundernd an
dem linken rmel des ihn eben wieder Passirenden niederstrich.

Bitte tausendmal um Entschuldigung sagte Maulbeere aber in spttischer
Devotion, rasch und erschreckt den Arm zurckziehend -- hatte keine
Idee da es abfrbte. -- Und die schne Uhrkette -- ist doch
vortrefflich gearbeitet, sieht genau so aus als ob es wirkliches Gold
wre -- ja das machen sie jetzt famos.

Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem fatalen Menschen den
Platz rumend, auf den anderen Gangweg hinber, seinen Spatziergang
fortzusetzen; Maulbeere aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen,
kroch und kletterte auf Hnden und Fen, wie ein groer ungeschlachter
Orang Utang dem er in diesem Augenblick merkwrdig hnlich sah, ebenfalls
auf die andere Seite hinber, glitt dort auf eines der Wasserfsser,
wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde gelegen hatte und fuhr, als
Steinert jetzt wieder an ihm vorber mute, ganz unbefangen in seinen
drben begonnenen Bemerkungen fort.

Strupfen sind freilich unbequem unter den Hosen an Bord -- platzen
leicht wenn man sich bckt, aber hbsch sehn die Beine damit aus
-- schade da Sie etwas eingebogene Knie haben.

Steinert mute seinen Spatziergang aufgeben; denn von den brigen
Passagieren sammelten sich schon Manche, die schadenfroh die Bemerkungen
des alten Maulbeere mit anhrten, und auch laut darber lachten.

Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, seine graue Reisemtze
fest in die Stirn gezogen, den Rock bis oben hin zugeknpft, und die
rechte Hand vorn in der Brust, die linke auf dem Rcken liegend, allein
und mit seinen eigenen Gedanken beschftigt auf und ab, und Steinert,
der auf ihn gewartet zu haben schien, erstieg mit raschen Schritten den
ihm verbotenen Platz.

Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten aus der Cajte, sah
den Zwischendeckspassagier auf dem geheiligten Boden der Cajte, und
frug ziemlich kurz angebunden den sich zierlich gegen ihn Verbeugenden,
ohne den Gru auch nur mit einem Blick zu erwiedern:

Wen suchen Sie?

Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu reden, Herr
Capitain sagte Steinert, den seine gewohnte Zuversichtlichkeit, dem
stets ernsten und strengen Capitain gegenber doch in etwas verlie,
noch dazu da er wute, da er sich auf verbotenem Grund befand, ungemein
artig und zuvorkommend.

Mit Herrn Henkel?

Ja wohl Herr Capitain.

Henkel hob, als er seinen Namen hrte, rasch den Kopf und fixirte
den in der neuen Kleidung nicht gleich Erkannten scharf und
mitrauisch. Der Capitain gab brigens dem gar so stattlich angezogenen
Zwischendeckspassagier, wenn auch nicht gerade mit eben freundlichem
Gesichte Raum, und dieser kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu
und sagte verbindlich:

Herr Henkel, ich habe schon lange nach dem Vergngen getrachtet Ihre
werthe persnliche Bekanntschaft machen zu drfen -- Convenienzen die
uns bis jetzt getrennt haben, wissen Sie -- hatte auch keine Ahnung
dabei da die Schiffsordnung so streng sei -- D'rum prfe wer sich
ewig bindet -- wrde sonst jedenfalls selber Cajtspassage genommen
haben. Doch das ist jetzt zu spt, und da wir nun dem Lande der
Gleichheit und allgemeinen Freiheit so nahe sind, ja uns eigentlich
nach vlkerrechtlichen Grundstzen auf deren Gebiet #quasi# Ankergrund
befinden, habe ich mir die Privatfreiheit genommen -- wenn ich Sie nicht
stre, heit das -- Ihre Zeit, wenn auch nur fr wenige Minuten zu
beanspruchen -- die Zeit ist kurz die Reu ist lang.

Womit kann ich Ihnen dienen? sagte Henkel mit einer leisen wie
zustimmenden Verbeugung -- Sie sehen da ich jetzt nicht beschftigt
bin -- darf ich Ihnen einen Sitz anbieten?

Bitte sagte Steinert, und lie sich ohne weiteres auf der nchsten
Bank nieder, whrend Henkel vor ihm, an die eiserne Railing gelehnt,
stehen blieb. Was mich hierher treibt zu Ihnen? fuhr Steinert endlich
fort, nachdem er den ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere
Hand genommen, und immer vergebens gesucht hatte ihn in die richtige
Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben sich auf die Bank stellte
-- ist der Wunsch etwas Gediegenes, Wahres ber das Land zu hren, dem
wir uns jetzt, von den Flgeln des Windes getragen, nhern; Eilende
Wolken wissen Sie wohl, Segler der Lfte. Sie kennen es von eigener
Anschauung, Sie vor Allen scheinen mir auch, Ihrem ganzen uern nach
der Mann zu sein, der im Stande ist ein richtiges und allgemeines
Urtheil zu fllen, und um das komme ich, Sie zu ersuchen.

Und in welchem Fach? frug Henkel, einen leichten Seufzer dabei
unterdrckend, aber sich doch mit einer gewissen Geduld der langweiligen
Einleitung fgend; von Hopfgarten war indessen ebenfalls an Deck
gekommen, und ging hinter ihnen langsam auf und ab -- fr welchen
Geschftszweig wnschen Sie --

Erlauben Sie mir fiel ihm aber Steinert rasch in's Wort, da ich
Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung vorausschicke, eine Bemerkung
die Sie berzeugen mag, wie ich nicht eben in das Blaue hinein einen
Plan zur Auswanderung gefat, sondern mich ziemlich genau nach Allem
erkundigt, und besonders Alles gelesen habe, was je darber geschrieben
worden. Amerika ist ein Land wo Einem die gebratenen Tauben _nicht_
in's Maul fliegen, so viel steht fest, das ist Thatsache, und Sie mgen
deshalb versichert sein, da ich nicht mit extravaganten Erwartungen,
unmglich zu erfllenden Hoffnungen etc. hinbergehe -- ankomme,
knnte man jetzt fast sagen. Meine frheren Schicksale knnen Ihnen
gleichgltig sein -- weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das
verlass'ne Glck -- es ist vorbei, und ich mu Ihnen jetzt nur vor
allen Dingen sagen da ich Kaufmann bin, und es fr vortheilhaft halten
wrde eine kurze Zeit erst, ehe ich mich selbststndig etablirte, in
irgend eine Condition zu treten, sei es auch nur auf zwei oder drei
Monat, die Verhltnisse dort vor allen Dingen durch Augenschein genau
kennen zu lernen.

Conditionen begann Henkel, als ihm der Weinreisende wieder in die Rede
fiel:

Sind vielleicht nicht so ganz leicht gleich zu bekommen, ja das glaub
ich; auch das habe ich schon mehrfach gelesen; aber wissen Sie, ich bin
auch zugleich _Geschftsmann_, und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht
zu sagen da Amerika gerade das Land der wirklichen Geschftsleute ist
-- Sie wissen das ja am besten aus eigener Erfahrung. brigens stehe ich
auch noch mit dem Haus fr das ich in Deutschland gereist bin: Schwartz
und Pelzer, eines der bedeutendsten Huser in Frankfurt in selbst intimer
Verbindung. Der Mensch mu so viel Eisen als mglich im Feuer haben,
wenn er in dieser Welt reussiren will, und ich habe es fr zweckmig
gehalten keine Brcke hinter mir abzubrechen, so lange ich sie mit
Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden mir darin Recht geben
Herr Henkel. Auch darber sind Sie vielleicht im Stande mir Auskunft zu
ertheilen, verehrter Herr, ob und wiefern ich auf einen Absatz in diesem
Geschft, wenn alle brigen Stricke rissen, und gnstigen Erfolg wohl
rechnen knnte.

Um deutsche Weine in Amerika zu verkaufen? frug Henkel.

Allerdings -- freilich kann ich mir denken fuhr Steinert rasch fort,
ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten Antwort zu geben, da der
amerikanische Markt zu Zeiten mit solchen Vorrthen berfllt sein mag,
denn es werden enorme Massen von Wein auch wohl von anderen Lndern
hinbergeschickt, _gute_ Waare hlt aber doch, wie ich _Ihnen_ nicht
zu sagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erst einmal merken
da sie prompt und reell bedient werden, dann sind sie gar nicht mehr
wegzutreiben aus der Kundschaft; ich habe darber unendlich viel
Erfahrungen gesammelt, in meinem Leben, und Sie sind darin gewi ganz
meiner Meinung. brigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an
sehr bedeutende Huser in New-Orleans; glauben Sie nicht da _die_ mit
etwas ntzen knnen? -- Ich baue nicht etwa zu viel, oder gar einzig und
allein darauf, fuhr er dabei rasch fort, als ob er frchte da ihm Herr
Henkel die Hoffnung ber den Haufen werfen knne, und ehe dieser auch
nur im Stande war eine Sylbe darauf zu erwiedern -- _selbst_ ist der
Mann und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe trgt ist immer die
Beste, und man kann sich am Festesten auf sie verlassen, aber jedenfalls
sind es doch immer Einfhrungen in gute Huser -- so zu sagen gestempelte
Visitenkarten. Ein Freund von mir hat zum Beispiel eine brillante
Parthie, nur durch solch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er
mute zwar seine Braut -- seine jetzige Frau -- entfhren und die Eltern
waren auer sich darber -- haben die Tochter auch enterbt, aber was
wollen Eltern in einem solchen Fall machen, wenn der Priester erst
einmal seinen Segen darber gesprochen hat -- dann ist die Geschichte
aus, und das Klgste was sie thun knnen ist, da sie ebenso thun als ob
sie selber damit zufrieden wren. -- O zarte Sehnsucht ses Hoffen; der
ersten Liebe goldne Zeit --

Aber Sie wnschten, soviel ich verstanden habe, irgend etwas Specielles
ber Amerika zu erfahren sagte Henkel, dem das Gesprch mit dem Mann
anfing unbequem zu werden.

Allerdings, mein verehrter Herr Henkel sagte Steinert, einen
flchtigen Blick in den Hut werfend, ob seine Frisur auch noch nicht
durch den Wind gelitten habe -- ich mchte ungemein gern einen Blick in
das Verhltni thun, in dem in Amerika der Commis z. B. zu seinem
Principal, und die Geschftswelt im Allgemeinen zu der politischen Welt,
von einem rein menschlichen Standpunkte aus genommen, steht. -- Ich mu
Ihnen dabei voraus bemerken setzte er wieder rasch hinzu, als er sah
da Henkel etwas darauf antworten wollte, da ich schon von einem dort
lebenden Freund einige sehr werthvolle Briefe ber Amerika besitze, in
denen er mir das dortige Leben flchtig -- mehr allerdings in Anekdoten
die in unser Fach schlagen -- schildert. Es ist aber Nichts gefhrlicher
als sich auf einseitige Urtheile, die doch immer hie und da durch ein
gewisses Verhltni bestimmt sein knnen, zu verlassen, und ich habe mir
deshalb besonders die Freiheit genommen Sie aufzusuchen. Glauben Sie
brigens nicht fuhr er ohne weiteres fort, da ich, wie viele meiner
Landsleute, den hchsten Werth gerade in jene so oft herausgehobene
Gleichheit der Amerikanischen Brger setze -- ich wei recht gut da ein
allgemeiner Leiter des Geschftes nicht allein unbedingt nthig, sondern
auch fr die Engagirten hchst angenehm und bequem ist; der vernnftige
Mann fgt sich dabei leicht in das, was ihm selber als nothwendig
erscheint, aber gerade diese Gleichberechtigung des einen Standes selbst
der hchsten Aristokratie gegenber, hat doch auch wieder, wie sich
nicht leugnen lt, etwas sehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber
natrlich, wie Sie gewi auch der Meinung sind, unter keinen Umstnden
gemisbraucht werden.

Allerdings sagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte irgend etwas
Selbstndiges zu uern, und den Mann eben ausreden lie.

Das steht also auch fest sagte Steinert, mit einer verbindlichen
Verbeugung fr die Anerkennung, da eben unser Stand, der uns die
freie Bewegung nach allen Seiten lt, einer der angenehmsten im ganzen
weiten Reiche sein mte, und man, wenn man nicht gerade mit zu groen
Erwartungen hinber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine
Enttuschungen gefat ist, eines ziemlich sicheren Erfolges, natrlich
den einzelnen Fhigkeiten entsprechend, auch gewi sein knne, nicht
wahr? -- Ich versichere Sie, Herr Henkel, da es mir eine groe
Beruhigung gewhrt, diese Ansicht auch von Ihnen, der das Land doch
durch und durch kennt, vertreten zu sehn, und ich bin Ihnen in der That
ungemein verpflichtet, verehrter Herr, fr Ihre gtige Bereitwilligkeit,
mir darin Auskunft zu geben.

Wenn Ihnen das Wenige gengt sagte Henkel, der trotz seiner sonst
ernsten Stimmung doch ein Lcheln nicht verbergen konnte, indem er sich
von der Railing, an der er gelehnt, aufrichtete.

Oh bitte rief aber Steinert, guter Rath kommt oft vor guter That,
und wer nur ein wenig Auffassungsgabe hat, fr den ist ein Wink soviel,
wie eine ganze Predigt fr einen minder Begabten. Entschuldigen Sie nur
da ich Sie vielleicht inde von einer angenehmeren Beschftigung
abgehalten habe.

Er war indessen ebenfalls aufgestanden und, seinen Hut in der Hand, im
Begriff das Quarterdeck wieder zu verlassen.

Ganz und gar nicht sagte Henkel, froh so billigen Kaufs davongekommen
zu sein, setzte aber mit leiser Ironie im Ton, die jedoch an Steinert
gnzlich verloren ging, hinzu -- und wenn Sie wieder eine Auskunft
wnschen sollten, die ich im Stande wre Ihnen zu geben, so stehe ich
mit Vergngen zu Diensten.

Zu gtig -- zu gtig in der That sagte der Weinreisende, seinen Hut in
der Hand herumdrehend, aber -- aber _eine_ Frage mchte ich mir doch
noch, und zwar mehr vom particularistischen Standpunkte aus erlauben.
Sie sind in New-Orleans ansssig, mein verehrter Herr Henkel?

Allerdings.

Werden sich dort etabliren?

 -- Ja.

Drfte ich mir in dem Fall erlauben sagte Herr Steinert, indem er
seinen Hut unter den linken Arm drckte und seine Brieftasche aus der
linken Brusttasche nahm, Ihnen unser Haus, in allen Arten von feinen
und leichten Rheinweinen, Rheinischen Champagnern und Pflzer Weinen zu
empfehlen -- hier die Adresse mit Preiscourant und der Versicherung
billiger, rascher und prompter Bedienung.

Aber ich wei nicht ob ich --

Bitte unterbrach ihn Steinert rasch, ist auch fr den Augenblick gar
nicht nthig -- fr spter vielleicht -- ist auch nicht etwa des Nutzens
wegen, verehrter Herr, nur wirklich der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen
in eine angenehme Geschftsverbindung zu treten. Ich bin auch dabei so
von der Soliditt unseres Hauses berzeugt, da ich in diesem Augenblick
wirklich nicht wei Ihnen meine Dankbarkeit auf eine bessere und
wrdigere Weise dazuthun. 'Werde mir dann schon die Freude machen Sie in
New-Orleans wieder aufzusuchen, wozu ich Sie noch ersuchen mchte, mir
geflligst Ihre dortige Adresse zukommen zu lassen.

Meine Adresse? sagte Henkel, den Mann indessen einige Secunden scharf
fixirend -- schn -- ich werde Ihnen meine Adresse geben. Sie ist fr
die ersten Tage im St. Charles Hotel -- sollte ich da ausgegangen sein,
bin ich bei diesem Herrn -- er nahm zugleich eine Karte aus seiner
eigenen Brieftasche -- zu erfragen. Es ist nicht unmglich da wir ein
Geschft zusammen machen.

Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet sagte Steinert, nun
erlauben Sie aber da ich mich entferne setzte er dann mit etwas
leiserer Stimme und einem Seitenblick auf den, immer noch unfern davon
stehenden Capitain hinzu, denn der alte Seearistokrat dort wird schon
ungeduldig ber mein langes Hierobensein -- #eh bien#, wir kommen bald
an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges Quarterdeck ist, und der
Unterschied der Stnde fllt, bis dahin, mein bester Herr Henkel, habe
ich die Ehre mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen und zeichne mich
indessen als Ihr ergebenster Adalbert Steinert.

Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Henkel in der Mitte,
mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain an den Flanken zugleich
einschlo, verlie er das Quarterdeck und stieg wieder in sein
Territorium hinab, wo er aber noch nicht drei Schritte gethan, als er
schon wieder von Maulbeere, der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben
mute, begrt wurde.

Nun, Herr Steinert, schon Geschfte gemacht auf Amerikanischem Grund
und Boden -- das ist recht, die stolzen Burschen, die sich mit uns
Zwischendeckspassagieren nicht abgeben wollten, mssen mit saueren
Weinen angeschmiert werden; darin liegt Charakter.

Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anzglichkeiten.

Ne wahrhaftig sagte aber der unverwstliche Scheerenschleifer, das
geschieht ihnen ganz recht, und ich wnsche den Hochnasen nichts
Besseres, als da sie _Ihnen_ in die Klauen fallen.

Steinert setzte seinen Hut auf, steckte die rechte Hand vorn in die
Brust, und ging, einen verchtlichen Blick auf den Scheerenschleifer
schleudernd, nach vorn.

Nu Gott sei Dank sagte der Capitain, als der Zwischendeckspassagier
das Quarterdeck verlassen hatte, zu Henkel tretend, der hatte aber ein
Maulwerk am Kopf; das ging ja wie geschmiert. Ich glaube der knnte
Einen in einem halben Tage todt reden.

Die Aufschlsse die Sie ihm ertheilten, waren in der That werthvoll
lachte aber auch von Hopfgarten, zu den Beiden tretend -- es wunderte
mich nur da Sie ihm Ihre Karte gaben.

Um ihn los zu werden sagte Henkel -- brigens setzte er mit einem
leichten Lcheln hinzu, war es nicht _meine_ Karte, sondern eine fremde
die ich zuflliger Weise bei mir hatte -- er wird mich in New-Orleans
nicht geniren.

Hahahaha, das ist prchtig lachte von Hopfgarten, das ist eine famose
Ausflucht; der wird schn schimpfen.

Da kommt unser Lootse! rief in diesem Augenblick der Capitain, der das
Glas genommen und ein paar Secunden damit nach dem Land hinbergeschaut
hatte, das sich noch immer vor ihnen hinzog und keinen Hgel, kein
Landhaus verrathen wollte. Flach und de zog sich der schmale Streifen
am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher der Capitain
deutete, lie sich eine kleine Wolke leichten Qualms erkennen, die
zuerst wie ber dem flachen Lande lag, und dann, als der Blick der
Passagiere fester darauf haftete, sich zu bewegen, und nher zu kommen
schien.

Herr von Hopfgarten war indessen rasch in die Cajte hinab
gestiegen, den Damen zu melden da das Lootsenschiff, wozu in den
Mississippimndungen meist Schleppdampfer gebraucht werden, in Sicht
kme, und die Zwischendeckspassagiere, die aus dem Leben auf dem
Quarterdeck wohl gemerkt hatten da irgend etwas Auerordentliches
vorgehe -- wenn sie auch noch nicht herausbekommen konnten was,
kletterten wieder in die Wanten und auf alle einigermaen hohe Stellen
an Bord, nach der Richtung hin, wohin die Fernrhre des Capitains und
der Cajtspassagiere gerichtet waren, zu entdecken was etwa in Sicht
kme.

ber den Dampfer, dessen Rauch sich bald mit bloen Augen erkennen lie,
sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, denn er kam merklich
nher. Deutlich lieen sich schon die Umrisse seines oberen Decks,
bald sogar einzelne Gestalten an Bord unterscheiden, und die wehende
Bremer Flagge an der Gaffel der Haidschnucke wurde jetzt kaum mit
dem antwortenden Signal des Lootsen, den Amerikanischen Sternen und
Streifen[1] begrt, als lauter Jubel an Bord des Auswandererschiffes
losbrach, und ein donnerndes, wieder und wieder erneutes Hurrah den
Farben des neugewonnenen Vaterlands entgegenjauchzte.

Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gefhl des endlich erreichten
Zieles, fr das ihnen der Amerikanische Lootsendampfer volle Brgschaft
leistete, vergessen; Jeder hatte nur Augen und Gedanken fr das
heranbrausende Dampfschiff, dessen Rder sie jetzt schon ber das stille
Wasser des Golfes konnten arbeiten hren, dessen einzelne Matrosen sie
an Bord erkannten, und wie es sie endlich erreicht, einen engen Kreis
um sie beschrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der Amerikanische
Capitain, der auf dem Radkasten seines Fahrzeugs mit dem Sprachrohr in
der Hand stand, seinen Anruf herberschrie, da brach sich der Jubel von
Neuem Bahn, und der Amerikaner, der sein Sprachrohr erstaunt absetzte,
sah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte sich dann nach
seinem Steuermann um und lachte. Die Matrosen an Bord des Schleppdampfers
glaubten aber indessen den Gru ebenfalls erwiedern zu mssen, und
antworteten, whrend die beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt
Entfernung neben einander hinliefen, mit drei krftigen #Hip hip hip
hurrahs!# das auf der Haidschnucke wieder sein Echo fand.

Ehe sich das Geschrei legte lie sich natrlich an ein gegenseitiges
Verstndni nicht denken, den ersten Ruhepunkt aber benutzend, setzte
der Amerikaner wieder das Rohr an die Lippen, und der, dem Laien zum
ersten Mal gewi unverstndliche Seeruf, der durch den wunderlich
drhnenden Schall des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, tnte
herber.

#Where do you hail from?#[2]

Nun hatte aber Steinert, besonders in der letzten Zeit, nicht allein
unter seinen nheren Bekannten, sondern auch im Zwischendeck berhaupt,
viel mit seiner Kenntni der Englischen Sprache geprahlt, die ihm
dort allerdings von keinem bestritten werden konnte oder wurde. Diesen
Anruf hielt er aber fr eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete
Hflichkeitsformel, die er nicht glaubte unbenutzt vorbergehn lassen zu
drfen, ohn seine Kenntnisse zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Capitain,
der jetzt ebenfalls auf seinem Quarterdeck mit der Sprechtrompete in
der Hand stand, auch nur das Geringste darauf erwiedern konnte, sprang
er auf die, an der Railing befestigte Nothspieren, hielt beide Hnde
trichterfrmig an die Lippen, und schrie in hchst mittelmigem
fremdartigen Englisch:

Danke Ihnen Herr Capitain -- wir sind Alle wohl!

Halten Sie's Maul davorne! brllte aber Capitain Siebelt auf's
uerste indignirt, als er einen Zwischendeckspassagier in sein Geschft
hineinfallen hrte, whrend der Amerikaner erstaunt dorthin sah von
woher die unverstndliche Stimme tnte, und von wo aus er allerdings
keine Antwort erwartet haben konnte.

Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man antworten rief aber
Steinert, der hier in seinem guten Recht zu sein glaubte und sich
als freier Amerikanischer Brger zurckgesetzt und beleidigt fhlte
-- brigens verbitte ich mir alle Anzglichkeiten.

#Where do you hail from!# tnte aber des Amerikaners Ruf noch einmal
herber.

Ich wrde mich noch einmal bei ihm bedanken, Herr Steinert sagte
Maulbeere, der seine innige Freude an dem Zwischenfall gehabt,
ermunternd; er wird Sie wahrscheinlich nicht verstanden haben.

Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath -- den er in dem sehr
gegrndeten Verdacht hatte, _sein_ Bestes eben nicht zu wollen, zu
folgen, und Capitain Siebelt konnte die nthigen Antworten auf diese,
wie die spteren Fragen: wie lange Reise? -- Alles wohl an Bord?
gehrig beantworten.

Der schnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf sie zu und Matrosen
sprangen an Bord der Haidschnucke mit bereit gehaltenen Tauen hin, sie
in Wurfs Nhe an Deck des Schleppschiffs zu schleudern, whrend sie dort
rasch aufgefangen und befestigt wurden. Die Zwischendeckspassagiere, die
jetzt natrlich berall im Wege standen, stie man dabei bald hier bald
da zur Seite, aber sie lieen sich heute Alles gefallen, war doch das
Schiffsleben berhaupt bald berstanden, und das hier nur noch eine
kleine, leicht zu ertragende Unbequemlichkeit, fr die sie in wenigen
Stunden -- sie zhlten nicht einmal mehr nach Tagen -- das ganze
Amerikanische Reich entschdigen sollte.

Festgeschnrt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dampfers lag jetzt
das Segelschiff, das ihnen noch nie so gro erschienen war wie in diesem
Augenblick; alle Segel schlugen aber, in ihren Schoten gelst, an den
Raaen, und an den Tauen hingen die Matrosen sie aufzugeyen, whrend ein
Theil schon wie Katzen an den steilen Wanten emporkletterte und an den
Raaen hinauslief, die Segel berhaupt vollstndig einzuziehn und
festzuschnren auf ihren Hlzern.

Der Wind war inde, wie die Seeleute sagen, fast vollstndig
eingeschlafen, und die Hitze schwl und drckend, nichts destoweniger
setzte das Schiff mit Hlfe des Dampfers, seine Fahrt weit rascher, als
sie die letzten Tage zu segeln gewohnt gewesen waren, fort, und die
Kste, oder das wenigstens was sie bis jetzt fr festes Land gehalten,
rckte ihnen rasch nher. Das aber was ihnen bis dahin eine weite grne
Wiesenflche geschienen, auf der sie, freilich umsonst, nach grasenden
Heerden umhergesucht, zeigte sich jetzt, wie sie es endlich erreichten,
als ein weiter trauriger Schilfbruch, dessen dunkelgrne schlanke
Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden schmutziggelben Fluth des
mchtigen Mississippi, dessen untere Ufer sie bildeten, herausschauten,
und in der starken Strmung zitterten und schwankten.

_Das_ ist Amerika? rief da eine der Frauen, die mit vorn auf der Back
stand, und deren Blicke bis dahin nur ngstlich und erwartungsvoll an
dem nher und nher kommenden Lande gehangen -- lieber Gott, da kann
man ja nicht einmal an's Ufer gehn. Manche der brigen Passagiere
schauten jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr so zuversichtlichen Mienen
als sie noch an dem Morgen gezeigt, auf die wste Flche von Schilf und
Wasser hinaus, die sie schon zur rechten und linken Seite umgab, und,
der Aussage des zweiten Steuermanns nach, das _Ufer_ des Mississippi
bildete. Es war ein beengendes erdrckendes Gefhl das sie erfate
-- die _erste_ getuschte Hoffnung in dem neuen Land, das sie sich mit
allem Zauber sdlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig
ausgeschmckt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein stehender endloser
Sumpf begann.

Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menschen? riefen Andere aus
-- hier kann man ja doch nicht leben in Wasser und Schilf? --

Dort sind Huser -- dort hinten -- wo? -- dort wo der dunkelgrne Streif
hinaufluft und die Sonne auf das Wasser blitzt; gleich rechts davorn.
Ja wahrhaftig -- da stehn Huser -- das ist New-Orleans! riefen und
flsterten zaghafte Stimmen durcheinander und Steinert selbst war
auf einmal ungemein kleinlaut geworden, und sa, mit auf den Knieen
gefalteten Hnden vorn auf dem Bugspriet die ihn umgebende Scenerie
schweigend zu betrachten.

Das New-Orleans? -- Unsinn lachten aber einige der Matrosen, die
jene Bemerkung gehrt, und schon frher einmal die Knigin des Sdens
-- wie New-Orleans von den Amerikanern genannt wird, besucht hatten
-- das ist hier nur eine der Mndungen des Mississippi und die Huser
dort sind La Balize; das hohe Land aber liegt weiter oben.

_Weiter oben_ das war ein neuer Hoffnungsstrahl in die Nacht des
Zweifels, der die armen Auswanderer eben zu erfassen drohte -- weiter
oben. Aber noch immer lieen sich keine Berge erkennen; die de Flche
schien sich viele viele Meilen weit auszudehnen und der Flu wlzte trb
und reiend seine schmutzige Fluth an ihnen vorber.

Dort liegt ein Schiff -- dort noch eins -- ging jetzt der Ruf ber
Deck, ha dort oben kommen eine ganze Menge -- ich kann die Masten
erkennen zeigten Einzelne den Anderen ihre Entdeckung. _Die_ kamen _von
oben_ herab, ja _die_ wuten wie es dort aussah, und mit einer gewissen
Ehrfurcht hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umrisse sie
noch nicht einmal deutlich unterscheiden konnten.

Bis sie aber die immer deutlicher werdenden Huser erreichten, wollten
manche der Zwischendeckspassagiere gern von den Matrosen, die schon
erklrt hatten da sie in New-Orleans gewesen waren, etwas Nheres ber
die Stadt und deren Umgegend wissen; die Leute waren aber viel zu sehr
beschftigt ihren Fragen Rede stehn zu knnen, und sie muten sich
zuletzt darein finden eben abzuwarten, wie sich ihnen die Stadt selber
zeigen wrde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr dauern.

Ziemlich langsam gegen die starke Strmung rckten sie indessen
vorwrts, die schon in Sicht gekommenen Gebude, in den Windungen des
Flusses bald rechts bald links lassend, und erreichten endlich den Platz
wo eine Anzahl hlzerner Gebude auf Pfhlen, und nur von Schilf und
Schlammwasser umgeben mitten in diesem entsetzlichen Sumpfe standen und
in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter sich verbunden
waren.

Die Lootsendorf, die sogenannte Balize, bot in der That einen traurigen
Anblick, und man begriff nicht wie Menschen dort berhaupt existiren
konnten. Die weite Flche der See selbst that dem Auge, in Vergleich
mit dem den Sumpfe wohl, der sich hier nach Norden, Osten und Westen
ausdehnte, und die Passagiere erschraken als die Glocke des Dampfschiffs
lutete, denn sie frchteten jetzt das, was sie noch an dem Morgen so
hei ersehnt -- gelandet zu werden. Das Signal galt aber einem, noch
eine kleine Strecke weiter oben liegenden Segelschiff, das jetzt seine
Flagge aufhite und zur Freude der Auswanderer die Hamburger Farben
zeigte. Dort waren halbe Reise- und ganze Leidensgefhrten, und als die
Haidschnucke, mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Hamburger
Schiffe nher kam, grte sie von dort, wie sie erst selber den Amerikaner
bewillkommt, ein donnerndes Hurrah, das sie allerdings, aber lange nicht
mehr so krftig wie heute frh, beantworteten.

Sie erfuhren jetzt auch, da der Dampfer das andere deutsche Schiff
ebenfalls in's Schlepptau nehmen wrde, aber sie freuten sich nicht
besonders darber, denn nicht mit Unrecht frchteten sie dadurch nur
soviel langsamer von der Stelle zu rcken. Das kmmerte jedoch den
Amerikaner wenig, der sich fr die Fahrt den doppelten Verdienst
natrlich nicht entgehen lie, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es
hie, erst hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites
aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New-Orleans hinauf zog.

Der Hamburger hatte inde, unter dem lauten taktmigen Singen der
Matrosen, seinen Anker aufgeholt, als der Dampfer an ihn hinanlief und
ihn an den anderen Bug nahm, die Taue wurden befestigt, wie sie frher
an der Haidschnucke befestigt waren, und wenige Minuten spter schnaubt
das kleine aber krftige Boot mit seiner doppelten Last, aber nicht viel
langsamer als vorher, den mchtigen Strom hinauf.

Die Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke hatten nun allerdings
nichts Eiligeres zu thun als einen Versuch zu machen, von ihrem Schiff
hinunter, ber das Dampfboot hinweg, an Bord des Landsmannes zu klettern,
und dort Bekanntschaft mit dessen Passagieren zu machen. Darin sollten
sie sich aber getuscht sehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen
nicht allein auf das Entschiedenste, sondern die Wacht des Dampfers
selber hatte strenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck oder hinber
zu lassen, und weder Bitten noch Protestiren half, die Capitaine
zu einer nderung der Maanahme zu bewegen. Die angegebene Ursache
war nicht allein Unordnung zu vermeiden, sondern auch ihren eignen
Schiffahrtsgesetzen nachzukommen, nach denen sie keine Communication
mit fremden Schiffen, ehe sie den Hafen erreicht htten, unterhalten
durften.

Das aber verhinderte Steinert nicht eine sehr lebhafte, und natrlich
auerordentlich laut gefhrte Unterhaltung von der Back der Haidschnucke
aus, mit einigen Passagieren des Orinoko, ber das Dampfschiff weg,
anzuknpfen, sich nach Zeit der Abfahrt und Erlebnissen der Reise zu
erkundigen, und seine einzelnen Ansichten ber die Haidschnucke, die
nicht immer zu Gunsten derselben ausfielen, einzutauschen. Andere
schlossen sich dem an, und die Conversation, von allen hohen Theilen des
Schiffs und selbst den Wanten und Marsen ausgefhrt, wurde bald
allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome selbst diesem ein Ende
machte.

Schon seit einiger Zeit hatte ein Theil der Passagiere _Bume_ wirkliche
Bume voraus entdeckt, denn das einzige was sich ihnen bis jetzt an
Vegetation auer dem Schilf und alten eingeschwemmten und versenkten
Baumstmmen gezeigt hatte, waren nur niedere Weidenbsche gewesen, und
wie sie jene erreichten sahen sie auch den ersten festen Boden aus der
gelben Fluth hervorragen.

Da ist Land -- da ist Land! jubelte es in dem Augenblick vom Deck,
als ob die Leute in der That geglaubt htten da Amerika im Wasser
liege -- da sind Bume, da ist Gras. Hurrah fr Amerika.

Hurrah fr Amerika! jauchzte das Schiff nach und die Matrosen des
Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den ihrer eignen Heimath
gebrachten Jubelruf mit einzustimmen.

Es war indessen ziemlich spt am Tag geworden; whrend das Ufer aber zu
beiden Seiten einen festeren Charakter annahm, mit hohen Bumen besetzt
und nur noch hie und da von Schilf durchwachsen, lieen sich noch immer
keine menschlichen Wohnungen, hie und da eine kleine unansehnliche Htte
abgerechnet, erkennen; das Land schien eine unbewohnte Wildni, die von
den Passagieren schon mit Bren, Panthern und Bffeln belebt wurde,
und die cultivirte Gegend lag jedenfalls noch _weiter oben_. Einzelne
Schiffe begegneten ihnen jedoch jetzt, und zweimal sogar eine
ordentliche kleine Flotte, von einem einzigen Dampfer stromab bugsirt,
der an jedem Bord ein groes Schiff fhrte, und drei kleinere noch
hinten an langen Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine Kstenfahrzeuge
segelten und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit farbigen
Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt, und herber und
hinber kreuzend gegen die starke Strmung des Vaters der Wasser.[3]

Aber die Sonne neigte sich ihrem Untergang, und was Manchem von ihnen
schon auf der See aufgefallen war, die kurze Dmmerung, machte sich
hier, wo sie das schattige Laub der hohen Bume an ihrer Seite hatten,
nur noch mehr bemerkbar. Kaum war das Taggestirn hinter dem dunkeln
Waldstreifen, der das jenseitige ziemlich ferne Ufer deckte, verschwunden,
als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der sie bis jetzt wirklich
keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem linken Ufer des Stromes
zu, dort Holz fr den Dampfer, dessen Kohlen auf die Neige gingen,
einzunehmen, und die Passagiere freuten sich schon das Ufer betreten und
die wunderliche Vegetation des neuen Landes beschauen zu drfen, dessen
riesige Bume hier alle mit wehendem silbergrauen Moos bis hinab auf den
Grund behangen schienen; doch hatten sie dasselbe noch lange nicht
erreicht, als es schon unter den Bumen dunkelte und das Licht der
einzelnen dort wie versteckten Htte, seinen rothglhenden Schein
herberschickte.

Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden Schiffen seine
Schwierigkeit, da der Dampfer mit diesen nicht so dicht an Land fahren
konnte, und die Capitaine nicht gern vor Anker gehen wollten. Der
Eigenthmer des Holzes war aber schon darauf eingerichtet, und hatte
eine Anzahl Klafter in einem niederen und sehr breiten Boote mit flachem
Boden aufgestapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine Strecke
in den Flu hinaus fuhr und sich queer vor dem Bug des Dampfers legte.
Von hier aus wurden die Scheite, whrend die Maschine wieder an zu
arbeiten fing, und alle vier Fahrzeuge doch wenigstens gegen die Strmung
stemmte, rasch an Bord geworfen, die Taue der Haidschnucke aber dann
gelt, damit das entladene Holzboot zwischen ihnen durch mit der
Strmung zurcktreiben konnte, und der Schleppdampfer setzte seinen Weg
jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte des Stromes haltend, den
zahlreichen im Flubett angeschwemmten Stmmen auszuweichen, langsam
fort.

Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob sich, als sie kaum eine
Stunde gefahren waren, ber die Bume, und go sein silbernes Licht auf
den breiten Strom, und die Passagiere der verschiedenen Schiffe hatten
sich vorn auf Deck gelagert, und sangen wechselsweise in volltnenden
oft harmonischen Chren ihre heimischen Lieder, die meist ernsten,
schwermthigen Inhalts gar wunderbar ergreifend ber den stillen Strom
klangen.

Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit versucht ihre gewhnliche
Whistparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht einmal Herrn von
Benkendroff bewegen knnen daran Theil zu nehmen, und sa jetzt, eine
Patience legend, allein in der Cajte. Es war ihr ein verlorener Abend
den sie ohne Karten zubrachte. Die brigen Passagiere saen und standen
in schweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder flsterten leise
mit einander, so eigen berhrt waren sie selber von den heimischen Klngen
denen sich das Herz, mag es das Vaterland noch so lang verlassen und es
fast vergessen haben, doch nie verschliet.

Es liegt ein eigener Zauber in den Tnen die wir als Kind gekannt,
geliebt, und die nicht selten schon Wurzel in der Kindesbrust geschlagen.
Alte Gedanken, liebe und trbe Erinnerungen wecken sie dann wo wir sie
wieder hren, und das Herz lauscht ihnen wollte selbst das Ohr den
lieben Lauten den Eingang weigern.

Wie das so reizend klingt auf dem stillen Strome sagte Marie, die den
Arm um der Schwester Schulter gelegt, neben Clara und Hedwig unfern der
Quarterdeckstreppe stand, und nach dem Mond hinberschaute -- ich
knnte den Liedern die ganze Nacht lauschen, und doch habe ich sie schon
so oft, so oft gehrt.

Das ist es ja gerade was sie uns so lieb macht lchelte die Schwester
sich freundlich zu ihr neigend -- weit Du noch wie wir daheim in
unserem Grtchen saen, und die Zimmerleute unten vom Bauplatz, Abends,
wenn sie an unserer Mauer vorbei zu Hause gingen all diese Lieder
sangen, und wir sie weit weit noch hren konnten durch den stillen
Abend.

Unser liebes Grtchen seufzte leise Marie, und auch der Schwester
Brust hob sich in der schmerzlichen Erinnerung an das Zurckgelassene,
aber sie wollte jetzt nicht jene Bilder heraufbeschwren und sagte
rasch, der Schwester Arm berhrend und dann nach dem Nachbarschiffe
hinber deutend, wo sie eben wieder ein anderes Lied begannen.

Kennst Du das, Marie?

Noah lachte die Schwester, Herrn Kellmanns Leiblied, ei wenn er jetzt
bei uns wre, wie er da einstimmen wrde nach Herzenslust. -- Was er
jetzt wohl treibt?

Anna schwieg und lauschte den Tnen, bis sie in der Nacht verklungen
waren.

Die Passagiere der Haidschnucke antworteten dem letzten Lied mit
Schweizers Heimweh. Wenn aber die einzelnen Schiffe bis dahin allein
gesungen, und so gewissermaaen einen Wechselchor gebildet hatten,
dessen einer immer erst begonnen wenn der andere geendet, und dem die
Mannschaft des Schleppdampfers mit lautlosem Schweigen lauschte, so
waren die ersten Tne dieses alten lieben heimischen Sanges kaum
angeschlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit einstimmte, und
der volle Chor weich und klagend durch die Nacht drang.

  Herz mein Herz, warum so traurig,
  und was soll das ach und weh,
  S' ist ja schon im fremden Lande --
  Herz mein Herz, was willst Du mehr.

Still und lautlos lauschten die Mdchen den lieben, schwermthigen
Klngen, und leise, leise, mit kaum bewegten Lippen fielen sie endlich
mit ein in die Melodie, bis sie mehr Muth gewannen, und mit lauterer
Stimme, aber innigem Gefhl dem Liede folgten. Wie aber der Schlu
verklang, _doch zur Heimath wird es nie_, schwiegen beide Chre
-- lautlose Stille legte sich ber Deck -- Keiner hatte mehr das Herz,
nach diesen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar triviales Lied zu
beginnen. Dem neuen Vaterland hatten sie heute ein donnerndes Hurrah
gebracht, als sie dessen Flagge zum ersten Male in der Brise wehen
sahen, dem alten brachten sie das Lied, mit mancher heimlich zerdrckten
Thrne, mit manchem, gewaltsam in die Brust zurckgedrngten Seufzer.

Auch die Cajtenpassagiere waren recht still und nachdenkend geworden,
Herr von Hopfgarten, der sich anfnglich mit dem Professor in einen
groen konomischen Streit eingelassen, hatte den und die ganze
Verhandlung in dem Lied vergessen, und horchte ihm noch viele Minuten,
als es schon lngst in dem Rauschen des Stromes und dem monotonen
Klappern der neben ihnen arbeitenden Maschine verschwommen war.

Herr Henkel ging inde auf der einen, Herr von Benkendroff auf der
anderen Seite des Besahnmastes spatzieren, whrend Frau Professor
Lobenstein, ihre beiden jngsten Kinder an sich geschmiegt am Fue
desselben auf einer Bank sa, und der Nacht dankte die ihr die einzeln
niederrollenden Thrnen verbarg vor dem Auge der Menschen.

Nur Doctor Hckler lag behaglich der Lnge nach ausgestreckt auf der
Scheilichtklappe, dampfte seine Cigarre in den wundervollen Abend hinein,
und trommelte zu den Liedern den falschen Takt auf dem Holz, auf dem er
ruhte.

Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord geherrscht; es
war fast, als ob sich Jeder scheute den Zauber zu brechen der auf den
Schiffen, durch diese einfachen vaterlndischen Weisen heraufbeschworen
lag, als pltzlich vom vorderen Theil der Haidschnucke, ja fast wie von
dem jetzt ziemlich nahen Lande kommend, an das sie das Fahrwasser des
mchtigen Stromes gebracht hatte, der volle glockenreine klagende Ton
einer Nachtigall herber drang.

Was ist das? rief Marie fast erschreckt auffahrend -- giebt es hier
Nachtigallen in den Wldern?

Das ist nicht im Wald, das ist an Bord sagte aber Anna, sich hoch
empor richtend -- doch zum ersten Mal schlgt sie, seit wir in See
sind.

Du lieber Gott, sie hat die nahen Bume gesprt und sehnt sich nach dem
Lande sagte Marie tief aufseufzend, -- ist es uns doch selbst ganz weh
und weich um's Herz geworden, als wir wieder die rauschenden Bume
hrten. Oh weit Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer so wundervoll
vor Deinem Fenster schlug -- aber -- um Gottes Willen was ist
Dir -- Clara -- liebe Clara!

Der Ausruf galt der jungen unglcklichen Frau, die schon, von den
heimischen Liedern aufgeregt, nur mit Mhe ihre Fassung bewahrt hatte,
jetzt aber bei der so wohlbekannten so heigeliebten Weise der Nachtigall,
die mit furchtbarer Kraft die Erinnerung an die verlassene Heimath
-- an ihr jetziges Elend zurckrief in das gequlte Herz, das mchtig
ausbrechende Gefhl nicht mehr zurckdrngen konnte und das Antlitz an
Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren Arm um sie
gelegt und suchte sie emporzurichten und zu sich herberzuziehen; sie
wehrte ihr leise, behielt aber ihre Hand die sie wie krampfhaft prete,
in der ihren.

Liebe, liebe Clara!

La mich, mein liebes Kind -- es wird gleich besser sein flsterte die
Frau -- nur eine Art von Weinkrampf ist's, der wohl mit meinem
Unwohlsein zusammenhngt.

So will ich Deinen Mann rufen -- es mu doch wohl --

Nein -- nein! rief Clara aber rasch und fast heftig -- nicht -- nein,
es ist nicht nthig setzte sie langsamer hinzu, und wird gleich
vorber gehen ja ist schon vorbei. Mir ist schon wieder besser Marie, so
ngstige Dich nicht meinethalben.

Du solltest doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz sagte aber auch
jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren Arm leise berhrte Du
siehst seit einigen Tagen bleich und krank -- recht krank aus, Clara,
viel krnker wie Du es vielleicht selber denkst, und darfst nicht zu
fest auf Deine, sonst so krftige Natur trotzen. Auch das Pltzliche
Deines Zustandes hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachlssigt
werden darf.

Was kann ihr _der_ Doctor helfen flsterte aber Marie, von dem, unfern
von ihnen ausgestreckt liegenden Stiefsohn Aesculaps nicht gehrt zu
werden -- der liee sie hchstens zur Ader und erzhlte uns bei Tisch
wieder ein paar blutige Geschichten.

_Der_ Doctor soll ihr auch Nichts helfen erwiederte Anna, aber im
Zwischendeck ist, wie mir Hedwig erzhlt, ein recht tchtiger junger
Arzt, der schon viele dort, rasch und anspruchslos wieder hergestellt,
und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt bei der Hand haben, gewi
Nichts schadete.

Nein, nein bat aber Clara jetzt ich wei selber besser, wie nur ein
Arzt, und wre er der geschickteste, mir sagen knnte was mir fehlt. Es
ist Nichts wie Erkltung mit vielleicht einiger Aufregung dazu, die mir
der Abschied von zu Hause doch gemacht, und die sich, wenn auch etwas
spt, in den Folgen zeigt. Ruhe ist das Einzige was mir helfen kann.
Lat mich still meinen Weg gehen, und wenige Tage haben mich vollkommen
wieder hergestellt.

Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal schlagen wollte sagte Marie
-- es war gar so schn -- wenn ich nur wte wer sie mit auf See
genommen.

Whrend sie sprach war sie vorn an die Reiling des Quarterdecks
getreten, an der Frulein von Seebald stand und nach dem Mond
hinaufschwrmte. Unten in Sicht auf dem niederen Deck sa nur eine
einzige Person, und das helle Licht des Mondes fiel voll auf die
ebenfalls andchtig erhobenen Zge des jungen Dichters.

Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu dem, seit das
Schiff im Schlepptau hing, befestigten Steuer, die Taue nachzusehn.

Oh wie wundervoll das war seufzte in diesem Augenblick Frulein von
Seebald, mit dem Taschentuch eine Thrne von der Wange entfernend
-- wie das Herz und Seele ergreift und mit den weichen, liebevollen
Klngen alle Nerven nachfibriren lt.

Ja, Schultze pfeift recht hbsch sagte der Seemann, der gerade die
kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei wollte -- er macht seine
Sache ausgezeichnet -- es klingt ordentlich natrlich.

_Wer_ pfeift recht hbsch? rief Frulein von Seebald entsetzt, die
gegen den prosaischen Menschen seit jenem Gesprch einen Widerwillen
hatte, den sie kaum so weit bezwingen konnte nicht unartig gegen ihn zu
sein.

Ih nu Schultze sagte der Untersteuermann lachend -- er sitzt vorn auf
der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie sie aber von allen Seiten
auf ihn zu kamen, schwieg er still und will das Maul nicht mehr
aufthun.

Das war _keine_ Nachtigall? rief Marie erstaunt, und Frulein von
Seebald seufzte nur leise und mit innerster Entrstung.

_Schultze!_

Ach das ist der Mann! rief die lebendige Marie, die in der neuen
Entdeckung bald die Nachtigall verga, von dem Sie uns erzhlten da er
den sonderbaren Glauben htte, wir Menschen seien alle frher Vgel
gewesen, und meine Mama eine Nachtigall. Eduard war er schon in Bremen
aufgefallen, wo er sie scharf beobachtet hatte, wahrscheinlich mit der
Entdeckung der hnlichkeit beschftigt.

Jede Enttuschung schmerzt sagte aber Frulein von Seebald, und ich
hatte mir das schon so reizend ausgemalt, es war ein so hochpoetischer
Gedanke, da wir in den waldigen Schatten Amerikas durch eine heimische
Nachtigall begrt werden sollten -- es ist vorbei -- der Traum ist
verschwunden und wir sind erwacht.

Ein tief ausgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete -- es war
Theobald, der ihre Worte gehrt und schmerzlich mit empfunden hatte
-- er sa still und regungslos, den Kopf auf die Hand gesttzt, an
der Nagelbank des groen Mastes, und wie ihm die dunklen Locken fast
unheimlich die bleiche Stirn umspielten, schaute er voll und lange in
den Mond und nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen standen, und
schlo dann die Augen, das Bild in seinem Inneren fest zu halten.

Der Untersteuermann kam wieder zurck (Frulein von Seebald trat, den
Kopf abwendend, von ihm fort) stieg die Treppe hinunter und wollte eben
wieder nach vorn gehn, wo Leute postirt waren nach etwaigen Gefahren im
Strom selber auszuschaun; da fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz des
Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schulter schttelnd
rief er gutmthig:

Sie da, Sie wollen wohl ein schiefes Gesicht kriegen, da Sie hier im
Monde liegen und schlafen.

Ich habe nicht geschlafen -- lassen Sie mich zufrieden! rief Theobald,
entrstet aufspringend.

Nu, nu, Fiepchen biet mi nich sagte der Steuermann lachend
weitergehend -- es ist doch hoffentlich kein Unglck geschehn.

Marie, die wie Frulein von Seebald Zeuge der Scene gewesen war, lachte
heimlich vor sich hin, aber ihre ltere Freundin sagte seufzend:

Das ist ein entsetzlicher Mensch, dieser Untersteuermann, roh an Geist
und Gemth, wie an Gestalt.

Mich amsirt er lachte Marie, und was kann man von ihm viel
verlangen. Er ist Seemann, und scheint sein Geschft aus dem Grunde zu
verstehen; da er derb ist, gehrt mit dazu.

Ich werde schlafen gehn sagte Frulein von Seebald -- dieser Abend
hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und eine lange Zeit wird dazu
gehren das wieder gut zu machen. Gute Nacht!

Sie sprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seufzer klang fast
wie antwortend vom Fu des groen Mast's herauf. Marie sah sich danach
um, aber ihre Mutter rief sie in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck
in dem Flunebel, und die Damen zogen sich in ihre Cajten zurck.




Capitel 2.

New-Orleans.


Waren die Passagiere der Haidschnucke schon am vorigen Tage frh
aufgewesen, Land zu entdecken, so zeigten sie sich heute noch viel
zeitiger an Deck, denn was sie vom Land gestern Abend gesehn, hatte
ihre Neugierde nur noch mehr und gewaltiger geweckt. Sehr zum rger der
Seeleute also, die heute Morgen das Deck besonders sauber zu waschen
hatten und jetzt die Passagiere berall im Wege fanden, kletterten die
meisten schon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matrosen
theilten manchen Eimer Seewasser mit gut gezieltem Wurf unter sie aus,
wo das nur irgend mit einer Entschuldigung von nicht gesehen haben
oder nicht wissen knnen zu ermglichen war. Viele staken dabei schon
in ihren besten Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren
Sonntagsstaat nicht bis zum entscheidenden Augenblick aufgehoben und
solcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu frh,
preisgegeben zu haben.

Steinert besonders, kam mit seinen weien Hosen am schlechtesten weg,
denn nicht allein da ihnen der letzte Tag an Deck keineswegs zutrglich
gewesen, und einige lange und runde Theerstreifen und Flecken nur
zu deutlich die Stellen verriethen, wo er sich leichtsinniger oder
vergelicher Weise angelehnt, nein er bekam auch heute Morgen, als er
vor der Cambuse stand und dem Koch unter falschen Versprechungen eine
vorzeitige Tasse Kaffee abzulocken suchte, einen vollen Eimer Seewasser
angegossen, dessen Urheber sich spter allerdings nicht ermitteln lie,
dessen Wirkung aber total die Frage entschied, ob er mglicher Weise
noch mit der Hose New Orleans betreten konnte oder nicht.

Ein leichter dnner Nebel lag brigens auf dem Wasser, der die
angestrengteste Aufmerksamkeit der Lootsen erforderte, whrend er die
Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bume mit einer feinen Art von
Hehrrauch fllte. Wie die Sonne aber hher und hher stieg sanken die
weien Schwaden, einem Schleier gleich zu Wasser nieder, und die armen
seemden Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrcken, als, wie
mit einem Zauberschlag die prachtvollste, herrlichste Landschaft vor
ihren Augen lag, die sie sich in dem Schmuck fremdartiger Vegetation,
nur je gedacht.

Verschwunden war der dunkle Wald mit seinem wehenden Moos, oder
zurckgedrngt wenigstens, weit zurck zu einem niedern Streifen am
Horizont, zu einem Rahmen des Gemldes, das sich jetzt ihren Blicken
entrollte, und wie aus dem Boden mit einem Schlage herausgewachsen
schien. Reizende Landhuser mit wunderlich ausgezweigten Bumen schauten
mit ihren dunklen Dchern und weien Mauern, luftigen Verandahs und
khl verwahrten Fenstern aus dichten Bosquets blhender Tulpenbume
und fruchtschwerer Orangenhaine vor, und weite, regelmig angelegte
Colonieen niederer aber reinlicher und vollkommen gleichmig gebauter
Huser -- die zu den Plantagen gehrenden Negerwohnungen -- schlossen
sich ihnen an und trennten sie von weiten wogenden Zuckerrohr- und
Baumwollenfeldern; Schaaren geschftiger Neger in ihren weien Anzgen
arbeiteten in diesen, und auf der breiten Strae, die dicht am Ufer des
Stromes hinaufzufhren schien, rasselten leichte bequeme Chaisen, und
gallopirten stattliche Reiter mit breitrndigen Strohhten und leichten
lichten Sommerkleidern auf und nieder.

Und so belebt wie das Ufer war der Strom; Massen von kleinen Segelbooten
glitten herber und hinber zu den sonnigen Ufern, breite Dampfer
schnaubten hinab, die Produkte des ppigen Landes fernen Zonen
zuzufhren, und mchtige Seeschiffe lagen hie und da am Ufer vor
Anker, ja oft mit Tauen an irgend einen Baum befestigt, am Land hoch
aufgestapelte Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker- und
Syropsfssern an Bord zu nehmen, und zu klteren Welttheilen hinber zu
tragen.

Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, die beiden
Kolosse aufschleppend gegen den mchtigen Strom, und so dicht am
Ufer streiften sie nicht selten hin, da sie die Neger konnten in den
Feldern singen hren, und die weien Frauen erkannten, die in luftiger
Morgenkleidung auf ihren Blumen geschmckten Verandas saen und auf den
Flu und das rege Leben und Treiben um sich her hinausschauten.

Die Passagiere der Haidschnucke waren auer sich, und so niedergeschlagen
sie durch den alleinigen Anblick der flachen Sumpfstrecke an der Mndung
geworden, so scharf gingen sie jetzt, und mit verhngten Zgeln zum
anderen Extrem ber. Die Leute sangen und tanzten und schrieen und
lachten und jauchzten, wie ebensoviele dem Irrenhaus Entsprungene, und
jubelten Einer dem Anderen zu, da drben lgen die Farmen in die sie
jetzt hineinziehn wrden, das sei das Land, von dem der ganze Acker nur
1-1/4 Dollar koste, und Einzelne redeten sogar davon sich gleich Papier
und Feder und Dinte geben zu lassen und nach Hause zu schreiben, da ihr
ganzes Dorf nur gleich herber kme ber's Wasser, und Theil nhme an
der Herrlichkeit.

Die Oldenburger waren die bermthigsten, und vorn auf der Back, wo sie
sich auf den Starbord-Anker gesetzt hatten und einander immer auf neu
entdeckte Herrlichkeiten des Ufers aufmerksam machten, brach sich ihr
Jubel endlich in einem Liede Bahn, das sie schon den ersten Tag auf der
Weser einmal gesungen, dann aber ganz vergessen zu haben schienen, und
dessen Schluvers, von der ganzen Schaar als Chor gesungen lautete:

  In Amerika knnen die Bauern in den Kuts-chen fahren
   In den Kuts-chen mit Sammet und mit S-e-i-de.
   Und sie essen dreimal Fleisch, und sie trinken Wein dazu
   Und das ist eine herrliche Freu-i-de!


Das Wort Kuts-chen sprachen sie dabei so aus, das sie das s vollkommen
vom ch trennten, whrend das letzte Wort Freude mit aller Kraft der
Stimmen herausgeschrieen wurde, vielleicht den empfundenen Grad von
Seligkeit dadurch anzudeuten.

Je mehr sie sich aber der Hauptstadt von Louisiana, dem prchtigen
New-Orleans nherten, desto lebendiger wurde der Strom; die Fahrzeuge,
welche die Verbindung der einzelnen kleinen Stdtchen und Plantagen mit
der City unterhielten, wurden hufiger -- Dampffhren kreuzten herber
und hinber, eine Anzahl kleiner Segelboote fhrte die Produkte des
Landes nach der Stadt, und berall an den Ufern, an denen reizende
Pflanzerswohnungen unter Blthenbschen und Fruchtbumen versteckt
lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen und Schooner, die
letzteren meist mit Negern und Mulatten bemannt, und die bunten Flaggen
im Winde flatternd.

Aber weiter, immer weiter schnaubte das Boot; hie und da tauchten
weie Husermassen auf, aus dunklen Streifen bis zum Ufer des Stromes
reichender Waldung immergrner Magnolien und mchtiger Cottonbume;
aber das war noch lange nicht New-Orleans, -- die Villen wuchsen zu
Stdten an, und immer noch vorbei schumten sie, aufwrts, aufwrts den
Riesenstrom, dessen Fluth gewaltige nackte Stmme mit sich fhrte,
die er sich oben im Norden losgerissen aus ihrem Bett und sie nun
hinabfhrte dem Golfstrom zu, tausende von Meilen weit, damit sie
der durch den Ocean hinberwlze, einem anderen Welttheil zu.

So kam Mittag heran und ging vorber, whrend die Passagiere schon
vollstndig seit mehr als vier und zwanzig Stunden gerstet an Deck
auf- und abliefen, und ungeduldig den Zeitpunkt kaum erwarten konnten,
der ihnen erlauben wrde dieses wundervolle Land zu betreten.

Dort liegt New-Orleans! sagte da der Steuermann, der vorn auf die Back
kam, die dicht gedrngt von Passagieren stand, nach dem Anker und dessen
Befestigung zu sehn. Er deutete dabei mit der Hand nach rechts hinber,
wo ein weites dnnes, fast spinnwebartiges Mastengitter den Horizont
begrenzte.

Wo? -- wo? riefen eine Menge Stimmen durcheinander, und Einer
frug -- es war Lwenhaupt -- dort drben, wo das lange Staket ist?

Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu glaubte aber schon
berflssig Auskunft gegeben zu haben, und stieg, ohne irgend eine der
tausend an ihn gerichteten Fragen weiter zu beantworten, wieder an
Deck hinunter, nach hinten auf seinen Posten zu gehn. Aber die Leute
bedurften keiner weiteren Weisung; nur erst das Auge in etwas gewhnt
die fernen Gegenstnde in ihren einzelnen Umrissen von einander zu
trennen, und zu erkennen, unterschieden sie bald selbst klar und deutlich
die Masten unzhliger Schiffe, und Kirchthrme und Kuppeln, die sich
scharf gegen den rein blauen Horizont abzeichneten, und bald auch den
letzten Zweifel zerstreuten da sie sich der Stadt, da sie sich dem
Ziel ihrer Reise nherten.

Von dem Augenblick an schienen aber auch alle Bande der Ordnung gelt
zu sein und New-Orleans war vergessen, wie das rege bunte Leben um sie
her, an denen noch vor wenig Minuten ihr Blick mit Entzcken und stummem
Staunen gehangen. _An Land:_ jeder andere Gedanke erstarb in dem einen
bewltigenden Gefhl, und jeder einzelne Passagier schien es jetzt ganz
besonders und allein darauf angelegt zu haben, durch Vorziehn seines
Koffers wie sonstigen Gepcks, seiner Kisten und Hutschachteln, Krbe
und Betten, allen brigen den Weg auf das grndlichste zu versperren,
und die schon ohnedie im Zwischendeck herrschende Confusion zu ihrem
mglich hchsten Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und
Befehlen der Steuerleute; vergebens blieben die Flche und Verwnschungen
der Matrosen, die bald hier bald da ber an Deck geschleppte Kisten
und Kasten strzten und wegfielen, die Passagiere thaten als ob sie
frchteten man wrde sie nicht von Bord lassen, wenn sie landeten, und
nun Alles vorbereiteten zu schleunigster Flucht. Der Capitain ging
endlich sogar, was er die ganze Reise ber noch nicht ein einziges Mal
gethan, zu ihnen, und erklrte ihnen da es sehr die Frage sei, ob sie
diese Nacht noch berhaupt an Land drften, denn die Gesundheits-Policey
in New-Orleans visitire erst das Schiff und bestimme dann, ob den
Passagieren eine augenblickliche Landung gestattet werden knne; sie
mchten deshalb sich nicht berall Platz und Weg verstellen, da zehn
gegen eins zu wetten sei, da sie Beides noch nothwendig brauchen
wrden, ehe sie das Schiff verlieen. Niemand glaubte ihm.

_Jetzt_ kommt der alte Hallunke nun wir von Bord wollen rief Steinert
besonders, doch natrlich erst als der Capitain auer Hrweite war, und
denkt sich noch beim Abschied einen weien Fu bei uns zu machen; redet
s und dreht den Kopf bald so, bald so herber. Er soll zum Teufel
gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir wollen.

Der kleine Dampfer hatte indessen wacker die Strmung gestemmt, und
seine beiden Schiffe dem bestimmten Landungsplatz merklich nher
gebracht. Hher und hher tauchten dabei die Masten aus dem flachen
Lande auf, und dehnten sich in unabsehbarer Reihe am linken Ufer des
Stromes hinauf. Auch gewaltige Husermassen wurden sichtbar, die in
geschlossenen Colonnen den Mastenwald umzogen und die untere Grenze
der Stadt, wenigstens eine langgestreckte Reihe von Husern die mit
ihr in unmittelbarer Verbindung stand, lag ihnen, wie sie den Strom
hinaufschauten, schon gerade gegenber, von dort ankernden Schiffen
wie mit einem festen Damm umzogen.

Clara Henkel hatte indessen eine furchtbare Zeit verlebt, und mit keinem
Herzen, dem sie sich und ihr entsetzliches Schicksal anzuvertrauen wagte,
die Last allein getragen, bis sie drohte sie zu Boden zu drcken. Mit
dem Bewutsein welches entsetzliche Verbrechen der Mann verbt, in dessen
Hand sie die ihre am Altar gelegt, war auch der feste unerschtterliche
Entschlu in ihr gereift, von diesem Augenblick an das Band als
zerrissen zu betrachten, das sie an ihn gebunden. Aber was jetzt
thun? -- in dem fremden Lande allein und freundlos; was beginnen, wie
handeln? -- Zurck zu ihren Eltern kehren? -- alle Pulse ihres Herzens
zogen sie dorthin und es blieb fast kein anderer Ausweg fr sie; aber
was wrde die Stadt dann sagen, wie wrde das mige Volk die Kpfe
zusammenstecken und lachen und spotten ber die reiche Amerikanische
Braut die so rasch und allein gebrochenen Herzens zurckgekehrt in das
Haus, das sie in Glck und Glanz verlassen? -- Was kmmerte sie die
Stadt, was herzlose Menschen, die mit kaltem Blut und lachendem Munde
Ruf und Glck einer Welt unter die Fe treten, wenn sie sich eine
Viertel Stunde die Zeit damit vertreiben knnen, und doch bebte sie
davor zurck -- doch malte sie sich mit grausamer Phantasie alle die
einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Mrchen und Erdichtungen, alle
die schlauen und nur zu furchtbar wahren Combinationen die auf ihr Haupt
allein dann fallen wrden. Und doch, blieb ihr eine andere Wahl?

Aber noch eine andere Sorge fllte ihr die Brust -- konnte sie so,
unmittelbar in das vterliche Haus zurck? mute nicht erst ein Brief
wenigstens die armen Eltern vorbereiten auf das Schreckliche? -- Oh wer
rieth -- wer half ihr da? Und ja, _ein_ Wesen war an Bord dem sie ihr
Elend klagen, die sie um Rath um Trost bitten konnte in ihrem Schmerz.
_Trost_? allmchtiger Gott wo lag ein Trost fr die Vernichtete -- doch
Rath, doch Mitgefhl -- ein freundlich, theilnahmvolles Wort als Tropfen
Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere Frau Professor Lobenstein,
die sich ihr stets als mtterliche Freundin gezeigt, der durfte sie
vertrauen was sie zu Boden drckte, was sie nicht mehr allein zu tragen
im Stande war, und ihrem Rath wollte sie folgen -- gehorchen wie ein
Kind der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die einzelnen
Cajtenwnde bestanden nur aus dnnen Planken, die nicht einmal bis oben
hinauf fest anschlossen, sondern dort einen offenen Rand hatten -- die
Nebencoye konnte jedes gesprochene Wort verstehn, und auf dem Quarterdeck
selbst waren sie nie allein. Und konnte sie warten bis sie in New-Orleans
gelandet? -- wie sollte sie denn von Bord kommen wenn sie nicht gerade
mit Lobensteins das Schiff verlie, und bat sie diese, sich ihrer
Sachen, ihrer selbst anzunehmen, ehe sie sich der Frau entdeckte, was
htten sie von ihr denken, was ihrem Gatten gegenber selber da thun
knnen?

In Angst und Verwirrung konnte die Unglckliche zu keinem festen Entschlu
kommen, und berlie der Zeit, dem Augenblick, das Weitere -- ja sie
fing endlich an, als ihr die qulenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn
zermartert hatten, gleichgltig gegen Alles zu werden, was sie von jetzt
ab noch betreffen konnte. -- Das Schrecklichste -- das Furchtbarste war
geschehn, was konnte sie noch schlimmer treffen als _der_ Schlag. Nur
das eine stand fest und unerschttert in ihrer Seele -- mit _ihm_ keinen
Schritt weiter in diesem Leben.

Auf dem Schiffe herrschte indessen ein wildes reges Leben; berall
hatten sich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das sie umgab
anstaunten und bewunderten, und einander auf frisch auftauchende
Merkwrdigkeiten mit Hand und Mund aufmerksam machten. Und wie die
Kinder lachten und jubelten sie dabei, und streckten die Arme danach
aus, als ob sie den Augenblick nicht erwarten knnten, der sie endlich,
endlich in wirklichen Besitz all dieser Herrlichkeiten bringen sollte.
Da gab der Dampfer ein pltzliches Zeichen mit der Glocke, die Taue an
beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine schwarze Fahrzeug
glitt im nchsten Augenblick, seine Wellen schumend gegen ihren Bug
anwerfend, zwischen den beiden Kolossen die er herauffhrte vor. Zu
gleicher Zeit fast sprangen die Matrosen der beiden deutschen
Auswanderer-Schiffe nach vorn an ihre Anker.

       *       *       *       *       *

Steht klar da von der Kette -- zurck da -- fort aus dem Weg! schrieen
die Seeleute durcheinander, und stieen die Passagiere die nicht gleich
begriffen was sie sollten, und wem sie eigentlich im Weg standen, unsanft
zur Seite; Alles klar -- lat los kreischte eine Stimme und alles
Weitere verschwand in dem Schlag auf's Wasser, den der Anker that, und
dem furchtbaren Gerassel der ihm, durch die Klsenlcher nachsausenden
Kette, die gleich darauf um die Ankerwinde geschlagen das Schiff bis in
seinen Kiel hinab erschtterte und -- hielt.

       *       *       *       *       *

Der Capitain kndigte indessen den jetzt unruhig werdenden Passagieren
an, da sie hier zu liegen htten bis das Sanitts- und Policeyboot an
Bord gewesen wre, was sehr wahrscheinlich bald kommen, und ihnen dann
vllige Freiheit lassen wrde, so rasch an Land zu gehn wie sie eben
wnschten. Dagegen lie sich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt
wenigstens Zeit sich ihre Umgebung zu betrachten, die sich mannigfaltig
und bunt genug erwie.

Auf der Strae die sich dicht am Ufer hinzog, wimmelte es von Menschen
und Wgen; Karrenfhrer brachten auf zweirdrigen Karren mit einem
krftigen Pferd bespannt, in fast ununterbrochenem Zuge Waaren herab
gefahren, groe Omnibusse fuhren auf und ab, Passagiere an allen Ecken
absetzend und wieder aufnehmend, Neger mit schweren Lasten auf den
Schultern eilten vorber, oder standen in lachenden Gruppen an den
Werften. Reiter gallopirten die Strae nieder, kleine Chaisen und Wgen
kreuzten sich herber, und hinber, und Negerinnen mit Krben oder
groen Blechkannen auf den Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff
zu Schiff ihre Waaren feil. Und das laute taktmige Singen dort drben,
mit dem Ahoy-y-oh! der Matrosen dazwischen? Ein Trupp von halbnackten
Negern lud dort ein franzsisches Schiff mit groen Zuckerfssern, ein
Vorsnger gab dabei Takt und Versmaas an, und whrend sechs krftige
Burschen mit dem rollenden Colo den hohen Damm der das Ufer einfate
herunterliefen, den Aufschlag gegen die schrg zum Schiff emporliegende
Planke zu bekommen, tanzten und sprangen die Neger, das Fa jedoch
umgebend, da sie der geringsten Abweichung steuern konnten, darum her,
und warfen sich dann alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie,
und diese nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dagegen,
es eben so rasch die Planken hinauf an Bord zu rollen, als es den Damm
allein herunter gekommen. So geschickt benahmen sich die Leute dabei,
und so anscheinend leicht lief ihnen das kolossale Fa unter den Hnden
fort, da die Arbeit wie Spiel aussah; htten sie aber die furchtbar
schweren und nicht einmal ganz gefllten Fsser, in denen der rohe
Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langsam rollen wollen, kaum
doppelt die Zahl wrden sie dann an Bord gebracht haben.

Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin das Auge blickte ein
reges Drngen und Treiben von Dampf-und Segelschiffen, und schwerflligen
breitmchtigen Ruderbooten und Flen, die mit der Strmung hinab, tiefer
gelegenen Plantagen oder Ortschaften zuschwammen. Was fr Colosse trug
dabei die Fluth und die Deutschen staunten, und hatten Ursache dazu,
als breite Dampfboote den Strom nieder kamen, die schwimmenden Bergen
aufgethrmter Baumwollenballen glichen, aus denen oben, whrend sie
bis unmittelbar ber die Oberflche des Wassers reichten, nur eben die
beiden schwarzen qualmenden Schornsteine herausschauten. Ballen auf
Ballen war da gepackt, regelmig wie Backsteine in einer Mauer, von dem
Rand des unteren Verdecks gerade und steil emporlaufend, da selbst das
kleine, vorn oben auf dem hchsten Deck stehende Lootsenhaus nur eine
ffnung zum Durchschauen hatte, und Cajte wie Zwischendeck von einer
unerbittlichen Baumwollenwand umschlossen blieb.[4] Die Erndte brachten
sie nieder aus den reichen Plantagen der sdlichen Staaten, aus Tenessee
und Arkansas, Mississippi und Louisiana, hier in Schiffe gestaut und
ber die Welt versandt zu werden, whrend die gewaltigen Boote schon
nach wenigen Tagen wieder mit Seesalz, Reis, Kaffee und den Produkten
der Tropenlnder beladen, ihre Salons und ihre Zwischendecks mit
Passagieren gefllt, die Rckreise nach den nrdlichen Staaten antraten.

Aber das nicht allein -- gerade auf sie zu kam ein kleiner
scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und Schaafen
gefllt, die in Pensylvanien, zweitausend englische Meilen von hier
entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden und jetzt bestimmt sind
den New-Orleans Markt auf einen Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die
Passagiere der Haidschnucke hatten brigens volle Mue die Boot zu
beobachten, das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter
dem Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann darin
aussetzte, und dann pltzlich die Planken losschlug die am hinteren
Theil oder #steerage deck# das Vieh bis jetzt verhindert hatten ber
Bord zu springen. Es dauerte auch gar nicht lange, so fingen sich die
Rinder, wahrscheinlich im Inneren gestrt, an zu drngen, und kamen der
ffnung oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fu ber der Oberflche
des Stromes lag, nher und nher, bis ein Stier, der die Hrner gegen
einen Kameraden einsetzte von diesem zurck und dem Bootrand zugepret
wurde, ber den er mit den Hinterbeinen glitt, sich mit den Vorderbeinen,
ngstlich brllend, noch einen Augenblick hielt, und dann kopfber in
den Strom hinunterstrzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich
von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch dem Lande
zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen zwei dort vor Anker
liegenden Schiffen zeigte, und das war gerade der Punkt wohin ihn die
Burschen haben wollten, und wo die Kufer schon eine kleine Umzunung
hergestellt hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu nehmen.
Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht gutwillig gehn wollten,
von Bord hinuntergeworfen, und ihnen folgte, als auch der letzte in
Sicherheit war, in Masse die Schaafheerde, der man nur einfach den
Leithammel voran hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in grter
Eile und Hals ber Kopf ihm nachstrzte.

Die auergewhnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit der Passagiere
so in Anspruch genommen, da sie im Anfang gar nicht bemerkten, wie ein
paar Fruchtboote indessen an das Schiff herangekommen waren und dieses
jetzt, mit ihrer delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot sa
eine sonngebrunte Gestalt mit breitrndigem Strohhut, nur mit Hemd
und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch locker um den Hals
geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes Ruder mit denen er das
zierlich schlanke Fahrzeug rasch und behende vorwrtstrieb, und durch
die geringste Bewegung herber und hinber lenkte. Von der Mitte des
Bootes ab aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entzckender
Flle die Schtze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt
und zum Genu bereit, whrend in dem Spiegel des einen Boots ein
kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen ein buntfarbiger Papagei dem
reizenden Bild zur Staffage zu dienen schienen. Duftige Ananas mit den
grngezackten Kronen, rothbckige Granatpfel, goldene Apfelsinen,
saftige Pfirsiche, Cocosnsse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen,
mit nordischen pfeln und Birnen und schwellenden Trauben, mit Granat- und
Orangenblthen berworfen lagen in wilder Mischung bunt und wirr und
doch sinnig geordnet, durcheinander, und die Hnde der armen, Salzkost
gewhnten und gequlten Auswanderer, streckten sich nur soviel
sehnschtiger nach den gezeigten Schtzen aus, als fast den meisten die
Mittel fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.

Kleines Geld -- oh wer jetzt kleine Amerikanische oder Englische Mnzen
hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten zuzueignen -- nur ein
einziges Stck den lechzenden Gaumen zu letzen. Und wie sie durch
einander liefen und in den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer
vom Anderen, und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten
Heimath geschehn sein mochte, die landesbliche Mnze zu zeigen hatte.
Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar auf, Frchte _muten_
gekauft werden, die erste Landung auch wrdig zu feiern, und der Steward
wurde dann ebenfalls hinunter geschickt, fr die Cajte ein reiches und
willkommenes Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in
den Fruchtbooten machten glnzende Geschfte an den beiden deutschen
Schiffen.

Endlich kam auch das Sanittsboot und das Schiff wurde, nach sehr
flchtiger Untersuchung, als vollkommen gesund erklrt, wie den
Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet, sobald sie wollten oder
knnten an Land zu gehn. Es war aber indessen auch beinah Abend
geworden, und der Capitain erklrte seinen Cajtspassagieren da er
selber allerdings augenblicklich an Land msse, und gern von ihnen
mitnehmen wolle wer zu gehen wnsche, da er ihnen aber rathe die Nacht
noch an Bord zu bleiben, und dann morgen frh ihre Ausschiffung in Mue
und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den Zwischendeckspassagieren wurden schon
weniger Umstnde gemacht, und ihnen eben nur einfach angekndigt, da es
fr heute zu spt sei sie auszuschiffen, und sie morgen frh, wenn sie
es wnschten mit Tagesanbruch befrdert werden sollten. brigens htten
sie heute Abend noch einmal Abendbrod und morgen Frhstck zu erwarten
-- wonach zu richten.

Von den Cajtspassagieren hatten sich aber eben der Professor und die
Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor entschlossen mit an Land zu
fahren, als von dort aus ein Boot abstie in dem ein Herr und eine Dame
saen und auf die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon
seit einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen
war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte, trat an die Reiling
und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen wurde von der Dame im Boot, die
in groer Aufregung zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb
aber die alte Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung mit
ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn eingestrichen hatte,
whrend ihre Koffer gepackt und zum Abholen fertig standen.

Wer mgen nur die Fremden sein die uns dort besuchen wollen? rief die
lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte an ihrer neuen Umgebung
und Augen fr Alles hatte, was um sie her vorging. Sie kommen
wahrhaftig hierher, gerade auf das Schiff zu!

Das ist meine Tochter, mein Kind sagte aber die alte Dame mit
unendlicher Ruhe, die sich vor einem Jahre von einem jungen Englnder
Namens Bloomfield hat entfhren und heirathen lassen, ohne mein Wissen
und gegen meinen Willen. Das junge Ehepaar flchtete damals nach Amerika
und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich zu sein
scheint und sehr vermgend ist, verziehen und bin gekommen sie zu
besuchen.

Es waren die die ersten Worte die Frau von Kaulitz je ber ihre
Familienverhltnisse, wie berhaupt den Zweck ihrer Reise geuert
hatte, und Marie blickte lchelnd zu ihr auf, denn sie konnte natrlich
nicht anders glauben, als da die alte Dame sich einen Scherz mit ihr
mache, obgleich das sonst nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber
auch jetzt so ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre
Brille aus ihrem groen sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt, die
sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam und forschend damit
betrachtete. Es war eben noch hell genug die Gesichter unten zu
erkennen.

Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging zweimal auf dem
Quarterdeck auf und ab als der Capitain, der an die Fallreepstreppe
getreten war der Dame hereinzuhelfen, mit den beiden Fremden den
Starbordgangweg herauf kam und sie zur Quarterdeckstreppe fhrte. Die
junge Dame, ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht
zweiundzwanzig Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen und
erregten Zgen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr Gatte, eine
ebenfalls noch jugendliche, aber edle, mnnliche Gestalt. Frau von
Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn geblieben sie zu erwarten.

Mutter -- liebe -- liebe Mutter! rief die junge Frau, flog auf die
alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden nicht achtend, ja
sie wohl nicht einmal bemerkend, schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.

Mein Kind -- mein liebes Kind! sagte Frau von Kaulitz, mit einem
unverkennbaren Anflug von Rhrung und hob sie zu sich auf, kte sie und
streckte dann ihre Hand dem wenige Schritte hinter ihr stehen
gebliebenen Gatten entgegen.

Liebe -- beste Mutter! rief aber jetzt auch dieser, tief ergriffen
ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend -- knnen Sie uns
verzeihn?

Bst Kinder -- keinen Auftritt hier sagte aber Frau von Kaulitz, rasch
wieder gefat, komm Pauline -- komm, richte Dich auf -- sieh nur die
fremden Leute hier um uns her. Ach bitte William haben Sie die Gte und
sehen Sie nach da meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das Boot
kommen.

Ich werde Ihnen das schon besorgen, gndige Frau sagte aber der
Capitain freundlich -- ist das all Ihr Gepck was hier oben an Deck
steht?

Das ist Alles -- halt Steward meine Whistmarken liegen noch unten auf
meinem Waschtisch, in dem kleinen grnen Etui.

Hier Jahn -- hier Jacob! rief der Capitain ein paar seiner Leute an --
hinunter mit den Sachen da in's Boot -- macht rasch, aber geht mir
vorsichtig damit um -- hier die drei Koffer und die drei, vier, fnf
Schachteln mit den zwei Reisescken.

Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich sagte Frau von Kaulitz, als
die junge Frau sie unter Thrnen lchelnd noch einmal gekt hatte und
dann mit sich fortziehen wollte -- apropos William, spielen Sie Whist?

Nein liebe Mutter -- sagte der junge Mann, verlegen lchelnd ber die
etwas abgebrochene Frage.

Kein Whist? -- rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt stehen bleibend
-- wo bekommen wir denn heute Abend den dritten Mann her? -- Pauline
spielt.

Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute Abend bei uns sein
sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich verlegen.

Ah, das ist schn! rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt, und nun
kommt Kinder -- #adieu, adieu#! sagte sie dabei freundlich ihren
bisherigen Mitpassagieren, von denen sie sich in diesem Augenblick
wahrscheinlich auf immer trennte, zunickend -- #adieu,# und von dem
Capitain gefhrt, der sie, jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen
Schwalbenschwanzfrack mit den engen rmeln hineingezwngt, sehr artig
bis an die Fallreepstreppe begleitete, verlie sie das Quarterdeck.

Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die Cajtspassagiere an
denen er vorberging, freundlich grend, als sein Blick auf den, gerade
an Deck kommenden Henkel fiel. Fast unwillkrlich blieb er einen Moment
stehn und sah ihn starr an, wie es oft geschieht da uns ein Gesicht
pltzlich auffllt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben
wissen in unserem Gedchtni. Auch Henkel begegnete, wie es schien
ebenso berrascht dem Blick; beide Mnner verbeugten sich dann leicht
gegeneinander und der Englnder verlie, seine Frau am Arm das Schiff.

Das Boot stie ab von Bord, und die beiden Seeleute die es fhrten
legten sich krftig in ihre Ruder, waren aber noch keine vier Lngen in
den Strom hinausgehalten, als Frau von Kaulitz ein ngstliches _Halt_
rief.

Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an Bord vergessen!

Der junge Mann, der am Steuer sa, lenkte den Bug des Bootes rasch
wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe zu, an dessen Railing der
Steuermann schon stand und mit einem vergngten Gesicht -- er war an
derlei gewohnt -- hinunter rief:

Etwas vergessen, Madame?

Meinen Regenschirm -- er steht unten in der Coye -- schwarze Seide mit
Elfenbeingriff --

Nun natrlich lachte der Seemann leise vor sich hin, und rief dann
laut -- Steward, den Regenschirm von Frau von Kaulitz --

Und mein rothsaffian Brillenfutteral mu auch noch unten liegen! rief
die Dame hinauf.

Steward -- rothsaffianen Brillenfutteral repetirte der Steuermann --
sonst noch etwas, Madame?

Nein -- nicht da ich jetzt wte. --

Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe
niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stie zum zweitenmale ab.

Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem Quarterdeck fand, ist
doch nicht mit Ihnen von Deutschland, sondern wahrscheinlich erst hier
an Bord gekommen? frug der junge Mann die alte Dame, als sie wieder
eine kleine Strecke vom Schiff ab waren.

Soldegg? -- ich wei nicht sagte Frau von Kaulitz, ich kenne die
Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den Namen nie gehrt.

Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und stand auch auf dem
Quarterdeck bei den Damen sagte Bloomfield.

Soldegg -- Soldegg? -- kenne ich nicht -- vom Land ist aber auch
Niemand herber gekommen, den Steuerbeamten ausgenommen.

Dort drben steht er, etwas rechts vom Besahnmast -- den meine ich, der
jetzt gerade den Hut aufsetzt.

Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, drehte den Kopf
dorthin und sagte dann:

Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge hbsche Frau von
Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr durchgebrannt ist, wie
gewisse Leute.

Liebe -- liebe Mutter bat Pauline, tief errthend, und die Hand nach
ihr ausstreckend --

Schon gut, schon gut lchelte die alte Dame, die Hand ergreifend und
streichelnd --

_Henkel?_ sagte Bloomfield, dem die eben gesehene Persnlichkeit
selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne wollte -- indem er still
vor sich hin mit dem Kopf schttelte.

Haben Sie die auffallend schne junge Frau nicht bemerkt, die mit auf
dem Quarterdeck stand? frug Frau von Kaulitz.

Dieselbe die so auerordentlich bleich aussah?

Dieselbe -- das ist seine Frau -- aber nehmen Sie sich um Gottes Willen
in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf das Schiff hinauf!

Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten Zeit zur Seite,
der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus der Dolle, und das schlanke
Boot scho, den Augen der ihm nachschauenden Passagiere der Haidschnucke
entzogen, zwischen die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon
ein leichter eleganter Wagen sie erwartend hielt.

Des Capitains Jlle war indessen ebenfalls auf das Wasser niedergelassen
und bemannt worden, und der Capitain noch einmal in seine Cajte
gegangen seine Schiffspapiere, die in einer langen, festschlieenden
Blechbchse staken, mitzunehmen, wie Geld und abzugebende Briefe zu sich
zu stecken.

Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen, der aber die Koffer
der Passagiere, nach flchtiger ffnung, passiren lie. Einwanderern
wird darin viel nachgesehn, und wo nicht durch zu groe Massen oder zu
geschftsmige Verpackung gegrndeter Verdacht vorliegt da sich Sachen
zum Verkauf darin vorfinden, lt man sie keineswegs selten unerffnet,
oder wenigstens nach ganz oberflchlichem Darberhingesehn, passiren.

Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen hatte, in ihre
Cajte hinab, wohin ihr, wie des Capitains Boot auf das Wasser
niedergelassen wurde, Henkel folgte.

Clara sagte da ihr Gatte mit leiser unterdrckter Stimme, als er den
kleinen Raum betrat -- ich gehe heut Abend an Land und kehre vielleicht
erst spt, vielleicht erst morgen Frh zurck. Du wirst wohl thun Alles
inde zu ordnen da wir das Schiff dann gleich verlassen knnen -- ich
werde inde Quartier fr uns besorgen.

Clara hatte ihn ruhig angehrt, aber ihr Krper zitterte whrend er
sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu sammeln da sie ihm nur
erwidern konnte, dann aber sagte sie mit leiser, doch von innerer
Heftigkeit fast erstickter bebender Stimme, indem sie ihm fest und
entschlossen in das scheu abweichende Auge sah.

Fr uns? fr _uns_? -- unsere Bahnen trennen sich hier -- mein Herr
-- ich kenne Sie nicht mehr und _wagen_ Sie es mich zu zwingen.

Du bist eine Thrin, Clara -- sagte Henkel ungeduldig -- was helfen
Dir die unntzen Reden -- wer soll Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa
vorbringen knntest, glauben. Sei vernnftig setzte er dann ruhig hinzu
-- la den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer Weise
gegen mich gefat zu haben scheinst, fahren, und fge Dich in das
Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen Gesetze nicht.

Und _Du_ wagst es _mir_ mit dem Gesetz zu drohen? rief aber jetzt
Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort vergessend an dem sie
sich befanden, und wie leicht sie von Anderen in dem belauscht oder
gehrt werden konnten was sie sprachen -- Du zitterst nicht, nur
vor dem Namen des Richters, dem Dein _Kopf_ verfallen wre, wenn
Gerechtigkeit nicht eine Lge hie.

Du bist wahnsinnig! zischte der Mann, in scheuer Furcht da die
Worte drauen zu dem Ohr eines Dritten gedrungen wren, durch die
zusammengebissenen Zhne -- ich will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;
und die Thre ffnend, die er wieder hinter sich ins Schlo drckte,
verlie er rasch die Cajte. Clara aber blieb wie sie der Gatte
verlassen, die Augen in grimmem Zorn fest auf die Thre geheftet durch
die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen ihren Sitz
wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch und Alles was das arme Herz
in den letzten Tagen bedrngt und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder
ber sie hereinbrach, war zu viel fr sie gewesen, sie fhlte wie ihr
die Sinne schwanden -- sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr
-- einen Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand, aber vor
ihren Augen dunkelte es, die Cajte drehte sich mit ihr und bleich und
lautlos brach sie ohnmchtig zusammen.

Nun meine Herren, wer mich begleiten will sagte der Capitain der
wieder in seinen unbequemsten geh zu Ufer Kleidern, mit der Schraube
auf dem Kopf an Deck stand und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur
einigermaen Luft zu gnnen -- es ist Alles bereit.

Mit dem grten Vergngen Herr Capitain rief der Doktor, der, von
Herrn von Benkendroff und dem Professor gefolgt, voransprang, damit
wenigstens nicht auf ihn gewartet wrde. Henkel, eine breite Geldtasche
umgehangen stieg langsam nach.

Aber wo ist Ihre Frau? rief ihm Hopfgarten nach, die sollten Sie
doch jedenfalls mit an Land nehmen, und wenn es nur wre einen kleinen
Spatziergang auf festem Grund und Boden zu machen -- die Landluft wrde
ihr auch gewi gut thun.

Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajtspassagiere
verlieen, von ihren Zwischendecks-Reisegefhrten beneidet, das Schiff.

Die Nacht war indessen vollstndig angebrochen, die Cajtslampe angesteckt
und der Thee fr die wenigen zurckgebliebenen Cajtspassagiere, whrend
Herr Hopfgarten die Honneurs machte, servirt worden.

Aber Clara fehlt wieder sagte Marie, von ihrem Sitze aufstehend, und
an die Thr der Freundin tretend, an die sie mit dem Finger klopfte
-- Clara, der Thee ist servirt, hast Du die Klingel nicht gehrt? --

Keine Antwort.

Clara -- bist Du wieder krank? frug das junge Mdchen lauter und
ngstlich -- Alles blieb todtenstill in dem kleinen dunklen Gemach, und
vorsichtig und leise die Thr ffnend stie sie einen Angstschrei aus,
als sie die Freundin ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer
Cajte liegen sah.

Der Schrei machte aber smmtliche Passagiere von ihren Sitzen
aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte rasch die in der
Cajte hngende Lampe aus und folgte, und whrend Marie und Anna die
Ohnmchtige aufhoben, rief Hopfgarten:

Es ist nur ein Glck da der Doktor nicht an Bord ist und sprang, so
schnell er konnte die Cajtstreppe hinauf in das Zwischendeck nieder,
dort den jungen Arzt zu ersuchen einen Augenblick in die Cajte zu
kommen -- gleichzeitig rief er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.

Die Mdchen hatten inde die junge Frau auf ihr Bett gelegt, und ihr das
Kleid geffnet als Georg Donner, von Hopfgarten eingefhrt und von
Hedwig gefolgt erschien und durch leichte Mittel die Kranke bald wieder
zu sich brachte. Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr
eigentlich fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur,
und ihr Blick doch so stier und dann wieder unstt, wie ngstlich und
scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien; das Antlitz dabei
so todtenbleich, das Auge eingefallen und trb, da er zuletzt fast
frchtete diese Schwche sei die Vorbotin einer greren, schwereren
Krankheit, die noch unausgesprochen in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich
fr jetzt nur ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen
sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal
nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht deutlicher
ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu knnen. Die brige
Gesellschaft ersuchte er die Kranke am Besten sich selber und der
Sorge Hedwigs zu berlassen, und zog sich wieder, nach einem herzlichen
Hndedruck Hopfgartens, dem der junge Mann ungemein gefallen, in das
Zwischendeck zurck.




Capitel 3.

An Land.


Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit anbrechender
Dmmerung in einen ruhigen wohlthtigen Schlaf gefallen, in dem sie der
junge Arzt unter keiner Bedingung gestrt haben wollte. Dazu htte es
aber freilich keinen unglckseligern Tag an Bord geben knnen, wie
gerade heute, wo das Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden
sollte, und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis in
den Kiel hinab erschttern machten. Jedenfalls mute die Kranke je eher
desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort die nthige Ruhe und
Pflege zu erhalten, wo sich hoffen lie da sie sich auch bald erholen
wrde, und Georg Donner beschlo deshalb selber mit Herrn Henkel zu
reden, sobald dieser zurck an Bord kommen wrde.

Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der aber sehr ruhig ber
den Fall und fest berzeugt schien, da es als ein leichtes Unwohlsein
bald vorber gehen wrde, versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und
Alles in Ordnung gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn da ein sehr
intimer Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten rzte der Stadt sei,
der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere Folgen haben, mit den
klimatischen Verhltnissen hier bekannt, die Kranke bald wieder herstellen
wrde. brigens dankte er ihm fr die seiner Frau geleisteten Dienste
und schien einen Augenblick sogar unschlssig ob er ihm ein Honorar
dafr anbieten drfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas hnliches
frchten mochte, und zu stolz war seine Hlfe weiter aufzudrngen,
schnitt die Unterredung kurz ab, und rstete sich jetzt selber so
rasch als mglich das Land betreten zu knnen.

An Bord herrschte indessen ein reges, geschftiges Leben. Schon mit
Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet und zu gleicher
Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem nchst liegenden Schiff gebracht,
wohin sie sich jetzt mit dem vorderen Gangspill bugsirten, und um acht
Uhr etwa lag die Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten
Planken, ihre Fracht und Passagiergter bequem ausladen zu knnen, dicht
an der Leve -- ein Platz den ich dem Leser spter nher beschreiben
werde -- und der Vorstadt von New-Orleans, dem zum groen Theil von
Deutschen bewohnten Lafayette gerade gegenber. Etwa zwanzig Schritt
unterhalb, an derselben Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger
Schiff an, das mit ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus
dem Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche Mhe hatten sich die
Passagiere dabei vorher gegeben die Schiff zu betreten; wie hatten
sie den Steuermann und Capitain geqult, und als es ihnen die nicht
erlaubten, geflucht und geschimpft. Jetzt htten sie es ungemein
bequem haben knnen, ihre halben Reisegefhrten zu besuchen -- jetzt,
wunderbarer Weise, dachte aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur
mit einem Schritt hinber und an Bord zu gehn, und Jeder drngte und
trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter den Fen
zu fhlen, und sich dem wohlthuenden Bewutsein hingeben zu knnen
endlich -- endlich, nach allen ausgestandenen und erlittenen Drangsalen
und Beschwerden das hei ersehnte Ziel _erreicht_ zu haben.

Ein Theil der Mnner hatte sich brigens schon mit Tagesanbruch, und
zwar mit dem Boot welches das Tau an Bord des anderen Schiffes brachte,
an's Ufer setzen lassen die dortigen Verhltnisse von einzelnen, gewi
anzutreffenden Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob
nicht irgendwo in der Nhe Arbeit zu bekommen wre. Sie muten doch erst
einmal ein Unterkommen fr die Familie und ihr Gepck haben, wonach sie
sich dann weiter und bequemer umschauen konnten. Unter ihnen waren die
Oldenburger, (die besonders drngten und trieben, damit ihnen die von
dem Hamburger Schiff nicht zuvorkmen) Steinert, Lwenhaupt, Rechheimer,
Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier fr seine kleine Familie
zu suchen hatte, da er beabsichtigte New-Orleans zu seinem nchsten
Wohnsitz und Aufenthalt zu whlen, und noch einige der Handwerker und
Bauern an Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet
werden konnten.

Es war noch die frhste Morgenstunde, nichts destoweniger schwrmte die
Leve[5] schon -- da in dem warmen Klima fast alle Geschfte Morgens
beendet werden, von thtigen Leuten, die sich Alle in grter Eile
durcheinander drngten, und die Neugekommenen kaum eines Blickes
wrdigten. Schwergepackte zweirdrige und eigenthmlich gebaute Karren,
mit _einem_ krftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener
Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt hinein, und
abgeladene trabten, mit dem Fhrer vorn darauf stehend, rasch wieder
zurck, neue Fracht zu holen. Kleine einspnnige Milchkarren, mit
einer Masse blechener Kannen bepackt, rasselten ber das Pflaster;
wunderhbsche Mulatten, und Quadroonmdchen, schlank und voll gewachsen,
mit elastischem Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle Haar
geschlagen, boten Blumen und Frchte aus; Mnner und Knaben, mit Krben
und kleine Glaskasten umgeschnallt in denen eine Masse verschiedener
Kleinigkeiten zum Verkauf auslagen, standen an den Ecken oder wanderten
an den Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit und
meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Franzsisch und
jdischem Deutsch feil bietend.

Dann die Kauflden, die wunderlichen groen Schilder mit den riesigen
Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich, hier in der Vorstadt, mitten
durch die Menschenschaaren drngten, oder gedrngt wurden, ihrem
Bestimmungsort, dem Schlachtplatz zu, die Masse von Negern und Mulatten,
Mestizen, Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von
Wei und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets neben den
schmutzigen Marktwgen die Frchte und Gemse aus dem Inneren zur Stadt
bringen; es war ein Gewirr von Sachen da die Einwanderer, von denen
sich nur Eltrich getrennt hatte seine eigenen Geschfte desto rascher
besorgen zu knnen, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu hren
hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, hirnverdrehenden
Traum befangen an der Leve hinauf, der eigentlichen Stadt zugingen, und
herber und hinber gestoen, denn sie schienen _allen_ Menschen heute
im Weg, endlich unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl Mnner und
Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Leve saen und
das Wogen und Drngen der Weltstadt still und die Hnde in den Schoo
gelegt, an sich vorber strmen lieen.

Das sind Deutsche! rief Steinert, mit der Hand nach ihnen hinber
deutend -- die knnen uns auch vielleicht Auskunft geben wohin wir
uns am Besten wenden, mitten in die Stadt zu kommen; wir wollen sie
jedenfalls fragen.

Und wo wir hier Arbeit kriegen sagte da ein Oldenburger, Donnerwetter,
seit wir hier auf dem Damm herum laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe
geworden; ich glaubte erst wir wrden den Fu nicht an Land setzen
knnen, ohne da die Amerikaner auf uns zukmen, und uns frgen was wir
den Tag oder Monat fr Lohn haben wollten, und jetzt bekmmert sich
keine Menschen-Seele um uns, und die Leute thun gerade so, als ob wir
gar nicht in der Welt wren.

Guten Tag Landsleute sagte Steinert als sie sich den Leuten nherten,
und die Mnner und Frauen drehten rasch den Kopf nach ihm um, und
erwiederten den Gru.

Auch erst angekommen? frug der eine Oldenburger den ihm nchst
sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen Hosen, baumwollenen
langen Strmpfen, eine blaue Jacke mit bleiernen Knpfen darauf, wei
und blaugesprenkelte Weste und eine Pelzmtze auf.

#Jes# sagte der Mann, seit gestern Morgen.

Und spricht schon Englisch? lachte Steinert.

#Jes# a Bisle sagte der Mann wieder, aber mit einem wehmthigen Zug um
den Mund, als ob es ihm leid thue.

Und weshalb sitzt Ihr hier und verpat die schne Zeit? rief Steinert,
oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Flu hinauf zu gehen?

Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht lnger an Bord behalten
und nicht wieder mitnehmen wollte sagte der Mann finster.

Wieder mitnehmen? -- nach Deutschland?

#Jes.#

Aber um Gottes Willen weshalb?

Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern mchten in
Amerika sagte der Mann und die Frau die neben ihm sa prete ihr Kind
fester an sich und wandte den Kopf ab, da die Fremden die Thrnen nicht
sehen sollten, die ihr in den Augen standen.

Ist es so schlecht hier? frug der andere Oldenburger rasch.

Schlecht? -- das wei ich nicht sagte der Mann -- aber wir sind
unserer sechse gestern den ganzen Tag von Morgen bis Abend herumgelaufen
Arbeit zu suchen und Brod zu finden, und Niemand hat uns haben wollen,
und Geld haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen. Gestern
hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord mitgenommen -- heute
werden wir von den halbfaulen Apfelsinen und pfeln leben knnen, die
die Obstweiber fortwerfen.

Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen bleiben? frug sie
Steinert kopfschttelnd; es wird doch wohl gewi Pltze geben wo Ihr
die unterbringen knntet.

Ja es gibt so Huser, die sie hier Bordinghuser nennen sagte ein
Anderer -- aber die verlangen gleich Geld, oder die Sachen in Versatz,
weil wir mit Frauen und Kindern ankamen, und sie die berdie nicht gern
einnehmen wollen. Das ist nun Amerika -- _jetzt sind wir da!_ und der
Mann sttzte seinen Kopf in beide Hnde, holte tief Athem, und sah still
und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.

Seid Ihr auch eben erst angekommen? frug der Erste wieder.

Ja sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut -- heute Morgen
-- vor einer halben Stunde etwa.

Und habt Ihr auch Frauen mit? frug die eine Frau mit leiser Stimme,
aber es lag ein solcher Schmerz darin, da es selbst Steinert unbehaglich
zu Muthe wurde, und er rasch sagte:

Ihr mt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, die gebratenen Tauben
fliegen Einem nicht in's Maul, und Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr
darauf wartetet. Ihr seid gesund und krftig, und allen Solchen fehlt es
in Amerika nicht, das ist eine allbekannte Sache.

  [Illustration: Capitel 3.]

Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden hat der Einem was
giebt? sagte einer der Anderen wieder. Ihr habt klug reden -- vielleicht
die Taschen noch voll Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst
einmal in der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und
fragt nach Arbeit, und werdet berall fortgeschickt, und wit dann da
Eure Kinder am Flu sitzen und nach Brod schreien. -- Ich bleibe jetzt
hier ruhig hocken, setzte er dann mit finsterem Trotz hinzu, und will
eben einmal sehn ob uns die Amerikaner hier auf der Strae verhungern
lassen oder nicht.

Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen? frug ihn Wald, der
indessen heimlich in die Taschen gegriffen und einen halben Dollar
herausgenommen hatte.

Nein, wir sind ihrer noch mehr sagte der Erste -- die Anderen sind
wieder ausgegangen heut Morgen und suchen Arbeit oder Brod -- wenn wir
nur Milch fr die Kinder htten.

Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der Strae gefunden
sagte Wald, das Geldstck der Frau hinhaltend -- Euch thuts hier
wahrscheinlich mehr Noth, denn ich habe keine Familie -- nehmts!

Die Frau zgerte, -- die Hand zuckte ihr nach dem Silber, aber unschlssig
sah sie dabei nach dem Mann hinber, ob sie es nehmen drfe; da warf ihr
Wald das Geld in den Schoo und ging rasch die Strae hinunter, in deren
dichten Getmmel er im nchsten Augenblick schon verschwunden war.

Du -- hast _Du_ gesehn da der Jude den halben Dollar gefunden hat?
frug der eine Oldenburger den andern leise, als sie die Strae wieder
hinaufgingen.

Ne sagte der.

Ich auch nicht -- pa man ein Bischen auf, vielleicht finden wir auch
was meinte der Erste wieder und betrachtete von da an die Leve mit
hchst mistrauischen Blicken.

Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen hchst unangenehmen
Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in seinen Augen verloren. Da
waren Leute -- gesund, krftig und stark, die _Arbeit_ suchten und keine
finden konnten, und sich vor dem Hungertode frchteten -- zu Hause aber
hatten ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erzhlt,
und in Bchern konnte er sich auch nicht erinnern, schon etwas hnliches
gelesen zu haben.

Verfluchte Geschichte das, murmelte er dabei vor sich hin ich wei
nicht was soll es bedeuten, da ich so traurig bin -- ganz verfluchte
Geschichte das. -- Aber die Leute haben keine Empfehlungsbriefe, _das_
ist die Sache, und keine Lebensart -- wissen sich nicht zu benehmen,
nicht in die Schwchen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder
diese zu benutzen -- vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft -- bitte
um Entschuldigung unterbrach er sich in dem Augenblick selbst, als er
von einem riesigen Irlnder, der sich aber nicht weiter um ihn kmmerte,
fast ber den Haufen geworfen wurde -- hm, der Weg war doch breit genug
brummte er dann hinter ihn her und setzte, immer noch kopfschttelnd
aber doch jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt
fort.

Wald hatte sich inde in das dickste Gedrng geworfen, wo er pltzlich
voll und breit gegen einen hlzernen, mit kleinen Glasscheiben versehenen
Kasten anlief, ber dem er zu seinem nicht geringen Erstaunen ein
bekanntes Gesicht entdeckte.

Rosengarten -- Gottes Wunder wo kommst _Du_ her? rief er berrascht
aus, whrend er den Kasten mit beiden Hnden festhielt und dem Trger
desselben, der ihn an ein paar breiten ledernen Riemen ber die Schultern
gehngt trug, in das Gesicht schaute.

Wald! als ich gesund will bleiben -- #tri 'scaleng a piece trois bits#
drei Real 's Stck, bester Qualitt #werry fine bong!# rief der junge
Bursche in einem Athem den Freund begrend und in allen mglichen
Sprachen seine Waaren zugleich ausbietend, keine unnthige Zeit zu
versumen -- #wer you come from? tri 'scaleng -- only tri bits#
Schentelman, #werry fine bong!#

Hallo -- lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen hinein, die nicht
allein von dem neu gefundenen Freund, sondern von allen Seiten und allen
Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn
taub zu machen drohten mit mir mut Du schon noch deutsch reden, sonst
verstehe ich keine Sylbe.

Just #from# Schermany gekommen? rief aber der kleine Jude ihn erstaunt
ansehend und was mache se in Bamberg? stehen die vier Thirmle noch?
#tri scaleng a piece -- only tri bits, trois scaleng werry bong! who
will puy?#

Wald sah wohl da mit dem Burschen hier auf offener Strae, wo er
jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren kaufen zu wollen, Nichts
anzufangen sei, so also, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch
er ihm unter dem Kasten weg, fate ihn hinten am Rockscho, und zog ihn,
whrend dieser noch unverdrossen ausschrie, rckwrts aus dem dichtesten
Gewirr hinaus einer verhltnimig stilleren Strae zu, die gerade dort
wo sie sich befanden auf die Leve ausmndete. Diese Strae mit ihm
hinaufgehend kamen sie bald zu einem Haus an dem auf weiem Schild mit
grnen Buchstaben Deutsches Kosthaus geschrieben stand, und da Beide
noch nchtern waren, verstndigten sie sich leicht dort hinein zu gehn
und whrend der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu plaudern.
Rosengarten war um so eher damit einverstanden, als er dabei auch nicht
so viel Zeit unnthig zu versumen brauchte, denn essen mute er doch.

Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen gerade so viel zu
thun? frug ihn Wald -- so frh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.

So frh? rief aber der kleine Bursche -- so frh, und so viel zu
thun? -- kein Mensch kann das wissen, und Geld mu der Mensch hier
machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde also die man versumt,
macht man kein Geld, und die ist verloren, kommt nicht wieder.

Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so furchtbar in dem
nichtswrdigsten Englisch und Franzsisch, mit sogar einigen spanischen
Brocken, wie eben so schlechtem Deutsch durcheinander, da sich Wald
wirklich die grte Mhe geben mute, nur zu verstehen was er im Ganzen
sagen wolle, denn die einzelnen Stze hatte er schon lange aufgegeben.
Der Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen
Erfolgen gab, war ungefhr kurz der folgende. Vor kaum einem Jahr von
Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, zuerst Monate lang
vergebens gesucht bei irgend einem Landsmann und Glaubensgenossen in
ein Geschft aufgenommen zu werden. Was in einem solchen zu thun war,
besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, wenige
Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wute er in Verzweiflung
wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, den er endlich
um Untersttzung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, sondern
_borgte_ ihm ein Dutzend baumwollene Hosentrger, mit denen er ihm ganz
ernsthaft rieth ein Geschft _selber_ zu beginnen, und er folgte dem
Rath. Die Hosentrger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem
Anderen einige Kmme, Zahnbrsten, Band und Stecknadeln, etc. Auch diese
trugen gute Frchte, und in drei Monaten konnte er sich einen Glaskasten
mit solch werthvollen Gegenstnden anschaffen, da er sich jetzt zu
einem drei Real[6] pro Stck Krmer emporgeschwungen hatte, und goldene
Ringe und Tuchnadeln, Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten,
Ohrringe und berhaupt Byjouterieen in den Straen der Stadt, als
wandernder Tabulettkrmer feil bot. Amerika war brigens das Land Geld
zu machen _seiner_ Aussage nach, und die Leute die drinnen _hungerten_,
deren eigene Schuld sei es, und sie verdienten es eben nicht besser.

Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand sich hier ebenfalls
in einer fremden ungewohnten Welt, der das bisher ertragene Schiffsleben
nur einen noch hheren Reiz verlieh. Der lange Tisch, an dem eine Masse
Menschen saen und, ohne mit einander ein flchtiges Wort zu wechseln,
ihr Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als mglich wieder
fertig zu werden, die Quantitt der Speisen selber, und frisches Brod,
frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter
Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang schmerzlich vermit, und
spter fast vergit, da sie berhaupt existiren, bis sie mit einem
Male smmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu
groen Reiz fr ihn, nicht selbst seine Amerikanische Zukunft fr den
Augenblick in den Hintergrund zu drngen, und als Rosengarten -- dem der
Boden unter den Fen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf
den Schauplatz seiner Thaten -- ihm die Adresse des eignen Kosthauses
gegeben hatte, wo sie sich heute Abend wieder finden wollten, und dann
fortgeeilt war sein Ausschreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch
eine ganze Weile an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefhl
hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl
aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu knnen, auf dem es der
Mhe werth war einen Teller stehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher,
mit einem Blechnapf voll Erbsen und einem Stck salzigen Fleisch auf den
Knieen so lange zu balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers,
nicht des Wohlgeschmacks wegen hinuntergewrgt war.

Von den brigen Passagieren hatten sich brigens die wenigsten schon dem
Genu einer ordentlichen Mahlzeit hingeben knnen, denn jetzt auf ihre
eigenen Krfte angewiesen einen Beginn in dem neuen Land zu finden,
muten sie vor allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen
konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen fr ihre knftigen Hoffnungen.
Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschft, da von dem einen
Schritt vielleicht ihr ganzes knftiges Glck oder Unglck abhing, und
die Folgen, wie sie den Anfang nahmen, segensreich oder verderblich
werden muten.

Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie und den,
an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Masse
Gepck (die ihn doch jetzt etwas besorgt machte, da er sie von dem
Schiff nehmen sollte ohne genau zu wissen wohin) war gezwungen einen
Entschlu zu fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder
mit einem der Fludampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft
noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nrdlich gelegenen
Klima zueilen wolle.

Henkel, dessen Meinung er darber ganz besonders schon unterwegs
eingeholt, und der auerdem seine eigenen Grnde hatte den Professor
mit seiner Familie so rasch als mglich von New-Orleans zu entfernen,
rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louisiana war nicht allein
ein Sclavenstaat, sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export
producirendes Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht mit
bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden
in Angriff zu nehmen, kaum ber Wasser halten konnte. Der Norden bot
ihm dafr sicherere Hlfsquellen und ein besseres, dem Europer mehr
zusagendes Klima, wo sie ihre eigenen Krfte verwerthen konnten, und mit
einem weit geringeren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte
ihm dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nrdlich gehen wollte,
Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, denn trieben die
beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren doch schon so viele
nordische Einwanderer, besonders Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre
eigene Arbeit verrichteten, da die eigene Arbeit auch eben mit der
Sclavenarbeit concurriren konnte, whrend der Ansiedler zugleich in
einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines uerst fruchtbaren
Bodens, und auerdem verhltnimig gesunden Landes geno. Selbst
Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, war da zu
empfehlen, noch dazu da die junge Land einmal eine groe Zukunft
htte; wolle er aber ganz sicher gehn und htte er ein paar tausend
Thaler an einen Anfang zu wenden, so riethe er ihm die mehr stlichen
Staaten, Indiana oder Ohio zu whlen, wo er gewissermaen schon in eine
civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen
brauche; Boote fr den Ohiostrom gingen berdie an jedem Tag ab und er
habe die Erleichterung sein Gepck, was je eher desto besser geschehe,
gleich von Bord der Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen
zu knnen, das ihn in die nchste Nhe, vielleicht vor die Thr seiner
nchsten Heimath trge.

Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines Platzes zu
entschlieen, besonders wenn man das Land noch nicht kennt und Familie
hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen die wir da hren und lesen,
schwimmen uns in wsten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und
dem Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht
-- die oft nur zu gegrndete -- das Alles nicht so zu finden, nicht
etwa wie es erzhlt wird, sondern wie wir es uns denken, und dann
einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan _ist_, und nicht mehr
zurckgenommen werden kann. Der Auswanderer wei dabei, da von diesem
Entschlu sein ganzes knftiges Leben, Glck oder Unglck abhngt; sind
dann die Wrfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem
Wurf zurck, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein Flei und
guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag geben, nein der
Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob er das rechte trifft, und nicht
vielleicht spter einsehn mu Geld und Zeit an ein _Experiment_, an eine
viel zu theuer erkaufte Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu
sein noch einmal, und wie viel schwerer _dann_, von vorne zu beginnen.

Das Schlimmste dabei ist, da er sich in Amerika selber wenig auf den
Rath fremder Leute verlassen darf, denn berall ist er der Gefahr
ausgesetzt solchen in die Hnde zu fallen, die eigener Nutzen treibt ihm
diesen oder jenen Landstrich ganz besonders zu empfehlen. Die Leute
brauchen nicht gerade selber irgend einen gewissen Platz verkaufen zu
wollen, aber sie haben meist Alle irgendwo in den Staaten oder Stdten
der Staate Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen
und fr sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben andere
Ansiedler in dessen Nhe niederlassen, das Land bebauen und die Produkte
durch eine grere Cultur im Werthe steigen machen. Ihr Rath braucht
deshalb nicht schlecht zu sein, aber die Frage bleibt immer ob der
Einwanderer nicht doch noch einen besseren Platz htte finden knnen
fr seine Niederlassung -- wenn ihm eben nur Zeit gegeben wre sich
den selber zu suchen.

Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggrnde, die ihn trieben
dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen, wenn er auch in
ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht versumt haben wrde die
Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Fr jetzt lag ihm nur Alles
daran ihn und seine Familie, an die sich sein Weib nher angeschlossen
hatte als ihm lieb war, so rasch als mglich von ihr zu entfernen;
_wohin_ er dabei den Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich
gleichgltig nur fort mute er von New-Orleans.

Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch nicht so
rath- und thatlos gefhlt als in dem Augenblick, wo er am vorigen
Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels und seiner brigen
Reisegefhrten Begleitung, festen Grund und Boden betrat, und nun fr
sich selber _handeln_ sollte. So viel hatte er allerdings bis dahin ber
Amerika gelesen und studirt, da er mit grter Leichtigkeit selber
htte eine sehr ausfhrliche Abhandlung darber schreiben knnen, wie
sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land treten zu
benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, am raschesten zu einem
gnstigen Ziel zu kommen; nun er aber selber da stand und das auch an
sich selber ausfhren sollte was er anderen mit fester berzeugung
gerathen haben wrde, da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen,
Fremden das ihn umgab, und er fhlte eine Befangenheit, die er frher
nimmermehr fr mglich gehalten htte, und sich jetzt am allerwenigsten
selber eingestehen mochte. Die Husermassen schienen ihn zu erdrcken,
die fremde Sprache, deren er Herr zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr
ihm jetzt die Ohren mit einem Chaos von unbegriffenen Tnen fllte,
machte ihn schwindeln, der Angstschwei trat ihm auf die Stirn, und er
mute mehrmals stehen bleiben um Athem zu schpfen und sich zu besinnen
was er eigentlich wolle, was ihn hierher gefhrt.

Die brigen Passagiere zerstreuten sich indessen bald nach verschiedenen
Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend einem bestimmten Geschft
nachgehend, und der Professor zitterte wirklich schon vor dem Augenblick,
wo er sich selber berlassen bleiben wrde, wenn er sich gleich noch
immer nicht gestehen wollte, da es doch ein ganz anders Ding um die
Praxis als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als sich
ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen habe, zum
Fhrer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und er hing sich ordentlich
krampfhaft an dessen Arm, als ob er frchte da er ihm wieder
entschlpfen knne.

Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm unter den
Hnden wie weiches Wachs geworden, und verlangte schon gar keinen Rath
mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung von Jemand angegeben zu
bekommen, der er, scheinbar freiwillig, folgen knne. Der junge Mann
erzhlte ihm jetzt von seinem frheren Aufenthalt in Indiana, welch
gesundes, vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde
habe und diesen Staat, so er sich dazu entschlieen knnte Ackerbau zu
treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz whlen wrde, und
wute die Vortheile desselben, die glckliche Lage, die ausgezeichneten
Communicationsmittel, die Produktionsfhigkeit, die reizende Scenerie,
die fleiigen stillen Menschen dort mit solch lebendigen Farben zu
schildern, da es dem Professor nach und nach wie eine Last von der
Seele rollte, und er freier, frhlicher zu athmen begann. Eine Stunde
spter hatte er denn auch richtig -- wenn auch noch keine Farm gekauft,
denn ein gewisser glcklicher Instinkt lie ihn davon zurckschrecken
baar Geld aus den Hnden zu geben, ehe er mit eigenen Augen she was er
dafr bekme, aber doch einen Empfehlungsbrief an einen bedeutenden
Kaufmann in Grahamstown am Ohioflu, Staat Indiana, in der Tasche, und
sogar hchst unnthiger Weise schon seine Passage fr sich und die
Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der am nchsten
Morgen um zwlf Uhr nach Cincinnati bestimmt, die Leve von New-Orleans
verlassen sollte, und ihn in Grahamstown absetzen konnte.

Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota gendert oder
gebessert, er wute so wenig von seinem knftigen Schicksal als vorher,
und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd und unbekannt, wie es jedes
andere kleine Stdtchen des ungeheueren Reiches gethan haben wrde; aber
von dem Augenblick an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von
jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch fremden Einflu
oder eigenen Entschlu, ein bestimmter Punkt gegeben worden, den er fr
jetzt nur zu erreichen, und dann auf dem Begonnenen weiter zu bauen
hatte, fhlte er pltzlich eine Zuversicht und Sicherheit in seinem
ganzen Wesen, wie er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er
war nicht mehr fremd in Amerika -- er gehrte nach Grahamstown im Staat
Indiana an dem Ohioflu, er konnte mit dem Finger auf der Karte genau
die Stelle bezeichnen wohin er wollte, und der Schritt mit dem er gegen
zehn Uhr Abends an Bord zurckkehrte, schwankte nicht mehr und zgerte
unschlssig, wie wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten
hatte, sondern war leicht und elastisch geworden, wie in frheren,
glcklicheren Tagen.

Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu berwinden, und zwar das
Gepck smmtlich vor der bestimmten Abfahrt des Dampfbootes aus dem
unteren Raum herauf und an Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht
nach der fast drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung
geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er sich deshalb
noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm das versprechen zu knnen,
da es ziemlich oben auf, und zwar alles zusammen unter die Vorderluke
gestaut war, und wenn die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der
Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten
hatte, so lie sich das schon bis zu der bestimmten Zeit in's Werk
richten.

Henkel war, wie schon vorerwhnt, erst am frhen Morgen an Bord
zurckgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld den Aufbruch der
brigen Passagiere erwartete. Er frchtete nicht mit Unrecht da Clara
sich ernstlich weigern wrde nach dem Vorgefallenen mit ihm zugleich
das Schiff zu verlassen, mehr als das aber noch, da sie sich irgend
Jemanden, und von allen vorzglich der Frau des Professors anvertrauen,
und eine Sache zur Sprache bringen knne, die jetzt -- was auch immer
spter geschehen mochte -- jedenfalls noch Geheimni bleiben mute. Da
etwas derartiges noch _nicht_ geschehen sei, konnte er leicht aus dem
freundlichen, unbefangenen Wesen der brigen Frauen entnehmen; es zu
verhindern da es jetzt noch, im letzten Augenblick, geschehen knne,
mute seine Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die
unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit zu bringen,
war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage lachen; er selber war
zu bekannt auf dem Terrain, auf dem er sich jetzt befand, etwas fr
seine persnliche Sicherheit frchten zu drfen.

Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings eine ziemliche
Zeit in Anspruch, und die brigen Passagiere wenigstens ein groer
Theil von ihnen, drngte ebenfalls seine Sachen aus dem unteren Raum zu
bekommen, das Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das
Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tchtiges
Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten #with a will# wie
sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer nach Koffer entstieg
dem dunklen Raum, und wurde an Deck gehoben, rasch geffnet, von dem
Mauthbeamten flchtig angesehn, wieder zugeschlagen und ber die
ausgeschobenen Planken an Land geschafft. Die Effekten waren fr eine
Farm in's Innere, fr eine groe Familie und eigenen Gebrauch bestimmt;
neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben auf, und
die Steuerbeamten hatten mit der _Fracht_ schon genug zu thun, sich eben
mit _Passagiergut_ viel abzugeben.

Um elf Uhr war smmtliches Gepck des Professors, dem sich von Hopfgarten
angeschlossen und ihm erklrt hatte die Reise nach Indiana in seiner und
seiner Familie Gesellschaft machen zu wollen, gelandet und revidirt,
und zum groen Theil auch schon auf den dort gebruchlichen #drays#
(zweirdrigen Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane
Wilmington geschafft zu werden. Henkel drngte aber jetzt den Professor,
seine Familie hinauf zu fhren sich dort an Bord einzurichten, und
zugleich mehr Sicherheit zu haben da der Dampfer wirklich nicht eher
abfhre, bis smmtliches Gepck auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte
inde bei dem kleinen Rest der Sachen zurckbleiben, und mit der letzten
Ladung nachfolgen.

Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt, und hielten es
ebenfalls fr nthig da sie sich dort ihre Coyen vor Abfahrt des
Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings bedauerten sie, so nahe an
New-Orleans nur eben _vorbei zu gehen_, ohne mehr von der Stadt zu sehn
als die dem Wasser zunchst gelegenen Huser, der Professor trstete sie
aber damit da sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal eine
Vergngungstour hierher machen konnten, wo sie tglich, an ihrem Hause
vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben wrden. Dann waren sie
auch im Stande das Leben in New-Orleans mehr zu genieen als jetzt, wo
sie die Sorge um ihre nchste Zukunft, ihre nchste Heimath doch nicht
ruhig liee, und auerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann
erst ihre smmtlichen Sachen geschafft werden muten, ein bses Geld
gekostet htte.

Henkel hatte inde einen viersitzigen Wagen besorgt der, von einem
Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Leve herankam und den
ausgeschobenen Planken gegenber hielt.

Aber wir mssen erst von Clara Abschied nehmen sagte Marie, als der
Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen, damit der Wagen nicht so
lange zu warten brauche -- lieber Gott es ist so traurig genug da wir
sie jetzt krank zurcklassen, und ihr nicht beizustehen suchen in dem
fremden Land.

Ich sagte ihr gern Adieu versicherte die Frau Professorin, wenn ich
nicht frchtete sie vielleicht gerade in ihrem jetzigen Zustand noch
mehr aufzuregen.

Sie wrden mich unendlich verbinden erwiederte Henkel mit einem
bittenden Blick auf die alte Dame, wenn Sie Alles vermieden Clara zu
beunruhigen; sie ist so nervs, da das Geringste sie in Thrnen
ausbrechen macht.

Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so pltzlich kann
zugestoen sein sagte Anna -- Clara war, so lange ich sie kenne, stets
so gesund und wohl, und heiter und vergngt, und jetzt auf einmal ist
sie in einem Zustand von Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu
erklren wei.

La nur mein Kind sagte die Frau Professorin freundlich, das wird,
und hoffentlich bald, vorbergehn. Gern htt' ich sie freilich selber
noch einmal gesehen, Herr Henkel hat aber ganz recht, wir vermeiden am
Besten jede Aufregung, und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht
herzlich von uns zu gren, und ihr alles Gute und Liebe zu wnschen was
sie sich nur selber wnschen kann.

Die Jahreszeit ist noch frh und der Herbst bringt gewhnlich das
schnste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in December hinein sagte
Henkel rasch und freudig, hat sich dann Clara erholt, und erlauben es
nur irgend meine Geschfte, wie ich nicht den mindesten Zweifel habe,
dann besuchen wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer Farm.
Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde Sie dort schon finden.

Oh das wre herrlich, das wre wunderhbsch rief Anna -- Clara wird
gewi recht bald besser werden.

Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff rief Marie
jetzt entschlossen -- ich will sie nicht stren -- wenn sie schlft,
sie nur leise kssen -- nur ihre Hand wenigstens -- sie braucht auch gar
nicht zu wissen da wir fortgehn, aber sehn mu ich sie noch einmal; ich
habe eine Angst, der ich nicht Worte zu geben vermag, und wei gewi,
ich wrde nicht froh werden, htte ich sie so ohne Abschied
zurckgelassen.

Du bist ein Kind sagte die Mutter freundlich, so geh, wenn es Dir
Herr Henkel erlaubt, und gre und ksse sie von uns; aber bleib nicht
lange setzte sie rasch hinzu, denn der Vater winkt dort schon wieder
vom Land, und wir wollen indessen hinuntergehn, und uns in den Wagen
setzen.

Henkel bi sich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht
Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mdchen auch die Erlaubni
nicht weigern, und sie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was
die Kranke auch nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in
die Cajte hinunter.

Clara war erwacht -- sie lag, vllig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig,
an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe leise ffnete, hinein sah
und dem jungen Mdchen dann den Vortritt lie.

Clara -- meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir? rief Marie auf sie
zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend -- Du siehst besser aus
heute Morgen, und gewi wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell
erholen, wenn Du nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte
hliche Seefahrt hat so lang gedauert.

Du gehst an Land? frug Clara rasch und wie erschreckt, die Freundin
mit ihrem Arm leise von sich drckend, ihren reisefertigen Anzug zu
betrachten -- Du gehst fort von hier --und -- und Deine Mutter auch?

Nein, Clara noch nicht mein Herz -- wir bleiben noch kurze Zeit
zusammen erwiederte Marie, aber sie mute sich zwingen da sie die
Thrnen zurckdrngte, die ihr in's Auge pressen wollten.

Wo ist Deine Mutter? frug Clara, noch immer nicht beruhigt -- bitte
sie zu mir zu kommen ich -- ich mchte sie sehen.

Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz antwortete das junge
Mdchen ausweichend -- nachher, wenn Du wieder wohl und auf bist -- ich
soll Dich jetzt von ihr gren und kssen.

Weshalb kommt sie nicht selber? -- sie ist fort! rief die Kranke und
suchte sich selbst emporzurichten.

Qule Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara -- was hast Du nur?

Frulein Marie sollen nach oben kommen -- der Wagen wartet rief in dem
Augenblick der Steward in die Cajte hinunter.

Der Wagen? -- was fr ein Wagen? rief Clara, rasch aufmerksam
geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu verlassen. Marie verhinderte
sie daran.

Bleibe liegen mein ses Herz bat sie in Todesangst, bleibe liegen
-- ich mu jetzt fort; bald -- bald komme ich wieder -- Gott schtze
Dich und ihre Lippen auf die heie Wange der Freundin pressend, richtete
sie sich rasch empor und floh aus der Cajte.

Marie! schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend --ich mu --

Mich _migen_ sagte Henkel ernst und finster, der in diesem
Augenblick in der noch offenen Thr erschien und mit einem warnenden
Blick diese wieder schlo.

Teufel! sthnte die Unglckliche und sank, ihr Antlitz in den Hnden
bergend, erschpft, gebrochen, auf ihr Lager zurck.




Capitel 4.

Abschied der Passagiere.


Unten am Wagenschlag an der Leve, whrend Professors noch auf die
zurckgebliebene Marie warteten, stand Frulein von Seebald, Abschied
von den bisherigen Reisegefhrten zu nehmen, und ihnen das Geleit zu
geben, so weit als mglich.

Und was ist _Ihr_ Ziel hier, mein liebes Frulein? frug die Frau
Professorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thrnen im
Auge, die Hand geschttelt hatte, werden Sie in New-Orleans bleiben,
oder gehen Sie ebenfalls in das Innere?

Mein Ziel liegt weit von hier sagte Frulein von Seebald mit dem ihr
eigenen Anflug von Schwrmerei, weit im fernen Westen, in dem jungen
Staate Arkansas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jger das Land
durchstreifen, und die Bffel und Bren fllen.

Nach Arkansas? -- und ganz allein? rief Anna erschreckt, aber was um
Gottes Willen zieht Sie dorthin?

Familienbande -- die Bande des Herzens lchelte aber Amalie, eine
liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen,
der sein Vaterland nach jenen unglcklichen Kmpfen verlassen mute,
verheirathet.

Und wie kommen Sie dorthin? frug die Frau Professorin.

Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die mir der Capitain
freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot den Arkansasstrom hinauf,
und ihre Heimath ist nur wenig englische Meilen von dessen Ufern
entfernt.

Das nenne ich Geschwisterliebe sagte die Frau Professorin freundlich
mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich pressend
-- einen so weiten Weg allein zu gehn.

Nennen Sie es Eigennutz -- Selbstsucht liebe mtterliche Freundin
rief aber Frulein von Seebald lchelnd aus -- das prosaische Leben
Deutschlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnsucht nicht lnger
widerstehn das freie herrliche Land selber aufzusuchen, in der die
Schwester ihren Herd gebaut.

Und es geht ihr gut dort?

Gewi, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden
-- aber sie hat lange nicht geschrieben, und ich werde sie jetzt
berraschen.

Sie wei gar nicht da Sie kommen?

Nicht ein Wort.

Das wird ein Jubel sein sagte die gute Frau -- lieber Gott, wenn man
sich nach so langen Jahren wieder sieht -- wie lebhaft kann ich mir die
Freude denken.

In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegefhrten aus dem
Zwischendeck, ber die ausgelegte Planke an Land -- sie hatten Neger bei
sich die ihr Gepck trugen.

Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein Kind auf dem
linken Arm, und ihnen folgte ein stmmiger Schwarzer mit einem groen
Holz- und einem kleineren Lederkoffer mit zwei Hutschachteln und einem
Reisesack dem Violinetui und ihren Betten auf einem zweirdrigen
Handkarren -- eine kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem
Wagen vorbeigingen grten sie freundlich die Damen, und wandten sich
dann der nchsten Querstrae zu, die hinauf in die Stadt fhrte.

Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau hat sagte Anna,
die den Gru herzlich erwiedert hatte und ihnen nachschaute ein so
zartes Wesen und hat die ganze Reise im Zwischendeck ausdauern mssen
-- ich habe sie oft bewundert; und sie war immer froh und heiter.

Ich wre gestorben; seufzte Frulein von Seebald.

Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere! rief Anna, nach der
Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr Mehlmeier die Hnde in
den Taschen, und einen rothseidenen Regenschirm unter den linken Arm
gedrckt, von einem Mulatten begleitet, der einen nicht eben schweren
Koffer auf der Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die
Planke hinunterstieg, und dicht an dem Wagen vorberging. --

Wnsche Ihnen eine recht glckliche Reise meine Damen murmelte er
dabei mit seiner feinen Stimme, whrend er keine Miene verzog und sie
eher mit einem Gesicht anschaute als htte er sagen wollen, Na _Ihr_
knntet auch zu Fue gehn.

Ist das ein grober Mensch lchelte die Frau Professorin hinter ihm her
-- sind nun so lange auf _einem_ Schiff gewesen, und soweit mitsammen
ber das Wasser gekommen, und er grt nicht einmal, hat uns auch nie an
Bord gegrt, und uns nur immer steif und hlzern angesehn.

Mir war es fast als ob er Ihnen glckliche Reise wnschte sagte
Frulein von Seebald -- aber ich konnte es nicht deutlich verstehen.

Nein gewi nicht lachte Anna, er verzog ja keine Miene dabei -- aber
da kommt auch der Dichter -- wenn das sein ganzes Gepck ist, wird er
nicht viel Umstnde damit haben.

Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch mit einem sehr
schmchtigen gelben Lederkoffer unter dem linken Arm, und einem kurzen
Reisesack auf dem ein Pegasus gestickt war in der rechten Hand, voran
lief. Theobald selber trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral
in der rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem
Fischbein-Stckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, fate aber,
als er die Damen an der Leve halten sah, seinen gelben Lasttrger
hinten in den Bund, da er ihm nicht in dem Gewirr von Menschen abhanden
kam, und bedeutete ihn mit nach dem Wagen hinber zu gehn, und dort zu
warten. Er sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mute
durch Zeichen gefhrt werden.

Meine Damen, ich habe die Ehre -- ich mchte fast sagen den _Schmerz_
-- mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen sagte er, hier angekommen mit
einer besonders bedeutungsvollen Verbeugung gegen Frulein von Seebald,
und einen Ausdruck in den Zgen, der mehr sagen sollte als die kalten
Worte.

Und wohin trgt Sie Ihr Flug? frug Amalie mit einem leichten,
vielleicht kaum bewuten Errthen.

Wohin? rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung des
Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend, in den Strudel
der sich hier vor uns ffnet, in die Charybdis dieses weiten Reichs
spring ich hinein, ein khner Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen
werden? -- ich wei es nicht -- ob ich darin untergehe? --  die Hand mit
dem Hutfutteral kam wieder herunter -- wer mag den dunklen Schleier der
Zukunft lften -- nur ein Gott.

Er stak fest -- die Frauen waren in Verlegenheit was sie ihm darauf
erwiedern, ob sie ihn trsten oder bewundern sollten, und Theobald
selber hatte den Faden verloren, als der kleine Mulatte beide Theile aus
der Verlegenheit ri. Da dieser nmlich nicht den mindesten Grund sah
weshalb er hier stehn bleiben und seine schne Zeit versumen solle,
whrend er, wenn er rasch zurckkam, leicht noch eine Passagierfracht
von demselben Schiffe aus befrdern konnte, so setzte er pltzlich, ohne
weiter auf den Eigenthmer des Koffers und Reisesacks Rcksicht zu
nehmen, seinen Weg queer ber die Fahrstrae fort.

Sie da! -- Sohn Afrikas -- hallo! rief Theobald, in der Sorge um
sein Eigenthum pltzlich wieder auf die Erde herabkommend -- hallo
da -- warten Sie bis ich mit komme!

Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer wrdig ist sagte mit
leisem trstenden Ton Frulein von Seebald -- der Koffer drohte aber in
dem Gewirr von Menschen zu verschwinden.

Sie werden entschuldigen meine Damen! rief Theobald, die Schnur des
Hutfutterals in die Finger der linken Hand pressend, die rechte zum
Hutabnehmen frei zu bekommen -- ich hoffe jedenfalls noch das Vergngen
zu haben Sie wieder zu sehn und sich den Hut fest in die Stirne
drckend folgte er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.

Anna lachte, Frulein von Seebald aber sagte sinnend.

Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn gefolgt, am
Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und West und Sd und Ost.
_Wo_ werden wir uns wiedersehn, und wird das berhaupt wohl je
geschehn?

Gewi -- und mit Gottes Hlfe froh und glcklich sagte die Frau
Professorin herzlich -- aber da kommt Marie, Kind, Kind, Du hast Dich,
und wahrscheinlich auch Clara furchtbar aufgeregt!

Nein, meine liebe Mutter betheuerte Marie, sich die groen hellen
Thrnen aus den Augen trocknend; ich bin ihr davon gelaufen, ehe sie
nur ein Wort sagen konnte.

Und nun fort! rief der Professor, der sich bis jetzt von der Leve ab
den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang an Bord zgernde
Tochter zurck zu winken Kinder wir haben noch furchtbar viel zu thun.
Eduard Du besorgst Alles ordentlich und notirst Dir besonders die
Nummern der Karren, denen Du die Fracht berlieferst, und giebst ihnen
jedesmal den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke
zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und dann kommst Du
augenblicklich nach -- #Jane Wilmington#, hier mit der Adresse der
Strae an deren Fu sie liegt. Ah Frulein von Seebald. Sie
entschuldigen.

Recht, recht glckliche Reise.

Danke -- danke herzlich -- Capitain ich sehe Sie noch ehe das Boot
abgeht?

Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem Steuermann zu reden
-- auf Wiedersehn. Ich komme dann gleich mit Herrn Henkel nach.

So Kutscher -- wir haben doch Nichts vergessen?

Nein Alles in Ordnung.

Also #go ahead#! -- vorwrts und mit Gott!

Adieu -- adieu!

Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Leve das Gedrng der Karren
und Fugnger zu gro war, und fuhr in scharfem Trabe den nchsten
Weg nach der Dampfbootlandung, whrend Eduard jetzt rasch das noch
zurckgebliebene Gepck befrderte, mit dem letzten Karren den Eltern
nachzufolgen.

Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hlfe eines mitten in der Stadt
aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis (Stube und Kammer wenigstens)
gefunden hatte, war rasch zurckgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem
entsetzlichen Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gepck hatten sie, da
Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umstnde, Lasttrger gab es
zu hunderten an allen Theilen der Leve mit Hand- und Pferdekarren, und
so stand ihnen denn Nichts weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau
besonders eine schwere Zeit verlebt, so rasch als mglich zu verlassen.
Der Neger kannte brigens die Strae und das Haus wohin sie wollten, und
als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen, nahm Eltrich sein
junges Weib an, sein Kind auf den Arm, und zog, das Herz voll Jubel und
froher Hoffnung mit ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.

Das war _Amerika_, der feste Grund den sie unter den Sohlen fhlten
-- das endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht, fr das sie gedarbt und
gespart daheim, und die hellblitzende Sonne schien ihnen freundlich
zuzuwinken im neuen Vaterland -- der wolkenleere reine Himmel ein frohes
Omen zu sein, all ihrer Hoffnungen und Trume. Freilich ringen und kmpfen
muten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier zu brechen,
vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, wie vordem, aber dafr
bot ihnen auch das ungeheure Reich einen freien ungehinderten Spielraum
fr ihre Thtigkeit, und Eltrich fhlte die Kraft in sich, fhlte da er
im Stande war alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen,
zu einer selbststndigen sorgenfreien Existenz. Seine Ansprche an das
Leben waren dabei mig; auf seinem Instrument aber war er Meister, und
die aufblhende Kunst in Amerika mute dem Knstler endlich ein Feld
bieten zu wirken und den Lohn dafr zu erndten. War das aber auch nicht,
nun so scheute er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn
nicht schndete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschlo zu
einer edleren Thtigkeit, wie blinde Vorurtheile das im alten Vaterland
gethan. Jung und krftig brauchte er nicht zu frchten Hunger zu leiden,
und wo so viele Tausende ihr Glck -- eine Heimath fanden, durfte auch
er der Zukunft mit froher Zuversicht entgegensehn.

Was fr ein reges wunderliches Leben das hier ist, meine Adele sagte
er, den Arm der Gattin pressend, der in dem seinen hing, und lchelnd zu
ihr niederschauend -- sieh nur allein die wunderlichen Farben, an der
Tausende, die hier herber und hinber eilen -- nicht zwei haben gleiche
Schattirungen und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner
hierher geschickt htte, die eine Stadt zu fllen.

Aber was fr hliche Gesichter diese Neger haben lchelte die Frau,
in komischer Angst ber die Schulter zurck nach dem Schwarzen sehend,
der ihnen die Sachen nachfhrte, besonders jener Bursche da hinter uns;
was fr bse Augen und entsetzliche Lippen. Und so hhnisch und tckisch
sehn sie dabei aus.

Was knnen sie fr den Ausdruck ihrer Race lachte Eltrich, aber es
sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist guten Humors -- sehr oft
guten Herzens. Was kmmert uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils;
wer wei berdie, ob wir ihnen nicht eben so hlich erscheinen, wie
sie uns.

Oh die herrlichen Frchte! rief da Adele, als sie vor einem Stand
vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen und Cocosnssen bedeckt
war -- oh der gottvolle Duft! ach das thut wohl _solche_ Luft zu athmen
nach so langer Zeit -- und Blumen da drben -- oh sieh die lieben
herrlichen Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein
wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's Freie und
pflcken uns viele viele Blumen -- ich freue mich selber wie ein Kind
darauf.

Gewi mein Herz gewi -- aber die Blumen hier in Amerika sollen keinen
Duft haben wie die unsrigen, wie man den Vgeln auch hier nachsagt da
sie nicht singen knnten.

Verleumdung Paul -- bse Verleumdung! rief die kleine frhliche Frau,
die vor dem Blumenstand stehn geblieben war und sich zu den vollen,
zierlich gebundenen Bouquets die ein reizendes Quadroonmdchen feil bot,
niedergebogen hatte -- hier berzeuge Dich selbst was fr einen zarten
herzigen Duft das kleine weie Blmchen hat -- und Luz mu auch riechen
-- nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten in dem bsen
dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche so lange gesteckt hat,
und sich nicht herumtummeln konnte auf grnem Rasen.

Das Mdchen bot ihnen Strue zum Verkauf an, doch Adele schttelte
errthend den Kopf, drngte von dem Korbe fort, und bat den Gatten mit
leiser Stimme kein Geld an solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht
zum Leben nthig in der ersten Zeit gebrauchten.

Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden sagte aber lchelnd
der junge Mann, la sie uns nicht zurckweisen. Sie mgen uns ein gutes
Zeichen sein. Was kosten die Blumen Kind? frug er dann auf Englisch das
junge Quadroonmdchen das sie feil bot.

Nichts sagte dieses aber, jetzt selber tief errthend in reinem
Deutsch -- die junge Frau und das Kind mgen sie nehmen!

Du sprichst deutsch? rief Eltrich im hchsten Erstaunen aus, und bist
doch nicht ber dem Wasser drben geboren.

Nein sagte die Sclavin ernst den Kopf schttelnd -- aber mein Master
ist ein Deutscher, und in seinem Hause wird deutsch gesprochen, da habe
ich es schon als Kind gelernt.

Wie heit Dein Master?

Messerschmidt.

Aber drfen wir da die Blumen nehmen?

Ich darf sie geben sagte das junge Mdchen, und das Blut drohte ihr in
dem Augenblick die Schlfe zu zersprengen, denn ich habe heute Morgen
schon mehr, weit mehr fr meine Blumen gelt als mein Master von mir
verlangt -- ich bitte Sie recht herzlich darum sie zu behalten.

Recht herzlichen Dank dann fr Dein freundliches Geschenk, Du liebes
Kind sagte Adele, ihr die Hand hinber reichend, die sie nur schchtern
nahm -- es mag uns Glck bringen in dem neuen Land.

Sie sind noch nicht lange hier?

Erst seit heute.

Du lieber Gott! sagte das junge Mdchen die Hnde faltend.

Aber liebes Kind wir mssen fort unterbrach hier Eltrich das Gesprch,
indem er zurck und dann um sich her schaute, den Neger zu sehn, der
ihre Koffer fuhr -- der Bursche ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen
und ich wei jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden
kann.

Er wird doch ehrlich sein rief Adele mit jhem Schreck -- guter Gott,
sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du einen Neger jetzt ganz
krzlich hier vorbei gehn sehn, mein Kind, der einen Wagen zog auf dem
zwei Koffer mit anderem Gepck standen?

Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf sagte das Mdchen
-- fast war mir's aber, als ob gleich hier unten Einer vor kurzer Zeit
in die Quergasse eingebogen wre. Das schadet aber Nichts setzte sie
rasch und beruhigend hinzu -- die Leute haben meist alle ihre Nummer,
und wenn Sie die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er
will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.

Die Nummer? -- sagte Eltrich, etwas bestrzt vor sich hinsehend ja
-- ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, wahrhaftig und wenn ich
sterben sollte, ich wte es nicht.

Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen -- rief Adele in Todesangst
-- es wre furchtbar -- was fingen wir nur an?

Thorheit, liebes Herz suchte aber der Mann ihr die Sorge von der Stirn
zu lachen -- er wei das Haus und ist vorangegangen wo er auf uns
warten wird. -- Ah, hier ist der Zettel, -- strae Nr. 43.

Der Weg fhrt hier gerade hinauf sagte die junge Sclavin, und oben am
fnften Square von hier -- der fnften Querstrae die Sie treffen,
biegen Sie links ein, Sie knnen nicht fehlen.

So adieu mein Kind, und nochmals schnen Dank fr Dein Geschenk!

Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die Sorge fr Alles
was sie jetzt auf der Welt noch das ihre nannten, nahm fr den Augenblick
ihre Sinne und Gedanken zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als
momentan zu haften. Die Lden an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen
Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten Waaren,
die eigenthmliche Bauart der Huser, mit all dem Neuen und Interessanten
um sie her, das eine fremde Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder
vermochte ihr Auge zu fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in
der weiten fremden Stadt -- das hliche Gesicht des Negers. So eilten
sie, Eltrich selber weit ngstlicher als er der Frau gestehen mochte,
ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren, die Straen
entlang, so rasch sie eben mit dem Kind vorwrts kommen konnten, immer
noch in der Hoffnung den doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu
berholen.

Ha dort geht er! rief Eltrich pltzlich -- Gott sei Dank wir haben
uns geirrt! und der Seufzer den er dabei ausstie bewie wie sehr er
selber das Schlimmste gefrchtet.

Nein, das ist er nicht! rief aber Adele, deren schrferes Auge leicht
den Unterschied in Neger wie Gepck entdeckt hatte -- das sind nicht
unsere Koffer. --

Es war nur zu wahr -- ein fremdes Gesicht blickte sie an als sie daran
vorber eilten und ihm forschend in's Auge sahen, fremdes Gepck lag auf
dem kleinen Karren, und fast im Lauf flohen sie jetzt die Strae hinauf,
bogen um die bezeichnete Ecke und standen wenige Minuten spter vor der
Nummer des Hauses -- wo _kein_ Karren sie erwartete.

Er ist noch nicht da sthnte Eltrich -- wir sind zu rasch gelaufen
und haben ihn bersehn.

Adele zitterte am ganzen Krper -- sie _wute_ das war nicht geschehn,
sagte aber kein Wort.

Oder er ist vielleicht in eine andere Strae eingebogen wo er ungestrter
fahren konnte -- die vielen Wagen hier. --

Er kann noch nicht dagewesen sein sagte Adele endlich leise, so leise
als ob sie frchte der unwahrscheinlichen Vermuthung auch nur Raum zu
geben.

Er htte gewartet! -- sagte aber auch Eltrich jetzt mit einem tiefen,
angstvollen Seufzer -- sein Blick flog die Strae auf und nieder --
umsonst, der Neger lie sich nirgends sehn, und die Gewiheit drang sich
ihm immer furchtbarer auf da er Alles -- Alles -- nein es war ja nicht
mglich -- Gott konnte nicht wollen da sie _so_ von allem entblt was
sie noch das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der fremden
_Welt_ ein Leben beginnen sollten -- es war nicht mglich; aber auch
schon diese Ungewiheit, eine Hllenqual.

Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an der Thre stehn
zu bleiben, whrend er hinein in das Haus lief dort in ihr Zimmer zu
sehn -- der Neger konnte die Strae heraufkommen whrend er im Inneren
war. Er kehrte nach wenigen Minuten zurck. --

Er ist _nicht_ oben?

Traurig, verzweifelnd schttelte er mit dem Kopf.

Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt -- er wollte noch kurze Zeit
warten -- noch war es mglich da der Bursche, in eine andere Strae
vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten und versptet hatte -- er
_konnte_ noch kommen, kam er aber _nicht_, dann wollte er rasch auf die
Policey und dort die Anzeige des Geschehenen machen. Lieber Gott es war
das eine schwache, trostlose Hoffnung -- ohne Nummer oder Namen des
Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an irgend etwas;
groe Augen und aufgeworfene Lippen hatten alle die Tausende von Negern
die sich in New-Orleans herumtrieben und er wute ja selber nicht, ob
er sogar zu dem Mann wrde schwren knnen, wenn er ihn jemals wieder
angetroffen. Adele aber mute erst mit dem Kind in ihrem Zimmer
untergebracht werden, da er selber freie Hand behielt; er fhrte sie
hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof hinaus sah; die
Thr stand offen, denn zu stehlen war Nichts darin, und das Meublement
bestand in einem Tisch, drei Rohrsthlen und zwei leeren Bettstellen.

Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald wieder zurck
-- und -- qule und ngstige Dich nicht zu sehr -- noch ist Hoffnung da;
ein trauriger Anfang macht oft ein frhliches Ende, liebes Herz.

Er kte sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und herzte es ab, und
verlie dann rasch das Zimmer; Adele aber legte die Blumen vor sich auf
den Tisch, barg, darber gebeugt, ihr Antlitz in den Hnden, und weinte
still und trostlos.

       *       *       *       *       *

Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem Leuchtschiff in
der Weser an Bord gekommenen Passagiere in die Cajte zum Capitain
gerufen worden, dort entlassen zu werden. Sie traten, die Mtzen in der
Hand herein, und blieben an der Thr mit dem Untersteuermann neben sich
stehn, den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen war,
und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein paar kleinen Packeten
in der Hand, zurck kam.

Na Ihr seid fertig an Land zu gehn? rief er, nach einem flchtigen
Blick auf die Leute -- Strmann, sin here Sahken ruut schafft.

All's klaar Captein -- antwortete der Seemann.

Gut, dann knnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier Pelz, da hast Du
Deinen Zettel -- hier Du Deinen Alper, und da Du den Deinen Mooswerder.

Ne ich bin Mooswerder, Capitain -- sagte der zweite.

Schon gut, Ihr knnt sie Euch an Land dann aussuchen -- es steht drinn
da Ihr Euch in Deutschland gut aufgefhrt httet -- Ihr werdet das
schriftlich brauchen, denn auf Euer Gesicht glaubt's Euch doch hier
Niemand.

Mu das ein _Jeder_ hier haben? frug der lteste der drei, das Papier
etwas mistrauisch betrachtend.

Ich soll _Dir_ wohl auch noch eine Erklrung geben, fuhr ihn der
Capitain barsch an -- da hier setzte er dann ruhiger hinzu, sind
auch fr jeden noch fnf Dollar Amerikanisches Geld, da Ihr die ersten
Wochen was zu leben habt; fr 3 Dollar die Woche knnt Ihr hier in den
billigsten Gasthusern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch nach
_Arbeit_ umzusehn; verstanden? Da Ihr Euch gut zu betragen habt, brauch
ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend warnen mcht ich Euch
aber doch keine dummen Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen
Spa; aber Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.

Denke so, Capitain sagte der Alte, die Hand nach dem Geld ausstreckend
-- sind doch alt genug dazu.

Schn -- weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun -- Eure Kisten stehn
oben an Deck, in einer halben Stunde mt Ihr an Land sein.

Vielleicht wre es gut, Herr Capitain sagte da der Alte mit einem
eigenthmlich versteckten Lcheln, wenn Sie sich von den hiesigen
Behrden eine Quittung ber _richtige Ablieferung_ geben lieen.

Geht zum Teufel! rief aber Capitain Siebelt rgerlich, oder ich lasse
Euch die Quittung noch vorher auf den Rcken schreiben.

Nun Nichts fr ungut lachte der Alte, war nur so eine Meinung von
mir; brigens sind wir hier _freie Brger_ setzte er mit einer Art
verstecktem Trotz hinzu.

Ja, sobald Ihr an Land seid sagte der Capitain -- nicht bei mir an
Bord.

Danke fr den Wink lachte der Alte, und glckliche Rckfahrt.
-- _Gre_ brauchen wir Ihnen doch wohl nicht aufzutragen?

Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann ungeduldig
die Burschen hinauszuschaffen, die brigens gar nicht daran dachten den
Mann noch bse zu machen, und rasch dem Befehl gehorchten.

An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder von ihnen
-- sie waren leicht genug -- schulterte, und damit, ohne sich weiter
um irgend einen der anderen Passagiere zu kmmern, das Schiff verlie.

Capitain! sagte Henkel, der in demselben Augenblick die Cajte betrat,
als die drei Mnner sie verlassen hatten, drfte ich Sie bitten mein
Gepck nach oben schaffen zu lassen, ich mchte es, noch ehe wir an Bord
der Jane Wilmington fahren, gern befrdern.

Aber was eilen Sie? frug der Capitain, der eben seinen Hut und Stock
genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten, Ihre Fracht wird auch
noch nicht oben sein, und fr Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende
besser da sie noch ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie
sich vollstndig erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.

Meine Ballen kommen eben herauf sagte Henkel aber, und ich habe schon
Jemanden dabei, der mit ihnen auf das Steueramt geht und dort Alles
berichtigt, und meine Frau wird sich jedenfalls besser an Land erholen.
Unsere Wohnung ist nicht weit von hier. --

Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?

Ja, hier von der Cajte -- ein Drayman steht schon oben und wartet, das
Gepck in Empfang zu nehmen.

Und weiter ist Nichts?

Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern und Wsche meiner
Frau.

Drfen die Leute hinein?

Ich werde sie selber heraussetzen.

Gut sagte der Capitain, dann will ich nach oben gehn und den Steward
mit einem von den Matrosen hinunter schicken; aber machen Sie rasch, wir
haben nicht viel Zeit zu verlieren und ich mu selber um halb zwlf in
Canalstrae sein.

Er verlie die Cajte und wenige Minuten spter folgte ihm Henkel, aber
er sah bleich und erregt aus -- seine Lippen zitterten und er strich
sich mit der Hand ein paar Mal heftig die Stirn. Selbst dem Capitain,
sonst gerade kein scharfer Beobachter, fiel das Aussehn seines
Passagiers auf, und er rief berrascht:

Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst begegnet wre
-- was ist Ihnen?

Mir? -- o Nichts erwiederte Henkel, sich gewaltsam sammelnd -- nur
unwohl wurde mir pltzlich unten -- ich wei nicht wovon; der Kopf
schwindelte mir und es wurde mir so schwarz vor den Augen; aber es ist
vorbei jetzt setzte er ruhiger hinzu, ich habe auch schon frher etwas
hnliches gehabt -- ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht
wie verschwindet.

Hier zu Lande mu man vorsichtig mit solchen Dingen sein meinte
Capitain Siebelt kopfschttelnd -- Sie sahen wie eine Leiche aus, als
Sie an Deck kamen.

Wirklich? lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl und unheimlich ah
da kommen die Sachen unterbrach er sich rasch, als der Steward mit
einem der Matrosen, jeder einen Koffer tragend, an Deck erschien -- dort
dem Mann Leute, berliefert das Gepck; Nr. 477 er wei wohin es kommt.

Ist Alles herausgesetzt unten?

Ja; -- nein -- zwei Koffer stehn noch in der Cajte, aber meine Frau
wird selber darber bestimmen, wann die fortgeschafft werden sollen.
Doch bald htte ich ja vergessen -- hier Steward, ist etwas fr Ihre
Bemhungen. --

Oh ich bitte, Herr Henkel -- war gar nicht nthig; nun ich danke auch
recht viel tausendmal.

Und hier Steuermann, haben Sie die Gte das von mir den Leuten an Bord
zu geben.

Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen -- werden sich einen guten
Tag damit machen knnen -- aber das htte ja Zeit gehabt, Sie kommen
doch wieder an Bord.

Ich? -- ja -- allerdings -- aber ich knnte es vergessen.

Sind Sie fertig? frug der Capitain, der indessen langsam vorangegangen
war und schon unten auf der Leve stand, herber.

Ich komme Capitain -- also Steuermann, ich verlasse mich auf Sie, da
der Mann da rasch befrdert wird -- die Karrennummer ist 477.

Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben sagte der Seemann,
so wahr ich Khler heie.

Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf den ausgeschobenen
Planken, und sah den fortfahrenden Mnnern nach, als er vom Schiff aus
angeredet wurde.

Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?

Ja wohl, was giebts? -- ah Herr Maulbeere -- nun auch zum Abmarsch
fertig? das ist ja schnell gegangen.

Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes Schiff zu
verlassen, Ihren Beifall hat -- wre gern noch lnger geblieben, aber
Sie wissen wohl, Geschfte mssen immer den Vergngungen vorgehn.

Ja wohl Herr Maulbeere und was fr Geschfte haben Sie? wenn ich fragen
darf?

Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubni Herr Obersteuermann; die Scheeren
in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten zufolge, in einem
hchst traurigen und vernachlssigten Zustand befinden, es ist demnach
die hchste Zeit, da ich an Land komme.

Ich hoffe nicht lachte der Seemann trocken, da Ihnen in diesem
lblichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas in den Weg gelegt htte.

Mte es lgen sagte Maulbeere ruhig, der Herr Untersteuermann hat
mich schon dreimal ersucht, zu machen da ich fort kme.

Nun so eilig ist's nicht lachte der Steuermann, Mittag knnen Sie
immer noch bei uns machen. Die Familien drfen sogar noch ber Nacht
bleiben; wir wollen die Leute nicht Hals ber Kopf auf die Strae
setzen.

Hchst christliche Grundstze und wirklich verfhrerisch genug
versetzte Maulbeere Jemanden, der nicht in gar zu groer Eile wre, zu
veranlassen seinen Magen noch einmal mit Bremer Erbsenbrh zu rgern.

Nun es zwingt Sie Niemand meinte der Steuermann kurz.

Danke Ihnen sagte Maulbeere.

Und was wnschen Sie von mir?

Da Sie die Gnade htten sagte Maulbeere mit ironischer Devotion, mir
meine Werksttte zu Tag frdern zu lassen.

Ihre Werksttte?

Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres Schiffes liegt,
wenn Ihnen das deutlicher ist.

Ach den berwachsenen Schiebbock? sagte der Seemann, der gehrt
Ihnen?

Ich bin der glckliche Eigenthmer, und es ist Alles was mich noch an
Bord fesselt.

Nun da kann geholfen werden rief der Steuermann, von der Planke
herunter und zur offenen Luke tretend, Du Jahn, smiet mal dat Tg da
rup, vor de Scheerenslieper; de ole scheepe Kaar met en Raad dervr!

Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen dran verstoten
fluchte eine Stimme von unten herauf.

Nu? kommt se vorn Tag?

Ja, gliek -- hahl op! --

Staat by hier -- oh -- aho-y-oh!

Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten dabei, in den
wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn die Leute die ihn
heraufwanden fluchten ber das Gewicht, kam bald darauf zu Tage, und
Maulbeere nahm ihn in Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste,
und begann dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt,
vollstndig in Ordnung zu bringen.

Als er noch damit beschftigt war kam Meier mit seiner Frau aus dem
unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls gerstet das Schiff zu
verlassen, aber die Frau sah todtenbleich und abgemagert aus, und war so
schwach da sie sich kaum auf den Fen halten konnte. Maulbeere kauerte
neben seinem Kasten, und sah die Beiden vorber gehn, unterbrach aber
seine Arbeit nicht dabei, und hmmerte und schraubte ruhig fort.

Das Gepck der Beiden war schon heute morgen frh an Land und durch
Meier selber nach einem billigen Boardinghause in -- Street geschafft
worden; die Frau trug nur ein kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch
eingeknpftes Bndel, und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas
auf einer Seite, die Hnde in den Hosentaschen und einen ziemlich derben
Stock unter den linken Arm gedrckt, ohne weiter Notiz von irgend Jemand
an Bord zu nehmen, im Begriff war das Schiff zu verlassen. Nur als er
vor Maulbeere vorber ging blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:

Auch fertig?

Bald erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff eine etwas
schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem Gesicht eine fast
dunkelrothe Frbung gab.

Ist hbsch in Amerika. --

Sehr! sagte der Scheerenschleifer.

Schon Aussichten?

Siebzehn!

Guten Morgen. --

Morgen! lautete die trockene Antwort, und der Mann ging, dicht von der
Frau gefolgt, ohne sie aber zu fhren oder zu sttzen auf dem schwanken
Bret, ber die Planke an Land. Der Scheerenschleifer aber, in seiner
Stellung mit dem eingestemmten Schraubenzieher bleibend, und nur mit den
Augen dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach, bis
sie ber die Leve verschwunden waren, und wollte dann eben wieder in
seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann zu ihm trat, und
hinter dem fortgegangenen Passagier herdeutend sagte:

Ein hbsches Prchen, wie? -- scheint sich recht wohl zusammen zu
fhlen. --

Scheint so sagte Maulbeere, wieder an der Schraube beginnend.

Ihr wit nicht wo sie her sind?

Ja.

Und was der Bursche drben gewesen ist? frug der Seemann neugierig. --

Ja wohl sagte Maulbeere.

Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.

Das wei Gott meinte der Scheerenschleifer -- er hat fr zwei
Personen theuere Passage zahlen mssen?

Also Ihr wit was Nheres ber ihn?

Nheres? -- ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die letzten sieben
Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.

Bah, ich meine von drben.

Oh von drben meinen Sie.

Was war er denn drben?

Glcklicher deutscher Staatsbrger.

Ich meine was er sonst getrieben hat.

Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die Schiffsliste
ersuchen, und Ihnen dann mit grtem Vergngen das Nhere mittheilen.

Gehn Sie zum Teufel! sagte der Untersteuermann rgerlich.

Danke Ihnen, sagte Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner Arbeit
fortfahrend.

Maulbeere, der mit unerschtterter Gemthsruhe, den Matrosen dabei
fortwhrend im Weg, seine Arbeit beendet, das Rad eingeschlagen und vier
oder fnf Schiebladen in seinem Gestell mit allerhand Dingen aus einem
kleinen Kistchen gefllt hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf,
nahm den breiten ledernen Tragriemen ber die Schultern des unverwstlichen
grnen Rockes -- (dessen Glanz dort oben auch dadurch seine Erklrung
fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen indem er seinen
Scheerenschleiferkarren vor sich her, ber den Gangweg hin, der Planke
zuschob.

Nun Herr Maulbeere glckliche Reise! sagte der Obersteuermann, der ihn
kopfschttelnd die letzten Minuten beobachtet hatte -- aber was soll
mit dem Kistchen hier geschehn? -- Der weie kleine Kasten war an Deck
zurckgeblieben.

Den vermach ich dem Schiff! sagte Maulbeere, den Karren etwas mehr
nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht herauszubekommen.

Und Ihr anderes Gepck?

Gegenwrtig.

Was? -- keine Kleider mehr? -- wo ist denn Ihre Wsche? lachte der
Seemann.

In der Wsche Herr Obersteuermann sagte Maulbeere, und war eben im
Begriff mit einem pltzlichen Ruck ber eine im Wege, und queer ber den
Gangweg liegende Handspeiche hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig
die Cajtstreppe heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.

Sie sah todtenbleich aus, war aber vollstndig angezogen, mit ihrem Hut
auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern geschlagen; eben so Hedwig,
die eine Tasche in der Hand trug, und stark verweinte Augen hatte.

Halt Maulbeere! rief der Obersteuermann -- wartet einen Augenblick,
ich glaube die Damen wollen an Land gehn, da Ihr ihnen nicht mit Eurem
gefhrlichen Karren da in den Weg kommt.

Werde ihnen Bahn machen sagte jedoch Maulbeere, eben nicht gesonnen
Rcksichten auf Jemand zu nehmen, wer es auch sei; der Seemann trat ihm
aber in den Weg, und zwang ihn dadurch zum Stillhalten, whrend Clara
Henkel auf ihn zutrat und freundlich sagte --

Drfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben und meine
beiden Koffer tragen zu lassen?

Sie wollen doch nicht zu Fu in die Stadt gehn, Madame? sagte der
Steuermann -- ich glaubte erst, Sie wnschten nur einmal frische Luft
wieder zu schpfen, aber da besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.

Ich danke Ihnen sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener Stimme
-- wir werden gehn -- aber ich mchte die Koffer mit mir nehmen.

Sie sehen noch so bla und angegriffen aus sagte der Seemann auf seine
derbe doch herzliche Weise -- wenn Sie mir folgen, lassen Sie sich
einen Wagen holen.

Clara schttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf Deck sagte sie
endlich:

Hat Herr Henkel sein ganzes Gepck fortschaffen lassen?

Alles, bis auf das was in der Coye stand.

Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen Riemen
zurckgeblieben?

Nicht da ich wte, aber ich kann fragen.

Nein Madame mischte sich hier aber einer der Matrosen in das Gesprch
-- ich habe selber die Sachen mit auf den Karren und den kleinen gelben
Lederkoffer mit hinausgetragen; der Koffer fiel mir noch auf weil er so
hbsch gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.

Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus -- es war als
wenn eine Last von ihrer Seele genommen wre.

Ich wei selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft sind sagte der
Steuermann wieder, und die Leute wissen auch nicht Bescheid.

Wir werden uns schon zurecht finden sagte Frau Henkel -- ich bitte
Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.

Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen -- heh Jahn und
Grg -- loopt mal gau daal in de Cajt, und sackt die beiden Koffers
op. -- Sind sie herausgestellt, Madame?

Sie stehen vor unserer Thr.

Also flink Jungens, und dann gaat J mit Madame in de Stadt. -- Kann
ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?

Ich danke Ihnen Steuermann sagte die Frau freundlich, aber gar
wehmthig lchelnd -- ich brauche _Nichts_ weiter -- leben Sie wohl.
Vielleicht aber sehn wir uns recht bald wieder -- wann wird Ihr Schiff
fertig sein zur Rckfahrt?

Ja das hngt von der Fracht ab, Madame, aber ich denke doch _sptestens_
in vier Wochen.

Ich danke Ihnen leben Sie wohl! Sie ging, von Hedwig jetzt untersttzt,
auf deren Schulter sie sich lehnte, langsam ber die Planke an Land, und
die Matrosen folgten ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.

Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein stummer, doch sehr
aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; jetzt aber, wieder unter
das Lederband duckend, sagte er sehr frmlich zu dem Seemann, der noch
auf der Planke stand und den Damen nachschaute.

Erlauben mir _jetzt_ der Herr Steuermann da ich _auch_ hinaus darf?

Oh mit Vergngen Herr Maulbeere, rief der Seemann, lachend auf die
Seite tretend -- thut mir unendlich leid Sie aufgehalten zu haben.

Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen sagte der
Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann
vorbeischob. --

Die Matrosen die in der Nhe standen lachten, der Scheerenschleifer
kmmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr in einen kurzen Trab die
etwas schrg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite
mit krftigerem Ansto hinauf, und verschwand bald darauf in dem am
Lande wogenden Gedrng von Menschen.




Capitel 5.

Der Mississippi.


Die _Jane Wilmington_ einer jener mchtigen Mississippi-Dampfer, von
denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes befahren, lag zur
Abfahrt fertig an der Leve von New-Orleans, mitten zwischen einigen
dreiig anderen, ihr ganz hnlichen Booten.

Keinen lebendigeren, geschftigeren Platz giebt es auch wohl auf der
Welt, so weit Handel und Schiffahrt Lnder und Menschen mit einander
verbinden, als die Dampfbootlandung von New-Orleans, besonders in dieser
Jahreszeit. Die Stadt ist neuverjngt; das gelbe Fieber das alljhrlich
im Sptsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten Tage des
Oktober, New-Orleans fast entvlkert, die wohlhabenderen Bewohner nach
dem gesnderen Norden hinaufscheucht, die Fremden decimirt, und der
ganzen Stadt das Ansehn eines groen Leichenhauses giebt, von dessen
tausenden von Leichen sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden,
hatte schon lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin
gewaltsam zurckgehaltene Handel, der seine natrliche Strmung nach
dieser mchtigsten Hafenstadt des Sdens hat, brach sich jetzt wie
gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die scheu und
ngstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, und sich mit geringer
Fracht, und der ungeheueren Concurrenz wegen nur mit wenigen Passagieren
begngend, zwischen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja
Mannschaft nach der Peststadt bekommen konnten und es wagen wollten,
nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte seine Passage
zu zahlen, und dann schnaubend und in Ballast wieder zurckeilten
nach Norden auf, fhrten jetzt die tausende zurck in ihre verlassene
Heimath, die der Gelbe Jack wie die Epidemie spottweise heit, daraus
vertrieben, und brachten zugleich die Schtze des Nordens den verdeten
Waarenhusern der Stadt.

Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, den Strom
nieder -- noch ist es nicht elf Uhr Morgens, und das siebzehnte ist
schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge mit von vier bis acht Kesseln
an Bord, viele mit einer Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten
#guards#[7] bis hoch hinauf selbst ber das hchste Deck mit einer
ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthrmt, andere, ihre oberen
Decks wenigstens frei, aber doch _bis_ zu den #guards# im Wasser gehend,
die gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fssern von Cincinnati,
Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von
Missouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien
herunter bringen.

Die Leve selbst liegt schon fest gepret unter einer riesigen Last all
solcher Produkte, die der Norden hier hernieder schickt, baar Geld oder
die Erzeugnisse der Tropen dafr einzutauschen -- Baumwollenballen so
weit das Auge reicht; Fleisch und Mehlfsser und #whiskey barrels# mit
ihren rothen Bden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reisscke zu
tausenden als neue Fracht fr die eingetroffenen Boote; Blei in schweren
kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfsser; Salzscke und dichtgeschnrte
Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein stehendes Waarenmagazin unter
freiem Himmel von kaum berechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von
vielleicht ein oder zwei schlfrigen Wachen, seine Masse behauptend,
whrend hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.

Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, ber den hie und da kleine
Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die Hungrigen zu erquicken, whrend
die Huser der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend ffnen den
Durstigen jene Unzahl Mischungen geistiger Getrnke zu bieten, wegen
denen Amerika berhmt ist. Die Karrenfhrer selbst, meist Irlnder und
Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thtige, rauflustige Bande,
die tausende von Bootsleuten der verschiedenen Dampfer, Feuermnner
und Matrosen, die schwere Fsser vor sich her die Leve hinaufrollen,
oder gewichtige Kaffee- und Reisscke auf den Schultern niedertragen,
oder mit stumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unhnlich, riesige
Baumwollenballen in Schwung bringen und herber und hinber werfen, als
wren es Krbe mit Federn gefllt -- wie sie da schaffen und arbeiten,
und lachen und fluchen. Und zwischen den krftigen sonngebrunten
Burschen mit aufgestreiften rmeln und offenen Hemdkragen, denen der
Schwei in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren
Sehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene
kleinen schmchtigen Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberrcke
gekleidet, mit gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem
Regenschirm, kleine Bcher in der Hand, und den gespitzten Bleistift mit
den dnnen Lippen feuchtend? das sind die #clerks# oder Buchhalter
der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen dortliegenden
Dampfboote, Waaren berliefernd, oder bernehmend, und den Kopf voll
Zeichen und Zahlen.

  [Illustration: Capitel 5.]

Passagiere drngen dabei herber und hinber, denen sich die Bewohner
der Stadt, in Geschften oder Mssiggang, zu gesellen; der lebendige
Franzose dessen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt
bevlkert, und sich selbst dem, im Besitz befindlichen Amerikaner
gegenber das Recht seiner Muttersprache in den Gerichtshfen neben dem
Englischen gesichert hat; der ruhige Spanier mit seinem breitrndigen
#sombrero#; der geschftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt,
dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich;
zwischen ihnen der reiche Creole[8] mit seiner sonngebrunten Haut
und der thtige Deutsche, der schweigsame Englnder und der feurige
Italiener, durch ein Gewhl von Negern und Mulatten drngend, die mit
Fracht auf und ab die Leve steigen, oder hin und her geschftig laufen,
und dabei lachen und singen, schreien und zanken.

Und da hindurch pressen die Zge der ankommenden Einwanderer, meist
Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie daheim den Bauerhof
verlassen, auch viele Irlnder in rmlichen Kleidern, aber mit
entschlossenen, frhlichen Gesichtern, die meist ihr Gepck selber den
Dampfschiffen zuschultern, auf denen sie im Begriff sind die Fahrt in's
Innere anzutreten.

Die Deutschen besonders tragen schwere hlzerne Kisten, gewhnlich zwei
und zwei zusammen; alte Truhen mit buntgemalten Krnzen von unmglichen
Blumen, und frommen Sprchen geziert, ber die hin keck und rcksichtslos
der Name des Eigenthmers und das Wort _Amerika_, mit schwarzer Farbe
seinen Platz gesucht, whrend die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der
Hand, in weitbauschigen rmeln und kurzen Rcken, die braunen Stirnen
der Sonne vertrauend preisgegeben, den Mnnern folgen. Jetzt stehn sie
und suchen den Namen des Bootes fr das sie sich bestimmt, von Lufern
inde berrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine
Seelenverkufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich wilde
Schlinge der berseeischen Agenten, die auch ihre Procente haben #pro#
Kopf, fr alle die sie als Passagiere sicher auf ein Dampfboot liefern.
Ob dann die Leute dorthin kommen wohin sie gerade wollen, und ob sie
dort glcklich sind oder zu Grunde gehn, was kmmerts die; nur so und
so viel Kpfe sicher an Bord, so und so viel #escalins#[9] dafr
eingestrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.

Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten ab; wieder und
wieder schon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, lassen sie sich
wenigstens nicht mehr soleicht auf der Strae von ihnen abfangen, fallen
ihnen aber sonst doch noch in die Hnde. Haben sie jedoch erst einmal
den Namen eines bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnckig
an dem fest, mgen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen,
schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, das
alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedchtni, gar bald fr die Tage die
sie auf dem Wasser noch zubringen mssen, huslich ein.

Das Alles wogt und drngt ber die Leve von New-Orleans, und auf dem
Strome herrscht gleiches reges Leben. Hier kommt ein schnaubender Dampfer,
die Thren vor den Kesseln weit aufgerissen da die Hitze da ausstrmen
kann, und das Boot aussieht als ob es einen glhenden Rachen geffnet
habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der schumenden
Fluth, und gleitet, von kundiger Hand gefhrt, genau in die Lcke ein
die jenes andere Boot gelassen, das eben noch in Sicht, langsam stromauf
dampft. Dort stt ein anderes ab -- seine Planken sind eingezogen, die
die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwrmt noch
von Fremden aller Farben, die Geschfte oder Neugier an Bord getrieben.
Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden Ho-y-oh! der Matrosen
in lange ausgeschobene Stangen, den Bug zurckzuschieben, die Maschine
beginnt zu arbeiten, und wie das breitmchtige Boot langsam nachzugeben
beginnt und, die #guards# der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich
rckwrts hinausdrngt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten
die Miggnger und nicht an Bord Gehrigen hinber auf andere Boote,
nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain
hielte wahrlich keine Secunde an ihretwegen, und der erste Landungsplatz
wre wahrscheinlich erst dreiig oder vierzig Miles[10] stromauf
gewesen, wo er das erste Holz einnehmen mute. Jetzt hat sich das
schnaubende Boot frei gemacht und schiet mit vermehrter Kraft, ber
sein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein -- nun drngt sich
der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Rder schlagen, die Wasser
kruseln, brechen sich unter der Gallion, und werden zu Schaum geschlagen
von den peitschenden Radplanken, und fort schiet das gewaltige Fahrzeug
von der ungeheueren Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von
Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt flchtigen
Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Koffertrger
und Verkufer, Boardinghaus-Wirthe und Taschendiebe -- oft beide zu
einer Klasse gehrend -- Kufer und Zwischenhndler von jeder Farbe,
jedem Stand, und das Drngen und Treiben beginnt von vorne an.

Die _Jane Wilmington_, eben so berladen von Menschen wie alle brigen
abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck dabei von Deutschen und
Irischen Auswanderern mit ihren Kisten so vollgedrngt, da an ein
Hindurchgehn schon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich
hindurch oder hinein _mute_, konnte sehen wie er eben ber die Kisten
und Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser sah es
oben in der Cajte aus, wo sich, als Lobensteins die schmale Treppe
zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die Mnner, ihre Cigarren im
Mund, die Hte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrngten,
hier in kleinen Gruppen standen und plauderten, dort an der #bar# (dem
Schenkstand) ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder
auch eben nur, die Hnde in den Taschen, mig, und sehr zum rger einer
Zahl von Koffertrgern umherschlenderten, die ihre Lasten auf Schulter
oder Kopf, mit einem ununterbrochenen #please Sir -- beg your pardon
gentlemen# aus einem Knuel in den anderen preten, durchzukommen.

Lobensteins konnten kaum die fr sie bestimmten, sehr elegant
eingerichteten Cajten erreichen, und der Professor htte ohne Henkels
Hlfe durch das Gewhl von Menschen im Leben nicht sein Gepck
zusammengefunden. Endlich war aber Alles glcklich an Bord, Eduard mit
den letzten Koffern angekommen, und Capitain Siebelt hatte schon lange
Abschied genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glckliche
Weiterreise gewnscht, als sich auch Henkel dem Professor wie den Frauen
empfahl, seinen eigenen Geschften wie er sagte, nachzugehn.

Und gren Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau bat ihn die
Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajte die hinter
dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, und sie soll sich ja recht
schonen -- ich lasse sie herzlich darum bitten.

Und tausend Gre und Ksse noch von uns rief Anna -- lieber Gott,
es wre doch recht traurig wenn sie ihren Eintritt in das fremde Land
gleich mit einer Krankheit beginnen sollte.

Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen Herbst! frug Marie,
ihm scharf dabei in's Auge sehend -- Sie haben es versprochen.

Gewi߫ sagte Henkel, ihr lchelnd die Hand entgegenstreckend.

Ein Wort ein Mann! rief Marie, zgernd ihre Hand in die seine legend.

Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr Professor? frug
Henkel jetzt noch einmal -- dort drauen lutet die dritte Glocke und
ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.

Und Claras Angst dann! rief Anna.

Es wre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.

Die Adresse habe ich, und denke da ich ein Geschft mit dem Herrn
mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt, sagte der Professor.

Es ist ein Ehrenmann, Sie knnen sich auf sein Wort verlassen.

Desto besser -- also auf Wiedersehn!

Auf Wiedersehn! rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit die
#guards# des nchsten Bootes zu erreichen, ja mute schon zu dem Zweck
hinauf auf den Radkasten laufen und von dort hinber springen, als die
wackere Jane das Freie suchte, und wenige Minuten spter lustig den
vorangelaufenen Steamern nachdampfte.

Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot gehrig, hatte sich
dabei empfohlen, da die wirklichen Passagiere mit Erstaunen, aber auch
groer Befriedigung sahen, wie sie Raum genug behielten, und keineswegs
gedrngt waren, und nur mit der ersten Stunde berstanden, die sie
allerdings gebrauchten ihr verschiedenes Gepck einiger Maen in Ordnung
zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genu der reizenden Gegend hingeben,
an der das wackere Boot sie rasch hinauffhrte.

Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im Vorbeifliegen
gesehn, als die Ufer des Mississippi berhalb New-Orleans. Mit Plantagen
dicht beset, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von
Blthenbschen und fruchtschweren Orangenbumen lauschig und still
hervorschauen, schmiegen sich die kleinen, colonienhnlich gebauten
Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend einen so
wohnlichen, geselligen Charakter, da das Auge mit Entzcken auf ihnen
weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, den nur ein einziger
dunkler Streifen Wald bildet -- der Mississippi-Sumpf -- aber die
ppigen Felder, die sorgsam eingefenzt, so weit das Auge reicht dem
Blick begegnen, die geschftigen Schaaren wei gekleideter Neger in den
Feldern, theils beschftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle zu
pflcken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, das rege Leben
auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen der sich am ganzen Strom
hinauferstreckenden Leve und den Fenzen der Plantagen hinluft; die
kleinen freundlichen Stdtchen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren
schlanken Thrmen, die gewaltigen Waarenhuser, und dahinter die hohen
dunklen Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der
Fruchtbume herberschaun; das Alles fesselt das Auge des Fremden rasch
genug, und hlt ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen
Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes zu versumen. Alles ist hier
neu, alles eigenthmlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die
seine Phantasie wohl meist dem Sden der vereinigten Staaten (oft selbst
dem Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon des
Neuen und Sdlichen viel, ihn dafr wenigstens in etwas zu entschdigen.
Stattliche Pecanbume am Ufer, mit ihren schlanken Stmmen und schattigem
Laub, und weiter drinnen im Land die riesigen hochwchsigen Cypressen
mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die
fruchtbedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmckten
Grten, mit ihren Tulpenbumen, Rosenranken, und Granatbschen, das
Alles zeugt fr die heie Sonne dieser Breite, wre nicht schon das
wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthmliche Baumwollenpflanze
selbst Beweis genug auch ohne das.

So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschne Land dort ausgebreitet
-- ein Paradies, wenn man's so flchtig sieht und auf bequemem raschem
Boot daran vorbergleitet -- aber es ist das nur die uere Rinde des
Ganzen, die blitzt und glnzt und in die Augen scheint, nicht alles cht
und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmig
gebauter reinlicher Huser mitten in diesem Paradies -- dort wo wir
gerade vorber fahren sind groe weitstige Feigenbume vor die Thren
gepflanzt, kleine sauber gehaltene Grtchen schlieen sich daran, und
vor den Thren spielen Kinder -- kleine schwarze, braune und gelbe
lachende Gestalten mit frohem Jubel herber und hinber, von alten
Leuten dabei beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren
jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre brige Lebenszeit, die ihnen
Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben drfen. --

Ruhe und Frieden! -- dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooe
hlt und htschelt und es kt -- Ihr knnt vom Boot aus die Thrnen
nicht sehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen
-- ist vor drei Tagen seine Enkelin, ein bildhbsches Mdchen von
achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel
von ihm, ein junger Bursch von zwlf Jahren, wurde blutig gepeitscht,
weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher befahl, von den
Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geschlagen werden
sollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen -- in demselben freundlichen
Haus vor dem der alte Feigenbaum steht -- auf seinem harten Lager, mit
blutigen, geschwollenen Gliedern und chzt und sthnt, und der Alte hat
das kleine Kind auf dem Schoo, und kt es und herzt es, und sieht im
Geist schon die Peitsche gehalten, hrt die scharfen entsetzlichen
Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings niederfallen werden.

Seht die reizenden Wohnungen an haben viele Reisende geschrieben
-- wie behaglich und warm sind eben diese _Sclaven_ hier gebettet, und
mchten sie mit den unglcklichen Armen unseres eigenen Vaterlandes
tauschen, die mit frstelnden Gliedern, in erbrmlichen zugichen Htten
ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar
raufen wenn ihnen die Kinder die rmchen entgegenstrecken und _umsonst_
nach Nahrung schreien? -- Ich wei es nicht; aber _ein_ Elend wird
nicht durch das andere gehoben, und tausende und tausende von ihnen
wrden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm
hungern, als da sie es aus ihren Armen gerissen shen, einem anderen,
nicht geringeren Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weien, die
den lockeren sittlichen Verhltnissen jener Staaten nach, und in dem
ungestrten unantastbaren Recht des _Herrn_ schon alle Familienbande
ihrer Sclaven auerdem mit Fen treten, zerreien diese auch nach
Gutdnken durch Verkauf der einzelnen Glieder -- der kleine Kreis der
Sclaven, der nach schwerer Arbeit um das Feuer seiner Htte sitzt, kann
er selbst dieses Glck in Ruh genieen, wo er nicht sicher ist, ob nicht
des Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste Kind aus
ihrer Mitte nimmt -- das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hnde
nach ihnen hinberstreckt, und todt -- verloren ist fr sie auf immer?

Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer ihre
Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit diesem Fluch
der Menschheit das Wort reden, und den faulen giftigen Kern mit der
hie und da glatten Rinde entschuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis
gelebt, die zitternden Geschpfe unter dem Hammer des eisbltigen
Tabakskauenden Auktionators gesehn, und die Thrnen gezhlt hat, wer dem
Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen Schutz
_christlicher_ Gesetze _Menschen_ foltert, der wird sich nur mit Abscheu
von dem Elend wenden, dem er nicht steuern kann und darf -- ob's ihm
auch fast das Herz manchmal zerreit.

Aber vorbei -- vom Dampfboot aus sehen wir Nichts von alle dem; nur die
freundlichen Dcher blitzen zu uns herber aus dem Grn des Buschwerks,
und die geschftigen regen Gruppen, klein und zierlich mit scharfen
Umrissen in der reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer #camera
obscura,# geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.

Das Boot schiet und schumt jetzt dicht am Ufer hin, und seine
wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rdern drein tanzen, waschen
und schleudern an dem so schon genug unterwhlten Ufer auf, und hetzen
vergeblich hinter dem davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Leve
spielt ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften Thiere
halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, wiehern und
schnauben ihm mit offenen Nstern entgegen, und stampfen den weichen
Boden mit den unbeschlagenen Hufen, bis es ihnen fast gegenber ist
-- Wetter noch einmal wie sie da die dicken langen Mhnen und die
Schweife emporwerfen, und klappernd und tollend geht's die Leve entlang
in wildem Lauf. -- Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer auf und
ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stcken schwimmenden Holzes
aus der Fluth zu fischen, die der Strom zu ihnen niederfhrt. Eine alte
Negerin sitzt dabei und pat auf die unbndigsten, da sie sich nicht zu
keck hinauswagen an den tckischen Uferrand, der oft nur noch oben den
dnnen Rasen ber einen verrtherisch darunter kochenden Wirbel spannt.
Selbst ihre alte Haut wre vor Strafe nicht sicher, wenn sie eines der
Kinder verunglcken liee, denn sie sind fast so werthvoll wie die
glatthaarigen feurigen Poneys dort.

Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und jauchzt, als das
Boot in Steinwurfs-Nhe an ihnen vorber rauscht -- glckliche Kinderzeit,
in der die ganze Welt noch im rosigen Lichte liegt -- selbst dem Sclaven.

Vorber whlt sich das Boot seine Bahn -- ha was ist das? -- was liegt
da so gestreckt und glitternd in der Sonne mit seiner Schuppenhaut,
blinzelt mit den kleinen tckischen Augen halb scheu halb trotzig
herber, und hebt den langen hlichen Kopf empor? -- ein Alligator
ist's, ein tchtiger Bursch, der seine fnfzehn Fu wohl mit, und sich
hier sonnen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn die
keuchende Maschine aufgestrt. Das Boot will vorbei, aber er traut dem
Frieden nicht; mige Gesellen an Bord haben ihm schon ein paar Mal im
Vorberfahren die scharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm
auch gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm.
Jetzt regt er sich -- es ist Zeit, denn der eine Cajtenpassagier ist
richtig schon hineingesprungen in seine Coye seinen Reifel[11] zu holen
fr das bequeme Ziel.

Dort liegt er! zwanzig Arme deuten hinber und freuen sich auf den
Schu, aber wie ein Stein rollt die schwerfllige Gestalt hinein in's
Wasser, und die ihm etwas zu spt nachgeschickte Kugel zischte in die
Fluth die ber ihm zusammenschlgt.

Weiter -- weiter -- der Dampfer hlt mehr in die Mitte des Flusses
hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an dieser Stelle hin
gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefhrlich werden konnte. Ha was
schwimmt dort im Strom -- ein groer Vogel, der die Reise zu Flo nach
New-Orleans macht? -- es ist ein Aasgeier, der auf einem ertrnkten und
hlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich ber und ber
gesttigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist hier aus der
Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; er wartet ruhig
bis sein ekles Fahrzeug nher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch
mit bis zum anderen Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu
verlieren.

Und da drben? -- Pilot um Gottes Willen ist das nicht eine menschliche
Leiche die da schwimmt? -- Wo? -- dort? wohl mglich, das kommt oft vor
und treibt wohl von Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem
Redriver nieder -- Aber wollen Sie nicht das Boot hinberschicken? --
Boot hinber schicken wegen dem Cadaver? -- Bah, da htten wir viel zu
thun; der ist gut aufgehoben.

Weiter -- weiter -- was das fr wunderliche Boote oder Fahrzeuge sind,
denn Boote kann man sie nicht nennen, die mit vier oder fnf schlfrigen
Gesellen an Bord, ohne Rder, ohne Segel langsam den Strom niedertreiben.
Unfrmlichen Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fu lang,
und zwanzig Fu breit, fnf oder sechs Fu hoch mit einem rohen Gestell
von Bretern von denen queerbergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet.
Ein langes Ruder (von denen eines vorn und eines hinten angebracht ist,
denn es bleibt sich gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in
etwas zu steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange
Seitenruder #sweeps# genannt, die finnenhnlich an den Seiten sitzen
und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schrg genagelt bestehn,
dienen dazu manchmal das schwerfllige Fahrzeug einem drohenden
#snag#[12], einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenstrmung aus dem
Weg zu schieben. Die Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein
_mu_ da ist, rhren sich die faulen Burschen gewi nicht.

Aber diese Archen -- und sie werden in der That oft so genannt -- so
unscheinbar und roh sie aussehn, fhren nicht selten kostbare Ladungen
den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, Whiskey, pfel, Mais, Butter,
Hhner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Fadauben
und Reifen und lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde,
Maulthiere. In den Stdten des Sdens dann angekommen, landen sie ihr
Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich
frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen nicht allein ihre Ladungen
sondern auch das ganze Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen
und wieder benutzt werden. Die Verkufer aber, die Monate lang dazu
gebraucht aus den verschiedenen Flssen, Ohio und Missouri, Arkansas und
Redriver, ja selbst aus den nrdlichsten Strmen des groen Reiches, aus
dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, fahren an Bord der Dampfer
in wenigen Tagen jetzt wieder zurck in ihre Heimath, vielleicht ein
neues Boot bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.

Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten
Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Hhe wirbelt -- die Leute
kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren sie an das nchste
Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingestrzten oder selbst noch
stehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie
Bahn zeigt, und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel
irgendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach
fragenden Dampfer berrannt zu werden.

Weiter -- weiter der Abend naht -- ber den Strom streichen lange Zge
von Wildenten und Gnsen -- dort drben an der kleinen Insel die mitten
im Flu liegt -- der Mississippi zhlt deren einige achtzig -- hat sich
ein groes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt -- sie schauen
dem weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und nur
manchmal rgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem alten Stamm
sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinber, der ihnen mit seinem monoton
melancholischen Schrei zu viel Lrmen an dem stillen Abend macht. Dort
in den Wipfeln jener Cypressen geht ein Volk weier und blauer Reiher zu
Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die hchsten Spitzen der
Bume aussuchen, darauf zu schaukeln. -- Und die Nacht, wie sie so
still durch den Wald zieht, erst die Bsche und Dickichte fllt und die
Schluchten, dann weiter und weiter pret und sich zuletzt erst, wenn der
Wald schon in tiefem Schweigen ruht, mit weilichem Hauch auf den Strom
legt, der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut zu
rauschen scheint.

Wie die Maschine da klappert, die Rder schlagen und schumen, und der
Dampf so scharf und zischend aus den schlanken Rhren fhrt. Und die
Fluth quirlt so dick und tckisch darunter hin, und hebt sich und
springt hinten nach, wie ein bissiger Kter, der schnappend nach dem
stolz vorbeitrabenden Ro hinber fngt.

Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tnen von
dort herber wo die kleinen Feuer sichtbar werden, die Leute haben einen
Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor sich, warum sollen sie nicht
frhlich sein? -- bis die Negerglocke morgen frh um 4 Uhr tnt drfen
sie ruhen.

Und vorwrts whlt und klappert und schnaubt das Boot; die Gluth der
unter den Kesseln geschrten Feuer wirft einen rothen unheimlichen
Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Kesseln, mit
langen Schrstangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der
Schwei in Strmen niedertruft, die Gesichter und Arme geschwrzt,
und die Stirnen so hei und glhend fast wie der Heerd an dem sie
arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rhren die flammenden Scheite
durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine ffnung die zu
dem Zweck ber den Thren gelassen. Es sind Neger und Weie -- meist
freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Shne aller
Stnde, fast aller Welttheile, die mit der Schrstange und dem heien
Schwei sich ihr Brod verdienen mssen im Lande der Freiheit. Manche
Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat
hier den eisernen Schrer gefhrt, und mit dem Eimer die schmutzige
Fluth heraufgezogen, einen frischen Labetrunk zu thun; manches
Muttershnchen, das zu Hause gehtschelt und gepflegt und verzogen
wurde, und den Zug meiden mute und die kalte Nachtluft, hat hier
eingeholt, was es daheim versumt, und ist mit triefender Stirne und von
der schweren Arbeit zitterndem Krper, hinausgesprungen auf den offenen
Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom der sich dem Boot entgegenwarf
die fieberheien Glieder khlen zu lassen und dann von Neuem in das
Gluthenmeer der Kessel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare
und Lieutenants haben neben und mit dem zheren Neger hier schon oft
geheitzt, mit ihm aus einer Schssel gegessen, in einem Raum geschlafen,
wie er behandelt und bezahlt und -- sind nicht schlechter dadurch
geworden; aber krftiger und gesunder --wer von ihnen es eben aushielt
und nicht vielleicht in New-Orleans im Pottersfield[13] oder an irgend
einer Holzladung im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.

#Flatboot ahead -- look out to starbord!# schreit der Mann der ganz
vorn oben auf das oberste Deck (#hurricane deck#) gestellt ist, dem
Lootsen, der in dem kleinen Glashaus oben aufsteht, Nachricht zu geben
wenn er irgend etwas im Strom sieht, das dem Boot gefhrlich werden
knnte, oder das sie vermeiden mssen -- das Steuerrad dreht sich rasch,
den Bug des Dampfers nach Larbord hinber zu werfen, und dicht an ihnen
vorbei, so dicht da das Radhaus den einen auf Decke gelegten #sweep#
des unbehlflichen Fahrzeugs fat und abreit, und die dunkle
schwerfllige Masse wie ein Schatten an ihnen vorber fliegt, schiet
das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erschreckte und
fr Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und
kopflos durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie
die Gefahr schon lange fr sie vorber ist, und die nachschumenden
Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und schaukeln machen.

Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich ber den niederen
dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes Licht ber die
lauschigen Pltze am Ufer, ber das matt glitzernde Wasser des Stromes
giet; dicht am Land schnauben wir wieder hin, und knnen jetzt das
Rauschen der hohen stattlichen Bume, das Quaken der Frsche hren, die
in den Smpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? -- o wie so s der
leise Fltenlaut des #mocking bird# klingt, der sich im niedern Busche
sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf singt, die auf den
Zweigen trumen -- die Amerikanische Nachtigall nennen ihn die Creolen,
und er verdient's. Wie sich das so heimlich fhrt, so dicht am Ufer hin,
wenn man die Wellen an den Damm pltschern und das Lachen und Sprechen
von Menschen am nahen Lande hrt, in Sprunges Nhe fast an ihnen
hingleitet und doch in einer ganz anderen, ganz verschiedenen Welt als
jene lebt. Wie es dem Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller
Nacht langsam und tief ber dem groen Ameisenhaufen, den wir Menschen
eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster,
auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen und Treiben der
lebendigen Welt unter sich, der er in diesem Augenblick nicht mehr
gehrt, dann lauscht; so braust das Boot, eine kleine abgeschlossene
Welt in sich selber mit seiner staatlichen und brgerlichen Einrichtung,
dem Ufer fremd an dem's vorberschiet, dicht an dem dunklen Lande hin.
Am Ufer drben grnt's und blht's, die Blumen duften strker in der
Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich die Glieder
um den geselligen Tisch -- Hunde bellen -- Gnse schnattern und die
regelmigen Schlge der Axt, die Brennholz in die Kche liefert, tnen
noch, selbst durch die Nacht im Takt herber -- Alles fremde Laute, und
nicht dieser Welt gehrig, in der die Schrstange die blitzenden Funken
zum schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das
Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe Brausen der Rder, den
Sang der Nachtigall vertreten mu.

Weiter -- weiter -- dort drben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem
Neger geschrt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es ist
das ein Zeichen fr die Dampfboote da dort Holz zu verkaufen liegt, und
die Landung gut ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in
der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prmie von seinem
Herrn -- dafr mu er sich aber den Schlaf selber abstehlen und zndet
manches Feuer vergebens an. Die Glocke lutet jetzt, die Heizer werfen
die Thren auf, aus denen eine Gluth herausstrmt Blei schmelzen zu
machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am
Leib versengt, und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich
dem Lande zu, von dessen Leve aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die
Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herberschreien. Vorn zu
Starbord, ein zusammengerolltes Tau in der Hand, steht ein Matrose zum
Wurf bereit, und sobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, springen
Neger, von denen indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu
fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefat, in Land gezogen dort in Hast
um einen Baum oder Stumpf geschlagen und #hawl in!# tnt der Ruf; die
#deckhands# an Bord fassen zu, und holen das Tau zurck an Bord so weit
es reicht, es dort zu festigen, Planken werden ausgestoen und die
Bootsmannschaft mit einem Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre
Passage billiger bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen,
strmen hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten
Korde auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurck.

Wie eigen doch das aussieht -- die hellen Feuer die auf der Leve jetzt
zu lichter Gluth geschrt werden, da sie hoch aufflammen und den Platz
erleuchten, die neugierigen Gesichter der Neger mit den groen
blitzenden Augen und hellen prachtvollen Zhnen, in ihren weien Jacken
und Rcken, Mnner, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen
Wohlbehagen umdrngen auch einmal weie Leute arbeiten zu sehn -- eben
wie Neger; der Verkufer des Holzes selbst, gewhnlich der Oberaufseher
der Plantage, in lichtgestreifter Jacke und Hose, den breitrndigen Hut
auf und das Pferd, von einem der Sclaven gefhrt, gesattelt hinter sich,
mit den wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues
Material holen fr ihr nchtiges Werk. Rechts davon der stille Frieden
des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, links das weigemalte
Boot mit den vielen hellerleuchteten Thren und Fenstern, den
buntgekleideten und gemischten Gestalten auf seiner Gallerie, und den
riesig dunklen Schornsteinen, wie es da innerlich kochend und brausend
aber festgebunden liegt, und nur mit den Rdern noch langsam, fast wie
ungeduldig, gegen die Strmung anarbeitet, einem gefesselten Stier nicht
unhnlich der mit den Fen scharrt, und den Augenblick nicht erwarten
kann der ihm wieder den Gebrauch seiner mchtigen Glieder giebt.

Wieder tnt die Glocke! Alle an Bord schallt der, den Leuten
willkommene Ruf des Steuermanns -- was noch am Lande ist und dort nicht
hingehrt eilt zurck, die Planken werden eingeholt #let go!# das Tau
am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu besonders
gehaltenen Stangen abgestoen, und schrfer schlagen die Rder ein
-- hher kruselt die Fluth am Bug; der Kolo ist frei und arbeitet
wieder, seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.




Capitel 6.

Leben an Bord des Dampfers.


Aber wir mssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen Bootes wenden,
denen tausende unserer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und
Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in
welchem Staat es wolle, zu erreichen.[14]

In der Cajte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten gerumigen Salon,
der an beiden Seiten seine bequemen #staterooms# oder Einzelcajten fr
zwei Passagiere zusammen hatte, war die grte Zahl der Reisenden um die
lange Tafel versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten
zum Etisch, spter in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen,
meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und da hatte sich auch schon
ein kleines Spiel arrangirt, und sich drei und drei zu einer Parthie
Whist oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zusammengefunden;
die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das
unbehagliche Gefhl, sich selber fremd an einem Ort zu wissen, den man
auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen soll, hatte sich noch nicht
berwinden lassen, und Manche gingen auch, theils allein, theils in
Gesellschaft, in der Cajte auf und ab, miteinander plaudernd und eben
Bekanntschaft knpfend.

Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschftigung seine
Coye, wie er sich das schon frher gedacht und ausgemalt, ordentlich
herzurichten. Ein #life preserver# (Lebenserhalter) ein groer Ring von
luftdichtem Zeug zum Aufblasen, hing vor allen Dingen ber seinem Bett;
er war dabei so fest berzeugt da sie auf dieser Fahrt irgend ein
-- _Unglck_ konnte er es eigentlich nicht nennen, -- aber irgend einen
Zufall haben wrden, da er dem Professor schon die bittersten Vorwrfe
gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas derartiges vorgesehn, und
besonders fr die Damen die nthigen Vorkehrungen getroffen zu haben.
Auerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerstet zu sein,
einen zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen
der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, der Hand aber
erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er fhrte auch eine kleine
Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, Charpie, Wundbalsam etc. etc.
einen sehr vorragenden Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten,
Verbnden, Bandagen etc. versehn, und besa in der That Alles, einen
menschlichen Krper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und Schuwunden,
Quetschungen, Brchen etc. etc. wieder soviel nur irgend mglich auf die
Beine zu helfen.

Nachdem er die nun Alles, soweit sich das hier thun lie, sorgsam
geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit gelegt, trat er durch
die allgemeine Cajte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo
Professor Lobenstein, die Hnde auf dem Rcken, dem Gewirr von Sprachen
und Menschen ein klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren
ging, sich aber nicht besonders wohl darin zu fhlen schien. Unbehaglich
dabei war ihm schon die, allerdings sonst hchst wohlthtige Einrichtung
an Bord, die Herren und Damen, auer der Tischzeit in abgesonderte Rume
verwiesen und getrennt zu sehn. _Den_ Herren allerdings die Damen ihrer
Verwandtschaft an Bord haben, ist es gestattet unter Umstnden die
Damencajte zu betreten, aber die Menge _fremder_ Damen verleidete ihm
das bald, whrend es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt abschnitt und
unmglich machte. Er konnte sich nur bei dem Professor nach ihrem
Wohlbefinden erkundigen, und wie er darber gute Auskunft erhalten,
gingen die beiden Mnner, jeder mit seinen Gedanken beschftigt, eine
Weile nebeneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis
dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, pltzlich sagte:

Aber ich wei doch nicht -- sein Betragen in der letzten Zeit hat mir
gar nicht gefallen.

Wessen Betragen? frug der Professor erstaunt.

Wessen Betragen? Henkels.

Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?

Sprachen wir denn nicht von ihm?

Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so -- wie verstehn Sie das?
sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung da wei ich doch nicht; er
hat sich immer hchst anstndig benommen.

Oh das dank' ihm der Teufel! rief Hopfgarten rasch, nein ich meine
sein Betragen gegen seine Frau.

Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wre sagte der Professor
gutmthig.

Das ist sehr leicht mglich meinte Hopfgarten, auffllig war aber
jedenfalls, da die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr
zusammen an Deck erschienen sind, oder wenn es geschah, kein Wort mit
einander gewechselt haben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder
beachtete, ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und
aufgefallen und es mu etwas, kurz vor unserer Landung zwischen den beiden
Gatten vorgefallen sein, was sie uns brigen Passagiere eben nicht
wollten merken lassen.

Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber auch vollkommen
recht lachte der Professor -- es mu nicht Alles gleich an die
groe Glocke geschlagen werden, was zwischen Eheleute tritt und sie
vielleicht auf kurze Stunden entzweit -- das Alles gleicht sich dann bald
wieder aus.

Ja das ist allerdings richtig sagte Hopfgarten nachdenkend, aber die
pltzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche
Aussehn -- das stille Wesen, sie die noch kurz vorher die lebendigste
heiterste Frau unseres ganzen Schiffs gewesen war. Es kam uns nur das
Land und die Landung und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt
wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der
Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. -- Es war ein gar zu liebes
nettes Weibchen, setzte er nach kurzer Pause, wie mit sich selber
redend, hinzu.

Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen Tanz miteinander
sagte der Professor kopfschttelnd, und wenn das zum ersten Mal kommt,
nimmt sich's die junge Frau gewhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie
vielleicht bis dahin geglaubt hat, da so etwas in _ihrer_ Ehe gar nicht
vorfallen knne, und solche Enttuschung ist immer schmerzlich. Das
giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die um so rascher
wieder dem schnsten blauen Himmel weichen mssen.

Hm -- ja -- ich will es hoffen -- wenn ich aber nur eine Idee htte,
da der Mann _die_ Frau schlecht behandelte oder unglcklich machte,
wahrhaftig, ich kehrte mit dem nchsten Dampfboot wieder nach
New-Orleans zurck und --

Und? -- frug der Professor ihn lachend dabei anschauend -- und was
wollten Sie dann nachher thun? wie und auf welche Art knnten Sie sich
in die Familienverhltnisse irgend eines Hauses mischen? --

Ich forderte ihn! rief Hopfgarten entschlossen.

Bah sagte aber der Professor kopfschttelnd, damit wrden Sie
nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich selber einen Gefallen thun
-- sich _mit_ dem Mann _fr_ dessen Frau schlagen, hahahaha, das wre
wahrhaftig nicht so bel. brigens setzte er hinzu, als Hopfgarten mit
fest verschrnkten Armen finster und schweigend neben ihm auf- und
abging haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den Kopf gesetzt,
was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt Ihrer Phantasie.
Meine Tchter sind doch auch viel mit ihr zusammengewesen, und haben
Nichts gemerkt.

Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darber gesprochen?

Nein, allerdings nicht.

Nun sehn Sie -- die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es
lt sich in diesem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in
einigen Wochen denke ich so wieder unten in New-Orleans zu sein.

So rasch?

Vielleicht etwas spter, das kommt eben auf Verhltnis an; jedenfalls
werde ich einige Zeit das nrdliche Land durchkreuzen und den
Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.

Ihrem alten Projekte nach? lchelte der Professor.

Zum Theil lachte Hopfgarten, aber doch auch in der Absicht das Land
kennen zu lernen und dessen Charakter; ich bin deshalb besonders nach
Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tausend Dollar zu
der Reise ausgesetzt -- sind die verthan, so gehe ich wieder nach
Deutschland zurck.

Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika gegangen?
frug der Professor.

Gegrndete Ursache zu haben ber Amerika schimpfen zu knnen lachte
Hopfgarten -- ich bin fest berzeugt er hat keinen andern Grund. Ich
freue mich schon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu sprechen.

Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er durchreist doch
gewi ebenfalls das Land.

Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurck, und hat mir
fr dort schon seine Adresse gegeben. Doch es wird khl, wir wollen
hineingehen; Sie spielen ja Schach, da knnen wir uns die Zeit mit
einer Parthie vertreiben.

In dem groen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme Temperatur;
an den verschiedenen Tischen saen jetzt mannichfaltige Gruppen spielend
oder plaudernd, mit einer Flasche Wein oder gemischten spiritusen
Getrnken zwischen sich; es wurde gelacht und erzhlt und das Ganze, mit
den dazwischen herumgehenden Aufwrtern die neuen Vorrath von Getrnken
herbeitrugen, oder gebrauchte Glser fortschafften, gab der Cajte fast
das Ansehn eines groen gerumigen und sehr eleganten Cafs in irgend
einer bedeutenden Stadt -- nur da es ber einen Krater gebaut stand,
unter dem die Maschine hmmerte, die Rder wirbelten, die Kessel
siedeten, und oft schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit
_einem_ furchtbaren Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.
_Ein_ dumpfer Knall -- ein Prasseln und Brechen, ein gellender Schrei,
und die zerstckten Leichname der frhlichen lebenslustigen Menschen,
die vergoldeten und mit Bildern behangenen, hellerleuchteten Wnde
flogen zerrissen, zerfleischt, zerstckt hinaus, und der gierige
tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen Resten.

Aber was thuts? -- wir knnen deshalb nicht langsamer fahren, weil das
und jenes Boot einmal seinen Kessel sprengte, und eine Anzahl Passagiere
zu frh in die Ewigkeit sandte -- auf dieser Fahrt wird es nicht gleich
platzen lautet der gewhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde
an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch selbst
in dem oft still gedachten, oft laut geuerten Wunsch, das oder jenes
Boot was eben in Sicht vorausluft, zu berholen. Niemand will auf einem
langsamen Dampfer fahren, an die Mglichkeit einer Zerstrung wird kaum
noch mehr gedacht, und das Vlkchen lacht und plaudert und trinkt und
schlft so sicher und ruhig _ber_ dem Vulkan, wie -- die buntere,
wild gemischtere Schaar, die _hinter_ der Maschine, im sogenannten
Zwischendeck ihr _Lager_ im eigentlichen Sinn des Wortes aufgeschlagen.

Was fr ein Unterschied zwischen den beiden Pltzen, die nur durch eine
Reihe Planken und dnner Balken voneinander getrennt liegen. -- Oben
Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen
belegt und blank polirt, Licht und Glanz den ganzen Raum durchstrmend,
und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewutsein
ungestrter Ruhe das Alles genieend -- unten, nur rohe und unbehobelte
Breter zu Verschlgen angeschlagen -- Kisten und Koffer berall im Weg,
der ja freie Boden von Tabakssaft schlpfrig gemacht; eine Masse Volk,
zusammengewrfelt aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur
letzten nieder, und in der letzten gar nicht selten am hufigsten
vertreten, durch einander drngend und fluchend und schreiend -- Niemand
mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerst gekommen
waren, und einen der Verschlge fr sich besetzen konnten. Hier ein
Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, die vollen Flaschen noch zwischen
sich auf einer Auswandererkiste, gleichviel wem sie gehrt, die Nacht
durchzuschwelgen und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich
hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden
Talglicht -- Privateigenthum -- ber einen Kasten und ein altes Spiel
kaum erkennbarer Karten gebckt. Dort weinende und schreiende Kinder,
die von ihren Mttern mit eben so gellender Stimme in Schlaf gesungen
werden sollen, und dort drben ein Bursche, der trotz allem Lrm und
Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum
Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom
herabgekommen, wie aller Anderen die es hren und nicht hren wollen,
eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.

Ein fast glhender Ofen, in solcher Temperatur gehalten die verschiedenen
Tpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen zu bringen, in denen sich
die verschiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod selber kochen
mssen, wird besonders von den Frauen mit rothheien Gesichtern
umlagert, und verbreitet drckende Schwle und einen fatalen Fettgeruch
durch den ganzen, schon ohnedie vollgedrngten und dunstigen Raum.
Eine trbe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unsicheres
zuckendes Licht ber das Drngen und Treiben unter sich, und das Rasseln
und Klappern und Schleifen und Schtteln der dicht daneben befindlichen
Maschine donnert den Chor zu dem ganzen Lrm.

Ha was war das? -- die hellen reinen glockenhnlichen Tne die da
pltzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, sogar die gellenden
Kinderstimmen und scharfen Discorde der Violine berwltigen, und
pltzlich aus all dem Wirrwarr herauszittern, sind sie nicht wie l in
die strmische See gegossen, dem sich die bumenden Wellen selber, im
Aufruhr der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der vorn
an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die Dampfstrke zu
proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den
Kopf zurck, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauschen -- das Toben und
Kreischen vorher hatte er gar nicht mehr gehrt. Und in dem Zwischendeck
selbst -- welch wunderbare Vernderung brachte der leise schwimmende
Laut. Die Violine schweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur
Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergit seine
Karten zu mischen, die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen,
die schwatzenden, lachenden, singenden, brllenden Gruppen ffnen sich
und drngen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die Trinker
stoen nur noch ein wildes Juch! aus, und horchen der neuen
wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar harmonischen
Tnen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwischendecks herber tnt, und von
Niemand Anderem herrhrte als unserem alten Bekannten, dem Polnischen
Juden Veitel Kochmer.

Mit weiter keinem Gepck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell
berzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika alle seine wie des
Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, hatte sich Veitel Kochmer, der
aus Gott wei welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefat zu haben
schien Geld zu verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen
Jahreszeit frchtete ein so heies Klima fr seinen geftterten Kaftan
zu whlen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, auf dem ersten besten
Dampfer eingeschifft der stromauf ging, und hielt die Zeit jetzt fr
vollkommen passend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermgen
zu legen.

Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die sich
vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines
dazu geborgten Stckchen Lichts, seine Hlzer aus; die Umstehenden,
neugierig was der wunderliche Fremde beginnen wrde, gaben ihm gern
Raum, und Veitel lie jetzt die ersten Tne erschallen, die mit ihrer
wunderbaren aber doch durchdringenden Weise, bis in die entfernteren
Rume drangen, nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf
sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten
ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, und sein Instrument
hren zu lassen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas
umsonst gethan htte, wo Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen
Landsmann, den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der
vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine groe
Geschichte aufbindend, erzhlte er ihm, da er, der Musikus, ein armer
eingewanderter Pole sei, der den politischen Verfolgungen in Europa
entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten und fast Alles verloren habe was
er sein nannte, und nun gezwungen wre sein Brod in dem neuen Vaterland,
dem Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der Deutsche mute
das den Amerikanern bersetzen und hinzufgen, der arme Mann habe nur
sein Instrument gestimmt und in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn
es der Capitain erlaube, in die Cajte hinauf gehn, um sich dort bei den
Cajtspassagieren ein paar Dollar einsammeln zu knnen.

Verdamm die Cajtspassagiere! rief aber da Einer der Bootsleute
dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter Ladung, sich
in seinem Stolz gekrnkt fhlte, weniger gelten zu sollen als die
#Swells# -- wir haben hier ebenso viel Geld wie die da oben, wenn
nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwischendeck fahren; sind eben so gut
#gentlemen# wie die #fine folks# in der Cajte, und wenn Musik eben
fr Geld zu haben ist, knnen wir's gerade so gut bezahlen.

Ja wohl, ja wohl! schrieen Andere dazwischen, froh irgend etwas zu
haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben spiel auf
Pole, spiel auf, und was _die_ Dir da oben geben, geben wir Dir auch.

Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajte lief ihm berdie
nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen Verlangen zu
willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an seinen Platz, und die
Zwischendeckspassagiere jauchzten und jubelten, als sie die merkwrdig
reinen Fltentne des Kindes hrten, wollten es auch im Anfang gar nicht
glauben da er es mit der Stimme allein mache, und drngten sich dicht
um ihn her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch eine
heimliche Flte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel
reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar
regnete es von allen Seiten und Veitel fllte seine ganze Tasche
mit Silber. Nach der Sammlung mute er aber wieder spielen, und die
Bootsleute besonders, die den Ton hier anzugeben schienen, verlangten
jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie Lord #Howes hornpipe#, Washingtons
Marsch, Napoleons Retirade, #the star spangled banner# und besonders den
#Yankee doodle#. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein
langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf eine Kiste, spitzte den Mund
und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen.

Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich ber das viele
Musiciren, das ihnen berhaupt nicht laut genug war, und dessen fremden
Melodieen sie, wie sie sich ausdrckten, nicht verstanden, zu rgern
und langweilen, und wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen
begann, stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht
einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten sie dabei, und
nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr von Mistnen durch den
Raum, da der alte Polnische Jude sein Instrument in Verzweiflung
einpackte und wegstellte.

Ein neuer Lrm, der am anderen Ende des Decks stattfand, lenkte aber
auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei
Irlnder waren sich ber ihr Kartenspiel in die Haare gerathen, der Eine
sollte betrogen haben und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der
Faust zu beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, und
die beiden stmmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander an,
bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander die Augen schwarz
schlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, da ihre
Kpfe gegen Pfeiler und Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden.
Die Weiber kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Mnner jauchzten
und jubelten, brllten Hurrah und klatschten in die Hnde.

Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand weiter hinein
mischte, doch endlich satt, und schrie genug! wonach ihn sein Gegner
fr vollstndig berzeugt hielt, und wurde von seinen Freunden halb
besinnungslos fortgeschleppt; der Andere aber erging sich in seiner
Freude in allerlei ungewhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen
Hnden auf die Lenden, krhte wie ein Hahn, sprang dann in tollem
bermuth im Deck herum, und bot Jedem der #gentlemen# fnf Dollar,
der sich mit ihm prgeln wollte. Es dauerte lange ehe der, von Whiskey
halbtolle Mensch konnte beruhigt und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend
war aber indessen auch weit vorgerckt, das Holztragen vorber, und die
Passagiere muten daran denken Pltze zu suchen, wo sie sich fr die
Nacht nur einiger Maen unterbringen konnten.

Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich auswie; die
unverhltnimig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain an
Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben bekommen kann, waren
smmtlich besetzt und in Beschlag genommen, die einzelnen Kisten zu kurz
sich darauf auszustrecken, und der Boden selber so von Tabakssaft der
kauenden Amerikaner verunreinigt, da selbst ein solches Lager zur
Unmglichkeit wurde. Manche krmmten und rollten sich doch noch auf
Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, Andere
kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese Art der Nacht eine
Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glcklich war irgend eine Art Rcklehne
zu finden, setzte sich auf was er eben kam, und ein Theil versuchte
sogar mit Auf- und Abgehen in dem vollgedrngten Deck die Nacht
hinzubringen, mute das aber bald aufgeben, und drckte sich nun in dem
Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfsser, oder selbst auf die
#guards# hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der Zimmermann des
Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die beiden Pltze, darunter
und oben drauf, den vollen Werth einer Coye bekamen. Es war ein
entsetzliches Gewirr von Gliedmaen, das hierdurch, ber- und ineinander
lag.

Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit der Haidschnucke
erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, hatten sich, so gut das
gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kasten zusammengerckt, wenigstens
fr die Frauen und Kinder einen in etwas geschtzten Ort zu bekommen,
und unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den Knaben zu
seinen Fen, an einer Stelle, von der sie erst eine grere Kiste
weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte
Veitel aber in einen leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche
seines Kaftans geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf
dem Kistchen stand. Nicht vermeiden lie es sich dabei, da mehre der
anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, wie es der
Raum gerade gestattete, und kaum ein wild gemischteres Bild lie
sich auf der Welt denken, als die Deck mit seinen bunt und toll
zusammengewrfelten, halb liegenden, halb kauernden, ber und durch
einander gestreckten Gestalten, ber welche das matte Licht der Laterne
nur seinen ungewissen zitternden Schein warf, und hie und da dichte
Schatten lie, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme,
oder ein unnatrlich zurck gebeugter Kopf hervorschauten.

Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem frheren Toben,
still und ruhig hier geworden; nur hie und da tnte das regelmige
Schnarchen eines der Glcklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten
und auf dem Rcken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgestreckt
liegen konnten, und Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise
gemurmelter, aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte
da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrmmten Gestalten, wenn
sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte und ihm vielleicht
mit den rauhen Fen ber Gesicht oder Brust fuhr. Die Maschine allein
klapperte und schleifte dabei regelmig fort und der Ingenieur,
der mit der llampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derselben
anzufeuchten, schien das einzige lebendige, bewute Wesen in dem ganzen
unteren Raum.

Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung des Abends fest
eingeschlafen und lag, halb zurck an den Vater gelehnt, mit weit nach
hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen schnen, aber jetzt
verzerrten Zge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte sa,
den Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn sttzend, in unruhigem
Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, von seinem
Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite sinken
lie.

Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es
die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem
breitrndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt wurde. Halb ber sich herber,
wenigstens die linke Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte
der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen
Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen,
obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu
knnen, und auch er schien zu schlafen, und im Schlaf eben mehr und
mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, sich an seinen Nachbar
anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, strubte sich im Anfang
dagegen, aber in solchem Fall hren alle Rcksichten auf, und der
schlfrige Gesell, drei, vier Mal angestoen, knickte doch immer, so
wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas hher sitzenden Nachbar
hinber, der ihn zuletzt mute gewhren lassen, oder auch selber endlich
darber einschlief.

Aber der Bursche schlief _nicht_, denn unter dem breiten Rand des Hut's
heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine stechende Augen scheu
und forschend hervor, berflogen wie suchend den weiten Raum, und
hafteten dann wieder mistrauisch und prfend an der ruhigen Gestalt des
Polen. Nach und nach, aber so langsam und allmhlich, da es kaum zu
erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter
seinen bergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare aber geschftige
Thtigkeit seines Ellbogens verrieth, da er ihn nicht nur zum Ausruhen
dort hingehoben habe.

Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf herber und
hinber, als er auf einmal, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten
Arm an seiner Seite herunter hngend, da der Ellbogen jedoch leicht auf
dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigstens berhrte -- still und
regungslos sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes
Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdchtig
vorkommen, denn auch er rhrte von diesem Augenblick kein Glied mehr,
und athmete schwer und regelmig, ja schlo selbst unbewut die Augen
unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das htte sein Athmen
bekrftigen knnen. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten
gesessen haben, und kein Laut sonst als die schon vorerwhnten hatte die
Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu
nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach links hinber,
lehnte den Kopf zurck an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen
Coye, und fing an leise zu schnarchen. Aber der Bursche an seiner Seite
traute dem Frieden noch immer nicht, und den eignen Kopf langsam
emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewut nach einer bequemeren
Stellung suchend, blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen brtigen
Angesicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos an
der Bretwand an, und mit dem Drngen der Zeit, denn jeden Augenblick
konnte irgend ein Lrm die Schlfer wecken, begann der bis dahin ruhig
gebliebene Arm seine Thtigkeit wieder.

Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und
Hebeln hmmerte -- wie das #flywheel# schlug und schwirrte, und
das Rauschen der mchtigen Rder, mit den rasch und regelmig
einschlagenden #bucketplanks#[15] zum Takt dazwischen die Wellen
peitschte, und sie schumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie so ruhig
der Strom da drauen lag, da man das Murmeln selbst der kleinen Wogen
hren konnte, und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem
schon halb verlschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so
ruhig und friedlich schliefen, als lgen sie daheim in ihren weichen
Betten, und nicht ber Kistendeckel und Fsser, Krbe und Schachteln
hin, mit eingezwngten Gliedern. --

Diebe! Mrder! Diebe! ein gellender, kreischender Aufschrei
schmetterte durch das Zwischendeck die Schlfer wach, und jagte sie,
fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch empor, als ob sie von
einem Zauberstab berhrt, aus dem Boden heraufgesprungen wren.

Hallo! wer ist todt? -- wo brennts? -- aufgeblasen -- bei _Gott_!
schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne schon befrchteten,
da dem Boot irgend ein Unglck zugestoen sei, wild und erschreckt
durcheinander.

Diebe -- Mrder! Diebe -- Diebe! drhnte aber Veitel Kochmers Stimme
in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen und gellend dazwischen, und die
noch halb Schlaftrunkenen sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen
Bart und dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer
Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, der sein
Mglichstes versuchte von ihm wegzukommen, beim Rockscho gefat hielt
und die Hlfe der brigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den
Mann lnger im Griff zu behalten, und ehe die brigen sich besinnen und
zuspringen konnten, ri der seinen Rockscho aus dem krampfhaften
Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und
vollkommen dunklen #guards# des Bootes springen, als sein Fu in einem
der anderen Schlfer, die hier queerber der Passage lagen, hngen
blieb, und er der Lnge nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug.
Im nchsten Moment hatten sich auch ein paar stmmige Kentuckier, die
unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen waren, ber
ihn geworfen und hielten ihn fest, und whrend er mit Armen und Beinen
um sich schlug und austrat, schrie Veitel in einem fort, und ohne irgend
eine der von allen Seiten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
mein Geld -- mein Geld -- Gott der Gerechte mein Geld!

Aber zum Donnerwetter was ist los? -- was brllt der Bursche hier?
-- was hat der da verbrochen? schrieen die Amerikaner durcheinander,
die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geschehen sei, die
Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des
deutsch Redenden keine Sylbe verstanden.

Mein Geld -- mein Geld! brllte aber Veitel und warf sich ber den
Gefangenen, seine Hnde und Taschen zu untersuchen, whrend sein
frherer Dolmetscher den brigen die gerufenen Worte bersetzte. Alles
drngte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen das #corpus
delicti# zu finden, und den Verbrecher dadurch zu berfhren; dieser
aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrngenden jedoch noch immer
festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch seinerseits an eine
eigene Meinung ber die Sache zu bekommen.

Was, im Namen von Hlle und Verdammni habt Ihr mit mir? schrie er mit
lauter trotziger Stimme, seid Ihr toll oder betrunken, da Ihr einen
Menschen, den die verrckte Bestie von einem Halbaffen da aus dem
Schlafe geschrieen, berfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas
verbrochen htte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich -- weshalb pret
Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von Eisen wren -- wer zum Teufel
hat ein Recht mich so zu behandeln?

Nur ruhig, #honey#! rief ihm aber Einer der Irlnder, der jetzt seinen
Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich zu, nimm's nur
kaltbltig mein Herzchen, und wenn Du's nicht kaltbltig nehmen kannst,
nimm's doch so.

Was wollt Ihr? -- weshalb haltet Ihr mich? weil der verrckte Schuft da
im Schlafe brllt? -- Da, such, was willst Du von mir, Canaille, _ich_
habe Nichts.

Mein Geld! mein Geld! schrie aber der Israelit, mit zitternden Hnden
an dem Mann, freilich vergebens, herumfhlend -- er hat mein Geld
gestohlen.

Die nchsten Minuten war es kaum mglich ein weiteres Wort zu verstehn;
Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, und der Ingenieur
verlie seine Maschine, die Mannschaft vorn ihre Posten, und was noch
wach an Bord war, drngte nach dem Zwischendeck zurck, zu sehn und zu
hren was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht
mig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen Dieb findend,
suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, und fand da den Sack auf
der Erde liegen, mit einem kleinen scharfen und geffneten Federmesser
dicht daneben; rasch an seinen Kaftan fhlend entdeckte er dort zugleich
einen breiten Schnitt, der diesen mit der Tasche vollstndig offen gelegt,
und sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so da die
Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen untersttzten, klar genug
wurde. Der Mann mit dem blauen berhemd leugnete aber Schnitt und Messer
ab, wie berhaupt irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen;
er habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brllen seines
Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung gewesen die
Kessel wren geplatzt, und nur im Instinkt der Selbsterhaltung
aufgesprungen.

Ja wohl #honey#, lachte der Irlnder dabei, whrend Veitel sein Geld
wieder barg und erstaunt von einem zum anderen der Mnner sah, ohne ein
Wort von dem was sie sprachen zu verstehn, das glaub' ich Dir schon,
da Du die Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal
sein, da Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute Taschen
kommst -- wie war also die Sache, Langbart da, woher weit Du, da
dieser #gentleman# hier Dein Geld im Instinkt forttragen wollte?

Andere, die deutsch sprachen, bersetzten dem Polen die Frage, und
dieser erzhlte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten Arm auf dem
Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb munter geworden, sei es
ihm vorgekommen, als ob Jemand langsam daran ziehe. Nicht recht sicher,
sei er ruhig sitzen geblieben, bis auf einmal das Geld ihm unter dem
Arm fortgeglitten und der Bursche da, als er rasch und erschreckt
emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen wre.

Der Dieb leugnete natrlich Alles, und schrie ber Gewalt und Unrecht,
das einem Brger der Vereinigten Staaten auf die schlaftrunkene Anklage
eines fremden Juden angethan wrde. Das fremde unntze Gesindel sei
berdie nur da, und komme von Europa herber sie, die Amerikaner,
auszusaugen, ihren Arbeitslohn herunter zu drcken und den Eingeborenen
#(natives)# das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.

Hr' einmal mein Junge! fiel ihm da Einer der langen Kentuckier in die
in Zorn ausgesprudelte Rede -- es will mir beinah vorkommen, als ob Dir
die Fremden noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrckt htten.
Auerdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner bist oder
nicht.

Ich bin im alten Staat[16] geboren! rief der Gefangene trotzig.

Kein Compliment fr den alten Staat sagte der Kentuckier ruhig, doch
das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier verdammt, eine Woche mitsammen
auszuhalten in Freud und Leid wie die Friedensrichter bei den
Trauungen sagen, und mssen uns also auch die Luft frei und die Taschen
zu halten vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.

Aber was wollt Ihr da von _mir_?

Wirst es gleich hren mein Herz.

Werft den Lump ber Bord und lat ihn an Land schwimmen schrie der
Irlnder dazwischen.

Frieden da! rief aber der Kentuckier, wir drfen einen Mann nicht
strafen, ohne ihn gehrt zu haben; whlt einmal einen Richter unter
Euch, Kameraden, und zwlf Geschworene; zu schwren brauchen sie weiter
nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der
Sache gleich auf den Grund kommen.

Hurrah fr den Kentuckier! schrieen eine Masse Stimmen, froh jetzt
irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, whlt eine Jury
-- whlt einen Richter!

Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen! rief eine feine Stimme
durch den Lrm -- der Steuermann war mit den brigen Neugierigen
ebenfalls herbeigekommen, zu sehn was es gbe.

Was schiert uns der Steuermann! schrie aber ein langer Bootsmann aus
dem Staat Mississippi dazwischen -- wir sind hier Passagiere und was
wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.

Ja wohl, ja wohl! riefen Andere -- der Kentuckier soll Richter sein;
Hurrah fr den Kentuckier!

Unter Lrmen, Lachen und Schreien, whrend der ertappte Dieb jetzt
freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt sah, da an ein
Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den
Passagieren gewhlt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den
Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem
doch nicht wohl dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte
gegen ein solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer
da er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden ruhig
geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann
sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der ihn vor einer solchen
Behandlung wie sie ihm hier widerfahre schtzen mte, oder er verklage
ihn selber in der ersten Stadt an der sie anlegten, wegen Mishandlung
seiner Passagiere.

Das half ihm brigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck hatten
Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit
vertriebe, und die Bootsleute selber, Capitain und Steuermann, hteten
sich schon da einzugreifen, wo sie doch recht gut wuten da ihnen die
Macht fehlte, noch dazu da es htte zu Gunsten eines Burschen geschehen
mssen, gegen den doch ziemlich gegrndeter Verdacht wenigstens
beabsichtigten Diebstahls vorlag.

Dem Angeklagten nun htte es frei gestanden gegen sechs aus der Jury,
Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, wofr dann andere
gewhlt worden wren; da er aber gegen die ganze Jury protestirte, und
ihr das Recht abstritt ber ihn zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten,
und das Verhr begann. Veitel Kochmer, der sich jetzt brigens gern von
der ganzen Geschichte zurckgezogen htte, bekam einen Dolmetscher, und
mute besonders #in figura# wieder zeigen wie sie Beide gesessen hatten,
whrend man noch alle brigen Zeugen vernahm, die vorher die
beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit angesehn.

Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert Zeugen fr
sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, das sich aber weit
besser ruhig verhalten htte, trat jetzt freiwillig auf, und erklrte
den Angeklagten schon seit einer Reihe von Jahren als einen braven, in
seiner Heimath geachteten, und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen
Mann zu kennen. _Dem_ Burschen stand das Wort Gauner aber mit so
deutlichen Zgen auf der Stirn geschrieben, da die ganze Jury laut
lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, und der Angeklagte
selber schien nicht sehr mit der Frsprache zufrieden zu sein. Es
war ein langer hagerer Gesell, der neue Zeuge, mit einer hellgrnen
Flanelljacke an, die sehr kurz in den rmeln, seine Gelenke und dnnen
Armen weiter zeigte als gerade schn sein mochte; auf dem einen Auge
schielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und
demselben Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rhmen dem Blick
des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet zu sein. Einen alten
zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem struppigen Haar gehabt,
drckte er, so lang er mit der Jury sprach, in den Hnden herum.

Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich
gekleideter Mann an Bord fr diesen einzeln Fall gemeldet hatte, trat
jetzt auf und versicherte der Jury, unter dem schallenden Gelchter
smmtlicher brigen Passagiere, nur nicht der beiden Freunde, da dieser
Zeuge die Sache des Angeklagten eher verschlimmert als verbessert habe,
hob dann noch einmal in sehr glcklich gewhlten, meist humoristischen
Wendungen das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, wo
Alle so zusammengedrngt waren da sie schon ohnedie Einer die Hnde in
den Taschen des Anderen haben muten nur stehen zu knnen, und erffnete
schlielich den geehrten Geschworenen, da ihnen kaum etwas anderes
brig bleiben wrde als den Mann zu -- hngen, wie seinen Freund Landes
zu verweisen.

Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von Allen natrlich
als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht von dem Angeklagten selber,
der vielleicht schon frher Zeuge gewesen war, wessen eine Bande mssiger
Bootsleute, in bermuth und Langerweile fhig sei. Die Jury zog sich
jetzt auf die Auenguards zurck dort miteinander den Fall zu berathen,
kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erklrte kein Urtheil
abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen den Mann habe,
der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er nicht irgend etwas
Verdchtiges bei sich trage was seine jetzige bse Absicht noch mehr
bekrftigen knne.

Dagegen strubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste, machte
sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu stellen und schrie, als ihn
ein paar von den baumstarken Flatbootmen unterliefen und hielten, aus
Leibeskrften um Hlfe und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht
allein Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen
ihn, die jetzt ohne weiteres, whrend ihn Einige festhielten, seine
Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gepck auszuliefern das er
an Bord habe.

Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr wohlgespicktes
Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz neue Banknoten der
#White water canal banking company# mit einigen einzelnen
Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine Mnzen vorfanden. Hiervon
erregten aber die neuen Noten Verdacht, von denen eine im Kreis
herumging, bis sie zu den Hnden des Staats-Anwalts, jedenfalls eines
jungen Handlungscommis der irgend eine Anstellung im Norden suchte, kam.
Dieser erklrte sie nach kurzer Besichtigung fr #counterfeit money#
(falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und bereitwillig selber
zu hngen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt habe und das Geld genau
kenne. Mit diesem Ausspruch allein begngten sich aber die Passagiere
nicht, und eine Deputation wurde hinauf in die Cajte geschickt, zu
sehen ob noch Einer von den Buchhaltern wach wre, dessen Urtheil ber
die Banknoten zu hren.

Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann geweckt worden,
da das Boot wieder anlegen mute Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf
wollte der freilich die Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, lie
sich aber doch endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen
#counterfeit detector#, in dem allmonatlich smmtliche falsche Banknoten
verffentlicht werden, nachzusehn, und erklrte die Banknote dann
ebenfalls nach kurzer Untersuchung fr falsch. Das war genug und die
Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr in Scherz und bermuth
getrieben worden, drohte einen ernsteren Charakter zu bekommen.

Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch erkannte Geld in
Beschlag, zerri es in Stcken und steckte es unter dem wthenden Heulen
und Schreien des Angeklagten in den Ofen, wo es bald hell aufloderte,
das brige Geld wurde ihm jedoch zurck gegeben, und die Jury ging dann
noch einmal auf die #guards# hinaus, das Endurtheil zu fllen, als die
Glocke drauen -- das Zeichen zum Landen und Holztragen -- ertnte.

#Wood pile, wood pile boys!#[17] schrie der Mate oder Steuermann, froh
eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu unterbrechen, in das Deck
hinein -- hinaus mit Euch wer nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten
knnt Ihr nachher abmachen -- #Wood pile!#

Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben, und die
Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen verpflichtet
hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent sollte
indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren, die nicht mit zu
tragen brauchten, zurckgelassen werden; das aber duldete der Mate
nicht, der erklrte da er den Mann nothwendig zum Holztragen brauche;
wenn sie was von ihm wollten, knnten sie das ebensogut nachher
abmachen, hier in Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat wrde er
ihnen nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, und zwei
von den Kentuckiern erboten sich drauen an seiner Seite zu bleiben,
und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unmglich zu machen.

Der Bursche, der aber jedenfalls ein bses Gewissen hatte, und
vielleicht nicht mit Unrecht frchtete auch noch andere Sachen an den
Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der Jury nicht abwarten zu
wollen, denn als er, einmal im Freien, seine zweite oder dritte Ladung
aufgenommen, wute er seine Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von
seinen beiden Wachen den ganzen Sto Holz auf den Leib, sprang ber ihn
fort, und war im nchsten Augenblick ber die Fenz hin, in einem
Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte Passage im
Stich lassend.




Capitel 7.

Die Ufer des Mississippi und Ohio.


Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte am
nchsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die Grenze nmlich
insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz an Fenz mehr
bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann immer breiter
werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranlieen, bis zuletzt Wald,
dichter finsterer mchtiger Wald an beiden Seiten lag, und nur hie und
da eine grere Lichtung den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen
thtig gewesen war sich in das Herz der Wildni einzuwhlen, und den
berreichen Boden sich zinsbar zu machen.

Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; noch war das graue
wehende Moos an den Bumen sichtbar, aber es hing nicht mehr in solch
gewaltigen prachtvollen Massen von den hchsten Wipfeln bis zur Erde
nieder, die Riesen des Waldes in einen weiten Schleier hllend. Dichte
Schilfbrche fllten dabei den Unterwald bis zum uersten Rand
des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene und
niedergeschwemmte Stmme die Verheerung nur zu deutlich verriethen, die
hier von den ungestm reienden, und noch tglich weiter in das feste
Land hineinfressenden Wassern angerichtet worden.

Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flchen, wie die ganze
Strecke von Point-Coupe, bis fast zum Atchafalaya -- einem Abstrom des
Mississippi der sich auf eigene Faust in den Golf von Mexiko ergiet
-- hinauf; aber das Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm
dessen Stelle ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.

Weiter und weiter arbeitete das Boot -- die Lichtungen wurden schmler
und seltener, auch die Gebude unansehnlicher, die an den Ufern standen,
bis sie zuletzt zu niedere fensterlose, in Sumpf und Rohr gebaute
Blockhtten zusammenschrumpften, mit mchtigen Reihen Klafterholz an
der Seite, den auf-und abgehenden Dampfern das so nthige Material zu
liefern, und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, fr
die Bewohner der Htte etwas Mais und einige Krbisse und Melonen zu
ziehn.

Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden dann wieder
pltzlich die hellen und oft ganz stattlichen Gebude eines bald
greren bald kleineren Ortes entgegen, und nirgends lt sich der
Unternehmungsgeist der Amerikaner gerade besser erkennen, als an den
Ufern der westlichen Strme, wo sich der Mensch ordentlich in die de mit
seinen Bedrfnissen hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und
aus dem Wald heraus, von Wlfen Nachts umheult und von der rauschenden
Wildni dicht begrenzt, seine Stdte mit ihrem Handel und Verkehr,
Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert. Im Anfang sind diese denn auch
natrlich nur auf den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie
entstehen lie; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen
und Farmen entstehn, Mhlen und Fabriken werden gebaut, Wege angelegt,
und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten Schlgen der
gefrigen Axt.

So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide Stdte mit prachtvollen
massiven Gebuden, scheinbar an der Grenze der Civilisation gegrndet,
und lieen die Mndung des gewaltigen Redriver an ihrer Linken,
der seine rothen Fluthen, ein fast ebenso mchtiger Strom als der
Mississippi selber, in diesen wlzt, ohne dessen Ufer auch nur eines
Schrittes Breite auszudehnen. Ebenso hat der Vater der Wasser den
stattlichen Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer
Unzahl kleinerer Flsse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes, von
der Mndung des fast noch bedeutenderen Missouri auch nur im mindesten
zu ndern. Aber tiefer und reiender wird er, je weiter er sich whlt,
und je grere Krfte er in sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund
reit er sich seine furchtbare Bahn, und die grten Kriegsschiffe
wrden ihn tausende von Meilen befahren knnen, dmmte seine Mndung
nicht die, den meisten groen Flssen gefhrliche Queerbank, die gerade
ber sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden Schiffen den Eingang
hartnckig weigert.

Weiter, weiter schumen wir stromauf; dort drben zu unserer Linken
mndet der Arkansas seine Wasser, eine kurze Strecke weiter oben ein Arm
des White River, und der kleine Ort, in die Spitze, die beide Strme
miteinander bilden, hineingebaut, heit Montgomery.

Unser Lootse wei aber von dem Ort da drben, und von dem Mann der hier
das erste Haus gegrndet, viel zu erzhlen. Er selber ist frher lange
Jahre auf dem Arkansas gefahren und oft an der Spitze die Montgomerys
Point hie und noch heit gelandet; der aber, der hier den ersten
Axtschlag gethan, war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen
leider noch in Masse liefert -- Mnner die nur das eine Ziel im Auge
tragen -- _Geld_ -- deren Herz und Seele, wenn sie Beides wirklich
haben, nur dem einen Trieb sich weiht und eigen giebt, und die selbst
Raub und Mord zu Brcken brauchen, das zu erreichen. Wenn nur die Hlfte
von dem wahr ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier
halblaut, und mit einem scheuen Blick dort hinber in's Ohr flstert,
da es dem Mann eine Eishaut ber den ganzen Leib jagt, so hat das Land
da drben Ursache fruchtbar zu sein, denn es ist mit Menschenblut
gedngt.

Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links -- weiter endloser Wald mit
furchtbaren Smpfen die nur, das Ufer des Stromes verlassend, der Jger
betritt, den Br in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier
ziemlich zahlreichen Hirsche zu jagen. Selbst Bffel haben sich, noch
etwas weiter zurck vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten
gehalten, und es ist das der einzige Platz in den, in die Union
aufgenommenen Staaten, wo sie noch zu finden sind.

Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen Charakter an;
das graue Moos ist ganz verschwunden, selbst die Cypressen kommen schon
vereinzelter vor als weiter unten, und der mchtige #cotton# oder
Baumwollenholzbaum, nach einer weien Flocke in der sein Saamen sitzt,
so genannt, hat den Ehrenplatz am Ufer, und fllt das flache sumpfige
Land mit seinen wahrhaft riesigen Stmmen. Aber whrend der rastlos
schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem Ufer den Boden
unterwscht und whlt, und oft ganze Acker Land, mit hunderten von
Stmmen in sein Bett herniederreit, wirft er am andern wieder weite
Sandbnke aus, deckt sie und dngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den
ihm der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder fhrt, und
lt sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen Flocken, den Saamen
des Baumwollenbaumes niederstreuen auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt
er sich der Art einen kleinen Streifen um den neugegrndeten Besitz, und
whrend das erst besete Stck schon die jungen Cottonbume bis zehn und
fnfzehn Fu Hhe trgt, die sich mit den saftgrnen jungen Kronen dicht
und fest an den alten Urwald selber anschmiegen, werden sie kleiner und
kleiner je weiter sie dem Ufer selbst sich nhern, bis sie in kleinen,
kaum sichtbaren Schlingen, noch von dem Schaum des Stromes besphlt,
nur eben erst die schwachen grnen Keime zeigen, und damit eine
frmliche grne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.

Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen nicht mehr die
dunklen zackigen Rcken und Stirnen, verbranntem Holze gleichend, ber
der trben Fluth; statt dessen sonnen sich weichschalige Schildkrten in
Masse auf dem gelben Sand und den in den Strom geschwemmten Stmmen,
strecken die langen Kpfe neugierig und scheu herauf, wie sie das
heranschnaubende Boot hren, und lassen sich dann schwerfllig nieder
gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu entgehn.

Auch die weistmmige Sycamora, mit ihrem schweren rothen Holz das nicht
im Wasser schwimmt, drngt sich bis zum Ufer vor, gar seltsam gegen die
dunklen Stmme der brigen Waldung abstechend, whrend bis zu ihren
ersten sten hinauf, in dreiig und vierzig Fu Hhe, eine feste grne
Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (#cane#) das seine Bambushnlichen
Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden Strom hinunter hngt, und
eine fast ununterbrochene Mauer bildet gegen das offene Flubett zu.

Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen wre und da hinein hie und da
eine kleine, kaum bemerkbare Lcke gerissen htte, so sehen die kleinen
Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer gedrngt und sein Lager da
mitten im furchtbarsten Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben,
aufgeschlagen hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten
Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund und Eigenthum der
Union zu schlagen, macht er ein anderes Recht der Squatter, das
#preemption right# fr sich geltend, das dem armen Ansiedler erlaubt
Land, ohne es gleich zu bezahlen, so lange zu occupiren und zu bebauen
und dann darauf das Vorkaufsrecht zum Congrepreis (1-1/4 #Dollar pr.
acre#) zu behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten
wird. Dem Staat gegenber erklren diese Leute, wenn sie je darum
gefragt werden sollten, da sie die Bume hier fllen um das Land urbar
zu machen, und es fr sich selber, zu ihrem bleibenden Wohnsitz zu
whlen, in Wirklichkeit aber bleiben sie nur bis sie sich eine gewisse
Summe baaren Geldes durch den Holzverkauf an die Dampfboote verdient
haben, und ziehen dann weiter westlich in gesndere Gegenden, sich dort
erst anzukaufen -- wenn sie nicht frher schon durch den Verlust von
Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den bsen Miasmen der
Smpfe verscheucht und gezwungen werden die Hgel aufzusuchen, das
eigene Leben zu retten. Von kaltem Fieber geschttelt, von Mosquitos
zerstochen, an Stellen die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie
die Kinder kaum genug hten knnen, verleben die armen Frauen besonders
dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch den Strom
bedroht, der in seinen furchtbaren berschwemmungen das ganze Land
berfluthet, das geschlagene und mhsam aufgeschichtete Holz und nicht
selten die niederen Blockhtten selber fat, und weit hinabschwemmt dem
Meere zu, so da diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen
Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an ihrem Haus zu
haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr Leben vor der Gewalt der
Wasser schtzen zu knnen, und stromab den Hgeln zuzuflchten.

S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen auf solche Art
fhren, und bezeichnend dabei, da fast nur Amerikaner selber, die
abgehrteten und die Wildni gewohnten Kinder der Pioniere und ersten
Vorkmpfer der Civilisation, sie freiwillig whlen. Selten oder nie
findet man in diesen Htten und Smpfen Deutsche, oder andere fremde
Einwanderer, die fast alle geringeren Verdienst und gesnderen Boden
vorziehn, auch wohl die Klima mit seinen Entbehrungen nicht so ertragen
knnten als der Amerikaner.

Weiter whlt sich das Boot, an Htte und Wildni vorbei und was ist das
dort drben, das so wei und breit da aus dem Wasser ragt? -- Ein
versunkenes Dampfboot, das in Nacht und Nebel gegen ein #snag# rannte
und sank -- aber die meisten Passagiere wurden gerettet -- und da
drben, das mit den schwarzen Rippen? -- das ist ein anderes Boot das
mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglcklicher Weise, ehe es
das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank lief. Der Steuermann
wei eine furchtbare Geschichte davon zu erzhlen, denn er war an Bord,
und man hat nie erfahren wie viel Unglckliche ihr Leben dabei
einbten.

Und weiter da drben? -- lieber Freund das sind auch die berreste eines
Wracks; es ist hier gerade eine etwas gefhrliche Stelle, aber berhalb
der Mndung des Ohio ist's noch viel rger, denn dort haben die
Bootsleute einem Theil des Stromes den Namen, Dampfers Kirchhof
gegeben, und manches Menschenleben hat der schon gekostet.

Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten schon
soviel Unglck geschehn, wie gerade auf dem Mississippi mit seinen
Nebenflssen; auf keinem wird dabei trotzdem leichtsinniger gefahren,
auf keinem werden, neben den prachtvollsten, besteingerichtetsten
Fahrzeugen, schlechtere, untchtigere Kasten benutzt Waaren und Menschen
zu transportiren wie gerade hier, denn der Amerikaner _will_ und _mu_
Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch auf dem Wasser
schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten Kessel nur noch
mglicher Weise halten, wird ihm seine Ladung anvertraut, und drngen
sich die Passagiere selber an Bord, nur keine Zeit zu versumen, und
vielleicht einen halben Tag lnger warten zu mssen mit einem besseren,
neuen Boot dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir mssen auch gerecht sein;
auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche Masse von
Dampfern jeder Gre, jeder Gattung wie hier, von dem stattlichen Boot
an das mit acht Kesseln an Deck und jeder ordentlichen Bequemlichkeit
ausgestattet, von drei bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist
zu tragen, bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zwlf
Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenflsse befhrt und
explorirt, mitten in Wald und Wildni hineindampft allen Gefahren zum
Trotz, und nicht selten den Bren und Panther berrascht die zum Trinken
herabkamen, und scheu und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungethm zurck
fliehen in Dickicht und Gestrpp. Die Nebenflsse mitgerechnet, von
denen ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder berhren,
betrgt die Zahl derselben jetzt weit ber sieben hundert, und im
Verhltni ist die Zahl der Unglcksflle dann noch immer nicht gar so
entsetzlich, wie es von solchen, die nur die dunklen Seiten jenes Landes
aufzudecken suchen, oft geschildert und beschrieen, nicht beschrieben
wird.

An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der sich doch nicht
hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch der bermthigen
Reisegefhrten abzuwarten, und lieber seine schon gezahlte Passage
(Gepck hatte er gar nicht) im Stich lie, Alles ruhig und friedlich
abgegangen, und Veitel Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt,
auch oben in der Cajte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes
Geld zu verdienen.

Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegefhrten an, frug
ob noch andere Passagiere von der _Haidschnucke_ an Bord seien, und
erfuhr von ihm, da sich auch die Weberfamilie auf der Jane Wilmington
eingeschifft habe nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen
Deutschen leichter Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor,
jemehr sie sich dem Orte nherten wo er selber ein neues ungewohntes
Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch in der
Praxis ganz anders herausstellten als in Bchern, schon mehrfach im Kopf
herum gegangen, wo er Jemand passenden gleich herbekam ihm wenigstens
in der ersten Zeit zur Hand zu gehn. Auch seine Frau, seine Tchter
brauchten eine Hlfe, denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc.
waren ebenfalls Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie
gerade jetzt, und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten
Augenblick gleich an zu bernehmen. Von Hopfgarten, mit dem er darber
Rcksprache nahm war sogar entschieden dagegen, da den an etwas
derartiges gar nicht gewohnten Frauen je dergleichen Beschftigungen
obliegen drften, und betrachtete es als eine Sache die sich von selbst
verstnde, da er Leute engagiren msse, die eben die grberen Arbeiten
fr ihn verrichteten. Da aber solche, wie sie vielfach gehrt, in
Amerika nicht immer gleich und leicht zu bekommen wren, knnte er auf
der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze Weberfamilie,
die er als ordentliche, rechtschaffene, fleiige Leute kennen gelernt
hatte, wenn sie irgend zu bekommen wren, in Dienst zu nehmen.

Der Professor fhlte da er recht hatte; freilich gehrte das, als
schwere Ziffer, zu den nicht gerechneten Ausgaben, die er sich bis
dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu knnen; so viel Hnde mehr
verdienten aber auch mehr im Feld -- auch der deutsche Landmann hielt
ja seine Knechte und Mgde und befand sich wohl dabei -- warum nicht er.

Zu solchem Entschlu, zu dem die Weberfamilie auch noch ihre Zustimmung
zu geben hatte, war dann aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und um
es besser mit ihnen besprechen zu knnen, ging er gleich am nchsten
Morgen zu ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden
Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden Gehalt ber
den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm in Dienst zu treten,
wo sie ein kleines Haus fr sich bekommen, und ihre Familie, von der der
lteste Knabe schon wacker mit zugreifen konnte, bei sich behalten
sollten.

Auch fr den Weber war brigens dieser Vorschlag gut und annehmbar, denn
er geno dadurch jedenfalls den sehr groen Vortheil nicht allein in der
ersten Zeit das wenige was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen,
sondern sogar noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste
von Allem, das Land in dem er sich spter selber niederlassen wollte,
aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch fr die Kinder hatte er
dabei ein Unterkommen, wie fr die alte Mutter, die sich auf der Seereise
merkwrdig gekrftigt und gestrkt, jetzt aber in dem neuen ungewohnten
Leben und Treiben an Bord, still und ngstlich in ihrer Ecke sa, aber
doch nicht mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr betubt von all dem
Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den ihrigen die nchste
Zukunft bringen wrde.

Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und auch fast drckendes
Gefhl hier in Amerika, wo er seine Lage gegen Deutschland hatte
verbessern wollen, in _Dienst_ zu treten, whrend er im alten Vaterland,
wenn auch arm und kmmerlich, doch selbststndig, und von Niemandem
abhngend, gelebt hatte; aber er sah auch wohl da er hier in eine ganz
fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in der er vor allen Dingen
lernen und Erfahrung sammeln mute, und mit der Schchternheit sich
gleich von vorn herein ein selbststndiges Handeln zuzutrauen, die
unseren armen Klassen nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht
zurckweisen, die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu untersttzen.
Auch die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor dem
ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten -- arbeiten,
lieber Gott das wollte sie ja gern von frh bis spt, hatte auch noch
nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt genug geworden die jngeren
Geschwister umherzutragen, und selber wieder ein eignes Haus? ja lieber
Himmel, das ging nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar
von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff hatten
achten und lieben lernen, durften sie nicht zurckweisen, wenn sie sich
nicht spter die bittersten Vorwrfe htten machen wollen.

Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer Unterhandlung
bieten konnte war gegen das, was sie frher von den Arbeitslhnen in
Amerika gehrt, nicht hoch, und betrug fr beide Eheleute nur zwlf
Dollar monatlich an baarem Gelde, aber sie bekamen auch dabei fr sich
und ihre Familie die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach
Abschlu des Jahres zu dem was sie schon ohnedie besaen und jetzt
nicht anzugreifen brauchten, noch eine hbsche runde Summe von 144
Dollar brig, mit der sich schon etwas anfangen lie. So schlugen sie
denn nach kurzem Besinnen ein, lieen ihre beraus sehr schwankenden
Aussichten in Cincinnati fahren, und beschlossen in Grahamstown mit an
Land zu gehn -- die Passagezahlung blieb sich berdie nach beiden Orten
gleich.

Du bist doch auch dmmer wie's eigentlich erlaubt ist, wandte sich
brigens, wie der Professor nur kaum den Rcken gedreht hatte und wieder
nach oben gegangen war, ein anderer deutscher Bauer, der ebenfalls erst
vor einigen Wochen mit Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach
Cincinnati hinauf wollte, an den Weber -- lt Dich da von dem Breimaul
beschwatzen, Dich fr sechs Thaler den _Monat_ zu schinden und zu
plagen, wo Du so viel die _Woche_ kriegen knntest, und bedankst Dich
auch nachher noch bei ihm da er so gut ist und Dich umsonst arbeiten
lt. Herr Jeses, _mir_ sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich
heimschicken.

Der Mann war aus Kurhessen und sah drftig aus, hatte auch in der That
schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und eben noch die Passage fr
sich und die Seinen auf dem Dampfboot erschwingen knnen, aber er wute
was ihm die Agenten in Deutschland fr Lohn versprochen, und war nicht
gesonnen, wie er meinte, fr einen Dreier weniger zu arbeiten.

Aber warum hast Du mir das nicht frher gesagt, wie ich noch mit dem
Herrn sprach meinte der Weber, durch den so bestimmt ausgesprochenen
Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.

Was gehts mich an brummte der Hesse -- Jeder mu am Besten selber
wissen was er zu thun hat.

Aber Du weit auch nicht gewi, was Du im Ohio zu erwarten hast sagte
der Weber kopfschttelnd.

Nun _sechs Dollar_ laufen mir da nicht weg lachte der Andere, und
berdie hab' ich's schwarz auf wei, und zwar von Leuten zu Hause, die
die Sache verstehn. Soviel wei ich aber, ehe ich fr sechs Dollar den
Monat arbeite, hungre ich lieber, denn _mit_ sechs Dollar knnte ich
auch eben nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch
meine Knochen. brigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht,
und kannst deshalb noch immer thun was Dir am Besten scheint.

Dem Weber war es ein unbehagliches Gefhl, sich von Jemanden, der schon
beinah so viel Wochen im Land war wie er Tage, so direkt tadeln zu
lassen, aber er konnte es auch jetzt nicht mehr ndern, denn er hatte
sein Wort gegeben, was er wenigstens fr ebenso bindend hielt wie einen
Contrakt. Dann aber stie ihn auch seine Frau heimlich an, und flsterte
ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen. Sie seien
nicht herber nach Amerika gekommen in einem Jahr reich zu werden -- das
mchte manchmal glcken, aber auch nicht immer -- sondern sich und
ihren Kindern nach und nach, aber dann auch gewi, eine feste Sttte zu
erbauen, da sie glcklich und unabhngig leben knnten, und mit jedem
Jahre weiter vorwrts kmen, nicht zurck wie in Deutschland. Damit aber
htten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es der Andere da drben,
mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen kranken Frau, besser wisse
und verstehe, so solle er nur hingehn und es versuchen, sie selber
wollten lieber den Sperling in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.

Fnf Tage und Nchte fuhren sie so stromauf, immer in vierundzwanzig
Stunden etwa 200 englische Meilen, den Windungen des Stromes nach,
zurcklegend, und erreichten endlich die Mndung des Ohio, der, von
Osten kommend, seine klaren Wasser mit starker Strmung, deutlich
unterscheidbar bis ber die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth
des Mississippi drngt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten
mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der linken, Kentucky
an der rechten und Illinois gegenber, laufen hier in ihren Grenzspitzen
zusammen, whrend der Ohio selber, durch seinen Strom von Ost nach West,
die freien und Sclavenstaaten von einander trennt.

Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen Charakter; schon
Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das mit seinen nordischen
Kiefern dem Auge unendlich wohl that, und wenn auch die Spitze von
Illinois, auf der ein kleines dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und
zehnmal wieder von ihm berschwemmtes und vernichtetes Stdtchen liegt,
noch flach und de ausluft in den Strom, hebt sich doch auch bald an
dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren Wasser, das vorn
den Bug beschumt, mit selbst kaum halb so starker Strmung gegen sich
als im Mississippi, braust das Boot lebendiger voran, und das Auge hngt
mit Wohlgefallen an den freundlichen Ufer-Bergen.

Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem deutschen
Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit Unrecht; der breite klare
Strom, die meist wellenfrmigen, oft schroffen, nicht zu hohen Hgel,
die sein Ufer bilden, und mit dem herrlichsten Grn bekleidet sind,
haben allerdings viel hnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele
trefflich angelegte Farmen und kleine blhende Stdte, die berall den
Unternehmungsgeist der thtigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild
etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem, von Sumpf und wildem
Urwald begrenzten und trb und reiend dahin strmenden Mississippi.
Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der
Scenerie, nein auch mit ihnen die alten historischen Erinnerungen, die
Sagen und Legenden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hgelhang, der
Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren
Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst wenn sie in all den
wundervollen herbstlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen,
kann diesen Reiz und Zauber nicht ersetzen -- sie bleiben todt und kalt,
so schn sie sind, und der Reisende, besonders der Deutsche, wird sie
anschaun und sich freun darber, aber nie sein Herz mit solchen Banden
zu ihnen hingezogen fhlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst
wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.

Rasch fliegt inde das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und
andere Ufer gren den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinber
schaut auf das fremde Land. Cypressen wie Baumwollenholzbume sind lange
in dem mehr sdlichen Klima zurckgeblieben und nur die weistmmige
Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern berragt, mit Erlen und
Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich oft weit hinaus ber die
murmelnde, spiegelhelle Fluth.

An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel Kochmer, der
sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen Melodieen eingebt
hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der gute Gewinnst lockte ihn, und
er schien nicht gesonnen eine solche Gelegenheit eben unbenutzt vorber
zu lassen; der Knabe aber, der sich die Tage ber zu sehr angestrengt
und bla und leidend aussah, klagte ber Schmerzen im Hals und weigerte
sich zu singen. Veitel glaubte inde auch ohne ihn das Publikum
befriedigen zu knnen, und lie die Leute durch Einen der Englisch
redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuhren. Ob diese aber der
Holzharmonika schon berdrig waren, die den meisten mit ihren weichen
sanften Tnen auch auerdem nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie
kein Geld mehr an eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut
umsonst zu hren bekamen, da der Pole, wenn er nur fr sich selber etwas
spielte, das eben an Bord nicht geheim thun konnte, kurz sie erklrten
ihm, ohne Flte mache ihnen die Sache keinen Spa. Wenn der Knabe nicht
wohl sei, mge er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust
htte, aber sie zahlten ihm Nichts dafr.

Siehst Du Philippche! flsterte da Veitel dem jungen Burschen zu, der
in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei ber ihn und stie ihn in die
Seite -- siehst Du mein Shnche -- Nichts zahlen wollen se -- _werst_ Du
nu singen?

Aber ich _kann_ nicht Vater.

Wie heit, _kann_ nicht, werd ich Dir gleich beweisen, ob Du kannst
oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai Philippche und werd ich Dir
kommen mit en Stock -- werst Du wohl kennen.

Mir brennt der Hals, als wenn ich glhende Kohlen darin htte.

Ich werd' se Dir lschen, sagte aber der Alte boshaft, Gott der
Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern vor's reine
Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt zum letzten Mal, oder
werste nicht?

Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor dem finstern Mann,
der ihm wohl schon oft bewiesen haben mochte, da er im Stande sei seine
Drohungen auszufhren, stand langsam auf, wischte sich furchtsam die
hellen Thrnen aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein
Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.

Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen? frug da ein alter
Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch den Polen,
der dem Knaben jetzt mrrisch zuwinkte sich bereit zu halten. Der
Pensylvanier sa unfern von ihnen auf einem Koffer, die Ellbogen
auf die Knie gesttzt, und schaute mit den scharf geschnittenen aber
grundehrlichen Zgen und den kleinen blauen lebendigen Augen bald den
Knaben, bald dessen Vater an.

Was ihm fehlt? -- ene Tracht Prgel werd ihm fehlen, knurrte aber
Veitel mrrisch -- faul ist er und will nich singen.

Ich bin nicht faul, Vater, sagte aber der arme junge Bursche, dem das
Blut bei der Anklage in Stirn und Schlfe stieg, ich bin nicht faul,
sondern krank, und Du wirst mich so lange zum Singen zwingen, bis ich
unter der Erde liege, wie --

Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in rcksichtslos
ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die neben ihm stand, und
wollte damit einen Schlag nach dem Kinde fhren, holte wenigstens dazu
aus, als der Pensylvanier auf und dazwischen sprang, dem Juden die
Flasche entri, und ihn selber fnf oder sechs Schritt zurckschleuderte,
da er taumelte und sich an den nchsten Coyen halten mute, nicht zu
fallen.

Nichtswrdiger Hallunke! rief der alte Mann dabei, whrend ihm edle
Entrstung das Blut in die Wangen jagte, schmst Du Dich nicht der paar
Dollars wegen, Dein eigenes krankes Kind zu qulen und zu mishandeln?
untersteh Dich und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen
sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.

Es ist _mein_ Junge, und ich kann mit ihm machen was ich will, rief
der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten Angriff, dem er
nicht zu begegnen wagte -- wer hat mer was in mei eigene Familie zu
reden?

Ich will Dir was sagen, Kamerad, redete ihn aber jetzt der Pensylvanier
an, der mit ein paar flchtigen Worten den ihm nchst Stehenden und
neugierig Herandrngenden die Ursache des Streites erzhlt hatte, wenn
Du gescheut bist, dann betrgst Du Dich wenigstens so lange vernnftig,
wie wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mut Du mit
Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich Dir aber, wenn Du
Deinen Jungen schlecht behandelst und er _luft Dir hier fort_ -- so
darfst Du Dich nicht darber beklagen, und kme er zu _mir_ -- und ich
wohne im nchsten Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heie Brower
-- und suchte da Schutz, so wrst Du der letzte, der ihn wieder bekm.
Hast Du mich verstanden?

Was hab ich mit Euch zu schaffen? sagte Veitel, aber er packte sein
Instrument verdrielich wieder ein, da er wohl sah da jetzt keine Zeit
sei zu spielen und einzusammeln. Der Knabe, den Zorn des alten Mannes
frchtend, drckte sich indessen wieder zurck in seine Ecke, ihn
wenigstens nicht durch seinen Anblick mehr als nthig auf sich aufmerksam
zu machen, blieb jedoch fr jetzt mit jedem Zwang verschont.

Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch, und ohne sich
irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und da wurde wohl manchmal am Tag
ein Tuch, oder Nachts ein Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte
Zeichen da Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die
Jlle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht an das
Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal aber auch, wenn der Capitain
mit seinem Fernrohr dem ueren Aussehn nach vermuthete, da er nur
Zwischendecks-Passagiere zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke
und das Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verwnscht,
vorbei ohne anzuhalten.

Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit grere Cultur,
als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen, an diesem Strom
gesehen. berall wo ein unbedeutender Flu oder auch nur ein Bach in den
Ohio mndete, lagen kleine Stdtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten
hlzernen Husern, manchmal noch von dem Wald aus dem sie entsprungen
umschlossen, oft aber auch von gut bebauten Farmen dicht umgeben, gar
eigenthmlich gegen den dunklen Hintergrund abstachen. Fabrikgebude
standen am Ufer, Kohlengruben sandten ihre Schtze auf improvisirten
kleinen Eisenbahnen bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen
von berbauten Werften gleich in die darunter gelandeten Boote zu
werfen; Heerden weideten auf gelichteten Graspltzen, Getraide und
Heuschober standen aufgespeichert, den Reichthum des Bodens bekundend.
Massen von kleinen und greren Dampfern lagen dabei theils an den
besiedelten Pltzen oder kamen den Strom herab, tief mit den krftigen
Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer brauchten zugleich
ihre Zeit nicht mehr damit zu versumen an Land zu fahren, ihren
Holzbedarf einzunehmen, denn die Holzverkufer hatten die Klaftern schon
in offenen breiten Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau
wurde ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und whrend das
Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf seine #guards#
geworfen, der Eigenthmer ging in die Cajte, sich sein Geld geben zu
lassen und steuerte dann sein etwas schwerflliges Fahrzeug wieder mit
der Strmung zurck, dem eigenen Landungsplatze zu.

So liefen sie zwischen Illinois und Kentucky hin, und erreichten am
siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans die Mndung des
ebenfalls schiffbaren Wabasch, der von Michigan herunter kommend und
oben queer durch den Staat Indiana durchstrmend weiter unten die Grenze
bildet zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio
nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus, aber zu
ihrer Linken lag Indiana.

Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls mit in
Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch frh genug nach Cincinnati, und
bekam hier zugleich Gelegenheit das innere Land wie die Verhltnisse des
Ankaufs, welche der Professor jetzt durchmachen mute, nher kennen zu
lernen. Auerdem waren sie doch nun auch hier ein tchtiges Stck in
Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich im
Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich hier jedenfalls
eher muten in ihrem urthmlichen Charakter erkennen lassen, als in den
groen, volkreichen Stdten.

Nun sie brigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die Passagiere,
selbst die Damen, durch die lngere Dampfbootfahrt zuversichtlicher und
sicherer geworden waren, begann Marie, wenn sie bei Tische oder Abends
manchmal auf der hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegefhrten zu
necken, da ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen
sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder den ganzen Weg
werde zurck machen mssen, noch einmal von vorn anzufangen. Hopfgarten
war aber auch wirklich nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten
Resultat zufrieden, denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt
und still vor sich gegangen, als ob sie auf einem Europischen Dampfer
gefahren wren, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren
noch nicht das geringste Auergewhnliche entdeckt. Nirgends boxten sich
die Leute -- als einmal im Zwischendeck und das hatte er versumt
-- nirgends sah er Pistolen oder Bowiemesser[18] gegen einander gezogen,
und wie oft hatte er doch in Deutschland gelesen, da diese beiden
Waffen von Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander
gezckt wrden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an Bord, und
wenn ihn nicht die bunt zusammengewrfelte Gesellschaft der Passagiere
selber amsirt htte, er wrde nicht gewut haben was mit sich
anzufangen.

Die Cajte eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch wirklich fr
Jemanden, der Charakterstudien zu machen wnscht, der beste Platz der
sich nur denken lt. Im Zwischendeck geben sich die Leute wie sie
sind, und sind wie sie sich geben, meist rohes Bootsvolk, das sich nicht
wohl in anstndiger Gesellschaft fhlt, oder die rmere Klasse der
Einwanderer, die still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und
Entbehrungen dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, da sie
nicht fr mehr bezahlen knnen.

In der Cajte ist das anders; die Passagepreise auf den westlichen
Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und des wohlfeileren
Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel wegen so niedrig gestellt,
da Jeder, der nicht wirklich zur arbeitenden Klasse gehrt, und sich
sein Brod im Schwei seines Angesichts verdienen mu -- und selbst
von diesen Mancher -- in der Cajte bei guter Kost und bequemem und
reinlichem Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben dem reichen
Pflanzer aus dem Sden und dem Crsus aus den stlichen Stdten, der in
die theuersten und feinsten Stoffe nach elegantem Schnitt gekleidet
Passage genommen hat seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen
Backwoodsman oder Hinterwldler gerad' aus dem Wald heraus, in seinem
blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange Bchse in die Ecke
der Cajte zwischen die seidenen Regenschirme und Fischbeinspatzierstcke
gelehnt hat, und seinen Tabackssaft zwischen den Zhnen durch ber
Bord spritzt wie -- der beste Gentleman der Union; finden den langen
Yankee-Sclavenhndler mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen
Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrckt; finden, dicht neben
dem salbungsvollen Gesicht und breitrndigen Hut, dem braunen Rock mit
Stehkragen und der weien Cravatte des Reverend So und So, den Abschaum
der Menschheit -- den Spieler von Profession -- der mit falschen Karten
sein Leben macht und zu Mord und Straenraub eher seine Zuflucht
nehmen wrde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh-und Mehlhndler,
und den Stadt-Speculanten, der seine Baupltze irgend einer imaginren
Stadt an den Mann zu bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana,
und den zhen, derbknochigen Yankee-Uhrenhndler; den Spanischen
Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine Einkufe in
Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischhndler, der
seine gesalzenen Heerden in der Knigin des Sdens gegen Spanische
Dollar vertauschte; finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der
wunderlich gemischten Bevlkerung Amerikas, mit einer einzigen Ausnahme;
wir finden keine Neger oder von farbigen Blut Entsprossene, bis zum
Quadroon[19] hinunter, in der Cajte eines Dampfers -- auer den Dienern
natrlich, Steward, Koch und Aufwrtern -- denn dem farbigen Blut ist der
Aufenthalt dort zwischen _Weien_ verboten, und wenn sie ber Millionen
zu gebieten htte. Wie wrde es einem Weien einfallen sich mit dem
Abkmmling der verachteten Race an _einen_ Tisch zu setzen, oder gar
_eine_ Coye mit ihm zu theilen. -- Mit den Zwischendeckspassagieren ist
das eine andere Sache -- Vieh wird auch oft im Zwischendeck befrdert,
und zwar mitten zwischen den brigen Passagieren -- dasselbe Recht haben
die _Nigger_.

Kaum minder interessant -- das Wenige gerechnet was er davon zu sehn
bekam -- war fr unseren Freund Hopfgarten die Damencajte, in der er
gewi vortreffliche und hchst angenehme Studien Amerikanischen
Familienlebens htte machen knnen, wenn nicht die magischen Worte
#no admittance,#[20] die auf einer rothen Tafel mit goldenen Buchstaben
darber standen, jedes Eindringen in das Mysterium dieser mit rothseidenen
Vorhngen verschlossenen Halle unmglich, oder doch zu einem sehr gewagten
Unternehmen gemacht htten. Manchmal war er allerdings im Stande einen
flchtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete und mit weichen
Teppichen belegte Gemach zu gewinnen, wenn ein oder die andere Dame,
vielleicht absichtlich, einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder
wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-Mdchen aus- und
einging, ihren nthigen Beschftigungen nach. Es lieen sich dann
wohl ein paar reizende Gestalten, nachlssig in einen Schaukelstuhl
hingegossen, erkennen, die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schoo um
nur etwas in der Hand zu haben, behaglich herber und hinber wiegten;
viel mehr war aber nicht davon wegzubekommen, und er selbst zu schchtern
sich irgendwo einzudrngen wohin er nicht gehrte, und wo er glauben
konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.

Des Neuen bot der Strom berhaupt genug, nach jeder Seite hin, und die
Zeit verging ihnen, sie wuten selbst nicht wie.




Capitel 8.

Die Farm in Indiana.


Die Schiffsglocke lutete wieder, und der Platz wo sie jetzt landeten,
ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer sagte, der
das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles (engl. Meilen) unter
Grahamstown; es war fr die Passagiere die dort auszusteigen gedachten,
die hchste Zeit ihr Gepck in Ordnung zu bringen.

ber das Wort #town# (Stadt) hatte der Professor inde unterwegs seine
berseeischen Ansichten in etwas gendert, denn den Flu entlang,
besonders am Ohio, waren ihm schon eine Menge kleiner Nester mit ein
paar zerstreuten hlzernen Wohnungen, aber immer unter diesem Titel,
vorgestellt worden, da er eben auch nicht sehr erstaunte -- wenigstens
nicht _so_ berrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wre -- als sie
etwa eine halbe Stunde spter in Grahamstown einen eben solchen kleinen
Fleck begrten, den er anderen Falls, beim bloen Vorbeifahren, gewi
nur fr eine gut und bequem angelegte Farm gehalten haben wrde. Lange
Zeit zu Betrachtungen blieb ihnen aber nicht; wieder hmmerte der
Steuermann gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit den
zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer
-- aber hier freie Leute, keine Sclaven --sprangen bereitwillig, die
Kpfe vorsichtig geduckt da sie nicht von dem schweren Tau getroffen
wurden -- herbei es aufzufangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen
gezogen, ertnte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strmte mit
einem scharfen jhen Schlag in's Freie, die Rder standen und wenige
Secunden spter lag die Jane Wilmington fest an Land, ihre Passagiere
abzusetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeschoben und whrend
die Deckhands und Feuerleute Alles faten, hinbertrugen und _abwarfen_,
was ihnen gepckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere
kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter schon wieder unter
den Fen fortgerissen wurden. #Go ahead!# tnte der Ruf des Capitains
vom Hurricane-Deck aus, und die groe Schiffsglocke lutete zum Zeichen
da Alle, die noch an Bord wren und nicht dahin gehrten, das Boot
verlassen sollten -- aber es war das eine bloe Formalitt, denn das
Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige Secunden
spter an und -- weiter brauste.

Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an Bord der Jane
Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewhlt; nur noch zwei
Amerikaner, die ihr ganzes Gepck, einen winzigen Lederkoffer, in der
Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren
mit ihnen ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und fast
mchte man sagen gewaltsam von Statten, da sie nicht einmal Zeit
behielten sich zu erkundigen ob die auch wirklich Grahamstown sei. Die
kleine Stadt lag brigens auf einem hier zum Wasser niederlaufenden,
etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hgelhang;
eine sehr ausgefahrene Strae lief schrg an dem Hang hinauf zu den
ersten Husern, und einzelne kleine Holzgebude, ohne eigentlichen
sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem hchsten Rand.
Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikanischen Passagiere in
ihren schwarzen Fracks hinter den Husern verschwunden waren, hie und
da einen Mann erkennen der, die Hnde in den Hosentaschen, an einer
Fenzecke lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem groen, den
ganzen Kopf verhllenden Bonnet, die ein paar Stcken Wsche aufhing,
um die Fremden da unten mit ihrem Gepck, einer ordentlichen Burg von
lauter Kisten, Kasten, deutschen Ackergerthschaften, Koffern und
Hutschachteln, schien sich keine Seele zu bekmmern, auch kein Fuhrwerk
war zu sehn, mit dem sie htten hoffen knnen ihr Passagiergut hinauf zu
befrdern.

Lieber Gott wie de das hier aussieht sagte Marie, die sich mit der
Mutter und den brigen Geschwistern auf ihre Koffer gesetzt hatte,
whrend der Weber mit seiner Familie, und der Professor mit Eduard und
Herrn von Hopfgarten noch eifrig beschftigt waren, das dicht an den
Wasserrand, und hie und da selbst in den nassen Sand und Schlamm
geworfene Gepck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf
trockenen Boden zu schaffen. --

Und kein Mensch zu hren und zu sehn sagte Anna kopfschttelnd, groe
Freude scheinen die Einwohner eben nicht zu haben da neue Ansiedler
kommen.

Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jngstes Kind auf dem
Schoo, und schaute sich dabei still und mit einem unbeschreiblich
unheimlichen Gefhl die ganze ziemlich de unversprechende Umgebung an.

Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden Eindruck auf den
Fremden, als das erste Betreten einer neuen #clearing#[21], eines neu
angefangenen Platzes in den weiten Wldern Amerikas. Alles ist noch neu
und unfertig, berall liegt Baumaterial und Holz; gefllte Bume,
abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fllt;
Straen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da
hinaus ausweichend, natrlichen Hindernissen des Bodens zu entgehn;
Nichts hat noch einen Platz, Niemand selbst von den schon Angesiedelten
fhlt sich heimisch, und die zertretenen, zerstampften Pltze um die
Wohnungen selbst herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten
gbe, oder Abwechslung in diese Wste der Civilisation brchte. Wohl
hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen der
Weien sehend behaupteten, der Indianer sei der einzige rechtmige und
von dem groen Geist fr sein Vaterland bestimmte Eigenthmer, denn er
_entstelle_ den Platz nicht, auf dem er sich niederlasse, und nur den
Jahren ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber mu
wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da
wohnlich, bis es heimisch wird.

Die Mnner hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten,
sich mit dem seidenen Taschentuch den Schwei von der Stirn trocknend,
zu den Damen trat.

Das wird Appetit machen sagte er lachend, Wetter noch einmal, nach
einem so migen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor;
die Bootsleute htten sich auch ein wenig mehr Zeit lassen drfen -- ich
habe ordentlichen Hunger.

Ja, wenn wir hier nur berhaupt etwas bekommen knnen meinte Marie
neckend -- Sie und Papa werden jedenfalls erst einmal recognosciren
gehn mssen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden
genthigt sein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben,
den Mutter fr die Kleinen mitgenommen hat.

So weit wird es hoffentlich nicht kommen sagte der Professor, der
jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, aber -- aber ich mu gestehn
-- _etwas_ Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beschreibung
doch auch gedacht und, was mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen
hier auf fremde Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und -- brauchen
uns entweder nicht, oder -- oder glauben vielleicht da wir gar nicht zu
ihnen wollen.

Das lt sich bald erfahren rief aber Hopfgarten -- wir Beide
wollen, wie eben Frulein Marie vorgeschlagen hat, einmal hinaufgehn
und den Herrn aufsuchen, an den Sie, lieber Professor, adressirt sind;
jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir sind, und was wir
hier in diesem #Embryo# Stdtchen zu hoffen haben. Ich fr mein Theil
trete den Weg mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu
frchten selbst in denen getuscht zu werden.

Gut sagte der Professor dann mag Eduard als Beschtzer der Frauen
zurckbleiben, und dem Weber indessen helfen das kleinere Gepck etwas
mehr zusammenstellen; hoffentlich hat die Stadt da oben auch ein
besseres Aussehn, als wir von hier unten erkennen knnen. Sptestens
sind wir in einer Stunde etwa zurck und bringen Bescheid.

Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, als sie allein
hier in der Sonne sitzen lassen? wandte Hopfgarten ein.

Wir bleiben lieber hier sagte die Frau Professorin rasch -- ich
mchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht wei da unsere
Kinder und das Gepck ein sicheres Unterkommen finden.

Der Professor hielt das auch fr das Beste, denn ihre Familie war durch
die Weberleute natrlich sehr angewachsen, und die beiden Mnner machten
sich jetzt auf den Weg vor allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an
den sie empfohlen waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt
noch sehr passiv verhielt, etwas nher in Augenschein zu nehmen. Sie
kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen
Landungsplatz, den schmutzigen schrg anlaufenden Weg dabei vermeidend,
hinan und erreichten bald die ersten, schon von unten auf bemerkten
Huser, wo sie das aber, was sie von der Landung aus fr einen freien,
noch nicht bebauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene
Strae erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in
regelmigen Zwischenrumen kleine niedere theils Block-theils
#frame#[22] Huser standen, in der aber auch nur erst die Bume, die
hier ursprnglich den Wald gebildet, gefllt und die Kltze zu den
Gebuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und
Stmpfe aber noch keineswegs entfernt waren, und der Strae, die ein
breites Schild als #Mainstreet# verkndete, etwas ungemein urthmliches
gaben.

Die Strae -- in der nur zwei Menschen sichtbar waren, der eine mit
einer Axt beschftigt einen knorrigen Eichenast zu Feuerholz zu spalten,
der Andere auf einem umgeworfenen Stamm sitzend, auf dem er, mit einem
Zeitungsblatt in der Hand, eingeschlafen schien -- bot aber doch etwas,
dessen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte -- ein Wirthshaus,
auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort natrlich an
der Quelle alle nthigen Erkundigungen einzuziehn.

Das Zeichen, das ihnen der Platz verkndete, bestand in einem roh
von Stangen aufgerichteten Gerst, zwischen dem schwebend, an zwei
eisernen knarrenden Haken ein Gemlde mit der Unterschrift #Inn#
(Wirthshaus) hing. Das Bild allein wre nun schon hinreichend gewesen die
Aufmerksamkeit der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es
sich auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben und
diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu bewundern. Es
stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer dar, die hchst sinnreich
mit dem zur Kufe ausgebogenen sehr schuppigen Fischschwanz ber die
jedenfalls gefrorene Oberflche der See hinlief, und dabei eifrig
beschftigt war mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, -- das Ding
sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune -- die allerdings
sehr struppigen rothen Haare zu kmmen. Sie war dabei gewissenhaft
nackt, und auerordentlich krftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das
Diabolische ihres Charakters am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur
Phantasie von ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas
verdrehte und den Daumen auswrts gehaltene Hand unter den Erfolg des
Kammes hielt, mit einer so scheulichen Galgenphysionomie versehen, da
sie als die Urmutter des ganzen Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum
einem armen Schiffer in seinem Kahne der vielleicht den Ohio herunter
kam, gefhrlich geworden wre.

Nun, wie gleicht ihr das Bild? sagte da pltzlich, in dem sogenannten
Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch deutschen
Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die nie Pensylvanien gesehen, eine
vierschrtige Figur, die in einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug
und eben solchen pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen,
die Hnde in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in
der Thr stand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite
seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, wohlgefllig
betrachtet zu haben schien.

Oh vortrefflich sagte Herr von Hopfgarten rasch, und etwas erstaunt
ber die deutsche Anrede -- aber Sie sprechen deutsch? --

#Y-e-s# sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewut.

Aber Sie sind kein Deutscher?

No -- denke nicht.

Und woher wuten Sie da _wir_ Deutsche sind? frug der Professor, dem
es ein eigenthmliches Gefhl war trotz seiner, keineswegs aufflligen
oder auergewhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land
Gehriger erkannt zu sein.

Well, ich wei nicht sagte der Pensylvanier schmunzelnd, aber Ihr
Deutsche seht immer so artlich aus, da man Euch gleich wie die
schwarzen Schaafe unter den Weien herausfinden kann. Aber wollt Ihr
nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es ist hei heute.

  [Illustration: Capitel 8.]

Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger des in Aussicht
gehenden pfelweins als der gehofften Nachrichten wegen, und folgten dem
Mann, der sie in den unteren, eben nicht sehr gemthlichen Raum seines
Schenk- und Gastzimmers fhrte, dort ohne weiteres hinter seinen
Schenktisch trat, ein paar Glser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine
gelblich trbe Flssigkeit eingo die er ihnen als #first rate#[23]
und honigs anprie. Er lehnte sich dann mit den beiden Ellbogen auf
seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie sie die Flssigkeit, ein
sauerses etwas fade schmeckendes Gebru, mit der bestmglichsten Miene
verschluckten.

Capitaler Cider das -- hat mein Junge selber gemalt, alle beiden
Seiten.

Was? sagte Hopfgarten rasch, ber sein halbgeleertes Glas
hinwegsehend.

Das Bild drauen mein ich sagte der Pensylvanier -- die #Mermaid#
-- verfluchter Junge, hat es Alles von sich selber gelernt.

Oh das Schild drauen -- ja, ist wirklich vortrefflich gemacht stimmte
ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Mglichkeit versetzt zu werden den
Cider ebenfalls loben zu mssen -- verrth sehr viel Talent.

#Yes# -- sagte der Pensylvanier schmunzelnd -- und noch dazu ohne
Pinsel, blos mit einer Zahnbrste.

Das Gemlde gewann durch diese Nachricht allerdings an artistischem
Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht sehr ber das Gesprch
amsirt htte, gingen aber doch in diesem Augenblick zu viel andere
Dinge im Kopf herum, und er schnitt die Unterhaltung durch eine direkte
Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und fr den
er freundschaftliche Briefe bei sich trug.

Mister Goodly -- so? -- sagte aber der Pensylvanier, dessen Name Ezra
Ludkins war, seine beiden Gste Einen nach dem Anderen rasch aufmerksamer
als vorher von oben bis unten betrachtend -- und Ihr wnscht Mister
Goodly zu sprechen und habt Briefe fr ihn?

Ja mein Herr sagte der Professor, der sich aber noch immer nicht recht
an das Pensylvanische _Du_ gewhnen konnte, und Sie wrden uns einen
groen Dienst erweisen, wenn Sie uns zu ihm fhren wollten.

So? -- hm? sagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand
dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd -- Mr. Goodly? Und Ihr
seid Freunde von Mr. Goodly? --

Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo knnen wir ihn
wohl finden?

Darum htte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wte sagte
Ezra.

Der Sheriff? -- wie so -- ist er nicht mehr hier? frug der Professor
rasch und erschreckt.

Ich denke nicht erwiederte der Pensylvanier, mit unzerstrbarer Ruhe
-- knnten hier auch nicht #care# auf ihn thken,[24] denn wir haben
noch keine #penitentiary#.

Kein Zuchthaus? rief Herr von Hopfgarten -- hat Herr Goodly irgend
etwas verbrochen?

Well ich wei nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat
erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem Spiel ruinirt, und dann
einer alten Frau, die hier allein in einem Hause wohnte und viel #Cash#
(baar Geld) haben sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er
sich #scarce# gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder
ketschen[25] knnen.

Aber das ist ja gar nicht mglich! rief der Professor, das kann _der_
Goodly nicht sein -- Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown
am #blue creek#, etwa eine halbe Meile von hier -- ausgedehnte Rinder- und
Schaafheerden, und zieht hauptschlich Schweine fr den Cincinnati-Markt.

Well sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas fr
sich selber von dem Gesims herunter nehmend, das er sich mit #brandy#
-- er selber trank keinen Cider -- anfllte, und auf einen Schluck
austrank -- das trifft. Seine kleine #cabin# stand am #blue creek#, wie
der Platz heit -- er hielt zwei Khe, und das Weibsbild das er die
letzten drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist,
kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.

Aber das sind keine Heerden --

Bah, wenn er's eine Heerde nennt -- Grahamstown ist auch noch keine
Stadt, wenn wir so wollen.

Und Mr. Goodly war wirklich --

Der nichtswrdigste Schurke, den je die Welt getragen, unterbrach ihn
der Pensylvanier ruhig, und ich will Euch wnschen, Leute, da Ihr noch
bessere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.

Allerdings keine weiter, sagte der Professor, mit einem aus tiefster
Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag schmetterte
diese Nachricht all seine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was
machen, wohin gehn? -- und seine Familie, rathlos ohne einen Freund in
dem fremden Lande, mit seinem Gepck im Freien und dem Zufall preis
gegeben.

Apropos Fremder, sagte da der Pensylvanier pltzlich von einem neuen
Gedanken ergriffen, Ihr sagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von
Goodly -- vielleicht wre da Auskunft darin ber ihn zu finden, wo er
jetzt steckt -- setze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.

Der Gedanke ist vortrefflich, rief Herr von Hopfgarten, und ich wre
ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel an ihn schreibt.

Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden ffnen, sagte der
Professor -- berdie konnte Henkel Nichts ber seine Flucht wissen,
sonst htte er mir den Brief nicht mitgegeben.

Nun, vielleicht wnscht ihn der Sheriff zu sehn, sagte der
Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder zurckstellend,
wre jedenfalls interessant auch den _Freund_ kennen zu lernen. Der
Mann hatte die beiden Fremden, seit er sie mit jenem anerkannten Gauner
in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauisch fortwhrend
betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob
es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen
sein knne, wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen
Abwesenheit besonders den Einen -- wie ihm keineswegs entgangen
-- augenscheinlich in Verlegenheit setzte. Herr von Hopfgarten brigens,
der seine eigenen Beweggrnde dabei hatte, drang jetzt selber in den
Professor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel gesagt da es nur
eine Empfehlung sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen,
da Mr. Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und wrde, wenn er
es spter erfhre, gewi sehr damit einverstanden sein, da sein
Brief geffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt worden, in
unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden zu haben. Der
Professor strubte sich aber noch lange dagegen, und nur erst als
sie das Papier gegen das Licht gehalten und dadurch gesehen, da es
wirklich nur wenige Zeilen enthalte, und selbst in der Hoffnung fr sich
vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschlo er
sich endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. Dieser
schien auerdem nicht bel Lust zu haben ihm den Sheriff auf den Hals
zu schicken, wodurch er am Ende noch in eine ganze Masse unangenehmer
Geschichten verwickelt werden konnte, und er hatte von Deutschland
her noch einen ganz besonderen Respekt vor jeder Berhrung mit den
Gerichten, dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika
gleich mit einer hnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich ffnete
er das Siegel und berlas flchtig die Zeilen, die er dann achselzuckend
an Hopfgarten, whrend diesem der Pensylvanier neugierig ber die
Schulter schaute, gab. Der Brief lautete einfach.


 Lieber Goodly.

 Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wnscht
 -- womglich gleich eine eingerichtete Farm -- ich habe nicht den
 geringsten Zweifel, da Du ihm das besorgen wirst. Er hat Geld und ist
 ein Professor. Es wre mir _sehr_ angenehm, wenn er einen passenden
 Platz im Norden fnde --ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.

 Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika -- habe sehr gute
 Geschfte gemacht und hoffe Dich _jedenfalls_ im Laufe des nchsten
 Monats in New-Orleans zu sehn. Du _mut_ kommen. Meine Adresse kennst
 Du. -- O..... ist auch hier und immer noch der Alte. Es grt Dich
 bestens

 Dein
 Soldegg _Henkel_.


_Soldegg_ Henkel? sagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal
flchtig, den Inhalt nur berfliegend, dann langsamer durchlesen hatte
-- _Soldegg_, was fr ein sonderbarer Vorname; hie denn Henkel nicht
anders?

Ja ich wei es wahrhaftig nicht, sagte der Professor, ich habe nie
darauf geachtet, und soviel ich wei seinen Vornamen auch nie gehrt
-- vielleicht ist dieser hier in Amerika gebruchlich.

Soldegg? sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung halb als Frage
gerichtet war, indem er hinter seinen Schenktisch ging und sich den
Namen aufschrieb, nicht da ich wte; s' ist aber mglich, die
Methodisten und Baptisten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche
Namen, von denen man nie wei wo sie her sind, aber -- wie ich da eben
aus dem Brief sehe, habt Ihr die #intention# Euch hier zu settlen, und
eine Farm zu kaufen; ist das wahr?

Das war allerdings meine Absicht, sagte der Professor kopfschttelnd
im Zimmer auf und abgehend, whrend sich Hopfgarten mit dem Brief in
eine Ecke gesetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchstudirte,
damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden,
sondern gleich Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit
Rath und That an die Hand gehen knnte. Ich wre sonst wahrhaftig nicht
nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, Dienstboten und Gepck hier
heraufgekommen.

Well, wenn Du bei Allem solch Glck hast, als da Du den Schuft von
Goodly nicht mehr hier findest und in dessen Klauen gefallen bist,
meinte der Pensylvanier trocken, dann kannst Du es noch zu 'was
bringen in den States. Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?

In Cincinnati? -- _hier_ -- unten am Flu, mit Kisten und Kasten.

#The devil!# rief der Pensylvanier berrascht aus -- fgte aber dann,
indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf seinen Schenktisch setzte
und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten Hnde nahm,
langsamer und wie berlegend hinzu, hm -- da befindest Du Dich #anyhow#
in einem #fix#[26] -- seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?

Ja wohl, mit der Jane Wilmington.

Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich _kaufen_?

Wenn ich etwas passendes fnde.

Mit Vieh und Einrichtung?

Wre mir allerdings das Liebste.

Und Gebuden?

Versteht sich von selbst.

Und wie theuer baut?

Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umstnden ab, und mte sich
doch entschieden nach der Farm selber richten.

Well, vor allen Dingen knnen wir die Ladies nicht unten an der Landung
sitzen lassen, meinte der Pensylvanier, und es wird das Beste sein sie
hier heraufzumuven -- Unterkommen haben wir schon fr sie; wir mssen
wenigstens sehn, da wir 'was auffixen -- aber so recht bequem wird's
freilich nicht werden.

Ja ich wei aber gar nicht, sagte der Professor unschlssig, indem
er sich an den noch immer den Brief studirenden Herrn von Hopfgarten
wandte, ob ich unter solchen Umstnden berhaupt hier bleibe, oder
nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu
lieber Hopfgarten -- lassen Sie doch den unglcklichen Brief, Sie lernen
ihn wohl auswendig?

Auswendig nein, sagte der kleine Mann aufstehend, obgleich er's am
Ende verdiente, denn ich fange an zwischen den Zeilen zu lesen und ich
versichere Sie, lieber Professor, mir wird angst und bange dabei zu
Muthe.

Aber wie so? -- was haben Sie?

Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt mssen wir doch wohl an das
Ihnen nher Liegende denken.

Ja nach Cincinnati wieder fahren, sagte der Pensylvanier
achselzuckend, das ist so eine Sache. Natrlich knnt Ihr das thun,
denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage hier vorbei; heute sind
aber schon drei aufwrts gegangen, es ist also sehr die Frage, ob ber
Tag noch eins kommt, und die Ladies drfen doch die Nacht nicht gut
unten am River bleiben. Auerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier
auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, da Ihr doch
am Ende besser thtet, Euch hier erst einmal ein paar Tage umzusehen;
nachher knnt Ihr ja #anyhow# doch noch immer thun was Ihr wollt.

In dem Rath lag sehr viel Vernnftiges; das ewige Gepck herumschleifen
bekam der Professor auch satt, und die Passage nach Cincinnati, so
gering die Strecke sein mochte, htte fr seine wie des Webers Familie,
#a smart sprinkle# Geld gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrckte,
da sich die Steamboote das Anlegen schon besonders zahlen lassen. Zu
dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein Gasthaus, der
Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen -- die Masse Personen -- auch
von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erst die Umgegend hier einmal in
Augenschein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich _nicht_, so hatte er
doch ein Stck vom Lande gesehen, die Preise und Verhltnisse etwas
kennen gelernt und -- Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie ein paar
Tage, mit nicht grerem Kostenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen
war, versumt zu haben.

Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung
hinunter, dort das Gepck in Augenschein zu nehmen, um es nachher mit
seinem Geschirr heraufzuholen, und die Damen in sein Haus einzufhren.
Er war, nachdem er die Absicht der Fremden gehrt, und nun doch auch
wohl gesehen hatte, da sie mit jenem bel berchtigten Goodly in
nicht dem geringsten Verhltni standen, wieder sehr freundlich und
zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene ungenirte Weise
geworden. Gegen die Damen aber war er besonders artig, und bot sogar der
Frau Professorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen
hie, den Arm an und fhrte sie den Berg hinauf, und die Mnner nahmen
Jeder ein Stck des leichteren Gepcks und folgten. Des Pensylvaniers
Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geschickt die brigen Sachen,
bei denen des Webers Frau mit den Kindern so lange als Wache bleiben
mute, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen -- hatte aber
dreimal zu fahren, ehe er smmtliche Kisten und Collis an Ort und Stelle
schaffen konnte.

Fr diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am
nchsten Morgen aber, sobald es den Herren gefiel, erbot sich der
Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er
ihnen sogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fnf vom
Ohiostrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren knne. Diese,
jetzt von einem seiner Shne bewohnt, wre ihm vielleicht feil, wenn er
seine Auslagen bezahlt bekme, indem er selber keinen Gebrauch mehr
dafr htte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner Aussage nach, mehr zu als
das Farmerleben, und Grahamstown wrde und mte sich in sehr kurzer
Zeit so heben, da sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel
umgestalten knnte. Wenn besonders _der_ Plan verwirklicht wrde, an
dem das #County# jetzt arbeitete -- den Platz mit der nach St. Louis
fhrenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, hoffe er
das Fabelhafteste fr Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu
verstehn, da ein paar hundert Thaler fr Baupltze in der Stadt selber
ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden
werden knnten, und wie er fr die Zukunft sogar an dem Bestehen
Cincinnatis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses
Platzes, _unterhalb_ den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, kaum
werde auf die Lnge der Zeit concurriren knnen. Er mochte es sich
dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich um sie noch mehr
zu berzeugen, auch in die Anlage des beabsichtigten Grahamstown
hinauszufhren, und Mainstreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten
der weiter oben hufig queerberliegenden Bume wegen hatte, kamen
sie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem
ausgesteckten und hier und da selbst schon geklearten Marktplatz,
wo allerdings noch smmtliches geflltes Holz wie Kraut und Rben
durcheinander lag, nichts destoweniger aber doch schon der Platz fr die
Bank, fr das Theater und fr die Brse -- das Court oder Gerichtshaus
stand schon in Gestalt eines breiten berwachsenen Blockhauses an der
nmlichen Stelle, an der es sich spter von massivem Sandstein oder
Granit erheben sollte -- ausgemessen, und an den noch stehenden Bumen
durch kleine hlzerne Tafeln bezeichnet worden.

Der Professor htte unter anderen Umstnden gewi ber die groartige
Planmachen, in dem die Amerikaner berhaupt berhmt sind, gelchelt, und
sich damit amusirt, denn seinen eigenen Ansichten von Stdtebauen nach,
soviel er auch Amerikanischer Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte
und mute wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hlfte dessen
wahr geworden, ber das der Pensylvanier sprach als ob es sich im
nchsten Frhjahr ereignen wrde. Jetzt aber, mit in den Wirbel schon
halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit sich fortri,
schon ein halbes Glied des Ganzen, und doch noch eigentlich nicht
dazu gehrig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon
gewissermaen als seine Heimath betrachtet, erfllte ihn das Alles mit
einem unbehaglich drckenden Gefhl, so da er manchmal ordentlich tief
aufathmen mute, wie eine schwere Last von seiner Brust zu wlzen.

Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und die
#improvements# des Bodens und der Stadt, der Wachsthum der Einwohnerzahl,
die Erbauung von Kirchen, Schulen, Universitten, Bibliotheken etc. etc.
ri ihn mit einer Phantasie und Einbildungskraft fort, die so innerste
berzeugung schien, da sich selbst der Professor, trotz seiner
niedergedrckten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens
einen kleinen Theil des in soliden Luftschlssern aufgebauten Bildes
fr mglich zu halten, und sich in der That, noch ehe sie das Gasthaus
wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine Zuckerfabrik -- den
Runkelrbenbau in Amerika einzufhren war eine Lieblings-Idee von ihm
-- an der #blue creek# errichtete, mit derselben Wasserkraft eine
Sge- und Mahlmhle trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte
von den berbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans
schickte, den grtmglichsten Nutzen zu ziehn.

Der Abend ging trotzdem sehr still vorber -- das drckende Gefhl der
Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, sie mochten ankmpfen dagegen
wie sie wollten, lie sich nicht so rasch bewltigen, und wenn auch der
Pensylvanier Alles that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie
sich jetzt befnden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches
Weibchen aus Louisville, ihre den Zimmer so behaglich herrichtete
wie es unter den Umstnden nur mglich war, sie blieben still und
einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst von Allen, htte sich am
allerliebsten in irgend eine versteckte Ecke gedrckt und recht herzlich
ausgeweint -- so weh, so eigenthmlich war ihnen zu Allen zu Muthe.

Apropos, rief da pltzlich Herr von Hopfgarten, als sie sich gerade
fr die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier hatte ihnen nur drei
Zimmer zur Verfgung stellen knnen -- eins fr die Damen, eins fr die
Weberfamilie und eins fr die Herren) was ich Sie noch fragen wollte
-- kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unseres
gemeinschaftlichen Freundes Henkel?

Ja wohl, rief Marie rasch -- er heit Joseph; warum?

Ganz recht -- jetzt fllt es mir auch ein, Joseph! sagte Hopfgarten
schnell; wie man doch so etwas vergessen kann, ich habe selber den
Namen mehr wie hundert Mal gehrt.

Joseph -- ja wohl, sagte auch jetzt der Professor, da mu das
wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.

Sein _Amerikanischer_ Name?

Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit _Soldegg_ Henkel
unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine Frau wenigstens ihn
mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt htte.

Soldegg -- Soldegg -- ich habe den Namen nie, auch selbst nicht in
Heilingen gehrt, sagte Anna -- lieber Gott was mag Clara jetzt
machen; es ist mir immer ein recht trauriges, wehmthiges Gefhl, da
wir sie krank zurcklassen muten.

Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit auf den Rcken
gelegten Hnden unruhig im Zimmer auf und ab, aber er sagte kein Wort
weiter, und da die Frau Professorin etwas ber Kopfweh klagte, und die
Kinder auch unruhig wurden, verabschiedeten sich die Mnner bald, und
suchten ebenfalls ihr Lager.

       *       *       *       *       *

Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag fr die neuen
Ansiedler, der vielleicht entscheidend fr sie sein sollte, fr ihr
ganzes Leben und Glck, denn eine neue Heimath sollte gesucht, ein Platz
gefunden werden, auf dem sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen,
sondern fr den sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit
herber gebracht, auslegen wollten, da ein Rckschritt nachher ohne
bedeutende Verluste nicht mglich gewesen wre. Und entsprach etwa
Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren Erwartungen?
durfte der Professor hoffen in dieser Gegend gleich einen solchen Platz
zu finden, an dem er es vor sich und seiner Familie verantworten konnte
zu bleiben? Er wagte gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste
Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttuschender
gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen Land, und da, wo
noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem,
der sie weckte und in's Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte
man nicht erwarten ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte;
es war eben eine halbe Wildni, in der erst gerade _durch_ die geweckte
Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer von Amerika
versprachen. Das Alles hatte man sich daheim auch wohl wie oft selber
gesagt, und war allem Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet
gewesen; und doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es -- innerlich
gewi mit manchem Vorbehalt -- aber doch uerlich nicht anders erwartet,
mit den wild umher gestreuten Stmmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit
mangelnden Holzhusern, den fremden Menschen, da fhlte sich die
Brust beklemmt und sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen
Augenblick halb unbewut und scheu nach dem verlassenen Ufer zurck.
Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen
Brcke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, und wenn auch
keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab ihnen das Bewutsein jetzt:
Du _mut_! Ein Rckweg war nicht mehr mglich, wenn sie das selbst
gewollt htten, und mit _dem_ Gefhl kehrte auch wirklich mehr Ruhe,
jedenfalls mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurck.

Viel gleichgltiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem
er durch seine Anstellung bei dem Professor schon gewissermaen festen
und sicheren Fu gefat, ehe er es nur betreten. Er war neugierig
allerdings, wie er es finden wrde, und ob die Erzhlungen, die er davon
zu Hause gehrt und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber
vor der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, frchtete er
eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich entwickeln wrde,
ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprche an das Leben waren auch
geringer; Vieles, was der in anderen Kreisen erzogenen Familie des
Professors Entbehrung schien, wenn sie sich auch nicht darber aussprachen
oder gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines bisher
gewhnten Zustandes, und die Gewiheit nicht allein seine Familie auf
ein volles Jahr untergebracht und versorgt zu haben, sondern auch sogar
an baarem Geld mehr zu verdienen, als er bis jetzt in seinem ganzen
Leben im Stande gewesen war zu erbrigen, lie ihn dem neuen Leben mit
freudiger Zuversicht entgegengehn.

Seine Frau theilte das Gefhl, wenn sie sich auch noch in der fremden
Welt gedrckt und unbehaglich fhlte; nur die alte Mutter, der ihre
gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte sich darin niederzuhocken, der
die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bume
nicht dahin den Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vgel nicht
zwitscherten wie daheim und die Blumen -- ihre Astern -- nicht blhten,
und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thr getreten war die
Linde zu besuchen, unter der der Leberecht ruhte, dann immer nur um so
viel niedergeschlagener, so viel mrrischer zurckzukehren zu dem
selbst nicht gewohnten Sitz, sthnte und klagte den ganzen Tag und sa,
die Hnde mig im Schoo gefaltet, und still und langsam dazu mit dem
zitternden Haupte nickend und schttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fhlte
da sie dem heimischen Boden, den Grbern ihrer Lieben, der alten
Dorfkirche und dem stillen Pltzchen, das sie so lange, lange Jahre das
ihre genannt, entrissen, fr ewig, und auf Nimmerwiedersehn entrissen
sei, und sie glaubte jetzt das Herz msse ihr brechen.

Der Professor hatte sich brigens, wogegen der Pensylvanier erst einige
Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den Weber auf ihrer heutigen
Excursion mitzunehmen, sein Urtheil ber das Land dabei zugleich zu
hren und seine Meinung ber den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben.
Der Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang
kein Pferd mehr fr ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt
werden knnte; der Professor aber, der klug genug war in einer Sache
mistrauisch gegen sich selbst zu sein, die doch jetzt ber alles
Theoretische hinausging und in das praktische Leben direkt eingriff,
vielleicht auch in der unbestimmten Furcht vor einem doch mglichen
Fehlschlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen
htte, lie keine Ausrede gelten und erklrte, dann lieber noch einen
Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wren, ehe er eben _ohne_
den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verstand, die Farm in
Augenschein nhme. Als der Pensylvanier endlich sah da der Fremde von
diesem Entschlu nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer
Viertelstunde gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der
sich der Professor selber am unbehaglichsten an Bord des etwas hohen
Pferdes fhlte, setzte sich in einem scharfen Schritt in Marsch, dem
freien Lande zu.

Die hlzernen, mit Fenzen eingefaten Gebude lieen sie bald hinter
sich, und folgten der sogenannten #county#-Strae, die noch eine Strecke
weit durch den breit ausgehauenen Wald hinfhrte, wobei ihnen der
Pensylvanier mit dem grten Ernst immer noch die schon ausgelegten aber
noch nicht einmal urbar gemachten Straen von Grahamstown zeigte.
Dort, in das dicke Gebsch von Hickory und Eichen sollte einmal spter
das Waisenhaus kommen -- da drben an dem etwas feuchten Fleck wo die
Sycomore und Erlen standen war der Platz fr den Gasometer ausgelegt
-- die Telegraphenstation mit der Post mute unten am Flu selber sein,
in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natrlich in den
ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus nach allen
Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nhe des Wassers halten mte.
Er selber hatte sich aber auch zwei Baupltze hier an der Grenze des
Weichbildes reservirt, einen an dem nchst zu erwartenden St. Louis, den
anderen, an dem Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal spter
nach New-Orleans und Charlestown fhrte, auslaufen sollte, darber
hatten sich die Brger noch nicht geeinigt, und es war einer spteren
Versammlung vorbehalten worden darber zu entscheiden.

Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, und schien selber
von dem rasenden Wachsthum der Stadt so fest berzeugt zu sein, da sich
der Professor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut
machte sich in der Nhe eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das
Land noch billig zu haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon
unbestimmte Wnsche in sich aufsteigen fhlte, selber ein paar Baupltze
in den bestgelegensten Theilen der Stadt -- nur nicht zu nahe am Gasometer
-- zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei schon aufmerksam gemacht,
da gegenwrtig die passendste Zeit dazu sein wrde, da mit dem Winter
besonders ihre, nur fr jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewi am
Strksten in Angriff genommen werden wrden, und der Preis der Lots
(Baupltze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen und
steigen _mte_.

Der Weber daneben, der ziemlich sicher auf seinem Pferde sa, war ganz
Ohr bei der fabelhaften Beschreibung des Landes, und dankte im Stillen
seinem Gott und dem Professor, da er nicht in vlliger Blindheit an
diesem merkwrdigen Platz vorbergefahren, sondern mit Sack und Pack
ausgestiegen sei, und nun natrlich auch im Stande sein wrde mit
zuzulangen, wenn es hier einmal Brei oder Goldstcken regnete, denn
weiter blieb, nach des Amerikaners Beschreibung und Aussichten, wirklich
nicht viel mehr brig.

Am wenigsten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht in der Absicht
sich hier niederzulassen, wenig Interesse dabei fand in wie fern die
Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer Freund dafr hegte, entsprechen
wrde, und mehr darauf achtete das sich jetzt rasch vor ihnen aufrollende
Land mit seinen Eigenthmlichkeiten zu beobachten. Das aber fesselte
auch bald die Aufmerksamkeit der beiden Anderen, und als sie eine
Strecke lang im Wald, durch den sich die Strae um Sumpflcher und
Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erste Lichtung, und mit
dieser eine Farm -- eine wirkliche Farm im Inneren von Amerika
-- erreichten, hielten sie wie auf gemeinsame Verabredung ihre Pferde
an, und schauten still und schweigend, jeder mit seinen eigenen Gedanken
beschftigt, den Platz an, der sich hier vor ihnen ausbreitete. --

Aber wie anders hatten sie sich eine Ansiedlung in Amerika gedacht, wie
freundlich sich das ausgemalt, und die stille Wohnung im Walde, mit all
dem Zauber geschmckt, den die Natur fhig ist einem solchen Bilde zu
geben. Das rege Schaffen der Menschen dabei, muntere fette Heerden, ein
freundlicher Garten, schattige fruchtschwere Obstbume, unter denen
die lauschigen Fenster freundlich und versteckt hervorschauten; der
reinliche Kies oder Rasenplatz dann vor der Thr, auf dem die Kinder
spielten, und die niederen Nebengebude mit Stllen und Scheunen, die
sich dicht an das Wohnhaus schmiegten --Lieber Gott, wie anders sah das
hier aus.

Eine sogenannte Wurmfenz -- die langgespaltenen Hlzer ohne weitere
Befestigung untereinander, nur im Zickzack immer Enden ber Enden gelegt
-- umschlo ein Stck von etwa zehn Acker geklearten Landes, wie sich
der Pensylvanier ausdrckte, d. h. ein Theil der Stmme vor etwa drei
Fu vom Boden, je nach Bequemlichkeit des Fllers, theils umgeschlagen
und das berflssige Holz auf groe Haufen geschafft, verbrannt zu werden,
theils standen die brigen Bume noch eingeringelt oder getdtet drr
und trocken die nackten Arme gen Himmel streckend, einzeln zerstreut
ber den Plan. Der Wald begrenzte an der Rckseite diese Rodung, aber
noch war ihm keine Zeit gegeben da, wo er erst krzlich seines Schmuckes
beraubt worden, wieder frisch auszuschieen, und die grne Wand die er
bildete sah zerrissen, rauh und wst aus, eben wie der Boden, der mit
dem Pflug gelftet ein wildes trostloses Gewirr und Chaos von Wurzeln,
Schollen und zackigen Furchen bot, da es dem Fremden gar nicht so
schien, als ob er je im Leben im Stande sein wrde eine ordentliche
Erndte zu tragen.

Die Strae die hindurchlief und an beiden Seiten von Fenzen eingefat
war hatte man, kein besonderes Zeichen fr den _Werth_ des Landes -- fast
vierzig Schritt breit gelassen, und der Fuhrweg zog sich, sumpfigen
Stellen, Kltzen und Stmpfen aus dem Weg gehend, herber und hinber in
ausgefahrenen Gleisen, whrend einzelne niedere Blockhuser, mehr
Stllen als Wohnungen gleichend, zerstreut ber den Platz weglagen, und
mit dem Rauch der aus ihren Schornsteinen stieg nur zu wohl verriethen
wie sie bewohnt seien.

Und nichts -- gar nichts Freundliches boten sie, kein Grtchen schmiegte
sich an sie an, kein Fruchtbaum verrieth die sorgsame Hand des Grtners
-- keine Blume blhte, kein Grashalm fast war hier soweit das Auge
reichte zu sehn, die Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug- oder
Wagengleis nicht hatte erreichen knnen; Alles war umgewhlt und roh,
und einzelne Schweine die in den Pftzen arbeiteten und mit dem Rssel
den Schlamm aufschaufelten, schienen hier in der That den Ton anzugeben
und auch die einzigen Wesen zu sein, die sich wirklich wohl und
behaglich fhlten.

Und das ist eine Farm? sagte Herr von Hopfgarten, der zuerst die
Sprache wieder gewann, und mit keineswegs freudiger berraschung die
Scene um sich her betrachtete; guter Gott, die Geschichte habe ich mir
doch eigentlich anders gedacht.

Das ist eine Farm Gentlemen sagte aber Ezra Ludkins freundlich -- oder
soll vielmehr erst eine werden, denn die Leute haben erst vorigen Winter
angefangen den ersten Baum zu fllen und es sieht noch eher ein Bischen
wild und unbehaglich aus; die Sache kriegt aber ein anderes Ansehn,
wenn hier erst das #corn# (Mais) zwlf und vierzehn Fu hoch mit seinen
armstarken Kolben und wehenden grnen Blttern steht, wenn ordentliche
Cabins gebaut und Obstgrten angelegt sind, und die Leute erst beginnen
sich ein wenig comfortabel zu fhlen -- nachher schwtze mer anders
und die #railroad# (Eisenbahn) wird keine zweihundert #yards# von hier
vorbeilaufen.

Es ist das der erste Beginn sagte aber auch jetzt der Professor
seufzend, der erste Kampf der Civilisation gegen die Wildni; die erste
Verschmelzung, wie man beinah sagen knnte, des Waldes mit der Cultur,
in der der Mensch wieder mit zurck in seinen Urzustand gezogen wird,
und ein Stadium, das wir allerdings ebenfalls gezwungen sein werden
durchmachen zu mssen. Wie gefllt es Ihnen, Brockfeld?

Mir? sagte der Weber, wie berrascht durch die Anrede, ih nu -- es
ist -- es ist recht hbsch hier -- scheint gutes Land zu sein und -- und
recht viel Platz; nur noch ein Bischen wild. Tchtiges Stck Arbeit
noch, die Baumstmpfe alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein
kann.

Mit dem Pflug hinein? sagte der Pensylvanier sich erstaunt nach ihm
umdrehend -- das _ist_ ja hier schon gepflgt.

Das hier? rief der Weber, sich erstaunt im Sattel aufrichtend, aber
wahrhaftig es sieht so aus, als ob hier Jemand mit einem Pflug drin
herum gekratzt wre -- nun das ist ein Kunststck? wie kommt man denn
damit einem Pflug _durch_? Da mu unser Einer freilich wieder von vorn
anfangen zu lernen.

Aber kommt Gentlemen, kommt sagte der Amerikaner, wir verlieren hier
zu viel Zeit und haben noch einen guten Ritt vor uns.

Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Huser im Inneren ansehn?
sagte der Professor.

Verdammt wenig, was wir da wrden zu sehn kriegen lachte Ludkins; so
kahl wie's von auen ist, sind auch die Wnde im Innern, und die Leute
haben hchstens einen Kasten oder #gum#[27] zum draufsitzen, und einen
roh zusammengenagelten Tisch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und
ein #skillet# (Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; wer
aber Lust dazu hat, kann sich das selber bald ganz anders und viel
behaglicher einrichten -- diese #squatter# wissen es eben nicht besser.

Er hatte dabei seinem Pferd langsam den Zgel gelassen, und die Mnner
ritten durch die lange #lane# oder eingefenzte Strae hindurch, wieder
in den Wald hinein, bis sie zu einer anderen, eben solchen Lichtung
kamen. Die nchste Farm stand aber schon etwas lnger, und zum Theil
wenigstens mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld
gelassen war, bot sie ein freundlicheres Bild. Die Gebude freilich
sahen eben nicht viel besser aus und aus den Thren schauten, als sie
vorberritten, das etwas bleiche Gesicht einer jungen Frau in einem
lichten baumwollen Kleid, und vier oder fnf blondhaarige sonst aber
sehr vernachlssigte Kinderkpfe heraus.

Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit sehr geringem Erfolg, ihnen die
Grenzen der verschiedenen Besitzungen, ja sogar hie und da die Bume zu
zeigen, an denen die Ecken der Sectionen mit Buchstaben und Zahlen
angemarkt waren; er besa darin eine auerordentliche Ortskenntni der
verschiedenen Stellen, und wurde nicht mde ihnen die Vortheile der
einzelnen Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegrnden
auseinanderzusetzen. Die Krone der Ganzen war aber seiner Aussage nach
doch die Farm, die er fr sie bestimmt hatte, ebenso in Lage, wie in
Boden, Gebuden und Baumwuchs, wenn sie auch jetzt noch, wie er brigens
vorsichtig dazu setzte, ein wenig #unpromising# (wenig versprechend)
drein schaute, und der Verbesserungen noch manche bedrfe ehe sie
_vollkommen_ wre.

So waren sie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, der
nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr gestrt als belebt wurde,
hingeritten, ohne selbst von diesem mehr gesehn zu haben, als in ihrem
Wachsthum gestrte grne Wnde, die ihre zerbrochenen Zweige und
mishandelten Stmme wie anklagend gen Himmel streckten; als sie endlich
durch dnnes Kiefergebsch und ber drren Boden fort, fr den selbst
der Pensylvanier keine Entschuldigung fand, vielleicht eine englische
Meile berganreitend den Kamm eines Hgels erreichten, und hier ihren
Pferden berrascht in die Zgel fielen.

Mein Gott wie schn! rief der Professor fast unwillkrlich, als sich
ein weites sonniges Thal, im Ganzen dicht bewaldet und nur hie und da
von freundlichen grnen Lichtungen unterbrochen, vor ihren Blicken
soweit das Auge reichte ausspannte, und nur im Hintergrund von blauen,
wellenfrmigen, aber ebenfalls holzbedeckten Hgeln begrenzt wurde. Die
Wildni lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor ihren entzckten
Blicken, und der Herbst, der in keinem Lande der Welt den Bumen solchen
Farbenschmuck verleiht wie in Amerika, hatte den Wald mit seinen
wundervollen Tinten frmlich bergossen. In roth und grn in gelb und
braun und lilla schmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flchen
glhend, dort in sanften Schatten verschwimmend abscheinend durch
einander, und whrend die jungen schlanken Hickorystmme wie flammende
gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervorstachen, prangte Ahorn
und Eiche in so wundervollem Purpur und saftigem Braun, das nur von dem
hindurchgeflochtenen in allen Farben schillernden wilden Wein fast noch
bertroffen wurde, und zitterten die Pappeln mit ihrem silberleuchtenden
Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, da das Auge, geblendet von der
Pracht, die Wunder dieser neuen Welt kaum zu fassen, zu begreifen
vermochte.

Nun? -- wollen wir nicht weiter? frug der Pensylvanier der diesen
Farbenreichthum zu oft gesehn, etwas Auerordentliches darin zu finden,
und jetzt nicht recht begreifen konnte weshalb die Fremden gerade hier
anhielten, wo eben gar Nichts zu sehen und zu bewundern war, nicht
einmal ein Eckbaum irgend einer Viertelsection mit zierlichen, auf der
abgeschlagenen Rinde gemalten Buchstaben -- hier haben wir allerdings
Nichts wie Wald, aber ein kleines Stckchen weiter unten kommen wir
wieder zu einer Farm, und dann ist's genau noch eine Quartersektion bis
zu dem Platz wohin wir heute wollen.

Welches wundervolle Farbenspiel in dem Laub hier rief aber der
Professor, die Mahnung kaum hrend -- sehn Sie nur Hopfgarten, jene
Gruppe dort hinten, mit dem mchtig dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus
dem die Lichter ordentlich wie Strahlen nach allen Seiten schieen.

Und jene schillernden Festons die sich um jene Eiche schlngeln, mit
den Gold und Purpur durchwirkten Blttern rief von Hopfgarten, und den
Massen dunkelblauer, daran niederhngender Trauben -- oh wie schn, wie
wunderbar schn ist die Land!

Ja, 's ist #putty considerable# hbsch sagte der Amerikaner, der
Nichts dagegen hatte da die Fremden den blanken Wald schn fanden,
whrend er sein rechtes Bein, der Bequemlichkeit halber nach links mit
ber den Sattel legte und den rechten Arm darauf stemmte, 's lt sich
ansehn, und famoser Boden dazu. Da unten wachsen Zucker-Ahorn und wilde
Kirschen in Masse, nur ein Bischen viel Holz steht d'rauf, sonst wr'
es ebenfalls schon lange gekleart worden. Aber das wird schon noch
hbscher, wenn die Eisenbahn erst hier durchgeht; seht Ihr Leutchen,
gerade ber die kleine Ridge[28] da drben wo die vielen Hickorys stehn
-- sie sehn jetzt alle gelb aus -- da soll sie weg gehn, und ein Bruder
von mir hat sich da oben schon angekauft -- aber 's ist jetzt noch ein
Bischen einsam da.

Die Mnner konnten sich kaum von dem wundervollen Schauspiel, ber dem
sich der Himmel jetzt klar und rein ausspannte, losreien, als Ezra
Ludkins aber glaubte da sie sich nun lange genug die Bltter
angesehn, warf er sein Bein wieder zurck, angelte ein paar Secunden
damit nach dem schlenkernden Steigbgel, und ritt dann langsam voraus
den Hang hinab.

Eine halbe Stunde spter, und immer noch in dem prachtvollen Wald
hinreitend, wobei sie die ziemlich schlechte Strae ganz bersahen,
erreichten sie endlich die Marken des bezeichneten Platzes, und Ezra
hatte von dem Augenblick an das Wort. Hier kannte er jeden Baum,
gezeichnet und ungezeichnet, auf jede Senke in der die Bume strker und
laubiger standen, machte er sie aufmerksam, auf den sprudelnden Bach
und den lehmig sandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf
ppigem Boden wchst, auf die stmmigen Maisstengel endlich als sie
die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen Fenzen, auf den
vortrefflichen Weideboden und die gesunde Lage, auf die netten Huser
-- die sich allerdings nur wenig oder gar nicht von den frher gesehenen
unterschieden, auf das krftige Vieh, von dem sie einige Stcke im Wege
trafen, bis sie zuletzt vor der Htte selber hielten, und ein junger,
etwas bleich aussehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit der
Axt ein Ochsenjoch auszuschlagen, auf sie zukam, sie zu begren und
ihnen, mit Hlfe eines anderen etwa zehnjhrigen Knaben die Pferde
abzunehmen.

Der Pensylvanier, der dem jungen Mann zurief indessen, bis sie wieder
zurckkmen etwas zu essen fr sie bereit zu halten, fhrte die
Fremden jetzt vor allen Dingen in das Maisfeld selber, wo die Kolben
noch nicht gepflckt und eingesammelt, aber zum groen Theil nieder
geknickt waren, damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken
konnten, und einflieender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Stengel
standen aber in der That krftig und stmmig da, die Kolben selber waren
gro und stark, und mchtige Krbisse lagen, mit dem Mais gepflanzt,
durch das ganze Feld. Der Boden mute hier allerdings fruchtbar sein,
und der Weber besonders konnte sein Erstaunen und seine Freude ber das
herrliche Land kaum zurckhalten.

Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem kleinen, rings von
bewaldeten Hgeln eingeschlossenen Kessel, ein nicht groer, aber sehr
klares Wasser haltender Bach lief munter pltschernd hindurch, und eine
nicht unbedeutende Anpflanzung von jungen pfel- und Pfirsichbumen,
die allerdings noch keine Frchte trugen, aber fr sptere Jahre reiche
Erndten versprachen, gaben dem ganzen Platz auch schon eher etwas
freundliches, wohnliches, und konnten einen guten Anfang bilden zu
spterer Obstzucht und Grtnerei. Die Verhltnisse mit dem Land waren
ebenfalls annehmbar, und vierzig Acker die, wie ihnen der Pensylvanier
sagte, schon von ihm als Eigenthum vom Staat erworben worden, whrend
leicht noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congrepreis, in
der Nhe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen sahen noch wild und unbehaglich
aus, und nachdem sie einen langen Spatziergang um das ganze Grundstck
herumgemacht, und auch noch zu einer anderen Rodung gefhrt waren, wo
der jetzige Eigenthmer eben begonnen hatte weitere fnf Acker urbar zu
machen, sein Feld zu vergrern, gingen sie langsam zu dem Haus zurck,
in deren Thre sie eine junge schlanke Frau in die einfache aber
geschmackvolle selbstgewebte Tracht der Waldestchter gekleidet,
freundlich begrte.

Es war eine schlanke, fast edle Gestalt mit wundervollem Haar und Auge,
aber wieder strten den Professor die bleichen Gesichtszge, strte ihn
die fast durchsichtige Haut -- nur die Kinder, ein kleiner Bube von drei
und ein Mdchen von zwei Jahren, sahen frisch und munter aus.

Das Haus war brigens nur eine der gewhnlichen Blockhtten, ohne
Fenster und Ofen, mit einem riesigen Camin der fast die ganze hintere
Wand einnahm, und ein paar eingetriebene Plcke auf denen ungehobelte
Breter lagen, die wenige Wsche wie ein paar Bcher zu tragen, bildeten
mit drei ordinairen Rohrsthlen und einem mit der Axt zugehauenen Tisch,
das ganze Hausgerth. Auf dem Tisch lag aber ein schneeweies Tuch
ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und Blechbecher, die ihnen ordentlich
entgegen blitzten, standen darauf, und eine riesige Kaffeekanne wie ein
groer steinerner Krug voll Milch schienen die Gste schon lange erwartet
zu haben.

So Kitty, trag auf was Du hast sagte Ezra Ludkins in englischer
Sprache, ohne sich auch nur die Mhe zu geben der Frau guten Tag zu
bieten, die Herren hier sind schon seit Tagesanbruch auf und drauen,
und werden Hunger haben -- keine sen Kartoffeln?

Ja wohl Mr. Ludkins sagte die junge Frau -- wenn die Herren
niedersitzen wollen, es ist Alles bereit.

Der Professor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein braunes
kuchenartiges Gebck, das ihm aus der einen Schssel warm entgegenduftete,
sah so einladend aus, da er selbst die Examination des inneren Hauses
bis auf weiteres verschob, und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten
gefolgt, rasch nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thr stehn
und betrachtete sich hchst aufmerksam das groe Baumwollen-Spinnrad das
unfern davon, mit der weien Flocke noch am aufgewickelten Garn hngend,
in der Ecke stand. Er dachte gar nicht daran sich mit dem Professor,
seinem jetzigen Herrn, und dem Herrn Baron aus der Cajte, an einen
Tisch zu setzen.

Nun Mister? sagte der Pensylvanier -- keinen Hunger? kommen Sie her
und fallen Sie zu; hier ist Ihr Platz.

Oh ich bitte -- ich kann ja warten stammelte der Mann.

Warten? -- weshalb; hier haben wir alle Platz.

Aber die Madame meinte Brockfeld, denn es war allerdings nur noch ein
Sitz am Tisch frei.

Kitty? -- die it nachher -- kommen Sie nur es wird kalt.

Machen Sie doch keine Umstnde lieber Brockfeld sagte ihm aber auch
jetzt der Professor freundlich -- hier sind wir nun einmal in Amerika,
und wo uns da etwas geboten wird mssen wir zulangen.

Nun wenn Sie denn befehlen sagte der Weber, dessen Weigerung fehlender
Appetit keineswegs verschuldet hatte, und ber ein rundes wunderliches
Gestell, das wie ein abgesgtes Stck Baumstamm aussah und mit einem
dnnen Bret bernagelt war hintretend, setzte er sich darauf und langte
tchtig mit zu.

Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete brigens ein gro mchtiges Stck
warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins jetzt, der hier frmlich zu
Hause zu sein schien, groe dicke Scheiben abschnitt und jedem vorlegte;
eine dunkle Sauce wurde dabei herumgegeben, von der sich alle nahmen,
und der Professor, der sich besonders viel von dem Brode zugelangt, dem
ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte seinen Speck kaum
in die Brhe getunkt und zum Munde gefhrt, als er die Gabel auch
erschreckt wieder absetzte, niederlegte und an zu lachen fing.

Ich habe aus Versehn _Syrup_ zu meinem Fleisch genommen, sagte er
dabei schmunzelnd, das htte doch curios schmecken sollen.

Du hast noch keinen Syrup? -- oh, #beg your pardon#, hier steht er,
sagte Ezra freundlich.

Essen Sie Syrup zum Speck? frug der Professor, eben nicht angenehm von
der neuen Kost berrascht.

Thust Du das _nicht_? frug der Pensylvanier mit einem halb unglubigen
Lcheln.

Die Fremden glaubten sich aber keine Ble geben zu drfen und langten
von da an, ohne irgend eine Einwendung zu machen, wacker zu; aber auch
das wunderschn aussehende Gebck mit dunkelgelber krustiger Rinde, das
dem schnsten Sandkuchen glich, erwie sich als etwas sehr trockenes,
brckliges Maisbrod, das genau so schmeckte als ob wirklicher Sand
dazwischen wre, und nur auch in der That mit dem sehr fetten Fleisch
geniebar schien. Auch gegen die sogenannten _sen_ Kartoffeln hatten
sie, schon des Namens wegen, eine Art Widerwillen zu berwinden, und der
_gebratene_ Speck, den die Amerikaner zum _Gekochten_ aen, konnte den
nicht zerstren.

Nichts destoweniger ging die Mahlzeit besser vorber als sich den
Umstnden nach erwarten lie. Die Leute waren eben _hungrig_, und da
schmeckt Manches gut, was der gesttigte Magen selbst mit Widerwillen
zurckweisen wrde; so mit dem heien Kaffee dazu, standen sie auch
gesttigt vom Tische auf, ohne brigens von der Amerikanischen
Farmerskost, von der sie hier die erste Probe bekommen, sonderlich
erbaut zu sein.

Vor allen Dingen besichtigten sie jetzt die Gebude, fanden da aber
allerdings noch viel zu wnschen brig, denn die kleine Htte,
in der sie gegessen, mit einer Art Speisekammer daneben machte den
Hauptbestandtheil derselben aus. Dann stand noch ein Maisschuppen etwa
dreiig Schritt vom Haus entfernt, und eine Entschuldigung fr einen
Stall, ein offenes Gestell, eben nur nothdrftig gedeckt und kaum im
Stande das dahineintretende Vieh gegen einen Nordweststurm zu schtzen,
da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die Summe fr das
Ganze war auch, wenigstens nach Europischen Begriffen nicht hoch. Das
schon vom Staat gekaufte Land sollte nur sieben Dollar der Acker kosten,
wobei allerdings das Urbarmachen selbst wie die errichteten Fenzen und
Htten besonders zu bezahlen waren. Aber auch die Erndte selber mit dem
dazu gehrigen Vieh, einige zwanzig Rinder, vielleicht vierzig Schweine
und zwei Pferde nebst vier Zugochsen erbot sich ihm der Amerikaner
billig zu berlassen -- einzig und allein nur weil sein Sohn nach dem
Westen zu ziehn beabsichtige, und er selber von der Stadt aus die
Bebauung des Platzes nicht leiten knne, auch wirklich zu viel mit
seinen stdtischen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort
brauche zu allen beabsichtigten Anlagen.

Die fr Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preise kamen dem
Professor, wie auch Herrn von Hopfgarten und dem Weber mig vor; jedoch
wollte der Erstere keinesfalls abschlieen ohne mit seiner Frau vorerst
darber gesprochen und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben;
berdie konnte er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes
Blockhaus dicht neben dem schon stehenden errichtet wre, dem man dann
zwei Abtheilungen geben, und die Familie wenigstens so lange darin
unterbringen konnte, bis er selber im Stande war ein bequemes, und
seinen Wnschen wie Bedrfnissen entsprechendes Wohnhaus aufzurichten.

Nach allen Einrichtungen, die er sich brigens schon im Geist machte,
schien der Professor mehr als halb gewillt die Farm, die er jedoch noch
zu einem migeren Preis zu bekommen hoffte, zu kaufen. Er konnte ja
doch auch nicht mit seiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten
Dienerschaft im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah soviel verzehrt
htte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und Vieh kostete -- und
die Familie hier lassen, whrend er allein reiste, war fast eben so
mislich. Das Bedrfni einen Platz zu haben den er sein nannte, und wo
er anfangen konnte zu wirken und zu schaffen, kam dazu, und als er auf
dem Heimweg, whrend der Pensylvanier mit dem Weber vorausritt, mit
Herrn von Hopfgarten darber sprach, und dieser ihm rieth doch am Ende
nicht zu rasch in einer so wichtigen Sache zu handeln, vertheidigte er
den Kauf schon, selbst nur den dritten Theil der Hoffnungen angenommen
die der Amerikaner mit solcher Zuversicht ber den Wachsthum der kleinen
Stadt ausgesprochen hatte, auf das Lebendigste.

Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts herunter lassen;
er behauptete schon die billigste Summe angegeben zu haben. Dem Professor
aber zu beweisen wie er gern erbtig sei Alles in seinen Krften
stehende zu thun ihn zufrieden zu stellen, erbot er sich ihm, wenn
sie sich ber den Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der
bezeichneten Stelle _unentgeldlich_ neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn
so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, whrend der
Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere
Bezahlung dafr zu nehmen, zu verkstigen.

Das war ein Vorschlag zur Gte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau
Professorin -- zum ersten Mal in ihrem Leben im Sattel -- auf dem
vollkommen gutmthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem
Pensylvanier nochmals hinbergeritten war den Platz in Augenschein zu
nehmen, wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor Lobenstein
abgeschlossen, und der Professor -- war Farmer in Indiana.

Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen einwenden, obgleich
es ihm -- er wute eigentlich selber nicht recht weshalb -- doch ein
gewissermaen unbehagliches Gefhl war, die Damen in _den_ Husern, die
sie da oben gefunden, als Bewohnerinnen zurckzulassen. Die Wirklichkeit
war doch, so sehr er sich dagegen strubte einzugestehn er wre mit zu
poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen Erwartungen
zurckgeblieben, und die blanke Thatsache der Blockhuser mit dem
schauerlichen Speck und Syrup lie sich eben nicht fortphantasiren. Er
selber hatte sich aber auch schon lnger hier aufgehalten, als es im
Anfang seine Absicht gewesen, denn er wollte vor allen Dingen nach
Cincinnati, von da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen,
und dann zurck nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepck gelassen, um
von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem Westen zu unternehmen. Jetzt
war hierzu, besonders die nordische Reise abzumachen, die gnstigste
Jahreszeit, denn der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika
ziemlich den ganzen Herbst umfate und einen wolkenleeren blauen Himmel
ber October und November, ja nicht selten bis ber die Hlfte des
December spannte, lag mit seiner wundervollen Reine und Frische auf dem
Land. Konnte er in diesem seine nrdliche Tour beendigen, so blieb ihm
der ganze Winter fr die sdliche Reise, und er war dann vielleicht im
Stande im nchsten Frhjahr -- der erste Eindruck mute doch kein so
gnstiger gewesen sein, da er schon wieder an die Abreise dachte
-- nach Europa zurckzukehren.

Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen er sich erst vor
allen Dingen entledigen mute, und zwar Befrchtungen, die in ihm -- er
wute sich selber keinen bestimmten Grund dafr anzugeben -- gegen Henkels
Charakter aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge fr das Glck der jungen
Frau erfllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart der Damen, die
er vielleicht unnthiger Weise ngstigte, Worte zu geben, htte er nicht
gerade ihrer Hlfe bedurft, Gewiheit zu erhalten. Den letzten Abend
also, wie sie in Ludkins Inn beisammen saen, brachte er zuerst das
Gesprch auf die beiden jungen Gatten, und die auffllige Vernderung in
dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen Frau
whrend der letzten Tage an Bord, und erst als ein Wort das andere gab,
und Marie zuletzt gestand, da der Abschied von der Freundin ihr einen
unendlich schmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rckte
er selbst mit seiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in
Mariens wie Annas Herzen bis dahin fast unbewut gelegen, gleichfalls
Worte.

Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, sie muten
sich eben Gewiheit darber verschaffen, und das war fr jetzt nur
schriftlich mglich. Es lie sich auch denken, da sich Clara, wenn ihr
irgend etwas das Herz bedrcke, schriftlich eher gegen die Freundin
aussprechen wrde, als mndlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben
-- Stoff und Grund hatte sie ja genug dafr, und rechtfertigte ihre
Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder
nach New-Orleans hinunter kam -- ja _was_ er dann thun wollte, wute er
eigentlich selber noch nicht, aber Clara sollte doch wenigstens nicht
ganz ohne Freund, von Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und
war Hlfe und Beistand nthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel
ihn zu leisten.

Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, die sich
von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch schrieb, und nicht
allein versprach auf seiner Rckreise aus dem Norden hier wieder
anzuhalten, sondern sogar seinen Koffer bei ihnen zurcklie, und nur
seine Reisetasche mitnahm, durch berflssiges Gepck bei mglichen
Abstechern bald dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er
wollte dann auf dem Rckweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von
New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter nehmen, was
ihm zugleich eine doppelte Einfhrung gab, und versprach selber auf
das Ausfhrlichste zu berichten, wie er die Verhltnisse gefunden.

Am liebsten wre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati
gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein nehmen zu knnen,
die von Ezra Ludkins im Geist angelegten Schienenwege bestanden aber
noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter
genug, frchtete sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor
Gefahren, die htte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck
der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschlo also mit dem
nchsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise rascher und bequemer
fortzusetzen.

Das kam aber schon am nchsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, und ehe
Hopfgarten selber im Stande gewesen war seine Toilette ordentlich zu
beenden und sich bei den Damen zu empfehlen. Versumen durfte er es aber
auch nicht, und so, whrend der lteste Knabe des Pensylvaniers nach
unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang hatten stromauf
dampfen hren, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, stopfte er die
schon bereit gelegten Sachen schnell in die Reisetasche, lie sich durch
Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern
auf das Freundlichste empfehlen und wenige Minuten spter Grahamstown
mit all seinen Hoffnungen knftiger Gre hinter sich.

Als das Boot eben um die nchste Biegung, oberhalb der Stelle wo die
Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch wie ihm Jemand mit einem weien
Tuche vom Hgelkamm aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr
erkennen wer es war.




Capitel 9.

Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.


Die Haidschnucke hatte indessen, wie schon vorher erwhnt, ihren
Passagieren gleich am ersten Tage angekndigt, da sie sich nun, je eher
desto besser, ihr Unterkommen an Land selber suchen sollten, da das
Schiff nicht weiter verpflichtet sei fr sie zu sorgen. Fast alle waren
auch, so rasch sie nur ihr Gepck bekommen konnten, von Bord gegangen,
selber froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich
enthoben zu sein; nur einige der rmeren Familien, und unter ihnen
wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs gerade am meisten und
lautesten ber Kost und Behandlung raisonnirt, und sogar hufig davon
gesprochen hatten die Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans
wren, fr nicht erfllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch
nicht die mindeste Lust sich durch Hinberschaffen ihrer Kisten an Land
von dem Fahrzeug zu trennen.

Sie waren, der Sprache natrlich nicht mchtig, von dem sie berall
umwogenden Menschen-Gewhl wie betubt, den ganzen Tag in den Straen
der ungeheueren Stadt frmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit
anderen Deutschen, in gleichen Verhltnissen zusammengetroffen, die auch
Arbeit suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, da man sie
ihnen auf der Strae anbieten wrde. Hie und da fanden sie dabei irgend
ein deutsches Schild ber einer Thr, das entweder einem Wirthshaus oder
Kleiderladen gehrte, und dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach
den Verhltnissen des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem
einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch
nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. So verging der
Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen kehrten sie Abends an Bord
zurck.

Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernnftig die
Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen;
auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an,
der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und
Frhstck wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der
nchste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens
wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und ihnen in den
Weg lief, Arbeit zu bekommen. Vor drei Monaten, ja, so wurde ihnen
fast berall die Antwort, wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus
New-Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da htten sie
Arbeit bekommen knnen, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern
sollten -- bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren -- aber
jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder
zurckgekehrt, und Arbeit war schon noch zu bekommen, aber eben nicht
mehr so leicht; man mute Geduld haben.

Geduld -- ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die Gewiheit eines
Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben bis dahin, neben seiner
Geduld _Brod_ hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde
Einwanderer sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein auf sich
selber angewiesen sieht, und mit Schrecken fhlt da er sich eben auf
sich selber, ohne andere Hlfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann
freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz verzagt
da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom ersten Ansprung ab verloren.

Der Capitain htte die Leute aber selbst am nchsten Tag noch nicht
fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders fr sie gekocht
werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback und etwas kaltes Fleisch
geben lassen, wenn sie nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der
Steuermann aber, der sich gerade ber diese Burschen die ganze Reise
hindurch am meisten gergert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht
werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn sich niemand
Andres darber beklagte, lie sich am dritten Morgen auf keine weiteren
Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matrosen die Kisten und
Kasten, die schon an Deck standen, da das Zwischendeck abgebrochen
wurde, ohne weiteres auf die Leve zu schaffen, und erklrte dann den
bisherigen Passagieren da sie von diesem Augenblick an nichts weiter
von der Haidschnucke zu erwarten htten -- er wolle ihnen nicht
zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den ranzigen Speck und
den dnnen Thee noch lnger zu kauen und hinterzuschlucken.

Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten und baten den
Capitain, als er von Land zurck kam, um Gottes Willen sie nicht
hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber wieder mit zurck nach
Deutschland zu nehmen, wo sie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre
Passage abzuverdienen -- nur da sie hier nicht in dem fremden Land auf
der Strae verderben und umkommen mten.

Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr hufig eine hchst
ungnstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie nur in sehr seltenen
Fllen zu sehn bekommen, denn da ihnen hufig Matrosen desertiren, sind
sie so daran gewhnt diesen das schrecklichste Schicksal und Hunger und
Elend zu prophezeihen, da sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt
wirklich selber glauben. Sie fhlen dabei nicht selten ordentlich eine
Art von Mitleid mit all den unglcklichen Schlachtopfern, die sie in
das fremde Land transportiren mssen, und die ihrem Elend da hchst
wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; sie aber wieder mit
zurckzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen nicht, und die Leute,
die vorher alles Mgliche gethan haben nur von Deutschland nach Amerika
hinber zu kommen, mssen nun auch sehen wie sie hier drben fertig
werden.

Es ist ein schmerzlich, wehmthiges Gefhl, in Deutschland die langen Zge
armer Auswanderer zu sehn, die, das Herz wohl voll frischer Hoffnungen,
aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kmpfend, die Heimath mit Frau
und Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei bis zum
uersten, scheu und schchtern vor Jedem, der einen besseren Rock trgt
wie sie, herumgestoen und geprellt, so lange noch etwas aus ihnen
herauszupressen ist, in der dritten oder vierten Klasse der Eisenbahn,
wenn sie so viel Geld erschwingen knnen, oder zu Fu mit den schweren
Packen auf den Rcken oder den Kindern auf dem Arm, _arbeiten_ sie sich
dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie dann dort am
Strande sitzen und des Bootes harren, das sie hinber fhren soll zum
groen Schiff, mchte man weinen ber die Unglcklichen, die die Grber
ihrer Vter verlassen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt
meiden mssen, an der ihr Herz mit allen Fasern hngt.

Und doch ist _der_ Augenblick, so schrecklich das auch klingt,
beneidenswerth und glcklich im Vergleich mit dem, wo sie das neue
Vaterland betreten haben, und rathlos -- trostlos, verzweifelnd an
seinem Ufer stehn -- Fremde, Ausgestoene an einer Kste, von der es
keinen Rckweg fr sie giebt.

Als sie die Heimath verlieen, und wenn das auch in Sorg' und Noth
geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung und schlug dem neuen Vaterland
in freudiger Zuversicht entgegen. Wir wandern aus! in dem Bewutsein
lag ihnen reicher Trost fr Alles was sie hier traf und niederdrckte.
Alle Beschwerden, die sie ertragen muten, der Schmerz der Trennung
von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen Heerd, verschwand nur
in dem einen Wort: _Amerika_! und hinter ihnen lag aller Gram und Kummer,
wenn nicht vergessen oder leicht und herzlos abgeschttelt, doch
gemildert von dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die
Zuversicht, mit der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen,
darber warf.

Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben aus, Luftschlsser
steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen wie der Freunde Herzen
trstend, betubend -- Amerika, oh nur den Fu erst dort an Land gesetzt
und Alles, Alles ist vorbei, was sie da noch mit Sorge, ngsten fllen
knnte.

_Und dort?_ -- zerknirscht, gebrochen, mit _jeder_ Hoffnung geknickt,
da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der Amerikaner froh die Arme
ffnet, von den Fremden unbeachtet, von ihren Landsleuten verlassen,
zurckgestoen, stehen sie da, jedes Trostes baar, Enttuschung, Reue,
Angst in den bleichen Zgen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn
sie vorber drngen, wie der Schiffbrchige, der sich auf nackten
Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden Wellen
vorbeistrmen sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem Arm und mit
entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen und die Fluth zu theilen. Oh
es zerreit Einem das Herz, die Unglcklichen so da stehn zu sehen, und
nicht helfen zu knnen _aller_ Noth.

Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich blind und
leichtsinnig zu wilden berspannten Hoffnungen hinzugeben, so haben sie
das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten Anlauf der erste Sprung nicht
etwa schon misglckt ist, nein wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge
angesetzt, und nun jenen schmalen Kstenstreifen, auf dem fast tglich
hunderte von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos,
unbeachtet verschwinden, fr das Land selber halten.

Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt, die Bank an der
sich alle Wellen brechen, wild und toll aufschumend dabei, einander
berstrzend, wieder hebend. Durch die hindurch mu erst der Auswanderer
den schwanken Kahn zum Ufer fhren, und darf sich nicht durch das wilde
Tosen derselben betuben, entnerven lassen; ruhig nur das Steuer in der
Hand, und fest den strzenden Wellen auf den Kamm geschaut, der Gefahr
zu entgehn, den gnstigen Moment zu benutzen, mu er stehn, nicht blos
vorn im Bug sitzen, die Hnde im Schoo, und die Blicke verzweifelnd
in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von der Heimath
loszureien, darf er sich jetzt auch nicht davor frchten ein wenig
herber und hinber gestoen zu werden. Das ist ein bergang, und ein
Jahr spter nur und er stt selber mit.

Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit saen die Oldenburger aber, so
gewaltsam hinausgestoen in die Welt, auf ihren Kisten an der Leve, die
Mnner mit den Hnden in den Taschen, an die Hessen denkend, die sie
weiter oben in hnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos fr
sich erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll Thrnen,
die Herzen voll Kummer und Sorge fr die Zukunft.

Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie verhagelt
wre sagte da pltzlich eine freundliche Stimme, in rein deutschem
Dialekt -- ist Euch Jemand gestorben oder habt Ihr Euer Geld in den
Strom fallen lassen?

Gestorben ist Niemand, und unser Geld fllt schon nicht weg; dafr
sind wir sicher! sagte der eine der Leute den Fremden finster und
mistrauisch betrachtend, denn was sie bis jetzt von ihren Landsleuten
gesehn, war gerade nicht geeignet sich sehr nach ihrer weiteren
Bekanntschaft zu sehnen. Nur die Frauen schauten rasch und halb voll
Hoffnung zu dem _Deutschen_ auf, der sie so freundlich angeredet, und
dabei so anstndig in feiner weier Wsche und breitrndigem Strohhut,
mit einer groen goldnen Uhrkette ber die feingestreifte Weste,
gekleidet ging.

Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepck in die Stadt hinauf zu
bringen sagte aber der Deutsche wieder -- habt Ihr schon ein
Kosthaus?

Kosthaus -- wiederholte der eine der verheiratheten Mnner mit einem
kaum unterdrckten Seufzer und einem halbscheuen Blick nach Frau und
Kind -- Kosthaus -- ich mchte wissen was uns ein Kosthaus helfen
sollte -- wenn wir nur erst einen Platz wten wo wir berhaupt Kost
bekmen, das Haus wollten wir ihnen gern schenken.

Oh, _so_ stehn die Sachen? lachte der Deutsche wieder -- Ihr habt
kein Geld? -- ja dann mt Ihr freilich arbeiten.

Habt Ihr Arbeit? riefen die Mnner rasch und zugleich.

Ich gerade nicht lachte der Deutsche, aber wenn Ihr _die_ haben
wolltet, die wre leicht genug zu bekommen.

Aber wo? rief der Erste von den Oldenburgern wieder, wir haben uns
schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch die Stadt, und Niemand hat
uns haben wollen.

Haben wollen sagte der fremde Deutsche kopfschttelnd -- Ihr seid
nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist die ganze Geschichte; da
mcht' ich die grte Wette eingehn, da ich Euch alle miteinander in
drei Tagen unterbrchte. Was habt Ihr fr ein Geschft?

Geschft? -- wir sind Bauern.

Bauern? -- hm, das ist allerdings schon schwieriger, aber fr eine
Weile knntet Ihr auch schon einmal was anderes angreifen. Wenn der
Mensch Lust hat geht Alles.

Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Lust haben
brummte der Erste wieder.

Aber wo ist die Arbeit zu kriegen? frug jetzt eine der Frauen, lieber
Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur fr uns und die Kinder
Brod haben.

Brod? lachte der Fremde, um Brod allein wird man auch hier eine Hand
regen -- wenn nicht Fleisch und Gemse und Kaffee wie das sonst Nthige
dabei ist, soll's der Henker holen; fr Brod allein wrden wir hier
wenig Arbeiter bekommen. -- Aber hier auf der Strae knnt Ihr doch nicht
liegen bleiben setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der Tasche
nahm und nach der Zeit sah; es ist jetzt eben halb zwlf, wenn Ihr Euch
dazu haltet, knnt Ihr noch gerade zum Mittagsessen im Gasthaus sein.

Mittagsessen seufzte aber eine der Frauen -- die paar Groschen die
wir noch haben, drfen wir nicht fr Mittagessen hinauswerfen, wer wei
ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen
wir sie nthiger.

Ja krank -- jetzt wird Niemand hier mehr krank lachte der Deutsche,
jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's in New-Orleans besser
wohnen wie in New-York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus
zu gehn.

Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier fttern.

Nein -- das wrdet Ihr auch gar nicht verlangen sagte ihr neuer
Freund ganz unbefangen, aber Ihr geht ganz einfach in das erste beste
Gasthaus, stellt Eure Sachen dort ein, et und trinkt was Ihr braucht,
und zahlt so bald Ihr knnt. Glaubt Ihr denn nicht da so etwas alle
Tage hier vorkommt?

Ja aber wo wrden sie uns denn da so aufnehmen frug der Mann
verwundert.

Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus -- ich gehe mit Euch
die nchste Strae hinunter, und ich wette wir sind noch keine tausend
Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus und knnt Euere Beine unter einen
gedeckten Tisch strecken.

Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland von erzhlt
haben flsterte der eine dem anderen Bauer zu, da sie den Deutschen
auflauern und sie seelenverkaufen.

_Schaafskopf_ verkaufen htte ich bald gesagt brummte aber der Andere
eben so leise -- ein gedeckter Tisch wird unseren Seelen wahrhaftig
keinen Schaden thun -- ich glaube nur nicht da er's kann.

Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem armen Auswanderer
auch das Letzte abjagen was er mitgebracht hat?

Und was soll er _uns_ denn etwa abjagen, unser Geld? -- da wird er sich
schneiden, und unsere Sachen? -- die drfen sie uns nicht nehmen, das
leidet die Regierung nicht.

Ja die Regierung wird sich was d'rum kmmern meinte der Erste wieder.

Na adieu Ihr Leute sagte der Mann jetzt, indem er sich den Hut etwas
fester in die Stirn drckte, und sich abdrehte, als ob er gehen wollte,
ich sehe es gefllt Euch hier auf der Leve, und hier in Amerika kann
Jeder thun was er will; hier sind wir Alle freie Leute.

Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick rief die eine
der Frauen ngstlich und besorgt -- lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit
verschaffen knnten, die wollen wir ja doch gar so gerne haben; sagen
Sie uns nur _wie_.

Ja Kinder aus dem rmel kann ich sie auch nicht schtteln lachte
der Fremde, aber ich habe eine Menge Bekannte hier, die viel Leute
brauchen, und am liebsten Deutsche anstellen, und wenn Ihr Euch eben,
wie ich das wohl glaube, keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald
untergebracht sein, und zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn
oder achtzehn Thaler Lohn _jhrlich_, und einer Kost die man hier kaum
seinen Schweinen vorwerfen wrde, sondern mit drei Mal Fleisch tglich,
wie es berall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee.

Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?

Wenn Ihr lieber hier auf der Leve sitzen bleibt kann's mir auch recht
sein lachte der Mann, wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden,
knnt Ihr einem Doktor eben so viel bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr
in Deutschland das ganze Jahr verdient habt -- nachher ist Euer Geld gut
angelegt. Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich
aber doch fr Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt,
so komme ich morgen oder bermorgen wieder her, und sage Euch Antwort.

Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn? frug da der Erste
wieder, da wir nur erst einmal den Platz finden wo sie uns aufnehmen,
denn unsere Sachen mchten wir nicht in Versatz geben; man wei nachher
nicht wie's wird.

Aber Euere Sachen mt Ihr doch unter Dach und Fach bringen lachte der
Mann, seid Ihr nrrische Burschen! die knnt Ihr doch nicht derweile
vor die Thr setzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im
Wirthshaus lget, zahlte die nchste Woche Arbeitslohn Euere smmtlichen
Schulden.

Und was bekommt man hier den Monat?

Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an
der Leve und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollar #pr.#
Tag.

Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.

Seid Ihr berall an der Leve gewesen? frug der Mann, die Leve ist
wohl sieben englische Meilen lang.

berall wohl nicht, aber doch an _vielen_ Pltzen.

Nun ja, _vielen_, das will Nichts sage; nein ich werde Euch gleich eine
#dray#[29] wie man hier sagt, oder einen Gterkarren besorgen, Euere
Sachen in die Stadt zu schaffen, und dann sind wir in zehn Minuten
untergebracht.

Oh dazu brauchen wir keinen Karren riefen aber die beiden; die packen
wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter Nichts ist -- die Frauen
tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den brigen
zurck und die holen wir dann nachher.

Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das mu ich Euch gleich sagen, lange
Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, denn ich habe noch viel zu
thun, und hier schon mehr Zeit versumt als ich vor meiner eignen
Familie verantworten mchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika
Zeit ist Geld und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.

Es bedurfte brigens keines weiteren Zuredens von seiner Seite, denn den
armen Teufeln, die sich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth
gefrchtet hatten, stak der versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf,
auf dem sie im Geist jetzt schon alle getrumten Herrlichkeiten der
neuen Welt aufgestapelt sahen, und nach kurzer Berathung untereinander
griffen sie ihre groen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer auf und
baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, ihnen den
Weg zu zeigen.

Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nchste Strae hinauf, die
nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, ber die zweite Queerstrae hin,
leuchtete ihnen schon von fern ein groes weies Schild entgegen, auf
dem mit groen schwarzen Buchstaben die Worte _Deutsches Gasthaus zum
deutschen Vaterland_ standen.

Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir anfragen? frug
sie ihr Fhrer.

Ja wenn Sie glauben meinte der eine Oldenburger.

Eins ist so gut wie das Andere, sagte Jener achselzuckend -- setzt
nur erst einmal Euere Kiste vor die Thr, und wir wollen hinein gehn und
mit dem Mann sprechen; nachher knnt Ihr ja dann noch immer thun was
Euch gut dnkt.

Dagegen lie sich Nichts sagen, und die Mnner betraten gleich darauf
einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und
durch einen etwas schmutzigen weien Vorhang von dem nchsten Gemach, in
dem sie viele Stimmen hrten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier
an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte leere
Glser und einige kleine Flaschen standen, whrend dahinter, auf langen
Regalen, drei oder vier Reihen mit verschiedenen Spirituosen gefllte
glserne Karaffen geordnet und mit dazwischengelegten Orangen und
Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktisch, oder der #bar# wie
ein solcher Platz in Amerika genannt wird, stand ein junger stmmiger
Bursche von vielleicht fnf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt
zurckgekmmten blonden Haaren, fast auffallend groen Ohren, stieren,
aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen Augen, und einem sehr
runden, halb geffneten Mund, was ihm ein sehr erstauntes berraschtes
Aussehn gab, sonst aber so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen,
wie das nur irgend mglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, aber
weder Rock noch Jacke, und die Hemdsrmel bis hoch ber die Ellbogen
aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulsen Arme auf dem Schenktisch,
etwas weit auseinander, aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Krper
die Neuangekommenen gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen
von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den Hals springen
werde.

Hallo Jimmy rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei
von den Mnnern, die verlegen an der Thr stehn blieben, hier eingefhrt
hatte -- wie gehts Mann, immer noch frisch und munter?

Ja wohl Schentelmen sagte Jimmy, drei frische Glser auf dem Tisch
umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, als ob sich der Mann
erkundigt htte ob er noch etwas zu trinken habe -- was Ihr Herz
begehrt -- was solls sein?

Nun ich nehme einen Gin cocktail[30] sagte der Fhrer -- und was
trinkt Ihr, Leute? -- kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und
trinken mssen wir doch.

Die Deutschen bedurften erst noch einer Nthigung, whrend sie der
Ausschenker oder #barkeeper#, wie diese Leute smmtlich heien, mit
immer hher steigenden Augenbrauen und immer stierer werdenden Augen,
ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen
sie sich nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen
merkwrdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt
bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch versehn aus dem
Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben angebrachtes
Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens dem in die Erde gegrabenen Fa
herauf, gespeit wurde.

Nun Jimmy trinkst Du Nichts? sagte der Fremde.

  [Illustration: Capitel 9.]

#Thank you#[31] sagte Jimmy, fllte sich in ein Glas ein paar Tropfen
Brandy, und go es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten
Glsern blitzschnell unter den Schenktisch in einen dort angebrachten
Kbel mit Wasser, schwenkte und trocknete die Glser, die wieder
auf ihren alten Platz kamen, und seinen Hnden dann eine gleiche
Geflligkeit erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den
Tisch und sagte:

#Two bits!#[32]

Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte zu, welche die
Auswanderer nicht verstanden und der #barkeeper#, der sie jetzt noch
viel stierer ansah als vorher sagte pltzlich:

Hier boarden?

Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und wissen nicht was
boarden ist -- _wohnen_ wollen sie hier allerdings -- habt Ihr Platz?

#Lots# lautete die lakonische Antwort.

Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepck unterbringen und
wohin wir die Frauen mit den Kindern schaffen knnen -- wie viel macht
es die Woche # person?#

Drei Dollar ohne Bitteres --

Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's apart; sie
werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern gleich auf Arbeit
gehn -- hier Nichts im Hause, Jimmy?

Arbeit? lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen wobei ihm die
Augen fast aus dem Kopf herausfielen -- wir sind froh da wir selber
Nichts zu thun haben.

Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen -- Also schafft die Sachen
nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin
Ihr sie bringen knnt, und Jimmy, seid so gut notirt es Euch -- sieben
Personen setzte er dann auf Englisch hinzu und die vier Kinder knnen
wir zwei rechnen.

Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt antwortete ihm der #barkeeper#
ebenso -- doch Alles sicher?

Alles -- sagte der Mann, der sich der Deutschen so freundlich
angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend,
setzte er hinzu -- Euere Tochter da, werde ich wahrscheinlich selber
bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen knnen, darber
bringe ich Euch aber erst morgen Antwort; unter der Zeit lat es Euch
brigens wohl sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so
gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so gut dafr,
ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in drei oder vier Wochen
ist, bleibt sich ganz gleich. So #goodbye# Jimmy -- adieu Ihr Leute
-- ich werde morgen einmal wieder nachfragen wie es Euch geht.

Der Mann verlie mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das
Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewiesen,
vor dem sich die Kinder aber frchteten, weil er ihnen heimlich
Gesichter schnitt -- schafften bald ihre groen hlzernen Koffer mit
Geschirr und Allem, seitwrts von der Hausthre ber einen engen Hof,
eine schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Kfterchen, das
der Mann ein Zimmer nannte, und wo fnf Betten so dicht neben einander
aufgestellt waren, da sie auch eben so gut als eines gelten konnten. In
die mittelsten mute man auch in der That ber die beiden Eckbetten hin
oder ber ihre Fuenden hinbersteigen.

Ungemthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch
nicht einmal gemacht, und das Bettzeug sah gelb und gebraucht aus,
mit kleinen Blutflecken hie und da wie gesprenkelt, ein bses Zeichen
vorhandenen Ungeziefers. Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht
gewaschen, und die Spinnweben fllten die Ecken mit ihren Generationen.
Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, und
an solche Unbequemlichkeiten wie sie es gewhnlich nennen, noch vom
Schiff aus viel zu sehr gewhnt, wenigstens gleich in den ersten Tagen
dagegen zu protestiren, besonders wenn sie wenig oder gar kein Geld
bei sich haben, und sich dadurch gedrckt und nur geduldet fhlen. Die
Oldenburger nun gar dachten nicht daran sich auch nur ber das Geringste
zu beschweren, hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie gegen
Regen geschtzt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen ebenfalls
versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, wo sie noch wenige
Stunden vorher in Verzweiflung an der Leve drauen gesessen, und keinen
Platz gewut hatten ihr Haupt hinzulegen.

Noch waren sie brigens mit dem Ordnen ihres Gepcks nicht einmal
fertig, als eine Klingel unten tnte, und der Barkeeper wieder in
das Zimmer stierte und ihnen ankndigte es wre zu Dinner gebellt
worden.[33]

Dinner gebellt? rief der eine von den Mnnern erstaunt -- _wir_ haben
keinen Hund mit.

Hund mit? -- wer spricht denn von einem Hund? brummte aber der
Barkeeper, zu Dinner ist gebellt -- das Essen ist fertig und Ihr mt
Euch bereit halten; wenn's wieder lutet wird gegessen; aber die Mnner
kommen zuerst dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern -- s'ist
wegen dem Platz.

Ja so sagte der Mann, nun versteh' ich's -- wir knnen noch kein
englisch.

Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu
verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem jngsten Kind ein
so furchtbares Gesicht da dieses laut aufschrie, und schlug dann die
Thr hinter sich in's Schlo da die Scheiben klirrten.

Ist das ein sonderbarer Mensch rief die eine Frau, und wie er spricht
-- aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter gehn -- ich frchte mich
ordentlich.

Frchten? -- vor dem Essen? na ja sagte ihr Mann -- ich mcht' mir
lieber die rmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt
nur, da bimmelts schon wieder -- was der nur mit dem _Bellen_ wollte?

Es blieb ihnen inde keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn
die Glocke unten lutete allerdings schon wieder, und die Mnner
schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Hnden von den
rmeln, dem Rockkragen und den Hosen vorn herunter, und stiegen die
Treppe nieder, wo ihnen das merkwrdige Gesicht des Barkeepers, der
seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebudes breit und
wei drckte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte
sie sollten machen da sie herein kmen. Das lieen sie sich denn
auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich
gerumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen
bedeckt, und schon auch fast vollstndig von Gsten besetzt war.

Hallo die Oldenburger! rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen
Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, wo kommt
_Ihr_ her, vom Schiff?

Die Leute schauten berrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem
Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so
wenig sie sich an Bord um sie bekmmert hatten, jetzt doch freundlich
grend nach ihnen herbernickten, und ganz zufrieden damit schienen
unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.

In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den
Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die
meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen
in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.

Herr Messerschmidt mute in dieser Zeit ungemein thtig gewesen sein,
und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis,
alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren
Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwrmerischen
Theobald, whrend nur ein paar Sthle weiter, durch ein paar fremde
Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und
Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord
nannte, Platz genommen. Aber seine Frau sa nicht neben ihm, obgleich
mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen
die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen
waren.

Diese lieen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, fr
ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch
schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gnzlich wie sie die rege
Geschftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer
zulangten als irgend Einer der brigen.

Das Gesprch bei Tisch fhrte indessen fast allein ihr frherer
Reisegefhrte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er
seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch
bekannt geworden sein mute, denn er nannte sie smmtlich bei Namen,
und lachte und erzhlte nach Herzenslust. Mehlmeier amsirte sich dabei
am meisten ber seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und
gewhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die brigen das Erzhlte
schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein
sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nchsten
Bekannten.

Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze
Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen
konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die
verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer
der also auf's Korn genommen zufllig nach ihm umdrehte, so zusammen und
griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend
etwas Bses begangen htte und dabei erwischt wre.

Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei
Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gste, so rasch als
mglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die
Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit
den Hausgenossen in den inde von den brigen gerumten Speisesaal
gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers
der einen mchtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.

Nach Tisch zerstreuten sich fast smmtliche Gste durch die Stadt, ein
Theil seinen Geschften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte,
zum Vergngen oder aus langer Weile durch die Straen zu schlendern, die
fr sie des Neuen und Eigenthmlichen auch genug boten. Das Abendessen
war auf sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung
wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied da die meisten der Gste
nicht mehr ausgingen, oder nach einem krzern Spatziergang durch die
Stadt oder ber die Leve, die um diese Tageszeit den Sammelplatz
der vornehmen Welt von New-Orleans bildet, wieder in das Gasthaus
zurckzukehren, und dort bei einem Glase gutem franzsischen Wein oder
schlechtem Cincinnati-Bier die Erlebnisse des Tages zu besprechen.

Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter dem
Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer von New-York
war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, und den eben erst
angekommenen Passagieren, die seit ihrer Abfahrt von dort auch keine
Sylbe aus der Heimath gehrt, war es besonders ein ganz eigenthmliches
Gefhl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu
erhalten, und sich darber zu freuen.

Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen -- die Leute durften
sich hier eine Gte thun und frei und ungescheut ber Verhltnisse
schimpfen, denen sie dort entgangen waren; dann kamen die Hofnachrichten
aus einem Kniglichen Blatt, in dem die Privatnachrichten ber die hohen
und hchsten Herrschaften, und wann allerhchst dieselben zu speisen
geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrt wurden.
Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewissenhaft vorgelesen
bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen satt bekamen und Anderes
hren wollten.

Oh hren Sie auf mit dem Unsinn, rief Herr Schultze endlich, sich die
Hnde reibend, wir sind hier froh, da wir nichts mehr damit zu thun
haben; Herr Steinert, lesen Sie uns etwas Gescheuteres vor.

Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen Zeitung sehr
verehrter Herr Reisegefhrte? rief aber der Weinreisende ber das Blatt
nach ihm hinber lachend, da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu
knnen, ich mte Ihnen sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe
vorlesen, von denen ich da drben in der Weserzeitung eine ganze Menge
gesehen habe.

Apropos Steckbriefe, rief Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, haben
Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen Jungen keinen hinterher
schicken, der mit der Haidschnucke so glcklich fortgekommen ist? -- wie
hie er doch gleich, Berger glaub ich?

Ja wohl Carl Berger, rief Steinert, da wollen wir doch gleich einmal
sehen, bitte -- erlauben Sie einen Augenblick sagte er dabei, seinem
Nachbar, einem kleinen drren Mnnchen mit einer Brille, der ungeheuere
hnlichkeit mit einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon
lngere Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade
las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.

Bitte tausend Mal um Entschuldigung, sagte der kleine Mann sehr artig,
ich glaubte sie wrde nicht gebraucht.

Bitte -- bitte -- murmelte Steinert zerstreut, mit den Augen dabei die
klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankndigungen berfliegend
-- ber den Nachla des am 12. Februar verstorbenen Fuhrmanns -- das
ist Nichts -- auf den herrschaftlichen Gtern zu Hellbhausen sollen am
5. nchsten Monats -- auch Nichts -- hier kommen die Steckbriefe -- der
Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein -- der war's nicht,
aber halt wahrhaftig -- rief er pltzlich, mit der linken Hand dabei
auf den Tisch schlagend -- hier haben wir ihn --

Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr
alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher Weise durch die Flucht
entzogen, und werden smmtliche Justiz-und Polizeibehrden ersucht -- ja
wohl -- versteht sich von selbst -- alle Justiz- und Polizeibehrden
ersucht den besagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher
abzuliefern!

Dem fuhr es damals brigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie
ihn erwischt htten wr es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es
mu doch ein ganz wundervolles Gefhl sein, wenn man irgendwo was
ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glcklich
Salzwasser erreicht, und nun drauen frank und frei, mit _einem_ Schlage
jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, durch die Wellen streicht,
Fridolin.

Nun sogar gefhrlich sind die Leute doch auch nicht immer, lchelte
Herr Schultze freundlich vor sich hin, wissen Sie die Gesellschaft,
die uns die Herrn mit den egalen Mtzen selber noch im Hafen an Bord
brachten? --

Oh Doris, wrst Du nur verschwiegen, citirte Steinert seinen
Lieblingsschriftsteller; was hilft es solche Sachen an die groe Glocke
zu schlagen.

Nein, das seh ich aber gar nicht ein, sagte Herr Schultze, wenn die
Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit
solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, wei ich auch nicht
warum _wir_ so discret sein sollen nicht darber zu sprechen, oder
vielmehr darber zu schimpfen.

Aha, sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch
sa und bis jetzt den Gesprchen der Einwanderer aufmerksam zugehrt
hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen
fest und stechend ansah; der Mann trug einen groen rothen Schnurrbart,
hatte sonst aber, auer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend
zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmthiges im Gesicht -- aha,
sagte dieser jetzt, wieder eine Sendung von Correktionsfleisch
mitgekommen? -- knnte es der Regierung der Vereinigten Staaten
wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem verglte und
auch einmal eine Sendung _ihres_ Auswurfs mit guten Pssen versehn nach
Deutschland hinberschickte. Drben schimpft das Gesindel auf unser
Land, und thut dabei alles Mgliche was in seinen Krften steht die
Bevlkerung hier zu vergiften -- hilft ihnen aber doch Nichts, den
Neidpilzen, die sich ber unsere freie Verfassung rgern, und denen es
ein Dorn im Fleische ist da wir hier in einer _Republik_ glcklich
leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trben
wollten.

Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr, nahm Steinert das
Gesprch auf, den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika
eine wesentliche Vernderung hervorzubringen, als nur die einzelnen
Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber
vortrefflich. Amerika nimmt diese Krper in sich auf, verarbeitet sie,
theilt ihnen seine Reine mit und lutert sich selber -- halb zog sie
ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.

Papperlapapp! rief aber der Mann mit dem groen Schnurrbart, dem an
Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, das
klingt auswendig vernnftig, und ist inwendig baarer Unsinn -- lutert
sich -- ja wohl lutert es sich, nimmt aber diese Krper, wie Sie das
Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hngt sie an Galgen oder
Baum, was gerade am bequemsten und nchsten ist.

Hngen, sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fhlte,
unwillig mit dem Kopfe schttelnd -- Nrnberger -- hat sich was -- fr
_einen_ Schurken liefert Deutschland auch dafr dem rohen Lande hier
_tausend_ ehrliche Hnde und _geistreiche Kpfe_ dazwischen, die Schwung
hier in die Geschfte bringen, die den Amerikanern zeigen mssen, wo
Barthel eigentlich den Most holt.

Die haben _Sie_ wohl mit herber gebracht? sagte der Rothbart wieder
mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es
unter seiner Wrde sich mit dem ungebildeten Menschen in weiteres
Gesprch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern,
und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige
politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.

Beim Obertribunal kam krzlich folgender interessanter Proce in
Kassationsinstanz -- las Schultze -- zur Entscheidung -- Klger war
das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main -- Verklagter der
Justiz Commissar Ohnewetter in --

Scheulich -- niedertrchtig! unterbrach Steinert da pltzlich,
ohne sich weiter um die Vorlesung zu kmmern, den erstaunt zu ihm
aufsehenden Schultze, nein das ist nichtswrdig.

Was ist denn, was giebts? frugen die Andern dazwischen, neugierig
durch die Ausrufungen gemacht.

Nein abominabel! rief aber Steinert noch einmal, ha das Schrecklichste
der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.

Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert? frug Mehlmeier aus seiner
Ecke vor, in der er sich ganz gemthlich mit einem Glas Eierpunsch
niedergelassen hatte -- war er lange krank?

Nein hren Sie nur, rief aber Steinert in gerechter Entrstung dem
Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen hatte, jetzt auch das Licht
vor der Nase wegziehend und vor sich hin rckend, man sollte wirklich
kaum glauben, da etwas derartiges mglich wre.

Aber zum Teufel so schieen Sie doch einmal los! rief Herr Schultze,
der endlich ungeduldig wurde, und ber seine Brille, die er beim Lesen
aufsetzen mute, mit seitwrts gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der
Weserzeitung hinber sah, was ist denn vorgefallen.

Man sollte doch wirklich nicht denken da die menschliche Natur einer
derartigen Scheulichkeit fhig wre, sagte aber Steinert, also
aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas nher zu dem occupirten Licht
herberziehend, da steht von Hannover aus, ber dem Steckbrief von zwei
Menschen -- es ist nur gut da smmtliche Steckbriefe gerade so
eingerichtet sind, da sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen
-- ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. -- Von einem Greise
will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, -- also passen sie
auf.

Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den 18. August ds. J.
verlieen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abseits
gelegenen alten Frsterswohnung, zur Zeit nicht mehr ansssige und schon
gekndigt seiende, auch schon seit lngeren Jahren in keinem guten Ruf,
und die letzten sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende
--hah -- erlauben Sie erst einmal meine Herren da ich absetze, um
Athem zu holen -- der Canzleistyl kann einem Schnelllufer die Lunge
zuschnren -- polizeilicher Aufsicht stehende Carl Heinrich Steffen, von
den Dorfbewohnern seines schwarzen Haares und Bartes wegen gewhnlich
der schwarze Steffen genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger
Gegend berall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude
Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit ihr in rechtmiger
Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich erzeugtes Mdchen, indem sie
dieselben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu sein verlieen,
und allem Vermuthen nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das
Ausland genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden
konnten. Die Kinder wurden von den nchsten, etwa eine Viertelstunde
von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erst am fnften Tag halb
verhungert gefunden, da sich dieselben durch eine vorgeschobene Lge der
unnatrlichen Eltern, die ihnen erzhlt hatten, da ein toller Hund die
Gegend drauen unsicher mache, nicht getraut hatten -- der Satz nimmt
wieder kein Ende -- nicht getraut hatten den ueren Weg zu betreten.
Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, 3 und 1-1/2 Jahr alt -- es ist
scheulich, wahrhaftig und kaum zu glauben -- 1-1/2 Jahr und einstweilen
von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen
Geistlichen versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschtzt worden.
Donnerwetter der junge hbsche Bursche der Georg Donner, das war ja der
Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.

Na und nun weiter? frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart,
kreuz Element sie werden die schurkischen Eltern doch wohl erwischt
haben.

Ja erwischen, sagte Steinert, unwillig mit dem Fue stampfend, da
hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, mit einer freundlichen
Bitte an alle Polizei- und Justizbehrden die beiden unnatrlichen
Eltern im Betretungsfalle, ja, hat sich was -- im Betretungsfalle nach
dem Amt Ohnleben zurck- und abzuliefern.

Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt, sagte der kleine
ngstliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm
und auswischte und dann halb schchtern die Hand nach der Zeitung
ausstreckte, die Steinert neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und
wie erschreckt wieder zurckzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer
Antwort zu wrdigen, noch einmal danach griff.

Ich begreife nur nicht da sie ihn nicht wieder erwischt haben, sagte
Herr Schultze.

Er wird sich wohl _heimlich_ fortgemacht haben, meinte Mehlmeier und
sah sich erstaunt um, als die brigen lachten.

Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika, rief der Mann
mit dem rothen Schnurrbart, und nachher soll man's den Amerikanern
verdenken, wenn sie von uns Fremden Nichts wollen.

Die Unterhaltung wurde hier pltzlich durch den etwas ungestmen
Eintritt eines anderen Reisegefhrten und zwar des Dichters Theobald
unterbrochen, der brigens in einem sehr auergewhnlichen Zustand, mit
zerrissenem Rock, blutigem Gesicht und auerdem noch in furchtbarer
Aufregung die Thre hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf,
und ein Glas Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden
Barkeeper forderte.

Hallo Herr Theobald? sagte Mehlmeier, der der Thr am nchsten sa
und die jedenfalls mishandelte und bs zugerichtete Gestalt des kleinen
schmchtigen Mannes etwas erstaunt betrachtete -- wie sehn Sie denn
aus? was haben Sie denn angefangen und wo sind Sie gewesen?

Ha Rache -- Rache! knirschte aber nur der Poet als einzige Antwort
durch die Zhne -- Rache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom
Himmel dafr borgen sollte.

Wrden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden, sagte der Mann
mit dem rothen Schnurrbart, brigens sehen Sie gerade so aus, als ob
Sie einem Irischen Draymann unter die Fuste gerathen wren, was neu
eingewanderten Deutschen manchmal passirt. Sie knnen wahrscheinlich
noch nicht boxen.

Boxen? wiederholte Theobald aber entrstet, boxen Sie einmal, wenn
eine halbe Strae ber Sie herfllt und Sie mishandelt -- boxen -- ha
wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben htten, er
_lebte_ jetzt nicht mehr --

Und _Sie_ sen dann in der Calabouse und knnten Betrachtungen ber die
innere Polizei Louisianas anstellen, sagte der Rothbart trocken.

Aber so erzhlen Sie doch nur, rief Steinert; er hatte die Zeitung
bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefhrten zur Seite geworfen,
die sich jetzt der Mann mit der grnen Brille rasch herber nahm, die
augenblicklich freie Zeit zu benutzen -- was ist geschehn, was ist
vorgefallen? Donnerwetter Mann, Sie haben famoses Glck. Sie kamen
hierher Schicksale zu erleben und darber schreiben zu knnen, und sind
da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und
kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern kann.

Ich danke Ihnen fr die Goldquelle, rief Theobald, die man mit der
eigenen Haut bezahlen mu; aber Stoff hab' ich allerdings gefunden
_Bnde_ zu schreiben, und bei Gott, ich werde ihn benutzen.

Aber ich bitte Sie um Gottes Willen --

Gut, so hren Sie; ich gehe oben in der Stadt ber einen groen freien
Platz, auf dem ein hchst ungeschicktes steinernes Gebude, ein groes
Dach eigentlich nur von viereckigen steinernen Pfeilern getragen steht.

Oh das ist ein Markthaus, sagte der Rothbart.

Schn, fuhr Theobald fort, also in diesem Markthaus, wo aber nicht
viel zu verkaufen war --

Da mssen Sie Morgens hinkommen.

Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke -- also in diesem
Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, hell erleuchtete
Stnde, auf denen groe Messing- und Kupfer-Maschinen mit Hhnen unten
daran zum Ausschenken standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten
Tische mit delicisem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt
waren. Allerliebste junge Mdchen --

Na erzhlen Sie uns nicht die alte Geschichte, unterbrach ihn der
Rothbart da wieder, um das zu sehn, brauchen Sie nur um die nchste
Ecke zu gehn; da stehn auch welche.

Aber _wir_ kennen es noch nicht, verehrter Herr, sagte Schultze,
bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen Sie sich nicht irre
machen von -- von dem Herrn da.

Allerliebste junge Mdchen standen daneben und credenzten den
Spatziergngern, die an ihren Tischen stehen blieben, Kaffee, Thee oder
Chokolade, und ich war auch zu einem der Tische gegangen, an dem ein
reizendes Kind mit etwas dunkler Haut aber wundervollen Augen und langen
kastanienbraunen Locken --

  Die freie khne Stirn von ihnen berwallt
  Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,
  Den ganzen weiten Himmel offen,
  Auf mich hernieder sah. -- Betroffen,
  Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn
  Betrete ich des holden Mdchens Nhe
  Und frage -- stammle halb verzckt
  Von solcher nie geahnten Schne
  Oh Holde sprich -- 

Ich bin verrckt, fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim
completirend; whrend sich aber Theobald stolz und indignirt von ihm
abwandte, erklrten sich die brigen Gste smmtlich ber den ewigen
Strenfried entrstet, und Steinert besonders, der aufstand und in einer
wohlgesetzten Rede den Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann
wieder an den Dichter und sagte --

Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald -- Sie wissen
wohl -- ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein spatzieren
-- erzhlen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer treulich begonnenen
Improvisation -- Sie haben aufmerksame, theilnehmende Zuhrer -- da ist
auch Ihr Punsch, der wird Ihnen gut thun.

Theobald trank einen tchtigen Schluck, aber den poetischen Anlauf, den
er genommen, fand er nicht wieder, und erzhlte nun den Reisegefhrten
mit prosaischen aber dadurch auch krzeren Worten, wie er ber den Markt
gegangen, bei einem wunderhbschen, etwas dunkelhutigen Mdchen stehen
geblieben und in Gedanken eine Tasse dnnen Kaffees nach der anderen,
jedesmal fr 6-1/4 #cent# die Tasse, getrunken habe, als eine arme,
abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schttelnd, herangekommen sei,
und sich dicht neben den Kaffeestand an einen Pfeiler gekauert habe. Das
junge Mdchen erkundigte sich theilnehmend bei ihr was ihr fehle und
schenkte ihr dann eine Tasse heien Kaffee ein, die die kranke Alte
mit zitternden Hnden nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder
zurckreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm die Gasthaus
recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufllig auf der Strae
traf, ber den Weg wegsprang, der Frau die Tasse aus der Hand ri und
auf die Steine warf, da sie in tausend Scherben zersplitterte, und dann
auf das holde, vor Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal
mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in
_deutscher_ Sprache mit den nichtswrdigsten Worten ausschalt und
schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehre, verschenke, und
die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder werde trinken wollen,
solch schmutzigem alten Drachen zum Gebrauch in die Hnde gebe.

Das war zu viel rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte
Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; ein deutsches
Mdchen, denn dafr mute ich die Unglckliche jetzt halten, vor meinen
Augen also mishandelt zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei
Stzen auf den Elenden zuspringend, fate ich ihn bei der Brust,
schleuderte ihn zurck und schwur ihm, da ich ihn zu Boden schlagen
wrde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von diesem
Augenblick an unter _meinen_ Schutz gekommen. Was? schrie da der
Bube, zu feige mir selber mnnlich entgegen zu treten -- was? -- wollen
_Sie_ sich hier einmischen wenn ich meine _Sclavin_ zchtige, -- Sie
Abolitionist Sie? -- Und wie er das Wort sprach, und dann noch einer
Zahl vorbergehender Menschen etwas in Englischer Sprache zurief, das
ich nicht verstehen konnte, schrieen die pltzlich Ein Abolitionist
-- ein Abolitionist und noch eine Masse anderes Zeug und fielen ber
mich her, rissen mir den Rock in Stcken, schlugen mich ber den Kopf,
und htten mich, glaub' ich, erwrgt, wenn nicht glcklicher Weise ein
paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wren, die mich in
Schutz nahmen und der Rotte aus den Hnden rissen.

Scheulich -- nichtswrdig -- niedertrchtig! schrieen die Deutschen
in gerechter Entrstung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte
diesen langsam in die Hhe und sagte:

Sie knnen sich gratuliren da Sie diemal so weggekommen sind; wer
unter den Wlfen ist mu mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenstaat
leben will und nicht das Maul halten kann, dem wre wohler er htte das
Land nie gesehen!

So, meinen Sie? rief aber Theobald, noch von der vorigen malitisen
Bemerkung entrstet -- ich werde ihnen aber hier beweisen was ich zu
thun im Stande bin -- sie haben mich gereizt und sie sollen meine Rache
fhlen.

Gefhrlich ist's den Leu zu wecken sagte Steinert.

Und was knnen Sie thun? frug der Rothbart achselzuckend.

Was ich thun kann? rief Theobald, den Rest seines Punsches auf einen
Zug leerend -- ich habe eine Waffe die sie zu Boden schmettern, und den
Zorn der Vlker auf sie niederrufen, nein noch schlimmer, die sie der
eigenen Schaam und Verachtung preis geben soll.

Und wenn's eine Kanone wre mit lauter Spitzkugeln geladen sagte der
Mann kopfschttelnd, und wenn sie mit Dampf gefeuert wrde, knnen Sie
Nichts gegen diese Masse und gegen Gewalt ausrichten.

Es ist mehr wie das! rief aber Theobald mit freudigem Selbstbewutsein
-- es ist meine _Feder_!

Bah sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand auf und verlie das
Zimmer.

Wer ist denn der unverschmte Gesell? frug Steinert, als jener die
Thr hinter sich zugemacht hatte und drauen mit dem Barkeeper
abrechnete -- wo kommt er her und was treibt er?

Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr sagte der kleine Mann mit der
grnen Brille, indem er diese abnahm und sich entschuldigend gegen Herrn
Steinert verbeugte, so ist dieser Herr, so unscheinbar er da sa und
aussah, Einer der reichsten Leute in der Stadt, der vier Huser in
Canalstreet und einen halben #square# in #Tchapitoulas street# besitzt.

Den Teufel auch rief Steinert.

Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn ich nicht die Wahrheit
rede, bekrftigte aber der Hfliche seine Worte, der Herr mit dem
langen rothen Schnurrbart wei kaum wie reich er ist, besucht aber
regelmig smmtliche deutsche Wirthshuser in denen Auswanderer
einkehren, unterhlt sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen,
schon Manchens Glck gemacht.

Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich
gesagt? fuhr ihn Steinert an, whrend sich der kleine Mann mit einem
schchternen Achselzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter
seine grne Brille zurckzog, Theobald aber, durch die schlechte
Behandlung und den starken Punsch erregt, schwor da der Mann, und wenn
er ein Millionair wre, kein Herz im Busen und keine Ader fr Poesie
habe, und verlie nach dieser anatomischen Behauptung rasch das Zimmer
sein eignes Lager zu suchen, oder sich wenigstens der beschmutzten und
zerrinen Kleider zu entledigen.

Die brigen Gste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend,
theils ber die hiesigen Verhltnisse plaudernd, zusammen, bis endlich
Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, entweder zu Bett zu gehn,
oder die eigene Wohnung aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den
ganzen Abend still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers
gesessen und seinen Grog fr sich allein getrunken hatte, ohne mit Einem
der brigen zu verkehren, blieb noch zurck und bestellte, als der
grougige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als ob er ihm ebenfalls
andeuten wolle da es Zeit sei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas
als Abendtrunk.

Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er sein heies
Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der Fremde (es war ein
alter Bekannter von uns, und der Mann der sich an Bord der Haidschnucke
Meier genannt hatte) langsam zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen,
griff sich die Weserzeitung heraus, suchte ein paar Secunden darin, und
ri dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief
stand, ab.

Hallo Sir -- das sind neue Zeitungen schrie ihn aber der Barkeeper
an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten dampfenden Grog
wieder zurck in's Zimmer kam -- wer hat Euch erlaubt da ein Stck
herauszureien?

So? sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stck zusammendrehte
und ber dem Licht entzndete, sich seine Pfeife anzubrennen -- ich
glaubte es wren alte.

Na ja, und nun verbrennen Sie's noch --

Was kostet denn so eine Nummer --

Was kostet so eine Nummer? -- die sind hier gar nicht wieder zu
bekommen.

Das thut mir sehr leid sagte der Mann achselzuckend, nahm das Glas,
whrend der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank
es auf einen Zug aus, und verlie dann ebenfalls das Zimmer.




FUSSNOTEN -- FOOTNOTES

 1. Die Amerikanische Flagge ist wei und roth gestreift mit einem blauen
 Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weie Sterne fhrt. Im
 Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit
 jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefgt.

 2. Von wo kommt ihr her?

 3. Der Mississippi heit in der bilderreichen Sprache der Indianer der
 Vater der Wasser.

 4. Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000
 Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.

 5. Die Leve von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht zu
 trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist ihr
 einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fu hher steigenden Strom. Das
 ganze Ufer des Mississippi ist nmlich so niedrig, und war den
 jhrlichen berschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, da
 die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm
 am ganzen Ufer des Stromes hin errichten muten. Die Franzosen, unter
 deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben ihm den
 Namen Leve, den die Amerikaner spter adoptirten, und die Leve von
 New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt ber acht Engl. Meilen weit
 herunter luft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von 100 Fu
 und 15 Fu ber niedriger Wasser-Hhe angelegt, ein eben so langer
 Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die dort tglich
 aus dem Inneren und fr das Innere bestimmt, gelandet und geschifft
 werden, und  luft nach der Stadt zu in einem sanften Abhang nieder,
 whrend nach dem  Strom hin, wo dieser selber eine nicht unbedeutende
 Strecke neuen  Alluviallandes angesphlt hat, hie und da schon hlzerne
 Werfte  errichtet werden muten, die Waaren trocken und leicht landen zu
 knnen.

 6. Etwa ein halber Thaler.

 7. Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten #guards#
 etwas sehr Eigenthmliches, da sie von dem eigentlichen, oft -- etwa
 sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses
 selber bilden, wodurch es nicht selten _ber_ dem Wasser fast die
 doppelte Breite seines _unter_ Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von
 dem uersten Rand der #guard# ab laufen dabei die unteren Sttzen des
 Zwischen-Decks, in dem sich auch _ber_ dem Wasser, die Maschine mit den
 Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajte -- der groe oft
 prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafpltzen der Passagiere und
 oberen Officiere des Bootes.

 8. Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, da man
 unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen
 denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort besonders
 gebruchlich ist und (wahrscheinlich von #criar,# erschaffen,
 herstammend) einen im Lande selber aber von rein Europischen Eltern
 Geborenen. Die Halbabkmmlinge der Indianer, Mischlinge von Europern
 (oder Creolen) und Indianern heien Mestizen.

 9. #Escalin# wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika noch
 andere Namen hat; so heit er, besonders in den Sdlichen Staaten
 #bit#,  in New-York #Shilling#. Es ist Spanisches Geld von 12-1/2 #cent#
 oder  ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld nach
 Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermnze #dimes# (10
 #cent#) und #half dimes# (5 #cent#).

 10. Englische Meilen, etwas ber vier auf die deutsche.

 11. #Rifle# heit im Allgemeinen die Amerikanische lange Bchse,
 obgleich #rifled# eigentlich nur gezogen, mit Zgen versehn bedeutet.

 12. Im Flubett festsitzende Stmme.

 13. Pottersfield wird in New-Orleans der Begrbniplatz genannt, auf den
 die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern bezahlen
 knnen.

 14. Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, ich
 habe derartige Fahrzeuge schon flchtig in meinen Streif- und Jagdzgen,
 ganz ausfhrlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der
 Erzhlung Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot geschildert,
 und mu ihn darauf verweisen.

 15. Die einzelnen Schaufeln am Rad.

 16. Virginien.

 17. Holztragen, Holztragen meine Burschen.

 18. Das #Bowieknife# (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, ist
 ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer
 Strke im unteren Rcken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel
 Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefhrliche Wucht giebt. Die
 Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an beiden
 Seiten haarscharf, und die Messer, selbst in der Hand eines ganz
 schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.

 19. Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heien Neger;
 Abkmmlinge von Weien und Negern -- Mulatten, und von Weien und
 Mulatten -- Quadroonen -- Alle, in den Vereinigten Staaten unter dem
 allgemeinen Begriff _Farbige_ oder dem Spottnamen Nigger begriffen. Die
 Kinder von Weien und Quadroonen --da sich die Quadroonen selber oft
 kaum von Weien in Farbe und Haar unterscheiden lassen, sind, selber
 wenn die Quadroonin Sclavin wre, _frei_.

 20. Kein Zutritt.

 21. Die ersten Anfnge einer Farm, das eben erst urbar gemachte Land.

 22. #frame# Huser heien in Amerika die von einem hlzernen Gestell
 gebauten und auswendig mit Bretern bernagelten Gebude.

 23. erster Klasse.

 24. #to take care# Sorge fr etwas tragen.

 25. #to catch# fangen.

 26. #to be in a fix#, sich in schwieriger Lage befinden.

 27. #gum# von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesgte
 Stcke hohler Gumbume, die von den Settlern theils zum Aufbewahren
 von Salz und anderen Sachen, wie auch als Sthle benutzt werden.

 28. Hgelrcken.

 29. Die kleinen Gterkarren.

 30. Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren
 Tropfen.

 31. Dank Euch.

 32. Zwei Bit -- der Bit eine Amerikanische, im Sden der Vereinigten
 Staaten sogenannte Geldmnze von 12-1/2 Cent, etwa 5 Silbergroschen an
 Werth.

 33. #Dinner# Mittagessen #bell# die Glocke in dem schauerlich verderbten
 Dialekt der Amerik. Deutschen zum Mittagsessen gelutet.




TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME

Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected and some names regularised; missing punctuation has been
silently added.

Zeitgenssische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
Zeichensetzung wurde ergnzt.

The following additional changes have been made:

Die folgenden zustzlichen nderungen wurden vorgenommen:


 die er nicht glaubte unbenutzt      die er nicht glaubte unbenutzt
 vorbergehn zu lassen seine         vorbergehn _lassen zu knnen, ohne_
 Kenntnisse zu zeigen                seine Kenntnisse zu zeigen

 Weinkampf                          _Weinkrampf_

 Marie, die (...) Zeuge der          Marie, die (...) Zeuge der
 Scene gewesen waren                 Scene gewesen _war_

 breitrundigen                      _breitrndigen_

 unter keine Bedingung               unter _keiner_ Bedingung

 auf weien Schild                   auf _weiem_ Schild

 hintergewrgt                      _hinuntergewrgt_

 Regenschirm unter dem linken        Regenschirm unter _den_ linken
 Arm gedrckt                        Arm gedrckt

 als htte er sogar wollen           als htte er _sagen_ wollen

 das das endlich erreichte Land      das endlich erreichte Land

 andere (...) gesalzenes             andere (...) _die_ gesalzenes
 Schweinefleisch (...) bringen       Schweinefleisch (...) bringen

 Rcken                             _Rcken_

 verleitete                         _verleidete_

 wunderbaren aber doch               wunderbaren aber doch
 durchdringenden Weiche              durchdringenden _Weise_

 redete ihn aber jetzt               redete ihn aber jetzt
 der Pensylvanier                    der Pensylvanier _an_

 warm entgegendufte                  warm _entgegenduftete_

 Augenbraunen                       _Augenbrauen_

 Rocktragen                         _Rockkragen_





End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! DRITTER BAND ***

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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