The Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Arnold Beer
       Das Schicksal eines Juden

Author: Max Brod

Release Date: December 29, 2010 [EBook #34782]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER ***




Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net






  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
    Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]




  Und Simson sprach:

  Mit dem Kinnbacken eines Esels einen
  Haufen, zwei Haufen -- mit dem Kinnbacken
  schlug ich tausend Mann. Und als er vollendet
  zu reden, da warf er den Kinnbacken
  aus seiner Hand und nannte selbigen Ort:
  Ramath-Lechi.
                                Die Richter, 15




                                Max Brod

                              Arnold Beer

                       Das Schicksal eines Juden

                                 Roman


                          Axel Juncker Verlag

                         Berlin/Charlottenburg




I.


Arnold Beer war ein hbscher junger Mann, nicht einmal sehr
elegant, aber da er in der Stadt hufig mit den elegantesten
Leuten zusammen -- berdies auch oft mit anderen -- angetroffen
wurde, nannte man ihn den Eleganten. Aha, da kommt das Gigerl, --
oder Die Parta ist da. Ich erklre den Bummel fr erffnet, hie
es am Abend auf dem Korso, wenn in den Reihen der gewohnten
Spaziergnger und Nichtstuer Arnold samt seiner Freundschaft
erschien; denn schon hatte man hier und dort begonnen, sein
unntzes Treiben mit einigem Miwollen zu beobachten. -- Was berdies
seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute ganz entschieden.
Nher betrachtet, bestand Arnolds so effektvolle Kleidung durchaus
nicht aus den tadellosesten Stcken, war vielmehr hufig betupft
mit einzelnen groen und mit vielen kleinen Flecken und Tropfen,
manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, der Strohhut vom Regen
mattbraun berflossen und weichgedrckt, die Stiefel ohne den
rechten Glanz. Alle diese Fehler erschienen nun freilich niemals
beisammen, sondern sie fhrten ein einsames Dasein, jeder fr sich
und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen Beobachter
auch in dieser gleichsam fluchtartigen Abwechslung nicht entgehen.
brigens war Arnold selbst der letzte, der sich den merkwrdigen und
komischen Einzelheiten seines Anzugs verschlossen htte; im Gegenteil,
er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und Herren, auf solche
gelegentliche Schnheitsmngel hinzuweisen und sich selbst
auszulachen, um desto sicherer alle, die ber ihn erschraken,
auslachen zu knnen. Er nannte sich -- denn er hielt fr alles
Worte bereit und hatte besonders ber seine so fragwrdige
Wesensart schon oft und unter Schmerzen nachgegrbelt -- eine
typische Fernwirkung und hob hervor, da er diese gute Sache
seiner schlanken Gestalt, seinem vorzglichen blassen Teint und seinen
feinen Hnden verdanke, lauter Dingen, fr die er natrlich gar
nichts knne, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer
Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank er, noch anschlieend,
ber das Thema Kleider machen Leute in ausgedehnte trbe
Betrachtungen. Ja, meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa
ist eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, an den
ersten Schneider der Stadt, und der macht mir Rcke und Hosen, ohne
da ich ihn darum bitten mu, ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen
und nach den neuesten Schnitten. Kann ich dafr, nun bekommt sogleich
mein Anblick einen reizenden Schwung und Schmi, ohne mein Mitarbeiten,
und ich biege ein in eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar
des Michselbstfhlens von innen her, die mir gar nicht so besonders
pat. Wie machtlos ist man dagegen. Schlielich wrde mir ja diese
Richtung auch passen, warum nicht, htte ich nur Zeit dazu. Aber wie
kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht einfach
nicht. Strker wie Lschpapier bin ich eben nicht. Und daher auch
meine schlechte primitive Frisur, meine ungepflegten Ngel, meine
Schnalle nur am Schuh links und nicht auch rechts. Er pflegte sich
die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige Teilungsstelle
zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb milang, nur ein Gestrpp
hngender Strhnen aus den schnen Wellen.

Derselbe uere Schwung nun, den er mit einiger Selbstgehssigkeit an
seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte durch seine ganze Person und mit
so gewaltigem unwiderstehlichem Antrieb, da er nach allen Seiten
hin sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. -- Arnold war
eine beraus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule hatten alle
Lehrer darber geklagt, da er kein Sitzfleisch habe, und einige
hatten spter, bei aller Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere
Noten ihn fr sein berma an Temperament strafen zu mssen geglaubt.
Er antwortete auf Fragen, die niemand an ihn gerichtet hatte; er
schrie pltzlich laut auf, rannte aus der Bank und aus der Klasse
hinaus, weil er drauen einen so komischen groen Schmetterling
gesehn hatte, der sich spter als eine langsam aus dem dritten Stock
herabflatternde alte Kravatte erweisen mute. -- Einmal rief ihn
der Lehrer zum Weiterlesen auf; Bitte, die bung ist hier zu Ende
meldete mit hoher Stimme der Kleine, statt in dem gewhnlichen
dumpfen Tonfall der Schler fortzuspinnen. Da bekam er seine erste
Strafe. Ich soll nicht vorlaut sein, zehnmal abzuschreiben. Seine
Lebhaftigkeit und Naseweisheit hatten ihn nmlich schon in der ganzen
Schule so berhmt gemacht, da man immer geneigt war, in seinem
Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, auch wenn, wie in diesem Fall,
gar nichts daran war. Denn die bung war wirklich zu Ende, und obwohl
die nchste bung ja in unmittelbarem Zusammenhang mit der eben
gelesenen anschlo, wre wohl auch ein anderer Schler geneigt und
vielleicht kouragiert genug gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen
nheren, gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine
solche hfliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu setzen statt
mechanisch einfach die leere Zeile zu berspringen und sich im Text
als armseliger Lernknabe fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie
Arnold mute die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen
werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie
hineingewnscht hatte, als in die einzige, wo er einmal dem
hochverehrten Herrn Lehrer ebenbrtig, sozusagen als Mensch,
gegenbertreten knnte, da er oft im voraus die Zeilen abzuzhlen
pflegte, um herauszubringen, ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der
entscheidenden bergangsstelle die Reihe an ihn kommen wrde. Und
nun war der Moment da und Arnold hatte mit Anstand und stolzer
Gefatheit, vollkommen richtig, seine oft vorbereiteten Worte
herausgesungen, hatte sich ausgezeichnet ... mit diesem traurigen
Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde lang, denn er war sehr
ehrgeizig. Und als die liebe Mama sorgfltig um elf Uhr ihn abholen
kam und ihm das Schultschchen abnahm, weinte er wieder, kaum
beruhigt, und erzhlte alles. Nun mute er gar noch in das schne
verehrte Papiergeschft eintreten, wo er sonst nur die ausgestellten
Mnchener Bilderbogen sich anzuschaun pflegte, zufrieden und
heiter nach der Schulttigkeit, oder zaghaft die imponierenden
Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, und
Aluminiumfedern, mute eintreten und um einen Bogen liniierten Papiers
kaufend bitten. Schon dieser Umstand, da er einen einzelnen
gottverlassenen losen Bogen kaufen mute statt wie sonst ein
ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr
schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten Schlers, da er
sich schmte, -- und als ihn gar noch der Kommis mit irgend einer
gleichgiltigen Frage nach der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs
neue in Trnen aus und erklrte heulend: Es ist fr eine Strafe. Er
weinte so bitterlich, da alle im Geschft stockten und auf den Knirps
hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete Damen traten nher und, tief zu ihm
herabgebeugt, begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt die Hndchen
in Fusten vor den Augen, so da er nichts sah und auch gar keine
Anstalten machte, zu zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern
rcksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner Reue und seinem
tiefen Schmerze, bis die Mutter, der das lange Ausbleiben drauen
verdchtig wurde, hereinkam und ihr Kind, dem sich inzwischen das
allgemeine Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, des
Geschftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch herausholte.

Natrlich konnten Strafen und schlechte Klassen dieser Lust des
lebendigen Gemts wenig anhaben. In der Schule lernte er allmhlich
die kalte Ordnung respektieren, nun warf er sich aber auf Eltern
und Verwandte. Der Vater mute ihm schon Ohrfeigen androhn, um sein
ewig erregtes Papa, schau... auf den Spaziergngen zum Schweigen
zu bringen. Niemand wollte mit ihm ausgehn, denn er war gefrchtet
wegen seiner unaufhrlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei
Ausweichen abstellen lieen. Eine Gouvernante nahm ausdrcklich
deshalb ihren Abschied. Und noch in spteren Jahren pflegte ihn
Frau Direktor Wahlberg, mit der seine Eltern verkehrten, mit einem
seiner Aussprche zu necken: Tante, bitte, erklre mir, ist der Mond
ein Fixstern oder ein Planet, das hatte er in groer ffentlicher
Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Gltte zugemutet.

Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, die seinen reienden und
dabei so liebevollen Ansturm nicht aushalten mochten, sich abwandte
und nichts tat als stille vertrauliche Bcher lesen. Nachmittags auf
dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, nicht
sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen Krper zwischen Polster
und Lehne gedrngt, whrend das Buch frei auf dem Sopha lag -- so
ruhte seine Wange ber den beiden verschrnkten Armen, und nur wenn er
umblttern mute, langte er unter Verrenkungen eine Hand aus dem
Knuel hervor ... sonst rhrte er das Buch nicht an, er hatte es
gern in einiger Entfernung von sich, selbststndig wie ein
lebendiges Wesen, mit dem man sich unterredete, vom Polster her
blickte es ihn an, gab seine schrgen tiefen Blicke atmend zurck. Und
er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, ein in jngeren
Jahren kunstbeflissener Mann, im Bcherkasten hatte. Dieser Kasten
war versperrt. Arnold mute jeden Mittag, in der knappen Zeit
zwischen der Beendigung der Mahlzeit und dem Mittagsschlfchen des
Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes Buch: Papa, gib
mir heraus... Dann wurde der rtselhafte Kasten mit den
undurchsichtigen Scheiben geffnet, und nur in diesem Augenblick
durfte der Sohn die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrcken
empfinden und, schnell einige Titel berfliegend, bei sich die
Bcher feststellen, die er die nchsten Male herausverlangen
wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer seltsamen Pedanterie des
Vaters zufolge, alle Bcher der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe
auszuwhlen. Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. Und so
rasch ging der Vater dabei vor, militrisch mit Wunsch und Ausfhrung,
Hinzeigen und Herausnehmen, da manchmal ein Fingerlein oder die
Nase des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, an der
Kante der wieder zuklappenden Tre eingeklemmt zu werden. Allmhlich
kam er daher auf Listen; er sagte um Kleist und zeigte dabei auf
die oberste Reihe, obwohl er gut wute, da die Kleist-Bnde rechts
unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, whrend der
Vater vergeblich oben kramte, hatte er Zeit, einen berblick ber
andere nie gesehene Partien des groen Bchergartens zu erwischen. Oft
allerdings ntzte alles nichts, und er sah sich mit einem Buch,
das er nur des fremden Titels oder des hbschen Einbandes wegen
gewhlt hatte und das ihn bei nherem Durchblttern gar nicht
interessierte, enttuscht und leer vor den wieder gesperrten
Kasten gestellt, in einen steinigen leeren Nachmittag verschlagen
wie ein Schiffbrchiger auf eine de Insel, wo der ersten Freude des
Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft folgen mu.
Denn niemals nahm der Papa ein schon herausgegebenes Buch noch an
demselben Tag zurck, das war eherne Regel ... Im Verlauf der Zeit
nun las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis zu dicken
staubigen Lieferungsromanen wie Die Geheimnisse der Bastille, die
noch uneingebunden in den untersten Schublden lagen. Sein Kopf
fllte sich mit den Gestalten Schillers und Heines, mit den
Kreuzfahrern und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, mit
Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielbndigen Geschichte
der Erfindungen und Industrien, mit den Jgergeschichten und
rhrenden Affen-Szenen der Gefangenschaft aus Brehms Tierleben. Und
nur eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespearebnden
den Othello. Arnold befolgte auch getreu diese Absperrung, ngstlich
wich er dem Stck aus, obwohl seine Neugierde aufs hchste erregt
war und niemand ihn berwachte, und nur die Vorrede mit der
Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, da die ja
nicht eigentlich zu dem gebannten Stck gehre. Welch ein Geheimnis,
diese berbltterten und stets wie mit Leim zusammengehaltenen
Seiten hie und da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind
aufblttern zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus dem
Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeitrumen zu sehn,
niemals aber dem lieben strengen Vater durch wirkliches Lesen der
Reihe nach ungehorsam zu werden. Wie peinigte das sein pochendes
Herz!... berdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und nur
beilufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht selbst nicht
so wichtig genommen und lngst vergessen. Und als Arnold, zu
Jahren gekommen, spter einmal diesen frchterlichen Othello
durchnahm, fand er zwar gleich in der ersten Szene eine obszne
Phrase, im Ganzen aber nichts, was dieses Stck vor den vielen, die
er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet htte. Derartige Phrasen hatte er
ja als Kind zu hunderten unverstanden eingeschluckt. Und so blieb
ihm dieses Verbot seiner Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, ber das
er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen
sich getraute.

Indessen kam der Hausarzt einmal, anllich einer Masernerkrankung
-- man mute dem Kerlchen mit den verklebten Augen unermdlich von
frh an bis in die spte Nacht vorlesen -- auf Arnolds berreichen
Bcherkonsum. Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein Idiot, schrie
er die tdlich erschrockene Mutter an, und von nun an war es mit
der Lektre zu Ende. Furchtsam wachte die Mutter darber, da
Arnold keine Zeile mehr auer den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf
vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile in seiner
gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen (er stach der Kchin mit
ihrer Hutnadel den Daumen durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag
als Lesetag eingerumt ... Arnold erinnerte sich berdies spter
oft mit Vergngen daran, wie groen Eindruck der Schrei des erzrnten
Arztes auf ihn gemacht hatte. Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete
er allen Ernstes mit Grausen tglich das Eintreten der prophezeiten
Verbldung, erst nachher fiel es ihm pltzlich als Erlsung ein,
da der Arzt vielleicht nur in einer Metapher geredet hatte. Ja, als
Kind pflegte er eben Aussprche lterer Leute unauslschlich ernst zu
nehmen...

Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums einer unbndigen
Sammelfreude Platz. Arnold besa bald, wie ein Onkel sich ausdrckte,
eine Sammlung von Sammlungen, er hob alte Tramwayzettel auf, flehte
alle Abreisenden an, ihn in fremden Stdten auf Zahnradbahnen und
Elektrischen ja nicht zu vergessen, ferner ordnete er in
Schachteln und Kistchen abgesondert: Knpfe, alle Arten von
Zndholzschachteln, Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke
auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Mnzen, Vereinsmarken,
Siegelabdrcke, Mineralien, hinter Glas spannte er Schmetterlinge
und Kfer auf, in Mappen hatte er bald mehrere Tausende von
Bildern, aus alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dnne
Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf derartige alte
Bnde der Gartenlaube, der Guten Stunde, und unzerschnitten
schienen ihm diese Hefte ihren wahren Zweck vollstndig verfehlt zu
haben, so da ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in seine
Sphre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er
solchen Sport mit dem ganzen Eifer seiner ganzen Natur, und wenig
fruchtete da die stereotype Warnung des Vaters: Arnold, du
bertreibst alles. Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben
Art beisammen sah, lag nichts nher als der Gedanke, solcher Dinge
noch mehr auf einen Haufen oder in schne Reihen zusammenzukriegen,
und namentlich bestrkte ihn in diesem immer neu wiederholten und
dadurch schon ganz gelufigen schnellen Gedankengang die Beobachtung,
da es ja so leicht war, eine Sammlung irgendwelcher Manier
anzufangen, ja, da eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen,
nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. Es
bedurfte aber jedenfalls keiner schpferischen Ttigkeit, keines
Hervorstampfens. Er mute nur, wenn er beispielshalber auf die Idee
gekommen war, Stahlfedern zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst
einmal seine Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen,
halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er brauchte nur die
besten herauszuklauben. Dann ging es ber die Vorrte des Vaters
im Comptoir her, wo die seltenen groen Stcke, wie Kolumbusfedern,
oder die komisch verkrmmten Soennecken oder die zierlich-spitzen
Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, eiligst
zusammengerafft wurden. Und mit dem Taschengeld, das ihm zum Ankauf
von Schreibzeug bergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung
vor, er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer derselben
Art, mglichst verschiedenartige und exotische, natrlich nicht
zum Schreiben, sondern zum Aufheben, whrend zum Schreiben
mglichst lange derselbe Invalide herhielt. So rckte die Sammlung
feurig vorwrts, es war gar keine Unmglichkeit, tausend Stck
zusammenzubekommmen oder die grte Sammlung von Europa berhaupt, es
galt nur die richtigen Stege und Zuflsse zu graben, durch rein
geistige berlegungen, denn der Rohstoff war ja vorhanden. Nur ihn
gescheit in die Grube zu leiten, das war das Problem, ihn nicht
unntz an den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim Sammeln das
Gefhl, nicht nur sich durch ntzliche Ttigkeit auszuzeichnen, sondern
auch irgendwie der ganzen Welt zu dienen -- und bersah er dann an
einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter der neuen Sammlung
zuflossen, seinen sauber geschlichteten Reichtum, so berfiel ihn
ein beinahe schwindelndes Glck von Gre, Schnheit und Triumph, und
der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung mge so weiter und
weiter gedeihn, war um nichts weniger innig als das Nachtgebet ...
Freilich nahm sein Interesse bald ab, wenn in seiner Nhe keine neuen
Hhlen mehr zu sprengen waren, in denen schon groe Haufen der
gewnschten Dinge wie vorbereitet dalagen und auf ihn warteten;
wenn es galt, nun ein Stck ums andere mhsam heranzulocken. Dann
wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle gestellt, halb vergessen,
eine andere trat mit neuen Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei
Jahre lang, bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung
hngen blieb und sich gewitterwolkenhnlich verdichtete, da hier
nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollstndigkeit nun auch der des
nicht mehr blo kindischen Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun
begann er in den Zehnuhrpausen zu tauschen, nicht ohne Streit und
Schwindel, nun wute er bald alle Wasserzeichen, Fehldrucke,
Zahnungsunterschiede und Farbennancen auswendig, niemand kam ihm
darin gleich, ja sein strmisches Interesse fr alles, was mit Marken
zusammenhing, ging so weit, da er sogar den Flcheninhalt, die
Hauptstadt und die Mnzsorten jedes Landes wie dies in seinem Album
angegeben war, schnell und genau erlernte. Mit seinem Senf in der
Tasche, den er stets sorgfltig nach der neuesten Ausgabe korrigiert
hatte, galt er unter den Kollegen als Autoritt, wurde in
schwierigen Fllen befragt und entschied unwidersprochen. Und nur
etwas unterschied ihn von einem khlen Fachmann: whrend er die
verlockendsten Stcke fremder Sammlungen nachsichtslos, von
ngstlichen Blicken ungerhrt, als falsch oder Neudruck
verurteilte, konnte er selbst sich von den Flschungen, die ihm
gehrten und die er als solche lngst erkannt hatte, in einer
seltsamen grundlosen Zrtlichkeit nicht trennen. Er glich da dem
glhenden Liebhaber, der seine Leidenschaft nicht bezwingen kann,
obwohl er die triftigsten Grnde hat, von dem Unwert des geliebten
Gegenstandes berzeugt zu sein. So besa Arnold, beispielsweise, eine
alte Schweiz mit der sitzenden Helvetia -- nachgemacht, ganz
plump nachgemacht. Ich wei ja, da sie falsch ist pflegte er zu
sagen und sah die Marke mit stillverliebten, unendlich traurigen
Blicken an, aber ich la sie doch drin, sie schadet ja doch
nichts, whrend er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit
den Worten: So ein Stck ist eine _Schmach_ fr jedes anstndige
Album ausgescholten htte ... Ja es gab sogar Zeiten, allerdings nur
zu Anfang der Markenperiode, in denen Arnold selbst flschte, sich
selbst betrog, indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten
Markenbilder, sofern sie mit grau oder schwarz bezeichnet waren,
ausschnitt und als wirkliche Marken in sein Album einklebte. Davon
lie er bald, konnte aber von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in
der Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten,
sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: diese
Scheinmarken knnten eines Tages doch vielleicht, wie durch ein
alchymistisches Wunder, in echte und allgemein anerkennenswerte
verwandelt werden. Ebensowenig mochte er sich entschlieen,
beschmutzte oder ldierte Stcke auszuscheiden. Sie fehlt mir ja
gerade zum Satz, dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche Freude war
das, welcher Anblick konnte schner sein als der einer Albumseite,
deren vorgezeichnete Reihen--, manche sind lnger, manche krzer,
mancher seltsame Satz besteht nur aus zwei oder drei Stck --
komplett mit Marken besteckt waren; komplett, das war das Wort, das
er mit scheinbarer Flchtigkeit, mit leichter stolzer Handbewegung
dem Kollegen zurief, vor dem er eben die Sammlung durchbltterte,
Belgien komplett, o wie das klang! Und dabei wurde schon
umgeblttert, mit selbstverstndlichem Besitzergleichmut, whrend
des andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten wie kleine
bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede sauber gewaschen, jede von
ihrem geknickten Spannleisten lustig getragen. Manchmal blies Arnold
unter eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn,
Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie Geprft einer groen
Firma zu zeigen -- dann drckte er sanft wieder mit weichen
Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. Sie waren leuchtend
wie sein Ehrgeiz, vielfltig wie seine Trume, leicht erregbar in
ihren Reihen wie sein junges Gemt. Seinen einzigen Schatz machten sie
aus, beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien ihm,
wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste Eigenschaft
und jeden Burschen, den er kennen lernte, fragte er sofort: Was ist
mit dir? Sammelst du? ... An langen Nachmittagen grbelte er ber
Auswahlsendungen nach, verglich die Vorteile und Preise der
heimatlichen Markenhndler, studierte Katalog oder Sammlerzeitung,
oder er lie leise Glcksschauer ber seinen Kopf kruseln, indem
er sich einbildete, er kme durch Zufall, Fund oder glcklichen Tausch,
zu den gepriesenen Glanzstcken der Philatelisten, Mecklenburg
oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. Fr die kleinen
verschollenen Staaten, deren Marken in seinem Album smtlich den
hochzuverehrenden Vermerk =R= oder =GR= trugen, was Raritt oder
Groe Raritt bedeutete, hegte er eine schwrmerische Verehrung, die
sich auf ihre lngstverstorbenen Regenten und Tyrannen, auf ihre
ganze Historie ausdehnte. Schon vor =S=, das ist: Seltenheiten,
erzitterte er in Glcksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider,
trotz aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur klein
... Allmhlich erweiterte er sie, bertrug sie, nach Art groer
Sammler, aus dem festen Album auf lose Pappendeckelbltter, gab dann
hochmtig die Ganzsachen und alle auereuropischen Lnder auf. Nur
Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen Kenners;
diese exotischen Gschnasstckerl sind ja nur schn frs Auge, nichts
wert. Mit wachsendem Taschengeld stiegen seine Ankufe und so blieben
die Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt und
gestreichelt, immer aber wohlbehtet, seine liebste Spielerei bis in
die Mannesjahre hinein.

Diese Sammlung fhrte ihn auf dem Wege des Verkehrs und der
allgemeinen Schtzungen wieder zu den Kameraden zurck, denen er
eine Zeit lang eigensinnig ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium
hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich als erste
Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue Eigenschaft aufs hchste
in ihm ... die unbezhmbare Schwatzhaftigkeit. Es war, als msse er
fr jahrelanges stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich
entschdigen. Angepfropft mit Zitaten, mit Bcherereignissen, wie
er war, begann er zunchst in den Pausen, auf den Korridoren vor den
Kollegen lange Reden zu fhren, in denen keiner ihn unterbrechen
konnte, denn er hatte die lauteste mheloseste Stimme, die selbst, wenn
er gemtlich sprach, zu zanken und zu drohn schien. Man hrte ihm in
einer Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er einen Professor
mit Don Quixote und die andern mit den Pickwickiern spahaft verglich.
So gezierte ausgewhlte Scherze klangen allen ungewohnt, ja
unbehaglich; da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, die er
hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr immer in
derselben Richtung sich steigerte, sich berbot, berauscht von
eigenem Beifall immer freundliche Zurufe der andern um sich zu
hren glaubte und so sich noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren.
Jedenfalls bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen
Gesprchsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. Man ahmte ihn
nach, eine Partei bildete sich um ihn. Einige begleiteten ihn
tglich nach Hause. Auf offener Strae nun entfaltete sich seine neue
Kunst, denn anders als in den den glatten Gngen gab es hier
tausend Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen anknpfen
konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizitt zu sprechen,
brachte verworrenes Zeug vor, das er sich selbst nach wenigen
Andeutungen seiner Erfahrung zurechtgemacht hatte und von dem die
andern nur wuten, da sie das noch nicht genommen hatten. Wie
erbebte er vor Entzcken, wenn ihn nun einer seiner Anhnger um
Erklrung einer Sache bat, wie begann er gleich mit sanftem Anstand,
ernsthaft, auch wenn er gar nichts wute, zu erklren. Das ist a sehr
einfach waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes glaubte er,
da es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens bedrfte, um
alle Dinge der Welt klar zu machen. Und wenn er es dann nur
aushielt, recht lange bei dieser einen Sache zu bleiben, recht
ausfhrlich und immer verwickelter ber sie zu reden, meinte er,
seine Aufgabe aufs beste vollfhrt zu haben. Er glaubte nmlich,
auch in den sogenannten wissenschaftlichen Bchern einigemal
bemerkt zu haben, da das Erklren nur in einem recht langen,
mannigfachen und undurchsichtigen Brei bestehe, den man um die
Dinge giee, und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun
dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen Vorgeben nicht
mehr tuschen lie, wohl im Gedchtnis. Wenn er aber an seine
Kindheit zurckdachte und an die Mhe, die seine Erzieher angeblich
mit seiner Wibegierde gehabt, so lachte er sie noch nachtrglich
aus. Was fr Kunststcke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit gehrte
dazu und man hatte die ganze Welt in der Hand, wie ein Ausleger die
Bibel. -- So moralisierte er auch nicht schlecht, hatte Gedanken
ber den Staat, ber Religion, Gott, Theater, Mode, gute und bse
Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: wenn er ein Sprichwort
irgendwo oder einen Satz aufgegabelt hatte, diesen zum Motto langer
Errterungen zu nehmen, bestndig in neuer und berraschender Form
zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so da ohne viel inneres
Wissen ein verwunderliches farbenreiches Getn und Hohlwerk aus
groartigen Worten entstand. -- Widersprach ihm jemand, so kam ihm
das gerade recht, denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft
losbrechen, an die fremden Worte wie an Khne sich anklammern und
sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen lassen. Ganz
naiv munterte er auch manchmal solche, die ihm dazu geeignet
schienen, auf: Du, komm, debattier ein bil mit mir. Und das war
ein Herumirren in den Straen, ein Begleiten hin und zurck, die Gasse
hinunter und nochmals hinauf bis zur Ecke, ehe er nach so einem
Schulweg endlich zu Hause anlangte. Gewhnlich war es eine ganze Gruppe
von Burschen, jeder seinen Pack Bcher lose unter dem Arm (denn
Riemen oder gar Schutzleder waren als unmnnlich und schlerhaft
lngst verworfen), Arnold immer in der Mitte, neben ihm die
Bevorzugten, die auch schon etwas verstanden, und an den Seiten
unbedeutende Flgelmnner, die sich abwechselnd immer wieder bis zum
Zentrum der Gruppe durchzuquetschen suchten, immer um die
Mittleren mit unbeachteten Fragen und unbegehrten Antworten
herumtanzten und immer wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die
khlen ueren Enden der Reihe gedrngt wurden, wo sie gelangweilt
mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold nochmals alle um sich, gab
gleichsam die Parole aus, irgend eine Schlupointe, aus dem
allgemeinen Lachen aber gerieten die Zurckgelassenen, sobald Arnolds
Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte Balgerei; wo bist du
wieder so lange gewesen? empfingen indessen oben den Helden die
besorgten Eltern. -- Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien
ging Arnold bald dazu ber, die Freunde zu sich zu laden, am liebsten
gleich rottenweise, erzrnte die sparsame Mutter mit seinen ewigen
Kaffee- und Kuchenbestellungen und gab ihr, da er nicht immer die
Saubersten sich aussuchte, Anla zu hufiger Wiederholung ihrer
beliebten Gruformel: Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die Stiefel
ordentlich ab, aber ordentlich! Er grndete einen Lesezirkel fr die
Intelligenz der Klasse, der sich im Sommer als Fuballklub
fortsetzen sollte; denn Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er
um diese Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne
studierte, war man auch von einem Schachklub nicht mehr weit
entfernt ... Aber auch sonst noch, auf den Gassen, hielt er die
Kollegen fest, fhrte sie mit sich oder schlo sich an ihre
Besorgungswege an, oft auch setzte er sie in Verlegenheit, indem
er aus einer Quergasse wie aus einem Hinterhalt hervorstrzte: Da
bin ich. Jetzt aber la ich dich nicht los, ob du willst oder nicht
willst. Jetzt bist du mein. Und zrtlich eingehngt berstrmte er den
Zuhrer mit seinen neuesten rhetorischen Eingebungen. Da half kein
Abschied, keine Eile, kein Zugversumen. Denn es galt ja auch
allgemein als interessant, ihm zuzuhren, und nur ungern und
lssig wurden hhere Pflichten gegen ihn geltend gemacht. Bis ins Tor
der Huser, bis an die Wohnungstr vor die Glocke folgte er den
Geduckten, geschmeichelt Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte
gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und giee aus seinem
Innern etwas in den Krug des andern aus; sondern so war es, als
spende der andere, als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem
Zuhrer wie an einem Gef mit sem Wein, das man von ihm wegziehn
wolle und dem er deshalb in Abhngigkeit, immer saugend, nachfolgen
msse. Rufend entfernte er sich um einen Schritt, machte aber
pltzlich noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach vorn,
um aus dem Mann an der Trklinke noch das Anhren von sieben oder
acht Stzen auszupressen.

Es konnte nicht fehlen, da ein Jngling solcher Vorzge bald auch
echte Freunde an sich zog, nebst dem Schwarm geringerer Mitlufer.
Der erste, der sich nher ihm zugesellte, war Philipp Eisig und
dieser Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, obwohl
er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, da die Eisigsche
Familie eines schnen Tages bersiedelt war und nun dem Hause Beer
gerade gegenber wohnte. Jetzt war ein stndiger Gefhrte fr die
Heimwege gefunden -- und das gengte als Grundstein einer so langen
und folgenreichen Freundschaft, wie sich berhaupt Arnolds Beziehungen
oft durch ganz geringe Fgungen und gleichsam ohne seinen Willen
anknpften, in aller Hast. Arnold strzte sich nun gleich mit wahrer
Glut in das neue Gefhl, seine Redestrme bekamen einen Inhalt, zum
erstenmal ein heimliches inneres Zittern zu ihrem glatten ueren
Schimmer, enthusiastisch schwrmte er vom Bund frs Leben, von
Intimitt und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige
Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines Auserwhlten.
Alles erzhlte er ihm, was er sich bei allen Gelegenheiten dachte,
und sorgsam trug er nach, woran er sich aus der noch nicht
gemeinsamen Vergangenheit erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit waren
ihm die selbstverstndlichsten Freundespflichten, ja eine gewisse
Khnheit im Aussprechen von Dingen, die man sonst nur mit einer
gewissen Scheu nennt, schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem
andern brachte, dem Freunde, der mit seinem groen dicken gelben
Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd ber dem breiten Bauch.
Denn ein Umstand kam dem Verkehr vornehmlich zustatten: Eisig
stotterte ein wenig, daher war es dem lebhaften Arnold leicht
mglich, ihm geschickt in die Rede zu schnellen, whrend er selbst in
seinem Hinstrmen nie unterbrochen werden konnte. Arnold schien ihn
frmlich mit seiner Zunge zu regieren, sowie er auch mit den Hnden
oft durch einen kleinen starken Ruck dem groen, aber haltlos
wankenden Krper des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um
ihn auf irgend eine flchtige Erscheinung aufmerksam zu machen oder
um ihn in die gewnschte Gasse einzubiegen. Und dieses angenehme Gefhl
des sofortigen Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er brigens nicht
durchschaute -- so natrlich und triebhaft entstrmten ihm die Befehle
-- verschmolz ihm in eins mit den zrtlichen Aufwallungen der
ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, die die beiden einander
mitteilten, mit dem erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn
seit jeher begeistert hatte. Er fhlte sich zu jeder Heldentat bereit,
htte gern stoisch Folterungen ausgehalten, um den andern in nichts
zu verraten. Abends gingen sie manchmal, eingeschlossener trotz der
ungleichen Statur und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den
Feldern drauen vor der Stadt spazieren, sie starrten in die Sonne
oder vom reinlichen Quai hinab in den groen tiefen Flu, dann
sprachen sie wieder etwas, und obwohl es nur ein Witz oder
Schultratsch war, kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre
Worte, wie Wind in die Seiten einer olsharfe, und solche Innigkeit
verklrte noch ihr geringstes Gesprch, da Arnold nicht selten
die Trnen in seinen Augen aufsteigen fhlte. Dann wischte er sie
mit dem Rockrmel ab, whrend der Dicke in feinfhligem Verstndnis
sich zur Seite wegwandte, um ihn nicht beschmen zu mssen. Erst zur
Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am nchsten Morgen, whrend
des Ankleidens, brannte Arnold unbndig schon wieder auf die nchste
Zusammenkunft, denn es hatten sich ihm noch am Abend vor dem
Einschlafen so viele Dinge aufgehuft, die er dem Freund auf dem
Schulweg mitzuteilen hatte und die er nun sorgsam ordnete, das minder
Wichtige voran, das Schnste zuletzt, um alles in der richtigen
Reihenfolge und mit der richtigen Wirkung an den Mann zu bringen ...
Indessen war Eisig bei all der aufgedrngten Schweigsamkeit der
berlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon
hie und da Kaffeehuser besuchte und den Frauen nicht mehr ganz ferne
stand; was alles er dem Muttershnchen Arnold binnen kurzem beibrachte.
Welch neue interessante Bltenwelt! Arnold war bald bis ber die Ohren
in sie versunken, bestrebt, den Lehrer womglich zu bertreffen. Denn
kein Ding machte ihm eigentliches Vergngen, wenn er nicht andere darin
bertreffen konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die Hlfte
seiner Taschenbezge, was Arnold brigens als selbstverstndlich
auffate und in Eisigs Lage genau so gemacht htte. Dafr half er dem
Geliebten bei Hausbungen nach. Eisig war nmlich einer der Schwchsten
und Faulsten in der Klasse, Arnold natrlich Primus, was ihn jedoch
nicht hinderte, auch bei den grberen, untergeordneten Naturen, die
sonst das Fleiige und Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein,
an allen ihren Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Fhrung an
sich zu reien, whrend er trotzdem bei den Lehrern das Ansehen
eines willigen Glanzes behielt.

Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen,
Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen
Verwnschungen der unruhigen Schler widerhallte, als eines
unglcklichen Menschen brigens, der er war. Seine Bosheit war
berchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig
die griechische Schularbeitstheke slchelnd mit den Worten reichte:
Eisig Philipp -- diesmal etwas besser gearbeitet. -- -- Nicht
gengend. Eisigs gewhnliche Note bei Schleiderer war nmlich
Ganz ungengend ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens
auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte:
Wir mssen einen Anti-Schleiderer-Verein grnden! Der Name
machte allen alles klar, nun wurde die lngst vorbereitete Bewegung
grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die
Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzurgern. Whrend
aber die schlechten und eingebten Randalierer zu unfeinen Mitteln,
wie: Knallerbsen, Stinkbomben -- rieten, war Arnold erfinderisch. Er
leitete es ein, da einmal whrend der Griechischstunde hier und dort
einer von seinem Platz aus langsam und allmhlich sich erhob, das Buch
in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so da es zunchst
nicht auffiel. Die ngstlichen standen in geknickter Verrenkung, als
sei ihnen nur das Sitzen fr ein Weilchen unbequem geworden und als
wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn;
andere hielten ihre Hefte oder Bcher dem Lichte zu, als htten
sie unten nicht Licht genug fr ihre Arbeit; manche kratzten sich,
wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun
andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor pltzlich
die ganze niegesehene Vernderung rtselhaft aufgestellter, gleichsam
gespensterhafter Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das
Bnkercken an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze
vor, die nchsten folgten, mglichst ohne Gerusch, nur ein kleines
Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die
ganze Klasse dem gemeinsamen tckischen Ziel entgegen, keiner pate auf
den Homer auf, den der Professor wie ber aller Kpfe und Ohren hinweg
in die Luft vortrug, -- und schlielich erschreckte den nichtsahnenden
Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder
herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem
Podium und der ersten Bank vorfand, da die Bnke bis an die Erhhung,
wie Belagerer, vorgerckt standen. Und alle machten ein mglichst
unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas
Auffallendes zu bemerken, so da sein Blick ratlos an ihren kalten
teuflischen Gesichtern hin wanderte. -- Oder die Derbsten in den
letzten Flegelbnken rauchten gar -- auf Arnolds Anreiz--, verborgen
hinter Bchern, bliesen den Rauch in ihre Hte, die sie immer wieder
sorgfltig umklappten, bis endlich diese Sammelbchsen voll waren und
nun schlugen sie sie um, da ein weies dampfendes Gewlk unbekannten
Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum
Aktschlu einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der
Klasse; und immer noch brav, immer noch: Sittliches Betragen:
musterhaft auf dem Zeugnis. Der Verein htte ihn aber doch vielleicht
entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages,
da Professor Schleiderer, der Verhate, wie von selbst auf der
Schlotreppe hinstrzte und sich den Schdel brach. War es Wahnsinn?
Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen
Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen
sinnverwirrenden Qulereien zu erklren und an demselben Tage ein
frhliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das
ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in
das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht
mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen
begann -- viele von den Burschen hatten berhaupt noch nie einen
Todesfall in ihrer nheren Umgebung erlebt -- und das schlielich ganz
appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfllung gegangene
Flche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren
Zufllen des Lebens zu Ende ging -- des Lebens, das auf alle diese
Kinder drauen lauernd wartete.

Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus
hinber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den
dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn
immer, wenn er sie verlegen anstotterte: Langsam sprechen, nur
hbsch langsam, sie hegte nmlich den Wahn, da alle Krankheiten
und blen Zustnde, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten
seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die
Freunde ber die Eltern setzt und berhaupt die Ansichten der Eltern
mit einigem Trotz und Mitrauen prft, ging nun erst recht zu Eisigs.
Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters
zu ppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von
ungebundener Ruberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und
Verwstung in den groen hohen, dabei nicht hellen Slen des alten
Gebudes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause
kontrastierend ... Die Eisigskinder, fnf Shne recht verschiedener
Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wnschten, in Verschwendung,
sie hatten, auer dem besonders auffallenden Billard, in ihrer
Wohnung eine =Laterna magica=, ein herrliches Puppentheater mit
zahllosen Kulissen, Turngerte, smtliche Bnde von Jules Verne,
Gerstcker und Karl May, und berdies durften sie nach Herzenslust
alles zerreien, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen
Eltern noch spitzbbisch mitlachten, whrend bei Beers alles
abgezirkelt und wie am Schnrchen gehn mute. Schon da die
Eisigsjungen fnf waren und so mannigfache Talente -- einer konnte
Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem
Mund das Gerusch einer Sge nachmachen u.s.f.--, mute dem einzigen
Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von
altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint
und gegeneinander, und wieviel Germpel und altes Spielzeug, da jeder
von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber
fand Arnold an dem ltesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der
allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich noch nichts
fr ihn war, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stndchen traulichen
Geplauders gewhrte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte
den Studenten schrankenlos, der, wie er hufig erklrte, die
Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie Ntige
gelernt hatte und nur vorlufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte
im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht
reimten und in denen hufig Worte wie Glast, Sehnschte, kranke Finger,
geistern, Silber, Onyx, Chysopras vorkamen. Gottfried rezitierte sie
selbst gelegentlich im Familienkreise und vor Gsten, nicht ohne Anflug
eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren
die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner
freien Zeit, und da schlielich das Etablissement Eisig als gewaltiges
Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blte stand, hatten die Eltern
Beer nach nheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts
mehr einzuwenden.

Eisigs besaen auch einen Fuball. Dieses an Krperinhalt so
geringfgige Ding bewirkte, da fr Arnold eine neue ra und
Leidenschaft anbrach, ein Fuballjahr ... Schon vorher hatte er
das Spiel geliebt, das als roh und gesundheitsschdlich von der
Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies
gern auf Unglcksflle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor,
da der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglcklichen
Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fuballspiel unheilbaren
Schaden genommen hatte. Indes verklrten solche Nachrichten in den
Augen Arnolds den gefhrlichen Sport, munterten ihn nur auf, und
obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wute er
sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit
Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich fr zwei, drei Stunden
am Kicken und Rempeln gtlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich
eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fuballspiel
ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glhenden Wangen gerade im
besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkwchter mit Tschako
und Sbel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den
Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem
Mderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn,
den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebschen
wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu
zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschrfen, hatte er lngst wegen
Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man whlte daher, um vor seinen
ruberischen berfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen
er seine Rundgnge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles
leicht verhllten hinter Nebeln ber den Wiesen und langen Schatten.
Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter
Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Pltzchen
ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ngstlich wurde das Heiligtum, der
Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball
... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten muten sich die
Enthusiasten manchmal begngen. Einmal war es ein leichter roter
Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgebte Futechnik
der Mannschaft strte, einmal ein groer, ganz weicher, mit kindischen
Bildern, dann ein kleiner billiger weier Gummiball, der jeden Moment
ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte
der Ball schon Luft verloren, das heit er bekam an einer Seite eine
kleine rtselhafte Einsenkung -- und mochte man ihn nun streicheln und
drcken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung
langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die
tckische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief
wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er
unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton
beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in
den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergngen vorbei. Trotzdem
hrte man natrlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur
schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Knstler
behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem
zerkickten Balle, denn sie knnten seine Flsche berechnen. Indes
vergrerte sich unaufhaltsam mit jedem Sto der Fehler, schlielich
hatte sich die Senkung ber die halbe Flche schlapp ausgebreitet.
Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball
zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in
diesen berrest stie man eifrig, trug ihn mehr auf der Fuspitze als
man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizitt, auf den Fernkampf, so
da das Spiel endlich in Nahkampf d.h. in eine Prgelei
ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet,
zwischen zwei Bumen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz
gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die Bume, so legte man
Kleider in zwei Bndeln auf die Erde und bestimmte die Linie
zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage
entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball ber die
Kleiderbndel fliege oder sie streife. Man nannte das Stange,
denn die Rcke vertraten ja die Goalstangen, und belstigte nun die
lteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und
nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden,
ob ein Schu richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte
einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich,
es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in hchster
Spannung und Anstrengung -- und dabei mute man sich zurckhalten,
durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mute lautlos
vor sich gehn, sonst htte man sich dem Wchter verraten. Erst bei
vlliger Finsternis hrte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach
Hause, hungrig, durstig, zerschunden -- das aber fhlten sie nicht
-- nein fr Arnold, wie fr alle, lag ein ser Zusammenhang
zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schwei, den Schuhtritten, die
sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, lngs derer
vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder
sich eingehackt hatte, da innen die Sehnen brummten, zwischen all
dem und dem sen Fliederduft des Parkes, dem nchtlichen Blhn
und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher -- o ein
Zusammenhang, in dem diese Knaben strker als jemals ihre Jugend
und die heldenmtige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude
sprten bis an das schwarze Himmelsgewlbe hinauf. Sie marschierten in
die Gassen hinein, sie frchteten sich nicht vor den Eltern, nicht
vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. -- So weit
stand die Sache, als Arnold mit Eisigs nher bekannt wurde. Damit
erhielt er pltzlich, nach all den dilettantischen Versuchen,
Anteil an einem Fuball, an einem wirklichen englischen Fuball,
der seine hohe Verehrungswrdigkeit schon dadurch bekundete, da er
wie ein belebtes Wesen eine Seele besa. Nun berstieg die
Fuballbegeisterung alle Grenzen. Tglich nach der Schule zogen die
fnf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich
dort und los gings. Nicht genug damit, man bte auch in der kurzen Zeit
zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der groe
Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit
seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bumen, Kellertren,
dieser Hof in glhender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten
abhalten, nicht, da der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstrzen
hart spren lie, auch nicht da der Ball einmal bei einem Hochkick
ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu groen
Mihelligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter fhrte. Es
wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu
machen. Und unverdrossen kroch man zwischen Fssern durch, wenn der
Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die
Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer
weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach
Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja
man ging zum Angriff auf ihre Herzen ber, suchte sie fr den
Fuballsport zu gewinnen, indem man sie berredete, Sonntags sich
einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das
Fachlichste erlutert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der
Elfjardsto, die Rtsel des Offside. Angesichts des Spieles machte
man sie auf hygienische Ntzlichkeiten aufmerksam, zog die
Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die
moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen
verbiete, egoistisch zu spielen und das Gesamtinteresse seiner
Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese
Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt.
Es war eine Umwlzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu
erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfste. Die sechs Helden
trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu
werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle
Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berhmten Spieler mit
schwrmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof,
in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten
Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei tuschte oder
wie er im letzten Augenblick rettete oder wie er im Goal dem Schu
entgegensah, die Hnde auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit
sphendem Blick. Sie schafften sich Treter an und hatten dabei ein
an Verbrecherlust grenzendes Gefhl von Grausamkeit und Mut. Ihr
Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den
Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapitn
aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein
besonderes Ehrenamt war und auerdem dem Trger Gelegenheit gab,
schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde
ihm von den andern stets mit lautem eiferschtigen Geschrei
untersagt. Es war verpnt. Der Ball sollte getragen, aber nicht
gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht
vor und wachten streng darber, so berirdisch schien ihnen dieses
Vergngen, dieser geschickte Ansto an die sthlern klingende Rundung,
diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so
phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fuspitzen, den er
kunstvoll lenkte und an den Spaziergngern knapp vorbeitrieb. Das war
seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mtze
in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner
Vorstellung mitten im Wettspiel, drauen auf dem rechten Flgel
Forward -- dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte--,
dann berholte er Feinde, die mit ihm zurckliefen, wich den
Mittelstrmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze
Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, ber das grne Feld
hin wie einen riesigen Fcher, der sich verlngert, sah aller Augen auf
sich gerichtet, denn er hatte den Ball, -- knapp an der weien
Outline lief er, whrend das Publikum mit Hipp, hipp ihn anspornte
und erregte Kpfe ber die Holzstangen ihm sich nachbogen -- sah
sich als Teil eines Ganzen, als Anfhrer, all dies in wenige Sekunden
zusammengepret -- endlich spielt er den Ball in die Mitte, der
Centre hat ihn und lt ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten
Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz
strzen, ... whrend der tapfere unegoistische Flgel langsamer
heranluft, alles berblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht,
es schreit. Sieg! Sieg!

Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald
aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schlielich ihm selbst
unbersehbar und unheimlich. Whrend er in der Schule voran blieb,
ffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann
anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem
selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen
Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schlielich mitten in der
immer dnneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah
oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertrpfchen an die
feuchten Abziehbogen abbrckelte), whrend er sogar eine kleine
verbotene Lotterie fr die Maturakneipe unter den Kameraden und
deren mglichst weit herangegriffenen Angehrigen veranstaltete,
begann er doch auch noch auerdem ein schwungvolles Privatleben zu
fhren. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine
Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von
Violinskalen und Nsse seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der
durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit reienden
Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein
und erwhlte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies
alles steigerte sich noch, als er nach glcklich mit allgemeiner
Auszeichnung abgelegten Prfungen die Hochschule bezog. Eigentlich
sollte er in das Geschft seines Vaters eintreten, doch zog er dies
durch unschlssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre
hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenstnden
die ppigen Mandeln heraus, lie sich von Gefhrten zur rechten und
zur linken Seite bald in die gerichtliche Medizin, bald zu
Experimentalphysik oder Sanskrit oder den Versmaen des Horaz
ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brdern: Lb, den sachlich
strebenden Bakteriologen, der zunchst im Schul-Mikroskopieren, bald
auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete -- ferner den ruhigen
kleinen Krause, der mit Jusstudium eine grndliche Erforschung des
jdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst
trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang
der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und
wohlvertrauten Technikers Grnbaum. Grnbaum nahm Malstunden,
natrlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen
nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, da Arnold mit
Sicherheit fr jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, da er
niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer
Bobenheim unanstndige Witze erzhlte, da er mit Grnbaum ebenso
schwrmerisch von Rodin, wie mit Lb von Ehrlich 606 sprach, und
wieder da ihm Professor Ehrlich fr Lb den groen Arzt und fr
Krause den groen Juden bedeutete ... Natrlich war er lngst klug
geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden
lngst aufgegeben; aber die prchtige und beflgelte Sprechweise, der
strmende Schwall von Ideen, der auch den Hrer in einen Zustand
angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun
sein wirklich bermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der
Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist
einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme
attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines
unverwstlichen Gedchtnisses -- gab Untergrund und Quadersteine fr
blendende Bauwerke ... Kein Wunder, da ihn alle Freunde fr ein
vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ltern
Leuten sagt, als gescheiter Mensch war er allgemein bekannt. Er war
jetzt von ziemlich groer Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen
der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen blulichen Hhlungen also,
aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von
unergrndlicher Frbung, hervorsahn. Diese groen verfinsterten Flchen
teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der ber der glattrasierten
Oberlippe spielte, mit den weien ebenmigen Wangen sein Gesicht
berblickbar ein, machten es leicht einprgsam. Dazu der flache
breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei
und knstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene berzieher -- und
die markante Persnlichkeit, der angesehene Mitbrger war beinahe
fertig ... Auf solche uerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von
selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben
richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu
wetteifern und alle zu berflgeln. Er stieg einfach in alles hinein,
ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn Lb zu wissenschaftlichen
Lektrzwecken Englisch und Franzsisch erlernte, so begann er
gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebrischen
Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszge aus dem Talmud.

Dies jedoch htte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen
jungen Leute zollten, noch nicht erklrt. Es mu noch gesagt
werden, da er alle nicht nur begleitete, sondern auch stie und
antrieb und trstete. Trstete, indem er sie stie -- nirgends
Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie
gleich nach Erfllung aller Wnsche langend. Es war eben seine
eigentmlichste Eigenschaft, da er, in Gesellschaft mit einem
Freunde, ganz und freudig erfllt von dessen Liebhaberei, unter
allen Umstnden weiterdrngte und in hellstem Optimismus sich und den
andern fr fhig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbchern
beiden unverstndlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler.
Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er
jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so
flchtige Beobachtung ... So kam es, da er berall nichts als
Reformbedrftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus
umgeformt werden, die Physik war lcherlich, die Welt des ffentlichen
Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining.
Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich
fertig! Und wie schn war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie
mit Details auf, nur die groen Grundideen warf er ber den Haufen und
schrie: Das ist berwunden. Da mte so und so weitergebaut werden!
Mit erhobener Hand stand er ber den Freunden, die in ihrem mhsamen
ehrlichen Kleingewerbe befangen den groen Zug verlernt hatten und gern
den frischen Hauch so freimtiger Weltgedanken hrten, wenn sie auf dem
ersten Schritt zu diesem Luftzug hin ber irgend ein ernsthaftes
Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen
vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte,
nannte das eine tchtige Leistung und lie das Kommende hochleben.
Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuhren;
und dies wieder, weil er das Zuhren nicht affektierte, sondern weil er
ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten
Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu knnen, die
fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte.
So sa er andchtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit
sicher im Kopf, wute, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch
Ausbessern kleiner Flchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen
seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natrlich war er
nicht so unliebenswrdig, mit der Tre ins Haus zu fallen, sondern nahm
auch an den Familienverhltnissen der Freunde einen Anteil, an ihren
Liebschaften und Verdrielichkeiten. Immer aber wute er, ihre
fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres
Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu
behandeln, wie es ja seiner berzeugung entsprach, auf diese Facharbeit
kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald
merkten, da aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem
Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn
auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn muten, zogen sie ihn bald
allen brigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung.
Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war
eine Anspannung, seinem impulsiven Andrcken immer gengen zu knnen,
man mute sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte
er ab, indem er sich pltzlich (und ebenso ehrlich wie vorher
interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er
nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst,
vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im
Gesprch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar
Klavierstcke, einen Abri einer neuen Werttheorie, einen Entwurf
zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus -- lauter kleine
Heftchen, vollgeschmiert mit flchtigen, oft klecksartigen
Schriftzeichen, Abkrzungen, Symbolen -- und mit groem Vergngen las
er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor,
fr den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war
nmlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und
Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn whrend dieser Mhsale
emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende
geisterfllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschtterte die
Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden Hnde mit
aufschieenden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm
sich zu frben und zu beleben, dann schrie er in melodischen
Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufgen,
entschuldigte sich, da dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei,
man mge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich
dastehe, schlo dann mit leuchtenden Augen in einer ausfhrlichen
Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: also, lieber
Krause, das berlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau,
da was draus wird. Es ist ja so einfach... -- Wie er aber selbst
gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rckhaltlos die
Produkte ihrer Ttigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft
lieber ihre halbausgereiften Plne verborgen htten. Er brach in ihre
Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm
doch etwas, was sie gerade im Kopf wlzten, zu erzhlen. Da sie in der
letzten Zeit nicht gearbeitet htten, lie er einfach nicht gelten.
Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tchtigkeit, Unwohlsein,
Mdigkeit -- schob er mit burschikosen Flchen weg. Schlielich
schmte man sich, mit leeren Hnden vor ihm zu erscheinen. Arnold
verlangte einfach, da rings um ihn geleistet wurde; als htte er
selbst das dunkle Gefhl, da er fr seine Person mit seiner
Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen wrde, suchte er seine
Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch
wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm
selbst unfruchtbar, wurde auch tatschlich die Sttze und der
Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau
seiner vielfachen Bedrfnisse und natrlichen Triebkrfte stand wie
ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der
Musiker, der in einem bestndigen Ekel vor sich selbst lebte,
gestand oft, da er keine Note schreiben wrde, wenn ihm Arnold
nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem
Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die
zwar er selbst erbrmlich, verbrecherisch fand, die aber das
enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch lterer Musikkenner
hervorriefen.

Arnold ging weiter. Er liebte es -- all dies instinktiv, nicht aus
berlegung -- seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit
einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige
Anregung und Frderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine
Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von
Zrtlichkeit die weitere innige Verflechtung der Fden, die er selbst
neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft
mit einer in seinem Ansto gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich
fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den
Grund, nur selten tat er einen Migriff. Kein Wunder, da ihn Liebe und
Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hbsch organisiert
hatte, umgab. Selbst der spitzige vielberlegende Grnbaum, der jede
krperliche Berhrung mit Menschen scheute, drckte ihm wrmer die
Hand. Alle fhlten, wenn auch undeutlich, da die zartgebauten
Wurzeln ihres Daseins aus den strmenden bervollen Bchen dieses
Verschwenders immer neue Bewsserung zogen und da dabei gar kein
Schwindel oder eine Willkrlichkeit Arnolds mitspielte; da vielmehr
dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mute -- und gerade
dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmige war die Ursache, aus der
man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem
Geburtstage empfing er nun auch glhende Briefe sonst ruhiger
Genossen, Danksagungen in klugen, nicht alltglichen Worten, selbst
Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Reprsentation so
auergewhnlicher Beliebtheit nicht ohne Wrde und Rhrung
unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, da es eigentlich
komisch sei, wie selbstverstndlich er diese Opfergaben, den Tribut
gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde
etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es
selbstverstndlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... berhaupt
wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl
nach all dem metallischen Getse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so
fand er, da er eigentlich nichts zu Ende fhrte und nichts ganz von
vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine
Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt?
Was hatte er geleistet? Da er der Gschaftlhuber nicht war, als den
ihn Mignstige gern ausgeschrieen htten, fhlte er sehr wohl. Seiner
Redlichkeit und einer gewissen Tchtigkeit im Kern blieb er sich ja
stets bewut. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der
Abstand zu der modernen Goethenatur, fr die ihn manche Anhnger aus
ehrlicher berzeugung hielten. War er allein, so fhlte er sehr
wohl, da er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so
wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben
der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet,
mit den und den Fehlern und Vorzgen, die man noch nher studieren,
entwickeln mute. Also mit Vorzgen auch -- heraus damit!... Er
dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte
er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum
Diwan, und vergebens suchte er, whrend sein Blick ber die Dcher
hin in den fernen Himmel, in die rotglnzenden Wolkenkelche
einschlpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen
jener befeuernden und frischen Einflle selbst zu empfinden, wie er
sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die Kpfe
geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben Lb zum
Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube sa, dann
konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl
vorstellen. Einsamkeit -- wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm,
eine Stadt mit flachen quadratischen Dchern, alle menschenleer, doch
alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen,
seidenen grnen Kissen am Gelnder, sen Speisen und Limonaden in
elfenbeinernen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen
Leitern, ruhte hier und dort aus, sah ber die Treppen hinunter in
Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich -- o Einsamkeit -- ber
die Straen und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die groe Aussicht in
den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, da er die Reden
des Gefhrten nicht mehr hrte, und verriet sich eine von ihnen durch
die erhobene Stimme als Frage, so mute er geschwind die letzten Worte,
die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewuten Gedchtnis, in
dem sie eben beinahe verschwanden, zurckholen, um irgend etwas Kleines
erwidern zu knnen. O wie wnschte er da den Strer seiner Einsamkeit
hinweg, wie htten, ohne den, diese Bume oder dieser Wohlgeschmack
eines franzsischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein
gefllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde
ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fhllosen
unberwindlichen Natur, die Blumen und Grser, erschreckten ihn durch
ihre rohe Gesundheit, die er nicht trsten und nicht anfeuern konnte,
in der es keine Bravourstckchen gab; einsames Trinken gar erschien
ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter
die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in
seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch
wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflgten Gebiete berblickte,
seine Jugend, seine Plne, nach allen Richtungen ausstrahlend,
seine halbausgefhrten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und
die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen
schnen Rausch von Selbstzufriedenheit. -- Klagte er einmal, in einer
kleinen Erinnerung an seine einsamen Prfungsstunden, den Freunden,
da seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der
allergrten Entschiedenheit aus: Du unglcklich? Und was soll ich
dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergit Du an das und das.
Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz
Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das wre aber eine
Frechheit... Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden
nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Trne im Auge, ab: Ich
knnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit htte.

Da er keine Zeit hatte, war eigentlich fr Fernerstehende das
hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er
selbst sich, dank seiner fortreienden Strudeleien, in der Lage dieser
Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, da er sich zu viel aufgebrdet
hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch
bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierben, und dazu die
vielen angefangenen Bcher mit winkenden Lesezeichen auf dem
Schreibtischregale, das ging entschieden ber Menschenkraft. Und da
ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit
zurckreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurckkehrte,
ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur
bewut, da er Verpflichtungen zurckwies, nur selten neue aufnahm.
Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedrngter,
verga bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander
auf so verschiedene Dinge gestrzt hatte, und begann einen geheimen
Groll gegen seine Freunde insgesamt zu nhren, die ihn in Anspruch
nahmen und ausntzten, ja ausntzten und zu keiner eigenen Arbeit
kommen lieen. Was half es, da er stets einen Zettel bei sich
trug, mit den wichtigsten Pflichten fr die nchsten Tage, da er ein
Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund
erzhlen zu mssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich
selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so
hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schwchen
seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus,
die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen,
die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem
gesellschaftlich Hheren unentbehrlich erscheinen lie, die Dummheit
Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu
einiger Selbstachtung gekommen war, whrend er sich vordem nur als einen
trostlosen Wstling gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz,
das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war
er erbost ber seine grbelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit
gegen so gut verhllte Schwchen der Freunde. In einem allgemeinen
Katzenjammer fand er dieses Leben erbrmlich, nicht lnger zu ertragen.
War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal
eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflut,
da er dies in Erwgung zog. Schlielich aber blieb er, ohne
Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der
zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden
verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den nchsten
auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz
zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen
voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine
Heuchelei, sondern die bloe Gegenwart des Freundes eben bewirkte in
ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf
Flammenpfeilen in die Hhe scho und ihm den Zusammenhang mit einer
glcklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurckgab ... Am
wrmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war
wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler
Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln glnzend in den Tag lebten) auf
dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie
versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten
Htelpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige
Munterkeit und Originalitt, und obwohl er weder der fescheste
noch der witzigste unter ihnen war, rumte man ihm gern eine
beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich
tglich eine Abendstunde dafr frei, und dies nannte er seine
Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter Kpfe sich
geschtzt und gemtlich zu fhlen, wie in einer Herde auf- und
abzurollen die Gasse entlang, gestoen werden, stehen bleiben und
ungerhrt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten
Auslagen, durch lustiges Flstern und Blicken fest mit der
Genossenschaft verbunden, beinahe bewutlos.--

Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller
Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte
er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes
Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt,
denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren
Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation
geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das
weie geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute
Linien geklrt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form
menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzge flossen ihm willig
in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine
strammen, beinahe militrischen Loblieder auf das, was ihn gerade
erregte, loslie. Gern beschrieb er Kunstgensse oder gefiel sich
in rckhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen
Vorstzen, zu deren Ausfhrung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft
htte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam fr sich
ab, obwohl er sich whrend des Schreibens gar nicht bewut war, da er
sie nie werde in Taten verwandeln knnen, da gerade dieser Brief
als Energieableiter zwischen Plan und Ausfhrung trat. Nein, die
Wahrheit selbst, hinreiende Tatkraft und ansteckend gute Laune
sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu berlegen,
mit allen Quersprngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade
einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natrlich nicht,
seine Freunde zu rhren und zu neuem Schaffen anzustacheln, whrend
Arnold mit ausgeschpftem trockenem Herzen zurckblieb. berdies
schwankten diese Ergsse in ihrer Lnge von der dreiigseitigen
Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten
Erstaunen und ehrfrchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel
voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen,
verschiedenen Buchstabengren und Schriftarten, kurz allen Mitteln
einer aufs Hchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem
Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnrkel, groe
Buche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so
da manchmal ein etwas lngeres Wort eine ganze Zeile einnahm. -- Hier
eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:

Lieber Kerl,

Ich bin durch ununterbrochenes =BACH=-Spielen in den letzten Wochen
endlich dahintergekommen, da ich -- ein Schps bin, wenn ich nicht
-- endlich einmal -- und zwar soforrrrrrt -- die _ganze_ Musiktheorie
grndlich durchnehme!! Mein Buchhndler bietet mir ein groes Werk
zum Selbstunterricht, solche Hefte, weit Du -- mit hbschen Fragen
und Antworten -- Ermahnungen an den faulen Schler u.s.f. -- bil
kindisch, aber es gefllt mir vor-Leipzig -- 60 Hefte, 50 Mark
(!!!!) -- Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und
viel, empfiehl anderes! Ich mu =ALLES= haben, das ganze Gebiet --
also Elementarlehre, Generalba, Formen -- Du weit ja -- ich hab
es satt, so ungebildet weiterzutrotteln -- Also, auf, sattle den
Hippogryphen, schicke mir Plne -- auch Instrumentation natrlich --
Wenn schon, denn schon -- Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib
nur schnell, damit das Feuer net auskhlt, Du kennst doch -- Deinen
Dichliebenden u.s.f. -- Momentan fhle ich mich so stark, da ich
Berge bewegen knnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger
Brief!) -- Ich arbeite tglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen
vor _Ideen_. Habe etwas merkwrdiges angefangen, eine neue Art von
Kontrapunkt. =Sei neugierig!= Es steht dafr -- Schrecklich glcklich
bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? -- Wieder mal die Flinte ins
Korn geworfen? =Porco maledetto!= Wenn jetzt nicht bald mal eine
fette =Notensendung= (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich
wie der Blitz -- der immer die Nabelbeschauer trifft -- wo? Im Popo
-- weil sie so gebckt sitzen. Aber Spa bei Seite: Was treibst Du --
Ich bin sehr besorgt. -- Servus!

Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollstndigte diesen
auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrgen Zeilen
hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige
Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen
etwas verwischt...

Gottfried Eisig, der inzwischen (man mute doch etwas machen) in die
Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach
solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas Selbststndiges zu
schreiben. Arnold brachte ein paar Reisebriefe. Sie wurden gedruckt,
ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, auer in Arnolds nchster
Umgebung; brigens waren sie auch, da ihnen der persnliche Anla
fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.




II.


Eines Tages erklrte der Vater, das Shnchen habe nun genug gebummelt
-- und am nchsten Morgen schon ging Arnold in dem groen Geschft auf
und ab, die Schachteln an den Wnden mit neugierigen Blicken musternd.

Der Abschied von der Universitt wurde ihm nicht schwer. Da aus
den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden
knne, war ihm lngst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine
vollstndige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins
Geschft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue
gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschtteln;
ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschft. Doch tuschte er sich
da nicht in der Voraussicht, da der Vater in seinem pedantischen
Geschftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand
lassen wrde. Zunchst versuchte Arnold allerdings Einflu zu
gewinnen, das Geschft umzudrehn, da er natrlich sofort, noch ehe
er den naturgemen Lauf der Sache kannte, schon Umwlzungsideen im
Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht
mizuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewhnte
sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bcher seines Geschmacks
zu lesen und an Nachmittagen sich berhaupt nicht mehr im Geschft
blicken zu lassen. Auf dem einfrmigen Boden des Geschfts- und
Familienlebens wucherten seine Launen nun noch ppiger und bunter als
vordem.

Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen
Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als Wunderkind
frhzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein
groer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebrgert. Dann war er der
Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprchig,
heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mute. Auch
zrtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn berall
deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines
hochbegabten Musterknaben im Munde gefhrt. Einen Zirkel lterer Damen,
der sich an regelmigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand,
entzckte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters
unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten
Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling,
die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so
viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es ntzte auch gar
nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswrdig zu sein. Ein Besuch
kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, berlaut und
temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und
Wangen in Sicherheit bringen mute. Zur Strafe sprach er kein Wort
mit ihr, erwiderte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst
gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in
einem Brief an Frau Beer, spezielle Gre, zerschmelzende: Dem lieben
lieben liebenswrdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.
Aber warum denn? -- Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch
auch gar nicht lieb zu ihr fragte er die Mama. Du hast sie an ihren
Sohn erinnert war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war strker
als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frhester Jugend war diese
Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden -- durch die Gromutter, die
sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfllten kurzen
Besuchszeit dahin wieder abreisen mute. Sie hatte an allem etwas
auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Sto vor die Brust gegeben,
weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wute er noch genau ...
Doch da sie als unvertrglich bekannt war, man sprach von ihr als von
einer Furie, dem bsen Geist der Familie, trstete er sich schnell
ber diesen Mierfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt.
-- Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim
Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen
Opern wie Zampa, Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen
bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfllte. Von
solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschmt gestand er sich selbst,
da das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten knne, immer
gleich sagte, was er wute. Er berlegte eben nicht, vor wem er sprach;
jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, da ja wiederum solche
Leute in keine andere als eine hchst bewundernde Stellung ihm gegenber
gehrten. Wenngleich er selbst sich fr nichts Besonderes halte, diese
drften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie mten es,
und kniefllig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefhl,
Schmeichelei und berdru, und diese Mischung beschwingte ihn zwar
nicht, doch drckte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine
gewhnliche Atmosphre ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er
der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims,
und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer
Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenber
eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gru ... So htte nicht
viel gefehlt, da er ganz in der Sphre huslichen Wohlgefallens
eingeschlossen geblieben wre, in der er so viel Beifall erntete; aber
seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter
eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne da
man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehrt htte; der Vater mit
all seiner nicht unbetrchtlichen Energie im Geschft, sein
einziges Glck sich zu vergrern, da heit: den Laden jedes Jahr
umzubauen, Wnde durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit
seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu
prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute,
aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold
zunchst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde
getrieben, wo es so viel Resonanz fr sein lautes Geschrei gab.

Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt
aus der Hochschule einigermaen gendert; Arnold wute selbst nicht
recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen
ging, hatte er die regelmigen Treffpunkte mit einigen verloren.
Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr
besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jdische
herauskehrte und gegen die Assimilanten loszog, hatte er sich nach
einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafr war Philipp Eisig nach
mehrjhrigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gnzlich
verndert in seinem uern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht
nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszgen
gleich, als htte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die
alte Jugendliebe blhte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das
alte Pumpverhltnis. Whrend nmlich Eisig fr die vterliche Firma
groe Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von
Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt
zurckkam, wurde Arnold fr seine krgliche Bettigung mit einem
schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte
Bedrfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte
er in einer Anstalt drben sich abgewhnt, und behauptete berhaupt in
allem die Oberhand, mit seiner tiefen mrrischen, aber sehr
entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite
Kopf nur ungern nachschob, so da er manchmal in der Luft
zurckzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite
Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das
in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige
Augen, den Mund regelmig, die Stirn kindlich. Und dieses neue
Gesicht trug er mit derselben Selbstverstndlichkeit wie die neue
berseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weier Ring ganz
zusammenschlieenden Kragen, die schn hellgelben Stiefel, die
nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr
langen Rock -- er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff,
doch von vollendetem Schnitt -- konnte man keine Weste vermuten,
eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso
bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fugelenk schmal,
wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefhl, darunter msse
gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold
durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wst genug war,
und statt diesen alltglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber
selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm
lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten,
fast auf demselben Fleck, whrend die Arme aufwrts schwebten, sein
Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer
genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, whrend
die Fe abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften;
dann waren in die Hnde pltzlich fremdartige Matrosenbewegungen
gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es
unsichtbar in den Saal; zum Schlu glitten die Beine aus, ganz steif
fiel der Krper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber
unvermutet wieder gerade in die Hhe ... Der Clown verwandelt sich in
einen Gentleman, der, die Hnde in den Taschen, ohne Lcheln, ja mit
trben Augen an seinen Tisch sich zurckbegab, den Applaus
berhaupt nicht hrend. Er beklagte sich darber, da es hier kein
starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten.
Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewhnt ...
Arnold war entzckt von solchen Kraftausbrchen. Nun lie er sich
von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschftsleute und junger
Brsengren fhren, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten
in einem groen Kaffeehause, an kleinen grnen Tischchen Karten
spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem grten Eifer
Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den
lustigen Zwischenreden dabei, die berlaut klangen, weil sie kurz
waren, fhlte sich gemtlich und doch kampflustig in den Hemdrmeln,
schlo sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte
sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen
Tarock, so las er nchtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn
schon und schtteten gleich Ste von Tagesblttern neben ihn auf das
Plschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in
die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es berhaupt seine Art
war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, ber die
er nie etwas Nheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung
und oft auch rgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der
Stirn zu schlieen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins
Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war
... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollstndig in
Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Shne von
Geschftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen
hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder
Weiber oder Jagden, und die Arnold natrlich in der gewohnten Weise
regierte. In Brsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder
Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit
Erfindungen und Brsenspekulation befate. Die gemeinsamen
Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten,
waren berzeugt, da die beiden so hnlichen Charaktere, beide so
ttig und so vielseitig, einander schnell verstehn wrden. Doch
unerwarteterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
uerte spter, da er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte
den andern im vertrauten Kreise einen eingebildeten melancholischen
Narren. berdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu
neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch auerordentlich
beschftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede,
da er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden htte.
Schon die paar Stunden im Geschft, nicht viele, aber regelmig
einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwnzen wie die Universitt,
fielen ihm lstig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschft machte er
brigens bald gar nichts mehr, auch fr sich nichts, schon der bloe
Gedanke, da er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere
Tchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und
verdro ihn, -- da dies gewissermaen ein Prfstein sein knnte. Er
erfand also allerlei Ausreden, wie den Lrm und die unziemliche
rtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst
schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen ber den jetzigen
Zustand baldige nderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschlu an
diese leeren Vormittagsstunden flo der ganze Tag wie von selbst
schnell und lustig dahin, ohne da Arnold jemals das ausgefhrt htte,
was ihm im Sinne lag. Ja, strker wie Lschpapier bin ich eben nicht
seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklgerischer
Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig
als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer ttig
und befeuernd, auch mit groer Behaglichkeit, wenn er unter
Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu
werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fu, wie er sich denn auch
eine eigene, besonders schnelle Gangart angewhnte, mit weit
gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu gengen
-- und da hatte die Mutter gut sagen: Kleine Schritte machen,
Arnold, kleine Schritte. Sie fand nmlich, da seine schne aufrechte
Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun,
beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider
zu verbringen, in der hbschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng
wurde durch allseits anrckende Stellagen, behangen mit Rcken und
Hosen. Lssig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der
mit gebter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser
angenehm-klebrigen gelblichen Flche, ber die Stoffe wandern lie und
dann eine Schere -- sie war so schwer, da sie bei jedem Schnitt
herabzusinken schien -- die schnell geschwungenen Linien entlang in das
Dunkel der hingebreiteten Stofflagen fhrte. Arnold bewunderte ihn, wie
jede ausgezeichnete Tchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele
Bekannte hin, um sich Ma nehmen zu lassen oder zu probieren wie er,
man plauderte, der Schneider erzhlte die neuesten Anekdoten, empfing
neue von den Kunden dafr, es war ein heiteres erbauliches
Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der
bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschft
weiter besorgte, vor dem Gedanken vlligen Faulenzens, wie etwa im
Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die
roten Holzsophas, die mit ihren dnnen Stbchen (wie Mbel beim
Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in
Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein
Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, ber
die Ideen und mglichen Beziehungen dieser Leute zu einander
nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes
auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufllig und
ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum;
pltzlich aber lachte man auf ber einen Witz, der hinter dem Rcken
einem andern erzhlt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum,
fhlte wieder einen wrmenden menschlichen Zusammenhang in der
beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und
Gehn ber Teppiche hin, die gebeugten Kpfe, von denen der schne Hut
sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein
geeigneter Platz fr den Schirm im Schirmstnder gesucht wird, o diese
Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen
Stadt, diese laue Luftstrmung unserer gefhlvollen Hflichkeiten!
Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam
fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden
Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhrlich
zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die
gelberleuchteten Auslagen gegenber, die mit all ihrer Pracht im Kot
zu zerflieen drohten...

Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und
Anregung hatte. Er besuchte alle Blle, die Rennbahnen, die
Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er
sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an,
entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine
solche lustige Unbekmmertheit, da stets ein Kreis bedrftiger und
weniger erfinderischer Kpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der
harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von auen
gesehn etwas Sympathisches, und graue wrdevolle Herren klopften ihm
manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt,
erfreut ber sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die
flotte Konversation, sie machten trumerische Augen, als dchten
sie an ihre Jugend, als htten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen,
gerade ihm: da sie frher mal es auch so getrieben, ach lange
lange vorbei--, als unterdrckten sie eben das alles, um ihn nicht
aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag
manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit
dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold
kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger
flchtig. Einigen Spavgeln gegenber, die ihm besonders gefielen
und die ihn nicht minder schtzten, hatte er die Gewohnheit
angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rhrung um den Hals zu
fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der
Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein
kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt
verffentlichte, gleich hie es: Sie sind aber fleiig! Wo nehmen Sie
nur all die Zeit her? und neidisch fast: Na, ich gratuliere. Er
erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas
Angenehmes dabei, wie Betubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er
immer unlieber ber sich nach. Ich bin halt eine Fernwirkung
stellte er bei sich fest von fern schaut's nach was aus, was ich
treibe. Aber wenn man's nher anschaut... Nun nherte er sich bald
dem Dreiigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie
begrndete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als
Anhngsel seines Vaters durch, dessen Geschft er ja spter einmal
erben wrde -- ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige
Hoffnung, sein Rckzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit
-- nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat
und mit dessen Vermittlung durch betrchtliche Ankufe vermehrte.
Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff
besa sie jetzt schon einen Wert von fnfzehntausend Mark, und mit
dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er
sodann etwas Selbstndiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend
einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich
einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte
er also diese Sammlung, mit groem Ernst schrieb er alljhrlich in
kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede
Marke; wobei er sich natrlich nicht verhehlte, da der wirkliche
Verkaufswert kaum mehr als die Hlfte des angegebenen Katalogwerts
ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum
halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese
Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch
der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als
hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht
einwenden: Und wo wre das Geld, wenn ich es nicht fr Marken
ausgegeben htte? Ich htte es fr andere Dinge ausgegeben und jetzt
htte ich gar nichts davon. Und was hast du jetzt davon! Groartig!
Du meinst doch nicht, da dir irgendwer fr die Papierl etwas gibt?
Arnold bestand darauf, da Marken ein Wert wie jeder andere sei. Aber
die Zinsen? jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold
lachte ihn aus: Vierzig Knpfe jhrlich! und wute berhaupt fr
jeden Grund Gegengrnde in Masse, da war er ja in seinem Element.--

Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der
Seite pltzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes
sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: Du, was sagst du zu
Blriot?

Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der
ganzen Welt errang. Die Brder Wright hatten sich mit ihren Apparaten
in betrchtliche Hhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise
glcklich gewesen, Blriot hatte den rmelkanal berflogen ... Eisig,
der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wute Wunderdinge zu
erzhlen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit
gekommen, da er einmal in Reims, als man in die Restauration von
der Gasse hereinrief, drauen fliege eben ein Luftschiff ber die
Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an
diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt:
man msse Blriot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht
ihn, so doch wenigstens einen Schler. Das koste nicht viel und man
knne damit ein gutes Geschft machen.

Arnold wre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee
nicht sofort gepackt htte. Er geriet in Entzckung, beschwor den
Freund um nhere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie
ein Vogel? Sei er gro, so gro wie die Gasse, grer, nein kleiner?
Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der
Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit
kontrastierte merkwrdig genug die Zielbewutheit, die List, die aus
den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe
null, so da das dicke Kinn an die Brust stie, und wollte er einmal
lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf,
sondern senkte, um den Mund besser zu ffnen, mit fauler Miene das Kinn
noch mehr, so da es sich in Falten und mehreren Lagen ber einander
ber die Kravatte hin ausbreitete. Fr Arnold hatte dieses Stockende,
Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz
gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des
Brgerklubs auslie, obwohl er dort neulich als jngstes Mitglied in
den Ausschu gewhlt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im Schweizer
Keller und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig:
ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen
Schaufluges.

Am nchsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch
einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert nher kannte.
Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbrger zu einem
Garantiefond heranzuziehn. Man mute nun von einem zum andern fahren,
ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten,
den sichern Gewinn, mute die Regierung einladen, das Militr.
Arnold berlegte gerade fr sich, da er sich da wieder in eine
hbsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor,
ihn zum Obmann zu whlen. Es geschah mit freudiger Akklamation.

Unser Held hatte, wiewohl er sich darber nicht klar war, im Grunde
nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in
ironischer Laune den geborenen Vereinsobmann zu nennen. Wie vielen
Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon prsidiert!...
Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch
gleichsam auch schon gebten Anlauf hinein. Zunchst die Presse. Man
beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch
einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen
Beredsamkeit, indem er gnzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar
andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen
neuen Artikel zusammenkochte, und was fr einen strahlenden, ber die
Eroberung der Luft. Er begann mit Ikarus, selbstverstndlich,
widmete sich in aller Krze den Brdern Montgolfier, wobei die drei in
die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung
gelangten, entfaltete sich behaglich ber das Los der unglcklichen
Erfinder von ehemals, ber das Unmgliche und unmglich Scheinende
(Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Rntgenstrahlen, drahtlose
Telegraphie), gewann allgemach Donnerkrfte, besang in sparsamer
Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger
Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit,
wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen,
schttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem
Fllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheiung nieder,
da man derartiges vielleicht bald auch in allernchster Nhe zu sehen
bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt,
sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung ber die Flugwoche in
Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen
der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und
Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u.s.f.

In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest
und schlagfertig, geduldig und khn, ja mit der Gre der
Veranstaltung schienen sich seine Krfte zu vervielfachen. Man hatte
mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem
Anfang die unverschmtesten Preise verlangten, wie beleidigt und
zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, da
sie ins Ausland sollten. Dagegen drngten sich Deputationen der
Vororte heran, von denen jeder den schnen Vorrang und Profit des
ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den
geeignetsten Platz zur Verfgung stellen wollte. Indessen whlte das
Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen
Grnden angeblich, eine weite Wiesenflche in der Nhe von Waldbrunn,
dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden
Verhandlungen verffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen;
es wurde bald zum Stadtgesprch, da die Eisenbahndirektion in
entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
whrend sonst die Zge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein
hielten, da sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, da
die Postverwaltung ebenso liebenswrdig die Aktivierung eines eigenen
Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie Waldbrunn-Aerodrom fr
die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die stdtischen Omnibuslinien
nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten groen Zuzug
vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Plne
fr diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militrbehrde wurde
unruhig. An den Straenecken, in den Wagen der Straenbahnen machten
sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.

Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder
beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das
Geschftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das
Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles
hingegen, was das uere betraf, Reprsentation und ehrenvolle Fassade
gegen die Mitbrger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, da das
Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu
bertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhnger
warb, sagte man ihm: Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns
ja die ganze Sache nicht sehr reell. Man fragte ihn nach der
Soliditt dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, da
der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft
und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehrigen
Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrstet wies Arnold
derartige Anwrfe zurck, was fr Verleumdungen, und in seinem Innern
war er eigentlich nur darber verwundert, da diese jungen Leute,
die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen
zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rtselhaften Grnden nicht fr
voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, whrend er,
Arnold, ein redliches Ansehn geno. Doch dachte er darber nicht
weiter nach, nahm solches nur fr die blichen Schwierigkeiten,
die sich groen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg
stellen mten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn
wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drngte es ihn
nur noch ungeduldiger vorwrts, trieb ihn noch mehr, alle Krfte
aufzubieten, das Zerbrckelnde zu sttzen mit den Armen eines Atlas,
und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam
nun oft von frh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon
hrte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so
zerstreut, da er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte.
ngstlich sahn ihm die Eltern zu. Ich warne dich, sagte der
Vater, aber du machst ja doch nur immer, was du willst. -- Er rgert
sich, weil ich jetzt berhaupt nicht mehr ins Geschft komme,
registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, da er
nun auch die Vormittage mit geistsprhender geselliger Ttigkeit
anfllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so da er
morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn,
wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch
gescheitelt und noch wie zusammengepret vom Rauch der Weinlokale.
Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie
Steinlawinen. Er berredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem
Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen
Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine
Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beitrge liefen
jetzt betrchtlicher ein. Der Landesausschu gab eine Subvention.
Man trug sich mit Unerhrtem, nach dem ersten Flug sollte ein
ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen
Systeme, ein Rundflug ber viele Stdte hin, man wollte die
Maschinen kaufen und eine Schule grnden, das Aerodrom sollte
jedenfalls fr stndige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold
glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, fr den er pate. Wer
wei, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm
eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, wrde dann
sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen
Kenntnisse und Beziehungen wrden ihn dann wie nach einem Plan zu
diesem groen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf
wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen
strmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wlzte sich
noch der Schwall anderer Lebensverknpfungen hinter ihm her, die
Vergangenheit mit ihren Ansprchen, die er mglichst schnell und
nebenher abtat.

Drauen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken
des Aerodroms, und fr Arnold, der auch die ganze Korrespondenz
besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines
Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste
in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee ber einige Zimmer
verfgte, doch fuhr er gegen Abend tglich auf den Rennplatz
hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu berzeugen, oft
brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gnner mit.
Und da fand er, da ihm manchmal da drauen, im khlen Abend, aus
der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen --
sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedrfnis, und da man
ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die
herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung
des sichern Glcks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses
Wigwam, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er
sich so wohl gefhlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten,
groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrhren durfte,
ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis
ganz auf den Boden reichten, so da man untendurch den Wiesenboden
sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhrlich
Hammerschlge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache
Stimmen verwirrt. Man fhlte frmlich das Werk, wie es rstig
wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die
Waldanhhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses
Lebens fhlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch,
schrieb auf elegantem blulichen Briefpapier, das eine Art Wappen
des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen
oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte
sein Leben, das fhlte er wohl, zum erstenmal einen Hhepunkt
erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen
Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen.
Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das,
weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine
Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal
in der Hand gehabt und habe es nicht gewut. Vielleicht geht es allen
Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das
Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst
verschwand, er atmete tief und khl, er schaute einen Augenblick durch
das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte.
Die ist doch das grte Etablissement hier in der Nhe sagte er leise
vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als
stnde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese
Flche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte
Hitze emporschlug. Und er errtete bei diesem Gedanken, als fhle er
sich heute, in der Blte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht
unwrdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon
aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dnne zitternde
Linie, und die gelbe glnzende Flche schien gleichsam tiefer in den
Himmel hineingedrckt, wie eine Mnze mit scharfem Rand...

Abends nach getaner Arbeit berfiel ihn ein ruhiger tiefer
Glcksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertre ins
Freie, fhlte den schwachen Waldwind an seinen Schlfen, in die
Haare hinein, und obwohl er gar nicht wute, wohin mit all der
Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, lie gleichsam den
Deckel ber seine inwendige Zufriedenheit strzen und sie sorgsam gar
kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu
sich, die von der Strae her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und
begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von
Waldbrunner Kurgsten, alle freuten sich ber das, was da gebaut
wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr
davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder;
unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am
Fuballspielen aufs neue, sein Vergngen an jedem tollen
Herumschrein und Vorwrtsstrmen, sein oft sinnloses Kommandieren und
Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufllig in eine
Kindergesellschaft geriet, fhlte er sich auch immer schnell als
einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenber dieser langsam
klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern
von einem zum andern Mal verga er diesen Eindruck und war immer aufs
neue berrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein
Wettrennen lngs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein groer Junge
von etwa fnf Jahren, fiel ber jede Baumwurzel hin, endlich aber
so derb, da er zu schrein anfing...

Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.

Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tchtige.

Jetzt erst, erstaunt ber diese in devotem Ton hervorgebrachte und,
wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die
Dame an, whrend er bisher nur an dem kleinen qukenden Kerlchen
herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu
wischen ... Es war eine groe auffallende Blondine, die er schon
mehrmals gesehn haben mochte, und nun wute er auch, wo: sie hatte ihm
einigemal, wenn er hier auf Baupltzen und Gersten herumregierte,
mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und
widerlich vorgekommen war, ohne da er sich brigens viel um sie
bekmmert htte.

Aber verzeihn Sie, gndige Frau...

Ich bin nur die Gouvernante entgegnete sie in einem Ton, als knne
sie sich nicht schnell genug demtigen. Im Gegenteil, ich habe Ihnen
zu danken, Herr Beer...

Sie kennen mich...

Sie lchelte und nickte: Par Renomme! Ich war einige Jahre bei
Grnbaum, bei der jngeren Schwester des Herrn Technikers Grnbaum. Da
hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste...

Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errtete sogar
ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen,
welches Gute denn die Schwester Grnbaums mit ihrer Gouvernante von ihm
gesprochen haben drfte ... Als msse er so unverdientes Lob abwehren,
stotterte er: Dafr treffen Sie mich jetzt in einer Situation...

O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern
abgeben knnen, ein so beschftigter Mann...

Ja, ich treibe viel unntzes Zeug, seufzte er.

Unntz? O wer drfte das sagen. Im Gegenteil ... Sie stockte, und
Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon
zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu
lassen. Endlich fuhr sie fort: Was Sie leisten, davon erzhlt ja die
ganze Stadt.

Was man erzhlt, das ist nicht immer wahr.

Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn
... nur in den letzten Tagen zum Beispiel...

Das war ein hbscher Oberleutnant neulich ... was?

Wollen Sie mich auslachen? Sie machte ein beinah beleidigtes
Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas strte die Wirkung des
Gekrnkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte,
allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklrte: Sie
meinen, da ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar
nicht...

So, so... Arnold schttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung
wenig interessierte, fand er bei sich, da das Frulein allerdings so
aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren
vorstellte. Sie war gro, blondhaarig, eine Fernwirkung. Ihr
starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die
Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentmliche Disharmonie.
Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklrung dieses
Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mdchen, das den
Knaben an der Hand fhrte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom
Militr, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens
der Dame begegnete. Er wute kaum, was er sprach. Vielmehr war er
einzig damit beschftigt, unter dem Vorwande, da er die Mtze des
Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Frulein --
zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben ber dem roten Bummerl
der Mtze die schne weibliche Hftenrundung im blauen Rock
auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem
Anflug willenloser Schlfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen
zu begleiten pflegt. Dabei hrte ein Widerstand, eine Art von
Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fhlbar zu machen. Pltzlich
hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die
Scheinbeschftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er
brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und whrend sie durch
den Wald weiter dem Kurrtchen zuschritten, kitzelte er das Kind
links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum
Frulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und
schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und
drehte sich mit wtendem Gelchter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu
boxen. Wirst du nicht unartig sein! ermahnte die Bonne und wollte
ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine
Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein pltzlich
die drei Hnde. Die des Kindes lste sich gleich wieder los, um mit
aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschtztes Knie loszuschlagen;
aber die Finger des Fruleins und Arnolds blieben fest beisammen,
verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, whrend auch
ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine
herrliche Gelegenheit fr den kleinen Rangen, mit beiden Fusten auf
Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold
mit gleichgltigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn
abschttelte...

Sie hie Feistnig und stammte aus Deutschbhmen, aus dem Erzgebirge.
Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter
vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklpplerin; und deshalb
mute sie dienen. brigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt
absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer
Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen,
weil er ein Witwer war. Ein Wittmann hat zwei Herzen. Nein, das
mochte sie nicht. An Heiratsantrgen war kein Mangel. Mochte Gott
wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein
Kompliment ... Sie erzhlte schon etwas von einem Berg und einem
Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mdchen in einer
Mrznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schn. Und das
habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja,
wenn man jung ist. Ja die Heimat... Diese sanfte Poesie fand
Arnold unausstehlich, diese schwrmerischen Augen. Zudem bemerkte er
mit Mivergngen, da das Gesprch immer wieder stockte, da es ihn
solche Mhe kostete, als msse er jeden Augenblick es von neuem
anknpfen. Er hatte das Gefhl, als mache er mit jeder seiner Fragen
eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin
nur ganz oberflchlich ausgeschpft wurde; und im nchsten Moment
stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden.
Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem
Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber
blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie
nicht sagen. Warum denn nicht? Sie mssen nicht so neugierig sein.
Er bat sie: Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen und dachte
dabei: Endlich ein Gesprchsstoff gefunden! Sie lachte: Mu ich
denn immer nett sein? Aber jetzt haben Sie mir schon so hbsch
erzhlt. Wer zu viel wei, wird bald alt. Endlich gab sie es
ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. Das i wr richtig. Er
strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art
geistiger Erregung ihr gegenber. Pltzlich wandte sie sich dem
Kleinen zu, der auch beschftigt sein wollte und unaufhrlich an
ihrem Kleid ri. Du, fang mich! ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt
war mchtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade
infolge der Gltte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der
Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im
Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich
drehenden Hften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich
wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich
schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und
zugleich wirbelte es unten am Rocksaum wei wie Wellenschaum aus dem
Innern hervor, um leichte spitze Fchen. Dazu strmte der gewaltige
Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mdchen mit
ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen
Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte
sich am Spiel. Zunchst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das
Frulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her,
ohne sich zu entschlieen. Er war noch zu jung fr vernnftiges Spiel,
er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold -- mehr um sich
mit ihr als mit dem Knirps zu verstndigen--: nun wrden sie also
beide das Frulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei
hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gesprch fortzusetzen, ihren
Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart
zurck, das Frulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr
Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit
einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehlz, er verfitzte
sich zwischen den sten, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, -- da
ffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr
entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drckte sich an sie:
Also wie heien Sie, schnell, wie heien Sie? Sie suchte sich
loszumachen, ermattete und seufzte: Lina, wie besiegt ... damit fiel
ihr Rcken an seine Brust zurck, ihr Kpfchen hob sich, das bisher
wild geduckte, whrend der seine ber ihre Schulter herberkam. Das
hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon sprte er den fremdartigen
Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien
es ihm widerstrebend bis zur Unmglichkeit, einem unbekannten Menschen
pltzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere
Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeffneten Lippen
emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem
Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf
in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingerngel
ber die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom
Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund gekt. Sie
stie ihn zurck, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen
Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurck ... Arnold glaubte,
sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben
hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verfhrungsknsten und von
Gedanken wie: Na, man mu dem Mdel den Gefallen tun herrschaftlich
geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich
von mir denken ... Sie fhrte nun den kleinen Gerhart an der Hand
und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder
den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war,
ganz stumm zu sein. Allmhlich redete auch sie: Nun also, wirst du dem
Herrn die Hand geben, wirst du hbsch artig sein? Ein Stein fiel
Arnold von Herzen, da er ihre unvernderte, etwas zu blendendweiche
Stimme wieder hrte; er erhob den Kopf: Er ist artiger als Sie,
Frulein Lina ... Lina wiederholte er leiser und fuhr fort er hat
keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du? und bckte sich
zu dem Gesicht des Kleinen herab. O Sie sollten ihn nur sonst kennen,
was, Geri? Er kann schon sein Stckl bestehn ... So kam das
Gesprch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wre.
Es war so dunkel geworden, da man einander nicht mehr die
Gemtszustnde vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten
bergang zur Unbefangenheit, in die sich brigens das Frulein, so
schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinbergedreht htte. Nun
klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas bertrieben und knstlich,
bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden
Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaen tiefernstes, beinahe
tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das
Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoen. In seiner
Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach.
Arnold, der sich durch Linas Zurckweichen nach dem Ku angezogen
gefhlt hatte, wurde wieder verdrielich ... Endlich mndete die
Waldchaussee auf die Landstrae mit ihren Obstbumen, bald war man
bei den ersten Huschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit
einem Handku vom Frulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl
verabschiedete.

Am nchsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was
fr eine neue Strung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage,
sein rasches Leben schien tieferen Eindrcken der Frauenschnheit
gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reiender Bergbach von der
Sonne nicht bis auf den Grund durchwrmt werden kann. Es sind ja meist
die schwerbltigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die
lebhaften, die an den Frauen untrstlich kleben bleiben ... Er
hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala grostdtischer
Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von
einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte
Stubenmdchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel gefhrt,
oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmdchen
eilig abgekt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur
schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewutsein, da
daran nicht viel sei. Das Vergngen berhaupt war seine Sache nicht, er
strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmglichkeiten. --
Diesmal aber schien er an ein anstndiges Mdchen geraten, die die
Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhltnis
konnte etwa daraus entstehn, mit Zrtlichkeiten, Verpflichtungen,
gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit
und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte
sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen
einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet
mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres
Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich
berhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dnne
Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden
Seidenbluse, als er sie umfat hatte, und diese Erinnerung regte ihn
freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so
simpel. Arnold hielt die Weiber berhaupt fr unfeine inferiore
Geschpfe; lcherlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er
erleichtert auf den Gedanken zurck, da ja nichts Groes zwischen
ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein
Gefhl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch
wute er, da es dazu gekommen wre; gut, da der kleine Junge
dabei war, o, er segnete ihn nachtrglich. Und die ganze Sache wurde
ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, da sie ihn doch von seinen
wichtigeren wrdigeren Geschften mehrfach in Trumereien abzog.

Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kmmerte sich
um nichts anderes ... Da stand sie in der Tr, den Jungen an der Hand:
Ich mute mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen. Er fand kein Mittel
unhflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen
Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr
in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das
ganze einfache Gehuse, das so recht seine eigene Schpfung war, die
einzige bisher. Hier mchte ich ganz gerne wohnen knpfte er
bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick
gleichsam in die eigene Seele hier ist der einzige Ort auf Gottes
weiter Welt, wo ich mich zu Hause fhle... Sie frchtete zu stren,
er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurckhaltung rhrte ihn, er
erklrte, da es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor,
der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, frmlich herablassend, da das
alles doch gar kein so besonderes Kunststck sei. Das wrde ich auch
zusammenbringen, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. Gerhart,
spiel da drauen, sie fhrte das Kind vor die Tr, wo noch groe
Sandlcher um die eingerammten Pflcke offen lagen, da hast du Mehl
und Zucker. Und schnell kehrte sie zurck, entwarf ein paar Briefe,
nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz
berraschte ihn. Da htte ich ja einen perfekten Sekretr, das wnsche
ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht. Ich
komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen, stimmte sie erfreut zu und
eifrig schrieb sie weiter, sorgfltige Buchstaben, wobei sie ihre
ohnedies groen hellgrauen Augen noch mehr herauswlzte. Arnold ging
zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der
Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne da er sich
darber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, da
es wieder diese im Verhltnis zur dnnen Taille reizend sich
vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es rgerlich,
trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prfte mit
schwerem Ernst, ja mit Bekmmernis, die Wlbung ihres Rocks um die
Hften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, da darunter
der Leib eng geschnrt war, betrachtete voll Interesse die scharfe,
wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders
deutlich in den Blusenrcken prete, glitt zum Grtel mit seinem Blick
und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen
ausgedrckte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz
undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er
sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging
ihm im Kopf herum, immer lauter: Er regt soch auf, hat nichts
davon. O pfui, wie ordinr war das, wie ordinr erschien er sich,
ordinr, ordinr, und welch ein erbrmlicher Kontrast zu diesem
Mdchen, die in ihrem Eifer und Schlerschreiben im Grunde einen so
netten Anblick bieten mute. -- ...regt soch auf, hat nichts
davon. Wie ordinr! Die Schamrte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind
also die Mnner. O wenn sie wte ... Wahrscheinlich hatte sie gar
keine Ahnung davon, welche ihr gewi ganz entlegene Wirkung die
Profilansicht ihres Krpers, ihr Rcken auf diesen -- gebildeten
jungen Mann ausbte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser
Beglcktheit, was fr ein kluges Mdchen sie war ... Oder wute
sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr
Arnold teuflische Krallenhnde zu, Hrner unter der blonden,
welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste
Ecke der Htte, von wo aus er sie anrief: Nun, sind Sie bald fertig?
-- Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte.
Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem
Kopfe auf, so da er sich schttelte. -- Sie nahm es fr rger und
beeilte sich noch mehr: Ja, ja, gleich, dabei legte sie eine Wange
auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte
mit schrger Feder darber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den
kleinen Finger der rechten Hand hin und her: ...tut weh.
...regt soch auf, dachte er unwillkrlich in demselben Moment,
durch den Rhythmus ihres kurzen Stzchens aufgestachelt, wie ein
hhnisches Echo. Bin's halt nicht gewhnt, setzte sie fort. Ihm
fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. Wird das so
weitergehn?, dachte er wtend. Zugleich sprte er eine kindliche
Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber
nichtsdestoweniger seine berlegenheit zurckgab. Rufen Sie Gerhart,
befahl er und htete sich, ein Bitte dazuzusetzen. Er sah sie
streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst
galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Tre hinaus. An seinem
gespannten unttigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, da er,
wieder verlockt, sie blde anstarrte ... Erst unterwegs dankte er
ihr fr die Mhe. Jetzt sind Sie so lange gesessen, da mssen Sie
Bewegung machen. Das war natrlich der bergang zu derselben
Fang- und Kuszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, da Lina
sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumstmme einbog.

Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden
ins Reine, die er in flchtiger Stenographie skizzierte, sie
bersetzte Franzsisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit
fertig, da er nur noch lesen und unterschreiben mute. So einen
Diener, einen Ausfhrer konnte er gerade brauchen, dem er nur die
Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam
aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine
Gerhart spielte indessen drauen vor der Baracke, sie konnte sich mit
einem Blick durch die Tre oder unten durch die Bretterluken durch
schnell davon berzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war
sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr,
diese Sklavennatur stie ihn ab, weil er fhlte, da er dadurch an
sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er
unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu
verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den
Blicken folgte, wenn er die Gerste inspizierte oder Besichtigenden
flink zur Hand war: das lhmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl
auch das entscheidend Hliche im Gesicht, diese wssrigen,
ausdruckslosen Glasbuche, doch nicht minder mifiel ihm, da ihre
Nase und die Kinnwlbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nhe
gesehn, nicht ganz glatt. Dafr entschdigte das reiche blonde Haar
und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter
betrachtet, war es gerade diese unlsliche Verbindung eines
weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungrazisen Gesicht,
eines dmonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoenden, was
Arnold unheimlich und widerwrtig wie eine tzende belriechende
Flssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden
ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in
allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen,
wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar
nicht glcklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fhlte
sich schwach gegen dieses Mdchen, er beneidete sie manchmal, denn
sie war gewi beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie
sprachen berdies nie ber Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein,
sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getuscht
worden, der Brutigam habe sie nach schmhlichem Tun im Stiche
gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat,
dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber da sie schon einem
angehrt hatte, mute ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst
war, das wute er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem
Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine
Mglichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke,
da dieses Verhltnis wenig standesgem sei, da er es zu wichtig
nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: Du, wer war
denn gestern diese Fesche? beruhigte er sich ein wenig. Von auen her,
durch die Wirkung auf andere mute er sich ihre Schnheit und
Begehrenswrdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb
diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mute er sich ins Gedchtnis
rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nhe in
Erregung wohlgefhlt hatte; sonst htte er sie berhaupt nicht
ertragen. Oder er hrte gern zu, wenn sie erzhlte, wie ihr einer
nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie
selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewutsein
brachten. Daher hielt sie ihn fr eiferschtig, freute sich darber,
wenn sie auch viel zu demtig war, um diese seine Schwche irgendwie
auszuntzen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er,
der beinahe das Gegenteil von eiferschtig war, mute sie mit List
hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne da sie
es wuten ... Es war nicht zu vermeiden, da seine Leidenschaft, die
auf bloe Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen
Anteils gestellt war, in ihrer Strke heftige Schwankungen zeigte, je
nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war
es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhltnis
berhaupt nicht mehr aus, wute nicht, was er wollte und was das Ganze
bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie
und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht pate. Es
verdro ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft
wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar
nichts an ihr -- er fhlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien
sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den
Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat
sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit
verhlltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie
viel sie gegessen habe -- alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem
Umwege ber ihre Schnheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte
auch einen gewissen zrtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim
Kommen an der Taille anzurhren und rasch festzustellen, ob die
diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts
zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewut in inbrnstige
Gedankengnge wie diese: Da sie heute so wenig fesch aussieht, so
hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an -- oder: Mein
Glck wre vollstndig, wenn der heutige se Effekt ohne Mieder
hervorgebracht wre.

So kam es, da er niemals an dem, was sie war, an ihrer natrlichen
und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand.
Sondern oft, wenn er sie in Mue beobachten konnte (sie schrieb, er
diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hnde etwas
besser zu machen wren, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust
noch etwas voller reizend wre oder schon unschicklich und bertrieben,
ob man ihr nicht mit Brillantohrgehngen oder mit einer Brille (o
diese Augen!) beispringen knnte. Er kleidete sie in Trachten
verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich
in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemen Zusammenhang
ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm,
ber ihn nachzudenken, hatte er Angst, es knnte eines Tages ihre ganze
Schnheit pltzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt,
stets auf dem Posten, nervs und erregt. Sie jedoch, natrlich
ohne jedes Verstndnis fr seine Qualen, strte ihn obendrein durch
Reden wie: An mir ist ja nichts oder Ich wei, da ich nicht
schn bin. Das war immer wie ein Futritt in seinen kunstvollen
Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um
den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, da er
solche Selbsterniedrigung hasse, da sie ja damit ihn selbst angreife
und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, an der nicht viel
sei, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr
wieder zu tun, verga das aber schnell, da sie es im Grunde nicht
begriff, lobte ihn: Was bin ich gegen Sie?, sehr erstaunt, da ihn
das rgerte. Dann weinte sie. Er mute sie trsten, doch wiederum
fand er bald den Unterschied gegenber seiner frheren Trostwirkung
auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur
Arbeit gehandelt, hier umfate der Trost die ganze Person und war eben
deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch
von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein
wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig,
wie es sich fr sein unstetes Gemt eben schickte.

Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt
gelangt. Aus nichtswrdigen Quellen huften sich die Angriffe, anonyme
Briefe flogen, die Sicherheitsbehrden schritten ein. Ein
radikales Blatt sprach offen von Schwindel und Bankrott. Farman,
Blriot sagten ab und so hatte sich der Ausschu an den jungen
hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der
einen Apparat eigener Konstruktion vorfhren sollte. Er war
einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines
hbschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines
Monoplans die Mtze schwenkte oder khn wie Latham Zigaretten
rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte,
die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er
hatte sich ffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat,
auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, da dieser junge Mann der
Einzige sei, der ihm jemals gefhrlich werden knnte. Auf den
Plakaten fhrte er daher das ehrende Attribut Der Rivale
Paulhams, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, da man
ganz verga, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben,
da man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen
Beiklang herausschmeckte, den die Namen der groen Helden und
Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde
ausgestellt, photographiert, erklrt, von Mittelschlern
klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverstndiger Fhrung
des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der
Stadtvertretung begrt, brigens sehr bescheiden und sympathisch,
nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen,
wie er eigenhndig, selbst geschickter als seine Monteure, die
niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht
scheute, keinen Bestandteil fr unwichtig hielt, jede Schraube
tausendmal ausprobierte. Schon am nchsten Tag versuchte er einen
Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der
nchsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube,
die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb
auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, lie Ponterret
sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald
darauf aus, die Probe mute abgebrochen werden. Die Journalisten
konnten nichts tun als immer wieder den Piloten beschreiben, der nach
solchem Migeschick mit kaltbltigem Lcheln vor dem Hangar auf- und
abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im
blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen
hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrhte
wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich
unermdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals
aufs Spiel, er war zugleich liebenswrdig und energisch, mutig und auf
das Schlimmste gefat, er bot eine Vereinigung smtlicher
Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der
Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das
unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber fr die damalige
Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des
hingebungsvollen, tchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz
aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik
anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein
kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglckliche Zuflle im
Weg stehn. Man wnscht ihm ja das Beste, man wnscht aber zugleich,
peinlich berhrt, der beweinenswerte Held wre hbsch zu Hause
geblieben, da man ja nicht die Mglichkeit hat, seine Handgriffe oder
Zuflle irgendwie gnstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn
entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher
Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn
... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen
Flgel seines Aeroplans, nun mute man Ersatz aus Paris
herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das
Publikum wurde allmhlig ungeduldig. Zwei Holzhndler lieen es aber
bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern fhrten Exekution
gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertrstet hatte, und
lieen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfndung mute natrlich
aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers.
Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt
war, lachte.

Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er strmte zu Philipp
Eisig um Aufklrung. Was fr Aufklrungen erklrte heiter der Dicke.
Es wird natrlich ein Reinfall. -- Was, du meinst, Ponterret wird
nicht aufsteigen. -- Aufsteigen mu er, das steht im Kontrakt,
das heit: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn. -- Du
glaubst, nein? -- Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an
seiner Stelle fliegen. -- Aber wir sind doch verantwortlich, vor
der ffentlichkeit. Man wird das Entree zurckgeben mssen, dann
liegen wir drin. -- Keine Idee. Man wird natrlich das Entree
nicht zurckgeben. -- Man wird es. Das verlangt der Anstand. --
Du bist ein Narr. -- So, dann trete ich aus. Einem betrgerischen
Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art. -- Nun
aber wurde Eisig ganz ernst und khl, whrend man das Bisherige
immerhin noch als Ausdruck seiner spttisch-mrrischen Sitten
htte erklren knnen: Das wirst du nicht. -- Ich werde es. --
So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunchst auch einmal
deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfllen. Ich denke, er
bltterte in einem Notizbuch, das er merkwrdig schnell zur Hand
hatte, es sind jetzt bald tausend Gulden. -- Nur achthundert
erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- Ohne Zinsen! --
Du weit, da ich momentan kein Geld... -- Ach was, momentan,
immer momentan... -- Du hast mich doch heute zum erstenmal
gemahnt. -- Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld,
das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht.
Sonst erfhrt nmlich mein Alter, da ich dort drben Wechsel fr
ihn einkassiert und fr mich behalten habe. Lange genug schieb ich's
von einer Seite auf die andre, einmal mu das Loch zugeklebt werden.
Und da wird man aufs Entree verzichten, schner Gedanke!... --
Arnold erschauerte; je lnger und begrndeter Eisig sprach, desto
klarer wurde ihm, da es sich da um sehr schmutzige Geschfte
handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja,
htte er's nicht gewut, jetzt htte er es an Philipps Gesicht
erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller
hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darber, durch
den Scheitel zu zwei gleichmigen dicken Polstern aufgeschichtet.
Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte
er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und
verstand in einem Blitz den grndlichen Unterschied zwischen seinem
eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wtend machte er sich
davon...

An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre
Gte und Unterwrfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende
Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein
befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein
Glck, da er die hatte, so ein braves anstndiges Mdchen! Er
drckte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr
besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so.
Es fiel ihm zugleich ein, da er Unrecht tat, ihre Liebe so
auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die
Unterredung mit Philipp geschrft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger
erfllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nchste Zukunft,
tausend Rettungsplne, das Notwendigste fr den Moment. Es war, als
entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner
Willenskraft und Anspannung, seine uersten Gedanken. Heute
bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der
fertiggestellten Briefe berschaute, darunter ein paar wirklich
gelungene, -- um vorzubeugen, Rckzug zu sichern -- atmete er
zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine
Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Htte,
berblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn,
vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an
dem grlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepat als sonst,
das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott
im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter
in der Nhe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum
Weidengestrpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in
menschenleerer de sich erstreckte, gegen den Flu zu. Schon eilte
Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die
niedrige Wildnis, bckten sich unter verflochtenen sten durch,
rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte
man den Fu auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden
standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander,
hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, lie sie aber
doch noch einen Augenblick zu frh los, so da sie ihm gerade recht ins
Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren ber
glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah
fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt
gegen Abend erfllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten
sie durch Binsen und Rhricht zurck, gerieten wieder in die Bume ...
pltzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte
Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem
steinigen Pltzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll
Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, da sie trotz
rgers und Kopfschttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn
blieben und, wie man es einer Vision gegenber tun mag, unter
langsamem Hndeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar
nicht lustigen Lcheln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar
in seinem kleinen Blechkbel vom Flugplatz hierhergetragen,
beschwerlich, in mehrmaligen Gngen, und es gefiel ihm so gut, in
dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen
gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, da es Augen
und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann
erwachend, unterdrckte einen Jubelschrei, ihre Augen glnzten
dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glcklichen Ausgang
dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schn, in
diesem feuchten dunklen grnen Laubwerk, mit ihren glnzenden
roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos,
den alten Stmmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen lst.
Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn
er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn
zurck, berhrten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Hndchen
gleich. Es schien ihm, als trgen sie ihm Linas Krperduft nher,
als balle er sich um diese schwarzen Krperchen, ja als seien die
Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betubenden Geruches, o
dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau,
die er schon oft gekt, gekt, aber nur gekt hatte, ... die jetzt
so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende
gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen
das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentmliche
Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude
erfllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen berstandenen
Aufregungen dieses Tages mit. Pltzlich fhlte er sich sicher, nicht
wie sonst im Kurwldchen von Menschen bedrngt. Eine seltsam qualvolle
Lust ergriff ihn, wie ein letzter Auslufer der raschen Gehbewegungen
vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte
vorwrts, ber eine Wurzel, er fate mit beiden Hnden geradeaus
langend, die beiden Brste des Mdchens, diese vorstehenden
nachgiebig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie
mit einem Griff, dem man htte anmerken knnen, da er ihn in eben
dieser Art und mit dem glhendsten Feuer in Gedanken oft schon
ausgefhrt hatte, er drckte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen,
wie um sich an ihnen festzuhalten, ber einem Abgrund schwebend
gleichsam, und nun, keuchend, hei, auer sich, mit hpfenden Augen,
die Haare gestrubt, singend, matt, verzckt, drngte er Lina an den
nchsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stckchen
herabsplitterte. Einen Augenblick spter war sie sein.

Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden bergang: eine malose
Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz
allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still,
whrend Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr
geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der
seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er
begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefat,
da er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich
inzwischen in eine unsgliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina
flte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm
unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins
Zrtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und
dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart
htte er kaltsinnig erwrgen mgen. Los werden die zwei, das war
sein einziger Wunsch, den er durch Rcksichtnahme und galante,
dankbare Anwandlungen verflschte, der aber zum Schlu den Abschied
doch bedeutend abkrzte. Arnold hatte das Gefhl, als msse er auf die
Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich
wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina
immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet
rasch in immer schnelleren Schritt ... ber die dunkle Ebene jagte er
seiner Baracke zu. Dort strzte er nieder, konnte nicht mehr weiter.
O ein Wigwam, fragte er sich hhnisch, nein ein Brettersarg ist das!
Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfllten seine Seele, doch zugleich
erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhngende
Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den
armen wirren Geist in ihre Trumerei ... Da sah er sich, sah sich
als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum
erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und whrend ihn der
Lehrer fr die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den
Mund offen: warum hier zwei Tafeln bereinander seien, nicht eine,
wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn
der Herr Lehrer: Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir
eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das,
so... und hatte es ihm gezeigt, whrend er sich zugleich lobend
zur Mutter wandte: Ein aufgeweckter Junge. O Gott, warum hatte ihn
denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich ber ihn
gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch
nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt
hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan
hatte, er konnte gar nicht mehr dafr als damals fr seinen
kindlichen Reiz ... Zum erstenmal berblickte er sein ganzes Leben
und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es
sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel
ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug
bermchtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand
ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten
Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Htte er nur ein Herz
gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verstnden! O auf die Berge
htte er steigen mgen und wie Giebche seine Arme ausstrecken nach
einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn
immer weiter rennen lassen, zurck bersah er es bis hinab zu seiner
dunklen Fuballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter
hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis
hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen
Fleck und auf diese Stunde, wie blind, whrend von allen Seiten die
Wnde des Engpasses immer nher und drohender zusammenrckten, aber
blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurck mehr gab ...
Trnen entstrmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes
Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfat, mit seiner reinen
verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann
kehrte der Zorn zurck. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung
genug gewesen? -- da er schon mitten in dem kurzen Genu vorhin den
Widerwillen gesprt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflte,
einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa frh in
den noch ungesplten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken
mu. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes
Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit
einem gewaltigen Druck ri er mitten an dem Sto, es ging nicht, da
teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und
zerfetzte jede in kleine Stcke. Mochte alles werden, wie es wollte, er
gab's auf...

Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach
Amerika!... Da waren doch fnfzehntausend Mark nach Senff, ein
Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald
zehn Uhr war, beschlo er, Lambert zu besuchen. Der hatte
kommissionsweise die Einkufe vermittelt, sicher wute er einen Kufer,
vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst
bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser
Verkaufsangelegenheit einzudringen; er fate schnell den Plan, seine
Absicht zu maskieren. Ich habe da ein Angebot, rief er, es mu
sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Stze
Jubilumsmarken bestellen? Das macht so etwa fnfhundert Kronen.
Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis,
rckte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit
dunkleren Schnren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und
der Sitte gem sofort sich erhebend, um einen Likr aus dem Kstchen
zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein
Beispiel fr jene merkwrdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der
gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den bergang
von unverantwortlichem Knabentum zur wrdigen reprsentativen
Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem
wirren Moment er dem Gefestigten war, fhlte doch eine gewisse
lcherliche Schwche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort
festnistete: Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen
ja... Nun, ich glaube, holte Lambert aus, das ist ein gutes
Geschft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschrnkte Anzahl aus.
Schlielich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer
Staat, der an Jubilen Geld verdienen will. ... Wie langweilig
waren fr Arnold diese selbstverstndlichen Gedankengnge, mit denen
Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kmpfte mit der
Klugheit, den Schwtzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein:
Ich wei. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt.
Und da kamen Nachtrge. Von Raritten ist nicht viel zu spren ...
Schlechte Spekulation. Ich hab's berhaupt satt. Wissen Sie nicht,
wie ich die ganze Sammlung loswerden knnte? ... Lambert blieb noch
eine Weile im alten Geleise, sei es, da er Arnolds Wendung fr
eine bloe Gesprchslaune hielt, sei es, da er auf eine so
fernliegende Abschweifung berhaupt nicht aufgepat hatte. Er
redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien,
bis ihn ein nochmaliges Andrngen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er
mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb uerlich ruhig) auf das
neue Thema ein: Ja, das ist eine schwere Sache. Man mte die
Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann
werden Ihnen die besten Stcke herausgeklaubt und der Schund
bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Hndler, der gibt Ihnen gar
einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein groer Privatsammler.
... Ja, ein Privatsammler, wiederholte Arnold gierig. Wissen Sie
also einen? ... Lambert berlegte ... Fr zehntausend, begann
Arnold, und da Lambert berrascht lchelnd aufblickte, fuhr er
fort: Fr zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen
vollstndig. ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am
Schlusse seiner berlegung angelangt, als habe er es jetzt
herausgebracht: Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen
auf den Tisch? Das ist ein schnes Geld. Das tut einem weh. ... Wie
kommt das aber? fragte Arnold betrbt und kindlich ... Lambert
erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im
Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein
Schmuckstck, ein Mbelstck, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf,
auch fr die besten, wie neuen Stcke ... Das Gesprch verlor sich
ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte
Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, da hier nichts zu
holen war. Erschpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen,
fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit
hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert
meinte im Weggehen: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz
unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich
mich. ... Arnold htte am liebsten laut aufgelacht. Und unser Meeting
morgen, fgte er noch hinzu, probierend, das wird ein schner Humbug,
was? Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lchelte verschmitzt und kniff
ein Auge halb zu, mit kleinen Fltchen: No, das glaub ich. Sie
schttelten einander die Hnde, wie in vergngtem Einverstndnis ...
Und gegen dieses niedertrchtige Leben, sagte sich Arnold, indem er
Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, ber die
Gelnderbrstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang
unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib,
fhrte Arnold ans groe Eisentor, stellte die Laterne auf den
Steinboden, steckte den Schlssel ein und gab endlich mit leichter Hand
der massiven Pforte einen ganz kleinen Sto -- und gegen dieses
niedertrchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien
ankmpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie
ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem... Von neuem traten ihm
Trnen in die Augen.

Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte,
schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von
seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle?
Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- rgerlich warf
Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wre so
das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon fr fhig zu jeder
Dummheit.

Da trat sein Vater herein: Weit du es schon? Die Gromutter liegt
im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein
bichen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.

Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.

Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fhrt sie
morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der
Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt...

So viel Lrm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Pltzlich fiel ihm
ein: Wenn du willst, begleite ich die Mama...

Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.

Ja richtig, der Schauflug! Arnold machte, als ob er sich erst jetzt
darauf besnne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den
Mund mnnlich zusammen: Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit
der Mama nach Wintertal.

Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam
auf das Unvermeidliche vor: Die Gromutter sei ja schon vierundneunzig
Jahre alt, was fr ein Leben ... man knne sich denken ... man msse
froh sein ... einmal wre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus
Altersschwche ... nun diese Lungenentzndung, das wrde sie wohl nicht
berstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende
frmlich von der Natur zu fordern, als Besttigung seiner regelmigen
Ansichten ... Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn
kann schlo er du bist ja ihr besonderer Liebling.

Arnold wich zurck: Ich -- ihr Liebling? Ist das ein Witz?

Natrlich. Wie sie vor fnfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit
niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine
wahre Furie ... Immer noch erzhlt sie von dir, was fr ein braver
Junge du warst.

Um Arnold sauste es. Er mute die Fuste ballen, um diesem Sturmwind
standzuhalten. Die auch, murmelte er und seine gleinerische Stellung
in der Welt, all der lgenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein
hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie hhnischer Vorwurf auf die Seele.

Der Vater trat besorgt nher. Was sagst du?

Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmde. Morgen weiter.




III.


Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mimut
blieb ihm zurck, unten auf dem Grund, den auch die Ste des Zuges
nicht aufrttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen
er sich wohl htete.

Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er ttig
ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, fr
die treue Frau Lichtnegger Wrste und einen groen Schinken, fr die
Gromutter Magenlikr, den sie immer verlangte, Brustbonbons und
andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wute, heiterte
sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab
sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten msse. Laut reden,
natrlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht
verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er
solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzhlen, auch sagen, da
er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er
so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich
eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe
sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.

Auf solche Sachen gibt sie noch acht? meinte Arnold zerstreut. Jetzt
etwa begann der Flug in Waldbrunn.

O sie gibt auf alles acht. Du wrdest staunen. berhaupt, gescheit
ist sie... Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wre...

Ist sie wirklich so bs? fragte Arnold gleich, etwas bereilt, da
er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.

Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie
begann gleich von ihrer Jugend zu erzhlen, als gingen ihr alle
diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre
Heimatstadt war die Vergangenheit nher an sie herangerckt. Was
fr Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter
am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die
Hlle. Oft muten die Kinder Nchte und Tage lang Knpfe auf kleine
Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so
viel Gros fertig waren, muten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten.
Wir haben mehr Schlge gekriegt als zu essen. Und dabei war solcher
Flei gar nicht ntig, denn das Geschft ging ja damals noch sehr gut,
sie kauften sogar spter ein eigenes Haus. Aber die Kinder muten
weiter arbeiten, nur aus Geiz, da ihnen die Finger wund wurden,
auf einem Schammerl stehn und groe Kisten packen und wehe, wenn etwas
zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lrm,
Schimpf, Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
wurde die lteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im
Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu
schtzen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein
Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald
fort in die Fremde, sie wollte Kindergrtnerin werden, war gebildet, an
einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bcher gelesen --
anderswo, das wre ihr schlecht bekommen! Aber unbehtet, unerfahren,
wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie
hatte sie mit einem Mann reden drfen, immer zu Hause eingesperrt, kein
Tanz, kein Vergngen, jetzt war sie natrlich von dem ersten besten
entzckt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie
untergegangen, gestorben -- so schne Zhne, schne Haare, alles weg
-- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi,
die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Hnden, ihr doch mit
etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flche
waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe
des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine
andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt,
wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte
man vom Vater nichts mehr gehrt; verschollen. Die Htte aber in
Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezndet, so sagte wenigstens
die Gromutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermgen ging zu
Grunde, nur noch Herr Beer als Brutigam, der das gnzlich hilflose
Mdchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war
einmal auf dem Pilsner Markt der Gromutter entwichen: Und wenn du
jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst,
ich gehe nicht mehr mit nach Hause ... Sie hatte zuerst bei Marie
gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mdchen
halt ein bil geweint. Mit Nharbeiten auf der Maschine sich das Brot
verdienen, das ging nicht so leicht. Glcklich waren sie, wenn sie
tglich fnf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang
kmmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen
waren sie in der groen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte,
ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen htten, ob sie noch
anstndig seien. Jetzt freilich, wenn man der Gromutter zuhre,
habe sie sich den Kopf fr sie ausgesorgt. Meine se Marie, was hast
du sterben mssen. Sie knne solche Reden gar nicht anhren ...
Bestrzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst
emporgetaucht war, zu rtselhaftem Geschick. Er kannte ja diese
Familiengeschichte, aber nur unvollstndig, nur aus dritter Hand. Nie
noch hatte er die Mutter so erzhlen gehrt, jetzt war er ergriffen,
und whrend der Zug an reizenden Wldchen, heiteren Villen vorbeilief,
tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.

Auch die Mutter meinte: Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und
ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafr? Schlielich ist sie
ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen knnt.
Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bsen
fortgefahren...

Warum denn? Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Gte
seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so
ausfhrlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen,
seine Gromutter, versprte er immer entschiedenere Abneigung, ja Ha.

Sie rgert sich halt vielleicht, da wir sie nicht zu uns nehmen.
Aber geht das denn? Knnte das ein Mensch aushalten?... Und dann
spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, da nur die Landluft
da drauen sie so lang gesund erhlt; sie wrde nicht einmal mehr
die lange Fahrt vertragen. Sie schlo in einiger Verlegenheit.

Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber
nicht auffllig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da drauen
lebe.

Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie
eigensinnig keins angenommen und sich selbstndig ernhrt, Gott
wei, womit. Sie mache Geschfte unter den Leuten, verborge Geld,
kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch,
unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich
beschwindelten sie ja auch die Leute, sie knne ja weder lesen, noch
schreiben, noch rechnen, fr sich selbst stelle sie an der Stubentr
mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie
Geld in der Sparkasse, fnf Bchel zu zweihundert Gulden, aber das
rhre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr grter Stolz, da
sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen wrde,
was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. Besonders dir, Arnold,
du bist ja ihr Liebling.

Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berhrt. Er beichtete
der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Gromutter vor Jahren.

Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag.
Das hat sie lngst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott.
Und dein Papa, das ist der Obergott.

Warum?

Ich wei nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben
arm geheiratet ... Nicht hren kann sie noch jetzt von ihren Familien.
Und wie sie schimpft.

Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schne
Landschaft drauen, den Tiergarten und das Schlo von Sichrov,
erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die sprlichen
Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbhne mitgewirkt.
Der Herr Registrator auf Reisen, das war der Titel des Stckes.
O, sie knne noch die Rolle auswendig, das wrde sie wohl nie
vergessen. Was fr Mhen waren das aber gewesen, um die Gromutter
zur Zustimmung zu berreden. Das ganze Dorf mute bitten kommen. Der
Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Gromutter berhaupt sehr viel
gegeben, und da einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine
Schlerin gerhmt, das vergesse sie niemals zu erzhlen. Nun, er
werde ja diese Anekdote morgen selbst hren. -- Diese Wendung
brachte sie auf die nahe Zukunft zurck. Sie uerte Besorgnisse. Wie
werden wir sie antreffen. Und Arnold, der besser unterrichtet war,
dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt,
man werde diesmal wohl gerade zum Begrbnis zurechtkommen.

Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepck im
Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte
so, voll ngstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und
ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglttete Zimmer wandeln gesehn
hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden
Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: Ai der Bohne --
hrst du -- das heit: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns,
ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur. Sie sprach von der
Heimat, den rtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie
genau, auch die letzten Vernderungen, da sie mindestens alle
Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklrte Arnold, wer
diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier,
Jugendfreunde, Christen, nur aus Geflligkeit htten sie den schweren
Dienst bernommen, tglich bei der Gromutter nachzusehn und von Zeit
zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es
sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzhlt,
Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das
kleine Seifengeschft eingerichtet habe. Eine vollstndige Lge,
solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen.
Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht
freundlich sein, man knne ihnen gar nicht genug danken ... Und
Arnold fand ganz erstaunt, mit was fr Dingen, die er noch gar nicht
kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie.
Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und
fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Gromutter nachschauen
gehe. -- Nein, ich mu mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht
im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg,
hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles
hbsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab. Und als htte
sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in groem Stolz zeigte sie die
Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben
zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie
standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Huser vermutet
htte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Strae,
die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken
fhrten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen,
der kalte Gebirgswind ergo sich wie durch eine Rhre lngs der
Huserwnde herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold
ihre Liebe zu dieser alten bsen Frau unbegreiflich fand, sagte er
sich, da er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf
nicht gescheut htte. Diese Halbheit, diese Migung in der
Besorgtheit verstand er nicht.

Er konnte sich nicht berwinden und, vor dem Haus der Familie
Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu drfen. Seine
goldenen Manschettenknpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger
Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten
hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: Mir
scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch
schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme
und man soll nur noch einmal schreiben. ... Arnold dachte: Also sie
lebt noch, wirklich unverwstlich ... Aber denk dir nur. Gestern
noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemht und
sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die rmste, wie
sie mir's erzhlt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie
haben da eine schne Schrze, genau so eine ist mir vor ein paar
Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei
wrde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht htte,
kein Mensch wte was davon. -- Hast du ihnen den Schinken und das
andere gegeben? -- Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen
Reden. Es sind so anstndige gute Menschen. -- Arnold bekam aufs
Neue Wut gegen die Alte: Gehn wir jetzt noch hin? Er wollte ihr
mal seine Meinung sagen. -- Nein, sie schlft jetzt. Und das ist
recht, da soll man sie nicht stren. Frau Lichtnegger ist eben
dortgewesen...

Im eisigen Hotelbett erst berfielen ihn die eigenen Sorgen.
Unruhig trumend sah er den miglckenden Flug, die ganze Stadt
hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der
Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut;
dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in
groen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit
emporgehobener Handflche vor dem Photographen schtzend, wie er dies
bei Bildern von Prozeberhmtheiten gesehn hatte--, in diesem
Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge,
aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rckhalts an
Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug lngst entschieden
-- ein ganz klarer Gedanke: morgen frh gleich die Zeitung lesen,
nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins
Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen
Glotzaugen, wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern,
so gro wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich hnlich,
wenn man's recht nahm -- von neuem ri es Arnold empor, und die
einsamen kahlen Wnde anstarrend, die sich schon im Morgengrauen
erhellten, berlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal
gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich
verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge
doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von
Lawinen zu trumen, die sich in Ste blauen Briefpapiers verwandelten,
auf seine Baracke losstrmend; nun war das Httchen berschttet, ein
paar Schnrkel einer Mdchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten
wie Rauch ber den Trmmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein
Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr,
nein, ein Fuball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am
Morgen erwachte Arnold ganz gedemtigt und sanft; fast ohne zu reden,
folgte er der Mutter durch die sonnigen khlen Straen.

Sie bog hinter einem zweistckigen Huschen ein, das, in einer
Nebenstrae gelegen, noch ganz das Aussehn eines Grostadthauses
hatte, mit Fensterkrnungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert.
Dahinter lief ein grasiger Fupfad steil bergab, zwischen freien
und bewachsenen Erdhgeln, wie man sie auf Baupltzen sieht. Eine
Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links fhrte ein
Nebenweg zu einem verzunten Garten, der auf einem Hgel lag,
neben ihm die stattliche Htte. Eine unansehnlichere trat quer gegen
den Fupfad vor, so da sie ihn mit einer Spitze berhrte. Zu dieser
bog die Mutter ein ... Hier also? fragte er beklommen. Er zitterte
ein wenig, in so etwas drfisch Armem, Zusammengeducktem lebte
also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. Warte ein bichen sagte
die Mutter ich will sie doch vorbereiten. Whrend sie vorausging,
betrachtete Arnold, fast mitfhlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die
Wnde aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen,
wei eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darber dann das
groe, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, ruig und wie
zerfallen; wie eine faltige Haube, hher als das ganze brige
Gebude, drckte es mit unverhltnismiger Kraft herab und armselig
sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem
unwohnlichen, sich verjngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die
zu einer Art Plattform vor der Tre herauffhrte, o diese Plattform
aus groen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Gelnder -- wie
wenig bequem, wie lndlich das alles!... Die Mutter stand nun
wieder in der engen Tre, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam
abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein
von dunklem Gert verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mchtige
Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporfhrte; etwas Helles und
Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem
Sofapolster verlegte Tr, an der ein Anklopfen unhrbar geblieben
wre und die die Mutter vor ihm ffnete, whrend sie ihm nochmals
zuflsterte: Sei nur hbsch lustig...

Er trat ein, sich bckend.

Im Bett der Tr gegenber, unterschied er ein winziges gelbes, von
Falten unendlich tief zerdrcktes Gesicht, das der Zimmerdecke
zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine
leise deutliche Stimme sagte, whrend er zgernd sich nherte:
Arnoldele, mei Gold, gesnd sollst de sein bis ber hndert Jahr.
Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold... Er beugte
sich, um eine kleine Hand zu kssen, die warm war. Da sah er nebenan
seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen.
Und auch die Augen der Gromutter vernderten sich, diese beinahe
hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden
trbe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick
rhrte ihn so, da er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich
zusammenziehn fhlte ... Wie ein Gebet murmelte die Gromutter leise
fort, aber durchaus nicht erregt: Gro bist de geworden, unberufen,
e Gewure von e Menschen, Gott soll... Er verstand einige Worte
nicht und sagte nun selbst: K die Hand, Gromutter, no du siehst ja
gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr... Sie flsterte
weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz
schwach singenden, einschmeichelnden Ton: Was tu ich dir nur fr
e Kowed an, Arnoldele?...

Die Mutter soufflierte ihm die bersetzung: Kowed -- Ehre--, und
whrend er sich an sie wandte: Ich wei ja, steckte sie ihm die Dte
mit Brustzelteln in die Hand.

Ich bin froh, da ich bei dir bin sagte Arnold laut und seine
reine Aussprache erschien ihm gegenber dem stets modulierten,
undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: Schau, was
ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehrt, da du das gern hast...
Er wollte sagen: magst, doch erschien es ihm pltzlich notwendig,
die einfachsten Worte zu gebrauchen.

Ich hob immer gewt, da du e braves Kind bist... Auf mehrere
deutliche Worte folgten immer ein paar unverstndliche. Dann, an die
Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: Ich sog dir, Regie, von
dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben.
Er hat Herz und Gemt.

Arnold reichte ihr die Dte.

Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl sagte
die Mutter, die Gelegenheit bentzend, und zu Arnold leise: Sie hat
zwei Tage lang nichts zu sich genommen.

Ich hab ka Appetit.

No eine Kleinigkeit schmeichelte er wenn ich dich schn drum bitt.

Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach
entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schlo sie die Augen,
wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spa einmal
nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurck:
E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... fr e kranken
Menschen is das nix... Sie seufzte auf. Nur hermgehn wenn ich
knnt...

Es wird schon wieder werden trstete die Mutter. Nur Geduld. Eine
gute Patientin, was? Noch ein bichen Fieber? Sie tastete ihr auf die
Stirn. Nicht so arg.

Das verfluchte Fieber, ja ja... Die Kranke keuchte wieder und
hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als bertreibe sie, aus
Zorn, nicht vllig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige,
wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmige
Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. Wie ich voriges Jahr
operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese
Geseres. Alle Krnk auf krumm Gitel...

Das ist die Medizin, nichtwahr. Die Mutter kramte am Fensterbrett
wo ist aber das Lfferl?

Ich hab ka Lfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Flschel.

Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.

Mei Deige! Bis ich halt genug hab.

Die Mutter kramte weiter: Und das Thermometer, zerbrochen!

Mit dem Stckele Glas wird er mich gesnd machen, soll er so leben.
Die Gromutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei
diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein
Glockenton ganz erfllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die
Hand auf ihre Stirn, drngte die Hand der Mutter zart weg ... Da war
Wrme wie unter einer dnnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten
Knollen ber den Augen, die er auch an sich wute ... Ein Gefhl
unbeschreiblichen Behagens erfllte ihn, vielleicht verstrkt durch
das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwrme oder
die Ahnung, da er hier etwas wie rztliche Hilfe leiste, ganz
entfernt etwas Liebendes, Sachverstndiges. Hitze, ein bichen
Hitze nickte er wie im Traum. Die Gromutter schlo die Augen
wieder. Was hat der Doktor gesagt?...

Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: Was
fr eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bil Kaffee,
nicht? und nherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm,
schmeichlerisch: Koffi, nicht?

Die Gromutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt
glnzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein
Schleimfaden zog sich daran. Geh lo mich, wenn ich dir schon emol
gesagt hab und ihre Augen bekamen pltzlich zwei glnzende scharfe
Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch
immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: N, setz dich henidder,
mei Kind, was tu ich dir nur fr e Kowed an. Er zog den groben
Stuhl aus weiem Holz ans Bett.

Brauchst dich nicht zu kmmern, Mutter, wir haben uns schon alles
selbst mitgebracht. Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine
Wrstchen. Ich mu nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir
sorgen schon fr uns.

Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: Wann kommt der Doktor,
da er darauf noch keine Antwort hatte. -- Um zwei Uhr, hat Frau
Lichtnegger versprochen. -- Und nun beugte er sich, beruhigt,
zrtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: Nun also, was gibt es
denn? Schne Geschichten! Krank sein, das wrde dir so passen,
nichtwahr...

Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach. Ich hab mr ja gewnscht,
ich knnt zwa Tge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen
... Ich kmm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich m zehn weggeh,
bin ich umme zwlf dort, wo ich hab hingewellt...

No es wird schon wieder besser werden. Natrlich es kann nicht immer
so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur
schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt
und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus
spaziert...

Sei haben geschrieben sagte die Alte still. Ich hab ihnen nix
gesagt.

Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte
sich, da sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam
gemacht hatte, und schwieg...

Sei haben geschrieben wiederholte die Gromutter Aber jetzt geh i
nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfrbig.

Echtfrbig? Er hatte vielleicht falsch gehrt.

Ein ganz schwaches Lcheln suchte die Falten zu durchbrechen: No ja,
weil's nicht ausgeht...

Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu
machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff
es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen
rteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine
Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, whrend
er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint
mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer
Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.

Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder
geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen...

Nein, wir sind von selbst gekommen, Gromutter. Oder bist du
vielleicht nicht froh, da wir da sind, no schau...

Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverstndlich
war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, da sie ihn nicht verstehe
oder er sie nicht. Auch ihre Mdigkeit schien da mitzuspielen, die
Krankheit, wie eine Wand fhlte er das manchen Moment lang. Hatte er
doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefrchtet, da er noch nie zu
ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr
Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewutsein einer Verstndigung
war ihm so s, wenn es ihm wieder kam, da er alles andere bersah,
so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft
bemerkt und daher alle fr gescheit hlt. Schau an meinte sie
pltzlich und ihm schwoll das Herz dei Mutter, wie se den Hut nicht
auszieht bei mir ... no er pat ihr auch gut, was nur wahr is.

Wenn ich Dir nur gefall erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren
berlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm brigens den Hut ab.

Schne Frisur. Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der
intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht
erstaunlich tnte wie eine Prophezeiung.

Gott sei Dank, ich gefall Dir heut... Auch etwas Eigensinniges lag
in diesem Ton, wie wenn ein halbwchsiges Mderl gegen ihre Eltern die
Erfahrene machen wollte.

Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.

Pa nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein, wandte sich die
Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.

Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so
dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, da ich dick bin. So die
rme haben sie mr gedrckt. Aber es war nix gut ... Und e drre
Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich
auslachen, weil ich so drr bin. Ich will Dich mit e Zndholz anznden,
sogt er. Da knnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie
gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stckele, hab ich
gesogt. Do wr uns beiden recht... Die Gromutter wurde zusehends
munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur
einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen
Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne strker geworden zu sein,
ohne sich gendert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles
wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie
Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse
kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang
sie stark, mannigfaltig, mhelos, sie war s.

Es brennt schon rief die Mutter vom Ofen her. Das ist halt Dein
Kukswile, was, Mutter. Sie wollte der Gromutter einen Gefallen
machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Gromutter merkte
es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: Ja das is mei
Kukswile, e guts wile. -- Da brauchst Du Dich wenigstens mit
keinem Dienstmdchen abzurgern.

Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?

Lo se gehn sagte die Gromutter, mit einem vertraulichen klugen
Zwinkern zu ihm sei is doch glcklich mit ihrem Gegeh und
Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat
auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles
geblinkt und gefinkelt und der Fuboden war genau eso rein wie das
Tischtchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme
gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll
emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser ber
den Kopf geschtt... Arnold verlor den Faden von hier an, doch
glcklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen
leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn
scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen groen Poren besetzt,
wie durchlchert, als htten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von
Lchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmigen
Krmmungen hinzogen und ber die Wangen hin nach allen Richtungen wie
ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich
zusammenschnrte. Hier drngten die Linien so dicht an einander, da
die schwcheren von den tieferen durchschnitten oder als Hgel an
die Oberflche gedrngt wurden, und diese tieferen schienen gar
keine Hgel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die
Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schn gebogen aus dem
Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen
beredten Mund, der keine Zhne mehr hatte; seine Lippen bildeten
dafr zackige Erhhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander
schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schlo
oder ffnete. Die Augen blitzten. Das Schnste jedoch war das
schneeweie Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn
beginnend, brigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold
begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine
gnzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge,
er hrte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er
alles, sein Ohr fllte sich mit verworrenen Tnen, mit Erzhlungen
ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwrdig war, deren Ausgang in
nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch
offenbar der Erzhlerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge
nahebrachten, da ein jugendliches warmes Licht durch das ganze
Zimmer aufzustrahlen schien. Pltzlich unterbrach ein strkerer Husten
und die Gromutter drehte sich der Wand zu...

Was ist? rief die Mutter und kam herbei.

Die Gromutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, ber
Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der
wute, da sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige
Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn
daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter berlassend. Whrend
die beiden Frauen mit einander flsterten, ging er durch das Zimmer. Es
war so schmal und klein, da das Bett beinahe ein Viertel des
Raumes wegnahm. Gleich an die Tre stie ein Kchenofen, dessen Platte,
mit einem Gewirr von Schsseln und Tpfchen, dennoch nie bentzt zu
werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wlzten sich ber sie
und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bndel neuer Schrzen,
das Warenlager vielleicht. ber ihn weg ging berdies zu dem
wirklich bentzten, kleinen, so beliebten Eisenfchen, das auch jetzt
brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhngenden wackligen
Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen
auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenber, mehrere Koffer
und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlssern, aber alt
und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines
ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz
schmalen Durchgang lie, so breit war es mit seinem roten Leder,
den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenhten
Knpfen. Es pate gar nicht herein und, als werde dies auch gefhlt,
stand es mit der Rcklehne nicht ganz an der Wand, sondern
fremdartig suchte es nach Sttzpunkten ... Arnold erinnerte sich denn
auch, da die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die
Gromutter zu Mittag darauf ausruhn knne, zum groen rger der
Sparsamen brigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch
ein Mbelstck auer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch
berfllten Zimmer: ein mageres Glaskstchen, wieder mit Geschirr
gefllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen,
warum so viele, verga es aber) und Gebetbcher (Also konnte sie doch
lesen. Oder nur hebrisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in
Ksten, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weien
Tuch, das oben mit zwei Ngeln befestigt war, verhllt. Das war das
Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen
quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei
Porzellanzeug fllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern
mit offenem Geblk, mit Spinnweben und Gott wei was noch -- und alle
Gegenstnde hier nicht etwa Mann fr Mann und sauber hingestellt,
sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwcheanfllen, mit einander
verbunden durch hingestreute Haufen von Germpel, durch Fliegen mit
ihrem unertrglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch
zerbrochenes Holz, Fetzen, Abflle, noch hinter dem Bett lugte ein
ganzer Sack mit abgetragener Wsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng,
schwachfig, die Federbettdecke grau statt wei, mit groen
eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rtlichen
Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren
aufgeputzten hbschen groen Stuben, Palastrumlichkeiten frmlich,
erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder
die langen einsamen Nchte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem
abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mitrauen (alle Leute
bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich
lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fuboden allein auf
... In sein Graun mischte sich Bewunderung fr diesen heien
eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies
alles. Was mochte sie machen, whrend er die elektrische Lampe an
seinem schnen Schreibtisch spielen lie oder wenn er im Ruderboot
sa, mit Millionrsshnen, in demselben Moment, was tat da die
Gromutter? Gab es gar keine Fden? War es seine Schuld? Irgend
jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen
und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Brgern der
Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er htte weinen
mgen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von
Zrtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte
er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem
einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

Setz dich nur hernidder seufzte die Gromutter vom Bett her auf
dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehrt enk und ich
will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin,
so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.

Er setzte sich wieder auf den Kchensessel, whrend die Mutter an ihre
Arbeit zurcklief: Aber was redest du denn? Davon redet man nicht.
Was fllt dir ein.

Sie murmelte etwas.

Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Gromutter. Das ist mir
lieber. Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fhlte, ja herzlicher,
als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das
Stichwort zu geben.

Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von
Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: Ich mcht scho
gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho geng, es freut
mich nimmer, ich hob geng gehabt, glaub mir. E Sof mcht ich machen.
Pltzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig strker,
fr die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: Awere, mit den
Wrstlach wrech scho lang fertig. Das is e Kocherei.

Ich bin ja auch schon fertig antwortete die Mama, sichtlich stolz
darauf, da sie ihren Humor nicht verlor deine Kocherei natrlich,
da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder. Wie ein
Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: Die Mutter trinkt nichts als
Kaffee, das ist ihr Liebstes... und leiser Gut, da sie uns heut
keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.

Arnold, der die Reden seiner Mutter berflssig fand und diesen Ton
eigentlich weniger verstand als den der Gromutter -- offenbar lagen
da Verhltnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten
her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbndeter: Daraus
machen wir uns nichts, was?

Die Alte drehte ihr Hndchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der
Handflche nach oben und dann wieder zurck -- eine stumme Verachtung
oder Hoffnungslosigkeit.

Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch
zwischen den Kochtpfen spottete die Mama weiter, offenbar um zu
belustigen. Da ist ja die Falle... Sie zog aus einem der fr
Arnold unergrndlichen Haufen ein Gitterwerk: Leer...

Das Musile lchelte die Gromutter, fast gutmtig. Was macht denn
mei Musile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frit en weg und
luft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.

Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber
ich hab Dir doch unlngst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?
Sie stie Arnold leise an, aber doch so, da die Gromutter es hren
mute: Sie wird sie verkauft haben...

Der Maurer hat mir geraten schwenkte diese mit natrlicher
berlegenheit ab ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab
ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.
Sie chzte. Wenn ich nur wieder gesnd wr und aufstehn knnt.
Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesnd sein, wenn mir Gott
gibt.--

Es klopfte.

Herein trat Frau Lichtnegger, eine groe hellblonde Frau im Kopftuch,
mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund
steckte. Sie wollte sich, wie tglich, nach dem Befinden der Frau
Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie nher, stie
aber pltzlich einen Freudenschrei aus: Nein, das ist ja unmglich.
Wenn Sie sie gestern gesehn htten, Frau Beer. Das ist ja gar kein
Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt
Freude, da Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.
Arnold verbeugte sich befangen. Die Gromutter sprach zu ihr wie zu
etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: Nehmen Sie
doch Platz, liebe Frau... und redete berhaupt so still und
sanft mit ihr, da man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht
recht vorstellen konnte wie geht's denn? Und zum Buben: No, mei
kleins Schekitzele. Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger,
wie sie sich heute fhle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr
absichtlich scheinenden Kopfschtteln. Kein Vergleich mit gestern
flsterte die Maurersfrau der Mutter zu.

Die Mutter brachte eben die warmen Wrstchen vom Herd, lud auch die
Gste ein. Man a von einem ausgebreiteten Papier weg ... Nun, Mutter,
was wirst du essen?

Ich hab ka Appetit.

Ein bichen Himbeersaft mit Kuchen.

Ich hab ka Appetit.

Aber du mut doch etwas essen, -- eine Grieskasch?

Vielleicht eine Omelette mischte sich Frau Lichtnegger ein und die
zwei Frauen bedrngten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so da
Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte.
Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.

Die Mutter war bs: Hat man dich gefragt?

Eppes hat mir heint getrumt sagte die Gromutter, an so
unvermittelte bergnge mute man sich hier gewhnen Sie knnen
auch zuhren, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt,
nebbich, da er mir hat erzhlt, wie damals, von dir, Regie...

Das ist es machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.

Er hat gerechnet auf der groen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt
reden von die Schler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf
ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen,
Kind? -- Ich mcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber
jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bil
was sagen?... und sagt ihm, die Regie, da irgendwo e Fehler is, auf
der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn
Lehrer Schmidt, und warst doch die jngste in der Klasse. Er hat
sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt,
so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bil was
sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwrdigen
Herrn selber erzhlt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbnk, und
der hochwrdige Herr hats dann mir erzhlt.

Die Mutter hatte nicht zugehrt und erkundigte sich, whrend Arnold
der Gromutter die Hand drckte, bei Frau Lichtnegger, was denn der
Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben,
so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn fr
Schtze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... Ja, das mut du
dir anschaun sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem
sie unter dem Kopfpolster einen Schlsselbund hervorzog. Acht
Schlssel und nur drei ganze Schlsser im ganzen Zimmer sie zeigte
auf die Kisten und was ist drin: ein bichen stinkige Kohle --
und das glaubst du, Mutter, da dir irgendjemand wegtragen wird --
und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, da dir der Deckel
in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hbsch
zugesperrt sind...

Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen,
in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und
fragte ganz harmlos die Gromutter: Wozu hast du denn die hbschen
Schlssel?

Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehrt oder beachtet, was
ber sie gesprochen wurde, und zhlte nun langsam, aber przis auf:
Der is fr die Almer, der fr das Fach in enkerem Kanapee... bis
alle acht richtig herum waren. Nun also warf er den Kopf gegen die
Mutter auf Was redest du also? Nichtwahr, Gromama...

Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzhlen, wie beschftigt
dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur
der alten Frau Goldberg zu Liebe...

Er kommt ja bald ... Wir mssen, ich mu aufrumen, das ist ein
Skandal fuhr die Mutter verzweifelt in die Hhe, sie hatte jetzt
schon zu lange geplauscht die Betten berziehn...

Leise erwiderte die Gromutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt
angeredet hatte: Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht
alles so akrat haben. -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich
sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kmmen. Nur allein
wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rckte ihr als
Sttze die Kissen an den Rcken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie
den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand
zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und
ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht
aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen lie,
so da sie sich wie kleine Fingerchen emporkrmmten. Arnold wute
nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren
uerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ...
Mhevoll legte nun die Gromutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab,
die sie bisher angehabt hatte, alle drei muten sie halten, an dem
gebrechlichen krummen Rcken, unter den weichen Schultern, und endlich
die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau
Lichtnegger in Beschreibungen von Gromutters Krankheitszustnden, als
sei sie gar nicht anwesend. Wenn nur der Schttel nicht wiederkommt.
Damit meinte sie den Schttelfrost. Gestern hat sie wieder so
einen Schttel gehabt und die immerwhrende, selbstverstndliche
Wiederholung dieses Wortes dnkte Arnold sehr einfltig, keines der
komischen Worte, die er heute von der Gromutter gehrt, zum
erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck
auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe
der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die
Gromutter erzhlt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute
nicht waschen knnen ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. Bis
zehn Uhr nachts, von frh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht
bald von hier wegzieht, so vergeht er. -- Pltzlich legte sie den
Finger an den Mund und hielt ein. Die Gromutter atmete langsam, sie
war eingeschlafen. Leise schlo sie: Das tut sie gern, wenn man
vor ihr spricht. Das tut ihr wohl. -- Und die beiden Frauen
berieten, eine Suppe mute fr die Kranke gekocht werden, eine
krftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett
verlie, trat auf Fuspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum
Doktor sehn wollten, da er recht bald komme. Er werde schon kommen,
war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den
Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so
gefhrlich. Frau Beer beschlo, ein gutes Stck Rindfleisch kaufen zu
gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen.
Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war.
Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und
wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflte dafr schenken, die er
fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lchelnd hinaus.

Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurck,
wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schn. Das Alter
hatte nichts Entstellendes, Unregelmiges in ihre verschrumpfenden
Zge bringen knnen. Man sah frmlich noch durch die Runzeln hindurch,
wie durch viele matte Glasschichten, unten das schne junge
lebensfrische Mdchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die
Mutter manchmal erzhlt hatte: da die Gromutter viele Verehrer
gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe,
von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den
reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jnger war als sie, den
Grovater, und mit ihm so unglcklich gelebt ... Was lag an all
dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften,
jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend
vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er
sie ansah, die Unberhrte, berfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie
leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen
Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was
man treibe. Nichts ist da, als da die Zeit vergeht, mehr kann ja
berhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun
auch pltzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er
sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos
-- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch
diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es --
beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue
Lust, sich ins Leben zu strzen, aus dem er mit vorschneller
Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben
und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein ses verlockendes
Gefhl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als wrde er aus einem
Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen
entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schlu ehrbar ein,
moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese
Dorfstube. Denn wohl fhlte er sich der Schlummernden verwandt, das
verstand er nun, dieselben Strme pochten auch in seinem Blut. Mochten
sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran --
nach allen Verwstungen wrde man seinem ergrauten Haar doch nichts
anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht
bs auf ihn sein -- so wie bei der Gromutter -- und die Ruhe in seinem
Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie
ohne Gedchtnis ... Nun erfllte ihn Stolz sogar, da er auf seine
lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mute nur nach dem Vergleich
mit der Gromutter zu solchen halbtoten Puppen zurckkehren wie diese
Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich
waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese
dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste
der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon
verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Groes fhlte er aus ihr
strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbststndiges und Unbewutes
dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten
Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf
so hoch trug, da man aus ein bichen Heldentum gar nicht so viel
machte wie jetzt und da das Andenken der Starken unter tausend andern,
ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nchte
konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen
Schrecken fr sie, so erfllt von ihrem eigentmlichen Leben war sie,
von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus
verklrte, o noch viel mehr als ein paar Schwchen gutgemacht htte.
Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: Ja, ja, dem Klugen
wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt -- und wie
in einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
Selbstbewutsein lste sich seine Schmach auf ... Pltzlich fand er
sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bsen in ihm zum Trotz,
fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus
betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich
jeden ihrer Zge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief
hineingesogen, so da an Stelle der Mundffnung in einer dunklen
Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und
die ber dem Kinn aneinanderstieen und sie paten auch zu einander,
schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt
entblt, da die Gromutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war
nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick
den jungen Mann tief erschtterte. Und das Erschrecklichste: die
Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie
etwas Schleimigtrbes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase
erschien ihm spitz, vom tiefeingepreten Mund aus aufragend, ...
vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber ihr Gesicht, sie
atmete. Zugleich sprte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer
bemerkt hatte, gepret, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen
erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
wird einmal einschlafen ... Und was wrde er jetzt sagen, der Vater von
seinem Komptoirtisch her: Du bertreibst alles ... Nun natrlich, er
bertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Gromutter schon wie eine
Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz
beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu
sehn, zu bemerken gab, gemtvoll zu umfassen -- oder nein, nicht
deshalb, das berquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses
Gefhl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte
er zu berlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der
Schlafenden, seit er berhaupt begonnen habe zu denken, seit
frhester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer
nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr fr
ihn...

Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch
trug sie, Wein, eine Sardinenbchse, -- das wnschte die Gromutter
immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen
Blick: Flhe mag es da geben, nicht wenig... Dann war sie wieder
durch ein Bndel mit Strmpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie
sich setzte. Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft
hab. -- Ich mu ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst
trgt sie sie ewig. Ihre Blusen mut du mal sehn. Geflickt, wie ein
Regenbogen... Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen
eine Suppe zu kochen.

Arnold wagte es: Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz
richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie mchte sich halt
lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als da du
ihr die Ordnung strst...

Aber wer soll's denn machen! Sie wrde ja im Schmutz ersticken
erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.

Da erwachte die Gromutter: Ich hab e Naches, da se fort is.

Wer denn?

Die Orlte, die dumme, die Reschainte...

Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: Aber so darfst du doch
nicht reden. Was fllt dir ein. -- Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.

Der Schlag soll sie treffen zrnte die Greisin, jetzt lauter als
bisher whrend des ganzen Tages. Was kommt se her und redt und redt!
Lauter Stu. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von
e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und
Geschmus. Sie griff sich jammernd an den Kopf: Mei Seide-Mach.

Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder
lustig. Die Mutter fhlte ihr den Puls. Das Fieber hat nachgelassen.
No, geht's nicht besser?

Die Gromutter schttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden
Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, -- sie war gegen
ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem
fr ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: Wenn nser Herrgott
mich nix gesnd sei lot und nix verdienen lot, so soll er mich ach
nix leben lassen.

No das mut du ihm schon selbst sagen lachte die Mutter per Telephon
vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als
ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.

Arnold befrchtete Zank. Die Gromutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit
berwunden und meinte liebenswrdig mit einem ironischen Lcheln, fr
das man sie htte kssen mgen: Gt, nchsten Schabbes wer ich's ihm
sagen.

Da hab ich dir was feines gemacht. Das Sppchen, das die Mutter im
Topf heranbrachte, duftete. Willst du nicht einmal versuchen...

Eine gndige Antwort mit zimperlicher Stimme: No jo, e bil...
Offenbar hatte sie einen tchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon
in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.

Bil Salz hinein.

Nein -- ka Salz -- Salz reizt doch. Und sie hustete affektiert.

Aber es wird keinen Geschmack haben.

Statt der Antwort nahm die Gromutter das Tpfchen und fhrte mit
sicherer Hand, ohne zu zittern, den Lffel an den Mund, nachdem die
Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. Was is dos fr e Supp?
fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.

O je, wieder was nicht recht.

Aber Mama wandte Arnold ein du verstehst das schlecht. Die
Gromutter fragt doch nur, was das fr eine Suppe ist, den Namen
mchte sie gern wissen, sonst nichts.

Du wirst mir die Gromutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es
schmeckt dir nicht?

Aber ja... sagte die Gromutter einfach und lffelte weiter Was
fr Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft?

No Rindfleisch, vom Krbelwirt. Das ganze Stck sie brachte es vom
Ofen kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist nmlich noch aus dem
billigen Land, mut du wissen wandte sie sich an Arnold.

Wirklich nich teier lchelte die Alte, sichtlich erfreut Ja man mu
sparen mit dem Geld ... Wat de, Geld wenn wr nur Geld -- aber Geld
is alles...

Arnold erinnerte sich pltzlich, da die Gromutter a und die Mama
ihr freudig zusah, da er ja Witze erzhlen sollte, unterhalten, --
bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und
zugehrt, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung
und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was
die Gromutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgeme Fragen, ob
das Geld auch in der Bank liege u.s.f., unterbrach sie ihn ...
Das Gesprch wurde nun immer lebhafter, whrend die Gromutter immer
wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen
Besuch bisher als ganz auerhalb seiner Welt und stdtischer
Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fhlte sich jetzt fast
wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau,
das mit dem Kchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu
tun hatte. Die Gromutter erzhlte von ihrem Beruf und wie man sie
berall gern sah. Frau Goldbergen rief man ihr zu wenn sie vorbei
ging was kmmen Sie nit a bil zu uns rein. Wir brauchen Scherzen,
Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n. Eine Bemerkung Arnolds
aber, da sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mifallen. Ja,
viel Meloche, wenig Broche antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie
fort: Hst e Geschmack von e Supp gehabt!

Sie schmeckt dir nicht gut? rief Arnold besorgt.

Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.

Nun hielt er den Moment fr gekommen, sein Gedchtnis nach Witzen
zu durchsuchen. Was ist das? Es ist wei und hat keinen Kopf, und
trotzdem schaut es gab er auf. Die Gromutter dachte nach, ernstlich.
Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf
von e Gans. Er lachte: Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben.
Ein Unterhosenbandl ist es. Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber
den Sinn nicht zu verstehn: Ja in der Stadt, do habts ihr so
verschiedene Wrtlach. -- E komische Supp, was das is. Habts ihr immer
solchene Suppen?

Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins erklrte die Mama.

Arnold vermittelte: Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz
beruhigend aus.

Sie sah ihn nher an und jetzt erst fiel ihm ein, da er nach
halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blhend sein mochte. E bil
schmal sagte auch sofort die Alte Schlafst du denn geng? Schlaf is e
Wohlttigkeit fr e schwachen Menschen. Regieleben als bemerkte
sie es jetzt zum erstenmal eppes dick biste geworden. Dicker
mute nix werden, das ist nicht gesnd. So kannste bleiben.

Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben
sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich pltzlich
mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergnglichseins
versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie
vorher auch nur als Andeutung gefhlt hatte, ohne da ihm brigens
dabei irgend ein neuer, in Worte falicher Einfall kam.

Indessen aber, whrend er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte,
hatte die Gromutter zu erzhlen begonnen: Marie nebbich hat ach immer
eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab lngst gemant se
schlft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bil schcker war er
vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn?
-- Von Genofeva, sogt sie...

Die Mutter flsterte: Genofeva. Schne Lektre haben wir gehabt,
was? -- Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche
Kinderbcher und Mrchen berhaupt wieder fr wertvoll hielt, fand ihre
Bemerkung unverstndig. Dagegen berraschte ihn dieser fremde Name im
Munde der Gromutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!

Sogt sie -- von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zgetragen hat.
-- No warm hat sie ihr denn Milch zgetragen, sagt Poldi. Und die
Gromutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der
Schwester spttisch nachmachte. Aber mir scheints, wenn du nicht
bald schlafen gehst und aufhrst zu wanen und die Lampe auslschst,
so hau ich dir das Buch aufn Schdel nauf. Die Stimme brach ab, in
einem kleinen Gelchter.

Und was hat sie gesagt? fragte Arnold, obwohl er fhlte, da nichts
mehr zu erzhlen sei, nur um diesen angenehmen Flu der Erzhlung
weiter zu hren.

Nu, was soll se gesagt habn setzte die Gromutter wie improvisierend
fort Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und
les weiter von der Hirschkuh... Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende
gegessen und rief pltzlich, ganz laut: Pfui Teixel! wie einen
herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem
Ruck aufs Fensterbrett stellte.

Aber was ist denn? die Mutter eilte herbei. Als das Gesprch auf die
verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.

Zornig fuhr die Gromutter auf: E schne Supp haste mir gekocht! Aus
Ferdeflasch? Was?

Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den
Schlsseln hatte sie Unrecht gehabt. -- Und er beeilte sich: Was fllt
dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst
du nur so etwas denken! Indem er es aussprach, schien es ihm immer
unerhrter.

E guter Omensager biste fuhr ihn die Gromutter an, dann schwieg
sie eine Weile. Was kafste ach beim Krbel. Der hat doch lauter
verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei,
den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.

La sie nur scherzte die Mutter, etwas bitter. Sie wird sich schon
wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie
knnen sich inzwischen ein bichen allein so weiter unterhalten, wenn
Sie Lust haben.

Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er
ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, da er den Wunsch nach
einem bessern Abschied nicht unterdrcken konnte: Schn hast du es
da, Gromutter, gleich mcht ich bei dir dableiben, fr immer, nur
noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn
vorn...

Sie lchelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in
ihrem Innern eben die zrtlichsten Dinge vor: Ich bin ka
Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die
habn immer Blumen gehabt und gegossen, da die Stub voll war. Mit
ihre neie Hte haben se das Wasser getragen von der Pump.

Da haben sie wohl Schlge bekommen. Er reichte ihr noch einmal die
Hand.

Sie drckte sie und machte dabei ein gutmtiges, aber erzieherisches
Gesicht: Das mu sei. Die Mutter war schon hinausgegangen. Also
Adieu, wir kommen bald wieder. Et nicht beim Krbel rief ihnen die
Gromutter noch nach dort is gro Jackeres.

Als er auf die Gasse trat, mute er ein wenig die Augen schlieen, so
fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu
etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch
eine Welt auer dieser grauen alten Stube? Die Strae mifiel ihm. Das
Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengren aufwachsend, stellte
sich wie ein Schatten berallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger
war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise
wichtig. Er htte fr sie sterben mgen, so begeistert war er ...
Die Mutter redete neben ihm her: Nicht zuhren kann ich, wenn sie
von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern
Hten. Ich glaube, wir haben berhaupt nie Hte gehabt. Immer spricht
sie so, als ob sie uns alles in berflu gegeben htte. Gute Schlge,
ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber
das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie
uns alle mit so frchterlichen Worten verflucht hat: -- da sich alle
dir abwenden und da du allein und einsam sterben wirst, das wird
dein Fluch sein ... Und so wird es und mu es ja kommen, Gott im
Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslschen...

Arnold fand solche Reden bertrieben, sagte sich aber, da die Mama
Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen ber lange Zeiten
und Rume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern
Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama htte er die Gromutter
vielleicht berhaupt nur fr eine fidele gute, etwas wetterwendische
alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, -- und nun, unter Mitwirken
der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch,
so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran.
Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen -- warum habt ihr denn gerade
den genommen, der am meisten zu tun hat?

Die Mutter erklrte, die Gromutter habe vorgegeben, zu keinem
andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz
richtig, woher dieses Vertrauen rhre: Heiger war der billigste
Doktor im Ort, der Armenarzt ... berhaupt habe sie schne Dinge
erzhlt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die
alte Frau Goldberg immer mhsam mit ihrem Pack die Straen hatten
hinaufsthnen sehn, auf die Idee gekommen, fr sie eine Kollekte zu
machen, zu Purim, eine Idee, die von der Gromutter mit wahrhaftiger
Begeisterung begrt worden sei. Und erst die Drohung der Frau
Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn
schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedrftigkeitsrolle
aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Ha ... berhaupt liebte es die
Gromutter, sich als ganz arm und almosenwrdig hinzustellen, die
Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn
sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese
elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen
aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialitt; denn von dem
Magenliqueur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn
zu den hchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen fr die neue junge
Welt ringsum noch so mige waren, da sie berraschend viele Kufer
fand. Lauter solche Sachen, ber die man lachen mte, wenn sie nicht
so traurig wren. An Markttagen bewache sie das Geschft einer gewissen
Frau Heller, nur um einen Glden nebenher zu verdienen, und wenn sie
dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da pat sie
gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen Klte habe sie sich
neulich eben diese Halsentzndung, den Husten zugezogen. Viel braucht
es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter. Und von hier aus
kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurck, ob man nicht die Stube bald
weien lassen msse, und wie das anstellen...

Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold
htte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark
interessierten, weitererzhlen lassen, wre ihm nicht sogar in dieser
provinzialen gebirgsstdtischen Gaststube die Erinnerung an seine
Schandtat von der Wand entgegengesprungen, -- auch hier das groe
Plakat des Rivalen Paulhans in den primitivsten ergreifendsten
Farben. So kam es, da er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung
bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien
es ihm pltzlich, als msse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen
sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und
sich immer nur so selbstverstndlich auf das Schlimmste gefat gemacht
hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdchtig
angeschaut, hier sa er doch, der Obmann des schnen Konsortiums, nein,
es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg
seines neuen, von der Gromutter beschtzten Lebens ... Herr Krbel
selbst brachte das Blatt, freundlich lchelnd. Gleich oben das
Telegramm: Ponterrets Flug miglckt. Der Aviatiker landet nach einem
Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pbelausschreitungen an der Kassa. --
Das eingeklammerte Wort Sprung verdro Arnold ganz besonders, wie
eine persnliche Unbill, konnte man denn nicht ein bichen
menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in
der Redaktion! -- Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein
fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich
glcklich, da er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein groes
Unglck vermieden habe. Die Tribnen seien in Gefahr gewesen ... Mama,
ich fahre heute abend nach Hause. Er war pltzlich mutig geworden,
sah der Gefahr ins Auge wie einer hbschen Aufgabe. Natrlich, was
sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, da du's nicht
lange aushalten wirst. Er a schnell auf: Jetzt geh ich aber
zunchst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Gromama, da ich bald
wiederkomme. -- Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das
denn? Ich knnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist
dort. -- Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die
Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem
heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklren -- und recht
schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: Von
Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die
Gromutter verliebt, frmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie
ist ja so brav...

Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedchtnisses
her: Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bichen zusammen.




IV.


Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die
hindurch man nahe Wlder zu spren glaubte, fiel ihm ein, da er
heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch
keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn,
noch gestern htte er es fr unmglich gehalten. Vielleicht hing auch
seine eigentmliche Verwirrung damit zusammen, die ihn frmlich
hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich ber das, was er sah,
Gedanken zu machen. Die Huserfronten liefen nur so wie lange
Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es
nicht, ob er ber breite Pltze schritt oder durch einen Park, an einem
goldglnzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, da hier und da,
mitten zwischen eleganten Husern, auch noch solche Schindelhtten
standen, wie die der Gromutter, fiel ihm auf, dann da die meisten
Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben
waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch
beschftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn
und wiederholte sie oft an Vorbergehende: Wie komm ich hier zu
Doktor Heiger? Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern,
eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite
Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus,
immer mit summendem Gerusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf,
die ihn daran erinnerten, da er noch in sterreich war, wenn auch
nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte
er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten
(aha, der Export). Dann trat er in ein menschengeflltes Wartezimmer
ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf.
Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brten direkt vor
der Tr ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit hchster
Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in
bequemen Fauteuils saen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen
in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich,
er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: Ja, bei Doktor
Heiger da mu man sich in Geduld fassen. Ist er drin? fragte
Arnold. Ich wei nicht. -- Was fr idiotische fischbltige Leute, sie
kamen ihm wie seiner unwrdig vor, er hatte das Gefhl, als errege
er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um
sich, obwohl er uerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine
Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Gromutter. Was war es
denn eigentlich, was ihn an ihr so entzckte, diesen Brgern hier so
Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, da
ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen frmlich
widerlich gewesen wren. Man konnte es auch nicht als Tchtigkeit
oder als Ehrwrdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht
so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewuter und
derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das
wollte nicht ganz stimmen. Und was htte sie gesagt, wenn er
hnliches zu ihr selbst geuert htte? Was fr Augen htte sie
gemacht? Wofr hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je
darber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofr es in
keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht--,
nur dunkel fhlte er, da sie unterhalb der Zuckungen seines
forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte,
Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff
und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare
Plne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und
von hier an ein neuer Sinn zu geben wre, Funken ins Pulverfa, ja
selbst genaue Entschlsse fr die nchste Zukunft, an die er aber
sofort wieder verga im Bewutsein, da sie ihm auch so unverloren
nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand uerster
Verwirrung und Ordnung zugleich, hnlich einem guten Schler vor dem
Examen, in dessen Kopf alles gegenwrtig ist und doch nichts
fabar, und dieses nicht Fabare, nicht Sichtbare wieder nicht in
starrer Ruhe, sondern in unaufhrlicher Bewegung wie unter einer dnnen
Hlle kreisend und in solcher Menge, da nichts vortreten kann auer
auf einen uern Anla hin, aber dann wird schon das Richtige in Hlle
und Flle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt
dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schpferischer
Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen
nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung
starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und
nur ganz oberflchlich, ohne da es seine Seele in der eigentlichen
Arbeit strte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, da diese Aussicht
nicht sehr schn sei -- oder da das Bild dort an der Zimmerwand
Apollo und die Musen oder den Athenenzug vorstellen mge, kurz
etwas Klassisches und da es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor
gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand fr ein Darlehn
gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was fr Dinge brigens!
Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde
Kultur ... Pltzlich dauerte es ihm zu lange. Er strzte wieder aus
dem Zimmer, in die Kche, gab der Kchin ein Billett fr den Doktor und
lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch
dekorierte Huser, Musik. Das Schtzenfest, ach so! Was fr ein
naiver Unsinn! Deutlich fhlte er, da dieses helle, blonde,
einfache Treiben nicht seine und seiner Gromutter Welt war. Fr
Bobenheim htte das gepat. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte,
wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drngte er
sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt,
als man ihm hflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, da er sich
eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Gromutter zu Ehren. Er
kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er
die Frau berhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus
eigenem Antrieb. Er kaufte beschmt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ...
das alles nur, whrend im Innern seine Seele nach ganz andern
grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung
der Greisin nherte, desto mehr klrten sich seine bis zur Qual
verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde
herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen
Fupfad und Gromutters Htte in demselben Augenblick, in dem er
an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fupfad und die Htte
erblickte.

Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flchtig zur Seite in die
Vorderwohnung, wie anstndig und rein konnte es also in so einer
Htte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
Gang, wo berall leere rtlich durchscheinende Lagerbierflaschen
standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch
unbekannt, so von Zrtlichkeitswolken erfllt. Er stie an ein groes
umgestrztes Holzschaff, endlich fand er die Tre.

Ein berraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saen und
standen am Bett der Gromutter und plauderten mit ihr in einem solchen
Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, da nichts zu verstehn
war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war grer, die Wangen
in einem natrlichen Rosa, die Falten milder. Nu, kommste doch, jech
hab scho gemant, d kommst nix mehr.

Er mute sich entschuldigen: da er beim Doktor gewesen war und Obst
gekauft hatte. Die Gromutter nahm seine Hand und schaute ihn
liebevoll an: Ganz schn wr's doch, wenn du ach noch daz e
Madele httst, Regie. Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an
Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee sa. -- Ich dank dir war die
unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, da die Mutter
rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natrlich,
sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu
einem ausgiebigen Zank bentzt. Zuerst war die Gromutter ohne
sichtbaren Anla, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten,
hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle
ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe.
Darber natrlich war die gute Mama in Rhrung und unendliche Trnen
geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfgigen Sache, die Mama
wollte ihr eine Schssel mit Sand ausreiben, habe die Gromutter wie
verrckt geschrien: Ich wa, du willst, ich soll sterben, und just
tu ich dir nicht den Gefallen. Darauf seien die Freundinnen gekommen
... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank,
die Sardinenbchse habe sie ber Mittag fast leer gegessen, sie
esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold trstete
sie, er fhlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame,
seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders
auffate als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch ber
diesen neuen Vorfall eine schwer erklrliche Freude an der Gromutter,
wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht.
-- Und da sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jngere
rstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm
zu blicken wagten, da ihre enge Stube menschengefllt war: ri
ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und
nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: Es is Wochenmarkt heunt
und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das
regelmige ttige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte
sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lstigen
Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wrmt.

Die Mutter wollte die drei mit stdtischer Hflichkeit hinausbegleiten,
knpfte ein Gesprch an, aber vom Bett her flsterte es: Lo se
geihn. Gib ihnen ka Tschwe, -- auch im leisen Reden wurden die
betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen
Noten gleichsam.

Also der Doktor kommt gegen fnf Uhr sagte Arnold, als sie allein
waren.

Aber kaum hatte sich die Tre geschlossen, so begann die Gromutter
in den erbittertsten Tnen von diesen Frauen zu sprechen, von der
einen besonders, die sie soeben noch mit mei goldene Frau Keller
angeredet hatte. Verschwarzt soll se gehn rief sie, auf Arnolds
Erkundigungen. Flchtig erinnerte er sich an seine unwillkrliche
Doppelzngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht
zutreffen?... Die Mutter aber war ber dieses Benehmen entrstet:
Schmst du dich nicht. Aber der alte trockene harte Krper schmte
sich nicht, er erklrte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm
schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies
abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: Mei
Zores, mei Kopf ... Was fr Sorgen wandte sich die Mama ziemlich
derb an die Gromutter du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken
wir dir. Wenn du mehr willst, mut du uns nur zwei Worte schreiben.
Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu
gehn. Ein Projekt kam zur Sprache, das die Gromutter schon einmal
vorbergehend gebilligt hatte, nmlich: sie solle ganz zur Frau
Fischmann, zu einer der drei Freundinnen bersiedeln, dort zur
Miete wohnen. Die Klafte schrie sie, da die Kissen sich bewegten
die rotzedige Klafte! Nicht herauszubringen, woher dieser Groll
sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses
Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spt
schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den
Topf bentzen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle
selbstndig bleiben. Und sie fgte hinzu, wie erdichtend, um ihren
Worten mehr Nachdruck zu geben: Die Fischmann, die is doch gechitzt.
Die is doch plem-plem und fuhr mit der Hand, mit gekrmmten vier
Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.

Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzhlte ihr Arnold, da er bald
nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen,
da er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontr fr ein Jahr
eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn
wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, da
er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten
annehmen knne und, obwohl er das nicht aussprach, verlie ihn der
Gedanke nicht mehr. Gib nur schn acht und sei gesund. Da is ach z
der Hausfrau neilich e Mdel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar
Tg is se gestorben.

Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst spter, als von
etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, da Luftvernderung das
Bindeglied gewesen sein mochte.

Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Gromutter, gesprchig
und bei allen Krften, schien nur Anlsse zu neuen Erzhlungen zu
suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold
als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich
mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die
mhelos ihrem ungetrbten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entstrmen
schien und dadurch den Hrer unmittelbar einnahm. Arnold verglich
sich freudig mit ihr. Seh ich der Gromutter nicht hnlich? fragte er
die Mutter. Ja, es sei auffallend. Aber wie willste mir hnlich sei
lachte die Gromutter. Ich bin doch bald iber hndert Jahr und du
nur e Ableger noch. Wie alt bist du eigentlich? mischte sich die
Mutter ein die Gromutter macht sich immer lter als sie ist, auch so
eine Laune. Aber die Gromutter wute gar nicht, wie alt sie sei, es
war ihr auch gleichgiltig. Ich mcht scho gern weg. I war lang geng
do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach. Seltsam, da solche
Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwchten, eher
verstrkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne
direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzhlen
der hat mich emol im Theater aufgefhrt, der gute Jermige, alles hat
er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im
Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals
in dem Stck, selig, wenn man noch jung is. Warm denn, hat man
gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch
auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie
halt Theater is. Du interessierst dich also auch fr das Theater
fragte Arnold, innerlich erbebend; was fr eine verschollene
Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen
Leben erwacht sein! Die Gromutter! Na und ob sie sich dafr
interessiert lobte die Mutter. Das hab ich per Jerusche und sie
kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen
mit ihren Leidenschaften, von denen lngst keine Spur mehr auf der
Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische,
Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften
ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn
mchtig aufwhlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Groeltern, die
Groeltern der Gromutter, gewohnt und dort in dem Packerl mte noch
ein Stck Tuch aus Lichtenstadt sein. Ihre Einbildungen flsterte
die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode
entrissene Person selbst ein Kind und erzhlte, wie sie einmal auf dem
gefrorenen Dorfteiche geklitscht hatte und dafr Schlge bekommen.
Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn
Kinder hatte, neun Shne darunter, und trotzdem sei die Mutter
hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung
damals fr ihn zusammengeschossen hatten, um ihm frs erste zu
helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem
Schmerz. Die Lait habn damals gemeint, das mu so sein. Und mit
einer Art von Aufklrung erzhlte sie die damaligen Sitten, wie man am
Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von
Arbeit gedeutet wurde, eine Newere, ja die ganz Frommen trugen ihr
Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu
mssen. Aber gewuchert haben sie dabei tadelte die Mutter, ernst
und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreien drfen, fuhr
die Gromutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand
diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrcke kannte er nicht, erst
spter stellte er es sich so zusammen, da dieser jemand die
Mutter der Gromutter gewesen sein msse) in den Tempel gegangen,
durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn
mssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn knnen,
eine Rotbeere zu pflcken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und
darauf sei sie, die Gromutter, mit einem hlichen Muttermal in
Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie
sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer
gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. Davon hast du mir
aber noch nie erzhlt wurde die Mutter mitrauisch. Arnold zeigte
auf einen roten Fleck an ihrer Hand: Ist es das?, aus Respekt wies
er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf
den kleinen ein und streckte diesen vor. Nein, das hob ich mich
verbrennt, neilich. Sie wurde nicht irre, und kam nun in der
Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. Marie, mei
guts Schof rief sie pltzlich und Trnen standen ihr im Aug Nebbich
hat sie vor mir heruntergemut. Was htt ich nicht getan fr das
Kind! Auch von ihrem Zank mit Poldi wute sie nichts. Er war zwar
ein ungehachelter Kerl, ein Parchkppele, aber was lag daran, einen
Jux wute er zu machen und lustig war er, das war doch die
Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, da er beim Alcheten, dem
Sndengebet, bei dem man sich als Ber zeilenweise auf die Brust
klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt
habe: Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten. -- Sie lachte
hell wie Glckchen, whrend sie das erzhlte. -- Ja, einmal habe er
ihr geraten, mit ihrer Stubentr aufs Gericht zu gehn, weil das ihr
Haupt- und Kassabuch sei. -- berhaupt, wenn er nur Zeit htte, er
wrde schon kommen, er wrde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter
senkte traurig den Kopf. -- Poldile, wie haben se den gern gehabt.
Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie
gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski.
Einmal aber hab ich gedacht, ich mu ihn holen und hab mer 'n Lffel
genommen, den groen zum Auswinden fr die Wsch und hab gedacht,
ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt,
bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den
Lffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt. ... Was, du bist
geblieben Arnold ri die Augen auf ... Nur e paar Stcklach
entschuldigte sich die Gromutter Jo, das war nicht so wie die
heutige Welt. -- So du glaubst auch, da es frher besser war fragte
Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren
geht, also auer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen
wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm
Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu
belstigen. -- No, es waren halt zugetanere Lait. -- Als er aber
weiter drang, mit Wie und Wieso, schnitt sie ab: Was, ich hab mir
nix den Kopf damit eingenommen. -- Aber oben auf dem Boden habe sie
einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi
und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe
sie darauf aufmerksam gemacht, da Poldi sich jede Woche frische
Schuhe anmessen lasse. berhaupt habe er lauter solche Tipplach und
Sterzlach gemacht. Auch Ware ber die Grenze geschwrzt, und das
ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig,
es werde ja eben in Wintertal ein Schtzenfest gefeiert: Nun,
mchtest du nicht auch mit dabei sein, Gromama? -- Es wird ohne mir
ach gehn. -- Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht
unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern? -- Ziemlich gleichgiltig
wandte sie sich ab: Warm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim
gewesen sein. Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, da das
jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und
Christen. La mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch
nur wieder ber die Jehudim her. Es hat immer noch fr uns e miesen
Ausbruch genommen. -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern,
erzhlte ihr Arnold, da er in einem Komitee sei (verstand sie das
Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und da man sich
da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert,
alle mit einander. Ja, das knnen se, fressen und saufen, die
Chaserim. Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch,
indem er ihr von einer Freikarte erzhlte, die er als Mitglied des
Komitees habe, fr alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst
gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatschlich hatte die
Eisenbahndirektion den Ausschuleuten Ermigungen fr die Strecke
nach Waldbrunn gewhrt.) Nu, das is schn er hatte das Richtige
getroffen da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht
wahr. Er lachte: Nein, das geht nicht. Und die Gromutter
erzhlte, wie ihr einmal fnf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt
htten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen.
So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem
Gedrnge, sie habe sich aber nicht wegdrngen lassen, bis ein Herr
hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fnf Kreuzern -- die alte
Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervs
zusammen, Arnold amsierte sich, dabei fhlte er aber, da er etwas
vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprchs, so
schnell ging es jetzt. Whrend die Gromutter weiterplauderte und
immer so vergngt, als entschdige sie sich jetzt fr langes
Alleinsein, fiel es ihm ein: Aber hier hast du dich ja nicht zu
beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene
Leute zu sein, und alle so schn. No ja meinte sie selten sieht
man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Bhmacken hier, so ein
Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was
frher hat e Glden gekost. Sie entfesselte laute Anklagen gegen die
Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er
vorher hatte fragen wollen: Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt,
was? Zuerst verstand sie ihn nicht. Mehrere Regierungen von
sterreich. Das wute sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krnung
gesehn: Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen
und Neugierigkeiten. Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein,
dann die Trken und Russen. Meinthalben sollen se sich die Kppe
herunterschlagen, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie
wute alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr
Blick sei beschrnkt. Wie kam es trotzdem, da alles, wie es in ihren
Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentmlichen Anschauungsart trug.
Arnold htte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie
also auf seine neue Krawatte aufmerksam. Sehr schn war das Urteil,
nach einer strengen Pause jedoch folgte: aber so verwndlich. Ja,
da mut du dich in Acht nehmen lachte ihn die Mutter aus. -- Tut
nichts, wir haben uns doch gern rief er und strich ihr ber das Haar,
das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zpfen geschlichtet
war Ich hab eine schne Gromutter.

Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen.
Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was
diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr
sofort auf. Auch Arnold untersttzte und es war eine ziemlich schwere
Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmhlich
vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum
erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten
Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie
aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz
gewlbtem Rcken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen
den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich
zu beiden Seiten am Bett und am Sessel sttzte, nur so fortschob. Man
brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dnn, doch an manchen
Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues
Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel aufstreifte, sah man die Haut
bis zum Ellbogen in zahllosen regelmigen Furchen, einem
schwachgewellten braunen Meere hnlich, dnn, beinahe durchgewetzt
und so lose, ber dem mageren Fleisch, da sich diese Faltenwellen
zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie
keuchte und bckte sich immer tiefer. De F, de woll'n halt
nimmer. Die Mutter hielt sie fest, hllte sie in die schwarze Jacke
ein und fhrte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rcken in
der Tre verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein
flchtiges unklares unnatrliches Gefhl wie von Sinnlichkeit, diesem
widerstandsfhigen Krper gegenber, dieser historischen Schnheit in
all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf,
um es zu verscheuchen.

Nach einer Weile kehrten die beiden zurck. Die Gromutter setzte sich
auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. Aber du willst es
doch nicht haben, das Kanapee widersprach Arnold. Sie hielt es nicht
fr ntig, ihn aufzuklren, obwohl ihre Miene sehr verstndig, gar
nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden
Guckfensterchen hinaussehn, das eine fhrte gegen ein mehrstckiges
Hofgebude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz
durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grne Pumpe,
ein Grtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie
sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu fhren pflegen ... ber
jedes Fenster wute die Gromutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch,
ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Tchter, von
denen die lteste an einen Juden verheiratet war und so glcklich, da
die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die
Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, da sie ihr ein
Pulver gestreut habe, aus Asis, wovon sie eben den jetzigen Husten
habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. Oine mit Moine. Ihr
Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt
war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen
und habe es ja auch nachtrglich zurcknehmen wollen, aber da war es
schon mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine
kommt daz, der andere davon ... Arnold flocht ein, was er ihr schon
vormittags erzhlt hatte, da auch einer seiner Freunde jngst ein
groes Geschft gekauft habe. So? Das hatte sie schon wieder
vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedchtnis kam sie wieder auf
frhere Dinge zurck. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis
Frau nur Nickelsupp vorgesetzt (womit sie Kaninchensuppe
meinte), whrend die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte.
Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschttelte die Mama ...
Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst
siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal
sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurckgehn lasse.
Aber da sei sie, die Gromutter selbst, aus Wintertal herangefahren
und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, da ein
Mdel koscher kochen knne, das Fleisch tchtig einsalzen und da
sei ihre Regie die Richtige ... Eine Idee hast du gehabt, da ich
berhaupt verlobt bin! Ja viel gekmmert hast du dich um uns sagte
die Mutter, mit zrtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit
Himbeersaft vom Kstchen nahm Willst du nicht ein bichen? Sonst
trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzhlen. -- Hast e
Geruschber! Stell das Tippele hin. -- No ein bichen. -- Aber
Mama, du mut doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel
hinstellen befahl Arnold mit komischem Ernst.

Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann
mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lchelte: No, Mutterle,
wieder ganz beinand. -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama
kannte ihn schon von frheren Krankheitsfllen her: Nicht sagen
lt sich die Mutter, sie folgt halt nicht. -- No, wir werden sehn
erwiderte der Doktor, fhlte den Puls: fieberfrei. -- Die Mutter
will die Medizin nicht nehmen klatschte ihm die Mama. -- Medizin
mssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht. Er sprach laut und
eindringlich zu ihr, wie man gewhnlich zu ganz alten Leuten spricht,
er drohte beinahe das geht nicht, doch, wie es schien, ohne auf
besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ngstlich und folgsam.
Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als
sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er
lie sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: No,
hammer uns wieder aufgerappelt, was? und legte seinen Kopf an ihren
Rcken. Nach vorn gebeugt sa die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen
ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, whrend der Doktor, immer den
Kopf an ihrem Rcken, mit dumpferer Stimme redete: Was wollen Sie
haben, gndige Frau Beer, man mu sie lassen, sie wei schon selbst
was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh fuhr er in
vernderter Stimmlage fort, whrend er den Rcken der Gromutter mit
einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krmmung
hervorschnellen lie Nein? und hier? Ein bichen. Und hier?... Wie
viel Kinder haben Sie gehabt. Vier war die Antwort mit schwacher
befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen
Arnold hin, nein, was sich diese Gromutter schon alles einbildete, sie
waren doch nur drei gewesen. Ans is tot zur Welt gekommen sagte die
alte Frau, ihre Gedanken erratend. Davon hab ich aber bisher kein Wort
gewut flsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben
geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin
beiseite, richtete er sich auf: Ein Vergngen, das Mutterl zu sehn. In
meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Flle vorgekommen, was
glauben Sie. Keine Spur von Altersschwche. Gehr, Gedchtnis, Augen,
alles intakt. Sie knnen von Glck reden. Was spricht er, dachte
Arnold, er tut, als wre die Gromama gar nicht vorhanden, und
trotz all seiner Gemtlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der
Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun
gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich
breit machte mit Sechs-Uhr-frh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr,
und dann noch die Gutachten fr Gerichte, Versicherungsanstalten,
das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange
es mit der Krankheit noch dauern knne. Husten Sie noch? wandte
sich der Arzt an die Gromutter, der die Mama indessen wieder ins
Bett geholfen hatte. Ja, e bissele. Ich werde Ihnen ein anderes
Mittel aufschreiben sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die
Fllfeder und sein Ledertschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte
es aufs Knie und schrieb. E Mittel mecht ich habn, unter die Erd
zu kommen sagte die Gromutter, wie aus einer andern Welt her, und
schaute ihn dabei mit einer gewissen berlegenen Schalkhaftigkeit
an. Aber Mutterle, ber der Erde ist's doch viel schner ... Nicht?
wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama ber der Erde
ist's doch viel schner, was glauben Sie. Er zeigte lachend seine
groen weien Zhne und meinte noch, sachlich: So lange sie hustet,
ist's gut. Der Schleim mu heraus ... Ja, gestern wie ich hier
war, da hab ich nicht gemeint, da sie sich so schnell wieder
herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt
manchmal auf, es ist noch nicht gengend beobachtet worden, in den
medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darber, nur ein
Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei
lteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreiig,
vierzig Grad, man meint, jetzt mu die schnste Influenza kommen,
mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines
Fieber und vorbei, aus. In Arnold erwachte fr einen Moment die
Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gesprche mit seinem Freund Lb:
Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht
darber schreiben? -- Der Arzt sah ihn frmlich mitleidig an: Ich
und schreiben! Wo hab ich denn Zeit und er kam auf seinen seltsamen
Studiengang zurck, beinahe wre er Dozent geworden, nun, man
wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein grtes
Vergngen, da fhle sich der Mann. Von frh bis Abend zu tun.... Die
Mama war beunruhigt: warum er bei so einem groen Einkommen nicht
heiratete ... Er lachte krftig: wozu er das ntig habe, ihm fehle
ja nichts, er sei zufrieden ... Dos da mischte sich jetzt die
Gromutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war Dos da
is e Kppile, mei Arnoldele, der is ach tchtig, der hat Chochme, er
schreibt ach in Zeitungen. Das hatte ihr die Mutter erzhlt und
jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors
vor. So, das interessiert mich aber sehr wandte sich der Doktor
an ihn und redete lngere Zeit darber, da er sich nicht oder
doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: Was fr
ein Genre kultivieren Sie? Er werde von nun an achtgeben. Bei der
Erwhnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu
sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im
Jahr mu man tchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang
auch noch als Nimrod zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde
und Arnold sagte sich, da er freilich auf diese Art mit seinen
Patienten bis Abend nicht fertig sein knne. Doch sofort korrigierte
er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das
betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner
Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch.
Die Gromutter schien er allerdings ber seinen Erzhlungen etwas
vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu:
Was wollen Sie! Sie sind die Gesndeste hier im Zimmer. Sie werden
uns noch alle berleben. Im Weggehn stie er an die Kohlenkisten
und, als msse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger ber ihn
berichtet hatte, lie er zum Abschied den Witz fallen: Nun, was
fr Schtze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im
Mrchen.

Sie atmete auf, als er drauen war: Hast e Kol gehabt. Alles nur was
wahr is. Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter
Fieberrckfall sich wieder einstellte ... Arnold mute ans Weggehn
denken, es war spt geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte
er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den
eingesenkten Mund, den er kte, wiedersehn wrde, ob das nicht
ein Abschied fr immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was
ihren Anschauungsformen entsprochen htte. Und doch, wie gern htte er
etwa vorgebracht, da dieses Wintertal, bisher ein ihm gnzlich
gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung fr ihn
habe -- da er es stets in seinem Rcken wie eine Festung spren werde
-- oder was fr eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen
sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen
habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, da diesmal sich alles
nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straen nur Linien waren,
die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinfhrten ... Er stammelte
und, whrend er rot wurde, fhlte er, da seine Wangen schon von
frher her hei waren, da er wohl seit dem Morgen mit dieser Rte
gezeichnet herumging. Und pltzlich brach ihm ein Strom von Trnen
wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, whrend er sich
zu ihr niederbeugte: Gromutter, liebe, liebe... -- Die
Gromutter indessen schien sich ber den Abschied weniger aufzuregen,
als er gefrchtet hatte. Nur ihre Hnde zitterten, die sie ein Weilchen
auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl
noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den
Dienstmdchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel.
Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich
an, sie anzuznden, whrend Arnold langsam hinausschritt. In der
Tre blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der
Gromutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit
gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und
beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln ber den
Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende
kleine Sonnen.--

Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natrlich nicht
den in seine Heimat, sondern ber Dresden nach Berlin. -- Sowie er
die Htte verlassen, hatte ihn nmlich dasselbe Gewirr wie zu
Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan
fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das
Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, da er
den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und
sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hlzerne Treppen,
keine steinernen gab. -- Pltzlich sah er sich aus den kleinen
Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues
Leben gestellt, als htte ihm die Gromutter erst gezeigt, wie gro
die Welt sei und wie verschiedenartig die Mglichkeit zu wirken fr
den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wnden
des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des
Fensters geheftet, auf die Nacht da drauen, berkam ihn eine schier
bermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es
wrde schon nicht das rgste geschehn, es wrde sich schon irgendwie
aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im
Ohr: An Heiratsantrgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie
hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafr ben. Ebenso
dieses Komitee, genau so ... Er sprte in sich den bisher nie
geahnten Willen, hart und rcksichtslos vorzugehn, ber die Kpfe
dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hngten, mit
Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstnde.
Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt
erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klgliche
Frau Lichtnegger mit ihrem einfltigen Jungen, nur da sie noch
auerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen
Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den
medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als htte sie
ihn beleidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tchtig sein,
endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man
lebt, und wenn man schon die unglckliche Gabe der Vielseitigkeit und
Gewandtheit in sich hat, diese ppigkeit in den einzig hierfr
mglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene
Idee, da dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, fr die Menschheit
Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, da darin seine
eigentliche Begabung lag und da sein Leben eigentlich von Jugend an
darauf hingezielt hatte, nun fhlte er eine Liebe zu dieser
ffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst
einen geringeren Gegenstand geadelt htte. Es war ja so schn: reden,
schreiben, hei sein, immer im Galopp, aus der weien kreidigen
Asphaltwste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grne duftende
Zedern aufreien, alles mit sich ziehn, Bhnen grnden, Vereine, neue
Stile, Warenhuser, Reichtmer -- o, es mute glcken! Denn nun liebte
er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und
alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht
unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er
sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Vter erkannt
hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer
Tugend und ihres berschwangs. In seinem unmigen Temperament fate er
heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk
von Raubtieren aus der Wste sich ber den Jordan schttet und die
Stdte unbekannter Stmme mit der Schrfe des Schwertes austilgt, jenes
Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen
Heldentaten ausbt. Arnold fhlte Boden unter seinen Fen, das war es,
zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von
klotzstirnigen gewaltttigen aufdringlichen Ahnen erschlo, zu deren
Fen unglckliche Opfer, hlich schreiend, verbluteten: so sprte
er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten
Zrtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das
Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen
mit Lichtpunkten in den Augen, ihre khnen unerschrockenen Wrfe,
ihr natrliches Fhrertum und Erzhlertum, ihren selbstverstndlichen
Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung
in das groe Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergrnden und
deshalb nicht zu beklagen.

So sa er und bald beschftigte ihn, da die Erregung nachlie und
endlich der feste Entschlu wie ein starrer Goldklumpen zurckblieb,
nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder
links aussteigen werde. Das heit: er wute, nach der Fahrtrichtung,
da der Zug von Sdosten in den Bahnhof einfahren msse und da also
zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalitt dieses
Bahnhofs war ihm von frheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt.
Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen
verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefhl, da der Bahnhof
links kommen werde. Er rckte von einer Bank auf die andere, versuchte
gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustlpen, vergebens, die
richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab
er sich in seinen Wahn, lchelnd, da die Lsung bei der Einfahrt
sich sowieso von selbst einstellen mute, und nahm die seltsame, ja
geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt fr den letzten Ausklang
seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt fr immer abgetan war.




Nachwort


Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, da der Dichter in diesem
Buche mit verstrkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet,
die er in seinem letzten Roman Jdinnen begonnen hat.

Da also Vorwrfe und Einwnde, die gegen die Jdinnen erhoben
wurden, das neue Buch wiederum treffen drften, und zwar verdoppelt
-- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, da er auch
wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man
wird ihn engherzig und verstockt nennen--: so wird es wohl nicht
mig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwrfe an dieser
Stelle eingehe, nicht um sie zu entkrften -- denn kann ehrlich aus
dem Herzen Geschleudertes jemals entkrftet werden--, sondern nur,
um zu zeigen, wie ich diese Vorwrfe in meinem Innern geordnet,
gruppiert, teilweise mit meinem Willen in bereinstimmung gebracht
und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen
berlassen habe.

Nun an die Sache!

Da sei zunchst fr das vorige Buch, wie fr dieses und fr alle
meine zuknftigen das Miverstndnis, als seien in den hier handelnden
Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung portrtiert
worden, weit zurckgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen
und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende
Arbeit bewut und unbewut eingespielt; doch hat jedes, auch das
geringste tatschliche Detail durch seine Einfgung in ein ganz
andern Gesetzen und hheren Zielen folgendes Ganzes so grndlich
seine Wesenheit gendert, da ein Rckschlu von dem Kunstwerk auf den
verarbeiteten Rohstoff zu den willkrlichsten Irrungen fhren mu --
wie denn berhaupt der Satz, da alle in einem Kunstwerk irgendwie
vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine
Wirklichkeit hheren Ranges, mithin fr den gemeinen Kopf als ein
bloer Schein darstellen mu, hier durchaus und im strengsten Sinne
statthat.

Ein ebenso entschiedenes Nein kann ich der zweiten Gruppe der
Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines
Romans Jdinnen oder doch ihre Mehrzahl als unsympathisch
bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge
Anschmiegung von Lebens-Mastben an das Kunstwerk zu Grunde und das
Beiwort unsympathisch gehrt eher in die Schule des tglichen
Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf
diesen frostigen Standpunkt nicht zurckziehn, lieber gestehn, da
ich selbst mit den erfundenen Gestalten der Jdinnen, mit Irene,
Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefhle,
auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fhle.
Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf
des Unsympathischen zu erwidern habe. Ich gebe zu, da meine
Gestalten, als Menschen betrachtet, bse Zge und Charakterfehler
aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines
ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jdinnen wie Irene, als
etwas durch ungnstige Lebensumstnde Bedingtes, als Krankhaftes,
Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zuflle sogar Heilbares
anzusehn, das wollte ich lehren. Fr mich ist Irene weit eher
bemitleidenswert als unsympathisch. Der flchtige Betrachter nur wird
bei einem Verdammungsurteil ber unglckliche Wesen stehn bleiben,
deren Aufschreie, deren tchtigen Kern und bis an das Himmelsgewlbe
reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken
wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des
Buches wirkungslos bleibt.

Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen
Bchern fehle die Handlung, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich
keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es
werden Vorgnge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als
geringfgig erscheinen mgen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Da
aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr
Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwhlen, da nur von auen gesehn
alltgliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen
der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstrze, berraschungen,
Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fhlende Leser
wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen,
wrde mir wenig anstehn.

Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgeprgt jdisch, sagt die
eine und die andere, es sei nicht jdisch genug. Nun knnte ich
mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden Stze gegen
einander ausspielen und gegenseitig fr widerlegt erklren. Doch
wrde mich eine solche ausweichende Art der Mglichkeit, mich mit
meinen Lesern rechtschaffen zu verstndigen, berauben und ohne die
ehrliche Hoffnung auf eine solche Verstndigung htte ich ja diese
ganze Ausfhrung ungeschrieben lassen knnen. Ich will also lieber
annehmen, da hinter diesen beiden schnellen Einwnden ein dritter,
wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und da er etwa darauf
abzielt: meine Bcher htten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos,
sie uerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung ber das
Wesen und die Zukunft des Judentums. -- Wie nun aber, wenn gerade
in diesem Nichtuern ein Stck meiner Meinung ber das Judentum, ja
meines ganzen weltanschaulichen Wollens lge! Ich habe es nirgends
unternommen, den Typus des Juden oder der Jdin zu schildern, weil
ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr
scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegenstze
dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend
meine Aufgabe darin gesehn, zunchst fr kleinere Gruppen von Juden
einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich
umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u.s.f. angesehn
werden, und auch das vorliegende Buch stellt das Schicksal _eines_
Juden, _vieler_ Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise
_aller_ dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane
ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, ergnzende Typen so lange
auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem hheren
Typus vielleicht mglich erscheint, vielleicht als undenkbar fr
immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild
des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe,
wesentlich komplizierter, krftereicher, flieender, vor allem auch
harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen,
wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie
Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u.a. erscheinen kann.

Albert Ullrich Buchdruckerei
Berlin SW68/Hollmannstr. 22




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehn ucht in sie
  werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie

  ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm o sehr
  ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr

  er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszu orschen
  er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen

  Sphre ziehen konnte, da Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er
  Sphre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er

  mit dir? Sammelst du? .. An langen Nachmittagen grbelte er ber
  mit dir? Sammelst du? ... An langen Nachmittagen grbelte er ber

  eberlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon
  berlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon

  gespensterheaftr Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das
  gespensterhafter Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das

  Karrikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem
  Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem

  im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte, Verse, die sich nicht
  im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht

  ruberischen eberfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen
  ruberischen berfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen

  es schreit. Sieg! Sieg
  es schreit. Sieg! Sieg!

  attakierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines
  attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines

  elfenbeinenen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen
  elfenbeinernen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen

  hinausgestreutes Leben zu bringen .. Und grimmig ging er die
  hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die

  versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arrogaten
  versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten

  Arnold mit ausgeschpften trockenem Herzen zurckblieb. berdies
  Arnold mit ausgeschpftem trockenem Herzen zurckblieb. berdies

  mit ihr, erwiederte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst
  mit ihr, erwiderte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst

  Opern wie Zampa Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen
  Opern wie Zampa, Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen

  bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mitAbscheu erfllte. Von
  bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfllte. Von

  unerwarterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
  unerwarteterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge

  Statur unter diesem Galloppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun,
  Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun,

  gehabt .. Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des
  gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des

  endgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
  entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,

  weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine eine
  weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine

  Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, da sie jetzt schon
  Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon

  ihrem lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
  ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn

  Ich mute mir doch mal ansehn, wie sie wohnen. Er fand kein Mittel
  Ich mute mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen. Er fand kein Mittel

  abspazierte, winzige Zigarretten rauchte, dann aber gleich wieder im
  abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im

  nachgibig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie
  nachgiebig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie

  meinte im Weggeben: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz
  meinte im Weggehen: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz

  Auf seinen Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
  Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der

  Schimpf Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal
  Schimpf, Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal

  Man schickte ihr Geld, doch erst sei heuer, bis dahin hatte sie
  Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie

  mit Kreide irgendwelche selsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie
  mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie

  Glotzaugen wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern,
  Glotzaugen, wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern,

  Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach Ich hab mr ja gewnscht,
  Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach. Ich hab mr ja gewnscht,

  Sei haben geschrieben sagte die Alte still Ich hab ihnen nix
  Sei haben geschrieben sagte die Alte still. Ich hab ihnen nix

  Armseligte, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen
  Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen

  Zrtlichkeiten und Kosennamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte
  Zrtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte

  einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Sckicksale erkennt.
  einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

  Gste ein. Man a von einem ausgebrriteten Papier weg ... Nun, Mutter,
  Gste ein. Man a von einem ausgebreiteten Papier weg ... Nun, Mutter,

  Schssel?
  Schlssel?

  Gefhl von Unverantwortlichkeit befiehl ihn, als wrde er aus einem
  Gefhl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als wrde er aus einem

  im einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem
  in einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem

  vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber Gesicht, sie
  vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber ihr Gesicht, sie

  eeschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie
  erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie

  Das Gesprch wurde nun immer lehhafter, whrend die Gromutter immer
  Das Gesprch wurde nun immer lebhafter, whrend die Gromutter immer

  Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf
  Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf

  noch Blumen sollten in den Fenster stehn, wie bei den Nachbarn
  noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn

  Magenliqeur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn
  Magenliqueur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn

  Farben. So kam es, da er mit er der Speisekarte zugleich die Zeitung
  Farben. So kam es, da er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung

  fettgedruckte Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich
  fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich

  Htte anssehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern
  Htte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern

  standen am Bett der Gromutter und plauderte mit ihr in einem solchen
  standen am Bett der Gromutter und plauderten mit ihr in einem solchen

  ein Jahr eintreten sollte, die steinere Treppe bei Doktor Heiger
  ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger

  So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem
  So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem

  Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel- aufstreifte, sah man die Haut
  Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel aufstreifte, sah man die Haut

  erwiderte der Doktor, fhlte den Puls. fieberfrei. -- Die Mutter
  erwiderte der Doktor, fhlte den Puls: fieberfrei. -- Die Mutter

  ihn be eidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg
  ihn beleidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg

  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARNOLD BEER ***

***** This file should be named 34782-8.txt or 34782-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/3/4/7/8/34782/

Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
