The Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen

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Title: Gradiva
       Ein pompejanisches Phantasiestck

Author: Wilhelm Jensen

Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Gradiva

  Ein pompejanisches Phantasiestck
  von
  Wilhelm Jensen

  Dresden und Leipzig
  Verlag von Carl Reissner
  1903.




Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert
Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er
sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurckgekehrt, einen
vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu knnen. Der hing nun schon
seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist
von Bcherstndern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen
Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne
besuchten Seite. Ungefhr in Drittel-Lebensgrsse stellte das Bildniss
eine vollstndige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch
jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
keine Frau, sondern eine rmische Virgo, die etwa in den Anfang der
Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach
erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin,
ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht
niedrigen Sinn Menschlich-Alltgliches, gewissermassen 'Heutiges' zur
krperhaften Wiedergabe, als ob der Knstler, statt wie in unsern Tagen
mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse
im Vorbergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe.
Eine hochwchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein
faltiges Kopftuch beinahe vllig umschlungen hielt; von dem ziemlich
schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus.
Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche ben zu wollen; in
den feingebildeten Zgen drckte sich eine gleichmtige Achtlosigkeit
auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge
sprach von voll unbeeintrchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich
zurckgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch
plastische Formenschnheit, besass aber etwas bei den antiken
Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mdchenhafte Anmut,
die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflssen. Hauptschlich geschah
dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz
leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr
ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Kncheln
niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Fsse in den
Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der
rechte, im Begriff, nachzufolgen, berhrte nur lose mit den Zehenspitzen
den Boden, whrend die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben.
Diese Bewegung rief ein Doppelgefhl beraus leichter Behendigkeit der
Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das
verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend,
die eigenartige Anmut.

Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent
der Archologie, fand eigentlich fr seine Wissenschaft an dem Relief
nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss
alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein rmisches Genrebild, und er
wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt
habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des
ersten Anblicks sich seitdem unverndert forterhalten habe. Um dem
Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es fr sich 'Gradiva' benannt,
'die Vorschreitende'; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich
dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes
Beiwort, doch Norbert erschien es fr die Haltung und Bewegung des
jungen Mdchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer
Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehrte sie nicht unterem
Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco
ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkrlich die
Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der
sein Amt im Namen der Ceres ausbte, und befand sich zu irgend einer
Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Gttin.

Doch einem Gefhl des jungen Archologen stand's entgegen, sie sich in
den Rahmen der grossen, lrmvollen Stadtwelt Roms einzufgen. Ihr Wesen,
ihre ruhige stille Art gehrte ihm nicht in dies tausendfltige
Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere
Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu
einem Begleiter sagte: Das ist Gradiva -- ihren wirklichen Namen
vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- die Tochter des ...
sie geht am schnsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.

Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe
festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung
ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen
hindurch zum Studium der alten Trmmerreste in Pompeji verblieben und in
Deutschland ihm eines Tages pltzlich aufgegangen, die von dem Bild
Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen
eigenthmlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen
trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermglicht
und doch auch Durchlass fr Wagenrder gestattet hatten. So sah er sie,
wie ihr einer Fuss sich ber die Lcke zwischen zwei Steinen
hinbergesetzt, whrend der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und
bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie nher und
weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie
erschuf ihm, unter Beihlfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der
lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Huserreihen mannigfach
Tempelgebude und Sulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe
traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufslden,
Werksttten, Schankbuden; Bcker hielten ihre Brode ausgelegt,
Thonkrge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles fr den
Haushalt und die Kche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke
sass eine Frau, in Krben Gemse und Frchte feilbietend; von einem
halben Dutzend der grossen Wallnsse hatte sie die Hlfte der Schale
weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und
tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf
lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflchen, Sulen mit rothen und gelben
Kapitlen; alles funkelte und strahlte in mittgiger Sonne Blendung
zurck. Weiter abwrts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue
empor, darberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der
heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner
heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den
zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grnflimmerndem Pflanzenwuchs
bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Mglichkeit
einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen
Mittagsstunde lhmte das sonst geschftige Treiben. Dazwischen schritt
die Gradiva ber die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrnschillernde
Lacerte von ihnen fort.

So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der tglichen
Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmhlich noch eine neue
Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszge bednkte ihn
mehr und mehr nicht von rmischer oder latinischer, sondern von
griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische
Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begrndung dafr lieferte
die alte Besiedelung des ganzen sdlichen Italiens von Griechenland her,
und weitere, den darauf Fussenden angenehm berhrende Vorstellungen
entsprangen daraus. Dann hatte die junge 'domina' vielleicht in ihrem
Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung
genhrt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem
Ausdruck des Antlitzes Besttigung, es lag entschieden unter seiner
Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.

Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches
archologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begrnden, und
Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine
Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so hufiger Beschftigung damit
zurckkehren lasse. Es handelte sich fr ihn um eine kritische
Urtheilsabgabe, ob der Knstler den Vorgang des Ausschreitens bei der
Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darber vermochte er
nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von
Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu.
Ihn bednkte nmlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses
als bertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die
nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen
Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige whrend des
flchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hlfte des rechten Winkels
gegen den Boden, und so erschien's ihm auch fr die Mechanik des Gehens,
weil am zweckdienlichsten, als naturgemss. Er bentzte einmal die
Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage
vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides
ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt
hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung besttigte
er wohl als mit seiner eigenen bereinstimmend, wusste indess nicht zu
sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der mnnlichen
unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lsung.

Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte
Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur
Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen.
Das nthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das
weibliche Geschlecht war bisher fr ihn nur ein Begriff aus Marmor oder
Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenssischen Vertreterinnen
desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein
Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit
dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthmlichen
Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedrnge der
Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss
nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier
machten zumeist lange Kleider die Gangart vllig unerkennbar,
hauptschlich trugen nur die Dienstmgde kurze Rcke, konnten jedoch mit
Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks
fr die Lsung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er
beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser
Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg
verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsume veranlasse.
Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prfend nach ihren Fssen
gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug
der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder
Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr
einnehmendem Aeussern war, drckte sich in ein paar Augen das
Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum
Verstndniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner
Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von
Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten
vorberfhrten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen
schwerfllig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle
nur eben ber den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu
zierlicherer Haltung schrger auf. Unter allen aber bot nicht eine
einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfllte ihn mit der
Genugthuung, er habe sich in seinem archologischen Urtheil ber das
Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen
ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des
anhaltenden Fusses schn und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie
oder Willkr des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht
entsprach.

Bald nachdem seine pedestrischen Prfungen ihm diese Erkenntniss
eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll bengstigenden
Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24.
Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit
sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in
einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch
eine Lcke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von
blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln
oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen
kopfverloren-betubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert strzten
die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Trumen wunderbar
geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tdlichen
Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er
pltzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte
ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerhrt, jetzt aber ging ihm auf
einmal und als natrlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie
in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit
ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis
in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre
schreitende Bewegung; unwillkrlich bezeichnete er sich diese als 'lente
festinans'. Und so ging sie ruhig-behend ber die Fliesenplatten des
Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmtigen
Achtlosigkeit fr ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt
niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken
nachzuhngen; darber vergass auch er den furchtbaren Vorgang,
wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefhl, ihre
lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese
aufs genaueste einzuprgen. Dann indess, ihn jhlings berfallend, kam
ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, msse sie dem
allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem
Mund einen Warnruf. Den hrte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm
entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flchtig die Vollansicht bot,
doch mit einem vllig verstndnisslosen Ausdruck und ohne weiter
achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort.
Dabei aber entfrbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu
weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels
hinan, doch dort zwischen den Sulen setzte sie sich auf eine
Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die
Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem vllig undurchsichtigen
Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu
der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie,
von dem vorspringenden Dach geschtzt, auf der breiten Stufe wie zum
Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den
Schwefeldnsten erstickt. Vom Vesuv her berflackerte der rothe Schein
ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollstndig dem eines schnen
Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den
Zgen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabnderliche fgender
Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind
jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer
Florschleier ber sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres
Gesichtes auslschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches
Flockengestber die ganze Gestalt unter einer gleichmssigen Decke
begrub. Drauss ragten die Sulen des Apollotempels auf, indes auch nur
zur Hlfte mehr, denn eilig hufte sich an ihnen ebenfalls der graue
Aschenfall empor.

Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der
nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf drhnende
Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur
Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband ber sein Bett, ein
Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfltige Gelrm der
Grossstadt, Ausrufe von Verkufern und Wagengeroll bis zu seinem
Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm
aufs deutlichste vor den geffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit,
eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte,
dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem
Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden
ward er allmhlich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch
Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die
Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschttet worden
sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit
befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit
einer wehmtigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte
Relief, das fr ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war
gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Knstler das Bild der so
frh aus dem Leben Geschiedenen fr die Nachwelt forterhalten hatte.
Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verstndnisse ansah, liess der
Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der
verhngnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt
habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge
der Gtter seien's, die sie in blhender Jugend von der Erde fortnhmen.

Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu
haben, in leichter huslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den
Fssen, ins geffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum
Norden vorgeschrittene Frhling lag draussen, gab sich in der grossen
Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft
kund, doch ein Ahnen berhrte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die
sonnige Weite nach Blttergrn, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon
kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre
Krbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem
offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Kfig sein Lied.
Der arme Bursche that Norbert leid, er hrte unter dem hellem Klang
trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne
hinaus.

Doch verweilten die Gedanken des jungen Archologen nur flchtig dabei,
denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrngt. Ihm gerieth's erst
jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet
habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das
Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht
gingen. Das war merkwrdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an
dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklrte sich's aus der
Erregung, in die ihre Lebensgefhrdung ihn versetzt gehabt. Er suchte
sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedchtniss zurckzurufen.

Da durchfuhr ihn pltzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten
Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte
er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rckseite zuwendend, ein
weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht
elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis
zu den Kncheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und
seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden
Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses fr einen
Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so,
ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben
nicht zu.

Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch
recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Gelnder
niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe
hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen
hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von
mehreren Lippen klangen lachende, halb spttische Ausrufe. Dass sich
diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verstndlich, sein Blick suchte
nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend
Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den
Obertheil, von der unteren Hlfte und den Fssen konnte er nichts
gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir
drngender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behbiges Gemseweib
die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend
vom Mund: Sagen Sie mal, mein Muttershnchen, Sie haben heut' Nacht
wohl ein bischen was zu viel Flssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen
hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach
Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn. Ein Gelchter umher
besttigte, dass er sich in einem fr die Oeffentlichkeit nicht
schicklichen Anzug prsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie
er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn
betroffen, da er auf Anstndigkeit der usseren Erscheinung hielt, und,
von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurck.
Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Tuschung
vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei
dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet
habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von
drben herschauend zu sehen gemeint.

                   *       *       *       *       *

Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch
betrchtlichen Vermgensbesitz unbeschrnkter Herr seines Thuns und
Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von
einer Begutachtung derselben durch irgend welche hhere Instanz als
seine eigene Entscheidung abzuhngen. Darin unterschied er sich usserst
gnstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem
Kfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern
konnte, sonst jedoch besass der junge Archologe mit jenem in manchem
einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen
und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen
Gitterstben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch
Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frhen Kindheit auf
hatte im Elternhause kein Zweifel darber bestanden, dass er als
einziger Sohn eines Universitts-Professors und Alterthumsforschers
berufen sei, durch die nmliche Thtigkeit den Glanz des vterlichen
Namens weiter zu erhalten, womglich noch zu erhhen, und so war diese
Geschftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverstndliche Aufgabe
seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frhen
Abscheiden seiner Eltern vllig allein zurckgeblieben, getreulich
festgehalten, im Anschlusse an sein vorzglich bestandenes
philologisches Examen die vorschriftsmssige Studienreise nach Italien
gemacht und auf dieser eine Flle alter plastischer Kunstwerke, deren
Nachbildungen ihm bisher nur zugnglich gewesen, im Original gesehen.
Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte
nirgendwo fr ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen,
seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner
Kenntnisse ausgentzt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich
mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen.
Dass ausser ihren Gegenstnden aus einer fernen Vergangenheit auch noch
eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur usserst
schattenhaft zur Empfindung; fr sein Gefhl waren Marmor und Bronze
nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den
Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass
er zwischen seinen Wnden, Bchern und Bildern, keines andern Verkehrs
bedrftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung mglichst
ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare
Plage einer Gesellschaft fgend, deren Besuch altberlieferte
Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnthigten. Doch war's bekannt,
dass er an solchen Zusammenknften ohne Augen und Ohren fr seine
Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung
des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde,
empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch
gesessen, begrsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in
ein wenig gnstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der
er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer
Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.

Ob etwa die Archologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein
mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine
absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war,
vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu ben und gereichte ihm
selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten
pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm
als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher
Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste,
eine beraus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Trumen,
sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf
fr nchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet
machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit
zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft
geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Kfig
gekannt, trug indess trotzdem ein Gefhl in sich, dass ihm etwas fehle,
und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle
hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in
sein Zimmer zurckgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals,
und ward dabei von einer Empfindung heut' angerhrt, ihm fehle
gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein
Nachdenken darber konnte drum auch nichts ntzen; die unbestimmte
Gefhlserregung kam aus der linden Frhlingsluft, den Sonnenstrahlen,
der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich
herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Kfig hinter
Gitterstben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine
Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er
habe Flgel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins
Freie behindert wurden.

Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch
Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser
Beschftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der
Vorsatz einer Frhlingsreise in ihm feststand. Den fhrte er am selben
Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch
noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von
den letzten Sonnenstrahlen berflossen, behender denn je ber die
unsichtbaren Trittsteine unter ihren Fssen auszuschreiten schien, und
fuhr mit dem Nachtschnellzug in sdlicher Richtung davon. Wenn auch der
Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung
entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als
selbstverstndlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck
dienen msse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlssigt habe, sich in
Rom bei mehreren Statuen ber einige wichtige archologische Fragen zu
vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in
anderthalbtgiger Fahrt dorthin.

                   *       *       *       *       *

Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schn
ist, jung, vermglich und unabhngig, im Frhling aus deutschen Landen
nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften
Ausgersteten sind solcher Schnheitsempfindung nicht allmal zugnglich.
Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den
einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts
ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative
kundgebendes Entzcken an ihren Augen vorbergleiten lassen und
schliesslich nur das Nmliche als Ausbeute mit nach Hause zurckbringen,
was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen
htten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvgel, pflegen solche
Dualisten im Frhling die Alpenpsse zu berschwrmen. Norbert Hanold
ward whrend der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden
Taubenschlag umflgelt und umfltet und eigentlich zum erstenmal im
Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit
Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache
smtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehrigkeit zu
ihnen durchaus kein Stolzgefhl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich
entgegengesetzte, er habe vernunftgemss wohl daran gethan, sich bisher
mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linn'schen Classifizirung
mglichst wenig zu befassen. Hauptschlich in Bezug auf die weibliche
Hlfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom
Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nchsten Nhe, ausser stande,
zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben knne. Ihm blieb
unverstndlich, warum die Frauen sich diese Mnner ausgewhlt htten,
noch rthselhafter aber, weshalb die Wahl der Mnner auf diese Frauen
gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht
einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine
ussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und
gemthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie
daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schnheit der alten Kunstwerke
durfte man das heutige weibliche Geschlecht natrlich nicht in Vergleich
bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich
dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen
Zgen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewhnliche Leben
verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch ber das
sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter
allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grsste
und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen
Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die
Krone auf.

Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft
zurckgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem
Kfig, rundum von den ebenso verzckten als nichtig-leeren jungen
Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und
wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich
wohl erklren, dass die draussen seinen Augen vorberziehenden Dinge ihm
andere Eindrcke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren
gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem strkeren Silberglanz,
die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien
zeichneten sich mit schneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller
bednkten ihn die auf den Berghhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn
jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck
sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Blue, wie
er sie noch nie an einer Wasserflche wahrgenommen. Ihn rhrte ein
Gefhl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde
Natur, als ob er diese vormals in bestndigem Dmmerlicht oder bei
grauem Regenfall durchfahren haben msse und jetzt zum erstenmal in
ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenflle sehe. Ein paarmal ertappte
er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und
zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu knnen,
weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthmliches, wie
Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen
vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der
'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der
Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trmmerresten des Tempels
der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables
angefllten Kfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm
bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach
einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.

Eine solche fand er im Verlauf des nchsten Tages noch nicht, sondern
kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurck und begab sich, von
der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem
Umherwandern und dem Strassenlrm ziemlich ermdet, zur Ruhe. So fing
auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdmmern, doch grade im
Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war
durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thr mit dem nebenan
befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gste, die am Morgen
davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dnne Scheidewand
durchklingenden Stimmen ein mnnlicher und ein weiblicher, die
unverkennbar der Classe der deutschen Frhlingsstrichvgel angehrten,
mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre
Gemtsstimmung schien der Hotelkche ein entschieden gnstiges Zeugniss
auszustellen, und der Gte eines castelli romani-Weines mochte es zu
danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen usserst deutlich
vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:

Mein einziger August--

Meine ssse Grete--

Nun haben wir uns wieder.

Ja, endlich sind wir wieder allein.

Mssen wir morgen noch mehr ansehen?

Wir wollen beim Frhstck 'mal im Bdeker nachsehen, was noch
nothwendig ist.

Mein einziger August, du gefllst mir viel besser, als der Apoll von
Belvedere.

Das hab' ich oft denken mssen, meine ssse Grete, du bist viel
schner, als die capitolinische Venus.

Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?

Nein, da mssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der
Eisenbahn fahren.

Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkmen,
was wrdest du da thun?

Da wrde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten
sollte, und dich so auf die Arme nehmen.

Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!

Ich kann mir ja nichts Schneres denken, als mein Blut fr dich zu
vergiessen.

Mein einziger August--

Meine ssse Grete--

Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hrte noch ein
unbestimmtes Rascheln und Rcken von Sthlen, dann ward's still, und er
verfiel in den Halbschlaf zurck. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie
eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flchtenden
Menschen knuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den
Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und
in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein
Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu
sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische
Vorgang verwunderte den jungen Archologen nicht weiter, nur fiel ihm
als merkwrdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch
mit einander redeten, denn er hrte sie, dadurch zu halber Besinnung
gelangend, nach einem Weilchen sagen:

Meine ssse Grete--

Mein einziger August--

Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollstndig.
Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Tne, und statt des
Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht ber den
Trmmerresten der verschtteten Stadt. Die nderte sich ebenfalls
allmhlich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen
Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold
wachte, vom rmischen Frhmorgen umfunkelt, auf.

Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er
sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar
beklemmendes Gefhl bemchtigt, dass er in einem Kfig eingesperrt sei,
der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster ffnete, kreischten ihm von
der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkufer noch weit
schrilltniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus
einer lrmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein
wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer
dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen
Venus zurck. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich
eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und
fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Sden. Dies that er, um den
Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in
diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich frderliche Umgebung
von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken
Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesblichen Schmutz,
entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen
und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen
Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmnninnen in der
Erinnerung fast noch als olympische Gttinnen erschienen.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage spter bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwrdigen,
camera benannten Raum im 'Hotel Diomde' neben dem von Eucalyptusbumen
bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte
beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und
Wandgemlde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war
ihm dort hnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen
Hausgerthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider
neuester Faon eingehllt, die zweifellos smmtlich unmittelbar mit dem
jungfrulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern
vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels
am Arm eines ebenso tadellos mnnlich costmirten, jngeren oder
ltlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm
bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn
auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war
Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit
modificirte, gemssigte und gemilderte Gesprchsfhrung zu Tage:

O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwrmer wollen wir
uns doch auch anschaffen.

Ja, aber fr die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber
gemacht sein.

Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken
wird?

Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem
wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. Was du mir servirst, kann alles
nur zur Delicatesse werden.

Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon
Nhnadeln gehabt?

Das scheint beinah' so, aber du httest nichts mit ihm anfangen knnen,
mein Herz, dir wrde er noch fr den Daumen viel zu gross sein.

Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?

Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die wrde ich beim tiefsten
Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfhlen.

Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Mssen wir eigentlich
auch noch nach Pompeji selbst?

Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von
Werth war, steht im Bdeker, ist alles hierhergebracht. Ich frchte, die
Sonne wrde dort auch fr deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das
knnte ich mir nie verzeih'n.

Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau httest.

Nein, so weit reicht glcklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber
eine Sommersprosse auf deinem Nschen wrde mich schon unglcklich
machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri
fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein,
und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst
ganz erkennen, was fr ein grosses Loos ich in der Glckslotterie
gezogen habe.

Du, wenn Jemand das anhrt, ich schme mich ja beinah'. Aber wohin du
mich bringst, ist's mir berall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich
habe dich ja bei mir.

August und Grete rundum, fr Auge und Ohr etwas gemssigt und gemildert.
Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdnntem Honig
angegossen wrde und davon Schluck um Schluck auch ber die Zunge
herunterbringen msse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefhl an, und er
lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nchsten Osteria hinber, um ein
Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu fllte
dieser hundertfltige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an,
statt sich seiner Pluralbeschftigung in den heimischen deutschen
Vaterlndern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und
Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht
im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine
Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang
fr ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten.
Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus
dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu
finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das
war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein
Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnbel, die Stille und die
Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine
befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen
enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch
in sich gewesen wre, htte er diesem Drang das Epitheton
'leidenschaftlich' beilegen knnen -- und schon um eine Stunde spter
sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von
Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend
fr einen altrmischen Triumphator geschmckte Strasse; links und rechts
breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehngen hnlich, zum Drren
in der Sonne einen berschwnglichen Reichthum von 'pasta da Napoli'
aus, dem hchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dnneren
maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort
durch Fettdnste der Garkchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flhe, in der
Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag-
oder Nachteinflsse die intime Kstlichkeit ihres Wohlgeschmacks
verliehen wurde. Dann sah ber braune Lavagerllfelder der Vesuvkegel
nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Blue, wie aus
flssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die
kleine berderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm
fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein msse, ber
das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell'
Annunziata, erreichte das in unablssigem, stumm-grimmigem Ringkampf
seine Anziehungskrfte messende Dioskurenpaar des 'Htel Suisse' und
'Htel Diomde' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer
Name den jungen Archologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der
Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grsster
Gemthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor
seiner Thr diesem Vorgange zu; er war darber beruhigt, dass auch in
den Tpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht
wurde, als in seinem, und dass die drben verfhrerisch zum Ankauf
ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der
Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen
seien.

So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom
deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit
menschlichen Gsten nicht allzu stark angefllt, dagegen von der musca
domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits berreichlich
bevlkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemth fr
ungestme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflgler brannte
ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niedertrchtigste
Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der
einzigen Zeit einer menschenwrdigen Lebensfhrung weitaus den Vorzug
vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstsslichen Beweis gegen
das Vorhandensein einer vernnftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn
hier schon um mehrere Monate frher, als er ihrer Infamie in Deutschland
anheimgefallen wre, strzten sich sofort dutzendweise ber ihn, als auf
ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr,
verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Hnden.
Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich
vermuthlich in ihrer Sprache auch mein einziger August und meine
ssse Grete an; dem Gedchtniss des Gequlten stieg ein sehnschtiger
Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten
Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus
einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese
nichtswrdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen,
bsartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und
Haifische, die es nur auf leibliche Schdigung, Zerreissung oder
Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen
man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die
gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lhmte,
verstrte, zerrttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen,
seine Denk- und Arbeitsfhigkeit, jeden hheren Aufschwung und jede
schne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu,
lediglich das teuflische Gelst, zu martern; sie war das 'Ding an sich',
in dem das absolut Bse seinen Ausdruck und seine Verkrperung gefunden.
Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten
Bndel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des
Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den
Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag
gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis
zur Sohle alle olympischen Gtter und Gttinnen berlaufen, und Norbert
empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern,
nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er whrend seiner
Lebzeit als ein Rcher seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her
erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in tglichen Hekatomben ausgerottet
habe.

Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nthigen Waffe, und
wie es auch der grsste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld
des Alterthums nicht anders vermocht hatte, rumte er vor der
hundertfltigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr
seine Stube. Draussen dmmerte ihm auf, er habe damit nur heute im
Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen msse; Pompeji bot
seinem Bedrfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt.
Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine
andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um
ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung
auch aus ihm selbst schpfe. Allerdings war die Belstigung durch die
Fliegen ihm immer sehr widerwrtig gewesen, aber in eine derartige
Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt.
Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten
und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch
winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fhlte, dass er
missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen knne,
was. Und diese Missstimmung brachte er berallhin mit sich; gewiss waren
in Masse umschwrmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu
angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht
in eine dicke Wolke von Selbstbeschnigung einwickeln wollte, konnte ihm
nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und
sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer
Vergngungsbefhigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin,
die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin,
that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's
vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedchtniss zu verlieren, in
welcher Sprache er berhaupt mit ihr verkehrt habe.

Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spt
am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten
Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand
Buschgestrpp und Unkrautgewchs einen Aufstieg. So wanderte er eine
Strecke weit etwas erhht ber der Grberstadt dahin, die ihm, ohne
Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien
sie, grsstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im
Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt
stand. In der Runde umher dagegen berfloss sie alle Bergkuppen und
Gelnde noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die
ber dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und
Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte
Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprhenden See, der sich
das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau
enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus,
Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige
Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein
unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der
Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare
und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu
bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an
Gleichgltigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen ber alle
Schnheitsflle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim
Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er
gekommen, zum Diomed zurck.

                   *       *       *       *       *

Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine
Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er ber Nacht zum
Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang
wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen
der Ingresso geffnet ward, auf dem ordnungsmssigen Wege nach Pompeji
hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den
Zwangsfhrern befehligten Trupps, mit rothem Bdeker oder auslndischen
Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen
Ausscharrungen lsterne Bevlkerung der beiden Gasthfe; fast
ausschliesslich erfllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder
die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglckten
drben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem
Frhstcktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Sssigkeit und
Begeisterung. Norbert verstand's von frher her, sich durch richtig
gewhlte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der
Lstigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen
Zwecken nachgehn zu knnen. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass
er sich im Besitz eines tadellosen Gedchtnisses erkannte; wohin sein
Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob
er's erst gestern vermittelst sachverstndiger Betrachtung seinem Kopf
eingeprgt habe. Diese sich bestndig wiederholende Wahrnehmung aber
brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnthig
vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am
Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgltigkeit bemchtigte.
Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den
blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwrdigerweise
nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal
getrumt habe, bei der Verschttung Pompejis durch den Kraterausbruch im
Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte
ihn wohl mde und halb schlfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand
er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr
von Bruchstcken alter Thorbogen, Sulen und Mauern, im hchsten Masse
bedeutungsvoll fr die archologische Wissenschaft, doch ohne die
esotherische Beihlfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes,
als ein grosser, zwar sauber aufgerumter, indess ausserordentlich
nchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Trumen sonst zu
einander auf einem gegenstzlichen Fusse zu stehen gewhnt waren, hatten
sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold
gleicherweise ihre Hlfsleistungen zu entziehn und ihn vllig der
Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu berlassen.

So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur
Porta del Vesuvio, durch die Grberstrasse wie durch unzhlige andere
kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte whrenddessen ebenfalls
ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie
ihren Aufstieg vom Bergrcken her zum bequemeren Abstieg nach der
Seeseite umzundern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht
hergenthigten Englndern und Amerikanern, mnnlichen wie weiblichen,
zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Fhrer ein
Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den
Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthfe eingedenk zu werden; sie
hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was fr die
Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich
sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesttigten
Einzeltrupps den Rckzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die
Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen
Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss fr ihren
Magen nicht den Krzeren zu ziehen. In Anbetracht smmtlicher innerer
und usserer Umstnde war dies zweifellos auch das Klgste, was sie zu
thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit
den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflgelten Bewohnern oder
Besuchern der weiten Trmmersttte sehr gut, dagegen fr den
nordlndischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte
Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in
einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten
Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel
vermehrt und die mnnlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher
auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen
Uebergang zum Ghnen angetreten.

Merkwrdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was
ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verndertes Gesicht annahm.
Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst vllig zu
todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rhrte ein Gefhl
an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer fr
Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als
komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur
der leise flsternde Sdwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei
Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Huser gesummt hatte und nun
mit den grnen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein
tndelndes Spiel trieb. Von der Kste Afrikas brauste er oftmals, aus
voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herber; das that er heute
nicht, umfchelte nur sanft die wieder ans Licht zurckgekehrten alten
Bekannten. Von seiner eingeborenen Wstenart dagegen konnte er nicht
lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so
leis, mit heissem Athem an.

Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie
verstrkte seinen glhenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht
konnte, bergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz.
Wie mit einem goldenen Radirmesser lschte sie an den Huserrndern der
semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt
hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria,
peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken
hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen
das Lichtgewoge zu schtzen und mit einem silbernen Dmmergewebe zu
umhllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie
ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen
dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur
die schnarrenden und nselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis
auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben
der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trmmerstatt
verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch
der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit
Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghngen und
Felswnden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt,
hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stren, sich regungslos
ausgestreckt oder, die Flgel zusammenfaltend, da und dort hingekauert.
Und es war, als empfnden sie hier noch verstrkter das Gebot der
heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben
verstummen und sich niederdrcken msse, weil die Todten in ihr
aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.

Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drngte sich
eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefhl, oder richtiger ein
unbenannter sechster Sinn davon angerhrt wurde, dieser aber so stark
und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn gebten
Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgersteten
htte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlffel beschftigten
schtzbaren Tischgsten der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer
oder Eine gezhlt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so
veranlagt, und er musste die Folge davon ber sich ergehen lassen.
Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverstndniss war; er wollte
garnichts und wnschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose
Frhlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der
Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der
Grberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurckgekehrt und
vllig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in
den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in
ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu,
vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand
versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefhr
in der Mitte hielt. Wie berall ein Geheimniss behtend, lag die
lichtbergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch
seine eigene Brust kaum Luft zu schpfen wagte. Er stand an einer
Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem
Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren
Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach ffneten
sich nach ihnen tabernae, Verkaufslden mit zersprungenen marmorbelegten
Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bckerei hin, dort eine
Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrge auf eine Oel- und Mehlhandlung.
Gegenber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere,
gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schnkstube
gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mgde
der Nachbarschaft gedrngt haben, um in eigenen Krgen aus der caupona
Wein fr ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare,
mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden
war von vielen Fssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den
Vorberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis
entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in
halber Manneshhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen
Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spttisch
jene Lobpreisung dahin erluternd, dass des Schankwirths Wein seine
Unbertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.

Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das
Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Tuschung, sicher feststellen
konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der
Entzifferung schwer entrthselbarer graffiti, hatte schon rhmlich
Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwrtig versagte sie ihm
vollstndig. Nicht das nur, er trug ein Gefhl in sich, dass er
berhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu
wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die
Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein
verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie
wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten
Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete,
langweilige Tante gewesen, das ledernste und berflssigste Geschpf auf
der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene ber die verrunzelten Lippen
brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei,
klaubte nur an den drren Schalen der Erkenntnissfrchte herum, ohne von
ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem
Verstndnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose
archologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte,
philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,
dem Gemth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach
Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der
heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit
stehen, um nicht mit den krperlichen Augen zu sehen und nicht mit den
leiblichen Ohren zu hren. Dann kam's berall hervor, ohne sich zu
regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann lste die Sonne die
Grberstarre der alten Steine, ein glhender Schauer durchrann sie, die
Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.

Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's
waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls
vollverdienendes Gefhl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor
sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter.
Die vielkantigen Lavablcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos
zusammengefgt wie vor ihrer Verschttung und waren im Einzelnen von
einer hellgrauen Farbe, doch brtete so blendender Glanz auf ihnen, dass
sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden
Mauern und Sulentrmmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.

Da pltzlich--

Mit geffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als
thue er's in einem Traum. Darin trat pltzlich ein wenig abwrts von
rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und ber die
Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di
Mercurio hinberfhrten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.

Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie
mit einem dnnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und
genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der
Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurckfallendes Tuch
berschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige
Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Kncheln
reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung
der rechte Fuss sich im Zurckbleiben, wenn auch nur einen Moment lang,
auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur
stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmssiger Farblosigkeit
dar, das Gewand, sichtlich aus usserst weich-schmiegsamem Stoff
verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins
Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
Kopftuch auf der Stirn und an der Schlfe hervorblickende Haar hob sich
mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.

Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedchtniss
aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n,
in der Nacht, als sie sich drben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf
die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung
zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er
sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb
nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji
weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden
knne. Und zwar im wrtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart
musste sie in der Asche einen von allen brigen sich unterscheidenden
Abdruck der Zehen hinterlassen haben.

Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch
auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es
verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden
Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus
Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen
Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt
pltzlich herunter und ringelte sich ber die weissglimmernden
Lavaplatten der Strasse davon.

Die Gradiva berschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und
ging, nun den Rcken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort,
ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch
einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen,
durch die Strada di Mercurio weiter abwrts. In dieser lag zur Linken
von vornehmeren Gebuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten
Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden
kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum
Todesschlaf ausgewhlt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem
nheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin.
Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine berkreuzten auch hier
die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurck.
So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig
verndert aus, da ihre linke, das Gewand aufschrzende Hand nicht
sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig
herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die
goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht
mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager
verschwindend, geblieben sei.

Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerhrt zu haben. Nur mit den
Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr
kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal
tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.

Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die brigen zur Nichtigkeit
niederdrngend, ihn vllig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm
gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?

Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder trume, suchte sich
vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch berlief's ihm pltzlich mit
einem sonderbaren Schauer den Rcken. Er sah und hrte nichts, doch
fhlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der
Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so
lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das
sie vor dem verhngnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.

Er kannte die casa di Meleagro von frherem Besuch, war diesmal jedoch
noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels
kurz vor dem Wandgemlde des Meleager und seiner arkadischen
Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse
gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun,
wieder zur Bewegungsfhigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt,
ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des
kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich pltzlich eines griechischen
Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der
Zerstrung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte
hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit
etwas anderem in seinem Gedchtniss Aufgewachten berein, denn er
erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung,
die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich
mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid
in einer der Metamorphosen geschildert:

    Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglttete Spange,
    Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.

Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt
war ihm gegenwrtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu,
dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen
habe. Mit grsserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um
den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der
campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archologisch
durch seinen Kopf.

An den Husern des Castor und Pollux und des Centauren vorbergekommen,
stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch
erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des
Vestibulum berreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefllten
Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige
glckliche Umstnde der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter ffnete sich
das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener
Marmortisch einnahm.

Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen vllig fremd
anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei.
Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung
von dem der brigen ausgegrabenen Gebude der Stadt. An das Atrium
schloss sich nicht in gebruchlicher Art das Peristylium jenseits des
Tablinums nach rckwrts an, sondern zur linken Seite, dafr aber von
weiterem Umfang und prchtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in
Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der
unteren Hlfte roth bemalte, an der oberen weisse Sulen trugen. Die
verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich
in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schn
gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen
Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.

Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier
regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem
kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva
sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in
nichts zergangen.

An die Rckseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der
einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Sulen, doch gelb
bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt
schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glhenderes
Roth, als von den Wnden herber, mit dem kein Pinsel des Alterthums,
sondern die heutige junge Natur den Boden bermalt hatte. Dessen
frheres kunstvolles Paviment lag vllig zerstrt, verfallen und
verwittert; Mai war's, der seine urlteste Herrschermacht hier wieder
bte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Husern der
Grberstadt, gleicherweise rothblhender Feldmohn, dessen Samenkrner
die Winde herbergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein
Gewoge dichtzusammengedrngter Blthen war's, oder so erschien's, obwohl
sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu
ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Hhe leise darber weg.
Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es
den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und
her.

Norbert Hanold's Augen waren in andren Husern achtlos ber den
hnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam
durchschauert. Die Traumblume erfllte den Raum, am Rande des
Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus
den Sften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt,
sinnumdmmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des
Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fhle er seine
Schlfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Gtter
und Menschen angerhrt, doch nicht mit schwerer Betubung, nur eine
traumhaft ssse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess
blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen
Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den
Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und
eine junge Bacchantin mit ihr ngstigte.

Aber da wiederum pltzlich, unvorgesehen -- nur etwa fnf Schritte von
ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten
gebliebenes Oberstck des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien
der gelben Sulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche
Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob.
Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie
offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen,
das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen
Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon
gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und
Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es
angehre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach
Pompeji getrieben; die Gradiva fhrte ihr Scheinleben in der mittgigen
Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum
sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren
Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu
unterscheiden nicht fhig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und
eine Mohnblthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.

In ihrem Gesicht drckte sich eine Ueberraschung aus, unter dem
glanzbraunen Haare und der schnen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn
zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an.
Nur weniger Momente jedoch bedurfte es fr ihn, dann hatte er die
Uebereinstimmung ihrer Zge mit denen des Profils erkannt. So mussten
sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch
beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nhe erhhte ihr
weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen
Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, usserst weichen
Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem
gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter
schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor,
kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem
zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand
zusammengeschlossen.

Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung,
unwillkrlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn
abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: Bist du
Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des
Dichters Meleager?

Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem
ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten
sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein
berhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer
Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der
lateinischen und fragte in ihr: War dein Vater ein vornehmer Brger
Pompejis von latinischem Ursprung?

Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen
Lippen ging etwas leise Huschendes, als drngten sie eine Lachanwandlung
zurck. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein
stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die
Bestrzung ber diese Erkenntniss prgte sich voll in seinen Zgen aus.

Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen,
ein wirkliches Lcheln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen
eine Stimme hervor: Wenn Sie mit mir sprechen wollen, mssen Sie's auf
Deutsch thun.

Das war eigentlich merkwrdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden
verstorbenen Pompejanerin, oder wr' es fr einen Hrer in anderer
Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit
unter zwei ber ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen,
dass die Gradiva Sprachfhigkeit besass, und der andern, die von ihrer
Stimme aus seinem Innern aufgedrngt worden. Die klang grade so hell,
wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine
angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille ber
das blhende Mohngefild hin, und dem jungen Archologen kam's pltzlich
zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so
gehrt. Und unwillkrlich gab er seinem Gefhl laut Ausdruck: Ich
wusste es, so klnge deine Stimme.

In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verstndniss fr
etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie
nun: Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.

Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffllig, dass sie Deutsch sprach
und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da
sie's that, begriff er vielmehr vllig, es knne nicht anders geschehn,
und er erwiderte schnell: Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir
zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein
Gesicht war so ruhig-schn wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg'
es noch einmal wieder so auf die Stufe zurck--

Whrend seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthmliches begeben. Von
den Mohnblthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der
Oberflgel leicht roth berhaucht, zu den Sulen herangeflattert,
umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem
braunen Haargewell ber ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre
Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen
Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick
entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn fr einen Irrsinnigen
ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den
Sulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flchtig noch sichtbar,
dann schien sie in den Boden versunken zu sein.

Er stand athemberaubt, wie betubt, doch hatte er mit dumpfem
Verstndniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die
Mittagsgeisterstunde war vorber und in der Gestaltung eines
Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflgelte
Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rckkehr dorthin zu mahnen.
Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch
etwas Anderes. Er wusste, dass der schne Falter der Mittelmeerlnder
den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des
kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz ber seinen Tod sich
selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.

Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: Kehrst du
morgen in der Mittagsstunde wieder hieher? Doch sie wendete sich nicht
um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel
des Oecus hinter den Sulen. Nun durchfuhr's ihn jh wie mit einem
treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam
nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen berflammt,
lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die
Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflgeln, langsame
Kreise ziehend, wieder ber dem dichten Gedrnge der Mohnblthen dahin.

                   *       *       *       *       *

Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurckgekommen sei, war
Norbert Hanold nicht im Gedchtniss haften geblieben; er trug nur in der
Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr
versptet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem
ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nrdlich
von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und
der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefhr in der
Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo ber Sorrent und dem Monte Epomeo
auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstndigen
Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort fr seine
geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte
zum Gasthof ziemlich im nmlichen Zustand zurck, in dem er ihn
verlassen. Er traf die brigen Gste bei emsiger Beschftigung mit der
'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit
Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hrte
ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber
ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen
einer todten, in der Mittagsstunde wieder flchtig zum Leben gelangten
Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war
allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit
smmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste
er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten
des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinber, setzte sich auch dort in eine
Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Flschchen
Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen
Nachforschungen hin. Sie fhrten genau zu dem nmlichen Ergebniss, nur
ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr smmtliche zeitweiligen
lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden
waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als
Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berhrte ihn daraus eine
gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftsttten
kein Gast, weder mnnlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden
sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhrens in ein, wenn auch
einseitiges, persnliches Verhltniss getreten war. Selbstverstndlich
war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn
gekommen, er knne mglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die
Gradiva antreffen, aber er htte eidlich zu beschwren vermocht, dass
sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im
Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Whrend seiner
Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas
geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach
der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed
zurck. Den Himmel hielten jetzt unzhlbare blitzende und flimmernde
Sterne berset, jedoch nicht in der herkmmlich-unbeweglichen Weise,
sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die
Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen,
sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
auffhrten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die
dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf
dem nmlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken
Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die
unterirdische Glut lauerte berall nach einem Aufbruch und liess auch
ein Weniges von sich in die Rebstcke und Trauben emporsteigen, aus
denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten
Abendgetrnken Norbert Hanold's zhlte. Allein dieser trug in der
Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden
Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstnde
schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise
um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr
nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen.
Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen
Fenster, nach dem Vesuvkegel hinberblickend, ber dem jetzt keine
Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das
Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der
junge Archologe sich, ohne Licht angezndet zu haben, aus und suchte
seine Lagersttte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht
das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blthen als ein
weiches, sonnenheisses Kissen ber ihm zusammenschlugen. Seine Feindin,
die musca domestica communis, sass in halbhundertfltiger Anzahl, vom
Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebndigt, ber seinem Kopf an der
Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von
ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als
das absolut Bse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor
seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra
um ihn her.

Als am Morgen die Sonne unter reger Beihlfe der Fliegen ihn aufweckte,
konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an
wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch
zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablssig Traumgespinnste
webend, neben ihm gesessen, denn er fhlte seinen Kopf vollstndig damit
angefllt und verhngt, so dass alle Denkfhigkeit darin ausweglos
eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er msse
genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei
hatte sich indess eine Scheu seiner bemchtigt, wenn die Thorhter am
Ingresso ihm ins Gesicht shen, wrden sie ihn nicht hineinlassen,
berhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nhe der Beobachtung
von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's fr den
Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er
befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine
Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend
seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in
weitem Halbbogen die Trmmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di
Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und
er begab sich abwrts, ohne sein Gewissen bermssig damit zu beschweren,
dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren
vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl spter auf
irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn
einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grssten
Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen
verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath
ziehend, auf das Vorrcken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger
Entfernung auf etwas silberweiss glnzend aus dem Schutt Aufragendes,
ohne dass sein unsicheres Sehvermgen erkannte, was es sei. Doch trieb's
ihn unwillkrlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher,
ganz mit weissen Glockenkelchen behngter Asphodelos-Blthenschaft
heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume
der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefhl kam, fr
sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken
Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurck. Mehr und mehr
brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, nherte sich endlich
ihrer Mittagshhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola
auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle brigen
schon; drben nach Westen drngten sich bereits smmtliche
Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu.
Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien
die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die
eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf
der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades
hinunterzugeleiten.

Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die
Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte,
rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos
wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium,
zwischen den Sulen des letzteren flammten die Mohnblthen des Oecus
herber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er
gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem
Eigenthmer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die fr die
archologische Wissenschaft grsste Wichtigkeit besessen; welche, wusste
er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem
Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste
und Gleichgltigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich
mit ihr befassen knne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich
alles Denken und Ergrnden richten musste; von welcher Beschaffenheit
die krperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und
lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war.
Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein
einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn berfiel's
jetzt pltzlich mit Gewissheit, seine heutige Rckkehr hieher sei
vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet
worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit
lange nicht mehr zu den Lebenden gehre, ebenfalls todt, begraben und
vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem
apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die
Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den
gleichen zwei gelben Sulen auf der nmlichen Stufe sitzend. Doch er
liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft tuschen,
sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor
Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber
konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen
wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen
kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: O, dass du noch
wrest und lebtest!

Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen
zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine
andere die leere Stille und sagte: Willst du dich nicht auch setzen? Du
siehst ermdet aus.

Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein
Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen.
Oder bte auch eine Gehrhallucination Betrug an ihm? Starr
dreinblickend, sttzte er sich mit der Hand an einer Sule.

Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als
die Gradiva besass: Bringst du mir die weisse Blume?

Ein Betubungsschwindel fasste ihn an, er fhlte, dass die Fsse ihn
nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr
gegenber an der Sule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen
waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als
mit dem sie ihn gestern bei ihrem pltzlichen Aufstehen und Davongehn
angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurckweisendes
gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer
vernderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender
Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und hnlich schien sie
sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bruchliche Anrede in
der dritten Person ihrem Munde und den Umstnden des Raumes nicht
angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam
ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natrliches von den Lippen.
Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm
sie nochmals wieder das Wort und sagte:

Du sprachst gestern, du httest mir einmal zugerufen, als ich mich zum
Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da
ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht
daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.

Norbert hatte jetzt so viel Sprachfhigkeit gewonnen, dass ihm mglich
fiel, zu antworten: In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen
des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.

Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich
htte mir denken knnen, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben
msse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war
zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht
besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich
ducht, du siehst jnger aus.

Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes,
usserst anmuthiges Lcheln um den Mund. Er war in eine verlegene
Unschlssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: Nein,
wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war
vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt,
gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurckbrachte --
aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder--

In den Zgen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenber
Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie
wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: Du erkanntest mich wieder?
In dem Traum? Woran?

Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.

Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?

Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhht; er versetzte: Ja --
weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst,
wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte
dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner
Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem
Reliefbild in Rom berein.

Ach so-- wiederholte sie noch einmal in hnlichem Ton, wie vorher --
mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht
und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort
hast du's also gesehen?

Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er
hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen,
der schon seit Jahren in seinem Zimmer hnge. Den betrachte er tglich,
ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild msse eine junge
Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt ber die Trittsteine
einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm besttigt. Jetzt
wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu
reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden
knne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse
gestanden, sei sie selbst pltzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor
ihm ber die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drben in das
Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse
wieder zurck berkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager
verschwunden.

Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: Ja, ich hatte die Absicht, das
Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.

Er fuhr fort: Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins
Gedchtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und
kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus
zurck. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es
nicht.

War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl
vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hrte ich dich etwas sprechen,
was mir verstndlich wurde. Du drcktest den Wunsch aus, Jemand mchte
doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit
meintest.

Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es
nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie tusche ihm ihr Bild an der
Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lchelte sie und
pflichtete bei: Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem
Uebermass von Einbildungsvermgen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei
meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.
Aber sie brach davon ab und fgte nach: Was ist es denn mit meiner
Gangart, von der du vorhin sprachst?

Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf
zurckbrachte, und ihm kam vom Mund: Wenn ich dich bitten darf--

Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung,
dass sie gestern pltzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er
sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des
Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem
Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in
Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer
Augen gleichmssig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: Es
war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand mge noch leben, mir galt.
Wenn du dafr etwas von mir bitten willst, erflle ich es dir gern.

Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: Es wrde mich
glcklich machen, dich in der Nhe so gehen zu sehn, wie dein
Bildniss--

Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine
Strecke zwischen der Wand und den Sulen entlang. Genau die ihm so
festeingeprgte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht
emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie
unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle
Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurckkehrte und sich schweigend
wieder hinsetzte, zog er unwillkrlich diesen Unterschied ihrer
Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie:
Die Zeit ndert ja immerzu an Allem, und fr die gegenwrtige passen
Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und
Regen schtzen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist
denn Besonderes daran?

Ihr nochmals ausgedrckter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht
ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erluterte nun,
dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurckgehaltenen
Fusses whrend des Ausschreitens handle, und knpfte daran, wie er in
seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen
Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schne
Bewegungsweise ihnen vllig verloren gegangen sei, mit Ausnahme
vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen,
gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedrnge um sie her
nicht feststellen knnen, und ihn wohl eine Augentuschung befallen
gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszge etwas
denen der Gradiva gehnelt htten.

Wie schade, antwortete sie, denn die Feststellung wre doch von
grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen
wre, httest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen
gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?

So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.

Das Letzte setzte er ein bischen zgernd hinzu, und auch ihr Mund
zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfgung
erwiderte: Ich heisse Zo.

Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: Der Name steht dir schn an,
aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zo heisst das Leben.

Man muss sich in das Unabnderliche finden, entgegnete sie, und ich
habe mich schon lange daran gewhnt, todt zu sein. Nun aber ist fr
heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie
mich auf den Weg zurckgeleiten soll. So gieb sie mir.

Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die
Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berhren. Den
Blthenzweig annehmend, sagte sie: Ich danke dir. Solchen, die besser
daran sind, giebt man im Frhling Rosen, doch fr mich ist die Blume der
Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir
verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn
auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager fhrt, knnen
wir uns wie heute am Mohnrand gegenbersitzen. Auf seiner Schwelle
steht: Have, und ich spreche es dir: Have!

Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als
ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles
wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller,
gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines ber
die Trmmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurckgebliebene sah auf den
verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das
Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien
gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die
Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit
Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Husern
Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa
di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, ber
die Mohnblthen des Oecus hin den Durchblick durch die Sulenreihe des
Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rhrte daraus an, dass
die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie
dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren
das nur geringfgige Wunderzugaben neben der grossen ihrer
Wiederbelebung, und offenbar bentzte sie die mittgige Freistunde dazu,
die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewhnlicher knstlerischer
Begabung sich gegenwrtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von
fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem
Denkvermgen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten
Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles
Erinnerungsstck war.

Mechanisch ging Norbert mit dem Bchlein ebenfalls den Porticus entlang
und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen
Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewhnlicher
Schlankheit in das Nebengebude und wohl weiter nach dem Vicolo del
Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber
durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zo-Gradiva
versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig,
und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf
diesem Wege zu ihrer Gruft zurck. Die musste in der Grberstrasse sein,
und fortstrzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis
zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss
gebadet eintraf, war's schon zu spt; leer dehnte sich die breite Strada
di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem
glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa
des Diomedes zu zergehen.

                   *       *       *       *       *

Norbert Hanold verbrachte die zweite Hlfte dieses Tages mit einem
Gefhl, dass Pompeji berall oder wenigstens da, wo er sich grad
aufhalte, in eine Nebelwolke eingehllt sei. Die war nicht nach ihrer
sonstigen Art grau, dster und trbsinnig, vielmehr eigentlich heiter
und usserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptschlich leicht
gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen
Fden durchsponnen. Auch beeintrchtigte sie weder das Sehvermgen des
Auges, noch die Gehrkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_
liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren
Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archologen
war's ungefhr, als werde ihm allstndlich in unsichtbarer und auch
sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht,
der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausfhre. Davon
suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien,
indem er einerseits hufig Wasser trank, andrerseits mglichst viel und
weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich,
allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand
msse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in
Verbindung mit einer beschleunigten Herzthtigkeit, entspringen, denn er
fhlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher vllig Fremdartiges,
ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen
verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen
konnten, im Innern keineswegs unthtig, oder richtiger war's nur ein
Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose,
wenngleich vergeblich bleibende Geschftigkeit betrieb. Er drehte sich
dabei immerwhrend um die Frage herum, von welcher leiblichen
Beschaffenheit die Zo-Gradiva sein mge, ob sie whrend ihres
Aufenthaltes im Hause des Meleager ein krperhaftes Wesen oder nur eine
Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Fr das
Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie
ber Organe zum Sprechen verfgte und mit den Fingern einen Bleistift zu
halten vermochte. Aber bei Norbert berwog doch die Annahme, wenn er sie
berhren, etwa seine Hand auf die ihrige legen wrde, trfe er damit nur
auf leere Luft. Sich darber zu vergewissern, trieb ihn ein
eigenthmlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der
Vorstellung auch davon zurck. Denn er empfand, die Besttigung jeder
der beiden Mglichkeiten msse etwas Bangniss Einflssendes mit sich
bringen. Die Krperhaftigkeit der Hand wrde ihn mit einem Schreck
durchfahren und ihre Krperlosigkeit ihm einen starken Schmerz
verursachen.

Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines
Experimentes nicht lsbaren Problem fruchtlos beschftigt, gelangte er
bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den sdwrts von
Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte
Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem lteren, schon
graubrtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrstung mit allerhand
Gerthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem
heissbesonnten Abhang eine Nachsprung anzustellen schien. Der drehte
den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen
Augenblick berrascht an und sagte dann: Interessiren Sie sich auch fr
die Faraglionensis? Das htte ich kaum vermuthet, aber mir ist es
durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei
Capri aufhlt, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen
muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich
habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie
sich ganz ruhig--

Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelnde empor
vorwrts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus
einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale
Felsritze, aus der das blulich schillernde Kpfchen einer Eidechse
hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert
Hanold wendete sich hinter seinem Rcken geruschlos um und kehrte auf
den Weg, den er gekommen, zurck. Ihm war's dunkel, das Gesicht des
Lacertenjgers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden
Gasthfe, an seinen Augen vorbergegangen, darauf wies auch die Anrede
desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was fr nrrisch
merkwrdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen
konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem
Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine
Denkkraft auf das Problem der Krperhaftigkeit oder -losigkeit
zurckzurichten, begab er sich auf die Rckwanderung. Doch verleitete
ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt
zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr,
als er dicht an ein Gebude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch
das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft
an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen
Amphitheaters, und ihm kam von frher ins Gedchtniss, dass in der Nhe
des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei,
wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer
geringen Gstezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt
geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte
Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thr
ein und liess sich das von ihm als ntzlich gegen den Blutandrang
erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer
stand, selbstverstndlich bis auf den vollzhlig versammelten
Fliegenbesuch, leer, und der unbeschftigte Wirth ntzte, mit dem
Eingekehrten eine Unterhaltung anknpfend, die Gelegenheit, sein Haus
und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schtze bestens in Empfehlung zu
bringen. Nicht grade unverstndlich deutete er darauf hin, dass es in
der Nhe von Pompeji Leute gbe, bei denen unter den vielen von ihnen
zum Verkauf ausgestellten Gegenstnden kein einziges Stck echt, sondern
alle nachgemacht seien, whrend er, sich mit einer geringeren Anzahl
begngend, seinen Gsten nur zweifellos Ungeflschtes anbiete. Denn er
erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutagefrderung er selbst anwesend
war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch
zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar
aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges
fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte
Norbert schon frher gehrt, darber als ber eine Fabelerfindung irgend
eines besonders phantasiereichen Erzhlers die Achsel gezuckt, und er
wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grner
Patina berkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart
neben den Ueberresten des Mdchens aus der Asche gesammelt worden. Aber
als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, bte doch
die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er pltzlich,
ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafr verlangten Englnderpreis
entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess.
In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem
offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen
Blthen behngten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen
Zusammenhanges dafr zu bedrfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der
Grberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines
neuen Besitzthums zu Theil werde.

Dies betrachtete er, jetzt lngs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina
innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem
zwiespltigen Gefhl. Es war also doch kein Mrchen, dass ein junges
Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden
sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf
hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt;
in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand
zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.

Aus der grnen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefhl,
sie habe der Zo-Gradiva angehrt, das Gewand derselben am Halse
geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte,
vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben
gewollt.

Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte
seine Finger, als ob sie in glhenden Zustand gerathe. Oder richtiger,
sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine
Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.

Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn
nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es
sein mochte, fehlte doch der unumstssliche Beweis, dass die Spange ihr
angehrt habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des
jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fhigkeit
eines befreienden Athemzuges, und als er im Dmmerungsbeginn den
'Diomed' erreichte, hatte die langstndige Umherwandrung seiner gesunden
Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedrfniss eingebracht. Er
verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz
seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne
Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene
Gste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als
Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende
und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszge; ihr Verhltniss
zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer
gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied
das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem
lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren
Anblick an etwas im Gedchtniss des aus seiner Stubenecke
Hinberschauenden rhrte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was
es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden,
von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei
einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in
besorglichem Flsterton, augenscheinlich bald ber ernsthafte Dinge und
bald ber heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein
halblachender Zug, der ihnen hbsch stand und Lust zu einer Antheilnahme
an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert htte
erwecken knnen, wenn er um zwei Tage frher mit ihnen in dem sonst nur
von den Anglo-Amerikanern bevlkerten Raum zusammengetroffen wre. Doch
er fhlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken
Gegensatz zu der frhlichen Natrlichkeit der Beiden, um die
unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht ber die
Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen
tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmhung an einem
rthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwrtigen Stunde freuten.
Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits hchst
berflssig fr sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine
Bekanntschaft mit ihnen anzuknpfen, zurck, da er eine dunkle
Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen knnten ihm durch die
Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck
annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So
begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern,
nach dem nchtigen Purpurmantel des Vesuv hinberblickend, am Fenster
und legte sich dann zur Ruhe. Uebermdet, schlief er auch bald ein und
trumte, doch merkwrdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die
Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin
zu fangen, und sagte dazu: Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin
hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg
angewendet--

Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That
vollstndige Verrcktheit, und er warf sich herum, um von ihr
loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihlfe eines unsichtbaren
Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die
Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.

                   *       *       *       *       *

Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme
gesprochen habe, im Frhling gbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm
dies durch die Augen ins Gedchtniss gerufen, da sein aus dem Fenster
gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch
fiel. Sie waren von der nmlichen Art wie die, welche die junge Dame vor
der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflckte er
unwillkrlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den
Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
Duft bednkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch vllig neu und
fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lsende Wirkung in seinem
Kopf ausbten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor
den Thorwchtern, er begab sich vorschriftsmssig durch den Ingresso
nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten
Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der
Nhe der brigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der
Casa di Meleagro trug er nebst der grnen Spange und den rothen Rosen
mit sich, doch zu frhstcken hatte er ber dem Duft der letzteren
vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart,
sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu
der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat
zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm
wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals fter betreten
habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie
lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken
gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei,
mglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich
bekrftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an
seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen
willfhrig und berzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das
Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten
Meinung beharre, vielmehr jeder vernnftigen Einwendung freien Lauf
lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch,
auch ebenso wnschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als
leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die
Befhigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen,
behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit fr sich und wandelte das
Wnschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine
unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere knnten sie ebenfalls
anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu fhren,
entrstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein
Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst,
entdeckt, sie tglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen
mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr
dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen
htte. Daraus aber fiel seinem Gefhl ein Recht zu, auf das er allein
Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst
zu theilen.

Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen,
die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung
abgesehen zu haben und machte nicht nur in archologischer, auch in
praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit
zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen
erhielten da und dort ihr Gedchtniss fort und legten ingleichem noch
Zeugniss von ihrer umstandslosen Bentzung durch vorbergekommene
durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mndungsrohr
vorzubcken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gesttzt und
diesen, wie der Tropfen den Stein hhlte, allmhlich an der Stelle zu
einer Einmuldung ausgeschrft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer
Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf,
dass auch die Hand der Zo-Gradiva sich ehemals hier so aufgesttzt
haben mge, und unwillkrlich legte seine Hand sich in die kleine
Aushhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen
Verdruss ber sich selbst, dass er darauf hatte gerathen knnen. Sie
stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen
Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwrdigendes lag darin, dass
sie sich so bergebeugt und ihre Lippen an das nmliche Rohr gelegt
haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn
Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab,
war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn berkam's schreckhaft, sie
knne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre
Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefhl
angerhrt, whrend seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach,
einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit
einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam
Acht geben, dass sie nichts Thrichtes in seinen Gedankenvorgngen
antrafen.

Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging
er quer ber die Strasse in die Casa del Fauno, das umfnglichste und
stattlichste aller ausgegrabenen Huser, hinein. Wie kein anderes,
besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten
des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berhmte Statue des
tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward
bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies,
von der Wissenschaft am hchsten geschtzte Kunstwerk nicht mehr hier
befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins
Museo nazionale nach Neapel berfhrt worden sei; er trug keinerlei
weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrcken zu
lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebude
umher. Hinter dem Peristyl ffnete sich ein weiter, von zahlreichen
Sulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des
Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's
gegenwrtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit
blhendem Mohn berdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher
durch die stille Verlassenheit.

Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch
nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei
Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah
als irgendmglich aneinandergedrngt standen. Sie nahmen ihn nicht
gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschftigt und mochten sich
dabei in dem Winkel durch die Sulen fr etwaige andere Augen
unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen
umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der
unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der
junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal
auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Fr zwei Geschwister aber
bednkten ihn ihr gegenwrtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von
zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges
Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.

Merkwrdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert
augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rhrte ihn durchaus
nicht lcherlich oder widerwrtig an, vielmehr erhhte noch sein
Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natrlich wie
vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit
grsser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am hchsten
bewunderten antiken Kunstwerke, und gern htte er sich dieser
Betrachtung noch lnger berlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er
unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff,
darin eine geheime Andachtsbung zu stren; die Vorstellung, dabei
wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig
um, ging geruschlos ein Stck auf den Zehen zurck und lief, aus der
Hrweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo
del Fauno hinaus.

                   *       *       *       *       *

Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits
Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu
befragen, doch er blieb vor der Thr, unschlssig eine Weile auf das
'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab,
hineinzutreten, und sonderbar frchtete er sich gleicherweise davor, die
Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem
Kopf hatte sich whrend der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren
Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jngeren Herrn auf und im
zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Sulen
Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit strker,
als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute
nicht fr mglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung
fhig sein knne. Das Duell, das er immer fr eine sinnlose Dummheit
angesehen, erschien ihm pltzlich in einem vernderten Lichte; hier ward
es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekrnkte, zu Tod
Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine
befriedigende Vergeltung zu ben oder sich eines zwecklos gewordenen
Daseins entussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jher
Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen
herausfordern und wollte -- das drngte sich fast noch gewaltsamer in
ihm auf -- ihr rckhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie fr etwas
Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fhig gehalten habe--

So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Emprung,
dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafr zu
Tage lag. Denn wie er mit strmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus
hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestm aus: Bist du allein?!,
obwohl der Augenschein keinen Zweifel darber beliess, dass die Gradiva
grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass.
Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: Wer sollte denn nach Mittag
noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen.
Das hat die Natur fr mich sehr erfreulich so eingerichtet.

Seine berwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht
beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die
Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Strke einer Gewissheit
ber ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig,
hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen
Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen,
dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn
und sagte: Du--. Danach aber fuhr sie fort: Mir scheint's grade
genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss,
dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefllt mir einmal
gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern
vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir fr deine bessere
Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?

Die letzte Frage war wohlbegrndet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu,
sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf
dmmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet,
dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es mglich fiel,
wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das
Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe
nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: Du scheinst ein
Freund von Rosen zu sein.

Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum
Abpflcken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete:
Ja -- doch, ich habe sie nicht fr mich -- du sprachst gestern -- und
auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gbe sie im Frhling--

Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: Ach so -- ja, ich
erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gbe man nicht Asphodil, sondern
Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir
ein wenig verbessert.

Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr
jetzt hinreichend, versetzte er: Ich glaubte zuerst, du knntest nur in
der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass
du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glcklich--

Warum macht dich das glcklich?

Ihr Gesicht drckte Verstndnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging
ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: Es ist
schn, lebendig zu sein -- mir ist dies frher nie so -- ich wollte dich
noch fragen--

Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend,
hinzu: Hat diese Spange ehemals dir gehrt?

Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schttelte
den Kopf. Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach
wr's sonst wohl nicht unmglich, denn sie wird vermuthlich erst aus
diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden?
Bekannt kommt die schne grne Patina mir doch vor, als htte ich sie
schon gesehen.

Unwillkrlich wiederholte er: In der Sonne -- warum in der Sonne?

Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande.
Sollte die Spange nicht einem jungen Mdchen gehrt haben, das mit einem
Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglckt
sein soll.

Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt--

Ach so--

Die beiden Wrtchen lagen offenbar der Gradiva als eine
Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen
Augenblick inne, ehe sie hinzufgte: Desshalb meintest du, ich htte
sie an mir getragen. Und htte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin?
-- dich unglcklich gemacht?

Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fhle, und
vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: Ich bin sehr froh darber
-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehrt habe, verursachte
mir einen -- einen Schwindel im Kopf--

Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht
heut' Morgen zu frhstcken vergessen? Das verstrkt leicht solche
Anflle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am
besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem
misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass
ich meinen Vorrath mit dir theile--

Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer
Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hlfte in seine Hand
und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei
blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zhne nicht nur mit
einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim
Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie
durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern
von wirklicher krperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte
sie mit ihrer Vermuthung bezglich des versumten Frhstckes wohl das
Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine
entschieden gnstige Wirkung davon auf die Klrung seiner Gedanken
ausgebt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben
sich schweigend der gleichen ntzlichen Beschftigung hin, bis die
Gradiva sagte: Mir ist's, als htten wir schon vor zweitausend Jahren
einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf
besinnen?

Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so
unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Strkung des Kopfes
durch das Nhrmittel hatte eine Umnderung in seinem Gehirn nach sich
gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji
umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in
Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwrtig so, als
ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein knne. Die Formen und Farbe
des Gesichtes, das beraus reizvolle, braungewellte Haar und die
makellosen Zhne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten
eines Fleckens beeintrchtigte Gewand habe ungezhlte Jahre in der
Bimssteinasche gelegen, enthielt im hchsten Masse Widerspruchsvolles.
Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in
wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner
Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf
berkommen worden, getrumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr
als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter trume, noch
so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie
wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch
wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen
einen Einwand--

Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor
zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er
nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen--

Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien --
die trug den Schlssel zur Lsung eines unentwirrbaren Rthsels in
sich--

Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der
gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Sule ihm gegenber sah
er eine nach ihrer nichtswrdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf
und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.

Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon
frher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte,
jh herausgestossen, vom Mund: Waren die Fliegen damals schon ebenso
teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensberdruss gemartert
haben?

Sie blickte ihn mit einem vllig begrifflosen Erstaunen an und
wiederholte: Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?

Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht
durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspre. Bei
dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archologen zwei gewaltsame
Antriebe zur Ausfhrung einer und der nmlichen Handlung ineinander.
Seine Hand fuhr pltzlich in die Hh' und klatschte mit einem keineswegs
gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.

Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestrzung und doch auch ein
freudiger Schreck ber ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft
hindurch gefhrt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf
eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die
einen Moment lang, augenscheinlich vollstndig verblfft, regungslos
unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck
fort, und der Mund ber ihr sagte: Du bist doch offenbar verrckt,
Norbert Hanold.

Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der
Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich ber die Lippen, dass der
Inhaber desselben noch strker erschrocken von der Stufe aufflog.
Zugleich ertnten im Sulengang unvermerkt nah herangekommene
Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des
sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame
rief mit einem Ton hchlicher berraschung: Zo! du auch hier? Und auch
auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!

                   *       *       *       *       *

Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der
Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es
musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen
Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun knne, um
nicht eine beraus lcherliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar,
mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrssten, die ihn eben
mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich
selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz
unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern
krperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose
Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in
einem Zustand vlliger Verrcktheit gewesen. Und zwar keineswegs in
unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer
vernnftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das
sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen,
seinem Verstndniss; nur dunkel rhrte ihn eine Empfindung an, ein
sechster Sinn msse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise
zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schtzenswerthes zum
Gegentheil umwandle. Um darber durch einen Nachdenkungsversuch
wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in
unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunchst aber
trieb es Norbert an, sich mglichst rasch aus dem Bereich der Augen,
Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so
bentzten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.

Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von
dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in
der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck
nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, berrascht worden. Doch liess
vom letzteren schon der nchste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine
Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen
und versetzte, ihr die Hand reichend: Das ist ja wirklich hbsch, Gisa,
der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit
vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen
und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen
Glckwunsch nicht nachtrglich zu einer Condolation umzundern. Paare,
bei denen das angebracht wre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei
Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche
ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts;
das wirst du mir nicht bel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst
nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring
auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich krftig auf die
Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie
zu nchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an
einem merkwrdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine
Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin.
Pflichtmssig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb
bei solchen Zustnden ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich
wohnen im Sole, er bekam auch einen pltzlichen Anfall und dazu den
guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine
eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen
stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes wrde ich wohl
schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht --
ich meine das Glck, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem
Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten
Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch
nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da
muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider
augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di
Meleagro ja auch ohne mich besichtigen knnen; ich verstehe das zwar
nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So
viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man
eigentlich nicht. Was sonst noch nthig ist, schpft man aus sich selbst
-- bitte, nein, senza complimenti!

Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine hfliche
Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen
schien. Sie hatte sich hchst lebendig, ussert unbefangen und ganz den
Umstnden der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin
entsprechend ausgedrckt, doch mit einer ausserordentlichen
Schnelligkeit, die fr die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich
gegenwrtig nicht lnger aufhalten knne, Zeugniss ablegte. Und so waren
nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert
Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in
die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemss,
einzig da und dort von einer schwnzelnden Lacerte belebt da, und fr
ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar
einem kurz berwgenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die
nchste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, berschritt an der
Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem
anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr
rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter
dieser dehnte sich lang die Grberstrasse abwrts, doch nicht
weissblendend und von glitzernden Strahlen verhngt, wie vor
vierundzwanzig Stunden, als der junge Archologe ebenso mit suchenden
Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut'
von einem Gefhl berkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des
Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor
sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet
wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de'
Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewhnlich scharf und schwarz
gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der
geheimnissvoll Alles berflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse
befliss sich einer gewissen trbsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwrtig
ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser
Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht
aufgehoben, sondern eher noch erhht; es sah aus, als ob dort in der
Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus
aufsuche und unter einem der Grberdenkmler verschwinde.

Nicht der nchste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's,
vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber
die Zo-Gradiva musste nachtrglich zur Einsicht gekommen sein, dass die
Zeit doch noch nicht so bermssig zum Mittagstisch drnge. Denn nach
einem ganz flchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des
zurckbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, ber
die Lavaplatten der Grberstrasse weiter.

                   *       *       *       *       *

Die 'Villa des Diomedes' -- usserst beliebig von den Heutlebenden so
nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes,
der zu einem Vorstand des frher hier gelegenen Stadttheiles aufgerckt
gewesen, in der Nhe fr seine vormalige Gebieterin Arria, sowie fr
sich und seine Angehrigen errichtet hatte -- war ein sehr umfnglicher
Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht
schauerlich-wirkliches Stck der Geschichte vom Untergang Pompejis in
sich. Eine Wirrniss weitlufiger Trmmerreste machte den oberen Theil
aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem
erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen
Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch
weiter abwrts fhrten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von
trbem Dmmerlicht angehelltes Kellerganggewlbe nieder. Auch in dies
war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette
von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit
einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das
halbunterirdische Gelass geflchtet und die trgerische Zuflucht allen
zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche,
namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden
hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthr retten
wollen, denn er hielt den Schlssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm
kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine
betrchtliche Anzahl goldener und silberner Mnzen mit sich getragen.
Von der erharteten Asche waren die Krperformen der Verunglckten
erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier
aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schnen
Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mdchens
bewahrt.

Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlsslich das
Wegziel fr jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die
Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten rumlichen
Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier
sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster
Zufluchtsort fr sein neuestes Kopfbedrfniss erschienen. Das verlangte
dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und
unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe
in seinem Gefsssystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte
zwischen den beiden Forderungen eine bereinkunft schliessen mssen,
dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Fssen
freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner
Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das
krperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mhte sich, sein geistiges
in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der
Ausfhrung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als
unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei vllig ohne Sinn und
Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger
leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze,
und diese deutliche Einsicht seiner Verrcktheit bildete unstreitig
einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rckweg zur gesunden Vernunft.
Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre
ordnungsmssige Verfassung zurckgebracht, denn wenn ihr auch
aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand
trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafr war
ein unumstsslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere
sahen sie, wussten, dass sie Zo hiess, und sprachen mit ihr als einer
ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch
seinen Namen, und das konnte wieder nur einer bernatrlichen Befhigung
ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch fr die in den
Kopf einziehende Vernunft unentrthselbar. Doch gesellte sich der
unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anhnelnde in ihm selbst hinzu, denn
er hegte den instndigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der
Villa des Diomedes mitverschttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr
laufe, der Zo-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess
klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefhl in ihm, dass er noch lebte
und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr
zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgren, doch zutreffenden
Vergleich wie ein Mhlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er
anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer
Aufhellung der Widersprche verhalf. Im Gegentheil rhrte ihn eine
undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn
und in ihm verdunkle.

Da prallte er pltzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges
umbiegend, zurck. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem
Gesicht sass ziemlich erhht auf einem abgebrochenen Mauerstck eines
der jungen Mdchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.

Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen
und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten
es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der
Stufe, nur sahen, da jener betrchtlich hher war, ihre frei
herabhngenden schmalen Fsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das
zierliche Knchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.

Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern
durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer
halben Stunde am meisten auf der Welt frchtete, war jhlings
eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an,
die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spttisches Lachen
auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang
nur ruhig von ihnen her: Draussen wirst du nass.

Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden.
Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum
Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nmlichen dadurch
theilhaft werde, enthielt eine Lcherlichkeit, und Norbert Hanold
scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurck,
sich lcherlich zu machen. Desshalb gab er unwillkrlich den Versuch,
davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Fsse, die
jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her
schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klrend auf
seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck fr sie
finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Fsse nochmals das
Wort: Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen
erzhlen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche
Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist
dir's geglckt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?

Das Letzte sagte sie mit einem lchelnden Zug um die Lippen, der indess
so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug.
Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfhigkeit, nur mit
der Beschrnkung, dass der junge Archolog auf einmal nicht wusste,
welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle.
Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, berhaupt keines
anzuwenden, sondern erwiderte: Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas
verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig --
wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich
bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine --
meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.

Die Fsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie
entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: So weit
ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold.
Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran
gewhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, htte ich nicht nach
Pompeji zu kommen gebraucht, und du httest sie mir um gut hundert
Meilen nher besttigen knnen.

Um hundert Meilen nher -- wiederholte er verstndnisslos und halb
stotternd -- wo ist das?

Deiner Wohnung schrg gegenber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster
steht ein Kfig mit einem Canarienvogel.

Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rhrte das letzte Wort den
Hrer an, der es wiederholte: Ein Canarienvogel-- und er fgte, noch
entschiedener stotternd, hinzu: Der -- der singt?

Das pflegen sie zu thun, besonders im Frhling, wenn die Sonne wieder
warm zu scheinen anfngt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor
der Zoologie Richard Bertgang.

Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen
erreichten Grsse. Er sprach abermals nach: Bertgang -- dann sind Sie
-- sind Sie -- Frulein Zo Bertgang? Die sah aber doch ganz anders
aus--

Die beiden herabhngenden Fsse fingen wieder ein wenig an zu
schlenkern, und Frulein Zo Bertgang sprach dazu: Wenn du die Anrede
passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag
nur die andere natrlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich
frher, als wir tglich freundschaftlich miteinander herumliefen,
gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem
Blick auf mich Acht gegeben htten, wre Ihren Augen vielleicht
aufgegangen, dass ich schon seit lngerer Zeit so aussehe. -- Nein,
jetzt schttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie
keinen trockenen Faden.

Nicht nur die Fsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der
Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den
Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger
Anzglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefhl berkommen
worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen
und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das
liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern
suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb
kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmthig nachgefgte Aeusserung
Frulein Zo's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender
Weise, denn fr das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug,
war 'schtten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer
Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der
campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als
ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des
Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden
nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefgte Mauer da.
Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur
Unmglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu
verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht
bentzte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung
ihrer pdagogischen Errterungen, indem sie nach einer kurzen Pause
fortfuhr:

Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb,
Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwrdige
Anhnglichkeit an Sie angewhnt und glaubte, ich knnte nie einen mir
angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder
Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in
Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich
auch ein Mdchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was
sonst mit ihnen zusammenhngt, beschftigen kann. Das waren also Sie
damals; doch als die Alterthumswissenschaft ber Sie gekommen war,
machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre
schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch
nicht zu dem, was ich ausdrcken will -- ich wollte sagen, da stellte
sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der,
wenigstens fr mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund
und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders
aus als frher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir
zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und
noch weniger bekam ich deine Stimme zu hren, worin brigens keine
Auszeichnung fr mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest.
Ich war Luft fr dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an
dem ich dich frher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul
wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein --
Archopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethm ja
wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie
beherbergte, hier in Pompeji mich auch fr etwas Ausgegrabenes und
wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir
vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest,
kostete es mich zuerst ziemliche Mhe, dahinter zu kommen, was fr ein
unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner
Tollhusigkeit nicht so bel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
nicht vermuthet.

Damit beendete Frulein Zo Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton
etwas abgemildert, ihre rckhaltlose, ausfhrliche und lehrreiche
Strafrede, und merkwrdig in der That war's, wie genau sie dabei dem
Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszgen, der
Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll
gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten gracisen
Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem
crmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten
die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte
viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei
Jahrtausenden vom Vesuv verschttete Pompejanerin zeitweilig wieder
lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen knne, aber wenn
der Glaube selig machte, nahm er berall eine erhebliche Summe von
Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Bercksichtigung smmtlicher
Umstnde lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung
Norbert Hanold's doch einige Milderungsgrnde fr die Verrcktheit vor,
dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.

Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht
ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel
anstellen, dem eben ein voller Wasserkbel ber den Kopf geschttet
worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne
recht zu wissen, warum, fhlte er seine Brust davon wesentlich zu
besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die
Tonumnderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf
einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr
zwischen seine Lider ein verklrender Schimmer gerathen, wie er aus den
Augen andchtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf
ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die
Abkanzlung nun berstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu
befrchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: Ja, nun erkenne
ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verndert -- du bist es,
Zo -- meine gute, frhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist hchst
sonderbar--

Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber fr die
Archologie ist das wohl nothwendig.

Nein, ich meine dein Name--

Warum ist der sonderbar?

Der junge Archolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen,
sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte:
Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten
Glnzende' bezeichnet.

Die beiden sandalenhnlichen Schuhe Frulein Zo Bertgang's erinnerten
augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig
wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche
Erluterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im
Schreiten glnzenden Fsse gegenwrtig ihr Augenmerk verwendete. Auch
durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen
Ausfhrung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hrbar aus
tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's
abgehalten: Aber welches Glck, das du nicht die Gradiva bist, sondern
so, wie die sympathische junge Dame!

Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung ber ihr Gesicht
gehen, und sie fragte: Wer ist das? Wen meinst du?

Die dich im Haus des Meleager anredete.

Kennst du die?

Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich
gefallen hat.

So? Wo hast du sie denn gesehen?

Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz
Sonderbares.

Was thaten sie denn?

Sie sahen mich nicht und kssten sich.

Das war ja eigentlich recht vernnftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji
auf der Hochzeitsreise?

Mit einem Schlage vernderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen
Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden
da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel
auserwhlt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich
geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit
einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie
schon wieder auf den Gradivafssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug
mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen
fortfahrend, sagte sie: Nun hat der Regen aufgehrt, zu gestrenge
Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernnftig, und so ist
Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du
kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trgt, wieder
aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji
wissenschaftlich behlflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del
Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten.
Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf
dem Mond noch einmal wieder. Addio.

Das sprach Zo Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso
gleichmthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte,
den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten
beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des
draussen stark durchnssten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein
wenig in die Hh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der
auf kaum mehr als doppelte Armlnge von ihr entfernt Stehende nahm nur
zum erstenmal eine ganz geringfgige Abweichung der lebendigen von der
steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das
augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines
Grbchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer
Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefltelt, konnte
damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz,
mglicherweise beides zusammen zum usseren Ausdruck bringen. Darauf sah
Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten
Zeugniss wieder vllig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen
doch nochmals einer optischen Tuschung unterliegen. Denn er stiess mit
einem eigenthmlich ber seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: Da
sitzt die Fliege wieder!

So absonderlich klang's, dass der verstndnisslosen Hrerin, die sich
nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkrlich die Frage entflog: Die
Fliege -- wo?

Da auf deiner Wange! Und zugleich schlang der Antwortende pltzlich
einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief
verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grbchen
vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich
danach rief er nochmals: Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!, und
damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber
so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darber bleiben konnte, er gelange
zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwrdigerweise
behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als
ihr Mund nach Ablauf von ungefhr einer Minute sich einmal genthigt
sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfhigkeit
zurckversetzt, nicht: Du bist wirklich verrckt, Norbert Hanold,
vielmehr liess ein beraus reizvolles Lcheln um ihre erheblich strker
als zuvor gertheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der
vollstndigen Gesundung seiner Vernunft berzeugt worden.

Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bsen
Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehrt, doch gegenwrtig vernahm
und gewahrte sie ungefhr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im
allergeringsten zur Einflssung eines Grausens eigneten. Dann jedoch
machte sich einmal bei Frulein Zo Bertgang eine verstndige Besinnung
geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und
Willen, vom Mund: Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst
verhungert mein armer Vater. Mich ducht, du kannst heute auf die
Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von
ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft
vorlieb.

Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das whrend der Stunde unter
vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine
hlfreiche Lehrthtigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame
zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies
auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden
Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: Dein Vater -- was
wird der--?

Frulein Zo fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch
erweckter Beunruhigung, ein: Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin
kein unentbehrliches Stck in seiner zoologischen Sammlung; wr' ich
das, htte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehngt. Im
Uebrigen bin ich mir schon von frhauf darber klar gewesen, dass ein
Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas ntzt, wenn sie einem Mann die
Mhe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich
meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch
fr deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufllig
einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da
machen wir's so einfach wie mglich. Du fhrst fr ein paar Tage nach
Capri hinber, fngst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht,
kannst du an meinem kleinen Finger einben -- eine Lacerta
faraglionensis, lsst sie hier wieder laufen und fngst sie vor seinen
Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und
mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut.
Gegen den Collegen Eimer aber, fhle ich heut', hab' ich mich bisher
undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung
wre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das
wre doch schade gewesen, nicht nur fr dich, sondern auch fr mich.

Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes
Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der ber
die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen
konnte. Doch wenn auch sie denen des Fruleins Zo Bertgang ebenso wie
alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewhnlich
schnen und schalkhaften Reiz besessen haben.

Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark berkommen, dass er, ein
wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: Zo, du liebes
Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach
Italien und Pompeji!

Das bildete einen entschiedenen Beleg fr die Erfahrung, wie sehr
vernderte Umstnde auch eine Umwandlung im Menschengemth herbeifhren
und zugleich eine Gedchtnissschwchung damit verbinden knnen.
Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine
Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von
misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete
zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie
Hand in Hand mit einander durch die alte Grberstrasse von Pompeji
dahingingen. Freilich drngte diese sich auch gegenwrtig der Empfindung
nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte
wieder ber ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die
alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und
die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche,
von dem wohlthtigen Regensturz mit Perlen und Diamanten berschttet.
Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen
Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den
kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der
Verschttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: Darber, denke
ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache,
die wohl besser von uns Beiden erst noch fter in reiflichere Erwgung
gezogen und knftigen Eingebungen berlassen wird. Ich fhle mich
wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht
vllig lebendig genug.

Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen
Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermgens in
Dinge, ber die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an
das Herculesthor zurckgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte
Trittsteine die Strasse berkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an
und sagte mit einem eigenthmlichen Klang der Stimme: Bitte, geh' hier
vorauf! Ein heiter verstndnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund
seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend,
schritt die Gradiva rediviva Zo Bertgang, von ihm mit traumhaft
dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den
Sonnenglanz ber die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinber.




  Druck von
  Kamm & Seemann
  in Leipzig.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich
  jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich

  machten zumeisf lange Kleider die Gangart vllig unerkennbar,
  machten zumeist lange Kleider die Gangart vllig unerkennbar,

  Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie
  Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie

  sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedchtnis zurckzurufen.
  sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedchtniss zurckzurufen.

  peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
  peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein

  Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur
  Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur

  Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
  Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem

  ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nrdlich
  ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nrdlich

  sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
  sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen

  die krperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und
  die krperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und

  So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
  So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht

  zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten
  zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten

  Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr
  Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr

  auch ebenso wnschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
  auch ebenso wnschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei

  Bimsteinasche gelegen, enthielt im hchsten Masse Widerspruchsvolles.
  Bimssteinasche gelegen, enthielt im hchsten Masse Widerspruchsvolles.

  sich. Eine Wirniss weitlufiger Trmmerreste machte den oberen Theil
  sich. Eine Wirrniss weitlufiger Trmmerreste machte den oberen Theil

  entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: So weit
  entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: So weit

  erweckter Beunruhigung, ein: Wahrscheinlich wird er nichts, in bin
  erweckter Beunruhigung, ein: Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen

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- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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written explanation to the person you received the work from.  If you
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opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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