The Project Gutenberg EBook of Jdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez

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Title: Jdische Geschichten

Author: Jizchok Lejb Perez

Translator: Alexander Eliasberg

Release Date: June 21, 2011 [EBook #36488]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JDISCHE GESCHICHTEN ***




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  Jdische Geschichten


  Von
  Jizchok Lejb Perez


  Aus dem Jidischen
  bertragen von
  Alexander Eliasberg

  Im Insel-Verlag / Leipzig




Ein Zwiegesprch


An einem Frhlingstage, einem richtigen warmen Pessachtage, gehen Reb
Schachno, ein langer, magerer Jude, der letzte berrest der alten Kozker
Chassidim-Gemeinde, und Reb Sorach, ein ebenso magerer, doch
kleingewachsener Jude, der letzte lebende Vertreter der alten Belzer(1)
Gemeinde, vor der Stadt spazieren. In ihren jngeren Jahren waren sie
Feinde auf Tod und Leben, denn Reb Schachno war der Anfhrer der Kozker
gegen die Belzer, und Reb Sorach der Anfhrer der Belzer gegen die
Kozker. Doch jetzt, wo sie beide alt geworden sind und die Kozker nicht
mehr das sind, was sie frher waren, ebenso wie auch die Belzer ihr
frheres Feuer verloren haben, sind sie aus den Parteien ausgetreten und
haben die Fhrerschaft jngeren Leuten berlassen, die in Glaubenssachen
schwcher, sonst aber rstiger sind als sie.

  (1) Kozk: Stdtchen in Russisch-Polen; Belz: Stdtchen in Galizien. An
  beiden Orten gab es berhmte Chassidim-Gemeinden, die sich heftig
  befehdeten.

An einem Wintertage, an der Ofenbank im Bethause haben sie Frieden
geschlossen, und nun gehen sie am dritten Pessachfeiertage spazieren. Am
weiten, blauen Himmel strahlt die Sonne, aus der Erde sprieen berall
Halme, und man kann beinahe sehen, wie bei jedem Grashalme ein Engel
steht und ihn zur Eile antreibt. Vgel schieen durch die Luft auf der
Suche nach den vorjhrigen Nestern. Und Reb Schachno sagt zu Reb Sorach:

Die Kozker Chassidim, die richtigen Kozker von altem Schrot und Korn --
von den heutigen Kozkern spreche ich nicht! -- hielten nicht viel von
der Haggodo(2)...

  (2) Haggodo: die Geschichte des Auszuges der Juden aus gypten, die an
  den beiden ersten Pessachabenden bei der Tafel verlesen wird.

Doch um so mehr von den Mazzekndeln! lchelt Reb Sorach.

Lache nicht ber die Kndel! antwortet Reb Schachno sehr ernst. Lache
nicht! Du kennst doch die geheime Bedeutung des Bibelwortes: 'Du sollst
den Knecht nicht seinem Herrn berantworten'?

Mir gengt es, antwortet Reb Sorach stolz und berlegen, da ich die
Verzckung des Gebets kenne.

Reb Schachno tut so, als ob er es nicht gehrt htte, und fhrt fort:

Der offenbare Sinn der Worte ist doch klar: wenn ein Knecht, ein
Diener, ein Leibeigener seinem Herrn entluft, darf man ihn, nach dem
Gebote der Thora, nicht einfangen; man darf ihn nicht binden und seinem
Herrn zurckbringen. Denn wenn ein Mensch entlaufen ist, so konnte er es
wohl nicht lnger aushalten ... Es handelt sich also einfach um die
Rettung einer Menschenseele! Und der verborgene Sinn dieser selben Worte
ist ebenso einfach. Der Menschenleib ist ein Knecht, der Knecht der
Seele! Der Leib ist ein Lstling: sieht er ein Stck Schweinefleisch,
oder eine fremde Frau, oder irgendeinen Gtzendienst, oder ich wei
nicht was, -- so will er aus der Haut fahren. Doch die Seele wehrt es
ihm und spricht: 'Du sollst nicht sndigen!' und er mu sich fgen.
Ebenso umgekehrt: will die Seele irgendein gttliches Gebot erfllen, so
mu es der Leib fr sie tun, und wenn er noch so mde und zerschlagen
ist: die Hnde mssen arbeiten, die Fe laufen, der Mund sprechen ...
Warum? Weil es ihm sein Herr, das heit die Seele, befohlen hat. Und
dennoch heit es: 'Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn
berantworten.' Man darf also den Leib nicht ganz an die Seele
ausliefern: die flammende Seele wrde ihn sonst zu Asche verbrennen, und
htte der Schpfer Seelen ohne Leiber haben wollen, so htte er
berhaupt keine Welt erschaffen! Darum hat auch der Leib seine Rechte;
es steht geschrieben: 'Wer zu viel fastet, ist Snder'; denn der Leib
mu essen! Wer fahren will, mu seinen Gaul fttern. Kommt irgendein
Feiertag, so freue auch du dich, Leib! Nimm einen Schluck Branntwein!
Die Seele hat ihre Freude, und auch der Leib hat seine Freude: die Seele
erfreut sich am Segensspruch, den man dabei sprechen mu, und der Leib
-- am Branntwein selbst! Heut ist Pessach, das Fest der Erinnerung an
unsere Befreiung aus gypten, -- komm her, Leib, da hast du einen
Mazzekndel! Und der Leib fhlt sich dadurch gehoben; denn er wird
teilhaftig der wahren Freude, die in der Erfllung eines gttlichen
Gebots liegt ... Lache nicht ber die Kndel, mein Lieber, lache nicht!

Reb Sorach mu gestehen, da die Auslegung tief ist und sich hren
lassen kann. Er it aber aus Prinzip keinerlei aus Mazzes hergestellte
Speisen!

In diesem Falle hast du deine Freude an der trockenen Mazze selbst...

Wer hat genug Mazzes, um sich satt zu essen? Und wer hat noch Zhne, um
sie zu beien?

Wie erfllst du dann das Gebot: 'An deinen Festen sollst du dich
freuen' in bezug auf den Leib?

Wei ich? Manchmal hat der Leib Freude an einem Schluck Rosinenwein ...
Ich persnlich habe meine grte Freude an der Haggodo selbst. Ich sitze
da, lese die Haggodo, zhle die gyptischen Plagen auf, verdoppele sie
und lese sie immer von neuem...

Du roher Kerl!

Roher Kerl? Nach so vielen Verfolgungen, die das Volk Israel erlitten,
nach so vielen Jahren der Verbannung der gttlichen Majestt aus ihrem
Tempel? Ich meine, man htte einfhren sollen, da die zehn Plagen
siebenmal aufgezhlt werden ... Da das Gebet 'Ergiee deinen Zorn,
Herr, auf die Vlker, die dich nicht anbeten!' siebenmal gesprochen
wird! Doch vor allen Dingen die gyptischen Plagen -- die machen mir die
grte Freude! Ich wrde sie am liebsten bei offenen Tren und Fenstern
aufzhlen: sollen =sie= es nur hren! Was habe ich zu frchten? Die
heilige Sprache verstehen sie ja sowieso nicht!

Reb Schachno wird fr eine Weile nachdenklich, und dann beginnt er wie
folgt:

Ich will dir eine Geschichte erzhlen, die bei uns passiert ist. Ich
will nicht bertreiben -- etwa zehn Huser vom Hause des gottseligen
Rabbi entfernt wohnte ein Metzger. Ich will nicht mit dem Munde
sndigen; denn der Mann ist schon lngst auf jener Welt, -- aber der
Metzger war ein roher Mensch, nun eben ein echter Metzger. Einen Nacken
hatte er wie ein Stier, Augenbrauen wie Borsten und Hnde wie Kltze.
Und erst seine Stimme! Wenn er sprach, klang es wie ein ferner Donner
oder wie wenn Soldaten schieen! Ich glaube sogar, er stammte aus
Belz...

Na, na! brummt Reb Sorach.

So wahr ich lebe! erwidert Reb Schachno kaltbltig. Zu beten pflegte
er mit einer besonders wilden Stimme, mit allerlei Nebengeruschen. Bei
manchen Gebeten klang es, wie wenn man Wasser ins Feuer schttet...

Das kannst du dir schenken!

Nun stelle dir vor, was fr einen Lrm es gibt, wenn sich so ein Kerl
an den Pessachtisch setzt und die Haggodo liest! In der Wohnung des
Rabbi hrt man jedes Wort! Nun, ein Metzger ist eben ein Metzger. Alle
Tischgenossen beim Rabbi lachen. Und selbst der Rabbi, seligen
Angedenkens, bewegt leise die Lippen, und man sieht, da er lchelt.
Doch spter, als der Bursche anfing, die Plagen aufzuzhlen, als sie ihm
aus dem Maule herausflogen wie Flintenkugeln, als er bei jeder Plage mit
der Faust auf den Tisch hmmerte, so da die Weinbecher klirrten, --
wurde der Rabbi, sein Andenken sei gesegnet, sehr traurig...

Traurig? Am Feiertage, am heiligen Pessachfeste -- traurig? Was redest
du da?

Man fragte ihn auch nach der Ursache.

Und was gab er fr eine Antwort?

Auch der Schpfer der Welt, sagte er, ist beim Auszuge Israels aus
gypten traurig gewesen.

Wo hat er das her?

Es steht in einem Midrasch! Als die Kinder Israels durch das Meer
gezogen waren und das Meer zurckflo und Pharao mit seinem ganzen Heere
bedeckte und ertrnkte, fingen die Engel zu singen an, die Seraphim
flogen, und die Rder, auf denen Gottes Thron ruht, rollten durch alle
sieben Himmel, jauchzend ob der guten Botschaft. Und die Gestirne und
Sternenbilder fingen zu tanzen an! Du kannst dir denken, was fr eine
Freude es war, als es hie: Die ganze Unreinheit ist ins Meer versunken!
Doch der Schpfer der Welt gebot allen Ruhe und sprach von seinem Throne
herab: 'Meine Kinder ertrinken im Meere, und ihr singt und tanzt?' Denn
Pharao und sein ganzes Heer und selbst alle Unreinheit -- sind Gottes
Geschpfe ... 'Und der Herr erbarmte sich seiner Schpfung' -- so steht
es geschrieben!

Von mir aus..., seufzt Reb Sorach. Nach einer Weile fragt er:

Und wenn das schon in einem Midrasch steht, was hat da dein Rabbi Neues
entdeckt?

Reb Schachno bleibt stehen und sagt sehr ernst:

Erstens, du Belzer Narr, ist niemand verpflichtet, neue Auslegungen zu
geben: in der Thora gibt es nichts Neues und nichts Altes, das Neue ist
alt, und das Alte neu. Zweitens wird damit erklrt, warum es Sitte ist,
die ganze Haggodo mit einer traurigen Melodie zu singen. Und drittens
verstehen wir jetzt den Vers: 'Israel soll sich nicht erfreuen nach der
Art der anderen Vlker.' Deine Freude soll nicht roh sein! Du bist doch
kein Bauer! Rachlust ist kein jdisch Ding!




Wenn nicht noch hher!


Und der Rebbe von Nemirow pflegte alljhrlich um die Selichoszeit(3)
jeden Morgen zu verschwinden.

  (3) Drei Tage vor dem Neujahrsfeste, an denen die Juden vor
  Morgengrauen geweckt werden, um in den Bethusern Selichos
  (Bupsalmen) zu beten.

Er war nirgends zu finden: weder in der Schul, noch in den beiden
Lehrhusern, noch in einem der Betzirkel; und bei sich zu Hause schon
ganz gewi nicht. Seine Wohnung stand offen; jeder, wer nur wollte,
konnte hineingehen; gestohlen wurde beim Rebben =niemals=. Doch in der
Wohnung war keine Menschenseele.

Wo kann der Rebbe sein?

Wo soll er sein? Selbstverstndlich im Himmel! Hat denn so ein Rebbe vor
den Schrecklichen Tagen(4) wenig auszurichten? Juden brauchen,
unberufen, Lebensunterhalt, Frieden, Gesundheit, gute Partien fr die
Kinder; sie wollen gut und fromm sein, doch die Snden sind gro, und
der Satan durchschaut mit seinen tausend Augen die Welt von einem Ende
bis zum anderen und sieht alles und zeigt jede Kleinigkeit an ... Und
wer soll helfen, wenn nicht der Rebbe?

  (4) Die zehn Tage zwischen Neujahr und Vershnungstag, an denen das
  himmlische Gericht seine Beschlsse fr das kommende Jahr fllt.

So dachte sich die ganze Gemeinde.

Einmal kommt aber in die Stadt ein Litwak(5). Er lacht! Ihr wit doch,
was ein Litwak ist: von Andachtsbchern hlt er gar nichts, dafr stopft
er sich den Kopf mit Talmudabschnitten und Bibelstellen voll. Und dieser
Litwak weist aus dem Talmud nach -- er sticht einem damit frmlich die
Augen aus--, da selbst Moses bei Lebzeiten kein einziges Mal in den
Himmel kam, sondern stets zehn Handbreiten unter dem Himmel zurckblieb!
Geh einer und streite mit einem Litwak!

  (5) Ein Jude aus Litauen und Westruland; er wird von den polnischen
  Juden als Rationalist und Gegner des chassidischen Wunderglaubens gern
  verspottet.

Wo kommt also der Rebbe hin?

Meine Sorge! antwortet er und zuckt die Achsel; und wie er das sagt,
fat er schon den Entschlu -- was ein Litwak nicht alles kann! -- der
Sache auf den Grund zu gehen.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Abend, bald nach dem Abendgebet, stiehlt sich der Litwak
ins Zimmer des Rebben hinein, kriecht unter des Rebben Bett und liegt.
Er will die Nacht durchwachen und sehen, was der Rebbe vor Morgengrauen,
wenn die Leute zu den Selichos gehen, anfngt.

Jemand anderer an seiner Stelle wrde einschlummern und die Zeit
verschlafen; doch ein Litwak wei immer Rat: um sich wach zu halten,
nimmt er im Kopfe einen ganzen Talmudabschnitt durch; ich wei nicht
mehr, ob es der Abschnitt Von den Schlachtungen oder der Von den
Gelbden war.

Vor Morgengrauen hrt er, wie man an die Lden klopft, um die Leute zum
Gebet zu rufen.

Der Rebbe war schon lange wach. Der Litwak hrte ihn schon seit einer
Stunde seufzen.

Jeder, der den Nemirower Rebben nur einmal seufzen hrte, wei, welche
Trauer um das ganze Volk Israel, welche Seelenqual in jedem seiner
Seufzer steckt ... Es wird einem ganz bange ums Herz, wenn man ihn
seufzen hrt! Ein Litwak hat aber doch ein Herz aus Eisen: er hrt zu
und bleibt ruhig liegen! So liegen sie beide: der Rebbe -- leben soll
er! -- =auf= dem Bett, der Litwak =unter= dem Bett.

Etwas spter hrt der Litwak, wie im ganzen Hause die Betten zu knarren
beginnen, wie die Hausleute aufstehen, wie hie und da ein jdisches Wort
fllt; wie das Wasser in die Waschbecken fliet, und wie die Tren auf-
und zugemacht werden ... Dann verlassen alle das Haus; es wird wieder
still; im Zimmer ist es finster; nur ein schwacher Mondstrahl dringt
durch einen Spalt im Laden...

Spter gestand der Litwak, da, als er allein mit dem Rebben geblieben
war, ihn ein Grauen befallen hatte. Es berlief ihn hei und kalt vor
Angst, und die Wurzeln seiner Schlfenlocken stachen ihn wie Nadeln.

Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit: mit dem Rebben allein, beim
Morgengrauen in der Selichoszeit!...

Ein Litwak ist aber starrkpfig: er zittert wie ein Fisch im Wasser und
-- liegt!

                   *       *       *       *       *

Endlich steht der Rebbe auf...

Zunchst wscht er sich und verrichtet alles, was ein Jude am Morgen
verrichten mu. Dann geht er zum Schrank und holt ein Bndel hervor; im
Bndel sind Bauernkleider: ein Paar Leinenhosen, Schaftstiefel, ein
Bauernrock, eine groe Pelzmtze und ein breiter, mit Messingngeln
verzierter Ledergurt.

Und der Rebbe zieht alle die Kleider an.

Aus der Rocktasche hngt das Ende eines dicken Bauernstrickes heraus.

Der Rebbe geht aus dem Zimmer, der Litwak geht ihm nach.

Der Rebbe geht in die Kche, bckt sich, holt unter dem Bett eine Axt
hervor, steckt sie sich hinter den Gurt und verlt das Haus.

Der Litwak zittert, bleibt aber nicht zurck.

                   *       *       *       *       *

Ein stilles Grauen, das Grauen der Selichoszeit lagert ber den dunklen
Gassen. Hie und da dringt der Aufschrei eines Betenden aus einem der
Betzirkel oder das Sthnen eines Kranken aus einem Fenster .. Der Rebbe
schleicht an den Mauern entlang, immer im Schatten der Huser ... So
schwimmt er aus einem Schatten in den anderen, und der Litwak schwimmt
ihm nach...

Und der Litwak hrt, wie das laute Pochen seines eigenen Herzens sich
mit den schweren Tritten des Rebben vermengt. Er bleibt aber trotzdem
nicht zurck und gelangt zusammen mit dem Rebben vor die Stadt.

                   *       *       *       *       *

Vor der Stadt gibt es ein Wldchen.

Der Rebbe -- leben soll er! -- geht ins Wldchen. Nach dreiig, vierzig
Schritten bleibt er vor einem jungen Baum stehen. Der Litwak sieht mit
Bestrzung, wie der Rebbe die Axt aus dem Grtel zieht und auf den
Baumstamm einschlgt.

Er sieht, wie der Rebbe immer wieder ausholt; er hrt, wie der Baum
chzt und knackt. Der Baum fllt, und der Rebbe spaltet den Stamm in
Kltze, dann die Kltze in Spne. Dann macht er aus den Spnen eine
Tracht Holz, umbindet sie mit dem Strick, den er in der Tasche hatte,
ldt sie sich auf den Rcken, steckt die Axt wieder in den Grtel und
geht zur Stadt zurck.

In der hintersten Gasse bleibt er vor einem kleinen, halb eingefallenen
Huschen stehen und klopft ans Fenster.

Wer klopft? fragt eine erschrockene Stimme aus dem Huschen. Der
Litwak erkennt, da es die Stimme einer Jdin, einer kranken Jdin ist.

Ich bin es! antwortet der Rebbe auf kleinrussisch.

Wer bist du? fragt wieder die Frauenstimme.

Wassil! antwortet der Rebbe.

Was fr ein Wassil? Und was willst du, Wassil?

Ich habe Holz zu verkaufen! sagt der angebliche Wassil. Sehr billig,
so gut wie umsonst!

Und ohne die Antwort abzuwarten, tritt der Rebbe ins Haus.

                   *       *       *       *       *

Der Litwak schleicht ihm nach und sieht im fahlen Morgenlichte eine
rmliche Stube, zerbrochenes Hausgert ... Im Bette liegt eine kranke
Jdin, in Lumpen gehllt, und sie spricht mit erbitterter Stimme:

Kaufen? Womit soll ichs kaufen? Wo soll ich arme Witwe Geld hernehmen?

Ich will es dir borgen! antwortet der falsche Wassil. Es sind im
ganzen sechs Groschen!

Wie soll ich sie dir bezahlen? sthnt die arme Jdin.

Trichte Frau! spricht der Rebbe vorwurfsvoll. Sieh: du bist arm und
krank, und ich traue dir das bichen Holz: =ich vertraue= dir, da du es
mir bezahlen wirst. Und du hast einen so groen, so starken Gott und
vertraust ihm nicht ... Du traust ihm nicht einmal die dummen sechs
Groschen fr eine Tracht Holz!

Und wer wird einheizen? sthnt die Witwe. Habe ich denn die Kraft
aufzustehen? Mein Sohn ist schon fort auf die Arbeit.

Ich will auch einheizen, sagt der Rebbe.

                   *       *       *       *       *

Und whrend er das Holz in den Ofen legte, sprach der Rebbe sthnend den
ersten Abschnitt der Selichos...

Und als er Feuer gemacht, und das Holz lustig zu flackern begann, sprach
er, schon etwas lustiger, den zweiten Abschnitt...

Und den dritten Abschnitt sprach er, als das Holz richtig brannte und er
das Ofenblech schloߠ...

                   *       *       *       *       *

Der Litwak, der das alles gesehen, wurde von nun an Nemirower Chassid.

Und sooft spter jemand erzhlte, da der Nemirower Rebbe alljhrlich
zur Selichoszeit jeden Morgen die Erde verlasse und in den Himmel
fliege, lachte der Litwak nicht mehr, sondern fgte still hinzu:

Wenn nicht noch hher!




Die Kabbalisten


In schlechten Zeiten sinkt sogar die beste Ware -- die gttliche
Wissenschaft -- im Werte. Und so ist von der Laschtschower Jeschiwo(6)
schlielich nichts briggeblieben als der Rosch-Jeschiwo Reb Jekel und
ein einziger Schler.

  (6) Jeschiwo: freie Akademie fr Talmudstudium und hheres jdisches
  Wissen in osteuropischen Lndern. -- Rosch-Jeschiwo: Oberhaupt einer
  Jeschiwo.

Der Rosch-Jeschiwo ist ein alter, hagerer Mann mit langem, zerzaustem
Bart und erloschenen Augen. Lemech, sein einziger Schler, ist ein
langer, schmchtiger Jngling mit blassem Gesicht, schwarzen
Schlfenlocken, schwarzen, meistens gesenkten Augen, trockenen Lippen
und einer spitz hervortretenden, zitternden Gurgel. Beide tragen
geflickte Rcke, die vorn offen stehen und den nackten Leib -- denn sie
haben keine Hemden an -- sehen lassen. Der Rosch-Jeschiwo schleppt mit
groer Mhe ein Paar schwere Bauernstiefel; dem Schler fallen seine
viel zu groen Stadtschuhe von den bloen Fen; denn er hat keine
Socken.

Das ist alles, was von der einst so berhmten Jeschiwo briggeblieben
ist!

Die verarmten Einwohner des Stdtchens schickten immer weniger Essen und
luden die Schler immer seltener zu Mahlzeiten ein. Darum verzogen sich
die armen Schler nach anderen Stdten. Reb Jekel will aber hier
sterben, und sein Schler will ihm die Scherben auf die Augen legen.

Sie beide mssen viel hungern. Und wenn man wenig it, schlft man auch
wenig. Und nach schlaflosen Nchten und vielen Hungertagen bekommt man
Lust zur Kabbala!

Wenn man schon ganze Nchte durchwacht und tagelang hungert, so will man
davon wenigstens einen Nutzen haben: durch Fasten und Kasteiungen kann
man ja erreichen, da sich alle Tore der Welt ffnen und alle
Geheimnisse, Engel und Geister offenbar werden!

So beschftigen sich die beiden seit lngerer Zeit mit der Kabbala.

Sie sitzen an einem langen Tisch in der leeren Stube. Bei den anderen
Juden ist es schon nach dem Essen, doch bei den beiden noch vor dem
Frhstck. Sie sind es aber gewohnt. Der Rosch-Jeschiwo hat seine Augen
halb geschlossen und redet; der Schler hlt den Kopf in beide Hnde
gesttzt und lauscht.

Es gibt darin, sagt der Rosch-Jeschiwo, vielerlei Stufen der
Vervollkommnung: einer kennt ein Stckchen, ein anderer die Hlfte, und
ein dritter die ganze Melodie. Der Rebbe, seligen Angedenkens, kannte
zum Beispiel die ganze Melodie, sogar mit einem Nachspiel. -- Und ich,
fgt er traurig hinzu, bin nur der Gnade teilhaftig geworden, ein ganz
kleines Stckchen zu kennen -- kaum so groߠ...

Er mit auf seinem drren Finger ein winziges Endchen ab und fhrt fort:

Es gibt Melodien, die Worte haben mssen ... Das ist die niedrigste
Stufe. Und es gibt eine hhere Stufe: die Melodie braucht keine Worte;
sie wird ohne Worte gesungen, als reine Melodie ... Aber auch diese
Melodie bedarf einer Stimme und braucht Lippen, durch die sie dringt!
Und Lippen sind -- du verstehst mich doch? -- etwas Krperliches. Daher
ist auch die Stimme, wenn auch eine edle Form des Krperlichen, aber
immerhin etwas Krperliches! Nehmen wir an, da die Stimme auf der
Grenze zwischen Geistigem und Krperlichem steht!

Doch in jedem Falle ist die Melodie, die der Stimme bedarf und von den
Lippen abhngt, noch nicht ganz rein, nicht ganz geistig!

Die richtige, hchste Melodie wird aber ganz ohne Stimme gesungen ...
Sie tnt im Innern des Menschen, in seinem Herzen, in allen Gliedern. So
sind die Worte des Knigs David zu verstehen: 'Alle meine Gebeine
lobpreisen Gott!' Im Marke der Knochen mu es tnen, und das ist das
schnste Loblied auf den Herrn, gesegnet sei sein Name! Denn eine solche
Melodie ist nicht von einem Wesen aus Fleisch und Blut erfunden. Sie ist
ein Teil jener Melodie, mit der Gott die Welt erschaffen hat, ein Teil
der Seele, die er ihr eingegeben hat ... So singen die himmlischen
Heerscharen!...

Der Vortrag wurde unterbrochen durch das Erscheinen eines zerlumpten
Burschen mit einem Strick um die Lenden. Er trat in die Stube, stellte
auf den Tisch vor den Rosch-Jeschiwo eine Schssel Grtze, legte ein
Stck Brot dazu und sagte mit roher Stimme:

Reb Tewel schickt dem Rosch-Jeschiwo sein Essen! Und bei der Tr
wandte er sich noch einmal um und fgte hinzu: Ich komme spter die
Schssel holen!

Durch die Stimme des Burschen aus den himmlischen Harmonien gerissen,
stand der Rosch-Jeschiwo mhselig auf und schleppte sich in seinen
schweren Stiefeln zum Wassergef bei der Tr, um sich die Hnde zu
waschen. Im Gehen sprach er weiter, doch mit weniger Inbrunst als
vorhin, und der Schler verfolgte ihn von seinem Platze aus mit
leuchtenden Augen und lauschenden Ohren.

Ich bin aber nicht einmal fr wrdig befunden, sagt traurig der
Rosch-Jeschiwo, zu wissen, auf welcher Stufe dieses erreicht werden
kann, bei welchem Tor des Himmels ... Weit du, gibt er lchelnd zu,
die ntigen Kasteiungen und Betbungen kenne ich wohl, und ich werde
sie dir, vielleicht noch heute, mitteilen!

Dem Schler springen schier die Augen heraus, er sitzt mit offenem Munde
da und fngt jedes Wort des Meisters mit Gier auf. Doch der Meister
bricht ab ... Er wscht sich die Hnde, trocknet sie ab, spricht die
vorgeschriebene Gebetformel, geht zurck zum Tisch und spricht mit
bebenden Lippen das Gebet ber den Bissen Brot.

Und er ergreift mit zitternden Hnden die Schssel, und der warme Dampf
verdeckt sein ausgemergeltes Gesicht. Dann setzt er die Schssel wieder
auf den Tisch, nimmt mit der Rechten den Lffel und wrmt die Linke am
Rande der Schssel. Dabei zerkaut er mit seinem zahnlosen Munde langsam
den Bissen Brot, ber den er das Gebet gesprochen hat.

Als Gesicht und Hnde warm geworden sind, legt er seine Stirn in Falten,
spitzt die dnnen blauen Lippen und beginnt zu blasen. Der Schler
starrt ihn unverwandt an. Doch als die zitternden Lippen des Greises dem
ersten Lffel Grtze entgegeneilen, packt ihn etwas am Herzen: er
bedeckt sein Gesicht mit den Hnden und schrumpft gleichsam ein.

Nach einer Weile kam ein anderer Bursche, ebenfalls mit einer Schssel
Grtze und einem Stck Brot, und sagte:

Reb Jojssef schickt dem Schler sein Frhstck!

Doch der Schler zog die Hnde vom Gesicht nicht fort. Der
Rosch-Jeschiwo legte seinen Lffel weg und ging an den Schler heran.
Einige Zeit betrachtete er ihn mit Stolz und Liebe, dann berhrte er
seine Schulter:

Man hat dir Essen gebracht! weckte er ihn mit freundlicher Stimme.

Der Schler nahm seine Hnde langsam und unwillig vom Gesicht weg. Das
Gesicht war noch blasser geworden, und die Augen brannten noch
unheimlicher.

Ich wei, Rebbe! antwortete er. Doch ich werde heute nicht essen.

Den vierten Tag fasten? fragte der Rosch-Jeschiwo erstaunt. Und ohne
mich? fgte er etwas beleidigt hinzu.

Es ist ein eigener Fasttag, antwortete der Schler. Ich faste heute
zur Bue...

Was redest du? Wie kommst du zur Bue?

Gewi, Rebbe! Ich mu ben..., weil ich vor einem Augenblick, als Ihr
zu essen begannt, gegen das Gebot 'La dich nicht gelsten' sndigte!

                   *       *       *       *       *

In der folgenden Nacht weckte der Schler den Lehrer. Die beiden
schliefen einander gegenber auf Bnken in der Lehrstube.

Rebbe, Rebbe! rief der Schler mit schwacher Stimme.

Was ist? Der Rosch-Jeschiwo erwachte und erschrak.

Ich war soeben auf dem hchsten Gipfel...

Wieso? fragt der Rosch-Jeschiwo, noch etwas verschlafen.

Es hat =in mir= gesungen!

Wieso? Wieso?

Das wei ich selbst nicht, Rebbe, antwortete der Schler kaum hrbar.
Ich konnte nicht einschlafen und vertiefte mich in Euren Vortrag ...
Ich wollte um jeden Preis jene Melodie kennen lernen ... Und vor groem
Kummer, da ich es nicht konnte, fing ich zu weinen an ... Alles weinte
in mir, alle meine Glieder weinten vor dem Schpfer der Welt! Und dabei
machte ich die Gebetbungen, die Ihr mich gelehrt habt, doch seltsam:
nicht mit dem Munde, sondern tief im Innern! Und pltzlich wurde es so
hell. Ich hielt die Augen geschlossen, und doch war es um mich hell,
sehr hell, blendend hell...

Recht so! sagte der Alte, sich vorbeugend.

Und vor dieser Helle wurde mir so gut, so leicht ... Es war mir, als ob
ich keine Schwere mehr htte, als ob mein Leib jedes Gewicht verloren
htte und fliegen knnte...

Recht so!

Dann wurde es mir so lustig, so lebendig zumute ... Mein Gesicht blieb
unbeweglich, meine Lippen rhrten sich nicht, und doch lachte ich ...
Lachte so gut, so herzlich, so frhlich...

So, so! Ganz recht: in hchster Freude...

Dann summte etwas in mir, wie der Anfang einer Melodie...

Der Rosch-Jeschiwo sprang von seiner Bank auf und war mit einem Satz
beim Schler.

Und weiter?

Und weiter fhlte ich, wie es in mir zu singen anfing...

Was hast du dabei gefhlt? Was? Was? Sag!...

Ich fhlte, da alle meine Sinne geschlossen und verstopft sind, und in
mir inwendig etwas singt ... Ganz wie es sich gehrt: ohne Worte und
ohne Tne, so...

Wie? Wie?

Nein, ich kann es nicht ... Frher konnte ich es noch ... Dann wurde
aus dem Singen...

Was wurde aus dem Singen? Was?

Eine Art Musik ... Gleich als ob ich in mir eine Geige htte, oder als
ob in meinem Innersten der Spielmann Jojne se und eines der Stcke
spielte, die er beim Rabbi an der Tafel spielt! Es klang aber noch viel
schner, edler, trauriger! Und alles ohne Tne, ganz ohne Tne, rein
geistig...

Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!

Und nun ist alles weg! sagt der Schler sehr traurig. Meine Sinne
sind wieder erwacht, und ich bin so mde, so furchtbar mde, da
ich...

Rebbe! schreit er pltzlich auf, sich an die Brust greifend. Rebbe,
sprecht mir das Sterbegebet vor! Man ist mich holen gekommen! Sie
brauchen dort oben einen neuen Chorjungen! Ein Engel mit weien
Flgeln... Rebbe! Rebbe! Schma Iroel!(7) Schma...

  (7) Schma Iroel: Hre, Israel, das heiligste jdische Gebet.

                   *       *       *       *       *

Das ganze Stdtchen wnschte sich einen solchen Tod. Doch dem
Rosch-Jeschiwo war es zu wenig.

Noch einige Fasttage, seufzte er, und er wre noch ganz anders
gestorben: durch einen Ku von Gottes Munde!




Berl der Schneider


Erew Jom-Kippur -- Vorabend des Vershnungstages -- in der Berditschewer
Schul. Es senkt sich die Nacht. Die alten Leute haben bereits vor dem
Thoraschreine das Gebet: Mit Wissen des Schpfers und mit Wissen der
Schpfung... gesprochen und sind auf ihre Pltze zurckgekehrt. Rabbi
Levi-Jizchok steht am Vorbeterpult: er soll das Kol-Nidrej anstimmen,
doch er schweigt.

Alle Blicke hngen an seinem Rcken. In der Weiberabteilung ist es still
wie auf dem Meere vor dem Sturme. Vielleicht wird er zuvor, wie er das
schon manchmal tat, einige Worte sprechen, wird sich in der gemeinen
Volkssprache mit dem Schpfer der Welt auseinandersetzen, wie ein Mensch
mit seinem Nchsten spricht.

Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehllt, vor
dem Pulte und schweigt.

  (8) Kittel: Totenhemd, das jeder Jude am Vershnungstage whrend des
  Gottesdienstes trgt.

Was hat das zu bedeuten?

Sind die Tore des Gebets zu einer so spten Stunde noch geschlossen? Hat
Rabbi Levi-Jizchok nicht die Kraft anzuklopfen? Er hlt seinen Kopf
etwas geneigt, wie lauschend; lauscht er, ob man die Tore nicht schon
aufschliet?

Und pltzlich wendet sich Rabbi Levi-Jizchok um und ruft:

Schuldiener!

Der Schuldiener eilt zu ihm hin, und der Rabbi fragt:

Ist Berl der Schneider noch nicht da?

Die Gemeinde ist vor Erstaunen wie versteinert. Der Schuldiener
stammelt: Ich wei nicht... und sieht sich um. Auch Rabbi
Levi-Jizchok mustert die Anwesenden.

Nein, er ist noch nicht da! sagt er schlielich. Ist zu Hause
geblieben. Und dann wendet er sich wieder zum Schuldiener:

Geh zu Berl dem Schneider ins Haus und ruf ihn her! Ich, Levi-Jizchok,
der Rabbi der Stadt, liee ihn rufen!

Berl der Schneider wohnt in der Schulgasse, nicht weit vom Bethause. Und
er kommt auch sehr bald, ohne Kittel und Gebetmantel, in
Werktagskleidern. Sein Gesicht ist finster, seine Augen sind bse und
erschrocken zugleich. Er geht auf Rabbi Levi-Jizchok zu und sagt:

Ihr habt mich rufen lassen, Rabbi, so bin ich zu =Euch= gekommen.

Er betont: Zu Euch.

Sag einmal, Berele, fragt der Rabbi lchelnd, warum wird heute dort
oben von dir so viel gesprochen? Die himmlischen Heerscharen sind nur
mit dir allein beschftigt. Man hrt nichts als: Berl der Schneider und
Berl der Schneider!

Aha! triumphiert Berl.

Hast du irgendeine Beschwerde vorzubringen?

Gewi!

Gegen wen denn, Berele?

Gegen den Schpfer der Welt! antwortet Berl.

Die Gemeinde htte ihn in Stcke gerissen. Doch Rabbi Levi-Jizchok
lchelt noch freundlicher.

Vielleicht wirst du uns erzhlen, um was es sich handelt?

Gerne! sagt Berl. Von mir aus kann die Sache sogar gleich hier von
Euch entschieden werden. Darf ich sprechen?

Sprich!

Den ganzen Sommer lang, beginnt Berl der Schneider seine Anklage,
habe ich, nicht auf Euch gesagt, Rabbi, gar keine Arbeit gehabt ...
Weder von einem Juden, noch von einem Bauern. Ich knnte mich einfach
hinlegen und sterben, so schlecht ging es mir!

Ach! zweifelt der Rabbi: Der Same Abrahams, Isaaks und Jakobs ist
doch mildttig, -- du httest auf die Barmherzigkeit der Leute vertrauen
sollen!

Darum handelt es sich nicht, Rabbi. Ich sage niemandem ein Wort und
nehme von niemandem etwas an.

Von einem Geschpf aus Fleisch und Blut nimmt er keine Geschenke an. Er
hat vor dem Schpfer der Welt die gleichen Rechte wie die andern Leute.
Das einzige, was er getan hat -- er hat seine Tochter in eine grere
Stadt zu fremden Menschen dienen geschickt. Und er sitzt allein zu Hause
und wartet, was der Schpfer mit ihm zu tun beschliet.

Einmal vor dem Laubhttenfeste geht die Tr auf. Aha! Nun hat er es doch
erlebt. Und in der Tat, es ist ein Bote vom Gutsherrn: Berl soll ihm
einen Mantel mit Pelz fttern. Der Schpfer will also doch um ihn
sorgen! Er geht aufs Schlo, man fhrt ihn in ein eigenes Zimmer und
bergibt ihm den Mantel und die Felle.

Httet Ihr nur die Felle gesehen, Rabbi! Die schnsten Fuchsfelle, die
es nur gibt!

Es ist aber die hchste Zeit zum Kol Nidrej-Gebet. Darum sucht der Rabbi
die Erzhlung abzukrzen:

Also kurz und gut, du hast den Mantel gefttert und warst fertig. Was
geschah dann?

Eine Kleinigkeit geschah: drei Felle blieben mir brig.

Und die hast du eingesteckt?

Das ist leichter gesagt, Rabbi, als getan! Denn wenn man aus dem
Schlosse kommt, steht vor dem Tore ein Wchter, und wenn dieser Verdacht
hat, so durchsucht er die Kleider und zwingt sogar einen, die Stiefel
auszuziehen. Und findet man bei mir, Gott behte, die Felle, so hat der
Gutsherr bse Hunde und Reitknechte...

Was tatest du nun?

Bin ich aber doch Berl der Schneider! Ich gehe in die Kche und bitte,
da man mir ein Brot schenkt.

Christenbrot, Berele!

Nicht zum Essen brauchte ich es, Rabbi! Man schenkt mir einen groen
Laib. Ich gehe damit in das Zimmer, wo ich genht habe, schneide das
Brot auf, hhle die Hlften aus, rolle das Weiche, das ich
herausgenommen, so lange in den Hnden herum, bis es den Geruch vom
Schwei annimmt, und werfe es dem Hunde vor, der in dem Zimmer liegt.
Hunde lieben Menschenschwei. Und die drei Fuchsfelle stecke ich in den
Laib und gehe. Am Tore hlt man mich an: Was trgst du, Jude, unterm
Arm? Ich zeige den Brotlaib her, und man lt mich gehen. Etwas weiter
beginne ich schon zu laufen. Ich gehe nicht durch die Landstrae,
sondern nehme den krzeren Feldweg.

So gehe ich und hpfe beinahe vor Freude: Nun werde ich zum
Laubhttenfest einen eigenen Palmenzweig haben und einen eigenen
Paradiesapfel! Nichts von der Gemeinde Geborgtes ... So schne
Fuchsfelle!...

Da erzittert unter mir die Erde ... Ich wei schon, was das ist: ein
Reiter jagt mir nach! Das Blut erstarrt in mir. Sie haben wohl die Felle
nachgezhlt ... Entrinnen kann ich nicht: es ist doch ein Reiter, und
dazu noch auf einem von den Pferden des Gutsherrn! Ich werfe sofort den
Brotlaib in die Stoppeln und merke mir die Stelle, mache mir fr alle
Flle ein Zeichen. Und schon hre ich, wie man mich ruft: Berl! Berl! --
Ich erkenne die Stimme: es ist wirklich der Reitknecht vom Gutshof. Alle
Glieder zittern mir, Rabbi! Meine Seele sitzt mir in den Fukncheln ...
Ich wende mich aber um und gehe dem Reiter entgegen.

Nun stellt sich heraus, der ganze Schreck war umsonst: ich hatte
vergessen, an den Pelzmantel ein Hngsel anzunhen. Darum hatte man mir
den Reiter nachgeschickt. Der Reiter setzt mich hinter sich aufs Pferd,
und schon reiten wir zurck.

Ich danke Gott fr die Rettung, nhe das Hngsel an und gehe. Doch wie
ich zu der bewuten Stelle komme, ist der Brotlaib nicht mehr da! Die
Felder sind lngst abgemht, kein Menschenkind kommt da vorbei, und kein
Vogel in der Welt hat die Kraft, eine solche Last wegzuschleppen ... Es
ist also klar, wer das getan hat...

Wer? fragt Rabbi Levi-Jizchok.

Er! antwortet Berl der Schneider und deutet mit dem Finger nach oben.
Der Schpfer der Welt! Sein Werk ists! Und ich wei, Rabbi, warum er
das getan hat: Er, der groe Herr, will nicht dulden, da ich, Berl der
Schneider, mir nach Schneiderart einen Rest aneigne...

Es stimmt ja auch, sagt Rabbi Levi-Jizchok mild: Nach dem Gesetz...

Ach was, Gesetz! ereifert sich Berl. Der Brauch bricht ein Gesetz.
Nicht ich habe den Brauch eingefhrt; er stammt von uralten Zeiten!

Und wenn schon der Schpfer der Welt, fhrt er fort, der groe und
stolze Herr nicht will, da ich, Berl der Schneider, der rmste Knecht
von allen Knechten, die ihm dienen, mir einen Rest aneigne, so soll er
mir Arbeit verschaffen, so soll er mir, wie jeder andre Herr, Gehalt
zahlen! Aber er duldet nicht das eine und gibt mir nicht das andre. Nun
will ich ihm, dem Schpfer der Welt, nicht lnger dienen. Ich habe es
gelobt! Es ist aus!

Durch die Gemeinde geht eine Bewegung. Drohende Hnde erheben sich. Man
will auf den Schneider losstrzen. Doch Rabbi Levi-Jizchok gebietet
Ruhe. Es wird wieder still, und der Rabbi fragt gtig:

Und was geschah weiter, Berl?

Nichts! Ich komme nach Hause und esse, ohne zuvor die Hnde zu waschen.
Mein Weib will mich zur Rede stellen -- ich schlage sie ins Gesicht. Ich
lege mich zu Bett und spreche nicht das Abendgebet. Meine Lippen wollen
von selbst 'Hre Israel!' sprechen, doch ich beie sie mit den Zhnen.
Und am Morgen: weder Segensspruch, noch Handwaschung, noch Morgengebet:
Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause ins Dorf zu
ihrem Vater, dem Pchter. Also bleibe ich ohne Weib! Es ist mir sogar
lieber so: ich bin ja Berl der Schneider, doch sie ist nur ein schwaches
jdisches Weib, -- soll sie lieber damit nichts zu tun haben. Und ich
tue das meinige: am Laubhttenfest weder Laubhtte, noch Palmenzweig. An
den Festtagen spreche ich keinen Segensspruch ber den Wein, und am
Simchas-Tojre-Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, ziehe ich mir,
wie Mordechai nach Hamans Mordbeschlu, zum Zeichen der Trauer einen
Sack an!

Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man jede Nacht ins
Bethaus geht, um Bugebete zu sprechen, da wird es mir schon etwas
bange: der Schuldiener klopft jede Nacht ans Fenster, um mich zu wecken,
und mein Herz klopft auch. Es zieht mich hin ... Aber ich bin ja Berl
der Schneider und halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke ber den
Kopf und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest -- ich rhre
keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer(9) blst,
stopfe ich mir Werg in die Ohren ... Das Herz will mir aus dem Leibe
springen, Rabbi! Ich habe vor mir selbst Ekel: ich bin ungewaschen und
trage schmutzige Werktagskleider. Ein kleiner Spiegel hngt bei mir in
der Stube -- ich kehre ihn um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und
wie ich hre, da die Gemeinde zum Flusse geht, um die Snden ins Wasser
abzuschtteln...

  (9) Widderhorn, das am jdischen Neujahrstage geblasen wird.

Er verstummt fr eine Weile und ruft dann aus:

Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will ich nicht
nachgeben!

Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt:

Was willst du also, Berl? Willst du Arbeit und Verdienst?

Ich spucke auf Verdienst! erwiderte Berl beleidigt. Verdienst htte
ich =vorher= haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann Anrecht! Der
Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde -- sie alle haben ihr Auskommen.
Verdienst ist etwas Selbstverstndliches. Jetzt will ich mehr!

Sag doch, Berl, was du willst!

Ist es wahr, Rabbi, da am Jom-Kippur nur die Snden des Menschen gegen
Gott verziehen werden?

So ist es!

Und die Snden des Menschen gegen seinen Nchsten nicht?

Nein.

Berl der Schneider richtet sich auf und sagt laut und bestimmt:

Also werde ich, Berl der Schneider, nur dann nachgeben und wieder in
den Dienst des Schpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem
Jom-Kippur auch die andern Snden verzeiht! Habe ich nicht recht,
Rabbi?

Du hast recht! erwidert der Rabbi. Bleibe nur dabei -- man wird dir
schon nachgeben mssen...

Und er wendet sich wieder zum Betpult, richtet den Kopf in die Hhe,
lauscht hinauf und verkndet nach einer Weile:

Du hast es durchgesetzt, Berl! Nun schnell nach Haus, hole Kittel und
Gebetmantel!




Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben

Eine Geschichte von Jojchenen dem Melamed(10)

  (10) Jdischer Kleinkinderlehrer.


I

Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine Ansicht, da es in der
Welt keinen Unglauben gibt

Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine Geschichte
erzhlen. Und die Geschichte, die ich euch erzhlen will, ist wie ein
Rdchen in einem Rade: eine Geschichte in einer anderen Geschichte.

Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, aus den
Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich erzhle sie euch
ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel lieb ich nicht ...
Wer die Wahrheit sagt, braucht keine Kunstgriffe, der spricht einfach
seine Muttersprache.

Eine Vorrede mu ich euch aber doch geben: diese Geschichten, die ich
erzhlen will, werden euch mglicherweise zeigen, da ihr, meine Herren,
in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch zu sehr auf eure Sinne
verlassen habt; da es in der Welt Dinge gibt, von welchen weder euch
noch euren grten Weisen je getrumt hat ... Darum bitte ich euch, mir
das nicht belzunehmen.

Wenn ihr wollt, knnt ihr glauben, und wenn nicht, so nicht.

Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: es wird
meine Freunde vielleicht verdrieen, da ich sozusagen aus der Schule
plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so viel Unglauben gibt ... und
da dadurch ein rgernis entstehen kann. Gott bewahre! Ich will ihnen
sagen, da es berhaupt keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem
Unglauben ist eine erfundene Sache!

Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!

Knnte es denn auch anders sein?

Die Welt ist unendlich gro, hat wirklich keine Grenzen! Und unser
Verstand ist so klein, so winzig, da wir einem Menschen gleichen, der
in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in der Hand, das kaum
vier Schritt weit leuchtet, durch eine de, finstere Wste geht!

Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man berhaupt nicht
auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht aus. Wo kommt dann das
Mrchen vom Unglauben her? Nun, diese nichtsnutzigen Schreiber, die fr
das einfache Volk, fr Kchinnen und Dienstmdchen Bcher verfassen, die
Geschichten von Mrdern und Rubern, von Falschmnzern und
Wechselflschern ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut
in Wallung zu bringen, -- diese selben Schreiber haben auch den
Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben Zweck: um
das gemeine Volk -- die Dienstmdchen, Schuster- und Schneiderlehrlinge
-- zu erschrecken...

Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jdisch gesprochen
heit das, da ein Mensch, der nichts glaubt, auch nichts will und zu
nichts Lust hat!

Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein Stck Holz!
Und wenn du Menschen siehst, welche Gelste haben oder ihre Gelste
zugunsten andrer, grerer oder erhabenerer berwinden. Menschen, welche
essen und trinken, Familienglck genieen, im Schweie ihres Angesichts
arbeiten und den Kopf voller Geschfte haben, so wisse, da diese
Menschen =glauben=! Da sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!...

Denn zweifeln kann man ja schlielich auch daran! Wenn man will, so sagt
man: Das Leben ist nichts! Und dagegen lt sich schon wirklich nichts
machen.

Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, da der Leviathan
vor dem Schor-ha-Bor(11) verzehrt werden wird; und der andre sagt: nein,
umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt zuerst, und dann der Leviathan als
Zuspeise. Und ein aufgeklrter junger Mann, der weder an den Leviathan
noch an den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den ther! Und was ist
dieser ther? Da erklrte mir ein solcher junger Mann: der ther ist
etwas, was weder Krper noch krperliche Kraft, weder Seele noch
berhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum ein und hat kein
Gewicht ... Mit einem Worte: er ist ein Ja und ein Nein zugleich!

  (11) Leviathan (aus dem Buche Hiob) und Schor-ha-Bor (ein Riesenstier
  der talmudischen Sage) sollen bei Messias' Ankunft von den Gerechten
  verzehrt werden.

Frage ich ihn, ob er den ther gesehen hat? Nein! Aber er glaubt an ihn!
Kurz und gut: alle glauben.

Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an =seinen= Rebben,
jeder hat =seinen= Glauben, sozusagen =seinen= kleinen Gtzen.

Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle kssen; doch der eine
kt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch nicht wei, was im
Schreine ist; der andre das kabbalistische Buch Megillo Tmirin, wenn
es vom Tische herunterfllt; ich habe sogar mit meinen eigenen Augen
gesehen, wie einer von ihren Leuten die Geheimnisse von Paris kte.
Und ich habe aus sicherer Quelle gehrt, da diese Geheimnisse die
schauerliche Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen -- doch
nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem Buche
Esther(12), sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfu auf
Glasscherben herumging -- und noch hnliche Lgen, die ein Pariser
Lgner erfunden und ein Wilnaer Aufgeklrter in die heilige Sprache
bersetzt hat.

  (12) Kap.1, V.10.

Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von der Welt gesehen;
ich war Melamed in Drfern und in kleinen Stdten und auch in groen
Stdten. Seit sieben Jahren bin ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau,
und ich komme, gottlob, unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich
kenne Misnagdim(13), die beim chassidischen Gebet _Wajizmach purkonej_
aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu einem
andern Rebben fhrt, fr einen Ketzer -- da Gott davor behte! --
halten.

  (13) Misnagdim: Gegner der Chassidim sowie auch berhaupt alle
  Nicht-Chassidim.

Ich kenne auch Aufgeklrte, sogar sehr viele; bedeutende und
unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewhnliche
Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrnnige. Das alles
kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, habe ich noch nie
gesehen!

Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, da es in der ganzen
Gesellschaft der Aufgeklrten keinen einzigen gibt, der seinen eigenen
Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen Weg htte. Ich sah unter
ihnen keinen einzigen, der seine eigene Ansicht ber die Dinge htte;
mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei ganz groen Karpfenkpfen ...
Und die ganze brige Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein
ausgeblasenes Ei wert! Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern
Richtung! Sie glauben eben an =ihren= Rebben! Und sie hngen an =ihrem=
grten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!

Und ich kann einen heiligen Eid schwren, da keiner von ihnen ein
eigenes Lehrgebude hat, nicht einmal fr eine Stunde! Nichts als Glaube
an den Groen der Zeit. Und sie sprechen ihm alles nach, ohne einen
Unterschied zu machen zwischen dem, was er mit berlegung, bei klarem
Verstande und im Ernst gelehrt, und dem, was er so nebenhin, oder im
Zorne, oder gar nur, um zu widersprechen, gesagt hat.

Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der geringste
Unterschied!

Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und sagt, da er an
nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde ihn doch nicht dadurch
beschmen, da ich ihm meine Ansicht sage. Fr mich selbst wei ich
aber, da er entweder Spa macht oder einfach prahlt; und gerade ein
solcher frchtet sich, nachts allein auszugehen! Und vielleicht =mu= er
berhaupt so sprechen, weil es sein Geschft verlangt. Was tut der
Mensch nicht wegen seines Geschfts!... Und er kann ja auch ein ganz
dummer Mensch sein, der nicht einmal wei, =was= er nicht wei und was
man glauben mu!

Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schmen, was wir glauben?!
Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen rger als alle die
Aufgeklrten, die nichts andres tun, als Ammenmrchen und Wunder zum
grern Ruhme ihrer Groen erzhlen? Weil unsere Geschichten nicht
erfunden sind? Weil wir die Leute nicht mit Schauergeschichten von
Rubern und Mrdern, Falschmnzern und Wechselflschern erschrecken? Mu
man denn unbedingt nur ber solche Dinge schreiben, die glatt erfunden
sind?

Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder aus uralten
Zeiten erzhlen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich hier in
Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet hat!

Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! Die Sache ist
erlogen!... Gut, soll er nur kommen, soll er sich unterstehen! Ich bin,
Gott sei Dank, ein einfacher Melamed und kein Schreiber, Gott behte!
Und Lgen ist weder mein Handwerk noch mein Geschft!

Kurz und gut -- meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand kommt und ihr
eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir ihn anhren.

Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte selbst.


II

Ein Ausspruch des Schweigers gesegneten Angedenkens. Die Vorzge
meines Bruders; er ruhe in Frieden. Ein guter Anfang

Man erzhlt vom Schweiger(14), gesegneten Angedenkens, da er, als man
ihn einmal fragte, warum er nicht, wie die andern Rebben, aus der Thora
predige, einfach geschwiegen habe, wie er es bei allen Fragen zu tun
pflegte.

  (14) Zuname eines berhmten chassidischen Rebben.

Doch zu einer andern Stunde, als er besonders gndig aufgelegt war und
man in ihn mit derselben Frage wieder drang, sagte er mit einem Lcheln:

Die Welt, sagte er, wundert sich ber =mich=, warum ich nicht
Thoraweisheit predige. Und ich wundere mich ber diejenigen, die das tun
knnen. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhren, wo die Thora
weder Anfang noch Ende hat und die Unendlichkeit selbst ist?

In Wirklichkeit ist es aber so: Leute, die keine Ahnung von der Thora
haben und predigen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, beginnen, wann
und wo sie wollen, und endigen, wann und wo sie wollen. Denn die Thora,
die sie predigen, ist nicht die Unendlichkeit, nicht die Thora des Herrn
der Welt! Es ist ihre eigene, von ihnen erfundene Thora ... Doch einer,
der die Thora wirklich kennt, predigt nicht, weil er nicht wei, wo er
beginnen und wo er endigen soll!

Und in weltlichen Dingen ist es auch so. Zum Beispiel bei einem
Rechtsstreit, wenn man die Zeugen vernimmt. Ein wahrheitsliebender
Mensch, der nicht lgen kann und will, beginnt seine Zeugenaussage mit
den sechs Tagen der Schpfung und kommt niemals zu der Sache selbst; und
zum Schlu -- schon gar nicht! Doch einer, der frei aus dem Kopfe
spricht, legt sich alles hbsch zurecht und spricht wie ein Mensch, der
Anfang und Ende wei ... Und seine Aussage fliet dahin wie Bauml!

Dieselbe Regel gilt auch fr jede Erzhlung: der Schreiber, der sich
alles aus den Fingern saugt, kann eine Geschichte beginnen, wann und wo
er will; sie ist seine eigene Schpfung, und er kann mit ihr tun, was
ihm beliebt! Wenn er will, macht er sie kurz. Doch ich, der ich eine
wahre Begebenheit erzhlen will, wei wirklich nicht, womit ich anfangen
und womit ich endigen soll! Es gibt nichts Neues unter der Sonne --
jede Sache hngt von einer frheren Sache ab, und die frhere von einer
noch frheren, und diese letztere kann man auch nicht verstehen, wenn
man nicht wei, was noch frher war. Und so gelangt man zu den sechs
Tagen der Schpfung ... Doch zu Ehren meines geliebten Bruders
Seinwel-Jechel, er ruhe in Frieden, will ich mit ihm beginnen...

Es ist jedermann bewut -- die ganze Franziskanergasse wei es--, da
mein Bruder, gesegneten Angedenkens, ein groer Gelehrter und ein
wirklich gottesfrchtiger Mann war.

Er war Witwer, und in seinen alten Tagen blieb er ganz allein mit seiner
Tochter, der Jungfrau Broche-Le -- es soll zwischen Lebendigen und
Toten wohl unterschieden werden! Er lebte in groer Not, und da er keine
Kraft mehr zu unterrichten hatte, blieb er schlielich -- nicht auf euch
gesagt und auf keinen Juden gesagt! -- ohne Brot. Und die Jungfrau
Broche-Le wuchs, unberufen, wie auf Hefe ... Mit einem Wort -- es war
ein Jammer!

Was tut Gott? Einige Hausvter, lauter geachtete feine Mnner, deren
Kinder mein Bruder unterrichtet hatte, tun sich zusammen und bernehmen
es, Broche-Le zu verheiraten und ihrem Vater, er ruhe in Frieden, die
Mittel zu geben, damit er ins Heilige Land fahren kann.

Obwohl die Reise nicht zum Abschlu gedieh, da er unterwegs -- nicht auf
euch gesagt! -- an einem Herzschlag starb, so war ihm doch vergnnt, die
Stadt Zfas im Heiligen Lande zu sehen, woselbst er seinen Geist aufgab
und in einem jdischen Grabe mit groen Ehren beigesetzt wurde.

Der Rabbiner von Zfas hielt auf seinem Grabe einen feurigen Nachruf und
druckte ihn, den Nachruf, in seinem Werke Kostbare Perlen ab; und wer
in dieses Werk hineinsieht, leckt sich die Finger ab.

Da ich jetzt schon einmal den Anfang habe, werde ich mit der
eigentlichen Geschichte beginnen.


III

Die Geschichte selbst. Schlecht getroffen. Jammer. Broche-Le wird von
ihrem Mann verlassen

Mildttigkeit ist eine groe Sache. Doch nur fr den, der sie bt. Und
ich beneide nicht den, der Almosen empfngt und vom Vorstand des
Wohlttigkeitsvereins abhngt...

Aber ich beneide meinen Bruder, er ruhe in Frieden, da er zur rechten
Zeit verschied und den spteren Jammer nicht mehr sah!

Denn die Hausvter, welche Broche-Le die Mitgift gaben, hatten blo das
eine vergessen, da sie die Tochter eines Gelehrten und eine fromme und
reine Seele war. Bei der Wahl des Brutigams bercksichtigten sie weder
das, noch viel weniger die Verdienste ihres Vaters. Sie trachteten nur
danach, ihr einen Ernhrer zum Mann zu geben. Sie handelten ganz ohne
Vorbedacht, nur um die Sache irgendwie zu erledigen. Man gabelte einen
jungen Mann auf, der in einer Rechtsanwaltskanzlei halb angestellt war
und ab und zu etwas verdiente. Und da er keine zu groen Ansprche
machte und ein Weib ernhren konnte, griff man zu. Man nhte die
Aussteuer, hinterlegte die Mitgift, nahm Spielleute auf und feierte
Hochzeit. Ich gratuliere!

Die Wahrheit zu sagen, gefiel mir der junge Mann gar nicht. Auch mein
Weib Feige, sie soll gesund sein, meinte, da man keine besonders
kostbare Anschaffung gemacht hatte. Da aber mein Bruder, er ruhe in
Frieden, dazu gar nichts sagte, so schwiegen wir selbstverstndlich
auch.

Doch dieses Schweigen war nicht klug!

Kaum war mein Bruder, gesegneten Angedenkens, abgereist, als die
Geschichte losging, und es sich zeigte, da in dieser Ehe etwas nicht in
Ordnung war. Ich hrte bald, da der husliche Friede beim jungen Paare
etwas hinkte! Man zankte sich, man schrie, und die Nachbarn klopften an
die Wnde. Ich hrte auch, da der junge Mann Mojsche-Iroel nicht
ausnehmend fromm war, was Broche-Le sehr mifiel. Und er schreckte sie
damit, da er den Kaftan ablegen und den kurzen deutschen Rock anziehen
werde, da er sogar selbst Rechtsanwalt werden wollte. Mojsche-Iroel
hielt ihr vor, da die Hausvter ihn betrogen htten: sie htten ihm vor
der Trauung eine andre, schnere Braut gezeigt; sie htte er gewi nicht
genommen! Er bemngelte auch ihre Aussteuer: Alte Lumpen, sagte er. Auch
htte man ihm die bliche Bekstigung in den ersten Ehejahren
versprochen und ihm hinterdrein die Zunge gezeigt. Noch sagte er, er
htte erwartet, da die Wohltter sich fr ihn verwenden, ihn, wie er
sagte, protegieren wrden; sie htten sich aber auf der Armenhochzeit
nur angegessen und angetanzt und ihn spter nicht ber ihre Schwelle
gelassen.

Selbstverstndlich wollte ich mich gleich in der ersten Stunde nicht
einmischen ... Die Hausvter und meine Frau Feige, leben soll sie,
wollten es nicht zulassen. Und schlielich ist es ja auch nichts Neues!
Es kommt oft genug vor, da es in der ersten Zeit nach der Hochzeit, ehe
man sich aneinander gewhnt hat, zwischen Mann und Weib Streitigkeiten
gibt. Und spter -- Gewohnheit ist die zweite Natur -- lebt man doch
zusammen!

Die Wahrheit zu sagen, gab es auch zwischen mir und meiner Frau Feige --
sie soll gesund sein! -- im ersten Jahre nach der Hochzeit
Zusammenste. Doch spter, als die Kinder kamen und wir um unseren
Lebensunterhalt selbst sorgen muten, hrten diese Dummheiten auf. Ich
suchte mir irgendein Geschft; es glckte mir nicht, und so wurde ich
Melamed. Und es ist wirklich nicht so schlimm -- man lebt -- mge es bis
hundertundzwanzig Jahr' so weiter gehen!

Also kurz und gut -- ich schwieg. Besonders, als mir meine Frau Feige,
sie soll leben, ber Broche-Le eine vielsagende Andeutung machte. Und
mir braucht man nicht erst einen Finger in den Mund zu legen. Also ein
gutes Zeichen, da es nur gut abluft! Leider lief es aber nicht nach
Wunsch ab.

Er besserte sich nmlich gar nicht, er wurde sogar noch schlimmer.
Dieser Prachtmensch hatte unsers Vaters Abrahams Eigenschaft: er sprach
wenig und tat viel. Es gengte nicht, da er sich deutsch kleidete, er
begann auch ganze Nchte hindurch Karten zu spielen.

Jeden Abend brachte er seine Kumpane mit ins Haus und zwang Broche-Le,
ihnen Tee zu kochen und sie mit Branntwein und Hering zu bewirten; und
den Hering natrlich mit Essig und l -- anders pat es ihm nicht. Und
dazu weie Semmeln; Schwarzbrot ist ihnen zu gering! Und wenn etwas von
den sieben Sachen fehlte, machte er einen Krach. Obendrein verhhnte er
sie und machte sie zum Spott fr die Leute. Und das nicht genug -- er
beschimpfte sie noch mit den gemeinsten Ausdrcken!

Nun sah ich ein, da die Sache nicht gut steht und da man weiter nicht
schweigen darf. Ich fate mir ein Herz und ging zum Ehepaar hin.

Ich komme herein und fange, natrlich zunchst mit guten Worten an, mit
=feinen= Reden, sogar mit einem Scherzwort, wie schon so meine Natur
ist. Ich versuche die Sache zuerst freundschaftlich und gutmtig
anzufassen und sage ihm, da, obwohl er ein Verbrecher vor dem Herrn
ist, die Sache noch nicht hoffnungslos sei; und ich schildere ihm das
groe Ansehen, das der Bufertige im Himmel hat, und sage ihm, da ihm
auch die Verdienste von Broche-Les gottseligen Ahnen im Himmel
beistehen wrden. Er msse nur mit der Bue beginnen, nur einmal
ernsthaft an Bue denken.

Ich verspreche ihm noch, ihm menschlich nher zu treten, ihn in meinen
Betzirkel einzufhren und sogar, falls ich einmal, so Gott will, zum
Rebben fahren werde, ihn mitzunehmen; und noch hnliche
freundschaftliche Worte sage ich ihm.

Da bricht er in ein Gelchter aus! Er lacht ber mich, ber meinen
Betzirkel und ber den Rebben! Er mchte, sagt er, auf alle diese
schnen Sachen verzichten, wenn ich ihm nur Broche-Le abnehme! Und
dabei gebraucht er Ausdrcke, die man berhaupt nicht in den Mund nehmen
kann!

Notgedrungen mute ich nun einen strengeren Ton anschlagen. Ich sagte
ihm, da er, obwohl er sich deutsch kleide, doch nur ein Ignorant und
ein Taugenichts sei. Und dann sagte ich ihm noch ganz furchtlos: wenn er
Bue tut, ists gut, und wenn nicht, so wird er manches schwarze und
finstere Jahr in der Hlle zu kosten kriegen!

Fngt er schon wieder zu lachen an: Wer Hlle? Was Hlle? Als ob er
schon einmal dort gewesen wre und gesehen htte, da es, Gott behte,
gar keine Hlle gibt! Und dann weist mir noch der freche Kerl die Tr!

Was sollte ich tun? Broche-Le ist, sehe ich, grn und gelb, die Trnen
flieen ihr wie Bche aus den Augen. Ich gehe also fort und lasse den
Frechling vor das Rabbinergericht laden.

Er kommt nicht hin, und ich lasse wieder eine Zeit verstreichen.

Und da wurde es pltzlich still. Vom Ehepaar hrte ich gar nichts mehr.
Das kam aber nur daher, weil der Verbrecher seiner Broche-Le verboten
hatte, ber meine Schwelle zu kommen; sonst wrde er sie windelweich
schlagen! Broche-Le ist aber ein gesittetes Weib und tut, was der Mann
verlangt. Sie sitzt also zu Hause und vergiet heimliche Trnen.

Und hre ich nichts, so wei ich nichts!

Inzwischen habe ich auch meine eigene Tracht Sorgen: meine Frau Feige
wird mir krank; der Arzt sagt, es sei Fieber; die Nachbarn sagen etwas
anderes, und ich meine, es kommt von einem bsen Blick. Das Haus ist
ohne Hausfrau, die Kinder ohne Mutter und auch -- ohne Vater: es ist
gerade Semesterwechsel, und ich mu herumlaufen, um mir noch zwei oder
drei Schler zu verschaffen. Und das ist nicht genug: ich bin auch
selbst nicht ganz beisammen.

Die Warschauer steilen Treppen nehmen mir alle Lebenskraft! Und dazu
hetzt man mich noch von allen Seiten: der Hausherr mahnt das
Wohnungsgeld, und ich bin ihm schon zwei Quartale schuldig geblieben!
Und der Bezirksinspektor verlangt von mir, da ich noch ein Zimmer
hinzumiete, damit es die Schler gerumiger haben, damit es in der
Lehrstube mehr Luft gibt!

Gott mge es mir verzeihen -- ich habe an Broche-Le nicht mehr gedacht!
Und sooft ich mich an sie erinnerte, sagte ich mir: da es so still ist,
wird sich der Bsewicht wohl doch bekehrt haben, und sie tun jetzt
nichts, als sich herzen und kssen! Und weil es ihr so gut geht, hat sie
die armen Verwandten ganz vergessen.

Aber einmal -- ich komme halb ohnmchtig und, nicht auf euch gesagt, mit
geschwollenen Fen nach Hause, will mir die Hnde waschen, irgend etwas
herunterschlingen, schnell das Tischgebet sprechen und die Knochen im
Bette ausstrecken -- da verkndet mir meine Frau Feige eine frohe
Botschaft: Broche-Le war dagewesen, hatte bittere Trnen vergossen und
uns Mrder gescholten, weil uns ihr Unglck nichts anginge; sie sei eine
verlassene Waise, elend und einsam wie ein Stein.

Sie erzhlte noch, da ihr Mann Mojsche-Iroel sie martere und ihr
Todfeind sei. Er schlage und prgele sie, so da sie schon viele Male
aus Nase und Ohren geblutet habe.

Und ich frage meine Frau Feige: Wie kann das sein? Da ein Jude seine
Frau schlgt, und dazu noch eine Frau in gesegneten Umstnden?!...

Sie antwortet, da es wohl von seiner wahnsinnigen Bosheit kommt;
Mojsche-Iroel hat den rechten Weg schon lngst verlassen. Er hat jedes
Gottvertrauen verloren; darum schreit er, er habe nicht mehr, wovon zu
leben ... Und er verlangt -- sein Name und sein Andenken mgen
ausgelscht werden! -- da Broche-Le sich etwas antue ... Die ganze
Welt macht es, sagt er, so; selbst die feinsten Damen ... Und da sie es
nicht tun will, schlgt er sie und beschimpft sie und ihren Vater mit
den schrecklichsten Flchen!

Wie ich hre, da er meinem Bruder, gesegneten Angedenkens, flucht,
werde ich voller Zorn! Ich vergesse alles andre, nehme meinen Stecken --
mein Tod oder sein Tod! Abschlachten werde ich den Hund! -- und laufe
ohne Atem und Besinnung aus dem Hause...

Und ich komme und sehe...

Einen Jammer sehe ich!

Die Tr steht offen, in der Stube ists stockfinster. Der Kerl ist fort,
durchgebrannt! Fort ist der ganze Hausrat, selbst die Bettwsche hat er
abgezogen ... Und wo ist sie?

Sie liegt auf dem Boden und windet sich in Krmpfen...


IV

Ein Wunder. Meine Frau Feige und ihre Taten. Man wirft mich hinaus, und
wohin ich gehe

Es geschah ein Wunder, da meine Frau Feige, unberufen, ihren gesunden
Menschenverstand behielt.

Als ich den Stecken nahm und schrie, da ich den Hund umbringen werde,
nahm es sich meine Frau Feige gar nicht zu Herzen ... Sie wei ganz gut,
da ich, Gott behte, kein Mrder bin und nicht eine Fliege an der Wand
tten kann; sie wei, da ich, wenn ich schon in Zorn gerate, vor allen
Dingen zu weinen anfange. Ich habe schon einmal so eine Natur: vor Zorn
flieen mir die Trnen wie Wasser.

Meine Frau Feige wei auch, da ich selbst meine Schler nicht so
schlage, wie es sich gehrt, und da mir sogar die Vter deswegen
Vorwrfe machen; auch ich selbst frchte zuweilen, da ich in dieser
Hinsicht vor Gott und den Menschen sndige: denn oft ist so ein Hieb
notwendig! Besonders seitdem einer meiner Schler in schlechte
Gesellschaft geriet, ist es meine feste Meinung, da man zuweilen
schlagen =mu=!

Wir wollen aber nicht abschweifen!

Also meine Frau Feige wute ganz gut, da ich ihm nichts tun wrde, und
blieb darum ruhig auf dem Bette sitzen. Doch spter, als eine Stunde,
zwei Stunden vergingen und ich noch immer nicht zurck war, bekam sie
doch Angst und sagte sich, da ich den Hund gewi wie einen Fisch in
Stcke geschnitten habe und dafr ins Loch gesperrt worden sei!

Da gab es was! Sie verga alle ihre Schmerzen, die Kinder in den Betten
und das bichen Hausrat, das wir hatten, sprang aus dem Bette, warf sich
etwas um und lief mir nach; verga sogar die Tr hinter sich zu
schlieen.

Ich schau mich um, -- sie ist da. Und kaum ist sie da, als sie gleich
auf den ersten Blick erkennt, was vorgeht. Vor allen Dingen, als sie
mich wie ein Stck Holz dastehen sieht, schreit sie mich an:
Nichtstuer! Und im gleichen Augenblick reit sie die Tr auf und ruft:
Hilfe! Sofort kommen einige Nachbarinnen. Meine Frau Feige bernimmt
das Kommando, und die Nachbarinnen folgen ihren Befehlen. Und eines der
Weiber wirft mich auf Feiges Befehl tatschlich zur Tr hinaus.

Wo geht man nun hin? Auf der Strae ist nasser Schnee, der Wind peitscht
mir das Gesicht und stiehlt sich durch die Lcher in meine Kleider
hinein...

Also gehe ich ins Bethaus. Dort sitzen noch einige Leute, die nach dem
Beten ein wenig in den Talmud hineinschauen. Ich nehme mir auch einen
Talmudband. Und fertig, mehr brauche ich nicht! Kaum ffne ich den
Talmud, ist Broche-Le vergessen! Vergessen ist ihr Mann, der Bsewicht!
Und auch die ganze Welt. Wer ist von ihrem Mann verlassen? Wer ist
durchgebrannt? Wer liegt in Kindsnten? Das gibt es alles nicht!...


V

Meine Schler. Wer ist mein Lehrer? Die Thora und ihr Lohn. Das
Gleichnis vom Vogel. Schlimme Gedanken und Zweifel

Wenn ich manchmal selbst mit groer Freude studiere, knnen es meine
Schler aus den reichen Husern nicht begreifen. Sie fragen mich, ob
=ich= auch noch lernen mu? Und wer =mein= Rebbe ist?

Die Dummkpfe! Sie wissen nicht, da die Welt ein guter Rebbe ist, und
die Sorge ums Brot -- ein gar vortrefflicher Rebbe! Leiden und Unglck
sind gute Melameds .. Die Mcke, die ewig das Gehirn sticht mit der
Frage: Und was werden wir essen?, ist ein gar feuriger Rebbe! Und dann
sind auch meine Schler selbst mitsamt ihren Vtern -- meinen Brotgebern
-- sehr feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer!

Alles treibt zum Lernen. Aber wie die Thora, so auch ihr Lohn. Schlage
ich den Talmud auf, so werde ich ein andrer Mensch. Ich fhle, da sich
mir der Himmel auftut! Da der Herr der Welt mir in seiner groen Gnade
Flgel, groe und breite Flgel verliehen hat! Und ich fliege auf diesen
Flgeln empor -- ich bin ein Adler, und ich fliege in weite Fernen fort;
nicht bers Meer fliege ich, sondern aus der Welt ganz hinaus! Aus der
Welt voller Lge, Verstellung und bsen Leiden...

Und ich schwinge mich in eine ganz andre Welt hinauf, in eine neue Welt,
in eine Welt, wo es nur Gutes gibt. In eine Welt, wo weder dickbuchige
Hausbesitzer noch unwissende vornehme Herren etwas gelten; wo es weder
Geld noch Nahrungssorgen gibt, weder schwere Kindsnte, noch hungernde
Kinder, noch schreiende Weiber!

Und dort bin ich, ich, der arme, kranke, unterdrckte, hungernde
Melamed, ich rmster Bettler, der ich hier stumm wie ein Fisch bin und
von allen wie ein Wurm getreten werde, -- dort bin ich der Mensch, der
Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin frei, und mein Wille ist
frei, und =ich= habe zu befehlen! Welten baue ich auf und Welten
zertrmmere ich und baue mir neue an ihrer Stelle! Neue, schnere und
bessere Welten! Und ich lebe in diesen Welten und schwebe in ihnen
herum! Ich bin im Paradiese, im wirklichen Paradiese!

Und ich wei, da ich mehr wei, als ich meinen Schlern mitteilen will
und kann, mehr als ich mir selbst eingestehe. Ich ahne Dinge, die man
mit den Lippen gar nicht aussprechen kann, die kein Auge sieht und kein
Ohr hrt, die nur im Herzen blhen, nur im Herzen leben und pochen!

Die zwei, die zugleich nach einem Gebetmantel greifen, deren Streit
der Talmud untersucht, sind fr mich nicht zwei beliebige Menschen von
der Strae, nicht ein Schimen und ein Ruben, wie ich es meinen Schlern
erklre; und auch der Gebetmantel, um welchen der Streit geht, ist kein
gewhnlicher Gebetmantel, wie man ihn im Laden von Jossel Pesches kaufen
kann ... Ich fasse es tiefer an!

Ich fange alle die Funken auf, die =zwischen= den Zeilen, =zwischen= den
Worten, =zwischen= den Buchstaben leuchten; meine Seele saugt sie ein
wie ein Schwamm! Ich fhle, wie mich das Licht, das der Frommen im
Jenseits wartet, ganz durchtrnkt und erfllt!

Ach, nur sitzen und studieren! Nur studieren!

                   *       *       *       *       *

Und das mu ich euch auch sagen: wenn ich in reiche Huser komme und
sehe, wie die Leute ganze Nchte hindurch Karten spielen, oder die Zeit
mit Weibern oder andern Eitelkeiten verbringen; oder wenn ich durch die
Strae gehe und durch die offene Tr einer Schenke einen Handwerker
sehe, wie er in einer Wolke von Tabakrauch sitzt und trinkt und dummes
Zeug spricht; wenn ich das alles sehe, sage ich euch, werde ich gar
nicht bse ... ich mache den Leuten gar keine Vorwrfe; im Gegenteil:
mir tut das Herz weh vor Mitleid mit ihnen!

Denn wenn wir es so betrachten, was sollen sie ohne Thora tun?

Wie ich bereits erwhnte, gab ich einmal auch in einem Dorfe Unterricht.
Mein Schler zeigte mir, wie am Ende des Sommers alle Vglein
zusammenflogen, um unser Land noch vor Wintersanfang zu verlassen ...
Ich sah, wie sie sich zu ganzen Heeren versammelten und davonflogen in
weite Fernen...

Die kleinen Vglein knnen und wollen hier nicht bei Schnee und Frost
bleiben ... In dieser Zeit hat hier so ein armes Vglein keinerlei
Lebensmglichkeit ... Und die Vglein wissen es, sie fhlen es, da der
Winter naht, da ihr Todesengel kommt...

Doch einmal sah ich, wie ein armes verkrppeltes Vglein mit einem
gebrochenen Flgel auf der nassen, kalten Erde herumhpfte; es piepste
und konnte sich nicht vom Boden erheben, um den groen Vgeln
nachzufliegen. Es war wirklich ein Jammer, zu sehen, wie das arme
Vglein keinen Platz finden konnte, wie es immer hpfte und hpfte, und
den andern freien Vgeln, die schon davonflogen, nachsah...

Damals sagte ich mir: diesem kranken Vgelchen gleicht die Seele des
Unwissenden!...

Fliegen knnen sie nicht, denn sie haben keine Flgel -- keine Thora!
Gib ihnen Thora, gib ihnen Flgel, so werden auch sie fliegen in die
fernen Welten!

Man hat ihnen aber die Flgel zerbrochen, und darum hpfen sie immer im
kalten Straenschmutz herum ... Darum mssen sie schamlose Reden fhren
oder Karten spielen: der Reiche im Salon, der Arme in der Schenke...

Doch wollen wir zur Sache zurckkehren!

Also ich sitze und studiere. Die paar Leute, die noch im Bethause waren,
sind einer nach dem andern heimgegangen. Der Schuldiener ging als
letzter fort.

Was geht es mich an? Ich sehe es ja gar nicht!

Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband vor mir, frchte
ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es sich gehrt.

Die Thora gleicht doch, wie ihr wit, dem Meere. Die Wellen schlagen und
wollen mich verschlingen ... Doch ich kann schwimmen! Ich tauche unter
und bin schon wieder oben! Zuweilen wird das Meer still; schn, rein und
klar wie der Himmel liegt es da, und meine Seele badet im frischen,
belebenden Wasser; sie gleitet wie ber einen Spiegel dahin in Wonne und
Schnheit ... Und das Wasser wscht sie, reinigt sie von allen Flecken,
von den schwarzen irdischen Stubchen...

Und rein und heilig wird meine Seele...

Doch pltzlich fhle ich einen brennenden Schmerz in den Fingern, und
ich sitze im Finstern...

Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!

Alleinsein im Finstern frchte ich. Und es berfllt mich eine groe
Angst!

Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, frchte
ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spre den Hausherrn
=ber= der Welt! Ich sehe die Welt, und die Welt sieht mich. Und ich
wei, da ich ein Teil der Welt bin, und da ihr Hausherr auch mein
Hausherr ist; da ohne seinen Willen mir kein Haar gekrmmt werden kann.
Er wird es nicht dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden.
Warum sollten sie es auch zulassen?

Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, dann --
ach, dann hre ich berhaupt auf, Mensch zu sein! Mich befallen bse
Gedanken, und es scheint mir -- Gott mge mich dafr nicht strafen--,
da ich gar keinen Zusammenhang mit der Welt mehr habe, da man mich von
ihr losgetrennt und aus ihr weggefhrt hat ... Ich habe mit ihr nichts
zu tun; weder ich, noch mein Weib, noch meine Kinder ... Nichts haben
wir mit ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz
still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen und
gewi niemand fhlen.

Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die
nur whrend des Lernens in meinem Leibe ist, verlie und ich bei meiner
zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des
bettelarmen Melameds ... Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein
verlorenes Ding...

Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!

Und das Herz nagt und bangt: Broche-Le wird gebren ... gewi wird sie
gebren. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn ihre Mutter war wegen
ihrer Zwillingsgeburten berhmt!

Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fllt dir noch
Broche-Le mit einem Kind zu, Broche-Le mit zwei, mit drei Kindern ...
Seinwel-Jechel ruht im Grabe; er sitzt jetzt im Paradiese und lernt
Thora. Und du arbeite und ernhre seine Tochter!

Und bse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen will, so hat er
keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu schicken ... zu mir ... zu
der Gebrenden...

Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!

Und ich wei, da ich vor Gott sndige, da ich in Gotteslsterung
verfalle. Ich wei das, doch ich habe nicht die Macht, den bsen
Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben ... Denn allein bin ich schwach
und im Finstern noch schwcher!

Ich wei, da das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und ich will sie
auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme besinnen, doch
ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe die ganze Thora
vergessen!

Und ich rief mit allen meinen Krften aus:

Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!

Und es geschah mir ein Wunder!


VI

Das Wunder. Das verborgene Licht. Erlsung einer Seele. Der Todesengel,
welcher kommt, weil man ihn rief

Als ich diese Geschichte spter einem Aufgeklrten, einem meiner
frheren Schler erzhlte, lachte er, und noch wie! Es war, sagte er,
gar kein Wunder, sondern nur ein Zufall oder eine Einbildung, oder
vielleicht gar ein Traum oder dergleichen.

Was macht das?

Jitro, Moses' Schwiegervater, hatte bekanntlich sieben Namen, und doch
gab es nur =einen= Jitro!

Nenne es, wie du willst: Zufall, Einbildung, Wunder, -- Geschichte
bleibt Geschichte!

Ich wei nur, da gerade in dem Augenblick, als ich, Gott behte, in die
tiefste Hlle hinabzustrzen glaubte, sich das ganze Bethaus mit Licht
fllte! Es war eine so blaue Helle wie in den Lichtsulen, die manchmal
im Sommer von der Sonne durch ein Fenster schrg in die Stube fallen...

Man sieht ganz deutlich, da eine solche Sule aus kleinen Lichttropfen
besteht und da jedes Trpfchen in ihr strahlend herumwirbelt.

Und eine solche Sule erfllte damals das ganze Bethaus.

Pltzlich werde ich ruhig ... und alles Denken hrt auf!...

Das Bethaus ist von einer sen Helle erfllt. Und ich -- von einem
sen, lichten Gottvertrauen! Und alles in mir ist so rein, so klar, so
kristallen!

Und wie ich nach der Ostwand blicke, von der die Lichtsule kommt, sehe
ich jemanden!

Wen, glaubt ihr, sehe ich?

Meinen Bruder, gesegneten Angedenkens, sehe ich! Und gerade auf dem
Platze, wo er bei Lebzeiten immer zu sitzen und zu studieren pflegte.

Er hat vor sich ein Buch ... Sein Gesicht kann ich nicht sehen, weil er
den Kopf in die Hand sttzt. Doch das Herz sagt mir, da er es ist, mein
Bruder Seinwel-Jechel...

Und ich erschrak gar nicht!

Denn die Regel ist: wer vor Lebendigen keine Angst hat, der zittert vor
Toten. Doch ich armer Wurm, der ich vor allem, was da lebt, zittere, was
soll ich vor einem Toten Angst haben? Und vor wem? Vor meinem Bruder
Seinwel-Jechel, der auch bei Lebzeiten wie Seide war? Und ich frage ihn
ganz einfach:

Bist du es, Seinwel-Jechel?

Ja, ich bin es! antwortet er und nimmt die Hand von den Augen.

Ich erblicke sein Gesicht. Es strahlt in seltsamer Lieblichkeit, und in
seinen Augen liegt eine eigentmliche Se...

Und ich frage weiter:

Was tust du da, Bruder?

Und er antwortet:

Was ich tue? Sehr viel tue ich! Als ich bei Lebzeiten hier sa und
lernte, verwirrte mich oft der Satan; Nahrungssorgen mischten sich ein,
und ich bersprang viele Stellen und lernte andre wiederum ohne groe
Andacht. Nun tue ich das, was man oben ber mich verhngte, damit meine
Seele endgltig erlst werde: Ich wiederhole!

Und alles mit Andacht?

Er nickt bejahend, und ich sage:

Seinwel-Jechel, du lernst mit Andacht, weil du nicht weit, daߠ...

Er unterbricht mich mit seiner sen Stimme:

Narr, sagt er, im Gegenteil: eben weil ich wei, lerne ich jetzt mit
solcher Andacht. Bei Lebzeiten wute ich wenig und zweifelte viel, und
darum bersprang ich viele Stellen ohne Andacht. Denn nur das, was man
nicht wei und woran man zweifelt, verwirrt ... Doch jetzt, da ich wei
und keine Zweifel mehr habe, studiere ich immer mit Andacht.

Du weit auch, da Mojsche-Iroel...?

Nach Amerika entlaufen ist? Ich wei es! Ich wei sogar, mit welchem
Schiff er durchgebrannt ist ... Verbotene Speisen it er auf dem Schiff.
Ich wei es!

Weit du, da Broche-Le...

In schweren Kindsnten liegt? Gewi wei ich es! Ich wei sogar, da
sie einen Sohn haben wird...

Keine Zwillinge?

Nein, keine Zwillinge. Sie ist aber sehr zu bedauern! Das Kind wird ein
Krppel sein ... Der Bsewicht hat sie gestoen und dem Kinde Schaden
zugefgt...

Und ich frage weiter:

Vielleicht weit du auch, wovon sie leben werden?

Auch das wei ich! sagt er mild. Er kommt auf mich zu, legt mir seine
Hand auf die Achsel und sagt:

Schau durchs Fenster hinaus!

Ich tue es.

Nun, was siehst du?

Ich sehe jemanden vorbeigehen ... Er ist wei gekleidet, und sein
Antlitz leuchtet, als ob Gottes Herrlichkeit darauf ruhte ... Ganz
unglaublich strahlt sein Antlitz ... Er geht langsam ... Mir ists, als
ob ich eine se, herzige Weise hrte, die ein Spielmann im Gehen
spielte ... Da ist er schon vorbeigegangen, der Mensch...

Es war kein Mensch -- ein Engel wars!

Ein Engel?

Ein guter, sehr guter Engel ... Der Todesengel!

Der Todesengel? rufe ich erschrocken aus.

Warum zitterst du so? Willst du ihm entfliehen?

Und wohin ging der Engel?

Wohin er ging? Zum reichen Reb Simche. Auch seine Tochter liegt in
Kindsnten...

Ich wei es: ich habe ja heute frh mit noch andern Leuten fr sie und
das Kind Psalmen gelesen...

Das Gebet hilft nur zur Hlfte. Das Kind wird leben.

Und sie?

Hast doch eben gesehen...

Also zu ihr ging der Engel! Und so ohne Lust ging er, mit langsamen
Schritten ... Wohl aus Mitleid?

Vielleicht. Er hat keine Eile, weil er nicht Gottes Sendbote ist!

Was sagst du? rufe ich erschrocken. Wer hat denn noch zu bestimmen?

Auch der Mensch hat seinen Willen ... Sie selbst hat ihn gerufen...

Sie selbst?!

Sie wollte kein Kind haben, keine Mutter sein! Hat dem Kinde Schaden
zufgen wollen...

Herr der Welt! rufe ich mit groem Schmerz aus. Sie wird fr ihre
Snde sterben ... Aber was hat das Kind verbrochen? Das Kind wird doch
ohne Mutter bleiben ... Herr der Welt!

Schrei nicht! sagt Seinwel-Jechel und nimmt mich bei der Hand.
Schrei nicht! Broche-Le wird des Kindes Amme sein. Und von heute an
wisse: Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben!

Und im selben Augenblick zerrann er mir in der Luft, und die helle
Lichtsule verschwand. Durch das Fenster sah schon der bleiche
Wintermorgen herein.


VII

Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben

Ihr knnt euch gar nicht vorstellen, was ich in diesen Augenblicken
empfand!

Ich fiel meiner ganzen Lnge nach nieder, und die Quellen meiner Augen
taten sich auf, und die Trnen flossen und flossen...

Und es war mir, als ob ich nicht Trnen weinte, sondern Steine: als ob
mir aus dem Herzen Steine heraufkmen und durch die Augen herausrollten.
Denn je mehr Trnen ich vergo, desto weniger Steine blieben mir auf dem
Herzen, desto leichter und freier wurde es mir in der Brust!

Und die Geschichte geht schon zu Ende.

Ich gehe nach Hause.

Die Tr, sehe ich, steht offen!

Ich trete in die Stube und sehe im schwachen, bleichen Morgenlichte, da
Diebe dagewesen sind! Der ganze Hausrat ist weg!

Macht nichts! sage ich mir.

Die Kinder husten im Schlafe trocken und heiser.

Ich hre es und denke mir: Schadet nichts, macht nichts!

Bald kommt meine Frau Feige heim und sagt: Gratuliere! Und ich
antworte:

Ein Shnchen, ein Krppel!

Sie schaut mich an.

Bist du ein Prophet oder was? Sie hrt gar nicht, da die Kinder
husten, und sieht nicht, da die Wohnung ausgerumt ist.

Woher weit du das?

Und ich sage ihr:

Noch mehr wei ich, Feige, meine Frau! Ich wei, da des reichen Reb
Simches Tochter weggekommen ist (das Wort 'verschieden' konnte ich nicht
ber die Lippen bringen) und da das Kind, auch ein Shnchen, lebt! Und
da Broche-Le seine Amme sein wird!

Wer hat dir das alles erzhlt?

Denn, sage ich ihr, der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben.

Und ich erzhlte ihr alles.




Der kranke Knabe


Mameschi, ich will dir ein Geheimnis erzhlen; doch der Vater soll davon
nichts erfahren!

Du fragst mich: warum? Weil der Vater mich weniger lieb hat...

Nein, Mameschi, ich sndige mit den Lippen: er hat mich nicht weniger
lieb, er hat mich nur =anders= lieb!

Er ist ja der Vater und mu streng sein...

Vater hat einen langen Bart; Vaters Gesicht fhlt sich beim Streicheln
nicht so an wie Mutters atlasglattes Gesicht ... Er hat auch ganz andre
Augen und einen ganz andern Blick. Wenn du mich anschaust, hast du so
lachende und dabei so feuchte, so gtige und dabei so traurige Augen ...
Du bist Mutter und zugleich Kamerad ... Vor dir kann ich keine
Geheimnisse haben ... Mit deinen Augen ziehst du mir jedes Geheimnis aus
dem Herzen heraus...

Vater schaut ganz anders: immer ernst, beinahe kalt...

Nein, Mameschi, es sind ganz andre, wirklich ganz andre Augen!

Als ich noch klein war, hatte ich vor dem Vater weniger Angst. Ich wei
noch, wie ich ihm auf die Knie zu springen pflegte, wie ich ihm das Haar
zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zpfen flocht, die Lippen
bereinanderbog; und wenn er mich bse anschauen wollte, drckte ich ihm
die Lider hinunter und schlo ihm einfach die Augen ... Heute kann ichs
nicht mehr...

Einmal -- hrst du, Mameschi? -- einmal, als ich krank war, erwachte ich
und sah euch beide an meinem Bette stehen ... Du hast so still, so
herzensstill geweint; und der Vater ... Mameschi!... Vater hatte damals
ein so schreckliches Gesicht, und ich sah, da er Gott bse war! Vor
Schreck schlo ich wieder die Augen...

Und seit damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen wie frher ...
Etwas hlt mich zurck! Oft will mir das Herz aus der Brust springen und
ihm zufliegen, und doch kann ich es nicht!

Glaubst du, da ich den Vater weniger lieb habe? Gott behte! Ich habe
Vater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, mit jeder Minute noch
lieber ... Wenn er auf mich zugeht, hpft mir das Herz vor Freude, und
es bebt in mir die Seele vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand
fassen und an sein Herz drcken...

Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb ... Du
hast fr mich immer Zeit, und du umarmst und kt mich jeden Augenblick
... Du bist immer, immer mein ... Vater hat so viel Geschfte!

Ich wei: er will, da ich einmal reich sein soll!

                   *       *       *       *       *

Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hren?

Ich schme mich!

Vor der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schmen? Es ist wahr ...
Und doch ... Weit du was, Mameschi? Setz dich hier auf diesen Stuhl vor
dem Fenster ... Gut so!

Ach, wie schn die Sonne untergeht! Wie schn fallen ihre rtlichen
Strahlen auf dein edles, blasses Gesicht!...

Ach, Mameschi, wie schn, wie schn und edel bist du!

Warte ... Nun will ich mich dir zu Fen setzen ... Und du sollst mir,
wenn ich erzhle, nicht ins Gesicht schauen ... Ich will mich auf den
Fuschemel setzen und beim Erzhlen zum Fenster hinausschauen...

Nein!... So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne schmen ...
Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abend nimmt sie von uns so
traurig Abschied, da ich mich schme, von mir zu sprechen...

Ich will meinen Kopf an deinen Scho lehnen ... Ich will meine Augen
schlieen, und du ... du leg mir noch deine Hand auf die Stirn ... Ist
es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn ich meinen Kopf so an dich lehne?
Nein?

Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein so leichtes, ein so kleines
Kpfchen ... Und ich selbst...

Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: er gab mir
zwar wenig Fleisch, dafr aber viele andre gute Gaben: dich, den Vater
... Tage und Nchte mit wunderlichen Trumen ... Und nun -- das
Geheimnis...

Nun sehe ich nichts ... Mit geschlossenen Augen werde ich es vielleicht
doch erzhlen knnen ... Ich wills versuchen...

Es fllt mir so schwer!...

Wenn ich es mir so berlege -- so ist es nichts: ein Netz aus einigen
wunderlichen Strahlen, -- und doch lastet es mir auf dem Herzen wie ein
Stein ... Es ist kein Kieselstein, kein Stein von der Gasse oder vom
Felde...

Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet...

Er liegt mir tief in der Brust und erfllt mein ganzes Wesen, alle meine
Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, warmen, lebendigen
Licht...

Das Licht soll nicht verlschen, Mameschi!

Es verlischt so vieles!...

                   *       *       *       *       *

Hrst du, Mameschi!

Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch nicht...

Hr aber! Weit du noch, Mameschi, da du mir gestern etwas Kleingeld
gabst? Weit du es noch?

Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir schon
etwas...

Es fehlt mir ein Zehnerl!

Ob ich es verloren habe? Nein ... Du gibst mir doch das Geld, damit ich
davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergngen
begegne, Almosen gebe ... Armengeld werde ich doch nicht verlieren!

Ob ich es weggegeben habe? Gewi. Ob einem Armen? Ich wei es nicht ...
Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht ... Hr nur zu, vielleicht
wirst du es selbst verstehen!

Gestern ging die Sonne ebenso schn unter ... Vielleicht noch
schner...

Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andre
meinesgleichen nicht sehen ... Darum gehe ich am liebsten ganz allein
spazieren ... Gestern ging ich hinter die Stadt, du weit, zu der Stelle
am Flusse, von wo aus man sie ganz berblickt. Die Huser trmen sich
bereinander, immer hher und hher; und die Huser, die weiter stehen,
wollen ber die andern hinberschauen und auch etwas von Gottes Welt
sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, um so hher hinauf. Und
die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und bergiet sie mit ihrem
Lichte ... nimmt Abschied von ihnen ... kt sie...

Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie
sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie flieen und berall
eindringen, wo sie nur knnen. Sie erfllen alle Zwischenrume zwischen
den Husern, alle freien Pltze zwischen den Mauern, und sie heben und
jagen das letzte rtliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es
kommt ... Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist =unsre= Zeit!... Gute
Nacht!...

Und es wird allmhlich dunkler und dunkler und der Himmel immer tiefer
und tiefer ... Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne
aufleuchten ... Und wie ich das alles sehe, komme ich zur
Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil
hinuntergeht ... Und so kam ich zum Flu, wo die alte Schul steht...

Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.

Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufllig, ganz schwarz vor
Alter ... Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen
Fensterscheiben berweben ... Und auf dem Hgel gegenber, am andern
Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht...

Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus ... Zum ersten Male sah
ich sie gestern so ... Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel
umhllte sie ... Die Fenster ohne Scheiben waren gar nicht blind ... Sie
blickten ernst und tief in die Welt hinaus ... Und die Gesimse oben
lebten und rhrten sich beinahe. Die gemalten Lwen wollten sich von der
Mauer losreien ... Gleich werden sie zu brllen anfangen!

Glaubst du, da =das= mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe
ich erst jetzt, wie ich es dir erzhle; mit den gestrigen Augen sehe ich
es.

Ach, Mameschi, wenn ich reich wre!

Was ich dann tte?

Ich wrde die alte Schul wieder aufrichten!

Ich will, da auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! Und sie
mu hher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie
haben und kristallene Fensterscheiben!

Hrst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul
auskommen; denn Gott ist berall ... Wo nur eine Trne fllt, die merkt
er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, den sieht er! Wo nur ein
bekmmertes Herz seufzt, das hrt er!... Wenn man aber schon eine Schul
hat, so soll sie hoch, schn, strahlend und wrdig sein.

So dachte ich es mir auch gestern. Und pltzlich hrte ich ein Weinen!
Ein leises und trauriges Weinen, s und traurig und so seltsam
ergreifend...

Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche weinende
Tne...

Und ich glaubte -- Mameschi, die Wahrheit zu sagen, =wollte= ich es
glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es mglichst lange
glauben zu knnen -- ich glaubte, da das Weinen und Schluchzen aus der
alten Schul kommt ... da dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehllt,
die Seele der alten Schul sitzt und weint...

Und sie beklagt sich, da die Sonne ihr unrecht tut ..., da sie ganze
Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschttet und ihr
kaum einen Strahl gnnt ... Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen
blassen Strahl wie ein Almosen zu ... Und dieser Strahl gleitet ber sie
weg und stiehlt sich fort, wie verschmt!...

Aber es war =nicht= die Schul...

                   *       *       *       *       *

Es war ein kleines Mdchen ... Es lag im Sande, suchte etwas und
weinte...

Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes Kleidchen wie
einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande und ein Paar ausgetretene
Schuhe!

Und noch etwas sah ich...

Mameschi, ich schme mich ... es wird mir so warm ... Stelle dir vor:
eine Flut rote, ganz feuerrote Haare ... Funken stoben aus ihnen...

Was weinst du, Mdchen, und was suchst du im Sand?

Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl
mitgegeben. Jemand stie sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl fiel in
den Sand ... Darum weint sie...

Ich -- wenn ich Gott wei was verloren htte, ich tte nicht weinen!

Ich frage sie: Wars ein groer Zehner oder ein weies Zehnerl?

Ein weies! sagt sie und wendet sich nach mir gar nicht um.

Ich will dir suchen helfen, sage ich.

Ich bcke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein weies
Zehnerl.

Hier hast du es!

Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des Kopfes die
rote Haarflut in den Nacken ... Und unter den Haaren kam wie unter einer
Wolke ein kleines alabasterweies Gesichtchen zum Vorschein ... Und
Augen waren darin, Mameschi, Augen...

Nein, Mameschi, die Augen kann ich nicht beschreiben!...

So viel Freude leuchtete in ihnen...

Die ganze Nacht trumte ich von diesen Augen, die ganze Nacht...

                   *       *       *       *       *

Das ist mein ganzes Geheimnis, Mameschi!

Du lchelst?

Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergesse ich niemals...

                   *       *       *       *       *

Mameschi...

Darf ich wieder einmal in die Schreinergasse gehen, mir wieder ... die
alte Schul anschauen?...




Bonze Schweig


Hier auf =dieser= Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen Eindruck!
Man kann lange fragen, =wer= Bonze Schweig war, =wie= er lebte, =woran=
er starb: ob ihm das =Herz= barst, ob ihm die Krfte ausgingen, ob ihm
unter einer schweren Last das Rckgrat brach ... Wer wei? Vielleicht
starb er gar vor Hunger...

Wenn ein Trambahnpferd strzt, macht das schon viel mehr Eindruck: die
Zeitungen berichten darber, Hunderte von Menschen rennen aus allen
Gassen herbei, um das gefallene Pferd oder nur die Stelle, wo sich der
Unfall ereignete, zu sehen ... Doch auch dem Trambahnpferde wre diese
Ehre nicht zuteil, wenn es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gbe
wie Menschen.

Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten glitt
er durch =unsre= Welt.

Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, klirrten keine
Becher. Bei seiner Bar-Mizwa(15) hielt er keine wohlgesetzte Rede ... Er
lebte wie ein farbloses Sandkrnchen am Meeresufer unter Millionen
seinesgleichen. Und als der Wind das Sandkrnchen aufhob und auf das
andre Ufer des Meeres hinbertrug, merkte es niemand.

  (15) Feier des 13. Geburtstages: mit dreizehn Jahren erlangt der Jude
  religise Mndigkeit.

Solange er lebte, behielt der Straenschmutz keine einzige Spur seiner
Fe. Und als er begraben war, warf der Wind die kleine Holztafel auf
seinem Grabe um. Die Frau des Totengrbers fand spter das Brettchen
weit vom Grabe liegen, machte Feuer damit und kochte darauf ihre
Kartoffeln ... Drei Tage nach Bonzes Tode wute der Totengrber nicht
mehr, wo er ihn beerdigt hatte!

Htte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wre es mglich, da
hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den Grabstein gefunden
htten; dann wre Bonze Schweigs Namen noch einmal in =unsrer= Luft
erklungen.

Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn blieb
Bonze Schweigs Bild zurck. Nichts erinnert an ihn. Elend gelebt, elend
gestorben!

Wenn nicht der ewige Straenlrm, so htte vielleicht jemand gehrt, wie
Bonze Schweigs Rckgrat unter den schweren Lasten knackte; htte die
Welt mehr Zeit gehabt, so htte vielleicht jemand bemerkt, da Bonze
Schweig erloschene Augen und furchtbar eingefallene Wangen hatte, da
er, selbst wenn er keine Last auf dem Rcken schleppte, immer den Kopf
gesenkt hielt, als ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und
wenn es nur ebensoviel Menschen gbe wie Trambahnpferde, so htte
vielleicht doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!

Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle im
Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf seinen Winkel,
den sie untereinander versteigerten. Als man ihn aus dem Spitalbette hob
und in die Leichenkammer brachte, warteten auf sein Bett schon zwanzig
andre arme Kranke ... Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug,
brachte man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestrzten
Hause herausgeholt hatte ... Wer wei, wie lange er in seinem Grabe
bleiben darf, wer wei, wieviel Tote auf das kleine Fleckchen Erde
warten...

Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . .

                   *       *       *       *       *

Ganz anders war es aber auf =jener= Welt! Dort machte Bonze Schweigs Tod
einen gewaltigen Eindruck.

Die groe Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft erklingen
wird, verkndete in allen sieben Himmeln: Bonze Schweig ist im =Herrn
entschlafen=! Die vornehmsten Engel mit den breitesten Flgeln flogen
durch den Himmel und riefen einander zu: Bonze Schweig ist zu den
himmlischen Scharen einberufen worden! Und im Paradiese war eitel
Freude, ein Singen und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich
kein Spa!

Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten
Flgeln und silbernen Pantffelchen flogen und liefen ihm
freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flgel, das Klappern der
Pantffelchen, das frhliche Lachen der jungen, frischen, rosigen Engel
klang durch alle Himmel und drang bis vor den Thron der Gttlichen
Majestt. Und Gott selbst wute schon auch, da Bonze Schweig kommt!

Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstr auf, die rechte Hand zu
einem gar freundlichen Willkommengru ausgestreckt, ein ses Lcheln
auf seinem strahlenden Greisenantlitz.

Was rollt da durch den Himmel?

Zwei Engel rollen einen goldenen Grovaterstuhl ins Paradies. Er ist fr
Bonze Schweig.

Was hat eben so hell aufgeblitzt?

Eine goldene Krone, mit den teuersten Edelsteinen besetzt, wurde soeben
vorbeigetragen: alles fr Bonze!

Noch vor dem Urteilsspruche des Himmlischen Gerichtshofes? fragen die
Gerechten etwas verwundert und nicht ohne Neid.

Ach! antworten die Engel, die Verhandlung wird nur eine leere
Formalitt sein! Selbst der Anklger wird nicht wissen, was gegen Bonze
Schweig vorzubringen wre. Der ganze Proze wird hchstens fnf Minuten
dauern!

Ihr wagt es, ber Bonze Schweig die Nase zu rmpfen?

                   *       *       *       *       *

Als die jungen Engel Bonze in der Luft abfingen und ihm eine Hymne
sangen; als Vater Abraham ihm wie ein alter Kamerad die Hand drckte;
als man ihm sagte, da fr ihn im Paradies bereits ein Sessel stehe, da
man fr ihn eine Krone vorbereitet habe, da am Himmlischen Gerichtshofe
ber ihn fast kein Wort fallen wrde, -- da tat Bonze Schweig dasselbe,
was er bei Lebzeiten tat: er =schwieg= vor Schreck. Das Herz stand ihm
still. Er war berzeugt, da das Ganze ein Traum sei oder eine
Verwechslung.

Er war an beides gewhnt: mehr als einmal trumte er auf jener Welt, da
er vom Boden Geld aufliest, ganze Berge Geld; und wenn er erwachte, war
er womglich noch rmer als zuvor. Mehr als einmal lchelte man ihm aus
Versehen zu, und als man merkte, da es eine Verwechslung war, wandte
man sich weg und spie aus...

Ich habe schon einmal so ein Glck! denkt er sich.

Er frchtet die Augen aufzuheben, damit der Traum nicht verschwinde: er
wird noch in irgendeinem Loche unter Schlangen und Skorpionen erwachen.
Er frchtet, auch nur ein Wort zu sagen, auch nur ein Glied zu rhren,
da man ihn nicht erkenne und zum Teufel jage...

Er zittert und hrt nicht die Komplimente der Engel; er sieht nicht, wie
sie ihren Reigen um ihn tanzen; er antwortet nicht auf Vater Abrahams
Willkommengru, und als man ihn vor den Himmlischen Gerichtshof bringt,
sagt er nicht Guten Tag.

Er ist vor Schreck ganz auer sich!

Und sein Schreck wird noch grer, als sein Blick unwillkrlich auf den
Fuboden des Verhandlungssaales fllt: nichts als Alabaster und
Diamanten! Auf solchem Fuboden stehen meine Fe! sagt er sich ganz
bestrzt. Wer wei, mit welchem vornehmen Herrn, mit welchem Rabbi, mit
welchem gttlichen Manne sie mich verwechseln! Und wenn der Betreffende
kommt, dann ist es aus mit mir!

Vor Schreck hrt er nicht einmal, wie der Gerichtsprsident verkndet:
Der Fall Bonze Schweig! und sich dann an den Frsprech wendet, indem
er ihm die Akten bergibt: Lies, doch mach es kurz!

Der ganze Saal dreht sich um Bonze im Kreise herum; es rauscht ihm in
den Ohren, und durch das Rauschen hindurch unterscheidet er allmhlich
die Stimme des himmlischen Frsprechs, s wie eine Geige:

Sein Name pate ihm, wie ein von einem genialen Schneider gefertigtes
Kleid auf einen schlanken Menschenleib...

Was redet er da? fragt sich Bonze, und er hrt, wie eine ungeduldige
Stimme den Frsprech unterbricht:

Bitte, ohne Gleichnisse!

Er klagte niemals, fhrt der Frsprech fort, weder ber Gott noch
ber die Menschen. In seinen Augen leuchtete niemals ein Funken des
Hasses, und er hob sie kein einziges Mal mit einem Vorwurf gen
Himmel...

Bonze versteht wieder kein Wort, doch er hrt, wie die harte Stimme von
vorhin den Frsprech wieder unterbricht:

Ohne Rhetorik!

Hiob hielt es nicht aus, doch er war unglcklicher als Hiob...

Bitte, Tatsachen, nackte Tatsachen! unterbricht der Prsident noch
ungeduldiger.

Mit acht Tagen wurde er beschnitten...

Bitte, ohne realistische Details!

Der Operateur war ein Pfuscher, konnte das Blut nicht stillen...

Weiter!

Doch er schwieg immer, fhrt der Frsprech fort. Er schwieg auch, als
er mit dreizehn Jahren seine Mutter verlor und eine Stiefmutter bekam,
eine Stiefmutter, bse wie eine Schlange...

Meint er vielleicht doch mich? denkt sich Bonze.

Bitte, keine Verdchtigungen gegen dritte Personen! grollt der
Prsident.

Sie kargte ihm jeden Bissen ab; sie gab ihm verschimmeltes Brot von
vorgestern ... Sehnen statt Fleisch ... Und sie selbst trank
whrenddessen Kaffee mit Sahne...

Zur Sache! schreit der Prsident.

Dafr geizte sie nicht mit Kniffen und Schlgen, und sein blau und
braun unterlaufener Krper sah aus allen Lchern seiner schbigen
Kleider hervor ... Im Winter, beim grten Frost mute er barfu auf dem
Hofe Holz spalten, und seine Knabenhnde waren zu schwach, die
Holzkltze zu schwer und das Beil zu stumpf ... Mehr als einmal renkte
er sich dabei den Arm aus, mehr als einmal fror er sich die Fe wund,
doch er =schwieg= immer. Selbst vor dem Vater...

Vor dem Trunkenbold! ruft lachend der Anklger dazwischen, und Bonze
berluft es kalt.

...klagte er niemals, beendet der Frsprech seinen Satz. Und immer
elend, immer allein ... keine Freunde, keine Schule, kein einziges
ganzes Gewand ... keine Minute freie Zeit...

Tatsachen! ermahnt wieder der Prsident.

Er schwieg auch, als sein betrunkener Vater ihn einmal bei den Haaren
packte und mitten in der Nacht, in einer Winternacht, aus dem Hause
hinauswarf! Er erhob sich still aus dem Schnee und ging, wohin ihn die
Fe trugen ...

Er schwieg auch auf seiner Wanderung, und selbst beim grten Hunger
bettelte er nur mit den Augen.

Erst in einer schwindligen, feuchten Frhlingsnacht erreichte er die
Grostadt. Er verschwand in ihr sofort wie ein Wassertropfen im Meere,
und doch verbrachte er gleich die erste Nacht im Arrest ... Er schwieg
und fragte nicht, warum und wofr. Und als er aus dem Arrest herauskam,
suchte er sich gleich die schwerste Arbeit. Und schwieg!

Viel schwerer, als die Arbeit selbst, war es fr ihn, Arbeit zu finden.
Doch er schwieg!

In kaltem Schwei gebadet, unter der schwersten Last zusammenbrechend,
von Krmpfen im leeren Magen geplagt, schwieg er!

Von fremden Rdern mit Kot bespritzt, von fremden Mndern bespien, mit
der schwersten Last auf dem Rcken vom Brgersteige auf die Strae
gestoen, zwischen Droschken, Equipagen und Trambahnen gejagt, jeden
Augenblick den Tod vor Augen, -- schwieg er!

Er rechnete niemals nach, wieviel Zentner Last auf den Pfennig seines
Lohnes kamen, wie oft er bei einem Gange, fr den er einen Dreier bekam,
zusammenbrach; wie oft er beinahe die Seele ausspie, wenn er seinen Lohn
mahnte. Er rechnete niemals nach, weder den eigenen noch den fremden
Verdienst -- er schwieg!

Seinen Lohn mahnte er niemals laut: er stand wie ein Bettler vor der
Tr und bettelte wie ein Hund mit den Augen. 'Komm spter!' -- und er
verschwand stumm wie ein Schatten, um 'spter' noch stummer um seinen
Lohn zu betteln!

Er schwieg sogar, wenn man von seinem Lohn etwas abschwindelte oder ihm
eine falsche Mnze gab! Er schwieg immer!...

Man meint also doch mich! trstet sich Bonze.

Der Frsprech nimmt einen Schluck Wasser und fhrt fort: Einmal kam in
sein Leben eine neue Wendung. Eine Equipage auf Gummirdern raste durch
die Strae: die Pferde waren durchgegangen, und der Kutscher lag schon
lngst mit zerschmettertem Schdel irgendwo auf dem Pflaster ... Aus den
Mulern der erschrockenen Pferde spritzt Schaum, unter ihren Hufen
stieben Funken, ihre Augen funkeln wie glhende Kohlen in finsterer
Nacht ... Und in der Equipage sitzt mehr tot als lebendig ein Mensch ...

Und Bonze hielt die rasenden Pferde auf!

Der Gerettete war ein Jude, ein bekannter Wohltter, und er verga
Bonzes Tat nicht!

Er bergab ihm die Peitsche des getteten Kutschers, und Bonze wurde
Kutscher. Er tat noch mehr: er verheiratete ihn; und noch mehr: er
versorgte ihn sogar gleich mit einem Kinde...

Und Bonze schwieg immer!

Er meint mich! sagt sich Bonze. Er zweifelt nicht mehr, und doch wagt
er noch immer nicht, einen Blick auf den Himmlischen Gerichtshof zu
werfen. Und er hrt, wie der Frsprech fortfhrt:

Er schwieg auch, als sein Wohltter bald darauf seine Zahlungen
einstellte und auch ihm, Bonze, den Lohn vorenthielt...

Er schwieg, als seine Frau von ihm weglief und ihm ein Brustkind
zurcklieߠ...

Er schwieg sogar, als fnfzehn Jahre spter dieses selbe Kind, das
inzwischen gro und stark geworden war, ihn, seinen Vater, aus dem Hause
hinauswarf...

Mich meint er, mich! freut sich Bonze.

Er schwieg, fhrt der Frsprech weicher und trauriger fort, als
dieser selbe Wohltter mit allen Glubigern Vergleich schlo und nur ihm
keinen Pfennig von seinem Lohn bezahlte; und selbst dann, als er, wieder
einmal in einer Equipage mit Gummirdern und lwengleichen Pferden
dahinrasend, ihn, Bonze Schweig, berfuhr!...

Er schwieg immer! Auf der Polizei sagte er nicht einmal, wer ihn
berfahren hatte ...

Er schwieg auch im Spital, wo man doch =schreien= darf!

Er schwieg, als der Doktor sich weigerte, anders als gegen Bezahlung
von fnfzig Kopeken zu seinem Bette zu gehen; als der Krankenwrter ohne
fnf Kopeken ihm die Wsche nicht wechseln wollte!

Er schwieg in der Agonie, er schwieg im Sterben...

Kein Wort gegen Gott, kein Wort gegen Menschen!

_Dixi!_

Bonze fngt wieder an am ganzen Leibe zu zittern. Er wei, da nach dem
Frsprech der Anklger das Wort hat. Wer wei, was =der= sagen wird!
Bonze hat von seinem ganzen Leben nichts im Gedchtnisse behalten. Auch
auf jener Welt verga er jede Minute schon in der nchsten Minute ...
Der Frsprech hatte ihm alles in Erinnerung gebracht. Wer wei, woran
ihn der Anklger erinnern wird!

Meine Herren! fngt der Anklger mit scharfer, stechender, sengender
Stimme an.

Er kommt nicht weiter.

Meine Herren! beginnt er von neuem, schon viel weicher, und stockt
wieder.

Schlielich erklingt aus dem gleichen Munde eine beinahe milde Stimme:

Meine Herren! =Er= schwieg, also will auch ich schweigen.

Es wird still, und es erklingt eine neue, weiche, zitternde Stimme:

Bonze, mein Kind Bonze! klingt es wie eine Harfe: Mein Herzenskind
Bonze!

In Bonze schluchzt das Herz ... Er mchte jetzt die Augen aufschlagen,
sie sind aber von Trnen geblendet ... So s und traurig zugleich war
es ihm noch niemals ums Herz. Mein Kind! -- seit dem Tode seiner
Mutter hat er noch nie eine solche Stimme und solche Worte gehrt.

Mein Kind! fhrt der Allbarmherzige Vater des Gerichts fort. Du
schwiegst immer! Du hast kein einziges Glied, keinen einzigen Knochen in
deinem Leibe, der nicht wundgeschlagen wre; es ist keine noch so
verborgene Stelle in deiner Seele, die nicht blutete ... Und du
schwiegst immer...

Dort verstand sich niemand darauf; vielleicht wutest du sogar selbst
nicht, da du schreien kannst und da vor deinem Schreien die Mauern
Jerichos erzittern und einstrzen wrden? Du wutest nichts von der
Kraft, die in dir schlummerte...

Auf jener Welt wurde dein Schweigen nicht belohnt. Doch jene Welt ist
die Welt der Lge. Hier, auf der Welt der Wahrheit, wirst du deinen Lohn
bekommen!

Dich wird der Himmlische Gerichtshof nicht richten, ber dich wird er
keinen Spruch fllen.

Dir wird er nichts zuteilen und nichts zumessen: nimm dir, was du
willst! =Alles= ist dein!

Bonze hebt zum erstenmal die Augen. Das Licht, das von allen Seiten auf
ihn eindringt, blendet ihn. Alles blitzt, alles glnzt und funkelt, von
allen Seiten schieen Strahlen; von den Wnden, von den Gerten, von den
Engeln und von den Richtern.

Und er lt die mden Augen wieder sinken.

Ist es wahr? fragt er unglubig und verschmt.

Gewi! antwortet sehr bestimmt der Vater des Gerichts. Ich sage dir
ja: alles ist dein! Alles im Himmel gehrt dir! Whle und nimm dir, was
du willst: denn du nimmst nur von dem, was dir gehrt!

Ist es wahr? fragt Bonze wieder, doch schon etwas sicherer.

Gewi! Gewi! Gewi! versichert man ihn von allen Seiten.

Nun, wenn so, sagt Bonze lchelnd, so will ich jeden Morgen eine
warme Semmel mit frischer Butter!

Richter und Engel schlagen verschmt die Augen nieder. Der Anklger
beginnt zu lachen.




Nelo in der Hlle(16)

  (16) Nelo: Schlugebet, wichtigstes Gebet am Vershnungstage
  (Jom-Kippur).


An einem ganz gewhnlichen Tage, es war weder Jahrmarkt noch
Wochenmarkt, hrten die Marktleute pltzlich Pferdegetrabe und sahen in
der Ferne den Straenkot aufspritzen. Bald zeigte sich auch eine Kutsche
mit einem Pferde. Wer kann da gefahren kommen? Doch als die Kutsche auf
dem Marktplatze anlangte, wandten sich alle Leute voller Abscheu, Angst
und Zorn weg: in der Kutsche sa der Angeber aus der Nachbarstadt, der
wohl direkt in die Hlle fuhr. Wer wei, wen er diesmal bei den Behrden
angeben wird!

Pltzlich wird es still, die Leute schauen unwillkrlich hin: die
Kutsche ist stehengeblieben, das Pferd hat den Kopf gesenkt und suft
aus einer Pftze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen
und liegt unbeweglich da.

Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen hinzu: der Mann
ist tot. Der Feldscher besttigt: Der ist erledigt! Angestellte der
Beerdigungsbrderschaft nehmen sich der Leiche an. Pferd und Wagen
werden verkauft, und mit dem Erls werden die Beerdigungskosten
bestritten.

Kaum ist er beerdigt, als die Teufel seine Seele packen, sie nach der
Hlle schleppen und dort dem Torbeamten bergeben. Der Angeber wird fr
eine Weile beim Hllentor aufgehalten, und der Beamte, der die Bcher
und Eingnge und Ausgnge fhrt, nimmt gelangweilt und ghnend seine
Personalien auf und trgt alles mit trger Hand in sein Buch ein.

Und der Angeber, dessen ganzer Einflu in der Hlle nichts mehr wert
ist, gibt Antwort: Da und da geboren, da und da geheiratet, soundso
lange sich vom Schwiegervater aushalten lassen, dann von Frau und
Kindern entlaufen, in die und die Stadt verzogen und den Beruf eines
Angebers ergriffen, von dem er auch so lange lebte, bis sein Ma voll
wurde. Er starb pltzlich auf der Durchreise, auf dem Marktplatze der
Stadt Lahadam.

Da wird der Hllenbeamte, der die Bcher fhrt, pltzlich interessiert.
Er hlt mitten im Ghnen an und fragt:

Wie heit die Stadt? La -- ha----

Lahadam! wiederholt der Angeber.

Der Matrikelfhrer wird pltzlich rot, und seine Augen drcken hchstes
Erstaunen aus.

Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehrt? wendet er sich an seine
Gehilfen.

Die Gehilfen zucken die Achseln, schtteln die Kpfe und strecken die
Zungen aus:

Nein, noch nie!

Gibts berhaupt eine solche Stadt?

Jede Gemeinde hat in der Hlle ihr eigenes Buch. Die Bcher sind
alphabetisch geordnet, und jeder Buchstabe hat einen eigenen Schrank.
Man nimmt also alle Bcher mit L durch: Lublin, Lemberg, Leipzig; alle
Stdte sind da, doch keine Stadt Lahadam!

Und doch gibt es eine solche Stadt! sagt der Angeber. Eine Stadt in
Polen.

Ist sie vielleicht ganz neu gegrndet?

Nein, sie steht schon an die zwanzig Jahre da. Der Gutsbesitzer hat sie
erbaut und zwei Jahrmrkte eingesetzt. Es gibt da eine Schule, ein
Bethaus, ein Bad..., zwei heimliche Branntweinschenken...

Ist hier schon einmal wer aus Lahadam gewesen? fragt der
Matrikelfhrer noch einmal seine Gehilfen.

Nein, niemand! antworten sie.

Sterben denn dort die Leute gar nicht? fragt man den Angeber.

Warum sollen sie nicht sterben? antwortet er nach Judenart mit einer
Frage. Die Leute wohnen in kleinen, dumpfen Zimmern, das Bad ist so
gebaut, da man darin nicht atmen kann, das ganze Stdtchen steht auf
einem Sumpf! Der Angeber fllt allmhlich in seinen gewohnten
Angeberton.

Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrderschaft schindet
furchtbar hohe Gebhren. Erst vor kurzem gab es da eine Seuche...

Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der Hlle und
fragt wegen des Stdtchens Lahadam an hherer Stelle an; da mu etwas
nicht in Ordnung sein: die Stadt steht seit zwanzig Jahren da; es hat
dort sogar schon eine Seuche gegeben, und doch -- kein einziger Toter
von dort!

Die hhere Stelle schickt Boten hinauf, um der Sache nachzugehen: es
stimmt! Und es verhlt sich so: Es ist ein Stdtchen wie jedes andere,
mit wenig gottgeflligen Werken und sehr viel Snden. Der bse Trieb
arbeitet dort sogar recht energisch. Also, wo ist der Haken? Nun, sie
haben eben in ihrer Gemeinde einen ganz ungewhnlichen Vorbeter! Das
heit, der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewhnlich und unbedeutend,
doch er hat eine Stimme, eine so se, so himmlische Stimme, da, wenn
er singt, selbst die verstocktesten eisernen Herzen weich wie Wachs
werden. Kaum steht er am Vorbeterpult, als die ganze Gemeinde ihre
Snden bereut und so aufrichtig Bue tut, da oben alle Snden vergeben
und aus den Registern gestrichen werden. Und die Tore des Paradieses
stehen allen Einwohnern von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt und
sagt: Ich bin aus Lahadam, so wird er gar nicht mehr weiter gefragt.

Die ganze Geschichte pat der Hlle selbstverstndlich gar nicht, und
Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird mit dem Vorbeter schon
fertig werden! Was tut er? Er schickt auf die Erde hinauf und lt sich
einen lebenden kalikutischen Hahn mit rotem Kamm holen. Man bringt ihm
bald den Hahn und stellt ihn vor ihn auf den Tisch. Der Hahn ist so
erschrocken, da er sich gar nicht rhrt, und der Satan -- verflucht sei
sein Name! -- setzt sich vor ihn hin, fngt ihn zu krauen an und starrt
so lange und unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser wei wie Kalk
wird. Wie der Satan fhlt, da der Allmchtige oben in hchsten Zorn
geraten ist, ruft er aus:

Soll er seine se Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!

Wen er bei dieser Beschwrung meinte, wit ihr selbst; und ehe noch der
Kamm des kalikutischen Hahns wieder rot geworden war, hatte schon der
Vorbeter von Lahadam seine Stimme verloren. Seine Kehle ist wie
geschlagen; er kann kaum noch sprechen. Wer am Unglck die Schuld hat,
wei man schon; das heit, einige Wunderrabbis wissen es. Wer hat aber
den Mut, dem Vorbeter so etwas zu sagen? Es ist doch sowieso nichts mehr
zu machen! Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie hervorragend
wre, so knnte man vielleicht durch Frbitte im Himmel etwas erreichen.
Aber er war eben ein durchaus unbedeutender Mensch, eine Null...

Der Vorbeter reist von einem Wunderrabbi zum andern, doch keiner kann
ihm etwas sagen. Nun kommt er zum Rabbi von Opatow und gibt ihm keine
Ruhe: er wird nicht fortgehen, bis er die Wahrheit erfahren hat. Es ist
ein Jammer mit dem Menschen! Und der Rabbi versucht ihn zu trsten:

Wisse, da deine Heiserkeit nur bis zu deiner Sterbestunde anhalten
wird. Dein Sterbegebet wirst du aber schon mit einer so klaren Stimme
sprechen knnen, da man es in allen Himmeln hren wird!

Und bis dahin?

Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!

Der Vorbeter bestrmt noch einmal den Rabbi:

Wie ist das geschehen? Warum ist mir das geschehen?

Und er plagt den Rabbi so lange, bis dieser ihm alles erzhlt.

Wenn so, schreit der Vorbeter mit heiserer Stimme auf, so werde ich
mich schon rchen! Und mit diesen Worten luft er hinaus.

Wie willst du dich rchen? Und an wem? ruft ihm der Rabbi nach. Doch
der Mann ist schon fort.

Das geschah an einem Dienstag; andre sagen -- an einem Mittwoch. Und als
am Donnerstag abend die Fischer von Opatow Fische zum Sabbat fangen
wollten und ihr Netz herauszogen, so war das Netz auffallend schwer; und
wie man es herauszog, lag darin der Vorbeter von Lahadam.

Er hatte sich von der Brcke ins Wasser gestrzt. Und wie er das
Sterbegebet sprechen sollte, hatte er seine schne Stimme, wie es ihm
der Rabbi ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen; denn der
Satan hatte ausdrcklich bestimmt: Bis zur Sterbestunde! Doch als er
ins Wasser sprang und sich ertrnkte, hat er das Sterbegebet gar nicht
gesprochen, sondern seine Stimme fr spter aufgehoben. Und das war
seine Rache, wie ihr es gleich sehen werdet.

Wie es einem Selbstmrder geziemt, wird der Vorbeter sofort von den
Teufeln gepackt und in die Hlle geschleppt. Beim Tore wird er wie
blich ausgefragt, aber er gibt keine Antwort. Man versucht, ihn mit
einer glhenden Gabel zum Sprechen zu bringen, doch er schweigt.

Nehmt ihn so!

Man wei doch auch so, wer er ist: man hatte ihn ja erwartet! Und man
nimmt ihn so und fhrt ihn zu einem Kessel, der fr ihn gerade hei
gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfngt, wird man ihn
hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich pltzlich den Daumen an die
Gurgel und beginnt den Kaddisch aus der Nelo...

Er singt, und seine Stimme klingt immer mchtiger und noch ser, noch
herzergreifender als je ... Und in den Kesseln, aus denen bisher ein
Winseln und Jammern drang, wird es pltzlich still. Dann fallen Stimmen
ins Gebet ein, verbrhte Kpfe heben die Deckel von den Kesseln, und
versengte Lippen singen mit...

Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, beten nicht mit: sie sind vor
Schreck wie gelhmt. Sie stehen -- der eine mit einer Tracht Brennholz
zum Nachlegen, der andre mit einem Schrhaken, der dritte mit einer
eisernen Gabel in der Hand, mit aufgerissenen Mulern, ausgestreckten
Zungen, runden Augen und verzerrten Gesichtern und rhren sich nicht;
andre sind vor Schreck umgefallen ... Whrend der Vorbeter in der Nelo
fortfhrt, geht das Feuer unter den Kesseln allmhlich aus, und die
Toten kommen einer nach dem andern heraus.

Er singt, und die ganze Gemeinde betet voller Inbrunst mit; und whrend
sie beten, verheilen die Brandwunden und berziehen sich mit neuer Haut,
verbrannte Glieder wachsen nach, und alle Leiber sind wie gelutert...

Und wie der Vorbeter zur Stelle kommt: Gesegnet seiest du, Herr, der du
die Toten lebendig machst! -- werden alle Toten wirklich lebendig,
nehmen die Gestalt an, die sie vorher hatten, und rufen wie ein Mensch
Amen! Und bei der Stelle: Sein groer Name werde gepriesen in alle
Ewigkeit!... klingt es so laut, da alle Himmel sich auftun und das
Bugebet der Snder bis in den siebenten Himmel hinaufsteigt, bis zum
Throne der Gttlichen Majestt. Und es ist gerade eine Stunde der Gnade,
und alle Snder, die nicht mehr Snder sind, bekommen pltzlich Flgel
und fliegen empor und finden die Tore des Paradieses weit geffnet.

In der Hlle zurckgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten Teufel
und der Vorbeter selbst. Wie bei Lebzeiten hatte er durch seine Stimme
alle Herzen erweicht und zur Bue bekehrt, doch selbst nicht ordentlich
Bue getan. Zudem war er ja auch ein Selbstmrder!

Mit der Zeit hat sich die Hlle wieder gefllt ... Ich hrte sogar, da
man dort jetzt einen Erweiterungsbau auffhrt...




Reb Jojchenen Gabaj


Mde und abgespannt von seiner Arbeit in der Gemeinde kam Reb Jojchenen
der Gabaj(17) nach Hause. Schon in der Kche empfing ihn der Geruch von
Speisen, von Fleisch und gekochten pfeln. Er trat schnell ins nchste
Zimmer, wo ihm aber seine Frau Ssosche einen wenig freundlichen Empfang
bereitete.

  (17) Mitglied des Gemeinde- oder Synagogenvorstandes.

Miggnger! schrie sie ihm mit bser Stimme entgegen, als er sich auf
der Schwelle zeigte.

Warum schimpfst du? fragte Reb Jojchenen, indem er sich auf eine Bank
setzte, um auszuruhen.

Er fragt noch, warum ich schimpfe! Immer bist du mit deinen
Gemeindesachen beschftigt; wann wirst du aber, du Miggnger, auch
etwas fr dich selbst tun?

Fr mich? fragte der Gabaj verwundert. Was soll ich denn fr mich
tun? Unsere Kinder sind ja schon, Gott sei Dank, selbstndig, und uns
beiden fehlt gar nichts ... Was soll ich also tun?... Er sieht sich in
der Stube um und fgt hinzu: Das Bett ist auch ohne mich gebettet, das
Geschirr ist auch ohne meine Hilfe gewaschen; ich habe die Wnde nicht
einmal angerhrt, und doch sehe ich an ihnen keine Spur von Spinnweben.
Auch der Tisch ist schon gedeckt, das Tischtuch ist schneewei, die
Bestecke funkeln wie aus Gold. Ich seh auch die Rettichspeise auf dem
Tisch, geriebenen Meerrettich, ein Flschchen Branntwein...

Hr schon auf mit deinen Sprchen und geh dich waschen!(18)

  (18) Es ist ein Gebot der Religion, sich vor dem Essen die Hnde zu
  waschen.

Nein, Ssosche, ich werde mich nicht eher waschen, als du selbst zugeben
wirst, da ich recht habe. Hier zu Hause habe ich nichts zu versorgen,
dafr aber im Bethause um so mehr; denn wer wird sich um alle die Sachen
kmmern, wenn nicht ich? Vielleicht Joke der Krmer, der nicht einmal
zum Essen Zeit hat? Oder Jechijel der Dorfhausierer, der schon am
Sabbatabend, gleich nach dem Hawdolo-Gebet das Haus verlt und erst am
Freitag gegen Abend heimkommt? Oder gar Ruben der Geldverleiher, der den
ganzen Tag herumrennt, um bei den armen Leuten einige Groschen Zinsen
einzusammeln? Oder gar einer von den armen Handwerkern, die schwer
arbeiten mssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

La gut sein, ich bin nicht mehr bse...

Macht nichts. Ich wei, da du mir nicht mehr bse bist. Ich will dir
aber noch beweisen, da ich auch fr mich selbst sorge. Schau mich an,
Ssosche, sieh meinen weien Bart und meine weien Schlfenlocken. Ich
bin nicht mehr jung ... Also mu ich mich auf eine weite Reise
vorbereiten...

Auf eine Reise? Auf was fr eine Reise? fragt Ssosche verwundert. Sie
begreift aber sofort selbst, was er damit meint, und ruft erschrocken
aus: Um Gottes willen, sprich nicht davon! Gott behte!...

Brauchst keine Angst zu haben, Ssosche. Du bist ja auch lter als
zwanzig Jahre ... Und was werden wir beide antworten, wenn man uns dort
oben fragt, was wir auf =dieser= Welt getan haben? Da wir hier aen und
tranken? Und was wird der liebe Gott dazu sagen? Du wirst noch
wenigstens vorbringen knnen, da du dich am Verein fr die Ausstattung
armer Brute bettigt hast...

Sprich nicht davon! bittet Ssosche. Sie frchtet, da dadurch ihr Lohn
im Jenseits beeintrchtigt werden knne.

Darum will ja auch ich etwas Gutes tun...

Sehr gut. Sehr gut. Tu, was du willst. Geh dich aber endlich waschen!

Nur noch eines, fhrt der Gabaj fort: Erinnerst du dich noch an dein
seidenes Brautkleid mit den silbernen Streifen?

Ob ich mich daran erinnere!

Wrdest du es nicht dem Bethause stiften, damit man daraus einen
Vorhang fr den Thoraschrein macht?

Sehr gerne! Ich will es sofort heraussuchen...

Wart, Ssosche, ich hab es schon selbst genommen, und es hngt bereits
vor dem Thoraschrein!

Du Dieb! sagt Ssosche lchelnd.

Nun wscht sich Reb Jojchenen endlich die Hnde und setzt sich an den
Tisch. Er it mit groem Appetit, spricht das Tischgebet und legt sich
schlafen.

                   *       *       *       *       *

Reb Jojchenen der Gabaj schlief bald ein, und seine Seele flog in den
Himmel hinauf und verzeichnete dort im Buche seiner Verdienste:

Ich, Jojchenen, Sohn der Sarah, war heute den ganzen Tag mit heiliger
Arbeit beschftigt. Ich sagte mir: Ich und mein Weib Ssosche wohnen in
einem schnen Hause, whrend das Gotteshaus baufllig ist und
ausgebessert werden mu. Darum mietete ich Handwerker und lie das
Bethaus ausbessern. Heute brachte man zwei neue Bnke und einen neuen
Tisch ins Gotteshaus. Ich lie auch den Fuboden reinigen, die Wnde und
alle Mbel und Gerte putzen. Vor dem Vorbeterpult an der Ostwand habe
ich einen neuen Leuchter angebracht. In der Kasse des Bethauses waren im
ganzen fnfundvierzig Rubel. Um alles zu bezahlen, mute ich aus meiner
eigenen Tasche sechs Rubel und vierundachtzig Kopeken dazulegen. Fr
Rechnung meiner Frau Ssosche stiftete ich einen seidenen Vorhang fr den
Thoraschrein; sie ist auerdem auch im Verein fr die Ausstattung armer
Brute ttig. Der liebe Gott mge es ihr fr ihr Seelenheil anrechnen!
Mit der Ausbesserung des Bethauses ist man heute fertig geworden. Und
ich habe dem Schuldiener strengstens verboten, jemanden ins Bethaus zum
bernachten einzulassen. Das Gotteshaus soll nicht mehr die Schlafstube
fr fremde Bettler sein. Der Schuldiener mu von nun an das Haus jeden
Abend absperren...

Reb Jojchenens Seele schrieb noch weiter, als in den Himmel eine andre
Seele geflogen kam und in ihr Buch folgendes eintrug:

Ich, Berl, Sohn der Judith, bin schon siebzig Jahre alt. Solange ich
noch die Kraft dazu hatte, verdiente ich mein Brot durch meiner Hnde
Arbeit. Jetzt, da ich alt und schwach bin und nicht mehr arbeiten kann,
mu ich bei fremden Leuten betteln. Anfangs ging es mir nicht schlecht.
Die Leute kannten mich, und ich hatte immer zu essen. Doch mit der Zeit
wurden sie meiner berdrssig und gaben mir immer seltener Almosen. Oft
schenkte man mir ein so trockenes Stck Brot, da ich es mit meinen
alten Zhnen gar nicht zerbeien konnte. Ich sah ein, da ich, wenn ich
in meiner Stadt bleibe, Hungers sterben msse. Darum verlie ich die
Stadt und kam her. Es ist heute sehr kalt, und ich wollte ins Bethaus
gehen, um da zu bernachten, wie es in allen jdischen Stdten Sitte
ist. Doch der Schuldiener versperrte die Tr und lie mich nicht hinein.
Der Gabaj htte ihm gesagt, er solle niemanden zur Nacht ins Bethaus
einlassen; denn das Gotteshaus sei keine Herberge ... Jetzt schlafe ich
unter freiem Himmel, und die Klte frit das Mark meiner alten Knochen.
Ich bin hungrig und friere ... Nun frage ich dich, du Herr der Welt: Wer
braucht das Bethaus ntiger: =du= oder =ich=?

                   *       *       *       *       *

Und es erklang eine Stimme vom Himmel: Beide sollen sofort vor dem
hchsten Gerichtshofe erscheinen!

Und am nchsten Morgen fand man tot: Reb Jojchenen den Gabaj in seinem
Bette und einen alten Bettler erfroren auf der Strae neben dem
Bethause...


Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Aber Rabbi Levi-Jizchock steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehllt,
  Aber Rabbi Levi-Jizchok steht, in Kittel(8) und Gebetmantel gehllt,

  den Dienst des Schpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe am diesem
  den Dienst des Schpfers der Welt treten, wenn er mir zuliebe an diesem

  knnen. Wie kann man in derThora anfangen und aufhren, wo die Thora
  knnen. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhren, wo die Thora

  Wnnsch ab.
  Wunsch ab.

  ]






End of Project Gutenberg's Jdische Geschichten, by Jizchok Lejb Perez

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JDISCHE GESCHICHTEN ***

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