The Project Gutenberg EBook of Eine Mutter, by Friedrich Gerstcker

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Title: Eine Mutter
       Roman im Anschlu an die Colonie

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 15, 2014 [EBook #45977]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Eine Mutter.

  Roman
  im Anschlu an die Colonie
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Dritte Auflage.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  Verlagsbuchhandlung.




Inhalt.


                                    Seite
  Frchtegott Pfeffer                   1
  Unter den Buden                      17
  Das Rendezvous                       30
  Die grfliche Familie                42
  Paradies und Hlle                   57
  Jeremias                             68
  Die erste Begegnung                  81
  Frulein Bassini                     95
  Hinter den Coulissen                111
  Graf Rottack bei Pfeffers           125
  Am alten Wartthurm                  137
  Das Wiedersehen                     157
  Verschiedene Kunstinteressen        172
  Horatius Rebe                       184
  Die Leseprobe                       203
  Vornehme Welt                       218
  Festvorkehrungen                    229
  Leiden eines Theater-Directors      246
  Der Verlobungsabend                 261
  Hamlet, Prinz von Dnemark          284
  Der Wilddieb                        299
  Ein gestrtes Fest                  312
  Nach dem Theater                    331
  Am andern Morgen                    343
  Wie das Glck wechselt              358
  Der reiche Mann                     373
  Die Recension                       388
  Die Contremine                      409
  Der Maulwurfsfnger                 427
  Pfeffer dictirt einen Brief         443
  Jeremias auf Reisen                 455
  Paula                               470
  Die Werbung                         484
  Schlu                              495




1.

Frchtegott Pfeffer.


Ein gar reges und geruschvolles Leben und Treiben erfllte heute die
berhaupt nicht unbedeutende und besonders viel von Fremden besuchte
Provinzialstadt Haburg.

Schon die Lage des alten Ortes war eine reizende, und eine groe Zahl
von wohlhabenden Leuten hatte sich deshalb sogar in oder nahe bei der
Stadt bleibend niedergelassen, so da sie mit ihren freundlichen Villen
und Wohnhusern die Anlagen wie die Hnge der daranstoenden Hgelkette
bunt und prchtig berstreuten.

Heute fllte aber noch eine ganz besondere Veranlassung sowohl die engen
und etwas winkeligen Straen des Weichbildes, wie auch die Anlagen und
freien Pltze mit einer Unzahl geputzter Menschen, denn es war Jahrmarkt
wie zugleich Haburger Vogelschieen, wozu sich dann natrlich die
ganze Nachbarschaft herbeidrngte. Besonders die Bauern kamen in hellen
Schwrmen zu Markt gezogen, und in den Hauptverbindungsstraen wimmelte
es wie bei einer Vlkerwanderung.

Unmittelbar vor der Stadt, auf einem groen, freien Platz, der
sogenannten Schtzenwiese, stand denn auch eine groe Zahl von Buden
aufgeschlagen, whrend dicht daneben in einem niedern, langen Gebude
die Altschtzen auf verschiedenen Stnden unermdlich nach ihren
dahinter aufgestellten Scheiben knallten.

Der Verkehr war hier drauen auch der strkste, wenngleich selbst die
innere Stadt nicht von Buden verschont geblieben, und whrend eine Zahl
von Drehorgeln mit ihren grausig gemalten Mordgeschichten, bhmischen
Musikbanden, Gymnastikern in schmutzig-weien, phantastischen
Anzgen und anderen Meknstlern geringeren Grades die Promenaden
berschwemmten, sammelte sich hier das Volk besonders, und oft wurde
selbst die Passage durch die verschiedenen Aufzge fr kurze Zeit
gehemmt und unterbrochen.

An diesen Theil der Promenade stie brigens unmittelbar die Stadt, mit
ihren hohen, schmalen, gedrngten Husermassen, und whrend die Front
der hier sichtbaren Reihe in eine enge, dumpfige Strae hinaussah
und auch dort ihren Haupteingang hatte, genossen die Wohnungen der
Hintergebude (so eingeschrnkt die Miethsleute dort auch vielleicht
wohnen muten) doch wenigstens freie Aussicht auf grne Bume und blauen
Himmel, und jetzt auch, als Zugabe, auf das ganze wilde Gedrnge des
Markttrubels, der unmittelbar vor ihren Fenstern auf und ab wogte.

In der zweiten Etage eines dieser schmalen Gebude wohnte der am
Haburger Theater angestellte Komiker Frchtegott Pfeffer mit seiner
Schwester und deren achtzehnjhrigen Tochter Henriette in einem kleinen
und sehr beschrnkten Logis. Aber eben so klein und beschrnkt war
auch seine Gage, und Pfeffer, wenn auch sonst ein wunderlicher
und excentrischer Kauz, doch ein ziemlich guter Haushalter und --
sonderbarer Weise -- fast der Einzige oder doch einer der Wenigen vom
ganzen Theaterpersonal, der in Haburg keine Schulden hatte.

Das ganze Logis bestand nur aus zwei neben einander liegenden Stuben,
jede mit einem kleinen Alcoven versehen, dann einer etwas engen und nur
nothdrftig erleuchteten Kche, und einer kleinen Holzkammer.

Die eine Stube hatte Pfeffer selber zum Studir- und Wohnzimmer inne,
in dem daranstoenden Alcoven schlief er. In dem andern Zimmer wohnten
Mutter und Tochter, und es wre kaum mglich gewesen, sich zwei sonst
ganz gleiche Rumlichkeiten verschiedener zu denken, als diese zwei sich
zeigten.

Das Zimmer der Frauen glich einer Puppenstube. Die allerdings sehr
zerwaschenen Gardinen waren schneewei; ebenso der sorgsam gescheuerte
Boden. Kein Stubchen lag auf irgend einem der sauber polirten
Erlenmbel. Ueberall herrschte die grte, ja, fast peinliche Ordnung,
und nur auf einem schmalen Arbeitstisch am Fenster, an dem Henriette
sa und einen geschmackvollen Kranz von knstlichen Veilchen und
Schneeglckchen zusammenstellte, lagen die verschiedenen zu ihrer Arbeit
nthigen Ingredienzen ebenso durcheinander, wie es die Arbeit gerade mit
sich bringt.

An Allem sah man, da hier sorgliche und ordnungsliebende Frauenhnde
walteten -- und wie lag dagegen das Nachbarzimmer!

Dort wirthschaftete Onkel Pfeffer, und zwar als unumschrnkter Gebieter
der Rumlichkeit, ber welche man aber nicht gleich beim ersten Betreten
des Zimmers einen vollkommenen Ueberblick bekam, da eine permanente
Wolke von Tabaksqualm den berhaupt nicht sehr hellen Raum in ein
ewiges, geheimnivolles Halbdunkel hllte. Hatte man sich aber erst
daran gewhnt und war nicht gleich beim ersten Betreten dieses
knstlerischen Heiligthums ber einen Haufen dicht an der Thr liegender
Broschren, Bcher und Schriftstcke gestolpert, so erschien Frchtegott
Pfeffer, wie der heraufbeschworene Geist eines Zauberers, mit in
Papilloten rund herum fest eingewickelten Haaren, in einem sehr
schmutzigen, langen, wattirten Schlafrock, die lange Pfeife in der
Linken, eine offene Rolle, aus der er memorirte, in der rechten Hand,
und blieb dann jedesmal -- beide Arme vor sich haltend und mit einer
Bewegung etwa mitten in der Stube stehen, als ob er htte sagen wollen:
Na, wer strt mich _nun_ wieder?

Die Stube selber befand sich nicht allein in einer knstlerischen,
sondern sogar in einer knstlichen Unordnung, gegen die aber weder
Schwester noch Nichte einschreiten durften. Pfeffer behauptete nmlich
-- und vielleicht nicht ganz mit Unrecht--, sobald einmal bei ihm
aufgerumt wrde, fnde er nie mehr, was er suche, und es sei nachher
eine Heidenarbeit, sein Studirzimmer wieder in den Stand zu setzen, wie
er es allein brauchen knne, das heit: in ein wahres Chaos von lauter
benutzten und unbenutzten Dingen.

Die Gardinen waren jedenfalls, als sie am Ersten des Monats aufgemacht
worden, eben so rein und wei gewesen, wie in der Nachbarstube; wenn
aber auch erst drei Wochen dazwischen lagen, so sahen sie doch jetzt
schon entsetzlich aus. Ein schwarzer Reif schien auf sie gefallen zu
sein -- wie ein Trauercouvert mit schwarzen Rndern hingen sie von der
Decke nieder, und noch immer zog der dicke Qualm zu ihnen empor und
setzte sich den vorangegangenen Rutheilchen an.

An den Wnden hingen eine Menge Bilder von theatralischen Gren, alle
jedoch nur in einfach braunen oder schwarzen Rahmen. Was aber die Kunst
_getrennt_, hatte die Kunst hier wieder vereint, denn ber dem kleinen,
mit buntem Kattun bezogenen Sopha nahmen Bogumil Dawison und Emil
Devrient den Ehrenplatz ein, ja, _ein_ Lorbeerkranz verband sogar Beide
mit einander.

Dort hingen auch Ludwig Lwe und Laroche, dort hingen die Charlotte
Ackermann, die alte Schrder und eine Menge berhmter Schauspieler und
Schauspielerinnen; dort hingen Schiller, Gthe, Lessing, Iffland -- aber
kein einziges Bild eines Tenoristen oder einer Primadonna, und noch
viel weniger eins, das nur im Entferntesten auf die _Posse_ Bezug gehabt
htte.

Pfeffer hate nicht allein die Oper, sondern auch die Posse, und war
vielleicht gerade deshalb ein so ausgezeichneter Komiker, weil er seine
Rolle mit einer solchen Erbitterung -- ja, mit einem wahrhaft tdtlichen
Ha abspielte, gewissermaen, um sie nur los zu werden.

Auerdem stand in der Stube noch ein alter Schreibtisch aus
Nubaumholz, aber von oben bis unten mit Bchern, Rollen, Costmbildern,
Zeitungsblttern wie allen nur erdenklichen Rauchapparaten, als
Tabakskasten und Beutel, Pfeifenrhren, Cigarrenspitzen etc.,
bedeckt. Den Nipptisch in der Stube bildete aber die Commode mit einem
Photographie-Album im Centrum. Rechts davon stand ein unbenutzter
Mahagoni-Tabakskasten mit gestickten Seitenwnden, neben ihm ein
gesticktes Uhrgehuse, links eine eben solche Cigarrentasche, wie ein
mit Silber beschlagener, guter Meerschaumkopf in geffneter Kapsel --
Alles mit dichtem Staub bedeckt, denn abwischen durfte es Niemand.

Zwischen den beiden Fenstern, ber einem kleinen Wandschrank, war auch
ein Spiegel angebracht, der Vorhang aber von beiden Seiten so gesteckt
worden, da er den obern, also benutzbaren Theil desselben vollkommen
bedeckte und nur den untern sichtbar lie, den Pfeffer brauchte, wenn er
sich rasirte.

Zwischen den beiden Stuben die er und seine Schwester bewohnten,
bestand eine Verbindungsthr, aber sie schien cassirt zu sein. Es hing
wenigstens auf _seiner_ Seite eine dicke wollene Decke davor, und
ein kleines Bchergestell war so angebracht, da es den untern Raum
vollkommen ausfllte. Aber nicht deshalb war es etwa geschehen, weil
sich Bruder und Schwester nicht vertragen htten -- im Gegentheil, es
gab kaum zwei Geschwister, die sich zrtlicher liebten, wenn sich auch
Pfeffer selber etwas Derartiges nie merken lie. Wre aber die Thr
benutzt gewesen, so htte der fortwhrende und furchtbare Tabaksqualm
auch unfehlbar in das andere, von den Damen bewohnte Zimmer hineinziehen
mssen, und Pfeffer selber that da Einspruch.

So verkehrten sie denn, wenn auch nicht so rasch, doch eben so hufig
durch den kleinen Vorsaal mit einander, der drauen auf die Treppe
ausmndete und dadurch dem Tabaksrauch einen freien Abzug gab, ohne
in das Zimmer der Schwester zu dringen. Nach einem stillschweigenden
Uebereinkommen betrat er deshalb auch nie das Nachbarzimmer mit seiner
Pfeife -- wenigstens nie, wenn die Fenster geschlossen waren. An warmen
Sommertagen, wenn diese weit geffnet standen, kam er aber doch auch
manchmal einen Moment als Schornstein, wie er es selber nannte,
hinber, blies den Qualm ein paar Minuten dort in's Freie hinaus und
kehrte dann in sein Rauchnest zurck -- oftmals, ohne auch nur eine
einzige Silbe gesprochen zu haben. Heute Morgen war er in besonders
schlechter Laune, denn die zahlreichen Musikbanden, von denen manchmal
zwei zu gleicher Zeit verschiedene Melodien unter seinem Fenster
bliesen, hatten jedes Memoriren unmglich gemacht. Was half es ihm, da
er die Fenster fest verschlossen hielt und die Rouleaux selbst herunter
lie, um so wenig als mglich von dem Treiben da unten zu hren und zu
sehen! Die schrillen Tne drangen doch hindurch, und der Tabaksqualm
wurde zuletzt so dicht und arg, da er es selber nicht mehr darin
aushalten konnte.

Mit einem halb verbissenen Fluche zog er die Rouleaux wieder in die
Hhe, stie die Fensterflgel auf und ging dann, sein Zimmer auch
durch die geffnete Thr lftend, einen Augenblick zu seiner Schwester
hinber, wo er an eins der weitgeffneten Fenster trat.

Du kannst wohl heute bei dem Lrm nicht arbeiten, Onkel? fragte ihn
das junge Mdchen, das in einfach brgerlicher, fast etwas drftiger
Tracht an einem kleinen Tisch am Fenster sa und knstliche Blumen
zusammenstellte. Sie sah ihm wohl an, da er mrrisch und verdrielich
war, konnte aber in solchen Fllen noch immer am besten mit ihm
auskommen.

Arbeiten, knurrte Pfeffer an seiner Pfeifenspitze vorbei und scho
erst eine Anzahl von Rauchringeln in die blaue, sonnige Luft hinaus
-- arbeiten, bei dem Skandal? Es ist ordentlich, als ob sie Einem das
Gehirn auseinander trieben. Das halte ich auch nicht lnger aus. Gott
straf' mich, morgen kndige ich das verwnschte Logis und ziehe an's
andere Ende der Stadt! Lieber doch oben auf einem Thurm und eine Meile
vom Theater wohnen, als hier in diesem Sodom und Gomorrha!

Henriette lchelte leise vor sich hin, denn den nmlichen Entschlu
fate der Onkel an jedem solchen Markt, htete sich aber wohl, ihn je
auszufhren; denn die Wohnung lag ihm selber viel zu bequem und nahe
beim Theater, um sie leichtsinnig aufzugeben. Er war eben verdrielich
heute, und da mute man ihn austoben lassen; er wurde auch schon von
selber wieder gut.

Jetzt freilich leuchtete sein Gesicht wie eine Wetterwolke mit seinen
finster zusammengezogenen Brauen, die Stirn in tiefen Falten und einen
Ausdruck in den Zgen, als ob er die Welt htte vergiften knnen. Da
pltzlich, als ob eine Garbe von Leuchtkugeln die dunkle Nacht
erhellt, nahm er die Pfeife aus dem Munde -- sein Gesicht strahlte von
Freundlichkeit, und mit einer tiefen Verbeugung und dem verbindlichsten
Lcheln vom Fenster aus Jemanden grend, der gerade unten vorbeiging,
sagte er mit seiner wohlwollendsten Miene: Da Du den Hals brchest,
Du verdammter schiefbeiniger Halunke Du -- Du Leuteschinder -- empfehle
mich Ihnen gehorsamst!

Wer geht denn da vorbei? sagte seine Schwester, eine Frau vielleicht
hoch in den Dreiigen, aber ein liebes, freundliches, matronenhaftes
Wesen, die leidend schien und auf dem Sopha lag.

Der Herr Director, lchelte Henriette.

Wie der Schuft die Beine spreizt, sagte Pfeffer, der wieder seine
alte, finstere Miene angenommen hatte, sobald der Director von unten
nicht mehr heraufsah -- breitspuriger Musenkutscher -- grt auch noch,
der -- Heuchler!

Ach, Onkel, sieh nur, was da fr reizende Kinder in der Equipage
sitzen! rief Henriette, die von ihrer Arbeit aufgeblickt, whrend
Pfeffer noch immer giftig seinem Vorgesetzten oder Chef nachschaute.
Das sind gewi Fremde, denn ich erinnere mich nicht, sie schon hier
gesehen zu haben.

Unten vor dem Fenster fuhr in diesem Augenblick ganz langsam, da die
Pferde in dem Menschengewhl nur im Schritt gehen konnten, eine leichte,
sehr elegante Equipage vorber. Ein Kutscher in Livre fhrte sie, und
im Fond derselben saen ein Herr und eine Dame in Reisekleidern, whrend
auf dem Rcksitz ein junges Mdchen -- wahrscheinlich die Bonne -- die
grte Mhe hatte, zwei allerliebste Kinder, einen Knaben von etwa vier
und ein kleines Mdchen von vielleicht drittehalb Jahren, ruhig auf
ihren Sitzen zu halten. Und das schien in der That kein kleines Stck
Arbeit, denn das lebendige Prchen entdeckte in der neuen, regen
Umgebung eine solche Menge von Merkwrdigkeiten, da sie mit den kurzen
Aermchen nur immer da- und dorthin deuteten und Vater und Mutter das
gerade Bemerkte auf frischer That auch zeigen, ja, am liebsten hinaus
und nher hinan wollten.

Die Eltern aber, die dem sie umwogenden Treiben kaum einen Blick
schenkten, lchelten ber die frhliche Unruhe der Kinder und muten nur
selber mit beschwichtigen und ermahnen helfen, um ihren unruhigen Eifer
zu zgeln.

Ja, das sind Fremde, sagte Pfeffer, der einen mrrischen Blick nach
der bezeichneten Richtung hinunterwarf; es wimmelt ja von denen jetzt
in Haburg -- vornehmes Pack -- hochnasige Gesellschaft -- was kmmern
die uns!

Was das fr eine reizende Frau ist und was fr wundervolle Haare sie
hat! fuhr Jettchen fort.

Ja, wie Deine Tante, Frulein Bassini -- ein chter Goldfuchs -- wie
nur ein Mensch an rothen Haaren Freude finden kann.

Aber sie sind doch nicht roth, Onkel -- es ist das herrlichste
Goldblond, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.

Goldblond, brummte Pfeffer verchtlich vor sich hin -- Rothfuchs --
was Du fr einen Begriff von goldblond hast.

Du bist einmal verdrielich heute, Onkel, lchelte Henriette, und in
der Stimmung httest Du selbst am Himmelsblau 'was auszusetzen.

Htt' ich? brummte Pfeffer und qualmte strker -- was die Jungfer
Naseweis nicht Alles bemerkt. -- Das da unten sind auch ein paar
goldblonde Pferde, nicht wahr?

Das ist die Equipage des reichen Monford, sagte Jettchen, die
wieder einen Blick hinausgeworfen hatte, aber zugleich auch, verlegen
errthend, ohne da der Onkel jedoch etwas davon bemerkte, nach unten
irgend Jemanden dankend grte.

Die wlzen sich ordentlich in Gold, sagte Pfeffer -- Herr Gott, ist
das nun Gerechtigkeit? _Das_ Volk wei nicht, wie es die Tausende, nur
um sie los zu werden, zum Fenster hinauswerfen soll, und bei uns langt's
manchmal knapp zu Kartoffeln und Hringen!

Und wer wei, ob sie so glcklich sind, wie wir!

Glcklich -- was sollte denen an ihrem Glck fehlen? Alles, was sich
ein Mensch nur mglicher Weise wnschen kann, wenn er recht unverschmt
ist, haben sie: eine groe, reiche Familie, Sohn und Tochter, gesund und
vornehm -- bah, geh mir mit den Redensarten, die sich recht hbsch von
der Kanzel herunter oder auf dem Theater ausnehmen: Reichthum macht
nicht glcklich -- aber im wirklichen Leben -- alle Teufel, unterbrach
er sich pltzlich und nahm rasch die Pfeife aus dem Mund, schnffelt
da unten nicht schon wieder unser siebenundzwanzigster Liebhaber, unser
Herr _Rebe_ mit seinem classischen Vornamen herum? Horatius Rebe --
Horatius Cocles -- jedenfalls Geschwisterkind mit einander -- da Dich
die Milz sticht!

Aber, bester Onkel, lchelte Henriette, dabei doch etwas verlegen und
jedenfalls mehr errthend, als eigentlich nthig gewesen wre -- was
kann denn ein Mensch fr seinen Vornamen? Er hat ihn sich doch nicht
selber gegeben.

Unsinn, selber gegeben -- natrlich hat er ihn sich nicht selber
gegeben, sondern irgend ein eben so verrckter Pathe; aber er kann ihn
doch zum Teufel werfen, sowie er nur einmal so viel Verstand hat, um
eine Nachtmtze von einer Lichtscheere zu unterscheiden! rief der
Onkel, der heute wirklich entschlossen schien, sich ber Alles zu
rgern. -- Horatius -- Horatius! Jeder anstndige Mensch auf der Welt
hat doch wenigstens zwei oder drei verschiedene Vornamen, von denen er
berechtigt ist, sich den auszuwhlen, der ihm am besten gefllt. Warum
thut er das nicht auch? -- aber denkt gar nicht dran. Wahrscheinlich ist
er auch noch stolz auf seinen Horatius; da Dich der Henker hole -- ich
wollte Dich behoratiussen, wenn Du mein Sohn wrest!

Aber, Onkelchen, lachte Henriette still vor sich hin, wenn Dir nun
seine anderen Namen auch nicht besser gefielen, wie der da?

Ach, Schnack, rief Pfeffer, und was weit Du berhaupt von seinen
anderen Vornamen, heh? Was sagst Du?

Oh, nichts, Onkelchen, ich zhlte nur eben hier die Bltter zu dieser
weien Rose ab.

Und beim Himmel, fuhr Pfeffer auf, der, whrend er sprach, den jungen
Menschen nicht aus den Augen gelassen hatte, da kommt er schon wieder
auf's Haus zu! Jettchen, Jettchen, ich will Dir 'was sagen -- ich
fange an Verdacht zu schpfen, da sich der junge Springinsfeld die
Schuhsohlen hier nicht umsonst alle Tage vor dem Fenster abluft -- ich
htte Dich fr vernnftiger gehalten.

Aber, Onkel!

Die Posse la Dir vergehen, fuhr Pfeffer fort; Du hast nichts, als
was Du Dir mit Deiner Hnde Arbeit sauer genug verdienst, und _er_ hat
gar nichts, als seine Liebe zur Kunst, wie er's hochpoetisch nennt,
und die ihn bis jetzt nicht viel hher gebracht hat, als Sthle heraus
zu tragen und hchstens einmal einen Ritter anzumelden! Darin pat Ihr
nun allerdings zu einander, da Ihr Beide nichts habt, aber das Ende vom
Liede wre auch, da Ihr Euch Beide unglcklich machtet und Euer Leben
verdrbet!

Aber, Onkel, er denkt gar nicht daran!

Denkt nicht daran? -- Lehr' Du mich Menschen kennen! -- Uebrigens wei
ich schon, da er nur wieder unter dem Vorwande heraufkommt, _mich_ zu
besuchen. Na, _die_ Freude will ich ihm dieses Mal machen -- arbeiten
kann ich auerdem heute nichts -- da Ihr ihn mir aber nicht hier
herber lat -- das sag' ich Euch! -- Und damit nahm er seinen
Schlafrock vorn zusammen und ging wieder ber den Vorsaal in sein
eigenes Zimmer hinber.

Henriette blieb schweigend an ihrer Arbeit sitzen, und die Mutter war
aufgestanden und nahm ihr jetzt gegenber am Fenster Platz.

Der junge Rebe ist die letzte Zeit recht oft hier gewesen, Kind, sagte
sie endlich, whrend ihr Auge ber die bunten Gruppen vor dem Fenster
glitt, ohne sie zu sehen.

Liebe Mutter...

Ich glaube, der Onkel hat Recht, Kind, fuhr die Frau aber wehmthig
fort -- nicht, da ich etwas gegen den jungen Mann selber einzuwenden
htte; er scheint brav und ordentlich zu sein, und man hrt ber
sein ganzes Betragen nur immer Gutes, aber -- das Theater ist ein
gefhrlicher Boden fr junge Leute, und -- kein Mensch wei auerdem, ob
er auch wirklich Talent hat und es je zu etwas bringen wird.

Er studirt so fleiig! sagte Henriette leise.

Ja, mein Kind, seufzte die Frau, das allein macht es nicht, und
darin steht der Knstler weit gegen den Gelehrten im Nachtheil. In
jedem andern Fache kann es ein wirklich tchtiger Mann durch Flei und
Ausdauer erzwingen, vorwrts zu kommen, wenn er auch nicht bermig
begabt sein sollte; in der Kunst aber nicht, und nicht allein das Talent
hilft ihm da, er mu auch Glck haben, wenn er es je zu etwas bringen --
wenn er je ein erstes Fach bekleiden will. Kann er das aber nicht, dann
wre es viel vernnftiger, er lernte eher das einfachste Handwerk,
als da er sich seine Lebenszeit bei kleinen Bhnen herumtriebe, um da
zweite oder dritte Rollen zu spielen. In dem Fall, mein Herz, ist der
Schauspielerstand ein elendes und trauriges Leben, glaube mir!

Aber Du warst selber beim Theater, Mama, sagte Henriette, der Onkel
ist dabei, Deine selige Mutter, wie Du mir oft erzhlt, soll ebenfalls
eine brave Sngerin gewesen sein, ja, Deine eigene Schwester spielt
jetzt noch Komdie!

Das Alles ist wahr, Herz, nickte die Mutter, unsere ganze Familie
gehrt dem Theater an, und doch danke ich Gott, da Du Dir Dein Brod, so
sprlich es auch sein mag, auf andere Art verdienen kannst. Ja, wer eins
der ersten Fcher bekleidet, wer bei einer groen Bhne der Liebling des
Publikums geworden, der nimmt wohl eine ehrenvolle Stellung ein und
kann auch ganz seiner Kunst leben; die Direction braucht ihn und seine
Zukunft ist gesichert -- aber wie Wenigen unter Tausenden ist das
beschieden, und sich in untergeordneten Fchern bald hier, bald da
herumtreiben, jetzt hier mit einer kleinen Gage angestellt, dann wieder
im Lande nach einem Engagement herumsuchend, das, mein liebes Kind, sei
versichert, ist ein trauriges Brod, und schlimmer, weit schlimmer, als
Holzhacken und Tagelohn!

Aber verdienen die Leute nicht, was sie zum Leben brauchen?

Ja -- vielleicht. -- So lange sie allein stehen und gesund bleiben,
schlagen sie sich durch, und der Leichtsinn, der ein glckliches
Erbe dieses Standes ist, hilft ihnen ber manches Schwere hinweg.
Verheirathen sie sich aber und kommt Familie dazu, dann tritt nur zu
hufig der furchtbare Ernst des Lebens an sie heran und sie leiden oft,
ohne eine Sttte, wohin sie ihr Haupt legen knnen, die bitterste Noth.
-- Aber ich brauche Dir das gar nicht weiter zu besttigen; Du siehst es
selber hier fast jede Woche, denn keine vergeht, wo nicht Einer oder der
Andere hier durchkommt und sein Leben mit Collectenmachen fristet --
nur um den nagenden Hunger zu stillen, nur um der dringendsten Noth
abzuhelfen. Jeder Thaler aber, der ihnen gereicht wird, ist doch nur
ein Tropfen Wasser auf einen heien Stein und ihres Jammers kein Ende
-- kannst Du es mir und dem Onkel verdenken, wenn wir Dich vor einem
solchen Schicksal bewahrt wissen wollen?

Liebe Mutter!

Aber wir schwatzen und schwatzen hier, brach die Frau pltzlich ab,
und es wird indessen spt; da schlgt es wahrhaftig schon zehn Uhr --
Kind, Du mut nach dem Mittagessen sehen, sonst wird der Onkel nachher
bse, wenn es nicht zur rechten Zeit auf dem Tisch steht.

Ja, ja, Mama, rief Henriette, schob ihre Arbeit rasch bei Seite und
ging hinaus in die Kche. Die Mutter sah ihr sinnend nach, sttzte dann
den Kopf in die Hand und seufzte leise, aber recht aus tiefster Seele
herauf:

Oh, da wir so arm sind!--

Pfeffer hatte indessen sein unter der Zeit vollstndig gelftetes Zimmer
wieder betreten und die Thr geschlossen, als es anklopfte.

Guten Morgen, Herr Pfeffer, sagte in diesem Augenblick der junge Rebe,
welcher auf der Schwelle erschien, ich stre doch nicht?

Woher vermuthen Sie das, mein sehr verehrter Herr Horatius Rebe, wenn
man fragen darf? brummte Pfeffer, dessen Laune sich noch nicht im
Geringsten gebessert hatte.

Weil ich Sie so deutlich erkennen kann, lchelte der junge Mann,
denn wenn Sie tchtig arbeiten, haben Sie auch gewhnlich eine dem
entsprechende Wolke um sich her.

Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm? fragte Pfeffer
verbindlich und mit einer Bewegung, als ob er seine Pfeife gleich in die
Ecke stellen wollte.

Mein guter Herr Pfeffer, sagte Rebe mit einem wehmthigen Zug um die
Lippen, ich wei sehr wohl, da mir nichts unangenehm sein darf --
brigens wrde ich selber wieder rauchen, wenn meine Gage nur ein klein
wenig hher wre.

So -- und was verschafft mir da heute die Ehre Ihres Besuches?

Ich sehe, Sie sind heute nicht in glcklicher Stimmung, sagte Rebe --
kann ich vielleicht die Damen sprechen?

Nein, brummte Pfeffer -- meine Schwester ist krank und Jettchen
pflegt sie.

Doch nicht ernstlich?

Allerdings, sie pflegt sie ganz ernstlich.

Nein, ich meine...

Wnschen sie sonst noch etwas?

Mein lieber Herr Pfeffer, sagen Sie mir nur, weshalb Sie mich heute so
schrecklich ablaufen lassen, bat Rebe herzlich, indem er auf ihn zuging
und seine Hand zu ergreifen suchte, die Pfeffer aber in die Tasche
steckte -- habe ich Ihnen etwas zu Leide gethan?

Nein -- noch nicht -- aber Sie wollen es! brummte mrrisch der Mann.

Ich will es?

Ja -- Sie verdrehen dem Mdel, dem Jettchen, den Kopf!

Aber, bester Herr Pfeffer!

Knnen Sie eine Frau ernhren?

Noch nicht, aber ich hoffe...

Hoffe -- alberne Redensart -- hoffe, hoffe -- dafr giebt Ihnen kein
Mensch einen Pfifferling, viel weniger eine ganze Haushaltung! Wie lange
sind Sie schon beim Theater?

Seit einem Jahre -- seit ich hier bin!

Hm -- und was waren Sie frher?

Ich habe studirt.

Nun ja, das dachte ich mir ungefhr, und nachdem Sie Ihren Eltern
das schwere Geld gekostet, laufen Sie zum Theater -- nein, es ist ganz
unglaublich, wie verrckt manche Menschen sind, studirt bis in die blaue
Pechhtte hinein, nur um nachher die Geschichte an den Nagel zu hngen
und in der Welt herum zu fahren! Wofr haben Sie nun studirt?

Und glauben Sie wirklich, da mir das als Schauspieler verloren wre?
lchelte Rebe. Hier gerade kann es mir bedeutend ntzen, und wenn meine
Liebe zur Kunst...

Jetzt hren Sie auf, schrie Pfeffer -- Liebe zur Kunst -- wenn ich
den Bldsinn nur nicht mehr hren mte -- Liebe zur -- ich htte
bald 'was gesagt, Herr Horatius! -- Apropos, ist der Horatius etwa
Ihr Theatername, und glauben Sie, da er sich besonders hbsch auf
dem Zettel ausnehmen soll, wenn es zum Beispiel heit: Horatio, Herr
Horatius Rebe?

Ich bin so getauft, lchelte der junge Mann, und -- mchte mich doch
auch nicht gern wieder umtaufen.

Aber Sie haben doch, zum Teufel, auch noch andere Namen! rief Pfeffer.
Weshalb nehmen Sie nicht einen von denen?

Allerdings, Herr Pfeffer, sagte Rebe etwas verlegen, aber die anderen
klingen eben auch nicht besser. Ich heie mit meinem vollen Namen
Horatius Scipio Quintus.

Nanu bitt' ich aber zu gren! rief Pfeffer erstaunt. Weiter nichts?

Mein Vater war ein armer Schullehrer, fuhr Rebe fort, der fr die
Alten schwrmte -- er ist lange todt, fgte er leise hinzu, und ich
mochte ihn nicht dadurch noch im Grabe krnken, da ich den ihm einst
lieb gewesenen Namen verwarf.

Sehr ehrenwerth, Herr Horatius Cocles -- Rebe, wollt' ich sagen,
brummte Pfeffer, aber ich glaube, Sie haben Ihren todten Papa noch viel
mehr damit gekrnkt, da Sie unter die Komdianten gegangen oder, wenn
Ihnen der Ausdruck besser gefllt, _Mime_ geworden sind. Keinesfalls
htten Sie zu studiren gebraucht, um ein schlechter Schauspieler zu
werden.

Aber ich hoffe ein guter zu werden, Herr Pfeffer.

Da haben wir wieder die Hoffnung, und indessen beschftigen Sie sich
mit Hinaustragen von Sthlen und Ableiern von kleinen Rollen!

Weil ich keine greren bekommen kann! rief Rebe. Ist denn der
Director auch nur dazu zu bewegen, mir einmal einen Versuch zu
gestatten? Erlaubt er mir denn nur ein einziges Mal, zu zeigen was
ich wirklich kann? Ach, mein bester Herr Pfeffer, wenn Sie es nur ein
einziges Mal dahin bringen knnten, da ich...

Bleiben Sie mir vom Leibe, rief Pfeffer; ich habe mit der ganzen
Schmiere nichts zu thun! Ich spiele meine Rolle ab, und damit Basta --
wenn Ihnen eine von denen zusagen sollte, mit dem grten Vergngen --
in das Andere mische ich mich nicht. So viel sage ich Ihnen aber: --
hier -- wenn Sie wirklich Talent htten -- kommen Sie zu nichts; Handor
spielt Alles, also eine Aussicht bleibt Ihnen nicht, und deshalb bitte
ich Sie sehr ernstlich, da Sie dem armen Mdchen, dem Jettchen, keine
weiteren Sparren in den Kopf setzen!

Aber, bester Herr Pfeffer!

Ich glaube, Sie haben mich verstanden?

Vollkommen!

Schn, dann brauchen wir auch weiter nichts darber zu reden, und
ich...

Er wurde hier unterbrochen, denn in dem Moment flog die Thr auf und
herein strzte in grter Eile und mit einem Allerseitigen Guten
Morgen Frulein Bassini, Pfeffer's lteste Schwester, ebenfalls
Mitglied des hiesigen Stadttheaters -- mit einem riesigen Toupet von
hochrothen Locken, dabei decolletirt und sehr phantastisch angezogen.
Sie machte auch nicht viel Umstnde.

Frchtegott, rief sie, ich habe meine Dose vergessen und mu in die
Probe -- borg' mir die Deinige.

Frulein Bassini -- wie sie mit ihrem Theaternamen hie, da ihr der Name
Pfeffer zu prosaisch klang -- spielte Charakter- und Anstandsdamen.
Sie war aber jeder Zoll eine Schauspielerin und, wenn auch schon im
Anfange der Vierzig -- was sie brigens hartnckig leugnete--, doch
noch so liebenswrdig kokett, wie ein junges Mdchen von siebzehn
Jahren.

Schon wieder einmal, sagte Pfeffer, wie es brigens schien, nicht
sehr erbaut von dem Ueberfall; merkwrdig, da Du nie etwas von Deiner
Auftakelei vergit. Frauenzimmer, wie siehst Du heute Morgen wieder aus
-- gerad' wie ein Pfingstochse!

Du bist und bleibst ein Grobian! rief Frulein Bassini, indem sie ohne
Weiteres die auf dem Tisch stehende Dose an sich nahm und einsteckte --
was mssen denn nur andere Leute von Dir denken. -- Guten Morgen, Herr
Rebe!

Und willst Du nicht einmal zu Deiner Schwester hinbergehen? Sie ist
nicht recht wohl.

Es hat schon zehn Uhr geschlagen, und ich komme im ersten Act, rief
Frulein Bassini, und damit war sie aus der Thr verschwunden.

Als sie dieselbe ffnete, sah Rebe drauen in der Kche Henriette
stehen.

Also, mein lieber Herr Pfeffer?

Nun, ich denke, Sie haben auch Probe; Sie machen ja wohl einen von den
Ballgsten?

Leider, seufzte der junge Mann, aber ich komme erst am Schlu des
zweiten Actes.

War mir sehr angenehm, sagte Pfeffer mit einer Miene, als ob er ihn
eben so lieb wie nicht zur Thr hinausgeworfen htte.

Rebe machte eine Verbeugung und verlie das Zimmer. Wie er die Thr
hinter sich zudrckte, traf er vorn in der kleinen, halbdunkeln Kche,
die ihr Licht nur durch ein Thrfenster des Vorsaales erhielt, Jettchen.

Mein liebes Frulein, ich danke meinem Schicksal, da ich Ihnen
wenigstens Guten Morgen sagen kann.

Guten Morgen, Herr Rebe, erwiderte Henriette leise.

Ihre Frau Mutter ist nicht wohl?

Hoffentlich nur eine Erkltung.

Hoffentlich -- und Sie arbeiten so fleiig?

Ich mu ja wohl.

Sie glauben nicht, wie lang mir der gestrige Tag geworden ist -- wie
lang mir mein briges Leben werden wird.

Ich verstehe Sie nicht, sagte Jettchen leise.

Ihr Onkel hat mir mit ziemlich deutlichen Worten das Haus verboten --
und ich fhle selber, da er dabei in seinem Rechte ist. Zrnen Sie mir
nicht, mein liebes Jettchen, wenn ich seinem Befehl gehorche -- ich sehe
ein, da es sein mu.

Drinnen im Zimmer klingelte es.

Die Mutter verlangt nach mir, rief das junge Mdchen.

Leben Sie wohl, Jettchen, sagte Rebe und reichte ihr die Hand, die sie
schchtern nahm -- aber wieder klingelte es -- und sich losreiend, flog
sie in das Zimmer zurck. Horatius Rebe aber sah ihr wehmthig nach und
verlie dann in einer recht gedrckten und traurigen Stimmung das Haus,
welches er kurz vorher so freudig betreten hatte.




2.

Unter den Buden.


Der Wagen mit dem jungen Paar und den Kindern, der vorhin Henriettens
Aufmerksamkeit erregt, fuhr noch eine Strecke durch das Menschengewhl
im Schritt, bis er einen freieren Platz erreichte. Dort lie der
Kutscher die Pferde ein wenig austraben, und bald hielt das leichte
Fuhrwerk vor einem nicht sehr groen, aber auerordentlich freundlich
gelegenen herrschaftlichen Haus, an dessen Gartenpforte schon
verschiedene dienstbare Geister standen, um die erwartete Herrschaft in
Empfang zu nehmen.

Der junge Mann war, wie nur der Wagen hielt, rasch zuerst
hinausgesprungen, und seine beiden Kleinen aufnehmend und den
herbeieilenden Mdchen bergebend, half er der jungen Frau ebenfalls aus
dem Wagen -- aber sie bedurfte kaum seiner Hlfe.

Es war eine reizende, schlank gewachsene Gestalt, mit wundervollen
goldblonden Haaren und lebendigen, aber doch so seelenvollen Augen, die
aber kaum ihre Hand auf seinen Arm sttzte, so leicht sprang sie
selbst von dem Wagen herab. Aber unten blieb sie stehen, und einen halb
neugierigen, halb ngstlichen Blick umherwerfend, sagte sie mit leiser,
fast zitternder Stimme:

Und sind wir denn wirklich hier in Haburg, Felix? Haben wir endlich
unser lang ersehntes Ziel erreicht?

Haburg, gewi, lchelte ihr Gatte, indem er ihren Arm in den seinen
zog und, von den Kindern und den Dienern gefolgt, dem Hause zuschritt
-- und alles Andere wird sich auch wohl fgen. Jetzt aber, herziges
Frauchen, zeige ich Dir vor allen Dingen unsere neue Heimath, und hoffe
gewi, da Du mit mir zufrieden sein sollst.

Mein guter Felix -- Du sorgst so fr Alles!

Du wirst mir bezeugen mssen, lchelte ihr Gatte, da ich mich
diesmal selbst bertroffen habe.

Und in der That hatte er nicht zu viel versprochen. Das freundliche
Haus, das mitten in einem reizenden, wohlgepflegten Garten stand,
glich einem kleinen Paradies. Alles war dabei wohl reich und ihrem Rang
entsprechend, aber auch so einfach und geschmackvoll hergerichtet,
da, wie er mit seiner Gattin die Rume durchschritt, Helene, die junge
Grfin Rottack, kaum Worte fand, ihm dafr zu danken.

So durchwanderten sie das ganze Haus, und endlich, als sie so ziemlich
Alles besichtigt hatten, traten sie hinaus auf einen kleinen
eisernen Balkon. Hier aber erffnete sich ihnen ein wunderliebliches
Landschaftsbild nach den, Haburg umschlieenden Hgeln und Hngen
hinber, und Helene, von der Aussicht wirklich entzckt und berrascht,
flsterte, indem sie ihr Haupt an des Gatten Schulter schmiegte:

Wie soll ich es Dir danken, Felix, da Du so meinen kleinsten,
vielleicht thrichten Wunsch erfllt? Wie soll ich berhaupt je im Leben
das wieder gut machen, was Du schon in den wenigen Jahren fr mich --
fr das arme, freundlose Kind -- fr die Waise gethan? -- Ich wei
es nicht -- mein ganzes Herz ist nur erfllt von dem Einen Gefhl des
Dankes, der Liebe fr Dich, Du guter Mann!

Meine Helene -- mein liebes Herz! rief Graf Rottack, sie an sich
pressend -- wer von uns ist dem Andern denn mehr zu Dank verpflichtet,
Du mir, oder ich Dir? Was anders habe ich gethan, als nur die Liebe
erwidert, die Du mir entgegenbrachtest, whrend Du Dein ganzes Glck,
Dein ganzes Leben vertrauensvoll in meine Hnde legtest!

Mein Felix!

Was wre aus mir geworden, fuhr der junge Mann fort, sie immer noch
in seinem Arm haltend, wenn Du Dich damals meiner nicht angenommen? In
einer Stimmung, die mich der tollsten Streiche fhig machte, wre ich
vielleicht zu Grunde gegangen. Du allein hast mich dem Leben erhalten,
und gebe nur Gott, da ich Dir, armes Herz, auch den Frieden wiedergeben
knne, nach dem Du Dich sehnst -- da ich Dir das Einzige verschaffe,
was bisher nicht in meinen Krften stand -- die Liebe Deiner Mutter!

Und hast Du jetzt nicht den Schritt gethan, der uns ihr nher bringen
mute? sagte Helene herzlich.

Ja, mein Schatz, erwiderte Graf Felix, indem er sie loslie und sich
mit der Hand wie verlegen durch die dunkeln Locken fuhr -- aber -- ich
mchte nicht, da Du Dich dadurch zu groen Erwartungen hingbst, und
ich -- frchte -- wir sind jetzt gerade noch so weit von unserem Ziel
entfernt, wie frher.

Du hast kein Vertrauen zu ihr...

Aufrichtig gesagt, nein, erwiderte ihr Gatte. Du weit, da die
Grfin Monford, als wir vor fnf Jahren aus Brasilien zurckkehrten,
mit ihrem Gatten auf Reisen war und sich drei Jahre lang in Italien,
Griechenland und Egypten amsirte. Dann kehrten sie auf wenige Monate
zurck und gingen wieder nach Paris und London, so da eben kein Halt
an sie zu bekommen war. Jetzt endlich haben sie sich seit etwa sechs
Monaten hier bei Haburg auf ihrem alten Stammsitz niedergelassen, und
ich war im Stande, die genauesten Erkundigungen ber sie einzuziehen.

Und was knnen fremde Menschen ber sie sagen?

Fremde Menschen wissen genau, wie sie sich fremden Menschen zeigt,
sagte Graf Rottack achselzuckend, und wir selber mssen vollkommen
darauf gefat sein, als Fremde von ihr behandelt zu werden.

Die eigene Tochter?

Liebes Kind, Du vergit, da sie Dich nicht ffentlich anerkennen
_darf_, wenn sie sich nicht in den Augen der Welt vollstndig
compromittiren will. Graf Monford ist dabei nicht allein ein sehr
reicher, sondern auch entsetzlich stolzer Herr, der an seinem Stammbaum
mit einer Verehrung hngt, als ob ihn Gott der Herr damals dem Altvater
Noah mit den ersten Weinreben in den Garten gepflanzt htte. Einen
Flecken darauf, sobald er nur eine Ahnung davon bekme, wrde er fr
mehr als ein Unglck, er wrde ihn fr das Verderben seines ganzen
Hauses halten, und erhielte er die Gewiheit des Geschehenen, so
zerrisse er -- glaube mir, ich kenne dergleichen Herren -- nachsichts-
und erbarmungslos die Bande, die ihn an seine Gattin fesseln. Und seine
Gattin wei das, darauf kannst Du Dich verlassen.

Aber das Gefhl mu ja doch in ihr sprechen, sagte Helene weich und
herzlich.

Graf Rottack wollte etwas darauf erwidern, aber bezwang sich. Er
hatte die Arme gekreuzt und starrte einen Augenblick sinnend auf die
sonnenbeschienenen Hnge hinaus. Endlich wandte er das Antlitz wieder
der ngstlich zu ihm aufschauenden Gattin zu und sagte, ihr freundlich
in die Augen sehend: Du weit, meine Helene, da ich bis jetzt Alles
gethan habe, Deinen Wunsch zu erfllen, Deinen Plan zu frdern. Es ist
Alles geschehen, um uns _dem_ nher zu bringen -- die Entfremdung von
Deiner Mutter zu heben; so la uns aber, ehe wir den letzten Schritt
dazu thun, auch die Sache vorher ruhig besprechen, damit Dich eine doch
mgliche Enttuschung Deiner Hoffnungen nachher nicht zu unerwartet fat
und erschttert.

So glaubst Du wirklich...

Von Glauben kann noch keine Rede sein, mein Herz, aber Du weit, wie
Deine Mutter, nach jenem Fehltritt ihres Lebens, sich von Dir lossagte
und von da an eigentlich weiter gar nichts fr Dich that, als da sie
jener nach Brasilien gehenden Frau, der sie Dich vollstndig berlie
-- ein Kostgeld fr Dich zahlte. Du entdecktest das Geheimni und
verlieest jene Frau. Fest aber darfst Du davon berzeugt sein,
da diese Madame Baulen Deiner Mutter die Flucht ihres Kindes nicht
angezeigt hat, sondern nach wie vor das Geld fr Dich noch regelmig
fortbezieht. Deine wirkliche Mutter mu Dich also noch immer in
Brasilien glauben.

Ich bat Dich immer, ihr einmal zu schreiben, sagte Helene leise.

Um Gottes willen keinen Brief, Schatz! rief ihr Gatte lchelnd. Eine
Sache, die man wirklich als Geheimni wahren will, darf man nie einem
Papier anvertrauen, denn kein Mensch kann wissen, wem ein solches Blatt
einmal durch Zufall in die Hand gerth. Denke nur daran, wie Du selber
das Geheimni Deiner Geburt erfahren: nur dadurch, da Deine Mutter
diese nthigste aller Vorsichtsmaregeln versumte, durch einen in Deine
-- also in unrechte Hnde gerathenen Brief. Nein, alles Derartige mu
entweder mndlich oder gar nicht abgemacht werden, mndlich und ohne
Zeugen, schon Deiner Mutter und deshalb auch Deinetwegen, und einmal
habe ich den Versuch schon gemacht.

Du hast sie gesehen, Felix? rief Helene rasch und gengstigt, und mir
kein Wort davon gesagt, setzte sie leise und fast vorwurfsvoll hinzu,
war das recht?

Weil ich Dir nicht unnthiger Weise weh thun wollte, Schatz.

Und was sagte sie?

Ich hatte mich ihrem Gatten und ihr, als ich damals das Haus kaufte, an
einem dritten Orte vorstellen lassen und benutzte dann die Gelegenheit,
nachdem der Kauf abgeschlossen, mich bei ihnen als Nachbar, in ihrer
eigenen Wohnung, einzufhren. Natrlich war es nur eine Formvisite, aber
es sollte auch zugleich eine vorlufige Probe sein, ob die Grfin bei
meinem Erscheinen irgend eine Bewegung zeigen wrde. War das der
Fall, so htte Madame Baulen in Santa Clara ihr doch, und wider alles
Erwarten, Mittheilung gemacht.

Und was sagte sie?

Ich hatte mich in unserer alten brasilianischen Freundin nicht geirrt,
lachte Felix. Die Grfin Monford konnte keine Ahnung haben, denn sie
zuckte mit keiner Wimper, mein Name rief keine Erinnerung in ihrer Seele
wach. Ich war ihr ein vollkommen fremder Mensch.

Und war sie gut, war sie freundlich? fragte Helene, und ihr Blick hing
angstvoll an den Lippen des Gatten.

Sie war sehr vornehm und sehr stolz, sagte Felix nach einigem Zgern;
ich konnte nicht warm bei ihr werden. Aber la Dir das keine Sorgen
machen, Kind, fuhr er herzlich fort, als er den schmerzlichen Zug in
ihrem Antlitz bemerkte, gegen einen vollkommen fremden Menschen konnte
sie ja auch kaum anders sein. Nur drfen wir nichts bereilen und mssen
vor allen Dingen erst einmal bekannt mit der Familie werden. Sie soll
Dich erst sehen und lieb gewinnen, und dann findet sich einmal eine
Gelegenheit, wo Du sie, am besten hier bei uns, ohne Zeugen sprechen und
Dich ihr entdecken kannst. Willst Du das mir berlassen?

Von Herzen gern, Felix, sagte Helene mit tiefem Gefhl. Wem auf der
Welt knnte ich lieber den heiesten Wunsch meiner Seele anvertrauen,
als Dir, der Du schon so oft bewiesen hast, wie lieb ich Dir bin, wie
gut Du es mit mir meinst.

Schn, meine Puppe, lachte da Felix wieder in der alten muntern Laune
und schlo sie in die Arme. Dann aber mach' auch jetzt wieder ein
freundliches Gesicht und la Kummer und Sorgen fahren. Was geschehen
kann, geschieht, dann haben wir uns wenigstens selber keine Vorwrfe zu
machen. Und nun, Schatz, nimm Dich vor allen Dingen einmal Deiner Kinder
an, denn die kleine Gesellschaft macht ja drauen einen Heidenlrm.

Ich kann sie nicht mehr bndigen, Herr Graf! rief in diesem Augenblick
die Bonne, die mit ihnen aus dem Nebenzimmer kam. Gnther will absolut
hinaus auf den Markt unter die Buden, und Helenchen verlangt ebenfalls
zur Musik!

Vortrefflich, dann gehen wir unter die Buden, lachte Felix, dem es
ganz erwnscht kam, etwas gefunden zu haben, was seine junge Frau fr
den Augenblick zerstreuen konnte, und ein Jubelgeschrei der Kinder
antwortete ihm.

Helene war nicht recht damit einverstanden, aber das kleine Volk
hatte einmal die Zusage und nahm den Papa beim Wort, und die nthigen
Anordnungen waren bald getroffen.

Es mochte jetzt etwa zwei Uhr sein; das Diner, welches das junge Paar
stets mit den Kindern und der Bonne einnahm, war auf fnf Uhr bestellt,
und mit dem jubelnden Knaben an der Hand, whrend Helene das Tchterchen
fhrte, von der Bonne und einer Magd begleitet, die mitgenommen wurde,
um die Kleinste von Zeit zu Zeit zu tragen, schritten sie in das Treiben
hinaus, das selbst bis hierher seine Trabanten gesandt hatte. Die
Schtzenwiese lag aber auch gar nicht weit von dort entfernt, und man
konnte das Hmmern der Pauken, wie einzelne Trompetenste und ebenso
den scharfen, kurzen Krach der Bchsenschsse, wenn auch durch die
Entfernung gemildert, doch deutlich bis hier herber hren.

Und die Kinder waren selig, denn berall bot sich ihnen Neues,
Ungeahntes.

Hier stand eine Polichinell-Bude mit den kleinen, beweglichen Figuren
und der geheimnivollen, aus dem Kattunkasten herausklingenden Stimme.
Dort auf einem groen, runden Tische, von zahlreichen Zuschauern
umdrngt, gab eine bunt gekleidete Affenfamilie ihre Vorstellungen. Da
drben wurde nach einer Reihe von aufgestellten Scheiben und Sternen
mit Bolzenbchsen geschossen, und wenn man das Ziel traf, so sprang
pltzlich ein bunt gemalter Mann mit einer spitzen Mtze heraus, oder
ein lauter Knall kndete den Treffer.

Und dann die Carroussels! Wie jubelte das kleine Prchen, als es die
bunt beflaggten schwebenden Pferde und Wagen sah, und natrlich gaben
sie keine Ruhe, bis sie mitten darin saen und, von der Bonne und Magd
bewacht, ihren Rundritt machen durften. Der kleine Gnther lie aber
richtig nicht nach, bis er auch auf eins der kleinen Pferdchen gesetzt
wurde, wo er versprach, sich tchtig festzuhalten. Er fate auch mit
beiden Hndchen die Eisenstange, als ob sein kleines Leben daran hinge.

Die Mutter war erst ngstlich, da er herunterfallen knnte, denn wenn
sie selber auch das wildeste Pferd nicht scheute, sorgte sie sich doch
um den kleinen Liebling. Der Vater lie ihn aber lchelnd gewhren, und
wie stolz sa jetzt der kleine Bursch auf seinem gemalten Pferd, dessen
Seiten er mit den Hacken bearbeitete, bis sich die Reihe an zu drehen
fing. Dann aber klammerte er sich fest und ngstlich an, denn so rasch
hatte er sich die Bewegung doch nicht gedacht.

Und nun kamen die Buden selber mit ihren zahmen Ponies und kreischenden
Papageien, mit ekelhaft fetten Menschen, die sich fr Geld sehen lieen,
mit angestrichenen Indianern und gezhmten Hynen, mit Taschenspielern,
Feuerfressern, Bauchrednern und wie diese Unnatrlichkeiten alle hieen.
Die Kinder sehen allerdings nur das Wunderbare und den Flittertand
daran, whrend die Erwachsenen gewhnlich ein Gefhl des Ekels oder
Mitleids beschleicht, wo derartige Charlatanerien zu einem Broderwerb
benutzt werden, die doch das Elend nicht verbergen knnen, das hinter
all' dem Tand und Putz sich birgt.

Das junge Paar ekelte auch dieses wste Treiben an, das sie nur den
Kindern zu Liebe wieder einmal durchkosteten. Diese lieen aber keine
Ruhe, bis sie auch wenigstens ein paar der Buden betreten hatten, und
am meisten jubelten sie bei einem Marionettenspiel, aus dem sie fast nur
mit Gewalt wieder entfernt werden konnten.

Bleib nur ein klein wenig sitzen, Mama, rief Helenchen, als der
Vorhang endlich fiel, er geht gleich wieder in die Hh'! Lachend nahm
Graf Rottack die Kleine auf den Arm, um sie durch das Gedrnge hinaus
in's Freie zu tragen, und athmete ordentlich hoch auf, als er endlich
wieder den blauen Himmel ber sich sah. Hier drauen prete aber gerade
eine solche Masse von Menschen vorber, da er der Bonne Acht auf
den Knaben befahl und, seine Frau an den Arm nehmend, ber die Strae
hinber zu kommen suchte, wo er freieren Raum sah.

Die Marionettenbude war die letzte in der Reihe, und dicht daran fhrte
die breite Promenade, welche sich um die Stadt selber herumzog und
gewhnlich zu Spazierfahrten der =haute vole= benutzt wurde. Eben jetzt
kam eine Equipage, langsam im Schritt durch die Menschenmenge sich Bahn
suchend, vorber, und die aus dem Wege Drngenden hemmten jede Passage
in diesem Augenblick so, da Graf Rottack mit den Seinen stehen bleiben
mute, um sie erst vorber zu lassen.

Helene fhlte, wie Felix ihren Arm fest an sich drckte, und von einer
pltzlichen Ahnung ergriffen, flsterte sie rasch und erschreckt: Wer
ist das?"

Sei stark, mein braves Frauchen, und verrathe keine Bewegung, ermahnte
sie ihr Gatte, es sind Monfords!

Meine...

Bst, mein Schatz, warnte Felix rasch, wir knnen ihnen nicht mehr
ausweichen. Hnge Dich nur fest an meinen Arm.

Der Wagen hatte sie erreicht und fuhr unmittelbar an ihnen vorber. Nur
der Graf und die Grfin saen im Fond desselben. Er, der Graf, mochte
ein Herr hoch in den Sechzigen sein, mit weiem, vollem Haar und einem
wohlgepflegten Schnurrbart.

Seine Frau, eine Dame von vielleicht einigen vierzig Jahren, stattlich
und vornehm, in eleganter, aber nicht berladener Toilette, whrend der
Graf selber nur eine Jagdjoppe mit grnem Kragen trug, lehnte nachlssig
neben ihm und betrachtete die an ihrem Wagen vorbeidrngenden Menschen
durch ihre Lorgnette.

Graf Rottack, der noch immer sein kleines Tchterchen auf dem Arm trug,
grte, und Helene, die zitternd an seinem Arme hing, verneigte sich
ebenfalls. Graf Monford, den jungen Mann erkennend, dankte freundlich,
whrend die Grfin nur eben die Lorgnette von ihrem Auge entfernte und
langsam das Haupt neigte.

Die Grfin mute einmal bildschn gewesen sein -- sie war es selbst
jetzt noch und schien das auch zu wissen -- aber der Wagen passirte, und
Graf Rottack, der sich erst umsah, ob er auch die Seinen bei
einander habe, schritt jetzt mit Helenen ber die Strae, um aus
dem Menschenschwarm hinaus zu kommen. Dort bergab er sein kleines
Tchterchen der Wrterin.

Kanntest Du den Herrn? sagte im Wagen Graf Monford zu seiner Gattin,
als sie vorbergefahren.

War das nicht der Graf Rottack, der uns einmal vor einiger Zeit
besucht?

Ganz recht, mit seiner jungen Frau wahrscheinlich. Er hat sich ja hier
angekauft. Ein hbsches Paar.

Aber die Frau scheint sehr krnklich, sie hatte keinen Blutstropfen im
Gesicht.

Mglich, vielleicht angegriffen von der Reise. Es kann auch sein, da
er sie gerade aus Gesundheitsrcksichten hierher gebracht. So viel ich
wei, ist es eine Amerikanerin.

Aus Amerika?

Er war ja selber lange dort...

Die Unterhaltung wurde hier abgebrochen. Die Grfin hing ihren eigenen
Gedanken nach, und der Graf richtete sich auf, um nach den Pferden zu
sehen, indem das Handpferd vor einem vorberziehenden Kameel scheute und
nur schwer wieder beruhigt werden konnte.

Sprachlos hing indes Helene an des Gatten Arm und mute ihre ganze
Geistesstrke zusammennehmen, um der Bewegung Herr zu werden, die sie
beim ersten Anblick der Mutter ergriffen.

Oh, wie kalt, wie stolz sie aussah! flsterte sie endlich leise vor
sich hin.

Beruhige Dich, mein Herz -- wie bleich Du nur geworden bist -- sei mein
starkes Kind. Es wird ja noch Alles gut werden.

La mich nur einen Augenblick, Felix! bat die junge Frau, es war nur
der erste Moment, die erste Ueberraschung. Sieh', jetzt geht es wieder
besser, ich bin ja nur ein thricht Kind, da ich mir ber das Aussehen
der stolzen Frau Sorge machen sollte. Konnte sie denn ahnen, wer an
ihrem Wagen stand? Und ihr Antlitz war so lieb und schn -- Du hast
Recht, Felix: es wird noch Alles gut werden.

Mitten im Weg kam ein kleiner, dicker Herr auf sie zu, der, die Hnde
in den Taschen, einen sehr hohen Cylinderhut auf hatte und, obgleich
er sehr anstndig und einfach gekleidet ging, doch durch seine
Beweglichkeit, mit welcher er den kleinen, runden Krper schwenkte,
und durch sein entschieden vergngtes Gesicht Rottack's Auge fr einen
Moment auf sich zog. Aber bei solchen Gelegenheiten, wie Jahrmarkt und
Vogelschieen, kommen ja oft gar wunderliche Leute zusammen, und er
wollte eben mit der Gattin vorbergehen, als des Fremden Blick auf sie
fiel.

Merkwrdig war die Vernderung, die da in dessen Zgen vorging. Im
Nu war der kleine vergngte Mann ganz ernsthaft geworden, ja, sah
ordentlich erstaunt aus, ri aber auch im nchsten Augenblick die rechte
Hand aus der Hosentasche und den Hut vom Kopf, wobei er eine ordentlich
blendende Glatze zeigte, und ging tief grend, aber wie verdutzt
vorber.

Graf Rottack konnte kaum ein Lcheln ber den wunderlichen Menschen
unterdrcken, aber er dankte freundlich und schritt jetzt in dem hier
freier werdenden Weg der gar nicht mehr so fern liegenden Wohnung zu.

Auch von Helenens Antlitz war jetzt der Schatten gewichen, der sich ber
ihre lieben Zge gelegt, und die Farbe in ihre Wangen zurckgekehrt. Sie
hatte ihr kleines Mdchen, das nicht lnger getragen werden wollte, an
die rechte Hand genommen, und die Kleine trippelte munter nebenher und
zeigte mit dem freien Hndchen, fortwhrend jubelnd, bald da-, bald
dorthin, wo sie etwas Neues und Auffallendes entdeckte.

Bitte um Entschuldigung, sagte in diesem Augenblick, dicht an Graf
Rottack's Seite, eine Stimme, und als er den Kopf danach umdrehte,
bemerkte er zu seinem Erstaunen den komischen kleinen Fremden, der
wieder mit entbltem Kopf neben ihm stand, oder vielmehr neben ihm
herging und, zu ihm aufsehend, fortfuhr: Ich habe doch das Vergngen,
den Herrn Grafen Rottack zu begren?

Mein Name ist Rottack, sagte Felix erstaunt, aber ich wei nicht...

Und kennen Sie mich nicht mehr? Und die Frau Grfin auch nicht?
Und das? rief er, indem er seinen Hut wieder aufstlpte, die Fe
auseinander spreizte und beide Hnde auf die eingebogenen Kniee drckte
-- Hurrjeh, das ist schon die kleine Familie?

Jeremias! rief in dem Augenblick erstaunt Helene aus.

Jeremias, bei Allem, was lebt! lachte jetzt Rottack gerade hinaus,
indem er dem kleinen, noch vor den Kindern kauernden Mann die Hand
entgegenstreckte. Mensch, wo kommen Sie auf einmal hergeschneit?

Direct von Brumsilien, Herr Graf, sagte der kleine Mann mit
dem ernsthaftesten Gesicht, indem er sich wieder aufrichtete, die
dargebotene Hand derb und herzlich schttelte und dann eben so ungenirt
Helenens freundlich gebotene Rechte nahm -- direct von Santa Clara, aus
dem alten Nest, und wahrhaftig, keinem Menschen auf der Welt htte ich
lieber begegnen mgen, als Ihnen Beiden! Der Anblick thut kranken Augen
wohl. Und das ist die kleine Familie? Jemine, meine Gte, was fr ein
paar Puppen; und so geschwinde!

Ein Zug von Schmerz war ber Helenens Antlitz gezuckt, als der
Anblick des Fremden aus der fernen Colonie ihr rasch wieder schon fast
vergessene trbe Bilder vor die Seele rief; aber wie eine leichte Wolke
strich es darber hin, und bald lag wieder lichter Sonnenschein auf dem
holden Angesicht.

Sie hatte auch Jeremias immer gern gehabt und wohl gefhlt, da dem
komischen, hastigen Wesen des Mannes ein guter Kern zu Grunde lag, der
es treu und ehrlich meinte. Rottack selber war aber hoch erfreut, dem
kleinen Manne wieder begegnet zu sein, der ihm Nachricht von vielen
Menschen bringen konnte. Uebrigens sah er recht gut, da sich Jeremias,
wenn er auch sonst vielleicht noch der Alte geblieben, in seinen
Verhltnissen und seinem ganzen Leben sehr gebessert haben mute.

Er war nicht allein sehr anstndig gekleidet, sondern sah auch adrett
und sauber aus. Er trug keinen Goldschmuck irgend welcher Art an sich,
aber seine Kleider vom besten Tuch, und schneeweie Wsche. Nur in die
Glac-Handschuhe hatten sich die arbeitsharten Hnde nicht gewhnen
knnen, mglich auch, da vielleicht keine passende Gre aufzufinden
gewesen, denn im Innern der Hand waren schon beide aufgeplatzt. Aber
seine Bewegungen blieben frei und unbefangen, wie immer.

Nun sagen Sie mir aber vor allen Dingen, Jeremias, rief Rottack
endlich, nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen ber dieses
pltzliche Begegnen erholt, wie kommen Sie gerade nach Haburg? Stammen
Sie aus dieser Gegend, oder hat Sie nur der Zufall hierher gefhrt?

Keins von Beiden, erwiderte der kleine Mann, der aber sonderbarer
Weise wie etwas verlegen bei der Frage wurde; das ist brigens eine
lange Geschichte, Herr Graf, die sich nicht so auf der Strae erzhlen
lt.

Dann kommen Sie mit uns, Jeremias, rief der Graf rasch, und essen Sie
mit uns -- wir gehen gerade zum Diner!

Aber, Herr Graf! rief Jeremias, ordentlich verblfft.

Machen Sie keine Umstnde, lachte Felix, der seelenfroh war, gerade
jetzt etwas zu finden, das Helene zerstreuen und ihr die frohe Laune
wiedergeben konnte; wir sind ganz unter uns und knnen da nach
Herzenslust plaudern. Ich habe eine ordentliche Sehnsucht danach, wieder
einmal etwas von Brasilien zu hren.

Na, wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, lachte Jeremias, dem
man es aber ansah, wie schmeichelhaft ihm die Auszeichnung war --
mir kann's recht sein. Jemine, es geht aber doch eigentlich nirgends
curioser zu, als in der Welt!

Also Sie kommen mit? lchelte Helene, die selber schon zu lange in
den transatlantischen Colonien gelebt hatte, um darin etwas
Auerordentliches zu finden, da ein Mann, der frher sogar in einem
dienenden Verhltnis zu ihnen gestanden, jetzt auch einmal ihr Gast sein
sollte, ja, es drngte sie selber, Neues aus dem alten Leben zu hren,
mit dem sie jetzt freilich vollkommen abgeschlossen.

Ob ich mitkomme, lachte aber Jeremias, mit dem grtmglichsten
Vergngen, und die kleine Erbprinzessin werde ich mir indessen
ausbitten, und damit wollte er das kleine Helenchen von der Erde und
auf den Arm nehmen. Das aber war fr Helenchen zu viel Vertraulichkeit
auf einmal -- den fremden Mann kannte sie ja noch gar nicht, und mit
einem: Du, das darfst Du nicht! fuhr sie zurck und wehrte ihn mit
ihren kleinen Hndchen von sich ab.

Steckt im Blute, lchelte Jeremias, whrend er, den Kopf seitwrts
gehalten, nach ihr hinabsah -- bin der kleinen Comtesse noch nicht
vorgestellt worden; aber ich wei, wie man's macht -- bitte, warten
Sie nur einen Augenblick! und ehe Graf Rottack und Helene nur etwas
entgegnen konnten, drehte er sich ab und scho mit langen Schritten auf
eine gerade dort gelegene groe Conditorei los, in die er eintauchte
und wenige Minuten spter wieder mit einer riesigen, goldpapiernen
Zuckerdte zum Vorschein kam.

Na, und jetzt, mein gndiges Frulein, rief er, indem er dem lachenden
Kinde die Dte offen hinhielt, was sagen wir nun? Zugegriffen, versteht
sich -- Kinder sind sich doch alle gleich, allgemeine Menschennatur. Und
jetzt wollen wir zum Essen gehen, wenn die Frau Grfin nichts dagegen
haben.

Damit nahm er die Kleine, die es sich, eifrig mit der Dte beschftigt,
jetzt auch ruhig gefallen lie, ohne Weiteres auf den Arm und unterhielt
sich, whrend Felix mit der Gattin voran und ihrem Hause zuschritt,
unterwegs mit der ihm erst erstaunt und dann lachend zuhrenden Bonne.




3.

Das Rendezvous.


Mild und erwrmend lag die Nachmittagssonne auf dem schnen Land und
warf einen ordentlich magischen Schein ber die rothblinkenden Stmme
eines Tannenwaldes, der, dunkel und dicht gedrngt, die nchste
Hgelkette deckte, und ber das breite, wohlgepflegte Wiesenthal, das
sich am Fue desselben hinzog. Ein kleiner, schmaler Flu schlngelte
sich hindurch, helle Weidenbume mit ihrem graugrnen Laube faten ihn
ein, whrend einzelne hochstmmige Erlen mit den knotigen, oft behackten
Stmmen dazwischen standen und malerische Gruppen bildeten. Der
Flu aber sprang murmelnd und rasch zwischen ihnen hin und warf die
Sonnenstrahlen wie spielend in blitzenden Lichtern zurck.

Seitwrts aber erhob sich ein kleiner, sorgfltig mit Blthenbschen
bepflanzter Hgel, aus dessen Strauch- und Baumwerk, von einzelnen
schlanken italienischen Pappeln berragt, die Mauern eines stattlichen
Schlosses oder Herrenhauses hervorleuchteten, whrend rechts durch einen
tiefen Einschnitt der Hgelkette die Ziegeldcher von Haburg und der
eine Thurm des Domes sichtbar wurden.

In dem Wiesenthale selber, bald dicht am Ufer des kleinen Flusses, bald
mitten darin, lagen zerstreute Gruppen von Birken, knorrigen Eichen,
Linden und Blutbuchen, als ob sie der Zufall dort htte keimen lassen.
In der That aber waren sie knstlich angelegt und gepflegt, und dienten
auch nur dazu, um der ganzen Gegend etwas Parkhnliches zu geben, ohne
ihr jedoch den Charakter ihrer ursprnglichen Natrlichkeit zu nehmen.

Der ganze District war auch in der That nur ein erweiterter Theil des
unmittelbar an das Schlo stoenden Gartens, und ein schmaler, aber
gut gehaltener und mit Kies berstreuter Fahr- und Reitweg lief, den
Windungen des Wassers folgend, auf das Schlo zu. Das Ganze wurde durch
einen leichten, grn angestrichenen Drahtzaun eingeschlossen, der aber
von Weitem gar nicht sichtbar war und dadurch dem Parke nur noch mehr
das Ansehen einer freien Landschaft lie.

Menschen waren nirgends zu erkennen, nur unten am Flu, wo das
Hochwasser die Uferbank so ausgewaschen hatte, da die das Erdreich
zusammenhaltenden Wurzeln einer uralten Erle fast eine Art von Dach
bildeten, kauerte ein Mensch neben einem hier durch die Strmung
gewhlten Wasserloch und angelte.

Ob er ein Recht dazu hatte? Es schien kaum so, denn Alles verrieth weit
eher, da er sich hier auf verbotenem Grund oder doch jedenfalls bei
einer verbotenen Beschftigung befand. Er benutzte eine hchst sinnreich
so gefertigte Angelruthe, da sie, wenn er sie zusammenschob, genau in
seinen alten Eichstock pate und durch die unten angeschraubte Zwinge
dann vollkommen abgeschlossen und versteckt wurde, und hatte dabei
eine alte, abgenutzte, lederne Jagdtasche umgehngt, in welcher auch
jedenfalls sein briges Angelgerth stak, denn drauen war nichts weiter
davon zu bemerken.

Der ganze Bursche sah berhaupt alt und abgenutzt aus. Er trug einen
fadenscheinigen, grauen Rock mit fettigem Kragen, alte lederne Gamaschen
und derbe Schuhe, auf dem Kopfe eine abgegriffene, graue Mtze, und
eine baumwollene Weste, wie sie die rmsten Bauern zu tragen pflegen. Er
schien dabei auch nicht mehr jung; das unter der Mtze hervorquellende
Haar war, wenn nicht ganz wei, doch stark gesprenkelt. Nur der
kleine, struppige Schnurrbart, der nicht zu seinem Vortheil Spuren von
Schnupftabak zeigte, war vllig wei, was sich leider nicht von seiner
Wsche sagen lie, und trotzdem sah der Mensch aus, als ob er schon
einmal bessere Tage gesehen htte, mochte er jetzt auch noch so arg
heruntergekommen sein. Seine Stirn war hoch und gewlbt, und das kleine,
graue, lebendige Auge konnte, wenn es nicht scheu umherblickte, oft
recht trotzig unter den buschigen Brauen hervorleuchten.

In seiner, ob nun hier erlaubten oder verbotenen Kunst schien er
brigens gar nicht so ungeschickt, denn in der kurzen dort verbrachten
Zeit hatte er schon zwei mehr als halbpfndige Forellen aus dem
fischreichen Strom herausgeworfen, ihnen dann augenblicklich mit einem
alten, abgenutzten, aber haarscharfen Genickfnger den Kopf durchstochen
und sie, also abgeschlachtet, in seinen Ranzen geschoben.

Uebrigens zeigte er wenig Furcht bei seiner Beschftigung, so versteckt
er sie auch trieb; er qualmte aus einer kleinen, kurzen Pfeife mit einem
Maserkopf und einer Spitze, die jedem andern Menschen das Rauchen htte
fr Lebenszeit verleiden knnen, und hob nur selten einmal und nur dann,
wenn er wieder einen Fisch gefangen, den Kopf, um ber den Wiesenrand in
den Park hinaus zu sehen. Aber er hatte auch einen Wchter.

Oben unter der Erle sa ein kleiner Spitz, so alt und ruppig und grau
gesprenkelt wie sein Herr, ein Auge geschlossen, als ob er auf der Seite
schliefe, whrend das andere aufmerksam bald da, bald dort hinberflog,
und so regungslos, als ob er zu den Wurzeln, zwischen denen er kauerte,
gehrte. Der alte Fischer war auch vllig unbesorgt, denn er wute recht
gut, da ihm das kleine pfiffige Thier das Nahen irgend eines Menschen
augenblicklich anzeigen wrde -- war es doch darauf dressirt.

Uebrigens hatte der Alte ein Recht, sich hier im Park aufzuhalten, denn
sein angebliches Geschft war, die Maulwrfe aus den Wiesen wegzufangen,
worin er eine ganz besondere Geschicklichkeit besa. Auch in der Gegend,
in welcher er seit etwa drei Jahren sein Wesen trieb, war er bekannt
genug, und das Volk nannte ihn kurzweg den Maulwurfsfnger. Sodann
fhrte er auch Gift fr Ratten und Muse bei sich, wute Mittel gegen
jedes andere Ungeziefer, und die Bauern in der Umgegend lieen es sich
auerdem nicht nehmen, da er mehr verstehe, als Brod essen, das
heit, da er auch mit bernatrlichen Dingen Gemeinschaft pflege und
in einer Anzahl von schwarzen Knsten erfahren sei, die er, wenn er
wolle, sowohl zum Nutzen wie zum Schaden seiner Mitmenschen benutzen
knne.

Der grfliche Revierfrster, welcher den Maulwurfsfnger vielleicht
schon deshalb hate, weil ihn dieser immer spttisch Herr College
nannte, kam der Sache jedenfalls nher, wenn er den Menschen fr einen
ganz durchtriebenen Burschen hielt, der sich eben so wenig ein Gewissen
daraus gemacht htte, eine Schlinge fr einen Maulwurf wie fr einen
Hasen oder fr ein Reh zu legen; wenigstens hatte er schon einige von
diesen angetroffen, ohne aber je dem Thter auf die Spur zu kommen. War
es der alte Fritz, wie der Bursche in der Nachbarschaft allgemein mit
seinem Vornamen hie, wirklich gewesen, so wute er es viel zu schlau
anzustellen, als sich von einem der Beamten erwischen zu lassen, und da
man ihm in der That keine ungesetzliche Handlung nachweisen konnte,
gab Graf Monford, dem diese Besitzung gehrte, auch dem Drngen
seines Frsters nicht nach, dem verdchtigen Gesellen das Betreten des
herrschaftlichen Bodens zu verbieten. Er solle nur ordentlich aufpassen,
erwiderte er stets dem Frster, und wenn er ihn je einmal ertappe, sei
es noch immer Zeit ihn fortzujagen, frher nicht.

Eine Stunde mochte der Mann etwa so unter der alten Erle gesessen
und geangelt haben, und hatte eben wieder einen starken Fisch
herausgebracht, als der Spitz oben leise knurrte.

Bravo, mein Hundchen, lachte der Alte vor sich hin, und gerade zur
rechten Zeit, denn dem Platz hier mu ich doch jetzt ein paar Tage Ruhe
geben.

Mit diesen Worten schlachtete er seine zappelnde Beute ab, schob sie zu
den Uebrigen in den Ranzen, vertilgte dann rasch soviel als mglich alle
Spuren, die da unten seine Beschftigung htten verrathen knnen, und
richtete sich vorsichtig in die Hhe. Er brauchte auch nicht lange umher
zu suchen, von welcher Seite Jemand nahe, denn der Kopf seines klugen
Hundes gab ihm dafr die genaue Richtung an, und dort hinber sehend,
erkannte er bald, da er von _diesem_ Strenfried nichts zu frchten
habe.

Es war ein sehr elegant, fast etwas auffllig gekleideter Herr,
eine Persnlichkeit wie aus einem Modejournal herausgeschnitten, mit
sorgfltig gepflegten Locken, kleinem, sehr zierlichem Schnurrbart,
Glanzstiefeln, kurz Allem, was dazu gehrt. Was sich aber nicht gehrte,
war, da er nicht auf dem Wege her, wo die Thr lag, sondern quer ber
die Wiese kam, also jedenfalls ber den Drahtzaun gestiegen sein mute.
Eben so wenig schien er auf einem gleichgltigen Spaziergang begriffen,
sondern weit eher Jemanden zu suchen oder zu erwarten. Dem schlauen
Maulwurfsfnger konnte es wenigstens nicht entgehen, da er sich
vorsichtig nach allen Seiten umsah und seine Richtung so ber die Wiese
nahm, um fortwhrend durch die Bsche und Baumgruppen gegen einen Blick
von den oberen Schlofenstern gedeckt zu bleiben.

Spitz, komm 'runter, flsterte der Alte jetzt seinem Hunde zu, denn
er hatte seinen Plan gendert, das Versteck zu verlassen, und schien vor
der Hand einmal abwarten zu wollen, was der fremde Herr hier im Schilde
fhre. Mglich auch, da er selber nicht von ihm gesehen zu werden und
deshalb nur noch seine Zeit abzupassen wnschte, um ihn erst hinter die
eine oder die andere Baumgruppe zu lassen -- und doch war wohl hier nur
sehr wenig Gefahr vorhanden, da der feine Stutzer ihn verrathen oder
selbst nur ahnen konnte, was er da getrieben.

Der Spitz gehorchte brigens augenblicklich. Wie ein Fuchs drckte
er sich auf den Boden und kroch dicht an den Wurzeln der Erle hin bis
hinter den Stamm, von wo er auf das unmittelbare Fluufer hinabsprang.
Hier allerdings schnffelte er erst einmal nach den, wenn auch
vertilgten Blutspuren der abgeschlachteten Fische hin; dann drehte er
sich ein paar Mal im Sande herum, bis er die richtige Stellung gefunden
hatte, und legte sich zusammengerollt ruhig nieder. Er wute, da seine
Dienste vor der Hand nicht weiter in Anspruch genommen wurden.

Der Maulwurfsfnger hatte indessen, ohne weitere Notiz von seinem Hund
zu nehmen -- das Kinn auf die zusammengestellten Fuste gesttzt --
die Bewegungen des Nahenden ber die Uferbank hin eine ganze Weile
beobachtet. Er wute dabei recht gut, da er selber nicht gesehen werden
konnte, denn seine graue Mtze und sein graues Haar verschwanden auf die
Entfernung vllig in der Erdfarbe des Bodens. Pltzlich aber stahl sich
ein grimmes Lcheln ber seine Zge, denn vom Schlo herunter entdeckte
er durch die Bsche ein lichtes Frauenkleid, das mit dem Besuche
augenscheinlich in Zusammenhang stand.

Der Alte hatte nun allerdings vortreffliche Augen, schien sich aber hier
doch nicht allein auf diese verlassen zu wollen, sondern griff in die
Brusttasche und holte von dort ein kleines Teleskop hervor, das er
auseinander zog und auf die nahende Dame richtete. Nur wenige Secunden
sah er aber aufmerksam hindurch, als er auch schon leise vor sich hin
pfiff und dann lachend murmelte:

Sieh, sieh, sieh, Comtesse Paula, auch schon auf der Jagd, und noch
dazu, wie es scheint, auf verbotenem Wilddiebstahl -- was man doch nicht
Alles erlebt, wenn man alt wird! Und wer zum Henker ist denn nur der
feine Herr, der nicht offen in's Schlo kommen darf, sondern hinten
herum ber die Zune steigen mu, um von der verbotenen Frucht zu
naschen? Hm, das Gesicht kenne ich nicht, setzte er leise hinzu, als er
das Glas dort hinber gerichtet hatte. Geschniegelt und gebgelt genug
sieht er aus, um da oben hinein in die Gesellschaft zu passen, mit
goldenen Ketten und Ringen und allem mglichen Firlefanz; wird ihm aber
wohl am Besten fehlen, am alten Adel. Ja, mein Schatz, da mut Du Dir
freilich die Graupen nach der jungen Grfin Monford vergehen lassen,
oder...

Er brach kurz ab, drehte sich um, kauerte sich wieder am Wasser nieder
und starrte wie in alte Erinnerungen versunken auf die blitzende Flche,
aber ein hhnisches, ordentlich unheimliches Lcheln zuckte um seine
Lippen.

Puh, sagte er endlich und blies den Qualm seiner Pfeife in einer
dichten Wolke von sich, es giebt nichts Neues mehr auf der Welt, Alles
schon da gewesen, Alles; wird ordentlich langweilig, hier oben noch
lnger herum zu trampen. Komm, Spitz, wir wollen machen, da wir nach
Hause kommen, was geht's uns Beide an?

Damit schob er seine Angelruthe wieder sorgfltig zusammen und schraubte
die Zwinge fest. Der Spitz hatte sich aufgerichtet und benutzte die ihm
gegnnte freie Zeit, um sich erst hier unten am Wasser noch ein paar
brige Flhe abzukratzen. Sein Herr sah indessen noch einmal ber die
Uferbank, ohne jedoch das Teleskop mehr zu Hlfe zu nehmen.

Die jungen Leute hatten sich richtig gefunden; die Dame lehnte im Arm
des Fremden, das Haupt an seiner Brust, und whrend er sie mit dem
rechten Arm untersttzte, fhrte er sie auf einem der kleinen Pfade hin,
die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlngelten. Dort drinnen
lie sich von hier aus nicht einmal mehr das lichte Kleid der Dame
erkennen, und der Maulwurfsfnger fate ohne Weiteres seinen daran schon
gewhnten Hund auf, hob ihn in die Hhe, warf ihn auf die Uferbank und
kletterte ihm dann selber nach, um in die Stadt, wo er seine Wohnung
hatte, zurckzukehren.

Er hielt aber dabei eben so wenig den Pfad, wie der junge Herr vorher,
sondern schlenderte, von dem Hunde gefolgt, der Schwanz und Ohren hngen
lie, als ob er nicht Drei zhlen knnte, quer ber die Wiese, und zwar
gerade dem Bosquet zu, in welchem die beiden Liebenden verschwunden
waren. Er that das aber nicht etwa aus Neugierde, sondern sein nchster
Weg lag gerade dort hindurch, und er hielt sich auch nicht einmal mehr
im Gehen auf. Nur den Blick warf er, auch mehr aus alter Gewohnheit,
suchend umher; aber von dem Prchen war nichts mehr zu erkennen, und
bald darauf betrat er wieder die Wiese, die ihn unten am Schloberg hin
zu dem Hauptfahrweg fhrte.

Kurz vorher, ehe er diesen erreichte, bemerkte er die grfliche
Equipage, welche aus der Stadt heraufgefahren kam. Er blieb oben auf
dem etwas hheren Rasenrand stehen und zog, whrend wieder das alte
spttische Lcheln um seine Lippen zuckte, mit fast bertriebener
Ehrfurcht die Mtze vor den Herrschaften.

Der Graf, ohne mehr als einen flchtigen Blick nach ihm hinber zu
werfen, dankte durch ein leises Kopfnicken; die Grfin beachtete ihn gar
nicht.

Ganz unterthnigster und gehorsamster Diener, meine verehrten
grflichen Herrschaften, spottete inde der Maulwurfsfnger hinter
ihnen her und hielt noch immer die abgezogene Mtze in der Hand;
wnsche eine recht angenehme Fahrt und besonders viel Glck zu dem
neuen geheimnivollen Schwiegersohn des edlen, unbefleckten grflichen
Stammbaumes! Hahahahaha, lachte er dann toll und lustig auf, indem
er die Mtze wieder auf den Kopf stlpte, ob es denn nicht rein zum
Todtschieen ist, wenn man die hochnasige Grethe da im Wagen sitzen
sieht und dann zurckdenkt, wie -- hei, lustig, Maulwurfsfnger,
Kammerjger! heute wollen wir da unten auch eine grfliche Mahlzeit
halten, zur Erinnerung an die alten Zeiten, und auf die Gesundheit
des fidelen Brautpaares eine Flasche guten Weins leeren; habe so lange
keinen gekostet -- hurrah!

Damit fate er seinen durch die Fische beschwerten Ranzen mit der linken
Hand, sprang auf den Fahrweg und verfolgte von jetzt an rasch seinen Weg
nach Haburg hinab.--

Und so lange habe ich Deine sen, lieben Augen nicht kssen drfen,
meine Paula, klagte indessen der junge Mann, den der Maulwurfsfnger in
den Park hatte schleichen sehen, indem er das junge, schchterne Mdchen
an sich zog und wieder und wieder ihre Stirn und Augen kte.

Ach, Rudolph, seufzte Paula, die immer noch scheu den Blick umherwarf,
ob sie nicht von irgend einem Lauscher bemerkt werden knnten, nur auf
Minuten war ich im Stande, mich wegzustehlen, denn Du glaubst nicht,
wie mich diese alte, hliche Gouvernante, die sie jetzt
meine Gesellschafterin nennen, qult und peinigt. Eine schne
Gesellschafterin, nicht einmal Raum, an Dich zu denken, lt sie mir den
langen Tag mit ihren ewigen Gesprchen und Bchern, mit ihrer Musik und
ihren alten, langweiligen Classikern.

Mein armes, armes Kind! rief Rudolph feurig aus; aber die Zeit
wird ja auch kommen, wo wir uns vor der Welt angehren drfen, Deine
Eltern...

Ach, Rudolph, seufzte das arme Mdchen unter Thrnen, hoffe nicht auf
die; nur eine Andeutung machte ich neulich, da ich glaubte, ich knne
auch mit einem Manne glcklich werden, der von geringerem Stande sei,
als ich, und meine Mutter gerieth auer sich -- ich frchte Alles!

Und ich frchte nichts, rief der junge Mann, eigentlich mit etwas zu
viel Pathos, nichts, als die Grenzen Deiner Liebe; la auch Hindernisse
wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie fr Treppen nehmen und
darber hin in Louisens Arme fliegen!

In Louisens? sagte das junge Mdchen erschreckt.

In Deine, mein Herz, lchelte ihr Geliebter; kennst Du die wunderbar
schne Stelle aus Kabale und Liebe denn nicht?

Ach, Rudolph, mir ist das Herz so schwer; was kann ich gegen den Willen
der Eltern thun?

Ha, la doch sehen, declamirte Rudolph weiter, ob ihr Adelsbrief
lter ist, als der Ri zum unendlichen Weltall; wer kann den Bund zweier
Herzen lsen oder die Tne eines Accords auseinander reien!

Aber Du weit nicht, Rudolph, wie entsetzlich streng die Eltern sein
knnen, wo es, wie sie glauben, die Ehre ihres Hauses gilt; mein Wort
verhallt da ohne Klang.

So flieh mit mir, Geliebte, drngte Jener; was ntzt uns Glanz und
Pracht, wenn unsere Herzen verbluten? Meine Kunst ernhrt uns, wohin
wir den Fu wenden. Dem Namen Handor jauchzt die ganze Knstlerwelt
entgegen, und frei und glcklich leben wir den Musen, der Liebe...

Ach, Rudolph, ich soll die Mutter, soll den Vater verlassen?

Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, gebietet Dir
selber die heilige Schrift.

Mein armer Vater!

Er wird seine Hrte bereuen, wenn er sieht, welche ruhmvolle Laufbahn
Du gewhlt, und erweicht, gerhrt Dich an sein Herz zurckrufen.

Er wird mir fluchen!

Gut, so bleib, sagte Rudolph resignirt, indem er den Arm wie abwehrend
gegen sie ausstreckte, bleib Deine Lebenszeit ein Sclave jener
alternden Vorurtheile und Formen; folge der Hand, die Dich erbarmungslos
zur Schlachtbank fhrt -- Dein Rudolph kann entsagen--

  Wie konnte solch ein Glck auch mir beschieden,
  Vom Himmel mir gegnnt sein -- mir, dem ja
  Das Schicksal von der Wiege jede Freude
  Verbittert und vergiftet! Dem der Becher,
  Zum Trunk gehoben schon, von durst'ger Lippe
  So oft und oft gerissen wurde! Geh --
  Geh -- geh, Zuleima -- glcklich wirst Du sein,
  Und ich? -- Fr mich kein Glck -- fr mich ein Grab!

Und wie verzweifelnd barg er das Antlitz in den Hnden.

Rudolph, Rudolph, oh, nicht so, Du weit ja, da Du mir das Herz mit
solchen Reden brichst; thu es nicht, thu es nicht!

Aber welcher Ausgang bleibt mir, als der Tod? Du weit, da ich nicht
ohne Dich leben kann, weit, da ich verderben und untergehen mte,
wenn nicht Dein reines Herz mich an dieses Leben fesselt! Aber was
kmmert das Dich, setzte er bitter hinzu, Du folgst Deinem Vater,
Deiner Mutter; der arme Rudolph mag zu Grunde gehen, er ist ja doch nur
ein Schauspieler.

Und habe ich das um Dich verdient, Rudolph? sagte Paula mit leisem
Vorwurf im Ton, whrend sie ihr schmerzbewegtes Antlitz zu ihm emporhob.
Habe ich Dir nicht wieder und wieder bewiesen, wie meine ganze Seele
nur an Dir hngt, wie ich kein Glck, keine Seligkeit auf dieser Welt
kenne, als nur Dich?

Und doch willst Du mir entsagen, erwiderte der junge Mann schmerzvoll,
doch hltst Du es fr mglich, da Du entsagen kannst, whrend mir
schon bei dem bloen Gedanken daran das Blut zu Eis gerinnt, und meine
Pulse aufhren zu schlagen?

La mir Zeit zum Denken, Rudolph, bat das arme Kind, habe Nachsicht
mit meiner Schwche, wenn ich einen Augenblick schwanken und zaudern
konnte. Sieh, noch ist es ja auch nicht so weit, noch ist es ja mglich,
da ich der Eltern Herz zum Besten wende; ich will es wenigstens
versuchen, ich will Alles thun, was in meinen Krften steht, um einen
Schritt zu vermeiden, der ja doch mein ganzes knftiges Leben, selbst an
Deiner Seite, mit einem Vorwurf belasten mte.

Und wenn Alles fehlschlgt?

Ich bin Dein, Rudolph, Dein fr alle Zeiten, rief Paula, Gott sei
mir gndig, aber ich kann nicht anders; was da auch kommen mge, welche
Prfung mir der Himmel auch auferlegt, ich fhle es, da die Liebe zu
Dir strker ist als alles Andere!

Mein Mdchen, mein ses Leben, rief Handor, jetzt bricht auf's Neue
ein Strahl der Hoffnung in mein zerrissenes Herz; aber sie werden Dich
zwingen wollen!

Der Gewalt setz' ich Gewalt entgegen, rief Paula leidenschaftlich,
treiben sie mich zum Aeuersten, so fallen die Folgen auch auf ihr
Haupt zurck; Gott htte diese Liebe zu Dir nicht in mein Herz gelegt,
Rudolph, wenn sie nicht gttlich wre, und seiner Weisung will ich
folgen. Aber ich mu jetzt fort.

  Und kann ich nie
  Ein Stndchen ruhig Dir am Busen hngen
  Und Brust an Brust und Seel' in Seele drngen?

klagte Rudolph, Gthe's Faust citirend.

Ich darf nicht lnger bleiben, sagte Paula, ja, ich frchte, da
meine Eltern schon zurck sind und nach mir gefragt haben.

Und wann sehe ich Dich wieder?

Paula zgerte einen Augenblick mit der Antwort. Wir drfen nicht so oft
zusammen kommen, sagte sie endlich. Du glaubst nicht, wie viel Augen
uns bewachen. Aber es ist doch vielleicht nthig, da ich Dir morgen
Nachricht gebe; so sei denn morgen Abend -- morgen Abend ist kein
Theater, nicht wahr?

Nein, mein Herz, ich habe den Tag und Abend frei.

Gut denn, so sei morgen Abend an der bewuten Stelle neben dem alten
Wartthurm. Es ist mglich, da ich selber Zeit finde, einen Moment
dorthin zu kommen, wo nicht, findest Du einen Zettel an dem bestimmten
Platz.

Tausend Dank, mein ses Leben! rief Rudolph leidenschaftlich, indem
er sie umschlang und wieder und wieder kte. Sie gab sich seinen
Liebkosungen auch fr wenige Secunden hin, dann aber machte sie sich
leise von ihm los.

Lebe wohl, Rudolph, lebe wohl! rief sie ihm zu, drckte noch einen
Ku auf seine Lippen und floh dann wie ein gescheuchtes Reh den Busch
entlang, um erst weiter oben den Pfad wieder zu erreichen, von wo sie
nachher langsam, wie von einem Spaziergang kommend, nach dem Schlo
zurckkehren konnte.

Himmlisches Mdchen, sagte Rudolph, der stehen geblieben war und
ihr mit einem behaglichen Lcheln nachgesehen hatte, lauter Feuer
und Gluth, eine lebendige Julia! Und der Alte? Bah, er wird eine Weile
wthen und Rache schnauben, da die Comtesse mit einem Komdianten
durchgegangen, und zuletzt bleibt es immer die alte Geschichte. Was
will er denn machen? Es ist die einzige Tochter, und wenn ihm der
Schwiegersohn auch gerade nicht genehm sein mag, mu er doch schon gute
Miene zum bsen Spiel machen -- der alte adelsstolze Narr der.

Und sich erst vergngt und selbstzufrieden die Hnde reibend -- von
seiner vorigen Verzweiflung war keine Spur mehr zu entdecken--, griff
er seinen kleinen Spazierstock wieder vom Boden auf, schlenderte langsam
nach dem nchsten Weg hinaus, blieb hier noch einmal stehen, um sich
erst mit seinem Taschentuch die in dem trocknen Laub und Sand staubig
gewordenen Glanzstiefeln zu subern, und schlug dann dieselbe Richtung
wieder ein, von der er vorher gekommen und wo er mit einem kleinen Umweg
das Schlo und dessen nchste Umgebung vermied, um von dort ungesehen in
die Stadt zurckzukehren.




4.

Die grfliche Familie.


Die Equipage des Grafen Monford fuhr indessen langsam den sogenannten
Schloberg hinauf, denn der Graf hielt auerordentlich auf seine
Pferde und litt nie, da sie nutzlos angestrengt wurden, strafte auch
nichts hrter, als einen Versto gegen die darber erlassenen Befehle.
Der leichte Wagen knirschte ber den hier reichlich ausgestreuten Kies,
und der Weg zog sich bis zur Treppe des Herrenhauses durch einen wahren
Flor von in voller Blthe stehendem Hollunder, Goldregen, Akazien und
Schneeballen hin, whrend die Front des ganzen Gebudes mit allen nur
erdenklichen Topfgewchsen so reich geschmckt war, da selbst die
breite, kunstvoll gearbeitete Marmortreppe, die zu dem Gartensalon und
Empfangszimmer hinauf fhrte, einem vollblhenden Garten glich und
den Duft ihrer Blumen durch die geffneten Fenster in alle Rume des
Schlosses sandte.

Und alle Rume waren so reich als geschmackvoll ausgestattet, denn
Graf Monford besa ein bedeutendes Vermgen und hatte auf seinen
weiten Reisen gelernt, sich die Bequemlichkeiten und den Luxus aller
Himmelsstriche anzueignen, ohne dabei sein Haus zu berladen. Die
kostbarsten Gemlde, die herrlichsten Statuen und Statuetten schmckten
die Zimmer, aber wo sie standen, schien es auch, als ob sie fehlen
wrden, wenn man sie weggenommen htte.

Eine zahlreiche Dienerschaft fllte dabei das Haus -- Graf Monford hatte
frher auf von seinem Vater ererbten Besitzungen in Westindien gelebt
und sich daran gewhnt, eine Masse von Dienstleuten um sich zu haben
-- und herrliche Pferde standen in den Stllen, die sich, mit weiten
Rasengrnden fr die Fohlen, eine ganze Strecke in den Park hineinzogen.

Als er ausgestiegen war, blieb er auch noch eine Weile (whrend seine
Gemahlin nach oben ging, um Toilette zum Diner zu machen, und der
Bediente eine Anzahl aus der Stadt mitgebrachter Pakete aus dem Wagen
nahm) auf der Treppe stehen, um indessen seine beiden Goldfchse zu
betrachten, die, ungeduldig ber den Aufenthalt, die schnen Kpfe auf
und nieder warfen.

Der Soliman scheut noch immer, sagte er dabei, whrend sein prfender
Blick ber die Thiere glitt und den Kutscher besorgt machte, da
er etwas Ungehriges daran entdecke, -- da wir ihm das gar nicht
abgewhnen knnen.

Er ist lammfromm geworden, Herr Graf, erwiderte aber der Mann, indem
er mit dem Ende der Peitsche langsam eine Stechfliege vom Halse des
besprochenen Thieres zu entfernen suchte -- aber die fremden Beester
jetzt in der Stadt, da scheut beinahe jedes Pferd.

Der Graf nickte und betrat dann den mit feinen indischen Matten belegten
Marmorboden des untern Saales, whrend der Kutscher, da Alles aus
dem Wagen entfernt war, leise mit der Zunge schnalzte und nach den
Stallgebuden hinberfuhr.

Im Salon war Graf Monford sonst gewhnt, da ihm seine Tochter
entgegenkam. Er traf heute nur ihre Gesellschafterin, Mademoiselle
Beautemps, eine ausgetrocknete Franzsin, sehr elegant gekleidet, aber
mit einem etwas verbissenen Zug um die dnnen Lippen und sehr steifer,
selbstbewuter Haltung.

Wo ist Paula, Mademoiselle?

Ich war eben im Begriff, sie zu suchen, Herr Graf, erwiderte die Dame.
Sie ist in den Park spazieren gegangen, ohne mir ein Wort davon zu
sagen.

Das wre freilich unverantwortlich, entgegnete Graf Monford, whrend
es wie ein leises, halb spttisches Lcheln um seine Lippen zuckte,
besonders wenn man bedenkt, da das Kind erst siebzehn Jahre alt
ist und wahrscheinlich im nchsten Jahre heirathen wird. Hat sie ihre
Kammerjungfer mit?

Sie ist vollstndig allein gegangen.

Vollstndig allein? So -- nun, sie wei, da wir um fnf Uhr diniren,
und wird zur rechten Zeit zurck sein.

Aber nicht einmal Zeit behalten, ihre Toilette zu machen. Wenn mir der
Herr Graf erlauben...

Sie werden sie dann verfehlen und ebenfalls das Diner versumen. Sie
wird schon kommen -- und damit schritt er in sein Zimmer hinber, das
zu ebener Erde lag.

Mademoiselle Beautemps bi sich auf die Lippen, antwortete aber
nur, sich ihrer Stellung und Wrde bewut, durch eine sehr frmliche
Verbeugung, die der alte Herr nicht einmal bemerkte, und trat dann
auf die Treppe hinaus, um die Ankunft ihres ungehorsamen Zglings mit
anscheinender Geduld, bei der sie aber in innerlichem Aerger fortwhrend
in raschem Tacte die Marmorplatten mit dem Fu schlug, zu erwarten.

Ein Reiter kam den Weg heraufgesprengt, hielt an der Treppe, sprang
aus dem Sattel, warf die Zgel seines warm gewordenen Thieres dem ihm
folgenden Reitknecht zu, und war dann in wenigen Stzen oben bei der
Gouvernante.

Ah, guten Morgen, Mademoiselle -- Karl, reib das Pferd gut ab, und da
dann der Fingal gesattelt wird -- ich reite nach dem Diner gleich wieder
in die Stadt zurck. -- Wo ist Paula, Mademoiselle?

Thut mir leid, Ihnen keine Auskunft geben zu knnen, Herr Graf, sagte
die Dame achselzuckend; die Comtesse scheint die Zgel der Regierung
selber in die Hand nehmen zu wollen.

Durchgebrannt? lachte der junge Mann, indem er seine Handschuhe auszog
und in den Reitrock steckte. Die Eltern sind aber zu Hause, wie
ich sehe, setzte er mit einem Blick auf die Wagenspuren hinzu, und
wahrhaftig, gleich fnf Uhr -- alle Wetter, da habe ich keine Zeit
mehr zu verlieren! und rasch sprang er in das Haus und in sein eigenes
Zimmer hinauf.

Mademoiselle Beautemps hatte wenigstens die Genugthuung, nicht lnger
auf die Folter gespannt zu sein, denn in diesem Augenblick kam auch die
Comtesse aus dem Park herauf. Sie mute scharf gegangen sein, denn sie
sah erregt aus.

Aber, Comtesse, ich bitte Sie um Gottes willen, wo haben Sie gesteckt?
Kann man denn nicht auf einen Augenblick den Rcken wenden!

Sind die Eltern schon da?

Schon lange, es wird gleich servirt werden. Und wie sehen Sie aus! Mit
der Frisur knnen Sie gar nicht bei Tafel erscheinen! Wo waren Sie?

Im Park. Ist George auch schon da?

Alle -- es wird den Augenblick dinirt. Ich mu wirklich in Zukunft
bitten...

Paula lie sie gar nicht ausreden. An ihr vorber huschte sie durch den
Saal in ihr eigenes kleines Boudoir, wo Bertha, ihre Kammerjungfer, sie
schon erwartete, und als Mademoiselle Beautemps, damit nicht zufrieden,
sich das Wort abgeschnitten zu sehen, ihr dahin folgen wollte, um ihre
Ermahnung und Strafpredigt zu beenden, hatte die sorgsame Zofe schon den
Riegel vorgeschoben. Es wurde Niemand mehr eingelassen.

Paula brauchte aber fr ihre Toilette auerordentlich wenig Zeit; das
volle, herrliche Haar fiel fast von selbst in seine natrlichen Locken,
und noch ehe die Grfin Mutter den Speisesaal betrat, wo in diesem
Augenblick gerade die Suppe aufgetragen wurde, war sie dort.

Ihr Bruder stand schon am Fenster und bltterte in einem Haufen von
Zeitungen.

Ah, da bist Du ja! rief er ihr entgegen. Sag', Schatz, flsterte er
dann, hat Dir Papa schon etwas mitgetheilt?

Mir, George? fragte Paula erstaunt -- was soll er mir mitgetheilt
haben? Ich wei von nichts!

Nun, dann kommt es noch, lchelte George, ihr freundlich zunickend.
Apropos, Paula, gehst Du Dienstag mit in's Theater? Die Ruber werden
gegeben. Handor ist famos als Karl Moor.

Ich wei es nicht, sagte Paula errthend, wenn es Papa erlaubt...

Hoffentlich nicht, Comtesse, bemerkte hier die Gesellschafterin, die
gerade zur rechten Zeit in den Saal getreten war, um die Frage zu hren;
denn mit _meiner_ Zustimmung besuchen Sie das Theater nicht so oft. Es
ist ein Tempel des Lasters, in dem junge Mdchen eigentlich gar nichts
zu suchen haben.

Mademoiselle! wollte George gereizt ausfahren, als sich die
Thr ffnete und die Eltern erschienen. Die Unterhaltung war damit
abgebrochen.

George -- ah, da bist Du ja, Paula! Hast Du einen Spaziergang gemacht,
mein Kind?

Mein lieber Vater...

Schon gut, Du bist ja noch zur rechten Zeit eingetroffen. Hre, George,
Du hast Deinen Rappen wieder tchtig warm geritten. Wenn Du meinem Rath
folgst, schonst Du das Pferd.

Ich hatte mich versptet, Papa, und lie ihn nur ein wenig austraben.
Heute Nachmittag nehme ich den Weifu.

Du willst wieder fort?

Ich habe mich zu einer Partie Whist bei Boltens engagirt und vorher
noch Einiges zu besorgen.

Setzen wir uns.

Das Diner wurde gewhnlich schweigend verzehrt, da es Graf Monford nicht
liebte, sich in Gegenwart der Diener zu unterhalten. Nur vollkommen
gleichgltige Dinge durften besprochen werden, und selbst diese so kurz
als mglich, und doch htte George gar zu gern schon whrend der Tafel
von dem Theater angefangen, das er leidenschaftlich gern besuchte.
Aber es ging eben nicht, denn er wute im Voraus, da er entweder keine
Antwort oder gar einen Verweis bekommen htte.

George war das treue Abbild seiner Schwester, nur etwa zwei oder
drei Jahre lter als sie, aber mit denselben edlen und offenen
Zgen, denselben kastanienbraunen Augen, aber fast schon ein wenig
zu selbststndig fr seine Jahre, wozu denn freilich die Erziehung im
elterlichen Hause Vieles beigetragen.

Als junger Bursche und noch unter einem Hofmeister wurde er mit
eiserner, nachsichtsloser Strenge bis zu dem Augenblick behandelt, wo
er zur Universitt abging, und dort pltzlich und mit einem Schlag
sein eigener, freier Herr war. Natrlich wute er die ihm so rasch und
unerwartet gekommene Freiheit nicht immer nur zu gebrauchen, sondern
mibrauchte sie auch nicht selten.

Dazu kam, da Graf und Grfin Monford sich Jahre lang auf Reisen
befanden, wo denn die Kinder auch nur auf fremde Menschen angewiesen
blieben und ihre Eltern nicht einmal zu sehen bekamen, und mit der
ganzen vorangegangenen Erziehung konnte es kaum anders geschehen, als
da sich beide Theile mehr und mehr entfremdet werden muten.

Graf und Grfin Monford hatten in der That keine Kosten und Mhen
gescheut, um ihre Kinder Alles lernen zu lassen, was sie in ihren
Bereich bringen konnten, aber sie machten ein sehr groes Haus, und nur
zu oft ist es ja in solchen groen Husern leider der Fall, da die
gesellschaftlichen Pflichten den elterlichen vorgezogen werden oder,
wie man sich einredet, vorgezogen werden mssen. Man hat Rcksichten zu
nehmen (wie die Entschuldigungen heien), berdies zuverlssige
Leute daheim, denen man die Kinder recht gut anvertrauen kann. Eine
Gesellschaft jagt dann die andere, einmal daheim oder auch auer dem
Hause, von allen aber sind die Kinder ausgeschlossen, und ihre kurze
Jugendzeit vergeht, ohne da sie sich erinnern, der Mutter mehr als ein-
oder zweimal auf dem Schoo gesessen zu haben.

Aber ein Kind will nicht allein Pflege -- die kann ihm jeder gemiethete
und gute Dienstbote geben -- es will auch Liebe, und wenn ihm die
entzogen wird, so wchst es auch wohl ohne sie frisch und krftig auf,
aber in seinem Herzen bleibt ein leerer, der Raum, den es sich selber
dann oft mit verderblichen Stoffen fllt. Unter der Obhut Fremder
aufgewachsen, hatten sie allerdings vor den Eltern, denen sie erst
herangewachsen nher traten, eine gewaltige Ehrfurcht gehabt, aber
sie kannten kein anderes Gefhl und hielten diese Ehrfurcht fr Liebe,
whrend die Eltern stolz, recht stolz auf ihre Kinder waren und auch
diesen Stolz fr Liebe nahmen. So tuschten sich beide Theile ber
ihre Gefhle, und auch die Welt, und doch waren beide Kinder von Herzen
seelensgut und brav, und auch die Eltern fest berzeugt, Alles fr sie
gethan zu haben, was in ihren Krften stand, um vollen Anspruch auf ihre
Dankbarkeit zu haben.

Die Liebe aber, die den beiden Geschwistern durch ihre Eltern mehr
unbewut als absichtlich entzogen worden, brachten sie dafr einander
selber in desto reicherem Mae zu. Mit unendlicher Zrtlichkeit hingen
beide an einander, ob auch ihre Charaktere noch so verschieden sein
mochten.

Paula, von zartem Krperbau, mit vieler Phantasie begabt, neigte
mehr zur Schwrmerei. Sie las viel und, leider, unter Anleitung
der Franzsin, nicht immer recht passende Bcher; sie liebte dabei
leidenschaftlich das Theater und konnte sich durch irgend ein gegebenes
Schau- oder Trauerspiel so aufregen lassen, da sie halbe Nchte lang
ihre Kissen mit Thrnen netzte. Unglcklicher Weise fand sie dabei in
der Familie, der sie, whrend die Eltern auf Reisen gewesen, zur Obhut
bergeben worden, nur zu viel Nahrung, denn diese hatte ein kleines
Liebhabertheater in ihrer eigenen Wohnung errichtet, verkehrte viel mit
Knstlern und fachte dadurch den Funken, der in Paula's Herzen glimmte,
zur lichten Flamme an.

Das Technische in der Auffhrung bei den kleinen, dort gegebenen Stcken
hatte man nmlich nicht gut bewltigen knnen oder es auch vielleicht
fr zu mhsam gehalten. Ein geschickter Leiter wurde fr nothwendig
erachtet, und dort hatte Paula Handor kennen lernen.

George seinerseits war nichts weniger als ein Schwrmer und hing viel
mehr dem Realistischen an. Er liebte wohl auch das Theater, weil es ihm
Unterhaltung bot, ohne da er sich aber sonst auch nur mit einer Faser
seines Herzens dazu hingezogen fhlte. Weit mehr beschftigten ihn
die seinem Stande auch angemesseneren ritterlichen Uebungen. Er war ein
perfecter, tollkhner Reiter, ein eifriger und fr sein Alter recht
guter Jger, besonders ein sicherer Schtze, und wenn er nebenbei auch
etwas Musik und Malerei trieb und mit Vergngen ein gutes Buch las,
hatte er doch keinen rechten Trieb dafr. Er verstand etwas von Jedem,
ohne es in irgend einer Sache zur Vollkommenheit zu bringen, und da er
das selber fhlte, verlor er auch bald die Lust daran.

Auch an dem Liebhaber-Theater hatte er sich anfangs mit groer Lust
betheiligt und vielen Eifer dabei gezeigt, aber es ermdete ihn doch
bald, wie er denn nie lange an einer Sache Vergngen fand, und als Ende
Mrz die Auerhahnbalz begann, gab er es vollstndig auf und fuhr lieber
Nachts hinauf in den Wald, um Morgens um zwei oder drei Uhr an Ort und
Stelle auf dem Balzplatz zu sein.

Durch das Liebhaber-Theater war er aber selber mit einigen Knstlern
bekannt geworden. Deren freies, offenes Wesen sagte ihm zu, denn im
Umgang mit ihnen brauchte er sich keinen Zwang anzuthun, und sein
leicht empfnglicher Geist fand, was ihm in seinen gewhnlichen Kreisen
grndlich fehlte: Anregung und Befriedigung. Mit einem Worte, er
fhlte sich unter den Knstlern und in ihrem freien Verkehr wohler
und behaglicher, als in den steifen, aber allerdings sehr vornehmen
Gesellschaften, in denen er sonst heimisch war oder doch heimisch sein
sollte.

Auch zu Hause war ihm der lstige Formenzwang zu unbequem. Er hatte
oft davon gehrt und gelesen, was fr ein mchtiger Zauber in dem einen
kleinen Worte daheim liege und wie die eigene Heimath uns das Liebste
und Theuerste auf der Welt sein sollte; aber mitgefhlt hatte er das
noch nie und hielt es, mit anderen Ueberschwnglichkeiten, fr eine
Licenz der Dichter, die vollkommen berechtigt wren, sich irgend einen
Punkt der Welt zu einem kleinen Paradiese auszumalen, ob sie dazu nun
ein beliebiges Feenreich oder eine menschliche Wohnung whlten.

Viel Ruhe hatte er deshalb auch zu Hause nicht, ja, er plauderte wohl
gern einmal ein halb Stndchen mit der Schwester und wute, da er
die gehrigen Formen der Tischzeit einhalten mute, wenn er nicht eben
drauen auf der Jagd war oder eine andere Einladung angenommen und sich
daheim formell abgemeldet hatte -- sonst fesselte ihn nichts an das
Vaterhaus.

Die Tafel war beendet und der Kaffee im Nebenzimmer servirt worden.
Dorthin folgte er den Eltern, und seinen Arm um Paula's Taille legend,
drckte er einen Ku auf ihre Wange.

Aber was hast Du nur, George?

Nichts, mein Herz, lchelte der Bruder, ausgenommen so viel zu thun,
da ich kaum wei, wo ich anfangen soll.

Du?

George nickte ihr zu und wollte das Zimmer verlassen.

Du willst wieder fort, George? sagte die Mutter.

Ja, Mama -- heut Abend sehen wir uns doch bei Boltens; nicht wahr, Ihr
kommt auch hin?

Ich wei es noch nicht, mein Sohn, erwiderte die Grfin -- ich habe
etwas Kopfschmerz -- aber vielleicht doch.

Du bist gar nicht mehr zu Hause, George, bemerkte der Vater, man
bekommt Dich wirklich nur noch beim Essen zu sehen.

Ja, bester Vater, lachte George, ich habe jetzt drei Pferde
zuzureiten, und das kann ich doch nicht hier im Park thun. Der Fingal
macht mir am meisten zu schaffen.

Aber es ist ein vortreffliches Pferd, nickte der Vater, Du hast da
einen guten Kauf gemacht, halte ihn nur auch gut.

Wie meinen Augapfel, Papa, lachte der junge Mann. Also auf
Wiedersehen in der Stadt! und war im nchsten Augenblick verschwunden.

Paula blieb mit ihren Eltern allein im Zimmer, denn Mademoiselle
Beautemps trank keinen Kaffee und benutzte diese kurze Zeit stets, um
in ihrem Zimmer ein Viertelstndchen Siesta zu halten, worin sie Paula
niemals strte. Sie wollte jetzt ebenfalls das kleine, freundliche
Gemach verlassen, als der Vater, der mit auf den Rcken gelegten Hnden
auf und ab gegangen war, leise sagte:

Paula!

Mein Vater!

Ich und Deine Mutter mchten ein paar Worte mit Dir reden.

Mit mir, Vater?

Ja, mein Kind, sagte der alte Herr, indem er vor ihr stehen blieb, ihr
leise mit der rechten Hand das Kinn emporhob und freundlich fortfuhr:
Sieh, mein Schatz, Du bist nun schon vor zwei Monaten siebzehn Jahre
alt geworden und -- eben kein Kind mehr...

Mademoiselle Beautemps betrachtet mich aber noch als ein solches,
sagte fast unbewut Paula, denn ein schmerzhaftes, gleichsam eisiges
Gefhl schnrte ihr in dem Augenblick beinahe die Brust zusammen. Sie
ahnte, was folgen wrde.

Mademoiselle Beautemps... sagte der Vater rasch, brach aber kurz ab,
hustete und lchelte still vor sich hin. Nun, Du wirst nicht mehr lange
mit ihr geplagt werden, Kind, fgte er dann mit trockenem Humor hinzu,
und was ich eben jetzt mit Dir reden wollte -- das heit ich und Deine
Mutter--, soll gerade dazu dienen, Dich von ihr frei zu machen.

Mein lieber Vater! flsterte Paula und warf einen Blick nach der
Mutter hinber, die am Fenster stand, mit einer kleinen Scheere ein paar
abgeblhte Rosen von einem Stock schnitt und die Bltter hinausstreute.

Verstehst Du, was ich meine?

Nein, mein Vater, hauchte das junge Mdchen.

Und doch siehst Du beinahe so aus, als ob Du es verstndest, lchelte
der alte Herr. Aber ich will mich kurz fassen, mein Kind, denn groe
Umschweife sind unter uns ja doch nicht nthig. Ich frage Dich also
geradeheraus, mein Herz, hast Du noch nicht daran gedacht, Dir einen
Lebensgefhrten auszusuchen?

Mein lieber, lieber Vater!

Aber, George, sagte die Grfin kopfschttelnd, Du fllst doch auch
wohl da ein klein wenig zu sehr mit der Thr in's Haus. Das ist kaum
eine discrete Frage fr ein junges Mdchen, die das berhaupt auch wohl
ihren Eltern berlassen wird.

Ich wei nun gerade nicht, lchelte der alte Herr, ob Paula damit
so recht einverstanden sein wrde. Aber eben weil ich glaube, da sich
unsere Gedanken auf halbem Wege begegnen, habe ich so direct gefragt,
denn ich bin berzeugt, ich schiee nicht weit vorbei, wenn ich
vermuthe, da Du den jungen Grafen Bolten gern hast -- wie, Schatz?
Er ist wenigstens auf allen Bllen Dein unermdlicher Tnzer, und das
Vielliebchen, das Du neulich mit ihm gegessen -- nun, Du brauchst nicht
bis hinter die Ohren roth zu werden, meine Puppe -- wir sind Alle nicht
besser gewesen, als wir jung waren.

Ueber Paula's Stirn und Wangen hatte sich allerdings im ersten
Augenblick tiefe Rthe ergossen, im nchsten Moment aber schon scho
das Blut wie in einem Strom zum Herzen zurck und lie ihr Antlitz
todtenbleich, whrend sie leise, aber fest sagte: Du irrst Dich, Vater,
-- ich liebe den jungen Grafen nicht.

Nicht?

Du liebst ihn nicht? wiederholte aber auch die Mutter und drehte sich
rasch und wie erstaunt der Tochter zu. Und das sagt das Mdchen mit
einer solchen Bestimmtheit, als ob damit die ganze Sache abgemacht und
beseitigt wre.

Der Vater hat mich gefragt, Mama, und er verlangt ja doch Wahrheit von
mir.

Das allerdings, mein Herz, sagte der alte Herr ruhig, whrend sein
Blick forschend an dem Antlitz der Tochter hing, die verlangt er in der
That -- aber kannst Du mir einen Grund angeben?

Und wre es Liebe, Vater, wenn man einen Grund dafr nennen knnte?

Hm, sagte der alte Herr, dadurch selber in Verlegenheit gebracht, Du
scheinst Nutzen aus Deiner Lectre gezogen zu haben, mein Tchterchen.
Die Sache ist denn aber doch zu ernsthafter Natur, um ihr durch ein
Wortspiel auszuweichen; so hre denn, was ich Dir darber zu sagen habe.
Ueber die Familie Bolten selber brauchte ich kein Wort zu verlieren; wir
haben sie Alle gern und sind lange, lange Jahre damit befreundet -- wie
geachtet und geschtzt sie im ganzen Lande sind, weit Du auerdem,
und unser alter Name braucht sich wahrlich nicht zu schmen, neben dem
ihrigen genannt zu werden. Hubert ist dabei ein junger, liebenswrdiger
Mensch, talentvoll, gutmthig, ein bischen aufbrausend zwar, aber das
wird sich mit den Jahren geben, und auerdem der einzige Sohn. Da er
Dich gern hatte, habe ich -- und ich mu gestehen, zu meiner Freude
-- schon seit lngerer Zeit bemerkt; da Du ihm nicht abgeneigt warst,
konnte Jeder sehen, der Euch ein paar Mal zusammen beobachtet hat. Dazu
kommt, mein liebes Kind, da uns Beide, Deine Mutter und mich, diese
Verbindung mit dem Bolten'schen Hause glcklich machen wrde, und
ich bin berzeugt, da alles dies zusammen genommen, wenn Du es Dir
berlegst, Deinen Entschlu bestimmen mu. Ich brauche Dir nur noch zu
sagen, da heute Morgen, als wir in der Stadt waren, der alte Graf bei
mir frmlich um Dich fr seinen Sohn angehalten hat, und ich hoffe, wir
knnen ihm heut Abend eine gute Antwort mit hineinnehmen -- wie, mein
Schatz?

Mein lieber Vater, ich -- ich bin noch so jung!

Darin hast Du Recht, und das habe ich meinem Freunde Bolten selbst
entgegnet; er sieht das auch vollkommen ein, und Du sollst nicht
gedrngt werden. Wir haben deshalb Beide ausgemacht, da die Trauung
nicht frher als an Deinem achtzehnten Geburtstage stattfindet; um uns
aber das Glck unserer Kinder zu sichern, wollen wir die Verlobung am
nchsten Freitag hier bei uns feiern, wozu uns Deine gtige Mama einen
kleinen Ball arrangiren wird -- bist Du damit einverstanden?

Drnge sie nicht zu sehr, George, sagte jetzt die Mutter freundlicher,
als sie bis dahin gesprochen. Ihr Mnner seid Euch darin doch alle
gleich, das folgt Schlag auf Schlag, und da soll das arme Kind auf jede
Frage auch augenblicklich antworten! Versteht sich, wird sie wollen,
aber Du siehst doch, da sie jetzt bald roth, bald bla wird -- la ihr
doch nur Zeit, erst Athem zu holen!

Meine liebe, liebe Mutter! rief Paula und warf sich, von ihren
Gefhlen berwltigt, an der Mutter Brust.

Aber, =ma fille!= sagte sie, sich rasch und erschreckt losmachend --
komm, mein Herz, komm, wozu diese Aufregung -- Du weit, Kind, wie
das immer meine Nerven angreift, und mein Kopf schmerzt mich berhaupt
heute.

Aber ich liebe ihn nicht, Mama! bat Paula in Todesangst. Der junge
Graf ist ein braver, lieber Mensch, aber -- aber...

Aber, mein Kind? fragte die Mutter streng.

Er -- er pat nicht fr mich -- er -- hat fr nichts Sinn, als fr
seine Pferde und Gewehre -- er hat Musik und Bcher -- er...

Lauter Verbrechen, nicht wahr? lchelte die Mutter spttisch -- und
kann er deshalb nicht ein guter Ehemann werden?

Und soll das Herz denn gar keine Stimme haben, Mama? flsterte das
arme, gequlte Mdchen -- soll denn nur immer todter Rang und Reichthum
Verbindungen schlieen und Menschen auf ewig an einander ketten, die
sich ohne diese nie gefunden oder nur gesucht htten?

Todter Rang und Reichthum, meine Tochter? sagte der Vater ernst --
ich glaube, Du solltest uns dankbar dafr sein, da wir Dir die Dir
gebhrenden Vorrechte auch erhalten und verwahren, Du wirst doch nicht
glauben, da ich Dich je unter Deinem Stande verheirathen wrde?

Willst Du mich nicht glcklich sehen, Papa? fragte Paula herzlich.

Gewi, mein Kind, das ist mein heiester Wunsch, erwiderte der Vater,
aber eben deshalb mu ich jetzt ber Dich wachen, da Dich Dein leicht
erregtes Herz nicht zu einem Schritt hinfhrt, den Du spter schwer
bereuen und dann sicher unglcklich dadurch werden wrdest. Aber wie
ich Dir schulde, fr Dein Glck zu sorgen, so schuldest Du auch uns, die
Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten, und wer Dir dabei am besten
rathen kann, sind denn doch wohl Deine Eltern selber.

Und wenn ich vorher wte, da ich unglcklich werden wrde?

Paula, sagte der Vater ernst, ich bitte Dich, nur jetzt, wo es
sich um Deine ganze Zukunft handelt, Deine berspannten Romane und
phantastischen Ideen aus dem Spiel zu lassen! Du hast uns schon neulich
einmal so eine Andeutung gemacht, da Du Dich an der Seite des rmsten
Mannes glcklich fhlen knntest, wenn Eure Seelen, wie Du Dich
beliebtest auszudrcken, mit einander harmonirten. Es ist der alte
Unsinn mit eine Htte und ihr Herz, der so lange stichhaltig bleibt,
bis das Herz eben in die Htte hineinziehen soll und die Rumlichkeit
dann berall zu beengt findet. Glaube mir, mein Kind, solche Ideen sehen
sehr hbsch auf dem Papier aus und lassen sich vortrefflich bei einer
warmen, mondhellen Nacht durchschwrmen, aber sie gleichen jenen
wunderbar schillernden Quallen, die an der Oberflche der See
herumschwimmen und von Weitem einen prachtvollen Anblick gewhren,
nimmt man sie aber in die Hand, so bleibt nichts brig, als eine graue,
schlammige Blase, die man mit Ekel wieder von sich wirft. Gleich und
Gleich gesellt sich gern! ist ein altes, gutes und wahres Sprchwort,
und wir finden das in der Natur besttigt, wohin wir blicken. Ein Adler
knnte sich da eben so wenig daran gewhnen, einen Bund fr das Leben
mit einem Truthahn zu schlieen und von Krnern und Kartoffelschalen zu
leben, weil ihre Seelen vielleicht sympathisiren -- es geht eben nicht,
und die Grafentochter wrde sich elend und unglcklich fhlen, wenn sie
aus der gewohnten Sphre niedersteigen und in einer Htte leben sollte.
Das sind eben jugendliche Trume, die ich auch nicht zu hoch anschlage
und deshalb gern verzeihe. Nun sei aber vernnftig, mein Tchterchen,
Du bist alt genug dazu. Wir haben eine Wahl fr Dich getroffen, die Dein
Herz nur mit Freude und Dankbarkeit gegen uns erfllen kann, also fge
Dich dem; denn Du weit auch, da Deine Eltern nie ihre Einwilligung zu
einer Verbindung unter Deinem Range geben wrden, solltest Du wirklich
je thricht genug sein, selber an etwas Derartiges ernsthaft zu denken.

Mein Vater...

La nur sein, mein Kind -- ich wute ja, da mein gutes Tchterchen
nicht den Lieblingsplan ihrer Eltern kreuzen wrde; also werde ich
das Weitere schon selber mit Boltens in Ordnung bringen. Du darfst Dir
indessen immer Deinen Ballstaat zurecht machen, setzte er lchelnd
hinzu, indem er ihr leise das Kinn emporhob und einen Ku auf ihre Stirn
drckte, und da wir nachher ein recht munteres, frhliches Brutchen
haben, davon bin ich berzeugt...

Ein Diener ffnete in diesem Augenblick die Thr und meldete, in steifer
Haltung an der Schwelle stellen bleibend: Baronesse von Halldorf lt
fragen, ob es der gndigen Herrschaft genehm wre...

Wird uns sehr angenehm sein, sagte die Grfin, die froh war, einen
Vorwand gefunden zu haben, das Gesprch abzubrechen -- aber, Schatz, Du
hast ganz rothe Augen bekommen -- geh auf Dein Zimmer und bade sie ein
wenig mit Rosenwasser, wir erwarten Dich dann unten.

Der Besuch mute empfangen werden, und die arme Paula, das Herz zum
Brechen schwer, zog sich auf ihr Zimmer zurck, schob den Riegel hinter
sich vor und sank auf das Sopha.

Kein Mitleid mit den Gefhlen ihres eigenen Kindes, flsterte sie
dabei -- keine Frage selber danach, ob dieses Herz schon gewhlt, schon
entschieden haben knnte -- nichts, nichts als der leere, hohle
Schein, als Stand und Rang und Reichthum -- oh, ich bin recht, recht
unglcklich! und still weinend barg sie ihr Antlitz in den Hnden.




5.

Paradies und Hlle.


In der Schlogasse zu Haburg -- denn die alte Stadt, welche in
lngstvergangenen Zeiten einmal der Sitz eines Erzbischofs gewesen,
hatte die verschiedenen Benennungen aus ihrer Glanzperiode noch
getreulich aufbewahrt -- stand ein nicht sehr groes, aber wunderlich
verziertes Gebude. Es war massiv, aus dunkelgrauem, halbverwittertem
Sandstein aufgefhrt und mit einer wahren Verschwendung von
Steinhauerarbeit bis unter den Giebel hinauf bedeckt.

Was die zahllosen Gruppen, Bilder und Arabesken daran alle bedeuten
sollten, wre wohl schwer zu entziffern gewesen -- mglich, da selbst
die Urheber derselben keine rechte Idee davon gehabt. Deutlich erkennbar
war aber noch eine ordentliche Legion von dicken, pausbackigen Engeln
mit Posaunen und sonstigen Instrumenten, die jeden nur einigermaen
benutzbaren Raum ausfllten und den obern Theil des Hauses vollstndig
bedeckten, whrend zwei sehr durch die Zeit und Sturm und Wetter
mihandelte Riesen, die zwischen Drachenkpfen und Ungeheuerschwnzen
ihren Platz behaupteten, das Portal zu tragen schienen.

Und bunt und prchtig genug mute das Haus ausgesehen haben, als es aus
der Hand des Knstlers frisch hervorging. Noch jetzt lieen sich nmlich
an einigen geschtzten und tiefer liegenden Stellen Spuren von frherer
Vergoldung und Malerei erkennen, mit denen besonders die Instrumente der
Engel geglnzt und geschimmert haben mochten.

An eine Renovation dieser geschwundenen Pracht hatte freilich Niemand
gedacht. Das Haus gerieth in die Hnde einer Familie, die seine Lage fr
eine Wirthschaft passend fand, da es dem Theater schrg gegenber
und auch in der Nhe des Domes wie des Rathhauses stand, und der neue
Eigenthmer, mit einer unbestimmten Ahnung, da die vielen Engel wohl
eine Andeutung der knftigen Seligkeit selber sein knnten, nannte seine
Wirthschaft drinnen nach den Sinnbildern drauen Zum Paradies.

Der Mann verdiente viel Geld damit, und als er lter und ihm das
Gerusch und die eigene Unbequemlichkeit eines solchen Lebens zu
gro wurde, lie er die Wirthschaft eingehen, den obern Stock zu
Familienwohnungen einrichten und behielt nur die unteren Rumlichkeiten
mit den Kellern fr sich, in welchen er eine ganz vortreffliche
Weinstube etablirte.

Der alte Trauvest war von jeher ein ausgezeichneter Weinkenner gewesen
und hatte immer etwas auf ein gutes Getrnk gehalten. Seine Weinstube
bekam deshalb bald einen Namen und die in Haburg ansssigen Knstler,
lustiges, luftiges Volk, das solche Pltze immer am besten aufzustbern
wei, erwhlte den Ort zu seiner Knstlerkneipe, wozu ihnen der Wirth,
damit sie nicht mit dem gewhnlichen trocknen Pfahlbrger und Stammgast
Einen Tisch zu besetzen brauchten, ein kleines besonderes Kfterchen
hbsch einrichten und sogar mit Eichenholz austfeln lie. Der und Jener
stiftete dann auch noch bald einen alten, wunderlich geschnitzten
Schrank, bald ein paar antike Sessel, hundertjhrige Pocale und
Deckelkrge, alte Waffen und Rstungen, kurz, was in der Art
aufzutreiben war, hinein, so da sich der kleine, malerisch geschmckte
Raum bald in ein ordentliches Raritten-Cabinet verwandelte.

Das Haus wurde zuletzt wirklich dadurch berhmt, und kein Fremder
besuchte Haburg, der sich nicht bemht htte, auch die Knstlerkneipe
im Paradies, die das lustige Vlkchen dem Namen des Gebudes gerade
entgegen Die Hlle taufte, kennen zu lernen.

Zu den Knstlern: Maler, Bildhauer und Schriftsteller, die sich in
Haburg aufhielten, fhlten sich aber auch die Schauspieler hingezogen.
Der gute Wein hatte sie schon lange in das Paradies gefhrt, die
bessere Gesellschaft lockte sie aus dem Paradies in die Hlle, und
von den Knstlern wurden sie, als einer freien Kunst angehrend, auch
mit offenen Armen empfangen.

Der Schauspieler ist berhaupt der beste Gesellschafter in der Welt
und steht ja auch mit allen anderen Knstlern in nchster und innigster
Beziehung. Wie der Maler, mu er Charaktere studiren, um sie wahr
und treu, nicht auf der Leinwand, sondern im wirklich lebendigen
Bild wiederzugeben. Mit dem Dichter mu er fhlen, empfinden und sich
begeistern, und alles das in rasch wechselnden Gestalten, Schlag
auf Schlag, und Triumph oder Niederlage bringt ihm schon der nchste
Augenblick, der nchste Abend.

Alle anderen Knstler schaffen nicht allein fr ihre Zeit, nein, sie
haben die Hoffnung, da auch noch sptere Geschlechter sich ihrer Werke
freuen mgen und ihr Name noch genannt wird, wenn sie schon
selbst dahingegangen. Nicht so der Schauspieler, der, nur auf den
augenblicklichen Erfolg angewiesen, auch nur fr diesen wirkt und
schafft. Der Beifall des Publikums, das ihn selber hrt und sieht, ist
seine Belohnung; dieser strebt er nach, und ist ihm die gesichert, dann
geht er freudig und vertrauensvoll an's nchste Werk.

Dieser Erfolg des Augenblickes bt aber auch natrlich auf sein ganzes
Leben entschiedenen Einflu, denn er verwchst mit ihm und theilt sich
seinem ganzen Charakter mit; die Vergangenheit existirt nicht fr
ihn, was anders ist sie auch, als eine abgespielte Komdie -- und die
Zukunft? Eine neue brillante Rolle kann ihm die rosig genug gestalten,
weshalb sich jetzt schon Sorgen darber machen? Noch luft sein
Contract, das Publikum liebt ihn, oder -- hat sich an ihn gewhnt, und
was die sonstigen kleinen Leiden und Aergernisse betrifft, die nun
einmal als Salz und Wrze unseres ganzen Lebens dienen mssen, ei, die
hat er reichlich in vermutheten Intriguen der Intendanz oder der eigenen
Collegen, oder in boshaften Recensionen eines nicht gehrig honorirten
Theaterkritikers -- was will er mehr?

Leichtes Blut schwimmt oben, leichtes Blut gehrt zu seiner ganzen
Existenz, und gerade dieser, in den meisten Fllen liebenswrdige
leichte Sinn lt ihn das Leben an seiner lichten Seite fassen und ihm
Alles abgewinnen, was eben daraus zu gewinnen ist.

Gute und vielbeschftigte Schauspieler und Schauspielerinnen -- whrend
Snger und Sngerinnen -- mit wenigen Ausnahmen -- nur ihre Noten
studiren und sich verwnscht wenig um Text, Sujet oder Charakter ihrer
Rolle kmmern -- mssen auch gebildete Menschen sein, und sind es
fast stets. Sie haben dabei die Form des Umganges vollstndig in ihrer
Gewalt, sie mssen verstehen, sich in allen Kreisen des Lebens zu
bewegen, und verstehen es, und mit einem gewissen Instinct, der sie
alles Steife und Langweilige vermeiden lt, bringen sie bald Leben in
jeden Cirkel, den sie besuchen.

Es ist mit Einem Wort ein frohes, glckliches Vlkchen, und wer in ihrer
Mitte nicht warm wird und seinen im gewhnlichen Leben noch ngstlich
gepflegten Zopf auf kurze Zeit vergit, den kann man ruhig aufgeben.
Er ist fr die Gesellschaft verloren und pat nur noch fr
Gesellschaften.

Es lt sich denken, da auch in der Hlle ein munterer Ton herrschte,
wie denn auch vor Allem hier die Regel galt, nichts, und wre es der
bitterste Scherz gewesen, bel zu nehmen. Schon ber der Thr stand auch
auf einer groen, schwarzen Tafel mit dicken, goldenen, altdeutschen
Buchstaben der etwas ungelenke Vers:

  Wer hier in diese Stuben kombt ein,
  La allen Aerger und Hader daheim.

Und gerade dieses =laisser aller= der Gesellschaft hatte manche junge
Leute aus Kreisen, die sonst nicht gern ein brgerliches Wirthshaus
besuchen, veranlat, dann und wann hier vorzusprechen und sich ein
Stndlein unter den Knstlern, unter denen sie immer einzelne Bekannte
fanden, zu amsiren. Besonders waren einige Artillerie-Officiere, die
selber zeichneten und malten, regelmige Besucher der Hlle geworden
und zogen dann wieder Andere nach.

So hatte sich denn auch am heutigen Abend, whrend vorn in der Weinstube
die steiferen Brger, Beamten und Professoren saen, in der Hlle
ein lustiges Vlkchen zusammengefunden, das dem guten Weine des alten
Trauvest wacker zusprach. Vom Theater schien aber nur das Schauspiel
vertreten, da heute eine Oper gegeben wurde; sonst sa aber eine
gemischte Gesellschaft in Uniformen, Sammetrcken und Joppen um den
langen Tisch, und das Gesprch hatte sich gerade um einen Wein gedreht,
den ihnen Trauvest als Markobrunner vorgesetzt und den ein Hauptmann von
Seidlitz fr Deidesheimer erklrte, so da schon eine Wette angeboten
und acceptirt war.

Wo nur Handor heute bleibt? rief Hfken, der das Fach der
Charakterrollen am Theater bekleidete; der hat die beste Zunge von uns
Allen, und seinem Urtheil fge ich mich.

Topp, angenommen! rief der Gegenpart.

Handor mu etwas auf dem Strich haben, meinte Berthel, der
Heldenvater; er geht mir schon seit etwa fnf Wochen mit einer Sorgfalt
gekleidet...

Bah, rief einer der Maler, als erster Liebhaber mu er auf seine
Toilette halten; er gilt ja bei der ganzen schnen Welt von Haburg fr
das Modejournal der Stadt.

Ach was da, Modejournal, knurrte Pfeffer, der unten am Tische bei
einer halben Flasche Wein sa, Schulden sind's, und damit er den Leuten
Sand in die Augen streut, hngt er den Plunder um sich her; Esel, wenn
sie sich davon blenden lassen.

Nein, Hfken hat Recht, rief aber auch Berthel, es mu etwas Anderes
dahinter stecken -- Schulden, bah! Wenn ein Mensch erst einmal so viel
Schulden hat, da er doch ganz gewi wei, er kann sie nicht bezahlen,
dann machen sie ihm auch keine Sorgen mehr, und so steht's mit Handor.
Nein, bei dem spukt etwas Anderes, und ich bezahlte wahrhaftig...

Eine Flasche Champagner, Kellner, rief in diesem Augenblick eine
laute, frhliche Stimme, und als sich Alle danach wandten, stand Handor,
der eben genannte erste Liebhaber, in der geffneten Thr; aber wohl
in Eis, verstanden? setzte er rasch hinzu, oder auch gleich zwei, drei
Flaschen, mein Junge, denn ich bin schmhlich durstig heut Abend und
schmhlich vergngt -- Guten Abend, meine Herren!

He, Handor, beim Zeus! Junge, wo kommst Du her? Eben sprachen wir von
Dir; wo bist Du gewesen?

Im Himmel, Kinder, im siebenten Himmel, rief der junge Mann, indem er
Hut und Stock an einen Nagel hing und dann einen Stuhl neben dem etwas
zur Seite rckenden Hfken nahm, direct aus den himmlischen Sphren
stieg ich nieder in die Hlle, und nur der himmlische Trank kann mir
Ersatz fr das Verlorene geben.

Pff, zischte Pfeffer durch die Zhne, _den_ Himmel, in dem der
gesteckt hat, kenn' ich.

Alle Wetter, Handor, lachte aber auch der Maler, Sie scheinen heute
Ihren splendiden Tag zu haben!

  So lang der Wirth nur weiter borgt,
  Sind wir vergngt und unbesorgt!

citirte Pfeffer.

=Vive la bagatelle!= rief aber Handor, ein ihm gereichtes Glas auf
einen Zug leerend.

Halt, sagte Hfken hier gilt es eine Wette; da, Handor, ehe Du uns
Dein Abenteuer erzhlst, sag' uns einmal, was fr Wein das ist.

Und wer hat Dir gesagt, da ich Euch berhaupt mein Abenteuer erzhlen
werde?

Als ob der schweigen knnte, lachte ein Anderer; hast Du wieder
bei Deiner jungen Putzmacherin geschwrmt oder bei der dicken
Banquierstochter, oder gar mit der kleinen Jdin den Romeo gelesen? Der
Mensch hat, bei Gott, ein Glck, um das man ihn beneiden knnte.

Thorheiten! lachte Handor verchtlich; welchen Wein meint Ihr?

Hier dieses Glas; aber jetzt koste vorsichtig, es gilt eine Wette.

Gebt mir vorher ein Stck Brod.

Das Verlangte wurde gebracht, und whrend jetzt Handor den Wein mit
Kennermiene prfte und kostete, herrschte lautlose Stille in dem kleinen
Raum. Trauvest, der gerade in die Thr trat, blieb auf der Schwelle
stehen.

Nun, wo ist der gewachsen?

Handor kostete noch einmal. Rdesheimer Berg, sagte er dann.

Rdesheimer?

Handor nickte.

Meine Herren, sagte Trauvest, ich mu Ihnen mittheilen, da ich
gestern zwei Fsser Wein, eins mit Markobrunner und eins mit Rdesheimer
Berg, habe abziehen lassen, und wie ich eben von meinem Kfer hre, hat
er beim Siegeln den Lack verwechselt, was schuld an dem Irrthum ist;
Herr Handor hat Recht, es ist allerdings Rdesheimer Berg.

Alle Wetter, rief Hauptmann von Seidlitz, die Zunge mu Handor viel
Geld gekostet haben!

Oder anderen Leuten, meinte Pfeffer.

Allen Respect brigens vor Ihrer Zunge, Herr Handor, fuhr Trauvest
fort, und wenn Sie das Theater aufgeben wollten, mchte ich Sie wohl
als Reisenden engagiren; Sie sollten ganz vortreffliche Provisionen
bekommen.

Herzlichen Dank, lieber Trauvest, lachte der erste Liebhaber, bin
von Ihrer Gte berzeugt, befinde mich aber doch jetzt noch besser so.
Sollte ich aber wirklich einmal in den Fall kommen...

Dann wenden Sie sich nur an mich, ich halte mein Wort, nickte der alte
Mann.

Apropos, Handor, rief der Maler Arnold, der ihm gegenber sa, haben
Sie schon die schne Fremde gesehen, welche heute angekommen ist, die
Grfin Rottack? Die Familie ist hier nach Haburg bergesiedelt.

Nein, rief Handor; ist sie hbsch?

Bildschn, versicherte Arnold ganz in Feuer. Sie wurde mir heute
unter den Buden gezeigt, wo sie mit ihrem Manne und den Kindern
spazieren ging; ein reizendes Wesen mit einem von den Gesichtern, die
der liebe Gott nur wenig Begnstigten mitgegeben, und denen man auf den
ersten Blick gut sein mu. Und was fr wunderbar goldenes Haar sie hat!
Ich bin ihnen eine Weile nachgegangen, nur um die Sonne auf dem Haar
blitzen und leuchten zu sehen.

Meiner Seel', rief Pfeffer wenn Sie so entzckt von rothen Haaren
sind, weshalb malen Sie denn nicht einmal meine Schwester, die Bassini?
Die brennt.

Alle lachten.

Der Pfeffer ist doch ein ganz nichtsnutziger Patron, nicht einmal seine
eigene, leibliche Schwester kann er ungeschoren lassen, rief Berthel.

Bah, ungeschoren, sagte Pfeffer, sie trgt eine Perrcke!

Lassen Sie mir die Bassini in Ruhe! rief Hfken dazwischen; das
ist eine ganz brave Person, wenn sie auch sonst vielleicht ihre
Wunderlichkeiten hat. Und wie ordentlich und ehrlich bringt sie sich mit
ihrer kleinen Gage durch, da sie nicht einen Pfennig Schulden in der
Stadt hat!

Das kann Handor auch von sich sagen, meinte Pfeffer.

Ich wollte, es wre wahr, Pfeffer, bemerkte Trauvest trocken, und ein
tolles Gelchter brach von allen Seiten los.

Lacht nur, sagte aber der erste Liebhaber, whrend sich ein
spttischer Zug um seine Lippen legte; wir wollen aber einmal sehen,
wer von uns hier heute ber vier Wochen die wenigsten Schulden haben
wird, Ihr oder ich.

Du hast wohl in die Lotterie gesetzt? fragte Hfken.

Nein, er heirathet eine Gouvernante und wird Gouverneur, meinte
Pfeffer.

Thorheit, rief Handor, da kommt der Champagner, und nun Glser her
und ein volles Glas _den schnsten Augen_!

Fr den Augenblick war jedes weitere Gesprch gestrt, denn das
Einschenken, Anstoen und Trinken beschftigte die Anwesenden so
vollkommen, da sie nicht einmal den Eintritt eines neuen Gastes
bemerkten.

Es war der junge Graf Monford, der gar nicht etwa so selten die
Knstlerkneipe besuchte, weil er dort immer sicher war, gute
Gesellschaft zu finden.

Nun mut Du uns aber auch Deine schnsten Augen nennen, Handor, rief
Hfken ihm zu, denn wenn ich ihnen ein Glas bringen soll, mu ich auch
wissen, an welchem Theile des Himmels diese Sterne stehen.

Nie indiscret, Kamerad, lachte Handor, Jeder von uns trinkt den
Augen, die er fr die schnsten hlt.

Und in dem Sinne nehme ich auch ein Glas mit, rief George Monford;
heh, Kellner, noch Champagner!

Handor war bei der Stimme rasch herumgefahren, und fr den Augenblick
verlor sein Antlitz jede Farbe; aber in dem Tumult bemerkte es Niemand,
und Handor hatte auch rasch genug seine Fassung wiedergewonnen.

Graf Monford, rief er erfreut, ihm die Hand entgegenstreckend und sie
herzlich schttelnd, lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen?

Ich bin heute eigentlich nur hergekommen, um _Sie_ auf ein paar Minuten
zu sprechen, sagte der junge Mann.

Mich?

Nachher; eine Geschftssache, lachte George; Sie brauchen nicht zu
erschrecken. Also den schnsten Augen, meine Herren, und da ist wohl
Keiner hier, der den Toast nicht mittrnke.

Bitte um Verzeihung, sagte Pfeffer, wenn ich auf etwas Derartiges
anstiee, so wre es hchstens auf die beste Brille; der Teufel soll
die schnen Augen holen, wenn man Abends nicht mehr damit lesen kann.

Hahaha, Freund Pfeffer, immer giftig!

Graf George rckte jetzt mit zum Tisch und das Gesprch wurde
allgemeiner; nur Handor war merkwrdig einsilbig geworden, und so
ausgelassen lustig er im Anfange geschienen, so schweigsam zeigte
er sich jetzt, da es sogar den Tischgenossen auffiel. Wie er aber
nacheinander ein paar Glser des feurigen Trankes hinuntergestrzt,
wurde er etwas lebendiger; doch lagen ihm immer noch die paar Worte auf
dem Herzen, welche ihm der junge Graf vorher gesagt. Was wollte der
von ihm? Eine Geschftssache? War er dem Liebesverhltni mit dessen
Schwester auf die Spur gekommen und wollte ihn jetzt vielleicht gar
fordern? Die Cavaliere nannten das eine Geschftssache. Das Gefhl wurde
ihm zuletzt so unbehaglich und drckend, da er aufstand, hinter Graf
George's Stuhl ging und, leise seine Schulter berhrend, sagte: Mein
lieber Herr Graf, Sie wollten mir vorhin etwas mittheilen; wenn ich
bitten drfte, ich kann nicht mehr lange bleiben.

Ach ja, rief George, indem er aufsprang und nach seiner Uhr sah,
meine Zeit ist ebenfalls um; sagen Sie einmal, lieber Handor, fuhr
er dann leise fort, indem er ihn unter dem Arm nahm und etwas bei Seite
fhrte, ich habe eine Bitte an Sie.

An mich?

Zuerst mu ich Ihnen die Mittheilung machen, da wir morgen ber acht
Tage, also am Freitag, die Verlobung meiner Schwester Paula in unserem
Hause...

Ihrer Schwester Paula....?

Bst, nicht so laut, die Sache ist noch Geheimni, soll wenigstens nicht
vor der Zeit ffentlich bekannt werden, und ich ersuche Sie auch deshalb
um Ihre Discretion; also da wir dann in unserem Hause Paula's Verlobung
feiern, und ich wollte sie gern zu dem Tage, unter anderen Sachen die
ich mir ausgedacht, mit der Auffhrung irgend eines hbschen Stckes
auf unserem kleinen Liebhaber-Theater berraschen. Haben Sie etwas recht
Hbsches, Neues, das wir bis dahin noch lernen knnen, und sind Sie
vielleicht selber im Stande, uns bei der Inscenesetzung und den Proben
zu untersttzen? Aber es mu natrlich Alles heimlich betrieben werden,
denn weder Braut noch Brutigam drfen etwas davon erfahren.

Herr Graf, sagte Handor, und er mute sich Mhe geben, die Worte
heraus zu bringen, so hatte der Schreck ber die all' seinen Hoffnungen
drohende Nachricht seine Zunge gelhmt, ich -- ich glaube gewi, da
ich etwas Passendes finde, und stehe Ihnen mit Vergngen zu Diensten.

Danke Ihnen, lieber Handor, sagte der junge Mann, indem er ihm die
Hand drckte, Sie werden uns dadurch unendlich verbinden; Sie wissen ja
selber, wie meine Schwester das Theater liebt und dafr schwrmt. Irgend
ein hbsches neues Lustspiel von Scribe vielleicht und nicht zu lang;
aber Sie knnen am besten beurtheilen, was dafr passend ist.

Gewi, Herr Graf, gewi, ich -- ich finde sicher etwas; nur -- nur in
diesem Augenblick...

Nun, natrlich lt sich das nicht so Knall und Fall bereden, sagte
Graf George; berlegen Sie sich die Sache, und bitte, geben Sie mir
morgen Abend sptestens Nachricht. Ich mu jetzt fort, denn ich bin zu
einer Whistpartie engagirt. Also, adieu Handor, auf Wiedersehen! und
damit reichte er ihm die Hand. Guten Abend, meine Herren!

Handor trat zum Tisch zurck und mute sich merklich zwingen, seine
ruhige Fassung zu bewahren. Er bestellte noch eine Flasche Champagner
und trank hastig; aber die Gedanken lieen ihm nicht Ruhe, er mute
allein sein und stand endlich auf, die Gesellschaft, der seine Aufregung
nicht entgehen konnte, zu verlassen.

Ein paar Gste wollten ihn noch mit seiner Zerstreutheit necken; aber
er ging nicht auf ihre Scherze ein und verlie endlich nach einer
unbestimmten Entschuldigung das Zimmer.

Drauen an der Treppe, die hinauf auf die Strae fhrte, traf er
Trauvest, an dem er mit einem kurzen Gru vorber wollte.

Hren Sie, mein lieber Handor, redete ihn dieser an.

Ja, Trauvest?

Sie nehmen es mir nicht bel, fuhr der Wirth freundlich fort, aber
ich mu Sie wirklich bitten, da Sie mir wenigstens einen Theil Ihrer
schmhlich aufgelaufenen Rechnung zahlen. Ich selber habe meine letzte
Weinsendung in den nchsten Tagen zu berichtigen und bin wirklich in
Verlegenheit, wo ich das Geld hernehmen soll; ich wrde Sie sonst doch
noch nicht belstigen.

Hm, ja, Trauvest, wie viel bin ich Ihnen denn eigentlich so ungefhr
schuldig?

Nun, es werden ohne das Heutige immer so eine dreihundert und einige
siebzig Thaler sein.

Dreihundert, alle Teufel, das hat sich merkwrdig aufsummirt!

Ja, lieber Gott, sagte Trauvest achselzuckend, billige Weine trinken
Sie nicht, und eine hbsche Zeit ist ebenfalls verstrichen, seit Sie die
letzte Abzahlung machten.

Sie haben Recht, Trauvest, sagte Handor, indem er seinen Paletot
zuknpfte; den Wievielten schreiben wir heute?

Der Monat geht auf die Neige.

Am Ersten sollen Sie bedacht werden, Sie gehen vor.

Vergessen Sie's nur nicht, Herr Handor.

Gewi nicht, alter Freund; guten Abend! Und er stieg die Treppe
hinauf, die hinaus in's Freie fhrte.




6.

Jeremias.


Ehe sie nur das kaum zweihundert Schritt von dort gelegene neue Wohnhaus
des Grafen Rottack erreichten, waren Jeremias und die kleine lebendige
franzsische Bonne, die aber ziemlich gut Deutsch sprach, schon die
besten Freunde geworden, und selbst das kleine Helenchen schien sich so
wohl bei ihrem neuen Wrter zu befinden, der auch fortwhrend mit ihr
lachte und plauderte, da sie nicht die mindeste Furcht mehr vor ihm
hatte. Nur der kleine Gnther betrachtete ihn noch immer ein wenig scheu
und mitrauisch von der Seite -- er konnte augenscheinlich noch nicht
recht klug aus ihm werden, und dann war Jeremias doch auch eine
von allen denen, mit welchen er bis jetzt verkehrt, so verschiedene
Persnlichkeit, da sich der kleine Bursche fast unwillkrlich von ihm
zurckhielt.

Jeremias hatte aber jetzt auch in der That genug mit sich selber zu
thun, denn so unbefangen er sich sonst in allen Lebensverhltnissen
benahm, so fhlte er sich doch, als er in diesem Augenblick die neue und
sehr elegante Wohnung des Grafen Rottack betrat, in einer so vollstndig
ungewohnten Sphre, da er einige Zeit brauchte, um sich hinein zu
finden.

In Brasilien hatte er allerdings verschiedene Male mit Grafen und
Grfinnen verkehrt, aber das waren auch ganz andere Verhltnisse
gewesen. Titel und Namen mochten sie allerdings gehabt haben, aber der
uere Glanz fehlte ihnen dort, der im alten Vaterland unter solchen
Verhltnissen, wenn auch oft auf das Knstlichste, doch stets gewahrt
und beobachtet wird, und so unbefangen er anfangs die Einladung zum
Diner von dem jungen Grafen angenommen hatte, dessen er sich noch recht
gut erinnerte, wie er mit der Violine in Santa Clara herumlief und bei
Bohlos an dem nmlichen Tische sein Bier trank, an dem er selber ab und
zu einsprach -- so befangen fhlte er sich jetzt pltzlich, als er die
betreten Diener sah, die herzusprangen, als Graf und Grfin das Haus
betraten, und die Ehrfurcht bemerkte, mit der das junge Paar von allen
Seiten behandelt wurde. Ja, er kam in die grte Verlegenheit, als er
Helenchen auf den Boden gesetzt hatte und einer der Diener zusprang und
ihm den Hut abnahm, whrend ein anderer -- was er eben an Graf Rottack
gethan -- auch zu ihm kam, um ihm den Oberrock auszuziehen.

Bitte, sagte Jeremias erschreckt, ich habe nur den einen an und kann
doch... -- er hielt pltzlich inne, denn er sah, wie sich die Bonne
nur mit Gewalt das Lachen verbi, und der Diener selber trat etwas
bestrzt zurck, weil er bemerkt, da er den Fremden in Verlegenheit
gebracht.

Kommen Sie nur herein, alter Freund, rief Rottack, der verhindern
wollte, da er sich vor den spottlustigen Dienern eine Ble gab, und
thun Sie, als wenn Sie hier zu Hause wren! -- Ist das Essen fertig?

Es kann jeden Augenblick servirt werden, Herr Graf.

Schn, dann lassen Sie auftragen.

Jeremias folgte der freundlichen Einladung, aber er war noch weit davon
entfernt, sich behaglich zu fhlen. Erstlich hatten sie ihm seinen Hut
weggenommen, und er wute jetzt nicht, was er mit seinen Hnden anfangen
sollte; dann hatte er vergessen, sich drauen abzutreten, und auf dem
Teppich hier, den er so schn noch auf keinem _Tische_ gesehen, sollte
er jetzt mit den staubigen Stiefeln herumlaufen.

Rottack aber, der sich etwa denken konnte, was in der Seele des kleinen
Mannes vorging, und der fest entschlossen schien, ihm jede Verlegenheit
zu ersparen, machte all' seinen Bedenklichkeiten ein rasches Ende, indem
er ihm ohne Weiteres einen Stuhl zum Tisch rckte, auf den schon einer
der aufmerksamen Diener ein Couvert fr den Gast gelegt hatte, und
ausrief: So, Jeremias, nun setzen Sie sich daher, und Helene, die den
Augenblick zurckkommt, soll sich zu Ihnen auf die Seite und Gnther
auf die andere setzen, und nun unterhalten Sie sich nur noch einen
Augenblick mit den Kindern, ich bin gleich wieder bei Ihnen.

Jeremias sah sich um -- die Diener, vor denen er sich am meisten
genirte, hatten ebenfalls das Zimmer verlassen, und die Bonne war damit
beschftigt, die Kinder ihrer Hte und Mntelchen zu entledigen, die
das Kindermdchen dann in deren Stube hinbertrug -- Jeremias war sich
selber berlassen, in dem Fall brauchte er nur wenige Minuten, um mit
dem kleinen Gnther Freundschaft zu schlieen. Im Handumdrehen fertigte
er ihm aus der goldenen Dte, die er auf ein paar der Suppenteller
ausleerte, eine Mtze, und wie Felix zurckkam, hatte er ihn auf dem
Knie reiten, und der kleine Bursche lachte und schrie vor Lust und
Vergngen, als das Pferdchen mit ihm durchging und in immer wilderen
Stzen Hopp, Hopp machte.

Felix lachte, als er wieder in's Zimmer trat und Helenchen eben auf
das andere Knie des kleinen freundlichen Mannes hinaufkletterte, um mit
Theil an dem wilden Ritt zu nehmen.

Helene kam jetzt ebenfalls zurck, und die Suppe wurde gebracht; das
kleine Volk mute Ruhe geben und Alle nahmen ihre bestimmten Pltze ein.

's ist doch aber wirklich merkwrdig, sagte Jeremias, wie sich so
Leute auf der Welt wiederfinden knnen.

_Sie_ htte ich allerdings hier nicht vermuthet, lchelte Felix. Nun
erzhlen Sie uns aber auch einmal vor allen Dingen Alles, was Sie selber
betrifft, und wie Sie besonders wieder nach Deutschland zurckgekommen
sind. Sie knnen glauben, da wir uns dafr interessiren.

Na, denke doch, schmunzelte Jeremias, der, wie er nur erst einmal die
Serviette um und den Suppenteller vor sich hatte, auch alles Neue und
Fremdartige verga, was ihn umgab. Aber sehen Sie, Herr Graf, wie Sie
damals weggingen -- Jemine war das eine Zeit, wie wir den grobrodigen
Herrn von Reitschen los wurden und den guten Herrn Sarno wiederkriegten
-- damals... -- er sah sich vorsichtig um, ob keiner von den Dienern
mehr im Zimmer war -- damals lief ich noch in Hemdsrmeln herum mit
dem Einspnner, dem Handkarren, Sie wissen wohl, und putzte... -- die
Bonne genirte ihn doch etwas, da er nicht recht mit der Sprache heraus
mochte -- nun, that allerlei Arbeit, was vorkam, hatte mir aber doch
hbsches Geld dabei verdient, denn ich sparte wie ein Hamster und
gab keinen Milreis unnthig aus. Da starb gleich sechs Monate spter
Bodenlos -- Sie kennen ja doch Bohlossen -- er hatte sich richtig in
aller Stille todtgesoffen, denn uerlich merkte man ihm nie 'was davon
an, und das Wirthshaus wurde verkauft.

Buttlich, der mit Herrn von Reitschen herbergekommen und so eine
Schwindelwirthschaft errichtet hatte, war schon drei Monate vorher
durchgebrannt -- der arme Baron verlor durch den Lump auch ein paar
hundert Milreis, beinahe ein halbes Conto[1], und wenn Bohlossen sein
Haus gut gehalten wurde, lieen sich Geschfte damit machen. Herr
Rohrland rieth mir auch zu...

[1] Ein Conto de Res etwa 500 Dollars.

Und wie geht es den guten Leuten? fragte Helene.

Vortrefflich, nickte Jeremias -- Rohrland ist ein Mann bei der
Spritze, immer auf dem Damme, immer fleiig, und die kleine Frau ein
Mordswei--, eine prchtige Frau -- und alle Jahre Kindtaufe, immer
einen kleinen Jungen oder auch einmal ein Mdchen -- es wimmelt nur so
bei ihnen.

Und Sie kauften die Wirthschaft? fragte Felix, whrend Helene still
vor sich hin lchelte und die Bonne bis hinter die Ohren roth wurde.

Na ob, sagte Jeremias, wieder im alten Gleise, das Haus ging
spottbillig weg, das Inventar war ebenfalls zu bezahlen, was ich an
Getrnken und sonstwie brauchte, lieferte mir Herr Rohrland, und
nun ging die Geschichte flott. In Santa Catharina hatte sich's
ausgesprochen, da wir einen guten Director in der Colonie htten, der
etwas auf seine Colonisten hielt, in Rio wurd's auch bekannt, und von
allen Seiten kamen jetzt die Auswandererschiffe an, da der Director und
ich manchmal nicht wuten, wo uns der Kopf stand -- aber Geld wie Heu.
Es war ordentlich, als ob der Segen auf dem alten Hause lge, und wie
ich mir noch ein neues dazu baute, hatte ich immer noch nicht Platz
genug. Weil ich das baare Geld aber nicht wollte im Kasten liegen lassen
-- von wegen Buxen und Consorten, die mir damals keinen schlechten
Schreck eingejagt--, kaufte ich Land dafr, was sie mir nicht stehlen
konnten, und verdiente da wieder dran, Hand ber Hand; kurz, in vier
Jahren war ich ein gemachter Mann, und da erst, wie ich 'was hatte und
es mit dem Besten in der Colonie aufnehmen konnte, kriegt' ich das
Heimweh und beschlo, einmal wieder nach Deutschland zurckzukehren.
Meine Huser verkaufte ich um das Doppelte, was ich dafr gegeben hatte,
meine Colonien verpachtete ich an arme Colonisten, die noch keinen
eigenen Grund und Boden hatten, und -- da bin ich...

Und wie haben Sie alle unsere Freunde in der alten Colonie verlassen?
fragte Felix -- was macht Sarno, und haben Sie nichts von Gnther von
Schwartzau mehr gesehen?

Herr Sarno ist noch immer der Alte, erzhlte Jeremias, emsig mit einem
Gnseschenkel beschftigt -- immer bei der Spritze, und die Geschichte
geht jetzt dort wie am Schnrchen. Wer nicht in die Colonie pat, den
beit er weg, und die Anderen befinden sich alle wohl, oder wenn sie's
nicht thun, ist es ihre eigene Schuld. Einen andern Pfarrer haben sie
auch, einen braven, ordentlichen Mann, der nie lnger als eine halbe
Stunde predigt...

Und von Schwartzau wissen Sie nichts?

Doch -- im vorigen Jahr war er wieder in der Colonie und wohnte ein
paar Wochen beim Herrn Director; er war lange krank gewesen und sah
recht elend aus. Jetzt ging's ihm aber wieder besser, und kurz vorher,
ehe ich wegging, hrte ich, da er selber Director in San Sebastian oder
Gott wei, wie die neue Colonie heit, geworden wre.

Armer Gnther! seufzte Felix -- so treibt er sich noch immer in der
Fremde umher und kann keine Ruhe finden...

Und was macht der Baron? fragte Helene, der eine andere Frage noch am
Herzen lag, die sie aber nicht wagte.

Je, nun, sagte Jeremias, der Baron trgt immer noch dieselben
Nankinghosen, die beim Waschen immer krzer werden -- armer Teufel --
ne, lieber Freund, ich bin noch nicht fertig, unterbrach er sich rasch
und hielt mit beiden Hnden seinen Teller, den ihm der aufwartende
Diener, weil er ihn einen Augenblick auer Acht gelassen, gerade
fortnehmen wollte.

Felix lachte und winkte, ihn in Ruhe zu lassen, und Jeremias, der seinen
Gnseschenkel wieder vornahm, fuhr fort:

Dem armen Teufel geht's eigentlich erbrmlich. Arbeiten kann er und
will er nichts, und mit Vornehmthun giebt's in den Colonien nichts aus
-- der Buttlich betrog ihn, wie gesagt, um eine hbsche Summe -- wie
er's aus ihm herausgekriegt, wei ich auch nicht. Nachher lie er sich
in ein Geschft mit Herrn von Pultele -- Hurrjeh! unterbrach sich
Jeremias pltzlich, weil er glaubte, einen Migriff gemacht zu haben.

Erzhlen Sie nur weiter, lachte aber Felix -- also, Herr von
Pulteleben ist auch noch in der Colonie...?

Jetzt nicht mehr, sagte Jeremias, der puterroth geworden war und einen
verzweifelten Blick nach Helenen hinberwarf. Es war eine Seele von
einem Menschen, aber -- aber ein bischen -- ein bischen unpraktisch, und
da kam er auf die unglckliche Idee, mit dem Baron eine Perlenfischerei
an der Kste anzulegen.

Eine Perlenfischerei?

Ja, gewi -- und gefischt haben sie auch genug, meinte Jeremias,
aber nicht einmal so viel Perlen gefunden, um sich eine Tuchnadel davon
machen zu lassen, und da bekam es der Herr Baron denn zuerst satt -- die
Mittel erlaubten es nicht -- und Herr von Pulteleben ging nachher nach
Rio Grande, aber ich habe nichts weiter von ihm gehrt.

Und die Grfin Baulen, sagte Helene ruhig, ist sie noch in Santa
Clara?

Ihre Frau Mutter? Gewi! rief Jeremias, der natrlich keine Ahnung
von den dortigen Vorgngen haben konnte -- immer noch die Alte --
sehr achtungswerthe Dame, setzte er aber rasch und erschreckt hinzu --
ungeheure Betriebskraft, wei immer etwas Neues, um zu speculiren --
aber Graf Oskar ist fort...

Fort -- wohin? rief Helene rasch.

Der liebe Gott wei es, sagte Jeremias achselzuckend -- mein Himmel,
junges Blut will austoben, und Brasilien ist gro -- Frau Mutter hatte
eine kleine Schwierigkeit mit dem Bckermeister Spenker und zog aus,
miethete nachher ein kleines Haus gerade dem Baron gegenber, und da war
der junge Graf eines Morgens auf eine Entdeckungsreise ausgegangen, wie
sie sagten, und konnte nachher selber nicht mehr entdeckt werden. Aber
das Alles hat Ihnen gewi Ihre Frau Mutter schon geschrieben -- lieber
Gott, in Brasilien geht das ja auch oft so, da ein junger Mensch einen
Platz satt bekommt und sich nach einem andern umsieht, der ihm besser
gefllt!

Und was ist aus der Frau jenes Mrders, jenes Bux geworden? fragte
Felix, der das Gesprch auf ein anderes Thema zu bringen wnschte.

Der geht's gut, besttigte Jeremias; das war eine brave,
rechtschaffene Frau, und wie sie sich nur erst einmal von der schlechten
Behandlung erholt hatte, schaffte sie tchtig. Ihre Kinder brachten wir
rasch bei Colonisten unter, und nachher habe ich sie selber in das Hotel
genommen, wo sie sich vortrefflich betragen hat. Sie ist jetzt noch dort
und verdient sich hbsches Geld...

Und jener Bux?

Nun, den haben sie nach Rio gebracht und dort wahrscheinlich gehangen
oder in's Loch gesteckt. Ich habe nie etwas Weiteres von ihm gehrt.

Aber ein sonderbares Zusammentreffen ist es doch, lchelte Helene,
da wir uns hier gerade in Haburg wiedersehen sollten...

Und noch dazu den ersten Tag, wo ich hier bin! rief Jeremias.

Apropos, Sie wollten mir ja erzhlen, was Sie gerade nach Haburg
gefhrt, sagte Felix, denn wie Sie selber sagen, stammen Sie gar nicht
aus der Gegend...

Hm, meinte Jeremias und warf einen Blick ber die Schulter nach dem
aufwartenden Diener und dann nach der Bonne hinber, das ist auch eine
etwas lngere Geschichte.

Also dann beim Kaffee, nickte der junge Graf, dem es nicht entgangen
war, da der kleine Mann noch etwas Anderes auf dem Herzen hatte
-- aber vorher noch ein Glas Wein, Jeremias, wie? Machen Sie keine
Umstnde, Mann, der Wein ist trinkbar.

Famoser Stoff! besttigte Jeremias, der indessen mit seinen Gedanken
nicht ganz bei der Sache war, denn es ging ihm im Kopf herum, da sich
die junge Grfin eigentlich gar nicht so lebhaft nach ihrer Mutter
erkundigt hatte, wie er wohl erwartet haben mochte, und auch ber das
Verschwinden ihres Bruders nicht im Mindesten aufgeregt erschien. Aber
sie mute es jedenfalls schon frher brieflich erfahren haben, und
wute vielleicht sogar, wo er stak. Da er ihm selber noch eine nicht
unbetrchtliche Summe schulde, erwhnte er nicht; er besa, trotz seiner
rauhen Hlle, zu viel Zartgefhl, und doch hatte es ihm Rottack entweder
angemerkt oder es sich auch nur gedacht -- und groe Definitionsgabe
gehrte allerdings nicht dazu.

Aber die Tafel wurde jetzt abgerumt und dann der Kaffee gebracht. Die
Bonne verlie mit den Kindern den Speisesaal, und das junge Paar war mit
Jeremias allein.

Und nun, mein alter Freund, sagte Felix, schieen Sie einmal los --
Sie haben noch etwas auf dem Herzen.

Jeremias war eigentlich nicht wenig froh, da er dieses Diner glcklich
berstanden hatte, denn er fhlte sich, so lange es dauerte, fortwhrend
in einer gewissen Aufregung, aus Furcht, irgend einen Migriff zu
begehen. Aber es schien doch ziemlich gut abgelaufen zu sein, denn das
ausgenommen, da er von den ihm prsentirten Speisen hartnckig die
Gabel abgenommen und neben sich gelegt hatte, so da er sich zuletzt
im Besitze von sieben oder acht solcher Instrumente fand und ber den
Vorrath selber erschrak, war nicht das geringste Ungehrige vorgefallen.
Jetzt aber wurde er pltzlich, ohne die geringste scheinbare Ursache,
feuerroth und sagte, viel verlegener, als er sich nur je gezeigt: Hm,
ja, Herr Graf, ich -- ich wollte eigentlich -- Schwerebrett, Sie lachen
mich aber aus, wenn ich's Ihnen sage -- die Frau Grfin lacht jetzt
schon.

Gewi nicht, Jeremias, wenn es etwas Ernstes ist, lchelte Helene, der
die Unruhe des kleinen Mannes allerdings komisch vorkam.

Ja, ernst wr' es schon, nickte ihr Gast leise mit dem Kopf vor sich
hin, aber -- lachen werden Sie doch, setzte er resignirt hinzu, denn
eigentlich knnte ich selber darber lachen, wenn -- wenn... -- Er
stak fest und nahm sein Taschentuch heraus, um sich damit die Stirn und
den Kopf abzutrocknen, denn die Stirn ging ihm fast bis hinten in die
Halsbinde hinunter.

Also erzhlen Sie, Jeremias, sagte Helene freundlich; Sie wissen ja,
da wir es gut mit Ihnen meinen, und wenn Ihnen Felix bei irgend etwas
behlflich sein kann, so bin ich fest berzeugt, da es ihm die grte
Freude machen wird.

Ich auch, Frau Grfin, ich auch, besttigte Jeremias treuherzig und
leerte dabei das Glas, das ihm der junge Graf noch einmal vollgeschenkt
hatte, wie um sich Muth zu machen, auf Einen Zug. Und Sie sollen's
auch erfahren, setzte er dann hinzu -- Sie sollen's erfahren, denn
ich wei, Sie meinen es gut mit mir. Aber erst erlauben Sie mir, da
ich eine Tasse Kaffee trinke -- der starke Wein ist mir in den Kopf
gestiegen, und ich mchte kein dumm Zeug schwatzen -- es ist so schon,
wie's ist -- so, danke Ihnen, und nun sollen Sie meine Lebensgeschichte
hren, aber ganz kurz, ich bin im Augenblick damit fertig, denn es ist
Alles ungeheuer geschwind gegangen und eigentlich gar nicht viel zu
erzhlen -- wenn nur eben die Frau nicht wre.

Die Frau?

Jeremias seufzte tief auf, trank seinen Kaffee, den ihm Helene selber
eingeschenkt, und begann dann: Ich war ein leichtsinniger Strick in
meiner Jugend, lief meinem Alten fort und ging zum Theater.

Zum Theater? lachte Felix erstaunt.

Das heit, ich wirkte im Chor, fuhr Jeremias fort, und half mit beim
Ballet, und damals war ich auch noch schlank und geschmeidig und hatte
die Beine dazu. Ich verdiente auch, was ich brauchte, als einzelner
Mensch nmlich, aber da kam -- und jetzt werden Sie lachen, Frau Grfin
-- da kam die Liebe und ich heirathete!

Sie sind verheirathet, Jeremias? riefen beide Gatten zugleich und
erstaunt aus.

Ja, wenn ich's nur selber wte, sagte Jeremias mit einem hchst
komischen Ausdruck von Verzweiflung in den Zgen -- das ist ja eben das
Unglck, da ich nicht wei, ob ich's bin oder ob ich's war, und deshalb
bin ich ja wieder nach Deutschland zurckgekommen!

So wissen Sie nicht, ob Ihre Frau noch lebt?

Das ist die Geschichte, und auf den Kopf haben Sie's getroffen, Frau
Grfin -- aber hren Sie. Meine Frau war brav und gut und ebenfalls beim
Theater. Sie spielte kleine Rollen, und wir Beide verdienten etwa so
viel, wie wir brauchten. Da wurde sie krank und entlassen, die
Familie vermehrte sich ebenfalls, und... -- Jeremias wurde hier
augenscheinlich so verlegen, da er eine ganze Weile kein Wort weiter
vorbrachte. Er trank an seinem Kaffee, er zupfte an seinem Rock und
rckte auf seinem Stuhl herum. Endlich aber, da er doch wohl merkte,
da es nicht so fortging, nahm er sich mit Gewalt zusammen und platzte
heraus -- und ich wurde liederlich -- Sie drfen mir's glauben, Frau
Grfin, ein ganz liederlicher Strick -- ich trank und spielte und
setzte meiner Schlechtigkeit endlich, als sich meine brave Frau von mir
scheiden lie, die Krone auf -- und lief davon. So, Gott sei Dank, jetzt
ist das Schlimmste heraus und Sie wissen's nun einmal -- das Andere ist
Kleinigkeit, fuhr er, tief Athem holend, fort. Ich trieb mich erst
eine Weile in Deutschland herum, Jahre lang, bis ich das Brod nicht mehr
hatte; dann schiffte ich nach Amerika ber und versuchte es da, aber es
ging auch nicht. Das alte Leben steckte mir noch in den Gliedern, und
anstatt Geld fr Frau und Kind nach Haus zu senden, verthat ich, was
ich verdiente, bis zuletzt die Reue kam. Hurrjeh, hab' ich mir damals
Grobheiten gemacht und mich selber vorgekriegt -- aber es half! Ich
nahm mir vor, ein ordentlicher Kerl zu werden, und um aus all' der
Gesellschaft herauszukommen, in der ich mich in Amerika herumgetrieben,
ging ich zu Schiff nach Brasilien.

Dort fing ich ein anderes Leben an. Ich war nie gewohnt gewesen, viel
zu arbeiten -- in Brasilien streifte ich die Aermel in die Hh' und ging
scharf dran. Sie wissen's selber, Sie haben mich dort schaffen sehen,
und nachher ging's. Die ganzen langen Jahre hatte ich aber nicht an zu
Hause gedacht oder, wenn ich dran dachte, mit Gewalt nicht dran denken
wollen. Was konnt's auch helfen, was wollte ich zu Hause anfangen, so
lange ich nichts hatte! Wie ich aber anfing, zu Geld zu kommen, und wie
es sich mehrte und mehrte und ich anfing, reich zu werden, da kam die
Reue ber das Vergangene noch viel strker, wie nach meinem liederlichen
Leben. Da kam das Heimweh, da ging mir der Gedanke im Kopf herum, da
meine arme Frau vielleicht doch nicht aus Kummer und Gram gestorben
wre und hier noch in Sorge und Noth lebe. Jetzt schrieb ich nach
Deutschland, um ihre Adresse zu erfahren, aber umsonst; kein Mensch
konnte mir Nachricht geben, und auf die meisten Briefe bekam ich nicht
einmal eine Antwort. Am liebsten htte ich mich da auch gleich selber
aufgepackt und wre herbergefahren, aber die Zeiten waren zu gnstig,
ich verdiente zu rasch und wollte noch mehr, und bekam mehr. Da litt's
mich denn endlich nicht lnger in dem Brumsilien drben, und mit dem
Dampfer bin ich herbergekommen, um nur recht geschwind wieder da zu
sein.

Und haben Sie Ihre Frau gefunden? rief Helene rasch, die mit inniger
Theilnahme der kleinen, einfachen Erzhlung gefolgt war.

Das ist ja gerade der Teufel -- bitte tausendmal um Entschuldigung!
sagte Jeremias, sich wieder den Schwei abtrocknend. Seit sechs Wochen
rutsche ich jetzt im Lande herum und kann nichts Genaues erfahren.
Zuerst war ich in Regensburg, wo wir damals wohnten -- und glcklicher
Weise kannte mich dort Niemand mehr -- und da hie es, da sie schon
vor langen Jahren nach Erlangen gezogen und wieder zum Theater gegangen
wre. Ich nach Erlangen. Dort erfuhr ich gar nichts, als da sich die
Theater-Gesellschaft von jener Zeit nach Preuen und zwar an den
Rhein gewandt habe. Ich an den Rhein. In Mainz traf ich zufllig einen
Menschen, der mir erzhlte, dort wohne noch ein alter Schauspieler und
gbe jetzt Clavierstunden -- zu dem ging ich -- ich kannte ihn wohl,
aber er mich nicht mehr, von wegen der Glatze, und der sagte mir jetzt,
da meine Frau wieder ihren Mdchennamen angenommen htte und nach
Frankfurt gegangen wre. Ich nach Frankfurt, und keine Spur mehr
gefunden, Wochen lang, bis ich vorgestern in Kln wieder einen
alten Schauspieler traf, der behauptet, er habe den Namen in einer
Theaterzeitung gelesen. Jetzt machten wir uns ber die alten Zeitungen
her -- da ich ein paar Flaschen Wein kommen lie, arbeitete der Alte mit
wie ein Pferd--, und nach sechs oder acht Stunden Suchens faten wir
den Artikel, der mich wieder Hals ber Kopf hierher nach Haburg jagte.

Und sie ist hier? rief Felix.

Ja, das wei ich noch nicht, seufzte Jeremias, denn wie Sie mich
trafen, war ich ja auch erst eben angekommen und wollte mich gerade
umsehen, ob ich nicht vielleicht Einem vom Theater unterwegs begegnete,
denn die kennt man gleich, und wenn sie noch so einfach angezogen gehen.
Ich wei nicht, woran es liegt, aber einen Theatermenschen will ich
unter Tausenden herausfinden.

Aber Sie wissen also den Namen? sagte Felix -- dann mu es ja doch
die grte Kleinigkeit sein, sie hier aufzufinden.

Allerdings, erwiderte Jeremias kleinlaut -- ihr Theatername war
damals Bassini, und ein Frulein Bassini soll auch hier an der Bhne
engagirt sein, der Theaterzeitung wenigstens nach, aber...

Aber?

Aber, sthnte Jeremias, jetzt, da ich meinem Ziel so nahe bin, habe
ich eine Heidenangst bekommen, allein zu ihr zu gehen -- alle meine
Snden fallen mir bei, und -- und ich wollte wahrhaftig manchmal, ich --
wre wieder in Brasilien!

Und sind Sie nicht hergekommen, um gut zu machen, was Sie frher
verschuldet haben? sagte Helene herzlich.

Ja, das wohl -- aber...

Ich gehe mit Ihnen, Jeremias, rief Graf Felix lachend, ich helfe
Ihnen Ihre Frau suchen!

Ach, Herr Graf, sagte der kleine Mann verlegen, wenn Sie -- wenn Sie
das thun wollten, da wre mir ein wahrer Berg vom Herzen herunter!

Ich gehe mit Ihnen, besttigte Graf Rottack aber noch einmal, denn
theils nahm er wirklich Interesse an dem kleinen verzweifelten Manne, da
ihm dieser wieder alle die alten transatlantischen Erinnerungen, als ein
Stck selber von daher, so lebendig in der Seele wach gerufen, und dann
machte es ihm auch Spa, von der Entwickelung dieses kleinen Dramas
Zeuge zu sein.

Und wann wollen Sie gehen? fragte Helene.

Ja, heute ist es zu spt, rief Rottack, aber den heutigen Abend
verwenden Sie dazu, die Wohnung Ihrer geschiedenen Frau aufzufinden, und
dann holen Sie mich morgen Mittag um zwei Uhr ab! Ist Ihnen das recht?
Ich kann nicht frher.

So wollen wir's machen, rief Jeremias, ihm treuherzig die breite Hand
entgegenstreckend -- jetzt hab' ich auch wieder Courage, und morgen
wissen wir dann gleich, woran wir sind!

Wollen Sie schon fort?

Wenn Sie mir erlauben, Frau Grfin, ja, denn der Boden fngt mir an,
unter den Fen zu brennen, bis ich Alles heraus habe. Aber morgen
Mittag punkt zwei Uhr bin ich wieder hier.

Rauchen Sie, Jeremias? fragte Felix.

Wo werd' ich nicht! meinte der kleine Mann, indem er eine der ihm
gebotenen Havannas mit einem Kratzfu annahm -- wissen Sie denn wohl
noch, wie wir einmal in der... -- Er wurde auf einmal feuerroth im
Gesicht, denn er fhlte, da er wieder eine Dummheit begangen -- reden
wir nicht mehr davon, brach er auch kurz ab, indem er sich die Cigarre
an dem Licht, das ihm einer der eben eintretenden Diener brachte,
anzndete und diesem dann sehr freundlich dafr dankte -- und nun leben
Sie wohl und nehmen Sie's nicht bel, da ich Sie so lange gelangweilt
habe!

Und haben Sie guten Muth, Jeremias -- Felix wird Alles in Ordnung
bringen, lchelte Helene freundlich.

Jeremias nickte ihr dankend zu, drehte sich dann um und stieg wieder in
das wilde Leben und Treiben hinaus, das noch immer in der Strae drauen
auf und ab wogte.




7.

Die erste Begegnung.


Eben hatte es in der zu dem Schlo des Grafen Monford gehrenden Kapelle
zwlf Uhr geschlagen, als die Grfin mit ihrem Gemahl, den Kiesweg am
Flusse herabkommend, von einem Spaziergange zurckkehrte. Sie gingen dem
Schlosse zu.

Der Park lag still und einsam wie immer; weit unten am Drahtzaun
s'ten sich ein paar Stck Damwild, und mitten auf der Wiese kroch eine
gebckte Menschengestalt, der ein kleiner Hund folgte, herum; sonst lie
sich nichts Lebendes erkennen.

Es war das der Maulwurfsfnger, der nach seinen Fallen gesehen hatte
und die ertappten Uebelthter in ihren schwarzen Pelzen, weniger
als Warnungszeichen fr die brigen, sondern mehr als Beweis seiner
Thtigkeit und seines Erfolges, an schwanken Ruthen mitten auf dem Rasen
aufhing.

Jetzt schien er mit seiner Arbeit vor der Hand zu Ende; mglich auch,
da er sich nur ausruhen und dabei sein Mittagsbrod verzehren wollte. Er
schritt zu der nchsten Linde, die dicht an dem Kiesweg stand, und wo er
zugleich Schutz gegen die heute ziemlich warm brennende Sonne fand. Dort
legte er seinen Ranzen ab und neben sich, nahm ein Stck Brod und Wurst
heraus, wie eine kleine Flasche mit Branntwein, zog seinen Genickfnger
vor und begann, whrend der Spitz vor ihm sa und ihn mit etwas
seitwrts gebogenen Kopf aufmerksam betrachtete und jedem Bissen, den er
zum Munde fhrte, mit den Augen folgte, seine Mahlzeit.

Die beiden Spaziergnger, welche auf demselben Wege herankamen, an dem
er sa, mute er jedenfalls bemerkt haben; der Spitz markirte sie auch
ein paar Mal, indem er dort hinbersah. Der Alte nahm aber nicht die
geringste Notiz von ihnen; wute er sich ja doch auch hier in seinem
vollen Recht und in seinem Beruf, und der Platz unter der Linde, so
lange er dort sa und Rast hielt, gehrte ihm.

Nicht wahr, um zwlf Uhr hatten sich Rottacks ansagen lassen? fragte
die Grfin, nachdem sie eine Weile schweigend neben ihrem Gemahl
hergeschritten war.

Ja, mein Kind, sagte der alte Herr, eben schlug es Zwlf; aber unsere
Uhr geht einige Minuten vor. Wir werden gerade zur rechten Zeit wieder
oben sein.

Ich mchte nur wissen, fuhr die Grfin nach einer kurzen Pause fort,
was die junge Frau fr eine Geborene ist. Sonderbare Sitte das, auf
seine Karte nichts zu setzen, als ganz einfach: Graf Rottack und Frau,
gerade als ob er ein Schuhmacher oder Schneider wre.

Mein liebes Herz, lchelte der Graf, mit den Achseln zuckend, er wird
mit der Abstammung seiner Gemahlin wahrscheinlich keinen Staat machen
knnen und ist klug genug, sie ganz wegzulassen.

Diese Aufmerksamkeit gegen uns ist doch auch wirklich ganz
auerordentlich; wie ich vorhin gehrt habe, sind die Herrschaften erst
gestern hier eingetroffen.

Wir werden etwas vorsichtig mit diesem Umgang sein mssen, bemerkte
der Graf, bis man wenigstens Genaueres ber die Familienverhltnisse
erfhrt. Der junge Rottack hat mir brigens so weit ganz gut gefallen;
nur ein wenig sehr ungenirt ist er, wie alle die Herren, welche
sich eine Zeit lang in fremden Welttheilen und unter Republikanern
herumgetrieben haben.

Ist seine Frau eine Deutsche?

Ja, mein Herz, da fragst Du mich zu viel; ihrem Ansehen nach
jedenfalls, denn wenn ich nicht irre, hat sie blonde Haare. Aber wir
werden ja sehen. Behagt uns der Umgang nicht oder stellt sich
etwas dagegen heraus, so giebt es Mittel und Wege genug, ihn in der
freundlichsten Weise wieder abzubrechen oder wenigstens zu erschweren,
und sind unsere Befrchtungen unbegrndet, so haben wir vielleicht
einen sehr angenehmen Zuwachs unserer, doch eben nicht sehr zahlreichen
Gesellschaft erhalten.

Sie hatten in diesem Augenblick die Stelle erreicht, an welcher der
Maulwurfsfnger sein frugales Mittagsbrod verzehrte.

Guten Tag, Herr Graf! Guten Tag, Frau Grfin! sagte der Bursche, ohne
sich brigens in seiner Beschftigung stren zu lassen oder dieses Mal
auch nur eine weitere Ehrfurchtsbezeigung fr nthig zu halten, als ein
etwas Hherschieben der alten Mtze mit dem Rcken der Hand, in der er
das Messer hielt.

Guten Tag, mein Mann! sagte der alte Herr, whrend die Grfin ihn
durch die Lorgnette betrachtete, und war schon halb vorber, als er noch
einmal stehen blieb und, den Kopf zurckwendend, fortfuhr: Hr' einmal,
Freund, der Frster beklagt sich fortwhrend ber Dich und liegt mir
stets in den Ohren, ich solle Dir das Betreten meiner Grundstcke
verbieten.

Nachher soll ich die Maulwrfe wohl von der Grenze aus mit Sympathie
vertreiben? lachte der Bursche still vor sich hin und schob wieder ein
Stck Brod und Wurst in den Mund.

Von den Maulwrfen ist hier keine Rede, erwiderte der alte
Herr, weniger vielleicht durch die Antwort, als durch das heute so
unehrerbietige Benehmen des alten Burschen gereizt; wie mir der Frster
sagt, fngst Du aber auch noch andere Dinge, als Maulwrfe, und meine
Leute haben jetzt strengen Befehl, Dir auf den Dienst zu passen.
Erwischen sie Dich dabei, oder betrgst Du Dich auch nur ein einziges
Mal selbst verdchtig, so nimm Dich in Acht!

Werde so frei sein, brummte der Mann vor sich hin.

Auch verbiete ich Dir von jetzt an, Dich nach Sonnenuntergang hier
herumzutreiben; Du kannst Deine Maulwrfe bei Tage fangen, und nun Gott
befohlen! setzte er rasch hinzu, als ob er frchte, noch eine Antwort
zu erhalten. Er hatte sich mit dem Menschen schon zu lange aufgehalten.

Damit wanderte er mit der Grfin wieder langsam den Kiesweg entlang,
der dem Schlosse zufhrte, und der Maulwurfsfnger, den Kopf ihnen
nachgedreht, sah noch eine ganze Weile hinter ihnen drein. Endlich
wandte er sich gegen seinen Hund und sagte: Hast Du's gehrt, Spitz,
was der gndige Herr Graf befohlen?

Der Spitz trippelte ein paar Mal mit den Vorderfen, hob dann die Nase
in die Hhe und nieste kurz.

So? Na, das ist mir lieb, erwiderte sein Herr, nun thu mir auch den
Gefallen und richte Dich danach. Weit Du, was es setzt, wenn sie Dich
wieder einmal nach Sonnenuntergang hier erwischen, heh, weit Du's?

Der Spitz trippelte strker und nieste noch einmal.

Na, dann brauchen wir ber die Sache kein Wort mehr zu verlieren,
nickte der Alte und lachte still vergngt vor sich hin, fuhr aber dabei
in seinem Selbstgesprch, ohne sein Kauen jedoch zu unterbrechen, fort:
Merkwrdig doch, wie die Kinder oft mit einem geladenen Schiegewehr
spielen, und wie leicht kann's losgehen und blst ihnen dann die ganze
Ladung mitten in's Gesicht hinein! Und die Frau Grfin, wie sie den
Staub hinter sich vom Kieswege auffegt; eigentlich sollte der Grtner
seinen Arbeitsweibern auch so ein Ding, so eine Crinoline und Schleppe
hinten dran kaufen, dann knnte er das Rechen sparen das ganze Jahr,
und schickte die nur jeden Morgen spazieren durch den Park. Frauenvolk,
Frauenvolk, rief er kopfschttelnd, indem er seinem Spitz ein Stck
Wurst zuwarf, das dieser geschickt fing und schwanzwedelnd verzehrte,
's ist nicht zu glauben; und wie sie mich mit der Lorgnette
betrachtete, -- mu doch ein verdammt schwaches Gedchtni haben, denn
nahe genug hat sie mich doch schon gesehen -- und nicht einmal mit der
Brille; 'sist merkwrdig, und der Hochmuthsteufel scheint ihr alle
anderen Dinge rein aus dem Kopf gejagt zu haben, denn mir steht sie noch
vor Augen, als ob es erst gestern gewesen wre.

Der Spitz knurrte und drehte den Kopf nach rechts.

Hallo, fuhr der Maulwurfsfnger fort, indem er rasch dorthin sah, wer
kommt da? Besuch? Na, nicht zu uns Beiden, Spitz; so vornehm treiben
wir's nicht mehr.

Es waren ein Herr und eine Dame, hinter denen etwa fnfzig Schritte
weiter zurck ein Diener in Livre folgte.

Ich dachte es, Helene, sagte Graf Rottack, als er mit ihr auf dem
Weg herankam, da wir ein wenig zu frh eingetroffen wren; aber
die Herrschaften sind jetzt nach dem Hause zurckgekehrt, um uns zu
erwarten, und siehst Du, da drben liegt es schon. Nur jetzt Herz
gefat, setzte er leise hinzu, nur jetzt keine Schwche gezeigt, denn
es ist das erste und deshalb auch fr Dich das peinlichste Begegnen;
aber da zeige auch, da Du die Seelenstrke besitzest, die Du mir ja
schon so oft bewiesen.

Hab' keine Furcht, Felix, erwiderte Helene, ich werde Dein Vertrauen
rechtfertigen. Ich bin stark, und wenn ich auch das Gefhl nicht
abschtteln kann, da mir im Innern genau so ist, als ob es mir die
Brust zusammenschnren wolle, uerlich soll man mir nichts anmerken,
ich stehe Dir dafr. Nur vor der allerersten Begrung scheu' ich mich;
aber auch das geht ja rasch vorber, und ich frchte fast, die Frau
Grfin wird mir das sehr erleichtern.

Sie waren whrend dieses Gesprchs dicht an den Maulwurfsfnger
hinangekommen, der aber keinen Blick mehr auf sie warf und ruhig
sein Mahl beendete. Erst als sie dicht vor ihm standen und Felix ihn
anredete, sah er auf, und sein Blick haftete fest und wie erstaunt auf
dem lieben Antlitz der jungen Frau.

Lieber Freund, redete ihn indessen Felix an, knnen Sie mir nicht
sagen, ob diese Fuspuren, die von einem Herrn und einer Dame herrhren
und ganz frisch sind, dem Grafen und der Grfin Monford gehren? Es
wurde uns gesagt, sie gingen im Park spazieren.

Dort hinten knnen Sie noch in den Bschen das lichte Kleid der Grfin
erkennen, sagte der Mann, der aber in diesem Augenblick ganz sein
frheres mrrisches Wesen abgelegt zu haben schien. Wie seiner selber
unbewut, zog er dabei die Mtze vom Kopf und starrte den ihren Weg
mit einem freundlichen Danke! Verfolgenden nach, als ob er eine
Erscheinung gesehen htte.

Wunderbar, murmelte er dabei leise vor sich hin, hol' mich der
Teufel, wunderbar; und gerade in diesem Augenblick, genau so, als ob es
ein Geist gewesen wre -- und gerade an der Stelle!

Der dem jungen Paar folgende Diener kam gerade vorbei und nickte dem
unter dem Baum Sitzenden grend zu. Er war schon vorber, ehe ihn der
Alte anrief:

Ach, lieber Herr, knnen Sie mir nicht sagen, wer die junge, schne
Dame da vorn war?

Meine Herrschaft, die Frau Grfin Helene mit dem Herrn Grafen Rottack,
sagte der Mann und ging weiter; und der Alte blieb kopfschttelnd
in seiner Stellung und schnitt sogar ganz in Gedanken dem Hund die
Ueberreste seines Mahles entzwei, das ihm dieser, ohne da er es
bemerkte, aus den Fingern herausnahm.

       *       *       *       *       *

Rechts vom Schlosse und kaum hundert Schritt davon entfernt erhob sich
ein kleiner Hgel, auf dem in frheren Jahrhunderten ein alter, wie die
Sage ging, noch von den Rmern gebauter Wartthurm stand. Der Platz
war jetzt mit zur Anlage gezogen, der alte Thurm aber mit seinen
unverwstlichen Quadern im Eingange mit nicht geringer Schwierigkeit
erweitert und zu einer Aussicht ber das darunter hinlaufende Thal
benutzt worden.

Es gab auch kaum einen Punkt in der ganzen Nachbarschaft, von dem man
einen freundlicheren Blick ber das drunten ausgebreitete Haburg mit
seinen Grten und Anlagen und die dahinter weitgedehnten und meist
bepflanzten und bebauten Hnge gehabt htte.

Um den alten viereckigen Thurm herum lief eine kleine, niedere und
mit Epheu dicht bewachsene Ringmauer, und selbst von hier aus waren
Einschnitte durch die aus dem Bergabhang stehenden Bume gemacht und
die Zweige derselben knstlich so verschnitten worden, da man wie durch
einzelne Medaillons einen Blick hinaus in's Freie gewann. Immer aber
blieb die Ringmauer zu hoch von Bumen umgeben, um von hier unten aus
eine freie Aussicht zu gewhren, und der Platz, so reizend er an sich
sein mochte, wurde deshalb auch nur wenig benutzt. Hchstens dinirte die
Herrschaft manchmal, besonders an recht heien Sommertagen, hier, und
hatte man Gste, so wurde vielleicht der Kaffee dort eingenommen.
Sonst kam nur der Grtner hin, der ihn in Ordnung hielt und manchmal
vielleicht die Aloepflanzen bego, welche in den groen, aus Stein
gehauenen, vasenartigen Tpfen auf der Ringmauer standen.

Aber Paula besuchte den Platz zuweilen ebenfalls, und auch heute wieder
allein. Seit gestern wenigstens hatte sie mehr Freiheit bekommen. Der
Vater mute mit der alten, hlichen Franzsin gesprochen und ihr etwas
Unangenehmes gesagt haben; denn sie stichelte ein paar Mal darauf und
vernachlssigte seit der Zeit besonders ihren Zgling auffallend; Paula
athmete zum ersten Mal auf.

Sie kam allein den schmalen Weg herauf; aber fr einen Spaziergang ging
sie fast zu rasch, und oben an dem Thurm blieb sie pltzlich stehen und
sah und horchte den Pfad zurck, ob ihr auch Niemand folge. Aber der
alte Thurm lag so einsam wie je, und um dessen Mauern herumgleitend,
trat sie zur dritten Aloevase an der Mauer, bog sich hinber, fhlte
vorsichtig mit der Hand und zog gleich darauf ein kleines, rosafarbenes,
zusammengefaltetes Papier heraus, das sie zuerst an ihre Lippen drckte
und dann, wieder mit einem scheuen Blick ber die Schulter, ffnete.

Es enthielt weder Adresse noch Unterschrift, und nur die wenigen Zeilen:

Mein Herz! Ich mu Dich heut Abend zwischen neun und zehn Uhr, und wenn
es selbst noch spter sein sollte, sprechen. Eine furchtbare Kunde ist
zu meinem Ohr gelangt, die mich zum Denken unfhig macht. Ich mu Leben
oder Tod von Deinen Lippen empfangen. Wann Du auch kommst, von neun Uhr
an harr' ich Dein.

  Ewig der Deine.

Also er wei es, sagte Paula, wie sie nur mit flchtigen Blicken die
Zeilen verschlungen hatte; oh, mein Gott, was soll ich thun -- armer,
armer Rudolph -- arme, arme Paula!

Das Papier noch in der Hand, lehnte sie an der Ringmauer, sttzte den
Kopf in die Rechte und schaute mit thrnengefllten Augen in das Grn
der Bume hinein.

Und da steckt meine kleine Schwrmerin, rief pltzlich dicht
hinter ihr eine laute, lachende Stimme, da sie mit einem nur halb
unterdrckten Schrei emporzuckte und zugleich das verrtherische Papier
in der Hand zusammenknitterte. Holla, und erschrickt sogar? fuhr
dieselbe Stimme fort, und sie erkannte ihren Bruder George, der
mit Sporen und Reitpeitsche, wie er eben vom Pferd gestiegen, hier
heraufgesprungen war. Was hast Du, Mdel -- und Thrnen in; den Augen?
Das ist kein Gesicht fr ein Brutchen!

Paula, nur im ersten Moment berrascht, hatte ihre Geistesgegenwart
schnell wiedergewonnen; von dem leichtherzigen und nichts weniger als
mitrauischen Bruder brauchte sie auch keine Entdeckung zu frchten. Ja,
wenn es ihr Drachen, Mademoiselle Beautemps, gewesen wre!

Ach, George, sagte sie traurig, indem sie den jetzt fest
zusammengeknillten Brief in ihre Tasche brachte, mir ist auch nicht wie
einer Braut zu Muthe, am wenigsten mit dem mir bestimmten Brutigam. Ich
will ja noch nicht heirathen.

Das sollst Du aber auch gar nicht, nrrisches Kind, lachte George. Du
hast ja beinahe noch ein volles Jahr Zeit, um Dir diesen wichtigsten
aller Schritte, wie der Papa sagt, gehrig zu berlegen.

Aber was kann ich noch berlegen, wenn ich verlobt bin? Oh Gott, ich
wollte, ich wre ein armes, schlichtes Bauernmdchen, da sich Papa und
Mama nicht so viel um meine Heirath bekmmerten.

George lachte laut auf. Und glaubst Du, da wre es anders? rief
der Bruder. Da kennst Du unsere Bauern schlecht. Ist es ein
Vierspnniger, so drftest Du nur auch wieder den Sohn eines
Vierspnnigen heirathen, und wre es gar ein Sechsspnniger, arme
Paula, da httest Du eine noch schlimmere Etikette durchzumachen. Alle
Welt hlt den Grundsatz oben: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Den Ihr nach Eurer Art verdreht, Du und der Vater, rief Paula heftig;
ja, Gleich und Gleich gesellt sich gern, aber nicht _das_ Gleich, das
Ihr darunter versteht, Gold und Silber und der alberne Rang von Grafen
und Baronen, sondern gleiche Herzen, gleiche Gesinnungen, gleiche
Seelen, die Euch aber nicht gleich gelten; Herz, Seele, ja, das ist
Nebensache, das findet sich auerdem, das sieht man ja auch nicht, das
steckt inwendig und kommt deshalb auch nicht in Betracht; aber das
Geld, der Rang, ja, freilich, das sind Sachen, die in die Augen stechen,
wenigstens der Menge, und auf die mu geachtet, die mu bercksichtigt
werden!

Jetzt sieh Einer den kleinen Philosophen an, lachte George, wer htte
das hinter dem Mdel gesucht!

Ach, la mich zufrieden, Du spottest nur immer ber mich! Nein,
Schatz, rief George rasch, das thu' ich nicht; aber sage mir im Ernst,
ob Du etwas gegen Hubert einzuwenden hast. Ist er nicht ein braver,
tchtiger Cavalier, und hat er Dich nicht von ganzem Herzen lieb?

Nicht halb so lieb, wie seine Pferde und Hunde, erwiderte Paula
bitter.

Aber, Herzensmdchen, wie ungerecht Du jetzt bist, rief George;
Hubert ist ein seelensguter Mensch, ein bischen jhzornig, ja, und
da er ein leidenschaftlicher Jger und Reiter ist, wirst Du ihm doch
wahrlich nicht zum Vorwurf machen wollen, wo Dein Vater und Bruder
dieselben Leidenschaften theilen.

Aber deshalb soll ich ihn doch nicht etwa lieben? Er mag ja reiten
und schieen, so viel er will, ich wahrlich werde ihn nicht daran
verhindern. Aber weshalb mu er _mich_ aussuchen, _mich_ unglcklich
machen wollen vor allen Anderen?

Unglcklich, Paula?

Ja, unglcklich, sagte das arme Mdchen, indem ihm die hellen Thrnen
in die Augen traten; ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht
heirathen, am wenigsten Deinen Hubert, sag' ihm das!

Du bist ein Kind, Herz, lachte George ber den fast kindischen Trotz
der Schwester, und kennst Hubert eigentlich noch nicht einmal genau.
Lerne ihn erst kennen, Schatz, und wenn Du dann wirklich eine nicht
zu besiegende Abneigung gegen ihn hast, dann will ich selber dem Vater
zuzureden suchen, da er Dich frei giebt.

Und weshalb da jetzt die Verlobung?

Das ist eine Idee von Mama, sagte George achselzuckend, Und der
etwas auszureden, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, wird
auerordentlich schwer fallen; aber ich bin fest berzeugt, da Du
glcklich mit ihm werden wirst.

_Du_ bist berzeugt davon?

Ja, Schatz; sieh nur Papa und Mama an. Der alte Grtner Janus, der
jetzt schon vierzig Jahre in Papas Diensten ist, hat mir die Geschichte
selber einmal erzhlt; die Mama hat den Papa auch damals nicht geliebt,
wie sie ihn heirathen sollte. Sie hat fortlaufen wollen und Gott wei,
was -- und wie glcklich und zufrieden leben sie jetzt miteinander!

Die Mama hat den Papa auch nicht heirathen wollen?

Gott bewahre, mit Hnden und Fen soll sie sich gestrubt haben --
wahrscheinlich auch mit solchen phantastischen Ideen--, aber Grovater
war ein strenger Herr und lie sich auf keine Unterhandlungen ein, und
der Erfolg bewies zuletzt, da er doch Recht gehabt.

Und weit Du, was ihr armes Herz dabei gelitten haben mag? sagte Paula
mit tiefem Gefhl. Knnt Ihr Mnner in einer Frauenseele lesen?

Und ist der Vater nicht etwa brav und gut? Hat er sie nicht auf Hnden
getragen sein Leben lang?

Paula sah seufzend vor sich nieder und sagte leise: Ach, Du verstehst
mich nicht, George!

Du verstehst Dich selber nicht, Herz, rief George freundlich; irgend
ein Phantasiebild, das Du Dir heraufbeschworen, soll Dir jetzt in die
Seele passen, und da es nicht pat, fhlst Du Dich unglcklich. Komm,
mach' wieder ein freundliches Gesicht; wer von uns Allen ist denn
gewohnt, Dich traurig zu sehen, und wenn Du es bist, machst Du das ganze
Haus unbehaglich -- alle Wetter, unterbrach er sich selber rasch, da
kommt Besuch, das werden Rottacks sein! Vaters Kammerdiener sagte mir
schon, da sie erwartet wrden; komm lieber gleich mit hinunter, Du
wirst doch sonst geholt.

Geh' voran, George, bat Paula, mir sind die Augen noch roth; ich
komme gleich.

Aber mach' nicht zu lange; ich bin selber neugierig, unsere neuen
Nachbarn kennen zu lernen. Bei Boltens wurde schon von ihnen gesprochen.
Die Frau Grfin soll eine ganz brillante Schnheit sein.

Geh nur voran, George, ich komme gleich nach, sagte Paula und stand
noch ein paar Secunden, als sie der Bruder schon verlassen hatte, und
sah hinter ihm drein. Dann nahm sie den erhaltenen Brief aus der
Tasche, ri ihn in unzhlige kleine Stcke und streute die vom Luftzug
fortgetragenen Fragmente ber die Ringmauer in den Wald hinab.--

Whrend indessen Graf und Grfin Monford ihre Wohnung betraten, meldete
ihnen schon einer der Diener, da Graf Rottack und Gemahlin nach ihnen
gefragt, dann in den Park gegangen seien, um sie selber aufzusuchen,
und nun dicht hinter ihnen herkmen. Das junge Paar war in der That kaum
hundert Schritt hinter ihnen, und die beiden Herrschaften hatten nur
eben Zeit gehabt, sich in das Empfangszimmer zurckzuziehen, als ihnen
der Besuch auch schon gemeldet wurde.

Rottack betrat, Helene am Arm, den untern Saal, der, mit geffneten
Flgelthren und einer kleinen, wohlgepflegten Terrasse davor, einen
freundlichen, sonnigen Blick auf das weite Land bot. Graf Monford --
whrend die Grfin vom Sopha, auf das sie sich in der Geschwindigkeit
niedergelassen, aufstand -- ging ihnen entgegen, reichte Rottack die
Hand und sagte herzlich: Herr Graf, es ist unendlich liebenswrdig von
Ihnen, uns Ihre liebe Frau zugefhrt zu haben. Frau Grfin, ich schtze
mich glcklich, Sie in Haburg, und noch dazu als Nachbarin begren zu
knnen -- meine Frau!

Grfin Monford, welche die junge Frau beim Eintritte scharf fixirt
hatte, verneigte sich kalt und vornehm, und Helene, die sie fast mit
Ehrfurcht begrte, fhlte, wie ihre Kniee zitterten, und mute alle
ihre Energie zusammen nehmen, um diese erste, oh, so verzeihliche
Schwche zu besiegen. Aber sie war von Jugend auf daran gewhnt worden,
sich zu beherrschen; sie wute, wie nothwendig das besonders hier jetzt
sei, und wenn sie auch fhlte, da das Blut wieder ihre Wangen fr einen
Moment verlie, nahm sie sich doch tapfer zusammen und erwiderte sogar
ein paar Worte auf die Anrede des alten Herrn, freilich unbewut, ohne
sich dessen klar zu sein, was sie eigentlich sagte.

Fr einen solchen Fall sind unsere gesellschaftlichen Formen aber ganz
vortrefflich, denn nur mit dem passenden Ausdruck in den Zgen, darf man
wirklich unzusammenhngende Formeln schwatzen, um die nmliche Wirkung
zu erzielen, wie bei der vernnftigsten und durchdachtesten Rede. Was
fr Unsinn wird manchmal bei solchen Begrungen mit der ernsthaftesten
Miene gesprochen, mit der ernsthaftesten Miene angehrt und erwidert!
Es sind nur eben Worte, die man verlangt, auf den Sinn dabei kommt es
wahrlich nicht an.

Sie sind erst ganz krzlich hier in Haburg eingetroffen? wandte
sich die Grfin Monford an ihren jungen Besuch, denn ber etwas _mute_
gesprochen werden.

Gestern, Frau Grfin, erwiderte Helene und fhlte sich noch nicht
stark genug, das Auge zu der Frau zu erheben, whrend Felix, indem er
mit dem Grafen sprach, die Zge der Dame scharf und forschend musterte.

Und Sie beabsichtigen, sich hier bleibend niederzulassen?

Ich hoffe so, -- die Gegend -- ist so unendlich ansprechend.

Da haben Sie Recht, meine Gndigste, lchelte der alte Herr; es
sollte Ihnen schwer werden, in Deutschland einen _schneren_ Punkt zu
finden, wenn es auch vielleicht noch viele eben so schne in unserem
Vaterlande geben mag -- aber wollen die Herrschaften nicht Platz
nehmen?

Die Damen setzten sich auf das Sopha, die Herren nahmen Sthle, und
das Gesprch wurde jetzt, da es an Stoff nicht fehlte, allgemein. Auch
Helene, da Felix und Graf Monford Theil daran nahmen und das Auge der
Grfin nicht mehr allein auf ihr haftete, fhlte sich mehr erleichtert
und unbefangener.

Aber Sie sind doch jedenfalls eine Deutsche, Frau Grfin? sagte Graf
Monford, als Helene eben von ihren Kindern erzhlt und wie sie sich
gestern an dem Jahrmarkt gefreut; Sie sprechen wenigstens vortrefflich
Deutsch, und man hrt Ihnen nicht einmal einen Dialekt an.

Allerdings, erwiderte Helene, tief errthend, ich bin in Deutschland
geboren, wenn auch grtentheils in einem transatlantischen Land
erzogen.

Sie haben brigens recht gethan, von da drben wegzuziehen, sagte der
alte Herr; mein Gott, mu das jetzt in dem Amerika eine Wirthschaft
sein! Der Krieg nimmt gar kein Ende und dauert doch schon ber Jahr und
Tag.

Wir kommen nicht aus den nordamerikanischen Freistaaten, erwiderte
Felix, und haben, wo wir wohnten, wenig von dem Brgerkrieg selbst
gehrt. Unser Aufenthalt -- und sein Blick ruhte dabei wie vllig
absichtslos auf der Grfin -- lag in Brasilien.

In Brasilien? sagte diese fast unwillkrlich.

Ei, das la ich mir eher gefallen, rief aber auch Graf Monford; dort
sollen doch wenigstens geregeltere Zustnde sein, wenn man sich eben mit
der vielleicht nicht immer angenehmen Hitze befreunden kann. Ich habe
selbst einen etwas weitlufigen Verwandten in Rio. Wo haben Sie gelebt?

In einer der sdlicher gelegenen Colonien, sagte Felix, einer
directeren Antwort noch vor der Hand ausweichend.

In der That, sagte der alte Herr, dann freilich mssen wir Ihrer
lieben Frau Gemahlin um so dankbarer sein, wenn sie von unserer Gegend
befriedigt ist, denn mit den Tropen knnen wir uns allerdings nicht
messen. Aber schn ist es trotzdem hier bei uns; bitte, Frau Grfin,
treten Sie einmal hier auf die Terrasse und sehen Sie, wie allerliebst
das alte Haburg da unten liegt; dort rechts hinber glaub' ich auch
sogar, da man das Dach Ihres eigenen Hauses von hier erkennen kann,
auch ein Stck vom Hause selbst. Ah, da kommt auch George -- mein Sohn
-- Grfin Rottack.

Helene war mit dem alten Herrn vor das Haus auf die offene Terrasse
getreten, um sich die Aussicht zeigen zu lassen; ergriff sie doch selber
mit Freuden die Gelegenheit, gerade jetzt, wo Brasilien zuerst genannt
worden, hinaus an die freie Luft zu treten, um sich durch keine
Bewegung, durch kein Errthen zu verrathen.

Auch die Grfin Monford war aufgestanden und mit ihr Felix, um den
Beiden zu folgen; aber sie zgerte noch. Es lag ihr eine Frage auf der
Zunge, die sie sich scheute auszusprechen, und doch mute sie gethan
werden. Graf Rottack bemerkte dabei, da etwas sie beunruhige, aber
er htete sich wohl, ihr entgegen zu kommen. Die Grfin durfte jedoch
diesen einen Moment, wo sie sich mit dem Fremden gewissermaen allein im
Zimmer befand, nicht unbenutzt vorbergehen lassen, und sich, schon
im Begriff, auf die Terrasse zu gehen, noch einmal zu dem jungen Mann
wendend, sagte sie mit so gleichgltigem Ton als mglich:

Wie hie die Colonie, wo Sie gewohnt haben, Herr Graf?

Santa Clara, gndige Grfin, erwiderte Felix, sich leicht verbeugend;
meine Helene ist die Tochter der dort ansssigen Grfin Baulen.

In der That? hauchte die Grfin und blieb einen Moment mit der Hand
auf den Stuhl gesttzt, an dem sie eben vorber wollte, stehen; aber
es war auch nur ein Moment. Ah, da kommen meine Kinder, sagte sie;
bitte, Herr Graf, wollen Sie nicht hinaus auf die Terrasse treten?

Sie ging langsam voran hinaus, und Rottack lie ihr hier absichtlich
Zeit, um sich vollstndig zu sammeln, indem er vorher dem jungen Grafen
George und dessen Schwester Paula vorgestellt wurde und sich freundlich
mit ihnen unterhielt.

Und Helene stand Paula gegenber, die mit ihren treuen, kindlichen Augen
fast scheu zu ihr aufsah. Oh wie gern htte sie das liebe, holde Kind
an sich gezogen, fest, fest in ihre Arme, und mit dem theuren, noch nie
gebrauchten Schwesternamen genannt! Wie lieb und gut sie aussah, und wie
traurig doch und ernst -- war denn auch schon in dieses junge Herz die
Sorge, der Kummer eingekehrt? Sie vermochte auch nicht, es hier bei der
kalten blichen Form zu lassen, und auf das junge, sich schchtern vor
der hohen, edlen Gestalt neigende Mdchen zugehend, schlo sie Paula
halb in die Arme und kte sie auf die Stirne.

Und die Grfin?

Felix hatte mit den beiden Grafen Monford an der Terrasse gestanden,
ber das Land hinausgesehen und das Treiben in der unter ihnen liegenden
Stadt beobachtet. Jetzt wandte er sich wieder der Grfin zu und ertappte
sie gerade, wie ihr Blick ernst und forschend, aber ohne das geringste
Zeichen innerer Bewegung an Helenen hing. Kaum fhlte sie aber, da des
jungen Grafen Auge auf ihr haftete, als sie sich diesem zuwandte und,
mit zu der Terrasse tretend, ihn in ihrer gewhnlichen ruhigen Weise auf
die einzelnen Schnheiten der Scenerie aufmerksam machte.

Keine Spur von Befangenheit war dabei in ihr zu entdecken, kein Zeichen
einer innern heftigen Bewegung, wie eine solche Entdeckung, als die
eben gemachte, sie eigentlich doch hervorgerufen haben sollte. Sie
war vornehm, wie immer, wenn auch gesprchiger, als sie sich bis jetzt
gezeigt, und Graf Rottack konnte und wollte seinen Besuch auch nicht
ber die gewhnliche Zeit hinausdehnen. Der Same war jedenfalls geworfen
und das Korn mute Frchte treiben.

Nicht lange danach empfahlen sich die jungen Leute der grflichen
Familie, wobei der alte Herr noch den Wunsch aussprach, da sie fter
zusammenkommen mchten; die junge Frau hatte jedenfalls einen sehr
gnstigen Eindruck auf ihn gemacht, wie sie sich im Sturm schon Paula's
Herz erobert. -- Der Wagen fuhr vor, und bald rollte das leichte
Fuhrwerk mit ihnen wieder in die Stadt zurck.




8.

Frulein Bassini.


Eine lange Weile saen die beiden Gatten schweigend neben einander im
Wagen. Es war ordentlich, als ob sich beide scheuten, ein Gesprch zu
beginnen. Endlich sagte doch Helene mit leiser Stimme:

Sie ist eine recht, recht stolze Frau -- oh, es wird schwer halten,
dieses Herz zu bezwingen!

Meine arme Helene!

Ob sie nicht ahnte, da ich ihr nher stehen knnte, als sie erfuhr,
da wir aus Brasilien kmen?

Liebes Herz, sagte Felix leise, sie wei jetzt, da Du ihre Tochter
bist...

Sie wei es? rief Helene erschreckt.

Ich habe ihr den Namen jener Frau genannt.

Und doch so kalt, doch so hart!

Beruhige Dich darber, Helene, sagte Felix freundlich; Anderes
konnten wir fr diese erste Zusammenkunft kaum erwarten. Die
Ueberraschung war zu gro -- ich sah ihr an, da sie Mhe hatte,
ihre Fassung zu bewahren, was sie allerdings mit einer mir selber
unerklrlichen Seelenstrke mglich machte. La ihr jetzt Zeit, das
Gehrte still und allein, und von keinen ueren Eindrcken gestrt,
zu berdenken. La sie erst mit sich selber in's Reine kommen, und sie
selber wird Dich dann aufsuchen -- sie mu es ja thun, wenn sie nicht
jedes Gefhls bar sein sollte!

Und wenn sie es nicht thut, Felix?

Wozu uns jetzt mit einer Unmglichkeit absorgen? Sie wird es
sicherlich, mein Kind.

Und wenn sie es _nicht_ thut?

Dann versuchen wir das Letzte, dann fordere ich fr Dich eine
Unterredung mit ihr -- eine Ausrede, dem alten Herrn gegenber, ist bald
gefunden -- und die kann und wird sie Dir nicht weigern. Dann aber
ist sie auch nicht im Stande, Dir zu widerstehen, de bin ich fest
berzeugt. Liegst Du erst einmal an ihrem Herzen, dann lt sie Dich
auch nicht wieder, noch dazu, wenn sie erfhrt, da ihr Geheimni in
sicheren und treuen Hnden ruht; da Du nichts, nichts auf der weiten
Gotteswelt von ihr verlangst, als ihre Liebe...

Der Wagen hatte indessen die kurze Entfernung zurckgelegt, und whrend
er in den Garten einfuhr und vor dem Hause hielt, sahen sie, da sich
Jeremias schon eingefunden und mittlerweile mit den Kindern beschftigt
hatte. Er spielte Kutsche und Pferd mit ihnen, und whrend er die
vor Vergngen zappelnde kleine Helene auf dem Arme trug und dabei
den Kiesweg entlang galoppirte, hatte ihn Gnther hinten an beiden
Rockschen und rief Jh! und Hoh! und suchte ihn bald links, bald
rechts einzulenken.

Nur wie die Eltern in den Garten einfuhren, lie der Kleine los und
sprang dem Portale zu, um der Erste zu sein, der sie begrte, und
Helenchen streckte ihnen ebenfalls, in lautem Jubel aufkreischend, die
Aermchen entgegen, so da Jeremias jetzt wohl oder bel seinen noch
nicht unterbrochenen Galopp dorthin lenken mute.

Haben Sie lange auf mich gewartet, Jeremias? rief ihm der junge Graf
entgegen.

Eben im Augenblick hat es erst Zwei geschlagen, sagte Jeremias, der
indessen die Kleine der Mutter hinreichen mute, und das wilde Vlkchen
hier hat mich tchtig in Athem gehalten.

Und sind Sie jetzt bereit?

Wollen Sie wirklich noch mit mir gehen?

Gewi, das ist ja eine verabredete Sache -- haben Sie denn die Wohnung
indessen aufgefunden?

Sie ist gar nicht weit von hier, gleich in der nchsten Strae.

Schn, Jeremias -- ich will nur meinen Ueberrock anziehen, und dann
gehen wir zusammen.

Er war auch in wenigen Minuten wieder im Garten und schritt mit
Jeremias, der sich unterdessen Helenen empfohlen, auf die Strae hinaus
und dem bezeichneten Hause zu.

Unterwegs wurde wenig gesprochen, Felix war noch mit seinen eigenen
Gedanken beschftigt -- er arbeitete gegen die Furcht an, welche heute
das kalte, gefate Benehmen von Helenens Mutter in ihm wach gerufen,
seiner armen Frau wegen, und Jeremias fhlte sich noch viel mehr von dem
Gedanken dieses ersten Begegnens niedergedrckt; denn wenn es auch ein
schnes und erhebendes Gefhl sein mag, einen begangenen Fehler wieder
gut zu machen, eine alte, langjhrige Schuld abzutragen, ist doch auch
das Bewutsein drckend, dabei einzugestehen, da man eben schlecht und
leichtsinnig gehandelt und Reue ber das Vergangene fhle.

So hatten sie, rascher als Beide selber geglaubt, die Strecke
zurckgelegt, die sie von dem von Jeremias bezeichneten Hause trennte,
und hier blieb der kleine Mann pltzlich stehen, drckte sich unter die
Thr und sagte:

Mir ist genau so zu Muthe, als ob ich mir einen Zahn wollte ausreien
lassen -- Hurrjeh, ich wollte, die Geschichte wre erst vorber!

Wohnt sie hier?

Ja, zwei Treppen hoch; ich habe mich genau erkundigt, bin auch gestern
hier schon ein paar Mal vorbeigegangen, habe aber nichts gesehen, als
einen orangefarbenen Shawl oder Morgenrock, der da oben an dem einen
Fenster mehrere Male hin und wieder fuhr.

Also gehen wir hinauf.

Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Herr Graf, und warten Sie noch
einen Augenblick, bat der kleine Mann, da ich erst noch Luft
schnappen kann -- mir ist die Kehle wie zugeschnrt.

Felix lchelte und blieb, whrend sich Jeremias den hellen Schwei von
der Stirn trocknete, neben ihm stehen. Endlich fate sich dieser doch
ein Herz -- was half es auch, wenn er lnger zgerte, geschehen mute es
doch -- also vorwrts!

Ein Heidenglck ist's, da Sie bei mir sind, flsterte er dem jungen
Grafen zu, denn allein htt' ich's nicht zuwege gebracht. Ich wre,
hol' mich Dieser und Jener, wieder fort und erst noch einmal um die
ganze Stadt gelaufen!

Sie htten vorher ein Glas Wein trinken sollen!

Ich habe eine ganze Flasche getrunken, sagte Jeremias, nur um Courage
zu kriegen, aber es hilft ja nichts -- es war, als ob man Wasser auf
einen heien Stein gsse, es zischte ordentlich. Na, meinethalben, jetzt
mu die Bombe platzen, und nun kommen Sie, Herr Graf, jetzt wollen wir
Sturm laufen!

Damit ffnete er entschlossen die Hausthr und betrat den innern Raum.

Es war ein kleines, unansehnliches Haus, altmodisch gebaut wie die
meisten der lteren Huser von Haburg, unten mit einem mit Steinplatten
belegten schmalen Vorplatz, auf dem noch eine dort aufgestellte
Wschrolle den grten Theil des Raumes in Anspruch nahm. Rechts unten
wohnte ein Schuster; die Thr der Werkstatt stand, des warmen Tages
wegen, offen, und man konnte den Meister mit einem Gesellen und einem
Lehrling drinnen arbeiten sehen, whrend ein ungesunder, warmer Dunst
von dort auf den khleren Vorplatz herausdrang.

Wie hie die Dame gleich? fragte Rottack leise seinen Begleiter.

Bassini, flsterte dieser zurck.

Knnen Sie uns sagen, ob hier eine Dame Namens Bassini im Hause wohnt?
fragte der junge Graf, artig seinen Hut lftend, in die Stube hinein.

Eine vom Theater? nickte der Meister -- ja, oben, zwei Treppen hoch.

Sein Sie aber so gut und putzen Sie sich erst die Stiefeln ab, sagte
eine Frau, die von der Seite her, mit einem groen Topf in der Hand,
wie aus einer Coulisse heraus zum Vorschein kam, -- ich habe gerade die
Treppe gescheuert.

Felix machte lchelnd eine zustimmende Verbeugung, nahm dann die
befohlene Operation auf das Aengstlichste an einem dort liegenden, schon
sehr abgetretenen Strohteller vor, und stieg nun, whrend Jeremias unten
seinem Beispiel folgte, langsam die noch feuchten, dunstenden Stufen
hinauf.

Jeremias wrde sich mit Vergngen den ganzen Nachmittag da unten die
Stiefel abgetreten haben, wenn er nur nicht mitgemut htte -- aber es
ging doch zuletzt nicht anders.

Auf dem niedern Vorsaal der ersten Etage befanden sich zwei Thren;
an einer war mit vier Ngeln ein Papier befestigt, das die deutlich
geschriebene Aufschrift trug: G. Borsig, Schneidermeister; an der
andern befand sich ein kleines Messingschild -- dort wohnte ein Graveur.

Die alte hlzerne Treppe knarrte entsetzlich, aber sie stiegen auch
jetzt die zweite hinan und fanden hier, gerade wie unten, wieder zwei
Thren, ohne da die Inwohnenden es jedoch der Mhe werth gehalten,
ihren Namen auen kund zu geben. Bewohnte Frulein Bassini die ganze
zweite Etage? Jeremias wute es nicht, und es blieb nichts weiter brig,
als an die erste beste Thr zu klopfen und sich dort zu erkundigen.

Graf Rottack hatte einmal die Leitung bernommen, Jeremias war fr den
Augenblick vollkommen willenlos, und deshalb, wie er sich nur einen
Moment in dem beengten Raum umgesehen, klopfte er auch an die nchste
Thr herzhaft an.

Herein! rief eine laute Stimme.

Der junge Graf ffnete die Thr -- Knnen Sie mir vielleicht sagen...

Ja wohl -- bitte, treten Sie nher, schrie ihn eine kleine,
schmchtige Gestalt an, die in einem mock-trkischen, aber entsetzlich
schmutzigen Schlafrock, mit einer langen Pfeife, aus der sie _keinen_
Kanaster rauchte, und in rothen Schlapp-Pantoffeln im Zimmer spazieren
ging -- treten Sie nur nher.

Sie entschuldigen, sagte Felix, der die Ueberzeugung hatte, da
Frulein Bassini hier nicht wohnen knne.

Alles in Ordnung, bitte, kommen Sie nur herein, ich kann den verdammten
Zug nicht vertragen! schrie der Trke.

Rottack htte am liebsten die Thr gleich wieder zugemacht und
die andere versucht, welche jedenfalls die richtige war, aber sein
Zartgefhl lie ihn keine Unart begehen -- er mochte den Mann nicht
beleidigen und war auch wirklich neugierig geworden, einen Blick in das
Heiligthum dieses merkwrdigen Menschen zu werfen, aus dem er von da
drauen doch nicht klug werden konnte.

Jeremias folgte willenlos, wie ein Opfer, das man zur Schlachtbank fhrt
und das sich in sein Geschick ergeben hat.

So, das ist recht, schrie der kleine Mann jetzt wieder, indem er seine
Pfeifenspitze gegen sie schwenkte; ich habe schon den ganzen Morgen auf
Sie gewartet, es ist Alles bereit -- hier, fuhr er fort, indem er einen
riesigen, fast die halbe Wand einnehmenden Kleiderschrank aufri und
dabei eine etwas sehr getragene Harlequinsjacke und irgend ein
anderes phantastisches Maskencostm hervorzog, das einen furchtbaren
Kamphergeruch im Zimmer verbreitete -- die werden ihnen wie angegossen
sitzen, fast noch ganz neu, nur hchstens ein- oder zweimal getragen --
Graf Ruchofski hatte den Harlequin auf der letzten Maskerade.

Aber, mein sehr werther Herr, lchelte Rottack, der mit dem besten
Willen jetzt erst zu Worte kam, ich zweifle gar nicht an der Gte Ihrer
Anzge, aber...

Na, dann stecken Sie sie weg, sagte der kleine Trke gemthlich, aber
mit einer so lauten Stimme, als ob er ber einen Flu hinberschriee,
indem er die beiden auerdem schon mehr als zerknitterten Gegenstnde
in ein ziemlich compactes Bndel zusammenrollte, knnen sie ja gleich
selber mitnehmen, ich habe Niemanden zum Schicken.

Wohnt Frulein Bassini hier in dieser Etage? fragte jetzt Rottack, der
wohl sah, da er auf keine andere Weise zum Ziele kam.

Ja, gleich da drben die Thr! rief der Mann, indem er, whrend er
die Pfeife mit den Zhnen hielt, das Paket beendete und sich nach einem
Bindfaden in der Stube umsah.

Sie sind wahrscheinlich im Irrthum, fuhr Rottack jetzt, die
Zwischenpause benutzend, fort, wir brauchen gar keine Masken-Anzge und
sind auch deshalb gar nicht hiehergekommen, wir wollten blos Frulein
Bassini sprechen.

Frulein Bassini? rief der Trke verdutzt.

Sie mssen schon entschuldigen, da wir Sie gestrt haben...

Ja, aber hatten Sie denn nicht den Harlequin und den Sultan Saladin
bestellt?

Nicht wir, verehrter Herr, sagte Rottack freundlich, ich habe
berhaupt noch nie davon gehrt, da Jemand mitten im Sommer eine
Maskerade abhalten knnte!

Na, das ist aber merkwrdig, rief der kleine Mann verwundert, indem er
das Bndel in Gedanken immer fester zusammenschnrte -- aber die beiden
Herren wollten doch heute Morgen zu mir kommen!

Jedenfalls jemand Anders -- Sie entschuldigen wohl, da wir Sie gestrt
haben...

Btte, btte, sagte der Mann mit einer Miene, als ob schon der
Verdacht einer solchen Vermuthung sein innerstes Ehrgefhl verletze --
das ist aber wirklich merkwrdig -- nun, warten Sie, ich will gleich
einmal nachsehen, ob der Schlssel steckt, und ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, warf er das Paket ziemlich rcksichtslos in die Ecke und
glitt an Beiden vorber zur Thr hinaus.

Rottack warf den Blick im Zimmer umher und mute sich gestehen, in
seinem ganzen Leben noch kein tolleres Conglomerat von Kunst und Natur
gesehen zu haben, als in diesem Raume.

War der Mann ein Schriftsteller? Eine Unmasse von berall aufgehuften
Broschren, ganze Schichten von Manuscripten und gedruckten Heften, die
Tisch und Boden deckten, schienen das fast zu besttigen, und ber dem
Sopha prangten auch auf Gips-Consolen, und aus demselben werthvollen
Material gefertigt, rechts und links zwei Bsten von Gthe und Schiller,
die letztere bekrnzt. Weshalb fehlten aber Beiden die Nasen?

An der einen Thr ffnete ein Waschtisch gastlich seine Klappe, etwas
indiscret den ganzen Inhalt verrathend, und mitten im Zimmer stand ein
Stiefelknecht, die beiden Hrner wie ein Paar gespitzte Ohren nach dem
Fenster zu gerichtet, rechts und links daran aber ein Stiefel, wie der
glckliche Besitzer dieses Gemaches sie wahrscheinlich gestern Abend bei
spter Nachhausekunft ausgezogen hatte.

An den Wnden hingen Bilder von Napoleonischen Schlachten -- erbrmliche
Lithographien natrlich und jedenfalls Eigenthum des Vermiethers;
nur ein Oelgemlde ber dem Schreibtisch schien dem Bewohner selber zu
gehren, denn es war wahrscheinlich -- oder sollte es wenigstens sein --
ein Brustbild von ihm selber in Frack und Asche, mit einer furchtbaren
goldenen Kette, sehr weier und breiter Cravatte und einer Normalfrisur,
auffllig dabei die rechte Hand mit einer Rose hebend, um einen groen
goldenen Siegelring zu zeigen.

Rottack htte sich gern noch lnger im Zimmer umgesehen, denn der Mann
fing an ihn zu interessiren; aber da der Trke jetzt mit der Nachricht
zurckkam oder dieselbe vielmehr in's Zimmer hineinschrie, da der
Schlssel stecke, so war ihnen jeder Vorwand genommen, sich lnger hier
aufzuhalten.

Mit einer dankenden Verbeugung empfahlen sie sich; der Eigenthmer des
Zimmers, wahrscheinlich doch etwas rgerlich, da er seine Ballanzge
nicht los geworden, warf die Thr hinter ihnen heftig in's Schlo,
und Graf Rottack schritt jetzt ohne Weiteres auf den nchsten
Vorsaal-Eingang zu, wo er etwas schchtern anklopfte.

Drinnen im Zimmer wurde Musik gemacht. Irgend Jemand spielte Clavier und
eine Dame sang dazu -- das Klopfen war keinesfalls gehrt worden.

Der junge Mann, whrend Jeremias hlf- und rathlos dabei stand, klopfte
etwas strker, aber mit dem nmlichen Erfolg. Da drinnen wurde weiter
gespielt, und da Rottack nicht Lust hatte, noch weitere Zeit mit
nutzlosen Anmeldungen zu versumen, ffnete er die Thr.

Am Clavier sa eine Dame in einem grell orangefarbenen seidenen
Morgenrock, den Kopf wie von einem Heiligenschein von einer Unzahl von
Papilloten umgeben. Weiter konnte er aber in dem Moment nichts erkennen,
denn mit einem ordentlichen Aufkreisch fuhr die berraschte Schne
von ihrem Sitz am Clavier in die Hh' und scho wie ein orangefarbener
Lichtstreif in die nchste Kammer.

Da haben wir's, lachte Graf Felix, indem er sich nach Jeremias
umdrehte -- bemerkten Sie die Dame?

Sie standen ja davor -- schreien aber hab ich's gehrt! erwiderte
Jeremias, sich den Kopf kratzend.

Zu wem wollen Sie denn? fragte in diesem Augenblick eine Art von
Aufwartung, ein Mittelding zwischen Scheuerfrau und Mdchen fr
Alles, die gerade von der Arbeit weg aus einer kleinen, dunkeln Kche
vortauchte.

Zu Frulein Bassini, sagte Rottack -- wir sind doch hier recht?

Ja, recht ist's schon, aber das Frule ist noch nicht angezogen.

Ist sie krank?

Ne, aber wenn sie keine Probe hat, da pressirt's immer nich, und
nachens schreit se, wenn Jemand kommt. Wer sind Sie denn und was wollen
Sie?

Die Frage war zu direct gestellt, um ein Miverstehen mglich zu machen,
und da Jeremias den jungen Grafen am Rock zupfte, weil er seinen Namen
nicht genannt habe wollte, so erwiderte dieser:

Bitte, sagen Sie doch dem Frulein, Graf Rottack wre hier, um sich
Auskunft in einer Familienangelegenheit zu erbitten -- hier, seien Sie
so gut und geben Sie der Dame meine Karte. Ich lasse fragen, um welche
Zeit ich etwa wieder vorsprechen drfte, da uns die Dame jetzt doch
wahrscheinlich nicht empfangen wird.

Hm, brummte die Alte, welche nicht die Hlfte von dem verstanden
hatte, was ihr der junge Mann sagte, warten Sie einmal einen
Augenblick, ich werde dem Frule das Ding da hineintragen.

Damit machte sie ihnen die Thr vor der Nase zu und lie die beiden
Herren auf dem Vorplatz stehen. Es dauerte aber nur ganz kurze Zeit,
so kam sie wieder zurck, ffnete die Thr und sagte: Sie mchten
nur hereintreten, das Frule kommt gleich, und mit dem Bewutsein
wahrscheinlich, Alles gethan zu haben, was sie anging, verschwand sie
wieder in ihrer Kche, in der sie im Halbdunkel wie ein unheimliches
Gespenst herumwirthschaftete.

Rottack und Jeremias hatten aber kaum, der Einladung folgend, das Zimmer
betreten, als sich die Kammerthr ein wenig ffnete und eine Stimme
herausrief: Drfte ich den Herrn Grafen ersuchen, einen Augenblick
Platz zu nehmen -- ich komme gleich! und die Kammerthr flog wieder zu.

Da wren wir, lachte Rottack, indem er Jeremias die Hand auf die
Schulter legte. Wie ist Ihnen jetzt zu Muthe?

Hundeschlecht, versicherte der kleine Mann flsternd -- aber das
sieht hier ganz nett aus. Gott sei Dank, da ist es ihr doch nicht so
schlecht ergangen -- ich wollte, es wre erst vorbei!

Dieses Zimmer hier sah allerdings anders aus, wie das gegenberliegende,
und es lie sich nicht verkennen, da hier eine Frau ihren Wohnsitz
aufgeschlagen. Groe Ordnung herrschte aber hier eben so wenig wie dort,
denn fast auf allen Sthlen lagen verschiedene Toilettengegenstnde,
whrend auf dem Tisch, neben dem eben erst verlassenen Kaffeegeschirr
und einer Tabaksdose, ein paar Spiele Karten zu einer noch nicht
vollendeten Patience geordnet waren.

Dennoch zeigten sich die Spuren sorgender Frauenhand. Ueberall
war ordentlich abgewischt und auf dem Tisch lag eine ziemlich
weigewaschene, gehkelte Decke. Auch die Vorhnge sahen, wenn auch
ziemlich drftig, doch rein aus, und an der Wand hingen ein paar
Abbildungen in Steindruck aus der biblischen Geschichte, wie die
schauerliche Caricatur einer Maria Magdalena in Oel gemalt.

Selbst die Commode war nicht ohne Schmuck und bildete eine Art von
Nipptisch, auf dem eine Anzahl bescheidener Porzellanfiguren standen,
mit einigen kleinen Statuetten alter, eingetrockneter Chocolade, die
vielleicht im vorigen oder vorvorigen Jahre einen Christbaum geziert.
Auch eine bildliche Darstellung der heiligen drei Knige in Wachs und
in einem Glaskstchen, wie sie das Kind an der Krippe besuchen, stand
in der Mitte, und rechts und links davon ein Glasleuchter mit halb
abgebrannten Stearinkerzen.

Hurrjeh, flsterte Jeremias, der indessen auf den Fuspitzen im Zimmer
umhergegangen war, um den status quo zu untersuchen, indem er mit zwei
Fingern eine Partie brennend rother falscher Locken emporhob -- ob das
wohl ein Stck von meiner Frau ist?

Felix mute wirklich an sich halten, um nicht gerade heraus zu lachen,
und an Jeremias hinantretend, sagte er leise:

Das wre ein unverkennbares Zeichen von Sympathie, denn so viel ich
mich erinnere, trugen Sie frher eine eben solche Perrcke.

Ja, aber -- wie ist mir denn, sagte Jeremias ganz verdutzt, das --
das ist doch ganz unmglich -- meine Frau hatte braune Haare!

Sie haben sich doch nicht etwa im Namen geirrt? Das wre ein schner
Spa! lachte Felix.

Gott bewahre -- Alles trifft...

Auch der Vorname?

Ja, den habe ich noch gar nicht erfahren knnen, denn auf dem Zettel
steht er nicht mit, aber es ist ja auch gar nicht mglich! es stimmt
Alles wie eine Kirchenrechnung, und ich bin ja von Regensburg aus ihrer
Spur bis hierher gefolgt.

Dann hilft es nichts, dann mssen wir's abwarten. Da sind wir berdies
einmal und knnen jetzt gar nicht wieder fort, ohne vorher die Dame
gesprochen zu haben. Sie macht brigens lange mit ihrer Toilette.

Ich mu unterthnigst um Entschuldigung bitten! sagte in diesem
Augenblick eine Stimme hinter ihnen, und als sich Beide ordentlich
erschreckt umwandten, stand die Dame in dem orangefarbenen Morgenkleide,
die Haare jedoch ihrer Papilloten entledigt, auf der Schwelle und fuhr
mit einem tiefen Knix fort: Sie haben mich noch im vollen Neglig
berrascht, Herr Graf.

Jeremias hatte wieder, wie ein Versinkender, der nach Allem greift, was
ihm in den Weg kommt, Rottack's Rockzipfel erwischt und flsterte ihm
mit angstgepreter Stimme zu: Das ist sie nicht!

Rottack gerieth in die grte Verlegenheit, denn die Dame mute fast die
Worte verstanden haben, und was nun? -- Gndiges Frulein! sagte er
stotternd.

Oh, bitte -- aber wollen die Herren nicht Platz nehmen? unterbrach
ihn, wieder mit einem Knix, der dieses Mal jedenfalls dem gndigen
galt, die Dame -- es ist nur bei mir noch nicht aufgerumt. Wir
Knstler sind eigentlich recht nachlssiges Volk.

Gndiges Frulein, nahm aber Rottack noch einmal das Wort, gestatten
Sie uns vielmehr, uns zu entschuldigen, da wir Sie so unberufen gestrt
haben -- eine ganz eigene Angelegenheit fhrt uns hierher, ber die Sie
vielleicht allein im Stande sind, uns Auskunft zu geben.

Aber wollen die Herren denn nicht Platz nehmen? Ich bitte sehr darum!

Es war der Einladung nicht lnger auszuweichen, und whrend Rottack
einen der Sthle heranschob und sich darauf niederlie, setzte sich
Jeremias auf die uerste Spitze eines andern, da es ordentlich
gefhrlich aussah, denn er konnte jeden Augenblick herunterrutschen.

Die Dame hatte, sich fest in ihren grellfarbenen Morgenrock einhllend,
ihnen gegenber auf dem Sopha Platz genommen und schien mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit die Erffnung zu erwarten.

Jung war sie nicht mehr -- sie mochte wohl im Anfang der Vierzig sein
-- hbsch war sie gerade auch nicht, und ihr Gesicht ein wenig zu sehr
markirt, obgleich sie lebendige Augen und besonders weie Zhne hatte.
Nur ihr Teint war wei, wie das gewhnlich bei rothen Haaren der Fall
ist, und diese Haare strten auch Rottack besonders, denn er mute
immer wieder unwillkrlich zu den zahllosen, scharf durch die
Papilloten gekruselten Locken aufsehen, die besonders gegen die grelle
Orangenfarbe des Ueberwurfs gar nicht zu ihrem Vortheil abstachen.
Jeremias dagegen, der mit dem nmlichen Wohlbefinden seinen Platz auf
jeder Armensnderbank eingenommen haben wrde, sah gar nichts. Ihm
schwamm Alles vor den Augen zu einem rothen, blitzenden, unbestimmten
Schein zusammen, und nur des Einen Gefhls war er sich bewut: Fort
mcht' ich!

Also in was knnte ich Ihnen Auskunft geben? sagte Frulein
Bassini endlich, der die Pause etwas zu lange dauerte, indem sie wie
unwillkrlich einen Griff nach ihrer Dose machte, die Hand aber wieder
erschreckt zurckzog.

Rottack stak fest -- es war eine verwnschte Geschichte, denn er wute
nicht, wie er beginnen sollte, und Jeremias selber that den Mund nicht
auf. Er konnte doch die Dame nicht direct fragen, ob sie schon einmal
verheirathet gewesen wre. Etwas mute aber auch geschehen, denn stumm
konnten sie einander nicht gegenber sitzen bleiben. Mit einem fast
gewaltsamen Ansatze sagte er endlich:

Haben Sie vielleicht eine Schwester oder Verwandte, die den nmlichen
Namen fhrt, wie Sie, und ebenfalls beim Theater ist?

Nein, lchelte Frulein Bassini, diese Gelegenheit nicht unbenutzt
vorber lassend, ihre Zhne zu zeigen, nicht da ich wte.

Es war wieder nichts.

Das ist wunderbar, sagte der junge Graf nach einer Pause; ich erhielt
nmlich vor einiger Zeit einen Auftrag von einem Freund in -- Amerika,
mich genau nach der Familie zu erkundigen und ihren Wohnort zu erfahren,
und -- da ihm -- da meinem Freunde sehr viel daran gelegen scheint,
so wrde es mir aufrichtig leid thun, seine Bitte nicht erfllen zu
knnen.

Darf ich fragen, wie Ihr Freund heit? sagte Frulein Bassini mit
liebenswrdiger Unbefangenheit und brachte Rottack dadurch in eine noch
viel grere Verlegenheit, denn wie hie Jeremias eigentlich? Er hatte
ihn nie unter einem andern Namen als seinem Vornamen gekannt, ja, bis
jetzt auch wirklich noch gar nicht daran gedacht, da er mglicher Weise
anders heien knne, und jetzt, in Gegenwart der Dame, durfte er ihn
doch nicht um seinen Namen fragen.

Es -- ist eine Familien-Angelegenheit, stotterte er endlich nach einer
Pause, und hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so unbehaglich
gefhlt, wie hier, wo er nicht gerade mit der Wahrheit heraus konnte
und durfte. Aber das ging nicht lnger; er mute, wenn er keinen Namen
nannte, die Dame doch wenigstens davon berzeugen, da irgend
ein ernster Grund seinen Besuch veranlat habe, und fuhr deshalb
entschlossen fort: Mein gndiges Frulein, ich will ganz aufrichtig
sein -- mein Freund in Amerika war frher hier in Deutschland an eine
Dame, die Ihren Namen trug, verheirathet...

Meinen Namen?

Zerwrfnisse im ehelichen Leben, bei denen er wohl der Hauptschuldige
war, fhrten zu einer Trennung, und er verlie Europa...

Auguste! rief Frulein Bassini pltzlich, whrend sie die Hnde
zusammenschlug, und Rottack fhlte einen entschiedenen und krftigen
Ruck an seinem Rockscho.

Das ist der Name, flsterte ihm Jeremias dabei zu.

Und hat sich der Lump wirklich noch einmal nach seiner armen,
verlassenen Frau erkundigt? rief Frulein Bassini, jetzt keinen
Augenblick mehr in Zweifel, um was es sich handle, aber auch ganz
vergessend, da der Herr Graf eben noch jenen Lump seinen Freund
genannt. Der hat es nthig, denn seinetwegen htte meine arme Schwester
in Jammer und Elend lngst vergehen knnen!

Jeremias sah sich nach einer Versenkung um.

Ihre Schwester? rief Rottack, das Wort rasch auffassend, denn es war
die erste Spur, die er in der ganzen Geschichte fand -- und wo ist sie
jetzt?

Wo sie ist, Herr Graf? -- Hier in Haburg ist sie und wohnt bei
ihrem Bruder, kmmerlich und rmlich genug, das wei Gott, denn das
Nothwendigste mssen sie sich oft am Munde abdarben, und wenn sie das
Kind, die Henriette, nicht htte, das brave Mdel, die Tag und Nacht
arbeitet, um ein paar Groschen zu verdienen, so wr's lngst aus mit
ihr, denn sie ist ewig krank und kann selber nichts mehr schaffen!

Aber wie heit denn Ihr Bruder, liebes, bestes Frulein? rief Rottack
-- auch Bassini? Sie sagten doch vorher, da Keine des Namens mehr...

Pfeffer heit er, Schauspieler Pfeffer -- er ist Komiker hier beim
Theater, und ein tchtiger Komiker, das mu ihm der Neid lassen.

Aber, verehrtes Frulein, sagte Rottack, der aus der Verwandtschaft
nicht klug werden konnte, wenn Herr Pfeffer der Bruder jener Dame und
jene Dame ihre Schwester ist, so wre Herr Pfeffer doch eigentlich auch
Ihr Bruder?

Ja, das ist er auch, versicherte Frulein Bassini.

Aber Bassini und Pfeffer...

Oh, die Namen meinen Sie -- ja, lieber Gott, sagte die Dame, am
Theater kann man da nicht immer genaue Ordnung halten, und Pfeffer
klingt recht gut fr einen Komiker, aber nicht fr eine Dame oder gar
eine Primadonna, die nun schon einmal in unserer Zeit eine italienische
Endung haben mu. Unsere Mutter aber, eine geborene Bassenich,
war Primadonna und nannte sich einfach Bassini -- und nach ihrer
Verheirathung Pfeffer-Bassini, wonach wir Tchter den Mutter- oder
Mdchennamen der Mutter beibehielten und Frchtegott Pfeffer blieb.

Frchtegott?

Mein Bruder, der Komiker.

Und Ihre Frau Schwester wohnt also bei Ihrem Herrn Bruder?

Ja wohl, Neumarkstrae Nummer 23, der Eingang ist auch von der
Promenade, ganz dicht am Theater -- jedes Kind zeigt Ihnen das Haus.
Aber nun, bitte, Herr Graf, fuhr Frulein Bassini fort, indem sie
sich etwas zur Seite bog, um auch einmal einen vollen Blick auf den
schweigsamen Begleiter des jungen Mannes zu erhalten, der sich, so weit
das mglicher Weise anging, hinter diesen gedrckt hatte -- sagen Sie
auch, was das fr eine Bewandtni mit jenem Menschen, jenem Stelzhammer,
hat?

Stelzhammer, mein Frulein? sagte Rottack, der ganz verwirrt zwischen
den vielen Namen wurde.

Nun, Ihrem Freund in Amerika, erwiderte die Dame.

Stelzhammer, -- ja so -- Jeremias Stelzhammer -- ganz recht, sagte
Rottack und fhlte wieder, wie er hinten am Rock gezupft wurde --
aber, verehrtes Frulein, gestatten Sie mir, da ich vorher nhere
Erkundigungen bei Ihrem Bruder einziehe. Ich darf nicht indiscret sein,
und habe meinem Freund fest versprechen mssen, nur an directer Stelle
Nachforschungen anzustellen.

Nun, auf _den_ Herrn brauchen Sie doch wahrhaftig keine Rcksicht
zu nehmen! rief Frulein Bassini -- ein solcher Vagabond, der seine
brave, redliche Frau schndlich verlassen hat!

Und wenn er nun willens wre, alles Begangene wieder gut zu machen,
wenn er nun Reue ber das Geschehene fhlte?

Ja, der, sagte Frulein Bassini verchtlich -- hat er Geld
geschickt?

Vor allen Dingen habe ich nur den speciellen Auftrag erhalten, mich zu
erkundigen, ob seine Frau noch lebt und wie es ihr geht. Sowie ich das
erfahren habe, versteht es sich von selbst, da ich ihm genauen
Bericht erstatte, und wenn er dann nicht selber herberkommt, was sehr
wahrscheinlich ist, so wird er doch jedenfalls Sorge tragen, da sie von
da an keinen Mangel mehr leidet. Also, mein gndiges Frulein, fuhr
er fort, indem er aufstand und Jeremias sich hinter ihm mit einer
Schnelligkeit erhob, als ob er die ganze Zeit auf Nadeln gesessen htte,
nehmen Sie vor der Hand meinen herzlichen Dank fr Ihre freundlichen
Mittheilungen, die uns hoffentlich zu einem guten Resultate fhren, und
seien Sie versichert, da ich seiner Zeit nicht ermangeln werde, Ihnen
getreuen Bericht ber den Erfolg meines Briefes abzustatten.

Aber wo wohnt denn dieser Herr Stelzhammer jetzt eigentlich und was
treibt er? fragte Frulein Bassini, sich ebenfalls erhebend -- man
mu doch jedenfalls ein klein wenig wissen wie und wo, wenn man einmal
gefragt wird.

Sie sollen Alles erfahren, mein gndiges Frulein, Alles, was Sie nur
einigermaen interessiren knnte, wehrte Graf Rottack ab -- lassen
Sie mich nur erst die Hauptsache in Ordnung bringen, und seien Sie
versichert, da ich Sie dann selber davon in Kenntni setzen werde. Bin
ich Ihnen doch auch zu groem Dank durch die Nachricht verpflichtet, die
Sie mir gegeben.

Ja, aber, wollte Frulein Bassini sagen, da sie sich nicht mit dem
Gedanken befreunden konnte, noch vor der Hand vllig im Dunkeln gelassen
zu werden. Rottack brannte aber selber der Boden hier unter den Fen,
und mit einer sehr artigen Verbeugung, welche die Dame wieder mit einem
tiefen Knix erwiderte, schritt er zur Thr, und Jeremias fuhr wie der
Blitz hinter ihm her. Beide waren auch gleich sehr dabei interessirt, so
rasch sie konnten wieder in's Freie zu kommen, Jeremias schien wirklich
die ganze lange Zeit da oben den Athem angehalten zu haben, so aus
voller Brust schpfte er Luft, als er den blauen Himmel wieder ber sich
sah.




9.

Hinter den Coulissen.


In der nmlichen Zeit, in welcher an diesem Morgen Graf Rottack mit
seiner jungen Frau zu dem Besuch nach Monford hinausfuhr, war im Theater
Probe von den Rubern.

Ueberhaupt wurde das Schauspiel gerade in dieser Zeit sehr beschftigt,
denn in der nchsten Woche stand auch noch eine Festvorstellung
des Hamlet bevor. Man erwartete nmlich in den nchsten Tagen den
Erbprinzen zum Besuch, und der Director hatte angefragt, was Seine
Knigliche Hoheit im Theater zu sehen wnsche, worauf der Hamlet
bezeichnet wurde. Am nchsten Tag sollte dann noch ein groer Ball
arrangirt, kurz, Alles gethan werden, um dem jungen und hohen Herrn den
Aufenthalt in der Stadt so angenehm als mglich zu machen.

Hamlet mute aber neu einstudirt werden, und die Auffhrung der
ebenfalls lange nicht gegebenen Ruber kam da etwas in die Quere; aber
es half eben nichts. Das Publikum wollte solche Stcke sehen, und die
Schauspieler muten sich fgen.

Auf dem Theater, das jetzt natrlich nicht erleuchtet sein konnte,
herrschte ein dsteres Halbdunkel. Das Licht fiel drftig durch die
geffneten Seitenfenster herein, und nur ein einzelner Sonnenstrahl
stahl sich an einer Ecke vorber und beschien eine der Coulissen, einen
bemalten Leinwandbaum.

Nur vor dem Souffleurkasten brannten die beiden Lampen, und rechts auf
der Bhne, wo ein Tisch und ein paar Sthle standen, saen der Director
in einem weiten Mantel und der etwas krnkliche Regisseur in groen
Filzschuhen und einem Pelze, trotz der Wrme drauen, denn die Luft war
hier drinnen kellerartig und es zog fortwhrend.

Auf der Bhne gingen sehr anstndig gekleidete Herren und Leute in
Hemdsrmeln friedlich untereinander herum, und zwar beide Theile ihren
Geschften nach -- die Einen die Darsteller, die Anderen Maschinisten,
Coulissenschieber und Lampenputzer, whrend hinten auf der Bhne eine
Dame in Hut und Schleier, ein Manuscript in der Hand, noch memorirend
zwischen ihnen auf und ab wanderte und nur manchmal das Manuscript --
ihre Rolle -- gesticulirend ausstreckte und leise tragische Worte dazu
murmelte.

Es war Amalia, Frulein Rottenhfer, erste tragische Liebhaberin im
Theater zu Haburg.

Dritte Scene, meine Herren! rief der Regisseur und klingelte.

Die Schauspieler traten zusammen; die Scenerie war gestellt: die
bhmischen Wlder. Es begann die Scene im zweiten Acte, wo die Ruber,
nachdem sie Roller befreit, wieder zusammenkommen, und ging so ziemlich.

Pfeffer gab den Spiegelberg; berhaupt hatten dieses Mal alle Krfte am
Theater aufgeboten werden mssen, um die zahlreichen Rollen so tchtig
als mglich zu besetzen, und die Leute gaben sich die grte Mhe. Nur
wo Schwarz auftritt, mute das Einspringen noch einmal gemacht werden.

Jetzt wurde Roller angemeldet, aber der Hauptmann, Karl Moor, war noch
nicht da; das Pferd, welches gewissenhaft in Haburg beibehalten wurde,
stand hinten in der letzten Coulisse und schien selber ungeduldig zu
werden.

Ratzmann: Roller, Schweizer, Blitz, Donner, Hagel und Wetter!

Wo ist denn Karl Moor? rief der Regisseur, von seinem Stuhl
aufspringend.

Eben war er noch im Conversations-Zimmer, Herr Regisseur, sagte der
Inspector, dem das Pferd vorher auf den Fu getreten hatte und der jetzt
mit gotteslsterlichen Verwnschungen hinter den Coulissen herumhinkte.

Aber warum ruft ihn denn Niemand? -- Herr Handor, nehmen Sie mir das
nicht bel, bei einem so classischen Stck...

Bitte um Verzeihung! sagte Handor, der mit finster zusammengezogenen
Brauen aus der Coulisse kam und ber die Bhne zu dem Pferd schritt.
Bitte, meine Herren, noch einmal das Stichwort!

Ratzmann wieder: Roller, Schweizer, Blitz, Donner, Hagel und Wetter!

Handor hatte sich in den Sattel geschwungen und spornte sein Ro ber
die Bhne, das mit klappernden Hufschlgen, genau so, als ob es auf Eis
ginge, vorsichtig weiter schritt.

Ruber Moor: Freiheit, Freiheit...! -- Aber so lassen Sie doch das
Pferd los; ich werde doch nicht sollen auf die Bhne gefhrt werden!

Die Zwischenrede galt einem der Maschinisten, der in seinem Diensteifer
mit hinausgegangen war und jetzt zurcksprang.

Noch einmal, meine Herren, wenn ich bitten darf, rief der Regisseur;
das Pferd mu sich gewhnen, allein heraus zu kommen.

Ruber Moor lenkte mit einem halbverbissenen Fluch den alten, geduldigen
und etwas kreuzlahmen Schimmel wieder um, und Ratzmann mute zum dritten
Mal das Stichwort geben.

Jetzt ging es; der Schimmel stakte, trotz allen Anspornens, sehr
vorsichtig heraus, und mit den Worten: Du bist im Trocknen, Roller;
fhr' meinen Rappen ab, Schweizer, und wasche ihn mit Wein! sprang Karl
Moor aus dem Sattel.

Herr Handor, rief der Regisseur, wieder aufstehend, ich habe Sie
frher darauf aufmerksam gemacht, da Sie einen Schimmel reiten.

Der Rappe steht in der Rolle, sagte Handor rgerlich.

Ja, allerdings, aber wir haben nun einmal keinen Rappen, und ich kann
das Pferd doch nicht, nur des einen unwesentlichen Wortes wegen, schwarz
anstreichen lassen.

Gut, so fhr' meinen Schimmel ab, Schweizer, und wasche ihn mit
Wein.

Hat sich auch mordmig angestrengt, flsterte der eine Lampenputzer,
als Schweizer mit einiger Schwierigkeit das Thier zum Weitergehen bewog.

Die nchste Scene ging jetzt so ziemlich; Karl Moor schien aber in
einer gereizten Stimmung und nahm, whrend die Ruber ihre Heldenthaten
erzhlten, gar keine Notiz von ihnen. Als aber Schufterle (Horatius
Rebe) an zu sprechen fing, stampfte er ein paar Mal ungeduldig mit
dem Fu und brummte dann seine Zwischenrede so leise in den Bart, da
Schufterle kaum das Stichwort verstehen konnte.

Etwas lauter, Herr Handor, wenn ich bitten darf, sagte der Regisseur,
indem er sein Buch gegen das auf dem Tisch stehende Licht hielt.

Dann, bitte, sagen Sie auch Herrn Rebe, da er seine Rolle mit einigem
Verstand spielt, bemerkte Handor; das Publikum mu ja lachen!

Ich habe nichts Aufflliges bemerkt, erwiderte der Regisseur; bitte,
Herr Rebe, sagen Sie Ihre Worte noch einmal.

Rebe that so und kam zu dem Schlusatze: Armes Thierchen, sagt' ich, Du
verfrierst ja hier, und warf's in die Flammen.

Ganz gut, nickte der Regisseur.

Es ist ja nicht zum Ansehen, rief Handor gereizt; bei den Worten:
und warf's in die Flammen stehen Sie ja wie ein Stock!

Bitte um Entschuldigung, Herr Handor, sagte Rebe ruhig, erstlich
markiren Sie gar nicht, und man wei nicht, ob Sie mit uns oder mit dem
Souffleur reden...

Herr, was unterstehen Sie sich!

Von Unterstehen kann hier gar keine Rede...

Meine Herren, bitte um keinen Zank auf der Probe; was wnschen Sie,
Herr Handor, das Herr Rebe thun soll?

Sich regen, den Arm hinauswerfen, wenn er die Worte sagt: und warf's
in die Flammen. Er mu seinem Mitspieler eine Andeutung geben.

Ich glaubte, Sie brauchten nur das Stichwort, sagte Rebe ruhig; zum
Telegraphiren eignet sich die Rolle nicht.

Herr, rief Handor gereizt, fr einen Menschen, der kaum einen
Stuhl hinaustragen kann, ist diese Antwort einem Knstler gegenber
unverschmt!

Herr Handor...

Herr Handor, rief auch der Regisseur, von seinem Stuhl aufspringend,
entweihen Sie die Kunst nicht durch solche Reden; Sie haben sich
berhaupt gegen das Bhnenreglement vergangen, und ich mu Sie in Strafe
nehmen!

Nennen Sie denn das eine Probe, rief Handor heftig, wenn ich nicht
einmal Statisten zurechtweisen darf, wie sie sich zu benehmen haben?

Herr Handor, rief aber jetzt auch Rebe gereizt, ich werde Ihnen
nach der Probe sagen, was ich von Ihnen denke -- hier fge ich mich den
Gesetzen!

Meine Herren, bat der Regisseur, Sie gehen mir zu sehr in den
Charakter Ihrer Rollen ein, und es ist nur ein Glck, da Ihnen der
Requisiteur noch nicht die Dolche und Pistolen geliefert hat. Bitte,
noch einmal das Stichwort -- Herr Rebe, Ihres mein' ich -- und warf's
in die Flammen.

Rebe gehorchte ziemlich mrrisch dem Befehle und Handor rgerte ihn noch
mehr dadurch, da er die Worte: Fort, Ungeheuer, la dich nimmer unter
meiner Bande sehen! mit ganz besonderer Betonung sprach. Es war aber
fr den Augenblick nichts dagegen zu machen und er mute abgehen,
whrend Karl Moor seinen spteren Monolog mrrisch und in den Bart
hinein sprach.

Schufterle kam von da an nur noch ein einziges Mal vor und htte
weggehen knnen; aber er blieb, um das Ende der Probe abzuwarten, wo
aber noch einmal ein Streit vorfiel, und zwar mit der ersten tragischen
Liebhaberin selber.

In der Scene zwischen Karl Moor und Amalia, wo Handor sehr zerstreut
spielte -- wie er denn berhaupt nach des sehr gewissenhaften Regisseurs
Ausspruch heute gar nicht bei der Sache war--, hatte er bei den Worten:
Wie, mein Frulein, wenn Ihr Geliebter Ihnen fr jeden Ku einen
Mord aufzhlen knnte? den Arm von Frulein Rottenhfer so fest und
pltzlich gefat, da eine Schnur von imitirten Perlen, die sie am
Handgelenk trug, zerri und ein paar der zerdrckten Perlen ihr die Haut
ritzten.

Die Dame wurde heftig und behauptete, da er sie in der Scene gar nicht
anfassen drfe, und er erwiderte ihr ziemlich kurz, ob sie glaube, da
er den Charakter seiner Rolle nicht verstehe; brigens wolle er ihr die
Perlen bezahlen.

Es gab dann noch einen Auftritt, wo sich der Director selber in's Mittel
legen mute, denn Frulein Rottenhfer erklrte, nicht mit einem so
rohen, ungebildeten Menschen spielen zu wollen.

Handor murmelte ein Wort zwischen den Zhnen durch, das wie Gans
klang und keinesfalls in seiner Rolle stand, wonach die Dame denn nichts
Besseres thun konnte, als in Ohnmacht zu fallen.

Da Handor durch dies Alles nicht in die beste Laune gerieth, lt sich
denken, und die wurde nicht erhht, als die Probe, welche heute fast bis
zwei Uhr gedauert hatte, endlich vorber war und er vor dem Theater auf
Rebe traf, der ruhig zu ihm hinging und ihn anredete:

Herr Handor, auf ein Wort.

Was wollen Sie? fragte der erste Liebhaber kurz.

Nichts weiter, als Genugthuung fr Ihre Beleidigung heute.

Genugthuung?

Sie verstehen doch, was ich damit meine.

Sie sind ein Narr, Rebe! sagte Handor und wollte sich von ihm
abdrehen. So wohlfeilen Kaufes kam er aber nicht davon.

Dann erklre ich Sie fr einen feigen Lump, Herr Handor! sagte der
junge Mann, der kreidebleich vor innerer Aufregung geworden war und vor
Wuth zitterte.

Handor bi die Zhne zusammen.

Gut, Sie sollen Ihre Genugthuung, wie Sie's nennen, haben, Sie
verdienen eine Zchtigung, aber nicht jetzt. Sie wissen, was wir in
nchster Woche vorhaben; die Vorstellung des Hamlet drfen wir nicht
stren, wenn Sie auch vielleicht entbehrt werden knnten. Nach dem
Hamlet stehe ich Ihnen zu Diensten.

Gut denn, also nach der Vorstellung oder am nchsten Morgen.

Handor nickte nur, drehte ihm den Rcken zu und ging die Strae
hinunter.

Gerade am Theater vorber war Pfeffer gekommen, und wenn auch noch nicht
nahe genug, um die Worte zu verstehen, hatte ihm doch der Sinn nicht gut
entgehen knnen.

Das ist recht, Herr Horatius Cocles, sagte er, whrend er vor ihm
stehen blieb und ihn starr ansah, das wre allerdings die leichteste
Manier, Jemandes Rollen zu bekommen, wenn man ihn einfach todtschiet.
Sind Sie denn ganz des Teufels, Mensch, und wollen Sie sich mit Gewalt
Ihre Carrire verderben?

Herr Pfeffer!

Ach was, Pfeffer hin, Pfeffer her, es pfeffert sich was! Wo wollen Sie
denn hin, wenn man Ihnen hier den Contract kndigt?

Meine Ehre gilt mir hher als mein Leben! rief der junge Mann stolz.

Puh, _so_ viel dafr! rief der alte Mann verchtlich; wenn Ihnen
so ein Lump Ihre Ehre nehmen kann, so wr's nicht der Mhe werth, sie
aufzuheben! Und all' das andere Unheil, welches Sie nachher anrichten --
heh?

Andere Unheil? sagte Rebe traurig. Haben Sie mir nicht selber Ihr
Haus verboten, Herr Pfeffer, und glauben Sie, da auerdem auch wohl ein
einziges Auge na wrde in ganz Haburg, wenn ich -- von hier fortginge
oder strbe?

Puh! sagte Pfeffer wieder, sah eine Weile vor sich nieder, schob dann
beide Hnde in seine Taschen und schritt der eigenen Wohnung zu.

Frchtegott Pfeffer stieg auch direct hinauf in sein eigenes Zimmer und
lief dort, ohne den Hut abzunehmen, die Hnde auf den Rcken gelegt
und aus Leibeskrften vor sich hin pfeifend, in dem kleinen Gemache
mit einer wahren Vehemenz auf und ab. Sein Spaziergang war dabei ein
keineswegs unbehinderter, denn berall lag bald ein Haufen Manuscripte,
bald Bcher und Zeitungen, die ihm kein Mensch anrhren durfte, im Wege.
Unverdrossen stieg er aber ber das Alles weg, herber und hinber, und
war so mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, da er gar nichts weiter
hrte noch sah.

Was mag nur der Onkel heute haben? sagte Jettchen, die mit eisernem
Flei an ihrer Arbeit sa. Zu jenem, zu Ehren des Erbprinzen bestimmten
Balle hatte sie nmlich eine solche Masse von Auftrgen bekommen und
Bestellungen auf Blumen waren so von allen Seiten eingelaufen, da das
arme Kind schon die ganze Nacht durcharbeiten mute, um nur Alle zu
befriedigen und ja keine Kunden zu verlieren. Du lieber Gott, im Sommer,
wo der Schpfer ja da drauen seine herrlichen, frischen und duftenden
Blumen wachsen lie, war die Arbeit berdies nur sehr sprlich und
der Verdienst so klein -- da durfte man sich schon eine so glckliche
Gelegenheit nicht entgehen lassen!

Die Mutter lag wieder auf dem Sopha; sie befand sich etwas besser heute,
war aber noch immer sehr schwach und angegriffen.

Ich wei es nicht, sagte sie leise; wahrscheinlich wieder ein Aerger
auf der Probe.

Wenn er so pfeift, ist er immer sehr bser Laune, seufzte Jettchen;
aber jetzt kommt er ja gar nicht von der Probe; er war doch vorhin
schon zum Essen da, und hat in den letzten Acten nichts zu thun.

La ihn nur, mein Kind, lchelte die Frau wehmthig; bei solchen
Gelegenheiten pfeift er sich gewhnlich ordentlich aus, und nachher ist
er wieder guter Laune; nur stren darf man ihn nicht darin.

Es ist doch auch wirklich ein leidiges Leben beim Theater, sagte das
arme Mdchen leise; immer nur Aerger und Streit, als ob die Leute gar
nicht friedlich neben einander leben knnten, und Abends, wenn dann die
Lichter angezndet sind, merkt man gar nichts davon und Alles schwelgt
in Glanz und Freude.

Es ist Alles falsch, mein Herz, nickte die Mutter leise vor sich hin,
Alles; aber nicht allein auf dem Theater, Kind, wo sie sich drauen
aus der Bhne vor dem Publikum in den Armen liegen und sich hinter den
Coulissen nachher alles gebrannte Herzeleid anthun -- im wirklichen
Leben machen sie's auch nicht viel besser. Vor der Welt, die da
das Publikum ist, ja, da glnzt und schimmert Alles, und hinter den
Coulissen -- das heit im eigenen Hause, im eigenen Familienkreise,
worin erst recht Liebe und Freundschaft, Friede und Eintracht herrschen
sollten -- da set der bse Feind sein Unkraut aus, und Jammer und Elend
sind die Folgen.

Aber bei uns doch nicht, Mama, sagte herzlich das junge Mdchen.

Nein, Kind, bei uns nicht, seufzte die Frau, deren Erinnerungen weit
zurckgeschweift waren. Wir, mein Herz, erscheinen aber auch nicht mehr
drauen vor dem Publikum, vor der Welt; wir haben uns hier unsere kleine
Welt gegrndet und -- Erfahrung genug im Leben gesammelt, um uns die
nicht selber muthwillig zu zerstren. Gebe nur Gott, da uns die Welt da
drauen eben so wenig beachtet, wie wir sie!

Henriette schwieg und wandte langsam den Kopf zur Seite, da die Mutter,
wenn sie zufllig einmal herbersah, nicht die verrtherische Thrne
bemerken sollte, die ihr im Auge blitzte; sie wre ja sonst noch
trauriger geworden.

Na, Guste, wie geht's? sagte pltzlich Pfeffer, der den Kopf in die
Thr steckte. Ein bischen besser?

Ich danke Dir, Frchtegott; komm doch herein.

Ich rauche.

Die Fenster stehen ja auf, da thut mir der Rauch nicht weh.

Hm, sagte Pfeffer, der jetzt in's Zimmer trat, die Thr hinter
sich zuzog und dann zum Sopha ging. Du siehst immer noch hllisch
angegriffen aus -- und der Heidenlrm da drauen! Wenn ich nur dem einen
Kerl mit seiner Mordgeschichte den Hals umdrehen knnte, nachher wr'
ich zufrieden.

Ja, Onkel, lchelte Henriette, Und dann wrde die Polizei kommen und
Dich einsperren und kpfen lassen, und nachher malte dann ein
Anderer Deine Geschichte, und die wrde dann auch abgesungen, von dem
furchtbaren Halsabdreher Frchtegott Pfeffer.

Was die Mamsell nicht wei! sagte der Onkel, indem es ihm aber doch
wie ein Lcheln ber das Antlitz zuckte; hol' mich Dieser und Jener,
Thierqulerei wird bestraft, aber Menschenquler drfen berall frei
umherlaufen und haben sogar noch die Unverschmtheit, Geld dafr einzu--
aber alle Teufel, unterbrach er sich berrascht, als er, whrend er
sprach, zu Jettchen's Tisch getreten war und dort ihre Arbeit erblickte,
den Kranz hast Du ja erst gestern Abend angefangen, als ich zu Bette
ging, Mdel, was zum Henker, Du hast doch nicht die ganze Nacht daran
gesessen?

Lieber Onkel, sagte Henriette bittend, sei nicht bse, aber -- die
Zeit drngte so -- bis zu dem Balle, der in der nchsten Woche sein
soll, ist noch so viel bestellt...

Und wie Du aussiehst, bleich und angegriffen; das geht nicht, Schatz,
das geht wahrhaftig nicht, das darf ich nicht leiden!

Ich habe sie auch gebeten, zu Bett zu gehen, sagte die Mutter, aber
der Trotzkopf wollte nicht.

Wenn der Ball erst vorber ist, schlafe ich dafr eine ganze Woche,
lchelte Henriette; denke nur, Onkel, was fr hbsches Geld ich dabei
verdiene.

Pfeffer antwortete nichts. Er stand am Fenster, blies Ringe hinaus
und klopfte dabei mit der Fuspitze den Boden, als die Thr pltzlich
aufgerissen wurde, Frulein Bassini den Kopf in's Zimmer steckte und
hereinrief: War er schon hier?

Wer? rief Pfeffer, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend. Was, zum
Teufel, kommst Du denn so in's Zimmer gestrmt -- weit Du denn nicht,
da Deine Schwester krank ist? Wer soll hier gewesen sein?

Nun, der Graf, sagte die Dame, die Thr hinter sich zuziehend.

Der Graf -- bei Dir rappelt's wohl? Was fr ein Graf?

Also, so wit Ihr noch gar nichts?

Na, jetzt hr' einmal mit Deinem Schnack auf, brummte Pfeffer; thu
Deine Gartenanlage vom Kopf herunter und setze Dich auf Deinen -- htte
bald 'was gesagt. Steckt in dem Frauenzimmer eine Unruhe -- Apropos,
hast Du mir meine Dose wieder mitgebracht?

Nein, die hab' ich heilig vergessen -- aber Frchtegott, Auguste,
Jettchen, wit Ihr denn, wer bei mir war?

Ach schnack' keinen Unsinn; wie knnen wir wissen, wer bei Dir gewesen
ist, rief Pfeffer -- vielleicht der Friseur mit einer neuen Perrcke?

Grobian! Ein Graf war bei mir, ein wirklicher, lebendiger Graf mit
Orden -- nein, Orden hat er nicht gehabt, das ist wahr; merkwrdig
eigentlich, da ein Graf blos so, ohne Orden herumgehen kann wie andere
Menschen.

Ob das Frauenzimmer nicht einen Sparren hat wie ein Hebebaum, knurrte
ihr Bruder -- und was wollte er?

Das rthst Du nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit liee.

Er wollte Dich wahrscheinlich bitten, auf der Bhne nicht so zu
schreien, weil er eine Prosceniums-Loge hat.

Du bist heute unausstehlich.

Aber so sag' uns doch nur, was er wollte, Tante, rathen knnen wir's ja
doch im Leben nicht, bat Henriette.

Das Kind ist viel vernnftiger als Du, erwiderte Frulein Bassini;
nein, Schatz, rathen knnt Ihr's allerdings nicht, aber er kam, um sich
nach Augusten zu erkundigen.

Nach _mir_? rief die Frau.

Und zu Dir? sagte Pfeffer.

Ja, zu mir, Ueberklug, weil er mich fr meine Schwester hielt.

Mit _der_ Perrcke?

Herr Gott, der Mensch bringt mich noch zur Verzweiflung!

Aber so la sie doch nur einmal erzhlen, Frchtegott.

Na, hindere ich sie etwa daran? Aber bringt sie denn etwas Anderes
heraus wie Unsinn? Wenn es der kein Souffleur einblst, wird sie nie
fertig!

Du hast einmal wieder Deinen liebenswrdigen Tag, das mu wahr sein;
aber ich will mich heute nicht rgern.

Was wollte denn der Graf von mir? sagte die Frau, unglubig dazu mit
dem Kopf schttelnd.

Ja, das ist ja eben das Wunderbare, rief Frulein Bassini, ganz
entzckt, die Trgerin einer solchen Neuigkeit zu sein; im Auftrag
seines Freundes kam er, wie er sagte. Und weit Du, wer der Freund war?
Herr Stelzhammer.

Oh, Du mein Gott! sagte die kranke Frau und wurde todtenbleich.

Sein Freund? rief Pfeffer rgerlich; das hab' ich mir etwa denken
knnen, und das wird ein sauberer Graf gewesen sein, der Dich besucht
hat; vielleicht ein Photo--graf oder ein Tele--graf -- ein Freund von
dem Lump -- na, nun bitt' ich aber zu gren -- Herr Jesus, was das fr
ein verrcktes Frauenzimmer ist!

Du redest, wie Du es verstehst! rief Frulein Bassini gereizt. Der
Stelzhammer ist in Amerika ein groer, reicher Herr geworden, und das
Gewissen schlgt ihm jetzt; er hat den Herrn Grafen gebeten, sich hier
nach Dir zu erkundigen, wie es Dir geht, was Du machst und ob es Dir an
etwas fehlt.

Nein, was das fr ein sorgsamer Gatte ist, rief Herr Pfeffer, sich
mit der rechten Hand auf sein Knie schlagend, ist erst achtzehn Jahre
abwesend und erkundigt sich wirklich schon einmal, wie es seiner Frau
geht!

Und sind sie nicht vor Gericht geschieden? rief Frulein Bassini, die
merkwrdiger Weise nun, da ihr Bruder die Partei nahm, welche sie selber
bis jetzt gehalten, auf die entgegengesetzte Seite bersprang. Ist er
denn gesetzlich verpflichtet, sich berhaupt noch um sie zu bekmmern?

Jetzt hr' Einer das Frauenzimmer an! rief Pfeffer entrstet. Hat
es denn Jemand von ihm verlangt, heh? Hab' ich etwa Deinen Herrn Grafen
ersucht, hierher zu kommen? Aber ist ein Mann, wenn er sich auch von
seiner Frau scheiden lt, nicht etwa doch verpflichtet, noch fr sie zu
sorgen? Oder glaubst Du etwa, da da jeder Lump herkommen und heirathen,
und sich dann wieder scheiden lassen kann und weglaufen darf wie die Sau
vom Trog?

Du bist und bleibst ein Grobian -- und wenn er es nun bereut?

Zeit wr's, brummte Pfeffer; aber nun erzhle einmal vernnftig, wenn
Dir das irgend mglich ist, was der Fremde wollte und weshalb er zu Dir
kam.

Eigentlich waren es Zwei, berichtete Frulein Bassini, aber aus dem
Zweiten bin ich nicht klug geworden; ich glaube, es mu der Kammerdiener
gewesen sein. Er hat auch den Mund die ganze Zeit nicht aufgethan -- ein
kleiner, dicker Mensch mit einer Glatze wie der Tisch gro.

Na, so lg' Du und der Teufel!

Und das Andere war ein Graf? fragte Henriette.

Was ich Dir sage, Kind, hier habe ich noch seine Karte, fuhr Frulein
Bassini, in ihrer tiefen Tasche danach suchend, fort; da, da steht's:
Felix Randolph, Graf von Rottack -- da steht's gedruckt, und nun wirst
Du's doch glauben, Bruder Thomas?

Pfeffer nahm die Karte, besah sie, schttelte mit dem Kopf und warf sie
dann auf den Tisch. Und was wollte er eigentlich? fragte er hierauf.

Weiter nichts, als sich nach Augusten erkundigen. Er htte Auftrag,
wie er sagte, von seinem Freunde Stelzhammer in Amerika, hier
Nachforschungen anzustellen, und wie er erfuhr, da ich nur die
Schwester wre -- denn es scheint, da er mich fr Auguste hielt--,
stand er auf und sagte, er wrde selber hierher gehen.

Zu uns hierher? fragte die Frau erschreckt.

Na, er wird uns auch nicht beien, brummte Pfeffer; neugierig wre
ich aber doch, was der Patron, Dein sauberer Mann, eigentlich will.
Sollte mich gar nicht wundern, wenn er Geld brauchte und uns anpumpen
mchte.

Aber Onkel!

Liebes Kind, brummte Pfeffer, es sind schon nrrischere Dinge in der
Welt vorgekommen, das wre nicht das Tollste; komisch wr's aber, so
viel ist richtig, und ein Hauptspa dabei, denn dem Grafen wollt' ich
heimleuchten!

Wie kannst Du nur so reden, Frchtegott, bat die Frau, weit Du
nicht, da Du mir entsetzlich weh damit thust?

Ach was, sagte der Mann, aber doch jetzt mit mehr Gutmthigkeit im
Ton, ich wei wohl, da Du immer seine Partei genommen hast.

Er war auch von Herzen gut, sagte die Frau, recht gut und brav, nur
entsetzlich leichtsinnig, und wir Beide noch damals so jung; Gott nur
wei, wie schlimm es ihm auch vielleicht in der Welt ergangen ist.

Nicht schlimmer, wie er's verdient hat! polterte Pfeffer heraus. Aber
wann war denn der Graf eigentlich bei Dir, Lise?

Ach, vor kaum einer halben Stunde, rief Frulein Bassini, und denke
Dir nur, ich war noch gar nicht angezogen; ich hatte den ganzen Morgen
studirt und noch keine Toilette gemacht, sa am Clavier und phantasirte
ein wenig -- auf einmal geht die Thr auf und der Graf guckt herein. Ich
dachte, der Schlag sollte mich auf der Stelle rhren.

Ein Wunder nur, da er den Grafen nicht gerhrt hat, wenn er Dich im
Neglig gesehen! lachte Pfeffer.

Aber, Onkel!

Dein Neglig ist freilich schner, rief Frulein Bassini, mit dem
Schlafrock, der kleben bleibt, wenn man ihn an die Wand wirft, und
Deinem alten, ekelhaften Tabaksgestank! Aber um mich rgern zu lassen,
bin ich nicht hergekommen, rief sie, von ihrem Stuhl aufstehend; nur
Augusten wollte ich die Nachricht bringen -- mit Dir habe ich weiter
nichts zu thun! -- Und wirklich bse gemacht, scho sie der Thr zu.

Vergi das nchste Mal die Schnupftabaksdose nicht! rief ihr
der Bruder nach, und Frulein Bassini ri, verchtlich den Kopf
zurckwerfend, die Thr auf, als sie pltzlich einen tiefen,
ehrfurchtsvollen Knix nach auen machte und dann flsternd, aber
deutlich genug in das Zimmer zurckrief:

Der Graf!




10.

Graf Rottack bei Pfeffers.


Und was nun, sagte Felix, als sie mitsammen die Strae hinabschritten
und Jeremias noch einen scheuen Blick hinter sich warf, als ob er
frchte, da ihnen diese entsetzliche orangefarbene Dame folgen knne --
wollen wir zu Pfeffers?

Herr Graf, sthnte der kleine Mann, ich bin nicht im Stande -- ich
gebe Ihnen mein Wort, ich habe in der Viertelstunde da oben bei
dem schrecklichen Frauenzimmer, meiner Frulein Schwgerin, mehr
ausgestanden, als ob ich die ganze Zeit ber auf einer Folterbank
gesessen htte!

Aber wuten Sie denn nichts von dieser Schwester?

Ich wute, da meine Frau eine Schwester hatte, habe sie aber nie
gesehen, denn sie war damals schon lange beim Theater und irgendwo im
Preuischen an einer kleinen Bhne engagirt, hatte sich auch nie mit
ihrer jngeren Schwester vertragen knnen.

Und der Bruder?

War Komiker an unserem Theater, entzweite sich aber ebenfalls mit
meiner damaligen Frau, weil er gegen unsere Heirath gerathen, und hielt
keinen Verkehr mit uns.

Sie mssen damals ein sauberer Zeisig gewesen sein, Jeremias?

Reden wir nicht davon, sagte der kleine Mann mit einem aus tiefster
Brust herausgeholten Seufzer; aber es ist ja nun vorbei und ich brauche
doch wenigstens nicht mit einer Schwgerin gestraft zu werden, wenn ich
nicht einmal eine Frau habe.

Aber was wollen Sie jetzt thun? Jene Dame wird unfehlbar ohne weiteren
Zeitverlust zu ihrer kranken Schwester laufen und sie alarmiren.

Die wr's im Stande.

Darauf knnen Sie sich fest verlassen, sagte Felix, und ich bin
berzeugt, da sie selbst in diesem Augenblick in aller Hast ihre
Toilette macht. Was dann?

Und wenn ich selber hingehe, jage ich der armen Frau vielleicht den Tod
vor Schrecken ein, denn -- hbscher bin ich nicht geworden.

Hren Sie, Jeremias, sagte Graf Rottack, nach seiner Uhr sehend, ich
habe etwa noch eine halbe Stunde Zeit und die Sache einmal begonnen.
Ich werde allein zu jenem Herrn Pfeffer hinaufgehen und sehen, wie Alles
steht.

Ach, mein bester, herrlichster Herr Graf, wenn Sie das fr mich thun
wollten -- sehen Sie, schicken Sie mich nachher durch die Hlle, wie
den seligen Tamino durch Feuer und Wasser, wohin Sie wollen, ich springe
mitten hinein!

Aber Alles kann ich doch nicht thun, Jeremias, sagte Rottack, ja,
im Gegentheil wrde meine Gegenwart spter nur strend sein -- nachher
mssen Sie allein gehen.

Ja gewi, mit dem grten Vergngen! rief der kleine Mann, dem
der Angstschwei auf der Stirn stand -- erzhlen Sie nur vorher die
Geschichte; sagen Sie ihr, wie ich geschafft und gearbeitet habe und ein
ordentlicher Kerl geworden bin, und bitten Sie, da sie -- nicht mehr
bse auf mich ist. und mir wenigstens erlaubt, ihr zu helfen.

Sie hatten ein Kind, Jeremias?

Ja, ein Mdchen, sagte dieser kleinlaut.

Sie wird herangewachsen sein -- und kennt den Vater nicht einmal.

Lieber, bester Herr Graf, thun Sie mir den einzigen Gefallen und reden
Sie nichts weiter, ich verliere sonst das kleine bischen Verstand -- es
ist wahrhaftig nicht viel, was mir noch brig geblieben ist -- gehen Sie
hinauf, ich werde indessen hier unten auf und ab laufen.

Aber wo ist denn das Haus?

Hier mu es irgendwo sein, dies ist wenigstens die Strae, und --
holla, sehen Sie wohl, Sie hatten Recht -- da brennt meine orangefarbene
Schwgerin eben hinein -- ich kenne sie an der Haartour -- glcklicher
Weise hat sie uns nicht gesehen.

Gut, dann will ich ihr wenigstens Zeit lassen, das Eis zu brechen,
lchelte Rottack; kommen Sie, wir wollen erst noch einmal die Strae
hinab und wieder zurck gehen, und nachher besuche ich Ihre Verwandten.

Und ich laufe unterdessen hier Spieruthen.

Das fllt zu sehr auf. Dort drben ist ein Bierlocal, gehen Sie da
hinein und setzen Sie sich an's Fenster, da Sie die Thr im Auge
behalten.

Das ist recht, sagte Jeremias, mit Allem einverstanden, was ihm nur
das erste Bahnbrechen seines schweren Schrittes ersparte, und als sie
Frulein Bassini hinlnglich Zeit gelassen zu haben glaubten, ihre
Neuigkeit anzubringen, und zu dem Eingang des Hauses zurckkehrten,
trat Graf Rottack seinen nicht eben leichten Gang an. Jeremias aber,
dem erlassenen Rath zufolge, postirte sich an das innere Fenster des
benachbarten Wirthshauses und trank in Gedanken und Herzensangst ein
Glas Bier nach dem andern.

Der junge Graf stieg indessen langsam die Treppe hinauf. Unten im Hause
hatte er schon erfahren, da Herr Pfeffer im zweiten Stock wohne, und
wie er dort oben den Vorsaal erreichte, wute er augenblicklich,
wohin er sich zu wenden habe, als er das berraschte Gesicht und
die orangefarbene Gestalt der Dame in der freilich gleich wieder
zugeschlagenen Thr entdeckte.

Rottack war aber nicht der Mann, um schchtern eine Einladung
abzuwarten. Er ging ohne Weiteres auf die Thr zu, klopfte an und
ffnete dieselbe auf das laute, etwas barsche Herein! Pfeffer's.
Dieser hatte nmlich keine Zeit gehabt, in sein Zimmer zu gehen und
den alten Schlafrock auszuziehen, da er vorher erst den Vorsaal
htte passiren mssen, und drckte sich nun, als der Fremde eintrat,
vorsichtig an der Wand hin, um diesen Fehler so rasch als mglich zu
verbessern. Der Schlafrock war wirklich in gar zu desolaten Umstnden.

Ich habe das Vergngen, mit Herrn Pfeffer zu sprechen? Ah, mein
Frulein, ich hatte schon vorher die Ehre...

Ja, mein Herr, sagte Pfeffer, der sich hier keine Ble geben durfte,
mein Name ist Pfeffer -- Frchtegott Pfeffer.

Und Ihre Frau Gemahlin? -- Bitte, bleiben Sie liegen, Madame, ich
mchte um Alles in der Welt Sie nicht derangiren, und mu so schon um
Verzeihung bitten, so ohne Weiteres eingetreten zu sein!

Bitte -- nein, nicht meine Frau, meine Schwester Auguste -- dies meine
Schwester Lise -- Elise wollt' ich sagen -- dort meine Nichte Henriette
-- mit wem hab' ich die Ehre?

Mein Name ist Rottack, und wenn ich mich hier in eine
Familienangelegenheit drnge -- denn ich darf wohl annehmen, da Ihnen
das Frulein hier schon die Ursache meines Besuches mitgetheilt hat --
so mag mich das entschuldigen, da ich es in bester Absicht und in der
Hoffnung thue, einen gnstigen Erfolg fr beide Theile zu erzielen.

Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Graf? rief Frulein Bassini
und schritt nach dem Fenster zu, um dort einen leeren Stuhl zu holen.

Pardon, mein gndiges Frulein! rief Rottack und sprang ihr zuvor,
whrend Pfeffer ein sauer-komisches Gesicht bei dem Worte gndiges
zog, den Moment aber auch benutzte, zur Thr hinaus zu fahren -- Sie
erlauben mir wohl...

Er hatte den Stuhl erfat, als sein Blick auf die Arbeit Henriettens
fiel, die neben ihrem Arbeitstisch in ngstlicher Spannung aufgestanden
war.

Ah, mein liebes Frulein, wie reizend und geschmackvoll Sie arbeiten!
Die Blumen knnten wahrhaftig eben so gut in Paris gemacht sein -- der
Kranz ist prachtvoll!

Sie sind zu gtig, Herr -- Graf, flsterte Henriette beschmt und tief
errthend -- ich habe sehr rasch daran arbeiten mssen.

Wirklich vortrefflich, fuhr Rottack fort, den Schmuck aufnehmend und
gegen das Licht haltend.

Nicht wahr, Jettchen arbeitet hbsch? sagte Frulein Bassini, die
ebenfalls zum Tisch getreten war und sich in dem Lobe der Nichte mit
geschmeichelt fhlte -- ja, das macht ihr Keine hier nach -- und so
rasch, Sie glauben es gar nicht!

Drfte ich da Ihre Zeit wohl auch einmal in Anspruch nehmen, mein
liebes Frulein, sagte der junge Mann, und Sie um einen Kranz von
diesen Veilchen und solchen Maiblumen bitten? Ich wei, da ich groe
Freude damit anrichten wrde.

Ja, Herr Graf, sagte in dem Augenblick Pfeffer, der mit einer noch
nie entwickelten Schnelligkeit seinen drben mitten in's Zimmer
geschleuderten Schlafrock abgeworfen und den langen braunen Rock
angezogen hatte -- aber nur jetzt nicht; das Mdel hat sich schon halb
caput zu dem verdammten Ball gearbeitet...

Ich werde Sie nicht drngen, lchelte Rottack, und wenn ich den Kranz
erst in vier oder sechs Wochen bekomme.

Sie sollen ihn noch frher haben, lchelte Henriette freundlich; nur
die nchsten Tage bin ich so sehr beschftigt.

Und was war es nun, Herr Graf, was Sie uns zu sagen wnschten? platzte
Frulein Bassini heraus, die ihre Ungeduld, das erwartete Geheimni zu
hren, nicht lnger bezhmen konnte.

Sie haben Recht, mein Frulein, sagte Rottack ernst. Herr Pfeffer,
ich habe Ihrer Frau Schwester eine wichtige Mittheilung zu machen, was
eigentlich unter vier Augen geschehen sollte; da aber die arme Dame
leidend ist, so erbitte ich mir Frulein Henriettens -- nicht wahr, das
war der Name der jungen Dame? -- Frulein Henriettens Gegenwart dazu
aus, da sie ja selber mit interessirt dabei ist.

Sehr wohl, Herr Graf, sagte Pfeffer, der die Andeutung nicht
miverstehen konnte -- na, komm so lange mit zu mir hinber, Lise.

Aber wir gehren doch eigentlich mit zur Familie! rief Frulein
Bassini, von dem Gedanken emprt, da sie schon wieder nichts erfahren
sollte.

Na, komm nur, Alte, lachte Pfeffer, das hilft Dir nichts, ich lasse
Dich drben nicht einmal horchen -- aber noch Eins, Herr Graf -- bitte,
machen Sie's kurz und regen Sie mir die Guste nicht zu sehr auf; sie
zittert jetzt schon am ganzen Leibe!

Ich habe ihr nichts Trauriges mitzutheilen, mein lieber Herr, sagte
Rottack freundlich -- seien Sie versichert, da Alles, was ich zu sagen
habe, auf die schonendste Weise gesagt werden wird.

=Bon,= sagte Pfeffer, und Frulein Bassini -- die doch nicht mit
Gewalt da bleiben konnte, obgleich sie einmal nicht bel Lust dazu zu
haben schien -- bei der Hand nehmend, verlie er mit ihr das Zimmer.

Jettchen! rief die Frau.

Meine liebe, liebe Mutter! rief Henriette, flog an ihre Seite und
kniete vor ihr am Sopha nieder.

Beruhigen Sie sich, verehrte Frau, sagte Rottack herzlich, ich habe
Ihnen eine recht gute Mittheilung zu machen. So erfahren Sie denn vor
allen Dingen, da ich Ihre Familienverhltnisse genau kenne und sogar
persnlich befreundet mit ihrem geschiedenen Manne bin...

Und er lebt? sagte die Frau zitternd.

Er lebt, nickte Rottack freundlich, und hat nicht allein seine
frhere bereilte Handlung tief und aufrichtig bereut, sondern auch
Alles gethan, was in seinen Krften steht, um sie, so weit es irgend
mglich ist, wieder gut zu machen.

Und so lange Jahre habe ich nichts von ihm gehrt -- hat er nicht ein
einziges Mal nach seinem Kind gefragt?

Meine liebe, gute Mutter, rege Dich nur nicht auf!

Aber wo ist er? fragte die Frau -- wird er nie wieder nach
Deutschland zurckkommen?

Wrden Sie ihm verzeihen, wenn er wiederkehrte?

Was kann ich ihm verzeihen, sagte die Frau traurig -- wir waren Beide
damals jung und unerfahren, trugen Beide wohl vielleicht gleichviel
Schuld -- ich -- hatte mir nur nie gedacht, da er mich so ganz
vergessen knnte.

Und wenn ich Ihnen sage, da er Sie nicht vergessen, da er da drben
im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher
Mann, da es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, da er sich aber
keine Mhe verdrieen lie, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte
und nicht allein durch eisernen Flei, sondern auch glckliche
Speculation und Umsicht ein Vermgen erwarb, mit dem er anstndig hier
in Deutschland leben knnte?...

Und in seinem Glck hat er unserer gedacht? sagte die Frau leise und
faltete wie unwillkrlich die Hnde.

Mehr als das, fuhr Rottack herzlich fort; es lie ihm drben in
Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie
vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhngiger Mann wute,
verlie er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurck.

Er ist hier? rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches
Antlitz mit den Hnden.

Er ist hier, sagte Rottack leise, hier in der Stadt, und hat mich,
der ihn drben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie
zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen -- ob er sein Kind wiedersehen
darf.

Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese
antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die groen, hellen
Thrnen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schlfen
nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.

Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter? bat das
Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang -- hast Das nicht manche
lange Nacht in Thrnen zugebracht, da er fort war, und mir oft gesagt,
wie er sich freuen wrde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen
knnte? -- Und dann wird es Dir auch besser gehen, flsterte sie ihr
leise zu, Du wirst gesund und krftig werden und brauchst keine Sorge
mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher...

Die Frau nahm die Hnde von den Augen, ffnete ihre Arme, umschlo ihr
Kind damit und prete die Lippen auf ihre heie Stirn.

Ja, mein Kind, sagte sie dabei leise, er darf wiederkommen -- wir
haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine
mehr, der Andere weniger -- aber wir haben uns doch einmal geliebt, und
es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.

Meine liebe, gute, gute Mutter!

Aber nicht heute, fuhr die Mutter fort, nicht heute -- die Nachricht
hat mich doch zu sehr angegriffen -- ich wrde es vielleicht nicht
ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so
elend fnde -- heute nicht, aber morgen frh. Es ist besser so fr uns
Beide -- wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten
-- nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?

Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau, sagte Rottack, der mit
inniger Rhrung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte,
aber Zartgefhl genug besa, um kein Wort da hinein zu reden. Sie
drfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch
versichert, da Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias
ist ein braver, tchtiger Mann geworden, lter zwar und ziemlich
wohlbeleibt -- wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung
tragen--, aber durchaus brav und ehrlich, und er knnte glcklich sein,
wenn ihn die Reue ber das Vergangene nicht bis jetzt htte zu keinem
Frieden kommen lassen.

Henriette hatte, whrend er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige
Dankbarkeit ber die guten Worte glnzte dabei in ihren Zgen.

Und wie sollen wir Ihnen je dafr danken, da Sie sich fremder, armer
Leute mit solcher Liebe und Gte annehmen? sagte sie herzlich.

Mir, mein liebes Frulein, haben Sie gar nicht zu danken, lchelte
Rottack; es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich
um lauter Sachen zu bekmmern, die mich gar nichts angehen, und um so
mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen
Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne
freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog.
Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gru von Ihnen bringen?

Oh, einen recht herzlichen! rief Henriette.

Er mag kommen, nickte die Frau, morgen frh um zehn Uhr -- nicht
frher -- ich will ihn dann erwarten. Gren Sie ihn auch von mir,
lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die _junge_ Frau, die er
verlassen hat, wiedergefunden haben -- er soll nicht erschrecken -- ich
bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.

Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mtterchen.

Wir wollen's hoffen, Kind, sagte die Frau leise.

Und jetzt berlasse ich Sie sich selber, rief Rottack, und wenn Sie
mir erlauben, komme ich spter noch einmal mit Freund Jeremias her,
um zu sehen, wie es Ihnen geht, und -- um mich nach dem Kranze zu
erkundigen, mein liebes Frulein.

Und den Vater?

Schicke ich Ihnen morgen frh um zehn Uhr mit dem Glockenschlage.

Und damit hatte er seinen Hut aufgegriffen und das Zimmer schon
verlassen, ehe die Frau noch einmal recht wute, da er gegangen war.

Kaum trat er aber unten aus dem Hause auf die Strae, so sah er auch,
wie Jeremias am Fenster drin in die Hhe fuhr, und er schritt jetzt,
um nicht von oben aus noch vielleicht beobachtet zu werden, rasch die
Strae hinab, wo ihn der ihn Erwartende schon leicht einholen konnte.

Dieser kam aber noch nicht so rasch aus dem Haus hinaus. Wie er den
jungen Grafen nur aus der Thr kommen sah, von welcher er die ganze
Zeit kein Auge verwandt, sprang er in die Hhe, griff seinen Hut auf und
wollte, alles Andere vergessend, aus der Thr hinausfahren.

Holla, rief da der Kellner, ihm rasch in den Weg springend, erst
bezahlen und dann fortlaufen!

Ja so, sagte Jeremias ganz bestrzt, das htte ich beinahe
vergessen.

Ja wohl, kennen wir schon, lchelte der unverschmte Bursche
-- merkwrdig, was die Leute jetzt beim Jahrmarkt fr ein kurzes
Gedchtni -- na, aber, brach er kurz und erstaunt ab, als ihm
Jeremias, ohne sich weiter mit ihm aufzuhalten, ein Zehngroschenstck in
die Hand drckte, ihn bei Seite schob und aus der Thr scho -- er wird
doch nicht... -- und mitrauisch sah er sich berall an der Stelle, wo
der Fremde gesessen hatte, nach den verschiedenen Gegenstnden um, ob
er nicht vielleicht in der Eile etwas mitgenommen hatte -- aber es
war noch Alles in Ordnung: das Feuerzeug stand, die Zeitung lag auf dem
Tisch, ein Stuhl fehlte auch nicht, Rcke und Hte hingen dort nicht am
Fenster. Der Kellner schttelte mit dem Kopf, war aber doch vorsichtig
genug, das Zehngroschenstck, welches sich ebenfalls als cht erwies, zu
wechseln und nur den wirklich verzehrten Betrag des sonderbaren Fremden
an der Kasse abzuliefern.

Jeremias hatte sich inde kaum losgemacht, als er schon wie ein Wetter
hinter dem davoneilenden Rottack herscho.

Waren Sie oben?

Allerdings -- kommen Sie erst mit um diese Ecke, Jeremias, da wir
vom Hause aus nicht mehr gesehen werden knnen -- so, jetzt drfen wir
langsam gehen. Ich war oben, Freund, und habe Ihre Frau -- und Tochter
gesprochen.

Meine Tochter! seufzte der kleine Mann aus tiefster Brust -- wie --
wie merkwrdig das klingt -- meine Tochter -- und darf ich hinauf?

Ja -- aber nicht heute.

Gott sei Dank! sthnte Jeremias, dem damit ein ordentlicher Stein
von der Brust fiel -- heute htte ich's auch nicht ausgehalten, die
Aufregung war zu gro. Aber wie sah sie aus, lieber, bester Herr Graf?

Recht leidend, Jeremias, recht krank und elend, wozu auch vielleicht
die Erregung des Augenblicks mit beigetragen hat. Aber sie freute sich
darauf, Sie wiederzusehen.

Sie freute sich?

Ja, und Ihre Tochter ist ein liebes, herziges Kind, das heit, kein
Kind mehr, sondern ein groes, erwachsenes, hbsches Mdchen.

Ein hbsches, sagte Jeremias kleinlaut.

Ja, gewi, lchelte Rottack, und auerordentlich geschickt im
Blumenmachen, womit sie sich ernhrt zu haben scheint. In ihrem Zimmer
sah es dabei so nett und sauber aus, wie in einem Puppenstbchen,
rmlich zwar, aber deshalb nicht minder freundlich.

Und morgen?

Punkt zehn Uhr morgen frh sind Sie oben -- ich habe ihnen das
versprochen, denn ich kann bei der Sache nun nichts weiter thun, und um
zwei oder drei Uhr kommen Sie dann bei mir vor und sagen mir Antwort,
wie Alles abgelaufen.

Ach, Du lieber Gott, seufzte Jeremias, wenn es doch erst zwei
oder drei Uhr wre, und -- was ich noch gleich fragen wollte, die
orangefarbene Schwgerin war auch da?

Ja, aber ich schickte sie aus dem Zimmer.

Und was sagte Pfeffer?

Herr Pfeffer scheint ein komischer Kauz zu sein, aber ich glaube, da
Sie sich mit ihm vertragen werden -- und nun Ade, Jeremias, ich habe
selber zu Hause zu thun und schon zu viel Zeit hier versumt.

Lieber Herr Graf, wenn Sie einmal in hnliche Verlegenheit...

Ich hoffe nicht, Jeremias, lachte der Graf Rottack laut auf, wenn
aber, so sollen Sie mein Vermittler sein, das verspreche ich Ihnen, und
dem kleinen Mann die Hand zum Abschied reichend, schritt er rasch die
Strae hinab.

Jeremias folgte der andern Richtung, um in das Hotel zurckzukehren, wo
er augenblicklich wohnte, als ihm pltzlich Jemand in die Ohren schrie:

Nun, haben Sie die Dame gefunden?

Hurrjeh, sagte der kleine Mann zusammenfahrend, haben Sie mich
erschreckt -- ja so, Sie sind der Herr von heute Morgen mit dem
Ballanzuge.

Ja, schrie der Mann wieder -- haben Sie die Dame getroffen?

Allerdings, mein lieber Herr, sagte Jeremias schchtern, denn die
Leute blieben schon stehen, weil sie glaubten, da sich dort ein paar
zankten, aber ich mu Ihnen bemerken, da ich gar nicht taub bin; ich
hre vortrefflich, Sie brauchen deshalb nicht so laut zu reden.

Thu' ich auch nicht Ihretwegen, schrie der Mann wieder, sondern
meinetwegen!

Ihretwegen?

Nein, meinetwegen! brllte der entsetzliche Mensch jetzt ordentlich --
ich bin der Souffleur beim hiesigen Theater!

Na, das nehmen Sie mir aber nicht bel, sagte Jeremias -- wenn Sie da
auch so schreien...

Das ist ja eben der Teufel, rief der Mann wieder -- wenn man den
ganzen Tag Probe und Abends Auffhrung hat und nun in einem fort
flstern und zischeln mu, dann thut's Einem nachher um so wohler, wenn
man einmal ordentlich schreien darf! Ich kriegte eine Gemthskrankheit,
wenn ich mich ber Tag nicht manchmal ausschreien knnte!

So, sagte Jeremias, also deshalb?

Wo gehen Sie denn hin? -- knnen vielleicht ein Glas Bier zusammen
trinken.

Danke Ihnen sehr! rief Jeremias, von der Idee erschreckt, seinen
Nachmittag mit dem Schreier zuzubringen -- ich bin augenblicklich
gerade beschftigt.

So? schrie der Mann wieder -- na, dann -- leben Sie recht wohl! und
mit den Worten nickte er ihm zu und trat in das nchste Eckhaus, das auf
einem Schilde drauen Baierisch Bier versprach.




11.

Am alten Wartthurm.


An dem Nachmittag war es recht still im Monford'schen Park. Graf und
Grfin hatten eine Einladung in die Stadt angenommen, der sich Paula
durch vorgeschtzte Kopfschmerzen entzog, und Georg ritt schon gleich
nach dem Diner auf ein benachbartes Gut -- angeblich um ein dort
neugekauftes Pferd zu sehen, in Wirklichkeit aber, um die Mitwirkung
des ihm befreundeten Gutsherrn zu der theatralischen Vorstellung am
Verlobungsabend zu erbitten.

Die Verlobung war nmlich fest bestimmt worden. Paula hatte allerdings
noch, selbst an dem Morgen, einen Versuch gemacht, die Eltern wenigstens
um Aufschub eines so entscheidenden Schrittes zu bitten, aber umsonst.
Die Mutter -- heute finsterer und unnahbarer als je -- hatte sie kurz
abgewiesen, und der Vater sie einfach gefragt, welchen Grund sie
fr einen solchen Aufschub angeben knne, und sie dann nicht gewagt,
Handor's Namen zu nennen. Wute sie doch auch nur zu gut, mit welcher
Entrstung, mit welchem Zorn nur die Andeutung eines solchen Eidams von
den stolzen Eltern zurckgewiesen worden wre. Lieen ja doch Beide die
Ansprche des Herzens nicht gelten, wo die Ehre ihrer Familie, wie sie
meinten, auf dem Spiele stand.

Nicht einmal ein Brgerlicher htte wagen drfen, um die Hand der
reichsten Grafentochter des Landes zu werben, viel weniger denn ein
Schauspieler, die der Graf selber -- so wenig er sich sonst auch
dem Fortschritt der Zeit verschlossen zeigte -- noch immer als eine
untergeordnete Menschenklasse betrachtete, so da es sogar damals
Schwierigkeiten gehabt hatte, seine Erlaubni zu erhalten,
wirkliche Schauspieler zu den Proben ihres kleinen Liebhabertheaters
heranzuziehen. An den betreffenden Abenden durften sie aber nie
eingeladen werden.

Paula war recht unglcklich und erwartete unter Zittern und Bangen
den Abend; wute sie doch schon im Voraus, in welcher Verzweiflung ihr
Rudolph sein wrde -- und was konnte sie ihm sagen, wie ihn trsten.

Drauen im Park schaffte und arbeitete der alte Grtner Jonas, der als
Knabe, ja, fast als Kind in den Dienst des Vaters der Grfin gekommen
und dann spter mit ihr hierher bergesiedelt war. Er galt als eine Art
von altem Inventar im Hause, und so stolz die Grfin selber auch nur
die geringste Unterhaltung mit ihren Dienstboten vermied, mit dem alten
Jonas plauderte sie oft, wenn sie in den Park kam und ihn bei seiner
Arbeit traf, fragte ihn, wie es ihm ginge und was er treibe, und gab ihm
auch wohl manchmal ein Stck Geld, um sich eine Extragte daran zu thun.
Der alte Mann hing deshalb auch mit groer Liebe und Verehrung an ihr.

Jonas war heute beschftigt, die aufgeblhten Blumentrauben von den
verschiedenen Bschen und Rosenstruchen abzuschneiden und die Wege
unmittelbar um das Schlo herum wieder auszurechen, denn die Aufsicht
im Park selber hatte sein Untergebener, ein Grtnerbursche. Wie er noch
daran war, kam der Frster Mder, die Flinte auf dem Rcken, die kurze
Pfeife im Mund, mitten durch die Bsche heraufgestiegen und sah sich
hier, ehe er den Alten bemerkte, berall in den Wegen selber aufmerksam
um. Aber da war schon jede, sonst vielleicht mgliche Spur durch den
Rechen des alten Mannes verwischt und ausgeglichen worden, und der
Frster zerbi einen Fluch ber seiner Pfeifenspitze. Eben wollte er
sich auch wenden und den Weg hinuntergehen, als er den Alten entdeckte,
der mit seiner kurzen Leiter oben in einem Busche emsig beschftigt war.

Heh, Jonas, redete er diesen an, Ihr kriecht doch manchmal noch nach
Dunkelwerden im Park herum, habt Ihr denn nie etwas bemerkt, da sich
hier noch Gesindel nach der Zeit in den Bschen aufhielt?

Guten Abend, Herr Frster! nickte ihm der Alte zu; ja, ein recht
schner Abend heute.

Tauber Esel! brummte der Frster ergrimmt in den Bart, denn er schien
eben nicht besonders guter Laune, und wiederholte dann die Frage mit
lauter, fast schreiender Stimme, wobei er dicht unter die Leiter trat.

Der Alte schttelte mit dem Kopf. Nein, mein guter Herr Frster, sagte
er ruhig, Gesindel darf hier schon gar nicht in den Park hinein, die
wollten wir bald wieder hinaus haben. Der Einzige, der manchmal noch
Abends, wenn ich hier durch ging, herumkroch, war der alte Fritz,
welcher nach seinen Fallen sah.

Ja, das ist gerade der Rechte.

Ja, der hatte das Recht dazu, nickte der alte Grtner, und weiter
wei ich Niemand. Dem hat es aber der Herr Graf auch heute verboten, wie
er mir mitgetheilt, ehe er fortfuhr. Er soll nach Sonnenuntergang nicht
mehr auf herrschaftliche Grundstcke, was den Maulwrfen wahrscheinlich
sehr angenehm sein wird; wie es nachher aber den Wiesen ergeht, ist eine
andere Sache.

Das ist aber gerade der Lump, der mir meine Fasanen wegfngt! rief der
Frster.

Der alte Mann schttelte mit dem Kopf.

Nein, sagte er, die Fasanen thun den Wiesen nichts; im Gegentheil
fangen sie die Grashpfer weg und sind auch sonst artige Thiere.

Herr Gott von Danzig, fluchte der Forstmann still vor sich hin, ob
das nicht gerade genug ist, um den Verstand zu verlieren! -- Und um
sich nur nicht lnger zu rgern, fuhr er wieder zurck in das Gebsch
und schritt an dem Bergabhang hin der Wiese zu.

Der Frster hatte in der That heute einen ganz ingrimmigen Zorn, und
auch vielleicht mit Recht, denn er konnte es sich nicht verhehlen, da
auf seinem Revier gewildert wurde, und war doch auch nicht im Stande,
den Frevler zu erwischen, so viel Mhe er sich deshalb schon gegeben.

Er wohnte freilich auch dazu entsetzlich unbequem, denn die eigentliche
Jagd des Grafen, ein groes, sehr bedeutendes Waldgehege, stie nicht
einmal an die Stadt, sondern begann erst an dem nchsten Dorf, dessen
Gemarkung allerdings an die Stadtflur grenzte. Dort befand sich ein sehr
bedeutender Rehstand und ein Thiergarten mit Roth- und Damwild. Nur
eine kleine Fasanerie war unmittelbar am Schlo in einem Kieferndickicht
angelegt, und die Fasanen machten dem Frster mehr Mhe und Arbeit,
als sein ganzer briger Wildstand zusammen; denn der Fasan ist ein
zutraulich dummer Vogel, der leicht dem vierbeinigen wie zweibeinigen
Raubzeug zum Opfer fllt.

Heute aber hatte er wieder einmal ganz unleugbare Beweise gefunden, da
ihm irgend Jemand mute einen Besuch bei den Fasanen abgestattet haben;
denn nicht allein da er schon seit einiger Zeit bedenklich viel
Federn in dem kleinen Dickicht gefunden, wo sie hauptschlich Abends
aufbumten, nein, heute traf er sogar einen augenscheinlich kranken
Isabellenhahn, der nicht mehr fort konnte und den ihm sein Hund
apportirte, und als er ihn untersuchte, hatte er eine groe Fischangel
im Krper sitzen, an der noch ein abgerissenes Stck Bindfaden befestigt
war.

Wenn er sich nun auch vergebens den Kopf zerbrach, wie um Gottes willen
Jemand Fasanen mit der Angelruthe fangen knnte, so blieb es doch keinem
Zweifel unterworfen, da irgend ein nichtsnutziger Geselle hier die Hand
im Spiel habe. -- Und nun gerade einen Isabellenhahn, von denen der Graf
nur drei Stck um theures Geld gekauft und die ihm selber auf die Seele
gebunden waren, weil die Frau Grfin sie so gern hatte! Aber was, um's
Himmels willen, lie sich bei der Sache thun?

Er suchte allerdings das ganze Gehlz auf das Sorgfltigste ab, ob er
nicht irgend etwas finden knne, was ihm einen Anhalt geben mochte --
denn da der nichtswrdige Maulwurfsfnger dazwischen stecke, glaubte er
sicher--, aber umsonst. War der es gewesen, so fing er die Sache auch
berhaupt viel zu schlau an, um sich so leicht zu verrathen, und es
blieb ihm nichts Anderes brig, als von jetzt an seine Wachsamkeit zu
verdoppeln und doch vielleicht einmal den Frevler auf frischer That zu
ertappen. -- Aber nachher freu' Dich! dachte er bei sich und ballte
dazu in Gedanken die Faust nach der Wiese zu, auf welcher der Mann
gewhnlich wirthschaftete und wo er ihn auch noch vor kaum einer Stunde
gesehen hatte.

Den Weg herber vom Schlosse kam Paula, langsam und das liebe, sonst
so frhliche Antlitz in recht ernste, schmerzliche Falten gelegt. Sie
betrat die kleine Terrasse, ohne den alten Grtner, der noch immer da
oben in seinem Busche steckte, nur zu sehen, und schritt auf die niedere
Mauer zu, als dessen freundliches: Gott gre Sie, gndige Comtesse!
sie ordentlich zusammenfahren machte.

Ach, Jonas, wie habt Ihr mich erschreckt! sagte sie lchelnd. Was
macht Ihr denn da oben?

Ja, ich bin gleich fertig, gndige Comtesse, sagte der Alte,
freundlich sein Mtzchen dabei rckend; das Uebrige mag bis morgen
bleiben, denn ich mu auch noch die Blumenstcke am Schlosse nachsehen
und die abgeblhten fortnehmen.

Dabei stieg er von seiner Leiter herunter und hob sich diese auf die
Schulter, um nach vorn zu gehen; aber er blieb doch noch einmal neben
der jungen Dame stehen, fr die er all' die Zrtlichkeit empfand, welche
nur ein alter Diener eines Hauses fr ein Kind empfinden kann, das unter
seinen Augen aufgewachsen ist.

Und wie geht es sonst, Jonas? fragte Paula freundlich.

Ach ja, zu thun giebt's immer, gndige Comtesse, nickte ihr der alte
Mann lchelnd zu; in einem so groen Garten reit's nicht ab das ganze
Jahr lang Winter und Sommer.

Aber ich dchte, mit dem Gehr ging es recht schlecht, Jonas, sagte
Paula, indem sie sich dicht zu seinem Ohr bog und sehr laut sprach.

Ach nein, gndige Comtesse, lchelte der alte Mann, mit dem Kopf
schttelnd; ich habe mich vorher mit dem Frster eine ganze Weile
unterhalten und jedes Wort verstanden; es macht sich doch noch immer.
Freilich, so gut ist's nicht mehr, wie frher. Aber mit Ihnen geht's
desto besser. Lieber Gott, wenn ich dran denke, wie Sie hier an der
nmlichen Stelle manchmal um mich her im Sand herumkrochen und mit dem
groen Neufundlnder Hund spielten, den der gndige Herr Graf damals
hatte -- armer Tyras, dort drben unter dem Goldregenbusch haben wir
ihn begraben! Ja, wie die Zeit vergeht, und jetzt sind Sie so gro und
hbsch herangewachsen und eine vornehme Dame geworden; aber ich sehe
Sie immer noch, was Sie fr ein liebes, herziges Kindchen waren, mit den
langen, blonden Locken, und manches gesegnete Mal hab' ich Sie auf
den Armen gehabt und bin dann hier mit Ihnen um den alten Thurm
herumgaloppirt.

Mein alter, guter Jonas! sagte Paula gerhrt; ja, ich wei mich
selber noch recht gut auf Tyras zu besinnen.

Na, lachte der alte Mann, die gndige Frau Mama hatte es freilich
manchmal nicht gern, wenn wir zu sehr mitsammen tollten, aber dann hat
sie doch auch wieder darber gelacht.

Paula sah wohl, da mit dem alten Mann kein Gesprch mehr zu fhren
war, mochte ihm aber auch nicht weh thun, nickte ihm freundlich zu und
schritt dann zu der Mauer, an der sie stehen blieb und sinnend nach der
Stadt hinuntersah. Nur manchmal drehte sie sich nach dem Alten um, der
noch immer mit seinem Handwerksgerth herumwirthschaftete, bis er die
Leiter endlich wieder schulterte und mit einem: Na, Gott beht' Sie,
gndige Comtesse! den Kiesweg hinabschritt.

Kaum war er fort, als sie wieder ein kleines Zettelchen aus ihrer Tasche
nahm, dasselbe zusammenfaltete, sich vorsichtig noch einmal berall
umschaute, und es dann an dieselbe Stelle schob, von der sie heute
Morgen das rosafarbene Papier genommen. Dann schritt sie langsam wieder
und recht schwer aufseufzend in das Haus zurck.

Der Nachmittag verging so, der Abend dmmerte und um das Haus im Park
begannen die Vgel sich zu ihrer Nachtruhe vorzubereiten. Die Amsel,
welche den ganzen Tag geschwiegen und mit eisernem Fleie Futter
fr sich und die junge Brut zusammengesucht, begann ihr reizendes,
melodisches Lied, das sie noch, wie ein Nachtgebet, schmetternd von
der hchsten Spitze eines Blthenbusches hinausjubelte. Hier und da
zwitscherte ein Rothkehlchen, um die Gefhrtin herbeizurufen und mit ihr
gemeinsam den geschtzten Platz in irgend einem Gestruch aufzusuchen,
wo sie Nachts nicht von einer gefrigen und lichtscheuen Eule gefunden
werden konnten. Jetzt flatterte ein groer, schwerer Vogel, es war ein
Fasanenhahn, der sich in einen der jungen Bume hinaufschwang und
dann mit thrichtem Spectakel, Schreien und Glucksen der Nachbarschaft
verkndete, da er glcklich oben angekommen wre, und wo er die Nacht
schlafen wrde. Er hrte auch nicht eher mit Lrmmachen auf, bis er sich
ordentlich zurecht gerckt und seine Federn gehrig aufgeblustert hatte.

Dann kam ein anderer und noch ein anderer, wie es dunkler wurde, und die
Fledermuse fingen schon an, ihre Zickzacklinien zu ziehen, whrend noch
hoch in der Luft, und in dem dmmernden Abend selbst unsichtbar,
ein Volk Krhen mit lautem Gekreisch nach ihrem Ruheplatz, zu dem
fichtenbesetzten Bergabhange hinberstrich.

Dann wurde es still, ganz still. Nur die Grillen zirpten noch in den
Bumen und unten vom Schloteiche herauf tnte das monotone, schlfrige
Quaken der Frsche. Drben am stlichen Himmel aber hob sich voll und
majesttisch die rothglhende Mondscheibe herauf, und whrend sich unten
im Thal der Nebel sammelte, go sie hier oben, als sie hher stieg, voll
und klar ihr mildes Licht ber die Hhen.

Aber anderes Leben regte sich.

Den Kiesweg herauf, der durch den Park fhrt, trabte ein Reiter. Es
war der junge Graf George, welcher von seinem Besuch zurckkehrte, sein
Pferd dem herzuspringenden Stallknecht bergab und dann hinauf in sein
Zimmer ging.

Zu gleicher Zeit belebte sich auch der Platz am alten Thurm. Zuerst
schttelte sich in geheimnivoller Weise einer der Wipfel junger Bume,
die dicht an der Mauer standen; dann wurde ber dieser ein vorsichtig
gehobener Kopf sichtbar, der aber viele Minuten lang aufmerksam in
seiner Stellung verharrte und in dem Schatten der dichten Wipfel auch
kaum, selbst von der Terrasse aus, htte erkannt werden knnen. Erst
als Alles ruhig blieb, regte sich die Gestalt auf's Neue, und der
Maulwurfsfnger -- dem der Graf so ernstlich den Besuch des Grundstcks
nach Dunkelwerden verboten hatte -- kroch vorsichtig ber die niedere
Mauer und sprang auf den Rasenrand nieder, der die Bsche umschlo,
damit in dem aufgerechten Kiesweg seine Fustapfen nicht sichtbar
wurden.

Irgend etwas Nichtsnutziges hatte der alte Bursche im Werk, das war
sicher, er htte sonst nicht so scheu den dunkelsten Schatten der Bume
gesucht und jede nur mgliche Vorsicht gebraucht, um nicht entdeckt zu
werden. So dster der kleine, baumumschlossene Platz hier auch lag, er
hielt sich nicht lange dort auf, horchte noch einmal, ob Alles sicher
war, und tauchte dann in das dichte Strauchwerk einer kleinen Tujagruppe
ein, das sich wie eine Mauer wieder hinter ihm schlo.

Und es war die hchste Zeit gewesen, da er sich entfernt hatte, denn
kaum konnte er den Platz fnf Minuten verlassen haben, als auf dem
kleinen Pfad, der hier vom Park herauffhrte, ein anderer scheuer Besuch
heranschlich, der eben so vorsichtig, wie der ihm vorausgegangene, nach
allen Seiten horchte und dann langsam den kleinen Hgel erstieg, auf
welchem der alte Thurm lag.

Der jetzige Besuch trug einen dunkeln Mantel und eine ebensolche Mtze,
und blieb, als er den obern Raum erreichte, vorsichtig stehen und
horchte wieder; aber nichts regte sich, todtenstill lag der Platz, und
nur rechts im Dickicht -- er drehte erschreckt den Kopf danach um
-- flatterte ein kleiner Vogel und strich, aufgeschreckt von seinem
Ruheplatze, ngstlich zwitschernd ber die Hgelgruppe und in das
nchste Dickicht hinein.

Handor -- denn niemand Anders war der spte und heimliche Besuch --
dachte aber nicht daran, da irgend eine Ursache das kleine Thier
erschreckt haben mute, und da das mglicher Weise ein Mensch sein
knne, dem er hier gerade nicht gern begegnet wre. Er fhlte sich
vollkommen beruhigt, als er sah, da die Ursache des Gerusches nur ein
kleiner, unschuldiger Vogel gewesen. Am Wartthurm war Niemand, und als
er sich berzeugt hatte, glitt er zu der nmlichen Stelle der Mauer, wo
Paula an jenem Nachmittag erst das kleine Zettelchen verborgen hatte.
Das fand er auch und ffnete es, aber es war nicht mglich, bei
dem ungewissen Schein des Mondes die noch dazu auf dunkles Papier
geschriebenen feinen Schriftzge zu lesen; er schob den Zettel deshalb
in die Tasche, hllte sich wieder in seinen Mantel und trat dann, um
seine Zeit abzuwarten, halb in das nmliche Tujagebsch hinein, in
welchem vorher der Maulwurfsfnger verschwunden war. Aber doch nicht
so weit, da er den freien Platz hier oben nicht vollstndig htte
bersehen knnen, whrend er beim Nahen irgend einer Gefahr im Stande
war, in dem Dickicht zu verschwinden.

So mochte er etwa eine Viertelstunde regungslos, und dem geringsten
Gerusch horchend, gestanden haben, als er pltzlich einen groen Vogel
weiter drin im Dickicht und etwas mehr den Hang hinunter flattern und
mit den Flgeln schlagen hrte. Er horchte hoch auf; das dauerte aber
kaum zehn oder zwlf Secunden, dann war wieder Alles todtenstill.

Was nur mit den verdammten Vgeln heut Abend ist! flsterte Handor
leise und rgerlich vor sich hin; _mich_ knnen sie doch wahrhaftig
nicht gehrt haben.

Aber ihm blieb auch keine lange Zeit, darauf zu achten, denn im
Knirschen des Kieses hrte er einen leichten Schritt und erkannte gleich
darauf eine dunkle Gestalt, die rasch und scheu den Weg heraufkam. Jetzt
fiel das Mondlicht auf sie -- es war Paula, und im nchsten Augenblick
hielt er die Geliebte in den Armen.

Mit sen Schmeichelworten wollte er sie begren; aber Paula hatte in
diesem Moment nur Thrnen, denn Angst und Aufregung, die ihre Nerven zum
Aeuersten gespannt, bertubten bei diesem ersten Begegnen jedes andere
Gefhl.

Mein liebes Mdchen, flsterte Handor, beruhige Dich doch, ich bin
ja bei Dir, ich halte Dich ja wieder einmal in den Armen! -- Was ist Dir
denn nur, Deine ganze Gestalt zittert ja wie Espenlaub.

Die Angst, entdeckt zu werden, Rudolph, bat das arme Mdchen; oh,
zrne mir nicht, aber nur mit schwerem Herzen wagte ich den Schritt
-- nur gezwungen von der Gewalt der Eltern, die mich ihren
Standesvorurtheilen opfern wollen.

So ist das Furchtbare wahr?

Leider ja -- morgen in acht Tagen soll ich dem jungen Grafen Bolten
verlobt werden; ich habe gebeten und gefleht -- umsonst, Vater und
Mutter haben kein Erbarmen gegen ihr Kind, und mit Gewalt soll ich zum
Altar geschleppt werden!

Das drfen sie nicht, Herz, rief Handor, das ist gegen die Gesetze
des Landes, und wenn Du Dich weigerst...

Aber wie darf ich, wie kann ich denn? klagte das arme Mdchen. Bin
ich denn im Stande, ihnen zu sagen, da ich Dich, nur Dich liebe und nie
einem andern Manne meine Hand reichen, ihn mit einem schon vergebenen
Herzen betrgen wrde?

Meine Paula...!

Ich wage es nicht, fuhr die Grafentochter fort; ich kenne meinen
Vater, kenne meine stolze Mutter, die mir schon den Gedanken, die Bitte
nicht vergeben wrden!

So flieh mit mir, Geliebte! drngte Handor. Was hlt Dich hier, wo Du
selber keine Hoffnung hast, einer gehaten und verabscheuten Verbindung
zu entgehen, ja, wo eine Aussicht eines den, trostlosen Lebens vor
Dir liegt? Oh, ich wei, fuhr er traurig fort, da ich Dir das
nicht bieten kann, was in den Armen jenes Grafen Deiner wartet -- kein
stattliches Schlo, keine blendende Equipage, keinen Dienertro; aber
was die Liebe Dir zu bieten vermag, womit die Kunst Dich erfreuen
kann, Paula, das ist Dir gewi, und Deine Eltern -- es mten ja keine
Menschen sein, wenn sie dem eigenen Kind entsagen, die einzig Tochter
auf ewige Zeiten von sich stoen wrden. Dein Vater wird wthen, ja,
er wird uns verfolgen lassen, um Dich mir mit Gewalt zu entreien; aber
frchte nichts: in meinem Schutze bist Du sicher, und hat der erste
Aerger ber einen zerstrten Plan sich ausgetobt, ist der erste Mimuth
vorber, getuschter Hoffnung wegen -- er gerade am wenigsten wird
grausam sein. Denke Dir dann, Herz, fuhr er fort, whrend sie sich
ngstlich und zitternd an ihn schmiegte, denke Dir jene selige Zeit,
wenn ich, mit Deinen Eltern vershnt, Dich ihnen wieder zufhren kann,
wenn wir vereint zu ihren Fen liegen und ihr Segen dann die Bande
heiligt, die uns des Himmels Seligkeit schon auf Erden gegeben haben!

Mein Rudolph, mein Rudolph, oh, wie glcklich, wie namenlos glcklich
wrde mich Dein Besitz machen! rief das junge, leidenschaftliche
Mdchen. Ich kann ja nicht ohne Dich leben -- Gott nur wei es, Tag und
Nacht sind meine Gedanken bei Dir, und wenn ich mir jetzt denke, da ich
von Deiner Seite gerissen, da ich einem Manne berliefert werden soll,
den ich nicht lieben kann, so liegt mein knftiges Leben kalt und dunkel
vor mir wie eine ewige, endlose Winternacht!

Meine Paula! rief Handor und prete sie fest an sich; aber im nchsten
Moment horchte er auch rasch und erschreckt empor. Drinnen im Busch
flatterte wieder ein Vogel, aber jetzt weiter entfernt als vorhin, und
es war ihm fast, als ob er den Schritt eines Menschen auf dem Kiesboden
gehrt htte.

Komm, flsterte er leise und zog die Erschreckte mit sich in das
Dickicht hinein, das Mondlicht ist hier viel zu hell; ein Verrtherauge
knnte wachen.

Ich darf nicht so lange fortbleiben, wenn ich vermit werde...

Komm nur jetzt; mir war, als ob ich etwas hrte. Und er zog die nur
halb Widerstrebende in den Schutz der Tujas, die ihnen Sicherheit und
Deckung boten.

Handor hatte sich brigens dieses Mal nicht geirrt, denn allerdings
kreuzte gerade in diesem Augenblick ein Mann mit einem Gewehr auf dem
Rcken den Kiesweg, der dicht unter dem Hgel wegfhrte. Es war der
Frster, der schon seit Dunkelwerden im Park herumkroch und, nachdem er
all' die entlegenen Stellen desselben vorsichtig abgesucht, um seinem
Fasanendiebe auf die Spur zu kommen, jetzt auch dicht am Schlosse die
Hlzer abspren wollte: denn nirgend anders hatte er etwas Verdchtiges
gefunden, whrend der heutige Abend wie gemacht zu einem derartigen
Wilddiebstahl war.

Ein Fasanendieb konnte nmlich im Dunkeln gar nichts ausrichten, und
selbst bei Mondschein war, wenn er nicht recht hell, wie gerade heut
Abend, schien, die Sache schwierig, da die belaubten Bume noch zu viel
Schatten warfen. Da aber trotzdem ein schlauer Dieb den Versuch, und
zwar nicht erfolglos, gemacht, davon hatte er ja selber die Beweise im
Holze -- eine Anzahl von Federn und den kranken, mit einem Fischhaken
gerissenen Fasanenhahn -- gefunden, und der Gesell, welcher da einmal
glcklich durchgekommen, wrde diesen Abend kaum versumt haben, um sein
Diebeshandwerk fortzusetzen.

Gerade jetzt kreuzte er deshalb, im Schatten der Baumgruppen ber die
Wiese kommend, den Kiesweg. Es war ihm fast, als ob er ein Gerusch
gehrt htte, und er zog sich nun unter dem Wartthurmhgel hin dem
Gebsche zu, wo ebenfalls jede Nacht einige zwanzig Fasanen besonders
in einer kleinen Birkenlichtung aufbumten und dort allerdings einiger
Gefahr ausgesetzt waren.

Aber nichts wurde laut; wohl eine halbe Stunde stand er regungslos auf
seinem Posten. Da pltzlich -- ordentlich erschreckt zuckte er empor --
hrte er das krampfhafte Flattern eines Fasans, das nmliche, was Handor
schon zweimal vorher erschreckt hatte, ohne da dieser freilich wute,
was es bedeute. Der alte Frster kannte den Laut aber viel zu gut, um
auch nur einen Moment darber in Zweifel zu sein.

Fast unwillkrlich fuhr er mit dem Gewehr in die Hhe; aber er wute
auch recht gut, da ihm das fr den Augenblick nichts helfen konnte.
Noch einmal horchte er -- der Vogel flatterte noch -- jetzt wute er
genau die Richtung, und eine kurze Strecke auf dem Rasen hinspringend,
wo sein Schritt geruschlos verhallte, tauchte er gleich darauf in das
die Anlage umgebende und nicht sehr dichte Buschwerk, genau der Richtung
zu, wo die Birken standen.----

Der alte Maulwurfsfnger hatte indessen kaum das Dickicht erreicht, als
er auch den Hang, wo er jeden Fu breit des Terrains kannte, vorsichtig
hinunterschlich und der Stelle zuhielt, an der, wie er recht gut wute,
die Fasanen Nachts aufbumten. Trotzdem trug er keine Waffe, mit der man
htte glauben sollen, da er ihnen gefhrlich werden konnte -- nichts,
als seinen alten Eichenstock. Ueberdies wute er ja auch recht gut, da
er in solcher Nhe vom Schlo keinen Schu wagen durfte, wenn er
sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, unmittelbar darauf von den
Schloleuten umstellt und gefangen zu werden.

Der alte Bursche wute aber besseren Bescheid und war, allem Anschein
nach, nicht zum ersten Mal auf einem solchen Fang.

Mit der grten Umsicht und Ruhe schlich er langsam vorwrts, bis er den
lichteren Platz jenes kleinen Birkenwldchens, etwas drrer Boden mit
Haidegrund, der weiter nichts Anderes hervorbrachte, erreichte, und hier
spionirte er dann so lange herum und suchte die Mondesscheibe hinter die
Bume zu bekommen, bis er den Platz erreichte, wo die Fasanen standen.
Aber auch das half ihm anfangs nichts, denn die ersten, welche er traf,
waren zu hoch aufgebumt, als da er sie htte erreichen knnen. Doch
nicht alle schienen so vorsichtig gewesen zu sein. Nicht lange, so
traf er einen dick aufgeblusterten Hahn, der, den Kopf unter die Flgel
gesteckt, fest auf seinem Aste schlief und nicht einmal sein Nahen
bemerkt haben konnte.

Der alte Maulwurfsfnger strte ihn auch nicht; leise kroch er zehn oder
zwanzig Schritt zurck, bis unter einen dunkeln Busch, und begann hier
seine Vorbereitungen.

Erst schraubte er seine Stockzwinge ab und steckte diese, damit sie ihm
nicht verloren ginge, in die Westentasche; dann zog er die Angelruthe
heraus und befestigte oben an der Spitze derselben einen mchtigen
Angelhaken, wie sie bei den kleinen Fischen des innern Landes nie
gebraucht werden. Diesen Haken band er so an die Ruthe, da die Spitze
mit dem Widerhaken nach unten zeigte, und als er dieselbe fest und
sicher angeschnrt, da sie ihm nicht wieder abri, wie neulich einmal
mit einem feisten, prchtigen Hahn, hob er sich langsam empor und glitt
vllig geruschlos zu dem Stamm des Baumes, auf dem seine Beute stand.

Ein ungebtes Auge wrde aber in dem belaubten Baum kaum im Stande
gewesen sein, den Platz genau zu bestimmen, wo sich das Wild befand; der
alte Bursche wute das besser, und nachdem er nur ein paar Mal mit dem
Kopf unter dem Baume hin und her gefahren, hielt er pltzlich still,
brachte seine Ruthe vorsichtig in die Hhe und lie die Angel langsam
und geruschlos an dem Stamm selber hinaufgleiten.

Der Fasan schlief fest; alle Bewegungen waren auch so vollstndig
geschickt ausgefhrt, da er kaum etwas davon merken konnte, da die
Gestalt des Mannes unter dem Baume mit dem gleichfarbigen Untergrund
zu einer ununterscheidbaren Masse zusammenschmolz. Jetzt aber hatte der
Haken, ohne da der Maulwurfsfnger von unten das Hinderni bemerken
konnte, gegen einen kleinen, trockenen Zweig gestoen, und rasch und
erschreckt richtete sich der Hahn mit einem leise gluckenden Laut empor.

Der Alte unter dem Baum rhrte sich nicht. Wie an den Stamm gewachsen
stand er da; nur seine rechte Hand dirigirte vorsichtig den Haken um das
Hinderni herum. Unten am Stocke hatte er sich dabei vorsichtiger Weise
ein Zeichen gemacht, nach welcher Seite hin die Biegung des Hakens
selber sa; jetzt mute er damit ber dem Hahn sein, und mit einem
pltzlichen Ruck ri er den Stock zurck und den unglcklichen Fasan
damit von seinem sicher geglaubten Stand herunter.

Dieser schlug allerdings aus Leibeskrften mit den Flgeln, aber nicht
lange. Im Nu hatte ihn der Wilddieb gefat und ihm auch eben so rasch
den Hals abgedreht, wonach er ihn in seine jetzt vllig leere Jagdtasche
steckte und sich erst vorsichtiger Weise, ehe er auf neue Beute ausging,
unter den nchsten Busch drckte, um abzuwarten, ob das nun einmal
nicht zu vermeidende Gerusch nicht doch am Ende unberufene Zeugen
herbeigelockt htte.

Aber nichts lie sich hren; der Wald war so still, wie je, und nur hier
und da in den Bumen regten sich die benachbarten Fasanen, die durch den
Todeskampf des Kameraden munter geworden waren und von da und dort ein
leises Glucksen hren lieen.

Jetzt glitt er wieder wie ein Schatten vor. Die schlanke Gestalt des
Mannes kroch gebckt und schleichend ber das durch den Nachtthau feucht
gewordene Laub dahin, bis er unter den rege gewordenen Vgeln eine neue
Beute ersehen hatte.

Was schadete es auch, da sie munter geworden waren! Der Fasan
streicht nach Dunkelwerden nur mit groem Widerwillen von seinem einmal
eingenommenen Stande ab, weil er recht gut wei, wie schwer es ihm wird,
bei Nacht einen andern Platz zu finden, und sobald der Wilddieb nur die
Vorsicht beobachtete, seinen Stock langsam und von dem Stamm wo
mglich gedeckt in die Hhe zu bringen, hatte es mit dem Fange keine
Schwierigkeit.

Auch den zweiten hatte er sich so gesichert, und wie er ihn
herunterbrachte, entdeckte er dicht daneben auf einem ganz niedern Ast
einen dritten.

Trotzdem wartete der Maulwurfsfnger wieder eine ganze Weile im Dickicht
seine Zeit ab, ehe er sich auf's Neue in das lichtere Holz hineinwagte;
wute er doch recht gut, da ihn der alte Frster schon lange in
Verdacht hatte, und da der eben so gut die Zeit kannte, in welcher er
seinem Fang nachzugehen pflegte.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen gehabt, an dem Abend mit zwei
Hhnen zufrieden zu sein; der dritte Hahn sa aber zu verlockend da,
fast auf dem untersten Ast der Birke, er htte ihn beinahe mit der Hand
erreichen knnen; so gnstige Gelegenheit fand er nicht wieder, und wenn
er einen Monat danach gegangen wre. Nach einer guten Weile erhob er
sich deshalb wieder und kroch langsam gegen den Baum vor; der alberne
Vogel hatte den Kopf wieder eingesteckt, und bis dicht unter ihn kam er,
ehe er durch das doch nicht zu vermeidende Gerusch geweckt wurde und
rasch emporfuhr -- aber das half ihm nichts mehr. Der verhngnivolle
Haken sa ihm dicht ber dem Kragen, der Wilddieb zog an, und der
gefangene Fasan strzte von seinem Ast herunter.

So tief aber hatte er gesessen, da der untere Theil des Stockes, als
ihn der Maulwurfsfnger zurckri, gegen den Boden stie und der
Fasan dadurch von dem Haken loskam. Ehe er aber die Flgel ordentlich
gebrauchen konnte, war der Wilddieb schon mit einem Satz auf ihm, fate
ihn am Halse, drehte ihm den Kopf herum und schob ihn dann schnell in
den alten Ranzen zu den brigen. -- Aber erschreckt fuhr er empor -- das
waren rasch springende Schritte im Laub. Noch einmal horchte er. War
es vielleicht ein aufgescheuchtes Stck Damwild, das sich hier in der
Nachbarschaft niedergethan und nun den Platz floh? Nein, die Schritte
gehrten keinem Stck Wild, und seinen Stock aufgreifend, floh der Dieb,
so rasch er konnte, dem schtzenden Dickicht zu.

Halt, Schuft! Canaille -- hab' ich Dich -- steh' oder ich schiee!
schrie eine Stimme, die der Maulwurfsfnger nur zu gut kannte, denn es
war die seines alten Freundes, des Frsters. Wenn dieser aber geglaubt
hatte, ihn damit wirklich zum Stehen zu bringen, so irrte er sich, denn
der alte schlaue Gesell dachte an nichts weniger. Befand er sich doch
auch unmittelbar vor dem Dickicht, das ihm seinen Rckzug vollstndig
decken konnte! Unter dem Schatten der Bume war berhaupt kein sicherer
Schu mglich, und ohne deshalb auch nur einen Moment zu versumen, floh
er auf den nchsten dicken Busch zu und sprang dort gerade hinein, als
der alte Jger sein Gewehr an die Backe ri.

Freilich wute dieser, da er einen Menschen eines solchen Vergehens
halber nicht gleich todtschieen durfte, und zielte deshalb tief, um ihn
in die Beine zu treffen; aber das Korn seiner Flinte konnte er berdies
nicht sehen, ja, die ganze Gestalt des Flchtigen glitt nur wie ein
Schatten ber den dunkeln Boden, und ehe er zum Abdrcken kommen konnte,
war der Verbrecher in dem Busch verschwunden.

Aber darum war er noch nicht entwischt, denn gerade dorthin, wohin er
floh, schlo die nach unten ziemlich hoch abfallende Mauer den Park ein.
Dort hinber konnte er nicht, des Frsters Meinung nach; dann aber
blieb ihm kein anderer Weg, als dicht unter dem kleinen Wartthurmhgel,
unmittelbar am Schlo vorbei, und wenn er dort die Leute alarmirte,
gelang es vielleicht doch noch, ihn zu erwischen.

Mit dem Gedanken feuerte er sein Gewehr in die Luft ab, schrie: Halt
ihn, halt ihn auf! Dieb! Dieb! und lief dann, so rasch ihn seine Fe
trugen, etwas mehr links zurck, wo er das grte Dickicht umging
und dem Flchtigen, sobald er auf offenes Terrain hinauskam, den Weg
abschneiden konnte. Lie er sich aber davon zurckschrecken und blieb
im Dickicht, so nahm er all' die Bedienten und Leute im Schlo zusammen,
umstellte mit ihnen das Dickicht und hatte ihn nachher sicher.

Der Schu und das Schreien war allerdings im Schlo gehrt worden, hatte
aber auch noch andere Leute alarmirt.

Rudolph, um aller Heiligen willen, wir sind verrathen! flsterte
Paula, indem sie sich aus des Geliebten Armen wand. Oh, Du mein groer
Gott!

Noch nicht, mein Herz, rief Handor, der wohl auch erschreckt
emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, da der weit in den
Bschen drin abgefeuerte Schu ihm gegolten habe. -- Flieh' -- das
ist etwas Anderes -- Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen
kann; fort -- dort hinber in den Busch -- wir drfen nicht zusammen
gesehen werden -- ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurck,
den ich gekommen bin.

Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwrts thun
konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Bsche -- aber nur
eine dunkle Gestalt lie sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor,
der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, da er wenigstens
hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu -- aber
von da hatten sie nichts zu frchten. Der Bursche, welcher selber auf
der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien
da einen Moment zu zgern -- aber es war auch nur ein Moment, denn im
nchsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden
jungen Baumes und hinter der Mauer, whrend der Wipfel des Stammes, an
dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.

Jetzt fort, flsterte Handor, der natrlich glaubte, da eine
Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden knne, wo er ihn zuletzt
gesehen; rasch hier gerad' aus durch die niederen Bsche zum Schlo,
ich halte mich links -- frchte nichts, mein ses Leben! -- Und noch
einen flchtigen Ku auf ihre Lippen drckend, schob er sie freundlich
drngend ber den Kiesweg hinber, whrend er selber, wie er sie nur
von dem dunkeln Schatten der Bsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg
hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa
folgen knnten.

Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand
heranspringenden alten Frster in den Weg, der pltzlich, wie ein Tiger
auf seine Beute, auf ihn zustrzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die
Backe ri und mit lauter, donnernder Stimme schrie:

Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen
Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, da Du in sechs Wochen keinen
Schritt thun kannst!

Um Gottes willen, schieen Sie nicht, lieber Freund! rief Handor, der
allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber
keinen Moment verlor. Er mute den Mann auch hier aufhalten, desto
sicherer konnte Paula das Schlo wieder erreichen.

Wenn Du stehen bleibst, nein, rief der alte Mann, der jetzt ganz
bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; aber bei der
geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spae nicht! Heh, hallo!
schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie muten ihn von
hier aus -- wo im Sommer im Schlo alle Fenster offen standen -- hren
knnen. Hierher! holla, holla!

Und wren Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier
festhalten und einen so greulichen Spectakel machen? fragte Handor
ruhig.

Heh, hallo! Hui, heh! schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer
Antwort zu wrdigen, und vom Schlo aus antworteten jetzt einzelne
Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schu und den
ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thr.

Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben
darber hin in ihr Zimmer flchten, als sie oben ihren Bruder an seinem
Fenster bemerkte, whrend unten in der Gartenthr der Koch mit seiner
weien Schrze und Mtze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr
deshalb nichts brig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten,
die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren.
Blieb sie aber lnger hier, so mute sie entdeckt werden, wenn man sie
nicht berhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie
thun konnte, war, da sie sich selber zeigte.

Als ob sie dort gestanden htte, trat sie jetzt vor in das volle Licht
des Mondes hinein und rief zu ihrem Bruder hinauf:

Was ist das fr ein Lrm, George?

Bist Du das, Paula? rief dieser zurck. Warte, ich komme gleich
hinunter. -- Und er verschwand vom Fenster. Wenige Secunden spter
stand er auch schon neben ihr mit seiner Flinte in der Hand. -- Was
machst Du denn noch so spt hier unten im Garten, Schatz?

Mein Kopf schmerzt mich zum Zerspringen. Was bedeutet der Lrm?

Gott wei es; geh in's Haus, Kind, ich werde selber nachsehen, rief
der junge Mann und sprang jetzt, von ein paar Bedienten gefolgt, der
Richtung zu, in der der alte Frster noch immer sein Heh, holla! lustig
in die stille Nacht hinausschrie.

Alle Wetter, lachte George, als er ihm, sein eigenes Gewehr im
Anschlag, nahe kam, was giebt es denn hier? Wer ist das?

Ich, Herr Graf, rief der Frster, der ihn schon an der Stimme erkannt
hatte; ich habe den verfluchten Fasanendieb erwischt!

In der That? Also der Herr hier? Wer bist Du, mein Bursche? rief
der junge Graf, indem die Bedienten um den Gefangenen herumtraten, der
allerdings keine Hoffnung mehr hatte, zu entkommen, aber auch nicht die
geringste Neigung zu einem Fluchtversuch zeigte. Dabei trat George
dicht an den Gefangenen hinan und erkannte berrascht das im Mondlicht
lchelnd ihm zugekehrte Gesicht des Fremden. Handor! rief er ganz
erstaunt aus.

Also Sie kennen ihn auch noch? sagte der Frster, der jetzt den Hahn
seiner Flinte in Ruhe setzte. Das ist ein sauberer Patron!

Sie entschuldigen, Herr Graf, lchelte Handor mit der grten Ruhe,
da ich Ihnen hier etwas sehr ffentlich als Fasanendieb vorgestellt
werde! Weshalb der gute Mann da Verdacht auf mich hat, wei ich
nicht recht, denn ich pflege mich gewhnlich nur dann mit Fasanen zu
beschftigen, wenn ich sie gebraten in der Schssel finde.

Aber wie, um Gottes willen, kommen Sie hier Nachts in den Park? fragte
George.

Nur, um _Sie_ zu sprechen, sagte Handor. Ich wute nicht, fgte
er leise, sich zu dem jungen Grafen berbiegend, hinzu, ob die
Ueberraschung des Verlobungsabends auch vielleicht auf Ihre Eltern
ausgedehnt war, und da ich Ihnen darber Bericht erstatten wollte...

Aber, mein lieber Handor, das ist wirklich zu freundlich von Ihnen!
Bester Frster, der Herr ist kein Fasanendieb, die Versicherung kann ich
Ihnen geben.

Kein Fasanendieb? rief der Frster ordentlich erschreckt. Und
habe ich denn nicht, nachdem ich vorher den ganzen Abend im Busch
herumgekrochen und hier auf der Lauer gelegen, den Fasan flattern hren
und, wie ich zusprang, den Dieb weg und in den Busch hinein flchten
sehen?

Diesen Herrn?

Ja, wie Viele sollen sich denn hier Nachts herumtreiben? Ueber die
Mauer konnt' er nicht, und als ich hier vorsprang, kam er gerade den Weg
herunter und wollte am Schlosse vorbei und durchbrennen.

Das nun gerade nicht, lchelte Handor, der sich jetzt vollkommen
sicher fhlte; ber die Mauer habe ich allerdings Jemanden springen
oder doch an einem der Bume hinabklettern sehen, einige Minuten spter
oder vielmehr unmittelbar danach, als ich in den gewundenen Gngen den
Weg verfehlte und auf eine Art von Terrasse kam, auf der ein alter Thurm
steht.

Ah, dort -- also da ist Ihnen Ihr Vogel doch entflogen, Frster,
lachte George. Und nun, Handor, rief er, indem er den jungen Mann
unter den Arm fate und mit sich fort fhrte, erzhlen Sie mir, was
Sie haben und ob wir's rechtzeitig zu Stande bringen. Kommen Sie einen
Augenblick hier im Weg mit auf und ab, denn zum Schlo kann ich Sie
jetzt nicht fhren, meine Schwester war eben noch auf der Terrasse.

Damit gingen die jungen Leute, ohne sich weiter um den Frster zu
bekmmern, den Weg entlang und Handor berichtete jetzt, da er ein
reizendes Lustspiel gefunden habe, welches sich leicht wrde besetzen
lassen. Er htte es gleich mitbringen wollen, aber auf seinem Tisch
zu Hause liegen lassen, werde es jedoch morgen in aller Frhe
herausschicken.

Haben sie denn wieder Fasanen gestohlen, Frster? fragte einer der
Diener, als die beiden Herren den Rcken wandten, den Alten. Dieser
antwortete aber nicht. Mit einem lsterlichen Fluch warf er sein Gewehr
auf den Rcken und kehrte, sich umdrehend, nach der Stelle zurck, wo
er den Wilddieb zuerst gesehen hatte, um dort noch nach Spuren zu suchen
und Beweise fr seine sptere Anklage zu finden.

Handor und George gingen wohl noch eine Viertelstunde im Park auf und
ab, um das Nthige ber Proben und Eintheilung zu besprechen; dann
kehrte der Erstere auf dem breiten Fahrweg in die Stadt zurck.

Als George wieder in's Schlo kam und nach Paula fragte, berichtete das
Kammermdchen, die Comtesse habe sich in ihr Zimmer zurckgezogen und
sei zu Bett gegangen.




12.

Das Wiedersehen.


Das war eine schwere Nacht fr Jeremias gewesen, eine ruhelosere
wenigstens, wie er seit langen, langen Jahren gehabt, und rastlos warf
er sich auf seinem Lager umher, bis sich der Himmel schon wieder im
Osten zu frben begann und er jetzt erst in einen kurzen, traumgequlten
Schlaf fiel. Aber sonderbarer Weise hatte der Traum nicht die mindeste
Beziehung auf das, was ihn den ganzen Tag beschftigt und seine Seele
erfllt hatte. -- Er war wieder in Brasilien und Nordamerika, und alle
fatalen Lagen, in denen er sich je in seinem Leben befunden, spiegelten
sich ihm mit tollen, verzerrten Bildern vor seinem innern Geiste ab,
bis er endlich mit einem lauten Aufschrei in seinem Bette emporfuhr und
dadurch den armen Hausknecht, der gerade gekommen war, um seine Kleider
zum Reinigen abzuholen, bis zum Tod erschreckte.

Herr Du meine Gte, sagte der Mann, indem er ordentlich zusammenfuhr,
was schreien Sie denn nur so; es thut Ihnen ja Niemand 'was -- nur die
Kleider will ich auskloppen!

Guten Morgen! sagte Jeremias, der sich verdutzt und noch immer halb im
Schlaf umsah -- wie viel Uhr ist's denn?

Sieben Uhr vorbei -- Sie haben wohl getrumt?

Ja, ein bischen, gestand Jeremias, der sich jetzt vor dem Hausknecht
schmte und nur verstohlen unter sein Kopfkissen griff, ob seine
Brieftasche noch da wre. Dann legte er sich wieder auf die andere
Seite, als ob er noch einmal schlafen wolle. Aber er schlief nicht mehr;
jetzt wre es ihm nicht mglich gewesen, und um acht Uhr stand er auf,
trank seinen Kaffee und lief dann mit schnellen Schritten in seinem
etwas langen, aber schmalen Zimmer auf und ab.

So schnell er aber auch lief, so langsam verging ihm trotzdem die Zeit;
hundertmal sah er nach der Uhr und hielt diese dann an's Ohr, weil er
glaubte, sie msse stehen geblieben sein, so wenig wollte der Zeiger von
der Stelle.

Endlich, endlich war es halb zehn Uhr und er begann sich anzukleiden,
was ihm aber auch nicht viel Minuten wegnahm, und noch fehlten zehn
Minuten an der bestimmten Zeit, als er schon in Sicht des Hauses war,
dem er aber noch nicht zu nahen wagte.

Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner
Schwester fertig angezogen, denn er mute wieder hinber in die Probe.

Die Kranke fhlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender
aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus
ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast berirdischen Glanz
verliehen.

Hre 'mal, Guste, sagte Pfeffer, whrend er sie kopfschttelnd
betrachtete, Du gefllst mir heute gar nicht, und wenn ich wte, da
der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch
krnker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber
noch ein klein bischen da drauen auf dem Gang und schmi ihn dann, wenn
er sich oben blicken liee, einfach die Treppe hinunter -- steil genug
ist sie.

Mir ist viel besser heute, Frchtegott, sagte lchelnd die Frau; ich
sehe nur ein bischen angegriffen aus.

Das wei Gott! brummte Pfeffer -- und wenn ich nur eigentlich wte,
was er wollte? Geschieden seid Ihr und mt geschieden bleiben...

Und kannst Du es ihm verdenken, da er Sehnsucht nach seinem Kinde
hat?

Hm, knurrte ihr Bruder rgerlich in den Bart, hat dann verdammt lange
Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!

Frchtegott...

Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab -- ich mu in die
Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel
lieber wr's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal htte auf den
Zahn fhlen drfen -- Windbeutel der -- Herr Gott, jetzt ist's schon in
drei Minuten Zehn, und ich fange an... --na also, halt' Dich tapfer,
Alte, sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er
sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte -- reg' Dich nicht zu sehr
auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele -- na, das wird ein
bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, da ich nicht dabei
zu sein brauche, -- und seinen Hut aufstlpend, verlie er rasch das
Zimmer.

Unten auf der Strae ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke
Hand auf dem Rcken, die rechte vorn in den zugeknpften Rock gesteckt,
rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ltlichen Herrn
begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal
stehen blieb und an den Husern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.

Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mitrauisch ber die Brille
an. War das etwa der Schwager -- so dicht am Hause und unmittelbar vor
zehn Uhr?

Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und
betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie
sich gegenseitig noch einmal um.

Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thr vorbei. Pfeffer
hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen
Moment Zeit mehr zu verlieren, um darber nachzudenken, eben schlug es
vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets auerordentlich pnktlich
war, hate er nichts so sehr auf der Welt -- auer einem schlechten Glas
Bier -- als Strafe wegen Versumnis zu zahlen.

Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser
hatte ebenfalls einen starken Verdacht, da der Herr, der ihn so
aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wute, als ihm augenblicklich
angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei -- richtig, er sah
sich nach ihm um -- immer noch ein Stck die Strae hinab, bis jener um
die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurck. Es schlug gerade
zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen,
den er ersehnt und gefrchtet, Jahre lang -- und auf den Hacken drehte
er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.

Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach
Stufe rasch empor, ja, er zhlte die Stufen, whrend er sie betrat,
verga aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz
erreichte, mute er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er
schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei
das Herz schlug -- er htte es nicht fr mglich gehalten, da es im
Leben so klopfen knnte. Aber was half es -- er war angemeldet, die
Zeit verstrichen, und je lnger er hier zgerte... --die Zhne
zusammenbeiend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben.
Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehrt. Jetzt stand er
an der Thr und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in
der Stirn, als ob sie ihr zhes Gewebe zersprengen wollten -- es mute
sein.

Herein!

Langsam ffnete er die Thr -- mitten im Zimmer stand bleich und
zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha sa eine
ernste und doch freundliche Frauengestalt -- er sah aber ihre
Umrisse nur, die dster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrndern
zusammenflossen.

Er trat in's Zimmer und drckte die Thr wieder hinter sich in's Schlo,
und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.

Und bist Du das wirklich, Jeremias -- bist Du wirklich endlich
zurckgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen? sagte die
Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.

Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden
nieder; mit beiden Hnden deckte er sein Gesicht, und Thrnen, heie,
brennende Thrnen quollen ihm aus den Augen.

Aber da hielt sich Henriette nicht lnger.--

Vater! rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn --
Vater, lieber, lieber Vater! oh, da ich den Namen endlich gefunden
habe -- nun darfst Du nicht wieder fort von uns -- nie, nie, darfst die
Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!

Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hnde von den Augen, und sein Kind
umfassend und an sich drckend, schluchzte er unter Thrnen: Jettchen,
Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?

Mein lieber Vater -- und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick
gefreut! Komm zur Mutter! und ihn leise fhrend, zog sie ihn zum Sopha,
wo die Frau, ihre Augen von Thrnen berstrmend, sa -- aber es waren
Freudenthrnen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.

Jetzt hatte er die Stelle erreicht -- sehen konnte er kaum, denn wie ein
Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen,
aber er fhlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber
recht wute, wie ihm geschehen, sa er auf dem Sopha neben der Gattin,
die ihr Haupt wie mde an seine Brust lehnte und leise weinte.

Meine gute, gute Auguste -- und kannst Du wirklich dem schlechten
Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen,
und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?

Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!

Das wei Gott, das wei Gott! sthnte der kleine Mann, indem er zum
ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen -- recht
viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal
so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen
Begriff von dem, was zum Leben gehrte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder
da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld shnen.

Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein
Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen
und Wiedergewonnenen, und Jeremias kte ihre Stirn, und rascher als je
rollten ihm die Thrnen ber die Wangen nieder.

Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefhlseindrcken lange
gutwillig hingegeben htte. Thrnen -- er wute sich der Zeit nicht zu
erinnern, da ihm eine Thrne in's Auge gekommen wre, und jetzt weinte
er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie fate
er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich
entschieden die Augen ab und sagte:

Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend
zurckdenke, wo ich dem Kind den letzten Ku gab -- aber nein, das ist
jetzt vorbei, das ist berstanden! Ich bin wieder bei Euch -- ich war
damals ein schlechter -- nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube
mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig
gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun,
als das wieder gut zu machen, so viel es nmlich in meinen Krften
steht...

Mein lieber Vater...

Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind? rief Jeremias gerhrt.
Guter Gott, es ist so lange her, da ich mich kaum noch erinnern kann,
es htte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!

Jeremias...

Ja, Auguste, Du! sagte er herzlich -- und das einzige Wesen, das mich
wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!

Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?

Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen --
sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut fr mich, und
erst drauen mute ich's einsehen, mute ich's fhlen lernen, drauen
unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stieen! Liebe --
wer hat da drauen Liebe zu einem Andern!

Armer Vater!

Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: armer Vater, denn nicht allein,
da mir's so schlecht ging, da ich Hunger und Noth zu leiden hatte --
das geschah mir recht, und manchmal htte ich mich ordentlich darber
freuen knnen, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, da ich schlecht
an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Mglichkeit sah, da ich
das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen knnte, wurde es
besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden
Res gespart und zurckgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen
wohl, da wurde ich wieder froh und glcklich, und jetzt -- Gott sei ewig
Lob und Dank! -- jetzt ist auch das berstanden, und Ihr sollt nun keine
Noth mehr leiden!

Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias, sagte die Mutter
freundlich.

Doch, Auguste, doch! rief Jeremias, indem er noch einmal seine Augen
abwischte und sich dann im Zimmer umsah -- ich seh' es an Allem --
kmmerlich habt Ihr Euch bis jetzt behelfen mssen -- und der Tisch da
drben? Wovon hat denn das Kind da so blasse Wangen und so rothe Rnder
um die Augen?

Vom Weinen, Vater -- vor lauter Freudenthrnen, da wir Dich wieder
haben!

Und ich glaub's doch nicht -- Graf Rottack hat mir's schon erzhlt, und
wenn ich mir auch nichts merken lie, wollt' es mir doch fast das Herz
abdrcken!

Es ist nicht so schlimm, lchelte Henriette, arbeiten mu ein Jeder,
und ich mchte gar nicht ohne Arbeit leben.

Gott lohn' es Dir, was Du an Deiner Mutter gethan hast, Kind -- und er
wird's auch, er wird's auch -- hab' jetzt guten Muth, und wenn Euch der
junge Jeremias auch davongelaufen ist, so hat er Euch doch jetzt den
alten hergeschickt, da der die Geschichte wieder in Ordnung bringt.
-- Aber jetzt mssen wir auch die brige Familie herbeiholen. Wo steckt
denn der Schwager?

Onkel hatte um zehn Uhr Probe, Vater, und ging kurz vorher weg, ehe Du
kamst.

Ob ich es mir nicht beinahe gedacht habe, nickte Jeremias vor sich
hin -- darum guckte er mich so an! Den htt' ich aber nicht
wiedergekannt...

Hast Du ihn gesehen, Jeremias?

Ich glaube ja, unten am Hause -- und wann kehrt er zurck?

Er kann nicht lange bleiben; es ist nur Probe von einem einactigen
Lustspiele. Er wird bald wiederkommen.

Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet,
und ein eigenes, wehes Gefhl zuckte ihm durch's Herz, als er in die
bleichen, abgehrmten Zge schaute, auf denen ihn das augenblickliche
Roth der Erregung nicht tuschen konnte. -- Aber, Auguste, sagte er
leise, Du bist wirklich krank -- was fehlt Dir nur? Hast Du keinen
Arzt?

Ja Jeremias, nickte lchelnd die Frau, ich habe einen Arzt, aber er
kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der
beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefhl, da Du uns doch nicht ganz
vergessen hattest und da ich, wenn ich einmal von hier scheide, das
arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurcklasse.

Meine Mutter...

La, mein Kind -- wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und
an dem Onkel httest Du ja auch wohl eine Sttze gehabt; es wird jetzt
gewi wieder besser gehen.

Du bist recht krank, Auguste...

Die Frau schttelte lchelnd mit dem Kopf. -- Lange nicht so krank, als
Du denkst. Aber nun erzhle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen
Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, da
wir neugierig sind, das zu hren.

Jeremias fhlte recht gut, da sie seine Aufmerksamkeit nur von sich
selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in
deren Augen wieder Thrnen standen; aber wenn sie es selber wnschte,
mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in
der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrngte Uebersicht
seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart
abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief
manchmal ein Lcheln auf die Zge von Frau und Tochter. Je weiter er
aber darin kam, desto wrmer wurde er selber, und wie er erst von der
Zeit erzhlen konnte, wo sich seine Umstnde besserten, wo er anfing,
Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde nher rcken sah, in der
er zu den Seinen zurckkehren konnte, da glhte sein dickes, gutmthiges
Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzhlen, was er verdient
hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, Hand ber Hand, wie er sich
ausdrckte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre
Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und
wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzhlen war, ging pltzlich die Thr auf und Pfeffer
stand auf der Schwelle.

Ob ich mir's denn nicht gedacht habe, sagte er, mit dem Kopf nickend
-- also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz huslich
niedergelassen...

Herzonkel! rief Henriette und flog auf ihn zu -- ach, wir sind so
glcklich, da er wieder da ist!

Ih, seh'n Sie einmal an, meinte Pfeffer, indem er ber Henriettens
Schulter wegzusehen suchte, also eine glckliche Familie -- auch eine
komische Manier, eine Familie glcklich zu...

Er kam nicht weiter. Henriette hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt
und lie ihn nichts mehr sagen, und Jeremias war aufgestanden, ging auf
den Mann zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte er gutmthig:

Schwager -- Schwager Pfeffer, wollen wir nicht auch Freunde werden?

Frchtegott Pfeffer legte vorsichtiger Weise seine beiden Hnde auf den
Rcken, und als ihn Henriette loslie, betrachtete er sich aufmerksam
von Kopf bis zu Fen seinen neuen Schwager und seine Schwester, die,
wohl bleich und angegriffen, aber doch mit einem lange vermiten Zug von
Glck in ihren milden Zgen auf dem Sopha sa.

Und sehen Sie da, Herr Stelzhammer, was Sie angerichtet? sagte er
endlich.

Schwager Pfeffer, gieb mir Deine Hand, drngte Jeremias.

Sehen Sie, wie es hier anderen Leuten gegangen, whrend Sie sich ganz
vergngt in Brasilien und bei der Knigin Pomare und Gott wei wo sonst
noch herumgetrieben haben? fuhr Pfeffer unerbittlich fort.

Bester Schwager Pfeffer -- Bruder -- Onkel! baten jetzt aber Alle
miteinander -- gieb ihm die Hand -- sei gut mit ihm -- er hat ja
versprochen, da er uns Alle lieb haben will!

Das dank' ihm der Deubel! brummte Pfeffer, immer noch in seiner alten
Stellung -- und jetzt will er hier bleiben?

Er geht nicht wieder fort, Schwager, sagte Jeremias, er ist
herzensfroh, da er wieder da ist, und will auch, so weit das nur irgend
angeht, gut machen, was er frher einmal schlecht gemacht hat -- es thut
ihm in der Seele weh!

Thut's ihm -- so? sagte Pfeffer -- und das geschieht ihm recht;
verdient htt' er 'was Anderes; aber da die Guste heute wieder einmal
ein glckliches Gesicht macht, was ihr in langen, langen Jahren nicht
vorgekommen, so... na, da ist meine Hand auch, Jeremias, und -- sei
willkommen in Deutschland.

Schwager Pfeffer! rief Jeremias gerhrt, indem er die Hand nahm und
herzlich drckte, dann aber seine Gefhle nicht mehr bewltigen konnte
und den Mann beim Kopfe fate und herzhaft abkte, was sich Pfeffer mit
einer wahrhaft stoischen Ruhe gefallen lie. Wie er aber glauben mochte,
da es nun genug sei, sagte er:

So -- und nun setz' Dich hin und betrag' Dich vernnftig -- wei es
Gott, jetzt flennt der auch -- na, da will ich nur hinbergehen und
meine Wasserstiefeln anziehen.

Du darfst nicht fort, Onkelchen! rief Henriette, rasch seinen Arm
fassend -- Du mut jetzt bei uns bleiben, und Deine Wasserstiefeln
brauchst Du auch nicht -- siehst Du, es ist Alles wieder trocken!

Hm -- na da meinetwegen, brummte Pfeffer, der sich noch immer nicht
ganz behaglich zu fhlen schien, denn das Neue der Situation gefiel ihm
nicht -- drben ist's freilich gemthlicher, und bei einer Pfeife...
--rauchst Du, Jeremias?

Ja gewi, Schwager!

Das ist wenigstens vernnftig -- bespricht sich so Manches doch besser,
was -- wir gerade miteinander zu besprechen haben.

Heute drft Ihr auch hier rauchen, sagte die Frau freundlich; die
Brust ist mir heute viel leichter.

Na, das wollen wir doch nicht gleich am ersten Tag einfhren, sagte
ihr Bruder, da wir Dir hier das Zimmer vollqualmen; der Mensch ist
ja kein Schornstein, und... --aber, Jeremias, Jeremias! rief er
pltzlich, indem er seinen neuen Schwager oder vielmehr alten Schwager
betrachtete und sich dabei bedenklich hinter dem rechten Ohr kratzte
-- Junge, Junge, wo sind Deine Haare geblieben? Du hast Dir ja in dem
Brasilien eine Staatsglatze stehen lassen!

Ja, mein bester Pfeffer...

Alle Wetter, rief dieser rasch, Warst Du denn schon gestern bei der
Lise drben -- mit dem Grafen?

Bei der Lise?

Nun, bei meiner andern Schwester, der Bassini.

Ja, allerdings, lchelte Jeremias verlegen -- wir glaubten...
--aber wo willst Du hin, Jettchen?

In die Kche, Vater, und das Essen besorgen -- Du bleibst doch bei
uns?

Na, er soll wohl in's Wirthshaus gehen? rief Pfeffer.

Ja -- wenn Ihr mich haben wollt...

Haben wollt -- Unsinn -- aber die wird Augen machen, wenn sie kommt und
Dich hier sieht! Das war die Glatze, die wie eine Tischplatte gro sein
sollte!

Aber wo ist die Elise? fragte die Frau lchelnd -- es wundert mich,
da sie noch nicht da ist...

Lauter Unsinn hat sie heute auf der Probe geschwatzt, lachte Pfeffer,
den ganzen Schdel hatte sie voll vom neuen Schwager, und mich nannte
sie sogar ein paar Mal Jeremias. Jetzt mu sie ihre Scene noch einmal
durchprobiren, denn so wr's heut Abend eine Heidenwirthschaft geworden
-- aber noch Eins, da Jettchen gerade drauen ist -- mit dem Rebe hat's
wieder was' gesetzt!

Mit dem Rebe? sagte die Frau bestrzt.

Rebe? -- Wer ist das?

Hm, brummte Pfeffer, ein vierter und fnfter Liebhaber, der aus
lauter Leidenschaft zur Kunst, weil er auf der Bhne keine Liebhaberin
bekommen kann und immer abfhrt, unserem Jettchen Schrullen in den Kopf
gesetzt hat.

Dem Jettchen?

Pfeffer nickte und summte leise ein Lied vor sich hin.

Der Rebe, sagte die Frau, ist ein braver, anstndiger Mensch und
ordentlicher Leute Kind, aber blutarm und dabei Feuer und Flamme fr's
Theater.

Hat er denn Talent?

Ih nu, meinte Pfeffer, so ganz ungeschickt stellt er sich gerade
nicht an, und manchmal macht er seine Sache gar nicht so schlecht --
verderben thut er wenigstens nie etwas; aber was will das sagen? Eine
groe Rolle knnen sie ihm nicht anvertrauen und thun es nicht -- Handor
spielt sie auch alle allein, -- und wenn er's im Leben nicht weiter
bringen kann als zu einem so unglckseligen Fach, so htte er
zehntausendmal lieber Schuster oder Schneider werden sollen!

Und Jettchen hat ihn gern?

Ich frchte ja, nickte die Frau, sie -- spricht nicht darber.

Das ist gerade das Schlimmste! rief Pfeffer -- wenn sie viel davon
erzhlte, wr's nicht so arg; aber so hockt sie Tag und Nacht an dem
verdammten Blumentisch und grbelt und denkt und seufzt, und nachher
frit sich so eine Geschichte noch viel tiefer in's Herz hinein. --
Deshalb hat sich die Lise nie ordentlich verliebt, weil sie's gleich
allen Menschen erzhlen mute.

Und liee sich nicht doch vielleicht etwas Anderes fr ihn finden,
sagte Jeremias, womit er sein Brod ehrlich verdienen knnte? Was ich
dabei thun kann...

Ja wohl, der auch, schttelte Pfeffer mit dem Kopf; er hat ja studirt
und, ich glaube sogar, sein Examen gemacht -- aber Gott bewahre, Komdie
mssen wir spielen, die Kunst hat ihn gerufen, und eher richtet er
sich und Jettchen zu Grunde, ehe er davon abgeht!

Und was war heute wieder mit ihm? fragte die Frau.

Ach, die ewigen Hkeleien mit dem eitlen Laffen, dem Handor! rief ihr
Bruder -- der Mensch kann ihn nicht leiden und chicanirt ihn, wo sich
Gelegenheit bietet; da hat denn unser sauberer Director -- ein Lump, wie
er im Buche steht -- weil er den Handor nicht entbehren kann, dem Rebe
gekndigt.

Du lieber Gott, seufzte die Frau -- das arme Jettchen!

Aber vielleicht ist das ein Glck, sagte Jeremias, und bringt ihn
mglicher Weise dazu, wozu mir ihn haben wollen, da er ganz vom Theater
abgeht. Wenn ich nur einmal mit ihm sprechen knnte!

Der nicht, der wahrhaftig nicht! rief Pfeffer -- dem hat's der
Souffleurkasten angethan, und der ruht nicht eher, bis sie ihn einmal
erst mit faulen Aepfeln und anderen Vegetabilien von den Brettern
hinuntergepfiffen haben. Dann kommt er in das Stadium, wo er ber
die Undankbarkeit des Publikums und den schlechten Geschmack unseres
jetzigen Zeitalters schimpft, und nachher wr's vielleicht mglich, ihn
zur Vernunft zu bringen -- frher nicht.

Die Frau seufzte recht tief auf, und Jeremias, der kein Auge von ihr
wandte, sagte herzlich:

Na, la nur sein, Auguste, vielleicht wird ja noch Alles gut; ich bin
ja jetzt da, und Du sollst sehen, ich halte Dir, was ich versprochen
habe.

Aber da das Jettchen einen schlechten Schauspieler heirathet, rief
Pfeffer, dazu gebe ich meine Einwilligung nicht -- lieber, bei Gott,
einen Tagelhner, denn da wissen sie doch vorher, da sie hungern
mssen, und faseln nicht in einem fort von Lorbeern und Rufen!
Jeremias, sei vernnftig -- Du weit, wie Du's getrieben hast.

Ja, Bruder Pfeffer, Du hast Recht, sagte Jeremias kleinlaut; es ist
freilich ein bitterbses Ding...

Ist er da? rief drauen eine schrille Stimme -- ist er gekommen,
Jettchen?

Gott sei uns gndig! sagte Pfeffer -- jetzt tritt Frulein Bassini
auf, jetzt Acht gegeben -- ich mte meine leibliche Schwester nicht
kennen!

In dem Augenblick wurde die Thr aufgerissen und Frulein Bassini trat
wirklich auf, aber nicht, wie ihr Bruder vielleicht erwartet haben
mochte, in aller ungeduldigen Hast, sondern mit Wrde. Langsam den Kopf
erhoben, fast zurckgebeugt, trat sie in's Zimmer. Kaum aber traf ihr
Blick den Gesuchten, als sie vollstndig aus ihrer Rolle fiel, denn zu
ihrem Erstaunen kannte sie ihn augenblicklich als den Nmlichen, den
sie damals fr den Kammerdiener des Grafen gehalten und deshalb mit
grndlicher Nichtachtung behandelt hatte.

Herr Du meine Gte, rief sie, das ist ja...

Der Mann mit der tischplattengroen Glatze, ergnzte Pfeffer -- ja
wohl, Frulein Bassini -- bitte, setzen Sie sich, es kommen gleich
Sthle, -- habe die Ehre, Ihnen hier einen, eine Zeit lang verloren
gegangenen Schwager vorzustellen, der sich neuerdings wiedergefunden
hat: Herr Jeremias Stelzhammer.

Liebe Schwgerin, sagte Jeremias, der mit gutmthigem Gesicht auf sie
zuging und ihr die Hand entgegenstreckte.

Herr Stelzhammer, sagte Frulein Bassini vornehm, es ist mir sehr
angenehm...

Ach, Papperlapapp, rief Pfeffer, Du kommst um einen Posttag zu spt
-- wir haben die ganze Geschichte schon untereinander abgemacht -- gieb
ihm die Hand und einen Ku und seid gute Freunde!

Aber, Frchtegott...

Wird schon nicht anders werden, Schwgerin, lachte jetzt auch
Jeremias, indem er auf sie zuging und die Arme ausbreitete.

Aber so geschwind geht es denn doch nicht, rief Frulein Bassini, noch
zurckweichend, -- das nehmen Sie mir nicht bel, Schwager, das war
doch... -- aber sie kam nicht weiter. Jeremias war nicht der Mann,
sich auf solche Art zurckweisen zu lassen, und als Jettchen eben die
Thr aufmachte, um dem Vater zu helfen, wenn die Tante vielleicht --
wie sie das gar zu gern that -- noch etwa Einwendungen zu machen htte,
fate er sie schon beim Kopfe und drckte ihr einen herzhaften Ku auf
den Mund.

Aber, Schwager, rief Frulein Bassini, meine Locken...

Donnerwetter ja, Junge, rief Pfeffer, nimm Dich in Acht; die gehen
ab!

Du bist ein Grobian, Frchtegott...

Und nun Friede und Freundschaft, sagte Pfeffer -- komm, sei
vernnftig, Lise -- der Jeremias war frher ein Leichtfu und ist jetzt
ein ordentlicher Kerl geworden, die Auguste freut sich, da er wieder da
ist, Jettchen auch; also haben wir Beide doch nichts hineinzureden, denn
das ist eine Familien-Angelegenheit.

Und gehren wir nicht etwa mit zur Familie?

Beilufig ja, aber nie mehr wie nthig -- und nun, Jettchen, wie ist es
mit Deinem Essen?

Gleich fertig, Onkelchen, ich will nur den Tisch decken -- aber mit
Tellern wird's heute knapp hergehen; auf so viel Gste sind wir freilich
nicht eingerichtet.

Bah, da behelfen wir uns -- nicht wahr, Jeremias?

Du lieber Gott, sagte dieser, mir ist heute gar nicht wie essen! Ich
bin so froh, so glcklich, ich knnte auf Einem Beine tanzen...

Mte famos aussehen, lachte Pfeffer -- und jetzt Platz da, da das
Mdel den Tisch decken kann -- heute wollen wir einmal =en famille=
speisen!




13.

Verschiedene Kunstinteressen.


Graf Rottack war an diesem Morgen in der Stadt gewesen, um noch einige
Einkufe zu machen. Als er zurckkehrte, fand er Helene allein in ihrer
Stube, den Kopf in die Hand gesttzt und eine helle Thrne im Auge,
whrend die Kinder um sie her lustig und guter Dinge am Boden spielten.

Und wieder so traurig, Herz? sagte er, indem er auf sie zuging, sie
leise umfate und ihre Stirn kte; kann ich denn gar kein Lcheln mehr
auf Deine Wangen rufen?

Ach, Felix, seufzte die junge Frau, indem sie ihr Haupt an ihn lehnte,
sei nur nicht bse, ich wei, da ich Unrecht thue, Dir Unrecht thue
vor allen Anderen, denn kein Wesen in der Welt htte mehr Ursache, sich
glcklich zu fhlen, als ich; aber -- der gestrige Morgen will mir noch
immer nicht aus dem Kopf. Sie wute, da ich ihr Kind war, sie mute es
wissen, da Du ihr den Namen jener Frau genannt, und doch, wie kalt, wie
stolz blieb sie gegen mich, wie verrieth kein Zug in ihrem Antlitz, da
ihr Herz nur den tausendsten Theil jener Sehnsucht fhlte, in meine Arme
zu fliegen, wie sie mich fast verzehrt und aufreibt!

Sie mute sich Gewalt anthun, Herz, beruhigte sie Felix; wer von uns
wei denn, was sie dabei gelitten?

Helene schttelte leise und traurig mit dem Kopf. Jene eisernen Zge,
flsterte sie, sahen nicht aus, als ob je ihr Herz irgend eine Pein
darauf hervorgerufen; sie war kalt wie Eis, und ihr Blick haftete
neugierig, aber wahrlich nicht liebend auf mir.

Und doch hast Du Dich vielleicht geirrt, Helene! rief Felix; mute
nicht zuerst bei Deinem Anblick auch das Eine erste Gefhl die Oberhand
gewinnen: die Angst, ihr Geheimni verrathen zu sehen? La sie einmal
mit Dir allein sein, la sie Dich selber sprechen und Dir dabei in die
lieben, treuen Augen sehen, und ihr Mutterherz wird schmelzen; sie wird
das Kind in ihre Arme drcken!

Ach, und weiter verlange ich ja auch nichts auf der Welt, Felix, als
nur einmal, ein einziges Mal an ihrem Herzen zu ruhen und den sen
Namen Mutter auszusprechen. Dann will ich ihren Frieden nie, nie wieder
stren; ich ziehe fort mit Dir, wohin Du mich fhrst, und will selig
sein -- schwelgen in der Erinnerung an den einen Augenblick!

Und der Wunsch wird Dir erfllt werden, Helene, sagte Felix
freundlich, glaube mir; sie wird vielleicht noch Widerstand leisten,
weil sie nicht wei und wissen kann, wie weit Deine Ansprche an sie
gehen. Sie wird bis dahin ihrem eigenen Herzen Gewalt anthun, aber nicht
weiter, und dann spter die Stunde segnen, welche Dich wieder in ihre
Arme fhrte. Glaubst Du mir?

Oh, ich glaube Dir ja so gern, mein Felix, rief Helene, ihn an sich
ziehend, wei ich ja doch, wie treu und gut Du es mit mir meinst!

Und nun auch nicht mehr traurig, mein Schatz, lachte der junge Graf;
jetzt mut Du Dich zerstreuen; Du darfst mir nicht lnger grbeln und
denken. Sieh nur das kleine frhliche Vlkchen, das sich dort am Boden
balgt, oder noch besser, komm, wir wollen ein wenig musiciren, das
verjagt Dir am besten alle hlichen Gedanken; komm. Und seine Geige,
die unter dem Flgel stand, herausnehmend, stimmte er sie, whrend die
Kinder ebenfalls ihr bisheriges Tollen aufgaben und Gnther jubelnd
ausrief:

Das ist recht, nun knnen wir zusammen tanzen, Lenchen!

Die Mutter mute sich wohl fgen. Noch lag ein Zug von Wehmuth um die
zarten Lippen, aber sie lchelte doch schon wieder, und bald bte
die Musik ihren vollen Zauber auf sie aus, der sie rasch alles Andere
vergessen lie. Mitten in einer jener Weisen waren sie auch schon, die
Felix damals in stiller Nacht unter dem Fenster der Geliebten gespielt,
und die Kinder, rcksichtslos auf Tact und Tonstck, nur in der Lust,
Musik zu hren, hatten sich dabei umfat und tanzten und jubelten im
Zimmer umher, als einer der Diener die Thr ffnete und anfragte, ob
Graf George Monford die Ehre haben knne, die Herrschaften zu sprechen.
Er bergab dabei zugleich dessen Karte.

Graf Monford? Helene fhlte, wie sie erbleichte.

Es ist der junge Graf, flsterte ihr Felix leise zu; fasse Dich,
Herz, ein Hflichkeitsbesuch. -- Es wird uns angenehm sein.

Wenige Secunden spter ffnete sich die Thr und Graf George trat ein,
aber nicht als frmlicher Besuch, wie Felix gedacht, sondern in
seiner liebenswrdigen, offenen Weise, und schon in der Thr rief er
freundlich:

Ich kann es mir nicht vergeben, Sie gestrt zu haben, und es ist
unendlich liebenswrdig von Ihnen, gndige Grfin, da Sie einem, doch
eigentlich vollkommen fremden Menschen eine Ihrer liebsten Stunden
zum Opfer bringen! Mein lieber Herr Graf, ich mu ernstlich um
Entschuldigung bitten!

Seien Sie uns herzlich willkommen! sagte Rottack freundlich, der
sich schon lange zu dem offenen, ehrlichen Gesicht des jungen Mannes
hingezogen gefhlt hatte; bitte, legen Sie ab und setzen wir uns --
keine Frmlichkeiten weiter -- wir freuen uns aufrichtig, Sie bei uns zu
sehen!

Und selbst, wenn ich gleich mit einer Bitte kme?

Vielleicht noch viel mehr, wenn Sie uns gleich Gelegenheit geben, Ihnen
gefllig zu sein, lchelte Rottack.

Ich halte Sie beim Wort, lachte George; so will ich denn, wie man so
sagt, gleich mit der Thr in's Haus fallen, damit ich Sie nicht zu
lange von Ihren Instrumenten entfernt halte, denn dann ersuche ich Sie
dringend, fortzufahren.

Und womit knnen wir Ihnen dienen?

Es ist ein Scherz. In acht Tagen soll die Verlobung meiner Schwester
Paula gefeiert werden, und zwar mit dem jungen Grafen Bolten, und da
Paula so auerordentlich fr's Theater schwrmt und sich besonders auf
unseren Liebhabertheatern selber ausgezeichnet hat, so habe ich mir fr
den Abend eine kleine Ueberraschung ausgedacht. Wir wollen nmlich unter
uns ein kleines, allerliebstes Lustspiel auffhren, das ich heute Morgen
zugeschickt bekommen habe. Unglcklicher Weise kommen aber mehr Personen
darin vor, als ich an Knstlern stellen kann, und da hat mir -- da
die Zeit berdies drngt -- die Verzweiflung den khnen Entschlu
eingegeben, Sie und Ihre liebenswrdige Frau Gemahlin um Hlfe und
Beistand anzuflehen.

Das ist allerdings sehr liebenswrdig von Ihnen, mein bester Graf,
lchelte Rottack, whrend Helene leicht erbleichte; aber erstlich
gerathen wir da auf ein Feld, das wir Beide wohl noch nie betreten haben
-- nicht wahr, Helene?

Noch nie, hauchte leise die junge Frau.

Und dann ist die Zeit zu einer solchen Vorbereitung doch auch wohl ein
wenig sehr kurz. Haben Sie das Stck bei sich?

Nein, da wir nur Ein Exemplar besitzen, luft mein Commissionr
eben damit in der Stadt herum und lt die wenigen Bogen in drei
verschiedenen Druckereien zu gleicher Zeit setzen. Aber bis sptestens
morgen in aller Frhe haben wir gengende Exemplare und bis zehn Uhr ist
es lngstens in Ihren Hnden. Ihre Rollen sind klein, das Lernen wird
Ihnen keine Schwierigkeit machen. Meine gute Mutter will selber so
freundlich sein, die Leitung der Leseprobe zu bernehmen. Haben Sie
Mitleid mit einem armen, unglckseligen Theaterunternehmer!

Rottack sah sinnend vor sich nieder. So pltzlich bot sich da eine ja
lange ersehnte Gelegenheit, in freundlichere und nhere Beziehung zu
der sonst so schwer zugnglichen Monford'schen Familie zu treten -- und
Helene?

So schicken Sie uns nur vorher wenigstens das Stck, sagte er endlich
lchelnd, und bezeichnen Sie darin die uns zugedachten Rollen; wir
wollen dann augenblicklich Kriegsrath mit einander halten, meine Frau
und ich, und Sie keinesfalls lange in Ungewiheit lassen. Ist die
Ausfhrung mglich, so sage ich, wenigstens fr meine Person, zu.

Liebster, bester Graf, wie soll ich Ihnen danken? rief George
frhlich. Und Ihre Frau Gemahlin? -- Aber ich will jetzt nicht
drngen, unterbrach er sich rasch, und Ihnen vielleicht ein
Versprechen abpressen, das Ihnen spter unangenehm sein knnte. Nehmen
Sie aber die Versicherung, da Sie uns Allen eine groe Freude damit
machen wrden, und besonders Paula, deren Herz Sie wahrhaft im Sturm
erobert haben mssen, Frau Grfin, denn sie konnte gestern gar nicht
aufhren, von Ihnen zu reden.

Dann ist unser Gefhl ein vollstndig gegenseitiges gewesen, Herr
Graf, lchelte Helene, denn ich kann Ihnen versichern, da auch ich
Ihre Schwester bei dem ersten Begegnen herzlich lieb gewonnen habe, und
mich also doppelt freue, das zu hren.

Wie gut Sie sind! rief George. Ist es aber nicht merkwrdig, da sich
Menschen oft so rasch zu einander hingezogen fhlen und, ohne mehr als
ein paar gleichgltige Worte zu sprechen, mit einander Freundschaft
schlieen, whrend wir uns von Anderen, ohne da sie uns je das
Geringste zu Leide gethan, wieder eben so rasch und unerklrlich
abgestoen fhlen?

Es ist das eine Freimaurerei des Geistes, lchelte Felix, die sich an
geheimen, oft unbewuten Zeichen versteht und erkennt, und sie bt, im
Guten wie im Bsen, ihre Macht. Gute Menschen finden sich nicht rascher
unter einander, wie ein paar richtige Gauner, die oft schon nach einem
kaum flchtig gewechselten Blick einander verstehen und Freundschaft,
wenigstens Kameradschaft schlieen.

Ich selber gebe auerordentlich viel auf den ersten Eindruck, den ein
Fremder auf mich macht, sagte George.

Ich Alles, rief Felix, und kann wohl sagen, da ich mich selten
oder nie getuscht. Lie ich mich aber durch irgend welche Zuflligkeit
bestimmen, von diesem ersten Eindruck abzusehen, dann durfte ich auch
fest darauf rechnen, da ich dafr ben mute.

Und sollte dieser Glaube an den ersten Eindruck, den ein Fremder auf
uns macht, nicht oftmals auch die Ursache einer groen Ungerechtigkeit
gegen ihn sein? sagte Helene. Was kann ein Mensch zum Beispiel fr ein
unschnes Gesicht, das uns doch nie gefallen wird, whrend er vielleicht
das beste Herz darunter birgt?

Ein schnes Gesicht ist allerdings eine groe Empfehlung im Leben,
sagte George, und wer es erhalten, kann Gott nicht genug dankbar dafr
sein; ein hliches mu man eben hinnehmen, wie man Krankheit oder ein
sonstiges Unglck hinnimmt.

Aber kann nicht ein unschnes Gesicht auch gut und freundlich sein?
sagte die junge Frau.

Allerdings, Frau Grfin, und wie oft finden wir das; aber der Charakter
spricht sich gewi darin aus.

Also wer von der Natur zum Beispiel einen boshaften Zug um den Mund
bekommen hat, meinte Helene kopfschttelnd, mte deshalb auch
entschieden boshaft sein und knnte nicht einmal dafr verantwortlich
gemacht werden?

Umgekehrt, Schatz, rief ihr Gatte. Was Du da sagst, wre ein Unglck
fr solche arme Menschen, nicht eine Eigenschaft, die uns sie meiden
lt. Nicht wer einen boshaften Zug um den Mund hat, wird dadurch
boshaft, nein, wer boshaft ist, bekommt sicherlich diesen Zug. Das
heit: gerade der Charakter der Menschen prgt sich im Lauf der Jahre
in dem Antlitz derselben aus: je lter sie werden, desto deutlicher, und
wer das Verstndni dafr hat, liest die Schrift.

Aber manchmal irren wir uns doch, sagte George. So kenne ich hier
einen jungen Schauspieler -- unsern ersten Liebhaber -- und einen
tchtigen Knstler, der auf mich bei seinem ersten Anblick, trotz seiner
wirklich edlen Zge, jenen abstoenden Eindruck gemacht hat, dessen
Sie vorhin erwhnten, und der also auch deshalb fr uns magebend sein
sollte. Ich lie mich aber dadurch nicht abschrecken und machte seine
nhere Bekanntschaft, oder uere Umstnde lieen sie mich machen, und
mu gestehen, da sich bei diesem meine Menschenkenntni nicht erprobte,
denn er hat sich stets als einen liebenswrdigen, geistvollen und
besonders fabelhaft geflligen Mann gezeigt, dem ich schon unzhlige
Male verpflichtet bin.

Lieber Gott, wir knnen uns ja irren, sagte Felix; ich selber wrde
mich aber nach einer solchen erhaltenen Warnung -- wie ich es nennen
mchte -- nur hchst vorsichtig mit ihm eingelassen und ihm --
vielleicht -- unrecht gethan haben.

Aber wir plaudern hier und ich halte Sie von Ihrer Musik ab.

Wir haben nur musicirt, um uns die Zeit zu vertreiben, lchelte
Helene; der Grund ist jetzt vollstndig weggefallen.

Und wenn ich Sie nun bte, fortzufahren?

Wenn Sie Freude daran finden, von Herzen gern, sagte Helene, ohne
Weiteres von ihrem Stuhl sich erhebend, und sie wie Felix hatten bald
wieder das vorhin unterbrochene Musikstck aufgenommen.

       *       *       *       *       *

Am Markt, zwischen der Drachen-Apotheke und einem andern, sehr
anstndigen und hohen Gebude, das einem Seidenhndler gehrte, stand
ein schmales, vierstckiges Haus mit nur zwei Fenstern Front und
machte auf den Beschauer etwa den Eindruck, als ob sich ein Mensch mit
angezogenen Armen in ein Uhrgehuse geklemmt htte und sich nicht regen
und nicht rhren knne.

Dort residirte in der zweiten Etage Doctor Feodor Strohwisch, Dichter
und Schriftsteller, oder vielmehr Privatgelehrter, wie er in dem
Adrebuch angegeben stand, der aber auch ein kleines Tageblatt redigirte
und darin die Geiel ber das Theater schwang. Und nicht ber das
Theater allein; Alles, was vorkam, jedes Fach, jede Kunst fand in
ihm ihren unerbittlichen -- oder eigentlich nicht ganz unerbittlichen
Kritiker, denn es gab Mittel, ihn zu erweichen, und mit einer solch'
liebenswrdigen Unverschmtheit drosch er auf Alles los, was sich
unabhngig genug glaubte, ihn zu ignoriren, da die Masse, welche selten
ein eigenes Urtheil fr sich selber hat, seine Kritiken endlich
fr baare Mnze hinnahm und auch noch nebenbei seine Gelehrsamkeit
bewunderte.

Von den Mitgliedern des Theaters, wenigstens von dem grten Theile
derselben, war er gehat und gefrchtet zugleich, denn gegen sein Blatt
gab es keine Appellation, da er ihm unbequeme Artikel nie aufnahm.
Aeuerlich behandelten ihn aber fast Alle sehr artig, und die
boshaftesten Urtheile lie man ruhig ber sich ergehen, weil man nur
dadurch noch boshafteren ausweichen konnte.

Strohwisch durfte in der That Alles sagen und sagte Alles, und im Laufe
der Jahre hatte er sich eine Sicherheit und Unfehlbarkeit angeeignet,
die wirklich nichts zu wnschen brig lie.

In seinem Zimmer sah es sehr gelehrt und sehr unordentlich aus. Ein
groer Mahagoni-Schreibtisch, der seine eigene unquittirte Rechnung
in dem einen Gefach sorgfltig versteckt hielt, als ob er sich selber
darber schme, stand in der einen Ecke, unmittelbar am Fenster. Vier
oder fnf Bcherregale mit einer neueren und viel benutzten Ausgabe des
Brockhaus'schen Conversations-Lexikons fllten die eine Wand, ein
sehr elegantes, aber etwas beschmutztes Sopha, mit einem Spiegel in
Goldrahmen darber, die andere.

Auf dem Sopha lagen vier oder fnf gestickte Rckenkissen, eine
gestickte Cigarrentasche aber geffnet auf dem Tisch; unter dem Spiegel
befand sich ein sinniger Neujahrswunsch aus Menschenhaaren geflochten,
und den Tisch bedeckte eine weie gehkelte Decke mit hellblauen
Vergimeinnicht darin; kurz, die Spuren weiblicher Arbeit waren
berall, auf Fubank, Briefhalter, Papierkorb, Briefbeschwerer u.s.w.
anzutreffen.

Ueber dem Schreibtisch aber hingen zwei Lorbeerkrnze, der eine mit
hellblauem, der andere mit rosaseidenem Bande, und einem Spruch von
zierlicher Frauenhand geschrieben, den man aber von unten aus auf dem
berhaupt auch etwas rauchgeschwrzten Papier nicht lesen konnte.

An der Wand befanden sich ein paar an die uerste Grenze des
Schicklichen streifende franzsische Kupferstiche von badenden und
nach dem Bade tanzenden Nymphen, und rechts und links vom Spiegel zwei
ebenfalls franzsische Studienkpfe, bis an den untern Rand des Rahmens
decolletirt.

Smmtliche Sthle waren brigens mit neuen, unaufgeschnittenen, in
gelbem, grauem, grnem, blauem und rothem Papier broschirten Bchern
bedeckt, und selbst auf dem Boden lag noch eine Anzahl von ihnen
zwischen Cigarrenstummeln, Papierstreifen und zerschnittenen Zeitungen.

Feodor arbeitete. Er sa auf einem Drehstuhl und hatte eine Cigarre
im Munde, die vorn brannte und die er hinten kaute, und dann und wann
schrieb er eine Zeile und strich darauf das Geschriebene wieder durch.

Da klopfte es laut an die Thr, und mit seinem Herein! erschien Handor,
den Hut nachlssig auf dem Kopf, einen Glachandschuh angezogen, den
andern in der Hand.

Guten Tag, Doctor! Str' ich?

Nun, Sie verderben wenigstens nichts, denn ich qule mich eben wieder
mit so einem verfluchten Gelegenheitsgedicht.

Da Sie's nicht satt kriegen! lachte Handor.

Es ist eine rein verzweifelte Arbeit, rief der Doctor, immer etwas
Pikantes sagen zu sollen, wenn...

Einem nichts einfllt -- trostlos!

Na, das wr' das Wenigste, bemerkte Strohwisch; aber man will doch
auch nicht all' sein Pulver auf eine Sache verschieen, die Einem nichts
einbringt, als vielleicht ein lumpiges Mittagessen.

Sonst ist wohl kein Honorar zu frchten?

Gott bewahre; es ist fr den Commerzienrath, der morgen sein
commerzienrthliches fnfundzwanzigjhriges Jubilum feiert. Was das
Alles fr Ursachen zu Festen sind! Aber was fehlt Ihnen? Sie sehen
verdrielich aus.

Ach was, sagte Handor, indem er sich aus der offenen Cigarrentasche
eine Cigarre nahm und sie anbrannte, ich habe mich wieder einmal ber
den Lump, den Rebe, gergert -- eingebildeter Esel! Aber der Director
hat ihm gekndigt, er mu fort. Da knnen Sie sich nachher eine Gte
thun und ihm eine Grabschrift schreiben.

Werde ich ihm besorgen, lachte der Doctor, sich vergngt die Hnde
reibend, werde ich ihm mit Vergngen besorgen, und noch dazu in Versen
unter Eingesandt-Rebe, bebe, lebe, strebe, gebe, hebe -- es pat nur
eigentlich kein pikanter Reim auf den langweiligen Namen.

  Horatius Rebe,
  Wer kann, bebe
  Bei dem Abgang dieses Lichts,
  Doch vergebe
  Horatius Rebe
  Da er uns hier schadet nichts.

Das ist gut, wie?

Werden Sie nicht langweilig, sagte Handor, indem er seinen Hut auf den
Tisch stellte, seinen Handschuh hinein und sich selber dann zwischen die
Rckenkissen auf das Sopha warf. Was ich gleich sagen wollte, Doctor,
wissen Sie genau, wann der Erbprinz hier eintrifft?

Nun, versteht sich doch von selbst; werde ich das nicht genau wissen!
Am nchsten Freitag Morgen mit dem Zehn-Uhr-Zug. Dann ist groer Empfang
-- militrisch natrlich -- Alles in Uniform, wo, zwischen all' den
goldenen Epauletten und Ordenssternen, der Brgermeister, als Vertreter
der Stadt, allein im Frack wie ein schwarzes Schaf in der Heerde
herumluft. Mittags Diner auf dem Rathhaus, Abends Festvorstellung im
Theater -- Hamlet auf speciellen Wunsch -- nach dem Theater Fackelzug
und dann Kneiperei bis zum nchsten Morgen, wozwischen ein geplagter
Redacteur dann auch noch seine Correspondenzen schreiben soll.

Hm, merkwrdig, sagte Handor, der die letzten Worte gar nicht gehrt
zu haben schien.

Merkwrdig? -- was ist merkwrdig?

Oh, nichts, es fiel mir nur ein, wie so Vieles manchmal auf Einen Tag
zusammentrifft.

Ja, er bleibt auch nur zwei Tage in Haburg, und am zweiten Tag ist
groer =bal par=, mit der ganzen =haute vole= geladen. Wunderbares
Leben doch, das so ein Prinz fhrt! Bei Jove, ich glaube, ich habe auch
eine gute Natur, aber wenn ich nur eine einzige Woche so durchschwiemeln
sollte, ging ich wahrhaftig drauf!

Lieber Doctor, sagte Handor gleichgltig, wenn sich ein solcher Prinz
derartigen Genssen, die fr ihn Alltglichkeiten sind, mit einer
solchen Leidenschaftlichkeit hingeben wollte, wie Sie gewhnlich dabei
entwickeln, so hielt er's auch nicht aus. Aber, was ich Sie schon
immer einmal fragen wollte: von wem haben Sie eigentlich die beiden
Lorbeerkrnze, welche da ber Ihrem Schreibtisch hngen?

Oh, sagte Feodor bescheiden, sie sind nur von Damen.

_Nur_ von Damen?

Ja; in unserem literarischen Club feiern wir manchmal geistige
olympische Spiele...

In Ihrem Vergtterungsverein, lachte Handor, wo Ihr Euch gegenseitig
anbetet und hinter dem Rcken dann auf einander schimpft.

Hren Sie einmal, Handor, das ist bertrieben!

Gehen Sie mir weg; mich haben sie auch einmal mit hineingeschleppt,
um mich bei einer Tasse heiem Zimmtwasser, das die Dame vom Hause Thee
nannte, und bei drei unsichtbaren Butterbrdchen sechs Stunden auf
das Tdtlichste langweilen zu lassen. Das war ein furchtbarer Abend,
Doctor!

Sie bertreiben wahrhaftig, rief Feodor, seinen Kopf zurckwerfend;
ich habe doch auch von meinen Gedichten vorgelesen.

Leider!

Sie sind unausstehlich heute, und ich wollte dieses unglckselige
Geschpf, dieser Rebe, wre erst einmal ber alle Berge; frher finden
Sie doch Ihren Humor nicht wieder.

Ach was, Rebe, sagte Handor verchtlich; glauben Sie, da mir der
Patron nur eine Stunde von meiner Zeit vergiften knnte?

Na, was steckt Ihnen denn sonst in den Gliedern -- Schulden? Lieber,
bester Freund, Sie sind doch hoffentlich auch schon auf dem Standpunkt
angelangt, da, wenn sich Jemand Schulden halber Sorgen zu machen hat,
es entschieden nur der Glubiger sein kann -- Glubiger -- ein famoser
Name brigens, weil er glaubt, da er Geld kriegt; hahahaha!

Sehe ich aus wie Jemand, den die Schulden drcken? spottete Handor,
indem er seine Cigarrenasche auf den Teppich abstrich.

Na, dann sind Sie verliebt, rief Feodor, heh? Hab' ich's getroffen,
hat der haburgische Herzbrecher auch endlich einmal seine Meisterin
gefunden? Handor, der erste Liebhaber des haburgischen Theaters,
wirklich verliebt, ohne Schminke und Gasbeleuchtung -- es ist eine
himmlische Idee! Uebrigens -- Donnerwetter, was mir da einfllt -- haben
Sie schon davon gehrt, da dieser Rebe ein Heidenglck macht?

Ein Heidenglck -- welches?

Er heirathet das hbsche Blumen-Jettchen, das sprde, alberne Ding, dem
alten Pfeffer seine Nichte, deren Vater gestern mit einer Million von
Ostindien zurckgekommen ist.

Unsinn, sagte Handor, eine von Ihren gewhnlichen Tageblatt-Enten.

Na, Sie werden's sehen. Der Rebe hat mit dem Mdel schon lange ein
Verhltni gehabt, aber natrlich Pauvret in allen Ecken. Jetzt macht
sich die Sache. Am Ende werden wir ihn hier noch nicht einmal los.

Vom Theater gewi, und das Andere kmmert mich wenig, sagte Handor
gleichgltig, indem er aufstand und seinen Hut aufnahm.

Sie wollen wieder fort?

Ich habe zu thun. Apropos, Doctor, knnen Sie mir nicht wenigstens
einen Theil von den hundert Thalern zurckzahlen, die ich Ihnen neulich
borgte? Trauvest qult mich mit den paar Thalern, die ich ihm schuldig
bin.

Lieber, bester Freund, rief Feodor -- kahl wie eine Feldmaus im
Augenblick; die Gelder kommen erbrmlich ein, und in der letzten Zeit
habe ich gar nichts verdienen knnen, weil ich fortwhrend mit Ihnen
beschftigt war.

Mit mir?

Meine Correspondenzen fr die verschiedenen Bltter. Ich sage Ihnen,
die eine Recension ber Ihren Fiesco hat mich vier volle Stunden
gekostet, so ausfhrlich habe ich Alles besprochen, und ich taxire meine
Arbeitsstunden stets auf einen Louisd'or.

Das ist viel.

Geistige Arbeiten, lieber Freund, sind keine Holzhackerarbeit; die
Fuste knnen immer schaffen, aber der Kopf braucht seinen Genius, und
wenn der ausbleibt, steckt er fest.

Und wann knnen wir Abrechnung halten?

Ich erwarte eine bedeutende Honorarzahlung in den nchsten Tagen.

Schn, also auf Wiedersehen, Doctor!

Auf Wiedersehen, lieber Handor, auf Wiedersehen!

Handor hatte die Thr hinter sich zugedrckt, und Feodor sah ihm,
freundlich mit der Hand winkend, nach; dann aber murmelte er leise vor
sich hin:

Einfaltspinsel, eingebildeter -- will in allen Blttern gelobt und
herausgestrichen sein und dann auch noch geborgtes Geld wieder haben --
es ist wirklich groartig! Wer hlt ihn denn hier am Theater? Niemand
weiter als ich, und wenn ich ihn fallen lasse, ist er in vierzehn Tagen
fertig; keine Hand rhrt sich mehr -- ich mte meine Haburger nicht
kennen. -- Komm Du mir! Und die unangenehmen Gedanken abschttelnd,
drehte er sich wieder auf seinem Stuhl herum, griff die Feder auf und
begann von Neuem sein commerzienrthliches Ehrengedicht, das aber trotz
alledem nicht recht flieen wollte -- der Genius war noch nicht da.




14.

Horatius Rebe.


Oben in der Schlogasse, dem Paradies schrg gegenber, in einem sehr
groen, massiv gebauten Hause, aber oben in der vierten Etage und in
einem sehr bescheidenen, wie sehr beschrnkten Dachstbchen, wohnte
Horatius Rebe, der zweite oder eigentlich vierte oder fnfte Liebhaber
am Haburger Theater -- und eine bescheidenere Wohnung lie sich in der
That kaum denken.

Das Ameublement bestand aus einem Holztisch, der Morgens als Waschtisch,
ber Tag als Arbeitstisch diente, aus einem mit sehr verblichenem
und auch schon oft ausgebessertem Kattun berzogenen Sopha, das mit
Eisenfeilspnen gestopft sein mute, so hart war es, und zwei ordinren
Rohrsthlen. Dazu gehrte noch ein kleiner, sehr drftiger Spiegel und
eine lackirte Commode, wie ein glatt gehobeltes Bcherbrett, und dennoch
war der kleine Raum so nett und sauber als mglich hergerichtet.

Man konnte gerade nicht sagen, da eine musterhafte Ordnung darin
herrschte, denn hier war ein Buch, in dem der Eigenthmer vorher
gelesen, auf dem Tisch umgeschlagen, dort im Fenster lagen einige Noten,
und darunter stand ein kleiner Zithertisch mit der Zither darauf und
den Stuhl schrg davor gerckt. Ein Zimmer sieht aber berhaupt nicht
wohnlich aus, wenn es zu sorgfltig aufgerumt und geordnet ist -- man
mu erkennen knnen, da es von Jemandem benutzt wird, sonst macht
es einen den und unheimlichen Eindruck, mag es so einfach oder so
prachtvoll mblirt sein, wie es will.

Und benutzt wurde es in der That, denn auer einem winzig kleinen
Alcoven, der kaum ein Bett und einen gelb angestrichenen schmalen
Kleiderschrank hielt und durch eine etwas zu kurze Kattungardine von der
Stube getrennt wurde, war es die einzige Rumlichkeit, welche Horatius
Rebe besa, und diese hatte er sich denn auch so freundlich hergestellt,
wie es eben seine Mittel erlaubten.

Ueber dem Sopha hing eine ziemlich gute Lithographie von Schiller im
weien, offenen Hemdkragen; ber dem Arbeitstisch eine andere von
Bogumil Dawison mit dem kecken, herausfordernden, aber geistreichen
Gesicht. Es waren die beiden einzigen Bilder, die er besa, eine kleine
Photographie seiner verstorbenen Mutter ausgenommen, die ber seinem
Bett ihren Platz gefunden.

Aber trotzdem hatte der Raum doch noch eine andere Ausschmckung
erhalten, denn unter Schiller's Bild kreuzten sich ein Paar Schlger,
durch ein altes, vielgetragenes Band der Burschenschaft, der er frher
angehrt, mit einander verbunden, whrend unter denselben die alte,
dreifarbige Studentenmtze jetzt zugleich als Zeichen der Erinnerung und
-- als Uhrhalter diente.

Aber in dem Fenster standen Blumen, eine prachtvolle Monatsrose, zwei
Resedastckchen und zwei Heliotropen, und unter Dawison's Bild war ein
kleines Struchen von knstlich gemachten, aber tuschend nachgeahmten
Vergimeinnicht, Veilchen und Maiblmchen befestigt.

Das war der ganze Zierrath, wenn wir die drftige Bibliothek ausnehmen,
die aber nur aus kaum zwanzig Bnden bestand. Da war ein Band mit
Byron's Werken in der Original-Ausgabe, die Dramen von Schiller, Lessing
und Gthe, und Heine's, Freiligrath's und Rckert's Gedichte, und ein
dicker Band, der Shakespeare's gesammelte Werke ebenfalls im Urtext
enthielt, lag, den Hamlet aufgeschlagen, auf dem Tisch.

Rebe hatte augenscheinlich darin gelesen, aber selbst diese Lectre
konnte ihn nicht fesseln; andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum,
und berhaupt sah er heute bleich und angegriffen aus, als ob er eine
schlaflose Nacht gehabt oder vielleicht gar durchgeschwrmt htte.

Aber, lieber Gott, schwrmen -- wovon? Seine kleine Gage hielt ihn eben
am Leben in der theuern Stadt -- selbst den Genu einer Cigarre mute er
sich versagen, wenn er sich nicht in Schulden stecken wollte; ein Glas
Bier Mittags gehrte zu seinen Extravaganzen -- nein, eine schwere
Lebenssorge lag auf seinem Herzen.

Der Souffleur, welcher es von seiner Zimmernachbarin, dem Frulein
Bassini, erfahren, hatte ihm allerdings unter dem Siegel der
Verschwiegenheit -- mitgetheilt, da Frulein Bassini's Schwager,
Henriettens Vater, als reicher Onkel von Amerika zurckgekommen wre,
aber an dem nmlichen Tag war ihm selbst seine kleine, untergeordnete
Stellung an der hiesigen Bhne gekndigt worden, und er besa nicht
einmal Geld genug, um auf Reisen zu gehen und sich ein neues Engagement
zu suchen, viel weniger eine Zeit lang zu zehren, wenn er nicht gleich
an einer andern Bhne placirt werden konnte. Und wo durfte er das jetzt
im Sommer hoffen, wo die meisten Theater sogar geschlossen waren?

Und Henriette -- durfte er jetzt wagen, ihr wieder zu nahen, wo er
selber sogar brodlos geworden und ihr nichts, nichts auf der weiten
Gotteswelt bieten konnte, als seine Liebe? Sie htte ihn nicht
verschmht, das wute er; aber durfte er ein solches Opfer annehmen?
Nie. Er htte seine Selbstachtung verloren fr immer und keinem Menschen
mehr offen in's Auge sehen knnen.

Nein, er selber mute sich erst wieder eine Stellung im Leben erringen,
mute selbststndig dastehen, und dann -- wenn das Loos auch noch so
bescheiden war, das er der Geliebten bieten konnte--, dann erst durfte
er ihr wieder frei und offen nahen und seine Werbung erneuern. Jetzt war
sie fr ihn verloren, unerreichbar verloren.

Und wem verdankte er dies Alles? Wem anders, als diesem ungebildeten,
aufgeblasenen Gecken, diesem Handor, der sich nur hier an der Bhne
hielt, weil sich das Publikum einmal an ihn gewhnt hatte und das
Frauenvolk in seine hbsche Larve vernarrt war. Hatte er es denn nicht
in den letzten zwei Jahren schon an mehreren anderen Bhnen versucht, um
ein besseres Engagement zu erlangen, und war er nicht immer mit
Schimpf und Schande hierher, als letztem und einzigem Zufluchtsort,
zurckgekehrt? Aber Rache wollte er wenigstens an ihm nehmen. Die
Vorstellung des Hamlet muten sie noch vorber lassen, das sah er
selber ein, die durfte nicht gestrt werden, aber dann konnte er ihm
auch nicht die verlangte Genugthuung weigern, er durfte es nicht -- und
nachher? Bah, was lag daran -- sein Leben war ja doch verfehlt, sein
Lebensglck vernichtet und zerstrt, was lag daran, was aus ihm wurde --
ob er jetzt ganz verdarb und unterging!

Sein Leben verfehlt? Oh, er htte bittere Thrnen weinen mgen, wenn er
daran dachte, mit welcher Liebe und Leidenschaft er Alles hinter sich
geworfen, was andere Menschen fr ihn aufgebaut, nur um sich ganz und
ausschlielich der Kunst in die Arme zu werfen!

Hatte denn die blinde, urtheilslose Menge Recht, wenn sie auch das nur
einen Broderwerb nannte? Gab es denn wirklich kein hheres, ideales
Ziel dabei, und war auch das Gefhl, das er in seinem eigenen Herzen
fr einen Funken himmlischen Feuers gehalten, der ihn entzckte und
begeisterte, nichts als Lge, nichts als eine Tuschung seiner selbst,
ein mattes, wrmeloses Irrlicht gewesen, das nur allein dazu gedient, um
ihn vom rechten Wege abzulenken?

Das war der bitterste Gedanke, der ihn qulte -- alles Andere htte er
leicht und gern ertragen, Mangel, Sorgen, Zurcksetzung -- lieber Gott,
sie gehrten dazu und jedes Talent hatte sich durch sie hin die Bahn
zu Licht und Freiheit ffnen, und oft erzwingen mssen -- aber besa er
wirklich das Talent? Hatte Handor Recht, der ihm erst gestern wieder
mit kalten, hhnischen Worten gesagt, da er es nie weiter als bis zum
Sthletragen auf den Brettern bringen wrde? Oder war es nur Bosheit,
nichtswrdige, tckische Bosheit von ihm gewesen? Er selber fhlte die
Begeisterung, fhlte die Kraft in sich, das Schwerste zu unternehmen
und zu berwinden -- aber besa er sie auch, und wrde ihn der Director,
der, wie er recht gut wute, sich die grte Mhe gab, junge und
tchtige Krfte heranzuziehen, so leicht entlassen haben, wenn er selber
auch nur eine Spur davon in ihm entdeckt?

Oh, diese Zweifel an sich selbst, wie sie ihn peinigten und seinen sonst
so frischen Muth niederdrckten! Und Keiner, Keiner war da, der ihn
aufgerichtet htte nur mit einem einzigen Wort des Trostes; keinen
Freund hatte er, in dessen Brust er sein warmes Herz nur ein einziges
Mal htte ausschtten drfen! Wo sollte er ihn auch finden? -- Ihre
Gelage feierte er nicht mit, Wirthshuser zu besuchen, Bier- oder
Weinstuben, verstatteten ihm seine drftigen Mittel nicht; sein
Mittagessen verzehrte er in einem ganz abgelegenen, obscuren Local, wo
eine verhltnismig gute Kost zu einem migen Preis verabreicht wurde.
Er selber besuchte Niemanden, aus Furcht, Jemandem zur Last zu fallen --
und wer sollte _ihn_ besuchen in seiner drftigen Bodenkammer? Er stand
allein, ganz allein in der Welt, und das einzige Wesen, das ihn nicht
verachtete und auf ihn herabsah, das einzige Wesen, was ihm in Liebe und
Treue ergeben war und ihn so glcklich, so selig htte machen knnen,
das mute er meiden, durfte ihm nicht wieder nahen, und fhlte selber,
wie sich unbersteigliche Schranken zwischen ihnen aufgethrmt.

Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen ging er raschen
Schrittes in seinem kleinen Gemache auf und ab, als es heftig an die
Thr klopfte. Ehe er aber nur Herein! rufen konnte, ffnete sich diese
schon, und das spitze, rothe Gesicht des Souffleur Mauser erschien
mit einem laut herausgeschrieenen Guten Morgen, Herr Rebe! auf der
Schwelle.

Guten Morgen, Herr Mauser, sagte Rebe, und was bringen Sie mir?

Bringen? lachte der Eintretende, indem er die Thr hinter sich zuzog
und es auch nicht der Mhe werth hielt, seine Cigarre ausgehen zu lassen
-- habe ich schon Jemandem etwas gebracht, ausgenommen zu Neujahr einen
kleinen Repertoirschwindel? Fllt gar nicht vor, aber -- ein paar Worte
im Vertrauen wollte ich mit Ihnen reden, Herr Rebe, und deshalb bin ich
hergekommen.

In der That? sagte Rebe kopfschttelnd -- aber dann bitte, setzen Sie
sich -- und was ist es, was Sie mir vertrauen wollen?

Ja, seh'n Sie, Herr Rebe, rief Mauser und unterbrach seine Rede
wieder, denn die Cigarre war am Ausgehen gewesen und er mute eine Zeit
lang heftig ziehen, um sie wieder in Gluth zu bringen, zu vertrauen
habe ich Ihnen eigentlich nichts, sondern wollte Ihnen nur... --die
verdammte Cigarre hat gar keine Luft -- haben Sie nicht eine andere?

Ich rauche gar nicht, Herr Mauser.

Ja so -- ich wollte, ich tht's auch nicht; es kostet jhrlich ein
schmhliches Geld. Ich wollte Ihnen nur einen guten Rath geben, wenn
Sie ihn nmlich annehmen, denn die Herren Knstler haben gewhnlich ihre
Sparren fr sich, und glauben, sie knnten es allein -- was aber wren
sie ohne den Souffleur, he? Wenn ich einmal mein Buch da unten zumache,
so hrt die Geschichte da oben auf, wie eine abgelaufene Spieldose, und
sie knnen nur den Vorhang fallen lassen.

Sie drften wohl Recht haben, lchelte Rebe wehmthig -- bei Vielen
ist das in der That der Fall.

Ob ich Recht habe! Glauben Sie mir, lieber Rebe, ein Souffleur guckt
nicht umsonst das ganze Jahr hinter die Coulissen und peitscht alle
Proben mit durch. Der Director und der Regisseur -- bah, wenn die da
oben an ihrem Tisch sitzen und das groe Wort fhren, glauben oft, da
sie die Weisheit mit Lffeln gefressen haben! Ich knnt's ihnen sagen,
alle Nasen lang, wo es fehlt und wo's hapert, denn ich habe die ganze
Geschichte am Fdchen! Aber Mauser ist klug, Mauser hlt's Maul und
denkt: wo's Dich nicht juckt, da kratz' Dich nicht -- so denk' ich!

Was aber hat das mit dem guten Rath zu thun, den Sie mir geben wollten,
Herr Mauser? sagte Rebe, der sich heute gerade nicht in der Stimmung
fhlte, das Geschwtz des Mannes mit anzuhren. Ich begreife nicht
recht...

Das will ich Ihnen sagen, unterbrach ihn Mauser, indem er die jetzt
wirklich ausgegangene und halb zerkaute Cigarre rgerlich und ziemlich
rcksichtslos in die nchste Ecke schleuderte, wie er das in der
Bierstube zu thun gewohnt war -- ich bin Ihr Freund, Rebe, ich meine es
gut mit Ihnen, ich kenne auch den ganzen Schwindel und die Geschichten,
die Sie hier gehabt haben, aber wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so
machen Sie einfach die Bude zu.

Die Bude zu?

Ja wohl, das heit: werfen die bunten Lappen fort und treten nicht
wieder auf!

Nicht wieder auf?

Nein, gehen vom Theater! Sie passen nicht dazu! Sie haben nicht den
rechten, genialen Wurf, es fehlt Ihnen -- mit Einem Worte, Sie sind kein
Schauspieler!

Wenn Sie nur so freundlich sein wollten, das Alles ein klein wenig
leiser zu sagen, mein lieber Herr Mauser, bemerkte Rebe, dem es aber
doch wie ein eisiges Gefhl durch's Herz scho -- hier nebenan wohnt
ein junger Mann, den Sie doch nicht in das Geheimni gezogen haben
wollen?

Geheimni? Verdammt wenig Geheimni ist dabei, Rebe! schrie Mauser
-- die ganze Stadt wei es! Aber Sie wissen auch, da ich nicht leiser
sprechen kann -- ich mu schreien, wenn ich nicht in dem verfluchten
Kasten sitze, und dort sitz' ich lange genug, das wei der Himmel,
Morgens vier, fnf Stunden, und Abends beinah' eben so viel!

Dann wollen wir lieber einen kleinen Spaziergang machen.

Dank' Ihnen -- jetzt will ich erst essen gehen und nachher schlaf' ich
-- bin auch nur heraufgeklettert, um Ihnen das zu sagen. Glauben Sie
mir, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, Sie passen nicht in die Lumperei
-- Sie sind ein anstndiger Kerl, aber ein anstndiger Kerl ist noch
immer kein erster Liebhaber, und der werden Sie im ganzen Leben nicht.

Ich danke Ihnen, Herr Mauser, sagte Rebe kalt, denn er fing an sich
ber den Menschen zu rgern, ich werde mir die Sache berlegen.

Ja, das kennen wir schon, brummte der Souffleur -- berlegen, das
heit, es noch eine Weile so hingehen lassen und dann doch thun, was Sie
freut -- Alte Geschichte! Aber meinetwegen -- wer nicht hren will,
mu fhlen, und das seh' ich jetzt schon; Sie geben keine Ruh', bis
Sie einmal eine grere Rolle irgendwo kriegen und dann richtig von der
Bhne heruntergepfiffen werden -- nachher ist Friede.

Sie urtheilen sehr hart.

Ich bin weiter nichts als Souffleur, aber ich kenne den Schwindel, Herr
Rebe -- ich kenne den Schwindel, mir brauchen Sie kein X fr ein U zu
machen, und ich habe schon Manchem auf den richtigen Weg geholfen -- das
ist mein Geschft.

Aber Sie werden mir doch zugestehen, da eine wahre und aufopfernde
Liebe zur Sache...

Papperlapapp, reden Sie mir nicht von Aufopferung und Liebe! rief der
Souffleur -- Sand in die Augen, das ist der Schwindel -- mit _einem_
Ohr unten im Kasten drin, und doch immer dabei thun, als ob man keine
Ahnung htte, da berhaupt ein Souffleur auf der Welt wre -- Liebe zur
Sache! Fragen Sie einmal Pfeffer! -- Apropos, Sie wissen doch, da der
Mann von Pfeffer's Schwester, der dicke Stelzhammer, steinreich von
Brasilien zurckgekehrt ist und die Jette jetzt einen Grafen heirathet?

Einen Grafen?

Gewi -- der Alte hat ihn sich besonders zu dem Zweck mitgebracht.
Waren auch bei mir und haben mir einen Besuch gemacht und den ganzen
Schwindel erzhlt -- das ist ein Glck, was das Mdel macht!

Aber das ist ja gar nicht mglich!

Mglich? Sagen Sie mir einmal, was auf dieser verrckten Welt nicht
mglich ist -- ich wei nichts. Aber ich habe schon zu lange mit Ihnen
geschwatzt -- Donnerwetter, fnf Minuten nach Zwlf -- meine Suppe wird
kalt! Also folgen Sie meinem Rath, Rebe -- berlassen Sie das Mimen
anderen Leuten, die es besser verstehen und die den Pfiff weghaben --
am besten, Sie gehen gleich unter die Millionre; sollte aber da keine
Stelle offen sein, na dann irgend ein ehrliches Handwerk, lieber ein
Tapezierer oder ein Riemer, wie ein schlechter Schauspieler. Sie sind
noch jung, Sie knnen noch Alles lernen, und da ich Ihr Freund bin,
knnen Sie daraus sehen, da ich Ihnen die Wahrheit sage. 'Morgen, Herr
Rebe! und seinen Hut aufgreifend und sich dabei an die Taschen fhlend,
ob er auch nichts vergessen htte, verlie er das Zimmer und stolperte
die etwas dunkle und steile Treppe wieder hinab.

Rebe war emprt ber das rcksichtslose Benehmen des Menschen, und
wer wei, ob er zu jeder andern Zeit die hochnasige Unverschmtheit
desselben so ruhig hingenommen htte. Jetzt war er gebrochen, und wie
der Mann kaum die Thr hinter sich zugeworfen, sank er auf einen Stuhl,
deckte sein Antlitz mit der Hand und sa dort still und regungslos eine
lange, lange Zeit -- er wute gar nicht, wie lange; er verga die
Zeit und sein eigenes Mittagessen, und nur das Eine Gefhl lebte und
arbeitete in ihm: das Gefhl seines Elends, seines Unglcks.

Und wieder wurden drauen Schritte laut -- es mute jemand Fremdes sein,
denn sie gingen herber und hinber. Rebe horchte auf -- links von ihm,
an einer verschlossenen Bodenkammerthr, wurde angeklopft. Er stand
auf und ging zur Thr, die er ffnete, denn der kleine Vorsaal war sehr
dunkel.

Ist Jemand da?

Sie entschuldigen, wohnt hier Herr Rebe?

Das bin ich selber -- bitte, treten Sie nher.

Ich stre doch nicht?

Nein -- mit wem hab' ich die Ehre?

Ich mu mich selber vorstellen, bester Herr, lchelte der kleine
Fremde etwas verlegen, und -- und komme auch nur im -- im Interesse
einer uns Beiden befreundeten Familie. Mein Name ist Jeremias
Stelzhammer.

Herr Stelzhammer? rief Rebe und fhlte, wie ihm in dem Augenblick das
Blut in einem wahren Strom in's Antlitz scho -- von -- von Brasilien
-- aber wollen Sie nicht Platz nehmen?

Bitte -- ja, sagte Jeremias, der berhaupt nicht recht wute, wie er
beginnen sollte. Sie -- Sie kennen mich also und haben von mir gehrt?

Ja, mein Herr, ich -- erfuhr, da Hen--, da Frulein Henriettens
Vater nach langer Abwesenheit zurckgekehrt sei, und -- habe mich
herzlich darber gefreut.

Danke Ihnen, sagte Jeremias und sa wieder fest. Er hatte etwas auf
dem Herzen, aber er konnte das rechte Ende nicht gleich finden, um es
abzuwickeln, und sah sich verlegen im Zimmer um -- und, lieber Gott, wie
rmlich sah es in dem Zimmer aus -- und doch wie nett und sauber!

Und was verschafft mir die Ehre? sagte Rebe endlich nach einer Pause.

Ja, sehen Sie, sagte Jeremias, also gewaltsam auf das gebracht, was
ihn heute Morgen hiehergefhrt, das ist eigentlich eine ganz curiose
Geschichte, und ich mte vielleicht ein Stck Weges dazu ausholen --
vielleicht geht's aber auch so, wenn wir gleich mitten hineinspringen.
Eigentlich wollte ich um die Sache nur so hinten herumkommen -- wissen
Sie, so im Gesprch -- aber Ihr Gesicht gefllt mir, Herr Rebe, und ich
glaube, ich kann mit Ihnen gleich von der Leber wegreden...

Sie wrden mich dadurch sehr verbinden, sagte Rebe, dem es bei der
langen Vorrede ganz unheimlich wurde. Was hatte der Mann nun wieder? Bis
jetzt bekmmerte sich Niemand um ihn, und heute gab Einer dem Andern die
Thr in die Hand -- war das ein neuer Freund, wie der Souffleur?

Jeremias mochte aber wohl fhlen, da er den jungen Mann in Verlegenheit
brachte, wenn er noch lnger zurckhielt, und fuhr deshalb, jetzt
wirklich mitten in den fraglichen Punkt hineinspringend, nur im Anfang
noch ein wenig stotternd, fort:

Sehen Sie, Herr Rebe, ich bin Henriettens Vater und -- mchte das
Kind gern glcklich wissen, was Sie begreifen werden -- und nun hat mir
Pfeffer, mein Schwager, die ganze Geschichte gestern Abend erzhlt, und
nun mchte ich Sie bitten...

Da ich Herrn Pfeffer's Haus nicht wieder betreten mge, nicht wahr,
Herr Stelzhammer? sagte Rebe bitter -- aber seien Sie unbesorgt, es
htte deshalb Ihres Besuches nicht bedurft, denn ich fhle selber, da
ich jetzt, hier aus meiner Stellung selbst geschoben und kaum im Stande,
mich allein am Leben zu erhalten, nicht das Recht habe, das Geschick
eines andern, mir theuren Wesens an das meine zu fesseln. Frchten Sie
nicht, da ich Ihnen wieder lstig fallen werde, wie es mein Schicksal
zu sein scheint, wohin ich komme. Sowie mein Contract mit diesem Monat
abgelaufen ist, verlasse ich Haburg, und ich glaube kaum, da Sie dann
je wieder von mir hren werden.

Sehen Sie, sagte Jeremias, der ihm indessen schweigend und
kopfschttelnd zugehrt, jetzt gehen Sie durch, gerade wie ein scheu
gewordenes Pferd, und immer nach der verkehrten Richtung. Seh' ich denn
aus wie ein so schrecklicher Tyranski Absolutski, der nur eben die Nase
nach Deutschland hineinsteckt und dann auch gleich sein Kind, um das er
sich die langen Jahre nicht gekmmert, unglcklich machen will? Lassen
Sie uns vernnftig mit einander reden, Herr Rebe, und ich glaube, ich
habe einen Ausweg fr Sie gefunden, oder -- wir knnen doch wenigstens
erst einmal sehen, ob wir keinen finden.

Ich wei nicht, was Sie meinen...

Ja, wenn ich aufrichtig sein will, wei ich es eigentlich selber noch
nicht recht, sagte Jeremias, sich hinter dem rechten Ohr kratzend,
denn ich -- ich mchte Ihnen doch nicht gern wehe thun, und -- und sehe
auch keinen andern Weg, als...

Bitte, geniren Sie sich nicht, lachte Rebe bitter -- weshalb sollen
Sie gerade der einzige Mensch in der Welt sein, der Rcksichten auf mich
nimmt?

Jetzt gehen Sie wieder durch, nickte Jeremias, aber es kann nichts
helfen -- so kommen wir nicht zu Ende. So will ich Ihnen denn sagen,
was ich mit meinem Schwager Pfeffer besprochen habe -- Jettchen wei
natrlich kein Wort davon--, und nachher wollen wir hren, was Ihre
Meinung von der Sache ist.

Ich bin in der That begierig!

Pfeffer meint, fuhr Jeremias fort, da Sie beim Theater
auerordentlich wenig Aussichten htten, es je zu etwas Vernnftigem
zu bringen, und da es schade um Sie wre, wenn Sie Ihre Krfte dabei
vergeudeten.

Das ist sehr liebenswrdig von Herrn Pfeffer...

Glauben Sie nicht, da er etwas auf Sie hat! rief Jeremias rasch --
er meint es wahrhaftig gut mit Ihnen und sprach nur Gutes von Ihnen,
und da Sie sonst ein braver und anstndiger Mensch wren!

Sonst?

Ja, -- nur zum Theater taugten Sie nicht -- Sie -- Sie wren zu...
--Hurrjeh, unterbrach sich Jeremias, es ist eine ganz verfluchte
Geschichte, wenn man es mit Jemandem gut meint und soll ihm dann
Grobheiten sagen, aber es geht ja nicht anders, und wenn Jemand einem
Andern einen kranken Zahn ausziehen soll, so mu er ihm auch wehe thun,
und man wei doch dabei, da es eben nicht anders angeht! Wenn Sie das
nur wenigstens auch wten!

Bis jetzt, sagte Rebe kalt, habe ich nur aus Ihren Reden ersehen, da
Sie, auf Herrn Pfeffer's Urtheil hin, mir den guten Rath geben wollen,
einer Laufbahn zu entsagen, die bis zu diesem Augenblick mein ganzes
und einziges Lebensglck ausgemacht hat. Wovon ich nachher leben soll,
darber wird Herr Pfeffer wohl selber im Unklaren sein, ganz abgesehen
davon, ob ich berhaupt nachher noch leben knnte.

Aber das ist es gerade, weshalb ich hergekommen bin! rief Jeremias
rasch. Glauben Sie denn, ich wollte mich blos unangenehm bei Ihnen
machen, um Ihnen etwas zu sagen, was Sie doch wahrhaftig nicht erfreuen
kann?

Es ist mir wenigstens lieb, da Sie das selber einsehen, sagte Rebe
ruhig, und ich bin Ihnen dankbar fr Ihren guten Willen -- mit was kann
ich Ihnen sonst noch dienen?

Na ja, nun werfen Sie mich lieber gleich 'naus! sagte Jeremias in
komischer Verzweiflung. Aber so hren Sie mich doch nur an. Das Theater
kann Ihnen wahrhaftig nicht so an's Herz gewachsen sein, da Sie gar
kein anderes Leben fr mglich halten! Du lieber Gott, was treibt man
nicht Alles, um ordentlich und ehrlich durchzukommen, und wenn ich Ihnen
Alles erzhlen knnte, was _ich_ schon gewesen bin, Sie wrden sich
wundern, so viel kann ich Ihnen sagen! -- Aber jetzt geht es mir gut,
fuhr er entschlossen fort, ehe Rebe ein Wort zu erwidern vermochte;
ich habe mir etwas erspart und nur den einzigen Wunsch, die Menschen
glcklich und zufrieden zu sehen, die ich -- die ich -- um die ich mich
eigentlich htte ein bischen frher bekmmern sollen. Jettchen aber ist
ein liebes, herzensgutes Kind, dem ich Alles zu Gefallen thun knnte,
und -- wenn sie auch noch nicht recht mit der Sprache herausgerckt ist,
so habe ich doch so viel gemerkt, da sie Ihnen gut ist und nicht das
Geringste dagegen wrde einzuwenden haben, wenn Sie im Stande wren, um
sie anzuhalten.

Aber? sagte Rebe, whrend er sich Mhe geben mute, seine Fassung zu
bewahren, ich mu Sie um den noch fehlenden Nachsatz bitten!

Aber, fuhr Jeremias entschlossen fort, das sind Sie jetzt noch nicht
und htten, allem Anschein nach, auch noch fr die nchste, vielleicht
fr eine sehr lange Zeit keine Aussicht dazu, und da -- mchte ich Ihnen
helfen.

Sie, Herr Stelzhammer? rief Rebe erstaunt -- und wie knnen Sie mir
helfen? Glauben Sie, da ich je im Stande wre, mich von meiner Frau
ernhren zu lassen?

Wenn ich das glaubte, sagte Jeremias trocken, so wre ich gar nicht
zu Ihnen gekommen. Nein, ich wollte einmal mit Ihnen sprechen, ob Sie
vielleicht doch nicht auf einen andern Weg zu bringen wren, und mu Sie
deshalb vorher -- mir, als Jettchen's Vater, drfen Sie das nicht bel
nehmen -- auf das Gewissen fragen: Lieben Sie das Mdel wirklich recht
von Herzen, und wrden Sie dieselbe, eben wenn Sie Ihr Brod htten, zur
Frau nehmen?

Herr Stelzhammer, sagte Rebe bewegt, indem er ihm die Hand
entgegenstreckte, vorher, und ehe ich Ihre Frage beantworte, mu ich
Ihnen ein Unrecht abbitten, das ich gegen Sie verbt!

Gegen mich?

Ja -- denn ich hielt Sie, als Sie dies Zimmer betraten, -- und auch
noch eine Zeit lang nachher -- fr einen jener wohlmeinenden Freunde,
die ihre Freundschaft nur darin suchen, sich ein Recht heraus zu nehmen,
grob zu sein, Sie sehen, ich bin aufrichtig...

Bitte, geniren Sie sich nicht, sagte Jeremias.

Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung, fuhr Rebe herzlich fort, indem er
die Hand des kleinen Mannes, die er noch immer in der seinen hielt, derb
schttelte -- ich habe Ihnen unrecht gethan, denn ich fhle, da Sie es
wirklich gut mit mir und Henrietten meinen!

Sollte so denken, nickte der kleine Mann; ich wute, da Sie dahinter
kommen wrden, wenn wir nur erst eine Weile beisammen wren.

Dann aber nehmen Sie die Versicherung, fuhr Rebe fort, da ich Ihre
Tochter viel zu aufrichtig und wahr liebe, um mein Unglck eine Ursache
sein zu lassen, auch das ihrige herbeizufhren. Ich trete jetzt hinaus
in die Welt -- mit geringen Hoffnungen, es ist wahr -- aber auch mit dem
festen, mnnlichen Willen, mir mein Leben zu erkmpfen, wie es Tausende
vor mir gethan haben. Geh' ich dabei unter, nun, dann ist nur ein doch
werthloses Dasein weniger. -- Gelingt es mir aber -- und trotz allem
Migeschick flstert eine Stimme in mir noch immer: Es wird! -- dann,
mein lieber Herr, hoffe ich Ihnen zu beweisen, mit wie heier Liebe ich
an Henrietten hange und -- da ich ihrer Werth bin!

Mein lieber Herr, sagte Jeremias, auf seinem Stuhl herumrckend,
das ist Alles recht schn und gut, da Ihr abgebrannt seid, wie jener
Pfarrer meinte, aber es bringt uns keinen Schritt weiter in der Sache,
denn wenn Jettchen Sie wirklich lieb hat, so glauben Sie doch sicherlich
nicht, da Sie ihr einen Gefallen thun, wenn Sie, wie Sie es nennen,
untergehen, so ehrenvoll das auch an sich sein mag.

Aber was kann ich thun?

Sie haben studirt, nicht wahr?

Ja...

Das ist eben der Teufel, meinte Jeremias, sich wieder hinter dem Ohr
kratzend, da mit den studirten Leuten am allerwenigsten anzufangen
ist! Sie verstehen Griechisch und Lateinisch und Alles, was sie im Leben
nicht gebrauchen knnen, aus dem Grunde; will man aber 'was Praktisches
mit ihnen anfangen, so hapert's an allen Ecken. Was in dem Amerika nur
allein fr eine Menge studirter Menschen herumhungern und ihrem Gott
dankten, wenn sie in ihrer Jugend ein Handwerk gelernt htten, ist ganz
unglaublich! Aber lassen Sie nur gut sein, unterbrach er sich rasch,
als er merkte, da Rebe etwas erwidern wollte; vielleicht finden wir
doch noch etwas, und dann sollen Sie sehen, da ich es wirklich gut
mit Ihnen meine, junger Mann, und Ihnen beistehen werde wie ein wahrer
Freund -- wir mssen nur erst auf den rechten Punkt kommen.

Aber was soll sich finden, bester Herr -- ein Engagement...

Reden wir nicht mehr davon, sagte Jeremias gutmthig; wenn Sie nicht
auf's Theater passen, hilft Ihnen auch ein Engagement nichts, und die
Zeit, die Sie dort auf's Neue verbringen, ist eben einfach auf den Kopf
geschlagen. Wir fangen 'was Anderes an -- mir gehen eine Menge Plne
durch den Kopf, und Sie sollen einmal sehen, in Zeit von vier Wochen
habe ich Sie da so hineingearbeitet, da Sie selber Ihre Lust und Freude
daran finden werden.

Herr Stelzhammer, sagte Rebe freundlich, aber auch fest und bestimmt,
die Zeit nur, die Sie hier mit mir vergeuden, ist verloren, denn mich
ziehen Sie nicht aus der vorgezeichneten Bahn.

Aber, mein bester Herr!

Bitte, lassen Sie nun auch mich reden. Ich kenne Herrn Pfeffer genau;
ich wei, da er von Herzen ein guter und sonst braver und ehrlicher
Mensch ist, aber er hat eine verbissene Natur und sucht besonders etwas
darin, auf das Theater zu schimpfen. Wenn man ihn reden hrt, so sollte
man glauben, er wre bei jeder neuen Rolle der unglckseligste Mensch,
so raisonnirt er und mit solcher Unlust geht er jedesmal daran, sie zu
lernen; aber nehmen Sie ihm einmal eine oder fordern Sie ihn einmal auf,
vom Theater zu gehen, so hren Sie, was er Ihnen sagt.

Pfeffer? -- Lieber heute, als morgen.

Ich kenne ihn besser. Er redet grundstzlich Jedem ab, zur Bhne
zu gehen, und was sein Urtheil ber mich betrifft -- ein so guter
Schauspieler er in seinem Fache sein mag--, so kann das fr mich keinen
entscheidenden Werth haben; denn hat er mich auch nur erst ein einziges
Mal in einer wirklich guten, ja, selbst nur in einer mittelmigen Rolle
gesehen? Habe ich denn hier am Theater -- ich wei selber nicht, weshalb
-- auch nur ein einziges Mal Gelegenheit bekommen, zu versuchen und zu
zeigen, was ich vermag? Nie -- nur zu Statisten- oder, kaum mehr als
dazu, zu kleinen, erbrmlichen Rollen bin ich verwandt worden, in denen
ich kaum ein paar Worte zu sprechen hatte und mich selbst schmte, wenn
ich, meiner unwrdig, so da drauen vor dem Publikum stand. Und jetzt
sollte ich die Bhne verlassen -- jetzt, mit dem nagenden Gefhl im
Herzen, da ich das Zeug zu etwas Besserem in mir trage? -- Glauben Sie
da selber, bester Herr, da ich bei irgend einer andern Beschftigung,
die Ihre Gte fr mich ausgedacht, Ruhe und Befriedigung fhlen, da
ich ausharren knnte, wo es noch immer in mir ghrt und treibt und die
Sehnsucht nach der wahren Kunst mich verzehren, aber auch zugleich zu
allem Andern untauglich machen wrde?

Ja, mein lieber, junger Freund, sagte Jeremias bestrzt, das wre
ja aber eine ganz verzweifelte Geschichte, und whrend Sie in der Welt
drauen nach der wahren Kunst suchen, die ich noch nirgends gefunden
habe, so alt ich bin, grmt sich das arme Jettchen daheim die Augen roth
und wird zuletzt eine alte Jungfer. Ueberlegen Sie sich die Sache nur
erst ordentlich. Sie glauben gar nicht, was der Mensch Alles kann, wenn
er nur ernstlich will.

Ich habe mir Alles berlegt, bester Herr, wieder und wieder, sagte
Rebe herzlich -- meine ursprngliche Carrire, durch welche ich im
Laufe der Jahre in der regelmigen Staats-Tretmhle meinen bestimmten
Platz und die Hoffnung auf Avancement htte bekommen knnen, habe ich
mir durch meinen Austritt verscherzt; die Herren nehmen Niemanden zum
Staatsdienst wieder auf, der einmal Schauspieler gewesen ist, obgleich
sie ihre Schauspieler weit besser bezahlen, als ihre Staatsdiener, und
dahin ist mir der Weg also grndlich abgeschnitten, -- zu etwas Anderem
passe ich nicht. Es giebt kaum einen unglckseligeren Menschen fr
irgend eine Speculation auf der weiten Welt, als mich; zum Kaufmann habe
ich nicht das geringste Talent, aber meine ganze Seele hngt am Theater,
und wem Gott einen solchen Trieb dazu in's Herz gelegt hat, der darf
und kann ihm nicht entsagen, wenn er seinen Lebenszweck nicht verfehlen
will.

Aber, mein lieber Herr Rebe, ich -- ich war auch schon einmal beim
Theater -- und wobei bin ich eigentlich nicht gewesen? sagte Jeremias
etwas kleinmthig.

Und haben Sie je den Drang gefhlt, rief Rebe begeistert, der Kunst
Alles, Alles opfern zu mssen -- selbst Ihr Leben?

Knnt' ich gerade nicht sagen, meinte der kleine Mann kopfschttelnd
-- ich sang und tanzte meinen Stiefel weg und freute mich nur immer auf
den Ersten, weil da Gagetag war.

Dann hat Ihnen das Verlassen der Bhne auch keine Thrne gekostet.

Ne, wahrhaftig nicht, besttigte Jeremias -- eh'r im Gegentheil. Ich
war seelenfroh, aus der Bude herauszukommen -- Kunst -- ja Kunst! Ich
habe keine Kunst darin entdeckt.

Und tadeln Sie mich deshalb, weil ich dabei aushalte, da ich mein
ganzes Leben, mein Glck, mein Alles daran setze, um mein Ziel zu
erreichen? Ich kann aber nicht anders, lieber Herr -- ich fhle, da
ich in jedem andern Fache, so freundlich Sie mir auch zur Seite stehen
wrden, eine unselbststndige, gedrckte Stellung einnehmen mte,
whrend ich hier ein weites, offenes Feld vor mir sehe, meiner Kraft,
meinem Ehrgeiz zu gengen. Bring' ich es dann zu 'was, so verdanke ich
bei Gott Alles nur mir selbst, was ich erstrebt, und kann dem Besten
stolz in's Auge sehen! War es ein Migriff, dann wird der arme Rebe
Niemandem mehr lstig fallen -- Niemand wird mehr von ihm hren und --
Niemand auch wohl mehr nach ihm fragen, setzte er leise hinzu.

Und ist das Ihr fester und letzter Entschlu? sagte Jeremias
kopfschttelnd.

Ich kann nicht anders, lieber Herr, sagte Rebe herzlich; ich mte
mich selbst verachten, wenn ich anders handeln wollte.

Das ist freilich recht traurig, nickte der kleine Mann mit dem Kopf,
indem er von seinem Stuhl aufstand, und mir thut dabei Niemand wie das
arme Jettchen leid, denn Sie selber wollen es ja nicht besser haben.

Mein armes Jettchen! sagte Rebe leise -- aber sie ist frei! fuhr er
leidenschaftlich fort -- glauben Sie nicht, da ich sie mit Wort oder
Bitte an das Leben eines Unglcklichen fesseln werde! Es war freilich
mein schnstes, seligstes Gefhl, der Gedanke, sie mir einst verdienen
zu knnen -- aber die Zeit liegt zu fern, zu ungewi, um sie zu binden!
Es war mein heiester Wunsch, sie glcklich zu wissen -- ich will nicht
die Ursache sein, das Gegentheil herbeizufhren!

Sie sind ein braver Mann, mein lieber Herr Rebe, sagte Jeremias
herzlich, indem er ihm nochmals die Hand reichte und die seine herzhaft
drckte; ich glaube, Jettchen wrde glcklich mit Ihnen werden, ob Sie
nun Schauspieler oder 'was Anderes wren...

Sie sind mir bse, sagte Rebe leise, der wohl bemerkte, da der Mann
noch einen Rckhalt hatte -- Sie halten mich fr einen eigensinnigen
Trotzkopf, der das Glck des ihm liebsten Wesens gleichgltig von sich
stt, nur um seinem Eigensinn zu frhnen.

Doch nicht, sagte Jeremias, mit dem Kopf schttelnd; ich begreife
freilich nicht, wie Jemand mit einer solchen Leidenschaft am Theater
hangen und Freude darin finden kann, sich in die Geschichte so -- ich
wei eigentlich nicht wie ich sagen soll -- so hinein zu bohren. Aber
ich begreife, da Jemand, der fest von irgend etwas berzeugt ist, auch
Hals und Kragen dransetzen kann, um es durchzufhren. Aber da stehen Sie
allein, da giebt es keinen Menschen, der Ihnen helfen und beispringen
kann.

Ich wei es, sagte Rebe ruhig, wei auch, welche schwere Prfungszeit
mich wahrscheinlich noch erwartet, und nur um das bitte ich Sie, denken
Sie nicht schlechter von mir, weil ich Ihr freundliches Anerbieten
zurckgewiesen habe -- glauben Sie nicht, da ich darum Henriette auch
nur um einen Gedanken weniger liebe, weniger bereit wre, ihr Alles
aufzuopfern, aber -- ich mu mich spter selber achten knnen. -- Kein
Vorwurf darf auf meiner Seele lasten, mir meines Strebens einst nicht
klar gewesen zu sein, mit Einem Wort: ich mu erst versuchen, ob ich
wirklich zu dem, was mein ganzes Sein erfllt, nicht passe und in der
That nicht im Stande bin, mir aus mir selbst heraus eine Carrire zu
schaffen. Dann, wenn ich das gethan, wenn ich gesehen habe, da ich mich
geirrt, will ich es aufgeben -- nicht mit blutendem Herzen, nein, mit
dem ruhigen Bewutsein, meine Pflicht gethan zu haben, und was dann aus
mir wird, das wei nur Gott!

Jeremias begriff nur halb, was Rebe sagte; er verstand etwa den Sinn der
Worte, aber nicht die mchtige Triebfeder seiner Handlungsweise, die er
in seiner Sprache mit dem kurzen, aber bezeichnenden Worte Dickkopf
wiedergegeben haben wrde. Aber unter solchen Umstnden lie sich hier
auch nichts weiter machen. Er selber hatte sein Mglichstes gethan,
Jettchen beizustehen; wenn der bhnentolle Schauspieler nicht wollte,
zwingen konnte er ihn nicht.

Na, mein lieber Herr Rebe, sagte er aufstehend, unter diesen
Umstnden lt sich vor der Hand gar nicht weiter ber die Sache reden.
Versuchen Sie's denn in Gottes Namen, und ich selber will Ihnen alles
Glck und allen Segen wnschen.

Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr, aber -- erlauben Sie mir
denn wohl, da ich, setzte er leiser hinzu, ehe ich von hier fortgehe,
Ihrer Tochter noch einmal Lebewohl sage?

Das kann man keinem Menschen verwehren, sagte Jeremias, mit dem Kopf
schttelnd; Abschied nehmen ist 'was Heiliges, aber -- setzen Sie mir
dem Mdel keine Schrullen weiter in den Kopf. Es wird dem armen Ding
wehe genug thun. -- Und Rebe's Hand noch einmal herzhaft drckend,
drehte er sich um und schritt zur Thr hinaus.




15.

Die Leseprobe.


George Monford hatte wirklich sein Aeuerstes geleistet und mit einer
ganz fabelhaften Ausdauer alle Schwierigkeiten, die sich ihm durch die
Krze der gegebenen Zeit entgegenstellten, um seine Lieblingsidee zur
Ausfhrung zu bringen, berwunden.

Wer aber jemals selber die Vorstellung eines Liebhabertheaters oder
selbst nur das Stellen von lebenden Bildern zu leiten bernommen gehabt,
wei allein, was fr ganz verzweifelte Dinge da geschehen knnen, welch'
enorme Rcksichten da genommen und welche Schleichwege eingeschlagen
werden mssen, um endlich all' die verschiedenen Kpfe -- und je
schner, desto schwerer -- unter Einen Hut zu bringen.

George hatte Alles durchzukosten. Hier nahm Einer die ihm berbrachte
Rolle an, um sie drei Stunden spter wieder unter irgend einem Vorwand
zurckzuschicken; dort war eine Person, auf die er fest gerechnet, so
pltzlich und ernsthaft erkrankt, da selbst ein Mglichkeitsversprechen
auer aller Frage blieb. ComtesseB. konnte mit BaronesseX. unmglich
zusammen wirken, da sich Letztere ber eine neue Robe der Ersteren
ungnstig ausgesprochen, was ComtesseY. zu Ohren von ComtesseB.
gebracht hatte. Hauptmann vonZ. sah sich nicht im Stande, eine
Civilperson zu spielen, whrend Lieutenant vonP. einen Hauptmann
vorstellen sollte. Es war rein zum Verzweifeln, all' diesen Bedenken
und kleinen Misren rechtzeitig zu begegnen, und George wechselte an
den beiden ersten Tagen an jedem dreimal seine Pferde und krnkte seinen
Reitknecht auf das Tiefste, der in der Zeit, in welcher er vor den
Husern hielt, gar nicht wute, was er mit den unruhigen, ungeduldigen
Thieren anfangen sollte.

Endlich, endlich, und ein tiefer Dankesseufzer hob seine Brust, hatte
er Alles im Stande, und nach ganz unsagbaren, aber jetzt berwundenen
Schwierigkeiten war die erste Leseprobe auf heut Abend festgesetzt.

Um das aber bewerkstelligen zu knnen, hatte ordentlich eine kleine
Verschwrung angezettelt werden mssen, denn Paula durfte natrlich
nichts davon merken, und war zu dem Zweck von einer andern, in das
Geheimni gezogenen Familie, die kein Contingent zu der Vorstellung
stellte, eingeladen worden.

Rottacks selber hatten sich erboten, diese erste Probe in ihren Rumen
abzuhalten, da man damit wechseln wollte, und Graf und Grfin Monford
ihnen schon deshalb an dem nmlichen Morgen eine sehr kurze und sehr
steife Gegenvisite fr den ersten Besuch gemacht. Es war das einmal Ton,
und diese langweilige und fr beide Theile gleich lstige Form durfte
Niemandem erspart werden.

Paula machte brigens ganz unbewut dieser ersten Vorbung die meisten
Schwierigkeiten, denn sie erklrte, nicht die geringste Lust zu haben,
die Gesellschaft zu besuchen. Sie fhle sich nicht wohl, sagte sie, und
scheue sich, unter Menschen zu gehen.

Paula sah in der That seit ein paar Tagen leidend aus; ihre Wangen waren
bleich, ihre Augen eingefallen, und das Schlimmste, ihr ganzes Wesen,
das sonst von Frohsinn strahlte, schien gedrckt.

Dem Bruder war das vor Allen aufgefallen, denn die Eltern schrieben
es, als eine Art von Widersetzlichkeit, dem ausgesprochenen Willen, die
Verlobung betreffend, zu und hteten sich wohl es zu bemerken. Man mute
Paula ein paar Tage sich selber berlassen, dann gab sich das auch Alles
von selbst, und sie war wieder die gehorsame, frhliche Tochter, wie
frher.

Nicht so George, der seine Schwester besser kannte. Er sah, sie war
wirklich nicht wohl, und zu ihr gehend, schlang er seinen Arm um sie und
sagte herzlich:

Was hast Du, Paula? Was fehlt Dir, Herz? Du siehst wahrhaftig bleich
und angegriffen aus!

Mir ist nicht wohl, George, sagte das junge Mdchen, ihr Haupt an
des Bruders Brust lehnend und vergebens bemht, ein paar vorquellende
Thrnen zurckzupressen; so viele Dinge gehen mir im Kopf herum -- ich
mu nur immer denken und denken, und das thut mir so weh!

Du darfst nicht grbeln, Schatz, trstete sie George und versuchte ihr
Antlitz sich zuzuwenden; aber sie litt es nicht. Da Du jetzt genug zu
denken hast, glaub' ich Dir ja von Herzen gern; aber es sind doch auch
nicht solch' traurige Dinge, die Dir dabei im Kopf herumgehen knnen,
um Dich so niedergeschlagen zu stimmen, wie Du jetzt dreinschaust. Hab'
guten Muth, mein kleiner, braver Paul, fuhr er schmeichelnd fort, als
sie ihm nichts erwiderte, sondern sich nur fester an ihn lehnte; Hubert
Bolten ist wirklich ein seelensguter Mensch, manchmal ein bischen
aufbrausend und leichtsinnig, aber, lieber Gott, das giebt sich Alles
von selber, wenn er erst einmal solch' eine kleine Hausfrau hat. Und
denke Dir nur, wie glcklich Du Vater und Mutter dadurch machst, die ja
ihr ganzes Herz daran gehangen haben -- und Hubert, hundertmal hat er
mich in der Stadt, wo er mich nur traf, gefragt, wie es Dir ginge und
was Du triebest, und zehnmal wr' er schon herausgekommen, wenn ihn die
Eltern nicht gebeten htten, vor der Verlobung jeden aufflligen Schritt
zu vermeiden.

Ach, George, ich kann Dir gar nicht sagen...

Bst, Schatz, da kommt die Mama, unterbrach sie George rasch, la
sie Dich nicht so traurig finden. Du weit, sie kann es nicht leiden,
obgleich sie die letzten Tage selber ganz entsetzlich finstere Gesichter
geschnitten hat.

Die Grfin kam durch den Garten auf die offene Salonthr zu, und
Paula hatte sich rasch aufgerichtet und die verrtherischen Thrnen
abgewischt. George hatte Recht, die Mutter mute mit ihrem Leid
verschont werden, und wo htte das Kind eigentlich seinen Schmerz am
ersten ausschtten, am leichtesten ausweinen sollen, als an dem Herzen
der Mutter!

Nun, Paula, Du bist noch nicht angezogen? Der Wagen wird gleich
vorfahren.

Im Augenblick, liebe Mutter, ich bin in wenig Minuten fertig; am
liebsten blieb ich freilich zu Hause.

Geh Du nur, mein Kind, die Zerstreuung wird Dir wohlthun; berdies
haben wir auch fest zugesagt.

Ich gehe ja, liebe Mutter, sagte Paula leise, wandte sich ab und
schritt ihrem Zimmer zu, in dem sie bald verschwand.

Mama, sagte George, der ihr schweigend nachgesehen hatte, whrend die
Mutter an den Tisch gegangen war, auf dem ein paar illustrirte Journale
lagen, wenn ich nur eine Ahnung davon htte, da sich Paula mit Hubert
wirklich unglcklich fhlen knnte, ich wte nicht, was ich thte!

Unglcklich -- sagte die Grfin, ruhig den Kopf herber und hinber
wiegend, ohne sich aber nach George umzudrehen -- denkst Du, da wir
selber die Verbindung zugeben wrden, wenn wir das frchteten?

Sicher nicht, Mama, sicher nicht; aber -- Paula hat sich in den letzten
zwei Tagen recht verndert, und -- wenn ich sie nicht so genau kennte
und nicht wte, da es unmglich wre, so wrde ich wahrhaftig glauben,
sie htte irgend eine andere heimliche Zuneigung.

Meinst Du? rief die Grfin, sich jetzt scharf ihm zuwendend. Hast Du
irgend einen Verdacht? Auf wen?

George schttelte mit dem Kopf. Ich schpfte Verdacht, sagte er, nur
ihres bleichen Aussehens und Trbsinns wegen -- aber auf wen? Ich wte
Niemanden zu nennen oder zu errathen, und so scharf ich sie auch in
diesen Tagen beobachtet habe, ich konnte nicht das Geringste entdecken,
was ihn besttigt htte. Ich wei mich auch in der That auf Niemanden zu
erinnern, den sie nur im Mindesten ausgezeichnet, ja, mit irgend einem
Antheil erwhnt htte, und mit mir spricht sie doch ber Alles und
plaudert frisch von der Leber weg, was ihr gerade auf die Lippen kommt.
Verstellungsgabe hat sie gar nicht -- ihre Seele ist so rein wie ein
Spiegel.

Die Grfin sah ihren Sohn fest, aber wie in Gedanken an; ihre Seele war
in dem Moment nicht bei dem Blicke und schweifte vielleicht zu anderen
Zeiten, anderen Scenen hinber; aber wie ein Schatten zog das ber ihre
Stirn, und sie sagte, nur langsam dabei mit dem Kopf nickend:

Du hast Recht, George, so wrde sich Paula nie verstellen knnen, und
wre dem wirklich so, dann htte sie doch ein Wort davon gegen mich oder
Deinen Vater geuert, wenigstens eine Andeutung dahin fallen lassen.
Es ist Laune bei ihr, weiter nichts, und Du wirst sehen, wie vollstndig
sich das schon in den nchsten Tagen giebt.

Das will ich recht von Herzen hoffen, Mama, sagte George mit einem
Seufzer, denn so knnte ich das nicht mit ansehen. Wenn mir nicht der
arme Hubert leid thte, wahrhaftig, ich wrde Euch selber bitten, die
Verlobung wenigstens noch eine Zeit lang hinaus zu schieben, da auch
Paula erst klar mit sich wrde.

Das geht nun nicht mehr, mein Kind, sagte die Grfin ruhig, es ist
Alles bestimmt angeordnet und zu viel Leute wissen auch schon darum; es
wrde nachher nur ein ganz unntzes, unangenehmes Gerede geben. Aber da
ist der Wagen, begleitest Du Paula?

Ja, Mama, aber wie kommst Du selber hinein?

Ich lasse mir die Droschke anspannen; sei nur pnktlich bei Rottacks,
denn ich -- mchte dort nicht gern lange warten.

Pnktlich, gewi, rief George; Rottacks sind brigens prchtige Leute
und gefallen mir auerordentlich -- auch nicht die Spur von Zwang oder
Zurckhaltung, und die Grfin ist so natrlich und herzlich, wie er
selber. Was ist sie nur fr eine Geborene -- hast Du nicht gehrt? Ich
bin an verschiedenen Orten danach gefragt worden.

Ich wei es nicht, erwiderte seine Mutter, indem sie sich von ihm
abwandte und zum Fenster schritt -- auf der Karte steht ihr Name
nicht.

Die bse Welt behauptet natrlich schon wieder, fuhr George fort, da
es eine Mesalliance sei; aber das glaub' ich auf keinen Fall, denn die
Grfin hat etwas so vornehm Edles in ihrem ganzen Wesen, was sie sich
im Leben nie angeeignet haben kann; das mu ihr angeboren sein. Doch
das bleibt sich gleich; ich meinestheils bin herzlich froh, da wir die
Leutchen nach Haburg bekommen haben, denn fr den Winter besonders sind
sie eine ganz kostbare Acquisition, und Du solltest sie einmal musiciren
hren!

Da kommt Paula; wirst Du sie wieder abholen?

Versteht sich; ich habe schon Alles mit ihr besprochen. Adieu, liebe
Mutter, auf Wiedersehen bei Rottacks!--

In Graf Rottack's kleiner, aber reizender Villa war der Salon fr die
erwartete Gesellschaft auf das Freundlichste hergerichtet und Alles fr
die erste abzuhaltende Leseprobe vorbereitet worden. Felix selber hatte
es arrangirt und kehrte jetzt in Helenens Zimmer zurck, in dem die
Kinder auf der Erde spielten.

Helene sa in einem Fauteuil vor ihrem Nhtisch, aber sie arbeitete
nicht; den Kopf in die Hand gesttzt, sah sie trumend vor sich nieder
und hrte nicht einmal, da der kleine Gnther sie schon dreimal gefragt
hatte, wo der Papa wre.

Erst bei Felix' Eintritt hob sie das Antlitz, und zwar wie erschreckt,
als ob sie gefrchtet htte, jemand Anders dort zu sehen.

Muth, Muth, mein Herz, rief ihr Felix frhlich zu; wir rcken jetzt
dem Augenblick, den Du so lange herbeigesehnt, rasch entgegen, und
das Glck selber hat uns darin begnstigt -- willst Du jetzt den Muth
verlieren?

Nein, Felix, sagte Helene freundlich; zrne mir nur nicht, da mich
eben das so schnelle Nahen des Augenblicks bestrmt, und -- Du weit,
ich bin ja manchmal wie ein thrichtes Kind -- mit Angst erfllt. Es ist
aber doch vielleicht nur die Unruhe der Erwartung.

Gewi, nichts weiter, liebes Herz.

Aber wie wollen wir es mglich machen, die Mutter hier unter den vielen
fremden Menschen allein zu sprechen? Es wird nicht angehen, und
wir werden den Moment wieder versumen und auf's Neue lange, lange
hinausschieben mssen.

Das ist mir auch schon im Kopf herumgegangen, sagte Felix sinnend.
Zuerst hatte ich gedacht, da Du vielleicht einen Vorwand fndest,
sie in Dein eigenes Zimmer zu fhren, aber ich hatte dabei gehofft Dich
ruhiger zu treffen, als Du wirklich bist; ich darf Dich nicht mit ihr
allein lassen, und es wird mir nichts Anderes brig bleiben, als
sie direct zu bitten, nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu
verweilen.

Sie wird es nicht thun.

Doch, mein Herz, nickte Felix, sie wird es thun, denn sie kennt
jetzt unser Geheimni -- sie mu es kennen nach dem Namen, den ich ihr
genannt, und wer wei, ob sie sich nicht selber danach gesehnt hat, Dich
aufzusuchen, und nur noch nicht wute, auf welche Weise das am besten
und am wenigsten auffallend geschehen knne. Wir kommen ihr damit auf
halbem Wege entgegen, und sie wird die Gelegenheit nicht vorbergehen
lassen, sich mit Dir auszusprechen, darauf kannst Du Dich verlassen, wie
auch immer sie gesinnt sein mge.

Meine Mutter! flsterte Helene, indem sie beide Hnde gegen ihr Herz
prete.

Ich bin fest davon berzeugt, Schatz, sagte Felix, dem jetzt Alles
daran lag, seine Frau zu beruhigen; denke doch nur, wie peinlich fr
sie ein solcher Zustand auf die Lnge der Zeit werden wrde, uns in
ihrer Nhe zu haben und dann immer nur zu scheinen, als ob sie uns fremd
wre. Sie wird die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, Dich allein zu
sprechen, und wenn sich die Gattin auch jetzt noch vielleicht dagegen
strubt, die ihr fremd gewordene Tochter anzuerkennen, die Mutter wird
der Umarmung ihres Kindes nicht widerstehen knnen.

Das gebe Gott, Felix, sagte Helene leise, denn wenn sie es thte,
wrde es mich recht, recht sehr unglcklich machen!

Sie thut es nicht, Herz -- aber wahrhaftig, da kommen schon die ersten
unserer Gste!

Papa, rief der kleine Gnther, der das Herumtanzen auf dem Teppich
satt bekommen hatte, spiel' ein bischen mit mir.

Ja, jetzt htt' ich Zeit, Du Schlingel, lachte sein Vater -- spiele
mit Dir, nicht wahr? Hinber zu Eurer Bonne! Bitte, Helene, la die
Kinder hinber bringen -- und da Ihr mir artig seid, das rathe ich
Euch, sonst drft Ihr heute Abend nicht mit uns essen! -- Und sich von
dem kleinen Burschen, der sich an ihn anhngen wollte, losmachend, eilte
er in das Empfangszimmer, um die eben eingetroffenen Herrschaften zu
begren.

Gleich danach fuhr George mit der Grfin Monford vor, und Helene war
jetzt selber so in Anspruch genommen, da sie sich schon gewaltsam
fassen mute, um keine Strung zu verursachen.

Und die Grfin selber erleichterte ihr das sehr, denn viel freundlicher
war sie heute, als noch je; sie reichte Helenen die Hand, was sie bis
jetzt noch nicht gethan, und sagte, wie sie bedaure, sie auf solche Art
in ihrer Huslichkeit zu stren und ihre Hlfe gleich, kaum nach der
ersten Bekanntschaft, in Anspruch zu nehmen; ihr George habe aber einmal
an die Sache sein Herz gesetzt, und der sei von einer Zhigkeit, die
einmal Erfates nie im Leben wieder loslasse, und wenn er deshalb alle
seine Mitmenschen bis zum Tode qulen sollte.

George war aber ihr Liebling, und sie sagte das mit einem so zufriedenen
Blick auf den eben Angeklagten, da man recht gut sehen konnte, wie wohl
es ihr selber thue, das einmal Begonnene mit Erfolg gekrnt zu sehen.

Helene war bei der freundlichen Anrede feuerroth geworden, whrend die
Grfin ihr ganz unbefangen gegenber stand; Felix aber, der, whrend er
mit George sprach, seine Frau nicht aus den Augen gelassen hatte, kam
ihr rasch zu Hlfe und bernahm selber die Erwiderung, indem er der
Grfin nochmals versicherte, wie sehr es sie freue, etwas mit zu dem
glcklichen Tag, der Verlobung der liebenswrdigen Comtesse, beitragen
zu knnen, und ihre einzige Furcht jetzt sei nur die, da sie, zum
ersten Mal etwas Derartiges unternehmend, am Ende ihrer Verpflichtung
nicht ordentlich wrden gengen knnen. Grfin Monford mge deshalb auch
seiner Frau die Befangenheit zu Gute halten, die sich aber jedenfalls
nach der ersten Scenenprobe geben werde.

Das Gesprch wurde jetzt allgemein, und whrend die Diener Kaffee,
Limonade, Wein und Backwerk herumtrugen, sammelten sich die
verschiedenen Gste, da noch nicht alle beisammen waren, in kleinen
Gruppen, bis endlich der Wagen mit den letzten Sumigen vorfuhr und
George jetzt darauf drang, an die Arbeit zu gehen.

Die Leseprobe verlief, wie alle derartigen Dinge, ziemlich glatt und
ohne besondere Strung. Durch George's Eifer, die Sache zu frdern,
waren mehr als hinreichende Exemplare gedruckt, um jedem Mitwirkenden
ein Heft zu sichern, so da die verschiedenen Herrschaften schon Zeit
genug gehabt hatten, das ganze Stck fr sich durchzulesen und sich
die Stellen, an denen sie selber einfallen muten, mit Rothstift
anzustreichen.

Wenn es trotzdem ein paar junge Damen mglich machten, noch unbefangen
in ihrem Hefte nachzulesen, whrend ihr Stichwort schon gefallen war,
und dann, als sie namentlich aufgerufen wurden, ganz erschreckt an einer
natrlich verkehrten Stelle einzusetzen, so amsirte das nur die kleine
Gesellschaft, setzte die betreffenden jungen Damen in Verlegenheit und
hatte weiter keine Folgen, als da die Stelle, mit einem kleinen Stck
voraus, noch einmal durchgenommen werden mute.

Endlich war Alles glcklich zum Schlu gefhrt und die Gesellschaft
hatte sich dabei mit dem aufgegebenen Stoff befreundet. Es war eins
jener reizenden kleinen franzsischen Lustspiele, die, eigentlich ohne
innern Gehalt, aber mit einem liebenswrdigen, piquanten Dialog und
glcklich erdachten, berraschenden Situationen, nicht allein den
Zuschauer fesseln, sondern auch gewhnlich mit ganz besonderer Vorliebe
von den Mitspielenden, die sich selber fr ihre Rollen interessiren,
ausgefhrt werden.

Einzelne Equipagen fuhren schon wieder vor, als Graf Rottack, der einen
Moment benutzte, wo er sich der Grfin Monford, von Anderen ungehrt,
nahen konnte, zu ihr trat und mit halblauter Stimme sagte, whrend er
dabei ein dort liegendes Album aufschlug, als ob er ihr die Kupferstiche
zeigen wollte:

Drfte ich Sie ersuchen, Frau Grfin, Ihren Wagen bis zuletzt warten zu
lassen; es ist eine Sache von hchster Wichtigkeit, die ich Ihnen, aber
nur Ihnen allein, mittheilen mchte.

Ein Geheimni? lchelte die Dame, aber mit einer Ruhe und
Unbefangenheit, die den jungen Grafen wirklich erschreckte, denn zum
ersten Mal zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: Hast Du Dich vielleicht
geirrt? Ist das am Ende gar nicht jene Grfin Monford? Diese Ruhe und
Geistesgegenwart wre ja, wenn seine Andeutung neulich auch nur mit
dem leisesten Hauch verstanden worden, rein unmglich, unbegreiflich
gewesen! -- Und bezieht es sich auf unsere Vorstellung? fuhr die
Grfin fort, als Rottack, ordentlich bestrzt, schwieg, indem sie sich
zu dem Album niederbeugte und mit ihrer Lorgnette das Bild betrachtete.

Nein, gndige Grfin, sagte Felix, der in dem Augenblick selber seine
Fassung kaum bewahren konnte, und trotzdem ist es vielleicht wichtig
genug, Ihre Aufmerksamkeit fr einen Moment zu fesseln; ich bitte Sie
dringend darum!

=Eh bien!= lchelte die Grfin, indem sie sich wieder aufrichtete;
ich wei berhaupt nicht, ob mein Wagen so pnktlich vorfahren wird,
da ich nicht glaubte, da wir unsere Probe so rasch beenden wrden --
wahrlich, wir haben erst halb sieben Uhr.

Ein paar Damen kamen jetzt auf sie zu, um sich bei ihr zu verabschieden;
eine von diesen hatte ein paar Mal kleine Irrungen beim Vorlesen
verursacht.

Nun, mein liebe Constance, lernen Sie brav, sagte die Grfin, da
Sie uns am nchsten Freitag nicht stecken bleiben -- George wrde
unglcklich sein.

Gewi, Frau Grfin, ich werde recht fleiig lernen, sagte das junge
Mdchen tief errthend, -- ich habe mich heute so geschmt.

Weshalb geschmt? Wir sind keine Schauspieler, liebes Kind, und die
Sache ist nicht halb so wichtig, wie sie George macht, lchelte die
Grfin. Sorgen Sie sich nur deshalb nicht, es wird schon Alles gut
gehen.

Wagen nach Wagen fuhr vor; nur der der Grfin Monford war noch nicht
darunter, und George hatte sich schon vorher verabschiedet, um noch
Einiges zu besorgen und dann Paula abzuholen. Jetzt nahmen die Letzten
Abschied.

Die Grfin Rottack wird mich noch kurze Zeit beherbergen mssen,
lchelte Grfin Monford, als sie den sich ihr Empfehlenden die Hand
reichte; mein Kutscher versumt wieder einmal die Zeit, es ist kein
Verla mehr auf die Leute.

Helene war mit ihrer Mutter allein im Zimmer, aber sie wagte nicht, sie
anzureden; es war ihr, als ob ihr die Luft zum Athmen fehlte, und ihr
Herz schlug strmisch in der Brust. Auch die Grfin sprach nicht --
hatte ein hnliches Gefhl sie erfat? Ihre Zge verriethen nichts
davon, und waren kalt und unerforschlich, wie immer.

Felix, der die Damen an den Wagen geleitet hatte, konnte sich denken, in
welcher Stimmung seine arme Gattin sich befinden wrde, und flog rasch
zurck.

Ich bin fr Niemanden jetzt zu sprechen, rief er dem Bedienten im
Vorzimmer noch zu, fr _Niemanden_, verstehen Sie?

Sehr wohl, Herr Graf.

Und nun Ihre Mittheilung, Herr Graf, sagte Grfin Monford, als er
das Zimmer wieder betrat; Sie haben den Zeitpunkt jedenfalls glcklich
gewhlt. -- Ich -- ich wei nicht, ob Ihre Frau Gemahlin davon
unterrichtet ist.

Helene wird uns einen Augenblick verlassen, sagte Felix, der, so keck
er jeder ihn selbst betreffenden Katastrophe entgegen gegangen
wre, doch hier fhlte, wie ihn sein gewhnlicher froher Muth, seine
Zuversicht verlie, wo es sich um das Wohl und Wehe des ihm liebsten
Wesens handelte und das Benehmen der Grfin selber ihn mit immer mehr
Angst und der Ahnung eines unglcklichen Ausgangs erfllte.

Also unter vier Augen, sagte die Grfin kalt und fast spttisch
lchelnd, whrend Helene sich mit einer Verbeugung in das Nebengemach
zurckzog, ohne da die Dame weiter Notiz von ihr genommen htte. Sie
machen mich wirklich neugierig, Graf Rottack.

Felix warf den Blick der Richtung zu, nach der sich Helene gewandt;
die Thr war verschlossen, und mit vor innerer Bewegung fast unhrbarer
Stimme sagte er:

Es ist in der That etwas Wichtiges, um das es sich hier handelt, Frau
Grfin, denn das Glck des mir theuersten Wesens auf der Welt, das Glck
meiner Helene, hngt von dieser Stunde ab!

Und stehe _ich_ damit in Verbindung? sagte die Grfin kalt und stolz,
indem sie dabei fest seinem Blick begegnete.

Ja, sagte Felix leise, aber entschlossen, denn er fhlte, da jetzt
die Zeit zum Handeln gekommen sei und er jede andere Rcksicht bei Seite
lassen msse. Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Grfin, hren Sie mich
geduldig nur wenige Minuten, und dann -- wenn Ihr eigenes Herz nicht
jetzt schon fr uns spricht -- mgen Sie selber entscheiden, ob die
Sache -- wichtig genug war, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen.

So reden Sie, sagte die Grfin, indem sie auf dem ihr gebotenen
Fauteuil Platz nahm.

Erinnern Sie sich, Frau Grfin, begann der junge Mann, whrend es ihm
schwer wurde, die ersten Worte hervorzubringen, da ich Ihnen neulich
in Ihrem eigenen Schlosse sagte, Helene sei die Tochter der Grfin
Baulen, die sich in der Provinz Santa Clara in Brasilien damals
aufhielt, vielleicht noch da lebt?

Ich glaube, ja...

Sie glauben, ja? fuhr Felix fort, dessen Pulse jetzt rascher an zu
schlagen fingen. Und -- ist Ihnen dann Helene weiter nichts, als die
Tochter der Grfin Baulen -- oder jener Frau, die sich dort in ihrem
albernen Stolze Grfin nennt?

Die Grfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehrt; nicht ein
Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper
regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten
bleicher geworden wren, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte
ihn tuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung
und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang
geschwiegen, als ob sie erwartete, da er noch einmal fortfahren wrde.
Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:

Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, da Sie mir
solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft
mittheilen: ich wei nicht, ob Sie gut daran thun.

Frau Grfin, rief Felix, ist des denn mglich, da ein menschliches
Wesen solche Selbstbeherrschung zu ben vermag, wenn -- aber jetzt kann
es nichts helfen, unterbrach er sich rasch, wir verlieren die kostbare
Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie mssen Alles wissen: so vernehmen
Sie denn, da Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer
Vermhlung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist -- da sie dabei
fhlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht
verlangt. Das Geheimni soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und
undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen -- aber Helenens
Seele drngt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter
liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur
von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wten,
was das arme Kind gelitten, fuhr der junge Mann lebendig fort, als
die Grfin schwieg und leise mit dem Kopf schttelte -- wenn Sie ahnen
knnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur
einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr mdes Haupt an ihre
Brust legen zu drfen, Sie wrden Mitleid mit ihr haben...!

Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf, unterbrach ihn die
Grfin, denn irgend ein Geheimni liegt hier zu Grunde, das Sie im
Begriff sind, einer vllig unbetheiligten und demselben fernstehenden
Person zu enthllen. Hier mu ein Irrthum obwalten, und ich -- will
nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen;
da es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich
ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darber zu verlieren.

Kein Wort mehr davon? wiederholte Rottack staunend; und ist es
mglich, da -- aber nein, unterbrach er sich rasch, Sie glauben
sicherlich, da nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt
getrieben. Sehen Sie her, Frau Grfin -- kennen Sie diesen Brief? Kennen
Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie
heute Morgen die Gte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen
Kommens zu senden -- kennen Sie diesen Brief?

Die Grfin hatte einen flchtigen Blick ber die Zeilen geworfen, und so
riesenstark sie bis jetzt Alles zurckgehalten, was ihre Seele bewegen
oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefhl verrathen konnte
-- dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen
erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte
-- aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen;
ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund
umzuckte Trotz und Aerger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen
fester Stimme sagte sie:

Also die Aehnlichkeit einer Handschrift soll hier gemibraucht
werden...

Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Grfin, rief Felix rasch
und erschreckt, auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wre
furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten
Gotteswelt, den wir gegen Sie haben -- sehen Sie hier! -- Noch whrend
er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an
einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzndet;
er hielt den Brief darber -- er flackerte auf, und nachdem er ihn
zwischen den Fingern hatte vollstndig verbrennen lassen, warf er die
Asche auf den leeren Rost. -- Glauben Sie jetzt noch, da hier von
einem Mibrauch die Rede sein kann?

Die Grfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf
und forschend auf den edlen Zgen des jungen Mannes. Mit vollkommen
wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres
starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:

Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die
Handschrift war allerdings tuschend hnlich; aber Sie werden auch
fhlen, da ein weiteres Gesprch ber diesen Gegenstand nur fr beide
Theile peinlich werden mte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.

Mutter! sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die
Frau fast unwillkrlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen
in Thrnen gebadet, die Hnde gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf
der Schwelle.

Fast unwillkrlich wandte sich die Grfin halb ab, als ob sie den Platz
rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte
doch ihr besseres Gefhl.

Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf, sagte sie; es thut
mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Tuschung gewesen zu
sein, aber ich hoffe und wnsche nicht, da das unsern weitern Verkehr
stren mge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.

Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Fe
selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie
ohne eigenen Willen, und ihre Hand fate die der Grfin und zog sie an
ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau.
Aber ehe sie dazu kam, hatte Grfin Monford ihren Arm gefat, und sich
an Felix wendend, rief sie:

Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie -- geistige
Ueberreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich;
erklren Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen -- ich werde morgen
nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert,
die arme Frau -- Sie drfen sich nicht so aufregen, liebes Kind -- ich
hoffe, da wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf! Und sich leicht,
aber stolz verneigend, whrend Felix zu Helenen gesprungen war und sie
untersttzt hatte, verlie sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den
Blick zurckzuwenden.

Drauen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen
strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten spter
hrten sie das Knirschen der Rder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr
Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:

Verloren -- auf immer verloren!




16.

Vornehme Welt.


Grfin Monford war drauen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich
nur mit dem einen kleinen Wort Nach Hause! zu dem Bedienten, der den
Schlag fr sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und
der Kutscher hielt drauen rechts ab, um das Gewirr der Schtzenwiese
zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das
Gedrnge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch
konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder
einzgelte, und als die Grfin, unzufrieden damit, den Kopf hob,
erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und
den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke
hielten und sie begrten.

Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben? rief George,
indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. Nicht wahr, es
sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht bel Lust, mit Hubert einmal
vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.

Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter? sagte die
Grfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend -- thue das
heute lieber nicht, George; die junge Grfin hat heftige Kopfschmerzen
bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.

Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?

Migrne.

Fhrst Du direct nach Hause, Mama?

Ja; kommt nicht zu spt und lat mich nicht so lange allein.

Nein, gewi nicht; in einer halben Stunde hole ich Paula ab. Aber die
Pferde wollen nicht lnger stehen -- guten Abend!

Die Grfin nickte Beiden freundlich zu, und die Droschke rollte weiter,
whrend die jungen Leute ihre Pferde wieder wandten, um ihren Ritt zu
beenden. Die Thiere waren aber durch das Halten ungeduldig geworden,
und Hubert's Fuchs besonders, ein englischer Vollbluthengst, stieg und
tanzte auf den Hinterbeinen und konnte nur mit Mhe von seinem gerade
auch nicht sanftmthigen Herrn gebndigt werden.

Eben hatte er ihn wieder fest im Zgel, als ein armer Teufel, ein junger
Bursch mit einem Schiebkarren voll Tpferwaaren, die er irgendwo zum
Verkauf ausstellen oder herumfahren wollte, auf der Strae herabkam und,
durch das unruhige Pferd irre gemacht, nicht gleich wute, nach welcher
Seite er ausbiegen sollte. Dadurch that er das Verkehrteste: er blieb
dicht vor dem hochgeladenen Karren halten, und als dieses halb davor
scheute und, von dem Zgel dabei gerissen, auf die Seite und an den
Karren hinantrat, klapperten die Tpfe, und das Pferd schlug erschreckt
danach und mitten in die zerbrechlichen Waaren hinein.

Der junge Graf ri es allerdings wieder herum; es begann aber sein
Tanzen jetzt von Neuem, und Hubert, irritirt, setzte ihm die Sporen ein,
da es wild zusammen- und an dem Karren vorbeifuhr. Der Reiter aber,
der es fest im Zgel hatte, nun er an dem unglcklichen Topf-Fuhrmanne
vorberflog, hieb diesen mit der Reitpeitsche ber den Kopf und hatte
dann alle Hnde voll zu thun, da der Hengst nicht mitten in die
Menschen hinein- und mit ihm durchging. Die Leute hatten aber vor
dem scheuen Pferde Platz genug gemacht, und ihm jetzt halb den Zgel
lassend, flog er mit ihm die Allee hinab.

Oh mein Gott, meine Tpfe, mein Kopf! klagte inde der arme
Karrenfhrer, der im ersten Augenblick gar nicht wute, was ihm weher
that, der Hieb oder die Vernichtung seiner Waare.

Hubert's Reitknecht sprengte an ihm vorber, seinem Herrn nach. George
aber, dem der arme Bursche leid that, zgelte sein Pferd ein und hielt
neben ihm.

Wie gro ist der Schade? rief er freundlich. Ich mache es gut -- der
Herr da vorn konnte sein Pferd nicht halten...

Ach, und wie hart er mich geschlagen hat -- ich war doch gewi nicht
schuld daran!

Wie gro ist der Schade, wie viel Tpfe sind Dir zerbrochen? Sag'
rasch, mein Junge, denn mein Pferd wird auch ungeduldig.

Ach, Du lieber Gott, klagte der arme Teufel, ich wei es ja nicht --
gewi ber einen Thaler, und der groe Topf da unten ist auch entzwei!

Da, rief George, indem er in die Tasche griff und ihm ein Goldstck
hinberwarf, -- so behalte das Andere als Schmerzensgeld! Und ehe ihm
der Bursche danken konnte, lie er seinem Thier den Zgel und trabte
rasch die Allee hinab.

Um die Biegung derselben hatte Hubert seinen Hengst endlich wieder zum
Stehen gebracht und erwartete ihn.

Ob Einem das Lumpenvolk wohl je mit seinem Karren und Fuhrwerk
ausweicht! rief er ihm entgegen -- ich denke, der wird aber das
nchste Mal vorsichtiger sein!

Der arme Junge konnte nichts dafr, Hubert; Dein Hengst nahm ja die
ganze Strae ein -- Du bist zu rasch gewesen.

Ach was -- der Hieb wird ihm gut thun, und seine Tpfe mag er sich
wieder zusammenleimen!

George schwieg, und die beiden jungen Leute setzten jetzt, aus dem
Menschengewirr heraus, ihren Spazierritt ruhiger fort, bis sie in die
Nhe des Hauses kamen, in dem Paula heute zum Besuch war. George wollte
dort absteigen und mit seiner Schwester zurckfahren.

Noch ehe sie das Haus erreichten, kam Handor die Strae herunter und
grte. George zgelte sein Pferd ein.

Reite voran, Hubert -- ich habe mit dem Herrn dort etwas zu sprechen.

Mit dem? sagte Hubert verwundert -- das ist ja der Schauspieler...

Ja -- Handor -- ich komme gleich nach. -- Hier, Karl, nimm mein Pferd,
la ihm aber den Zgel etwas weit; es geht ganz ruhig nebenher, und
halte Dich nirgends mehr auf. Du reitest gerade nach Hause.

Sehr wohl, Herr Graf.

Der Reitknecht griff den Zgel des Thieres auf und George, der indessen
abgestiegen war, schritt auf den ihn erwartenden Handor zu, dem er die
Hand reichte und mit ihm langsam die Strae hinaufging.

Hubert, der sich nicht denken konnte, was Graf Monford mit dem
Schauspieler zu verkehren habe, schttelte den Kopf, trabte aber dann
bis zu dem Thorweg des Hauses, mit dessen Insassen er ebenfalls bekannt
war, um dort wenigstens Paula begren zu knnen und George's Rckkehr
zu erwarten.----

Die kleine Zwischenscene mit dem bermthigen jungen Grafen und dem
Tpferjungen hatte sich gerade vor Pfeffer's Fenster abgespielt.

Seine Schwester war krnker geworden -- mglich, da die neuliche
Aufregung mit dazu beigetragen hatte, aber der Arzt, welcher jetzt
tglich und manchmal zweimal am Tage kam, hatte angeordnet, da ihr Bett
in die luftigere Stube geschafft werden und sie dasselbe nicht verlassen
sollte. Auch verbot er jedes Rauchen im Zimmer; der scharfe Dampf that
der Brust der Kranken weh.

Jeremias wich fast nicht von ihrem Bett, und wenn er ausging, brachte
er gewi irgend etwas mit, von dem er glaubte, da es ihren Zustand
erleichtern oder ihr angenehm sein knne -- und wie Vieles gab es
da, denn die bisherige Einrichtung der Familie war ja nur auf das
Nothdrftigste beschrnkt worden und hatte selten oder nie auf eine
selbst einfache Bequemlichkeit ausgedehnt werden knnen!

Und Jettchen sah fast noch krnker aus, als ihre Mutter, denn der Vater
hatte ihr seine Unterredung mit Rebe erzhlt, und wenn sie ihm auch
Recht geben mute, wenn sie auch fhlte, da er gehandelt habe, wie er
als ehrlicher und selbststndiger Mann handeln sollte, so konnte sie
sich doch auch der Ueberzeugung nicht verschlieen, da damit ihre
letzte Hoffnung zerknickt und der Geliebte fr sie verloren sei. -- Und
die Mutter fhlte das mit ihr, und deshalb besonders war ihr Geist so
niedergedrckt, der Krper so jeder Lebensthtigkeit beraubt worden,
weil die Sorge um das liebe Kind ihr Herz und Sinn erfllte.

Pfeffer selbst war in einer ganz verzweifelten Stimmung. Die Angst um
die Schwester, deren Zustand er vielleicht noch fr viel bedenklicher
hielt, als er wirklich war, litt ihn nicht in seinem Zimmer, und drben
durfte er nicht rauchen -- Ha und Ingrimm erfllten ihn dabei gegen
seinen Director und die Ursache alles dieses Unheil, den aufgeblasenen
Handor, wie er ihn nannte, ohne da er irgend ein Mittel wute, einem
von ihnen beizukommen.

Hundertmal im Tage, nachdem er im Krankenzimmer auf und ab gelaufen war
und die Kranke ordentlich nervs gemacht hatte, scho er in seine Stube
hinber, griff eine Pfeife auf, ging damit zum Tabakskasten, fand dort,
da sie schon gestopft sei, und stellte sie unwillig wieder bei Seite.
Nachher fing er an seine Dose zu suchen, die er aber in der ewigen
Unruhe nie finden konnte und dadurch nur immer irritirter wurde.

Und dabei mute er Komdie spielen, erst den Schuster in Lumpaci
Vagabundus und dann, zwei Abende spter, den Grafen in Aschenbrdel --
und daheim den Familienjammer; denn wenn er es sich auch nicht merken
lie, ging ihm Jettchen's Herzenskummer fast eben so nahe, wie der
Schwester Krankheit. Es war rein zum Tollwerden, und Pfeffer, der
berhaupt nicht zu den geduldigsten Naturen gehrte, htte heute Brunnen
vergiften knnen.

Jetzt stand er wieder am Fenster und sah, wie die Reiter die Allee
herabgesprengt kamen, wie das Pferd des einen scheu wurde und dieser den
armen Teufel von Schiebkrrner mihandelte. Und wie fing er da oben
am Fenster jetzt an zu schimpfen, und zwar laut hinaus und mit der
geballten Faust nach der Allee hinber drohend, da Jeremias gar nicht
wute, was er hatte, und zu ihm trat.

Nun seh' Einer das vornehme Gesindel an! schrie er -- Sie Lump, Sie!
Sie Baron, Sie Junge -- na, wenn ich nur unten wre!

Uebrigens war es sehr gut fr ihn, da er nicht unten war und berhaupt
Niemand in der Allee hren konnte, was er rief, denn jedes einzelne Wort
htte Anla zu einer Injurienklage geben knnen.

Aber was hast Du nur, Frchtegott?

Was ich habe? Ist es denn nicht zum Halsabschneiden, wenn man zusehen
mu, wie dieses bermthige Gesindel den armen Arbeiter behandelt? --
Haut ihn mit der Peitsche ber den Kopf! Htt' ich eine Flinte gehabt,
vom Pferde htt' ich den Cujon heruntergeschossen!

Aber schrei doch nicht so, die Schwester ngstigt sich ja -- sie
zittert so schon an allen Gliedern...

Und ich wohl nicht? -- Aber vor Wuth!

Aber der Herr da unten giebt dem Mann ja Geld!

Der Andere war's -- sein sauberer Compagnon -- und das ist nun die
bevorzugte Klasse, die hhere Schicht der Gesellschaft; das sind die
Reprsentanten von Bildung und Intelligenz! Gott straf' mich, wenn man
nicht manchmal verrckt werden mchte, nur ein solches Komdienspiel
auer der Bhne anzusehen!

Wer war es denn?

Kenn' ich die Laffen alle, die mit Glachandschuhen und einem Titel und
Orden in der Welt herumlaufen? Irgend einer der Gesellschaft, ob er nun
Herr von so oder Herr von so heit!

Aber, lieber Schwager, wir knnen die Welt nicht ndern...

Und wozu spielen wir denn Komdie? rief Pfeffer, immer noch in voller
Wuth -- weshalb fhren wir ihnen denn auf der Bhne immer auf's Neue
ihre Albernheiten und Schwachheiten, ihren Stolz und Dnkel, ihre Snden
und Laster vor, als um sie zu bessern? Aber Gott bewahre, da sitzt das
verstockte Volk selber im ersten Rang, hrt und sieht zu und applaudirt
sogar noch mit, wenn man ihnen mit Gift und Galle einmal ordentlich die
Wahrheit gegeigt hat! -- Aber Gott bewahre, das geht sie ja nichts an,
die Canaille, die da gemeint ist, heit ja Franz Moor oder Prsident so
und so -- das sind _sie_ ja nicht -- sie sind Cavaliere von reinem Blut
und Stammbaum -- Herrgott von Danzig! und seine Hausmtze auf's linke
Ohr schiebend, rannte er aus dem Zimmer, zog sich drben an und lief
dann direct hinaus in's Freie und weit in den Wald hinein, nur um seinem
Aerger und Ingrimm Luft zu machen.----

Handor war eben von seinem Spaziergang in die eigene Wohnung
zurckgekehrt. Unten im Hause traf er auf den Theaterdiener, der gerade
bei ihm gewesen war, aber wieder fort wollte, da er einen Geldbrief
abzugeben hatte. Er nahm ihn mit hinauf in die Stube, da er quittiren
mute.

Er wohnte in der Hauptstrae in der ersten Etage eines nicht groen,
aber sehr freundlichen und netten Hauses =chambre garnie=. Die
Einrichtung war elegant: Mahagoni-, mit rothem Plsch gepolsterte Mbel,
groer Spiegel in Goldrahmen, Kupferstiche und Oelbilder an den Wnden.
Bcher standen nirgends. Nur auf dem Secretr lagen zwei oder drei
ziemlich neue Bnde und auf dem Tisch ein paar illustrirte und fnf
oder sechs verschiedene Theater-Zeitungen -- einige von diesen unter
Kreuzband, wie sie von der Post gekommen, und noch nicht einmal
geffnet.

Bitte, lieber Peters, kommen Sie hier mit herein, sagte Handor, indem
er, von dem Theaterdiener gefolgt, voran in sein Zimmer schritt und
noch im Eintreten den Brief erbrach; ich gebe Ihnen die Quittung gleich
wieder mit. Hat der Director nichts weiter gesagt?

Gesthnt hat er, sagte der Mann, indem er, obwohl schon in der offenen
Thr, trotzdem noch gewissenhaft vorher anklopfte -- wie er immer thut,
wenn er Geld hergeben soll. Zh ist er wie der Deubel.

Wenn er es nur hergiebt, Peters, lachte Handor, indem er die Banknoten
nachzhlte -- das ist die Hauptsache.

Ja und er hat's doch, beim Deubel, nicht nthig, bemerkte Peters,
denn was fr Einnahmen haben wir jetzt gehabt! Beim Lumpaci Vagabundus
war das Haus gerappelte voll, und ebenso beim Goldonkel und dem
Aschenbrdel, und da neulich in der Ifagenia Niemand drin war -- lieber
Gott, das wei er einmal, da ihm in den Schksbier seine Stcke Niemand
'nein will!

Das wre nicht bel, Peters -- der Hamlet nchstens soll hoffentlich
ein volles Haus machen.

Ist er auch von dem?

Von Shakespeare? Gewi!

Peters zuckte die Achseln und hielt mit seiner Meinung zurck. -- Sagen
Sie 'mal, Herr Handor, fuhr er nach einer Weile fort, ist es denn
wahr, da Herr Rebe abgeht?

Ich glaube, ja; ich wei es nicht, Peters, erwiderte Handor, die Noten
noch einmal berzhlend.

Schade um das junge Blut, meinte der Theaterdiener, mit dem Kopf
schttelnd, ist ein recht ordentlicher Mensch -- da htten wir lieber
den Nler fortschicken sollen, mit dem ist's nichts, und er lernt nicht
einmal. Ueber den sollten Sie den Mauser reden hren! Wenn der ihm seine
Rolle nicht laut vorschrie', gb's jeden Abend ein Unglck!

Ja, mein lieber Peters, das sind Sachen, die mich nichts angehen und
um die ich mich nicht bekmmere. Alle Wetter, jetzt ist mir die Dinte
wieder eingetrocknet -- ach, bitte, springen Sie doch einmal zum
Hausmann hinunter, da der Ihnen ein wenig in das Dintenfa giet!

Ih, lassen Sie einmal sehen, sagte Peters, das Dintenfa schrg gegen
das Fenster haltend, denn es dmmerte schon stark -- da gieen wir ein
bischen Wasser darauf und dann thut's es noch einmal.

Ja, das wird gehen -- da steht noch ein Rest Rothwein, nehmen Sie etwas
von dem.

Wrde mich der Snde scheuen, Herr Handor, sagte Peters, die
Gottesgabe in die Dinte zu gieen -- der Wein erfreut des Menschen
Herz.

Na, dann trinken Sie ihn und nehmen Wasser, lachte Handor -- dort auf
dem Schrnkchen steht die Caraffe.

Danke schn, wollen Beides besorgen -- es kommt nur immer auf die
richtige Eintheilung an, wie ich unserem Secretr wohl zehnmal am Tage
sage! Damit hatte er seine alte Mtze, die er auf der Strae immer keck
auf dem linken Ohr trug, abgelegt und die Dinte in wenigen Minuten so
verdnnt, da Handor doch seinen Namen damit unterschreiben konnte und
ihm jetzt die Quittung reichte.

Danke gehorsamst. -- Wollen wir den Wein wieder wegstellen? sagte dann
Peters zurckhaltend.

Den sollten Sie ja trinken!

Der Wohlthtigkeit keine Schranken gesetzt, wie auf den Zetteln des
Kirchenconcerts steht, bemerkte Peters, indem er sich selber ein Glas
herbeiholte, den Wein hineingo und den Rest auf einen Zug leerte.
Donnerwetter, das ist guter Stoff, Herr Handor! fuhr er, sich den
Mund wischend, fort -- so etwas kommt eigentlich selten an einen
Theaterdiener, immer nur Haburger Dnnbier, mit Respect zu melden --
Fubad, wie wir's in der Krone nennen. Nu, danke auch recht schn!

Und das fr Botenlohn, sagte Handor, indem er ihm ein Geldstck in die
Hand drckte.

Auch noch? bemerkte Peters -- ja, da sieht man gleich, was ein erster
Liebhaber ist -- ein erster Tenorist zahlt nie ein Trinkgeld, wenn er
Vorschu kriegt; sie meinen immer, es kme zu oft und liefe zu viel
in's Geld. Also 'pfehle mich Ihnen, Herr Handor -- morgen haben Sie doch
nichts zu thun, nicht wahr? Ach so, es ist ja Oper -- also vergngten
Abend -- nun, mit dem kleinen Paketchen da kann man sich schon einen
vergngten Abend machen, und es reicht auch ein Stck in die Nacht
hinein.

Und damit scho der gesprchige Diener der Musen wieder zur Thr hinaus,
whrend Handor, der sich indessen Licht angezndet hatte, den Brief des
Directors mit den Augen berflog. Bei dem Abschiedsgru des Burschen
nickte er nur mit dem Kopfe.

Der Brief war kurz und lautete:

Mein lieber Herr Handor! Es ist eigentlich vollkommen gegen meine
Grundstze, irgend einem Mitglied zweimal im Monat Vorschu oder sogar
die erst zum Ersten fllige Gage voraus zu zahlen. Ich will dieses Mal
eine Ausnahme machen, da der Erste ja bald ist, und um Sie auch bei
guter Laune zu erhalten. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.

  Ihr ergebenster Krger, Director.

Noch whrend er las und ein leichtes, spttisches Lcheln ber seine
Zge blitzte, klopfte es stark an die Thr. Fast unwillkrlich nahm er
das Paket Banknoten, schob sie in die Tasche und rief dann: Herein!

Der Anklopfende lie sich nicht lange bitten.

Guten Abend, Herr Handor! Das freut mich ja sehr, da ich Sie endlich
einmal zu Hause treffe -- ich bin heute schon viermal da gewesen und
immer umsonst!

Ah, Meister Seilitz, sagte Handor, der seine Augen mit der Hand gegen
das Licht schtzen mute, um ihn zu erkennen -- wenn er ihn nicht
schon an der Stimme erkannt hatte, denn er schien eben nicht angenehm
berrascht von der Entdeckung, -- und was verschafft mir die Ehre Ihres
fnfmaligen Besuches?

Ja, mein bester Herr Handor, Sie wissen ja wohl -- die Rechnung. Dem
Fabrikanten mu ich vierteljhrlich seine Tuche bezahlen, die Gesellen
wchentlich, und ich bin nicht mehr im Stande, die Auslagen zu
bestreiten, wenn mich meine Kunden so im Stich lassen. Ich mchte
Sie dringend bitten, mir wenigstens einen Theil meiner Rechnung
abzubezahlen!

Mein guter Herr Seilitz, sagte Handor lchelnd, Sie wissen aber doch,
da ein Schauspieler nie vor dem Ersten Geld hat, und mit dem besten
Willen wr' ich jetzt nicht im Stande--

Aber Sie erinnern sich doch, Herr Handor, da ich Ihnen das letzte Jahr
hindurch regelmig am Ersten meine Aufwartung gemacht habe, und der
Himmel wei, wie es kommt, ich konnte nie den gnstigen Moment treffen,
denn einmal kam ich eine Stunde zu frh und das andere Mal eine Stunde
zu spt -- aber es war immer nichts.

Sie haben wirklich Unglck gehabt, Meister Seilitz, sagte Handor,
aber diesmal soll ihnen das nicht wieder so begegnen. Ich gebe Ihnen
mein Wort, da wir diesmal am Ersten meine Rechnung abschlieen --
vielleicht noch frher.

Ich wrde Ihnen unendlich dankbar sein, Herr Handor, sagte der
Schneidermeister, und da es nur noch ein paar Tage bis zum Ersten
sind, so will ich auch nichts weiter dagegen sagen. Dann aber mte ich
wirklich -- so leid es mir thun sollte -- die Gerichte zu Hlfe rufen,
denn ich _kann_ nicht lnger warten.

Nun, Meister Seilitz, wenn Sie mir auch nicht gerade gleich mit den
Gerichten drohen...

Es thut mir wirklich leid, Herr Handor, denn ich behandle meine Kunden
gern mit Achtung, aber...

Jetzt werden Sie doch so freundlich sein und mich verlassen, Herr
Seilitz, sagte Handor, der auch anfing rgerlich zu werden. Wenn Sie
bis zum Ersten Ihr Geld nicht haben, so thun Sie nachher, was Ihnen --
angenehm ist.

Sehr wohl, Herr Handor -- Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und
ich verlasse mich darauf. Sie wissen, wenn ich Ihnen einmal etwas
versprochen, habe ich es auch gehalten.

Das haben Sie -- also fr den Augenblick...

Ich will Ihnen nicht lnger lstig fallen -- am Ersten, Morgens
zwischen zehn und elf Uhr, werde ich mir wieder erlauben nachzufragen.

Sehr wohl, Herr Seilitz.

Guten Abend, Herr Handor.

Handor stand, als ihn der Mann verlie, mit dem rechten Arm auf den
Tisch gesttzt, die Linke in der Tasche, in die er die Banknoten
gesteckt, und blieb in der Stellung noch lange, nachdem sein Glubiger
schon die Stube und das Haus verlassen hatte. Leise nickte er dabei mit
dem Kopf und murmelte:

Das geht nicht mehr lnger so -- das geht bei Gott nicht mehr! Das
ist ein Hundeleben, und keine Existenz -- aber bah, rief er, den Kopf
zurckwerfend, da ihm das lange, lockige Haar aus der Stirn flog,
steh' ich denn nicht am Vorabend groer Ereignisse? Bis zum Ersten? --
Bis zum Ersten sind die Wrfel gefallen, und Sie bekommen Ihr Geld, Herr
Seilitz, oder -- Sie bekommen es nicht, setzte er gleichgltig hinzu,
ging zum Secretr, in dem er das eben vom Director erhaltene Geld, den
Rest seiner ganzen Gage fr diesen Monat, verschlo und den Schlssel in
die Tasche steckte. Dann klingelte er und nahm Hut und Mantel um, blieb
aber noch mitten in der Stube, so fertig angezogen zum Ausgehen, stehen,
bis die Thr aufging und sein kleiner Laufbursche, der aber eine dnne
Goldlitze als Ansatz einer Livre um den Rockkragen trug, in der Thr
erschien.

Ich gehe aus, Fritz.

Sehr wohl, Herr Handor.

Weit Du, wohin ich gehe?

In die Hlle, Herr Handor.

Allerdings, mein Bursche -- wenn Dich aber Jemand danach fragen
sollte?

Bis dahin werd' ich's wohl wieder vergessen haben, Herr Handor.

Gute Nacht, mein Bursche, sagte der junge Mann, ihm mit dem Kopf
zunickend, und stieg langsam und leise vor sich hin pfeifend die Treppe
hinunter.




17.

Festvorkehrungen.


Die nchsten Tage brachten in Haburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und
Vogelschieen waren vorbei, und die gewhnliche Erschlaffung nach allen
solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haburger
Jugend amsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden
gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden,
um einen Blick in die oft sehnschtig, jedenfalls neugierig umlagerten
Heiligthmer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg
gekrnt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre
Sehenswrdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit
war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld fr das
Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden,
zahlte ihnen doch keiner mehr Entre, und das Aufladen wurde ziemlich
ffentlich betrieben.

Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wibegierigen Jugend,
um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen
Persnlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht
noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Oellampen und im
bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.

Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den
Degen bis in den Magen stie, rief einer der Jungen seinem Nachbar zu,
indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.

Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grnen Jacke!

Der mit der langen Troddel an der Mtze, gewi; ich sag' Dir, ich kenn'
ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's
gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein -- das ist er.

Und Du, das ist das kleine Mdchen, das auf dem Seil tanzte -- na,
sieht die aber heute aus!

Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten
Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem
gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in grocarrirten
Hosen, trug eine gestickte Mtze mit einer wohl eine halbe Elle langen
Troddel von unchter Quaste, und war in eine grne, abgeschabte Pikesche
gekleidet. Das Mdchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darber ein
altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch -- und wie unbeschreiblich
prchtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.

Der Jugend blieb aber nicht lange Zeit, sich mit dem Studium der
verschiedenen Charaktere zu befassen, denn Einer rief es in diesem
Augenblick dem Andern zu, da die Thierbude ausgerumt wrde, und
Alles drngte dorthin, um einen Blick auf die wilden Bestien gratis zu
bekommen.

Boshafter Weise hatten die Wrter allerdings die verschiedenen Ksten
mit Matten und alten Decken verhangen, so da nichts frei blieb, als
einige Affen und ostindische Arras, die aber von keinem Interesse
waren, da sie den ganzen Markt ber auen an der Bude der Schaulust des
Publikums preisgegeben gewesen. Hier und da rutschte aber doch einmal
ein oder der andere Vorhang bei Seite oder war nicht gut genug befestigt
und glitt, das Innere des Kfigs enthllend, nieder.

Der Eisbr! ging dann der Ruf durch die ein Hurrah ausstoende Jugend.
Hast Du ihn gesehen? Und das war der eine Lwe!

Ach bewahre, das war ein Leopard.

Ja, Du weit's -- ich habe den Schwanz und das ganze Hinterbein
gesehen.

Du, da ist der Seehund -- hurrah! schrieen die Jungen, als das
fragliche Thier, durch die ungewohnte Bewegung vielleicht, aus seinem
Fa oder Kbel hinausschnellte und von dem zuspringenden Eigenthmer
wieder zurck in sein nasses Element geworfen wurde.

Es gab so viel zu sehen, das kleine Volk wute gar nicht, wohin es sich
zuerst wenden, was es zuerst anstaunen sollte, und doch starrte das
nackte Elend fast aus all' diesen halbzerrissenen Schaubuden dem
Sonnenlicht entgegen. Bleiche, berwachte Gesichter, schlecht und
rmlich gekleidete, aber trotzdem mit unchtem Schmuck bedeckte
Gestalten, widerliche rohe Kerle, die brennende Cigarre im Munde;
abgelebte, verdrossene Frauen oder freche Dirnen, die mit den
Vorbeipassirenden ihre nichts weniger als zarten Scherze trieben. Und
dabei hmmerten die Zimmerleute, warfen die Dcher der Buden hinab,
wo die bisherigen Inhaber derselben sie noch nicht einmal vollstndig
gerumt hatten, und allerlei wunderliches Fuhrwerk hielt dabei mitten
zwischen den verschiedenen Haufen von Knstlern, Kindern, Hunden,
Ponies und Affen, um ihre bunte Fracht aufzunehmen und dann einen
andern Platz, eine andere Stadt zu suchen, wo sie ihr trauriges Geschft
fortsetzen und ihr Leben fristen konnten.

Und wie froh waren die Insassen der benachbarten Huser, da dieses
wste Toben und Treiben, dem sie eine volle Woche hatten still halten
mssen, nun doch endlich einmal seinen Abschlu gefunden! Wie weggefegt
waren die Drehorgelspieler und Mordgeschichten-Ausschreier,
die Fleckenreinigungs- und Glasdiamanten-Mnner, die blinden
Bergwerksbesitzer und Luftballon-Jungen. Kein Kameel drckte mehr der
nordischen Promenade seine Fhrten ein, kein Brenpaar balgte sich
unterwegs zum Entsetzen harmloser Kindermdchen. Es war vorbei, das
Vogelschieen beendet, und die Stadt lag wieder still und ruhig
wie immer, die Bewohner derselben gingen auf's Neue ihren gewohnten
Beschftigungen nach.

Und doch bereitete sich schon wieder eine neue Aufregung fr die Stadt
vor, die aber dieses Mal nur in bestimmten und bevorzugten Kreisen
blieb: die Ankunft des Erbprinzen, die am ersten Abend eine
Festvorstellung im Theater erffnen und am zweiten ein Ball beschlieen
sollte, zu dem der grte Theil der =haute vole= und sogar auch sehr
viele brgerliche Familien geladen waren. Wie viele Hnde setzt aber
ein solcher Ball in Bewegung, denn was fr eine Masse von Putz und Staat
wird fr einen solchen Abend aufgespart und zur Schau gestellt, und wie
viel unsagbare Mhe kostet es, bis alle die nothwendigen Ingredienzen,
vom weien Atlasschuh bis hinauf zum dominirenden Haarschmuck,
ausgewhlt, geprft, verworfen, verndert und endlich fr brauchbar
befunden, zusammengetragen und zur wirklichen Benutzung hergestellt
sind!

Und wie wird da geschneidert und gestrkt, gewaschen, aufgeputzt und
abgemessen, und was fr groe Berathungen finden -- bei geschlossenen
Thren und im Corset -- statt, und mit welcher Wichtigkeit wird das
Alles betrieben, als ob das Wohl der einzelnen Familienglieder davon
abhange -- und wie wnschen sich die Tchter, da der Abend schon da --
und Vater und Mutter, da er erst vorber wre!

Dieser Hast des Zusammenbauens stand aber das Theater nicht nach, denn
es hatte sich herausgestellt, da Hamlet als Festvorstellung nicht
gengen wrde. Der junge Prinz -- oder der alte Hofmeister vielleicht
-- liebte nmlich auch Ballet, und da es sich doch nicht gut in den
Hamlet einlegen lie (obgleich einige Directoren doch vielleicht einen
Geistertanz in der Kirchhofsscene mglich gemacht haben wrden), so war
beschlossen worden, in den Zwischenacten, und zwar nach dem ersten und
dritten Act, eine besonders zu dem Zweck herbeigerufene Balletgre
springen zu lassen.

Das gab jetzt Proben. Der Theaterdiener kam gar nicht mehr von den
Fen, ausgenommen wenn er unterwegs einmal aus Versehen in ein Bierhaus
hineinfiel, wo er dann wunderbarer Weise fast jedesmal den Souffleur
Mauser traf. Dieser benutzte nmlich die verschiedenen Zwischenpausen
auf das Geschickteste, um sowohl seinen Durst wie Aerger mit einem
oder verschiedenen Glsern Bier hinunter zu waschen. Jede Probe und
Vorstellung erfllte ihn aber auch mit neuem Gift, denn er konnte noch
immer nicht die Zeit vergessen, wo er selber da oben auf den Brettern
gestanden und seiner Lunge freien Lauf gelassen hatte. Aber es war nicht
gegangen -- Chicane natrlich arbeitete dagegen an: das Publikum zeigte
sich in den ernstesten Scenen heiter, und der Director behauptete, da
er seine Rolle zu Schanden schriee. Da wurde er aus Rache Souffleur, und
der Ingrimm kochte mit ihm im Kasten drin.

Und heute erst -- heute war der Erbprinz angekommen, und Alles drngte
auf den Straen zusammen, um ihn vorberfahren zu sehen; nur in den
dsteren Theaterrumen hatte man keine Zeit dazu, denn dort wurde die
Generalprobe fr den heutigen Abend abgehalten, und Handor wute kein
Wort mehr von seiner Rolle.

Zehnmal wenigstens mute er den Hamlet schon gespielt haben, aber so
zerstreut wie heute war der unglckselige Mensch noch in seinem ganzen
Leben nicht gewesen, und Mauser htte ihn erwrgen knnen.

Der Director selber ging in Todesangst hinten auf der Bhne auf und
ab, denn Handor lie sich nie etwas sagen und war im Stande, wenn
er irgendwie gergert wurde, heut Abend statt seiner Garderobe ein
rztliches Zeugni auf die Bhne zu schicken, da er nicht spielen
knne. Er wollte wie ein rohes Ei behandelt werden, und wenn er
heute stecken blieb -- und nach der Generalprobe _mute_ er stecken
bleiben--: der Director trug eine Perrcke, aber er htte sich mgen
die Haare ausreien.

Rebe hatte die Rolle des Gldenstern, und in der Scene mit ihm und
Rosenkranz wute Handor in der That kein einziges Wort mehr; er mute
vor dem Souffleurkasten stehen bleiben und dem Souffleur nur eben
nachsprechen, was er ihm vorsagte. Es war eine peinliche Situation
fr die brigen Schauspieler, und nach der Scene, als Handor in das
Conversationszimmer ging, wo er eine Flasche Wein stehen hatte, folgte
ihm der Director.

Mein bester Herr Handor!

Herr Director?

Nicht wahr, Sie memoriren heute noch tchtig? Es -- es haperte ein
wenig; denn wenn wir uns heut Abend blamiren sollten...

Glauben Sie, da _ich_ mich blamiren werde, Herr Director? sagte
Handor.

Sie -- oh Gott, nein, gewi nicht, lieber Handor! Aber schon ein Zgern
im Dialog -- der Erbprinz kennt den Hamlet durch und durch, und Sie
knnen sich doch denken, da ich eine Art von Stolz darein setzen wrde,
wenn Sie ihn so recht packten und hinrissen!

Haben Sie keine Furcht, sagte Handor gleichgltig -- ich -- bin
heute Morgen etwas zerstreut -- ich erhielt gerade vor der Probe einen
unangenehmen Brief -- die Todesnachricht eines Verwandten; ich kann
meine Rolle, Sie werden heut Abend sehen.

Das gebe Gott! sagte der geplagte Director mit einem recht aus
tiefster Brust herausgeholten Seufzer; Sie wissen ja auch, Herr Handor,
da ich Ihnen berall gern gefllig bin, wo ich nur irgend kann.

Ich wei es, mein lieber Director; Sie werden heut Abend keine Ursache
haben, sich ber mich zu beklagen. Mauser soll mir kein einziges Wort
souffliren.

Mein lieber Herr Handor!

Gewi, mein bester Director; kommen, Sie, nehmen Sie ein Glas Wein mit
mir. Mir ist die Kehle wie ausgebrannt.

Ja, mir auch, sthnte der Director, indem er der Einladung Folge
leistete, und hier wollen wir auf eine gute und zusammengreifende
Vorstellung anstoen -- Hamlet lebe!

Hamlet der Dne lebe, lachte Handor, wenn Sie ihn auch heut Abend
umbringen lassen!

Ach, Du lieber Gott, wenn nur der Abend erst vorber wre! sagte der
Director, wischte sich den Schwei von der Stirn und griff dann seinen
Strohhut auf, um nach Hause zu gehen.--

       *       *       *       *       *

Drauen im Schlosse des Grafen Monford ging es fast noch unruhiger zu,
als im Theater, denn einige dreiig Gste waren auf heut Abend angesagt,
und die Vorbereitungen dazu wurden im groartigsten Mastabe getroffen.

Allerdings genirte den Grafen die Festvorstellung im Theater, und er
wrde die Verlobung seiner einzigen Tochter gern verlegt haben, wenn
sich nicht gerade an diesen Tag eine besondere Erinnerung knpfte. Aber
eben heute vor achtundzwanzig Jahren hatte er sich mit seiner eigenen
Frau verlobt, und es war schon seit langer Zeit sein Lieblingswunsch
gewesen, Paula's und spter George's Verlobung an dem nmlichen Tag zu
feiern. Selbst die Ankunft des Erbprinzen konnte deshalb keine Aenderung
in seinem ursprnglichen Plan hervorrufen, htte er sich selbst mit dem
regierenden Hause besser gestanden, als er wirklich stand. Aber das
war eine alte Geschichte, und der regierende Herr ihm einmal in einer
Rangsache zu nahe getreten, was ihm Graf Monford nie vergab; weshalb
also sollte er jetzt auch Rcksicht auf den Thronfolger nehmen! Es
geschah ihm ganz recht, wenn er den ersten Rang nur sprlich besetzt
fand, denn die Herrschaften hatten den Adel berhaupt vernachlssigt und
mochten es sich selber zuschreiben, wenn der Adel ein Gleiches mit ihnen
that.

Um so mehr fhlte sich aber der Graf Monford dafr verpflichtet, heute
jeden Glanz zu entfalten, den sein Haus bot, und whrend das ganze
Schlo von oben bis unten in einen blhenden Garten verwandelt worden
war, brach die Tafel fast unter der Last des Silbers, die sie zu tragen
hatte, und immer noch schleppten die Diener Kisten und Ballen herbei,
deren Inhalt die hier schon ausgestreute Pracht vermehren sollte.
Dadurch aber glich das Haus trotz der Blumen und der ausgestellten
Herrlichkeit mehr einer Packkammer, als einer Festhalle.

Graf George war den ganzen Tag abwesend, denn er hatte in der Stadt alle
Hnde voll mit der Inscenesetzung seines Stckes zu thun, welche auf der
Privatbhne einer andern befreundeten Familie in Haburg stattfand. Wie
erschrak er freilich, als er hrte, da die junge Grfin Rottack gleich
nach der Leseprobe unwohl geworden sei und einen ganzen Tag das Bett
hten mute. Er frchtete schon einen neuen Schlag fr sein Theater.
Glcklicher Weise war es aber nur ein leichtes Unwohlsein gewesen, und
sie fhlte sich schon am nchsten Morgen wieder wohl genug, die einmal
bernommene Pflicht auch zu erfllen.

Aber wie viel gab es fr den armen jungen, daran gar nicht gewhnten
Grafen noch dabei zu thun, und wie geheimnivoll mute das Alles
betrieben werden! Was fr Mhe hatte es auerdem gekostet, das kleine,
schon lange nicht mehr benutzte Privattheater im Schlosse selber wieder
in Stand zu setzen, ohne da Paula etwas davon merkte -- und nur der
geringste Verdacht wrde ja die ganze Ueberraschung zerstrt haben.
Paula schien ihm aber dabei ordentlich selber in die Hnde zu arbeiten,
denn sie sah nichts von Allem, was um sie her vorging, und war nie
zufriedener, als wenn sie ungestrt und allein in ihrem Zimmer bleiben
oder im Garten auf und ab gehen konnte.

Recht bleich und angegriffen sah sie aus, das konnte selbst dem jungen,
leichtherzigen Grafen nicht entgehen, und er hatte sie oft gefragt, ob
sie sich unwohl fhle, aber immer eine entschieden verneinende Antwort
erhalten. Sollte sie sich wirklich in der Verbindung unglcklich fhlen?
Aber Hubert war solch ein herzensguter und tchtiger Mensch, sie mute
glcklich an seiner Seite werden, noch dazu, wenn sie sah, wie glcklich
sie die Eltern dadurch machte. Das gab sich auch gewi schon nach
den ersten Tagen: nur das Neue der Situation, nur der Gedanke, in ein
vollkommen fremdes Leben selbststndig einzutreten, machte sie jetzt
so befangen und zerstreut und raubte ihren Wangen die sonst so blhende
Farbe, ihren Augen den gewohnten freundlichen Glanz. Damit beruhigte
sich George vollkommen, und hatte auch in der That jetzt so viel und
so Verschiedenes zu denken, da er gar nicht recht zu Besinnung kommen
konnte. Die Schwester htte ihm auch wirklich gar keinen greren
Gefallen thun knnen, als da sie sich still und abgeschlossen hielt.

Paula war in der Zeit viel im Garten und ihr liebster Spaziergang der
nach dem alten Thurm, wo sie Stunden lang allein und trumend sa und
nach den fernen Bergen hinberschaute. War sie doch auch jetzt von
ihrer Gouvernante oder Gesellschafterin vollstndig erlst, die sich
allerdings noch im Hause befand, aber alle Macht ber sie verloren
hatte.

Graf Monford wollte, da seine Tochter sich frei und unabhngig fhlen
lernen sollte, ehe sie das elterliche Haus verlie, und Paula dankte ihm
das wenigstens aus vollem Herzen.

Auch heute Morgen war das junge Mdchen erst langsam auf der Terrasse
eine Zeit lang auf und ab und dann ihrer Lieblingsstelle zugegangen, und
George hatte mit Schmerzen auf den Augenblick gewartet, wo er sie in
den Bschen verschwinden sah, denn eine neue Decoration, mit deren
Anfertigung sich der Maler versptet hatte, lag schon seit zwei Stunden
im Hinterhalt und konnte nicht in das Schlo geschafft werden, so
lange er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, da die Schwester
pltzlich aus ihrem Zimmer treten und ihm die ganze Freude stren
mchte.

Jetzt war sie fort, und eben wollte er den Befehl geben, die etwas
unbehlflichen Versetzstcke rasch herbeizuschaffen, als Mademoiselle
Beautemps auf dem Schauplatz erschien. Da die nicht schweigen konnte,
wo sie nur die Ahnung hatte, da es ein Geheimni galt, wute er
aus Erfahrung, und die mute deshalb ebenfalls unter jeder Bedingung
entfernt werden.

Ah, Mademoiselle, rief er ihr zu, wo haben Sie denn gesteckt? Paula
hat Sie schon seit einer Viertelstunde gesucht.

Die Comtesse mich? rief die Franzsin, nicht ohne Grund erstaunt; das
wre wunderbar.

Ja gewi, sie ist in den Garten gegangen, um Sie dort zu suchen. Im
Park oder am alten Thurm werden Sie sie finden.

Mademoiselle schttelte mit dem Kopf, folgte aber doch der Weisung und
nahm ebenfalls die von Paula eingeschlagene Richtung.

So, nun aber rasch, lachte George frhlich vor sich hin; tummelt
Euch, Ihr Leute, in zehn Minuten mu Alles im Hause und hinter
verschlossenen Thren sein, damit uns die Damen nicht wieder in den Weg
kommen, denn das Frulein wird bald wieder abgefertigt werden. Was Paula
nur denken wird, schmunzelte er dann leise vor sich hin, da ich ihr
die alte Franzsin ber den Hals schicke; aber heut Abend erzhl' ich
ihr, weshalb.

Die Leute sprangen mit gutem Willen zu, und die verschiedenen Coulissen
und Versetzstcke wurden rasch in's Schlo und die Treppe hinauf
gebracht. Nur der alte Jonas schttelte den Kopf dazu, da sie auch noch
gemalte Bume in das Haus schleppten, wo er selber schon Alles in einen
blhenden Wald verwandelt hatte, und schimpfte auf die ungeschickten
Trger, die ihm da und dort an den Ecken die aufgestellten Blumenstcke
umgeworfen und sogar ein paar Tpfe zerbrochen hatten. Nichts wie Aerger
mit dem unntzen Volk, das nicht einmal eine Distel von einer Camellie
unterscheiden konnte und so rcksichtslos mit der einen wie mit der
andern umging.

Mademoiselle Beautemps wandelte indessen in majesttischer Haltung den
Weg entlang, den vor ihr, leicht wie ein scheues Reh, Paula geschlpft
war, und wunderte sich im Stillen, was die Comtesse von ihr haben wolle,
da sie sich in der letzten Woche kaum mit einem Blick um sie gekmmert
hatte.

Ihre Stellung hier war berhaupt eine unhaltbare geworden, so strenge
Gewalt sie auch bis noch vor ganz kurzer Zeit ber die einzige Tochter
des Hauses ausgebt. Der alte Graf selber mochte sie dabei nicht leiden,
wie sie recht gut fhlte, und sie war auch schon fest entschlossen,
nicht, wie es vorher bestimmt, bis zur Vermhlung der Comtesse hier
auszuhalten, sondern gleich nach der Verlobung die Familie zu verlassen.
Was sollte sie auch noch lnger hier, wo sie doch nichts mehr befehlen
durfte und von keiner Seite geliebt, nur von der Grfin selber noch
gehalten wurde? Die Comtesse hate sie ja doch, das wute sie genau, und
das Gefhl war gegenseitig.

Albernes, eigenwilliges Ding, vom Glck verzogen, von ihren Eltern und
ihrer ganzen Umgebung verwhnt, nur nicht von ihr -- beim Himmel, nicht
von ihr! Hatte sie sich nicht aufgeopfert fr das alberne Geschpf und
sogar eine Stelle bei der Frstin Negitchow ausgeschlagen, und welchen
Dank dafr gehabt, als stummen Gehorsam und ein verdrossenes Wesen? Und
jetzt mute sie auch noch erleben, da sie die reichste und beste Partie
im ganzen Lande machte und dann jedenfalls mit Stolz und Hochmuth auf
sie herabgesehen htte; dem wenigstens wollte sie entgehen, den Kelch
sich ersparen und morgen -- sie war fest dazu entschlossen -- ihre
Stellung aufgeben und dann auch ohne Weiteres Haburg verlassen.

Mit diesen Gedanken, die langen, mageren Arme vor sich fest in
einander geschlagen, die Brauen zusammengezogen und die dnnen Lippen
eingekniffen, schritt sie vorwrts und erreichte jetzt, den Windungen
des mit Bschen besetzten Weges folgend, das kleine Plateau, auf welchem
der alte Thurm stand.

Von hier aus konnte sie freilich noch nicht die ganze Terrasse
berblicken; wie sie aber um den Thurm herumschritt, sah sie Paula,
die dort, den Ellbogen auf die niedere Mauer gesttzt, unter einer der
Aloevasen lehnte und einen kleinen, rosafarbenen Zettel in der Hand
hielt, der ihre Aufmerksamkeit ausschlielich in Anspruch zu nehmen
schien. So vertieft war sie in denselben, da sie nicht einmal das Nahen
der sonst so gefrchteten Gouvernante bemerkte, und erst als sie deren
Schritt auf dem knisternden Kies hrte, hob sie rasch erschreckt den
Kopf und knitterte zugleich das kleine Blatt wie unwillkrlich in ihrer
Hand zusammen.

Mademoiselle!

Gndige Comtesse sind so angelegentlich beschftigt, da Sie mein
Kommen nicht einmal gewahrten, sagte die Franzsin mit einer fast
spttischen Hflichkeit, indem ihr Blick scharf und forschend bald auf
den Zgen des jungen Mdchens haftete, bald zu der Hand hinflog, die
noch immer das Blatt, aber jetzt verborgen, hielt.

Und weshalb schleichen Sie hinter mir drein? sagte Paula finster, denn
zum ersten Mal erhob sich ihr Herz zum offenen Widerstand gegen die ihr
lstige, widerliche Persnlichkeit.

Schleichen, gndige Comtesse? lchelte die Mademoiselle. Wie ein
Grenadier bin ich aufgetreten, aber Sie hrten und sahen nicht. Es mu
etwas sehr Interessantes sein, was Sie da studirten.

Und was wollen Sie?

Was ich will? Ich knnte Ihnen einfach sagen, da ich spazieren ginge,
wie Sie, bemerkte die Gouvernante kalt; aber Sie scheinen selbst
vergessen zu haben, da Sie mich gesucht und nach mir verlangt. Graf
George schickt mich zu Ihnen.

Mein Bruder? Sie zu mir? Und weshalb, wenn ich fragen darf?

Ich sage Ihnen ja, da er behauptet, Sie htten mich gesucht.

Das ist denn ein Irrthum, erwiderte die Comtesse kalt, drehte sich
ab und lehnte sich wieder auf die Terrassenmauer, ohne ihre frhere
Gouvernante weiter eines Blickes oder einer Antwort zu wrdigen.

Die Franzsin fate ihre Unterlippe mit den Zhnen, und einen Augenblick
war es fast, als ob sie ihrer Gereiztheit ber solche augenscheinliche
Miachtung Worte leihen wolle; aber sie hatte das Terrain verloren. Ein
Zank mit der jetzt gefeierten jungen Herrin konnte ihr nur schaden,
und sich auf dem Absatz herumdrehend, schritt sie schweigend, aber in
wahrlich nicht besserer Laune den Weg zurck, den sie vorher gekommen,
und erreichte das Schlo eben wieder, als Jonas, leise dabei vor sich
hinmurmelnd, die umgeworfenen Blumentpfe auf's Neue ordnete.

       *       *       *       *       *

Oben im Park, der Stelle gerade gegenber, wo der Maulwurfsfnger an
jenem Morgen seinem heimlichen Angeln oblag, kniete jetzt der nmliche
Mann mitten auf der Wiese und war eifrig bemht, die dort gefangenen
Maulwrfe an ihrer Drahtschlinge aufzuheben, die Fallen wieder
zu stellen und die ertappten Uebelthter an einer schwanken Ruthe
aufzuhngen. Neben ihm sa sein Spitz.

Unten vom Drahtzaun her kam der Frster, die Flinte auf dem Rcken, den
gescheckten Jagdhund neben sich. Wie er die freie Wiese betrat, bemerkte
er augenblicklich die dort kauernde dunkle Gestalt des Mannes, und
schritt quer ber den Rasen auf den Burschen zu.

Der Spitz knurrte, sowie der Frster seine Richtung nderte, und Fritz
sah erst seinen Hund an und dann nach der Gegend hinber, die dieser
andeutete.

Ruhig, Spitz, sagte er aber, wie er nur die Gestalt erkannt hatte;
der thut uns hier nichts und mu hchstens mit langer Nase wieder
abziehen. Kommt mir gerade recht und bin eben in der Stimmung, ihm
Audienz zu ertheilen.

Ohne den Nahenden auch nur so weit zu beachten, den Kopf noch einmal
nach ihm umzudrehen, fuhr er in seiner Arbeit fort; aber der Spitz
knurrte strker, denn der Jagdhund genirte ihn, und er rckte auch etwas
nher zu seinem Herrn, als er bis jetzt gesessen.

Er und der Jagdhund schienen auch in der That keine groen Freunde zu
sein, als ob sie die Antipathie theilten, die ihre beiden Herren
gegen einander empfanden. Caro, wie der Hund des Jgers hie, kam mit
gestrubten Haaren und hochgehobenem Schwanze, an dem auch nicht die
geringste Spur von Wedeln sichtbar war, langsam nher; er knurrte
freilich nicht, aber seine oberen Lefzen zogen sich zusammen, da die
blanken und scharfen Zhne sichtbar wurden, und er sah den kleinen Kter
dabei von der Seite mit einem Blick an, als ob er nur einen leisen
Wink seines Herrn erwartete, um mit einem Sprung ber den Eindringling
herzufallen.

Der Spitz schien sich brigens gar nicht so sehr vor dem ihm an Strke
vielleicht viermal berlegenen Gegner zu frchten. Den Rcken deckte er
freilich dicht an seinem Herrn, dort aber hielt er auch Stand und wies
dem groen Hunde die Zhne so lebhaft und kampfesmuthig, und hob sein
kleines Schwnzchen so keck und herausfordernd empor, da man ihm
ansah, er wrde einem Angriff von der andern Seite keinen Zollbreit ohne
Gegenwehr weichen.

Na, mein Bursch, was treibst Du hier wieder? redete der jetzt dicht
herangekommene Frster den Maulwurfsfnger mit eben nicht freundlicher
Stimme an. Eine Woche fast bist Du ausgeblieben, und ich hatte schon im
Stillen gehofft, da wir Dich los wren; Du scheinst aber zher zu sein,
als Deine Maulwrfe.

Ein freundliches Waidmannsheil wre wohl ein besserer Gru fr einen
Collegen gewesen, Herr Frster, lchelte der Angeredete spttisch vor
sich hin, aber manche Menschen verstehen es nicht besser. Und wo ich
gewesen bin? Auf einem andern Revier, Herr College, um dem Raubzeug
nachzustellen, denn wenn ich von der Monford'schen Besitzung allein
leben sollte, mcht' ich in der Woche wohl kaum ein Stck Fleisch in den
Topf bekommen, und am Sonntag erst gar nicht.

Und wie haben die Fasanen geschmeckt? fragte der Forstmann tckisch.

Na, wenn's auch gerade keine Fasanen sind, erwiderte gleichgltig
der alte schlaue Bursche, der nicht auf solche Weise zu fangen war,
so ist's doch wenigstens ein gesundes Stck Rindfleisch oder eine
Bratwurst. Uebrigens thun Sie mir die Liebe und halten Sie Ihren Hund
zurck, denn wenn er mit meinem Spitz anbindet, stehe ich Ihnen fr
nichts. Der verwnschte Kter hat mir erst gestern einen Metzgerhund
todtgebissen.

Das Ding da! lachte der Frster verchtlich; wenn ich meinem Caro Ein
Wort sagte, frit er ihn mit Haut und Haaren!

Mchte eine verwnscht theure Mahlzeit werden! erwiderte trocken der
Maulwurfsfnger, indem er seine letzte Beute an der Ruthe befestigte;
aber wo wollen Sie hin, Herr Frster?

Wenn Dich Jemand darum fragen sollte, mein Bursche, erwiderte der
Forstmann, so sag' ihm nur einfach, Du wtest es nicht -- verstanden?

Sehr wohl, Herr Frster, lchelte der Mann, werd' es ausrichten.
Haben Sie vielleicht sonst noch etwas zu bestellen?

Komm, Caro, sagte der Jger, das ist keine Gesellschaft fr uns.
Uebrigens, fuhr er fort, sich nochmals nach dem Manne umdrehend,
erwische ich Dich noch einmal Nachts zwischen meinen Fasanen, mein
Bursche -- und da ich Dir jetzt aufpasse, darauf kannst Du Dich
verlassen, -- so will ich von Gott verdammt sein, wenn ich Dir nicht die
Jacke voll Schrot schiee -- und nun Gott befohlen!

Gott befohlen, Herr Frster, und viel Glck zur Jagd, lchelte ihm der
Alte stillvergngt nach.

Der Frster murmelte einen gotteslsterlichen Fluch in den Bart, wute
aber, da er mit Reden doch nichts bei dem da ausrichtete, und schritt
so hochbeinig fort, wie sein Hund, der sich alle Mhe gab, dem verhaten
Spitz durch rgerliche Stellung begreiflich zu machen, da sein Rckzug
kein freiwilliger wre und er eben nur seinem Herrn folgen msse.

Der Maulwurfsfnger nahm aber gar keine weitere Notiz von ihm, und wie
er sich erst berzeugt hatte, da der Waidmann wirklich eine andere
Richtung eingeschlagen, lachte er still vor sich hin und brummte:

Alter Esel, Du wrst der Rechte, mich zu fangen! Mein Spitz hat mehr
Grtze im Kopfe, als Du, und wenn's mich nach Fasanen gelstete, holte
ich mir heut Abend noch meinen Theil. 'sist doch wunderbar in der
Welt, setzte er dann hinzu, indem er still mit dem Kopf schttelte,
was unser Herrgott in all' seinen verschiedenen Fchern fr Kerle
herumlaufen hat. Wem er ein Amt giebt, giebt er auch Verstand, sagt man
gewhnlich; -- ja Prosit! Wr' ich in Deiner Stelle, und Du in meiner,
alter Schneesieber, verdammt will ich sein, wenn Du mir auch nur eine
Feder vom Platz holen solltest, ohne da ich Dich erwischte, und jetzt
plndere ich dem albernen Strohkopf schon ein Vierteljahr lang in
Wasser, Wald und Feld sein Revier aus, ohne da er auch mehr wie einen
Verdacht hat, wer der Thter ist -- Du wrst mir der Rechte, mich zu
fangen!

Holla, Fritz, wie geht's? rief den Alten eine Stimme vom Wege herber
an, und als der Maulwurfsfnger rasch den Kopf nach ihm drehte -- denn
der Spitz hatte den Nahenden in seinem Aerger ber den Caro gar nicht
beachtet, -- erkannte er Einen von der Dienerschaft, der mit einem Korb
am Arme durch den Park ging und, als er den Maulwurfsfnger nicht weit
aus seinem Weg sah, ein Stck quer ber die Wiese hinberschritt, um ein
paar Minuten mit ihm zu plaudern.

Nun, Alter, wie geht's -- immer so fleiig? Heute solltest Du aber den
Maulwrfen doch auch Frieden geben, redete er ihn an.

Heute -- so? Und wer giebt mir Frieden? Sollen's die Bestien etwa
besser haben, als ich?

Wer Dir Frieden giebt? lachte der Lakai; komm nur heut Abend auf's
Schlo, Du gehrst ja doch gewissermaen mit zu den Gutsleuten und
kannst da auf ein derb Stck Braten und eine Flasche Wein sicher
rechnen.

Nun, weit Du, Thomas, sagte der Maulwurfsfnger, und sein kleines
graues Auge blitzte ordentlich wie in Stolz auf den betreten Diener,
wenn ich einmal eine Flasche Wein trinken will, so zahle ich sie mir
auch und brauche mich nachher bei Niemandem dafr zu bedanken.

Jetzt blas mir aber den Staub weg! lachte der Lakai. Na, wenn
Unsereiner sich nicht zu gut dafr dnkt und der Frster selber herber
kommt, dann wirst Du Dich doch auch wohl nicht wegwerfen, wenn Du mit
von der Partie bist!

Es war fast, als ob der Alte eine trotzige Antwort geben wolle; aber er
verbi die Worte und benutzte die Pause, um sich eine frische Pfeife zu
stopfen. Endlich sagte er, whrend er die Pfeife mit den Zhnen hielt
und sich mit Stahl und Schwamm Feuer schlug:

Und was ist heute da oben los, da der Alte so freigebig mit dem Stoff
herausrckt? Habe doch kein Wort davon gehrt!

Nun, Verlobung ist heute, die junge Comtesse heirathet den Sohn vom
Grafen Bolten -- die erste Familie im Lande nach unserer, und da kannst
Du Dir doch wohl etwa denken, da es da hoch hergeht.

Sieh, sieh, sieh, sagte der Maulwurfsfnger, leise vor sich hin mit
dem Kopf nickend, was man doch nicht Alles erlebt, wenn man alt wird;
die Comtesse Paula heirathet den Windbeutel, den jungen Grafen Bolten!

Windbeutel? Ich wollte Dir nicht rathen, da der Graf das Wort gehrt
htte, rief der Lakai, bei Gott, es ginge Dir schlecht!

Und hat sie ihn gern? sagte der Maulwurfsfnger, der einem ganz andern
Ideengang folgte.

Wer -- die Comtesse? Soll sie ihn nicht gern haben, einen jungen,
hbschen, vornehmen und steinreichen Menschen?

Wie ich ihr aber heute nicht weit vom Schlo begegnete, kam's mir
beinahe so vor, als ob sie recht bleich und elend ausshe, und so in
Gedanken war sie, da sie nicht einmal bemerkte, wie ich sie grte, und
sonst dankt sie immer so freundlich.

Na ja, ein bischen elend sieht sie wirklich aus, meinte der Lakai;
aber das haben die vornehmen Fruleins alle, das gehrt mit zum guten
Ton.

So? sagte der Maulwurfsfnger zerstreut, der augenscheinlich gar nicht
die Worte verstanden hatte. Merkwrdig, da so ein Fluch von der Mutter
auf die Tochter vererben kann!

Was fr ein Fluch?

Oh, nichts, sagte der Mann kopfschttelnd; und um welche Zeit geht
die Festlichkeit an?

Um acht Uhr natrlich, frher pat es sich nicht. Aber ich mu fort,
heute wei man wahrhaftig nicht, wohin man zuerst springen soll.

Wohin willst Du denn?

In's Dorf und noch Eier holen; eine zwanzig Schock hat der Koch schon
heute verbraucht, und immer langt's noch nicht. Nu, komm heut Abend nur,
ich werde schon Sorge dafr tragen, da Du nicht leer ausgehst! -- Und
mit den Worten nickte er ihm protegirend zu und schlenderte dann, als ob
er dem Maulwurfsfnger beweisen wolle, da er ber seine Zeit verfgen
knne, wie es ihm beliebe, langsam den Weg hinab, der zum nchsten und
hinter den Bumen versteckten Dorfe fhrte.

Bedientenpack, murmelte der Maulwurfsfnger in den Bart, als er dem
davonschwenkenden Lakai nachsah, serviles, lumpiges Gesindel, das
hinter dem Rcken der Herrschaft die Nase unter dem Hutrand trgt
und sie dann wieder vor lauter Unterthnigkeit bis in den Boden
hineindrcken mchte -- Bedientenpack, ob sie in einer gestickten
Uniform oder in einer Livre stecken! Da doch, bei Gott, lieber
Holzhacker oder Tagelhner, wenn ich mein freies Gewerbe einmal mit
einer andern Branche vertauschen mte! Unter _Deiner_ Protection
Wein saufen, Du Lump? Lieber faules Wasser aus einer Regenmulde! Aber
ntzlich sind die Kerle doch, lachte er pltzlich still vor sich hin,
denn wie htte ich ohne den Tagedieb jetzt erfahren, da heut Abend
groer Volksschmaus im Schlosse und der Frster ebenfalls geladen
ist. Wart', Grnrock, fr morgen frh will ich Dir wenigstens eine
Ueberraschung bereiten, die Dich freuen soll! Aber da wird es Zeit, da
ich mich jetzt nach Hause mache. Komm, Spitz, heut Abend wollen wir auch
hochleben und Braten essen und Wein trinken, wenn auch auf andere Weise,
wie der Lump da denkt. Die Maulwrfe mgen heute Feierabend haben
-- Hurrah, die Verlobung soll leben! -- Und seine alte Waidtasche
umwerfend und den Stock aufgreifend, schritt er rstig den Weg entlang,
der nach der Stadt hinunter fhrte.




18.

Leiden eines Theater-Directors.


Der Abend rckte heran und das Theater prangte im Festesschmuck.
Director Krger hatte sich nmlich nicht damit begngt, eine
auergewhnliche Anzahl von Gasflammen zu ffnen und berhaupt Alles
anzuznden, was leuchten wollte, sondern auch schon seit zwei Tagen den
benachbarten Eichenwald plndern und dicke Guirlanden binden lassen, die
den ganzen ersten Rang schmcken sollten. In der herrschaftlichen Loge
waren sogar zwei Lehnsessel neu gepolstert, kurz, das Auerordentlichste
geleistet, und wer Krger kannte, behauptete, er lebe nicht mehr lange,
denn es sei kurz vor seinem Ende.

Natrlich war heute =Abonnement suspendu= -- nicht des Hamlet wegen,
oh nein, denn in die classischen Stcke brachte er sonst, selbst im
Abonnement, kaum das Nothwendigste von Zuschauern hinein! Aber da
keiner der Haburger morgen sagen wollte, er habe den Erbprinzen noch
nicht gesehen, wute er, und die Neugierde mute ihm heute das Haus
fllen. Das Stck selber htte deshalb auch recht gut Der Erbprinz
heien knnen und wrde dann nach beiden Seiten hin gepat haben.

Es war noch frh und die Kasse eben erst geffnet worden, aber trotzdem
fingen die Rume schon langsam an sich zu fllen. Einzelne Damen mit
stattlichen Crinolinen arbeiteten sich ber die Bnke weg, Herren kamen
herein, den Hut noch auf dem Kopf, und begannen sich langsam ihre weien
Glachandschuhe anzuziehen, und nur oben in die Gallerie drngten sich
die Massen ein, um heute einen guten Platz -- das heit, eine Aussicht
nach der herrschaftlichen Loge -- zu gewinnen, wo sie recht genau
zuschauen konnten, was der Erbprinz fr ein Gesicht machen und ob er
recht applaudiren wrde.

Auf dem Theater selber sah es noch leer und dunkel aus. Die Arbeitsleute
waren allerdings schon beschftigt, Lampenwerk u.s.w. in Ordnung zu
bringen und die verschiedenen Requisiten nach den Richtungen hin zu
tragen, wohin sie der Requisiteur beorderte, aber von Schauspielern
selber lie sich noch Niemand sehen, denn die staken noch alle in der
Garderobe, und nur dann und wann kam noch ein versptetes Dienstmdchen,
das einen groen, breiten Korb mit irgend einem Anzug trug, und
verschmt damit vor der Herrengarderobe stehen blieb, bis Jemand
herauskam, um ihn ihr abzunehmen. Hinein wre sie um die Welt nicht
gegangen -- das hatte sie Einmal gethan, das erste Mal, als sie auf's
Theater geschickt wurde, und den Schreck wrde sie im Leben nicht
vergessen.

Der Director stand vorn auf der Bhne und betrachtete sich durch eins
der kleinen im Vorhang angebrachten Lcher das anwachsende Publikum.

Der Theaterdiener Peters scho ein paar Mal ber die Bhne herber und
war auerordentlich beschftigt, aber der Director achtete gar nicht
auf ihn. Es schien ein volles Haus zu werden, und er amsirte sich
vortrefflich am Vorhangloch.

Jetzt kam Peters wieder zurck; er war eine Zeit lang verschwunden
gewesen und ging gerade auf seinen Chef zu.

Herr Director!

Ja, Peters, sagte dieser, ohne seine Stellung zu verndern, denn er
erkannte ihn an der Stimme -- was giebt's?

Herr Handor ist noch nicht da.

Was? rief der Director und fuhr wie der Blitz herum -- und kommt
schon in der zweiten Scene -- Herr Du mein Gott, wo steckt der
unglckselige Mensch nur wieder? Laufen Sie doch einmal schnell zu ihm
hinber, Peters, und sagen Sie ihm, es wre...

Ich komme eben von drben, Herr Director, es ist aber Niemand zu Hause
und der Schlssel liegt unter dem Schrank drauen, wo er ihn immer
hinlegt, wenn er ausgegangen ist.

Dann sitzt er vielleicht in der Hlle -- na, weiter fehlte mir heut
Abend gar nichts -- laufen Sie einmal schnell in die Hlle, Peters
-- springen Sie ein bischen; es wre doch schauderhaft, wenn der Mensch
nicht so viel Interesse an der Sache nehmen sollte, da er nicht einmal
seine bestimmte Zeit einhielte!

Herr Gott, meine Beine! seufzte Peters, als er sich wieder umwandte
und in einem kleinen Hundetrab seiner neuen Bestimmung zueilte; das ist
ein Leben, Theaterdiener -- wenn ich mich einmal zur Ruhe setze, werde
ich Brieftrger.

Der Director hatte indessen das Publikum ganz vergessen, und wenn er
einmal einen raschen Blick durch den Vorhang warf, so kamen ihm jetzt
die Zuschauer, die ihm frher zu langsam eintrafen, viel zu rasch.
Wieder und wieder lief er nach der Garderobe, um sich selber zu
berzeugen, ob denn sein unglckseliger Prinz von Dnemark noch nicht
eingetroffen sei.

Und wie rasch die Zeit vorrckte, seit er auf ihn wartete! Es war
ordentlich, als ob der groe Zeiger an der Uhr im Conversationszimmer
durchgegangen sei und auf den Moment loshetzte, wo sich Director Krger
mit seinem Hamlet unsterblich blamiren sollte. -- Wahrhaftig, da traf
das Orchester schon ein, und in der Hofloge -- Krger htte durch eine
Versenkung abgehen mgen -- erschien ein mit Orden vorn ganz bedeckter
Kammerherr, sah nach, ob die Sthle vorschriftsmig standen, und
entzckte dann, indem er sich mit seinem weien Glachandschuhen vorn
auf den rothen Plsch der Balustrade sttzte und sich das Publikum
betrachtete, die Gallerie, wo der Ruf schon von Lippe zu Lippe ging: Da
is er!

Peters kam im Sturmschritt zurck. Handor war nicht in der Hlle, aber
vor etwa einer Stunde dort gewesen und hatte ganz allein eine Flasche
Champagner getrunken; wo er jetzt sei, konnte ihm Niemand sagen -- im
Paradies wuten sie's auch nicht.

Ist er denn noch nicht hier? fragte Peters. Der Director gab ihm gar
keine Antwort, und nur mit einem verzweifelten Griff fuhr er sich in die
Haare und hob sich die Perrcke halb vom Kopfe.

Jetzt kam der Oberregisseur Sulzer im Costm aus der Garderobe -- er
gab heute den Knig. Er hatte ein schwarzes Sammetbarett auf, mit einem
Kronenreif darum, trug natrlich einen Hermelinmantel und gelbe, hohe
Stiefel, und sah fr einen Knig sehr bestrzt aus.

Ist er denn noch nicht da, Herr Director?

Haben Sie ihn gesehen?

Ich? Nein -- aber wo steckt der entsetzliche Mensch? Wenn ihm nur kein
Unglck zugestoen ist!

_Uns_ wird eins zustoen, Sulzer! rief der Director -- uns wird eins
zustoen -- passen Sie auf -- wenn er nicht bald kommt, rhrt mich der
Schlag, denn _die_ Schande berlebe ich nicht!

Aber er mu ja kommen, er kann ja nicht ausbleiben! Ist denn der Prinz
schon da?

Das fehlte auch noch -- aber er mu jeden Augenblick eintreffen,
und wahrhaftig, da steht der Kapellmeister schon unten mit seiner
verfluchten weien Halsbinde, und die Eichenkrnze hngen um den
ersten Rang herum, und alle Gasflammen brennen -- es ist rein zum
Rasendwerden!

Wenn wir nun erst die Mamsell Bollo-- Badelli-- oder Bodellichini --
ich kann den verdammten Namen nicht behalten! -- tanzen lieen?

Das ist eine Galgenfrist, Sulzer; aber es wird uns nichts Anderes brig
bleiben -- mir ahnt Schreckliches!

Die wird aber auch noch nicht fertig sein, da sie eigentlich erst nach
dem zweiten Act kommen sollte.

Bitte, springen Sie einmal hin, Sulzer -- ich lasse sie um Gottes
willen bitten, sich ein wenig zu beeilen! -- Peters, ist er _noch_ nicht
da?

Nein, Herr Director, und jetzt kommt er auch nicht mehr.

Du giebst mir einen Dolchstich! citirte Sulzer im Abgehen, um die
Tnzerin in Gang zu bringen.

Die junge Dame war auch in der That ausnahmsweise frh gekommen, aber
natrlich mit ihrer Toilette noch nicht fertig. Die Conversation wurde
durch das Schlsselloch gefhrt -- sie erklrte, vor dem Beginn des
Stckes nicht fertig werden zu knnen, und kein Mensch werde von
ihr verlangen, da sie wie eine Schlumpe (der Name war fr eine
Italienerin auerordentlich deutsch) an einem solchen Abend auf den
Brettern erscheine.

Na ja, das fehlte auch noch, da sich die auf die Hinterbeine setzt!
rief Krger wthend und sprang selber nach der Garderobe.

Aber dafr ist sie doch engagirt, lachte Pfeffer, der als Todtengrber
hinten mit Hilgen als Horatio auf und ab ging und sich ber die
Verzweiflung seines Directors und das Ausbleiben des einen Prinzen,
whrend der andere jeden Augenblick eintreffen konnte, auf das
Kstlichste zu amsiren schien.

Das wird ein Hauptskandal werden, wenn Handor nicht kommt, meinte
Hilgen; so 'was ist noch gar nicht da gewesen -- ich begreife den
Menschen nicht; er wei doch, was davon abhngt.

Nur immer zu, lachte Pfeffer, sich vergngt die Hnde reibend; ich
freue mich wie ein Kind auf die Geschichte. Da ist doch endlich einmal
eine Abwechselung in dem verdammten Theaterleben!

Lassen Sie das den Alten hren...

Bah, ich spiele meine Rolle und damit Basta -- meine Ansichten sind
mein eigen -- und dem eingebildeten Laffen, dem Handor, gnne ich ebenso
den Rffel, den er kriegen wird, und den Strafabzug -- vielleicht
werden wir ihn ganz los damit, denn er ist doch weiter nichts, als ein
erbrmlicher Coulissenreier.

Strafabzug? sagte Hilgen -- er hat schon seine ganze Monatsgage
voraus -- vom Peters wei ich's.

Alle Teufel, rief Pfeffer, sich rasch gegen Horatio umdrehend, ist
das gewi?

Ganz gewi!

Soll ich Ihnen etwas sagen, Hilgen?

Nun?

Dann ist der Musj auch durchgebrannt und wir sehen ihn nicht wieder.

Unsinn -- heute, am Abend der Vorstellung -- vor einer Stunde bin ich
ihm noch begegnet.

Na, wir wollen's abwarten -- in Schulden sitzt er bis ber die Ohren,
das wei jedes Kind -- bezahlen kann er sie nicht, so viel ist auch
sicher -- bermorgen ist der Erste, wo ihm nachher wieder Alles ber den
Hals kommt...

Das wre ein verfluchter Streich.

Abwarten und Thee trinken, bemerkte Pfeffer, der in diesem
Augenblick an Rebe und seine erneuten Aussichten dachte -- sind schon
wunderlichere Dinge in der Welt passirt.

Indessen klopfte der Director an Frulein Bellachini's Thr und bat mit
den hflichsten Worten, wenn irgend mglich, um Einla.

Drinnen fand noch eine kurze Debatte statt, dann wurde der Riegel
zurckgeschoben, und Director Krger sah sich der fast schon vollstndig
costmirten gefeierten Tnzerin gegenber, whrend ihre Begleiterin
oder Ehrendame oder Kammerjungfer eine Anzahl abgeworfener Stcke
Damengarderobe rasch zusammen- und in die Ecke schob.

Der Director zeigte sich aber hier nicht wthend, sondern war die
Liebenswrdigkeit selber, und mit dem Hut in der Hand bat er die
junge, wunderhbsche und deshalb auch natrlich gerade wundercapricise
Tnzerin, ihn aus seiner grimmigsten Noth zu erretten und -- ihre
Toilette ein wenig zu beeilen. Sie sei jetzt schon so zauberschn -- wie
er in seiner Todesangst hinzusetzte, -- da sie eigentlich gar nichts
mehr verbessern, sondern wieder zerstren knne, und sie mge doch ein
klein wenig Erbarmen mit dem jungen Prinzen haben, der sicher nicht
geahnt htte, da er nach Haburg gekommen wre, um hier rettungslos
sein Herz zu verlieren.

Frulein Bellachini strubte sich erst und berief sich auf ihr
Engagement und den Zettel. Krger gab Alles zu; er war um den Finger zu
wickeln. Dann wollte sie Bedingungen machen; er ergab sich auf Gnade und
Ungnade. Endlich schien sie gerhrt zu werden, und dem Director zuckte
es wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, denn drauen begann in
diesem Augenblick als Ouverture zum Hamlet, Beethoven's Trauermarsch.

Der Prinz war angekommen und der Hamlet fehlte noch immer.

Wenn Sie ein Fnkchen von Erbarmen haben, so helfen Sie mir wenigstens
aus der grten Noth! rief er in Todesangst -- denken Sie, da
der Hamlet beginnen soll und da ich keinen Hamlet habe -- die ganze
Vorstellung ist ruinirt!

Aber was geht das mich an? Ich tanze nur in den Zwischenacten...

Aber, zuckerse Terpsichore, rief Krger mit einem Gesicht, als ob
er sie htte vergiften knnen, sehen Sie denn nicht ein, da wir ohne
Hamlet auch keine Zwischenacte haben knnen? Das Stck ist ja aus, ehe
es angefangen hat, und ich mu hinaus und das Publikum bitten, mir die
Ehre an einem andern Abend zu schenken!

Keine Zwischenacte?

Natrlich nicht.

Und dann knnte ich gar nicht tanzen?

Der Erbprinz verlt augenblicklich seine Loge, sowie er hrt, da das
Stck gar nicht gegeben werden kann. Benutzen Sie also doch wenigstens
diesen einen mglichen Moment, sich ihm zu zeigen, da er Ihre Kunst
bewundern kann.

Das half. -- Also Sie glauben, da der Hamlet wirklich heut Abend gar
nicht sein kann? fragte sie rasch.

Ohne Prinzen von Dnemark? _Ich_ kann ihn nicht spielen.

Gut, dann werde ich tanzen -- rasch, Toni, meine Schuh', und hier die
Blume noch ein wenig fester, sie schwankt zu sehr -- ich werde Angst
haben, Herr Director!

Angst? _Ich_ habe Angst, sagte der unglckliche Mann -- Sie werden
mit Jubel empfangen werden und den alleinigen Triumph des ganzen Abends
ernten -- tausend, tausend Dank, mein bestes Frulein! und sich den
Schwei von der Stirn trocknend, strzte er wieder hinaus auf das
Theater.

Ist er _noch_ nicht da?

Herr Director, sagte der Requisiteur, der aber auch Mitglied war und
heute den Rosenkranz spielte, ich glaube, Herr Handor kommt heute gar
nicht. Ich habe in seinem Hause nachfragen lassen und dort erfahren,
da er heute Nachmittag einen kleinen Koffer weggeschickt habe -- aber
Niemand wute, wohin.

Dann kann's nichts helfen, dann mssen wir zum Aeuersten schreiten!
rief der Director, in dem pltzlich ein groer Entschlu gereift war
-- Peters, springen Sie zu Meier hinber -- er soll augenblicklich
kommen!

Er hat sich aber heute krank melden lassen...

Und wenn er auf dem Todtenbett lge, er mu spielen -- und, halt --
noch Eins -- bringen Sie nebenan aus der Blumenhandlung einen Arm voll
Krnze mit!

Krnze?

Krnze und Bouquets -- was vorrthig ist -- fr die Direction, rasch;
in zehn Minuten mssen Sie wieder da sein!

Peters fuhr ab wie aus einer Pistole geschossen, denn heute war mit dem
Director nicht zu spaen.

Herr Hilgen!

Sie befehlen, Herr Director...

Sie mssen heut Abend den Hamlet spielen.

Ich bitte Sie um Gottes willen! rief der Mann erschreckt -- den
Hamlet? -- Dann verlangen Sie vielleicht auch, da ich im Theater
herumfliegen oder die Violine spielen soll?

Sie haben mir selber gesagt, Sie htten ihn schon gespielt...

Ja, vor sieben oder acht Jahren -- aber seit ich hier engagirt bin,
hab' ich ihn nicht mehr angesehen. Ich wei kein Wort mehr von der
Rolle.

Sie knnen noch rasch in den Zwischenacten memoriren.

Ich bitte Sie um Alles in der Welt: Sie wissen, da ich Ihnen gefllig
bin, wo ich nur irgend kann, aber verlangen Sie nicht das Unmgliche --
ich wrde mich und Sie blamiren!

Aber Einer _mu_ ihn spielen! schrie der Director mit trotzdem
vorsichtig gedmpfter Stimme, da man ihn nicht unten hren konnte, denn
das Orchester setzte gerade zu einem Adagio ein.

Ich htte nicht einmal Garderobe, sagte Hilgen; denn mit meiner
kleinen, dicken Figur werden Sie doch einsehen, da mir Herrn Handor's
Anzug nicht pate. Wollen Sie die ganze Geschichte lcherlich machen?

Der Director lief in halber Verzweiflung mit nach unten gerungenen
Hnden auf der Bhne auf und ab.

Rebe als Gldenstern stand mit auf der Bhne -- er hatte die
Unterhaltung mit angehrt. Jetzt trat er zu dem Director vor und sagte:
Herr Director!

Ja -- Herr Rebe -- nun, sind _Sie_ vielleicht _auch_ krank geworden?

Im Gegentheil, lchelte Rebe, der aber in einer ungewhnlichen
Aufregung schien und unter der Schminke fast unheimlich aussah --
vielleicht kann _ich_ Ihnen helfen.

Sie? -- Mit was, wenn ich fragen darf.

Ich will den Hamlet bernehmen...

_Sie_? rief der Director fast sprachlos vor Staunen.

Ich kenne jedes Wort der Rolle und knnte ihn ohne Souffleur spielen.

Aber um des Himmels willen, Menschenkind! rief der Director -- Sie
haben bis jetzt nichts als kleine, erbrmliche Rollen gehabt, und das
Publikum...

Das war nicht _meine_ Schuld, Herr Director, und zum Theil auch nicht
Ihre, sondern eher Herrn Handor's, der mich nicht leiden kann und mit
Gewalt unterdrcken will. Htten Sie mir schon frher dazu Gelegenheit
gegeben,so wrden Sie vielleicht gefunden haben, da ich doch zu etwas
Besserem zu gebrauchen bin -- also wagen Sie es...

Aber gleich mit dem Hamlet...

Wenn ich mich blamire, geschieht das auf meine eigene Gefahr,
sagte Rebe ruhig -- Sie sind, durch die Noth gezwungen, vollkommen
entschuldigt, und dem Publikum knnen Sie vor Aufgang des Vorhanges
mittheilen, da wegen Ausbleibens des Herrn Handor ein anderes der
Mitglieder die Rolle htte rasch bernehmen mssen. Am besten nennen Sie
meinen Namen gar nicht.

Der Director konnte sich von seinem Staunen noch immer nicht erholen.
Hier bot sich allerdings eine Aussicht auf Rettung aus der grten Noth,
in der er sich in seinem ganzen Leben befunden; aber war es wirklich
eine Rettung und steigerte sich nicht am Ende noch die Blamage dadurch,
wenn sein Hamlet ausgepfiffen wurde? Lieber ehrenvoll sterben, als sich
lcherlich machen! -- Aber Rebe stand so entschlossen vor ihm, er schien
seiner Sache so gewi -- Rebe -- Rebe, dem er eigentlich kaum gewagt
hatte die kleine, erbrmliche Rolle des Gldenstern anzuvertrauen, den
Hamlet -- _seinen_ Hamlet! Aber was blieb ihm brig? -- er hatte keine
Wahl mehr, und wenn Peters gekommen wre und sich erboten htte,
den Hamlet oder die Ophelia zu spielen, es wre ihm am Ende nicht
wunderbarer oder auerordentlicher vorgekommen, und er htte
zugegriffen.

Mensch, und wissen Sie, was Sie unternehmen? Vor dem Erbprinzen? rief
er aus.

Ich frchte mich weniger vor dem Erbprinzen, als vor mir selber,
lchelte Rebe, aber ich wei, da ich den Hamlet spielen kann.

Na, dann in Gottes Namen! rief Krger -- Unglck, hab' deinen Lauf!
-- Courage scheinen Sie zu besitzen, aber wenn das gut geht, will ich's
loben!

Und darf ich Herrn Handor's Garderobe nehmen?

Alles, was Sie finden -- Alles -- ich bernehme jede Verantwortung!
Machen Sie nur um des Himmels willen rasch!

Rebe antwortete gar nicht -- er flog der Garderobe zu.

Und ist das Vorspiel zu meinem Auftreten, Herr Director? sagte
die reizende Bellachini, die jetzt neben ihm, in vollem Costm, die
Dehnbarkeit ihrer Tricots prfte -- das klingt genau so, als ob eine
Leiche zu Grabe getragen wrde.

Herr Gott, an den verdammten Trauermarsch hab' ich gar nicht gedacht!
rief Krger -- Sulzer, springen Sie doch einmal hinunter...

Als Knig?

Ja so -- schicken Sie Jemanden, da sie einen Rutscher oder Galopp oder
Polka -- zum Teufel, es ist mir Alles einerlei! -- hintennach schicken
-- der Rebe spielt den Hamlet.

Rebe? rief Sulzer und blieb vor Schrecken stehen.

Da mir nur Jemand zum Kapellmeister springt -- rasch -- Herr Du meine
Gte, sie sind ja schon fertig unten!

Die Musik hatte aufgehrt; oben auf der Gallerie wurden sie schon
unruhig, denn die erste Neugierde war befriedigt, der junge Erbprinz
begafft worden, und nun wollten sie etwas fr ihr Geld haben; den
Vorhang selber kannten sie schon auswendig.

An dem einen Loche im Vorhang stand Pfeffer und betrachtete sich das
Publikum. Donnerwetter, sagte er zu dem neben ihm stehenden Barthel,
der den Geist spielte und sich vllig aschgrau gemalt hatte, heute
wird's voll! Was so ein Prinz ziehen kann -- den werde ich mir zu meinem
Benefiz engagiren. Aber auf dem ersten Rang sieht's noch bs aus; da
geht noch verdammt viel Luft durch.

Heute ist ja ein groes Fest bei Monfords drauen, sagte der Geist,
von ich wei nicht wie viel Personen, und alle aus der =haute vole=.
So viel Derartige haben wir nicht, da wir sie im Theater nicht spren
sollten. Was hat denn der Rebe mit dem Director?

Was wei ich, meinte Pfeffer, wird wahrscheinlich den Hamlet spielen
wollen.

Na, so gut wie der Handor, glaub' ich, spielt er ihn auch...

Wit Ihr's schon? Rebe spielt den Hamlet, zischelte in diesem
Augenblick Hfken, der den Polonius gab, indem er Pfeffer an der
Schulter fate.

Der Teufel wird ihn doch nicht plagen! rief dieser, ordentlich
erschreckt.

Bei Gott, da strzt er schon nach der Garderobe!

In dem Augenblick kam, whrend unten im Orchester, sehr zum Erstaunen
des Publikums, ein lustiger Tanz gespielt wurde, Peters hinter den
Coulissen mit einem ganzen Arm voll Blumen und Krnzen vorgestrzt.

Meine Herren, Bhne frei! rief der Regisseur -- der Vorhang geht
auf! -- Alles stob rasch auf die Seite und hinter die Coulissen.

Mauser sa unten im Souffleurkasten und wute von alledem, was oben auf
dem Theater vorging, gar nichts, war aber sehr erstaunt, als auf einmal
Frulein Bellachini herausschwebte und mit unbeschreiblicher Grazie
ihre zarten Glieder nach seinem Kasten hinberwarf. Aber Krger, der
Director, ohne dieser ersten Gre auch nur einen Blick zu schenken,
hatte den Theaterdiener an einem Knopf gefat, und ihn mit sich nach dem
Conversationszimmer ziehend, fragte er hastig:

Nun, wie ist's, kommt der Meier?

Er wollte erst nicht und meinte, er htte ein Attest eingeschickt, Herr
Director, und die Nachtluft thte ihm weh, und im Beine zwickte es ihn
auch; aber ich lie nicht locker, und wie ich fortstrzte, zog er sich
gerade die Stiebeln an.

Gut -- vortrefflich!

Und wo soll ich jetzt mit der Bescheerung hin?

Die Krnze und Bouquets tragen Sie in den zweiten Rang zum
Logenschlieer hinauf -- irgend Jemand soll sie werfen, wenn die Dings
da fertig ist; wenn er Niemanden findet, soll er sie selber werfen, aber
nicht wieder in's Orchester und auf den Ba, wie neulich...

Schn, Herr Director...

Halt, noch Eins, Peters, sowie Sie das Blumenzeug untergebracht haben,
springen Sie hinunter in's Parterre, und sobald der Vorhang fllt,
schreien Sie =da capo=!

Ich?

Sie und wen Sie dazu bringen knnen. Links hinten steht ein ganzer
Haufen Freibillets, die Kerle sollen alle =da capo= schreien, was sie
schreien knnen, oder kein einziger bekommt wieder frei Entre! Nehmen
Sie mit hinein, wen Sie drauen finden! Sagen Sie dem Logenschlieer
nur, ich htte Sie beauftragt! Aber =da capo= brllen, was Sie knnen.
Sie mu noch einmal springen, da mir der Rebe fertig wird.

Der Rebe?

Er spielt den Hamlet.

Da Dich die Milz sticht! rief Peters -- der Rebe?...

Fort mit Ihnen, fort! Wenn die da fertig mit Hopsen ist, ehe Sie unten
im Parterre sind, ziehe ich Ihnen eine halbe Monatsgage ab.

Ds a noch! sagte Peters, indem er seinen Blumenflor aufpackte und wie
ein Pfeil damit dem Ausgang zuscho. Dabei murmelte er: Ob er mir nur
je im Leben damit gedroht htte, er wollte mir eine halbe Monatsgage
zulegen -- Gott bewahre! Nicht einmal ein Paar neue Stiebeln setzt's,
und die hab' ich mir schon heute durchgelaufen! 'sdoch 'was Schnes
um's Theater, besonders wenn man nur die Laufereien zu besorgen hat und
Allerwelts-Packtrger ist -- Blumenwerfen, =da capo-=Schreien -- es ist
erstaunlich, was nicht Alles von einem Theaterdiener verlangt wird! Und
der Rebe den Hamlet! setzte er hinzu, indem er die jetzt vollkommen
leeren Treppen bis zum zweiten Rang emporflog -- da werd' ich nachher
wohl auch noch zu der Hkerin hinber und einen Korb voll fauler Aepfel
zum Einkaufspreis besorgen mssen.

Peters war brigens ein durchaus brauchbarer Mensch in jeder Branche
und entledigte sich seines Auftrages vollkommen. Whrend er da oben noch
Ordre gegeben hatte, auch von dort aus einen energischen =da capo-=Ruf
erschallen zu lassen, wofr sogar der Logenschlieer gewonnen worden,
strzte er hinunter in's Parterre, um die nthigen Hlfstruppen zusammen
zu bringen.

Das Publikum indessen, das zum Anfang eine ernste Tragdie erwartet
hatte, war im Beginn des Tanzes berrascht und verhielt sich ziemlich
passiv, trotzdem da die junge Dame einige ganz verzweifelte Sprnge
ausfhrte und eine Fertigkeit im Drehen und Beinwerfen entwickelte, die
in Haburg in dieser Gewandtheit noch nicht gesehen worden. Noch immer
hatte sich aber keine Hand gerhrt, bis endlich der Erbprinz selber,
wenn auch kaum durch das Zusammenklopfen seiner Fingerspitzen, ein
wenigstens sichtbares Zeichen der Zufriedenheit gab. Jetzt legte sich
das Parterre in's Geschirr, das auf diesen Anfang nur gewartet zu haben
schien, und Frulein Bellachini warf einen halb schmachtenden, halb
dankenden Blick nach der Hofloge hinauf.

Krger sah von alledem nichts, denn eben hatte er den eintreffenden
Meier erspht, den er mit ungeduldigen Geberden in's Conversationszimmer
winkte.

Meier sah wirklich klglich aus; er trug, trotz der warmen Witterung,
einen alten, sehr abgenutzten und an den Aermeln sogar beschdigten
Flausrock. Dabei hatte er sich den Backen mit einem dicken weien Tuch
verbunden, in dem sogar mglicher Weise noch ein Umschlag lag, und um
vielleicht seinen Zustand noch etwas bedenklicher darzustellen, hielt
er sich sogar den Backen, als er zu seinem Vorgesetzten in das
Conversationszimmer trat.

Dieser aber schien auf seine Verfassung nicht die mindeste Rcksicht zu
nehmen, und kaum hatte er ihn im Zimmer, so rief er ihn an:

Meier, das ist ein Glck, da Sie zu Hause waren -- Sie mssen heut
Abend den Gldenstern spielen!

Nicht um eine Million! rief Meier tragisch.

Ich gebe Ihnen zehn Thaler Spielhonorar!

Baar oder Abzug vom Vorschu?

Baar -- in die Hand -- heut Abend noch!

Es geht nicht, Herr Director -- ich kenne die Rolle gar nicht...

Die paar Worte lernen Sie im ersten Acte -- Sie kommen erst im zweiten
vor, und werden nachher gleich in England umgebracht.

Da bringen Sie mich lieber gleich um -- mit _den_ Zahnschmerzen kann
ich nicht Komdie spielen.

Ich lasse Ihnen den Zahn ausreien...

Danke Ihnen, das kann ich selber, und in der Rolle steht doch
wahrhaftig nicht, da der Gldenstern einen dicken Backen hatt.

Es ist ein Hofmann -- warum soll ein Hofmann nicht eben so gut einen
dicken Backen haben, wie ein anderer Mensch? rief der Director.

Aber der Rebe spielt ja den Gldenstern -- was ist denn mit dem los?

Der Rebe spielt den Hamlet -- Handor ist fort, Gott wei wohin, hat
sich wenigstens heut Abend nicht sehen lassen...

Der Rebe spielt den Hamlet?

Schreien Sie nicht so, man hrt ja jedes Wort drauen -- und wenn der
_die_ Rolle bernommen hat, werden Sie doch wahrhaftig die paar Worte
sprechen knnen!

Jetzt bitt' ich aber zu gren, Rebe den Hamlet, da wird Mauser wohl
als Geist debutiren.

Also Sie spielen?

Aber, bester Herr Director, der Rheumatismus ist mir in das Kreuz
geschlagen und ich kann das linke Hinterbein nicht mit fortbringen; ich
hinke wie ein Invalide.

Es steht nirgends in der Rolle, da Gldenstern nicht hinkt; hinken Sie
in Gottes Namen, aber machen Sie, da Sie in die Garderobe kommen und
sich anziehen.

Na, das wird gut gehen, aber ich habe noch nicht einmal meine Rolle,
und da fllt der Vorhang schon wieder.

Rebe hat sie, in Handor's Garderobe, lieber, bester Meier. Zehn Thaler
baar! so viel Spielhonorar haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht
gehabt!

Das wei Gott! Na, meinetwegen; sthnte Meier, wenn es denn einmal
auf meinen Ruin abgesehen ist, mir kann's recht sein! Und mit dem Kopf
schttelnd, begab sich der unglckliche, frisch geworbene Gldenstern
nach hinten und brummte unverstndliche Verwnschungen ber das
verdammte Mimen in den Bart.

Und drauen wirkte Peters.

Kaum war der Vorhang gefallen, als ein Paar riesige Hnde
zusammenschlugen und eine scharfe Stimme =da capo!= brllte, Andere
stimmten bei, und das Parterre, leicht geneigt, einem solchen Beispiel
zu folgen, fiel endlich, wenn auch nicht gleich in Uebereinstimmung, in
den Beifall ein. Auch auf der rechten Seite des zweiten Ranges wurde der
Ruf =da capo= laut, aber noch vereinzelt und von einer ganz unsichtbaren
Stimme; aber der Vorhang zgerte noch wieder aufzugehen, und nun wurde
das Publikum ungeduldig.

Bellachini 'raus, Bellachini 'raus! schrieen Einzelne -- =da capo!=
tnte der Ruf wieder, =da capo!= ging das Echo von da und dort, und
als der Vorhang jetzt rasch in die Hhe rollte und das junge, reizende
Mdchen mit einem wilden Sprung noch einmal auf der Bhne erschien,
brach der Beifall strmisch aus.

Musik, Musik! schrie der Director, der selber hinunter an die
Orchesterthr gelaufen war -- noch einmal anfangen -- rasch!

Alle Musici wiederholten die Worte -- der Kapellmeister sah sich nach
der Thr um und bemerkte das erhitzte Gesicht seines Directors,
der Tactstock hob sich, und die Tnzerin, von der Musik berhaupt
hingerissen, begann noch einmal, whrend es jetzt von oben Krnze und
Bouquets ordentlich niederregnete.

Krger aber brach im Conversationszimmer auf dem Sopha zusammen und
sthnte:

Und wenn ich so alt wrde wie Methusalem, an _den_ Abend will ich
denken!




19.

Der Verlobungsabend.


Und wo war Handor indessen?

Er hatte den Nachmittag dieses Tages in fieberhafter Unruhe und Ungeduld
verbracht, denn er stand an einem Wendepunkt seines Lebens, und die
nchsten Stunden muten entscheiden, ob es zum Guten oder zum Bsen
neigen wrde.

Liebte er Paula wirklich und aufrichtig? Er hatte an sein eigenes Herz
noch nie die Frage ernst gestellt, denn er wute, da es keiner solchen
Neigung fhig sei. Er liebte nur sich selbst; nur sein eigener Ehrgeiz,
sein eigenes Wohlbefinden stachelte ihn an, und das liebliche Grafenkind
mit einer halben Million im Hintergrunde reizte natrlich seine
Begierden. Er merkte bald, da er einen Eindruck auf sie gemacht; die
Aufstellung eines Liebhabertheaters bot ihm erwnschte Gelegenheit, ihr
in einer Weise zu nahen, die ihm unter anderen Verhltnissen unmglich
gewesen wre, und Paula, berhaupt sinniger und schwrmerischer Natur,
glaubte in ihm das Ideal ihres Lebens gefunden zu haben.

Da er an Rang, Vermgen und Bildung tief unter ihr stand, achtete oder
sah sie nicht; die Klagen des routinirten Liebhabers rhrten ihr
Herz und machten ihr Mitleid mit seinen erheuchelten Leiden rege.
Die bermige und unvernnftige Strenge dabei, mit der sie von einer
hartgesottenen Gouvernante bewacht wurde, reizte sie zum Widerstande,
und sie verga sich zuletzt so weit, dem Geliebten heimlich
Zusammenknfte zu gestatten.

Sie allerdings sah darin nichts Arges; ihr Herz hatte sich ihm so rein
und voll hingegeben, so gut und lieb und brav erschien er ihr in allen
Stcken, da sie ihm auch mit ihrer Liebe ihre Ehre anvertraute und
selig trumend Monden lang an einem Abgrund stand.

So verschlossen aber ihr dabei sein wahres und inneres Gemth geblieben,
so vollkommen hatte ihr Handor in das, keines falschen Gedankens fhige
Herz gesehen und bald gefunden, da sie an ihm mit der ganzen Kraft
ihrer Seele hange. Er war ihre erste heilige Liebe; sie fhlte das
Bedrfni einer Brust, in die sie die Gefhle der ihrigen ausgo, sie
fhlte das Bedrfni, zu lieben und zu vertrauen, und da ihre eigene
Mutter wohl stets freundlich, aber nie, nie herzlich mit ihr war, ihr
nie gestattete, ihr so zu nahen, wie ein Kind der Mutter nahen soll, und
besonders alle Gemthsbewegungen als mit ihren Nerven nicht vertrglich
auf das Sorgfltigste mied und von sich hielt, wuchs diese Liebe Paula's
zu dem einzigen Wesen, dem sie sich ganz und ungetheilt hingeben konnte,
endlich zu einer Leidenschaft an, die sie selbst erschreckt haben mte,
wenn sie sich je derselben klar geworden wre.

Handor benutzte das mit kalter Berechnung. Er wute recht gut, da der
stolze Graf nie seine Einwilligung zu der Verbindung seiner einzigen
Tochter mit einem brgerlichen, pfenniglosen Schauspieler geben wrde,
so lange er nicht _mute_, aber er zweifelte auch keinen Augenblick,
da er sich endlich, dazu gezwungen, fgen und sein Kind nicht verstoen
oder ihm doch jedenfalls eine Summe zur Verfgung stellen wrde, die dem
Rang der jungen Grfin entsprechend war -- und mehr verlangte er nicht.
Damit hatte er Alles erreicht, was er wollte, und dahin arbeitete er
jetzt.

In Haburg konnte er sich doch nicht lnger halten. Seine Schulden waren
zu einer Hhe angewachsen, die selbst des Versuches spottete, sie
zu decken, und die Geduld seiner Glubiger hatte sich erschpft. Der
nchste Monat schon konnte deshalb eine Katastrophe herbeifhren, die
Alles vernichtete, was er bis dahin aufgebaut, und so scheu er den
entscheidenden Schritt bis jetzt noch immer hinausgeschoben, so wurde er
selber nun dazu gedrngt.

Der Erste des Monats nahte, fr den er die volle Gage theils schon
verschleudert hatte, theils noch in der Tasche trug; Rebe hatte ihm
schon seinen Secundanten geschickt, er konnte ihm nicht ausweichen, die
Verlobung kam dazu, und Paula hatte ihm gesagt, da Vater und Mutter
ganz im Stillen ihre Vorbereitungen trfen, um gleich am andern Morgen
Haburg auf lngere Zeit mit ihr zu verlassen. Da erhielt er noch von
Paula durch die Post einen Brief, den sie der Terrasse nicht hatte
anvertrauen mgen, und er erhielt die wenigen, inhaltschweren Worte:

Wir mssen fliehen. Das Schrecklichste ist geschehen -- ich bin elend
mein ganzes Leben. Sei heute Abend vor neun Uhr mit einem Wagen am
Drahtthor des Parks. Jetzt auf ewig die Deine.

Und heute Abend Hamlet! Handor lachte bitter vor sich hin, doch sein
Director machte ihm wenig Sorge. Mit dem Brief war aber die Entscheidung
seines eigenen Geschickes unmittelbar in seine Hand gelegt, und es blieb
ihm keine Wahl mehr.

Den Brief verbrannte er augenblicklich, dann ging er wohl eine halbe
Stunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Das Ob kam
nicht mehr in Frage, nur das Wie, und darber brtete er jetzt. Da
er ein Wesen elend gemacht, zu dem er wie zu einer Heiligen htte
aufschauen sollen, trbte nicht einen seiner Gedanken. Sie war
jetzt sein, und nur mit Umsicht muten die Schritte geschehen, eine
Vereitelung ihrer Flucht zu vermeiden, und dann, wenn er sich in
Sicherheit wute, den alten Starrkopf von Vater zu beugen -- oder zu
brechen -- es galt ihm ziemlich gleich.----

Der Abend dmmerte; im Schlo des Grafen Monford waren alle nthigen
Vorbereitungen getroffen, und die Gste konnten jetzt jeden Augenblick
eintreffen. Die Grfin selber stand schon fertig angezogen unten im
Empfangssaal, von dem aus links eine Reihe prachtvoller Zimmer lag,
deren Flgelthren alle weit offen standen, whrend sich rechts der
groe Salon befand, in dem gewhnlich gespeist wurde.

Paula war noch nicht da, und ihre Mutter ging ein paar Mal auf und ab.
Endlich betrat Mademoiselle Beautemps das Zimmer.

Ist meine Tochter noch nicht fertig?

Ich bedauere, Ihnen nichts Bestimmtes darber sagen zu knnen, Frau
Grfin, bemerkte die Franzsin achselzuckend; die Comtesse hat sich
so vollstndig von mir losgesagt, da ich nicht einmal mehr ihr Boudoir
betreten darf. Ich hatte mir auch vorgenommen, Sie zu bitten, mich,
obgleich meine Verpflichtung eigentlich noch einige Monate lnger
dauert, schon morgen zu entlassen, da ich sehe, da ich hier nicht
allein vollkommen nutzlos, sondern auch ein -- Gegenstand steigender
Unzufriedenheit bin. Sie werden selber begreifen, da unter solchen
Verhltnissen meine Stellung keine angenehme sein kann.

Liebe Beautemps, Sie sehen die Sachen mit zu schwarzen Farben.

Ich sehe sie leider, wie sie wirklich sind, und die gndige Grfin
wrden mich -- und ich glaube, auch die Comtesse -- sehr verpflichten,
wenn Sie meiner Bitte Gehr schenken wollten.

Nun gut, ich werde mit dem Grafen Monford darber sprechen.

Dann erlauben Sie mir noch, Frau Grfin, Sie auf eine Entdeckung
aufmerksam zu machen, zu der mich heute der Zufall brachte; sie betrifft
die Comtesse.

Eine Entdeckung?

Als ich heute Morgen die Comtesse auf der Terrasse suchte, berraschte
ich sie, wie sie einen kleinen, rosafarbenen Brief las. Sie erschrak,
als sie mich hrte, und drckte das Papier so fest in der Hand zusammen,
da ich es nicht wieder zu sehen bekam.

Und was glauben Sie, da es war?

Was es war? Ein Liebesbrief, =sans doute=.

Und von wem? Doch jedenfalls von ihrem Verlobten?

Weshalb dann das Geheimnivolle gegen mich? Warum erschrak sie, wenn
sie ein reines Gewissen hatte?

Das ist nicht mglich! rief die Grfin rasch.

Nicht mglich? sagte achselzuckend die Gouvernante; glauben Sie
mir, Frau Grfin, Sie wissen noch gar nicht, was bei einem so jungen,
unerfahrenen Mdchen unmglich ist. Ich kenne das, und so lange ich die
Aufsicht ber die Comtesse und die Ueberwachung der jungen Dame in
meinen Hnden hatte, konnte ich Ihnen fr Alles, was geschah, gut
stehen. Da mich aber der Herr Graf durch einen Machtspruch derselben
enthoben, darf ich auch nicht mehr fr die Folgen verantwortlich gemacht
werden.

Die Grfin hatte still und schweigend vor sich niedergesehen. Die
Franzsin wollte morgen ihr Haus verlassen, und sie wute, da sie
auf deren Verschwiegenheit in einer so zarten Sache, die ihre Familie
betraf, nicht rechnen konnte. Es mute deshalb auf dieser Seite jeder
Verdacht zerstrt werden, und sie sagte jetzt, die Gouvernante forschend
ansehend:

Ein grnfarbiges Papier hatte sie in der Hand?

Nein, Frau Grfin, ein rosafarbenes, ich habe es deutlich erkannt.

Rosafarben? Dann, liebe Beautemps, lchelte die Grfin, war es der
nmliche Zettel, den ich ihr heute Morgen gegeben und der weiter nichts
enthielt, als das Verzeichni einiger Sachen, die wir zu unserer in
nchster Zeit beabsichtigten Reise mitnehmen wollten. Ich habe es Paula
aufgeschrieben, damit nicht immer etwas vergessen wird.

Gndige Grfin, das Papier sah nicht aus wie ein Verzeichni, rief die
Gouvernante, die sich an ihren Verdacht klammerte.

Es war auf meinem Rosabriefpapier geschrieben.

Es sah dunkler aus.

Wollen Sie eine Schattirung drauen im Freien und in einem solchen
Moment erkennen? lchelte die Grfin. Nein, liebe Beautemps, dieses
Mal haben Sie einen falschen Verdacht, denn ich gab es Paula ein paar
Minuten vorher, ehe ich fortfuhr, und sie wird es dort gelesen haben.
Uebrigens danke ich Ihnen fr Ihre Aufmerksamkeit, und ich wrde selber
auf Paula strenge Obacht haben, wenn nicht mit dem heutigen Abend ein
jeder solcher Verdacht von selber aufhren mte. Sie werden begreifen,
da man ihn nachher nicht einmal mehr uern drfte, ohne das Kind aus
das Tdtlichste zu beleidigen.

Aber, Frau Grfin, rief die Franzsin, ich kenne Beispiele, wo nach
der Verlobung, ja, sogar nach der Trauung...

Lassen wir das, wehrte die Grfin ab, der das Gesprch unangenehm
wurde; hier mit Paula haben Sie sich geirrt, und ich werde, um Sie
selber zu berzeugen, mir nachher den Zettel von ihr geben lassen.

Wie die Frau Grfin befehlen, sagte die Gouvernante kalt, aber
hflich, und ordnete die Lichter auf den verschiedenen Tischen, wegen
deren sie hereingekommen war.

Und Paula kam noch immer nicht. Die Grfin stand einige Minuten
ungeduldig in der offenen Thr, drehte sich dann um und schritt langsam
in das nchste Zimmer hinein, von dem ein Ausgang zu Paula's Boudoir
fhrte. Dort klopfte sie leise an, und Paula ffnete selber.

Meine Mutter! rief sie erstaunt.

Bist Du fertig, mein Kind? Das ist recht; es wird auch in der That die
hchste Zeit, denn es hat schon geschlagen und unsere Gste mssen
jeden Augenblick eintreffen. Aber Du siehst recht bleich aus, Paula; Du
httest wahrhaftig ein klein wenig =rouge= auflegen sollen.

Meine Mutter! rief Paula und wollte sich in berstrmendem Gefhl an
ihre Brust werfen.

=Ma fille=, rief aber die Mutter, erschreckt zurcktretend, Du
zerdrckst mir den ganzen Kragen, ich bin ja in voller Toilette, Kind!
Komm, komm, das geht nicht, diese Aufregung pat nicht fr einen Moment,
wo man eben Gste empfangen will. Und Thrnen -- um Gottes willen,
Du wirst im Saal mit rothen Augen erscheinen, und was soll dann Dein
Verlobter von Dir denken?

Paula fate ihr Herz mit der Hand, als ob es zerspringen wollte, -- sie
vermochte kein Wort darauf zu erwidern.

Keine Aufregung heut Abend, liebes Kind, fuhr die Mutter fort, indem
sie den in der That schon etwas derangirten Kragen vor dem Spiegel
wieder in Ordnung brachte; morgen frh halten wir einen groen
Familienrath, wir Beide zusammen, und da sollst Du mir Dein Herz
ausschtten nach Herzenslust -- ich bin schon in der That hinter ein
paar von Deinen kleinen Geheimnissen gekommen; heute aber haben wir
keine Zeit dazu.

Morgen, liebe Mutter, morgen? O Gott, was liegt Alles zwischen dieser
kurzen Zeit!

Viel, in der That, mein Tchterchen: der erste entscheidende Schritt zu
Deinem ganzen knftigen Lebensglck -- geh ihn getrost, Du wirst es nie
bereuen. -- Aber da fhrt wahrhaftig schon ein Wagen vor; rasch, Kind,
die Thrnen fort; bade die Augen ein wenig in kaltem Wasser, und bleib
nicht lange, der Vater wird sonst bse! Und mit den Worten rauschte sie
mit ihrem schweren Stoffkleid aus dem Zimmer und in den Empfangssalon,
um dort die zuerst eingetroffenen Gste zu begren.

Paula blieb, als die Mutter sie verlassen, mit gefalteten Hnden, mit
bleichem Antlitz in der Stube stehen. Endlich flsterte sie leise:

Und kein Mitleid, kein Gefhl fr das eigene Kind -- nicht einmal
ausweinen an ihrem Herzen durfte ich meinen Gram! Oh, Mutter, Mutter,
ahnst Du denn, wie furchtbar weh Du mir damit gethan? Aber nein, nein,
sie kann nicht selber fhlen, was mir die Brust hier mit qualvoller Pein
zerreien will; ihr Gott ist der Ehrgeiz, dem selbst das eigene Kind
geopfert werden soll -- da das selber einen Willen, ein Gefhl, ein
Verlangen haben knnte, scheint ihr entweder nicht mglich oder ist so
unbedeutend, da es keine Beachtung verdient! So lebe wohl, Mutter! Wenn
ich denn allein im Leben stehen soll, will ich mir auch die Bahn
allein suchen! Gott schtze Euch und mich, aber Er wei, ich kann nicht
anders!

Eine eigene, feste Entschlossenheit kam ber das junge Mdchen, fast
noch ein Kind. Ihr Auge blickte klarer, ihr Schritt wurde entschiedener,
und rasch trat sie zum Waschtisch, badete ihre Augen in klarem
Quellwasser, ordnete sich das Haar wieder ein wenig, festigte eine
locker gewordene Blume in ihrem Schmuck und legte dann selber die
kostbaren Brillanten um Nacken und Arme, die sie am letzten Weihnachten
von ihrem Vater erhalten hatte. Das Alles nahm ihr auch nur wenige
Minuten Zeit; rasch war sie damit fertig, und noch einen Blick in den
durch zwei Girandolen erleuchteten Spiegel werfend, schritt sie in den
Empfangssaal hinber.

Der Mutterblick ruhte wohlgefllig auf ihr, als sie sah, in wie
kurzer Zeit und wie vollkommen ihre Tochter alles Andere von sich
abgeschttelt, was ihr den heutigen Abend zu trben drohte -- ach, wenn
sie htte in ihr Herz sehen knnen!

Aber ein eigener unnatrlicher und starrer Trotz war ber das sanfte,
hingebende Kind gekommen: -- der Entschlu, sich der Macht, die sie in
Fesseln schlagen wollte, fr Lebenszeit und gegen ihren Willen, nicht
zu beugen, und nur ein einziges Mal schrak sie noch zusammen und fhlte,
wie ihre Glieder zitterten. Es war der Moment, in dem der ihr bestimmte
Brutigam, Graf Bolten, den Saal betrat.

Und wie Glck und Freude strahlend sah Graf Bolten aus, als sein Blick
ungeduldig im Saal umherflog, die ihm bestimmte Braut zu suchen, und
sie jetzt erkannte! Wie rasch glitt er, nicht einmal die Eltern zuerst
begrend, auf sie zu und flsterte, ihre Hand ergreifend:

Meine Paula, meine liebe, liebe Paula, wenn Sie wten, wie
unaussprechlich glcklich mich der heutige Tag macht!

Sie sind sehr gtig, Herr Graf! stammelte Paula, tief errthend, denn
_dem_ Manne gegenber war sie sich einer Schuld bewut.

Herr Graf? Wie kalt das klingt! rief Hubert vorwurfsvoll. Hab' ich
mir noch keinen besseren Titel verdient, als die fremde, kalte Form?
Seien Sie freundlich mit mir, Paula; mein ganzes Lebensglck liegt ja
in Ihren Hnden. Lassen Sie es mich mit einem Lcheln, nicht mit einem
Trauerblick empfangen!

Lebensglck, Du groer Gott, sagte Paula mit einem Seufzer, wer von
uns armen Sterblichen wei, was die nchste Stunde fr ihn birgt? Hoffen
Sie auf kein Glck, Herr Graf; die Enttuschung wre zu furchtbar und
schmerzlich nachher!

Hoffen drfen wir, liebe Paula, sagte Hubert herzlich, es ist das
schnste Vorrecht des Menschen und sein Trost und Stab. Lassen Sie mir
immer die Hoffnung, die mir Ihr lieber Anblick frisch und warm in's Herz
giet -- aber was Plaudern wir da, brach er lachend ab, so ernst und
feierlich, als ob wir zu einem Begrbni und nicht zu einer Verlobung
gingen. -- Da kommt auch die Mama, die wird bse, wenn sie nicht
freundliche Gesichter sieht.

Die Grfin kam in der That heran, und Hubert sah sich fr die nchste
Zeit berhaupt von allen Seiten in Anspruch genommen, da das Geheimni
der Verlobung ja doch nur ein ffentliches war und alle Welt ihm ihre
Glckwnsche darbringen wollte.

Und wo steckt George? Ich habe ihn noch mit keinem Blick gesehen.

Vorhin, sagte Hauptmann von Seydlitz, der neben Hubert stand, fuhr er
an mir vorbei, aber mit einem Gesicht wie eine Wetterwolke. Er sah mich
gar nicht -- wei der liebe Gott, was er hat!

George? fragte die Grfin erstaunt. Was kann der haben, das ihn
verdrielich machen drfte? Er ist ja doch sonst immer das Leben selber;
aber er hat heute Mancherlei zu thun. Ich werde mich einmal nach ihm
umsehen.

Sie traf George, als sie das nchste Zimmer betrat, in Verzweiflung, und
er winkte seiner Mutter, ihm ber den Gang zu folgen.

Aber was hast Du nur? Weshalb kommst Du nicht zur Gesellschaft?

Zur Gesellschaft? und was ich habe? Heiland der Welt, und dabei wird es
nicht fr anstndig gehalten, zu fluchen!

Aber, George!

Denke Dir nur, dieses alte, verwnschte Burgfrulein, die genau so
aussieht, als ob sie dreieckig geschnitten und dann aufgeklebt wre,
dieses Frulein von Wnschel lt mir vor einer halben Stunde absagen!

Das ist allerdings fatal!

Fatal? Gttlich! Das nennst Du fatal? Und ich bin mit meiner ganzen
Geschichte, die mich die letzten acht Tage vollstndig aufgerieben hat,
heut Abend auch noch obendrein blamirt!

Und was willst Du jetzt thun?

Wei ich's denn selber? Ich liege hier auf der Lauer, um irgend ein
unglckliches, passendes Individuum abzufassen, das mir in den Weg
luft. Glcklicher Weise sind es nur ein paar Worte zu sprechen, aber es
ist eine Hauptsache, die nicht wegbleiben kann.

Hast Du denn sonst Alle zusammen?

Rottacks fehlen noch; das wre jetzt ein Hauptspa, wenn die auch
ausblieben -- dann schsse ich mir eine Kugel ber den Kopf weg...

Aber, George...!

_Ueber_ den Kopf, Mama; ich wrde auerordentlich vorsichtig zielen,
da ich kein Unglck anrichtete. -- Aber, beim Himmel, da kommt Frulein
von Bazcow angefahren. Die entere ich, die thut mir auch den Gefallen!

Aber wir sind mit den Leuten erst so kurze Zeit bekannt!

Bah, zu Rottacks bin ich am nchsten Tag gegangen -- da kommen auch
Rottacks -- Hurrah, nun bring' ich die Sache doch noch am Ende zu
Stande!

Und fort scho er mit weiter nichts im Kopf, als der glcklichen
Durchbringung seines Liebhabertheaters.

Rottacks fuhren in der That in dem Augenblick vor, und Helene sah bleich
und erregt aus, hatte sie doch die stolze Grfin seit jenem Abend nicht
wieder gesehen, da diese den verschiedenen Proben nicht mehr beiwohnte
und sie jetzt ein erneutes Begegnen ordentlich frchtete. Aber es half
nichts; der Verpflichtung gegen George konnten sie sich nicht entziehen.
Er vor Allen war gerade immer so liebenswrdig und herzlich mit ihnen
gewesen, und es htte ihn zu sehr gekrnkt; das durfte nicht sein. So
muten sie denn der Gesellschaft beiwohnen, und gerade die Gesellschaft
schtzte sie ja auch vor einem fr beide Theile vielleicht peinlichen
Zusammentreffen mit der Grfin. In groen Gesellschaften wie in einer
groen Stadt kann man, wenn man will, allein sein und sich von der
brigen Welt abschlieen; in kleinen Cirkeln und Stdten ist es
unmglich. In der Gesellschaft verdeckt die Form auch alles Andere, denn
sie besteht nur aus vorgeschriebenen Bewegungen und Situationen, wie
ein Schauspiel fast auf offener Bhne, wo sich die im gewhnlichen Leben
vielleicht feindseligsten Charaktere offen und herzlich in die Arme
fallen. Auch in der Gesellschaft wird Ha und Liebe bertncht, und nur
die Hflichkeit und der gute Anstand regieren.

Helenens Befrchtung war deshalb auch ganz grundlos gewesen, denn an
keinem andern Platz der Welt htte sie nach der damaligen Scene besser
mit ihrer Mutter wieder zusammentreffen knnen, als in diesem Kreise
geputzter, frhlicher Menschen. Und trotzdem schlug ihr das Herz
ngstlich in der Brust, als sie den Saal betraten und die Grfin auf sie
zukam, um sie zu begren. Aber die Grfin war eine Weltdame; kein
Zug ihres Antlitzes verrieth etwas Anderes, und durfte etwas Anderes
verrathen, als Freude ber das Erscheinen ihrer Gste.

Meine liebe Grfin Rottack, wie ich mich freue, Sie wieder begren zu
knnen. Wir hatten solche Sorge neulich, als wir hrten, da Sie
sich unwohl fhlten! Herr Graf, Sie sind uns herzlich willkommen --
hoffentlich hatte es mit Ihrer lieben jungen Frau weiter nichts zu
sagen!

Migrne, gndige Grfin.

Ach ja, das alte, hliche Leiden, ich kenne es; in unserer Familie ist
es ordentlich epidemisch.

Auch Helene hat es geerbt, sagte Graf Rottack ruhig. Aber die Grfin
erwiderte freundlich:

Dann mu sich Ihre liebe Frau recht in Acht nehmen und in Geduld
fassen, denn es verliert sich erst mit den Jahren. Und nun bitte, legen
Sie ab, lieber Graf. George hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt,
er war selig, als er Sie kommen sah.

Er hat doch nicht etwa gefrchtet, da wir ihn im Stich lassen wrden?
sagte Felix.

Er hat heute alle Hnde voll zu thun, lchelte die Grfin, und
wirklich dabei das Unglaubliche geleistet, denn Paula ahnt noch gar
nichts von der Ueberraschung -- aber da kommt Paula, verrathen Sie sich
nicht!

Paula hatte die junge Grfin gesehen und kam rasch auf sie zu; aber je
mehr sie ihr nahte, desto mehr hemmte sie ihren Schritt, und wollte sie
und ihren Gatten eben in der gewhnlichen stummen und hergebrachten
Form der vornehmen Welt begren, als Helene auf sie zutrat, ihre beiden
Hnde ergriff und mit herzlicher Stimme sagte:

Meine liebe Comtesse, wie freue ich mich, Sie wiederbegren zu
knnen!

Die Worte klangen so gut, so lieb, so wahr -- Paula traten, so sehr sie
dagegen ankmpfte, die Thrnen in die Augen, und unwillkrlich bog sie
sich zu Helenen ber, die einen leisen Ku auf ihre Stirn drckte.

Die Mutter sah es, und freundlich sagte sie:

Nehmen Sie sich der Kleinen ein wenig an, Frau Grfin; sie macht ein
viel traurigeres Gesicht heute, als es fr den Tag pat; sie ist mir
auch immer zu viel allein und sinnt und grbelt; das taugt nicht fr ein
junges Mdchen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich, meine Pflichten als
Hausfrau sind unerbittlich.

Wer ist denn dieser Graf Rottack eigentlich, und wo kommt er auf einmal
her? sagte ein alter Herr mit einem entschieden militrischen
Anstrich, zu einem andern Herrn, der neben ihm stand und mit einem etwas
verbissenen Gesicht bis jetzt die Gesellschaft betrachtet hatte, als ob
er sich ber jeden Einzelnen rgere, da er berhaupt auf der Welt wre.
Wissen Sie es nicht, Herr Staatsrath?

Thut mir leid, entgegnete der also Angeredete, er war lange in
Brasilien und hat sich auch seine Frau von dort mitgebracht.

Es ist ein reizendes Paar; wunderhbsches Frauchen.

Ja, passirt; er sieht mir aber eher wie ein Demokrat im Frack, als wie
ein Graf aus, macht auch Besuche bei Schauspielern. Ich glaube nicht,
da viel dahinter ist. Apropos, Oberst, haben Sie denn schon diesen
neuen Beitrag zu unserer =chronique scandaleuse= gehrt mit dem Baron
Beltine?

Mit Beltine? Nein. Da drben steht er ja.

Ja, er ist wieder zurck. Vor acht Tagen machte er sich aber das kleine
Vergngen, eine Schneiderstochter von hier zu entfhren. Die ganze Stadt
war ja voll davon.

Ich habe kein Wort davon gehrt; er ist ja aber verheirathet.

=Eh bien=, und was weiter -- seine Frau fuhr indessen allein in's
Theater.

Ach, das ist ja gar nicht mglich; das wre ja eine Niedertrchtigkeit
und Graf Monford der Letzte, der ihn danach wieder einladen wrde.

Lieber Oberst, Sie kennen die Welt noch nicht, obgleich Sie beinahe
siebzig Jahre darin leben; der Baron ist auerordentlich reich.

Sind Sie auch mit ihm befreundet?

Befreundet, sagte der Staatsrath, die Achseln zuckend; mit wem ist
man eigentlich in der Welt befreundet, und ich in meiner Stellung schon
gar. Ich glaube nicht, da es zwei Menschen in der Stadt giebt, die mich
nicht hassen, aber merken Sie das Jemandem an, Oberst? Sie sind Alle die
Hflichkeit selber, so lange sie mit mir verkehren, alles Andere
geht mich nichts an, und wie sie hinter meinem Rcken schimpfen, was
kmmert's mich? Ebenso halten es Andere. Der Baron kann mich auch nicht
leiden, eingebildeter, fader Narr, der er ist; aber er und ich geben
ausgezeichnete Dejeuners, und da brauchen wir einander.

Da kommt er gerade auf uns zu.

Ah, lieber Staatsrath! Herr Oberst, ich habe die Ehre! 

Mein bester Baron, wo haben Sie die ganze Woche gesteckt? Mir hat
ordentlich etwas gefehlt, wenn ich Ihnen Morgens auf meinem gewhnlichen
Spaziergang nicht begegnete.

Sie sind sehr gtig, Herr Staatsrath; ich war auf einige Tage in der
Residenz, wohin mich Geschfte riefen. Die gewhnlichen Plackereien des
Lebens.

Ueber die ich Sie erhaben glaubte.

Keiner von uns, Keiner von uns, lieber Staatsrath; aber wo ist
eigentlich unser junges Prchen?

Die Braut steht da drben, sie sieht auffallend bla und gedrckt aus;
Comtesse Monford ist sehr zart.

In der That, in der That. Sie entschuldigen, lieber Staatsrath, ich
habe der Comtesse noch nicht einmal meine Huldigung dargebracht.

Aber, meine liebe Paula, was ist Ihnen? sagte Helene liebevoll, indem
sie ihren Arm um die schlanke Taille des jungen Mdchens legte; Sie
sind so furchtbar aufgeregt.

Ach, wenn ich Ihnen Alles sagen knnte, flsterte Paula, wenn ich Sie
frher gekannt htte; Vieles, Vieles wre vielleicht anders, besser, als
es jetzt ist!

Es ist selbst jetzt noch nicht zu spt, sagte Helene herzlich, und
ich hoffe, wir sollen recht gute Freunde werden!

Zu spt, zu spt! hauchte Paula leise, da der Schall der Worte kaum
zu Helenens Ohr drang.

Das ist recht, meine liebe Frau Grfin, sagte in diesem Augenblicke
Graf Monford's Stimme, und der Graf grte freundlich die junge
Dame, da Sie mein kleines Tchterchen ein wenig aus ihrer Lethargie
emporrtteln -- das Kpfchen hoch, Paula, bist ja mein gutes Kind.

Mein lieber, lieber Vater! rief Paula, leidenschaftlich des Vaters
Hand ergreifend.

Bst, Kind, bst, sagte der alte Herr, ich habe mir vorgenommen, heut
Abend recht lustig und vergngt zu sein, und da mut Du mir helfen,
denn Du hast auch alle Ursache dazu. Es ist ein merkwrdiges Kind, Frau
Grfin, so auerordentlich weich, gar nicht wie ihre Mutter, die einen
viel festeren und entschiedeneren Charakter hat. Aber ein gehorsames
Tchterchen ist es doch, das seinen Eltern groe, unendlich groe Freude
macht, und auf das sie wohl mit Recht stolz sein knnen.

Mein guter Vater!

Haben Sie nur Geduld mit ihr, Herr Graf, sagte Helene; es ist ja so
natrlich, da sie einer so gewaltigen Wendung ihres ganzen bisherigen
Lebens nicht mit voller Ruhe und Sicherheit entgegengehen kann.

Ich habe auch Geduld mit ihr, lchelte der Graf, denn ich kenne meine
Tochter, und sie wird mir noch einmal mit thrnenden Augen danken--
und Paula freundlich zunickend und mit einer Verneigung gegen Helene
schritt er zu dem andern Theil des Saales hinber.----

Unten in der Halle hatte der Haushofmeister eine Reihe von Bierfssern
und Krbe voll Wein an die eine Wand reihen lassen, und nicht allein
die Dienstleute des Gutes und die Forstbeamten und Holzhauer des
benachbarten Waldes wurden dort frei gehalten, sondern wer von der Stadt
heraufkam, erhielt, was er essen und trinken wollte, denn es sollte
Keiner hungrig von der Schwelle gehen, auf der die Freude herrschte.

Das hatten sich denn auch eine Menge von Leuten zu Nutze gemacht, und
der Platz hinter dem Schlosse, wohin sie smmtlich gewiesen wurden,
schwrmte von ihnen.

Auch der alte Maulwurfsfnger war mit heraufgekommen, aber er mischte
sich nicht unter den Tro, lie sich auch weder Getrnk noch Speisen
geben, und drckte sich eigentlich mehr in den Bschen herum, abseit von
den Leuten. Es war fast, als ob er Jemanden suche oder erwarte.

Endlich kam der Frster den Weg herauf, seine Flinte wie immer auf dem
Rcken, und blieb erst eine Weile da, wo der Weg auf den freien Platz
ausmndete, stehen, um sich das frhliche Treiben zu betrachten.
Gefallen that's ihm nicht; ein chter Jger mag keinen Lrm leiden,
ob er nun auf der Jagd ist oder nicht, denn immer an Ruhe und Stille
gewhnt, strt es ihn. Aber der Frster trank gern ein Glas Wein, und da
sein Gehalt ihm nur Bier verstattete, und selbst das mig, war er doch
auch einmal herber in's Schlo gekommen, um mit seinem alten Freund,
dem Haushofmeister, eine Flasche zu leeren. Der Holzhndler aus der
Stadt und der Mller vom Bache gleich unter dem Forsthaus, wie der
Schulmeister von Eslich, dem nchsten Dorf, hatten sich auch schon
eingefunden und saen in des Haushofmeisters Stbchen um den runden
Tisch am Fenster, whrend sein eigener, besonders zu dem Zweck herber
bestellter Forstgehlfe nicht weit davon beschftigt war, ein paar
kleine Bller in Ordnung zu bringen, die gelst werden sollten, wenn
drinnen im Saal zuerst die Gesundheit des Brautpaars ausgebracht wurde.

Eben kam auch die Militrmusik vom nchsten Ort auf einem Leiterwagen
angefahren, denn die hiesige hatte nicht abkommen knnen, da sie gleich
nach dem Theater nothwendig zu dem beabsichtigten Fackelzug und einem
Stndchen fr den Erbprinzen gebraucht wurde.

Dem Maulwurfsfnger entging nichts von alledem. Seine kleinen grauen
Augen blitzten nach allen Seiten, ohne da irgend einer der hier
Versammelten auch nur die geringste Acht auf ihn gehabt htte; die
Wenigsten bemerkten ihn sogar, und die ihn bemerkten, fanden es
natrlich und ganz in der Ordnung, da er sich ebenfalls zu diesem Feste
eingefunden; gehrte er doch mit zu den Arbeitern im Schlosse, in dessen
Park er in jeder Woche ein paar Mal zu finden war.

Der alte Bursche betheiligte sich aber nicht an dem Trinken. Wohl eine
halbe Stunde lang, als der Frster schon lngst in der Stube war, stand
er noch halb versteckt in dem Gebsch an einen Baum gelehnt. Dann erst,
als er sich vollstndig berzeugt hatte, da der Forstmann fest hinter
seinem Tisch und seiner Flasche Wein sa, zog er sich vorsichtig in das
Dickicht zurck und umging jetzt, immer durch das Buschwerk kriechend,
das Schlo.

Einmal mute er freilich noch eine ganze Weile warten, denn wie er den
einen Weg kreuzen wollte, standen dort Leute aus dem Dorf und plauderten
miteinander. Endlich -- und wie lang ihm die Zeit dabei wurde -- zogen
sie sich ebenfalls zum Schlosse hin, und er glitt jetzt, immer die
Bsche haltend und alle offenen Wege vermeidend, der nmlichen Gegend
zu, in der ihn damals der Frster bei seiner nchtlichen Fasanenjagd
entdeckt, wenn auch nicht erwischt hatte. Aber nicht zu den Fasanen zog
ihn dieses Mal sein Trieb des Wilderns.

Der alte Frster war ein ganz ausgezeichneter Forstmann und es htte
kaum einen besseren fr die Waldculturen geben knnen, aber er war
kein Jger, und das darf uns in unserer Zeit gar kein Wunder nehmen. --
Allerdings hegte er das Wild, weil es ihm der Graf befohlen hatte, und
er hate und verfolgte alle Wilddiebe aus Leibeskrften, weil ihm das
einmal in der Natur lag, da er keinen Eingriff in seine Rechte dulden
konnte. Aber eigentliche Liebe zum Wild hatte er nicht und konnte sie
nicht haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihm schon seit
vielleicht zwanzig Jahren verboten war, selber etwas zu schieen, was
der Graf nur fr ein Vorrecht der Cavaliere oder etwa eingeladener Gste
hielt.

Der Frster sollte den ganzen Tag in seinem Walde sein; er sollte
abspren und besttigen, er sollte jeden Hirsch kennen, der auf den
verschiedenen Revieren stand, jeden Rehbock sogar; aber der chten
Waidmannslust durfte er selber nie folgen.

In der Jagdzeit hatte der Graf immer eine Menge Gste, zu deren
Ehren Treibjagen veranstaltet oder die mit dem Frster oder einem der
Forstgehlfen Brschen geschickt wurden. Mute aber Wild abgeschossen
werden, so bekamen nie oder nur in hchst seltenen Fllen die Forstleute
Auftrag dazu, sondern der junge Graf that es selber, oder lud sich ein
paar von seinen Kameraden dazu ein, die dann vielleicht die nthige
Anzahl erlegten und noch auerdem drei oder vier andere Stck zu Holz
schossen.

Im Anfange war der Frster auer sich darber, zuletzt wurde er
gleichgltig dagegen, und es dauerte nicht lange, so lag ihm die
Forstcultur viel mehr am Herzen, als das Wild, ja, er fing an, sich zu
rgern, wenn der Wildstand zu sehr wuchs, da sie ihm in kalten Wintern
seine Culturen schdigten.

Hirsche und Rehe, so weit war er schon gekommen, nannte er das
Viehzeug, und wre es dem Grafen einmal eingefallen, seinen ganzen
Wildstand auszurotten, der alte Frster wrde ihm mit Vergngen dabei
geholfen haben.

Solche Verhltnisse fanden brigens nicht allein in Haburg statt;
sie sind ziemlich allgemein in ganz Deutschland geworden, und unsere
Nachkommen drfen sich nicht wundern, wenn sie in unserem Vaterland eben
so vergebens nach einem wirklichen Jger suchen werden, wie man jetzt
bei uns noch nach einem Wolf, Luchs oder Bren sucht. Sie sind eben oder
werden wenigstens ausgerottet.

Der alte Frster hatte, mit einem Wort, keine Passion fr das edle
Waidwerk; er _zchtete_ das Wild, wie eine Hausfrau Hhner und Gnse
zchtet, und deshalb war der alte Maulwurfsfnger ein so gefhrlicher
Kunde fr sein Revier.

Dieser nmlich, durch seinen Beruf schon vollkommen berechtigt,
berall im Park, in dem es einen sehr bedeutenden Damwildstand gab,
umherzusuchen, um angeblich nach Maulwrfen und ihren Gngen zu
forschen, hatte diese gnstige Gelegenheit nicht unbenutzt verstreichen
lassen und kannte alle Wechsel des berhaupt vollkommen vertrauten
Wildes so genau, als ob er es hier seit seiner Jugendzeit beobachtet
habe; aber das gengte ihm nicht allein.

Er wute recht gut, da er in dem umschlossenen und kleinen Park nicht
schieen durfte, ohne im Augenblick die smmtlichen Schlobewohner auf
seiner Fhrte zu haben; an ein Wegschaffen irgend eines erlegten Stck
Wildes wre dann nicht zu denken gewesen. Der alte Bursche verstand
aber mehr als Maulwrfe zu fangen, und mit dem Terrain erst einmal genau
bekannt, hatte er auch bald seinen Plan entworfen.

Gleich hinter der Fasanerie lag ein schmales und langes Fichtendickicht,
das den Park gewissermaen gegen das daranstoende Feld abschlo und
absichtlich so dicht angeset war, um besonders den jungen Fasanen
gengenden Schutz gegen Raubvgel zu gewhren. Hier hindurch hatte sich
das Damwild einen Wechsel angelegt, um zu dem Haferstck zu gelangen,
und sobald der Maulwurfsfnger den aussprte, legte er am uersten Rand
desselben auch noch eine Art von knstlicher Salzlecke an, indem er
oben unter die Aeste einer jenen Platz berragenden Eiche ein paar
kleine Salzscke band. Bei Regen und nasser Witterung tropfte das
aufgelste Salz herunter, und das Wild hatte dann auch nach kaum drei
Wochen den Platz schon aufgefunden und leckte dort ein tiefes Loch in
den Boden, um den salzigen Geschmack der Erde zu bekommen.

Weiter wollte der Wilderer nichts; er lie sie ruhig gewhren, bis seine
Zeit gekommen war, und den heutigen Abend hielt er dazu passend. Der
Frster sa oben bei der Flasche, der Forstgehlfe war mit den alten
Bllern beschftigt und auerdem ebenfalls durstig; von den Beiden hatte
er also nichts zu befrchten. Aus dem Schlo selber kam Niemand heut
Abend in den Park, davon war er fest berzeugt; eine bessere und
gnstigere Gelegenheit fand sich deshalb nicht wieder, und er war fest
entschlossen, sie zu benutzen.

Aber er hatte auch schon vorgearbeitet. Da er ohne Schuwaffe und in
einer ziemlich dunkeln Nacht, da der Mond erst nach zwlf Uhr
aufging, nichts wrde ausrichten knnen, wute er recht gut. Zu seinem
Wilddiebstahl brauchte er aber kein Licht; ja, Dunkelheit war ihm eher
noch gnstig, denn schon mit der einbrechenden Dmmerung hatte er sich
auf ihm vortrefflich bekannten Wegen in jenes Dickicht geschlichen und
dort auf dem Wechsel eine feste Drahtschlinge aufgestellt. Gleich nach
Dunkelwerden wechselte das Damwild gewhnlich von der Parkwiese nach dem
Haferfeld hinber, und nahm es dann wirklich einen andern Weg, so hatte
er weiter nichts zu thun, als auen am Park das Feld langsam abzugehen,
und er konnte sicher sein, da eins oder das andere der Thiere den
kleinen Pfad annahm und sich dann fing.

Jetzt hatte er den Fichtenstreifen erreicht und kroch vorsichtig darin
hinauf; aber er war zu dicht, er kam nicht fort, und wieder in das
offene Holz hineinbiegend, glitt er unmittelbar am innern Rand der
Stelle zu, wo er seine Schlinge wute.

Halt, was fr ein Gerusch war das? Er hielt und horchte; es schlug
etwas den Boden.

Hurrah, jubelte er in sich hinein, da steckt mein Sonntagsbraten,
dem auch die Flasche Wein nicht fehlen soll! und wie ein Indianer fast,
rasch und geruschlos, floh er ber die trockenen Nadeln hin, mit denen
hier eine Anzahl mehr einzeln stehender Kiefern den Boden bestreut.
Jetzt erreichte er den Platz. Die Anstrengungen des gefangenen Wildes,
da es den Feind nahen hrte, wurden strker; es ri und zerrte an den
Bschen und schnellte sich vom Boden empor. Aber die Schlinge, an die
elastischen Zweige der nchsten jungen Bume befestigt, hielt, und
wenige Minuten spter hatte der Maulwurfsfnger seine Beute, ein feistes
Schmalthier, gefat, zu Boden gerissen und ihm mit seinem scharfen
Genickfnger den Todessto gegeben.

       *       *       *       *       *

Die Gste waren alle versammelt, und whrend ein Theil von ihnen, den
wundervollen Abend noch genieend, vorn auf der Terrasse spazieren
ging, bildeten sich auch in dem Saal selber, dessen Thren und hohe
Fensterflgel weit geffnet standen und die balsamische Luft wie den
Duft der Blumen berall herein lieen, einzelne Gruppen von Bekannten
untereinander.

Und jetzt kam auch George, der sich aber Einzelne unter den Gsten
aussuchte, um ein paar Worte mit ihnen zu flstern. Auch zu Rottacks
ging er hinber.

Meine Herrschaften, sagte er rasch und frhlich, gleich nach dem
Souper beginnt unser Wirken; thun Sie mir also den Gefallen und machen
Sie sich, sobald Sie mglicher Weise knnen, von der Tafel los, damit es
keinen Aufenthalt giebt. Ich darf doch auf Sie zhlen?

Sicher, sagte Rottack.

Und Paula hat noch nichts gemerkt? Sie sprachen vorhin mit ihr
angelegentlich, Frau Grfin.

Sie hat keine Ahnung und, ich frchte, auch fast keinen Gedanken
fr die Festlichkeit, seufzte Helene; das arme Kind kommt mir recht
angegriffen und so unnatrlich aufgeregt vor.

Desto besser, desto besser! lachte George vergngt vor sich hin, denn
er selber sah, hrte und dachte heute an nichts Anderes, als eben seine
beabsichtigte Ueberraschung.

George, wo bist Du so lange geblieben? rief in diesem Augenblick Paula
und eilte auf ihn zu; ich habe Dich so ersehnt.

Mein liebes Herz, ich hatte zu thun und wute Dich ja hier so gut
aufgehoben. Wie geht es Dir, Schatz?

Paula antwortete ihm nicht. Sie sah ihn mit ihren groen Augen fest an,
und dann seinen Arm ergreifend und ihn leise ein paar Schritte mit sich
zur Seite fhrend, flsterte sie:

Bleibe mir immer gut, George; behalte Deine Schwester lieb.

Aber, Paula, was fehlt Dir? Du gehst ja doch noch nicht von uns, wenn
Du auch von jetzt an einem Andern angehren wirst; mache Dir doch keine
thrichten Sorgen.

Mein guter George!

Komm, Kind, da beginnt die Tafelmusik; um Gottes willen, was hast Du,
Paula, wir sind ja nicht allein!

Paula hatte mit der Hand fast krampfhaft seinen Arm gefat, zog ihn an
sich und drckte einen heien Ku auf seine Schulter. Dann lie sie ihn
pltzlich los und schritt der Thr der Terrasse zu.

Eine Weile noch wogten die Gste durcheinander, hier sich begrend,
dort mitsammen plaudernd, bis der Haushofmeister endlich feierlich auf
den Grafen Monford zuschritt und ihm meldete, da die Suppe servirt
werden knne.

Meine Herrschaften, zur Tafel! rief der Graf frhlich; meine Herren,
nehmen Sie sich Ihre Damen. Wo ist Hubert?

Er sprach eben im andern Zimmer mit der Mama, sagte George.

Rufe ihn einmal. Wo ist denn Paula? Sie war ja eben noch da.

Sie wird drauen auf der Terrasse sein; ich werde nachsehen.

George ging hinaus, um die Schwester zu suchen; aber auf der Terrasse
war sie nicht, und von dort herein zogen jetzt die Gste, dem
willkommenen Ruf zur Tafel folgend.

Langsam schritt Paar nach Paar in den zu Tageshelle erleuchteten Saal
und ordnete sich nach ihren, ihnen bestimmten Pltzen um die Tafel,
deren Pracht das Auge ordentlich blendete.

Riesige silberne Candelaber streckten ihre breitstigen Arme aus und
hielten zahllose flammende Wachskerzen. Prachtvoll gearbeitete Frucht-
und Blumenkrbe standen dazwischen, und den mittleren Theil deckten
sogar noch niedere Aufstze von blank polirtem Silber, die wie eben so
viele Spiegel das Licht tausendfltig zurckstrahlten.

Was Deutschland nicht allein, nein, was die Welt an Blumen und Frchten
bot, war auf der Tafel angehuft, von der saftigen Kirsche bis zur
goldgelben Banane und Ananas, und damit harmonirte der Saal selber, der,
so einfach auch decorirt, doch in jedem einzelnen Stck den Reichthum
sowohl wie den Geschmack des Besitzers verrieth.

Abgeschieden von den Gsten durch einen hohen, schwerseidenen Vorhang,
wie man ihn auf dem Theater wohl gemalt sieht, sa das Musikcorps, das
mit dem Wagner'schen Marsche aus Tannhuser begonnen hatte, und nach
dem Tacte desselben ordneten sich unwillkrlich die Gste; aber man
wollte sich setzen, und ungeduldig sah der Graf umher, denn Paula,
Hubert und George fehlten noch. Hatten sie den Ruf zur Tafel nicht
gehrt?

Der Haushofmeister wurde hinausgeschickt, um nach ihnen zu sehen. Er
kehrte ebenfalls nicht wieder.

Um Gottes willen, flsterte Helene ihrem Begleiter zu, die Comtesse
wird doch nicht unwohl geworden sein; sie sah vorhin so bleich aus!

Das ist mir auch aufgefallen, erwiderte dieser; Graf Monford scheint
unruhig zu werden.

Eine kleine Strung, lchelte der Staatsrath seiner Nachbarin,
einem gelben, aber sehr reichen Stiftsfrulein von Wurmholz, zu, die
Elisabeth hat ihr Stichwort versumt und der Festmarsch wird noch einmal
von vorn anfangen mssen.

Das junge Brautpaar, sagte die Gndige achselzuckend, wird drauen
auf der Terrasse schwrmen und nicht bedenken, da wir Hunger haben; es
ist schon ein Viertel nach Neun.

Grausame Liebe! sthnte der Staatsrath.

Der Graf wurde in der That unruhig, denn solch ein Versto gegen die
Etiquette gehrte mit zu den unangenehmsten Dingen, die ihm, wie er
glaubte, berhaupt passiren konnten.

Ein anderer Diener wurde hinausgeschickt, um den Haushofmeister zu
suchen. Er kehrte nach einigen Minuten zurck und flsterte dem Grafen
einige Worte zu.

Entschuldigen Sie einen Augenblick, meine verehrtesten Herrschaften,
sagte der Graf ruhig, ich glaube, meine arme Paula ist unwohl geworden;
aber es wird nichts zu sagen haben.

Er verlie mit festen, langsamen Schritten den Saal. Drauen am Eingang
stand George.

Nun, was ist? Was habt Ihr? Wo ist Paula?

Fort, Vater! sthnte George, der leichenbla aussah.

Fort?

Ihr Kammermdchen hat vorhin einen kleinen Koffer fortgetragen; mein
Jean will sie gesehen haben, und der Grtner behauptet, hinten am
Drahtthor habe ein Wagen gehalten.

Wo ist Hubert? sagte der alte Graf tonlos und hielt sich an dem
nchsten Sessel fest.

Er lt meinen Rappen satteln.

Der alte Herr sah seinen Sohn stier an, dann drehte er sich langsam um,
als ob er in den Saal zurckschreiten wollte; aber hier verlieen ihn
die Krfte. George konnte eben noch zuspringen, um ihn in seinen Armen
aufzufangen.




20.

Hamlet, Prinz von Dnemark.


Director Krger, den wir verlassen haben, als er im Conversationszimmer
von all' der Angst und Aufregung wie gerdert zusammenknickte, sollte
aber noch nicht zu Ruhe kommen, denn wieder mute das Orchester
Nachricht haben, was es jetzt spielen sollte, da es den Trauermarsch
doch nicht noch einmal beginnen konnte. Auerdem kam Frulein Bellachini
eben, von rauschendem Applaus und einer erneuten Blumensalve verfolgt,
athemlos und erhitzt, aber mit einem ganz seligen Gesicht in das
Conversationszimmer und warf dem Director lachend einen Blumenregen vor
die Fe. Der mute er etwas Angenehmes sagen, sonst gab sie ihm das
zehnfach in allerlei Aergerni wieder zurck, denn genau so stolz wie
eine Sngerin auf ihre Kehle, ist eine Tnzerin natrlich auf ihre Fe.

Mein liebes, verehrtes Frulein, sagte er, sich mit einem innerlichen
Seufzer von dem Sopha emporrichtend, Sie haben getanzt wie ein junger
Gott, wie eine Sylphide, eine Bajadere, eine Triade oder Gott wei, wie
die Dinger heien -- Sie haben getanzt wirklich zum -- zum Kssen. --
Erlauben Sie, da ich Ihnen im Namen Deutschlands um den Hals falle...

Mein bester Herr Director...

Der Director fiel; whrend er sie aber etwas tragisch umarmte, sah er an
der Thr Sulzer stehen und rief zugleich aus:

Schicken Sie doch zum Donnerwetter zum Kapellmeister, da er irgend
etwas Schwermthiges spielt -- aber kurz! -- Ist denn der Rebe fertig?

Er lt eben sagen, es knne angehen.

Mein liebes Frulein, der Erbprinz wird entzckt sein, sagte Krger,
sie bei Seite schiebend. -- Jetzt mssen Sie aber hinaus, Sulzer, und
die Vernderung anzeigen.

Mit der Krone?

Meinetwegen mit dem Reichsapfel -- das ist ja alles Ein Deubel! Haben
Sie in's Orchester geschickt?

Ja -- was soll ich denn anzeigen?

Sagen Sie nichts von Rebe! rief Krger rasch -- wegen pltzlich
eingetretener Heiserkeit des Herrn Handor htte eins der Mitglieder die
Rolle des Hamlet gleich und ohne Vorbereitung bernommen -- Direction
bte um Nachsicht.

Soll ich Meier's dicken Backen auch gleich anzeigen?

Den werden sie selber sehen -- na, wenn das heut Abend gut geht...

Wr' es nicht eigentlich passend, Herr Director, wenn Sie selber vorher
hinauf in die Loge zum Erbprinzen gingen und ihm...

Mit meiner grocarrirten Hose? rief Krger, auf die mir noch der
Esel, der Schulze, vorher die Lampe gegossen hat? Sehen Sie einmal den
Oelflecken -- machen Sie, da Sie hinauskommen!

Da fngt die Ouvertre schon wieder an.

Na, dann warten Sie, bis sie fertig ist -- nachher aber gleich -- der
Vorhang braucht gar nicht wieder zu fallen -- Sie gehen nur ab.

Es war jetzt in der That weiter nichts zu thun. Unten im Orchester
spielten sie eins jener monotonen Stcke, die gewhnlich in Schauspielen
die Zwischenacte ausfllen und nichts sind, als ein musikalisches
Gerusch, bei dem sich das Publikum ungestrt unterhalten kann, und Aus-
und Eingehende die Thren werfen.

Ist denn Rebe _noch_ nicht unten? fragte der Director ungeduldig --
wenn wir jetzt noch einmal eine Pause machen mssen...

Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Director, sagte aber dieser selber,
indem er in vollem Costm auf seinen Chef zutrat.

Er hatte die vorher aufgetragene Schminke abgenommen und sah eigentlich
bei Lampenlicht geisterhaft bleich aus -- aber zu der Rolle pate es.
Das Costm sa seiner schlanken, edlen Gestalt ebenfalls wie angegossen,
und Krger sah ihn ordentlich berrascht an.

Und Sie haben wirklich noch Courage?

Sie sehen mich vollstndig bereit, meinen Platz auszufllen.

Na, Gott gebe seinen Segen dazu -- Sie haben es selber gewollt.

Die Musik schwieg; Sulzer gab das Zeichen zum Aufziehen des Vorhanges
und trat dann rasch hinaus.

Wer da? schrie ihm Mauser aus dem Souffleurkasten, als ersten Ausruf
Bernardo's, entgegen, denn er hatte mit Schmerzen auf den Beginn
gewartet und glaubte natrlich, es sollte jetzt losgehen. Sulzer
stutzte, und im Parket, wo man den Ruf deutlich gehrt hatte, lachten
Einige. Knig Claudius sammelte sich aber rasch wieder, und vortretend
und zuerst den Erbprinzen, dann das Publikum mit einer ehrerbietigen
Verbeugung begrend, brachte er die Anzeige der stattfindenden
Vernderung.

Das Publikum nahm dieselbe ruhig hin, und nur ein leises Flstern lief
durch's Parterre, denn kein Name war genannt und Niemand wute, wer
jetzt den Hamlet spielen solle. Knig Claudius lie sich aber auf keine
weiteren Erklrungen ein, und Mauser selber unten im Souffleurkasten
war in der uersten Spannung, wer von Allen die Hauptrolle im Stcke so
rasch bernommen haben konnte, da er selber keine Ahnung davon hatte.

Knig Claudius aber war abgegangen. Aus der Coulisse trat der
wachthabende Posten, Francisco, vor und schulterte seine Hellebarde, und
Bernardo trat von der andern Seite auf.

Die erste Scene ging auch ruhig vorber, und nur die Spannung des
Publikums wurde mit der Verwandlung gesteigert.

Jetzt traten der Knig, die Knigin, Hamlet, Polonius, Laertes und die
Hofleute mit Gefolge auf, und Aller Augen hingen an dem Prinzen, aber
jetzt nicht an dem Erbprinzen, sondern an dem von Dnemark, den man mit
seinem bleichen Antlitz nicht einmal gleich erkannte. Aber pltzlich
-- Niemand wute, woher er gekommen -- flog der Ruf in einem hrbaren
Zischeln durch das Theater:

Rebe -- Rebe spielt den Hamlet!

Auf einer der vordersten Bnke sa Jeremias, der heute Rebe, wenn auch
in einer kleinen Rolle, auf dem Zettel gefunden hatte und, ohne daheim
etwas davon zu sagen, in's Theater gegangen war, um ihn selber einmal
spielen zu sehen. War es berhaupt die letzte Rolle, in der er hier
auftreten sollte. Sein Nachbar rief jetzt ebenfalls: Rebe spielt den
Hamlet!, und es gab ihm einen ordentlichen Stich in's Herz, als er den
Ausruf hrte.

Rebe den Hamlet -- na, wenn das gut geht! sthnte er, gleich
dem Director -- was ist denn da vorgefallen und dem unseligen,
verzweifelten Menschen in den Kopf gestiegen? Wenn er sich da blamirt --
und natrlich wird er--, ist er fr immer verloren! -- Jeremias wre
auch jetzt mit Vergngen fortgegangen, denn er glaubte zu ahnen, was
geschehen wrde, und mochte das Elend nicht mit ansehen; aber es war
unmglich. Er sa gerade in der Mitte im Parquet, und die Sitze waren so
eng, da die ganze eine Reihe htte aufstehen mssen, um ihn hinaus zu
lassen, und was fr Aufsehen wrde das mitten im Act erregt haben! Er
mute schon bleiben, wo er war, und geduldig still halten. Was auch
geschah, er konnte es doch nicht mehr ndern.

Und wie unbefangen der Mensch dabei aussah, und wie bla aber auch!
Whrend der Knig mit Polonius sprach, unterhielt er sich mit den
Hofleuten, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge. Im Hause
selber herrschte dabei noch immer einige Unruhe, und das flsterte und
zischelte an allen Ecken und Enden. In dem Augenblick aber, wo sich der
Knig an Hamlet wandte:

  Doch nun, mein Vetter Hamlet, und mein Sohn...

herrschte Todtenstille, und man htte ein Blatt Papier knnen fallen
hren.

Hamlet sprach aber seine kurzen Stze einfach und verstndig, die ersten
Worte nur noch etwas leise -- er war noch zu befangen. Trotzdem verstand
man jede Silbe, denn das Publikum wagte kaum zu athmen, und schon bei
der Anrede an die Mutter:

  Scheint, gnd'ge Frau? Nein -- ist! Mir gilt kein Scheint...

schien er seine ganze Fassung erlangt zu haben oder hatte vielmehr das
Publikum so vergessen, da er nur Auge und Ohr fr seine Rolle hatte,
und nach dem Abgange der Uebrigen, bei den heftigen Worten:

  Zerschmlze doch dies allzu feste Fleisch,
  Zerging' und lst' in einen Thau sich auf!
  Oh, htte nicht der Ew'ge sein Gebot
  Gerichtet gegen Selbstmord! Gott, oh Gott,
  Wie ekel, schal und flach, wie unersprielich
  Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt...

sprach er sie mit einer solchen edlen und auch in keiner Bewegung
bertriebenen Leidenschaft, da der Director, der indessen hinter der
Coulisse wie auf glhenden Kohlen stand, fast unwillkrlich in sich
hineinmurmelte: Gut, bei Gott, recht gut! Verfluchter Kerl, der Rebe,
wenn er nur so fortfhre! Am Ende kme er noch unausgepfiffen durch.

Rebe schien aber nichts Derartiges zu frchten, denn in der nchsten
Scene mit Horatio, Bernardo und Marcellus benahm er sich mit so edlem
Anstand und sprach, was er zu sprechen hatte, so durchaus im Geist der
Rolle, da das Staunen im Zuschauerraume wuchs, whrend er die Damen
durch seine wie fr den Hamlet geschaffene Gestalt schon halb gewonnen
hatte. Aber trotzdem regte sich keine Hand, Alles sa lautlos und
still, wie erwartungsvoll, da pltzlich irgend etwas Auerordentliches
geschehen solle, bis zu der Scene mit dem Geist, wo er diesem folgt und
ihn endlich stellt.

Barthel war schauerlich als Geist. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt,
da ein im Fegfeuer leidendes Gespenst, wenn es einmal ber der Erde
erscheine, auch seine dort unten erlittenen Qualen deutlich kund geben
msse, und wimmerte seine Rolle klglich ab. Die Haburger hatten sich
aber an ihn gewhnt; sie wuten es nicht anders, als da der Geist
wimmern mu, und nur die Fremden im Theater schttelten mit dem Kopf,
wagten aber kein Urtheil kund zu geben.

Desto besser war Rebe, der in dieser Scene ordentlich aus sich
herausging, ohne aber eine einzige unnatrliche Bewegung zu machen oder
im Geringsten stark aufzutragen. Das Grausen, das ihn erfate, als er
den Geist erblickte, theilte sich dem Publikum mit, und wie der Geist
mit dem Ade, ade, gedenke mein! abwimmerte und Hamlet in die Worte
ausbrach:

  Oh Herr des Himmels! Erde! Was noch sonst?
  Nenn' ich die Hlle mit?--

hrte man hier und da einzelne leise Ausrufe von: Gut! Recht brav!
Aber keine Hand rhrte sich.

Der Erbprinz selber schien ganz ergriffen von dem Spiel und gab
unwillkrlich wieder das vorher so gut eingeschlagene Zeichen zum
Applaudiren, indem er die Fingerspitzen der weien Glachandschuhe vorn
zusammenbrachte -- aber es half nichts.

Bei der Tnzerin war es etwas Anderes gewesen und diese eine berhmte
Notabilitt; sie mute beklatscht werden, oder ganz Haburg htte sich
blamirt. Ihren Rebe aber, den kannten sie besser als irgend jemand
Anders, und da hinein lieen sie sich nicht reden, und wenn es vom
Erbprinzen selber gewesen wre.

Der Vorhang fiel, und schweigend wie das Grab sa das ganze Haus, bis
pltzlich wieder das Zischeln und Flstern begann und Einer dem
Andern seine Bemerkungen leise mittheilte, oder erst vorsichtig dessen
Ansichten hren wollte.

Jeremias athmete tief auf. Wie der Vorhang fiel, war ordentlich, als
ob ein Alp von seiner Brust genommen wre, in einer solchen, fast
fieberhaften Spannung hatte er in den vorigen Scenen gesessen und
zugesehen. Jetzt war es vorbei, er konnte wenigstens einmal wieder
ordentlich Luft schpfen, und ein eigenes, merkwrdiges Gefhl
durchzuckte ihn, als er dabei die verschiedenen, aber fast smmtlich
gnstigen Urtheile ber den neuen Hamlet hrte.

Na, nu seh' einmal ein Mensch an; wer htte das dem Rebe zugetraut?
Nicht gemuckst hat er bis jetzt, und gethan, als ob er nicht Drei zhlen
knnte, und nun rckt er auf einmal mit dem Hamlet heraus.

Na, aber der Handor htt' ihn doch besser gespielt...

Nicht so viel, nicht die Probe; geschrieen htt' er mehr, ja -- aber
der verfluchte Kerl sah ordentlich wie ein Prinz aus!

Ja, das war nichts, sagte da ein Anderer, die Scene mit dem Geist
kann ein Jeder spielen, die spielt sich von selber -- aber nachher
wollen wir einmal sehen! Mein Hamlet wr's nicht.

Ach was, er macht's so gut er kann, meinte Einer auf einer hintern
Bank, und wer wei denn auch, wann er die Rolle bernommen hat? Der
Handor steht ja noch auf dem Zettel.

Was nur dem heute fehlt?

Fehlen? Er hat wieder 'was zu viel -- der Champagner wird heute gut
geschmeckt haben!

Da ihm nur noch Jemand 'was borgt! Mir ist er auch noch hundertfnfzig
Thaler schuldig -- das ist ein leichtfertiger Patron.

Da ist der Rebe ordentlicher, der bezahlt Alles, was er kauft.

Ja, aber er kauft nichts, lachte ein kleiner dicker Mann; der arme
Teufel hat immer kein Geld...

Bst, es geht wieder an! -- Das Gesprch war abgeschnitten.

Oben auf der Bhne hatte indessen eine andere Scene gespielt, und kaum
fiel der Vorhang, als der Director, ordentlich verlegen, auf Rebe zukam
und, sich die Hnde reibend, sagte:

Nun, Herr Rebe, ich gratulire! Es -- es geht ja recht gut. Ich -- ich
mu Ihnen gestehen, ich -- habe das nicht erwartet.

Sie glaubten, ich wrde durchfallen, Herr Director?

Aufrichtig gesagt, ja; das Schwierigste haben Sie freilich noch immer
vor sich, aber bei einer so pltzlichen Uebernahme einer Rolle ist das
Publikum auch immer rcksichtsvoll genug, ein Auge zuzudrcken. Ich
hoffe doch jetzt wenigstens, da wir das Stck zu Ende bringen.

Woran Sie bis dahin gezweifelt haben. Es freut mich wenigstens, Herr
Director, da Sie, wenn ich morgen Haburg verlasse, kein so hartes
Urtheil ber mich fllen werden, als das bisher vielleicht der Fall
war. Ich habe Ihnen doch wenigstens bewiesen, da ich nicht blos zum
Sthlehinaustragen zu verwenden bin, und da Sie mir die Rolle des
Gldenstern mit recht gutem Gewissen htten anvertrauen knnen.

Mein lieber Herr Rebe (lieber Herr Rebe hatte er ihn noch nie
genannt), sagte der Director wirklich etwas verlegen, es -- es thut
mir in der Seele leid, da wir es nicht frher einmal mit einer etwas
bedeutenderen Rolle versucht haben! Halten Sie sich nur heut Abend
tapfer; das Publikum ist noch merkwrdig still, aber verlieren Sie den
Muth nicht, es geht doch vielleicht noch gut.

Mit ein klein wenig Nachsicht hoffe ich mein Versprechen zu lsen,
sagte Rebe; aber das Orchester beginnt schon wieder. Entschuldigen Sie,
Herr Director, ich komme nachher von der andern Seite, und mchte noch
einen Blick in meine Rolle werfen.

Bitte, lassen Sie sich um Gottes willen nicht stren!

Der Director war die bertriebene Hflichkeit. Er kannte sich selber
nicht wieder, und Peters ging immer hinten auf dem Theater auf und ab
und schttelte mit dem Kopf. So etwas war ihm in seiner Praxis noch
nicht vorgekommen.

Hinter der Scene stand Pfeffer als Todtengrber mit dem Geist.

Wit Ihr 'was Neues, Barthel?

Nichts, mein Prinz, erwiderte Barthel mit den Worten des Gldenstern,
auer da die Welt ehrlich geworden...

So will ich's Euch sagen, rief Pfeffer, in dem Rebe steckt ein
Schauspieler!

Es brauchte kein Todtengrber vom Grabe herzukommen, citirte Barthel
weiter, nur mit einer Vernderung des Textes, uns das zu sagen -- aber
was fr einer, ist die Frage.

Ein tchtiger, wackerer Schauspieler! rief Pfeffer in Eifer. Hol'
mich der Teufel, der Handor reicht ihm das Wasser nicht in der Scene.

Bah, sagte Barthel, der von der Schauspielkunst ganz eigene Ideen
hatte, er sprach den Hamlet etwa gerade so, als ob Sie oder ich einen
Geist gesehen htten und auer sich wren -- von Kothurn keine Spur --
man darf doch nie vergessen, da man auf dem Theater ist!

Ich will Ihnen 'was sagen, Barthel, meinte Pfeffer, Sie sind ein Esel
und verstehen vom Hamlet gerade so viel wie der Peters!

Ich will _Ihnen_ 'was sagen, Pfeffer, erwiderte Barthel, wir
sind gute Freunde, aber Sie brauchen deshalb nicht gleich so grob zu
werden...

Ruhe da hinten, es geht an! rief der Inspector aus der Coulisse
heraus, und im nchsten Augenblick ging der Vorhang wieder in die Hhe.

In der zweiten Scene erregte der neugeworbene Gldenstern mit seinem
dicken Backen einige Heiterkeit, denn der Regisseur hatte ihn nicht mit
angemeldet; aber das Publikum beruhigte sich bald darber, denn Meier,
als welcher er bald erkannt wurde, war eine zu beliebte und allbekannte
Persnlichkeit in der Stadt, fr deren bestes Bier er als Orakel galt,
als da man ihn irgend htte krnken mgen. Auerdem lag es auf der
Hand, da er nur aus Geflligkeit in Rebe's Rolle eingetreten sei. Der
Erbprinz lachte aber, da er sich zurckbeugen und sein Gesicht mit dem
Tuch bedecken mute, und Meier warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

Der zweite Act ging wieder so ruhig vorber, als der erste. Nicht einen
einzigen Applaus bekam Hamlet, obgleich die Zuschauer doch bei Frulein
Bellachini bewiesen hatten, da sie applaudiren konnten. Peters ging um
den Director herum.--

Herr Director!

Ja, Peters.

Der Rebe macht seine Sache gar nicht so schlecht; soll ich einmal
wieder in's Parterre hinunter und vielleicht mit einer Kleinigkeit...
-- er zeigte dabei seine zwei hornharten Fuste.

Um Gottes willen, Peters! rief der Director erschreckt. Rebe ist
in dem Act viel schwcher, als im ersten -- ein einziges verkehrtes
Beifallszeichen, und der Teufel geht am Ende los! Wir wollen Gott
danken, wenn wir die Sache ruhig zu Ende bringen!

Wie Sie meinen; manchmal hngt's aber nur an einer Kleinigkeit...

Ja wohl thut's das, rief der Director, und wir wollen es selber
nicht muthwillig heraufbeschwren! Die Heidenangst, die ich heut Abend
ausstehe, werde ich berhaupt im Leben nicht vergessen!

Als der Vorhang fiel, regte sich Niemand. Selbst der Erbprinz htete
sich, einen zweiten Versuch zu machen, da der erste so grndlich
miglckt war. Rebe schien etwas befangen, denn die brigen Schauspieler
wichen ihm aus, aber er suchte seiner Furcht Herr zu werden.

Frulein Bellachini tanzte wieder in diesem Zwischenact, und Rebe
benutzte die Zeit, um indessen hinter der Bhne mit dem Laertes, einem
jungen, ganz geschickten Schauspieler, die Zweikampf-Scene ein wenig
einzuben, da diese in der Ausfhrung besondere Schwierigkeiten hat und
leicht lcherlich wird. Rebe selber wute brigens vortrefflich mit
der Stowaffe umzugehen, und da sich sein Gegner auch alle Mhe damit
gegeben hatte, ging es recht gut.

Jetzt kam der dritte Act -- kam die Scene mit der Mutter, und Rebe
entwickelte da eine so volle Kraft und schne, edle Sprache, da sich
im Publikum immer mehr ein Gefhl zu regen begann, er habe doch am
Ende wohl einen Beifall verdient, aber Jeder scheute sich den Anfang zu
machen.

Die Scene spielte er durch, von Anfang bis zu Ende ganz vortrefflich,
und todtenstill sa das Parterre dabei, denn der erste Rang hlt es
gewhnlich fr unter seiner Wrde, zu applaudiren. Es greift auch die
Glachandschuhe zu sehr an, und wie darf da der Schauspieler in Betracht
kommen, der all' seine Krfte darangesetzt hat, seiner Aufgabe zu
gengen, und dem das Publikum durch nichts, nichts weiter auf der Welt
lohnen kann, als augenblicklichen Beifall!

So kamen die letzten Worte:

  Nun, Mutter, gute Nacht -- der Rathsherr da
  Ist jetzt sehr still, geheim und ernst frwahr,
  Der sonst ein schelm'scher alter Schwtzer war.
  Kommt, Herr -- ich mu mit Euch ein Ende machen --
  Gute Nacht, Mutter...

Aber das letzte Gute Nacht, Mutter sprach er so ergreifend, so
wunderbar wahr, da dem kleinen Jeremias die Thrnen in die Augen
traten.

Und keine Hand regte sich. Jetzt aber hielt sich Jeremias nicht lnger.
Seine Handschuhe hatte er schon lange ausgezogen, um zu augenblicklichem
Dienst bereit zu sein -- jetzt hieb er ein, und wie der erste Schall
durch das Haus flog, war es, als ob ein Zauber gebrochen wre, der bis
jetzt Alle befangen gehalten htte.

Einen solchen Applaus hatte selber die berhmte Tnzerin nicht bekommen:
das ganze Haus drhnte frmlich vom Klatschen und Beifallssturm, in das
der Erbprinz jetzt mit augenscheinlicher Freude und mit gutem Willen
einstimmte.

Rebe 'raus! gellte da zwischendurch eine Stimme, und: Rebe 'raus!
schrie das Publikum wie aus Einem Munde und als ob es das Versumte
jetzt mit Lrmen und Toben wieder nachholen wollte.

Der Vorhang stieg in die Hhe, aber Rebe kam nicht. Die Ungeduld wuchs,
die Leute geberdeten sich wie toll und pochten, stampften, klatschten
und schrieen: 'Raus, 'raus! Rebe, Hamlet, Hamlet! Rebe, 'raus, 'raus,
'raus!

Ein schtzender Engel waltet ber Allem -- Frulein Rottenhfer glaubte
oder hoffte, ihren Namen mitzuhren.

Aber, Herr Rebe, so kommen Sie doch, wir werden ja gerufen!

Aber, mein bestes Frulein...

Sind Sie ein wunderlicher Heiliger! So kommen Sie doch! und seine Hand
ergreifend, zog sie den schchternen Hamlet unter einem neuen Ausbruch
von Jubel und Beifall auf die Bhne hinaus.

Rebe stand wie betubt, und Pfeffer ging immer um ihn herum, als ob er
ihn anreden wollte, nderte aber eben so oft seine Absicht wieder und
machte fortwhrend und in Gedanken vergebliche Versuche, seine Hnde in
die gewohnten Seitentaschen seines alten Rockes zu bringen. Das Costm
hatte leider keine.

Frulein Bellachini zrnte. Sie war auch gerufen, aber nicht so, und
beim zweiten Mal hatte man sogar -- da es Peters nicht mehr fr nthig
fand -- ihren Tanz nicht einmal =da capo= verlangt.

Sie schreien wie verrckt, sagte sie, als sie sich in ihre Garderobe
zurckzog; ich bin froh, da ich mich nur fr diesen einen Abend
engagirt habe.

Jetzt war aber Bahn fr Rebe gebrochen. Schon im vierten Act, bei
den kleinen Scenen, wurde jede einigermaen passende Stelle lebhaft
applaudirt, und im fnften Act, in der Scene mit dem Todtengrber,
brach der Sturm auf's Neue aus. Es war gut, da Frulein Bellachini
das Theater verlassen hatte. Nicht enden wollte aber der Beifall in der
Fechtscene, die auch wirklich vortrefflich von Beiden gegeben wurde, und
als der Vorhang endlich zum Schlusse fiel, ging es von Frischem an.

Erst muten Alle heraus, nur Meier mit seinem dicken Backen fehlte, und
Frulein Rottenhfer erschien im Mantel und ohne Stroh in den Haaren.
Dann wurde Rebe noch besonders gerufen, und wie der Vorhang kaum wieder
herunter war, mute er noch einmal heraus.

Etwas Derartiges war in Haburg noch nicht geschehen, so lange die alte
Stadt stand.

Jetzt endlich beruhigte sich der See -- er hatte sein Opfer, und
der Director wollte eben auf Rebe zugehen, um ihm seine Anerkennung
auszusprechen, als der Hofmarschall aus der Loge des Erbprinzen auf die
Bhne kam und den Director ersuchte, einen Augenblick zu dem gndigsten
Herrn heraufzukommen, der ihn zu sprechen wnsche.

Mich? Heiland der Welt! sagte Director Krger erschreckt; aber ich
-- ich bin ja nicht -- entschuldigen Sie einen Augenblick! und wie
ein Wetter scho er in das Conversationszimmer, wo er wild nach Peters
schrie.

Peters, Peters! Verfluchter Kerl, wo steckt der nur wieder?

Aber, Herr Director, hier bin ich ja -- ich habe vor Verzckung auf
Einem Bein gestanden!

Haben Sie meinen Frack mitgebracht? Ob ich es mir denn nicht immer
dachte, da noch ein Unglck passiren wrde! Meinen Frack will ich --
hren Sie denn nicht?

Aber da liegt er ja auf dem Sopha! Wo wollen Sie denn noch hin?

Zum Erbprinzen -- er hat ja nach mir verlangt!

Mit dem Fettfleck?

Herr Du mein Gott, an den Fettfleck habe ich gar nicht gedacht! Oh, da
diesen Schulze der Teufel holte!

Glaube nur nicht, da er unter den vielen Schulzes den richtigen
findet, meinte Peters. Aber warum nehmen Sie nicht Herrn Rebe's dunkle
Hosen? Er ist noch in der Garderobe.

Die sind mir ja um einen Fu zu lang!

Krempeln wir auf, sagte Peters.

Es geht nicht mehr, er wartet! chzte der Director, der seinen
alten Rock schon abgeworfen hatte und sich in den etwas engen Frack
hineinzwngte -- wo ist mein Hut? Ich halte meinen Hut vor!

Da sieht der Fettfleck beinah' noch besser aus, sagte Peters; Sie
haben den alten erwischt.

Na, dann kann's nichts mehr helfen; ein Unglck kommt nie allein, und
wenn ich jetzt in Oel eingekocht wre wie eine Sardine, warten kann ich
ihn nicht lnger lassen!

Das Schnupftuch hngt Ihnen hinten heraus, sagte Peters.

Der Director steckte es in wilder Hast wieder ein, und sich unterwegs
die in Unordnung gerathenen Haare ein wenig zurecht drckend, scho er
in voller Flucht zurck auf die Bhne, um sich dem bermig besternten
und beordenten Hofmarschall zur Verfgung zu stellen.

Dieser fhrte ihn auch ohne Weiteres der frstlichen Loge zu, und
Krger, etwa mit einem Gefhl wie ein Subalternbeamter, der vor einen
Vorgesetzten citirt ist und die Gewiheit hat, einen tchtigen Rffel zu
bekommen, folgte ihm so rasch er konnte.

Der Erbprinz erwartete ihn oben. Der Wagen stand schon lange unten,
seiner harrend, aber er blieb trotzdem zurck und sah indessen zu, wie
sich das Haus leerte.

Herr Director Krger, Knigliche Hoheit.

Ah, lieber Director, es freut mich, Sie kennen zu lernen -- ich bin
Ihnen dankbar fr Ihre Aufmerksamkeit!

Knigliche Hoheit, stotterte Krgen

Heut Abend aber, fuhr der Prinz fort, bitte ich Sie, Ihrem Herrn
Rebe in meinem Namen fr den Genu zu danken, den er mir durch sein
vortreffliches Spiel bereitet hat. Er ist jetzt noch in Costm, sonst
htte ich ihn selber heraufrufen lassen, und so ersuche ich Sie denn,
ihm in meinem Namen diese Tuchnadel zu berreichen, die er mir
zum Andenken tragen mag, und mit den Worten nahm er seine eigene
Brillantnadel aus der Cravatte und berreichte sie dem Director.

Knigliche Hoheit, stammelte dieser wieder, sind so gndig...

Guten Abend, Herr Director, nochmals, ich bin Ihnen sehr dankbar! und
fort war er, und in einer solchen Aufregung befand sich der Director,
da er selbst seinen Fettfleck vergessen hatte, und in einem Zustand,
von dem er sich selber spter keine Rechenschaft ablegen konnte, zurck
auf die jetzt leere und fast dunkle Bhne scho. Er schttelte dabei
fortwhrend mit dem Kopf und murmelte in einem fort: Noch gar nicht
dagewesen, noch gar nicht dagewesen!

Rebe war noch in seiner Garderobe; Krger folgte ihm dahin fast
willenlos.

Herr Rebe, der Erbprinz lt Ihnen in meinem Namen sagen...

In Ihrem Namen, Herr Director?

In seinem Namen, wollte ich sagen, da er Ihnen unendlich dankbar fr
den Genu des heutigen Abends ist und Sie bittet, diese Tuchnadel --
Mensch, Sie haben ein Heidenglck! -- zu seinem Andenken zu tragen.

Herr Director! sagte Rebe erschrocken.

Es ist so, Rebe, bei Gott! Seine Knigliche Hoheit war unendlich gndig
und hat sich bei mir auch bedankt.

In der That?

Rebe, fuhr der Director gerhrt fort, ich habe Ihnen Unrecht gethan,
Sie sind zurckgesetzt worden, ungerechter Weise zurckgesetzt worden
-- Sie htten eigentlich besser beschftigt werden mssen, und ich sehe
ein, da Ihnen Unrecht geschehen ist.

Herr Director, sagte Rebe ruhig, es freut mich wenigstens, da Sie
das noch im letzten Augenblick erkannt haben, und ich gebe Ihnen mein
Wort, da das mein schnster Lohn heut Abend ist. Wir werden also
wenigstens in Frieden und Freundschaft scheiden.

Wir wissen noch gar nicht, ob wir scheiden, Rebe, platzte der Director
heraus, das wissen wir noch gar nicht! Kein Mensch wei berhaupt,
was am nchsten Tag geschieht, ja, an dem nmlichen, und wenn mir heute
Morgen Jemand erklrt htte, da Sie heut Abend den Hamlet spielen
wrden, so... er schwieg erschrocken still, weil er sich beinahe
verschnappt hatte. Rebe aber fuhr lchelnd fort:

Wrden Sie ihn wahrscheinlich fr verrckt erklrt haben.

Lieber Herr Rebe, ich bitte Sie um Gottes willen...

Ich danke Ihnen fr Ihre bessere Meinung heut Abend, Herr Director,
aber Sie entschuldigen jetzt. Ich fhle mich doch etwas angegriffen und
will machen, da ich nach Hause komme.

Soll ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?

Rebe lchelte. -- Tausend Dank, nein -- ich wohne gar nicht so weit von
hier und bin gewohnt, den Weg im schlechtesten Wetter zu Fu zu gehen.
Gute Nacht, Herr Director.

Gute Nacht, lieber Rebe, schlafen Sie recht wohl -- Sie knnen heute
auf Ihren Lorbeern ausruhen.

Rebe knpfte sich seinen Rock bis oben zu und verlie rasch die
Garderobe. Unten an der Treppe ging ein Mann in einem braunen Ueberrock
auf und ab -- es war Pfeffer. Rebe wollte mit einem Gru an ihm
vorbergehen.

Herr Rebe! rief ihn Pfeffer an.

Mein bester Herr Pfeffer...

Geben Sie mir Ihre Hand.

Rebe schttelte die dargebotene aus allen Krften.

Sie sind ein ganzer Kerl! sagte Pfeffer, drehte sich ab und verschwand
hinter einer der Coulissen.

Rebe verlie das Theater; er schpfte tief und anhaltend Athem, als er
die frische Nachtluft drauen erreichte. Es war ihm so leicht, so
froh zu Sinn, er fhlte den Boden kaum, auf den er trat. Mit raschen
Schritten eilte er nach Hause -- Essen und Trinken? Er dachte gar nicht
daran. Seine Glieder zitterten, seine ganze Gestalt bebte, und als er
sein kleines, rmliches Zimmer im vierten Stock erreichte, schob er den
Riegel hinter sich zu, warf sich auf das Sopha, barg sein Gesicht in den
Hnden und weinte wie ein Kind.




21.

Der Wilddieb.


Unten im Stbchen des Haushofmeisters, im Monford'schen Schlosse sa der
alte Frster behaglich hinter einer Flasche Wein und einem groen Stck
Kuchen, fest entschlossen, es sich den heutigen Abend einmal gut sein
zu lassen -- kam es doch berhaupt nicht hufig vor -- als der
Wiesenmller, der auf der Stadtseite an das Gut stie und hufigen
Verkehr mit dem Haushofmeister hielt, das Zimmer betrat und sich mit zum
Tisch setzte.

Natrlich wurde ihm ebenfalls sogleich ein Glas vorgesetzt, und das
Gesprch drehte sich gerade um all' die verschiedenen Persnlichkeiten,
welche sich heute zu dem Freibier eingefunden, whrend Jonas, der
zwischen ihnen sa und immer noch glaubte, andere Leute merkten nicht,
da er taub sei, mit hineinsprach und oft die verkehrtesten Dinge
vorbrachte.

Der alte Fritz hat sich auch richtig eingefunden, sagte der Mller;
das ist ein durchtriebener Halunke und wei seine Zeit vortrefflich
abzupassen.

Der Lump! brummte der Frster in sein Glas hinein. Der Graf hat ihm
ja verboten, sich nach Dunkelwerden auf dem Grund und Boden hier wieder
sehen zu lassen.

Ja, heute ist aber eine Ausnahme, lachte der Holzhndler, denn wenn
er bei hellem Tag erst kme, wr' die Geschichte vorbei und er kriegte
nichts mehr.

Schadete ihm auch nichts, meinte der Mller, und ich wollte, er htte
die hiesige Gegend nie gesehen, denn seit er da ist, spr' ich's an
meinen Fischen.

Er stiehlt, wo er 'was kriegen kann, nickte der Frster, und meine
Fasanen wissen davon zu erzhlen.

Und Eure Forellen auch, lachte der Mller; meinem Gevatter, dem
Mehlberg, hat er neulich sieben Pfund verkauft.

Der Cujon! rief der Frster; aber ich kann doch hier, Gott straf'
mich, nicht den ganzen Tag im Park stecken, wo ich da drben das
groe Revier und die Stadt in der Nhe habe, in der das Gesindel Alles
brauchen kann, was vorkommt. Wenn er sich aber hier am Fischwasser
herumtriebe, mte ihn Jonas doch ber Tag bemerkt haben. Habt Ihr den
Fritz schon einmal angeln sehen, Jonas?

Du lieber Gott, sagte der alte Mann, der indessen seinen eigenen
Gedanken gefolgt war und jetzt merkte, da er angeredet wurde, als
kleines Kind hab' ich sie ja schon auf den Armen getragen!

Wen? schrie der Mller.

Die liebe Comtesse, und wenn mich Gott leben lt, kann ich jetzt auch
vielleicht ihre Kindchen sehen.

Ob Ihr den alten Fritz nicht habt fischen sehen, fragt der Frster,
schrie ihm jetzt der Mller in's Ohr.

Jonas sah ihn ganz erstaunt an, denn er begriff die Frage nicht einmal
gleich; endlich aber nickte er lchelnd mit dem Kopf und sagte:

Den alten Fritz? Oh, gewi, nach Maulwrfen. Seine Angelruthen stecken
ja ber die ganze Wiese, und er ist darin ein tchtiger Kerl, das mu
man ihm lassen; es macht's ihm Keiner nach.

Mit dem Alten ist ja nicht zu reden, sagte der Frster halblaut, und
wenn wir so schreien, hrt's am Ende der Halunke da drauen und lacht
uns noch obendrein aus.

Hrt einmal, Frster, sagte der Mller leise, der Maulwurfsfnger ist
mit allen Hunden gehetzt, und so hlt es verdammt schwer, hinter
seine Schliche zu kommen; bei einem Glase Wein hat aber schon Mancher
ausgeplaudert, wovor er sich sonst wohl gehtet und sich lieber die
eigene Zunge abgebissen htte. Wenn wir ihn nun einmal hereinriefen und
ihm ein bischen zusetzten?

Der trinkt uns Beide unter den Tisch, brummte der Frster.

Der noch lange nicht, rief der Mller; eine bessere Gelegenheit
finden wir auch im Leben nicht wieder. Merken kann er nichts, denn alle
Arten von Leuten sind heut Abend hier versammelt. Wollen wir's nicht
einmal versuchen?

Aber am Ende ist's dem Haushofmeister nicht recht, wenn wir den
Vagabonden hier in sein Zimmer bringen.

Ach was, zu dem Zweck hat er gewi nichts dagegen, denn er mag ihn auch
nicht leiden, weil ihn der Lump immer so vornehm grt; und dann kommt
der auch nicht vor den nchsten zwei Stunden wieder herein, denn er
ist jetzt mit der Tafel beschftigt, und nachher wird gespeist, wo er
ebenfalls dabei sein mu.

Na, meinetwegen, dann holt ihn; ich stehe mit ihm nicht so grn, da
ich ihn einladen knnte, und er rche gleich Lunte.

Den wollen wir uns einmal langen, lachte der Mller vergngt vor sich
hin, indem er von seinem Sitz aufstand; pat auf, den kaufen wir uns.

Wollt Ihr schon fort? fragte Jonas erstaunt.

Der Mller schttelte nur mit dem Kopf und verlie langsam das Zimmer,
und der Frster qualmte indessen strker aus seiner Pfeife, trank aber
nicht mehr, weil er sich das auf nachher aufsparen wollte! Der Mller
blieb aber entsetzlich lange; der alte schlaue Bursche wollte gewi
nicht mit. Endlich kam er wieder herein.

Na, das ist merkwrdig, sagte er, die ganze Zeit hat der Fritz da an
dem einen Baum gelehnt; der eine von meinen Burschen hat ihn deutlich
gesehen, und der Hund war auch bei ihm, und jetzt ist er fort und
nirgends mehr zu finden.

Er wird irgendwo an einem der Tische sitzen.

Gott bewahre; berall habe ich ihn gesucht, kein Mensch wei etwas von
ihm, und der Berthold, der die Getrnke zu vertheilen hat, will ihn noch
mit keinem Auge gesehen haben, und den htte er sich gewi gemerkt.

Dann hat die Canaille wieder 'was im Werk, sagte der Frster, mit der
Faust auf den Tisch schlagend, und glaubt, weil ich hier fest hinter
der Flasche sitze, da ich ihm die Nacht nicht auf den Dienst passe. Ei
Du heiliger Kreuzhimmelschwerenther Du! Und mit den Worten stand er
von seinem Stuhle auf.

Unmglich wr's nicht, lachte der Mller, und dick genug hat er's
dazu hinter den Ohren. Aber was will er in der stockfinstern Nacht
machen? Der Mond geht erst um Mitternacht herum auf; da ist's nichts mit
dem Angeln und Wildern.

Und mit dem Netzfischen auch nicht, wie? sagte der Frster, indem er
seine Flinte vom Nagel nahm. Ne, Mller, wenn er nicht mehr da drauen
steckt, dann ist er auch im Park auf irgend eine Lumperei aus, und
da schmeckt mir doch hier kein Tropfen mehr, bis ich mich wenigstens
berzeugt habe. Wo ist denn mein Forstgehlfe?

Ja, der steht bei den Bllern und kann nicht fort, bis die abgefeuert
sind. Wartet lieber so lange, das wird nicht mehr so ewig dauern, und
Zwei sind besser als Einer.

Die Bller werden nicht eher abgefeuert, bis die Tafel fast vorber
ist, sagte einer der Diener, der sich einen Augenblick weggestohlen
hatte, um hier rasch ein Glas Wein zu trinken; dann wird erst die
Gesundheit auf das Brautpaar ausgebracht.

So lange kann ich nicht warten, brummte der Frster, indem er seinen
Hut aufstlpte; brauche auch wahrlich keinen Gehlfen und werde mit dem
Lump schon allein fertig werden!

Was ist denn? fragte der Lakai.

Oh, ein Fuchs holt mir die Fasanen weg, und dem hab' ich ein Eisen
gestellt, sagte der Frster; will nur einmal nachsehen, ob er drin
sitzt.

Na, viel Glck! rief ihm der Mann nach.

Esel! brummte der Waidmann vor sich hin, als er die Thr zudrckte und
sich durch das Gedrnge der drauen herumschwrmenden Gste Bahn brach.
Er hatte Gift und Galle im Herzen und erwiderte nicht einmal manchen ihm
hier und da gebotenen Gru.

Es trieb ihn auch, aus der Nhe des Schlosses fortzukommen, und rasch
schritt er den Weg entlang nach dem Flu hinber, um dort vielleicht
den alten Cujon, wie er ihn nannte, auf frischer That bei verbotenem
Fischfang zu ertappen, und ihn dann den Gerichten ausliefern oder
doch wenigstens die Anzeige machen zu knnen, denn eher wurden sie den
frechen Gesellen nicht aus der Gegend los. Konnte er aber erst einmal
eines Vergehens berwiesen werden, dann verstand es sich auch von
selbst, da man ihn hier erst abstrafte und nachher als Auslnder
einfach ber die Grenze schaffte.

Am Flu selber kannte er genau jede Stelle, an der sich ein Fischdieb
einigen Erfolg versprechen durfte, und am Strom hinauf hielt er sich
ein Stck davon entfernt auf dem dunkeln und weichen Rasen, bis er einen
solchen Platz erreichte und dann mit aller Umsicht dort hinberschlich
-- aber immer vergebens. Da, wo er den Wasserrand erreichte, flog ein
aufgescheuchter Vogel aus den Bschen, dort sprang ein Frosch in's
Wasser, lauter Zeichen, da sie krzlich von keinem Menschen belstigt
oder gestrt worden, und er hatte den Drahtzaun schon fast erreicht, als
er drauen vor dem Thor ein Pferd schnauben hrte.

Na? sagte der Frster und blieb erstaunt stehen, wer hlt denn jetzt
da drauen vor dem Gitter? Die Gste haben doch die Auffahrt alle vorn.
-- Er wre auch gern einmal vorgegangen, um den Kutscher zu fragen, was
er da zu thun habe, denn Stadtwagen durften den Weg gar nicht fahren;
knpfte er aber hier ein Gesprch an, so verrieth er sich vielleicht dem
mglicher Weise ganz in der Nhe befindlichen Fischdieb. Nicht einmal
ber das Gitter konnte er hier; ohne von dem Kutscher bemerkt und
dann jedenfalls angerufen zu werden, und da der Maulwurfsfnger nicht
innerhalb der Umzunung stak, mute er doch jedenfalls drauen sein, wo
er auch noch weniger eine Entdeckung zu frchten brauchte.

Der Frster also, dem nicht so viel daran lag, zu wissen, wer hier
unbefugt fahre, da das auch eigentlich Sache des Haushofmeisters oder
des Grtners war, als vielmehr dem Maulwurfsfnger nachzuspren, zog
sich wieder in den Schutz der dichten Erlenschatten zurck und kreuzte,
da er hier nicht durch den Flu konnte, die Wiese. Weiter oben brauchte
er dann nur dicht unter dem Holz ber den Drahtzaun zu steigen und einen
kleinen Bogen zu machen, und kam dann immer wieder, und zwar an einem
der besten und bequemsten Fischpltze, an's Wasser.

Wie er den Waldrand erreichte und daran hinschlich, hrte er pltzlich
ein Gerusch im Gehlz, als ob Jemand mit einem Stock auf den Boden
schlge. Er stutzte und horchte -- jetzt war Alles ruhig. -- Sollte
denn der verteufelte Kerl selbst in dieser Nacht seinen Fasanen wieder
nachstellen? Aber das war ja gar nicht mglich! Was htte er denn in
der Dunkelheit mit ihnen ausrichten knnen? Wenn man gegen die Bume
hinaufsah, war nichts als ein dunkler, undurchdringlicher Fleck zu
erkennen, in dem man nicht einmal einen weien Vogel so gro wie ein
Truthahn unterschieden haben wrde, viel weniger einen dunkeln Fasan,
der sich an einen der gleichfarbigen und dichtbelaubten Aeste schmiegte.
Das war vollkommen unmglich, und wenn -- da wieder -- wieder das
nmliche Gerusch in den Bschen, genau so, als ob ein Rehbock den Grund
mit den Vorderlufen schlgt.

Der Frster horchte noch gespannt, um sich der genauen Richtung zu
vergewissern, als er hinter sich nach der Wiese zu ein Gerusch hrte
und den Kopf rasch dorthin drehte.

Er selber stand hier vollstndig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im
Schatten der Bume; ihn konnte Niemand sehen, das wute er gut genug, so
lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam
dem neuen Gerusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der
eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten
auf dem hier mitten durch die Wiese fhrenden Kiesweg entlang und
eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte
schnauben hren.

Das ist doch merkwrdig, dachte er, indem er mit dem Kopf schttelte,
da drinnen im Schlo fngt die Geschichte gerade an, und da sind zwei
Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt knnen sie
auch nicht sein, denn wie kmen die mit ihrem Wagen da hinten an das
Gitter? Mu doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging'
ich nicht lieber gleich selber hin und she zu? Die Sache kommt mir
beinahe verdchtig vor und 'was Heimliches mu jedenfalls dahinter
stecken.

Der Frster stand noch unschlssig, was er thun sollte, als sich der
Lrm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als
vorher. Es schlug in den Bschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein
Dickicht brechen wolle und nicht hindurch knne, oder an einem Busch
risse, der nicht nachgeben wollte.

Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Gerusch gehrt zu
haben, denn wie der Frster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er,
da sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten
Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, whrend die
andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und
eine Strecke zurckblieb. Zu jeder andern Zeit wrde dem Frster diese
nchtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen
verdchtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versumt haben, der
Sache nher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas
los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stck Wild irgendwo
gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Lufen austrte. Was
kmmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin,
und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, da er ihm nicht in der
Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde,
tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese
von dem Kiefernwldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein
mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blthenbschen, um mit
diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstmmigen Kiefern
bildeten.

Der Frster htete sich dabei viel Gerusch zu machen. Whrend er aber
selber durch die Bsche kroch, konnte er natrlich nichts hren, denn
die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und
damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da
drben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er
ein Gerusch zu hren, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er
die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten
jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der
Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.

So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch
nicht zu frchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig
aus dem Gebsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln
vollstndig geruschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die
Schritte und jetzt auch noch das immer strker werdende Rascheln in den
Bschen hrte.

Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, lie
sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Frster hatte noch nicht
einmal die Gestalt erkennen knnen; aber das blieb sich gleich. Wer sich
auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der
Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger
am Bgel, um rasch damit nach dem Drcker herunterfahren zu knnen,
glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er mglicher Weise konnte,
weiter auf seiner Bahn.

Das Gerusch der Schritte hrte er dabei, als er einen Moment anhielt,
um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt lie es sich nicht
mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das
strker und heftiger wurde, aber genau auf der nmlichen Stelle blieb.
Der Frster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, da es
aus dem schmalen Fichtenstreifen herrhrte, der an dem jetzt drauen
angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur
los? Hatte sich ein Stck Wild gefangen -- Schlingen? Zum ersten Mal
zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge
gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.

Der Maulwurfsfnger indessen, mit keiner Ahnung, da ihm sein
grimmigster und gefhrlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang
so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den
Lufen schlagen hrte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen
Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Gerusch in der
Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.

Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wute recht
gut, da es nicht laut werden durfte -- der Maulwurfsfnger hatte es
schon seit langen Jahren darauf dressirt, -- aber sein Herr hrte nicht.
Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte strker, aber
mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfnger, von der Leidenschaft
ergriffen, hrte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Frster
sa, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters
hinter einer Flasche Wein; der Forstgehlfe war mit den Bllern
beschftigt, weiter hatte er Niemanden zu frchten, und es blieb ihm da
brig Zeit, den Lohn fr seine Mhen zu nehmen und fortzuschaffen.
Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen
Schmalthier und genickte es ab.

Jetzt war Alles todtenstill -- nein, da drinnen regte sich 'was, und
sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte
lauter.

Was giebt's, Spitz? rief der Alte erschreckt. Kommt Jemand?

Der Spitz knurrte noch einmal und schlug pltzlich laut an; der Wilddieb
erschrak, denn das war ein untrgliches Zeichen, da ihm Gefahr in
unmittelbarer Nhe drohe. Fast unwillkrlich griff er freilich nach der
Schlinge, um diese zu lsen und seine Beute frei zu bekommen; aber die
Hnde zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern
hinber.

Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Frster schon
berhaupt in nchster Nhe, durch den Todeskampf des Thieres der
richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des
Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es
hier zu thun hatte.

Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhutige Canaille?
schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, whrend er mit
der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Bsche
schtzte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt.
Steh, Schuft, oder ich schiee Dich wie einen tollen Hund ber den
Haufen!

Der Maulwurfsfnger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine
Besinnung nicht. Der Frster durfte nicht schieen, das wute er recht
gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit
drei Schritten Vorsprung htte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So
half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mute er freilich
im Stich lassen, aber fr sich selber frchtete er auch keinen Moment,
und mit einem leisen, eigenthmlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug
kannte, richtete er sich empor und sprang ber das erlegte Stck hinweg,
um das Freie zu gewinnen -- aber hier fing er sich im wahren Sinne des
Worts in seiner eigenen Schlinge.

Der starke Messingdraht war nmlich hoch genug gespannt, um den Kopf
eines Stck Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald
sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losri, damit
die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das
Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrngend,
seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im
Todeskampfe zusammenbrach, drckte es hier den Messingdraht mit sich
nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem
derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch
an jener Seite hher gespannt, was der Mann natrlich in der Dunkelheit
nicht sehen konnte. Als er deshalb ber das Wildkalb hinwegsprang, hakte
sein einer Fu darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich
zu sttzen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Lnge nach auf
den Boden nieder.

Der Frster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren
Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den
Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt,
und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rstig, zgerte er keinen
Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei,
in die Beine durfte er ihn schieen, das war erlaubt, das wollte er
wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick
gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nthig sei. Nur erst
einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der
Flchtling auf den Boden niederschlug, er hrte den Fall und setzte mit
einem Jubelruf hinterdrein.

Hier aber strte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgeklff nach den
Beinen fuhr, so da er unwillkrlich erschreckt zur rechten Seite
hinberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stie. Das aber
war kein Hinderni. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick
Luft; den Draht hielt er in der Hand und bckte sich geschwind darunter
durch, und so rasch war das Alles gegangen, da er dem zu Boden
Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der
Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld
hinausfliehen wollte.

Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Frster hatte ihn wie mit
eisernem Griff am Rock, und fhlte jetzt nicht einmal, da ihm der Kter
wieder nach den Beinen fuhr.

Steh, Hund! schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend,
oder, Gott straf' mich, ich schie' Dich zusammen!

Alter Tropf, zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen
den Zhnen durch, Du hltst mich noch nicht! Und den Arm herumwerfend,
schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfnger, den er noch immer in der
Hand hielt, quer durch das Gesicht hinber. In demselben Moment that
er einen Ruck, und whrend der Frster, durch Schmerz und Schreck
bermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachlie, ri er sich
los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das
Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht
folgen konnte.

Der Frster fhlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast
rasend vor Wuth, ri er die Flinte an die Backe und drckte ab. Sehen
konnte er nichts, denn die Gestalt des Flchtigen war schon im Dickicht
verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkrlich tief, um
keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, da er ihm
morgen seine Thterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt
htte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen drfen.

Erst mit dem Schu selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und
horchte jetzt in den Wald hinein, whrend er sich mit der linken Hand
in's Gesicht fhlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft fr einen
Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze
Hand war na, und er fhlte, wie ihm der warme Strom in den Bart
hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebsch; war der Bursche doch in's
freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinber, aber er konnte nichts
sehen. Das rechte Auge war schon vllig zugeklebt, und vor dem linken
flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.

Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas htte rascheln hren; jetzt
Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein -- oder hatte er
den Menschen todtgeschossen?

Es fing an ihm unheimlich da drauen allein im Walde zu werden -- und
wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier
thun? Es blieb am besten, er ging zurck in's Schlo, um dort seinen
Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm
berhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern.
Das war ein schner Festabend, wo er einmal hatte recht vergngt sein
wollen; Jesus, wie mute er jetzt aussehen und die Leute erschrecken,
wenn er dort zurck zu den frhlichen Menschen kam -- und heute gerade
Verlobung! Aber allein wre er nicht mehr im Stande gewesen, sein
eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er
wollte, da er erst die kurze Strecke nach dem Schlo zurckgelegt, so
schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.

Drauen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer
Graben, ber den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das
Kieferwldchen zurck, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern
des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem
Schlosse. Jetzt erreichte er die Bsche, die ihn noch vom Wege trennten;
dort hindurch fhrte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den
jetzt finden? Er mute gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn
einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es
war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Fen schwanke; aber
weiter, nur weiter, da er wieder zu Menschen, zu Hlfe kam und dort
seine Geschichte erzhlen konnte.

Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich -- da war auch der Weg
-- Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd
laufen wollte; war das der Maulwurfsfnger? Aber wo hatte der so schnell
das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwcher zu Sinn; seine
Gedanken verwirrten sich, weite, glnzende Regenbogen flimmerten ihm vor
den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die
rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schlo dorthin zu oder dort
drben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee
zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber
die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der
nchsten kleinen Bsche.

Noch that er einige Schritte vorwrts ber den Weg hinber auf den
Rasen; er fhlte, da er umsinken msse -- dann schwanden ihm die Sinne
und er brach ohnmchtig, wo er stand, zusammen.




22.

Ein gestrtes Fest.


Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn
verlassen hatte und nicht zurckkehrte. Man wute, es war etwas
geschehen -- aber was? Die Grfin behauptete noch immer ihren Platz;
ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte
zugeflstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen.
War es mglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt
ihre Sinne gefesselt.

Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mute
vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstrt aus -- irgend etwas
Entsetzliches -- und Paula's Aufregung vorher! -- Aber die Musik, die
hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den
Festmarsch weiter.

Meine Gndige, flsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, wie mir
scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhuser vollstndig aus der
Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist,
und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich frchte, wir
bekommen heut Abend nichts zu essen.

Das wre entsetzlich! sagte das alte Stiftsfrulein mit einem
giftigen Blick ber die Tafel. Und doch hat der Graf da Silber genug
aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu berfllen.

Ich habe einen starken Verdacht, da die Platten -- plattirt sind,
flsterte der Staatsrath.

Wohl mglich, meinte das Frulein; lieber Gott, es ist ja Alles
Schein heutzutage auf der Welt! -- und sie hatte wirklich Ursache, so
zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zhne und falsche
Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick ber ihre
Gestalt, flsterte:

Wie Recht haben Sie, meine Gndige! Aber da kommt George, er sieht
blasser aus, wie gewhnlich.

Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt auerordentlich ruhig gehalten
und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen
Arm, flsterte einen Augenblick mit ihm und verlie dann den Saal.

Was ist, George? sagte die Grfin. Warum kommt der Vater nicht
zurck? Wo bleibt Paula? Unsere Gste warten...

Ein pltzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen, sagte George mit
heiserer, fast tonloser Stimme. Es thut mir leid, die Gesellschaft zu
stren; ich frchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen knnen.

Die Trompeten hinter dem Vorhange schmetterten ihre frhlichen Weisen
so stark hervor, da die Worte beinahe unverstndlich wurden. George
schritt zu dem Vorhang, schlug ihn zurck und gebot Ruhe.

Mit einem Miklang hrten die Leute berrascht mitten im Tact auf, und
eine unheimliche Stille lag in dem Moment auf dem Saal. Da trat der alte
Graf Bolten wieder in den Saal und sagte mit ernster, aber vollkommen
leidenschaftsloser Stimme:

Meine Herrschaften, es thut mir leid, Sie benachrichtigen zu mssen,
da wir uns in keinem Hause der Freude, sondern in einem Hause der
Trauer befinden. Meinen alten Freund Graf Monford hat ein ernster Unfall
betroffen, der seine Familie an sein Lager fesseln mu -- die Tafel ist
aufgehoben, denn es wrde unmglich sein, unter diesen Umstnden noch
lngere Strung hier zu verursachen.

Aber was fehlt ihm? Was ist geschehen? rief es von allen Seiten.

Hoffentlich nichts, erwiderte abweisend der alte Herr, was uns
verhindern knnte, in einigen Wochen, ja, vielleicht in einigen Tagen
wieder eben so frhlich hier zusammen zu kommen -- Frau Grfin, erlauben
Sie mir, da ich Ihnen meinen Arm biete und Sie hinber zu Ihrem Gemahl
fhre.

Jetzt kommt der Chor der Pilger, meine Gndige; habe ich es Ihnen nicht
gesagt? Und wie gut die Suppe riecht! flsterte der Staatsrath seiner
Nachbarin zu.

Meine Nerven! sthnte diese und machte eine Bewegung, als ob sie sich
an seinen Arm hngen wollte, dem der Hofmann aber geschickt auswich,
indem er that, als ob er es gar nicht bemerkte, und sich rasch ab zu
einem Andern der Gesellschaft wandte. Die Dame wurde deshalb _nicht_
ohnmchtig.

Aber eine grenzenlose Verwirrung hatte sich indessen der Gste
bemchtigt. Felix war rasch zu Helenen hinber gegangen. Er wollte
mit George sprechen, aber dieser war seiner Mutter schon gefolgt, und
aufdrngen durfte er sich nicht. Er fhlte auch recht gut, da man jetzt
der Familie keinen greren Gefallen thun knne, als sie sobald als
irgend mglich von der Gegenwart Fremder zu befreien; deshalb Helenens
Arm ergreifend, flsterte er ihr rasch zu:

Komm, mein Herz, hier ist weiter nichts zu thun, als uns zu entfernen.
Bei der wundervollen Nacht gehen wir recht gut zu Fu in die Stadt
zurck; la uns ein wenig eilen, da wir nicht in den Tro kommen. Er
nahm ihren Arm und fhrte sie aus dem Saal, und das war das Zeichen zum
allgemeinen Aufbruch.

Drauen auf dem Gang stand ein alter Diener, der dem Grafen seinen Rock
gab.

Knnen Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?

Der groe Gott wei es! sagte der Alte, und die Thrnen standen ihm
in den Augen -- aber Geheimni kann's nicht mehr bleiben: die junge
Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Drauen im Park fiel eben
ein Schu, die Diener wollen mit Fackeln hinaus -- das berlebt der alte
Herr nicht.

Groer Gott, Paula? rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel
umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, fhrte sie hinaus in's
Freie.

Nicht so rasch kam die brige Gesellschaft fort. Viele der Damen,
ja, die meisten trugen weie Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen
kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in
die Stadt zurcklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmglich
hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nhe. Boten ber
Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt,
um die Wagen zu beordern, da sie wenigstens entgegenkamen, oder an
Droschken auftrieben, was sich finden lie -- am Theater hielten jetzt
eine Menge--, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen
Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorber.

Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George
selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt -- wohin? Er wute es
selber nicht.

In Paula's Zimmer stand die Grfin und las ein kleines Briefchen, das
sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht
war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Zge verrieth, welche
Gefhle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.

In dem Zettel, der An meine Eltern berschrieben war, standen nur
folgende wenige Worte: Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen
Bolten nicht heirathen, ich wrde unglcklich mein ganzes Leben sein.
Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein
Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!

Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen
dnnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum
Licht, entzndete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen
ihrer weien Glachandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinber
zu ihrem Gatten, der noch immer bewutlos auf einem Sopha lag, whrend
ihm der Haushofmeister mit zitternden Hnden kalte Umschlge um die
Schlfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf
den Tisch gesttzt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem
unglcklichen alten Manne.

Drei Boten waren nach verschiedenen Aerzten gesandt, um sie rasch
herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.

Die Grfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rhrte sich nicht und wandte
ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weien Glachandschuhe aus,
nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos:

Sehen Sie nach der Tafel -- da alle Fremden das Haus verlassen --
einige junge Leute behalten Sie zurck, wenn wir vielleicht noch Boten
gebrauchen sollten.

Zu Befehl, Frau Grfin.

Wo ist George?

Fort -- er hat sich ein Pferd satteln lassen.

Es ist gut -- sehen Sie nach dem Hause.

Der Haushofmeister zog sich mit einer Verbeugung und einem traurigen
Blick auf seinen Herrn zurck; er wre noch so gern bei ihm geblieben,
aber seine Pflicht rief ihn auf seinen Posten. Die Frau Grfin hatte
Recht: die Masse dort aufgestellten Silbers durfte nicht ohne Aufsicht
bleiben -- da sie nur daran gedacht hatte!

Eine halbe Stunde verging so. Graf Bolten rhrte sich nicht, er schien
wie aus Stein gehauen, und nicht regungsloser war der Ohnmchtige auf
dem Sopha, dem die Gattin ruhig und mechanisch die Umschlge wechselte.
Endlich fuhr ein Wagen vor. So still war es im Hause geworden, da man
deutlich das Knirschen der leichten Rder auf dem Kies hren konnte. Es
war einer der Aerzte, der in Carrire herausgejagt sein mute.

Drauen vor dem Fenster wurden auch Stimmen laut und Leute kamen mit
Fackeln. Weder Graf Bolten noch Grfin Monford beachteten es. Der Arzt
schien einen Augenblick da drauen aufgehalten zu sein; es dauerte
wenigstens unverhltnimig lange, ehe er eintrat, oder duchte ihnen
die Zeit nur so lang? Endlich kam er und trat zu dem Lager des Kranken,
dessen Hand er nahm, um den Puls zu fhlen.

Gndige Grfin, ich bedauere unendlich...

Was halten Sie von seinem Zustand, Doctor?

Der Doctor schttelte mit dem Kopf -- endlich frug er leise:

Liegt irgend eine bestimmte Ursache dieser heftigen Strung der
Lebensthtigkeit vor? Schreck oder Gemthsbewegung?

Es ist mglich, erwiderte kaum hrbar die Grfin.

Der Arzt nickte, ohne etwas weiter zu fragen oder den Puls des Kranken
loszulassen. Er hielt einen Aderla fr nothwendig, aber ehe er ihn
anwenden konnte, schlug der Kranke die Augen auf und stierte den Doctor
bestrzt an.

Mein bester Herr Graf, wie fhlen Sie sich jetzt? Es ist Ihnen
pltzlich unwohl geworden, nicht wahr?

Der Graf antwortete nicht. Er schlo die Augen wieder und legte seine
Hand gegen die Stirn, als ob er sich auf etwas besnne. Er trug noch
seine weien Handschuhe, und der Arzt entfernte sie jetzt vorsichtig,
was der Leidende ruhig geschehen lie, und rieb ihm dann die Schlfe mit
=Eau de Cologne=.

Ich danke Ihnen, Doctor, sagte der Kranke nach einiger Zeit -- es
waren die ersten Worte, die er wieder sprach--; bitte, legen Sie mir
die Handschuhe nicht fort, ich mu zur Gesellschaft zurck.

Der Doctor sah die Grfin fragend an.

Heute Abend nicht mehr, George, sagte diese. Du hast sehr lange in
Ohnmacht gelegen, die Gste sind lngst nach Hause, es ist spt.

Der Kranke sah sie rasch an, und wieder fuhr er sich nach der Stirn, lag
aber eine Weile ruhig. Endlich sagte er leise:

Schicke George und Paula zu mir her; ich will sie sprechen.

Die Kinder sind schon im Bett, erwiderte die Grfin -- morgen frh --
heute halte Dich nur ganz ruhig, da Du morgen wieder wohl und krftig
bist. Fhlst Du Dich besser?

Der Arzt hatte zu Graf Bolten aufgesehen, als dieser ihm ein Zeichen gab
und das Zimmer verlie. Der Arzt folgte ihm nach einigen Secunden.

Was halten Sie von dem Zustand des Kranken? Glauben Sie, da es eine
bloe Ohnmacht war?

Ich -- hoffe, ja. -- Hat der Graf Monford dieses Zucken des linken
Augenlides schon fter gehabt?

Ich glaube nicht; ich habe es nie bemerkt.

Es kann Schwche im Auge sein; ich hoffe, es ist nicht mehr.

Und was frchten Sie sonst?

Oh, nichts, in der That nichts! Nur im ersten Augenblick frchtete ich,
da es ein leichter Schlaganfall sein knne. Er ist aber ja schon wieder
vollkommen bei Besinnung.

Der Graf nickte langsam mit dem Kopf und sagte endlich:

Gehen Sie wieder zu dem Kranken hinein, Doctor, ich will nach Hause
fahren. Ich glaube, Ruhe wird ihm am wohlsten thun. Gute Nacht,
Doctor. Morgen frh bitte ich Sie, mir Nachricht zu senden, wie Sie ihn
verlassen haben."

Sehr gern, Herr Graf, ich werde nicht ermangeln -- da drauen haben sie
ja auch einen Verwundeten...

Einen Verwundeten? fragte der Graf hastig und erschreckt.

Den alten Frster. Sie brachten ihn eben in's Haus, wie ich ankam, aber
es scheint nichts Gefhrliches zu sein. Nur ein Schnitt oder ein Hieb
durch's Gesicht -- er war von Blutverlust wahrscheinlich ohnmchtig
geworden. Ich werde dann gleich nach ihm sehen.

Der Graf zog seinen Ueberrock allein an, denn die Diener waren alle
hinausgegangen, nahm seinen Hut, nickte dem Arzt noch einmal zu
und verlie das Haus, um sich erst der Richtung hinter dem Schlosse
zuzuwenden, wo er noch die Fackeln sah.

Allgemeine Bestrzung herrschte indessen auch unter der Dienerschaft,
der das Vorgefallene natrlich kein Geheimni bleiben konnte, ja, die
das eigentlich Geschehene sogar schon frher wute, als die Herrschaft
selber. Der junge Grtnerbursche hatte nmlich erzhlt, da er, als er
im Park heraufgekommen wre, ein paar Frauen bemerkt htte -- Damen mit
groen, weiten Kleidern, die rasch den Weg hinabgeeilt wren und von
denen die eine etwas Schweres getragen htte. Vorher aber habe er
einen Wagen unten am Drahtthor halten sehen, und ein Herr dort habe ihn
gefragt, ob die Tafel schon begonnen htte. Er glaubte damals, da der
Herr mit zu den Gsten gehre, vielleicht einer der Rittergutsbesitzer
aus der Nachbarschaft, der den Weg durch den Wald gekommen sei; nur da
er nicht mitging oder das Thor nicht geffnet haben wollte, wunderte ihn
-- auf was wartete er denn noch? Aber er mute sich selber eilen, da er
das Tractement nicht versumte. Die Damen, denen er nachher begegnete,
machten ihn stutzig, und er erzhlte, was er gesehen, dem einen Lakai,
der jetzt seinerseits die Kammerjungfer der gndigen Comtesse suchte,
sie aber nirgends finden konnte. Ehe man aber der Herrschaft selber
Mittheilung davon machen konnte, war die Flucht der Comtesse oder
wenigstens ihre Abwesenheit schon bemerkt, und der Bericht des Grtners
konnte nur die Richtung andeuten, die sie genommen. Bald darauf sprengte
Graf Bolten fort, und gleich danach fiel der Schu in derselben Gegend.

Der Haushofmeister hatte eine Anzahl von Pechfackeln herausschaffen
lassen, um sie heute vielleicht beim Heimfahren der Herrschaften zu
verwenden. Mit einigen von diesen machte sich nun eine Anzahl junger
Burschen, darunter der Forstgehlfe, auf, um den Park abzusuchen, und da
sie sich auf den Wegen vertheilten, trafen sie hier auf den ohnmchtig
gewordenen alten Frster, den sie jetzt zurck zum Schlo trugen.
Mehrere wurden freilich nach dem Drahtthor geschickt, um dort nach dem
Wagen zu sehen, aber der war natrlich fort. Nur die Gleise desselben
fanden sie im Sande, wo er gehalten, dann hatte er den dort einzigen Weg
nach dem Dorfe eingeschlagen -- aber wohin dann weiter? Im Dorf selber
liefen vier Wege nach vier verschiedenen Richtungen ab -- welchen
hatte der Wagen nun verfolgt? Das Dorf lag auch zu weit, um dort jetzt
nachzusehen; auch ging der Wind heut Abend ziemlich heftig, und sie
htten sich mit den Pechfackeln, die fortwhrend Funken abwarfen, doch
nicht zwischen die Strohdcher hineinwagen drfen. Die Bauern wrden es
gar nicht gelitten haben.

Der Frster erholte sich brigens sehr rasch wieder und kaum wie sie
ihn in des Haushofmeisters Zimmer auf ein schnell hergerichtetes Lager
gelegt hatten. Blutverlust mute die Ursache seiner Ohnmacht gewesen
sein, vielleicht auch der Schmerz der Wunde mit der Aufregung. Wie aber
das vorquellende Blut gerann, hrte auch die Blutung von selber auf; der
Alte sah aber schrecklich aus.

Der Schnitt ging ihm ber dem rechten Auge weg quer ber die Nasenwurzel
und dann schrg die linke Backe hinab, den er vollstndig geschlitzt
hatte, da er auseinander klaffte. Seine Kleider waren dabei bis hinab
wie mit Blut getrnkt, und die Leute frchteten zuerst, da er noch
vielleicht eine andere und gefhrlichere Wunde an sich habe. Er wurde
deshalb ausgezogen und untersucht; es ergab sich aber glcklicher Weise
nichts Derartiges, und als er wieder zu sich kam, besttigte er auch,
da er nirgends sonst getroffen sei; nur den Schnitt habe ihm der
verfluchte Kerl, der Maulwurfsfnger, gegeben, als er ihn beim Wildern
erwischt, und die kleine Krte, der Spitz, msse ihn auch in die Beine
gebissen haben -- der eine Hinterlauf schmerze ihn schndlich da unten
um die Wade herum.

Das erwies sich in der That so; die Hose war dort an drei oder vier
Stellen zerrissen und das scharfe Gebi der kleinen Bestie tief in das
Bein eingedrckt, da das Blut daran herunter gelaufen.

Also mit der Flucht der Comtesse hatte diese Verwundung, wie die
Leute anfangs geglaubt, gar nichts zu thun. Dem alten Manne that
aber besonders die zerschnittene Backe so weh, da ihm das Sprechen
auerordentlich schwer wurde. Er wollte noch etwas sagen, lie es aber
wieder sein und flsterte nur das Eine Wort: Doctor-- dann legte er
den Kopf zurck, um sich auszuruhen. Der Doctor war aber noch drinnen
beim Grafen und konnte nicht herausgerufen werden -- er sollte sich nur
noch ein klein Weilchen gedulden, er kme gleich.

Jetzt fuhren noch rasch hintereinander zwei Wagen vor, in denen die
beiden anderen herbeigerufenen Aerzte saen. Der eine von diesen wurde
auch sofort bedeutet, da er, so schnell er irgend knne, hinber in des
Haushofmeisters Zimmer kme, wo ein Verwundeter lge; vorher muten die
beiden Herren aber pflichtschuldigst zum Grafen hinein. Der eine fragte
nur: Was fr eine Wunde?

Ein Schnitt durch's ganze Gesicht.

Nun, das ist nicht so gefhrlich, ich komme gleich hinber -- und
damit war er rasch verschwunden, und der Frster mute warten.

Bei dem Grafen aber konnten sie gar nichts thun. Er hatte sich wieder
erholt, fhlte sich jedoch noch sehr angegriffen und beantwortete die an
ihn gerichteten Fragen zuerst nur ganz unvollstndig und dann gar nicht
mehr, und winkte endlich mit der Hand -- er wollte allein sein.

Die Aerzte zogen sich zu einer Berathung zurck, das heit, keiner von
ihnen wollte den andern fragen, was er ber die Sache denke -- er htte
sich dadurch etwas vergeben knnen--, sondern nur seine Meinung geltend
machen. Der Hausarzt, ein Ober-Medicinalrath, behandelte die Sache auch
sehr cavalirement. -- Es hatte nichts zu sagen: er kannte die Natur des
Grafen -- morgen wrde nichts von der heutigen Schwche brig sein. Es
war nur eine Nervenaufregung oder Ueberreizung, er hoffe das Beste. Die
beiden anderen Herren waren ja doch nur aus Versehen, oder in der Angst,
ihn nicht gleich zu treffen, gerufen worden.

Der zuerst gekommene Arzt widersprach dem vollkommen und hielt es
fr einen Nervenschlag, der vielleicht wiederkehren knne. Der
Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln -- was half es ihm zu
widersprechen! Er hatte die Behandlung des Kranken ja doch von jetzt ab
allein, und die Consultation war eine bloe Hflichkeitsform. Er bat die
Herren, ihn zu entschuldigen, da er noch einen andern Fall im Hause zu
behandeln habe, und ging zu dem alten Frster hinber.

Hier aber war nicht viel zu thun. Er nhte die furchtbare Wunde ziemlich
gleichmthig zu, wobei er sich erkundigte, woher der Alte den Schnitt
habe, legte dann einen Verband um, betrachtete sich die Biwunden, lie
sie auswaschen, verordnete kalte Umschlge und lie sich dann von dem
Haushofmeister ein Zimmer anweisen. Er wollte hier bernachten, falls
die Frau Grfin noch einmal nach ihm verlangen sollte.

Der alte Frster fhlte sich inde durch das Zunhen der Wunde und den
Verband sehr erleichtert; er lie sich noch ein Glas Wein geben, um sich
ein wenig zu strken, und verlangte dann nach seinem Forstgehlfen.

Whrend er so da lag, war ihm doch die Sache mit dem Schu, und da
er nachher noch ein Rascheln in den Bschen gehrt hatte, im Kopf
herumgegangen. Wenn er den Menschen nun doch, obgleich er blind in den
Busch gefeuert und tief gehalten, getroffen? Der Forstgehlfe stand noch
drauen und besprach die Familienverhltnisse mit einem der Lakaien,
der hchst entrstet ber die Flucht war, denn das Kammermdchen schien
Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und nicht ihm einmal hatte sie sich
entdeckt!

Herr Frster, Sie haben nach mir verlangt!

Ach, Wenzel, sind Sie das? Stopfen Sie mir erst einmal meine Pfeife;
sie steckt in der linken Rocktasche und der Tabaksbeutel in der
rechten.

Ja wohl, Herr Frster. Die Pfeife wurde gestopft und gebracht. Wenzel
zndete einen Fidibus an, aber das Rauchen wollte nicht recht gehen.
Hatte die Pfeife keinen Zug, oder that ihm dabei die Backe so weh? Der
Forstgehlfe selber probirte, sie zog vortrefflich; der Frster nahm sie
noch einmal zwischen die Lippen, aber es ging nicht. Er seufzte tief auf
und gab sie Wenzel zurck.

Rauchen Sie sie selber, Wenzel, sagte er traurig; es geht nicht. Der
verfluchte Maulwurfsfnger!

Und weiter soll ich nichts? fragte der Forstgehlfe, der, dem Auftrag
gehorsam, die Pfeife zwischen die Zhne nahm.

Doch Wenzel; setzen Sie sich einmal einen Augenblick hierher. Das Maul
thut mir so weh, ich kann nicht laut sprechen. Nehmen Sie sich Jemanden
mit einer Laterne mit, und gehen Sie auf den Platz zurck, wo Sie mich
vorher gefunden haben. Das wissen Sie doch, wo das war?

Ja wohl, Herr Frster.

Gut, von da an gehen Sie auf meinem Schwei zurck bis zu dem
Fichtenstreifen, der am Hafer hinluft. Sie knnen nicht fehlen, er mu
berall auf den Bschen sitzen. Dort finden Sie eine Drahtschlinge, die
der verdammte Halunke, der Maulwurfsfnger, gelegt hat, und ein
Stck Wild darin; ich wei nicht, was es ist, ich hatte keine Zeit,
nachzusehen.

Der Lumpenkerl! sagte der Forstgehlfe in gerechter Entrstung -- ob
ich's mir nicht immer gedacht habe! und qualmte strker.

Halten Sie's Maul und hren Sie zu! sagte der Frster -- gerade wo
das Stck liegt, hab' ich gestanden, auf der andern Seite drben und
links hinein in die Fichten geschossen; die Schrote mssen noch in den
Zweigen sitzen. Nehmen Sie sich lieber zwei Laternen mit, da Sie besser
sehen knnen, und suchen Sie mir die Fichten ab, ob ich den Lump nicht
doch vielleicht zu Holz geschossen habe.

Glauben Sie, da er etwas hat?

Ich wei es nicht; hingehalten hab' ich -- ein bischen tief -- aber
ich konnte nichts sehen; der Schwei lief mir in's Auge und stockfinster
war's auch, und der Kerl stak in dem jungen Holz drin -- aber nachher
hat's geraschelt; es ist doch mglich, da ihm ein paar Schrote in die
Beine gefahren sind -- 'sist zwar nur Nummer sechs, aber ich mchte
doch nicht gern, da der Kerl die Nacht im Busch lge. Machen Sie, da
Sie fortkommen. Wenn Sie zurck sind, sagen Sie mir Antwort, dann will
ich einschlafen.

Der Forstgehlfe gehorchte dem Befehl; junge Burschen, die ihn begleiten
wollten, waren noch genug da, und die Fackeln aufgreifend, welche schon
vorher benutzt worden, schritt der kleine Trupp rstig durch den Park,
bis sie die Gegend erreichten, wo sie vorher den Frster gefunden.

Hier bernahm der Forstgehlfe die Leitung. Zuerst muten sie noch
eine kurze Zeit nach der wirklichen Stelle suchen, aber die war bald
gefunden, denn in den erst am Nachmittag frisch geharkten Wegen
waren die vielen Futritte deutlich erkennbar. Und dort lag auch
die Blutlache. Hier ber den Weg war der alte Mann herbergekommen,
Blutzeichen fanden sich berall, die an den Kleidern niedergetropft;
dort war er aus den Bschen herausgekommen, ein paar Zweige, an die er
sich gehalten, fanden sie eingeknickt, niederhangend und voller Blut
-- berall hingen in der That die Spuren und fhrten deutlich zu dem
Fichtenstreifen hinber, wo der von dem gefangenen Wildkalb geschlagene
Fleck ihnen schon von Weitem die Stelle zeigte.

Himmelhund! fluchte der Forstgehlfe, als er das verendete Thier, noch
in der Schlinge festsitzend, fand und sich jetzt niederbog, um es frei
zu machen und mit zum Schlo zu nehmen -- wenn ihm der Alte doch nur
den.... vollgeschossen htte!

Da knurrt ein Hund! rief Einer der Leute. Alle horchten, und deutlich
hrten sie jetzt aus den Bschen heraus einen menschlichen Ruf nach
Hlfe.

Da liegt er! rief der Forstgehlfe, und sich rasch emporrichtend,
griff er nach einer der Fackeln und prete durch die Fichtendickung der
Stelle zu, von der er den Ruf zu hren geglaubt. Er brauchte nicht weit
zu gehen. Kaum zehn Schritt in den Fichten drin schlug ein kleiner Hund
an, und dort fanden sie, bleich und mit Blut bedeckt, aber bei voller
Besinnung, den Maulwurfsfnger, der hier den Schu erhalten hatte und
zusammengebrochen war.

Hallo! wen haben wir da? rief der Forstgehlfe, whrend er scheu vor
dem Anblick zurckprallte und der Hund ein wthendes Geheul ausstie.
Die dichten Bsche lieen auch kaum die Gestalt erkennen, denn die
Fichtenzweige bogen sich von allen Seiten ber ihn hin.

Tragt mich zu Jonas hinber, bat der Unglckliche -- mir ist das Bein
zerschossen, ich kann nicht mehr!

Der Vorschlag war in der That vernnftig. Des alten Grtners Haus
lag kaum dreihundert Schritt von dort im Dickicht drin, whrend die
Entfernung nach dem Schlo die dreifache gewesen wre. In's Schlo
htten sie ihn aber berhaupt gar nicht schaffen drfen; dort herrschte
berdies schon Verwirrung genug, und wenn jetzt der angeschossene Mensch
noch dazu gekommen wre -- das ging gar nicht. Der alte Jonas hatte aber
oben in seinem Hause noch ein kleines Zimmerchen, das gar nicht benutzt
wurde. Dort konnten sie ihn bequem unterbringen, und die einzige
Schwierigkeit war jetzt nur, ihn aus dem Dickicht heraus auf den Weg zu
schaffen. Der Forstgehlfe schttelte mit dem Kopf.--

Seid Ihr bs getroffen?

Das Bein ist ab -- unter der Hfte -- die Geschichte ist aus.

Der Jger wollte etwas darauf erwidern, aber er fhlte selber, da
die Zeit dazu nicht passend wre. Der arme Teufel schien hart genug
gestraft, und jetzt blieb ihnen nichts weiter brig, als ihm so rasch
als mglich Hlfe zu bringen.

Einer der Leute -- denn es waren deren mehr herausgekommen, als sie
zum Fortschaffen brauchten -- mute gleich in's Schlo zurck, um den
Ober-Medicinalrath zur Grtnerwohnung zu begleiten, den anderen befahl
der Forstgehlfe, der sich ziemlich gut zu helfen wute, ihre Jacken
auszuziehen und den Verwundeten, so gut es eben ging, hinein zu legen,
whrend drei auf jeder Seite trugen. Er selber ging ihnen dabei mit
seinem Beispiel voran und zog seinen Rock aus, und sie stellten dadurch
eine ertrgliche Bahre her, um den Verwundeten so schmerzlos als irgend
mglich fortzuschaffen.

Zwei von den Leuten muten vorangehen und die Bsche zurckbiegen; wie
sie aber den Verwundeten aufgreifen wollten, fiel der Hund wie toll ber
sie her und bi nach ihnen.

Ruhig, Spitz, sagte der arme Teufel mit schwacher Stimme, 's ist aus
mit uns Beiden; zurck, Spitz, zurck, komm, mein Hund!

Das kleine kluge Thier winselte klglich und zeigte noch immer die
Zhne; aber es war ordentlich, als ob es verstand, was sein Herr zu ihm
gesagt, denn es widersetzte sich nicht mehr den fremden Mnnern, die den
Hlflosen jetzt so sorgsam wie nur irgend mglich auffaten und aus dem
Busch hinaustrugen.

Sobald sie erst einmal den offenen Weg erreichten, ging es etwas besser,
und der Maulwurfsfnger klagte auch nicht. Nur als sie ihn etwas weiter
am Teich vorbeitrugen, sthnte er: Wasser -- will mir Keiner einen
Tropfen Wasser geben?

Einer der Mnner sprang hinunter und holte Wasser in seinem Hut, von
dem der Verwundete gierig trank; dann lag er wieder still, bis sie
das kleine, ziemlich einsam gelegene Haus erreichten und ihm dort, mit
Laubstreu und einer wollenen Decke drber, ein Lager zurecht machen
konnten. Einer blieb oben, um die Nacht bei ihm zu wachen, denn man
durfte ihn nicht hlflos dort zurcklassen.

Bald darauf kam auch der Ober-Medicinalrath, der, nachdem er die Wunde
untersucht hatte, den Kopf bedenklich schttelte.

Heut Abend scheint ja hier auf dem Schlo der Teufel los gewesen zu
sein, sagte er, und Ihr habt genug Unglcksflle fr ein ganzes Jahr.
Haltet Euch still, Freund, das ist das Beste, was ich Euch rathen kann.

Ich werde bald still genug sein, flsterte der Alte.

Nun, so arg ist's nicht, beruhigte der Arzt; ein Schu in's Bein ist
noch kein Schu in den Leib, und ich denke, ich bringe Euch wieder auf
die Fe. Wo seid Ihr zu Hause?

Fragt die Maulwrfe, die knnten's Euch eben so gut sagen; fr jetzt
wohne ich in Haburg in der Frbergasse.

Ich will dafr sorgen, da Ihr heut Abend noch bessere Pflege bekommt,
sagte der Ober-Medicinalrath, denn nach der Stadt kann ich Euch mit dem
Bein nicht transportiren lassen; wir mssen eine Entzndung vermeiden.
Habt Ihr eine gute Natur?

Wie ein Pferd, sagte der Alte.

Gut, dann hoffe ich Euch durchzubringen; aber Ruhe und keine
spiritusen Getrnke, berhaupt keine Aufregung. Diese Nacht macht ihm
kalte Umschlge; ich will sehen, vielleicht bekomme ich noch Eis in der
Stadt und schicke Euch davon heraus. Gute Nacht!

Gute Nacht, Herr Doctor! sagte der Maulwurfsfnger, schlo die Augen
und legte sich auf seinem Lager zurck.----

Unten im Schlo war die Grfin in dem Zimmer, in welchem der Graf lag,
in fieberhafter Ungeduld auf und ab gegangen; aber der weiche Teppich
ertdtete jeden Schall, so da der Kranke, der wie schlafend lag, nichts
davon hren konnte. Sie erwartete Nachricht von George, von Hubert, denn
das Furchtbare war geschehen, ihre Tochter hatte sie vor den Augen
der Welt compromittirt, aber das Furchtbarste konnte ihr doch nicht
aufbehalten bleiben. Beide junge Leute waren den Flchtigen nach,
die kaum eine Viertelstunde, ja vielleicht nicht einmal zehn Minuten
Vorsprung hatten, und Einer von ihnen mute sie ja doch berholt haben.

Aber sie kamen nicht zurck; Minute nach Minute, Stunde nach Stunde
verging, und vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines der
Pferde.

Der Ober-Medicinalrath kehrte zurck und erkundigte sich nach seinem
Patienten. Er schlief, oder lag wenigstens regungslos auf seinem Sopha,
wie er ihn vorher verlassen hatte, schien auch nicht zu hren, was um
ihn her vorging, beantwortete wenigstens keine der an ihn gerichteten
Fragen.

Der Ober-Medicinalrath wollte sich auf sein Zimmer zurckziehen und
rieth der Grfin, ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem Kranken konnte ja
eine Wache zurckbleiben und sie augenblicklich rufen, sobald er etwas
verlange; ihr selber wrde diese unnthige und gewaltsame Aufregung nur
schdlich sein. Die Grfin verweigerte es; sie wollte wachen, sie war
nicht mde.

Der Ober-Medicinalrath zuckte die Achseln und verlie das Zimmer; _er_
war mde.

Wieder verging eine halbe Stunde -- da hrte sie Hufschlge auf dem
Pflaster des Hofes, die anhielten. Sie ffnete rasch das Fenster
und horchte hinaus. Stimmen konnte sie hren, aber keine Worte
unterscheiden. Sie klingelte, und es dauerte eine Weile, bis ein Diener
kam.

Wer ist da gekommen?

Graf Hubert.

Ich lasse ihn bitten, in das Empfangszimmer zu gehen.

Er ist schon wieder fort, Frau Grfin, sagte der Lakai.

Schon wieder fort?

Ja, er fragte nur, ob Niemand zurckgekommen wre, und dann, ob Graf
George im Hause sei. Als wir das verneinten, sprang er aus dem Sattel,
warf Einem der Stallleute den Zgel zu und schlug rasch den Weg nach der
Stadt zu Fu ein.

Und Graf George, mein Sohn, ist noch nicht zurckgekehrt?

Nein, Frau Grfin.

Was waren das fr Leute mit Fackeln, heut Abend?

Der Frster hat einen Wilderer erwischt und auf ihn geschossen, den
alten Maulwurfsfnger, der immer in den Park kam, und dem Frster hat er
das ganze Gesicht mit dem Messer zerschnitten.

Der Maulwurfsfnger?

Ja, Frau Grfin. Der Frster hat ihn in's Bein geschossen; er liegt
oben beim tauben Jonas im Hause.

Die Grfin hrte schon gar nicht mehr, was er sprach. Sobald mein Sohn
zurckkehrt, werde ich gerufen, sagte sie, ich mu ihn sprechen, ehe
er zu Bett geht. Der Haushofmeister soll dann einen Augenblick zu meinem
Mann kommen; ich mu mich umziehen. Wo ist mein Kammermdchen?

Drauen, glaub' ich, Frau Grfin; sie war vorhin in der Kche.

Sie soll in mein Zimmer kommen.

Die Befehle waren rasch erfllt, und die Grfin zog sich hastig in
ihr Zimmer zurck, um ihren Ballstaat mit einem einfachen Hauskleid
zu vertauschen. Der Schmuck drckte sie, den sie trug, und das schwere
Seidenkleid, dessen Rauschen ihr wie Hohn und Spott in den Ohren klang.

Kaum war sie umgekleidet, als Graf George auf mde gerittenem Pferd
zurckkehrte. Es war indessen nahe an zwlf Uhr geworden.

Der Diener kam und meldete der Grfin die Rckkehr ihres Sohnes, und
die Dame sagte rasch: Er soll in den Speisesaal kommen, ich will ihn
sprechen.

Noch zgerte sie einen Augenblick; aber der Graf schlief, wie es schien,
fest. Er hielt die Augen geschlossen und athmete leicht. Sie bog sich
ber ihn und horchte seinen Athemzgen; er regte sich nicht, und leise
verlie sie das Gemach, um George zu sprechen.

Dieser hatte indessen sein Pferd abgegeben und der Mutter Botschaft
erhalten. Er betrat gleich nach ihr den Saal, dessen Tafel noch mit
allem Geschirr, wie es die Gste verlassen, gedeckt stand -- wo htten
die Diener Zeit gehabt, es fortzurumen? Nur das Silber war beseitigt
und verschlossen, mit Ausnahme der schweren silbernen Armleuchter, von
denen noch zwei auf dem Tisch brannten. Weder die Grfin noch der junge
Graf hatten ja zu Nacht gespeist, und das Essen mute doch fr sie
bereit gehalten werden, wenn sie danach fragen sollten.

Wo warst Du, George? rief ihm die Mutter entgegen, wie er nur die
Schwelle betrat. Hast Du sie gefunden?

George schttelte finster mit dem Kopf. In die Nacht bin ich hinein
geritten, sagte er, was mein Pferd laufen konnte; htte ich zufllig
den rechten Weg getroffen, so mute ich sie erreichen, ehe sie den
ersten Meilenstein hinter sich wuten. Aber im Dorfe gehen vier Wege ab
-- ich habe keine Spur von ihnen entdeckt.

Und jetzt?

Ich bin nur zurckgekommen, um zu hren, ob Hubert sie vielleicht
gefunden. Weit kann sie ja doch nicht sein, allein mit ihrem
Kammermdchen.

Hubert ist zurck -- umsonst! Und glaubst Du, da sie allein gereist
ist?

Nun, mit Bertha; Beide sind sie ja gesehen worden, wie sie durch den
Park eilten.

Und weit Du, wer im Wagen auf sie gewartet hat?

Im Wagen? wiederholte George erschreckt.

Jener Schauspieler Handor, sagte die Mutter mit furchtbarer Ruhe.

Handor? schrie George emporfahrend.

Still, sagte die Mutter, wir brauchen unsere Schande nicht selber
in die Welt zu schreien, es wird das ohnedies zeitig genug von anderen
Leuten geschehen!

Aber es ist nicht mglich, rief George aus, der sich indessen auf die
Einzelheiten besann -- Handor spielte heut Abend in der nmlichen Zeit,
in der Paula entfloh, in der Stadt den Hamlet, und das Theater
ist keinesfalls vor zehn Uhr aus gewesen, ja, kaum dann, da ich mich
erinnere, da auch noch in den Zwischenacten etwas angezeigt war.

Ich habe den Brief, den mir Paula zurckgelassen, verbrannt, sagte
die Mutter kalt; sie nennt darin mit einfachen Worten ihren Verfhrer.
Mglich aber, da sie allein von hier fortgefahren, wenn er wirklich
gespielt hat, um sich dann nach der Vorstellung irgend ein Rendezvous
zu geben und gemeinschaftlich ihre Reise fortzusetzen; aber in dem Wagen
hat ein Herr gewartet.

Im Wagen?

Der Grtnerbursche hat ihn selber gesprochen.

George ging mit gekreuzten Armen im Saale auf und ab. Auf dem Tisch,
neben den beiden zurckgelassenen Gedecken standen noch mehrere Flaschen
Wein. Er nahm die eine und go in ein Wasserglas ein; aber er sah nicht,
was er ausgo, so flimmerte es ihm vor den Augen, und die rothe Fluth
scho ber das Tischtuch. Dann strzte er den Inhalt des Glases hastig
hinunter.

Gute Nacht, Mutter!

Wo willst Du hin?

Noch einmal fort; ich habe mir nur den Schimmel satteln lassen und mu
vor Tag wenigstens die Spur haben. Das darf nicht sein, das darf nicht
sein, es ist zu furchtbar!

Und welchen Zweck hast Du dabei?

Welchen Zweck? rief George erstaunt. Dir Deine Tochter wieder
zuzufhren -- die Ehre unseres Hauses zu retten!

Ich habe keine Tochter mehr! sagte die Grfin mit eisiger Klte. Und
die Ehre unseres Hauses? Glaubst Du, da es morgen in der Stadt noch
_eine_ Dienstmagd giebt, die nicht am Brunnen die Ehre unseres Hauses
besprche?

Ehe George etwas darauf erwidern konnte, ffnete sich pltzlich die
Thr, und der alte Graf, mit einem Antlitz, das auch jeder Blutstropfen
verlassen hatte, und glsernen, stieren Augen, betrat den Saal.

Mein Vater!

Bitte, meine verehrten Herrschaften, behalten Sie Platz! sagte der
alte Herr mit markerschtternder Freundlichkeit; meine Paula wird
gleich erscheinen -- nur ein leichtes Unwohlsein.

Groer, allmchtiger Gott, sthnte George und barg das Antlitz in den
Hnden, das ist schrecklich!

Der alte Graf ging zum Tisch, setzte sich dort auf einen Stuhl und
sttzte den Kopf in die Hand; whrend er aber so da sa, liefen ihm die
groen, hellen Thrnen an den Wangen nieder.

Mein lieber, lieber Vater! rief George, sprang zu ihm und umschlang
ihn mit den Armen.

George, rief der alte Mann und sah ihn an, bist Du mir noch
geblieben?

Mein guter Vater, darf ich Dich jetzt zu Bett geleiten?

Ja, geh zu Bett, George, drngte auch die Frau, die Ruhe wird Dir
gut thun; es ist spt geworden. Und sie half ihm dabei von der andern
Seite, um ihn vom Stuhl aufzuheben. Der alte Graf richtete sich aber von
selber empor.

Ja, Kinder, sagte er, ich will zu Bett gehen, ich bin recht mde
geworden. Deinen Arm, George; so, das geht schon. Gute Nacht, Ottilie,
gute Nacht! Und mit festen Schritten verlie er, von dem Sohn gesttzt,
den Saal.




23.

Nach dem Theater.


Gleich nach der Vorstellung des Hamlet ging Frchtegott Pfeffer nicht
unmittelbar nach Hause, denn er fhlte sich so merkwrdig aufgeregt,
da er die Entschuldigung fr sich hinreichend hielt, erst noch in der
Hlle einen Schoppen Wein zu trinken und etwas Warmes dazu zu
essen. Daheim fand er doch nichts weiter, als eine Tasse Thee und ein
Butterbrod, oder wenn er wollte, ein Glas Bier. An jedem andern Abend
htte er sich aber auch vollstndig damit begngt, und war es in der
That gar nicht besser gewohnt; heute drngte es ihn aber auerdem, wenn
er es sich auch nicht selber gestehen wollte, Menschen zu sehen und
ein Urtheil ber die Vorstellung zu hren. Er fhlte mit Einem Wort das
Bedrfni, sich etwas mittheilen zu lassen.

Gedrngt voll sa aber die Stube schon, als er sie betrat, und ein
Durcheinanderwogen, Sprechen und Debattiren war dort, da man sein
eigenes Wort kaum hren konnte. Aber auch kein Wunder, denn die
Vorstellung heut Abend hatte nicht allein schon genug Stoff geboten,
sondern man wollte auch den Fackelzug erwarten, der vor dem Paradies
vorbei mute und den zu betrachten der Wirth der Hllengesellschaft
eins von seinen Zimmern vornheraus eingerumt hatte. Sobald der Zug
ankam, sollten sie gerufen werden.

Jetzt dachte aber fast Niemand an etwas Anderes oder sprach von etwas
Anderem, als dem Erfolg Rebe's, und es war eigentlich nur Eine Stimme:
da er die Bewohner von Haburg auf das Aeuerste berrascht und
Niemand ihm ein solches Talent zugetraut habe. Allerdings gab es
auch Andersgesinnte, und unter diesen Doctor Strohwisch, der in der
unbestimmten Hoffnung herbergekommen war, Rebe hier zu finden und eine
Flasche Champagner mit ihm zu trinken, und jetzt, da er ihn nicht fand,
Manches an der Auffassung zu tadeln hatte. Er sollte den tiefen
Sinn einzelner Stellen nicht erfat und gewrdigt, Anderes wieder zu
trivial gesprochen haben, und wie die verschiedenen Recensentenphrasen
alle heien -- aber er wurde berstimmt.

Spielen Sie einmal den Hamlet, rief der Maler Arnold dem Doctor
entgegen, so rein vom Blatt weg, ohne Vorbereitung, ohne eine Probe,
ohne nur vorher in die Rolle hineinzusehen, und mit kaum Zeit genug, in
die Lumpen hineinzufahren! Die Nase rmpfen kann ein Jeder, aber meinen
Hals zum Pfande, da unter hundert Schauspielern nicht zehn, ja, nicht
drei sind, die ihm das nachmachen!

Nun ja, ich habe ja nichts dagegen, sagte Strohwisch einlenkend, denn
er war verschiedener Ursachen wegen noch nicht mit sich im Reinen, ob er
entschieden fr oder gegen Rebe auftreten solle; er mute erst mit ihm
sprechen. Er hat in der That das Auerordentliche geleistet, und ohne
ihn htte die Vorstellung gar nicht stattfinden knnen.

Wo, zum Henker, kann aber Handor gesteckt haben? rief einer der
Officiere; hat ihn denn Niemand gesehen?

Meine Herren, sagte Trauvest, meine Meinung ist die, da ihn auch
Niemand wieder sehen wird.

Nicht wiedersehen? rief Alles durcheinander. Woher wissen Sie das?

Das will ich Ihnen sagen, meinte Trauvest ruhig, indem er einen
Pfropfen aus einer Flasche Rdesheimer zog und sie auf den Tisch
stellte. Heute gegen Abend war er hier, ziemlich aufgeregt, und lie
sich eine Flasche Champagner geben. Morgen ist der Erste, und er hatte
versprochen, da zu zahlen; ich konnte sie ihm nicht gut verweigern.
Da hinten an der Tischecke sa er, ganz allein, den Kopf in die Hand
gesttzt, und schttete das edle Getrnk nur so hinunter; dann stand er
pltzlich auf, warf den Mantel um, sagte Gute Nacht, Trauvest! und
weg war er. Ich hatte freilich noch immer kein Arges daraus, denn ich
dachte, die Rolle ginge ihm im Kopf herum, weil mir Hfken erzhlt
hatte, da er den Morgen auf der Probe kein Wort davon gewut, bis
ich heut Abend hrte, da er gar nicht gekommen wre und Herr Rebe den
Hamlet spielen wolle. Da wurde mir nicht wohl bei der Sache, und ich
machte mich in sein Logis hinber -- aber wo war Herr Handor? Sein Wirth
schien selber schon Angst gekriegt zu haben, weil so viel Nachfrage nach
ihm gewesen, und tchtig auf der Kreide steht er da drben ebenfalls,
das knnen Sie sich wohl denken. Wir gingen deshalb zu ihm in die Stube
hinauf, und da blieb denn wohl kein Zweifel, da Herr Handor eine kleine
Reise angetreten, wobei berdies noch das Mdchen besttigte, da er
gegen Abend einen Koffer weggeschickt habe. Einige alte Kleidungsstcke,
ein paar Stiefel und zwei oder drei Bcher lagen allerdings noch im
Zimmer, das war Alles, die Commodenkasten standen leer und der Vogel war
ausgeflogen.

Merkwrdig, rief Barthel, und morgen ist Gagetag!

Ja, als ob er die nicht schon weg htte! lachte Hfken. Wenn aber
nun der Rebe nicht eingetreten wre, das htte eine Heidenwirthschaft
gegeben; und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel
geschenkt.

Alle Wetter, rief Strohwisch, ist das begrndet?

Ich habe selber dabei gestanden, wie sie Krger herunter brachte; aber
hol' mich Dieser und Jener, er hat sie auch verdient!

Habt Ihr's schon gehrt? rief in diesem Augenblick einer der
gewhnlichen Gste, der Doctor Kleemann, welcher besonders viel
populr-medicinische Aufstze fr Zeitungen schrieb und Stammgast in der
Hlle war.

Nun, was ist jetzt wieder? rief Arnold. Haben sie ihn erwischt?

Erwischt -- wen?

Den Handor.

Was hat denn der ausgefressen?

Durchgegangen ist er.

Alle Wetter!

Aber was wollten Sie denn erzhlen?

Oben bei Monfords sollte doch heute Verlobungsabend sein und groe
Gesellschaft war geladen.

Ja, welche Alle im ersten Range fehlten.

Sie htten eben so gut in's Theater gehen knnen, sagte Kleemann, aus
der Verlobung ist nichts geworden; das wird einen Skandal geben in der
=haute vole=!

Aber was ist denn vorgefallen? rief Strohwisch ganz Ohr, denn solchen
Stoff konnte er brauchen. Alle Wetter, heut Abend jagen sich ja
ordentlich die Neuigkeiten; ich kenne mein Haburg gar nicht wieder!

Was vorgefallen ist? rief Kleemann; ein Hauptspa. Ich war heut Abend
beim Ober-Medicinalrath, als etwa vor einer halben Stunde ein Bote vom
Monford'schen Schlosse ganz auer Athem heruntergestrzt kam, um den
Ober-Medicinalrath, der dort Hausarzt ist, hinaufzurufen. Den alten
Grafen hat der Schlag gerhrt, denn wie sie sich eben zur Tafel setzen
wollten, wo die Verlobung proclamirt werden sollte, geht die junge
Comtesse heimlich durch.

Die Comtesse Monford, rief Arnold ordentlich erschreckt, das
wunderhbsche, liebliche Mdchen -- aber mit wem?

Gott wei es; hinten im Park soll ein Wagen gehalten haben, und der
angefhrte Brutigam war zu Pferde nach. Wahrscheinlich erwischt er sie
auch wieder, denn Vorsprung hatten sie nicht viel -- aber der Skandal,
und in _der_ Gesellschaft!

Donnerwetter, sagte Hfken, seine Faust auf den Tisch legend und ganz
verdutzt im Kreise herumsehend, das wre eigentlich ein merkwrdiges
Zusammentreffen: die Comtesse fort und Handor ebenfalls ausgekniffen --
dem traue ich Alles zu!

Glauben Sie wirklich? rief Strohwisch rasch; die Vermuthung liegt
allerdings nahe.

Unmglich ist's nicht, sagte ein Anderer, der Handor hatte in der
letzten Zeit so viel und heimlich mit dem jungen Grafen zu verkehren.

Na, der soll wohl dabei geholfen haben? rief Arnold verchtlich. Da
der Welt doch eigentlich nie etwas erwnschter ist, als ein Skandal,
wenn er nur nicht sie selber betrifft!

Sollten wir etwa bemnteln helfen, was in der =haute vole= vorgeht?
rief Strohwisch.

Bemnteln? Davon ist keine Rede; aber nur nicht schmutziger machen, als
es wirklich ist! rief Arnold. Und berhaupt, was geht uns irgend eine
Familienangelegenheit an? Kehre Jeder vor seiner eigenen Thr, da hat er
gerad' genug zu thun!

Sie paten schn zu einem Zeitungs-Redacteur, rief Strohwisch lachend.

Allerdings fr kein Blatt, das nur den Stadtklatsch ausbeutet! sagte
Arnold trocken, der den Menschen berhaupt nicht leiden konnte.

Meine Herren, der Fackelzug! rief in diesem Augenblicke Trauvest, dem
ein Kellner die Meldung gemacht hatte, da der Zug gerade die Strae
heraufkam; das Zimmer vorn ist offen.

Alles sprang in die Hhe, um den Zug mit anzusehen, und das Gesprch war
unterbrochen. Die Gste strmten auch alle nach vorn, um den fr
Haburg sehr seltenen Anblick eines solchen Schauspiels zu genieen, und
Pfeffer, der heut Abend, seiner sonstigen Gewohnheit ganz entgegen, kein
Wort in die Unterhaltung eingeworfen, nahm seinen Hut, zahlte seinen
Schoppen Wein und schritt langsam in die vom Volk gefllte Strae
hinaus, nicht etwa, um den Fackelzug mit anzusehen, sondern gleich
querber in eine Seitenstrae einzubiegen und seine eigene Wohnung
ungestrt zu erreichen.

Er hatte auch ruhig die ber Handor's Flucht ausgesprochene Vermuthung
mit angehrt, aber es interessirte ihn nicht, denn mit jenen Kreisen kam
er nie in Berhrung und kannte sie gar nicht. Andere Dinge gingen ihm
aber im Kopf herum, und vorzglich, ja, ausschlielich die Wendung,
welche Rebe's Geschick unstreitig mit dem heutigen Abend genommen hatte,
und das Einzige, was ihn dabei rgerte, war, da er ihm selber frher
jedes Talent abgesprochen.

Wer konnte das aber auch denken, wer konnte das auch denken? murmelte
er dabei immer vor sich hin; so ein Duckmuser, so ein verwnschter
Duckmuser! Und wie geheim er das Alles gehalten hat -- und was wird
die Jette dazu sagen? Nun ist's ganz vorbei, nun ist dem Fa der Boden
ausgestoen! Und Jeremias, der hat die ganze Geschichte mit angesehen,
seine Glatze leuchtete ja ordentlich unten im Parket -- merkwrdig, rein
merkwrdig!

Er hatte sein Haus erreicht, -- denn diese abgelegenen Straen schienen
heut Abend von Menschen ganz gesubert zu sein, so war Alles dem
Fackelzuge zugestrmt -- schlo auf und tastete sich die dunkle Treppe
hinauf. Wie er ber den Gang schritt, sah er durch das ber der Thr
angebrachte Fenster, das der Kche ber Tag drftiges Licht geben mute,
bei seiner Schwester drinnen noch die Lampe hell brennen.

Pfeffer schttelte mit dem Kopf. Das Mdel sa jedenfalls noch da
drinnen und arbeitete bis in die spte Nacht hinein, und der Jeremias
hatte es ihr streng verboten. Wettermdel das, und ihre Augen sahen so
schon roth genug vom vielen heimlichen Weinen aus! Aber er mochte die
Schwester nicht mehr stren, die wahrscheinlich schon schlief, sonst
wre er gern noch einmal hinber gegangen und htte die Jette auch
in's Bett geschickt, oder ihr noch vielleicht gesagt, was heut Abend
vorgegangen; es brannte ihm ordentlich auf der Seele.

Das war aber heut Abend zu spt, morgen frh erfuhr sie's ja auch noch
frh genug. Er ging leise an sein Zimmer hinber, um nicht zu viel
Gerusch zu machen, und er wollte aufschlieen, denn der Schlssel stak
immer von auen. Es war aber schon aufgeschlossen, wer konnte da drinnen
gewesen sein?

Kopfschttelnd trat Pfeffer zu der Commode, auf der das Feuerzeug stand,
und entzndete ein Schwefelhlzchen, lie es aber vor Schreck wieder
fallen, da es verlschte, als eine ruhige Stimme im Zimmer sagte:
Guten Abend, Pfeffer; bist Du aber lange geblieben!

Herr Du meine Gte, rief Pfeffer, aber immer noch mit unterdrckter
Stimme, indem er rasch ein neues Hlzchen entzndete, wer, zum
Henker, hat sich denn da -- Jeremias, setzte er jedoch in unbegrenztem
Erstaunen hinzu, als er beim Schein des aufflammenden Phosphors das
dicke, gutmthige Gesicht seines Schwagers erkannte, wo kommst Du denn
noch her?

Ich konnt's nicht mehr aushalten, flsterte Jeremias, ich mute
Dich heut Abend noch sprechen und sitze jetzt hier schon eine volle
Glockenstunde auf einer Lichtscheere, wie ich eben entdeckt habe, die'
auf dem verwnschten Stuhl gelegen hat. Junge, mir ist zu Muthe, als ob
ich tanzen mte!

Auch eine sehr passende Zeit und Gelegenheit dafr, brummte Pfeffer,
dem aber trotzdem nichts Lieberes htte geschehen knnen, als da er
seinen Schwager noch getroffen. Dabei zndete er das Licht an und setzte
es auf den Tisch. Na, wie war's? Aber sprich leise, ich glaube, die
Guste schlft schon.

Licht haben sie noch; wie's dunkel war, schien es durch das
Schlsselloch da drben herein.

Das Blitzmdel arbeitet wieder bis nach Mitternacht; ich habe groe
Lust, hinber zu gehen und ihr die Lampe vor der Nase auszublasen. Du
warst im Theater?

Ja, Pfeffer.

Nun, wie -- bst -- ich glaube, die sprechen da drben noch zusammen.

Jettchen, hatte die Mutter, welche schon ein paar Stunden geschlafen,
die Tochter angerufen, bist Du denn noch auf, Kind? Es mu ja schon so
spt sein.

Gar nicht, Mtterchen; aber morgen Abend ist ja der Ball, und ich mu
doch denen die Arbeit fertig machen, denen ich sie versprochen habe; und
der Brautkranz kam auch noch dazu.

Ist denn nicht noch Jemand drben beim Frchtegott?

Ich habe auch sprechen gehrt. Vor einer Stunde etwa kam der Onkel nach
Hause, ich hrte wenigstens Schritte, und es ging Jemand in das Zimmer
nebenan, und dann hat sich nichts weiter gerhrt. Jetzt kam wieder
Jemand, und nun sprechen sie mit einander.

An die Verbindungsthr pochte es.

Seid Ihr noch munter? fragte Pfeffer's Stimme.

Ja, Onkel.

Knnen wir einmal hinberkommen?

Wir -- wer denn noch?

Der Jeremias.

Der Vater? War der es, der noch so spt kam? Es ist doch nichts
vorgefallen, Onkel?

Knnen wir noch einmal hinberkommen?

Es ist zu spt, Frchtegott, sagte Jeremias abwehrend.

Nie zu spt, eine gute Nachricht zu hren, brummte Pfeffer; wie?

Ja gewi, Onkel; ich habe noch Licht.

Das wei ich, Du kleine Hexe, und auch noch die Finger voll Bltter
und Staubfden; na, warte! Und sein Licht vom Tisch nehmend, winkte
er Jeremias und sah, als er sein Zimmer verlie, nur eben noch, wie
Jettchen in die Kche hineinhuschte.

Sie gingen hinber. Das Bett der Kranken war jetzt im Wohnzimmer
aufgeschlagen worden, und die Frau, welche recht leidend aussah, hatte
sich aufgerichtet, um die beiden Mnner begren zu knnen.

Nun, wie geht's heut Abend, Auguste? Wieder viel gehustet? Was machst
Du?

Es geht etwas besser, seit ich die hliche Medicin nicht mehr trinken
mu.

War der neue Doctor da? fragte Pfeffer rasch.

Jeremias wollte es ja absolut; er behauptete immer, da unser alter
Arzt mich falsch behandle.

Und was sagt der neue? Natrlich Alles verkehrt bisher, wie gewhnlich,
und nun versucht er es einmal mit einer andern Quacksalberei; kommt mir
damit, das bleibt immer dasselbe.

Er hat mir fast gar keine gegeben, sagte die Frau leise; er
behauptet, ich wre gar nicht krank, wenigstens knne er nichts
entdecken, was eine ernstliche Cur verlange. Nur vor Gemthsbewegungen
solle ich mich hten und nur besonders keine traurigen Gedanken machen,
denn es sehe ihm beinahe so aus, als ob mich nur die Furcht vor einer
Krankheit wirklich krank gemacht htte.

Also mache Dir keine traurigen Gedanken! lachte Pfeffer.

Und kann ich denn anders? sagte die Frau leise. Sehe ich denn nicht
das arme Kind, das Jettchen, den ganzen Tag vor mir, wie es immer ruhig,
immer freundlich, mit keiner Klage auf dem Herzen auch mit jedem Tage
elender wird und sich verzehrt, und nur Abends, wenn sie glaubt, da
ich schlafe, ihre Schmerzensthrnen still und heimlich flieen lt? Das
arme Jettchen! Aber was fhrt Dich noch so spt hierher, Jeremias? Es
ist doch nichts vorgefallen? Lieber Gott, ich habe jetzt immer eine
solche Angst, als ob irgend etwas recht Schlimmes eintreten msse!

Und wenn's nun etwas recht Gutes wre, Auguste, sagte Jeremias, der
sich die ganze Zeit verlegen die Hnde gerieben hatte -- etwas recht
Gutes?

Recht Gutes? rief die Frau aufmerksam werdend. Ihr seht mir Beide so
sonderbar aus, und diese spte Stunde!

Wo steckt denn das Jettchen?

Hier ist sie schon, Onkel, rief das junge Mdchen, die Thr ffnend.
Guten Abend Vater! Ich hatte kurz vorher kochend Wasser gemacht,
weil die Mutter so hustete; das war den Augenblick wieder zum Kochen
gebracht, und da hab' ich Euch Beiden eine Tasse Thee aufgegossen. Onkel
trinkt ihn ja doch gern, wenn er Abends nach Hause kommt, nicht wahr?

Aber doch nicht um Mitternacht, Schatz; doch nun setze Dich einmal
dahin. Wie, Jeremias, nicht wahr? wir wollen den Beiden jetzt einmal
eine Geschichte erzhlen?

Was hast Du nur, Onkel?

Dahin setzen und ruhig zuhren; erst gieb mir aber einmal den Zucker
her.

Henriette gehorchte kopfschttelnd, denn sie begriff gar nicht, was sie
aus dem Allen machen sollte. Der Onkel war aber innerlich vergngt, das
hatte sie ihm auf den ersten Blick angesehen; was konnte nur vorgefallen
sein?

So, sagte jetzt Pfeffer, als er sich hinter den Tisch gesetzt und
behaglich seinen etwas spten Thee schlrfte, whrend ihn die beiden
Frauen erwartungsvoll ansahen -- nun erzhl' einmal, Jeremias.

Nein, erzhl' Du's lieber, meinte sein Schwager, Du kannst's besser.

Hm, gut, nickte Pfeffer, dann will ich's erzhlen; nun pat einmal
auf. Heut Abend war also Hamlet im Theater.

Ist das Alles? lchelte das junge Mdchen, als der Onkel schwieg.

Doch nicht ganz, sagte Pfeffer, der in Gedanken nach seiner
Cigarrentasche griff, sie aber wieder zurckschob und eine Prise nahm.
Wie wir anfangen wollten, stellte sich nmlich die kleine Schwierigkeit
heraus, da wir -- keinen Hamlet hatten.

Keinen Hamlet?

Handor kam nicht; die Ouvertre spielte, die Tnzerin mute ihre Knste
machen, und noch immer kein Hamlet.

Ja, aber was wurde denn da?

Es mute ihn ein Anderer spielen, sagte Pfeffer trocken.

Ein Anderer? fragte jetzt auch die Frau erstaunt. Und wer konnte denn
in der kurzen Zeit den Hamlet bernehmen?

Rebe! platzte Jeremias heraus.

Rebe? riefen die beiden Frauen fast erschreckt wie aus Einem Munde.

Jetzt verdirbt mir der meine ganze Geschichte! rief Pfeffer. Konntest
Du denn nicht das Maul halten? Ich htte sie noch eine ganze Stunde
rathen lassen.

Aber wie, um Gottes willen, war das mglich? sthnte Henriette,
whrend die Mutter ausrief:

Und ging es gut?

Jeremias wollte wieder etwas sagen; Pfeffer hatte ihn aber im Auge und
fuhr dazwischen:

Halt, erst komm' ich! Ob es ging? Keine Hand rhrte sich im Anfang,
Alles war todtenstill, und sie lachten nur, wie Meier mit einem dicken
Backen als Gldenstern auftrat. Krger ging auf dem Theater herum, da
es einen Stein htte erbarmen sollen, gerade etwa wie Einer, der zum
ersten Mal auf einer Versenkung steht und nicht genau wei, wann sie
mit ihm abgeht. Wir hatten brigens Alle Heidenangst, und ich erwartete
jeden Moment, da sie unten an zu pfeifen fingen. Aber ne -- auch der
zweite Akt ging vorber, und im Parterre und Parket saen sie wie die
Mauern.

Und dann?

Dann haben sie gejubelt und applaudirt und herausgerufen, wie ich's in
meinem Leben nicht fr mglich gehalten! rief jetzt Jeremias, der
nicht mehr lnger an sich halten konnte. Nein getobt haben sie, wie
die Indianer, und der Erbprinz hat dem Rebe seine eigene Tuchnadel als
Anerkennung geschickt!

Und woher weit Du denn das schon? rief Pfeffer.

Auf der Strae erzhlten sich's die Leute. Wie ein Lauffeuer ging's von
Mund zu Mund.

Die Frau hatte vor Freude die Hnde gefaltet. Jettchen aber sa still
und bleich auf ihrem Stuhl und rhrte und regte sich nicht, aber um ihre
Lippen zuckte es; sie wollte aufstehen, sie konnte nicht, und pltzlich
dem neben ihr sitzenden Vater um den Hals fallend, lehnte sie ihren Kopf
auf seine Schulter und schluchzte leise.

Mein liebes, liebes Jettchen, sagte Jeremias gerhrt, aber so weine
doch nicht, Schatz! Das ist doch keine Ursache zum Weinen, nicht wahr,
Frchtegott? Das ist doch eher Ursache zum Fidelsein. Er hat seine Sache
brav gemacht, recht brav, er ist ein ganz tchtiger Schauspieler, sie
Alle sagten da unten, der Handor htte die Rolle in seinem ganzen Leben
nicht so gespielt, und ich habe selber mit applaudirt, da mir noch
jetzt die Hnde weh thun.

Und was war mit Handor? fragte die Mutter, die sich immer noch nicht
von ihrem Erstaunen erholen konnte.

Durchgebrannt ist er und wird wahrscheinlich nicht wiederkommen, rief
Pfeffer. Jetzt aber geht schlafen, und Du auch, Jettchen; es ist spt
und Ihr sollt mir nicht lnger wach bleiben.

Ja, ich will auch nach Hause gehen, sagte Jeremias.

Fllt Dir gar nicht ein, brummte Pfeffer. Glaubst Du, da ich nach
all' der Aufregung jetzt schlafen kann?

Aber es ist zwlf Uhr vorbei.

Gerade deswegen, die Nacht ist doch einmal angebrochen, und Jettchen
hat gewi noch heies Wasser.

Ja, Onkel.

Sehr schn; auf den dnnen Thee schlft sich's berhaupt erbrmlich;
da setzen wir uns noch drben in meine Stube, rauchen eine vernnftige
Pfeife oder Cigarre -- hast Du welche mit, Jeremias?

Gute, aber ich habe mich im Theater darauf gesetzt.

Auf was Du nicht Alles gesessen hast! Na, es wird schon gehen, trinken
ein anstndiges Glas Grog dazu und besprechen noch so Manches, was wir
auf dem Herzen haben.

Ich mache Dir gleich wieder heies Wasser, Onkel.

Setz' uns lieber das Wasser und den Spiritus hinber, Schatz, und
vergi den Zucker nicht. Du, Dein Rum ist famos, Jeremias; ich bin mit
der einen Flasche schon halb fertig -- und morgen wollen wir dann das
Weitere sehen.

Und nun machst Du Dir auch keine traurigen Gedanken mehr, nicht wahr
Auguste; es wird ja jetzt Alles gut gehen, sagte Jeremias herzlich.

Jetzt nicht mehr, Kinder, jetzt nicht mehr, sagte die Frau gerhrt,
und jetzt wird Jettchen auch die rothen Rnder um die Augen verlieren
und nicht mehr heimlich weinen.

Aber, beste Mutter!

Ruhe im Quartier! rief Pfeffer; ich habe eine ordentliche Sehnsucht
nach einem Glase Grog. Und nun gute Nacht! Du bist doch nicht bse, da
wir Dich heut Abend noch einmal gestrt haben?

Ich bin recht glcklich, Frchtegott!

Na, also denn Abgang mit allseitiger Zufriedenheit! rief Pfeffer,
griff Jeremias unter den Arm und schleppte ihn mit in sein Zimmer
hinber, wo die beiden Mnner noch wenigstens zwei Stunden zusammen
saen, mit einander rauchten und tranken und zuletzt so vergngt wurden,
da Pfeffer wieder vor verhaltenem Lachen seinen bsen Husten bekam und
hinten in den Alcoven ging und den Kopf in's Bett steckte, damit die
Frauen nebenan nicht davon gestrt wrden.




24.

Am andern Morgen.


Lange hatten keine zwei, solcher Art zusammentreffende Ereignisse
die Gemther einer Stadt so gleichzeitig und in allen Schichten der
Gesellschaft in Aufregung gesetzt, als die in den vorigen Capiteln
beschriebenen.

Da war fast kein Haus in Haburg, bis zu der niedrigsten Htte hinab,
das sich nicht fr den einen oder den andern Theil der Tragdie
interessirte, denn Graf Monford war nicht besser und genauer in den
hheren, als Handor in den mittleren Kreisen bekannt; und selbst die
Handarbeiter und Tagelhner nahmen Partei in der Sache, denn sie alle
kannten den sogenannten alten Fritz, den Maulwurfsfnger, der jetzt
nicht auf einem einfachen Wildfrevel erwischt sein durfte, sondern
jedenfalls bei der Flucht der jungen Grfin mit geholfen haben mute.

Es lt sich denken, da die abenteuerlichsten Entstellungen dabei zum
Vorschein kamen, denn nichts ist so toll und unwahrscheinlich, das
nicht doch bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Glubigen und
Weitertrgern fnde. Leider liegt es dabei nun einmal im Menschen
-- oder, wenn das zu allgemein ist, doch in dem grten Theil der
civilisirten Welt--, da sie am liebsten Bses oder Nachtheiliges von
ihren Mitmenschen hren und es mit viel grerer Vorliebe nacherzhlen,
als das Gegentheil. Selbst gute Menschen, die nie mit Absicht einem
Andern ein Unrecht oder einen Schaden zufgen wrden, verweilen mit weit
gespannterem Interesse bei irgend einer Schreckenskunde, einem verbten
Verbrechen oder einem Unfall, wie bei irgend einem freudigen Ereigni,
und betrifft die Sache nun gar bekannte, oder, noch mehr, befreundete
Familien, so knnen es die verschiedenen Persnlichkeiten kaum erwarten,
bis sie im Stande waren, der Sache die weiteste Verbreitung zu geben.

So verworren und unbestimmt alle solche ersten Gerchte aber berhaupt
sind, etwas Wahres ist doch gewhnlich daran, und die Gesellschaft hat
besonders eine kaum zu berschtzende Gabe im Combiniren, was ihr in
diesem Fall aber noch auerdem sehr erleichtert wurde.

Wie der Gedanke schon an jenem Abend in der Hlle aufgetaucht und
ausgesprochen worden, da die Flucht des ersten Liebhabers am Theater
mit dem Verschwinden der jungen Grfin auf das Genaueste in Verbindung
stehen knne, so verbreitete sich diese Erzhlung des Geschehenen als
unwiderlegbare Thatsache am nchsten Morgen durch die ganze Stadt, und
die Grfin Monford htte jenes Abschiedsbillet ihrer Tochter nicht so
sorgfltig zu verbrennen gebraucht; der Inhalt desselben konnte nicht
genauer berall bekannt sein, und wenn es Feodor Strohwisch selber
gelesen htte.

Es gab des Neuen aber in der That auf einmal zu viel, um es gleich
ordentlich zu sichten und zu verwerthen, und wahrlich, der Stoff, wenn
nur ordentlich eingetheilt, wrde fr den ganzen Sommer und bis spt
in den Herbst hinein gelangt haben, um die Gemther in einer angenehmen
Aufregung zu erhalten. So puffte Alles mit Einem Mal in die Hhe; es war
ordentlich schade.

Und dabei sollten die Damen auch noch ihren Putz fr den heut Abend
stattfindenden Ball herrichten, wo jede darauf brannte, Besuche zu
machen oder zu empfangen. Es war das schwierigste Stck Arbeit, das sie
in ihrem ganzen Leben geleistet, und nur die Aussicht, auch dafr
heut Abend wenigstens ihre Meinungen auszutauschen und noch eine Masse
interessanter Einzelheiten zu erfahren, konnte sie einigermaen dafr
entschdigen.

Unberhrt von dem Allen sa indessen der Held des vorigen Theaterabends,
Horatius Rebe, in seinem kleinen, rmlichen Dachstbchen und trumte den
verlebten seligsten Tag seines Lebens noch einmal durch.

Er wute von Allem nichts, weder von Handor's wirklichem Durchgehen,
noch von den Ereignissen, die sich in dem ihm berdies vollkommen
fremden grflich Monford'schen Hause zugetragen, und das doch eigentlich
die directe Ursache seines gestrigen Triumphes gewesen.

Das Herz zum Zerspringen voll von Glck und Seligkeit, gab er sich ganz
dem einen erhebenden Gefhl hin, endlich seinen Beruf gefunden zu haben,
da seine Zuversicht, sein Vertrauen zu sich selbst ihn nicht getuscht
und da er im Stande gewesen, nicht allein dem Publikum, nein, auch sich
selber zu beweisen, er verdiene den Namen eines Knstlers und sei besser
als das, wozu man ihn bis jetzt gemacht und gebraucht: ein Ausfllsel
fr werthvollere Stoffe.

Wie hatte ihn bis jetzt Alles unterdrckt und unter die Fe getreten,
vom Director nieder bis zum Souffleur, der ihm ja hier in seinem eigenen
Zimmer gesagt, da er lieber Schuster oder Schneider werden, aber
jedenfalls die Bhne verlassen solle, weil er kein Talent dafr habe!
War ihm denn auch nur von Einer Seite Aufmunterung und Trost geworden
-- nur von Einer Seite? Aber ja, Henriette; sie allein hatte ihn immer
getrstet, wenn er schon verzweifeln wollte, sie allein war lieb und
freundlich mit ihm gewesen und hatte den armen Ausgestoenen nie fhlen
lassen, wie verloren und verlassen er in der Welt stehe. Und wrde er
sie wiedersehen? Gott allein wute es; denn er ging heute Morgen einen
ernsten Gang, und jeden Augenblick erwartete er den Freund, einen alten
Commilitonen, der hier bei einem Arzt als Famulus eingetreten war,
zurck, um zu erfahren, welche Zeit er mit Herrn Handor fr ihr
bestimmtes Rencontre ausgemacht und besprochen habe.

Und wenn er fiel? -- dann mit Gott, er fiel doch ehrenvoll! Er hatte
bewiesen und beweisen knnen, da er den Kampf nicht muthwillig und in
Ueberschtzung seiner eigenen Krfte gesucht, sondern da er dazu durch
ungerechtfertigte Mihandlung und Heruntersetzung gezwungen worden.

In diesem Augenblick klopfte es an die Thr, und ehe er noch Herein
rufen konnte, ffnete sich diese und der Erwartete trat ein.

Nun, Frank, wie steht's? rief ihm Rebe entgegen. Wann ist die Zeit?
Je eher, desto besser!

Hre, Rebe, sagte der junge Mann, wenn Du absolut schlagen willst, so
mut Du Dir schon einen Andern suchen, denn Handor ist fort!

Fort?

Ich hrte schon gestern Abend darber munkeln, mochte Dir aber nichts
davon sagen, bis ich mich selber berzeugt htte; aber es hat seine
Richtigkeit. Ausgekniffen nach allen Regeln der Kunst; aber wohl kaum
des Duells wegen, sondern mit einer jungen Dame aus einer der ersten
Familien der Stadt, der Comtesse Monford, und mit Hinterlassung eines
negativen Vermgens von circa zwanzigtausend Gulden.

Und gestern Abend schon?

Vor Dunkelwerden ist er noch gesehen worden; jetzt sucht ihn alle Welt,
und wird er wirklich eingebracht, mchte er wohl kaum im Stande sein,
Dir Genugthuung zu geben. Sei brigens froh, denn Du bist auf diese Art
die unangenehme Geschichte am besten los geworden.

Ich begreife noch immer nicht...

Du wirst das Nhere schon ber Tag hren, denn die ganze Stadt ist voll
davon; ich selber habe aber keine Zeit, denn ich mu zu Monfords hinaus,
wo gestern ein Mensch, der sich seit einigen Jahren hier im Lande
herumtreibt, beim Wildern vom Frster erwischt worden ist und einen
bsen Schu in den Schenkel bekommen haben soll. Also auf Wiedersehen!
Sobald ich kann, komme ich zu Dir; die Sache ist aber abgemacht und Du
brauchst Dir deshalb nicht weitere Sorgen zu machen. -- Und seinen Hut
aufsetzend, den er noch nicht einmal abgelegt, scho er aus dem Zimmer.

Rebe ging eine Weile mit gekreuzten Armen in seinem kleinen Kmmerchen
auf und ab. Was war nicht Alles vorgefallen in den kurzen Tagen, wie
drngte sich Ereigni auf Ereigni, und wie wrde sich selber jetzt sein
Schicksal gestalten? -- Handor fort auf Nimmerwiederkehren, denn
nach dem Geschehenen wre ja doch seine Stellung am hiesigen Theater
unhaltbar gewesen. Sein eigener Contract war dabei mit dem heutigen Tage
abgelaufen, und er sollte jetzt die Stadt verlassen, in der er Alles
zurcklassen mute, an dem sein Herz, seine Seele hing. Und war es doch
vielleicht mglich, da er noch blieb? Waren die freundlichen Worte, die
ihm der Director gestern Abend nach der Vorstellung gesagt, nicht blos
eine leere Hflichkeitsform gewesen, die er heute vergessen hatte oder
vielleicht gar bereute?

Wieder klopfte es laut und herzhaft an, und auf Rebe's Herein ffnete
sich die Thr und Feodor Strohwisch stand in Lebensgre auf der
Schwelle.

Rebe war in der That erstaunt, denn der gefrchtete Recensent Haburgs
hatte ihn bis jetzt, wie er fr ihn in der Kritik nie anders als
hchstens in einer hhnischen Bemerkung existirte, kaum eines Blickes
gewrdigt, wenn er ihm auf der Strae begegnete, ja, selbst die Form des
gewhnlichen Anstandes so weit auer Acht gelassen, ihm nicht einmal auf
einen Gru zu danken, so da ihn Rebe von da an ebenfalls ignorirte. Und
der besuchte ihn jetzt?

Rede war so erstaunt, da er nicht einmal gleich wute, wie er ihn
empfangen solle. Feodor Strohwisch berhob ihn aber aller derartigen
Bedenklichkeiten, denn mit der liebenswrdigsten Cordialitt streckte er
ihm, whrend er den Spazierstock unter dem Arm und den Hut auf dem Kopf
behielt, beide Hnde entgegen und rief herzlich und entzckt:

Lieber, bester Rebe, gestatten Sie mir, da ich der Erste sei, der
Ihnen zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glck wnscht; Sie knnen
gar nicht glauben, wie ich mich darber gefreut habe!

Herr Doctor, sagte Rebe, der sich noch immer nicht von seinem
Erstaunen erholen konnte, das ist in der That eine Ueberraschung, Sie
bei mir zu sehen.

Und das wundert Sie? sagte Strohwisch vollkommen unbefangen; ich mu
Ihnen nur gestehen, da ich Ihr keimendes Talent schon lange im Stillen
beobachtet und erkannt habe, wenn ich auch natrlich nicht ahnen konnte,
da es einmal pltzlich in einer solchen Flamme emporlohen wrde.
Vortreffliches Bild, nicht wahr? Mit Krger ist aber nichts anzufangen,
der reitet so lange auf seinen Steckenpferden herum, bis er sie alle zu
Schande geritten hat; denn wre der meinem Rathe gefolgt, so wrde er
Sie schon lange anstndig beschftigt haben -- aber Gott bewahre!

In der That, Herr Doctor?

Das knnen Sie mir glauben, sagte Strohwisch, seinen Hut auf den Tisch
stellend und sich selber auf einen Stuhl werfend. Dabei sah er sich
augenscheinlich im Zimmer nach etwas um.

Ich bin Ihnen dann in der That sehr zu Dank verpflichtet, sagte
Rebe trocken, und mu nur bewundern, wie geheimnivoll Sie das Alles
betrieben haben.

Bescheidenheit, lieber Freund, vielleicht thrichte Bescheidenheit.
Aber = propos=, haben Sie nirgendwo eine Cigarre? Meine Cigarrentasche
mu in einem andern Rock stecken.

Ich bedaure sehr, ich rauche gar nicht.

Sie rauchen nicht? Das ist merkwrdig, das mssen Sie sich noch
angewhnen -- ein Knstler und nicht rauchen! Sie sind ein ganz
auerordentlicher Mensch, Rebe, ein ganz auerordentlicher Mensch!

Dabei griff er in die Tasche, nahm die in dem andern Rock vermuthete
Cigarrentasche, und aus dieser eine Cigarre, bi sie ab und
entzndete sie dann mit dem auf dem Tisch neben dem Licht stehenden
Streichfeuerzeug.

Und haben Sie auch schon davon gehrt, fragte Rebe endlich, da sein
Besuch keine Anstalt machte, das Gesprch wieder aufzunehmen, sondern
nur an seiner etwas schwergehenden Cigarre zog, da Herr Handor
wirklich durchgegangen sein soll?

Futsch, erwiderte Strohwisch, indem er den Rauch in einer Wolke von
sich blies, vollkommen futsch! Ich habe es schon lange erwartet; er
konnte sich auch hier nicht lnger halten, oder wurde vielmehr nur noch
knstlich von mir ber Wasser getragen. Es war vorbei, er hatte sich
ausgespielt; immer wieder dieselbe Geschichte, eine Rolle wie die
andere, ob er den Marquis Posa oder den Wetter vom Strahl, den Mar
Piccolomini oder den Faust spielte. Das Publikum ermdete zuletzt und
sehnte sich nach einer frischen, natrlichen Kraft, und daher auch der
rasende Erfolg, den Sie gestern Abend errangen.

Aber Herr Handor war hier sehr beliebt.

Bah, gemacht; jeden Abend zwanzig Freibillets im Theater, und die,
richtig vertheilt, knnen 'was ausrichten. Sie glauben gar nicht, Rebe,
was ein einziges Paar Hnde im rechten Moment bedeutet, und ich denke,
ich habe Ihnen gestern eine Probe davon gegeben, als ich im dritten
Act, wie ich das Publikum genugsam vorbereitet glaubte, mit einem Avec
einsetzte.

Sie, Herr Doctor?

Nun, versteht sich; da das ein alter Prakticus war, konnten Sie doch
gleich am Zuschlagen hren. Das erste Rennen haben Sie dadurch gewonnen,
und jetzt kommt Alles darauf an, wie die Sache gehandhabt wird, um Ihnen
ohne allen Zweifel einen bleibenden Erfolg hier zu sichern.

Das wrde wohl nutzlos sein, meinte Rebe, sich darber den Kopf
weiter zu zerbrechen, denn mein Contract ist mit dem gestrigen Tage
abgelaufen. Es war der letzte Abend, der mir Gelegenheit bot, dem
Publikum doch wenigstens zu zeigen, da ich nicht ganz so mittelmig
sei, als ich bis daher hingestellt worden.

Schwatzen Sie kein Zeug, sagte Strohwisch mit einer Protectormiene,
Sie jetzt Haburg verlassen? Denken gar nicht daran -- der Director
wird doch kein Esel sein und darein willigen!

Es wird doch wohl so werden.

Und wo will er denn einen Andern herkriegen? Glauben Sie, die ersten
Liebhaber laufen auf der Landstrae herum, da man nur einen Gensdarmen
hinzuschicken braucht, um sich einen einzufangen? Hahahaha, denken Sie
sich das Bild! Nein, wenn das Publikum mit Ihnen hier zufrieden ist,
so hat Krger gar keine Wahl, und wer das Publikum eigentlich hier in
Haburg ist, Rebe, ich dchte, das wten Sie doch -- das bin _ich_.

Sie, Herr Doctor?

Fragen Sie nicht so kindlich. Wer schreibt denn die Recensionen ber
das hiesige Theater, und in wessen Hnden liegt es denn, zu bestimmen,
ob ein Knstler hier ressiren soll oder nicht? Sobald ich meine Hand
von ihm abziehe, ist er verloren, so lange ich ihn halte, jubelt ihm
das Publikum entgegen -- Publikum, wenn ich nur den Namen gar nicht mehr
hren mte! Es ist eine zusammengelaufene, urtheilslose Masse, die nur
in hchst seltenen Fllen, selbst im Theater drin, eine eigene Meinung
kundzugeben wagt, bis sie erst einmal gehrt und gelesen hat, wie die
Sache besprochen ist.

Aber gestern Abend war doch das Gegentheil der Fall.

Weil ich zu applaudiren an fing! rief Strohwisch leidenschaftlich.
Tausendmal haben Sie ja den Beweis mit einem neuen Stck; sitzen
sie nicht drin wie die Stcke und rhren keine Hand, bis sie erst
am nchsten Morgen gelesen haben, wie das Stck gefallen hat. Und
applaudiren sie wirklich einmal und rufen heraus, und ich beweise ihnen
am nchsten Morgen, da sie sich blamirt haben, sehen Sie einmal zu, ob
nachher bei der zweiten Ausfhrung noch zehn Menschen im Theater sind!

Sie mgen in mancher Hinsicht nicht Unrecht haben.

In mancher Hinsicht? Lieber Freund, ich habe in jeder Hinsicht Recht.
Wer applaudirt denn im Theater? Beantworten Sie mir einmal die Eine
Frage. Der erste Rang? Fllt ihm gar nicht ein, das schickt sich nicht
fr das vornehme Pack und strapazirt die Glachandschuhe auch zu sehr,
denn man kann sich nicht alle acht Tage ein Paar neue kaufen. Das
Parterre ist's, das den Ton angiebt, und der dritte Rang bildet das
Echo und macht den Spectakel, und fngt jedesmal deshalb an heraus zu
schreien, weil sie den Vorhang noch einmal wollen aufgehen sehen und
dadurch etwas mehr fr ihr Geld bekommen. Wer sitzt aber im Parterre?
Der ehrliche Brger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Bierbrauer,
Metzger, Posamentirer, lauter Leute, die sich blos fr eine Kleinigkeit
amsieren wollen und von denen Sie nicht verlangen knnen, da sie auch
gleich ein fertiges Urtheil mit hineinbringen. Diese Leute reprsentiren
das Publikum, und der erste Rang, so sehr er auch die Nase darber
rmpfen wrde, wenn man ihm vorhalten wollte, da er sich gerade von
diesen in seinem eigenen Urtheil bestimmen lasse, besteht doch aus
nichts als aufgeputzten Gliederpuppen, die Entre bezahlen, das Theater
fllen und hchstens untereinander raisonniren.

Dann mu ich schon meine Chance nehmen, wie sie eben fllt, sagte Rebe
achselzuckend, denn Doctor Strohwisch fing an ihm unangenehm zu
werden. Wir wollen's abwarten. Sie haben mich gestern so freundlich
aufgenommen, da ich wohl hoffen darf, sie werden mir auch ein
freundliches Andenken bewahren.

Andenken? Phantasie! sagte Strohwisch. Bilden Sie sich nur nicht ein,
da Krger Sie fortlt, er darf es gar nicht, oder er htte mich
auf dem Halse, und das riskirt er nicht. Nein, betrachten Sie Ihr
Wieder-Engagement als vollkommen gesichert; und dann, lieber Rebe, haben
Sie keine Sorge, ich mache die Geschichte, ich wei Bescheid, und Sie
sollen einmal sehen, in acht Tagen krht kein Hahn mehr nach Handor und
Sie spielen eine von seinen Rollen nach der andern ruhig weg.

Sie malen mir die Zukunft sehr verfhrerisch, Herr Doctor, lchelte
Rebe, aber die Hauptsache wrde _ich_ doch wohl machen mssen, wenn es
wirklich dazu kme. Wenn die Kritik dabei ein wenig nachsichtig mit mir
verfahren wollte, so wrde ich das dankbar anerkennen, denn ich kann
wohl sagen, ich bin durch mein langes Zurckhalten in kaum mehr als
Statistenrollen auch kaum mehr als ein Anfnger jetzt und mu wieder von
Neuem beginnen.

Und was zahlen Sie fr die Spalte Honorar? sagte der Doctor, der mit
einer liebenswrdigen Unbefangenheit, die nichts zu wnschen brig lie,
auf den Hauptpunkt bersprang.

Zahlen fr die Spalte? sagte Rede wirklich berrascht, denn nach
seinen Ansichten von Ehrgefhl war es doch nicht denkbar, da der
Doctor damit sagen wollte, er wnsche seine Recensionen von ihm
bezahlt zu haben. Ich verstehe Sie nicht.

Sie sind wirklich kindlich, lchelte Doctor Strohwisch; Sie wissen
doch, da ich meine Recensionen stets honorirt bekomme.

Aber doch nicht von dem Schauspieler! rief Rebe ordentlich erschreckt.

Nein, nicht von allen, sagte der Doctor, aber die haben sich die
Folgen dann auch selber zuzuschreiben.

Rebe war ein seelensguter Mensch und htte sich lieber das Aeuerste
versagt, ehe er im Stande gewesen wre, irgend Jemanden wissentlich zu
beleidigen. Bei dieser Unverschmtheit, von der er bis jetzt wirklich
noch keinen Begriff gehabt, kochte ihm aber doch das Blut, und er mute
sich Mhe geben, an sich zu halten.

Strohwisch dabei, mit keiner Ahnung, was in dem jungen Knstler vorging,
und in der Meinung, er berlege jetzt mit sich im Stillen, was er ihm
etwa bieten knne, sah ihn freundlich lchelnd an und blies ihm dazu den
Rauch seiner Cigarre in's Gesicht.

Nun? fragte er endlich.

Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Doctor, erwiderte ihm Rebe mit mhsam
errungener Fassung. Erstlich ist die Sache mit einem Wieder-Engagement
hier noch im weiten Felde, ich glaube noch nicht einmal daran; wenn das
aber auch wirklich eintreten sollte, so bin ich fest entschlossen, was
ich erreiche, auch nur mir selber zu verdanken und nie im Leben eine
gute Kritik zu bezahlen, wenn ich sie mir nicht ehrlich verdient habe.
Ich werde mir die grte Mhe geben, ich werde fleiig lernen, und da
ich der Sache Lust und Liebe entgegenbringe, de ist Gott mein Zeuge.
Mehr kann aber auch kein Mensch von mir verlangen, und genge ich damit
dem Publikum nicht, gut, dann setze ich meinen Stab weiter und will
versuchen, mich zu vervollkomnmen, bis ich den Rang erreicht habe,
nach dem ich strebe. Genge ich ihm aber und finden Sie selber, da ich
meinen Platz ausflle, dann mu ich es Ihnen auch selber berlassen, was
Sie darber schreiben wollen.

Mein lieber Herr Rebe, sagte Strohwisch trocken, mit diesen
Grundstzen brauche ich kein Prophet zu sein, um Ihnen zu sagen, da Sie
schon in den nchsten acht Tagen ausgepfiffen werden.

Herr Doctor!

Auf mein Wort, gar keine Frage, lchelte Strohwisch; ein Recensent
ist nun einmal nicht im Stande neutral zu bleiben. Entweder interessire
ich mich fr oder gegen Sie, und jetzt haben Sie noch die Wahl. Seien
Sie vernnftig, setzte er dann mit gutmthigem Kopfschtteln hinzu;
sehen Sie, ein Mensch kann ja doch nun einmal nicht mit seinem Schdel
durch eine Mauer rennen, und wie die Welt ist, ndern Sie sie ja doch
nicht. Wir wollen die Sache aber einfacher machen, Sie kennen doch das
Institut der Lebensversicherungen, nicht wahr? Nun gut; sehen Sie, wie
Sie dort Ihr Leben oder in einer andern Anstalt Ihre Mbel, Wsche und
Kleider gegen eine Feuersbrunst versichern knnen, so versichern Sie bei
mir Ihre Carriere als Knstler, und ich will nicht hart mit Ihnen sein:
fnf Procent von Ihrer Gage -- beim Himmel, Sie drfen sich nicht ber
mich beklagen, und die ganze Geschichte kostet Sie im hchsten Fall
lumpige hundert Thaler das ganze Jahr.

Und wenn ich es fr hundert Groschen, ja, fr hundert Pfennige haben
knnte, rief Rebe jetzt, von seinem Stuhl emporspringend und wirklich
ganz auer sich, so wrde ich mich vor mir selber schmen, einen
solchen -- Patron zu bestechen, wie Sie sich mir eben gezeigt haben!

Bitte, sagte Strohwisch, sich mit spttischer Hflichkeit von seinem
Stuhl erhebend, aber doch nicht gewillt weiter zu gehen, denn Rebe
war von sehniger Statur und muskuls gebaut. Ich sehe, Sie sind
kein Geschftsmann, Herr Rebe, und bedauere wirklich herzlich, Ihre
werthvolle Zeit heute Morgen so lange in Anspruch genommen zu haben. Ob
Sie recht daran gethan, mein freundliches Entgegenkommen in solcher Art
zurckzuweisen, mag die Zeit lehren. Fr jetzt habe ich die Ehre, mich
Ihnen gehorsamst zu empfehlen! Und seinen Hut aufgreifend, verlie er
mit einer sehr frmlichen Verbeugung das Zimmer.

Rebe fhlte sich eine Last von der Seele genommen, als der Mensch ging;
denn so lange er sich in seiner Nhe befand, war es ihm ordentlich, als
ob irgend ein bser Geist Macht ber ihn gewinnen und ihn von seinem
ehrlichen Pfade ablenken wollte. Aber kehrte er noch einmal zurck?
Drauen knarrte wieder die Treppe. Aber nein, das waren zwei Personen;
er hrte Stimmen. Es wurde wieder geklopft.

Herein!

Bitte, nach Ihnen, ich bin hier zu Hause! hrte er Jemanden sagen. Das
war Peters. Die Thr ffnete sich weit und der Theaterdiener nthigte
auch wirklich -- Rebe's Herz schlug hoch -- Henriettens Vater zuerst
hinein.

Jeremias hielt sich aber nicht lange bei der Vorrede auf. Er ging auf
Rebe zu, reichte ihm herzlich die Hand und rief: Mein lieber Rebe, ich
komme hierher, um Ihnen Abbitte zu thun.

Mir, Herr Stelzhammer?

Ich habe Sie im Verdacht gehabt, da Sie kein Schauspieler wren und
die Geschichte nur so aus Plaisir mitmachten; ich bin jetzt aber anderer
Meinung darber. Bleiben Sie dabei, Sie gehren nirgends anders hin, und
-- ich hoffe, es soll noch Alles gut werden.

Mein bester Herr...

Nicht wahr, er hat seine Sache gut gemacht! rief Peters, der selber
mit stolz auf den gestrigen Erfolg war, den der Director allerdings auch
seinen Beinen zu verdanken hatte. -- Ja, ganz brav hat er's gemacht,
und hier, Herr Rebe, auch ein Brief vom Director. Sollen um zwlf
Uhr einmal zu ihm in's Bureau kommen, verstehen schon -- gratulire im
Voraus.

Und haben Sie bis dahin noch etwas vor?

Nicht das Geringste, Herr Stelzhammer.

Schn; htten Sie etwas dagegen, mich einmal zu begleiten?

Wohin, Herr Stelzhammer?

Nu, natrlich in den Italienischen Keller, sagte Peters mit einem
verschmitzten Lcheln; wohin kann man einen Menschen um diese Tageszeit
wohl fhren? Aber, Donnerwetter, was wollte denn der Doctor Strohwisch
schon bei Ihnen -- pumpen? Natrlich! Halten Sie sich den zum guten
Freunde, wenn ich Ihnen rathen soll; er hat ein bitterbses Maul.

War das der Herr, dem wir auf der Treppe begegneten?

Ja wohl, mit den kurzen Haaren und dem mopsigen Gesichte; aber er hat's
hinter den Ohren. Na, ich mu jetzt fort; vergessen Sie nicht, um zwlf
Uhr. Guten Morgen, meine Herren! Und wie ein Pfeil scho er wieder aus
der Thr hinaus.

Und wohin soll ich Sie begleiten?

Das war der Theaterdiener, nicht wahr?

Ja, Peters.

Wohin Sie mich begleiten sollen? Wohin Sie wahrscheinlich recht gern
mitgehen, lchelte der kleine Mann. Sie wissen, was mein Schwager
Pfeffer von Ihrer Bewerbung um Jettchen hielt -- bitte, lassen Sie mich
ausreden. Pfeffer kennt das Theater durch und durch, und mit keiner
Aussicht, da _Sie_ sich je eine unabhngige Stellung dabei erringen
knnten, hielt er es fr seine Pflicht, ein Verhltni abzubrechen, das,
wie er frchtete, fr Jettchen nur vergebliche Hoffnungen hatte und
aus dem doch nie etwas Ernstes werden konnte. Gestern Abend nun, oder
vielmehr noch diese Nacht, habe ich mit ihm die Sache berlegt, und wir
sind Beide zu dem Schlu gekommen, da Sie... Hier stak er fest, denn
er wute jetzt nicht recht, wie er dem ihm mit hochgertheten Wangen
gegenber sitzenden jungen Mann die Sache weiter auseinander setzen
sollte.

Und erlauben Sie mir, da ich Henriette wiedersehen darf? sagte
endlich Rebe mit leiser Stimme.

Hurrjeh, deshalb bin ich ja hergekommen, rief Jeremias, der sich
dadurch mit Einem Mal aller Verlegenheit enthoben sah. Jetzt, auf
den Ruck wollen wir hingehen! Ich sage Ihnen, daheim ist es ein wahrer
Jammer die Zeit ber gewesen, so hat sich das arme Ding, das Jettchen,
heimlich gesorgt und abgeqult, und die Mutter ist dabei immer elender
und miserabeler geworden. Heute blht Jettchen wie eine junge Rose und
singt im Hause herum, da es eine Lust ist.

Mein lieber Herr Stelzhammer!

Machen Sie nur rasch, mir brennt's ordentlich unter den Sohlen, rief
Jeremias; wei Gott, es war kein Spa, das Leiden den ganzen Tag mit
anzusehen und nichts dabei thun zu knnen! Der Hamlet hat die ganze
Geschichte wieder auf die Strmpfe gebracht, und wenn Sie jetzt in Gang
bleiben, ist mir auch nicht bange.

       *       *       *       *       *

Es mochte etwa elf Uhr Morgens sein, als der junge Graf Hubert, sein
braves Pferd in Schwei gebadet, in die Stadt zurckkehrte. Er war seit
Tagesanbruch drauen gewesen und sah wild und verstrt aus. Sein Gesicht
glhte dabei und seine Augen waren wie mit Blut unterlaufen.

Den Weg herunter kam in einem scharfen Trab George. Er hatte Hubert's
Pferd erkannt und wollte ihn sprechen.

Um Gottes willen, Hubert, wo bist Du gewesen? rief er den Freund
erschreckt an. Wie siehst Du aus?

Du freilich siehst aus, als ob Du von einer Morgenpromenade kmest,
erwiderte gereizt der junge Graf. Wo ich war? Und das fragst Du auch
noch? Den Flchtigen nach. Beim ewigen Gott, htte ich ihn erreicht,
seine Minuten wren gezhlt gewesen!

Und Du httest Dich selbst unglcklich dadurch gemacht!

Unglcklich? Beim Teufel, glaubst Du, da ich jetzt glcklich bin, wo
die ganze Stadt mit Fingern auf mich deuten wird? Tod und Hlle, ich
mchte rasend werden, wenn ich darber nachdenke!

George seufzte tief auf. Wie gern htte er den Freund getrstet, aber
war er nicht selber jeden Trostes bar? Seine arme, arme Paula!--

Handor hat wie ein Schuft gehandelt! sagte er endlich dster.

Wer? schrie Hubert mit einer vor innerer Bewegung fast unhrbaren
Stimme, indem er den Arm George's krampfhaft ergriff und nur wieder
loslassen mute, weil er sein Pferd zugleich mit den Sporen berhrte und
dieses mit ihm nach vorn sprang. Hubert, berdies schon zum Aeuersten
gereizt, stie ihm die Sporen jetzt fest in die Seiten, und zugleich es
am Zgel zurckreiend, mihandelte er das Thier, da es vor Angst und
Schmerz kaum stehen konnte. Aber er hatte keinen Sinn fr sein Ro,
nur gegen George zu ri er es wieder herum, und mit heiserer Stimme
wiederholte er: Wer, sagtest Du, wer?

Handor, der Schauspieler, erwiderte George; es ist kein Zweifel mehr,
und Gott nur wei es, wie er das Herz des armen Kindes so zu bercken
wute!

Handor? Hahahahahaha, lachte Hubert jetzt wild und grell auf, das ist
zum Todtschieen! Handor, der Komdiant, mit der Comtesse Monford, der
Braut des Grafen Bolten, bei Nacht und Nebel und vom Verlobungsschmaus
weg, so recht zum Hohn entflohen! Und daher Deine Freundschaft mit
diesem Menschen, die ich mir bisher nicht zu erklren wute; daher Deine
heimlichen Zusammenknfte und Berathungen mit ihm!

Hubert, Du weit nicht, was Du sprichst! rief George.

Wei ich's nicht? lachte Hubert in aufkochendem Zorn. Und weil Ihr
mich zum Tlpel gemacht und meine Gutmthigkeit benutzt habt, glaubst
Du, da ich meine Sinne nicht wiederfnde?

Du bist rasend, die Leute werden schon aufmerksam!

Aufmerksam? Hahaha, in der ganzen Stadt wird wahrscheinlich jetzt von
nichts Anderem gesprochen, und mit Fingern werden sie gleich auf uns
zeigen: Da, das ist der Brutigam, dem die Braut davongelaufen, und das
da der Bruder, der sie zusammengekuppelt hat!

Du bist von Sinnen, Hubert! rief George, der Mitleid mit der
Leidenschaft des Freundes fhlte. Reite nach Hause und beruhige Dich
erst, dann wollen wir Alles besprechen; jetzt und in diesem Zustand
kannst Du mich nicht beleidigen. Und damit lenkte er sein Pferd ab und
wollte den Weg hinabreiten.

Kann ich Dich nicht beleidigen, Kuppler? schrie in diesem Augenblick
der fast auer sich Gerathene, indem er sein schon berdies halb wild
gewordenes Thier mit den Sporen in mchtigen Sprngen nach vorn trieb,
da es in wenigen Stzen George's Pferd eingeholt hatte. So nimm das
wenigstens zum Lohn! Und ehe es George verhindern oder den Schlag
pariren konnte, hieb er ihm mit der schweren Reitpeitsche mit voller
Kraft am Kinn herunter ber die Brust.

George zgelte im Nu sein Thier ein. Er war todtenbleich geworden; aber
so bleich und starr sein Antlitz war, so ruhig hielt er sich im Sattel,
und wie Hubert sein springendes Thier nur erst einmal wieder gebndigt,
sagte George mit eisiger Klte:

Gott vergebe Dir Deinen Wahnsinn, ich kann es nicht, das fordert Blut!

Hab' ich Dich endlich warm gemacht? lachte der junge Graf hhnisch,
und seinem Pferd die Zgel lassend, flog er mit ihm in Carrire die
Allee entlang.




25.

Wie das Glck wechselt.


In ihrem freundlichen Boudoir sa Helene, scheinbar mit einer kleinen
Arbeit beschftigt; aber ihre Gedanken waren weit von da, und nicht
einmal der Kinder achtete sie mehr, die neben ihr auf dem Teppich
spielten und aus einem mchtigen Baukasten Schlsser aufzurichten
suchten, um sie nachher von Gnther's Bleisoldaten strmen und der Erde
gleichmachen zu lassen. Und wie sie dann jubelten und lachten, wenn der
stattliche Bau, den sie schon wenigstens noch einmal so hoch als Mamas
Fubank aufgerichtet, polternd in sich zusammenstrzte und Helenchen
dann mit den kleinen Patschchen, vor Freude aufkreischend, dazwischen
herumstrich, damit auch nicht ein Stein auf dem andern blieb!

Man sagt: Kinder zerstren gern; aber es ist nicht wahr. Nur neubilden
wollen sie, nur dem, was sie besitzen, eine andere Form und Gestalt
geben, und da sie dabei leichtsinnig mit dem, was ihnen gegeben,
umgehen und nach der Zerstrung oft nicht wieder im Stande sind, das
Geschehene ungeschehen zu machen -- ist es ihre Schuld, und thun wir
groen, erwachsenen Menschen nicht so oft, oh, so entsetzlich oft im
Leben genau dasselbe?

Und die Mutter sah das Alles nicht, hrte nicht einmal den Jubel
der Lieblinge ber eine vollbrachte diminutive Heldenthat, und leise
tropften dann und wann groe, helle Thrnen von ihren Wangen nieder und
auf die Arbeit, da sie das Tuch zu Hlfe nehmen mute, um nur wieder
klar sehen zu knnen.

Geruschlos war Felix eingetreten; aber kaum hatten ihn die Kinder
bemerkt, als sie aufsprangen und sich jubelnd an seine Kniee hingen; er
konnte sich ihrer kaum erwehren, und die Mutter wischte indessen rasch
und verstohlen die verrtherischen Tropfen weg, da der Gatte sie nicht
sehen sollte.

Helene, sagte Felix und schlang leise seinen Arm um sie, mein liebes,
liebes Frauchen, immer noch die trben, traurigen Gedanken?

Ach, Felix, seufzte die junge Frau, soll ich frhlich sein, wenn ich
an das Schicksal der armen Paula denke?

Es ist unerklrlich, rief Graf Rottack, indem er sie loslie und zum
Fenster trat, rein unerklrlich, wie das scheue, schchterne Wesen
nicht allein zu diesem Entschlusse, nein, zu der Ausfhrung desselben
gelangte; denn htte mir Jemand vorher gesagt, da gerade Paula so
selbststndig, so rcksichtslos selbststndig auftreten knne, ich wrde
ihn fr thricht erklrt haben.

Und ist es besttigt, da sie mit jenem Schauspieler entflohen ist?

Das Gercht in der ganzen Stadt sagt allerdings Ja, und es bleibt uns
beinahe nichts Anderes zu glauben brig, als ihm beizustimmen. Handor
ist gestern Abend, etwa zu der nmlichen Zeit verschwunden, so da ein
junger Anfnger im Theater seine Rolle bernehmen mute, und leider
lautet das, was ich ber jenen Handor heute Morgen in der Stadt hrte,
trostlos genug fr Paula's knftiges Lebensglck.

Arme, arme Paula!

Da sich die Eltern vershnen lieen, daran ist nun vollends
kein Gedanke, fuhr Felix fort, und ich frchte, ich frchte, das
unglckliche junge Mdchen hat einem leichtsinnigen, gewissenlosen
Menschen ihre ganze Zukunft anvertraut!

Und kann denn gar nichts geschehen, um sie zu retten?

Es ist die Frage, sagte Felix ernst, ob ihr Vater unter dem ersten
Eindruck dieser tdtlichen Krnkung auch nur den Versuch dazu machen
wird, und nachher -- ist es zu spt. -- Aber wer ist das? George Monford
-- groer Gott, wie todtenbleich er aussieht!

Es war in der That George, der in diesem Augenblick vor dem Gartenthor
abstieg und sein Pferd am Zgel in die innere Einfriedigung hineinziehen
wollte. Felix sandte augenblicklich einen Diener hinaus, um es ihm
abzunehmen, und wenige Minuten spter betrat der junge Graf das Zimmer,
in dem die beiden Gatten sich befanden.

Beide begrten ihn auf das Herzlichste. George selber war aber so
bewegt, da er anfangs gar nicht im Stande schien, ihre freundlichen
Worte zu erwidern. Endlich sagte er leise:

Was mssen Sie von mir denken, wenn ich schon wieder mit einer Bitte
nahe, die aber dieses Mal freilich keinen heitern Scherz betrifft!

Lieber Graf, sagte Rottack herzlich, Sie wissen, wie willkommen Sie
uns immer waren, aber nie mehr, als gerade jetzt, wenn Sie uns Hoffnung
machen, da wir Ihnen in Ihrem Schmerze beistehen knnen!

George erwiderte kein Wort, aber er prete fest die Hand, die er in der
seinigen hielt. Sie wurden gestrt, denn die Bonne kam herein, um die
Kinder abzuholen, und Helenchen wollte nicht mitgehen, weil Gnther noch
einen kleinen Thurm aufgebaut hatte, den sie vorher umwerfen mute.
Der Vater lie sie gewhren, und inde sie das Zimmer verlieen, hatte
George auch seine volle Ruhe wiedergewonnen. -- Kaum schlo sich die
Thr hinter ihnen, als er leise sagte:

Sie wissen Alles, was gestern vorgefallen, und insofern ist es mir eine
Erleichterung, da ich das Entsetzliche nicht zu wiederholen brauche.
Wohin sich Paula gewandt, ist unbestimmt, nur die Richtung, welche
der Wagen letzte Nacht genommen haben mu, oder wir wrden ihn sicher
berholt haben, macht es wahrscheinlich, da sie nach dem Rhein zu
geflohen. Wer aber soll sie dort in jetziger Zeit, wo Tausende von
Fremden auf und ab schwrmen, verfolgen? Trotzdem hatte ich die Absicht,
die Reise heut Abend anzutreten; es ist aber mglich, da ich daran
verhindert werde, und in diesem Fall mchte ich Sie dringend bitten,
Ihre Bemhungen mit den meinigen zu vereinigen.

Oh, so gern, so gern, rief Helene, wenn wir nur eine Andeutung
bekommen knnen, nach welcher Himmelsgegend das unglckliche Kind
entflohen!

Wohl ist sie ein unglckliches Kind, sagte George ernst, denn ich
frchte, sie gerieth in schlimme Hnde; aber das zu bedenken ist jetzt
zu spt, und nur den Versuch mssen wir noch machen, sie zu retten, ehe
sie ganz verloren geht.

Und was sagen Ihre Eltern?

Von denen ist nichts zu hoffen, seufzte George. Die Mutter ist
unerbittlich, und nur den Vater knnte ich vielleicht noch gewinnen,
wenn nicht ein anderes Hinderni dazwischen trte. Paula war immer
des Vaters Liebling, mit seiner ganzen Seele hing er an der Schwester;
deshalb traf ihn auch gestern die Schreckenskunde mit so furchtbarer
Schrfe, da wir schon das Schlimmste frchteten. Er war ganz auer sich
und phantasirte mit offenen Augen. Heute hat er sich erholt; er scheint
die Nacht ruhig geschlafen zu haben und war heute Morgen, als ich das
Schlo verlie, schon auf und am Fenster. Armer alter Mann, und was
steht ihm vielleicht noch bevor!

Geben Sie die Hoffnung noch nicht auf, rief Helene bewegt, Gott kann
noch Alles zum Besten lenken!

Ja, sagte George leise, aber bis dahin mssen wir thun, was in
unseren Krften steht. Ich wei nicht, woher es kommt, fuhr er nach
einer kurzen Pause fort, aber zu Ihnen, Frau Grfin, und zu Ihrem
Gatten habe ich mich vom ersten Moment hingezogen gefhlt, habe
Vertrauen zu Ihnen gefat, und es war mir wunderbarer Weise immer, als
ob wir uns eigentlich gar nicht so fremd, als ob wir schon lange mit
einander bekannt, befreundet gewesen wren. Das gab mir damals den Muth,
sogleich ohne Weiteres zu Ihnen zu kommen und Sie um Beistand in einer
Sache zu bitten, die jetzt freilich anders geendet hat, als ich damals
dachte. Ihnen, Frau Grfin, empfehle ich jetzt auch meine Paula. Ich
wei, mit welcher Liebe die Schwester, der es genau so ging, an Ihnen
hing, wie oft sie in der kurzen Zeit von Ihnen sprach. Seien Sie ihr
eine Schwester, wenn ich -- vielleicht verhindert werden sollte, das
auszufhren, was ich heute begonnen.

Hier haben Sie meine Hand darauf, sagte Helene, whrend sich ihre
Augen mit Thrnen fllten; wir werden sie wiederfinden, und was treue
Liebe vermag, sie zu trsten, ihr zu helfen, soll gewi geschehen.

Ich danke Ihnen, sagte George gerhrt; ich war davon berzeugt, ehe
ich zu Ihnen kam, und jetzt gehe ich frhlicher an meine Arbeit, da ich
wei, da ich meine arme Paula nicht fremd, nicht hlflos ihrem Geschick
begegnen sehe. Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen.

Aber wollen Sie denn fort von hier?

Wahrscheinlich auf eine kurze Zeit, es ist wenigstens mglich, und
da ich rasch abgerufen werden knnte, wollte ich doch nichts versumt
haben. Ich komme auch eben vom Telegraphenamte, wo ich in jener Richtung
an vier verschiedene Freunde in verschiedenen Orten telegraphirt habe.
Fr den Fall aber, da ich nicht hier sein sollte, gab ich Ihre Adresse
auf; Sie sehen, Frau Grfin, wie fest ich auf Ihre Gte rechnete.

Aber Paula wird doch gewi unmittelbar an ihre Eltern schreiben, sagte
Felix.

Ich glaube es auch, aber ich frchte, meine Mutter nimmt, in der ersten
Zeit wenigstens, keine Briefe von ihr an, und der Vater ist so leidend,
da ich nicht auf ihn rechnen kann.

Groer Gott, seufzte Helene, welches Unheil kann ein einziger
schlechter Mensch ber eine glckliche Familie bringen, und wie
furchtbar schnell fiel der Schlag!

Furchtbar schnell, wiederholte George leise und fast tonlos die Worte,
ganz furchtbar schnell, und wir waren so glcklich, so ahnungslos
glcklich! Aber es hat nicht sein sollen, fuhr er pltzlich mit
fester Stimme und sich wieder hoch aufrichtend fort, und da es einmal
geschehen, mssen wir dem Schicksal trotzig die Stirn bieten.

Sie wollen schon fort?

Ja, ich habe heute Morgen noch viel zu thun.

Sie sind ganz blutig am Kinn, Graf George.

Noch ein Andenken dieser Nacht, sagte George, whrend ihm das Blut in
die Schlfe stieg, ich hatte einen wilden Ritt. So leben Sie wohl, Herr
Graf, leben Sie wohl, Frau Grfin, Gott schtze Sie und lohne Ihnen, was
Sie an meiner Schwester thun!

Er drckte Beiden die Hand, wandte sich rasch ab und verlie das Haus,
um drauen sein Pferd wieder zu besteigen.

       *       *       *       *       *

In der nmlichen Zeit, in welcher George Monford Rottacks besuchte,
schritt Rebe an Jeremias' Seite Pfeffer's Wohnung zu, und wie leicht und
wie glcklich schlug ihm dabei das Herz!

Noch hatte er nicht alle Schwierigkeiten besiegt, das wute er recht
gut, ja, eigentlich war nur der erste Schritt auf seiner Bahn gethan;
aber er war doch gethan, es war ihm doch gestattet worden, in die
Arena einzutreten, und seiner eigenen Kraft anheimgestellt, den Sieg zu
erringen, und mehr verlangte er ja nicht, mehr hatte er nie verlangt.
Was jetzt auch kommen mochte, er konnte doch erproben, ob er wirklich
im Stande sei, eine ehrenvolle Stellung auszufllen, und dann, wenn
das nicht mglich war, mit dem Bewutsein zurcktreten, sein Aeuerstes
versucht zu haben. Gelang es ihm aber, blieb er Sieger, dann war auch
sein heiester Seelenwunsch erfllt, das Ziel seines ganzen Strebens
erreicht, und er sah eine Laufbahn vor sich, deren Lasten und Mhen
selbst nur so viel Gensse fr ihn waren, weil eben seine ganze Seele
daran hing, sein ganzes Streben dem gewidmet war.

Und wie lieb und freundlich wurde er oben im Hause von Allen empfangen!
Wie hold errthend trat ihm Henriette entgegen, und wie ganz verndert
war selbst der sonst immer mrrische und verdrieliche Frchtegott
Pfeffer gegen ihn geworden!

Rebe, sagte er, sowie dieser nur das Zimmer betrat, indem er ihn bei
einem Knopf erwischte, Sie sind ein verfluchter Kerl. Sie haben sich
gestern Abend vortrefflich herausgebissen, und wenn Sie auch wirklich
nicht in Haburg bleiben, was aber doch vielleicht der Fall ist, so
werden Sie Ihr Glck auf jeder Bhne machen.

Herr Pfeffer, Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue...

Ist auch gar nicht nthig, unterbrach ihn Pfeffer, ich wollte Ihnen
auch nur sagen, da es mir leid thut, frher grob gegen Sie gewesen zu
sein; aber Sie drfen es mir auch nicht bel nehmen, denn was fr
ein trauriges Exemplar der menschlichen Gesellschaft ein schlechter
Schauspieler ist, wissen Sie wahrscheinlich besser, als ich es Ihnen
sagen knnte.

Aber, Frchtegott, so la uns auch einmal zu Worte kommen, bat die
Frau, welche heute aber viel wohler schien, als sie bis jetzt gewesen.
Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen und ein liebes,
freundliches Lcheln spielte um ihre Lippen.

Bin schon fertig, brummte Pfeffer; 's ist doch merkwrdig, da Frauen
nie leiden knnen, wenn ein Anderer spricht.

Mein lieber Herr Rebe, sagte Henriettens Mutter, dem jungen Mann die
abgemagerte Hand entgegenstreckend, es hat uns Alle recht herzlich
gefreut, als wir Ihren gestrigen Erfolg gehrt; Gott wird Sie ja weiter
fhren und noch Alles zum Guten lenken.

Meine liebe, verehrte Frau, rief Rebe bewegt, seien Sie versichert,
da ich alles in meinen Krften Stehende thun werde, um weiter zu
kommen, und schon da ich Ihnen dies sagen darf, ist mir ein groer
Trost.

Er stichelt, meinte Pfeffer.

Und Jettchen? sagte Rebe leise, indem er seine Hand gegen sie
ausstreckte.

Ich habe es fest geglaubt, da Sie Ihr Ziel erreichen wrden,
flsterte das junge Mdchen, das wie mit Purpur bergossen da stand,
indem es die dargebotene Hand schchtern nahm.

Na, dann ist die Geschichte ja abgemacht, rief Pfeffer, und viel
besser, als ich gedacht habe, denn ich hatte mich schon wieder vor einer
Ueberschwemmung gefrchtet. Aber wo willst Du denn hin, Jeremias?

Bin gleich wieder da, warte nur einen Augenblick, rief der kleine
Mann. Er hatte bis jetzt an der Thr gestanden und ein paar Mal
hinausgehorcht. Jetzt kam Jemand die Treppe herauf, und wenige Minuten
spter kehrte Jettchen's Vater mit einer Flasche Champagner unter jedem
Arm zurck, die er unbedingt unterwegs bestellt haben mute.

So, rief er, und nun trinken wir vor allen Dingen erst einmal die
Gesundheit des neuen Liebhabers -- und Guste auch mit.

Aber darf ich Wein trinken?

Du? Erst recht, da Du wieder zu Krften kommst, rief Pfeffer. Der
Rebe scheint berhaupt auch, wie er bis jetzt ein heimlicher erster
Liebhaber war, ein heimlicher erster Doctor zu sein, denn die Geschichte
von gestern Abend hat Dich mehr auf den Strumpf gebracht, als bisher
alle Medicinflaschen. Apropos, Rebe, haben Sie den Director schon
gesprochen?

Ich erhielt vor einer halben Stunde etwa einen Brief von ihm, worin er
mich bittet, um zwlf Uhr auf das Bureau zu kommen.

Bittet -- so? Haben Sie ihn bei sich.

Hier ist er.

Lassen Sie einmal sehen. Mein lieber Herr Rebe! Wie der Lump
freundlich sein kann, wenn's ihm auf den Ngeln brennt. Sie wrden
mich sehr verbinden, wenn Sie mich um zwlf Uhr heute Morgen auf meinem
Bureau besuchen wollten. Ich habe Ihnen eine erfreuliche Mittheilung
zu machen. Glaub' ich ihm, dem Cujon! Ihr ganz ergebenster Krger,
Director. 'sist unglaublich, rief Pfeffer, mit der Hand in den Brief
schlagend, und wie schreibt er sonst!

Aber, Onkel, sagte Jettchen, Herr Rebe ist ja doch nicht mehr bei ihm
engagirt!

Ach was da, er htte 'mal gestern nicht sollen den Hamlet spielen und
heute Morgen Herrn Director Krger um eine Unterredung gebeten haben,
mchte sehen, wie der Brief gelautet haben wrde! Aber wie viel Uhr
ist's jetzt?

Halb Zwlf.

Also nun erst anstoen auf das Wohl unseres ersten jugendlichen
Liebhabers, rief Jeremias und lie in dem nmlichen Augenblick einen
Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thr ausgestoen wurde.

Oh, mein Gott, haben Sie mich erschreckt! sthnte Frulein Bassini,
die auf der Schwelle stand.

Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt, rief Pfeffer lachend;
na, her, Alte -- noch ein Glas, Jettchen!

Alte? Frchtegott, ich verbitte mir Deine Grobheiten! Aber, mein lieber
Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend...

Die Geschichte ist lange abgemacht, rief Pfeffer, ihren Arm fassend
und sie auf einen Stuhl ziehend.

Aber ich darf doch...

Champagner trinken, gewi; da sto mit Horatius an, denn er mu fort,
um ein neues Engagement abzuschlieen.

Also wirklich? rief Frulein Bassini entzckt. Oh, da gratulire ich
von ganzem Herzen!

Und Rebe soll leben, vivat hoch! rief Pfeffer.

Pfeffer war berhaupt in einer beraus aufgeregten Stimmung, litt aber
trotzdem nicht, da Rebe ber eine Minute seiner Zeit blieb, damit er
den Director nicht warten lie. Das schickte sich nicht fr einen jungen
Knstler, wie er meinte. Er mute aber versprechen, ihnen gleich nachher
das Resultat mitzutheilen, und dann drckte er ihm selber den Hut auf
den Kopf und schob ihn zur Thr hinaus.

Rebe fand den Director in seinem Bureau mit auf den Rcken gelegten
Hnden auf und ab gehen.

Mein lieber Herr Rebe, rief er und streckte ihm die Hand entgegen, es
freut mich ausnehmend, da Sie meinem Wunsche so pnktlich nachkommen;
eben schlgt es Zwlf.

Herr Director, Sie werden mir das Zeugni geben, da ich nie sumig
gewesen bin.

Nie, gewi nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer musterhaft auf
Ordnung; aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?

Rebe setzte sich und merkte dem Director an, da er sich in irgend einer
Verlegenheit befand. Er schien wirklich nicht recht zu wissen, wie er
beginnen sollte, und rckte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.

Nun, wie haben Sie diese Nacht geschlafen? begann er endlich.
Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schlft sich's
vorzglich, setzte er lchelnd hinzu, und ich mu Ihnen gestehen, da
Sie die gestern reichlich und verdient geerntet haben.

Sie sind so gtig.

Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theaterdirector kann das
auch nicht. Uebrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir
Herr Handor gespielt?

Ich mu Ihnen gestehen, da ich seine Flucht nicht begreife.

Es ist die bodenloseste Undankbarkeit, die mir je im Leben vorgekommen;
sie ist eigentlich undenkbar, classisch groartig, und er hat mich
dadurch in die furchtbarste Verlegenheit gesetzt.

Rebe schwieg. Er war fest entschlossen, sich nicht anzutragen, und
Director Krger durch den Ausruf in eine Sackgasse gerathen.

Ja, furchtbarste Verlegenheit, fuhr er nach einer etwas zu langen
Kunstpause fort, aus der Sie uns allerdings fr gestern Abend durch Ihr
khnes Einspringen gerissen. Aber was jetzt weiter? Haben Sie sich schon
wieder engagirt, Herr Rebe?

Rebe lchelte. Sie wissen wohl, Herr Director, da die Zeit dazu doch
etwas zu kurz gewesen wre.

Hm, ja, und -- und htten Sie Lust, an unserer Bhne noch ein paar
Versuche zu machen?

Mein Engagement ist mit dem heutigen Tage abgelaufen. Sie meinen auf
Gastrollen?

Hm, ja, und -- wenn auch-- Der Director rckte wieder herum. Er hatte
jedenfalls etwas, und Rebe konnte sich nicht denken, was es sein mchte.
Hren Sie, Herr Rebe, platzte er endlich heraus; es kann nichts
helfen, ich mu aufrichtig mit Ihnen reden, denn das Drumherumgehen ist
meine Sache nicht; ich bring's nicht fertig.

Und ist das bei mir nthig, Herr Director?

Ich will Ihnen etwas sagen, fuhr Krger entschlossen fort. Sie
wissen, da Sie gestern dem Publikum ausnehmend gefallen haben; es hat
Ihnen davon jeden Beweis gegeben. Auch der Erbprinz war entzckt von
Ihrem Spiel. Das will aber Alles noch nichts sagen, denn allen Respect
vor Seiner Kniglichen Hoheit, aber ein Urtheil in solchen Dingen haben
die Herren sehr selten. Die Hauptsache jedoch bleibt die, Sie haben
_mir_ gefallen, Herr Rebe, Sie haben mich hingerissen, die Thrnen sind
mir altem Esel in die Augen gekommen, was mir, so lange ich fast denken
kann, nicht passirt ist, und gestern Abend, ja noch heute Morgen bis
etwa vor einer Stunde, war ich fest entschlossen, Sie unter jeder nur
einigermaen annehmbaren Bedingung an unsere Bhne zu fesseln.

Und jetzt? sagte Rebe erwartungsvoll.

Da bekam ich, fuhr der Director fort, vor etwa einer halben Stunde
den Wisch da. Und er zeigte auf einen neben Rebe auf dem Tisch
liegenden Brief. Lesen Sie.

Rebe nahm den Brief und las ihn laut:

Mein lieber Herr Director! Ich mchte keine Zeit versumen, Sie
wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern
Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, da er
eine so groe Rolle so rasch bernehmen konnte, war artig genug, ihn fr
die Geflligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu
bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque fr
Handor besorgt, die aus miverstandenem Diensteifer das auf seinen
augenblicklichen Nachfolger bertrug, und fr den Abend war das gut.
Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglcklichen
Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die
Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen
erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, da Sie ihn los sind,
denn Sie drfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm
ein Subject wie diesen jungen Anfnger fr einen Knstler einzuschieben.
Aber meine Furcht ist gewi grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben
so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse fr unser Institut
konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.

  Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
  Feodor Strohwisch.

Nun, was sagen Sie dazu? fragte der Director.

Weiter nichts, lchelte Rebe, als da dieser selbe Herr Strohwisch
heute Morgen in aller Frhe bei mir war, mir zu meinem gestern
entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein miges Honorar jede
Untersttzung versprach.

Aber das ist doch nicht mglich! Sie sagten es ihm doch zu?

Ich gab ihm zu verstehen, sagte Rebe, whrend ihm das Blut in die
Schlfe stieg, da ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die
Treppe hinunterwerfen wrde!

Da haben wir's! rief der Director aus, indem er wie besessen von
seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. Unglckliches
Menschenkind, wissen Sie denn nicht, da Sie der Recensent -- mit
Respect zu melden -- da wir doch unter uns sind -- hier todt machen kann
und auch wirktodt macht?

Durch sein Schimpfen? sagte Rebe. Mein lieber Herr Director, wenn ich
mir dadurch meinen Platz am Theater wahren knnte, da ich einen dieser
erbrmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann wrde ich
noch heute der Bhne, an der ich mit ganzer Seele hnge, den Rcken
kehren.

Aber ndern Sie einmal die Welt, rief der Director; das Publikum
glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.

Und wer schreibt denn berhaupt all' diese Recensionen? fuhr Rebe
fort. Gehen Sie all' unsere Kritiker durch, und unter den Tausenden,
die davon leben, haben Sie kaum fnfzehn oder zwanzig ehrenwerthe und
tchtige Mnner, die auch wirklich selber etwas schaffen knnen. Die
Anderen sind lauter heruntergekommene oder noch nie oben gewesene
Literaten, die, nicht im Stande, etwas Selbststndiges zu arbeiten, sich
nun auf's hohe Pferd setzen und an uns armen Schauspielern, wenn wir
ihnen nicht das Blutgeld zahlen, oder an anderen Schriftstellern ihr
Gift und ihre Galle auslassen!

Aber was hilft Ihnen das? Es ist einmal so, und gegen den Strom kann
kein Mensch schwimmen.

Oh doch, Herr Director, lchelte Rebe; es geht allerdings etwas
langsamer, aber es geht.

Fangen Sie mit dem an, rief Krger, der scheut sich vor keiner
schmutzigen Arbeit!

Das glaube ich Ihnen, das thun alle diese Herren nicht; aber ich
bezweifle doch, da er das Publikum so in seiner Gewalt hat, um ber
einzelne Individuen nach Belieben zu disponiren.

Passen Sie auf, rief Krger, ich gebe Ihnen mein Wort, wenn er Sie in
seiner nchsten Nummer richtig herunter macht -- und das thut er jetzt,
darauf knnen Sie Gift nehmen, -- dann rhrt sich am nchsten Abend
keine Hand, und was das Schlimmste ist, die Leute gehen vielleicht noch
ein- oder zweimal aus Neugierde in's Theater, wenn Sie spielen, aber
nachher bleiben sie aus wie Rhrwasser.

Ich mu es abwarten.

Bedenken Sie doch nur, fuhr Krger fort, einem bsen Hunde giebt man
zwei Knochen. Was haben Sie denn davon, wenn Sie Tag um Tag im Blatt
heruntergerissen werden?

Aber wie kann ich's hindern?

Gleichen Sie's aus, rief Krger rasch, Strohwisch ist kein Unmensch;
mit Geld ist Alles zu machen, und hier -- Apropos, lieber Rebe, eh'
ich's vergesse, hier habe ich auch Ihr Spielhonorar fr gestern Abend.

Herr Director...

Bitte mir's aus, das stand nicht in Ihrem Contract, und wenn mir Jemand
gestern Abend das Messer auf die Brust gesetzt htte, wrde ich mit
Wonne das Vierfache bezahlt haben. Das drfen Sie auch nehmen, Sie haben
sich's ehrlich und redlich verdient, und mein Dank fr Sie bleibt dabei
immer noch derselbe.

Dabei legte er ihm fnf Friedrichsd'or auf den Tisch, und Rebe's
Ehrgefhl strubte sich erst, so nothwendig er das Geld auch brauchte,
dagegen, es anzunehmen, weil er gestern eben noch im Engagement
gestanden. Allerdings war es ein auerordentlicher Fall gewesen, und
Krger, der, wenn er wollte, ganz liebenswrdig sein konnte -- er wollte
nur selten, -- bewies ihm mit einer solchen Herzlichkeit, da er ihn
selber beleidigen wrde, wenn er etwas verweigerte, was eine reine und
einfache Schuldsache der Direction sei, da er es endlich nicht lnger
ausschlagen konnte.

Und -- nun, sagte Krger, wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie
ohne Weiteres zu Strohwisch, Umstnde brauchen Sie mit ihm nicht zu
machen, und drcken ihm zwei davon in die Hand. Sie sollen dann einmal
sehen, was fr eine Recension morgen erscheint!

Da schenkt' ich sie lieber dem ersten armen Menschen, der mir begegnet,
Herr Director, sagte Rebe. Ich bin fest entschlossen, mir meinen Weg
zu erkmpfen; nur so kann ich mir selber gengen und Freude an der Sache
behalten. Im andern Falle mte ich mich vor mir selber schmen.

Das ist sehr schn und ehrenwerth von Ihnen, sagte der Director
trocken, wird Ihnen aber hier den Hals brechen; Sie sollen sehen.

Und wollen Sie es trotzdem versuchen?

Ich will Ihnen etwas sagen, Rebe, erwiderte der Director nach einer
kurzen Pause. Es ist wohl nicht nthig, ein Wort ber die Vergangenheit
zu verlieren -- das ist abgemacht, und ich gestehe ein, da wir Sie
verkannt haben. Sie besitzen in der That ein schnes Talent, und ich mu
aufrichtig sagen, da ich selber neugierig wre, dessen Entwickelung zu
beobachten. Nach dem gestrigen Abend wrde ich Ihnen auch augenblicklich
einen neuen jhrigen Contract mit ganz annehmbaren Bedingungen angeboten
haben, wenn Sie sich nicht mit diesem Strohwisch verfeindet htten.
Glauben Sie nicht etwa, fuhr er rasch fort, als er sah, Rebe wolle
etwas darauf erwidern, da ich selber nur _so viel_ fr das Urtheil
jenes Menschen gebe. Er versteht vom Theater so viel wie eine Kuh, aber
das Publikum liest trotzdem jeden Morgen sein Blatt, und ich wei aus
Erfahrung, welchen Einflu es, so absurd das klingen mag, ausbt. Aber
ich will Ihnen einen Vorschlag machen; es mu Ihnen selber daran liegen,
Ihr Talent auch noch in anderen Rollen zu erproben. Ich engagire Sie
deshalb fr einen Monat -- nennen Sie das Gastrollen, wenn Sie wollen --
gebe Ihnen zweihundert Gulden fr die Zeit und auerdem das Versprechen,
Sie wenigstens in acht groen Rollen zu beschftigen. Sind Sie das
zufrieden?

Sie begegnen meinem innigsten Wunsche, sagte Rebe erfreut, denn
gerade um das hatte ich Sie bitten wollen.

Desto besser, die Sache wre also abgemacht. Wenn Sie denn Courage
haben, so beien Sie sich in der Zeit mit Strohwisch herum, und
behaupten Sie das Feld, was ich aber, ehrlich gesagt, bezweifle, so
sprechen wir weiter mit einander; behaupten Sie es nicht, nun, so haben
Sie in der Zeit wenigstens Ihre Krfte geprft und ich selber Zeit
gewonnen, mich nach einem andern ersten Liebhaber umzusehen. Ich glaube,
das ist ein ehrlicher Handel.

Fr den ich Ihnen von Herzen dankbar bin, rief Rebe, in die gebotene
Hand einschlagend; nur Eine Bedingung habe ich noch zu stellen.

Und die wre?

Da Sie den Contract von gestern datiren und die fnf Friedrichsd'or
als Abschlagszahlung betrachten.

Sie sind ein komischer Kauz, lachte der Director, und ich mu
Ihnen gestehen, etwas Aehnliches ist mir in meiner Praxis noch nicht
vorgekommen. Meier ging gestern Abend gar nicht eher weg, bis er seine
versprochenen zehn Thaler hatte.

Also es bleibt dabei?

Darber sprechen wir noch. Jetzt mu ich nach Hause, und heute Abend
kommen Sie um acht Uhr, wenn Sie knnen, einmal in meine Wohnung, da
wir mit Sulzer das Repertoire bereden. Also auf Wiedersehen, Rebe, und
-- halten Sie sich tapfer!




26.

Der reiche Mann.


Die Welt! Wie wunderbar verschieden der Begriff sich stellt. Fr den
Einen ist es das weite, unermessene Universum mit seinen kreisenden
Sonnensystemen, fr den Andern das enge Haus, der kleine, beschrnkte
Raum am eigenen Herd.

Auch unsere Erde nennen wir die Welt, und in wie viel tausend Welten
zerspaltet sich ein einzig Stdtchen drin, eine jede abgesondert fr
sich mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Leidenschaften, ihrem Ringen
und Streben.

Wen von uns Allen ist nicht schon einmal ein solch' Gefhl berkommen,
wenn er Abends in spter Stunde durch eine Strae wanderte und
die verschiedenen, nur durch dnne Mauern getrennten erleuchteten
Familienwohnungen sah! Hier Licht und Glanz und laute Frhlichkeit;
dort, dicht daneben, nur durch einen dunkeln Strich geschieden, Jammer
und Elend und bleicher Sorge nagende Pein; hier Einigkeit und Liebe
in drftiger Dachkammer, und dicht darunter, da Eins die Schritte des
Andern hrt, Ha und Zwietracht.

So bildet jedes Haus, jede fr sich abgeschlossene Wohnung in der That
eine eigene kleine, abgeschlossene Welt fr sich selber. Da drinnen wird
geboren, gelebt, gestorben, ohne da der Nachbar mehr davon erfhrt,
als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel
niederfunkeln; und whrend wir heute ein Fest feiern und die Glser
lustig zusammenklingen, drckt nebenan ein armes Weib dem Gatten die
mden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.

Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen
hoch empor zu Glck und Freude hebend, whrend es zu gleicher Zeit
vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch
wechselt das; wie sehnen wir thricht oft den nchsten Tag, die nchste
Stunde herbei, anstatt uns der gegenwrtigen zu freuen, und wissen doch
nie, was in dem Schooe der herbeigesehnten fr uns verborgen liegt;
Dank dem Himmel, da wir es nicht wissen!

Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, da man in
Haburg die Monford'sche Familie, ber welche alle Gaben des Glcks
verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und
Leid waren in die prachtvollen Gemcher eingezogen, und doch hatte das
Unglck erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.

Still und geruschlos glitten heute die sonst so bermthigen Diener
durch die leeren Rume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und
wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit
frhlichem Zuruf, sondern in leisem Flstern.

Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand
gesttzt, sa der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte
sich von seinem gestrigen Anfall vollstndig erholt, und der
Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der grflichen
Equipage zurck in die Stadt gefahren. Was sollte er auch lnger hier
thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.

Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, da der
Maulwurfsfnger durch den Frster beim Wildern ertappt und in's Bein
geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die
Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was
kmmerten den alten Herrn diese gleichgltigen Menschen, er hatte andere
Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.

Da der Frster brigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette
lag, lie man ihn jetzt gewhren, um den Termin etwas spter anzusetzen
und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d.h. ob
er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings,
da der Getroffene den Schu nicht von vorn, sondern seitwrts und sogar
mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfnger
auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus
des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer
untersuchte, stellte sich heraus, da der Knochen des Oberschenkels
zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber,
da an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei
konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle
verhren, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von
den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie muten eben ruhig
liegen bleiben.

Die Grfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute
Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder
auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war fr ihn
das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war
noch nicht zurckgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.

Es schlug gerade Zwlf auf der Schlouhr, als er in den Hof einritt. Er
stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber
erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.

Um Gott, George, wie siehst Du aus? rief sie ihm entgegen, Du bist
krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.

Es ist nichts, liebe Mutter, wie geht es dem Vater?

Besser, er ist auf. Der Ober-Medicinalrath meint, es sei nur eine
Ohnmacht gewesen und habe nichts zu sagen. Aber Du mut Dich schonen.
Die Aufregung dieser Nacht hat Dich furchtbar angegriffen und Du bist
wohl auch ohne Speise und Trank geblieben. Sie klingelte, und als der
Diener das Zimmer betrat, rief sie ihm zu: Das Frhstck fr meinen
Sohn; bringen Sie es herein.

Ich danke Dir, Mutter, ich fhle weder Hunger noch Durst.

Aber Du mut etwas genieen, da Du mir nicht auch am Ende krank wirst.
Wir haben Elend genug im Hause, das wei Gott, sagte sie mit dsterer
Stimme.

Wieder schwiegen Beide, und der Diener kam jetzt herein und brachte
einige Speisen, zu denen er eine Caraffe mit Portwein auf den Tisch
stellte.

George schenkte sich ein Glas Wein ein, das er leerte, und a ein paar
Bissen; dann schob er den Teller zurck. Er war aufgestanden und ging
ein paar Mal im Zimmer auf und ab.

Mutter, sagte er endlich leise, indem er vor ihr stehen blieb, Paula
wird sicher in diesen Tagen an Dich schreiben.

Nenne mir den Namen nicht mehr, rief die Grfin heftig, indem ihr
Blick selbst finster und drohend wurde, ich will ihn nicht wieder
hren.

Es ist der Name Deiner Tochter, Mutter, -- Deines Kindes.

Ich habe keine Tochter mehr, sagte die Grfin, indem sie sich
gewaltsam emporrichtete. Nie hat eine Tochter ihre Eltern tdtlicher
beleidigt, nie gewaltsamer die Bande zerrissen, die sie an sie banden.
Es ist geschehen, aber deshalb kein Rcktritt auch mehr mglich. Ich
kenne sie nicht mehr.

Das ist nicht mglich, Mutter, rief George bewegt, so unnatrlich
kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und
unschuldsvoll, und da die Zunge eines schlauen, bbischen Verfhrers
sich in ihr Ohr zu stehlen wute, oh, bedenke, da es sie schon
unglcklich gemacht, la sie nicht auch damit die letzte Sttze
verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer
Eltern!

Der ward ihr im reichsten Ma zu Theil, entgegnete mit
zusammengezogenen Brauen die Frau. Kein Kind ist mehr geliebt und auf
Hnden getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschpf. La sie
jetzt ernten, wo sie geset; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch
mehr.

Aber der Vater wird sie nicht verstoen, rief George heftig, er kann
es nicht, sie war von je sein Liebling! Er wandte sich, als ob er zu
ihm eilen und seine Hlfe anflehen wolle.

Wenn Du ihn tdten willst, rief die Mutter heftig, dann gehe jetzt
zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner
Schwche erholt und der Arzt streng befohlen, da Alles ihm ferngehalten
werden msse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen
Verlust mahnen knne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!

Groer Gott, sthnte George, was fr Hlfe kann die Unglckliche
von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr
verschlieen?

Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen, sagte die Mutter
kalt, fremde Menschen mgen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier
muthwillig von sich gestoen; sie hat keine Eltern mehr.

Arme Paula! seufzte George. Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist
Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reien, dann
gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und
kommt ein Brief von Paula -- sie wird und mu ja schreiben, -- so sende
ihn an Rottacks, die mir zugesagt...

Bist Du wahnsinnig? rief die Mutter, ordentlich erschreckt
emporfahrend. An Rottacks? Und was haben _die_ mit unserem Hause zu
thun?

Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,
sagte George bewegt; bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost
und vielleicht auch wieder den Weg zurck zum Herzen der Eltern finden.
Willst Du mir das versprechen, Mutter?

Du bist von Sinnen! sagte die stolze Frau finster. Soll ich selber
Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht,
George. Aber, fuhr sie pltzlich aufmerksam werdend fort, was sollen
all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade,
als ob Du Vorbereitungen zu einer greren Reise trfest.

Es ist mglich, da ich in diesen Tagen auf einige Zeit fortgehe,
sagte George leise; ich wei es noch nicht, ich mu erst mit dem Vater
darber sprechen.

Und willst Du uns nicht nach Italien begleiten?

Vielleicht -- vielleicht komme ich nach.

Du bist so sonderbar, George. Was hast Du?

Nichts, liebe Mutter; der Kopf thut mir weh vom vielen Denken und
Grbeln.

Die Grfin nickte leise vor sich hin, sie kannte das Gefhl selber.
Wohin willst Du jetzt?

Zum Vater hinber.

Rege ihn nicht auf; ich wollte lieber, Du miedest ihn fr ein paar
Tage.

Er wrde unruhiger werden, sagte George, wenn er mich nicht wie
gewhnlich she.

Du willst mit ihm ber -- die Entflohene sprechen?

Nein, Mama, frchte das nicht. Ich mu es Gott anheimgeben, da er Eure
Herzen wieder dem Kinde zuwendet; ich fhle, da meine Stimme zu schwach
dafr ist. Lebe wohl, Mutter!

Er nahm ihre Hand, sah ihr einen Moment ernst und traurig in die Augen,
schlo sie dann in die Arme und kte ihre Wange.

Die Grfin erwiderte die Umarmung nicht, sie duldete sie nur, sagte auch
kein Wort, und George verlie rasch das Zimmer.

Den Vater fand er noch immer in der nmlichen Stellung, wie er schon
Stunden lang gesessen. Erst als George sein Zimmer betrat, wandte er
zuerst rasch und wie erschreckt das Antlitz der Thr zu, stand dann auf
und sagte leise: Ah, Du bist es, George!

Ja, lieber Vater. Ist Dir jetzt besser?

Gewi, gewi. Wo ist Deine Mutter?

In ihrem Zimmer drben.

Ich werde zu ihr hinbergehen; es ist so einsam hier.

Recht einsam, Vater.

Der alte Graf sah ihn rasch und streng an, strich sich aber dann mit der
Hand ber die Stirn und sagte: Es ist gut so, ich habe es gern, ich bin
gern allein. Aber wo hast Du denn den ganzen Morgen gesteckt?

Ich war in der Stadt, Vater; ich wollte...

Ich brauche nicht zu wissen, was Du wolltest.

Mein lieber, lieber Vater! Er hatte des Vaters Hand ergriffen und
hielt sie fest in der seinigen.

Der alte Graf sah ihn an; dann legte er ihm die andere Hand auf den Kopf
und sagte leise: Ich will zu Deiner Mutter gehen; la mich jetzt los,
George.

Lebe wohl, Vater!

Gehst Du wieder fort?

Ja, ich habe versprochen um vier Uhr in der Stadt zu sein.

Gut, gut, aber bleibe nicht zu lange.

George kte die Hand, die er in der seinigen hielt. Der alte Graf aber,
als ob er frchte, da der Sohn noch von etwas Anderem sprechen werde,
machte sich los, winkte ihm mit der Hand und verlie dann rasch das
Zimmer.

Eine Viertelstunde spter ritt George wieder langsam zum Thor hinaus.
Der Himmel hatte sich umzogen, der Wind heulte das Thal hinauf und ein
feiner Regen begann zu fallen. Er fhlte es nicht. Drauen vor dem Thor
hielt er sein Thier noch einmal an und wandte den Blick zurck auf das
Schlo.

Lebt wohl! sagte er leise und bewegt. Gott beschtze Euch! Und das
Pferd wieder herumwerfend, trabte er rasch auf der Strae hinab, die
nach Haburg fhrte.

Ueber die bewaldeten Berge zogen die Wolken in wilder Hast; von dort
herber leuchtete auch schon fahler Blitze Schein und der Wind ri an
den alten Bumen, als ob er ihre Kraft und Zhigkeit erproben wolle.

Es war eine sehr lange Zeit in Haburg schnes und trockenes Wetter
gewesen. Jetzt schien es, als ob sich die Elemente dafr entschdigen
wollten, um mit verstrkter Wuth ihren Reigen aufzufhren. Ein zndender
Blitz, als wenn sich das Firmament ffnete, und hinterdrein ein
Donnerschlag, der die Erde erbeben machte, und alle Schleusen des
Himmels ffneten sich.

       *       *       *       *       *

Drin im Walde, am obern Ende des Parkes, mit dem Blick nach dem freien
Feld, lag das Huschen des alten Grtners Jonas, von ihm allein, seiner
elfjhrigen Enkelin, die er zu sich genommen, weil ihre Eltern sie nicht
ernhren konnten, und einer alten Verwandten bewohnt. Das Haus aber, zu
einer Grtnerwohnung eingerichtet, hatte mehr Rumlichkeiten, als der
alte Mann benutzen konnte, und der kleine Erker, der sich aber im Winter
nicht gut heizen lie, stand deshalb vollkommen leer.

Hierher hatte man den armen Verwundeten gebracht, und vom Schlosse
selber war schon heute Morgen, nachdem man ihn gestern Abend nur
nothdrftig auf Laub und eine wollene Decke gelegt, ein ordentliches
und weiches Bett heruntergeschafft, damit ihm wenigstens diese
Bequemlichkeit nicht fehle.

Der junge Famulus, Rebe's Freund, Frank Hesse, stand neben seinem Lager.
Er hatte eben die furchtbare Wunde untersucht und verbunden und der
Kranke kaum den Schmerz berwunden, den er dabei gefhlt, wenn er auch
keinen Klagelaut ausstie, sondern die Qual wie ein Mann ertrug.

Nun, Herr Doctor, sagte er endlich, als sich seine Nerven wieder ein
wenig beruhigt und er die Lippen von einander bringen konnte, glauben
Sie, da ich's noch lange mache?

Lieber Freund, lautete die ermuthigende Antwort, gebt Euch keinen
solch' traurigen Gedanken hin; es ist ja nur ein Schu in's Bein, der
kann bald wieder heilen.

Aber der Knochen ist gebrochen, sagte der Maulwurfsfnger; ich
fhl's, morsch entzwei, und ob der sich wieder zusammenleimen lt, der
Teufel wei es.

Der Knochen ist allerdings gebrochen, sagte der junge Arzt, aber
darum doch nicht alle Hoffnung verloren. Der Schu mu auerordentlich
nahe abgefeuert sein.

Viel Zeit hatte er allerdings nicht, brummte der Maulwurfsfnger,
bitter vor sich hinlachend, denn ich war eigentlich schon in den
Bschen drin; es knnen vielleicht eine acht oder zehn Schritt
gewesen sein, vielleicht nicht so viel. Die Schrote haben hllisch
zusammengehalten, nicht wahr?

Es ist beinahe wie ein Kugelschu, besttigte der Arzt. Habt Ihr denn
noch Schmerzen?

Nicht mehr, als um einen gewhnlichen Menschen verrckt zu machen,
sagte der arme Teufel; ich kann aber einen Puff vertragen. Wie lange
leb' ich noch, Doctor?

Unsinn, schwatzt nicht solches Zeug! Ihr werdet noch manchem Maulwurf
gefhrlich werden.

Glaub's kaum, brummte der Alte, so viel versteh' ich auch von der
Geschichte. Schienen kann man den alten Knochen da oben nicht mehr,
abnehmen auch nicht, also fri, Vogel, oder stirb. Wir mssen's
abwarten, wie Schrader in der Gosse. Ich will auch gar nicht wissen,
wie lang's noch dauern knnte, wenn sich der Schu ausheilen sollte, ich
meine nur, wenn -- der Brand dazu km', wie viel Zeit ich dann noch etwa
zum Leben htte.

Darber sprechen wir spter, sagte Frank, dem besonders daran lag, da
sich der Verwundete keinen trben Gedanken hingeben und dadurch seine
Lage verschlimmern sollte. Jetzt seid guten Muths, Freund, es geschieht
hier Alles, was fr Euch geschehen kann, und bis Ihr transportirt werden
knnt, mt Ihr nun schon hier aushalten.

Transportirt? Ja, brummte der Verwundete, ich wei schon, auf dem
alten, verdammten schwarzen Leichenkasten -- thut mir nachher kein
Finger und kein Bein mehr weh.

Vor der Hand noch nicht, lachte Frank. Uebrigens htet Euch vor
spiritusen Getrnken -- keinen Branntwein, keinen Wein und kein Bier;
den Kaffee hier knnt Ihr trinken, der regt nicht auf.

Nein, das wei Gott, sagte der Maulwurfsfnger, hchstens die Galle,
da man ein solches Splwasser Kaffee nennt; also auf Wasser und Brod
gesetzt?

Nur fr kurze Zeit; sobald das Wundfieber vorber ist, drft Ihr wieder
krftige Nahrung zu Euch nehmen.

Aber das ist vorber.

Doch nicht ganz; heute Morgen habt Ihr noch eine Menge tolles Zeug
geschwatzt.

Bah, das thu' ich immer, sagte der Alte; aber meinetwegen -- nur
Einen Wunsch htt' ich.

Und der ist?

Den Frster mcht' ich gern einmal anschau'n, wie dem sein Gesicht
heut' Morgen aussieht, lachte der Verwundete ingrimmig in sich hinein.
Ruhig, Spitz, fuhr er aber gleich darauf, den Hund beschwichtigend,
fort, als dieser pltzlich zu knurren anfing. Ob der nur den Titel
des Schuftes hren kann, ohne sich selber zu giften! Ruhig, mein Hund,
unsere Zeit kommt doch vielleicht noch einmal!

Er fiel matt und erschpft auf sein Lager zurck, denn das viele
Sprechen hatte ihn angestrengt, und der junge Arzt suchte jetzt dem
kleinen Mdchen -- denn mit dem alten, tauben Jonas war nichts zu reden
-- begreiflich zu machen, in welcher Art sie den Kranken zu behandeln
habe. Das Kind frchtete sich aber vor dem alten, ungeselligen Burschen,
der, wenn er allein war, immer vor sich hin lachte oder fluchte; ebenso
auch vor dem kleinen, bissigen Hund, der sie immer anknurrte, wenn sie
zum Lager wollte, und Frank beschlo deshalb, selber hinber in das Dorf
zu gehen, um eine erfahrene Wrterin zu engagiren. Der Zustand der Wunde
war allerdings bedenklich und es durfte in der Behandlung derselben
nichts versumt werden.

Das Gewitter hatte nachgelassen, der Wind sich aber von Sdwest nach
Nordwest herumgedreht, und ein feiner, kalter Regen peitschte auf die
Erde nieder. Wie der Abend endlich dmmerte, war es recht kalt und
unfreundlich geworden, ja, so rauh, da die Grfin dem einen Diener
befahl, in ihrem Kamin ein kleines Feuer anzuznden. Es frstelte sie,
und der Raum kam ihr heute berdies so de vor.

Es war vllig Nacht geworden und der Haushofmeister, von einem
Diener begleitet, der zwei groe silberne und prachtvoll gearbeitete
Armleuchter auf den Tisch stellte, hatte die schwerseidenen Gardinen
vorgezogen.

Am Kamin, den Blick stier und nachdenkend auf die glhenden Kohlen
darin geheftet, sa die Grfin, neben ihr am Tisch, mit einem Haufen von
Zeitungen und Bchern vor sich, der Graf. Aber kein Wort wurde zwischen
ihnen gewechselt, keine Frage gestellt, und der alte Herr hielt eben
eine groe, bunt und elegant gedruckte Karte zwischen den Fingern, die
Einladung zu dem heutigen Ball in Haburg. Nur sein Blick haftete darauf
und seine Lippen zogen sich zu einem bittern Lcheln zusammen.

Wo nur George heute bleibt? sagte die Grfin endlich, aber mehr zu
sich selber, als zu ihrem Gemahl sprechend, leise vor sich hin. Er
wei, wie allein wir hier sind.

Die Thr ging auf und sie wandte rasch den Kopf; aber es war nur der
Haushofmeister, der die Theemaschine mit den Tassen hereinbringen lie.

Drauen heulte der Nordwest und fegte die Terrasse rein; die
dichtbelaubten Bume rauschten und schttelten schon hier und da einige
vergilbte Bltter los, die vom Sturm weit hinab in's Thal getragen
wurden.

Ist der Brieftrger noch nicht dagewesen? fragte der Graf.

Noch nicht, erwiderte der Haushofmeister, aber er kann jeden
Augenblick kommen; es ist jetzt seine Zeit, Herr Graf.

Wie das da drauen strmt!

Der Regen hat nachgelassen, Herr Graf; aber einen solchen Sturm wei
ich mich nicht zu entsinnen, seit wir hier oben wohnen. Es ist, als ob
er die Bume aus der Erde reien wollte.

Arme Menschen, die jetzt drauen in Wind und Wetter sind, nickte der
Graf, arme Menschen!

Der Haushofmeister seufzte tief auf, aber er wagte nicht weiter etwas
zu sagen, ordnete das Theeservice, rckte den kleinen Tisch mit der
Maschine etwas nher zu seiner Herrin hin, und verlie dann das Gemach.

So verging wieder eine halbe Stunde. Drauen wurde die Vorsaalthr
geffnet und schlug gleich darauf, vom Sturm gefat, wieder heftig zu.
Der Graf schreckte empor, beruhigte sich aber wieder und nippte an einer
Tasse Thee, die ihm die Gattin eingeschenkt.

Schritte drauen -- der Haushofmeister kam selber herein; er trug einen
silbernen Teller in der Hand, auf dem ein Brief lag. Aber seine Hand
zitterte, und mit vor Freude fast bebender Stimme rief er: Ein Brief,
Herr Graf, ein Brief, der Postbote hat ihn eben gebracht!

Unwillkrlich streckte der Graf die Hand danach aus, aber er lie sie
wieder sinken. Woher ist er? fragte er leise.

Ja, mein bester Herr, das Postzeichen kann ich nicht erkennen, es
schwimmt mir Alles vor den Augen; aber die Schriftzge kenn' ich, die
lieben Schriftzge!

Ich will ihn nicht haben, sagte der Graf und wandte den Kopf zur
Seite, als ob er sich seiner Schwche bewut sei; ich will ihn nicht
haben.

Aber die gndige Frau Grfin nimmt ihn dann, sagte der alte Mann; oh,
dem Himmel sei Dank, da kommt doch endlich Nachricht!

Er hielt den Teller der Grfin hin, und sein Blick dankte ihr, als sie
den Arm danach ausstreckte.

Finster und schweigend nahm die Grfin den Brief; nur Einen Blick warf
sie auf die Adresse -- es waren die Schriftzge ihrer Tochter --
und ohne weiter ein Wort zu sagen, schleuderte sie den Brief auf die
glhenden Kohlen im Kamin.

Frau Grfin! schrie der alte treue Diener fast entsetzt auf, er
ist von Ihrer Tochter, von der lieben, lieben Comtesse! Und fast
unwillkrlich wollte er zuspringen, um das auflodernde Papier noch zu
retten.

Halt! sagte die Grfin streng, indem sie den Arm abwehrend
vorstreckte. Humann, Ihr berschreitet Eure Grenzen!

Der alte Herr hatte ebenfalls fast unwillkrlich eine Bewegung gemacht,
als das Papier in die Flamme flog, aber es war nur ein Moment gewesen;
dann nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und murmelte leise vor sich
hin: Es mu sein, es mu sein; es geht nicht anders!

Eine Rettung des Briefes war nicht mehr mglich. Die Gluthhitze des
Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstrt, nur noch ein kleiner
Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann lie
den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thrnen
glnzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter -- er
durfte nicht. Die Frau Grfin hatte ihn ja schon in seine Schranken
zurckgewiesen, und das noch nie nthig gehabt, noch nie, so lange er
zurckdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter
sagen, es war ihm verboten worden, und da er das Kind, die gndige
Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe
berwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das
vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie htte er knnen
Ansprche darauf grnden, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht,
eingefallen waren!

Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mdchen hatte geschrieben,
an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren,
wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe -- und der Brief von der Flamme
rettungslos und fr immer zerstrt worden! Mit dem Bewutsein verbeugte
sich der alte Mann demthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick
auf seinen Herrn, der ber den Tisch gebeugt sa und nur immer leise vor
sich hin mit dem Kopf nickte, verlie er das Zimmer.

Es ist Alles vorbei, sagte der Graf flsternd, als der Haushofmeister
schon lange die Thr wieder hinter sich zugezogen hatte -- Alles
vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glcklich htten wir
sein knnen, so glcklich!

Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die
Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein groes Blatt Papier
mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie
vorwurfsvoll nach der Gattin hinber -- aber sie hatte doch Recht
gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des
Hauses, stand auf dem Spiel, und der mute jedes Opfer gebracht werden,
jedes -- selbst das eigene Kind!

Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.

Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden drauen vor dem
Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten
ankme.

Die Grfin horchte dort hinber; jetzt war Alles wieder ruhig und die
Hausthr ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im
Schlo selber rasch vorber. Was war das?

Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drckte darauf, da der
Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem
Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die
Grfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.

Da ffnete sich rasch die Thr und einer der jngsten Lakaien strzte
mit verstrtem Angesicht herein.

Was ist, Charles? Was habt Ihr da drauen? Weshalb hrt Niemand?

Ach, gndige Frau Grfin, rief der junge Bursche ganz entsetzt, sie
-- sie bringen ihn!

Ihn -- wen? rief der Graf und sprang von seinem Sitz empor.

Den jungen Herrn Grafen.

George? schrie die Grfin, und Leichenblsse deckte ihre Zge.

Ja, jammerte der junge Mensch, ganz blutig und so bla!

Der Graf gab keinen Laut von sich; einen der schweren silbernen
Armleuchter griff er auf und schritt der Thr zu.

Ich bitte Dich um Gottes willen, George, bleib hier! rief die Grfin,
die ebenfalls aufgesprungen war und seinen Arm fate.

Der Graf sah sie mit einem eisig kalten Blick an. Willst Du mich auch
noch von meinem _letzten_ Kinde trennen? sagte er mit einer Stimme, die
gar keinen irdischen Ton mehr hatte, und als ihn die Grfin erschreckt,
entsetzt frei lie, verlie er das Zimmer, aus dem sie ihm fast
willenlos, an allen Gliedern zitternd, folgte.

Sie sollten nicht lange ber das Geschehene in Zweifel bleiben.

Es hilft nichts, wir knnen es nicht verheimlichen, hrten sie den
Hofmeister sagen, der Stern des alten Hauses ist gesunken!

Unten die Hausthr war geffnet; fremde Mnner trugen eine Bahre herein,
auf der ein Sterbender lag.

Der alte Graf schritt die Treppe hinab, als ob er auf Luft gegangen
wre; er fhlte keine Stufe unter sich, er sah nichts als ein
todtenbleiches Antlitz, das von dem Licht zweier Fackeln und darber
gehaltener Kerzen furchtbar deutlich erhellt wurde.

George, sagte er, und er selber hrte nicht einmal den Laut der Worte,
George, was ist geschehen?

Untersttzt meinen Vater, sagte der Verwundete leise, und dann tragt
mich hinauf in mein Zimmer -- vorsichtig, es thut gar zu weh!

Zwei der Diener sprangen zum alten Herrn, aber nur den Armleuchter lie
er sich aus der Hand nehmen, den er noch fest und krftig hielt; er
selber stand aufrecht, die rechte Hand, in der er den Leuchter gehalten,
noch immer in der nmlichen Stellung emporgehoben, und sein Blick
haftete wie gebannt an dem bleichen Antlitz seines Sohnes.

Was ist geschehen? wiederholte er, als sich die Mutter mit einem
gellenden Aufschrei an die Bahre des geliebten Kindes, an dem ihr Herz
mit allen Fasern hing, warf.

Ein Arzt in Uniform begleitete den Trauerzug. Er konnte eben noch
verhindern, da die Unglckliche nicht auf den Verwundeten fiel und
seine Schmerzen vergrerte.

Hinauf mit Euch, Leute, rief er, rasch in das Zimmer, da der Kranke
zu Ruhe kommt! Wollen Sie sich nicht der Dame annehmen?

Die Worte galten dem Haushofmeister, der, kaum eines Gedankens fhig,
neben dem Entsetzlichen stand.

Weitere Worte waren auch unntz. Whrend der Arzt selber das Kopfende
der Bahre mit untersttzte und alle Diener zusprangen, hoben sie
dieselbe leicht und sicher empor und trugen sie rasch die Treppe hinauf
in das Zimmer, wo sie den Unglcklichen gleich mit der Matratze, auf der
er hierher geschafft worden war, auf sein eigenes Lager legten.

George, todtenbleich und matt, whrend die Mutter jetzt an seinem Bett
kniete und seine Hand gefat hielt, war erschpft und schlo die Augen,
und der Graf, den Arm des Arztes ergreifend, sagte mit leiser, aber
fester Stimme:

Was ist vorgefallen? Sie sind verpflichtet, es mir zu sagen; ich mu
Alles wissen!

Es kann auch leider kein Geheimni bleiben, Herr Graf, sagte der Arzt
achselzuckend; der junge Herr hatte heute Nachmittag um vier Uhr ein
Rencontre mit dem jungen Grafen Bolten.

Mit Hubert?

Mit dem jungen Grafen Hubert; Graf Bolten hatte den ersten Schu und
traf seinen Gegner gleich zu furchtbar sicher. Bereiten Sie sich auf das
Schlimmste vor, flsterte er ihm leise zu, Rettung ist unmglich, die
Kugel hat die Lunge verletzt.

Der Arm des Grafen sank wie gelhmt an seiner Seite nieder, als der
Verwundete die Augen aufschlug und leise sagte: Vater! -- Mutter!

Mein George, mein liebes Kind, wir sind hier, wir sind bei Dir! Um
Gottes willen, was fehlt Dir?

Es ist vorbei, flsterte der Sterbende, -- ich -- kann nicht -- mehr
sprechen. Seid gut -- mit Paula -- lebt -- wohl!

Er schlo die Augen und ein Zucken lief ber seinen ganzen Krper.

George, George! schrie die Mutter und warf sich ber ihn. Er rhrte
sich nicht mehr, es war vorbei, und whrend der Graf, ein wahres Bild
des Entsetzens, an seinem Lager stand und den Blick, wie durch einen
Zauber gebannt, nicht von dem starren Antlitz des Todten nehmen konnte,
lehnte der alte Haushofmeister in der Ecke und schluchzte laut.




27.

Die Recension.


Am nchsten Morgen um zehn Uhr ging Rebe wieder, wie verabredet, zum
Director Krger, um dort das Repertoire fr die nchste Vorstellung
mit ihm zu besprechen. Er traf den Director in einer nicht geringen
Aufregung, und als er nur das Zimmer betrat, rief ihm dieser schon, mit
der Hand auf den Tisch zeigend, entgegen:

Sehen Sie, habe ich Ihnen das nicht vorausgesagt? Jetzt knnen Sie die
Folgen Ihres Leichtsinns erkennen.

Aber, bester Herr Director!

Haben Sie das Stadtblatt von heute Morgen schon gelesen?

Nein, noch nicht.

Na, dann machen Sie sich einmal ein Vergngen. Da liegt der Wisch auf
dem Tisch; Strohwisch thut sein Aeuerstes.

In der That? lchelte Rebe, indem er das Blatt aufnahm und hineinsah.
Aber es wird dann auch das Aeuerste sein, und er ist nachher fertig.

Der? Noch lange nicht, da kennen Sie den nicht. Aber lesen Sie nur --
nein, bitte, laut. Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, weil mich
der Grimm packte. Es ist wirklich ein malitiser Kerl!

Rebe las: Theater in Haburg. Hamlet, Prinz von Dnemark. Zur
Feier...

Das knnen Sie berschlagen, unterbrach ihn der Director, das
ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit
durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versumni
bewut...

Ah, da. Wir sind uns einer Versumni bewut, dem Publikum nicht schon
gestern ber das Stck berichtet zu haben; aber wir mssen gestehen,
da wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem
Erstaunen ber das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe
den Hamlet -- wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen htten,
wir wrden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze fr einen wsten,
unnatrlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir
mssen die Thatsache constatiren, da Herr Horatius Rebe allerdings
vorgestern Abend den Hamlet, diesen dnischen Prinzen, auf eine Weise
mihandelt hat, die unserem Nationalgefhl nichts zu wnschen brig
lie. Wir geben auch zu, da ohne Herrn Horatius Rebe eine Strung
in der Vorstellung stattgefunden haben wrde, das heit, die ganze
Vorstellung wre unmglich geworden. Aber war das Publikum nicht
zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurck, als diesen
entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?

Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstberschtzung
dieses jungen Knstlers, der es wagen konnte, ohne zu errthen -- denn
er sah bla aus, da wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der
Geist sei -- dem urtheilsfhigen und feingebildeten Haburger Publikum
eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs,
denn er konnte sich doch unmglich einbilden, die geistvolle Auffassung
eines Handor uns ersetzt zu haben -- also was sonst? Er hat nur eine
Rolle hergesprochen, damit das Stck gegeben werden konnte -- nur damit
kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld
zurckzuzahlen.

Wir haben die Gutmthigkeit des Publikums bewundert, da es sich das
gefallen lie und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm
das vielleicht in etwas die Angst vergten, die er gehabt. Nun, Gott
sei Dank, der Abend ist auch berstanden und wird hoffentlich nicht
wiederkehren.

  La, Vater, genug sein des grausamen Spiels.

Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter
Brger sein, aber wir knnen es ihm Schwarz auf Wei geben, da er ein
sehr mittelmiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafr:
keine Idee einer hheren Auffassung, keine Faser von Genialitt,
kein Funke jenes gttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch
durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren mu.

Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, da er
ein gutes Gedchtni hat; mge er deshalb nie vergessen, da er seine
ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbhne
Deutschlands fortsetzen kann, da es aber dem Haburger Publikum nicht
zugemuthet werden darf, einen solchen Genu zum zweiten Male zu leiden.
Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mibrauch des
Vertrauens und hoffen, da diese milde Rge gengt hat, Herrn Horatius
Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefhrlich zu
machen.

  F. S.

Nun, wie gefllt Ihnen das? sagte Krger, als Rebe die Epistel beendet
hatte und das Blatt wieder lchelnd auf den Tisch zurcklegte.

Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert? sagte er.
Ich kann mir doch nicht denken, da es auch nur den geringsten Einflu
auf das Publikum selber haben knnte; also lassen Sie ihn schreiben.
Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.

Das sagen _Sie_, lieber Rebe, rief der Director; aber ich kenne die
Welt und mein Publikum besser, und ich versichere Ihnen, der Artikel hat
Sie hier zu Grunde gerichtet.

Und wollen Sie es trotzdem versuchen?

Ja, wollen _Sie_ es denn versuchen? rief Krger erstaunt. Mann
Gottes, ich gebe Ihnen mein Wort, da Sie bei Ihrem ersten Auftreten
ausgepfiffen werden!

Ich habe keine Furcht, Herr Director, sagte Rebe ruhig und
entschlossen. Mit solchen schmutzigen Waffen kann ich allerdings nicht
kmpfen und werde es nicht, aber wir knnen jetzt gleich an mir die
Probe machen, ob das Publikum wirklich ein Urtheil fr sich selber hat,
oder ob es sich von jedem lumpigen Literaten leiten und an der Nase
herumfhren lt.

Aendern Sie einmal die Welt.

Ich will sie nicht ndern, ich will sie nur kennen lernen.

Na, das Vergngen knnen Sie haben, nickte Krger; so viel will ich
Ihnen aber sagen, ich habe Sie im Voraus gewarnt. Ich riskire nichts
dabei, denn ich bekomme jedenfalls ein volles Haus, und bin auch noch
immer erbtig, Sie fr einen vollen Monat zu engagiren, aber mit der
Bedingung: fallen Sie beim ersten Auftreten grndlich durch, so ist
unser Contract gelst.

Und soll Herr Doctor Strohwisch das Urtheil sprechen? lchelte Rebe.

Nein, rief der Director, Sie selber, denn nach der nchsten
Vorstellung bleiben wir nicht lange im Zweifel. Das Gute hat es
jedenfalls, da wir genau wissen, woran wir sind.

Gut, ich nehme es an, nickte Rebe; ich bin fest entschlossen, dieser
Nichtswrdigkeit zu begegnen, und hoffe das Beste.

Hoffen, lieber Freund, hoffen ist gar nichts, sagte der Director.
Aber wollen Sie wenigstens dieses Mal einen guten Rath annehmen?

Und welchen, Herr Director?

Sie haben den ersten nicht befolgt und, will ich recht ehrlich
sein, vielleicht auch gut daran gethan. Ein solcher Mensch wie dieser
Strohwisch und alle diese Art Leute ist nicht zu kaufen, sondern nur
zu miethen, das heit, mit Einer Zahlung knnen Sie sich ihrer nie
versichern. Sie brauchen immer Geld und sind unersttlich. Aber wenn es
Ihr Stolz auch nicht zulie, jenen Burschen zu bestechen, so glaube ich,
werden Sie doch nichts dagegen haben, seine Plne zu kreuzen.

Wenn das auf ehrenvolle Weise geschehen kann.

Ehrenvolle Weise? sagte der Director, den Kopf ungeduldig herber und
hinber werfend. Wenn mich ein unreines Thier anrennt, so sehe ich,
da ich ihm ausweichen kann, und jede Weise ist dabei ehrenvoll, denn
Selbsterhaltung bleibt das Hauptgesetz in der Natur. -- Ehrenvoll?
Nennen Sie es etwa ehrenvoll, wenn Sie den Abend ausgepfiffen werden?

Wenn es ohne mein Verschulden und ungerecht geschieht.

Und wer fragt danach? Ich bitte Sie um tausend Gottes willen, lassen
Sie doch nur die verfluchten Redensarten und werden Sie vernnftig
-- ohne mein Verschulden und unrecht! Lassen Sie Jemanden auf einen
falschen Verdacht hin einstecken und ihm den Kopf herunterschlagen,
glauben Sie, da ihm das nachher eine Beruhigung sein kann, da es ohne
sein Verschulden und ungerecht geschah? Lauter Redensarten; hier haben
wir es mit der Sache selber zu thun, und wenn Sie Alles geschickt
anfangen, lt sich dem Musj doch noch am Ende ein Paroli bieten.

Aber wie?

Das will ich Ihnen sagen; Geld kostet die Geschichte, weiter nichts.
Einige Dutzend Freibillets sollen Sie von mir haben, dann engagiren Sie
noch eine Anzahl krftiger Kerle, die...

Mein lieber Herr Director, unterbrach ihn Rebe, auf solche
Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht; da wre ein Mittel, meiner
Meinung nach, eben so niedrig wie das andere.

Aber die grten Knstler thun es! rief der Director in Verzweiflung.

Das mgen sie mit ihrem Gewissen ausmachen, sagte Rebe ruhig; ich
habe vielleicht, wie ich Ihnen gern zugestehen will, ganz eigenthmliche
Begriffe von Ehre, aber meine Meinung ist auch die, da solche
literarische Blutegel gar nicht existiren knnten und elend zu
Grunde gehen mten, wenn Alle so dchten wie ich. Von mir sollen sie
wenigstens nie auch nur eines Groschens Werth Untersttzung bekommen,
und sind _sie_ nur die Ursache, da ich am Theater nicht vorwrts komme,
gut, dann habe ich mir selber wenigstens keine Vorwrfe zu machen und
kann nachher mit Ehren die Bhne verlassen.

Wieder Mit Ehren, rief der Director ungeduldig. Gut, dann machen
Sie meinetwegen was Sie wollen, ich werde mir die Zunge nicht weiter
daran verbrennen; Sie haben's nicht besser verlangt. Und worin also
gedenken Sie das nchste Mal aufzutreten? Unser Repertoire kennen Sie
ja.

Ich mchte Sie um den Fiesco bitten, Herr Director.

Fiesco, hm -- meinetwegen; Eins ist so gut wie's Andere, und Fiesco
auch eigentlich lange nicht da gewesen. Also nchsten Mittwoch, wenn es
Ihnen recht ist, denn Sonntags bringt mir eine Posse mehr ein.

Und als zweite Rolle mchte ich Sie um den...

Thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns wegen der zweiten Rolle
noch nicht den Kopf zerbrechen. Erst wollen wir einmal sehen, wie die
erste abluft.

Sie scheinen kein rechtes Vertrauen zu haben.

Hab' ich auch nicht, sagte Krger, weil ich meine Pappenheimer kenne.
Also auf morgen werde ich die erste Probe ansetzen, Herr Rebe, Sie sind
doch fertig?

Ich knnte die Rolle morgen Abend spielen.

Alle Wetter, Sie wren in der That ein brauchbares Mitglied! Handor
mute immer vierzehn Tage Zeit haben, und nachher haperte es noch.
Ueberlegen Sie sich nur die Sache mit den Freibillets noch einmal; ich
gebe Ihnen mein Wort...

Ich werde es mir berlegen, Herr Director, unterbrach ihn Rebe, und
bei jeder Stunde Nachdenken finden, da ich so und nicht anders handeln
konnte.

Sehr schn, Herr Rebe, sagte der Director trocken, dann wollen wir
einmal am nchsten Mittwoch sehen, wie dick die Mauer sein wird, an der
Sie Ihren Kopf zu versuchen gedenken. Guten Morgen!

Guten Morgen, Herr Director! sagte Rebe und verlie langsam und
nachdenkend das Haus.

Whrend Rebe die Unterredung mit dem Director hatte, wurde bei Pfeffers
ein ganz eigenes kleines Familienfest gefeiert.

Der Mutter krnklicher Zustand schien sich nmlich in den wenigen Tagen,
ja, man konnte fast Stunden sagen, so wesentlich gebessert zu haben,
da Alles im Hause einen freundlicheren Charakter annahm. -- War es
die vernderte Dit gewesen? Der frhere Doctor, der Theaterarzt (der
Thierarzt, wie ihn Pfeffer gewhnlich nannte), der die Stelle durch
Protection erlangt, hatte die arme Frau auf Gott wei was curirt, und
ihr fast jede Nahrung entzogen. Es war eine ganz neue, von ihm erfundene
Hungercur, der, wie das Gercht ging, bis jetzt erst wenige Menschen zum
Opfer gefallen. Dadurch aber kam Henriettens Mutter von Tag zu Tag mehr
herunter, bis sie zuletzt so schwach wurde, da sie nicht einmal mehr
aufrecht sitzen konnte.

Wenn aber Jeremias auf der Welt irgend etwas hate, so war es Hunger,
oder gar eine Hungercur, die den Krper natrlich so schwchen mute,
da er sich gar nicht mehr, nicht einmal gegen den Arzt, helfen und
schtzen konnte. Er ruhte deshalb auch nicht, bis er Pfeffer, oder
vielmehr Auguste bewog, einen andern Doctor herbeizuziehen, und dieser
erklrte denn auch natrlich augenblicklich, da sie der frhere
ganz falsch behandelt habe und die Kranke bei einer noch kurze Zeit
fortgesetzten hnlichen Cur nicht sowohl ihrer Krankheit, als ihrem
Magen erlegen wre. Nahrhafte Speisen wurden verordnet, und Jeremias
schleppte herbei, was nur aufzutreiben war: ein Glas strkenden
krftigen Weins; eine Stunde spter stand ein Dutzend Flaschen alten
Portweins in der Stube, und dann wo mglich etwas Bewegung, vor der Hand
noch im Zimmer, und so viel frische Luft als thunlich.

Half dieses Alles, oder war es mehr ein Gemthsleiden gewesen, das auf
der Seele der Kranken gelegen, aber schon seit gestern Abend trat eine
entschiedene Aenderung zum Besseren ein, und Henriette sang heute Morgen
wie eine Haidelerche im Hause herum.

Die Mutter sa am geffneten Fenster, denn nach der gestrigen
strmischen und kalten Nacht hatte sich die Luft gereinigt und die Sonne
schien warm und klar. Jeremias war fort gewesen, um Rebe aufzusuchen und
Nheres ber seine weiteren Plne und Aussichten zu hren, aber er
traf ihn nicht in seiner Wohnung und mute unverrichteter Sache wieder
zurckkehren.

Das ist ein ganz verzweifelter Mensch, Auguste, sagte er, als er in
dem kleinen Zimmer auf und ab ging und sich den kahlen Kopf kratzte,
wie ich gestern mit ihm sprach und ihm meine Hlfe in Allem, was
Jettchen betraf, antrug, fate er mich bei der Hand und sagte: Mein
lieber Herr Stelzhammer, ich danke Ihnen herzlich fr Ihre guten und
freundlichen Absichten, und Sie wissen, da Jettchen's Besitz das
Hchste ist, was ich erstrebe, aber ich bin auch fest entschlossen, ihn
mir selber zu verdanken. Ich will mir spter nie Vorwrfe machen knnen,
da ich durch meine Frau vorwrts gekommen sei.

Und da hat er ganz Recht, sagte Pfeffer, der in diesem Augenblick
eingetreten war und die letzten Worte hrte, der Rebe ist ein ganzer
Kerl, das sage ich noch einmal, und es thut mir jetzt schmhlich leid,
da wir ihn frher so unter der Kanone behandelt. Na, wie geht's heute
Morgen, Guste, besser? Donnerwetter, Du kriegst ordentlich wieder rothe
Backen!

Die hchste Zeit, da ich von Brasilien herber kam, rief Jeremias,
Ihr httet sie hier heilig verhungern lassen.

Der verdammte Theaterfriseur, fluchte Pfeffer, na, komm Du mir ber
die Schwelle, ausgenommen zu einem Krankheits- oder Pensionirungsattest!
Du meine Gte, wenn ich das erst einmal in Hnden htte und das
vermaledeite Komdienspielen an den Nagel hngen knnte!

Wnsch' Dir die Zeit nicht heran, Frchtegott, nickte die Frau, alt
werden wir Alle frh genug, und doch zehntausendmal lieber von Morgens
bis Abends arbeiten, als so da liegen und anderen Menschen zur Last
fallen.

Zur Last fallen, brummte Pfeffer, wem bist Du schon zur Last
gefallen, und la Du das das Jettchen hren, -- aber alle Wetter,
unterbrach er sich pltzlich, aus dem Fenster sehend, kommt denn da
nicht Frulein Bassini wie ein orangefarbener Blitzstrahl angeschossen?
Na, die mu eine Neuigkeit haben, da mchte ich meinen Hals darauf
verwetten.

Kommt sie denn her? fragte Jeremias.

Eben ist sie in die Promenadenthr hineingefahren. Was das Frauenzimmer
fr eine Eile hatte!

Wer wei, was sie hat, sagte seine Schwester.

Sicher nichts Gutes, nickte Pfeffer, sonst liefe sie nicht so rasch,
darauf kannst Du Dich verlassen. Da ist irgend ein Unglck geschehen,
oder der Teufel sonst wo los. Ich kenne meine Schwester.

Wenn Du nur immer 'was auf die arme Lise bringen kannst, lchelte die
Frau, und Du hast sie doch lieb, und ich mchte keinem Andern rathen,
Uebles von ihr zu reden.

Wenn sie nur ein klein wenig Vernunft annehmen und sich nicht immer so
verflucht lcherlich machen wollte, sagte Pfeffer, sonst ist sie
ja gut genug, und auf's Theater pat's. Sie spielt aber den ganzen
ausgeschlagenen Tag Komdie, von dem Augenblick an, wo sie Morgens
aufsteht, bis Abends, wenn sie wieder einschlft. Ein verrckteres
Frauenzimmer ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen.

Habt Ihr es schon gelesen? rief in diesem Moment die besagte Dame, wie
sie nur den Kopf zur Thr hereinsteckte, habt Ihr das Schandblatt schon
gesehen? Es ist himmelschreiend, da so etwas nur die Censur passirt. Da
knnte man ja eben so gut in Brasilien bei den Cannibalen leben.

Bitte, meinte Jeremias.

Nun, hab' ich es nicht gesagt? lachte Pfeffer.

Was hast Du gesagt, was ist vorgefallen? rief die Schwester heftig.

Na, das mut _Du_ doch am besten wissen. Was hast Du denn da fr ein
Zeitungsblatt in der Hand?

Habt Ihr das Stadtblatt noch nicht gelesen? Dann habt Ihr nichts
gelesen, rief Frulein Bassini mit Emphase.

So, und was steht darin?

Eine Kritik ber Rebe.

Alle Wetter! Gut?

Da lies, mach' Dir ein Vergngen, sagte Frulein Bassini, hier, von
Herrn Doctor Strohwisch, Deinem guten Freund.

Meinem guten Freund? brummte Pfeffer, indem er das Blatt nahm und
leise vor sich hinmurmelnd an zu lesen fing.

Und habt Ihr schon gehrt, fuhr indessen Frulein Bassini fort, um
ja keine Zeit zu versumen, da sich des Lumps, des Handor wegen die
beiden jungen Grafen von Monford und Bolten gestern duellirt haben und
Graf Bolten den Andern todtgeschossen hat?

Oh Du lieber Gott, sthnte Auguste, die armen Eltern!

Ja, das ist nun nobel, sagte die Schwester, damit geben sie einander
die Ehre wieder, da sie sich abschlachten. Die ganze Stadt ist voll
davon.

Und so reiche, vornehme Leute!

Ja, wie gut knnten die es haben; aber ob es wohl Jemand einmal wei,
wenn es ihm wohl ist. Gott bewahre, immer will er's noch wohler haben,
bis er zuletzt drin sitzt. So reiche Menschen; sie sitzen ja im Geld,
sie wissen nicht wie tief, und silberne Spucknpfe sollen sie in den
Zimmern haben; aber Hochmuth kommt vor dem Fall.

Alle Teufel! rief Pfeffer, der indessen die Einleitung berflogen
hatte und jetzt zu dem Kern des Ganzen kam. Jeremias stand neben ihm und
sah ihm ber die Schulter in's Blatt.

Oh Du Lumpenkerl! murmelte er leise vor sich hin, und ballte schon in
Gedanken die Faust.

Das ist ja ein sauberer Patron!

Wie? Nu, was habe ich gesagt?

Was schreibt er denn? fragte Auguste.

Kannst die Bescherung gleich lesen -- ei Du Himmelhund, Du Verdammter!
Wenn er ihm fnf Thaler in den Rachen geschoben htte--

Ja, schieb einmal, wenn Du nichts hast, sagte Frulein Bassini.

Das ist derselbe Musj, dem ich einmal auf Rebe's Treppe begegnet bin,
rief Jeremias.

Nein, da hrt Alles auf, schrie Pfeffer, ei zum Teufel mit dem
Wisch! und damit knillte er das Papier zusammen und schleuderte es auf
die Erde.

Aber, Frchtegott, rief Frulein Bassini erschreckt, die Zeitung
gehrt ja dem Schuhmacher, meinem Hausherrn -- was hat denn das arme
Papier nur gethan? -- und sie hob es auf und glttete es wieder aus.

Bitte, la es mich einmal lesen, sagte Auguste, und streckte die Hand
danach aus.

Ja, ich mchte es auch einmal haben, meinte Jeremias, kann man denn
nicht so eine Nummer zu kaufen bekommen?

Gewi, in der Expedition, aber das fehlte auch noch.

Ich mchte doch eine Nummer haben, meinte der kleine Mann, indem
er sich heftig die Hnde rieb, und wenn es nur das wre, um jedes
Miverstndni zu vermeiden.

Miverstndni?

Das ist schndlich, sagte Henriettens Mutter, wirklich boshaft,
niedertrchtig, und ich begreife nur nicht, da sich das Publikum dies
gefallen lt. Er sagt ihnen doch darin mit drren Worten: Ihr versteht
Alle nichts, da ihr so ein Wesen von dem Rebe macht, ich bin der allein
Kluge!

Und so ein Lump kriegt ein Freibillet, rief Pfeffer, na, wenn ich
Director wre, ich wollte Dich befreibilletten!

Der Mensch wird auerdem jetzt Alles daran setzen, um den armen Rebe
vollends zu ruiniren, sagte Frulein Bassini, denn er darf jetzt ja
nicht einmal mehr applaudirt werden, sonst htte er nicht Recht gehabt.

Natrlich, sagte Pfeffer, was der jetzt thun kann, thut er.

Und ich glaube nicht einmal, da ihn der Director nach _der_ Recension
wieder spielen lt, fuhr Frulein Bassini fort, ich kenne ihn, und
was der fr eine Angst vor diesem aufgesteckten Strohwisch hat, kann gar
kein Mensch glauben.

Dann geschieht ein Unglck, sagte Jeremias, und seine Stimme hatte
etwas Feierliches, dann geschieht wahrhaftig ein Unglck.

Na, was wird fr ein Unglck geschehen, brummte Pfeffer, wer einmal
Pech haben soll, verliert die Butter vom Brode.

Da kommt Jettchen, rief die Mutter rasch, die das junge Mdchen
drauen hrte, thut die Zeitung weg; sagt ihr nichts davon, das arme
Kind krnkt sich sonst zu sehr.

Frulein Bassini schob sie rasch in ihre Tasche, aber wie Jettchen
eintrat, stockte das Gesprch, und Jeremias selber machte ein so
bestrztes Gesicht, da sie gleich wute, es war etwas vorgefallen.

Guten Morgen mitsammen, rief sie lachend aus, sah aber Alle dann
erstaunt im Kreise an und sagte: Nun, was habt Ihr denn, Ihr seht mich
ja Alle so merkwrdig an, was ist denn? Mutter, es ist irgend etwas
geschehen?

Nichts, was uns betrfe, Kind, fiel aber hier Frulein Bassini ein,
die sich noch am ersten fate, aber hast Du noch nichts von dem Unglck
bei Monfords drauen gehrt?

Leider ja, nickte Jettchen traurig -- Du lieber Gott, so ein junges,
hoffnungsvolles Blut, und in seinem frischesten Alter!

Kanntest Du den jungen Grafen?

Ich habe ihn drauen im Schlosse gesehen, als ich frher der Comtesse
manchmal Arbeiten hinaufbrachte, und in letzter Zeit ist er auch
manchmal mit Graf Rottack hier vorbeigeritten. Es war derselbe, Onkel,
der damals dem armen Jungen hier vor dem Hause, dem Graf Bolten
den Karren berritten hatte, Geld gab, um ihn fr den Verlust zu
entschdigen.

Und der Nmliche hat ihn jetzt todtgeschossen?

Und was fr Strafe bekommt er nun?

Strafe? sagte Frulein Bassini, solche vornehme Herren werden sie
auch strafen! Uebrigens ist er noch dieselbe Nacht fortgereist, und nun
sucht ihn, wenn Ihr ihn haben wollt.

Aber was hast Du nur, Vater? sagte Jettchen, die erstaunt Jeremias
betrachtete. Dieser war indessen in der Stube, sich immer die Hnde
reibend, auf und ab gegangen, und so mit seinen eigenen Gedanken dabei
beschftigt, da er die Frage nicht einmal gleich hrte.

Was ich habe, Kind? sagte er dann, als Jettchen die Worte wiederholte,
oh, oh, nichts, ich dachte nur in dem Augenblick gerade an 'was, ich
habe noch etwas zu thun, beinah' htte ich's vergessen. Also guten
Morgen miteinander!

Wo willst Du denn hin, Jeremias?

Ich mu einmal nach Hause, ich komme nachher wieder!

Um zwlf Uhr essen wir.

Gut, ich werde kommen, sollte ich aber um zwlf Uhr nicht da sein,
so wartet nicht auf mich, denn es ist doch mglich, da ich Abhaltung
bekme, und mit den Worten scho er zur Thr hinaus.

Was hat nur der Vater? sagte Jettchen verwundert; er sah so
merkwrdig verstrt, so zerstreut aus.

Gott wei es, brummte Pfeffer, irgend noch ein paar brasilianische
Schrullen vielleicht, die ihm im Kopf herumgehen! La ihn nur laufen,
der findet sich wieder zurecht, dafr ist mir gar nicht bange. Wo warst
Du, Jettchen?

Ich habe den Brautkranz fortgetragen, sagte das junge Mdchen, und
jetzt gar nichts weiter zu thun, als den bestellten Kranz fr Graf
Rottack zu machen.

Das ist gescheidt, da kannst Du Dich endlich einmal ausruhen.

Aber die Zeit wird mir lang werden, und was htte ich Alles zu thun
bekommen knnen! Wie viele Arbeiten waren bestellt, aber Vater wollte es
ja nicht leiden.

Ganz vernnftig von ihm, denn Du httest Dich caput gearbeitet, das ist
sicher. Nun aber sieh nach Deiner Kche, Schatz, da wir 'was zu essen
bekommen!

Ist Alles in Ordnung, Onkel, nickte Jettchen, brauche nur ein wenig
nachzulegen, denn whrend es kochte, bin ich blos die zwei Schritt
hinber gelaufen. Punkt zwlf Uhr kann das Essen auf dem Tisch stehen.

Jeremias stieg in einer unbeschreiblichen Stimmung die Treppe hinab,
und niemand Anders war die Veranlassung dazu, wie der arme, unselige
Recensent.

Oh Du Federfuchser, rief er dabei halblaut vor sich hin und ballte
die gar nicht so unansehnliche Faust gegen das Treppengelnder, oh Du
verfluchter Federfuchser -- htt' ich Dich, wie wollt' ich Dich! Aber
er hatte ihn eben nicht, und es blieb ihm nichts weiter brig, als Rebe
aufzusuchen, um mit diesem zu besprechen, was sich etwa in der Sache
thun lie, denn da sich etwas thun lie, davon war er fest berzeugt.

Rebe fand er allerdings, aber bei ihm selber auch nicht die geringste
Untersttzung in der Angelegenheit.

Rebe blieb dabei, da die Persnlichkeit, von welcher der Angriff
stamme, so tief unter ihm stehe, da er gar nichts in der Welt mit ihm
anfangen knne, und was das betrfe, gegen ihn zu agiren, so wrde er
sich dadurch mit diesem Strohwisch genau auf Eine Stufe stellen, daran
sei also gar nicht zu denken. Die einzige Waffe, die er in Hnden habe,
sei die, dem Publikum durch seine Darstellung zu beweisen, da Jener
gelogen habe; weiter knne er nichts, weiter werde er nichts thun.

Jeremias suchte ihn darauf aufmerksam zu machen, da er sein Fortkommen
an hiesiger Bhne sichern wolle, und Rebe behauptete, das wre nur
dadurch mglich, da er alle Chancen liefe. Aber sich jetzt und fr Eine
Vorstellung einen Erfolg sichern und damit alle brigen noch in Frage
gestellt lassen, kme ihm ungefhr ebenso vor, als ob Jemand ber einen
mchtigen Strom schwimmen wolle und zuerst in einem Teich versuche, ob
er sich eine so lange Zeit ber Wasser halten knne, bei dem Versuch
aber Blasen unter die Arme binde. Er tusche Niemanden damit als sich
selber, und msse dann spter dafr ben.

Es war mit dem Menschen nichts anzufangen, denn er blieb hartnckig
dabei, da er ehrenvoll siegen oder lieber seine Stellung aufgeben
und anderswo beginnen wolle; denn nur dadurch knne er sich seine
Selbstachtung und die Achtung anderer ehrenwerther Leute bewahren.

Jeremias mute ihm ja wohl im Herzen Recht geben. Es war ganz hbsch und
ehrlich gehandelt, aber dumm, stockdumm, wenn er das auch nicht gerade
aussprach, und in voller Verzweiflung lief er endlich hinber zu
Director Krger, um von diesem vielleicht eine andere Ansicht zu hren.
Das Mittagessen bei Pfeffers hatte er lange vergessen und versumt.

Hier fand er seinen Mann. Krger, dem selber daran lag, da sich Rebe
am hiesigen Theater behaupten mge -- denn wo fand er solchen ersten
Liebhaber gleich fr die Gage wieder, mit der er sicher die erste Zeit
mit Rebe abschlieen konnte--, gab Jeremias in Allem Recht und war so
vollkommen in jeder Hinsicht seiner Meinung, da ein Gesprch fast ganz
unmglich wurde.

Der Director theilte dem kleinen, lebendigen Fremden auch ganz
aufrichtig seine eigenen Ansichten ber den Recensenten mit; weshalb
sollte er sich auch geniren? Strohwisch kostete ihm berhaupt jhrlich
viel Geld, und Jeremias begriff zuletzt nur das nicht, wie man sich noch
mit einem solchen Menschen abgeben und in persnlichem Verkehr mit ihm
stehen konnte.

Lieber Gott, sagte der Director, was will ich dagegen thun? Soll ich
mir mein ganzes Theater fortwhrend schlecht machen lassen? Das Publikum
bekme doch zuletzt, wenn es das alle und alle Tage hrte und lse,
einen Widerwillen dagegen und ginge mir schlielich gar nicht mehr
hinein; deshalb zahle ich ihm das Blutgeld und stopfe ihm das Maul.

Also wann ist Fiesco?

Nchsten Mittwoch; wenn Sie etwas thun knnten -- aber um Gottes
willen, ohne da es Rebe erfhre, denn er wrde die ganze Geschichte
verderben--, so wre es mir sehr angenehm, und auf meine Untersttzung
drfen Sie rechnen.

Aber in welcher Art?

Ich will Ihnen sagen, was ich frchte, erwiderte Krger. Ich frchte,
Strohwisch wird Anstalten getroffen haben, Herrn Rebe das nchste Mal
auspfeifen zu lassen; er hat mir genau dasselbe schon einmal gemacht.

Aber das Publikum wird sich das nicht gefallen lassen.

Lieber Gott, alle Menschen erfreuen sich zuweilen an einem Skandal,
sagte Krger, und wenn nur drei oder vier in derartigen Arbeiten
geschickte Leute vortheilhaft im Parterre placirt sind, so finden sie
berall ein paar nichtsnutzige Jungen, die ihnen helfen. Sie glauben gar
nicht, wie das Pfeifen ansteckt.

Hurrjeh, sagte Jeremias, vielleicht kme er selber hinein; wenn ich
nur dann in der Nhe wre!

Er selber wrde sich wahrscheinlich ruhig verhalten, aber das Ganze
dirigiren.

Na, warten Sie 'mal, dagegen liee sich doch am Ende noch 'was thun.
Apropos, haben Sie Polizei im Theater?

Auf die drfen Sie nicht rechnen, sagte der Director; allerdings
stehen ein paar Mann im Vorsaal, aber bei derartigen Gelegenheiten
verhalten sie sich rein passiv.

Sehr schn, sagte Jeremias, weiter verlange ich nichts, und nun
empfehle ich mich bestens!

Sie sind fremd hier in der Stadt, Herr Stelzhammer?

Fremd allerdings; aber ich glaube, ich wei Jemanden, der mich
untersttzen kann.

Darf ich fragen, wen?

Ihren Theaterdiener Peters.

Da sind Sie in vortrefflichen Hnden, lachte Krger vergngt; aber
lassen Sie ihn um Gottes willen nicht ahnen, da ich von der Sache etwas
wei!

Haben Sie keine Sorge -- bitte, bemhen Sie sich nicht, ich finde
schon meinen Weg! Und whrend der Director oben in seinem Zimmer, sich
vergngt die Hnde reibend, auf und ab ging, stieg Jeremias langsam die
Treppe hinunter.

Director Krger wohnte zwei Treppen hoch, und jede Etage bestand aus
zwei Abtheilungen Stufen, die in dem alten Hause ziemlich steil aufwrts
fhrten, aber durch Seitenfenster hell erleuchtet wurden.

Jeremias war eben den ersten Absatz hinabgestiegen, als ein Herr dicht
unter ihm die Treppe heraufkam und zu ihm aufsah. Der Fremde, welcher
etwa einen Kopf grer als unser kleiner Freund sein mochte, stand noch
drei oder vier Stufen unter ihm, als er den Kopf zu ihm empordrehte und
Jeremias pltzlich halten blieb.

Hurrjeh! rief er aus, indem er sich so klein machte, da er seinen
Kopf ziemlich in eine Richtung mit dem die Treppe Heraufkommenden
brachte und beide Hnde dabei auf die Kniee sttzte. Habe ich nicht das
Vergngen, den Herrn Doctor Strohwisch vor mir zu sehen?

Das ist allerdings mein Name, sagte der Herr. Und mit wem hab' ich
die Ehre?

Na, seh'n Sie einmal an, rief Jeremias, ohne die Frage zu beantworten,
und so hbsch allein unter vier Augen! Da erlauben Sie mir vielleicht,
Ihnen gleich zu sagen, mein lieber Herr Strohwisch, da Sie ein ganz
miserabler, erbrmlicher Dintenkleckser und Schubbejack sind!

Sie alberner Esel! rief der Doctor, der gar nicht gleich wute, ber
was er am meisten erstaunen sollte, ber die kleine, geduckte, komische
Gestalt, die vor ihm kauerte und die er deshalb auch, was persnliche
Kraft anbetraf, bedeutend unterschtzte. Was unterstehen Sie sich?
Fort, oder ich werfe Sie die Treppe hinab!

So? sagte Jeremias, der nur auf eine solche Einladung gewartet zu
haben schien, drckte sich mit der Linken seinen Hut fest und hatte aber
auch im nchsten Moment schon den Doctor beim Kragen, der sich wie ein
Kind in seinem Griffe wand.

Herr, lassen Sie mich los! schrie er.

Treppe hinunter -- so? rief Jeremias. Wundervolle Idee -- Kopf weg
unten! Und ehe der Doctor nur einen Hlferuf ausstoen konnte, hatte
er ihn herumgedreht, und wie ein Pfeil scho er die Treppe hinab.

Jeremias' Blut war aber jetzt aufgeregt. Alberner Esel hatte er
ihn genannt -- was vorangegangen, zhlte nicht -- und die Recension
geschrieben, und da unten kullerte er auf der Treppe herum. Unglcklich
fr ihn trug Doctor Strohwisch auch ein spanisches Rohr in der Hand, und
Jeremias wute eigentlich spter gar nicht mehr recht, wie es gekommen
war; ehe er sich aber auf etwas besann, war er die Stufen hinab unten
bei seinem Schlachtopfer, hatte ihm den Stock aus der Hand gerissen und
zerwalkte ihn dabei nach Herzenslust.

Strohwisch schrie um Hlfe und versuchte zuletzt, zur Verzweiflung
getrieben, Gegenwehr; aber jetzt wurde Jeremias erst recht bse. In der
Etage, wo er sich befand, wurden Stimmen laut, und um den Kampfplatz
auf neutrales Gebiet zu verlegen, fate er den Unglcklichen wieder beim
Kragen und warf ihn vor sich her den nchsten Absatz hinunter, von
wo nur noch eine niedere Stufenreihe bis zur Hausthr blieb, und hier
folgte Fortsetzung.

Oben in der zweiten Etage stand Director Krger, schaute ber das
Gelnder hinab und htte vor Wonne applaudiren mgen, wenn er es sich
nur getraut htte. Unten in der ersten Etage war das Dienstmdchen
und dann der Herr Ober-AppellationsrathX. mit der Frau
Ober-Appellationsrthin und Frulein Tochter herausgekommen. An der
Hausthr, da der Schall des Tumults hinausdrang, hatten sich ebenfalls
Leute gesammelt und drngten zuletzt bis in's Haus hinein. Und oben auf
dem ersten Absatze stand Jeremias und prgelte Strohwisch, bis er
den Stock in Atome zerschlagen hatte und seinen Arm nicht mehr rhren
konnte; dann warf er ihn den letzten Absatz hinunter, den Stummel des
spanischen Rohrs, mit einem sehr zierlich geschnitzten Elfenbeinknopfe
daran, hinter ihm her, und whrend er selber an ihm vorberschritt,
sagte er: So, Herr Doctor, jetzt wnsche ich Ihnen wohl zu bekommen.
Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.

Herr Stelzhammer, sagte da ein Mann in einem rothen Kragen, der sich
indessen durch die immer anwachsenden Zuschauer in das Haus gedrngt
hatte, es thut mir leid, Sie in Ihrer Beschftigung zu stren.

Bitte, ich bin eben fertig, meinte Jeremias.

Nun desto besser, sagte der Mann; aber nun ersuche ich Sie auch,
einmal ein bischen mit mir zu kommen, denn ich habe hier auf Ruhe und
Ordnung zu sehen.

Mein lieber Herr, erwiderte Jeremias, jetzt nicht im Geringsten um die
Folgen besorgt, denn er sah wohl, da er es hier mit einem Polizeidiener
zu thun hatte, Ruhe herrscht jetzt, und da der Herr da _ordentliche_
Prgel besehen hat, wird er Ihnen selber bezeugen knnen. Ich hoffe, Sie
sind nun befriedigt.

Doch nicht so ganz, lachte der Gerichtsdiener, Sie mssen mit.

Verhaften Sie den Kerl im Namen des Gesetzes! schrie jetzt Strohwisch,
der sich kaum von seiner Betubung erholt hatte. Ich bin hier auf die
nichtswrdigste Weise von ihm angefallen und mihandelt worden;
mein Eigenthum ist dabei zerstrt, mein Stock in Selbstvertheidigung
zerschlagen, meine Hose zerrissen und beschmutzt...

Die Keile nennt er Selbstvertheidigung! lachte Jeremias.

Na, meinte der Polizeidiener mit einem Blick auf die robuste Gestalt
des Doctors, Sie sehen mir allerdings aus, als ob Sie sich htten
wehren knnen; aber das ist einerlei, Sie mgen das Beide vor Gericht
ausmachen.

Aber ich werde doch nicht...

Ja, Sie mssen auch mit, sagte der Mann trocken; ich kann hier nicht
untersuchen, wer angefangen hat. Also bitte, machen Sie keine Umstnde.

Immer mehr Leute hatten sich indessen in das Haus gedrngt; denn was
sieht das Publikum lieber, als eine Prgelei mit spterer Abfhrung
der Betheiligten durch die Polizei, die gerade so dazu gehrt, wie die
Verlobung von zwei verliebten Paaren am Ende eines Lustspiels.

Meine Herren, sagte der Diener der ffentlichen Sicherheit zu den
Eindrngenden mit jener Hochachtung, die er stets Leuten gegenber
beobachtete, gegen welche noch nichts Gravirendes bekannt geworden,
seien Sie so gut und gehen Sie nach Hause; Sie sehen, es ist Alles
vorber. Bitte, machen Sie Platz, es kann ja kein Mensch durch.

Die Leute gaben langsam Raum; aber Doctor Strohwisch brauchte noch
einige Zeit, um seine sehr derangirte Toilette etwas in Ordnung
zu bringen. Er wollte auch noch Schwierigkeiten machen, mit einem
Polizeidiener am hellen Tag durch die Straen zu gehen, aber es half ihm
nichts. Der Mann des Gesetzes blieb unerbittlich wie das Gesetz selber,
und wenige Minuten spter expedirte der wrdige Beamte die beiden
Uebelthter zum innigen Vergngen einer Anzahl zerlumpt und anstndig
gekleideter Straenjungen nach dem Rathhaus hin.--

Die Strae herab kam Graf Rottack. Er sah ernst und angegriffen aus, und
als er dem Menschenknuel begegnete, wollte er eben, vor der Berhrung
damit zurckscheuend, nach der andern Seite der Strae hinberbiegen,
als sein Blick auf Jeremias fiel und er erstaunt und verwundert stehen
blieb.

Aber, Jeremias, um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht? Was ist
vorgefallen?

Nur eine Kleinigkeit, Herr Graf, lchelte der kleine Mann, aber doch
etwas verlegen, in solcher Gesellschaft gerade von ihm betroffen zu
werden; ich und der Herr da geriethen ein wenig aneinander.

Ich leiste Brgschaft fr den Herrn, sagte Felix zu dem
Gerichtsdiener; mein Name ist Graf Rottack.

Thut mir leid, Herr Graf, erwiderte der Mann ruhig, das hier nicht
annehmen zu knnen. Meine Pflicht ist, die beiden Mnner auf's Rathhaus
hinaufzufhren und die Anzeige zu machen. Dort notirt dann der Herr
Actuar den Fall, und wenn Sie mit hinaufgehen, so hat es nicht die
geringste Schwierigkeit, da der Gefangene augenblicklich auf freien Fu
kommt.

Schn.

Aber, bester Herr Graf!

Gehen Sie nur voran, lchelte dieser, denn escortiren mchte ich mich
nicht gern lassen; ich folge Ihnen aber augenblicklich.

Er zog sich zurck, denn einige der Zuschauer, die vielleicht gehofft
hatten, da irgend ein gewaltsames Einschreiten oder sonst ein amsanter
Zwischenfall eintreten knne, preten nher. Das Rathhaus war nicht weit
entfernt, und nachdem die beiden Feinde, nicht gerade zur Erbauung des
ziemlich bs zugerichteten Doctors, noch eine Weile in dem Vorsaal
hatten warten mssen, da gerade ein Dienstmdchen wegen versuchten
Diebstahls verhrt wurde, kamen sie endlich vor.

Die Verhandlung war brigens eine kurze; Jeremias, der vorher seinen
Vor- und Zunamen wie berhaupt eine kurze Lebensbiographie zu Protokoll
geben und erklren mute, da er noch nie vor Gericht gestanden,
leugnete nicht, den Doctor Strohwisch zuerst angefat und geprgelt
zu haben, und da Graf Rottack jetzt ebenfalls vorgelassen wurde und
erklrte, Brgschaft fr das Erscheinen des Herrn vor Gericht leisten zu
wollen, so wurde der Delinquent entlassen.

Der Doctor, eine allbekannte Persnlichkeit in Haburg, blieb noch oben,
um seine Klage gegen den Ueberfall zu formuliren und gleich aufnehmen zu
lassen.

Aber nun sagen Sie mir um Gottes willen, Jeremias, rief Rottack, als
sie wieder zusammen auf der Strae waren, was hat Sie denn zu einem
solchen Gewaltstreich bringen knnen? Wir sind doch hier nicht mehr in
Brasilien!

Mein lieber Herr Graf, sagte der kleine Mann und schmte sich jetzt
ein wenig der Rolle, die er gespielt, Sie haben Recht -- ich htt's
nicht thun sollen, aber die Galle lief mir ber. Der Mensch war ein
Recensent, und -- da hab' ich noch einmal den Hausknecht herausgekehrt;
aber ich verspreche es Ihnen, es soll zum letzten Mal geschehen sein,
denn ich darf Ihnen doch keine Schande machen!

Und was, beim Himmel, haben Sie mit den Recensenten zu thun? lachte
Graf Rottack.

Das ist weitlufig, das erzhle ich Ihnen ein andermal. Und wie geht es
der Frau Grfin?

Sie ist unwohl, seufzte Felix; manches Leid verwandter Freunde hat
sie tief betroffen und angegriffen. Aber von Ihnen selber wei ich gar
nichts weiter, seit wir uns bei jenem Frulein -- wie hie sie doch
gleich?

Bassini.

Ja, ganz recht -- bei jenem Frulein gesehen. Haben Sie Frieden
mit Ihrer Familie geschlossen? Sie htten uns wohl einmal, als alten
Freunden, Nachricht geben knnen.

Ich gestehe, da ich wie ein schlechter Kerl gehandelt habe, rief
Jeremias; aber erstens wute ich nicht, ob ich Ihnen recht kam, und
dann hab' ich die Zeit ber so viel zu thun gehabt. Aber Gott sei Dank,
es geht Alles recht gut, und wenn Sie es mir erlauben, so komme ich
einmal in diesen Tagen und statte ausfhrlichen Bericht ab.

Das soll ein Wort sein, Jeremias, sagte Graf Rottack, ihm die Hand
reichend. Glauben Sie mir, wir haben die alten Freunde noch nicht
vergessen und viel zu wenig neue gefunden, um sie entbehren zu knnen.

Lieber Herr Graf...

Auf Wiedersehen, Jeremias! Und Graf Rottack schritt, tief aufseufzend,
die Strae hinab.




28.

Die Contremine.


Der junge, hoffnungsvolle und in der Blthe seiner Jahre dahingeraffte
Graf George von Monford war begraben worden und damit die Tragdie, die
einige Tage die Stadt beschftigt, zu Ende gespielt. Sein Gegner,
der junge Graf Bolten, schien seit der Zeit verschwunden; er hatte
jedenfalls den Staat verlassen, und die Secundanten wurden verhrt und
sahen ihrer formellen Strafe entgegen, die ihnen aber jedenfalls leicht
genug gemacht wurde.

Es ist auch eine eigene Sache um das Duell und die dagegen erlassenen
Gesetze. Wir Alle sind wohl darber einig, da es eine gegen die
Moralitt verstoende Sitte ist, wenn zwei Menschen in der Absicht,
einander zu tdten, gegen einander auftreten. Wir finden es auch
natrlich, da der Staat eine Strafe darauf setzt, aber wie Wenige von
denen, die wirklich gegen eine solche Unsitte streiten, wrden sich
selber ihr entziehen, wenn sie sich zu einem solchen Kampf gezwungen
shen!

Ich bin weit davon entfernt, Die zu tadeln, die aus moralischen oder
religisen Bedenken das Duell durchaus fr sndlich halten und sich
deshalb nicht schlagen. Es ist das eine Gewissenssache, ber die kein
Anderer ein Recht hat zu urtheilen -- aber man soll auch Die nicht
verdammen, die mit einem -- mglicher Weise irrigen Ehrgefhl eine
erlittene Beleidigung nur glauben durch Blut auswaschen zu knnen. Auch
bei ihnen ist es eine Gewissenssache, und wenn hierbei eine Majoritt
entscheiden knnte, so wren sie ganz entschieden und unzweifelhaft im
Recht.

Muth? -- Es ist mglich, da mehr moralischer Muth dazu gehrt, eine
Herausforderung abzulehnen, als sie anzunehmen; aber das Duell selber
ist noch ein letztes Ueberbleibsel fast der alten, krftigen Ritterzeit,
wo der Mann auch fr sein eigenes gutes Recht einstand und nicht um
jeden Quark die Polizei belstigte. Das Duell hat manchen Uebelstand,
ja; mancher Streit wre auch vielleicht ohne solch ein gewaltsames
Mittel beizulegen gewesen, mancher Familie endloser Jammer, namenloses
Leid erspart worden, aber trotzdem ist es in vielen Fllen nicht
mglich, es zu vermeiden. Es ist ein anerkanntes Uebel, aber ein
nothwendiges, und nur eine Umwandlung unserer Ansichten und Meinungen
knnte dem Zweikampf ein Ende machen.

Hier freilich hatte alte Sitte ein furchtbares und schweres Opfer
gekostet, den einzigen Sohn des Hauses, das letzte Kind, und wie das
Glck in frheren Jahren nicht mde geworden schien, all' seine Gaben
mit verschwenderischen Hnden ber die von Tausenden beneidete Familie
auszustreuen, so unerbittlich schritt jetzt das Unglck durch die
verdeten Rume seine erbarmungslose Bahn, das Haus der Freude in ein
Haus des Jammers wandelnd.

Der junge Graf war, von einem prchtigen Leichengeprnge begleitet, in
die Familiengruft beigesetzt worden, und wie die unglcklichen Eltern
in das Schlo zurckkehrten, schien das sonst so gastfreie und allen
geselligen Freuden geffnete Haus in ein dsteres Kloster verwandelt zu
sein.

Drauen das blitzende Thrschlo des Gartenthors deckte, der englischen
Sitte nach, ein Trauerflor -- der grte Theil der Dienerschaft war
entlassen worden; der alte Graf wollte die vielen Menschen nicht mehr um
sich sehen, die Fenster wurden verhngt und nur so weit geffnet, um
das nthigste Tageslicht herein zu lassen, und die Grfin selber lag
gebrochen auf ihrem Bett.

Der Verlust Paula's hatte sie erschttert, aber weit mehr ihren Zorn als
ihren Schmerz erweckt; der Verlust des Sohnes, an dem ihr Herz mit aller
Liebe hing, deren es nur fhig war, brach die Kraft, die sie bis dahin
aufrecht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rcksichtsvoll
ihrem Grame hin, als sie den vorher hart und kalt in ihrer Brust
zurckgehalten.

Das war ein trauriges Leben jetzt in dem sonst so frhlichen Hause, und
der alte Haushofmeister schlich wie ein Geist in den Rumen umher, als
ob er die Verlorenen suche und ihren Verlust noch nicht glauben knne,
noch nicht denken mge. So aufmerksam er aber dabei den Grafen selber
bediente, so scheu hielt er sich von der bis dahin geliebten Herrin
zurck, denn an dem Abend, an dem sie den Brief seiner lieben kleinen
Comtesse kalt und erbarmungslos in die verzehrende Flamme warf, hatte
sich sein Herz ihr entfremdet, und wieder und wieder zuckte ihm der
Gedanke durch den alten Kopf, da Gottes Strafgericht dafr das jetzt
dem Untergang geweihte Haus betroffen habe.

Der Graf selber freilich brauchte fast keine Bedienung. Er verlie sein
Zimmer nur dann und wann, um eine halbe Stunde auf der Terrasse auf und
ab zu gehen und frische Luft zu schpfen, fhlte sich aber so schwach,
da ihn ein Diener dabei untersttzen mute. Er sprach auch wohl immer
vom Reisen und befahl dem Haushofmeister drei-, viermal im Tage, die
Koffer zu packen und Alles herzurichten, aber der Ober-Medicinalrath,
der Morgens und Abends kam, schttelte dazu mit dem Kopf.

Der Graf war unmittelbar nach den gehabten Aufregungen viel zu schwach,
um jetzt an eine Reise denken zu knnen. Er mute sich jedenfalls erst
wieder, eine kurze Zeit wenigstens, erholen. In vier oder sechs Wochen
lie sich eher darber reden. Jetzt brauchte er vor allen Dingen
sorgsame Pflege und Ruhe.

Ruhe, Du groer Gott, Ruhe herrschte allerdings in dem Hause, aber die
Ruhe des Grabes, und wie schon Jeder die Sttte der Trauer von selber
mied, wurden selbst die wenigen Personen, die theilnehmend Trost spenden
wollten, abgewiesen.

Auch Graf Rottack war hinaufgefahren, um den Unglcklichen sein inniges
Beileid auszusprechen und vielleicht zugleich etwas Nheres ber
Paula's jetzigen Aufenthalt zu erfahren, um die sich Helene sorgte und
abngstigte; aber weder Graf noch Grfin nahmen einen Besuch an. Sie
lieen der Nachfrage danken, fhlten sich aber jetzt zu leidend, um
Fremde zu empfangen.

Rottack wandte sich sogar an den Haushofmeister, um von diesem etwas
ber den gegenwrtigen Aufenthalt der Comtesse zu hren. Lieber Gott,
der alte Mann wute selber nichts darber und liebte seine Herrschaft
viel zu sehr, das von ihr weiter zu erzhlen, da sie mit eigenen Hnden
die einzige Kunde ihres verlorenen Kindes vernichtet htten -- und ein
weiterer Brief war doch nicht eingetroffen.

Graf Rottack mute unverrichteter Sache wieder nach Haburg
zurckkehren.

Emprt war er aber hier, in dem sogenannten Stadtblatt einen ganz
gemeinen Artikel ber die Verhltnisse des Monford'schen Hauses zu
lesen, auf welches Doctor Strohwisch eine specielle Malice zu haben
schien. Es ist wahr, der alte Graf hatte ihn frher nicht mit der
Hochachtung behandelt, die er glaubte als Vertreter der Presse
beanspruchen zu drfen. Sein erster Besuch im Schlosse war allerdings
angenommen, aber nicht einmal durch eine abgegebene Karte erwidert
worden, sein zweiter schlug total fehl, und nicht eine einzige Einladung
war an ihn, trotz aller Feste und Gelage, wie er es nannte, ergangen.
Man hatte ihn vollstndig ignorirt, und er konnte deshalb eine so
gnstige Gelegenheit, sich zu rchen, nicht unbenutzt vorber lassen.

Leider verfehlte er aber dadurch vollkommen den beabsichtigten Zweck,
denn die Familie Monford war in Haburg wirklich beliebt gewesen. Die
alten Herrschaften galten allerdings fr stolz, aber kein
Nothleidender hatte je ihre Thr unbeschenkt verlassen, alle Armen-
und Wohlthtigkeits-Anstalten der Stadt waren von ihnen stets auf das
Freigebigste bedacht worden, und der junge Graf und die Comtesse durch
ihre Liebenswrdigkeit und ihr offenes, freundliches Betragen gegen
Jeden, mit dem sie in Berhrung kamen, allbeliebt in ganz Haburg
gewesen. Das furchtbare Schicksal der Eltern bei so schwerem Verlust
trug dann ebenfalls noch dazu bei, alle Schatten in dem allerdings etwas
bermthigen Charakter der Grfin selber zu verwischen; was mute ihr
Mutterherz jetzt empfinden. -- Desto unangenehmer wurden die Leser fast
ohne Ausnahme von der rcksichtslosen Schadenfreude berhrt, mit welcher
ein Leitartikel des Blattes das Unglck dieses edlen Hauses besprach.

Einen unglcklicheren Moment htte Strohwisch auch nicht whlen knnen,
wenn ihm wirklich ein Erfolg am Herzen lag, als in derselben Nummer
den Versuch zu machen, die Entrstung des Publikums gegen die
Theaterdirection aufzurufen, die an diesem Abend die Keckheit haben
wollte, ihnen Herrn Horatius Rebe nochmals als _Fiesco_ aufzuzwingen,
dem er ein gnzliches _Fiasco_ prophezeite.

Das Blatt wurde Herrn Rebe unter Kreuzband in's Haus geschickt.

Jeremias hatte es ebenfalls gelesen, aber er lie sich an dem ganzen Tag
nicht bei Pfeffers blicken, sondern lief in einer merkwrdigen und an
ihm sehr ungewhnlichen Aufregung in der Stadt herum. Die Klagesache mit
Strohwisch konnte es auch nicht sein, denn die war schon abgemacht und
er dieses Mal mit einer nicht unbetrchtlichen Geldstrafe davongekommen.
Er tauchte auch oft in abgelegenen Straen in kleine, ganz unansehnliche
Spelunken ein, mit deren Bewohnern er einige Zeit verkehrte, stieg in
_dem_ Hause in den dritten, in jenem in den vierten Stock hinauf, und
entwickelte berhaupt eine Thtigkeit, wie er sie vielleicht seit seinen
Dienstjahren in Brasilien nicht mehr gezeigt hatte.

Um zwlf Uhr suchte er dabei kein Hotel auf, um sich nach der
ungewohnten Anstrengung zu restauriren, sondern eine ganz gewhnliche,
noch dazu auer dem Weg gelegene Bierkneipe und Schenkwirthschaft, wo
er sich ein Glas Bier und eine Portion Graupen und Rindfleisch, die
einzigen Gegenstnde, die auf der Speisekarte standen, geben lie.

Er hatte dort aber noch nicht lange gesessen -- und es war dabei
augenscheinlich, da er Jemanden erwartete, denn er sah fortwhrend nach
der Thr -- als Peters, der Theaterdiener, auf der Schwelle erschien,
ihm ziemlich vertraut zunickte, seinen alten Hut an einen Nagel hing und
sich dann, wie zu einem alten Bekannten, neben ihn setzte.

Na, das ist gescheidt, Peters, da Ihr kommt, sagte Jeremias.

Werde doch die Ftterung nicht versumen, bemerkte dieser, wo sollte
nachher die Kraft und Ausdauer herkommen!

Und Alles in Ordnung?

Alles; aber ich sage Ihnen, Herr Stelzhammer, ich fhle meine Beine
nicht, und habe den letzten Groschen von dem Gelde ausgegeben!

Hier ist mehr, nickte ihm Jeremias zu, indem er ihm eine
Zwanziggulden-Note in die Hand drckte, wenn es die Leute nur
vernnftig anfangen, da es nicht auffllig wird.

Na, da knnen Sie sich ganz auf mich verlassen, aber der Durst...

Kellner, zwei Glas Bier!

Darin, dcht' ich, htt' ich einige Uebung, fuhr Peters fort, und
wischte sich schon im voraus nach dem Bier den Mund, Alles mit dem
gehrigen Avec und zur rechten Zeit!

Und wenn welche pfeifen?

Desto besser, die werden hinausgefuhrwerkt. Uebrigens habe ich mir noch
einen Hauptkerl fr derlei Sachen -- ein auerordentlich ntzliches
Mitglied, wie unser Director sagt, hier um zwlf Uhr herbestellt, weil
ich ihn nicht zu Hause traf.

So? kommt er?

Gewi; es ist eine Art verdorbenes Genie, der Gelegenheitsgedichte
und dergleichen macht und eigentlich mit dem Doctor befreundet; aber,
lieber Gott, er hat immer Durst; Ihr Wohl, Herr Stelzhammer, und ein
paar Gulden mehr auf die eine Seite knnen da schon 'was ausrichten!

Sie wissen, Herr Peters, da es mir auf ein paar Gulden nicht ankommt.

Sehr hbsch von Ihnen, Herr Stelzhammer, bemerkte Peters, wollte, ich
knnte dasselbe von mir sagen.

Wenn die Sache gut abluft, soll es Ihr Schade gewi nicht sein!

Was thut man nicht im Interesse der Direction, bemerkte Peters
bescheiden, und wenn uns der Rebe nur ein klein wenig hilft, und ich
bin fest berzeugt, er wird seine Sache gut machen, so -- aber da kommt
er, stie er pltzlich seinen Nachbar heimlich mit dem Ellbogen an.
Das ist der Hauptmatador von Allen -- aber jetzt ruhig, da er nichts
merkt. Lassen Sie mich nur machen.

Der Eintretende war eine ganz auffallende Erscheinung, ein baumstarker
Mensch mit blonden Haaren und blauen, etwas verschwommenen Augen. Die
Nase dabei ein wenig gerthet, das Gesicht unrasirt, ging er, in einen
braunen, sehr abgetragenen Ueberrock, trotz der warmen Witterung, bis
oben hin eingeknpft, so da auch nicht die Spur von reiner Wsche
sichtbar wurde. Den Hut hatte er dabei keck und zuversichtlich auf einem
Ohr sitzen und in der Hand trug er ein dickes spanisches Rohr.

Wie er in die Thr trat, warf er einen Blick in das noch sehr sprlich
besetzte Zimmer, bemerkte Peters, nickte ihm huldvoll zu, hing dann
ebenfalls seinen Hut an den Nagel und setzte sich, ohne Jeremias weiter
zu beachten, dem Theaterdiener gerade gegenber.

Wollen Sie mit essen? fragte der etwas schmutzig aussehende Kellner
ohne viele Umstnde, Graupen und Rindfleisch!

Danke -- Glas Bier! war die Antwort. Nun, Peters, wie geht's? Was
treibt Ihr?

Haben Sie denn schon gegessen, Herr Walther? fragte dieser.

Ich? -- hm -- nein -- speise gewhnlich spter...

Na, aber dann zur Gesellschaft. -- Heh, Kellner, Couvert fr den
Herrn! rief Peters, der sich alle gesellschaftlichen Formen angeeignet
hatte. Die Herren kennen sich wohl noch nicht? Herr Walther, eine
literarische Gre; Herr Stelzhammer, ein Kaufmann aus Brasilien!

Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen, sagte Herr Walther mit
einem vllig gleichgltigen Gesicht, indem er verlangend nach dem eben
gebrachten Bier hinber sah, und auch drei Viertel des Glases auf einen
Zug leerte. Was wollten Sie denn, Peters? Sie waren bei mir im Hause.
Ich hatte einige Besuche zu machen.

Sind Sie schon auf heut Abend engagirt, Herr Walther? fragte Peters,
der weitere Umstnde nicht fr nthig hielt.

Herr Walther nickte einfach, whrend er die fr ihn bestellten
Speisen in Empfang nahm und trotzdem, da er sonst spter speiste, mit
auerordentlichem Erfolg zu bearbeiten begann.

Alle Wetter, rief Peters, das wre mir aber nicht lieb! Sie selber
wrden viel dabei versumen, Herr Walther, denn es liegt uns viel daran,
da die Vorstellung heut Abend eine befriedigende ist!

So? sagte Herr Walther.

Aber vielleicht liee es sich doch noch vereinigen.

Mchte wohl schwerlich gehen, Peters, -- ich werde pfeifen, sagte der
Herr mit einer bodenlosen Ruhe.

Jeremias zuckte zusammen, Peters gab ihm aber unter dem Tisch einen Sto
mit dem Fu.

Hm, meinte er dann, als ob in der Antwort nicht das geringste
Auergewhnliche gelegen htte, das ist dann freilich etwas Anderes.
Schade, aber wenn's nicht ist, ist es nicht -- Sie htten inde ein
schn Stck Geld verdienen knnen!

Bah, sagte Herr Walther verchtlich, und kaute das nicht ganz zarte
Stck Rindfleisch, was Ihr schn Stck Geld nennt -- frei Entre und
einen halben Gulden Klopfgeld. Die andere Seite ist bequemer, dabei kann
ich die Hnde in den Taschen behalten.

Ja, halben Gulden, lachte Peters, da wret Ihr dieses Mal schn
angekommen -- mit halben Gulden wird sich nicht befat, aber, wie
gesagt, wenn's nicht ist, ist es nicht, und dabei fiel er wieder ber
das Rindfleisch her.

Herr Walther sa ihnen eine Zeit lang schweigend gegenber und sein
Blick streifte dabei ein paar Mal Jeremias. Da der mit darunter stak,
hatte er im Nu weg, und der Mann sah noch dazu aus, als ob er zahlen
knne. Er trank sein Bier aus.

Kellner, unsere Glser sind leer! sagte Jeremias, und Peters nickte
besttigend mit dem Kopf. Der Riese machte eine halbe Verbeugung gegen
den kleinen Mann, als Anerkennung seines Verdienstes um das ffentliche
Wohl, nahm aber das Gesprch nicht wieder auf und schien die Sache an
sich kommen zu lassen. Peters aber sagte auch nichts weiter, eine hchst
berflssige Bemerkung ausgenommen, da er heute einen entsetzlichen
Durst habe, und trank stark dabei.

Kellner, unsere Glser sind leer! rief Jeremias wieder nach einer gar
nicht etwa so langen Pause.

Bitte, sagte dieses Mal Herr Walther, schob aber doch dem Kellner sein
geleertes Glas hin. Die Stille wurde ihm aber unheimlich -- mit Essen
waren sie fertig. Jeremias nahm seine Cigarrentasche heraus, zndete
sich eine Cigarre an und offerirte dieselbe dann dem Gegenbersitzenden
und Peters. Beide Herren acceptirten.

Donnerwetter, sagte Peters, das ist 'was Feines -- allen Respect!

Ausgezeichnet, bemerkte Herr Walther, und blies den Rauch mit
Kennermiene durch die Nase. Sein =vis--vis= stieg augenscheinlich in
seiner Achtung; Strohwisch rauchte nichtswrdige Cigarren.

Der kleine Jeremias war aber ein praktischer Geschftsmann und fhlte,
da jetzt die beiden wrdigen Leute viel besser mit einander zu Stande
kommen wrden, wenn er nicht dabei wre. Seine Gegenwart strte mehr,
als da sie half. Er stand auf und sagte: Ach, lieber Herr Peters, Sie
entschuldigen mich wohl; ich habe noch in der Nachbarschaft etwas zu
thun und hole Sie in einer Viertelstunde wieder ab, berichtigt ist Alles
-- habe die Ehre -- und dabei drckte er dem Theaterdiener noch einen
Zehngulden-Schein in die Hand, aber so, da Herr Walther Zeuge der
Bewegung sein mute. Dann machte er einen kleinen Spaziergang, und
zwar eine volle Viertelstunde. Als er aber wieder in die Schenke
zurckkehrte, fand er Peters allein vor, der mit freudestrahlendem
Gesicht hinter einem frischen Kruge Bier sa.

Nun?

Alles in Ordnung, lachte dieser, Sie alter Menschenkenner Sie --
capital gemacht -- ausgeeugnet. Mit Ihnen mchte ich fter zu thun
haben. Donnerwetter, wenn ich da bedenke, wie zh unser Alter ist!

Und er wird _nicht_ pfeifen? sagte Jeremias.

Das Unmgliche drfen wir nicht verlangen, erwiderte achselzuckend
Peters, aber -- er lt sich 'rausschmeien, und damit haben wir Alles
gewonnen. -- Ja, Sie lachen, fuhr Peters halb beleidigt fort, aber
glauben Sie etwa, da das eine Kleinigkeit ist? Wenn _der_ Stand halten
will, bringen ihn zwlf Menschen nicht hinaus, und zu groen Skandal
mssen wir vermeiden, sonst mischt sich doch die Polizei hinein. So aber
ist Alles in Ordnung. Pfeifen mu er, das sieht ein Kind ein; er hat das
Geld dafr schon genommen, aber er bleibt nahe an der Thr stehen,
dann fuhrwerken wir ihn wie der Wind hinaus, und damit ist der ganzen
Opposition die Spitze abgebrochen.

Und das kostet?

Ein Heidengeld -- fnfzehn Gulden; er wollte es aber nicht einen
Kreuzer billiger thun. Seine Ehre stnde auf dem Spiel.

Gut, lachte Jeremias vergngt; kommt nicht darauf an, und fr die
Uebrigen stehen Sie?

Jetzt habe ich keine Sorge weiter, rief Peters, nun mu ich aber
fort. Donnerwetter, es ist schon ein Uhr vorbei, und ich kann nur die
Beine unter die Arme nehmen!

Haben Sie noch etwas getrunken?

Nur noch vier Glas -- das geht jetzt mit auf die groe Rechnung --
also adieu, Herr Stelzhammer, bei Pompeji sehen wir uns wieder. Und mit
einer eleganten Verbeugung scho er aus dem Zimmer.--

Fiesco oder die Verschwrung zu Genua. Fiesco, Graf von Lavagna -- Herr
Rebe stand mit gro gedruckten Buchstaben auf den feuerrothen Zetteln,
die berall in der Stadt angeklebt waren und die Augen auf sich lenken
muten.

Zugleich hatte sich aber -- wer wei denn durch wen solche Sachen
bekannt werden -- das Gercht verbreitet, Rebe wrde heut Abend
ausgezischt werden, und wer nicht aus Theilnahme fr das Stck und die
Darsteller hineinging, suchte sich ein Billet zu verschaffen, um den
Skandal mit anzusehen, so da schon um vier Uhr an der Kasse smmtliche
Pltze vergriffen waren.

Insofern hatte der Director also ganz richtig speculirt. Er bekam ein
ausverkauftes Haus, sogar das Orchester mute gerumt werden, und im
Uebrigen war er nach keiner Seite hin gebunden; er konnte da Resultat
ruhig mit ansehen.

Rebe selber erfuhr von allen den gegen und fr ihn gespielten Intriguen
natrlich nichts, denn er hielt sich den ganzen Tag in seinem Zimmer
verschlossen, um seine Rolle noch einmal fleiig durchzugehen. Ein paar
Mal hrte er Schritte auf der Treppe, und es klopfte bei ihm an, aber
er gab keine Antwort; denn nur dem Theaterdiener hatte er ein bestimmtes
Anpochen gelehrt, wie er sich bemerklich machen sollte, wenn er
vielleicht irgend etwas von der Direction zu bestellen htte. Aber
dieser kam nicht, und allen Anderen blieb die Thr verschlossen.

So kam die Theaterzeit heran, und schon eine Stunde vor Oeffnung der
Kasse drngte sich das Publikum der Gallerie und des Steh-Parterres vor
den verschiedenen Thren des Eingangs, mit Ungeduld die Erschlieung
derselben erwartend, und kaum geffnet, fllten sich die Rume.

Die =haute vole= kam spter, aber sie kam, denn Viele hatten an jenem
ersten Abend dem so pltzlichen Auftreten Rebe's nicht beiwohnen knnen,
und man war berhaupt neugierig geworden, wie sich ein junger Knstler,
den man bis jetzt gewohnt gewesen als Statisten zu betrachten,
entwickeln wrde. Auerdem sollte er ja auch des vielbesprochenen Handor
Platz einnehmen. Wirkliches Interesse fr ihn fhlten nur Wenige. Was
kmmerte sie der Schauspieler, sie wollten sich amsiren, und wenn es im
Theater ein wenig Skandal gab, desto besser; welchen trefflichen
Unterhaltungsstoff hatte man dann wieder auf morgen! Da die Existenz
eines jungen Talents auf dem Spiel stand -- wer dachte daran, oder
sorgte sich deshalb?

Wie die Vorstellung aber heranrckte, wurde dem Director doch nicht
wohl bei der Sache, denn durch seine Kundschafter hatte er schon lange
erfahren, was fr den Abend beabsichtigt, und wer dabei betheiligt war.
Und wo stak Peters? Ob er des Menschen wohl habhaft werden konnte, der
wie ein losgelassener Irrwisch in der Stadt umherscho! Aber was konnte
ihm Peters auch helfen?

  Was will gescheh'n, es mag gescheh'n!

declamirte er mit Pathos vor sich hin und ging dann in's Theater und auf
die Bhne, um zu sehen, ob dort wenigstens Alles in Ordnung und keine
Strung zu befrchten wre.

Den Schauspielern selber hatte die Stimmung im Publikum aber auch nicht
verborgen bleiben knnen, und sie wuten aus eigener Erfahrung, welch
bses Zeichen es ist, wenn schon im Voraus bei einem Stck Skandal
angekndigt wird. Es giebt immer eine Masse nutzloses Volk, das mehr
Freude daran, als an einer guten Auffhrung findet, und zuletzt den
Skandal, wenn er wirklich nicht ausbrechen sollte, provocirt.

Sie Alle wuten aber nicht, wie des Doctors Strohwisch boshafter Artikel
durch den Aufsatz ber die Monford'sche Familie vllig paralysirt
worden. Der bessere Theil des Publikums, und, Gott sei Dank, bei jedem
Publikum die Mehrzahl, war entschieden entrstet darber, und dadurch
auch fest entschlossen, seinen Beifall nicht zurckzuhalten, wenn ihn
der Schauspieler wirklich verdienen sollte. Was sich dann im Parterre
vorbereitete, mute man eben abwarten.

Um sechs Uhr sollte die Vorstellung beginnen. Etwa eine halbe
Stunde vorher betrat Jeremias, ziemlich erschpft von dem heutigen
ereignivollen Tag, Graf Rottack's Wohnung und wurde von dem Diener, der
ihn rasch wiedererkannte, sogleich gemeldet.

Graf Rottack war allein im Zimmer, als Jeremias in einer Transpiration,
die nichts zu wnschen brig lie, dasselbe betrat.

Nun, Jeremias, wie geht's? redete ihn der junge Graf freundlich an.
Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen. Was treiben Sie?

Was ich in meinem Leben nicht geglaubt htte, Herr Graf, sagte der
kleine Mann, sich den ganzen Kopf abtrocknend; ich werbe Leute an, um
im Theater zu applaudiren.

Wollen Sie selber auftreten? lachte Felix. Dann stelle ich Ihnen
meine Hnde ebenfalls zur Verfgung.

Danke Ihnen, nickte Jeremias, ich nehme sie an, wenn auch nicht fr
mich selber. Aber ich bin Ihnen noch die Erzhlung von meinem neulichen
Abenteuer schuldig, und wenn Sie einen Augenblick Zeit htten, denn
lange kann ich selber nicht...

Setzen Sie sich, Jeremias -- fr Sie immer.

Jeremias lie sich nicht lange nthigen und erzhlte jetzt dem jungen
Grafen mit kurzen Worten zwar, aber immer dabei nur das Hauptschlichste
hervorhebend, seine eigene kleine Familienangelegenheit, zu welcher
der Schauspieler Rebe und dessen neulicher Erfolg in engster Beziehung
stand; dann die Bosheit jenes Literaten und sein neuliches Begegnen
mit demselben, und jetzt dessen rachschtige Machinationen, um den ihm
verhaten Menschen zu strzen, und seine eigene Contremine dagegen.

Rottack, welcher der Erzhlung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
gelauscht, denn Handor's Flucht stand ja in der genauesten Beziehung
dazu, seufzte tief auf.

Wie wunderbar das in der Welt ist, sagte er, da Eines Glck des
Andern Elend birgt! Whrend durch jenes Menschen Flucht Ihr junger
Freund Lorbeern erntet und sich eine Existenz erringt, geht auf der
andern Seite darber ein altes edles Haus zu Trmmern.

Ja, Du lieber Gott, sagte Jeremias achselzuckend, wie manches edle
Haus wird auch mit dem Untergang vieler armen Familien aufgebaut! Wer
kann's ndern? Der Himmel helfe dem nur, den's trifft; wir Anderen
schwimmen indessen sachte weiter. Aber, Herr Graf, was ich Sie fragen
wollte: gehen Sie heut Abend in's Theater?

Ich hatte nicht die Absicht, Jeremias. Meine arme Helene fhlt sich
noch recht angegriffen, und ich selber bin, aufrichtig gestanden, gerade
nicht in der Stimmung, Komdie zu sehen.

Sollte mir sehr leid thun, sagte Jeremias, ich hatte fest auf Sie
gerechnet.

Auf mich?

Ja, und Ihnen auch schon ein Billet besorgt fr den ersten Rang.

Fr mich? lachte Felix. Aber, bester Jeremias, wenn ich das Theater
besuchen wollte, wrde ich mir doch das selber besorgen.

Kriegen aber keins mehr, rief Jeremias, das ist ja gerade die
Geschichte, nicht um eine Million; Alles ausverkauft bis in die Puppen
hinauf.

So voll wird es?

Na, da kommen Sie schn an; die eine Hlfte von Haburg sitzt drin und
die andere steht vor der Thr.

In der That? Und hat Ihr Rebe wirklich brav gespielt?

Das nicht allein, er ist auch ein ehrlicher, anstndiger Kerl, der sich
auf so gemeine Kniffe nicht einlt, und da...

Haben _Sie_ ihm das besorgt, lchelte Felix.

's ist beinahe so 'was; aber thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie,
'sist wahrhaftig ein gutes Werk!

Und ich soll auch applaudiren?

Was Sie knnen; ziehen Sie nur keine Glachandschuhe an, es flappt
besser.

Das ist nicht bel, lachte Rottack gerade heraus; da werben Sie mich
also mit einem Freibillet zum Claqueur?

Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber hauen Sie nur tchtig ein, rief der
kleine unverwstliche Bursche; ich wirke unten.

Graf Rottack schttelte den Kopf. Gut, Jeremias, sagte er endlich,
ich will gehen.

Bravo! Der erste Rang ist die Hauptsache.

Aber ich habe eine Bedingung zu stellen.

Stellen Sie.

Sie sind mit vielen Leuten des Theaters bekannt?

Jeremias nickte.

Schn, so bitte ich Sie, genaue Nachforschungen zu halten, ob jener
Handor nicht wieder irgendwo aufgetaucht und wo er dann zu finden ist.

Der ist Ihnen wohl auch noch schuldig? rief Jeremias. Ja, der hat
Gott und die Welt angepumpt.

Das nicht, lchelte Graf Rottack; aber mir liegt sehr viel daran,
seinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren, und ich wrde Ihnen
unendlich dankbar sein, wenn Sie mir Auskunft darber brchten.

Ja, was an mir liegt, mein lieber Herr Graf, da knnen Sie sich fest
darauf verlassen. Ich habe freilich noch nicht viel Bekannte, aber
Pfeffer kennt die ganze Theaterwelt von A bis Z, und was der Eine
da nicht wei, wei der Andere. Irgendwo mu er ja doch wieder zum
Vorschein kommen.

Also verlasse ich mich auf Sie.

Das knnen Sie, und wenn -- Hurrjeh, da schlgt's Sechs -- machen Sie,
da Sie hinberkommen! Und wie der Blitz war er zur Thr hinaus.

Er hatte sich auch in der That nicht verhrt; die Schlouhr schlug
gerade noch, als er vor die Thr trat, und er lief jetzt mehr, als er
ging, dem Theater zu, um sich, dort angekommen, zu seinem Sperrsitz
durchzuarbeiten.

Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jeremias hatte gerade
noch Zeit, einen Blick im Theater selber umher zu werfen, wo Kopf an
Kopf dicht gedrngt sa, als der Vorhang aufging.

Frulein Rottenhfer als Leonore trat auf; aber sie spielte heut Abend
befangen, und kein Wunder, denn berall im Theater hatte sich schon das
Gercht eines beabsichtigten Tumults kund gegeben, und die Schauspieler
selber konnten unmglich unter diesem Eindruck ihre Ruhe bewahren.

Pfeffer, heute brigens nicht beschftigt, ging in Todesangst hinter der
Scene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, und der Director
selber hatte sich in seine kleine, vllig versteckte Loge geflchtet,
von wo er Alles bersehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.

Jetzt kam die vierte Scene mit Julia und Fiesco, und im Parterre lachte
Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu frh und wurde Ruhe
geboten.

Rebe bertraf sich selber; mit voller Ruhe und edlem Anstand und zuletzt
mit glhender, hinreiender Leidenschaft spielte er die Scene durch.
Seine ganze Persnlichkeit pate dabei vortrefflich zu dem Grafen
Lavagna; ein reiches, geschmackvolles Costm hob sie noch mehr hervor,
und die Damen waren entzckt von ihm.

Im Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflstert, aber
da bei seinem Abgang kein Zeichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb
auch jede Gegendemonstration.

Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach dem ihm bekannten
Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottack noch nicht
erschienen wre.

Jetzt trat Fiesco wieder auf, und in der nchsten Scene mit den drei
schwarzen Masken erschien auch Graf Rottack und nahm seinen Platz ein.
Auch diese Scene ging vorber und die mit Bourgognino, und jetzt kam die
Hauptscene mit dem Mohren, den Hfken ganz vortrefflich gab. Aber auch
hier regte sich noch nichts. Es war ordentlich, als ob Alle, die Rebe's
Spiel befriedigte, gefrchtet htten, durch irgend ein Beifallszeichen
den angedrohten Tumult hervorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge
Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in
Nachtheil setzen konnte.

Der Vorhang fiel, Todtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in
ein lautes Flstern auflste. Jeremias war aufgestanden und hatte sich
umgedreht. Sein Blick fiel auf ein rothes, dickes Gesicht mit blonden
Haaren, das ihm lchelnd zunickte, -- das war richtig Herr Walther. Er
stand nicht weit von der Thr, und wie er weiter suchte, erkannte er
auch mitten im Parket, aber auf einer der letzten Bnke desselben, den
Doctor Strohwisch, der ihn hmisch und wie triumphirend belorgnettirte.
Jeremias lief die Galle ber. War der Bursche seines Sieges so gewi?

Aber der Vorhang ging wieder auf, und jetzt lie sich die fr Alle
unertrglich werdende Aufregung nicht lnger zurckhalten.

Schon in Fiesco's erstem Auftreten mit dem Mohren sprach Rebe die Worte:
Von einem Schurken das anzuhren! so ganz vortrefflich, da im ersten
Range Einige applaudirten, unter ihnen Rottack; im Parterre wurde darauf
an zwei, drei Orten gezischt, aber das konnte auch Ruhe bedeuten. Damit
aber hatte der Kampf begonnen, denn die vorhin ihren Beifall gezeigt,
rgerten sich jetzt, da sie Jemand daran verhindern wollte.

Das Flstern steigerte sich whrend der folgenden Scenen, die Rebe ganz
vortrefflich gab, wozu Director Krger hinter seinem Gitter fortwhrend
beifllig mit dem Kopf nickte; und als er sich vom Mohren den Arm ritzen
lie und mit dem Ausruf: Mrder! Mrder! Besetzt die Wege, -- riegelt
die Pforten zu! abstrzte, kam es zum Ausbruch.

Jetzt wurde nicht allein vom Parterre aus, sondern auch vom ersten und
zweiten Range lebhaft applaudirt, whrend an den verschiedensten Stellen
das Zischen die Bravos zu bertuben suchte.

Leonore und Rosa traten rasch auf, konnten aber nicht zu Worte kommen
und zogen sich bestrzt zurck. Darber wurde gelacht, und jetzt ertnte
der erste Pfiff, mit dem Herr Walther selber das Zeichen gab und der an
verschiedenen Seiten ein Echo fand.

Da haben wir's, sthnte Krger und sank in seinen Stuhl zurck; oh,
dieser Strohwisch!

Aber die Opposition war strker, als die Pfeifer vermuthet hatten.
Im Parterre wurde eine Bewegung bemerkbar, und nach verschiedenen
Richtungen hin drngten sich Menschen, whrend Parket und erster Rang
pltzlich fest entschlossen schienen, ihren mit Recht gespendeten
Beifall nicht bertuben zu lassen.

Rebe heraus! tnte es auf einmal an verschiedenen Stellen, und ein
gellendes Pfeifen antwortete, -- das war Strohwisch selber.

Hinaus mit dem Lump! rief Jeremias, der sich nicht mehr migen, aber
auch nicht von seinem Platz konnte, wo er eingekeilt sa. Wieder pfiff
es rechts und links. Aber Hinaus, hinaus mit den Kerlen! Rebe heraus!
Bravo, bravo! tobte es jetzt von allen Seiten, und Herr Walther, der in
voller Gemthsruhe unter einer Parketloge lehnte und laut vor sich hin
pfiff, als ob er sich ganz allein in einer einsamen Gegend befnde, sah
sich pltzlich von zu ihm andrngenden Leuten gefat und fortgeschoben.

Na, holla, rief er, was ist das? Ich habe meinen Platz bezahlt!
Aber er leistete dabei nur geringen Widerstand, und Strohwisch, der
aufgesprungen war, beobachtete in ziemlicher Spannung die Entfernung
seiner Hauptsttze.

Rebe heraus! schrie es jetzt wieder von verschiedenen Seiten, und ein
schallender Applaus folgte.

Wieder Zischen und Pfeifen, aber schon bedeutend in der Minoritt und
nur vereinzelt. Rebe heraus! schrie das Publikum, und links und
rechts wurden indessen einige rthselhafte Individuen aus dem Parterre
hinausgeworfen. Rebe heraus!

Krger war auf die Bhne gesprungen. Rebe weigerte sich, hinaus zu
gehen, aber auf des Directors Bitten und Beschwrungen gab er endlich
nach und trat hinaus.

Strmischer Applaus und ein einzelner gellender Pfiff dazwischen, den
der von Verzweiflung getriebene Recensent als letzten Versuch selber
ausgestoen. Jetzt aber war die Geduld des Publikums auch erschpft.

Hinaus mit ihm! schrieen die ihm Nchsten, whrend das brige Publikum
nur so viel strker applaudirte. Strohwisch wollte sich wehren --
umsonst; er klammerte sich an die Parketlehne -- umsonst. Krftige Arme
hatten ihn gefat, und whrend Rebe unter rauschendem Applaus abging,
befrderte das Parterre mit einer merkwrdigen Geschwindigkeit und unter
dem noch fortwhrend lebhaften Applaudiren des ersten Ranges und dem
Jubelgeschrei der Gallerie den unglcklichen Recensenten vor die Thr.

Jetzt hatte Rebe gesiegt. In der Scene mit dem Maler und nachher mit
den Verschworenen wurde er rauschend applaudirt, ohne da die Opposition
auch nur einen Gegenlaut gewagt, nach dem Acte wie nach allen brigen
Acten strmisch, und zum Schlusse sogar, etwas Unerhrtes fr Haburg,
dreimal hervorgerufen.

Krger umarmte ihn auf der Bhne vor allen brigen Mitgliedern und bat
sich seinen Besuch auf morgen frh aus, und das Publikum ging mit dem
beruhigenden Gefhl nach Hause, seinen Willen durchgesetzt und sich
vortrefflich amsirt zu haben.

Da Rebe ein ausgezeichneter Schauspieler sei, darber war von dem
Augenblick an nur Eine Stimme in Haburg, und sein Triumph wurde
vollkommen, als am nchsten Morgen die Nachricht die Stadt durchlief,
da der Eigenthmer des Stadtblattes Herrn Doctor Strohwisch die
Redaction des Feuilletons gekndigt habe.

Der boshafte Aufsatz ber die Monford'sche Familie hatte ihm den Hals
gebrochen.




29.

Der Maulwurfsfnger.


In der Stadt Leben und Bewegung, lrmende Vergngungen und frhliches
Schaffen und Drngen -- drauen auf dem Monford'schen Stammsitz dumpfe
Schwle und Grabesruhe.

Ja, die Sonne schien noch so warm und golden auf die schattigen
Waldungen und den sorgfltig gehaltenen Rasen nieder, die Blumen blhten
und dufteten wie vordem, der kleine Bergstrom rieselte rasch vorbei und
rauschte und plauderte, und die Nachtigallen sangen Abends ihr wunderbar
ergreifend Lied; aber still und geruschlos glitten die Diener in
dem alten Schlosse umher, ffneten und schlossen die Thren leise und
vorsichtig und sprachen nur flsternd mit einander.

Der alte Graf hatte sich bis jetzt noch einigermaen wohl gefhlt,
wenigstens jeden Tag seinen kurzen Spaziergang gemacht. Gestern Abend
aber, noch in spter Stunde, war er pltzlich wieder, gerade als ihm der
Haushofmeister seinen Thee in's Zimmer brachte, vom Stuhle gefallen und
lag jetzt in dumpfem Hinbrten in seinem Bette.

Der Ober-Medicinalrath war noch in der Nacht von Haburg herausgeholt
worden und sa an dem Lager des Kranken. Das war keine Ohnmacht mehr
gewesen; der Tod hatte deutlich an des Lebens Pforte geklopft, und der
alte Arzt fhlte wieder und wieder den Puls des Kranken, stand dann auf,
ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder am Bett nieder.

Die Grfin kam nur selten in das Zimmer des Kranken, der allerdings
nicht bewutlos, aber vollkommen theilnahmlos auf seinem Bette lag. Er
beantwortete auch keine der an ihn gerichteten Fragen, sah wohl nach der
Thr, wenn sich diese ffnete, starrte dann aber wieder halbe Stunden
lang zur Decke empor.

Des Ober-Medicinalraths Famulus war indessen von der Grtnerwohnuug
herber gekommen, um Bericht abzustatten und den Arzt zu bitten, sich
den Verwundeten dort oben selber einmal anzusehen. Es ging sehr schlecht
mit ihm, und er frchtete, da eine Amputation an der Stelle unmglich
war, das Schlimmste. Die Wunde nahm ungewhnlich rasch einen bsartigen
Charakter an, da sich der Verwundete noch auerdem in heimlicher Weise
Branntwein verschafft und unmig davon getrunken hatte.

Der Ober-Medicinalrath schttelte ungeduldig mit dem Kopf, versprach
aber im Laufe des Morgens hinber zu kommen, und fragte, ob sich der
Geschossene nicht transportiren liee.

Es war ganz unmglich; bei der geringsten Bewegung schrie er laut auf.

Der alte Maulwurfsfnger befand sich wirklich in einer bsen Lage
und hatte die ganze Nacht ein heftiges Fieber gehabt. Erst mit der
Morgendmmerung lie das etwas nach, und er fiel dann in einen unruhigen
Schlaf, aus dem er manchmal mit einem Schrei emporschreckte. Gegen
zehn Uhr wachte er auf und a etwas Wassersuppe, aber er fhlte sich
todesmatt. Als ihm der junge Arzt nachher die Wunde verband, betrachtete
er sie selber auch kopfschttelnd und sagte dann, indem er ihn fest
ansah:

Hren Sie 'mal, Herr Doctor, die Rnder gefallen mir nicht; ich habe in
meinem Leben schon zu viel Derartiges gesehen. Das kommt mir beinahe vor
wie der Brand -- hm?

So weit ist's noch nicht, beruhigte ihn Frank, aber wenn Ihr noch
einen Tropfen Branntwein trinkt, steh' ich Euch fr nichts.

Ja, jetzt hat's der Branntwein gethan, nickte der Alte vor sich hin.
Da Ihr Doctoren doch immer genau wit, woher es kommt, aber nie,
wohin es geht! Ich merke schon, wie die Geschichte ist, faul, berfaul,
und... Er bi vor Schmerz die Zhne aufeinander und fiel, whrend der
Arzt die geffnete Wunde wieder verband, auf sein Kissen zurck.

So lag er wohl eine halbe Stunde. Der Arzt war fortgegangen, und die
alte Wrterin, die ihn pflegen mute, da man dem Kind im Hause das nicht
Alles berlassen konnte, war hinunter in die Kche gestiegen, um sich
ihr Mittagessen zu bereiten. In der Zeit mute dann immer des alten
Jonas Enkelin bei ihm sitzen, um die Wrterin rufen zu knnen, wenn er
etwas verlangte, oder ihm selber vielleicht eine kleine Handreichung zu
thun.

Der Verwundete hatte eine Weile still gelegen Und auf seine Decke
niedergestarrt. Endlich sagte er leise:

Brbel!

Ja, Herr Fritz, antwortete die Kleine, welche am Fenster stand und auf
die grnen Bsche hinausschaute, wollt Ihr Wasser? Ich habe frisches
mit heraufgebracht.

Nein, Kind, jetzt nicht, antwortete der alte Maulwurfsfnger; aber
willst Du mir einen recht groen Dienst erweisen?

Ich darf Euch keinen Branntwein wieder bringen, sagte die Kleine
erschreckt; der Herr Doctor hat so mit mir gezankt.

Das sollst Du auch nicht, Kind, lautete die matte Antwort; den
letzten in diesem Leben werde ich wohl getrunken haben. Hast Du mir
nicht gesagt, da Du jeden Tag zur Frau Grfin hinaufgehst und ihr
Blumen bringst?

Ja, Herr Fritz, wenn die alte Rosie wieder zu Euch heraufkommt, gehe
ich gleich. Grovater hat sie schon abgepflckt -- immer Mittags.

Und siehst Du die Grfin selber?

Ja, jedesmal; ich gehe immer gleich zu ihr in's Zimmer -- ich darf.

Willst Du mir einen Gefallen thun?

Recht gern, wenn ich kann.

Der alte Maulwurfsfnger schwieg, zog aber von dem kleinen Finger der
linken Hand einen schmalen Goldreif mit einem kleinen grnen Stein
herunter. Vor acht Tagen noch war der Ring in's Fleisch gewachsen
gewesen, da man ihn fast gar nicht mehr sehen konnte; jetzt fiel er
fast von selber ab.

Willst Du mir auch versprechen, Brbele, da Du keinem Menschen etwas
von dem, was ich Dir jetzt sage, erzhlst?

Es ist doch nichts Bses? fragte das Kind erschreckt.

Nein, Brbele, nichts Bses, im Gegentheil, vielleicht macht es mich
wieder gesund. Aber hre, Kind; den Ring hier -- verlier ihn mir ja
nicht -- den Ring nimmst Du mit hinauf zur Frau Grfin, und wenn Du ihr
die Blumen bringst, gieb ihr den Ring und sag' ihr, hier bei Euch im
Hause liege Jemand krank und wnschte sie noch einmal zu sprechen.

Aber die Frau Grfin soll doch nicht zu Euch herberkommen? sagte das
Kind bestrzt; das thut sie gewi nicht.

Gieb ihr nur den Ring, Herz, bat der Maulwurfsfnger, und richte aus,
was ich Dir gesagt habe, weiter nichts. Willst Du das thun?

Gewi; das ist nichts Bses.

Und Du sprichst mit keinem Menschen darber?

Ich will's Keinem sagen, ich verspreche es Euch, und was man
verspricht, mu man halten, meinte die Mutter selig immer.

Ich danke Dir, Brbel; ich werd's Dir auch gedenken. Geh jetzt mit
Deinen Blumen, je frher Du hinauf auf's Schlo kommst, desto besser;
denn -- wer wei, wie lange es noch mit mir dauert.

Aber ich kann doch jetzt nicht fort, bis die Rosie wieder heraufkommt.

Geh nur, Kind, ich brauche jetzt nichts; ich schlafe so lange, und da
ist's besser, wenn ich Ruhe habe.

Die Kleine zgerte einen Augenblick. Es war ihr nicht recht, da sie
ihre Pflicht versumen solle -- aber der Kranke bat sie so sehr.

Ich will der Rosie sagen, da sie dann und wann einmal heraufguckt,
und der Grovater mu auch gleich heimkommen, nickte sie, band den Ring
dann in ihr kleines Taschentuch, da sie ihn ja nicht verlor, und stieg
die Treppe hinab, um den Auftrag auszufhren. --

In ihrem Zimmer am offenen Fenster stand die Grfin Monford in Trauer
gekleidet und sah gedankenvoll auf das freundliche Landschaftsbild
hinaus, das sich, jetzt freilich unbeachtet, unbewundert, vor ihr
entfaltete. Aber wie auch ihr Herz gebrochen sein mochte, ihr Stolz war
es nicht, ja, es schien weit eher, als ob er sich durch die furchtbaren
Verluste, die sie erlitten, noch mehr gehrtet, noch unzugnglicher
diese Brust einem wrmeren Gefhl gemacht habe.

Whrend ihres Gatten Krankheit waren noch zwei Briefe an diesen
eingelaufen, und zwar von Handor selber an den Grafen adressirt, doch
ohne nur einen Aufenthaltsort anzugeben, und so frech und unverschmt
nur Geld, groe Summen fr sich fordernd, ja, sogar mit Drohungen im
Falle der Weigerung gefllt, da die Grfin sie im auflodernden Zorn
zerstrte. Und _dieses_ Menschen wegen hatte die eigene Tochter ihre
Eltern verlassen!

Kein Schmerz lag auch jetzt in den Zgen der finstern Frau; das war
Trotz allein, starrer, unbeugsamer Trotz dem Schicksal gegenber,
und whrend ihr thrnenloses Auge unter den zusammengezogenen Brauen
hervorblitzte, ballte sich unwillkrlich die weie, mit Ringen bedeckte
Hand, als ob sie einem Feind begegne -- und doch stand ihr kein Feind
gegenber; nur in der eigenen Brust wohnte er, und klopfte und bohrte
und mute gewaltsam niedergehalten werden.

Ueber den Gartenplatz kam die kleine Brbel mit ihren Blumen, sah die
Grfin am Fenster stehen und machte ihren Knix. Aber die Grfin bemerkte
sie gar nicht, wenn auch ihr Blick sie streifte, bis das Kind endlich,
das von der Dienerschaft immer unbelstigt hinaufgelassen wurde, drauen
schchtern anklopfte.

Niemand antwortete; Brbel klopfte noch einmal, und da noch immer keine
Antwort erfolgte, ffnete sie die Thr. Es war schon oft vorgekommen,
da sich die Frau Grfin nicht in ihrem Zimmer befand; dann ging sie
doch hinein und legte ihr die Blumen auf den Tisch. Heut aber mute sie
ja drin sein, Brbel hatte sie selber am Fenster gesehen. Wie sich die
Thr ffnete, drehte sich die Grfin um und erblickte das Kind; Brbel
war ihr Pathchen, und sie hatte die Kleine immer gern gehabt.

Gr Gott, Frau Grfin! sagte das Kind mit einem tiefen Knix, indem
sie ihr den Strau entgegenhielt; hier bring' ich die Blumen.

Ich danke Dir, Brbel; leg' sie nur auf den Tisch, ich werde sie selber
in die Vase stellen.

Die Kleine gehorchte und blieb dann zgernd stehen.

Willst Du noch etwas, Brbel?

Brbel drehte das Tuch verlegen in der Hand herum und knpfte dann den
Ring heraus. Ja, Frau Grfin, flsterte sie; bei uns liegt der arme
Mensch krank, der Maulwurfsfnger...

Ja, ich wei, er ist vom Frster geschossen.

Ja, sehr, und da -- da hat er mich heute gebeten...

Nun, um was, Brbel? Braucht er etwas?

Nein, Frau Grfin, sagte die Kleine ngstlich, denn es kam ihr jetzt
gar so entsetzlich vor, da sie bestellen sollte, der alte, schmutzige
Maulwurfsfnger wolle die Frau Grfin sprechen; nein, er hat Alles und
die alte Rosie pflegt ihn.

Und was will er sonst? Was hast Du da, Brbel?

Den Ring hat er mir gegeben, sagte das Kind, jetzt gewaltsam Muth
fassend, denn es hatte ja versprochen den Auftrag auszurichten; ich --
ich sollte ihn Euch bringen, Frau Grfin.

Mir? rief die Grfin erstaunt. Von wem?

Von dem alten Fritz, und er mchte -- er meinte, er -- er wre recht
krank -- und er mchte die Frau Grfin gern sprechen. Das Kind seufzte
recht aus voller Brust auf -- jetzt war's heraus.

Die Grfin schttelte noch immer erstaunt mit dem Kopf; es mute da
jedenfalls ein Irrthum obwalten, und die Kleine hatte irgend einen
Auftrag verkehrt ausgerichtet. Und zu _mir_ solltest Du den Ring
bringen?

Ja, zu Euch, Frau Grfin, und ihn Euch selber in die Hand geben.

Die Grfin streckte den Arm aus, und das Kind reichte ihr den kleinen
Goldreif, den sie mit zwei Fingern nahm und gleichgltig einen Moment
betrachtete; aber pltzlich wurde ihr Blick stier und haftete wie
entsetzt auf dem einfachen Schmuck.

Wer gab Dir den Ring, Brbel? fragte sie und fate des Kindes
Schulter. Wer? Wo kommt er her?

Ach, Frau Grfin, ich kann ja nichts dafr! bat die erschreckte
Kleine; der kranke Mann gab ihn mir.

Der Geschossene?

Ja, Frau Grfin.

Und wie heit er?

Ja, das wei ich nicht, sagte Brbel, immer schchterner werdend;
Fritz heit er, den alten Fritz nennen sie ihn im Dorfe.

Wo hat er den Ring her? fragte die Grfin, aber mehr mit sich selber,
als mit dem Kinde sprechend.

Ja, das kann ich Euch auch nicht sagen, rief die Kleine, immer
ngstlicher werdend. Er wird ihn doch nicht gestohlen haben? Ich sollte
keinem Menschen etwas davon erzhlen; aber ich kann ja wahrhaftig nichts
dafr!

Nein, Brbel, beruhige Dich, sagte die Grfin, sich gewaltsam fassend,
ich wei, Du kannst nichts dafr; Du bist ein gutes Kind und hast nur
Deinen Auftrag ausgerichtet. Also ist der Mann wirklich so krank und
kann nicht ausgehen?

Ach Du lieber Gott, sagte die Kleine, nicht einmal tragen knnen
sie ihn; sehr krank ist er. Aber er wird den Ring doch nicht gestohlen
haben?

Nein, Kind, ich glaube nicht; ich -- ich werde ihn selber darum fragen
-- vielleicht hat er ihn gefunden.

Und er gehrt Euch?

Ja, Brbel. Aber nun geh wieder nach Hause. Sag' ihm, wenn ich heute
spazieren ginge, wrde ich bei Euch einmal vorkommen und, wenn er so
sehr krank ist, sehen, ob sich etwas fr ihn thun lt.

Brbel knixte. Es war fast, als ob sie noch etwas sagen wollte; aber sie
brachte nichts mehr heraus und schien auch froh, wieder fort zu kommen,
denn die Sache mit dem Ring ging ihr doch noch immer im kleinen Kopf
herum.

In einer merkwrdigen Unruhe aber verlie sie die Grfin, denn kaum
hatte sie die Thr hinter sich zugezogen, als sich diese in einen
Fauteuil warf und, ihr Antlitz mit den Hnden deckend, eine lange Weile
regungslos sitzen blieb; dann sprang sie auf und betrachtete wieder den
Ring -- war es, da ein Zweifel in ihr aufstieg, ob es der rechte sei?
Sie hielt ihn gegen das Licht und prfte ihn genau, und ging dann,
whrend sie ihn an ihren Finger schob, mit unruhigen Schritten in dem
Gemach auf und ab. Pltzlich, wie zu einem Entschlu gekommen, blieb sie
am Tisch stehen und klingelte.

Der Haushofmeister soll hereinkommen.

Der Diener schlo die Thr wieder, und nach einer Weile kam der alte
Mann und fragte, was die Grfin befehle.

Humann, sagte die Frau, welche indessen ihre ganze eiserne Ruhe
wiedergewonnen hatte, was fr ein Mensch ist das eigentlich, den in
jener Nacht der Frster geschossen hat? Wo kommt er her und wie lange
ist er schon da?

Ja, Frau Grfin, sagte der alte Mann achselzuckend, viel Genaues bin
ich auch nicht im Stande, Ihnen darber zu sagen. Ich wei nicht einmal
seinen vollen Namen, denn hier auf dem Schlosse wurde er nur immer Fritz
oder, wie ihn die Leute nannten, der alte Fritz, geheien, der sich, wie
alle derartigen Subjecte, im Lande herumtreibt und dort eine Zeit lang
bleibt, wo er Beschftigung findet.

Und wie lange ist er hier?

Es mgen jetzt drei oder vier Jahre sein, da er in die Gegend kam, ich
wei es wirklich selber nicht einmal mehr genau; es war das Jahr, wo die
Maulwrfe so berhand genommen hatten, und in deren Vertilgung zeigte er
sich auerordentlich geschickt. Nachher war er einmal wieder von Zeit zu
Zeit fnf bis sechs Monate verschwunden, dann kam er wieder. Jetzt mag
er auf's Neue seit etwa zwei Monaten in der Gegend sein, und der Frster
hatte ihn schon lange in Verdacht, da er nicht blos den Maulwrfen und
anderem Ungeziefer nachstellte; er war aber zu schlau, als da er ihn
erwischen konnte, und nur in -- in jener Nacht mochte er sich vielleicht
sicherer fhlen als sonst, und hatte wohl nicht geglaubt, da der
Frster auf seinem Posten wre.

Und hat er sich zu Zeiten im Schlosse selber gezeigt?

Nie, Frau Grfin. Es ist eigentlich ein sonderbarer Kauz; mit den
Bedienten hat er nie verkehrt, und die haben ihn auch deshalb immer
verspottet, da er stolz wre. Es scheint ein heruntergekommenes
Subject, das vielleicht einmal bessere Tage gesehen hat. In der letzten
Zeit fing er aber auch an, sich dem Trunk zu ergeben, und das mu ihn
jetzt besonders so krank gemacht haben. Ich fragte vorhin den Doctor; er
wird's nicht lange mehr machen. Der Brand ist zu der Wunde gekommen,
und da sich das Bein nicht amputiren lt, wird er wohl seinen letzten
Jagdfrevel verbt haben. Mir thut's leid um den Frster, der kommt
dadurch gewi in Ungelegenheit, und hat sich doch nur seines eigenen
Lebens gewehrt. Auerdem macht er sich ein Gewissen daraus den armen
Menschen so schwer getroffen zu haben.

Die Grfin stand am Fenster und sah gedankenvoll hinaus. Der
Haushofmeister blieb an der Thr. Sie hatte ganz vergessen, da er im
Zimmer war. Nach einer Weile fragte er endlich: Befehlen Sie sonst noch
etwas, Frau Grfin?

Ich? -- Nein -- ja so -- es ist gut, Humann; ich danke Euch! Und der
alte Diener verlie geruschlos das Gemach.

Oben im kleinen Grtnerhuschen ging es mit dem Kranken recht schlecht.
Der Ober-Medicinalrath war dort gewesen, hatte sich die Wunde angesehen
und Alles, was bis jetzt dafr geschehen war, gutgeheien. Aber es
stellte sich schon wieder ein Fieber ein. Der Verwundete schien von
einer merkwrdigen Unruhe erfat zu sein und klagte auch ber Schmerzen
im Krper, ber ein krampfhaftes Gefhl in der Herzgegend. Der
Ober-Medicinalrath verordnete Ruhe und Eisumschlge und als einzige
Nahrung eine dnne Wassersuppe; dann nahm er Hut und Stock und verlie
den Patienten.

Brbel war zurckgekommen und zum Kranken hinauf gegangen; aber die alte
Rosie sa noch im Zimmer, und sie wute nicht, ob sie in deren Gegenwart
etwas von dem Ring und der Frau Grfin erwhnen durfte. Aber der Kranke
kam ihr zu Hlfe.

Rosie, sagte er, gebt mir doch einen Trunk frisches Wasser. Nein,
nicht von dem, fuhr er fort, als die Alte ihm aus dem Kruge einschenken
wollte, das steht schon so lange im Zimmer; bitte, holt mir frisches,
gleich vom Brunnen.

Geh, spring einmal hinunter, Brbel, und hol' frisch Wasser, sagte die
Alte; Du hast junge Beine.

Nein, geht Ihr nur selber; die Brbel soll mir indessen das Eis wieder
auflegen, sie versteht's so gut.

Na, ich dchte, ich htt's auch immer geschickt gemacht.

Ja, Rosie; aber bitte, lat's jetzt einmal die Brbel thun!

Na, meinetwegen; mir kann's recht sein.

Die alte Person war ein wenig in ihrer Ehre gekrnkt, aber sie nahm den
Krug auf und humpelte damit, immer vor sich hin murmelnd, die Treppe
hinab.

Nun, Brbel, hast Du's ausgerichtet?

Ja; ich hab's Euch ja versprochen.

Gutes Kind; und ihr selber gegeben?

Ja.

Und was sagte sie?

Sie wunderte sich, wie Ihr zu dem Ringe kmt. Habt Ihr ihn gefunden,
Maulwurfsfnger?

Ja, Kind, ich hab' ihn gefunden im Park drauen. Und wird sie kommen?
Sagte sie es Dir?

Sie will vorkommen, wenn sie spazieren geht, und sehen, ob es Euch an
'was fehlt.

Der Kranke athmete tief auf.

Brbel!

Ja, wollt Ihr 'was?

Da unten an dem Bettpfosten hngt meine Weste; geh einmal hin, Kind.

Wollt Ihr sie haben?

Nein; in der linken Tasche steckt ein blanker Thaler. Hast Du ihn
gefunden?

Ja, da ist er.

Behalt ihn, Brbel, den sollst _Du_ haben.

Den ganzen Thaler?

Thu' ihn in Deine Sparbchse, Kind.

Aber darf ich denn das viele Geld behalten? Grovater zankt gewi.

Behalt es mir zum Andenken, ich kann Dir ja doch sonst nichts geben,
und Du hast mich so oft gepflegt.

Aber das mu ich dem Grovater sagen, heimlich darf ich ihn nicht
behalten.

Sag's nur dem Grovater, Kind, er wird Dir's erlauben. So, und nun leg'
mir das Eis auf; die Rosie wird gleich wiederkommen. Oh Gott, wie das
feuert und klopft! Du wirst's nicht mehr oft zu thun brauchen, Brbel.

Es war fast, als ob das viele Sprechen oder auch vielleicht die gerade
von dem Arzte verbotene Aufregung ihn bermig angegriffen habe. Er
schlo die Augen, war sehr bla geworden und lag still und regunglos auf
seinem Bett.

Die Rosie wollte ihm das verlangte Wasser geben; aber er antwortete
ihr gar nicht, und Brbel selber schlich sich leise hinunter, um den
Grovater im Park aufzusuchen und ihm das Geschenk zu zeigen.

Etwa nach einer Stunde ffnete der Kranke die Augen wieder und sah sich
verstrt um. Nur die Rosie war bei ihm im Zimmer.

Ob er 'was haben wollte? Nein; er schien unruhig, aber die alte Frau
auch keine Person, gegen die er sich aussprechen konnte. Er schttelte
mit dem Kopf und horchte nur immer hoch auf, wenn sich unten im Hause
etwas regte. Immer heftiger wurde dabei sein Fieber, und das vorher so
bleiche Gesicht flammte jetzt ordentlich in wilder Gluth.

Die Rosie war wieder einmal hinunter gegangen, um etwas zu besorgen,
als sie pltzlich rasch die Treppe heraufkam und mit ngstlicher Stimme
sagte:

Herr Du meine Gte, die gndigste Frau Grfin ist selber unten und will
heraufkommen -- die Ehre! Und wie's hier aussieht -- na, die wird schn
schauen! Aber wer hat daran auch gedacht? Und dabei schob sie hastig
Alles aus dem Wege, was sich eben nicht gut zeigen lie, und wischte
noch mit ihrer Schrze den einen dem Bett gegenber stehenden Stuhl ab,
auf dem sie gewhnlich sa, als die Thr schon aufging und die hohe,
stattliche Gestalt der Grfin auf der Schwelle stand.

Das kleine Gemach hatte vielleicht noch nie so rmlich ausgesehen, als
in dem Augenblick, wo die elegante Gestalt der Dame in ihrem schwarzen
rauschenden Seidenkleide darin erschien, und der ngstliche, scheue
Blick, den sie darin umherwarf, zeigte, da sie das fhlte. Aber im
nchsten Moment haftete ihr Auge schon fragend und forschend auf dem
Antlitz des Kranken, der, als er ihren Schritt auf der Treppe hrte,
unwillkrlich emporgezuckt war, vom Schmerz gebannt aber in seine alte
Lage zurcksank und finster die Zhne zusammengebissen auf seine Decke
niederstarrte.

Ganz versteinert ber die hohe Ehre stand indessen die Rosie in der
Ecke und knixte nur einmal nach dem andern, um dem vornehmen Besuch ihre
Ehrfurcht zu erweisen.

Aber die Grfin, deren Blick nur ber sie hinglitt, sagte leise: Geh'n
Sie hinunter, gute Frau, ich habe mit dem Kranken etwas zu sprechen.

Zu Befehl, Frau Grfin.

Und kommen Sie nicht eher wieder herauf, bis ich Sie selber rufe.

Zu Befehl, Frau Grfin.

Die Alte war seelenfroh, da oben weg zu kommen, und wie ihr die Grfin
nur so viel Raum an der Thr lie, da sie hindurch konnte, ohne auf ihr
Kleid zu treten, scho sie die Treppe hinab.

Die Grfin war mit dem Maulwurfsfnger allein; aber noch immer sprach
sie kein Wort, noch immer haftete ihr Blick wie fragend und ungewi auf
den eingefallenen Zgen des vor ihr Liegenden, und erst als dieser keine
Miene machte, sie anzureden, und nur wie krampfhaft in die Decke griff,
sagte sie leise:

Sie haben mich zu sprechen verlangt. Was kann ich fr Sie thun?

Der Maulwurfsfnger drehte langsam den Kopf nach ihr um, denn selbst
diese Bewegung that ihm weh; dann aber flsterte er, da die Worte kaum
zu dem Ohr der Grfin drangen und trotzdem wie mit einem Schlage das
Blut aus ihren Wangen jagten:

Also hast Du den Ring wiedererkannt, Ottilie? Bist Du wirklich
gekommen, um mir Lebewohl zu sagen?

Heiliger, allmchtiger Gott! sthnte die Grfin und fate ihr Herz
mit beiden Hnden, als ob sie es festhalten wolle in der Brust. Wre es
denn mglich -- wre es wahr...?

Es ist wahr, Frau Grfin, sagte der Alte, indem ein bitteres
Lcheln um seine Lippen spielte, die Jammergestalt hier auf dem Bett,
zerschossen und von Krankheit und Alter gebrochen, eigentlich auch schon
halb verfault, mit dem schleichenden Tod in den Gliedern, ist Alles,
was von dem einst so lebenslustigen und gefeierten Friedrich von Sitrop
brig geblieben. Wenig, nicht wahr? Verdammt wenig -- und das Wenige
selbst verstmmelt und mihandelt!

Die Frau stand, das Gesicht in den Hnden bergend, mitten in der Stube;
kein Laut kam ber ihre Lippen, aber die ganze Gestalt zitterte und
bebte, und des Alten Blick haftete fast wehmthig und mitleidsvoll an
ihr. Endlich fuhr er leise fort: Setz' Dich, Ottilie -- etwas nher zu
mir; ich kann nicht so laut sprechen und fhle, da ich auch nicht mehr
lange sprechen werde. Ich wei Alles, was Du fragen mchtest, ich will
Dir Alles mit wenigen Worten sagen. Aber dann -- mut Du mir auch Eine
Frage beantworten -- nur eine einzige Frage, die mir lange Jahre am
Leben gefressen hat und die ich -- noch vor meinem Tode gelst haben
mchte. Setz' Dich, die Zeit vergeht und die Secunden fangen an kostbar
zu werden.

Die Grfin machte eine Bewegung gegen das Bett, und der Spitz, der bis
jetzt nur leise und fast unhrbar geknurrt hatte, schlug laut an. Der
Maulwurfsfnger pfiff leise durch die Zhne und sagte dann: Ruhig,
Spitz, es ist vorbei; Du wirst jetzt abgelst von Deinem Posten. Sei
ruhig, mein Hund, ich bin's ja auch; hrst Du?

Das kleine treue Thier knurrte zwar noch leise, aber es kauerte sich
wieder unter dem Bett zusammen und winselte nur noch ein wenig, als die
Grfin fast mechanisch nach dem Stuhl griff und sich darauf niederlie.
Dann lag er ganz still, schob die Schnauze wieder in seine langen
Haare und blieb regungslos liegen, hielt aber immer noch die kleinen
blitzenden, schwarzen Augen mitrauisch auf das Kleid des fremdartigen
Besuchs geheftet.

Auch der Kranke schien sich erst von der ungewohnten Anstrengung des
Redens zu erholen; dann fuhr er langsam fort:

Die Geschichte ist sehr kurz. Mein Vermgen brachte ich durch -- im
Spiel; arbeiten konnte und wollte ich nicht; in Frankreich, wohin ich
flchtete, flschte ich einen Wechsel, um Geld zu bekommen, und wurde
eingekerkert. Ich sa lange Jahre und kehrte, endlich freigelassen, nach
Deutschland zurck; aber den Baron hatte ich im franzsischen Gefngni
oder vielmehr schon vor dessen Thr gelassen, leben mute ich, Geld
hatte ich keins, -- das Einzige, was ich verstand, war das Spiel und die
Jagd; Croupier mocht' ich nicht werden, so tief war ich doch noch
nicht gesunken, zum Frster wollte mich Niemand, da -- ein bitteres,
hhnisches Lcheln zuckte um die Lippen des Kranken -- benutzte
ich eine frhere Passion von mir, das Fallenstellen, und -- wurde
Maulwurfsfnger. Sechs Jahre wanderte ich so in Deutschland umher, mich
den Henker mehr um die brige Welt scherend, bis es mir keine Ruhe mehr
lie, den Ort wieder aufzusuchen, wo...

Er schwieg pltzlich; Todtenstille herrschte in dem kleinen Raum,
nur das schwere Athmen der Frau unterbrach die Stille oder machte sie
vielmehr noch unheimlicher.

Das ist eigentlich Alles, sagte der Kranke nach einer Pause. Du
kanntest mich nicht wieder; hbscher war ich auch nicht geworden, und
mir machte es Spa, so incognito gerade mit _diesem_ Platz zu verkehren.
Da begegnete ich neulich im Park einer jungen fremden Frau -- wie ein
Messer stach mir deren Anblick durch's Herz, -- es war, als ob die
langen Jahre zurck, statt vorwrts gegangen wren, und Du, Ottilie, wie
ich Dich in all' Deiner Schnheit und Jugend gesehen, standest wieder
vor mir, wie vor einem Vierteljahrhundert an derselben Stelle.

Die Grfin war aufmerksam geworden; ihre Hnde sanken langsam in ihren
Schoo, und das groe Auge haftete fragend auf dem Sprechenden.

Ich erfragte den Namen, fuhr dieser endlich leise fort, er klang mir
fremd -- Rottack -- ich hatte ihn nie gehrt.

Rottack? hauchte die Frau.

Der Maulwurfsfnger nickte, und sein Blick hing forschend an ihren
Zgen; aber er bekam keine Antwort. Angst und Schmerz lagen in ihrem
Antlitz, aber die Lippen blieben unbewegt.

Rottack, wiederholte er endlich, Helene Rottack. Aber Du mut reden,
Ottilie, fuhr er heftiger fort, die Zeit verfliegt, meine Pulsschlge
sind gezhlt, Du mut meine Frage beantworten!

Und welche Frage ist das?, hauchte die Frau, die sich dem alten,
kranken Manne vollkommen willenlos gegenber befand.

Was ist aus dem Kind geworden? sagte der Alte leise. Als der Graf
aus Westindien zurckkehrte, konnte ich Dir nicht wieder nahen, denn
ich wute, da er mich hate. Bald darauf mute ich selber flchten,
schreiben durfte ich nicht -- was ist aus dem Kind geworden, Ottilie?

Die Frau barg ihr Gesicht wieder in den Hnden, aber sie antwortete
nicht, und fast mitleidig ruhte der Blick des Kranken auf ihr.

Frchte nichts, sagte er endlich leise, ich wei, welches furchtbare
Unglck Dich in der letzten Zeit betroffen hat. Ich htte es vielleicht
verhindern knnen, setzte er dster hinzu. Aengstige Dich nicht, da
diese Lippen, die so lange geschwiegen, jetzt plaudern knnten; ein
Sterbender spricht zu Dir -- was ist aus dem Kind geworden?

Es lebt! hauchte die Grfin.

Es lebt? rief der Kranke. Und -- und heit Helene?

Die Grfin antwortete nicht, aber ohne zu ihm aufzusehen, neigte sie
leise das Haupt.

Gott sei Dank! sthnte der Mann. Aber -- mir wird auf einmal so
wunderbar schwach zu Sinn -- es flackert mir vor den Augen. Gieb mir
Deine Hand, Ottilie -- la uns vershnt scheiden -- so, das ist lieb von
Dir -- Gott segne Dich -- so -- und nun geh -- Du darfst nicht lnger
hier bleiben. Schick' mir die Rosie herauf -- die Alte oder die Brbel,
wenn sie unten ist. Oh, mein Gott, wie das brennt -- das Eis ist
fortgeschmolzen und zu glhend heiem Blei geworden...

Die Grfin hatte ihm die Hand gereicht; sie war aufgestanden, und ihre
Brust hob sich strmisch, ihr Antlitz deckte Leichenfarbe. Sie wollte
sprechen, aber sie konnte nicht. Willenlos, fast bewutlos hatte sie
bis jetzt in der Gegenwart des Furchtbaren gehandelt; was sie sich
vorgenommen, ehe sie das Haus betrat, wie sie mit kalter Verachtung
seiner Anklage begegnen, sein Erkennen verleugnen wolle -- es war
hingeschmolzen, als jene Jammergestalt auf dem Bett, der Schatten
dessen, der einmal im Leben ihre ganze Seele fllte, vor ihr lag. Alte
Erinnerungen, Reue, Zerknirschung und Mitleid bestrmten ihr Herz; aber
ihre Krfte verlieen sie, die Luft hier drohte sie zu ersticken.

Leb' wohl! flsterte sie, und wie von Furien gejagt, floh sie aus dem
Zimmer hinaus in's Freie, in die Einsamkeit.

Drauen wurde ihr leichter. Wohl eine Stunde lang ging sie in dem weiten
Park auf und ab. Endlich wandte sie sich wieder dem Schlosse zu und ging
in ihr Zimmer hinauf.

Noch hatte sie nicht ihren Hut abgelegt, als es leise an die Thr
klopfte.

Herein!

Brbel stand auf der Schwelle. Ach, Frau Grfin, sagte die Kleine,
und die hellen Thrnen liefen ihr an den Wangen nieder, ich bin nicht
hergeschickt, aber -- ich -- ich wollte Ihnen nur melden, da der alte
Maulwurfsfnger eben gestorben ist.

Todt?

Die Rosie sagt's. Er liegt kalt und starr auf dem Bett.

Die Grfin winkte mit der Hand; Brbel verlie schchtern das Zimmer.
Die Grfin Monford wankte zu ihrem Sopha, und Thrnen -- Thrnen, die
ersten, die sie seit langen Jahren vergossen, netzten ihr die Wangen.

Sie war glcklich, denn sie konnte weinen.




30.

Pfeffer dictirt einen Brief.


Wochen vergingen und Monate. Die rauhen Herbststrme traten ein, Schnee
fiel, und der Winter deckte die freundlichen Hgel und Gebirgszge um
Haburg mit seiner weien Decke und die Wasser mit Eis, und noch
hatte die Monford'sche Familie mit keinem Menschen in der Stadt wieder
verkehrt, noch hatte die Grfin selber die Stadt nicht wieder betreten,
oder auch nur einen einzigen Besuch selbst ihrer frheren intimsten
Freunde angenommen.

Der Zustand des Grafen schleppte sich freilich auch nur langsam hin: die
frher eingetretenen Schlaganflle hatten sich mehrfach wiederholt, und
so sehr Beide gewnscht haben mochten, diesen Ort, der jetzt fr sie so
furchtbare Erinnerungen trug, zu verlassen und eine andere Gegend, ein
wrmeres Klima zu ihrem Aufenthalt zu whlen, so schttelte doch
der alte Ober-Medicinalrath dazu auf das Entschiedenste den Kopf und
beharrte dabei, da der Graf jetzt an eine Reise gar nicht denken drfe,
wenn er sich nicht muthwillig der grten Gefahr aussetzen wolle. Ihm
bliebe vor der Hand nichts weiter brig, als abzuwarten, ob sich sein
sehr bedenklicher Zustand bessern wrde, wozu er die Hoffnung keineswegs
aufgegeben habe. Trte der Fall ein, dann wrde er selber eine Reise
nach Italien oder einem andern warmen Himmelsstrich dringend anrathen.

Ganz verndert war indessen die Grfin selber geworden. Wie sie frher
die Pflege des Kranken fast ausschlielich der Dienerschaft berlassen
hatte, so wich sie seit jenem Tag, an welchem sie das Grtnerhaus
besucht, fast nicht mehr von dem Lager des Gatten, und wachte, wenn sich
sein Zustand dann und wann verschlimmerte, halbe Nchte neben seinem
Bett. Sie war auch viel freundlicher mit den Leuten selber geworden,
und sogar der alte Haushofmeister, der ihr seit jenem Abend, wo sie den
Brief verbrannte, lange Wochen durch wohl ehrerbietig, aber doch wie
scheu ausgewichen war, fing an sich ihr wieder zu nhern und Mitleid
mit ihr zu fhlen, denn er, vor allen Anderen, sah und fhlte die
Vernderung zum Besseren, die mit ihr vorgegangen. Fiel sie doch mit
einer wahren Hast ber alle Briefe her, die ihr gebracht wurden, und
legte sie dann traurig und oft mit einer unterdrckten Thrne bei Seite,
wenn keiner von ihnen mehr die jetzt so hei ersehnten Schriftzge des
verlorenen Kindes trug.

Aber Paula schien verschwunden; kein Brief von ihr war mehr
eingetroffen, keine Zeitung nannte Handor's Namen, keine Nachforschung,
die sie im Geheimen, besonders durch den Ober-Medicinalrath, anstellen
lie, fhrte zu irgend einem Resultat. Sie mute todt sein oder
Deutschland verlassen haben, denn alle Nachfragen blieben fruchtlos.

In Haburg selber hatte man die Monford'sche Familie, die fr Wochen
lang das Tagesgesprch gebildet, fast vergessen. Eine Zeit lang
wurde die Erinnerung daran wohl noch durch die nach dem Tode
des Maulwurfsfngers gegen den Frster eingeleitete Untersuchung
aufgefrischt, und dieser auch wegen Tdtung -- aber mit mildernden
Umstnden, da er selber dabei verwundet worden -- zu zwei Monaten
Gefngnistrafe verurtheilt. Jetzt hatte er diese abgesessen und Niemand
sprach mehr davon oder dachte noch daran.--

Freundlicher hatten sich indessen die Verhltnisse in der Pfeffer'schen
Familie gestaltet.

Rebe's Erfolg am hiesigen Theater konnte als gesichert betrachtet
werden, denn nach der Auffhrung des Fiesco wagte sich keine Opposition
mehr heraus -- oder wurde vielmehr nicht mehr bezahlt und fiel deshalb
von selbst weg. -- Strohwisch hatte Haburg verlassen, und Rebe
bekam dadurch freien Raum und ehrliches Spiel, sich seine Stellung am
Haburger Theater zu erkmpfen, was er ehrenvoll that. Nacheinander,
aber von dem vorsichtigen Director immer noch nur von Monat zu Monat
engagirt, trat er in den bedeutendsten und schwierigsten Rollen auf und
zeigte sich bald als ein so talent- und geistvoller Schauspieler, da
ihn das Publikum immer lieber gewann und ihm jetzt allabendlich die
deutlichsten und lebhaftesten Zeichen seines Beifalls gab.

Aber trotzdem vernderte er seine Lebensart nicht. Seine Gage war schon
jetzt eine sehr anstndige, und er htte mit Leichtigkeit ein besseres
Quartier nehmen und besser leben knnen. Das Rechtlichkeitsgefhl aber,
das ihn bisher geleitet, fhrte ihn auch weiter, und wenn er schon
offen und ehrlich um Henriettens Hand bei den Eltern angehalten und ihre
freudige Einwilligung erlangt hatte, weigerte er sich doch, Henriette
frher heimzufhren, als er sich selber so viel Geld erspart habe, um
seiner Frau eine freundliche und angemessene Heimath grnden zu knnen.

Jeremias erbot sich allerdings augenblicklich, ihm jede verlangte und
nthige Summe vorzustrecken, aber Rebe wies Alles, wenn auch freundlich
und dankend, doch entschieden zurck. Er wollte sich selber und aus
sich selber heraus seinen eigenen Herd grnden, und Henriette hatte ihn
deshalb nur um so lieber.

Darin stimmte er aber ganz mit Pfeffer berein, da er jetzt bei Krger
auch auf einen bestimmten und lngeren Contract dringen msse, denn das
Provisorium hatte lange genug gedauert. Rebe schrieb auch deshalb an
Krger, und heute war eine schriftliche Antwort eingelaufen, worin
sich der Director in den schmeichelhaftesten Ausdrcken erbot,
einen fnfjhrigen Contract mit Rebe als erstem Liebhaber und Helden
einzugehen, und ihm ein Concept desselben unter sehr annehmbaren
Bedingungen beilegte.

Rebe hatte augenblicklich zustimmen wollen, Pfeffer that aber
Einspruch und behauptete, da in einer so wichtigen Angelegenheit auch
nothwendiger Weise groer Kriegsrath gehalten werden msse. Auerdem sei
es nicht einmal gerathen, diesem Blutsauger, wie er seinen Director
im vertraulichen Gesprch gewhnlich nannte, zu zeigen, da man
augenblicklich zuschnappe, sobald er einen Brocken hinhielt. Er msse
zappeln, er msse eine Zeit lang in Ungewiheit gehalten werden, dann
erst drfe man hoffen, auf einen andauernd guten Fu mit ihm zu kommen;
sonst setze er seinen Schlachtopfern doch augenblicklich wieder den
Daumen auf's Auge.

Rebe wollte dagegen protestiren, aber es half ihm nichts; er wurde
gerade nicht berstimmt, aber von Pfeffer berschrieen, und willigte
endlich lchelnd in einen groen Rath, der an diesem Nachmittag bei
Pfeffer zusammenkommen und Rebe's Entschlu bestimmen solle.

Pfeffer's Schwester, die sich merkwrdig in den letzten Monaten erholt
hatte und schon tchtig wieder im Hause wirthschaftete, arrangirte
mit Jettchen einen groen Kaffee, und selbst Frulein Bassini war dazu
eingeladen worden und erschien, eine halbe Stunde vor der Zeit, im
hchsten Staat und Putz, so da Pfeffer augenblicklich in sein Zimmer
strzte, den alten Schlafrock abwarf, ein weies, allerdings etwas
mitgenommenes Halstuch umband und in seinen alten blauen Frack mit
blanken Knpfen hineinfuhr, dazu ein Paar schmutzige Glachandschuhe
anzog, seinen Cylinderhut aufsetzte und der Schwester nun, in der linken
Hand die lange Pfeife und an den Fen noch immer die grngestickten
Schlapp-Pantoffeln, entgegen ging, um sie hchst frmlich zu begren.

Pfeffer hielt denn auch, als Alle versammelt waren, in diesem Costm
seinen Vortrag, und Jeremias sa dabei und lachte, fing aber an mit
dem Kopf zu schtteln, als sein Schwager Rebe aufzuhetzen begann, den
Contract zurck zu weisen und hhere Bedingungen zu fordern. Die Gage
war nmlich von Krger selber so hoch gestellt, wie sie nur Haburg
mit seinen bescheidenen Verhltnissen zahlen konnte, und Jeremias
protestirte heftig gegen jede solche Ueberschreitung des Mglichen.
Pfeffer gab endlich nach.

Gut, Kinder, sagte er, whrend Frulein Bassini daneben sa und an
einem entsetzlich langen, brennend rothen Strumpf strickte, ich habe
nichts dagegen, wenn Rebe denn fr eine solche Lumpengage bleiben soll,
wo er in Berlin und Wien das Doppelte bekommen knnte...

Wenn nicht dort alle Stellen besetzt wren, Herr Pfeffer...

So habe ich auch nichts dagegen, fuhr Pfeffer fort, aber in Einer
Sache mt Ihr mir folgen -- Rebe mu ihm einen derben Brief schreiben,
in dem er den Contract allerdings annimmt, aber diesem Blutegel, diesem
Krger, auch zu verstehen giebt, da er ihn durchschaut und sich seines
Werthes vollkommen bewut ist.

Aber, bester Herr Pfeffer, sagte Rebe, ich bin nicht im Stande
einen Brief zu schreiben, in dem ich etwas Anderes sagen soll, als ich
wirklich denke.

Dann werde ich Ihnen dictiren, rief Pfeffer.

Aber, Frchtegott... bat die Frau.

Mach' mich nicht bse, rief aber Pfeffer jetzt gereizt, setzen Sie
sich dahin, Rebe, dort liegt ein Briefbogen und Feder und Tinte, und
fangen Sie an!

Aber willst Du das nicht lieber _mir_ dictiren, Onkelchen? bat
Henriette, Horatius kennt doch noch nicht so genau Deine Art und
Weise.

Ach was, Art und Weise -- er mu sich hinein finden, und so viel
Verstand wird er doch wohl haben! Schreiben Sie, Rebe!

Seine Schwester Auguste sa dabei und schttelte lchelnd den Kopf, aber
sie sagte kein Wort; ja, als Jeremias auch dagegen reden wollte, fate
sie nur seinen Arm und flsterte: La ihn nur machen! Er will nun
einmal seinen Willen haben; das Jettchen wird schon Alles wieder in die
Reihe bringen!

Rebe schien nicht halb damit einverstanden, aber er mochte Pfeffer auch
nicht bse machen, setzte sich also an den Schreibtisch, rckte sich den
Bogen zurecht, tunkte die Feder ein und sagte: Also, Herr Pfeffer?

Frchtegott Pfeffer ging noch immer -- eine hchst possirliche Gestalt
-- mit seinem Frack und den grngestickten Pantoffeln, wie der langen
Pfeife -- in der Stube auf und ab und blies den Rauch in kleinen hellen
Wolken von sich.

Sind Sie so weit?

Ja!

Gut! so fangen Sie an. Ueberschrift: Herrn Director Krger hier, --
Mohrengasse 42, erste Etage, rechts, -- erste Etage, rechts. Haben Sie
rechts?

Nur weiter, ich komme schon mit!

Also -- Schafskopf...

Aber, Herr Pfeffer, sagte Rebe und sah verwundert zu ihm auf.

So schreiben Sie doch nur, ich verliere ja sonst den Faden.

Rebe schttelte mit dem Kopf, und Henriette stand, mit der Hand seine
Stuhllehne gefat, und sah ihm lchelnd ber die Schulter.

Schreibe nur -- schreibe, flsterte sie, und ein eigener Zug von
Muthwillen zuckte ihr dabei ber das liebe Antlitz.

Haben Sie Schafskopf?

Ja, Herr Pfeffer!

Haben Sie endlich eingesehen, was ich Ihnen hier bin und leiste...

Aber, wollte Rebe wieder remonstriren, Jettchen hielt ihm jedoch rasch
den Mund zu und flsterte wieder: Schreibe nur! Er wurde gar nicht
klug aus ihr. Den Brief konnte er doch nicht dem Director schicken, das
ging ja unmglich an.

Was ich Ihnen hier bin und leiste -- haben Sie das?

Leiste, wiederholte Rebe kopfschttelnd.

Das Lumpengeld, was Sie mir bieten, ist freilich kaum die Hlfte
dessen, was ich verdiene...

Rebe schrieb jetzt -- er wollte wenigstens einmal sehen, was daraus
wrde, war aber fest entschlossen, nie in dieser Weise selber zu
antworten.

Haben Sie verdiene?

Verdiene...

Und in den zwei Monaten Urlaub, die Sie vernnftiger Weise
eingeschoben...

Eingeschoben, sagte Rebe.

Werde ich das Dreifache herausschlagen -- aber ich komme doch in der
Zeit...

In der Zeit...

Aus der Schmiere hier fort...

Rebe lachte, aber er schrieb weiter.

Ich fhle, da Sie mir mit dem Contract das Fell ber die Ohren
ziehen -- ber die Ohren ziehen -- aber ich hoffe doch mit -- dem Gelde
auszukommen -- Hol' Sie der Deubel -- so, und nun Ihren Namen darunter.

Und den Brief soll ich fortschicken?

Gewi! nickte Pfeffer. -- Aber nun lesen Sie mir erst einmal vor, was
Sie geschrieben haben.

Rebe las: Sie Schafskopf!

Ach, Donnerwetter -- Unsinn! rief Pfeffer.

Ja, aber das haben Sie mir doch dictirt!

Aber Sie mssen doch, brummte Pfeffer, -- den Teufel auch, Sie haben
ja gar keinen Begriff vom Briefschreiben -- da wei Jettchen besser mit
umzugehen -- na, lesen Sie nur weiter!

Haben Sie endlich eingesehen, las Rebe, was ich hier bin und leiste?
Das Lumpengeld, das Sie mir bieten...

Schwerenoth, schrie Pfeffer und ri ihm das Blatt aus der Hand, das
wollen Sie doch nicht an den Director schreiben! Jettchen, setze Du
Dich einmal hin -- der Mensch ist so kindlich, als ob er gerade aus der
Schule kme -- Sie mchte ich zum Secretr haben!

Ja, lieber Onkel, lachte Jettchen, und nahm Rebe's Platz ein, nun
dictire Du _mir_ einmal.

Also, bist Du fertig?

Alles bereit.

Pfeffer, Rebe's Brief in der Hand, dictirte nun dem jungen Mdchen genau
dasselbe, was auf dem Blatte stand, und Jettchen schrieb. Als er wieder
mit Hol' Sie der Deubel schlo, nickte Jettchen und stand auf.

So, nun lies einmal vor.

Jettchen las: Hochverehrter Herr!

Pfeffer nickte, das klingt schon besser!

Recht herzlich freue ich mich, da Sie Ihre Zweifel endlich besiegt
haben und mir vertrauen. Ich nehme den mir gebotenen Contract mit Dank
an und bin Ihnen besonders fr den zweimonatlichen Urlaub verpflichtet,
den ich nicht allein dazu benutzen kann, andere Bhnen zu sehen und dort
mein Glck zu versuchen, sondern mich auch noch weiter auszubilden. Ich
fhle, da Sie mir mit dem Contract...

Das Fell ber die Ohren ziehen, sagte Pfeffer.

... ein ehrendes Zeugnis meiner bisherigen Leistungen geben, las
Jettchen, und hoffe auf ein recht freundliches knftiges Zusammenleben
mit Ihnen und meinen Collegen.

Hol' Sie der Deubel, nickte Pfeffer vergngt.

Hochachtungsvoll, las Jettchen, Ihr ergebenster Horatius Rebe.

Bravo! rief Pfeffer, der Brief hat Hand und Fu. Sehen Sie, Rebe, von
dem Mdel knnen Sie noch 'was lernen!

Ja, aber mein bester Herr Pfeffer, lachte Rebe, wenn Sie sagen: Hol'
Sie der Deubel...

Meine ich immer hochachtungsvoll, rief Pfeffer -- das versteht sich
doch von selbst und sieht ein Kind ein!

Jeremias hatte ruhig dabei gesessen und sich vortrefflich ber Pfeffer's
Briefdictiren amsirt, als es pltzlich anklopfte und auf sein Herein
ein Bedienter in Livre auf der Schwelle erschien. Jeremias kannte
brigens die Livre, es war die des Grafen Rottack.

Sie entschuldigen -- ist Herr Stelzhammer hier zu -- ah, unterbrach er
sich, als er den kleinen Mann erkannte und ihm einen Brief berreichte
-- wren Sie so freundlich, mir Antwort zu sagen?

Jeremias brach den Brief auf. Er enthielt nur wenige Zeilen, in denen
ihn Graf Rottack bat, sie doch, sobald es irgend anging, zu besuchen, da
er dringend weitere Auskunft wnsche.

Ist der Herr Graf jetzt zu Hause?

Allerdings, und wartet jedenfalls, bis ich ihm Antwort bringe.

Schn -- dann sagen Sie ihm, ich wrde gleich kommen.

Sehr wohl, Herr Stelzhammer, und der Diener entfernte sich.

Wegen der Geschichte? fragte Pfeffer, als er fort war.

Jedenfalls, nickte Jeremias -- und hast Du nichts weiter von der
Sache gehrt?

Nichts weiter, als was die Lise erzhlt hat.

Mit Handor? meinte diese, das ist sicher; die Ronelli, die vor
einiger Zeit in Prag gastirte, jetzt aber schon lange wieder von da fort
ist, hat mir selber geschrieben, da er unter einem andern Namen dort
aufgetreten, aber durchgefallen wre. Wo er aber jetzt stecken mag, wei
Gott!

Und wie lange ist das her?

Ja, das schreibt sie nicht.

Kennen Sie denn Niemanden in Prag?

Keine Seele -- wenn nur der Mauser noch hier wre -- der hat Verwandte
in Prag und knnte es von dort gewi leicht erfahren.

Der Mauser? -- der Souffleur? Ist denn der fort?

Oh, schon ber sechs Wochen -- er hatte ja einen Zank mit dem Director
und ging damals ab. Natrlich aber hat Keiner von uns je wieder etwas
von ihm gehrt.

Wenn ich den Brief nur einmal bekommen knnte, sagte Jeremias.

Es steht weiter nichts davon drin, versicherte Frulein Bassini. Die
Ronelli ist ja in Prag nur dreimal aufgetreten und dann nach Schwerin
gegangen, und schrieb mir auch das Wenige nur, weil sie glaubte, da es
mich interessiren knne. Wenn nur der Mauser noch da wre, der knnte
uns gewi weitere Auskunft verschaffen. Doch was liegt daran, wo sich
der Lump, dieser Handor, jetzt aufhlt, und ich mchte wirklich wissen,
was der Graf mit dem zu schaffen hat.

Ich will wenigstens hren, was er verlangt, sagte Jeremias, seinen Hut
aufgreifend. Sobald ich kann, komme ich zurck.

Er fand den jungen Grafen Rottack schon seiner harrend, und dieser
kam auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und rief: Mein lieber
Jeremias, ich bin Ihnen unendlich dankbar fr Ihre Freundlichkeit. Wir
haben Sie sehnschtig erwartet!

Mein bester Herr Graf!

Kommen Sie herein -- Helene ist auch drin und will Sie sprechen -- wir
mssen zusammen berathen, was zu thun ist.

Helene begrte den alten Freund in der That auf das Herzlichste --
aber wie bleich und leidend sah sie aus -- wo war das Feuer und Leben
geblieben, das sonst aus ihren guten Augen sprhte -- wie wehmthig
lchelnd reichte sie ihm die Hand, und wie ngstlich drngte sie danach,
die Sache erledigt zu sehen, die jetzt ihre ganze Seele in Anspruch
nahm: das Schicksal der armen Paula.

Rottack untersttzte sie darin. Die Nachricht, die Sie uns neulich
gaben, Jeremias, rief er aus, hat Besttigung erhalten. Ich habe
augenblicklich nach Prag an einen Freund geschrieben, und heute Morgen
kam die Antwort. Ein Schauspieler, der sich dort Boslaw nannte und in
Prag auftrat, scheint allerdings dieser unglckselige Handor zu sein,
der jene Gegend jetzt unter einem falschen Namen bereist, mglicher
Weise, um seinen Glubigern keine Spur seines Aufenthalts zu geben. Das
Gercht nannte dort wenigstens jenen Namen.

Und wo steckt er jetzt? Ist er noch in Prag?

Das wei Gott, seufzte Felix -- von Prag scheint er fort zu sein.

Er kann es nicht gewesen sein, rief Helene, die Beschreibung jener
Person, die er bei sich hatte, pat doch wahrhaftig nicht auf Paula.

Hatte er Jemanden bei sich? sagte Jeremias.

Allerdings, nickte Felix, dieser Boslaw soll mit einem Frauenzimmer
gereist sein, das er fr seine Frau ausgab -- eine kleine dicke Person,
anscheinend eine Bhmin -- aber Gott wei, was da vorgegangen ist!

Es ist nicht mglich! rief Helene unter vorquellenden Thrnen.

Frau Grfin, sagte Jeremias, es ist Alles mglich auf der Welt,
besonders das; denn da sich eine anstndige Dame nicht lange mit diesem
-- Lump glcklich fhlen konnte, war vorauszusehen. Aber was wollen Sie
jetzt thun?

Sie sollen uns helfen, Jeremias! rief Graf Rottack.

Ich? -- Aber wie?

Sie sind mit den Verhltnissen am Theater bekannt. Sie haben hier
eine Menge von Leuten kennen gelernt und knnen dort rasch neue
Bekanntschaften anknpfen. Ich wrde selber reisen, aber ich darf jetzt
meine arme Helene nicht allein lassen; so thun Sie uns die Liebe und
machen Sie den Versuch, ob Sie nicht an Ort und Stelle etwas Nheres
erfahren knnen. Da Sie praktisch sind, wei ich -- Sie werden nichts
versumen, und an Geld steht Ihnen zu Gebot, was Sie brauchen.

Mein lieber Herr Graf, sagte Jeremias verlegen, das ist eine ganz
eigenthmliche Sache, und ob ich gerade zu so etwas passe, wei ich
wahrhaftig nicht. Wirklich den Fall gesetzt, da ich sie finde, was kann
ich thun? Wenn die junge Grfin bei ihrem jetzigen Manne bleiben will,
wie kann ich als ein vollkommen fremder Mensch sie daran hindern,
und ihr Mann wrde mich erst recht ansehen, wollte ich sie nur danach
fragen. Ich glaube, ich geriethe da in eine hchst unglckliche
Situation und mte jedenfalls wieder unverrichteter Sache abziehen.

Sie sollen nichts thun, Jeremias, rief Helene bittend, als den
Thatbestand erforschen -- nur uns Gewisses ber dort berichten, denn wir
kennen keinen Menschen, auf den wir uns so fest verlassen knnten, als
auf Sie.

Hm, das liee sich schon eher hren, nickte Jeremias, abkommen knnte
ich jetzt hier; was ich zu thun hatte, ist besorgt, und wenn ich wte,
da Ihnen damit ein Gefallen geschhe...

Ich wrde Ihnen ewig dankbar dafr sein, rief Helene.

Topp! ich reise, sagte Jeremias entschlossen -- Ihnen, Frau Grfin,
habe ich noch nie 'was abschlagen knnen, das wissen Sie wohl von alten
Zeiten her -- Apropos nichts wieder von Santa Clara gehrt?

Wir haben Briefe erhalten, sagte Felix, aber es steht nichts darin,
was Sie interessiren knnte -- ausgenommen, da die Colonie unter
Sarno's Fhrung blht und gedeiht und -- ja, doch das Eine -- da Baron
Jeorgy pltzlich verschwunden ist!

Durchgebrannt, lachte Jeremias, -- nur ein Wunder, da er sich so
lange gehalten hat.

Und Director Sarno hat sich verheirathet, sagte Helene.

Hurrjeh! rief Jeremias voller Erstaunen, indem er blitzschnell
herumfuhr -- ob ich's ihm nicht immer prophezeit habe! Aber wen?

Ein junges, braves Mdchen, die Tochter eines Colonisten, die mit ihren
Eltern einen der furchtbaren Parcerie-Vertrge im Norden durchgemacht
hatte, sagte Felix.

Und es geht ihm gut?

Vortrefflich -- aber jetzt, Jeremias, ist keine Zeit mehr zu versumen.
Wenn Sie uns wirklich die Liebe erzeigen wollen, so mssen Sie
unverweilt aufbrechen. Sind Sie mit warmen Kleidern versehen?

Hinlnglich -- ich habe mich noch immer nicht wieder an die Klte
gewhnen knnen und friere mordmig.

Und bei Ihnen zu Hause geht Alles gut?

Danke, ja! Meine selige Frau ist wieder ganz auf dem Zeug.

Ihre selige Frau? lachte Helene.

Ach ja so, sagte Jeremias erschreckt; wei der liebe Gott, wie es
kommt, aber das Wort fhrt mir immer heraus. Es ist mir in einem fort,
als ob mir die Frau schon einmal gestorben und jetzt erst wieder
neu geboren wre. Aber was kann's helfen, setzte er seufzend hinzu,
geschehen ist nun einmal geschehen, und das einzige Glck, da ich doch
jetzt im Stande bin, Manches gut zu machen, was ich frher verdorben.
Nachher gehe ich wieder nach Brasilien.

Sie wollen zurck? rief Helene erstaunt.

Es wird sich nicht anders machen -- was soll ich hier, wenn ich das
Mdel versorgt wei -- aber jetzt haben wir Anderes zu denken, brach er
kurz ab, und, wie gesagt, wenn ich Ihnen damit dienen kann, brech'
ich die Nacht noch auf -- viele Vorbereitungen habe ich berdies nicht
nthig.

Und tausend Dank im Voraus, rief Rottack, ihm die Hand herzlich
schttelnd, Sie glauben nicht, welche Last Sie mir dadurch von der
Seele nehmen.

Und wie heit der Herr, der Ihnen von dort geschrieben?

Kommen Sie jetzt mit in mein Zimmer, Jeremias, sagte der junge Graf,
dort gebe ich Ihnen alle in meinem Besitz befindlichen Notizen,
und sobald Sie dort etwas Nheres erfahren, telegraphiren Sie
augenblicklich.

Jeremias bedurfte keiner groen Unterweisung, denn er fand sich
auerordentlich leicht in Alles, also auch in das, was hier von
ihm verlangt wurde. Dann ging er noch einmal zu Pfeffers, um diesen
anzuzeigen, da er auf acht oder zehn Tage verreisen werde, packte
nachher seinen Koffer und erwartete dann unten auf dem Bahnhof den
Abendzug, der zwischen neun und zehn Uhr durchkam.




31.

Jeremias auf Reisen.


Es war bitterkalt die Nacht, und obgleich der Mrz schon seit ein paar
Tagen begonnen hatte, schien es doch fast, als ob der Winter noch gar
nicht daran dchte, Abschied zu nehmen, oder doch wenigstens noch einmal
zu guter Letzt zeigen wolle, was er knne.

Jeremias versuchte zu schlafen, aber es ging nicht; jede Viertelstunde
stiegen Passagiere aus und ein, und die Schaffner schlugen dann jedesmal
mit den Thren, da er immer wieder erschrocken emporfuhr. Und was ging
ihm auch nicht Alles im Kopf herum! Brasilien, ja, in Brasilien war's
jetzt freilich wrmer, und dort htte er nicht so zu frieren brauchen
-- aber wieder dahin zurck? Frher hatte er sich dort allerdings
wohl befunden, aber die deutschen freundlichen Verhltnisse auch fast
vergessen gehabt. Jetzt, da er sie wiedergefunden, da er sich wohl
darin fhlte, sollte er sie wieder verlassen und allein in die Fremde
hinausziehen? Aber was wollte er hier? Sein Kind war jetzt bald versorgt
und glcklich, und seine Frau -- war es denn noch seine Frau, und er
nicht rechtskrftig und fr immer von ihr geschieden? Ja, so lange sie
krank lag, konnte er sie besuchen und mit ihr verkehren; jetzt, da sie
gesund und krftig geworden und sich von Tag zu Tag mehr erholte, mute
das aufhren, das fhlte er selber, oder er brachte sie in das Gerede
der Leute, die sich nicht leicht eine Gelegenheit entschlpfen lassen,
Uebles von ihren Nebenmenschen zu denken und zu reden. Und sollte er in
derselben Stadt mit ihr als Fremder leben? Das ging nicht, und es war
das Allergescheidteste, er schiffte sich ruhig wieder nach Brasilien ein
-- Brasilien -- Hundeleben dort, was ein Mensch nur aushalten mochte,
wenn er nicht mehr in Deutschland existiren konnte.

Er wickelte sich fester in seine dicke Reisedecke, zog die Pelzstiefel
noch hher herauf und drckte sich wieder in die Ecke. Er wollte
schlafen. Das Grbeln und Nachdenken sollte der Teufel holen.

So verging die Nacht und der Morgen dmmerte endlich durch die fest und
dick zugefrorenen Fenster des Coups.

Jeremias beschftigte sich jetzt eine Weile damit, sie mit Anhauchen
wieder aufzuthauen, und brachte endlich glcklich ein kleines Loch zu
Stande, durch das er hinaus in's Freie sehen konnte, gab es aber
in Verzweiflung wieder auf, als er die trostlose, monotone Gegend
entdeckte, durch die der Zug brauste. Schneefelder, so weit das Auge
reichte; einzelne Zge von schwarzen Raben und dann und wann eine
kleine, magere Kieferndickung; und dort drben lag ein Dorf, rmliche
Htten mit Strohdchern, aus denen der blaue Rauch in's Freie quoll. Die
Aussicht lohnte nicht der Mhe, um sich fast die Seele aus dem Leib zu
hauchen. Er lie die Oeffnung wieder zufrieren und bekmmerte sich nicht
weiter um die Landschaft, bis der Zug endlich, etwa gegen Mittag, in
Prag selber anhielt.

Er brauchte, dort angekommen, den halben Nachmittag, um sich erst wieder
zu restauriren und ordentlich aufzuthauen, und benutzte indessen
die Zeit, um sich aus dem Adrebuch eine Anzahl Namen und Wohnungen
abzuschreiben.

Gegen Abend ging er auf seine erste Wanderung aus, und zwar um zuerst
jenen Herrn, einen Baron von Toggenburg, aufzusuchen, der dem Grafen
Rottack geschrieben und an welchen ihm dieser einen Empfehlungsbrief
mitgegeben. Dort aber, wie spter beim Director des Theaters, erhielt
er nur ganz unbestimmte, vage Nachrichten, die allein darin
bereinstimmten, da jener Boslaw, der wahrscheinliche Handor, Prag vor
einiger Zeit wieder verlassen und sich nach Schlesien gewandt habe.

Was nun? Schlesien war gro, und auf ein solches Gercht hin konnte er
doch wahrhaftig nicht nach Schlesien reisen, um dort seine Nachforschung
fortzusetzen.

Eine andere Sache, die ihn frmlich verwirrt machte, war die genaue
Beschreibung der Person, die Boslaw bei sich gehabt: eine volle, ppige
Gestalt, aber mit einem gemeinen sinnlichen Ausdruck in den Zgen, die
besonders gern Champagner trank und in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts
hier eine Masse Schulden machte.

Das war auf keinen Fall die junge, bildschne Comtesse Monford gewesen,
und hatte wirklich Handor seinen Namen in Boslaw umgendert, wo konnte
er dann das junge, unglckliche Geschpf zurckgelassen haben, das er
aus seiner Eltern Haus entfhrt?

Jeremias lie sich brigens keine Mhe verdrieen und besuchte sogar
verschiedene Mitglieder des dortigen Theaters, um von diesen Nheres
ber jenen Boslaw zu hren -- vergeblich. Die Leute wuten ebenfalls
nichts weiter, als da der Herr Boslaw ein einziges Mal aufgetreten und,
da er total mifiel, schon am nchsten Morgen wieder abgereist sei --
wohin? Lieber Gott, wer fragte hier danach! Vielleicht erfuhr er das auf
der Polizei.

Das war ein neuer Anhaltspunkt -- an die Polizei hatte Jeremias noch
nicht einmal gedacht. Spornstreichs lief er dorthin, und wenn es
auch einige Schwierigkeiten hatte, unter all' den Beamten endlich den
richtigen aufzufinden, der ihm ber derartige Fremde Auskunft geben
konnte, so lie er sich doch keine Mhe verdrieen, ja, sa selbst
anderthalb Stunden mit einer wahren Engelsgeduld auf einer Bank im
Vorsaal, zwischen lauter Galgengesichtern und Dienstmdchen, immer
von der Seite angesehen und beflstert, was er wohl ausgefressen haben
mochte, da er hier sitzen mute, bis die Reihe an ihn kam -- und dann
auch umsonst.

Der betreffende Beamte brachte wirklich heraus, da sich ein
Schauspieler Boslaw vor einiger Zeit hier in Prag drei Tage mit seiner
Frau, Kathi Boslaw, aufgehalten und im Knig Wenzel logirt habe, dann
aber wieder abgereist sei. Sein Pa war jedenfalls in Ordnung gewesen;
was kmmerten sich die Leute darum, wohin derartiges Volk zog, wenn es
ihnen hier nicht zur Last fiel!

Knig Wenzel -- dort war vielleicht noch eine Mglichkeit, etwas
Nheres zu erfahren, und Jeremias versumte auch diese nicht -- und
wieder vergebens. Der Wirth wute von dem jetzigen Aufenthalt des Herrn
Boslaw gar nichts; er wollte aber, er wte es, da er den Herrn noch
fassen knnte, der nach bezahlter Rechnung seinem Kellner noch eine
Flasche Champagner abgeschwindelt und, ehe er es erfuhr, das Weite
gesucht hatte. Er schimpfte dabei entsetzlich auf die Schauspieler, die
seiner Meinung nach nur allein deshalb in der Welt herumzgen, um arme
Wirthe zu betrgen und sich nachher in's Fustchen zu lachen.

Ueber die Frau, als Jeremias diese erwhnte, wute er nun gar kein Ende
zu finden. Das sollte ein wahrer Drache gewesen sein, die mit seiner
eigenen Frau schon in der ersten Stunde Skandal gehabt und sich bodenlos
gemein betragen htte.

Und knnen Sie mir keine Spur angeben, wo ich den Menschen wieder
auffinden mchte?

Aha, Ihnen ist er wohl auch durchgebrannt? lachte der Wirth. Ja,
lieber Freund, und wenn Sie ihn trfen, was wrd's Ihnen helfen? Das
ist eine pauvre Wirthschaft bei dem Prchen, wenn die Madame
auch aufgedonnert genug geht; aber 'sist ja Alles falsch. Einen
Brillantschmuck hat die Person, der eine sechstausend Gulden werth
sein mte, wenn er cht wre; aber wo sollte die solche chte Steine
herkriegen? Landsleute sind's.

Herr Boslaw? sagte Jeremias.

Nein, die Steine -- bhmische, mein' ich. Wenn Sie meinem Rath folgen
wollen, lassen Sie ihn laufen; 'skommt nichts bei der Sache heraus, und
Sie verreisen mehr Geld und Zeit dabei, als die Lumperei werth ist.

Und wo sich Herr Boslaw frher aufgehalten hat, davon wissen Sie gar
nichts?

Nein, ich bin auch nicht neugierig danach und wei nur so viel, da wir
ihn hier nicht wieder zu sehen bekommen werden.

Es war aus dem Mann nichts weiter heraus zu bekommen, und Jeremias
begann einzusehen, da er sich seine Winterreise nach Prag htte sparen
knnen, denn hier, an Ort und Stelle, erfuhr er nur einzig und allein
die Besttigung dessen, was sie schon in Haburg ber den Aufenthalt des
Menschen in Prag gehrt.

Und sollte er noch lnger hier bleiben? Er wre am liebsten gleich
zurckgekehrt, aber dem Grafen Rottack lag die Sache so am Herzen, die
liebe junge Grfin hatte ihn so darum gebeten; er mute jedenfalls noch
ein paar Tage zugeben; mglich ja doch, da er noch irgend Jemanden
traf, der ihn auf eine bessere Spur bringen konnte. Er wollte es
jedenfalls versuchen, denn er hate nichts mehr, als so ganz nutz- und
erfolglos in der Welt herumgefahren zu sein.

Nur allein von den Schauspielern selber konnte er aber hoffen, irgend
etwas ber diesen vermeintlichen Handor oder seine frheren Verhltnisse
zu erfahren; er studirte deshalb einige Theaterzettel durch, um keinen
zu bergehen, schlug die Wohnungen auf und trat dann seine Wanderung
an, die ihn allerdings mit einigen sehr interessanten Persnlichkeiten
zusammenbrachte, sonst aber auch nicht den geringsten Erfolg hatte.
Einige behaupteten allerdings, jener Boslaw sei ihnen bekannt
vorgekommen und jedenfalls ein routinirter Schauspieler, sein jetziger
Name ihnen aber gnzlich fremd, und da er nie mit irgend Jemandem von
ihnen, ausgenommen auf der einen Probe, verkehrt, habe man sich auch
nicht weiter um ihn bekmmert.

Das war das nmliche Resultat berall, wohin er kam, bei den Herren wie
bei den Damen, und die letzteren besonders verwahrten sich gleich von
vornherein gegen die Mglichkeit, auch nur den entferntesten Umgang mit
einem solchen Paar gehabt zu haben, wie jener Herr und Frau Boslaw.

Jeremias wurde dadurch immer unsicherer und zuletzt ganz fest berzeugt,
da er hier auf einer vollkommen falschen Fhrte herumsuche, denn
Handor selber -- was er frher von ihm gesehen -- hatte sich immer sehr
anstndig benommen, und seine junge Frau, die liebenswrdige Comtesse
Paula, htte ja alle Herzen im Sturm erobern mssen. Boslaw und Handor
muten also ganz entschieden zwei total verschiedene Persnlichkeiten
sein, und unter solchen Umstnden blieb es dann allerdings das Beste,
nur wieder ruhig nach Haburg zurckzukehren und von dort aus zu sehen,
ob man nicht eine bessere Spur bekommen knne.

Einmal mit diesem Entschlu im Reinen und in dem vollen Bewutsein, in
dieser fremden Stadt sein Mglichstes gethan zu haben, um das in ihn
gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, packte er auch seinen Koffer
wieder, zahlte seine Rechnung und ging hinaus auf den Bahnhof, um sein
Billet zu lsen.

Das Wetter war bitter kalt, aber die Sonne schien hell und klar auf den
knisternden Schnee nieder, und eine Menge Leute waren unterwegs, um den
freundlichen Tag zu einem Spaziergang zu benutzen. Geputzte Menschen
schritten berall an ihm vorber oder er berholte sie; aber was
kmmerten ihn die Fremden, er kannte doch keinen von ihnen, und eilte
nur, ohne sich weiter umzusehen, dem Hausknecht nach, der in einem
halben Trab, mit seinem Koffer aus der Schulter, vor ihm her lief.

Herr Stelzhammer! schrie ihm da pltzlich Jemand so laut und so nahe
in die Ohren, da er ordentlich zusammenfuhr und sich bestrzt umsah.
Dicht neben ihm stand aber ein kleiner, schmchtiger Herr, etwas schbig
gekleidet, mit einer langen italienischen Cigarre im Munde, der ihn
ganz erstaunt zu betrachten schien. Ja, wo zum Teufel kommen _Sie_ denn
her?

Jeremias wrde das ausdruckslose Gesicht im Leben nicht wieder erkannt
haben, wre er nicht durch das unmige Schreien des Mannes an die
Persnlichkeit erinnert worden.

Herr Du meine Gte, rief er aus, habe ich nicht das Vergngen, mit
Herrn Mauser...?

Na versteht sich -- kennen Sie mich noch?

Heh, Hausknecht! Heh, holla! schrie Jeremias indessen hinter dem
davongelaufenen Burschen her. Entschuldigen Sie einen Augenblick, ich
bin gleich wieder da -- ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen! Und
wie ein Pfeil scho er hinter dem vorangegangenen Hausknecht her, um
diesen mit seinen Sachen wieder zurck in das Hotel zu dirigiren.

Mauser blieb indessen ordentlich verblfft mitten auf der Strae stehen.
Der kleine Fremde aus Haburg hatte _ihm_ etwas Wichtiges zu sagen und
brannte dabei durch, als ob er vor der Polizei davonliefe! Er sah ihm
kopfschttelnd nach und berdachte sich eben, was mglicher Weise die
Ursache eines so wunderlichen Betragens sein knnte, als Jeremias mit
dem glcklich eingeholten Hausknecht, dem er schon unterwegs seine Ordre
gegeben, zurckkehrte, sich um diesen auch gar nicht weiter kmmerte,
sondern ohne Umstnde den Souffleur unter den Arm fate und zu ihm
sagte:

Herr Mauser, Sie haben einen schmhlichen Durst, wie? Hab' ich nicht
Recht? Man sieht's Ihnen an, einen Durst, der unter Brdern fnf Gulden
werth ist und den es Snde wre, mit Wasser zu lschen. Sie sind doch
kein Kostverchter?

Bitte, schrie Mauser, nie im Leben gewesen, und habe auch wissentlich
nichts gethan, um einen solchen Verdacht zu rechtfertigen.

Schn, dann kommen Sie mit mir, rief Jeremias, oder wenn Sie einen
Platz wissen, wo vorzglicher Wein zu haben ist -- denn das hiesige Bier
soll der Teufel holen, wann er Lust hat--, so fhren Sie mich, da wir
ein halbes Stndchen mit einander plaudern knnen.

Trinken Sie gern Ungarwein? fragte Mauser, dem das Wasser schon im
Munde zusammenlief.

Leidenschaftlich.

Brav, dann kommen Sie, dann bringe ich Sie zu einem Platz, an dem Sie
ein Glas Adelsberger kosten sollen, nach dem Sie alle zehn Finger lecken
-- bildlich gesprochen, natrlich.

Guter Mensch, sagte Jeremias gerhrt, whrend sich die Vorbeikommenden
schon um die Beiden sammelten, weil sie glaubten, es beginne dort eine
Prgelei, so furchtbar schrie Mauser. Jeremias fate ihn aber ohne
Weiteres unter den Arm, und da ihm Mauser die Richtung bezeichnete,
schritten sie zusammen ber die Brcke und betraten bald darauf eins
jener alten Schenklocale mit gewlbten, kellerartigen Rumen, wie sie
sich in vielen alten Stdten, besonders aber in Oesterreich finden, wo
dann ein hchst mittelmiges Bier, aber ein ganz ausgezeichneter Wein
verzapft wird.

Dort, Jeder vor der Hand mit einem Seidel wackern Adelsberger vor sich,
saen die Beiden, und Jeremias ergab sich jetzt in das Unvermeidliche,
von seinem Gefhrten halb taub geschrieen zu werden, nur um aus ihm
heraus zu bekommen, was er wute. Glcklicher Weise befanden sich aber
in diesem Augenblick gar keine Gste weiter in dem niedern, halbdunkeln
Raum, denn zum Abendbier war es noch zu frh und das schne, klare
Wetter hatte sie alle in's Freie hinausgelockt.

Jeremias brauchte mit seiner Sache nicht hinter dem Berg zu halten,
und nachdem er vor allen Dingen Mauser's Neugierde in Betreff Haburger
Neuigkeiten befriedigt hatte, erzhlte er ihm geradezu, weshalb er
hierher gekommen sei, und sich so gefreut habe, ihn anzutreffen. War
also jener Boslaw wirklich der vermuthete Handor?

Na, versteht sich, schrie Mauser, wie Jeremias nur die beiden Namen
zusammen nannte. Ich sage Ihnen, mein lieber Herr Stelzhammer, der
Musj kriegte keinen schlechten Schreck, wie er mich hier als Souffleur
fand, denn davon hatte er keine Ahnung, und ich mute ihm in die Hand
versprechen, Keinem vom hiesigen Personal seinen wirklichen Namen zu
verrathen. Er habe, wie er meinte, seine Grnde, hier nicht gekannt zu
sein, und darin log er gewi nicht. Ich versprach's ihm auch, und hab's
bis jetzt gehalten; wenn Sie aber apart deshalb hierher gereist kommen,
so sehe ich nicht ein, weshalb ich's Ihnen verheimlichen soll. Was
schert mich der Musj Handor oder seine saubere Mamsell!

Aber das konnte doch unmglich die junge Comtesse Monford sein! Heh,
Mamsell, bitte noch um ein paar frische Seidel fr uns; der Wein ist
wirklich ausgezeichnet.

Freut mi, da er Ihna schmeckt, sagte das dralle Schenkmdel und nahm
die leeren Seidelflaschen mit fort.

Die? Bah! rief der Mauser, der dem Mdchen freundlich zugenickt hatte.
Gott bewahre, wenn sie auch jetzt ihre Brillanten trgt. Das arme
Geschpf hat er ja schon lange sitzen lassen, weil sie krank und elend
wurde.

Sitzen lassen? rief Jeremias, fast von seinem Stuhl emporfahrend.

Ih versteht sich, das war doch klar, da er sich mit der nicht lange
herumschleppen wrde. 'sist ein gewissenloser Halunke.

Aber _wo_, um Gottes willen, bester Mauser? Wissen Sie nicht, wo sie
zu finden ist? Gerade ihretwegen bin ich ja hier, was schert mich der
Schuft, der Handor!

So? sagte Mauser. Ja, ob sie noch jetzt da sitzt, wei ich nicht, vor
zwei Monaten aber traf ich sie zufllig in einem kleinen, erbrmlichen
Dorf, ein paar Meilen von hier: Hrzib.

Wohl bekomm's Ihnen! sagte Jeremias. Und wissen Sie nicht, wie das
Dorf hie?

Mauser sah ihn erstaunt an. Ich nannte es Ihnen ja eben: Hrzib.

Wie? rief Jeremias verblfft.

Hrzib! wiederholte noch einmal Mauser mit einem ganz entschiedenen
Kopfschleudern.

Du meine Gte, sagte Jeremias, ich glaubte vorhin, Sie htten
geniest!

Ja, Sie mssen auch niesen, wenn Sie's aussprechen wollen, versicherte
Mauser; ganz verfluchte Namen, die bhmischen, die Zunge geht Einem
ordentlich entzwei.

Und wie weit von hier liegt das Dorf?

Ach, mit der Eisenbahn kommen Sie bald hin; aber garantiren kann ich
Ihnen nicht, da sie noch dort ist. Sie war damals krank im Wirthshause;
ich sah sie in der Gaststube und htte sie auch gern angeredet, aber
sie zog sich so furchtsam vor mir zurck, da sie mir leid that, und ich
dachte mir auch, da es ihr gerade nicht angenehm sein knnte, Jemanden
aus Haburg zu begegnen.

Und wie kommt man am besten dorthin?

Wie Sie hinkommen? Sie fahren bis Podiebrad mit der Bahn und nehmen
sich dort einen Wagen oder Schlitten. Wo logiren Sie denn hier?

Im Schwarzen Ro.

Donnerwetter, Sie geben's fein; aber der Wirth dort kann Ihnen genau
die Route beschreiben. Ich frchte, Sie machen eine Metzgerfahrt, denn
ich kann mir nicht denken, da sich das arme Weibchen in dem Nest zwei
Monate aufgehalten hat.

Und ihr Mann war damals bei ihr?

Gott bewahre, der bummelte in der Welt herum. Wie mir die
Wirthsleute sagten, hatte er sie dort gelassen und versprochen, gleich
zurckzukehren, war aber schon vierzehn Tage fort, und wie er jetzt
hierher kam, trieb er sich mit einem so gemeinen Geschpf herum -- pfui
Teufel!

Aber Sie nannten doch dort ihren Namen, da die Leute in ihre Heimath
schreiben konnten? rief Jeremias.

Wo's mich nicht juckt, kratz' ich mich nicht, sagte Mauser; wenn
sie das wollte, konnte sie's selber thun. Werde mich hten und mich in
Familien-Angelegenheiten mischen -- einmal gemacht, und nicht wieder.

Ob man wohl noch heut Abend hinkommen knnte? sagte Jeremias, der
keine Ruhe mehr hatte.

Sie sind wohl toll! rief Mauser; es dmmert schon und die Nchte
sind stockdunkel. Wenn Sie Nachts von Podiebrad fort wollten und bei dem
Schnee vom Wege abkmen, knnten Sie Hals und Beine brechen. Wollen
Sie absolut nachsehen, so fahren Sie morgen frh mit Tagesanbruch weg;
nachher haben Sie den ganzen Tag vor sich. 'swird doch ein vergebener
Gang sein, denn sie ist nicht mehr dort.

Und in welchem Wirthshause war sie?

In welchem? Glauben Sie, da in dem Nest mehr wie eins ist? Ne, da
knnen Sie nicht irre gehen.

Aber den Namen von dem verwnschten Ort behalt' ich in meinem Leben
nicht. Wie hie er?

Hrzib; na warten Sie, ich gehe nachher mit Ihnen in Ihr Hotel und
beschreib' es dem Wirth selber. Das wird das Gescheidteste sein -- wie?

Sie sind ein Goldmann, Herr Mauser; ich wei nicht, wie ich es Ihnen
danken soll.

Bitte, schrie Mauser; trinken wir noch ein Seidel?

Sechs, wenn Sie wollen, rief Jeremias, da ich heut Abend doch nicht
mehr fahren kann; denn ich glaube selber, es ist am besten, ich warte
bis morgen frh.

Denken Sie nur gar nicht daran.

Dann sind Sie auch heut Abend mein Gast, und Sie haben sich noch
auerdem eine sehr wackere Familie zum hchsten Dank verpflichtet.

Reden wir nur gar nicht mehr davon, schrie Mauser, uerst vergngt
ber die Aussicht eines fidelen Abends; famoser Zufall, da wir uns
hier getroffen haben, und -- Apropos, wie geht es denn Frulein Bassini,
Ihrer Frulein Schwgerin? Sie soll leben, Herr Stelzhammer, Sie soll,
hol' mich der Teufel, leben!

Jeremias fand, da dem kleinen Mann der starke Wein etwas zu Kopf
gestiegen war, und da jetzt auch schon mit anbrechendem Abend einzelne
Gste eintrafen, schlug er ihm vor, noch einen kurzen Spaziergang zu
machen und dann im Schwarzen Ro߫ zu soupiren.

Das war nicht abzuschlagen, und Jeremias brachte spter den kleinen
fidelen Souffleur -- der glcklicher Weise heut Abend nicht zu
souffliren hatte, oder es wre um das Stck geschehen gewesen -- auf
seine eigene Stube, wo sie bei einem delicaten Abendbrod und noch
delicateren Weinen so lange zusammen saen, bis Mauser selber erklrte,
heute fnde er den Heimweg nicht mehr, so viel sei sicher, und morgen
frh wrde ihn der Nachtwchter wohl halb oder dreiviertel erfroren an
irgend einer Straenecke treffen.

Dem wollte ihn Jeremias doch nicht aussetzen, lie ihm also ein
Zimmer im Hotel geben, brachte ihn selber zu Bett, und traf dann seine
Vorbereitungen, um am nchsten Morgen mit dem Frhzug nach Podiebrad und
von da ohne Sumen nach jenem bezeichneten Dorf mit dem entsetzlichen
Namen hinber zu fahren.

Am liebsten htte er freilich gleich noch heut Abend nach Haburg
hinber telegraphirt, da er eine Spur gefunden habe und ihr jetzt
folgen wolle, um Rottacks wenigstens einige Hoffnung zu machen. War
aber das junge, unglckliche Wesen nicht mehr in jenem kleinen Nest und
verlor er dort wieder ihre Spur -- was dann? Es blieb immer besser, erst
dort an Ort und Stelle seine Nachforschungen zu beginnen, was er auch
mit der grten Sicherheit thun durfte, denn wenn er die Comtesse auch
schon in Haburg gesehen hatte, ihn kannte sie auf keinen Fall, selbst
wenn er auch seinen Namen nannte.

Beim Portier lie er jetzt nur noch auf die Tafel schreiben, da er
zur rechten Zeit geweckt sein wolle, und legte sich dann mit dem
beruhigenden Bewutsein schlafen, doch jetzt ein bestimmtes Ziel zu
haben, dem er nachfahren knne, und nicht mehr lnger in der Irre
umhersuchen zu mssen.

Jeremias hatte am vorigen Abend wie Mauser ganz tchtig gebechert, aber
der kleine Mann konnte auch eine ordentliche Portion vertragen, und
um halb sechs Uhr am nchsten Morgen sa er schon fertig angezogen und
reisebereit vor seinem Kaffee, und unten klingelten auch gleich darauf
die mit tnenden Schellen behangenen Pferde, als der Kutscher aus
dem Thorweg heraus und vor das Haus fuhr, um dort seinen Passagier zu
erwarten und nach dem Bahnhof zu bringen.

Und der Wind pfiff nicht schlecht am Flu herauf, der Himmel hatte sich
dabei umzogen, und es fing an gefrorenen Regen herunter zu werfen, der,
wo er in's Gesicht traf, wie Nadeln stach. Aber was half's; der
Weg mute zurckgelegt werden, und mit einer Anzahl wollener Decken
versehen, die er sich vom Wirthe geborgt hatte, um nachher von Podiebrad
Fuhrgelegenheit zu nehmen und ordentlich eingepackt zu sein, warf er
sich in sein Coup und sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, die ihm
Gewiheit ber die Gesuchte bringen sollte.

In Podiebrad hatte es auch keine Schwierigkeit, ein Fuhrwerk nach jenem
Dorfe, dessen Namen er deutlich geschrieben auf einem Zettel bei sich
trug, zu finden, und gegen Mittag etwa erreichte er den kleinen Ort und
hielt bald darauf vor der Schenke -- einem traurigen, wsten Aufenthalt.

Und hier sollte er die junge, an jede Bequemlichkeit von Jugend auf
gewhnte Comtesse finden? Er schauderte ordentlich, als er sich die
Mglichkeit dachte, da sie hier Monate lang allein und freundlos
gehaust habe. Das war auch gar nicht mglich, und er frchtete jetzt
fast ebenso, ihr hier zu begegnen, wie er sich frher danach gesehnt
hatte, sie anzutreffen.

Und was mache ich mit den Pferden, Herr? fragte der Kutscher, als
Jeremias vor der Schenke aus dem Schlitten stieg.

Stellt sie ein, Freund, lautete die Antwort, ein Stall wird doch
hier zu finden sein. Ich bleibe wahrscheinlich ein paar Stunden hier und
fahre dann wieder zurck.

Damit trat er in das Haus und in die niedere, furchtbar geheizte
Gaststube, aus der ihm aber ein widerlicher Dunst entgegen schlug, da
er ordentlich erschreckt einen Moment in der Thr stehen blieb, um seine
Lunge erst an diese Atmosphre zu gewhnen.

Gste waren nicht im Zimmer, einen Fuhrknecht ausgenommen, der am Tisch
sa, ein groes Glas Branntwein vor sich hatte und aus einer kurzen,
schmutzigen Pfeife Wolken stinkenden Tabaksqualms ausstie. Jeremias war
in Brasilien gerade nicht mit sehr vorzglichem Tabak verwhnt worden,
der hier roch ihm aber doch auer dem Spa. Aber was half es; es mute
ertragen werden, und mit einem freundlichen Gru gegen den Mann, der
ihm nur kurz zunickte, wandte er sich an ein weibliches Individuum,
mglicher Weise die Wirthin oder auch vielleicht eine Dienstmagd, die
aber von Schmutz starrte, und fragte sie, ob hier im Hause eine Dame
seit einiger Zeit logire.

Die Antwort, welche er bekam, war bhmisch; das Frauenzimmer verstand
kein Wort Deutsch und zeigte nur dabei auf den Fuhrknecht, der ihr
wahrscheinlich als Dolmetscher dienen sollte.

Er wandte sich jetzt an diesen und wiederholte seine Frage, bekam aber
auch keine Antwort, denn der Mann unterhielt sich jetzt erst eine ganze
Weile mit der Frau in einem Kauderwlsch, von dem Jeremias natrlich
keine Sterbenssilbe verstand. Endlich drehte er wieder den Kopf nach ihm
herum.

Wen suchen Sie? sagte er allerdings auf Deutsch, aber so gebrochen,
da Jeremias genau aufpassen mute, wenn er die Worte verstehen wollte.

Eine Dame, sagte Jeremias, die vor etwa zwei oder drei Monaten in
dieses Dorf gekommen und allein hier geblieben ist.

Eine Dame? wiederholte der Mann erstaunt und mit dem Kopf schttelnd.
Was sollte die hier machen?

Ein junges Frauenzimmer, lenkte Jeremias ein, der daran dachte, da
der Bursche unter Dame vielleicht etwas ganz Anderes verstand.

Ja so! rief der Fuhrknecht, und jetzt begann wieder ein langes
Gesprch mit dem Weib hinter dem Ofen, das beschftigt war, ein paar
Suppennpfe auszuwischen. Jeremias wartete auch geduldig seine Zeit ab,
um die Beiden nicht zu stren.

Sie kam mit einem Manne? fragte endlich der Fuhrknecht wieder, und
Jeremias nickte nur.

Und der Mann ging nachher fort und kam nicht wieder?

Dieselbe. Ist sie noch hier im Hause?

Der Fuhrknecht schttelte mit dem Kopf. Nein, die ist lange fort.

Fort? Aber wohin? rief der kleine Mann in Verzweiflung. Kann mir denn
Niemand sagen, wo sie sich jetzt aufhlt?

Bei Blshrad.

Herr Gott, wieder so ein Name! sthnte Jeremias. Aber wo liegt das?

Wo das liegt? sagte der Mann erstaunt.

Ich meine, ob es weit von hier ist?

Ne, sagte der Bursche.

Aber wie komm' ich hin?

Wie Sie hinkommen? Na, ganz leicht; grad' ber die Strae hinber, das
vierte oder fnfte Haus links.

Hier im Ort? rief Jeremias und fuhr mit Blitzesschnelle von seinem
Sitz empor.

Nu ja, versteht sich, nickte der Mann; das Weibsen hatte kein Geld
mehr, und der Wirth hier, mit nur einer ordentlichen Stube im Hause, wo
sich Fremde unterbringen lieen, konnte die doch nicht Jemandem lassen,
der nicht einmal mehr dafr bezahlte. Es war aber auch zu kalt, um sie
auf die Strae zu setzen; sie wre drauen erfroren, und da ist sie
derweil bei Blshrads untergebracht.

Die Frau fuhr aber wieder dazwischen und redete auf den Fuhrknecht ein,
whrend dieser ihr beifllig zunickte.

Was sagt sie? fragte Jeremias.

Wenn Ihr zu dem kranken Weibsen gehrtet, meint sie, so solltet Ihr
auch das zahlen, was sie hier noch schuldig ist, denn die paar Lumpen,
welche sie zurckbehalten htte, wren nicht die Hlfte werth.

Oh Du mein groer Gott, seufzte Jeremias vor sich hin, zu welch'
erschrecklichem Elend bin ich da gekommen!

Und wollen Sie's zahlen? fragte der Mann.

Ja, Alles -- gewi! rief Jeremias in furchtbarer Aufregung; fhren
Sie mich nur hinber. -- Hier, guter Mann, hier haben Sie Geld,
kommen Sie mit hinber und zeigen Sie mir das Haus; ich mchte keinen
Augenblick mehr versumen. Oh das arme, unglckliche Geschpf!




32.

Paula.


Der Fuhrknecht betrachtete erstaunt das Silbergeld, das ihm Jeremias in
die Hand drckte, war aber auch rasch erbtig, den reichen Lohn mit so
leichter Mhe zu verdienen, und trank nur eben noch vorsichtig sein Glas
aus, da ihm indessen niemand Fremdes darber kam. Dann fhrte er den
kleinen Mann ohne Weiteres ber die Strae hinber in das kaum hundert
Schritt entfernte Haus, wo die Kranke, der Aussage der Wirthin nach,
jetzt untergebracht sein sollte.

Aber hier wohnt sie doch nicht? rief Jeremias ordentlich erschreckt
aus, als ihn der Fuhrknecht auf eine Htte zufhrte, die eher einem
Stall, als einer menschlichen Wohnung glich, das ist ja doch gar nicht
mglich!

Wenn es die ist, die Sie suchen und die Ihr Mann hier hat sitzen
lassen, brummte der Bursche, der schon Angst hatte, da er das Geld
wieder herausgeben msse -- gewi. Gehen Sie doch nur erst einmal
hinein.

Jeremias, doch wahrlich mit manchem Auergewhnlichen auf seinen
langen Reisen und Irrfahrten vertraut, schauderte, als er den kalten,
schmutzigen, niedern Raum betrat; sein Fhrer schien aber hier bekannt,
und an ihm vorbeigleitend, ffnete er die Zimmerthr und rief einer dort
sitzenden, widerlich hlichen Frau etwas auf Bhmisch zu.

Diese nickte nur und deutete auf eine andere Thr, und als Jeremias,
wirklich zitternd vor Furcht, die Gesuchte in diesem entsetzlichen
Aufenthalt zu finden, vorwrts trat, stie sein Fhrer eine andere
niedere Thr auf, die zu einer kaum zehn Fu im Quadrat haltenden Kammer
fhrte.

Dort stand ein Bett -- wenn ein erbrmliches Holzgestell mit Stroh
darauf so genannt werden kann, und auf demselben, mit einer einzigen
dnnen, noch berdies zerrissenen wollenen Decke berworfen, lag eine
schmchtige weibliche Gestalt. Nur ein ungewisses Licht fiel durch ein
fensterartiges Loch im Dach in den den Raum, der nicht einmal geheizt
werden konnte, und neben dem Lager stand ein zerbrochener irdener Krug
mit Wasser, wahrscheinlich als einzige Labung.

Groer, allmchtiger Gott, rief Jeremias, das hier, die
Jammergestalt, ist doch nicht die Comtesse Monford?

Wie er den Namen nannte, hob die Kranke den Kopf, und ein wachsbleiches
Gesicht, mit unnatrlich groen, dunkeln Augen, starrte ihn an. Er
kannte es nicht -- aber die Hand, welche die Decke zurckschob, war zart
und fein, und die Finger daran so dnn, da es fast aussah, als ob sie
bei der geringsten Anstrengung abbrechen mten.

Jeremias stand sprachlos vor Entsetzen, aber der kleine praktische
Mann hielt sich auch nicht lange bei unntzen Gefhlsuerungen auf.
Ordentlich krampfhaft fate er den Mann, der ihn hierher gefhrt, am
Arm, und zog ihn wieder hinaus vor die Thr und dem Wirthshause zu.

Nun, ist sie's nicht? rief dieser.

Ja, ja -- kommt -- kommt nur mit -- -- er mute Jemanden haben, der
fr ihn sprach, und athemlos betrat er wieder die dumpfe, dunstige
Wirthsstube.

Hier aber war inde der Wirth selber zurckgekehrt, der ein ziemlich
gutes Deutsch sprach, und Jeremias hatte das kaum ausgefunden, als er
auf ihn einstrmte.

Habt Ihr ein gutes Zimmer hier im Hause?

Ja, Herr!

Was geheizt werden kann?

Ja, Herr!

Habt Ihr ein gutes, warmes Bett?

Ist auch zu beschaffen; es stehen zwei drin!

Wollt Ihr mir das Zimmer fr einen guten Preis vermiethen?

Warum nicht -- wenn Ihr baar Geld zahlt?

Hier ist Geld -- ist es geheizt?

Nein, Herr, was sollen wir ein Zimmer heizen, in dem Niemand wohnt.

Knnt Ihr es gleich heizen, aber rasch?

Gewi, rief der Wirth, der staunend die Anzahl Silberstcke
betrachtete, die ihm Jeremias in Todesangst in die Hand gedrckt, und
dann rief er in bhmischer Sprache seiner Frau ein paar Worte zu, die
rasch zum Ofen humpelte, dort einen. Arm voll trockenes Holz nahm und
das Zimmer damit verlie.

Und kann Eure Frau eine gute, krftige Suppe kochen, mit einem Huhn
darin und Eiern?

Eier haben wir jetzt nicht, Herr, sagte der Mann, aber ein Huhn ist
da, und die Suppe soll bald fertig sein.

Rasch nur, rasch, rief Jeremias, ich bezahle Alles! Und wie ein
Pfeil scho er aus der Thr hinaus, griff drauen im Schlitten alles
von wollenen Decken auf, was er fassen konnte, und rannte damit in das
gegenber liegende Haus.

Der Fuhrknecht, der wohl gemerkt hatte, da hier Geld zu verdienen war,
denn der kleine Fremde warf mit den Silberstcken nur so um sich, hatte
ihm dabei geholfen, und dort breitete er Alles, was er mitgebracht, ber
die Kranke aus, um sie nur erst einmal zu erwrmen.

Das besorgt, ordnete er mit Hlfe seines Dolmetschers die aufgelaufene
Rechnung der Kranken -- nur wenige Gulden fr den Aufenthalt, und
schickte diesen dann fort, um Leute herbeizuholen, welche die Kranke mit
ihrem Bett in das fr sie bereite Zimmer tragen konnten, sobald es nur
durchwrmt war.

Was lt sich mit dem Geld nicht Alles machen! Die Wirthin feuerte
ein, da der Ofen knisterte; die Betten wurden durchwrmt, eine gute,
nahrhafte Suppe bereitet, und die Trger, denen Jeremias indessen an
Branntwein geben lie, was sie trinken wollten, warteten geduldig, bis
der kleine wunderliche Fremde ihnen befehlen wrde, das Bett mit der
Kranken aufzugreifen und in das Wirthshaus herberzutragen.

Jeremias dachte dabei an Alles. Auch ein paar Mdchen hatte er indes
besorgt, welche die Kranke von ihrem Strohlager in das warme und weiche
Bett legen sollten, und als er Alles nun bereit hatte, ging er mit ihnen
hinber, um sie abzuholen.

Die arme Kranke, die unter den vielen wollenen Decken zum ersten Mal
wieder nach langer Zeit mochte warm geworden sein, hatte diese ber
ihren Kopf gezogen, und erst als sie die fremden Stimmen um sich hrte
und fhlte, da ihr Bett selber angefat wurde, warf sie erschrocken die
Decke von ihrem Gesicht zurck.

Um Gottes willen, was wollt Ihr mit mir? -- oh, lat mich ruhig
sterben.

Freunde sind da, gndige Frau, antwortete aber Jeremias, dem die
Rhrung fast die Stimme erstickte -- Ihre Sorge und Noth hat aufgehrt,
wir bringen Sie in ein anderes Haus, wo Sie ordentliche Pflege finden
sollen.

Paula starrte ihn noch immer ngstlich an, auf ein Zeichen von Jeremias
hoben aber die vier Mnner das Bett rasch empor, und ehe sie noch
Einspruch thun konnte, war es gedreht und im andern Zimmer und durch
dieses hin auf die Strae gebracht. Dort liefen Neugierige zusammen. Die
arme junge Frau hllte sich erschreckt wieder in ihre Decken ein, und
wenige Minuten spter befand sie sich im andern Hause.

Hier freilich mute sie den Frauen berlassen werden, denn das
unbeholfene Gestell lie sich nicht die schmale Treppe hinaufschaffen.
Aber diese wuten auch vortrefflich damit umzugehen, und mit Hlfe der
Decken und eines Stuhles trugen sie die Arme rasch und leicht hinauf und
legten sie in das fr sie schon hergerichtete durchwrmte Bett.

Das in Ordnung und der Wirthin noch einmal die Suppe auf die Seele
bindend, beorderte Jeremias die Pferde wieder, um so rasch als mglich
zur Stadt zu fahren. Er versprach aber noch an dem Abend mit einem Arzte
zurckzukehren, und eine Viertelstunde spter glitt der Schlitten unter
frhlichem Schellengeklingel nach Podiebrad hinber.

Jeremias that aber nichts halb. Von dort nahm er nicht allein den besten
Arzt mit, der aufzutreiben war, sondern auch eine gute und tchtige
Krankenpflegerin, und schickte zugleich ein Telegramm nach Haburg, das
nur die Worte enthielt: Graf Rottack, Haburg. Kommen Sie -- gefunden
-- krank -- elend. Prag, Schwarzes Ro. Jeremias.

Mit dem Doctor und der Wrterin kehrte er noch an demselben Abend nach
dem Dorf zurck, und erst als er Alles gethan, was in seinen Krften
stand und was berhaupt vor der Hand nur mglicher Weise zu thun
war, fuhr er wieder nach Prag zurck, um dort Rottack's Ankunft, der
jedenfalls den nchsten Zug benutzte, zu erwarten. Der mochte dann
bestimmen, was weiter geschehen solle.

Wie Jeremias aber nach Prag zurckkehrte, fand er schon ein antwortendes
Telegramm vor.

Ich komme mit dem nchsten Zug; wenn wir weiter fahren mssen, seien
Sie am Bahnhof.

Dadurch wurde allerdings die wenigste Zeit versumt, und Jeremias
behielt auch in der That kaum Raum genug, um etwas zu genieen und
gleich darauf wieder nach dem Bahnhof hinaus zu fahren; denn wenn Graf
Rottack den ersten Abendzug benutzt hatte, konnte er zu Mittag recht gut
in Prag eintreffen.

Und er kam in der That, aber nicht allein, denn Helene hatte es sich
nicht nehmen lassen, ihn zu begleiten, und Jeremias, als er sie am
Coupfenster entdeckte, rief ordentlich erschreckt aus: Oh Du mein
Gott, die Frau Grfin!

Rottack lie ihm aber keine lange Zeit, sich zu besinnen. Mein
lieber Jeremias, rief er, herausspringend und ihm herzlich die Hand
schttelnd, wie dankbar sind wir Ihnen! Aber wo ist die Unglckliche --
hier?

Noch zwei Stunden zu fahren, Herr Graf.

Lsen Sie rasch Billets, da wir den Zug nicht versumen.

Das war bald geschehen und das Gepck umgeschrieben. Jeremias stieg mit
ein und hatte nun Zeit genug, ihnen unterwegs all' die Einzelheiten zu
erzhlen und was bis jetzt geschehen war. Helene zerflo dabei fast in
Thrnen; aber sie eilten ja doch auch nun zur Rettung herbei, und in
peinlicher Ungeduld zhlte sie die Minuten, die sie noch von ihrem Ziele
trennten.

Schon von der nchsten Station unterwegs telegraphirten sie wegen eines
groen, bequemen Schlittens oder zwei kleinerer, die am Bahnhof bereit
stehen sollten, und Helene nahm sich hier wirklich kaum Zeit, etwas zu
genieen, als sie selber schon weiter drngte.

Etwa um zwei Uhr erreichten sie Podiebrad, und es war noch heller Tag,
als sie endlich das kleine, erbrmliche Dorf vor sich liegen sahen. --
Und dort lag Paula?

Helene sa bleich und die Hnde gefaltet in ihrem Schlitten und sah
zitternd auf die kleinen erbrmlichen Htten, die ihre Armuth und ihr
Elend nur zu deutlich verriethen. Und vor einer von diesen -- es war
wenigstens eine der grten -- hielt jetzt das Fuhrwerk. Ein anderer
Schlitten stand schon vor der Thr; es war der des wieder herber
gekommenen Arztes, der ihnen unten in der Wirthsstube entgegentrat.

Er stattete den Fremden einen kurzen Bericht ber den Zustand der
Kranken ab, der leider Helenens gehegte Furcht besttigte. Ihr Zustand
war in der That bedenklich. Nach einem falschen Wochenbett der Klte
und dem Mangel preisgegeben, wahrscheinlich noch von geistiger Aufregung
geqult, hatte die Arme ein bsartiges Fieber ergriffen, und mglich,
da treue Pflege die Gefahr, in der sie schwebe, noch abwenden knne;
aber man mge sich auf das Schlimmste wenigstens gefat machen.

Helenen liefen, whrend er sprach, die hellen Thrnen an den Wangen
nieder; aber sie unterbrach ihn mit keinem Wort, und erst als er geendet
hatte, sagte sie leise und bittend: Darf ich zu ihr?

Sie hat gestern Abend wieder viel phantasirt, meinte der Arzt, ist
aber heute ruhiger, und wenn Sie nicht selber frchten sie zu stark
aufzuregen...

Aber eine Wrterin mu sie ja doch haben!

Der Herr dort hat schon gestern eine recht brave Person dazu besorgt,
sagte der Arzt, und es ist wirklich Alles geschehen, was jetzt noch,
nachdem der richtige Zeitpunkt lngst versumt worden, nur irgend
geschehen konnte. Mglich aber auch, da es die Kranke wesentlich
beruhigt, wenn sie ein befreundetes Gesicht an ihrem Lager sieht, dem
Herrn wrde ich aber entschieden abrathen...

Ich gehe allein, rief Helene; haben Sie auch keine Furcht, Herr
Doctor, da ich sie aufregen werde. Ich bin ruhig -- gewi, ich bin
ruhig, setzte sie rasch hinzu, als der Arzt wie zweifelnd mit dem Kopf
schttelte; ich werde sicher kein Wort sagen, was sie nur im Geringsten
erregen knnte. Aber das arme, verlassene Kind mu doch erfahren, da
Freunde in der Nhe sind, die ber sie wachen, und dieses Gefhl wird ja
dann auch gewi zu ihrer Beruhigung mit beitragen.

So gehen Sie, gndige Frau, sagte der Arzt freundlich, ich verlasse
mich ganz auf Sie, und bringen Sie der armen Dame, was ihr bisher so
ganz gefehlt hat: Trost.

Helene legte Hut und Mantel ab; ihre Glieder zitterten so, da sie sich
kaum aufrecht halten konnte. Sie mute sich erst sammeln, erst wieder
Fassung erlangen. Aber ihr starker Geist berwand das bald.

Ich bin schon ruhig, Felix, sagte sie, unter Thrnen lchelnd, als
ihr Gatte zu ihr trat und ihr freundlich zureden wollte. Frchte auch
nicht, da mich oben eine solche Schwche bermannen wird. Du kennst
mich ja, vertraue mir nur, und jetzt, rief sie, indem sie mit ihrem
Tuch die letzten Thrnenspuren entfernte, la mich gehen.

Damit wandte sie sich entschlossen ab, schritt der Thr zu und die
kleine, enge Treppe hinauf. Nur der Arzt begleitete sie, und Rottack und
Jeremias blieben unten in der dumpfigen, wsten Wirthsstube allein mit
ihren peinlichen Gedanken zurck.

Helene hatte sich auch nicht zu viel zugetraut. Sie fhlte recht gut,
wie viel gerade jetzt von ihrer Haltung, der Kranken gegenber, abhing,
und leise und geruschlos wohl, aber mit festen Schritten stieg sie
hinauf und ffnete selber die Thr, welche zu der armen Verlassenen
fhrte.

Ein Glck, da ihr der Anblick erspart worden, wie Jeremias sie
gefunden, denn so rmlich das Zimmer auch aussehen mochte, so war es
doch reinlich gehalten und durchwrmt, und das Bett dabei so gut, als es
nur in einer so geringen Schenke sein konnte.

Die Wrterin sa am Bett, als Helene eintrat, und stand schchtern auf,
die Kranke aber lag, die Augen geschlossen, das bleiche, abgehagerte
Antlitz der Thr zugedreht, als ob sie schliefe.

Helenen zog sich das Herz zusammen. Allmchtiger Gott, wie sah die
Arme aus? -- Wohin war das frhliche Lcheln der sonst so lieben Lippen
verschwunden, wohin das Roth der Wangen, das schelmische Grbchen im
Kinn? Und als sie die groen, dunkeln Augen aufschlug und erstaunt, fast
erschreckt die Eintretende anstarrte, da htte Helene ihr um den Hals
fliegen und an ihrem Herzen den Gram ausweinen mgen, der ihr die Seele
zusammenschnrte. Aber sie bezwang sich.

Meine liebe Paula, sagte sie, indem sie mit lautlosem Schritt dem Bett
zuglitt und die herabhangende, fast durchsichtige Hand erfate, mein
liebes, ses Herz, wie geht es Dir?

Paula antwortete ihr nicht. Mit immer wachsendem Staunen betrachtete sie
die bekannten Zge, lauschte sie den zrtlichen, liebevollen Lauten.

Kennst Du mich nicht mehr, Paula?

Doch, doch, flsterte die Kranke, Du bist der Engel, den ich
herbeigesehnt und der mich dorthin fhren soll, wo kein Schmerz und
Kummer, kein Ha, keine Falschheit mehr ist -- oh, ich danke Dir,
Gott, danke Dir recht aus voller Seele, da meine Leiden jetzt ein Ende
nehmen! Oh, wie leicht wird mir, wie wohl, wie froh, oh nimm mich zu
Dir! Dein armes, armes Kind -- oh la mich scheiden!

Sie fiel zurck, Todtenblsse deckte ihre Zge, sie war ohnmchtig
geworden.

Helene sprach kein Wort, nur ihr Tuch tauchte sie in kaltes Wasser und
legte es der Kranken um die Schlfe, hielt ihr ein mitgebrachtes Flacon
unter die Nase und that Alles still und geruschlos, um sie in's Leben
zurckzurufen.

Der Arzt hatte sie dabei untersttzt.

Es wird vorbergehen, flsterte er leise, bleiben Sie stark, gndige
Frau -- vielleicht geht doch noch Alles gut.

Nach einer langen Weile schlug Paula die Augen wieder auf. Helene war
ber sie gebeugt und ihre Blicke begegneten sich.

So hab ich nicht getrumt, sagte Paula leise, der Engel ist bei mir
geblieben.

Meine Paula, mein ses, liebes Herz, kennst Du mich denn nicht mehr?
Kennst Du Deine Helene nicht?

Helene? Helene Rottack? flsterte die Kranke. Aber -- wie kommen Sie
denn hierher, Frau Grfin? Wie ist mir denn? Bin ich denn nicht...

Ich habe Dich gesucht und gefunden, Herz! rief Helene, die nur mit
Gewalt die vorquellenden Thrnen zurckdrngen mute. Jetzt bleib' ich
bei Dir, ich gehe nicht wieder von Dir fort, bis Du auf's Neue wohl und
gesund und krftig bist. Darf ich bei Dir bleiben?

Bei mir? flsterte Paula, whrend ihr Blick scheu im Zimmer umherflog.
Bei mir, der Ausgestoenen, die ihren Bruder und Vater gemordet hat?
Bei mir? Und dabei suchte sie Helenens Hand von sich fortzudrcken.
Geh, geh fort, da Dich nicht auch der Fluch trifft, der auf mir ruht!

Aber was sprichst Du, Paula?

Ich wei Alles, flsterte die Arme, in den Zeitungen stand es, die
ich drauen gelesen -- Alles -- Alles! Oh, da ich gestorben wre, um
nicht das -- das zu ertragen!

Hten Sie die Kranke vor Aufregung! flsterte der Arzt.

Nicht Alles ist wahr, was in den Zeitungen steht, mein Herz, suchte
Helene sie zu beruhigen; Dein Vater ist wohl krank, aber er lebt.

Er lebt -- ja, sagte Paula dster -- aber wie? Oh, Helene, und Du
hast Dich nicht von mir gewandt, wo mich Alles, Alles verlassen?

Nie, nie, mein armes Kind, rief die junge Grfin, ich bleibe bei Dir;
Du darfst mich nicht von Dir weisen; es wird noch Alles gut werden --
hoffe nur, Paula!

Alles gut werden? Ja, sagte die Arme leise, wenn ich im Grabe liege
-- oh, da ich ausruhen knnte von all' dem Herzeleid!

Sie lag wieder still und ruhig. Helene suchte sie zu trsten, aber sie
antwortete nicht mehr, bis ihr Geist auf's Neue an zu wandern begann und
wilde, erschreckende Bilder vor die Seele heraufbeschwor. Sie jammerte
dabei nach ihrem Kinde, das man ihr weggenommen htte, und wollte von
ihrem Lager aufspringen, so da sie nur mit Mhe gehalten werden konnte;
dann lag sie wieder halbe Stunden lang still und wie todt.

Der Arzt schttelte den Kopf, die Erregung war zuviel fr die Kranke
gewesen; aber mit eines Engels Geduld sa Helene an ihrem Lager die
ganze Nacht hindurch, und kein Schlaf kam in ihre Augen.

Rottack und Jeremias, da der Arzt gegen Abend wieder nach der Stadt
zurck mute, wo er auch ein paar gefhrlich kranke Patienten hatte,
verbrachten die Nacht ebenfalls in trauriger Weise in der Wirthsstube
selber, und noch dazu in einem furchtbaren Tabaksdunst, da sich heute
eine Menge von Neugierigen eingefunden hatte, um die Fremden zu sehen,
die gekommen wren, die kranke Frau abzuholen.

Fr heute lie sich aber nichts mehr daran ndern, morgen konnte
vielleicht eher Rath geschafft werden. Beide waren ja auch berdies an
Beschwerden gewhnt, und auf Sthlen und Bnken richteten sie sich ein,
so gut es eben gehen wollte.

Gegen Morgen endlich war die Kranke eingeschlafen, und Helene warf sich
ebenfalls in ihren Kleidern auf das noch im Zimmer befindliche Bett, um
ein klein wenig zu ruhen, whrend jetzt die Wrterin an dem Lager der
Kranken wachte.

Paula schlief lange und sanft, und als sie endlich erwachte und die
treue Freundin zu ihr trat, schlang sie ihren Arm um deren Nacken, zog
sie zu sich nieder und weinte still.

Meine liebe, liebe Paula, Du darfst Dich nicht wieder aufregen, der
Arzt hat es streng verboten.

Und womit habe ich das verdient, Frau Grfin, flsterte Paula, da
Sie mir in mein Elend gefolgt sind?

Oh, nicht den kalten Titel, Paula, nicht das fremde Sie, rief Helene
bewegt, nenne mich Helene, nenne mich Schwester, denn Gott ist mein
Zeuge, ich will Dir von jetzt an eine Schwester sein!

Meine liebe, gute Helene -- und Du bist mir nicht bse?

Ich Dir bse, Herz, wo ich mein eigen Leben fr Dich hingeben knnte?

Paula schttelte leise mit dem Kopf und schlo die Augen wieder, und
Helene rhrte sich nicht weiter, um ihr volle und ungestrte Ruhe zu
lassen.

So lag sie zwei volle Stunden in einer Art von Halbschlaf, aus dem sie
erst durch den zurckkehrenden Arzt wieder geweckt wurde.

Trotz der furchtbaren Aufregung des vergangenen Abends fand er die
Kranke aber heute bedeutend besser. Der Puls ging ruhiger und das Auge
war klarer.

Sie hatte jetzt Helenens Hand gefat, die sie, ohne ein Wort zu
sprechen, festhielt, als ob sie Furcht htte, da sie ihr wieder
entzogen werden knnte. Helene hielt mit einer rhrenden Geduld bei ihr
aus, streichelte ihre Wange, kte ihre Stirn und behandelte sie wie ein
krankes Kind, das nur durch Liebkosungen beschwichtigt sein will.

Rottack fragte den Arzt, ob er einen Transport der Kranken nach der
nchsten Stadt wenigstens fr mglich halte; davon wollte dieser aber
nichts wissen, auf keinen Fall fr die Folgen stehen, und er unterblieb
deshalb. Der Arzt sorgte aber doch dafr, da die beiden Herren
wenigstens ein Quartier und ein paar Betten bei dem Geistlichen bekommen
konnten, der sie in liebenswrdiger Weise aufnahm und nicht einmal darin
nachlie, als er erfuhr, da sie Ketzer wren. Er selber hatte schon
die arme kranke Frau besucht und ihr auch in der That wenigstens das
nothdrftige Unterkommen bei den armen Leuten besorgt, und freute sich
jetzt aufrichtig, da ihr die nthige Hlfe geworden war.

So vergingen vierzehn volle Tage, in denen das Befinden der Kranken
herber und hinber schwankte. Mit heftigen Anfllen ausbrechender
Phantasien wechselten Tage der Ruhe -- aber die Anflle wurden seltener
und schwcher, und der junge, krftige Krper Paula's berwand endlich
die furchtbare Mihandlung, die er erlitten hatte und der er fast
unterlegen wre.

Wie sich aber ihre Nerven krftigten, schlo sie sich so viel inniger an
Helene an, die wieder ihrerseits keine Mhe und Aufopferung scheute, wo
es der Pflege des geliebten Schtzlings galt.

Nach vier Wochen etwa gestand endlich der Arzt die Mglichkeit zu, die
Kranke nicht allein in die nchste Stadt, sondern auch gleich nach Prag
transportiren zu knnen, wo sie doch bessere Pflege und Bequemlichkeit
fand, und wenn auch noch jede nur mgliche Vorsicht gebraucht werden
mute hoffte er doch, da die Reise ohne Gefahr fr sie ablaufen wrde.

Jeremias wre schon lngst gern fort, denn es drngte ihn nach Hause,
aber er wute auch nicht, in wie weit er doch noch hier sich ntzlich
machen knne, und seine natrliche Gutmthigkeit lie ihn eben nicht.
In der ganzen Zeit aber erwhnte Keines von Allen ein Wort ber die
Vergangenheit. Jedes schien die Berhrung derselben zu frchten, und
jede Andeutung selber wurde vermieden. Was htte es auch geholfen, Paula
selber hatte leider schon aus den geschwtzigen Zeitungen das Unglck
ihres Hauses erfahren, denn was wird, besonders bei einem stillen
politischen Zustand, lieber verbreitet, als Verbrechen und Unflle. Was
ihr aber selbst geschehen, Du guter Gott, es lag zu klar und deutlich
vor Aller Augen, und wo es noch einer Ergnzung bedurft htte, konnte
Niemand die besser als Jeremias nach dem geben, was er in Prag ber
Handor und seine Begleiterin gehrt.

Ihre Verbindlichkeiten hier waren jetzt bald abgemacht und geordnet.
Das Wetter hatte sich auch gebessert; der Frhling zog siegreich in
das Land, und Schnee und Eis schmolz vor seinem warmen Hauch und
die Haselbsche trugen schon ihre Schfchen. Schneeglckchen und
Himmelsschlssel fingen an auszukeimen und die Saaten deckte frisches
Grn.

Jeremias fuhr selber nach der Stadt hinber und besorgte einen guten und
verschlossenen Wagen. Fest in Tcher und Decken eingepackt, wurde
dann die Kranke dort hinein gehoben und hinber geschafft, und mit dem
Schnellzug erreichten sie Prag in kurzer Zeit.

Paula hatte nicht einmal gefragt, wohin man sie fhre, denn wenn sich
ihr Krper auch unter der guten und sorgsamen Pflege auffllig krftigte
und erholte, ihr Geist blieb noch immer gedrckt, und scheu und zitternd
schmiegte sie sich an Helene an, wenn ihr Fremde nahten. Selbst vor
Rottack hatte sie im Anfang Furcht, und nur auf Jeremias' Zge, so
flchtig sie ihn bei jenem ersten furchtbaren Begegnen gesehen, schien
sie sich zu erinnern und bot ihm die Hand, als er zum ersten Mal zu ihr
in's Zimmer trat.

Rottacks selber aber waren noch unschlssig, wohin sie Paula fhren
sollten. Nach Haburg? -- jeder Versuch, mit der stolzen, hartherzigen
Grfin von Monford anzuknpfen, war vergebens gewesen -- und sie hier
allein lassen?

Rottack selber wollte Haburg wieder verlassen, sobald er dort seine
Angelegenheiten nur einigermaen ordnen konnte, aber das war nicht in
zwei oder drei Tagen abgemacht und verlangte vielleicht eben so viele
Wochen, und so lange konnte er die noch immer kranke Paula nicht mit
seiner Frau allein lassen. Es war deshalb das Beste, er nahm sie, bis
er seine Uebersiedelung selber geordnet hatte, mit nach Haburg in sein
eigenes Haus. Niemand brauchte deshalb zu wissen, wen er beherberge.
Die Hoffnung, sie mit ihren Eltern auszushnen, hatte er freilich lngst
aufgegeben; aber er war fest entschlossen, Paula nicht mehr von sich zu
lassen, und da seiner armen Helene die Liebe der Mutter versagt
worden, so hoffte er, da sie in der Liebe der Schwester ihren Frieden
wiederfinden wrde.

Jeremias hatte sich brigens jetzt dahin entschieden, voraus zu reisen,
denn hier in Prag konnte er ja doch nichts mehr ntzen, und es drngte
ihn, seine eigenen Angelegenheiten daheim in Ordnung zu bringen.

Vorher mute er aber noch eine Pflicht der Dankbarkeit abmachen, zu
der ihn Rottack selbst drngte. Diesem hatte er nmlich gesagt, da er
einzig und allein durch den Souffleur, Mauser -- der Graf mute sich
ja doch an den Trken erinnern, der so unbndig schrie -- auf die Spur
gekommen sei, und Rottack zwang ihm nun unter jeder Bedingung zehn
Louisd'or auf, die er dem Manne fr seine Kunde geben sollte.

Da es Mauser sehr gut brauchen konnte, wute Jeremias, das war in
seinem ganzen Wesen unverkennbar, und verdient hatte er es auch,
denn ohne ihn wre die ganze Reise umsonst gewesen und die arme Paula
wahrscheinlich in Noth und Elend verdorben und gestorben. Jeremias
suchte ihn deshalb auf, und wenn er auch das bezeichnete Haus mit
Leichtigkeit fand, hatte es doch seine Schwierigkeiten, bis er die fnf
steilen Treppen emporkletterte, ber denen der Souffleur -- noch immer
in dem nmlichen ungewaschenen Schlafrock und mit demselben Fez auf,
thronte.

Mauser erhob brigens, als er ihn erblickte, ein solches
Freudengeschrei, da die Leute aus der Etage unter ihm herausstrzten,
weil sie glaubten, es wre Jemandem ein Unglck begegnet.

Jeremias mute jetzt erzhlen, aber er that das nur in aller Krze, denn
er selber war mit seiner Zeit gedrngt; wie er aber zuletzt, im Namen
des Grafen Rottack, die zehn Louisd'or aus der Tasche nahm und auf
den Tisch legte, stand der Souffleur starr vor Schreck und Staunen. Er
wollte es erst gar nicht glauben, da sie sein Eigenthum sein sollten,
blos dafr, da er einen Abend mit Stelzhammer gekneipt. Als es
ihm dieser aber wieder und wieder versicherte und er sie in die Hand
genommen und gewogen, und wieder auf den Tisch gelegt und sich noch
einmal hatte besttigen lassen, da das fortan sein Eigenthum sei, da
kannte seine Ausgelassenheit keine Grenzen.

Wie ein Rasender sprang er in der Stube herum, den Fez schleuderte er in
die Ecke, ein Pantoffel flog da, einer dorthin, und das Haus drhnte
von seinen Jubelrufen, die dem Kriegsgeheul der Indianer nicht unhnlich
waren.

Jeremias beruhigte ihn nur mit der grten Mhe, und als er sich endlich
zufrieden gab, wollte er absolut in seine Kleider fahren, um mit seinem
kleinen Wohlthter, heute natrlich auf eigene Kosten, auszuprobiren, wo
der beste Wein sei. Jeremias wute aber recht gut, da er ihn dann den
ganzen Tag nicht wieder los wrde, versprach ihm deshalb, wenn er es
irgend mglich machen knne, in einer Stunde etwa wieder herauf zu
kommen und ihn abzuholen, und eilte dann in das Hotel zurck, um von
Rottacks Abschied zu nehmen.

In derselben Zeit, in der Mauser oben in seinem Zimmer fertig angezogen
und mit einem schmhlichen Durst sa und auf ihn wartete, fuhr Jeremias
auf den Bahnhof hinaus und eine halbe Stunde spter gen Haburg.




33.

Die Werbung.


Jeremias hatte schon von dem bhmischen Dorf aus, wie er nur etwa die
ungefhre Zeit seiner Rckkehr bestimmen konnte, nach Hause geschrieben,
und lauter Jubel empfing ihn hier, denn Rebe war in der Zeit nicht mig
gewesen.

Director Krger hatte seinen Contract contrasignirt, und wie er
selber der Liebling des Publikums geworden, besserten sich auch seine
pecuniren Verhltnisse.

In den vergangenen Monaten, wo er fast noch sparsamer gelebt als je,
kaufte er von der jetzt ziemlich hohen Gage nach und nach, was er in der
Wirthschaft brauchte. Jettchen's Aussteuer war ja schon von dem Vater
reichlich bedacht worden, und Alles jetzt bereit, um die Trauung in der
nchsten Zeit zu vollziehen. An demselben Sonntag, an dem Jeremias von
seiner Reise zurckkehrte, wurden sie zum ersten Mal aufgeboten, und
Jettchen fhlte sich selig in dem Gedanken, nun bald nicht mehr allein
zu stehen und dem Geliebten ganz anzugehren.

So eifrig das Jeremias frher auch selber betrieben hatte, so
niedergeschlagen zeigte er sich aber jetzt. Sein ganzer Humor schien
ihn verlassen zu haben, und wenn er sich auch fast noch herzlicher und
theilnehmender gegen Alle benahm, als bisher, so lag doch jedenfalls
etwas auf seiner Seele, das er Niemandem anvertrauen mochte.

Anfangs drang Pfeffer in ihn, ihm zu sagen, was ihn drcke. Geldsorgen
konnten das nicht sein, denn er schleppte Geschenke nach Geschenken fr
Jettchen in's Haus -- aber was dann? Jeremias wich inde allen Fragen
aus, und man mute ihn endlich seinen Weg gehen lassen.

So war die Zeit immer mehr herangerckt. Es war Freitag geworden, am
Sonntag wurden die Brautleute zum letzten Mal aufgeboten und Montag
sollte die Hochzeit sein.

Jeremias hatte bei Pfeffers zu Mittag gegessen, aber fast kein Wort
dabei gesprochen. Nach dem Essen sa er auf dem Stuhl am Fenster, und
Jettchen war gerade hinausgegangen, um den Kaffee herein zu holen.

Was siehst Du mich so sonderbar an, Jeremias? sagte Auguste. Ich wei
gar nicht, wie Du heute bist.

Ich freue mich, erwiderte der kleine Mann, aber mit ganz wehmthiger
Stimme, da es Dir wieder so gut geht, Auguste. Du hast Dich in der
Zeit, wo wir in Bhmen steckten, merkwrdig erholt.

Wenn wir nur erst einmal herausbekommen knnten, was Sie in Bhmen
gemacht haben, rief Frulein Bassini.

Wahrscheinlich, meinte Pfeffer, wird's nicht die ganze Stadt wissen
sollen, und deshalb erfhrst Du's nicht.

Als ob ich nicht schweigen knnte!

So lange Du nichts weit, gewi. Aber 'sist wahr, die Guste hat sich
merkwrdig in der Zeit erholt; das dank' ihr aber der Teufel, keine
Sorgen mehr, gute Pflege -- das schlgt an!

Jeremias nickte freundlich. Ja, sagte er, und ich kann Euch jetzt mit
gutem Gewissen verlassen, denn fr das Jettchen ist ja auch gesorgt.

Verlassen? rief die Frau rasch. Und willst Du wirklich wieder fort?

Ich mu, Auguste, sagte der kleine Mann traurig. Sieh, ich habe noch
so viel da drben zu besorgen, eine Menge Land, Colonien, die jetzt in
fremden Hnden sind und verwahrlost werden, wenn man nicht den Leuten
dann und wann auf die Finger sieht. Auch Geld hab' ich noch drben
ausstehen, was ich nicht gern einben mchte, und von dem Verkauf des
Hotels wei ich auch nicht einmal, ob die Raten alle richtig eingezahlt
sind.

Hm, brummte Pfeffer und schritt, den blauen Qualm ausblasend, in der
Stube nachdenkend auf und ab. Aber Auguste sagte kein Wort; sie sah
still und traurig vor sich nieder und seufzte tief auf.

Und wann willst Du wieder fort, Jeremias? fragte sie endlich so leise,
da er die Worte kaum verstehen konnte.

Gleich nach der Hochzeit, lautete die Antwort; der Dampfer geht,
glaub' ich, am Dreizehnten oder Fnfzehnten, und ich mchte noch ein
paar Tage in Bordeaux bleiben, um dort Manches einzukaufen.

Der Vater will fort? rief Jettchen erschreckt, die eben den Kaffee
gebracht und die letzten Worte gehrt hatte. Um Gottes willen, nein,
Vater, Du darfst uns jetzt nicht wieder verlassen!

Es mu sein, liebes Herz, sagte der kleine Mann gerhrt, whrend sie
ihre Arme um ihn schlang, es mu sein; gern thu' ich's ja auch nicht,
das darfst Du mir wohl glauben, und ich -- ich komme auch wohl bald
wieder zurck, sobald ich mich losmachen kann drben. Wo ist denn der
Rebe eigentlich hin?

Er hatte etwas wegen seines Anzuges fr morgen zu bestellen, sagte
Frulein Bassini; er mu gleich wiederkommen.

Und wie traurig wird Horatius sein, sagte Jettchen, wenn Du uns so
bald wieder verlt und Dich gar nicht mehr an unserem Glcke freust!
Jetzt ist mir der ganze frohe Tag verdorben, denn ich werde ja doch nur
immer an den Abschied denken.

Ich wollte Euch eigentlich gar nichts davon sagen, bemerkte Jeremias
kleinlaut, bis dicht vor dem Abschied, aber es ging doch nicht an;
es ist doch noch so Manches zu besprechen, und da -- da bleibt's immer
besser, man wei es eine Weile vorher, da man sich danach richten
kann.

Und kannst Du die Geschichte da drben denn gar nicht durch jemand
Anders besorgen lassen? fragte Pfeffer noch einmal, indem er vor ihm
stehen blieb. Du sagtest doch frher, Du httest einen zuverlssigen
Mann drben.

Es geht nicht, Kinder, es mu sein, schttelte Jeremias mit dem Kopf;
's thut mir selber leid genug, aber lt sich eben nicht ndern, und,
Du lieber Gott, das junge Volk braucht mich ja auch nicht mehr, die
haben jetzt genug mit einander zu thun.

Und wir Alten? sagte Pfeffer.

Na, ich -- ich hab' Euch ja doch jetzt einmal wieder gesehen und
wei, da es Euch gut geht, und alles Andere -- aber da kommt Rebe,
unterbrach er sich rasch, indem er seinen Hut nahm; sagt's ihm
nachher, wenn ich weg bin, ich mchte die Geschichte nicht noch einmal
durcharbeiten. Nun, wo haben Sie gesteckt, Rebe? fragte er diesen, als
er vor der Thr an ihm vorbei wollte. Jettchen hat sich schon gesorgt,
da der Kaffee kalt wrde.

Sie wollen fort?

Ich komme nachher wieder.

Dann gehen Sie doch einmal bei Rottacks vorbei, Herr Stelzhammer.
Er begegnete mir vorhin auf der Strae und bat mich, Ihnen das
auszurichten.

Sie sind zurck?

Seit heute frh. Eben ist auch die Nachricht eingetroffen, da in
dieser Nacht der alte Graf Monford gestorben sei; da drauen ist's jetzt
recht de geworden.

Du lieber Gott, seufzte Jeremias, also doch noch! Ja, da will ich
gleich zu Rottacks gehen.

Und Rebe freundlich zunickend, schritt er an ihm vorber aus der Thr
und die Treppe hinab.

Es war ihm recht weh und weich zu Sinn, aber die Anderen durften ja doch
nichts davon merken, und sich tchtig zusammennehmend, schritt er
den kurzen Weg hinber nach Rottack's Haus, wo er auf das Herzlichste
begrt wurde. Er fand dort auch zu seiner Freude, da sich Paula wieder
so weit erholt hatte, um die Reise ungefhrdet fortsetzen zu knnen.
Nicht einmal die Dienerschaft im Hause wute aber, wer die junge Fremde
sei, die krank und verschleiert angekommen, und jede Mglichkeit eines
Ausplauderns war dadurch abgeschnitten.

Jeremias wunderte sich freilich manchmal im Stillen, weshalb gerade
Rottacks ein so aufopferndes Interesse an der jungen unglcklichen
Comtesse nahmen, aber seine eigenen Plne beschftigten ihn doch auch
zu sehr, um lange darber nachzudenken, und danach gefragt htte er
berdies nie; was kmmerte das auch ihn, und er hatte Rottacks viel zu
lieb, als ihnen einen andern Beweggrund zuzuschreiben, wie aufopfernde
Freundschaft.

Dem jungen Grafen Rottack -- Helene war bei der Kranken in ihrem eigenen
Zimmer -- entging aber dagegen nicht die auffallend gedrckte Stimmung
seines kleinen Freundes, denn eine solche augenscheinliche Schwermuth
war er nicht an ihm gewohnt. Er fragte ihn deshalb direct um die
Ursache, und Jeremias gestand ihm denn nach einigem Zgern endlich mit
einem gewaltsam heraufgezwungenen Humor, da er wieder nach Brumsilien
zurck wolle, um dort nach seinem Eigenthum zu sehen, und da es ihm
schwer werde, jetzt von hier fortzugehen.

Aber haben Sie mir denn nicht selber gesagt, fragte der junge Graf,
da Ihnen Rohrland in Santa Clara Alles besorgt und da Sie dem
das Ganze bergeben htten? Auf Rohrland knnen Sie sich doch fest
verlassen.

Felsenfest, besttigte Jeremias, besser als auf mich selber.

Und weshalb da die Reise, wenn Sie nicht gern gehen?

Herr Graf, sagte Jeremias entschlossen und sah sich vorher wie scheu
im Zimmer um, ob sie auch ganz allein wren, ich -- ich will Ihnen
reinen Wein einschenken; ich mu Jemanden haben, mit dem ich einmal
offen sprechen kann, es drckt mir sonst wahrhaftig das Herz ab.

Und da Sie Keinen haben, Jeremias, der wrmeren Antheil an Ihnen
nimmt, wissen Sie doch, sagte der junge Graf herzlich. Kann ich
Ihnen mit etwas helfen, so reden Sie frei. Haben Sie vielleicht zu viel
Ausgaben gehabt und brauchen Sie Geld? Heraus mit der Sprache, offen und
ehrlich! Ich bin reich, und wo ich Ihnen helfen kann...

Jeremias schttelte den Kopf. Das wr's nicht, sagte er mit einer
komischen Verlegenheit, Geld wr' da, und wie ich zurckkam, fand
ich sogar wieder einen Wechsel von Rohrland vor; ich habe mehr als ich
brauche, oder doch vollkommen genug.

Aber was, um Gottes willen, kann Sie sonst so niederdrcken? Ihr
Lieblingswunsch, die Verheirathung Ihrer Tochter mit dem jungen Rebe,
ist seiner Verwirklichung nahe, Ihre Frau hat sich, wie Sie mir selber
sagen, vollkommen wieder erholt und ist gesund, an Geld fehlt es Ihnen
auch nicht -- also an was sonst? Heraus mit der Sprache, Jeremias; Sie
haben uns mit wahrer Aufopferung beigestanden, machen Sie mir jetzt auch
die Freude, da ich Ihnen helfen kann.

Er hatte ihm dabei eine Cigarrenkiste und einen Stuhl hingeschoben, und
Jeremias, sich immer noch verlegen beider bedienend, sagte: Ja, sehen
Sie, Herr Graf, das ist allerdings eine wunderliche Geschichte; es fehlt
mir eigentlich an gar nichts, als -- an der Hauptsache.

An der Hauptsache?

Sobald Jettchen geheirathet hat, fuhr Jeremias fort, so zieht
selbstverstndlich die Mutter zu den Kindern, und auch Pfeffer hat
sich oben in dem Hause Stbchen und Kammer mit einer reizenden Aussicht
gemiethet. Soll ich mich dann mutterseelenallein hier irgendwo als
Junggeselle einquartieren und auf meine alten Tage da verloren sitzen?

Ja, aber weshalb ziehen Sie denn nicht zu Ihren Kindern?

Ich? rief Jeremias ordentlich erschrocken. Ja, aber das geht ja
doch gerade nicht. Von meiner Frau bin ich geschieden, und so lange
sie krank, elend und in Noth war, konnte kein Mensch etwas Uebles darin
sehen, wenn ich in dem Hause aus und ein ging. Jetzt aber, wo sie wieder
rstig und gesund ist und mir mein frheres nichtsnutziges Betragen
vollstndig vergeben hat, darf ich nicht in ein und dasselbe Haus mit
ihr ziehen. Denken Sie nur, was die Leute darber reden wrden, und wo
sie ber Schauspieler oder was mit ihnen zusammenhngt losziehen knnen,
thun sie's ja doch nur gar zu gern. So aber als Fremder hier zu wohnen,
wo man eine Familie im Orte hat, das -- hielt ich auf die Lnge der Zeit
nicht aus, und da ist's besser, ich gehe bei Zeiten.

Die Unterhaltung zwischen Rottack und Jeremias stockte eine Weile, weil
Letzterer schwieg; dann aber fragte Graf Rottack: Also in Brasilien
haben Sie wirklich nichts Wichtiges zu thun, nichts wenigstens, was
Ihnen nicht Rohrland eben so gut besorgen knnte?

Gar nichts, schttelte Jeremias mit dem Kopf; das war nur eine
Ausrede, denn sagen kann ich's ihnen ja doch nicht.

Und Ihre Frau ist Ihnen wieder gut?

Es ist ein wahrer Engel von einer Frau, und ich fhle erst jetzt, was
ich fr ein Esel gewesen bin.

Dann erklren Sie mir aber auch Eins: weshalb lassen Sie sich nicht
wieder mit Ihrer Frau trauen?

Hurrjeh, rief Jeremias, von seinem Sitz emporfahrend, das geht ja
aber doch nicht; wir sind ja geschieden!

Aber lieber, bester Freund, lachte Rottack, warum geht denn das
nicht? Ich kenne verschiedene Beispiele, da sich frher geschiedene
Gatten wieder haben trauen lassen. Sie sind ja Beide frei und
unabhngig, und wer in aller Welt will Sie daran hindern oder knnte es
Ihnen, wenn Sie Ihre Frau noch lieben, verdenken?

Und Sie glauben wirklich? rief Jeremias, ganz verstrt von all' den
Gedanken, die ihm jetzt durch den Kopf schossen.

Glauben -- was soll ich glauben? sagte der junge Graf. Die Sache ist
auer aller Frage. Sie erwerben sich dadurch ein Recht, fr die Frau,
der Sie einst ewige Treue versprochen und dann ein bischen gewissenlos
durchgingen, auch in ihrem Alter zu sorgen und das, was sie gelitten,
wieder an ihr gut zu machen; und seien Sie berzeugt, da man es Ihnen
berall sogar hoch anrechnen und Sie deshalb schtzen und lieben wird.

Ach, mein bester Herr Graf, sagte Jeremias, indem er wieder in
seinen Stuhl zurcksank, das ist ja schon seit langen Monden mein
Lieblingswunsch gewesen, schon wie Auguste noch krank war, um sie aller
Sorge fr das Kind zu entheben; aber -- ich habe nie geglaubt, da es
mglich wre, und dann -- wenn ich es mir manchmal so dachte, fehlte es
mir immer an der Courage, es ihr zu sagen.

Fehlt es Ihnen noch daran? lchelte Rottack.

Ja, sagte Jeremias kleinlaut; ich brcht's nicht ber die Lippen.

Soll ich dann Ihren Freiwerber machen?

Sie -- Sie wollten?

Und warum nicht? Trg' ich doch nur dazu bei, einer braven Frau ihren
braven Mann wiederzugeben, und wie glcklich werden die Ihrigen sein,
wenn Sie sich nicht wieder von ihnen trennen wollen.

Ach Gott, ja, und ich auch, seufzte Jeremias; es war immer mein
Lieblingswunsch gewesen, aber nur ganz im Stillen, mich an dem nmlichen
Tag mit meiner seligen Frau -- ach, Unsinn, das Wort kommt mir immer auf
die Zunge -- mit meiner geschiedenen Frau wieder trauen zu lassen, an
welchem Jettchen Hochzeit machte.

Das wre allerdings ein wenig rasch, lachte Rottack, und mchte
Schwierigkeiten machen. Ihre Papiere haben Sie?

Alles in musterhafter Ordnung.

Brasilianischer Brger dazu, hm, wir wollen einmal sehen. Aber erst
mssen wir doch wohl mit Ihrer Frau sprechen.

Und Sie wollten das wirklich thun?

Hren Sie einmal, Jeremias, sagte Graf Rottack, indem er aufstand
und seinen Hut nahm. Bleiben Sie einmal da sitzen. Das Sprchwort sagt
freilich: Gut Werk will Weile haben. Aber ich denke, ein gutes Werk kann
man nicht zu bald thun. Da stehen die Cigarren, in den Caraffen dort
auf dem Buffet steht Portwein und Sherry, wenn Sie in der Zeit einer
Strkung bedrfen sollten. In einer halben Stunde bringe ich Ihnen
Antwort.

Ich trinke Ihnen indessen den ganzen Portwein aus, sagte Jeremias.

Rottack lachte, nickte ihm zu und verlie das Haus.----

Bei Pfeffers sa die Familie indessen noch in einer recht wehmthigen
Stimmung beisammen, denn Jeremias' eben angekndigter und so nahe
bevorstehender Abschied lag Allen auf der Seele. Pfeffer selber ging mit
immer greren Schritten auf und ab und dampfte immer strker; Frulein
Bassini strickte, als ob der Strumpf noch heute fertig werden mte, und
Rebe stand niedergeschlagen am Fenster, whrend Jettchen der Mutter Hand
in der ihrigen hielt und ihr mit leisen Worten Trost zuflsterte.

Da klopfte es an die Thr, und auf das etwas erstaunte Herein!
Pfeffer's trat Graf Rottack in's Zimmer.

Stre ich?

Herr Graf! rief Pfeffer in einiger Verlegenheit, da er schon wieder
in seinem alten Schlafrock ertappt wurde. Sie entschuldigen einen
Augenblick!

Bitte, lassen Sie sich nicht stren! rief Rottack. Es ist eine
Familienangelegenheit, in der ich komme. Verehrte Frau, ich freue mich
herzlich, Sie dieses Mal so wohl und munter anzutreffen; Sie haben sich
wirklich in der kurzen Zeit merkwrdig erholt. Mein liebes Frulein,
wenn auch versptet, doch nicht minder herzlich ist mein Glckwunsch --
oder eigentlich sollte man besonders Ihnen Glck wnschen, Herr Rebe,
denn ich glaube, Sie sind am meisten zu beneiden. Ah, auch eine alte
Bekannte, Frulein Bassini, wenn ich nicht irre -- aber bitte, wollen
denn die Damen nicht Platz behalten? Und was fr betrbte Gesichter sehe
ich hier? Thrnen in den Augen, mein Frulein? Das schickt sich aber
nicht fr eine Braut!

Frulein Bassini, die, als der Graf eintrat, rasch ihren etwas sehr
mitgenommenen Strickstrumpf bei Seite geschoben hatte und dann auf und
nieder geknixt war, bis er sie anredete, rief jetzt: Ach, Herr Graf,
wenn Sie dem Jeremias nur zureden wollten, da er nicht wieder nach
Brasilien ginge!

Und sind Sie _darber_ so traurig?

Die Frauen seufzten tief auf, als sich die Thr wieder ffnete und
Pfeffer, der rasch hinausgefahren war, ohne Pfeife und in seinem
unvermeidlichen langen braunen Rock erschien.

Nun, Herr Graf, womit knnen wir Ihnen dienen?

Wir sprachen gerade ber Jeremias' Abreise nach Brasilien, sagte
Graf Rottack lchelnd, und da die Damen hier nicht damit einverstanden
scheinen, kann ich Ihnen vielleicht einen Vorschlag zur Gte machen.

Sie? rief Auguste rasch. Oh, wenn Sie das ber ihn vermchten, Herr
Graf, da er hier bei uns bliebe! Ich wei, er hlt auerordentlich viel
auf Sie.

Aber doch wohl nicht so viel, verehrte Frau, lchelte der junge Graf,
indem er den ihm von Rebe gebotenen Stuhl dankend nahm, da ich mehr
ber ihn vermchte, als Sie, wenn Sie ihn schon darum gebeten haben.

Aber er sagt, er msse zurck, klagte Henriette, seine Geschfte und
Lndereien zwngen ihn dazu.

Das liee sich doch vielleicht arrangiren, meinte Rottack. -- Ich
danke, ich schnupfe nicht. Und Pfeffer schob seine Dose ordentlich
erschreckt wieder in die Tasche. -- Darber hab' ich mit ihm
gesprochen. Er kann mit leichter Mhe Alles brieflich abmachen; aber
-- und sein Blick haftete dabei fest auf der Frau -- eine andere Sorge
liegt ihm am Herzen, die er nicht den Muth hat auszusprechen.

Nicht den Muth? rief Pfeffer. Was in aller Welt kann das aber denn
nur sein?

Er hat kein Logis in Haburg, sagte Rottack, wieder den Blick der Frau
suchend.

Kein Logis? schrie Pfeffer. Na, so schlage doch Gott den Deu-- Bitte
um Entschuldigung! Das geht ber die Mglichkeit! Kein Logis?

Aber ich begreife den Vater nicht, sagte auch Henriette; das kann ihm
doch unmglich Sorge machen.

Er mu rein verrckt geworden sein! rief Frulein Bassini. Ich wollte
ihm genug Wohnungen in der Stadt verschaffen, um ein ganzes Regiment
einzuquartieren.

Rottack sah still und lchelnd vor sich nieder. Und glauben Sie auch,
verehrte Frau, sagte er endlich, indem er zu Augusten aufsah, da ich
ihm das zusagen darf?

Ein paar Thrnen glnzten in den Augen der Frau, ihre Wangen glhten,
aber sie sagte leise: Wenn er will -- ich glaube es gewi.

Ich danke Ihnen in seinem Namen! rief Rottack, indem er aufsprang und
ihr die Hand reichte. Also werden wir von Ihrer Gte Gebrauch machen,
mein gndiges Frulein.

Von meiner Gte? rief Frulein Bassini. Ja, ich verstehe aber kein
Wort davon!

Henriette hatte ihre Mutter rasch und erstaunt angesehen; hohes Roth
frbte auch ihre Wangen, aber jubelnd warf sie sich an der Mutter Brust,
whrend Rebe auf Rottack zuging, seine Hand ergriff und sie herzlich
schttelte.

Ja, aber Frchtegott, rief Frulein Bassini, begreifst _Du_ etwas?

Und darf ich den Ausreier herschicken? fragte der junge Graf.

Schicken Sie ihn, sagte die Frau leise, es kann ja Alles -- Alles
wieder gut werden!

Rottack ging. Als aber kaum eine Viertelstunde spter Jeremias zu ihnen
in's Zimmer trat, als ihm Henriette schon an der Thr um den Hals fiel,
und der kleine Mann, der vor Rhrung kein Wort ber die Lippen
bringen konnte, auf seine verlassene Frau zuging und ihr die Hand
entgegenstreckte, da lehnte sie die thrnenbenetzte Wange an seine Brust
und flsterte bewegt: Ich danke Dir fr Deine treue Liebe, Jeremias!

Und glcklichere Menschen waren wohl kaum an dem Tage in Haburg
versammelt, als in dem kleinen Raum, der diese hier umschlo.

Indessen aber war Rottack thtig. Er hatte in Haburg in dem
Ober-Brgermeister der Stadt einen Jugendfreund und Studiengenossen
seines Vaters gefunden und war mit ihm bekannt geworden. Diesem legte er
die Sache vor und befrwortete eine rasche oder vielmehr augenblickliche
Erledigung derselben, um es Jeremias zu ermglichen, seinen
Lieblingswunsch zu erfllen und die Erneuerung seiner Trauung mit den
Kindern zusammen zu feiern.

Es ging leichter, als er geglaubt hatte. Jeremias, als brasilianischer
Brger, brauchte keinen Heimathschein. Zufllig, traf es sich, da heut
Abend noch Rathssitzung war, wo das Gesuch vorgelegt werden konnte. Mit
dem Geistlichen, einem liebenswrdigen und aufgeklrten Manne, lie
sich ebenfalls reden, von dem dreimaligen Aufgebot konnte dispensirt und
dasselbe gleich morgen erlassen werden. Rottack erbot sich dabei, jede
nur verlangte Brgschaft zu leisten. Das Einzige, was Jeremias zu
thun hatte, war, seine Papiere noch heut Abend vor sechs Uhr in des
Brgermeisters Haus zu bringen. Alles Andere lie sich arrangiren.

Der alte Herr hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wo der
gute Wille ist, geht Alles; nur der nthigen und nicht zu vermeidenden
Form mu gengt werden, und am nchsten Montag machte Graf Rottack
selber in der menschengedrngten Kirche, da Alle einer so merkwrdigen
Trauung beiwohnen wollten, Jeremias' Brautfhrer.

Als der Zug frhlicher Menschen aus der Kirche kam, begegneten sie dem
groen, schwarz verhangenen und mit silbernen Stickereien bedeckten
Leichenwagen der Stadt, der den alten Grafen Monford zu seiner letzten
Ruhesttte fhrte. Nur ein einziger Wagen folgte, in dem die Grfin, das
Haupt mit einem dichten schwarzen Schleier bedeckt, sa.

Der alte Graf hatte es so, noch kurz vor seinem Tode, wo er wieder zur
Besinnung kam, verlangt. Niemand weiter sollte ihm folgen, auch keine
Leichenrede gehalten und bei dem Einsenken in die Gruft nur von vier
Mnnerstimmen Mendelssohn's herrliches Auf Wiedersehen gesungen
werden.

Rottack berlief ein ganz eigenes, eisiges Gefhl. Wie wunderbar
zeigte sich hier die schwankende Laune des Glcks, denn das, was seinen
Freunden hier Heil und Segen brachte, warf dort ein altes, edles Haus in
Trmmer.

Und wie einsam, wie verlassen die arme Frau in ihrer Staatscarrosse sa
-- aber hatte sie es anders gewollt? Starr und eisern war sie ihre Bahn
gewandelt, und jetzt bedeckte der Schleier freilich ihr Antlitz, aber
Rottack war fest berzeugt, da diese Zge unter dem Schleier auch
ihre kalte Unerbittlichkeit gewahrt hatten und keine Thrne ihre Wange
netzte.

Oh, htte er die arme Grfin weinen sehen!




34.

Schlu.


Die Hochzeit -- die Beerdigung war vorber, und whrend dort in der
Stadt frohe, glckliche Menschen der Zukunft entgegen jubelten, fuhr die
Trauer-Equipage, mit welcher die Grfin allein ihrem Gatten das letzte
Geleit gegeben, in das Schlo zurck, und die in schwarze Wolle vom Kopf
bis zu Fen gekleidete Frau -- der Schleier aber noch immer das Gesicht
verhllend -- schritt langsam, wie die Ahnfrau ihres Hauses, die Stufen
hinauf, die in ihr Zimmer fhrten.

Sie hatte heute noch nichts gegessen. Der alte Haushofmeister brachte
ihr selber auf einem groen silbernen Prsentirbrett einen Imbi hinaus.

Sie schttelte den Kopf und winkte mit der Hand, da es fortgenommen
wrde.

So verbrachte sie den ganzen Tag. Sie sa in ihrem Stuhl am Fenster und
blickte auf das vor ihr ausgebreitete Thal hinaus; sie sprach nicht, sie
rhrte sich nicht, und nur wenn sich ihr Jemand nahen wollte, winkte sie
ihn fort. So sa sie die ganze Nacht, nur erst am nchsten Morgen warf
sie sich, halb angekleidet, auf ihr Lager, und ihre Kammerfrau gerieth
schon in Angst und Sorge, als sie um zwlf Uhr Mittags ihr Zimmer noch
nicht wieder geffnet hatte und Todtenstille darin herrschte. Aber sie
brauchte nichts zu frchten, die Grfin lebte und war gesund, und was
auch ihr Geist leiden mochte, ihr Krper unterlag dem Druck nicht.

Es war Nachmittag, als der Haushofmeister durch die Kammerfrau um die
Kofferschlssel bitten lie, da die Frau Grfin neulich bestimmt habe,
da sie gleich nach der Beisetzung ihres Gatten Haburg verlassen
wolle. Sie lie ihm wieder sagen, es habe noch Zeit; sie sei noch nicht
entschlossen, wann sie abreisen werde.

Er wollte selbst zu ihr, aber die Thr war wieder verschlossen, und erst
gegen Abend wurde er beordert, der Frau das Diner hinauf zu schaffen.

Einer der Diener deckte den Tisch, der alte Haushofmeister bediente
sie selber. Whrend sie a, wurde kein Wort gesprochen. Als er abrumen
wollte, sagte die Grfin:

Ihr habt mich heute nach den Kofferschlsseln fragen lassen?

Ja, gndige Frau Grfin...

Dort liegen sie auf dem Tisch.

Wann gedenken Sie abzureisen?

Wahrscheinlich Ende der Woche -- ich wei es noch nicht. Ihr knnt Eure
Sachen immer zurecht machen. Ich werde nur meine Kammerfrau und Euch
mitnehmen, Humann.

Der Haushofmeister erwiderte nichts -- er hatte die Hnde eben an einen
der Prsentirteller gelegt, um ihn vom Tisch zu nehmen. Er blieb in der
Stellung -- endlich sagte er leise:

Frau Grfin, ich werde Sie bitten mssen, mich diesmal zu
entschuldigen.

Zu entschuldigen? Weshalb? sagte die Frau, deren Gedanken indessen
schon weit abgeschweift gewesen.

Von dem Mitreisen zu entschuldigen, Frau Grfin, sagte der alte Mann
leise, aber entschlossen.

Ihr wollt mich auch verlassen, Humann? rief die Grfin ordentlich
erschreckt.

Ich bin jetzt neunundvierzig Jahre in Ew.Gnaden Dienst, schon bei dem
hochseligen Herrn Vater, dann bei Ihnen -- ich werde alt, Frau Grfin,
ich kann meinem Dienst nicht mehr so vorstehen, wie ich wohl mchte, und
-- das Reisen vertrage ich gar nicht mehr. Ich knnte Ihnen unterwegs
krank werden, und da ist's viel besser, ich -- bitte Sie in Zeiten um
meine Entlassung.

Die Grfin antwortete ihm nicht -- still und regungslos, den Kopf in
die Hand gesttzt, sa sie am Tisch und starrte vor sich nieder. Der
Haushofmeister stand noch immer in ehrfurchtsvoller Stellung neben ihr,
eine Erwiderung erwartend.

Endlich winkte ihm die Herrin leise mit der Hand. Es ist gut, Humann,
sagte sie, ich will es mir berlegen. Ihr habt Euren freien Willen --
geht jetzt, lat mich allein, mir ist nicht recht wohl, ich mu Ruhe
haben -- geht doch nur!

Sie sah auf, aber sie war schon allein. Der Haushofmeister hatte das
Zimmer so geruschlos verlassen, da sie sein Gehen gar nicht bemerkt.

Wie die Stunden dahin schlichen und die Tage in dem den Haus, und wie
unheimlich selbst die Pracht das Ganze machte! Sammt, Silber, Seide und
Marmor schienen des Elends ordentlich zu spotten, das jetzt heimisch
in diesen Rumen geworden, und wie Schatten glitten die wenigen
zurckbehaltenen Diener ber die weichen Teppiche der Stuben, durch die
kein Lichtstrahl mehr fiel, so dicht waren die Gardinen verhangen --
wie ein Schatten selbst schlich die dstere Gestalt der Grfin mit
todbleichem Antlitz in den Slen umher, die ihre einzige Heimath
bildeten und doch keine Heimath mehr boten.

Eine Woche mochte fast nach der Beisetzung des Grafen vergangen
sein. Die Grfin hatte ihre Koffer noch nicht packen lassen, der alte
Haushofmeister aber den erbetenen Abschied erhalten. Seine Familie
lebte hier in Haburg, und die Grfin bat ihn nur, die Aufsicht ber das
Schlo in ihrer Abwesenheit so lange zu bernehmen, bis sie einen andern
zuverlssigen Mann gefunden habe. Der Alte blieb also indessen als
Castellan des Schlosses zurck. -- Aber noch immer wurden keine
Anstalten zum Reisen gemacht, wenn auch das Silbergeschirr und andere
werthvolle Sachen schon lange gepackt und in die Stadt geschafft waren.

Da fuhr ein Wagen vor -- seit lange der erste wieder vor dem den Platz.
Die Grfin hatte ihn gehrt und dem Gerusch, emporfahrend, gelauscht --
dann fiel sie wieder in ihre alte Stellung zurck.

Ein Diener trat in's Zimmer und berreichte ihr eine Karte.

Herr Graf Rottack wnscht der Frau Grfin seinen Abschiedsbesuch zu
machen -- die Frau Grfin Rottack liee sich entschuldigen, sie fhle
sich nicht wohl.

Grfin Monford zuckte zusammen, als sie den Namen hrte -- wie
unschlssig hielt sie die Karte in der Hand, aber unwillkrlich fast
machte der Arm eine abwehrende Bewegung.

Ich kann nicht -- jetzt nicht -- ich fhle mich nicht wohl.

Der Herr Graf sagte mir, berichtete der Diener, da die grfliche
Familie morgen Haburg verlassen wrde.

Die Grfin blieb regungslos mehrere Secunden, aber wieder winkte sie
abwehrend mit der Hand.

Der Diener verlie das Zimmer, und gleich darauf rollte der Wagen wieder
fort; in ihren Stuhl aber sank die Grfin und deckte ihr Antlitz mit den
Hnden.----

Graf Rottack kehrte in seinem Cabriolet, das er selber fuhr, nach Hause
zurck. Schon vorher hatte er von Jeremias' jetzt glcklicher Familie
Abschied genommen, alle anderen Abschiedsbesuche waren ebenfalls
gemacht, und es band ihn nichts mehr an Haburg, da er die Aufsicht ber
sein Haus, bis er zurckkehrte, seinem kleinen brasilianischen Freund
bergeben.

Er war sehr langsam gefahren und sah ernst und niedergeschlagen aus.
Seine arme Helene! Wie hatte sie die Zeit ihres Aufenthalts in Haburg,
wie der Mutter Liebe ersehnt, und wie trb', wie furchtbar mute sich
da Alles gerade in dieser Zeit gestalten! Aber er brauchte sich selber
keine Vorwrfe zu machen. Er hatte gethan, was in seinen Krften stand,
und kein mgliches Mittel unversucht gelassen, um das eiserne Herz
der Frau zu erweichen. Es war Alles umsonst gewesen; nicht einmal die
unglckliche Paula durfte es wagen, ihr zu nahen, wenigstens jetzt noch
nicht, denn ihr Krper war so geschwcht, da er die kalte Zurckstoung
der Mutter nicht ertragen htte. So mute es denn der Alles lindernden
Zeit berlassen bleiben, auch diese Wunde zu heilen, auch diese starre
Brust zur Shnung zu stimmen, und fr Helene und Paula hoffte
jetzt Rottack in einem fremden Land -- wenn nicht Vergessen des
Unabnderlichen, doch Zerstreuung zu finden. Beide waren ja noch jung,
und eine schne Natur, fremde Scenen und Bilder wrden gewi nicht ihren
Eindruck auf ihre Herzen verfehlen.

Nur jetzt fort von hier -- der letzte Versuch war gemacht, das Letzte
abgeschttelt, und er konnte die Zeit der Abreise kaum erwarten.

Es dmmerte schon, als er in seine Wohnung zurckkehrte. Paula und
Helene saen, seiner harrend, im Salon, der aber auch freilich schon die
Spuren bevorstehender Abreise zeigte.

Und hast Du sie gesprochen? rief ihm Helene mit bebender Stimme
entgegen, als er den Saal betrat, und auch Paula's Blick hing angstvoll
an seinen Zgen.

Felix schttelte langsam den Kopf. Nein, sagte er leise -- es ist
umsonst. In ihrem Herzen ist kein verwundbarer Punkt, und so stolz
und unerbittlich sie im Glck war, so kalt und so verschlossen hat das
Unglck sie erhalten. So, fort denn mit allen Plnen und Hoffnungen,
Kinder! Morgen frh ziehen wir hinaus in die weite Welt, und drauen im
Sonnenlicht und der freien, herrlichen Natur mag ein neues Leben seine
Pforten fr Euch ffnen.

Und wollen Sie die arme Waise mit sich nehmen, Graf Rottack? sagte
Paula gerhrt -- oh, womit habe ich das verdient?

Meine liebe Paula, lchelte Felix, Helene hat Sie als Schwester
adoptirt, und da mssen Sie es sich schon gefallen lassen, mir auch eine
freundliche und liebevolle Schwgerin zu sein -- aber als solche gehren
Sie doch jedenfalls mit zur Familie.

Und was wre ohne Sie aus mir geworden?

Die Zeit ist vorbei, meine beste Paula, rief Felix, bannen Sie die
trben Gedanken. Das Leben hat noch manchen sonnigen Tag fr Sie!

Fr mich? sagte Paula, traurig mit dem Kopf schttelnd, der Bruder
und Vater todt -- von der Mutter verstoen -- nur trbe Schatten liegen
auf meiner Bahn. Aber Gott lohne Euch Beiden tausendfach die Liebe, die
Ihr mir entgegenbrachtet, und je unerklrlicher es mir ist, da Ihr das
arme, verlassene Mdchen an Eure Herzen ziehen konntet, so viel mehr
Dank schulde ich Euch dafr.

Meine Paula, meine Schwester, rief Helene, und schlo sie in ihre
Arme. Rottack aber, der diese Scene um jeden Preis abzukrzen wnschte,
weil er frchtete, da die noch immer nicht vollkommen Genesene sich zu
sehr aufregen mchte, rief dazwischen:

Nun mu ich Sie aber darauf aufmerksam machen, meine Damen, da der Zug
morgen frh um halb zehn Uhr geht und Damen gewhnlich eine Masse von
zu packenden Gegenstnden bis zum letzten Augenblick aufheben. Ich bitte
Sie dringend, hiervon diesmal eine Ausnahme, und heut Abend wo mglich
noch Alles fertig zu machen, was irgend fertig gemacht werden kann.

Ja, Herz, sagte Helene, Felix hat Recht -- komm, ich helfe Dir, da
sich unser gestrenger Herr und Gebieter morgen nicht zu beklagen hat,
oder uns vorwerfen kann, wir wren lssig gewesen. Komm, Paula, und nun
nicht mehr weinen, fuhr sie fort, der Trauernden die Thrnen mit ihrem
eigenen Tuch von den Augen wischend, Du mut hbsch folgen und brav
sein, und ihren Arm um sie schlagend, fhrte sie die Schwester in ihr
Zimmer hinber.

Felix blieb allein im Saale. Er hatte sich eine Cigarre angezndet
und ging eine Weile sinnend auf und ab. Es war indessen vllig dunkel
geworden, aber er klingelte noch nicht nach Licht -- er merkte es gar
nicht. Mit seinen Gedanken war er wieder in Brasilien. Wie wunderbar
sich Alles gestaltet hatte -- heute gerade wieder der Jahrestag seines
Abschieds von Santa Clara, wo er zu jener Frau in's Zimmer trat und sie
zwang, ihm das Couvert fr Helene zu geben! Welche Hoffnungen hatten
sich daran geknpft -- wie hatte Helene die Zeit herbeigesehnt, in der
sie ihrer Mutter in die Arme fliegen knne, und jetzt? Alles vorbei.
Wieder standen, wie damals, die Koffer gepackt, aber nicht mehr der
Heimath strebten sie entgegen, die Heimath gerade wollten sie eben
fliehen.

Der Diener kam mit Licht, und Rottack erschrak ordentlich, als der helle
Glanz sein Auge traf; aber er duldete es und warf sich, die Gedanken
abschttelnd, in einen Fauteuil, um die den Nachmittag eingetroffenen
Zeitungen zu durchfliegen.

Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als Helene zurckkehrte und,
ihren Arm um ihn legend, seine Stirn kte.

Ist Paula ruhiger?

Ja, Felix; sie hat sich erst drben noch einmal ordentlich ausgeweint,
denn auf Deinen heutigen Besuch schien sie doch noch im Stillen wohl
eine letzte Hoffnung aufgebaut zu haben. Jetzt ist es vorbei und
berstanden, und sie sehnt sich nun selber weg von Haburg mit seinen
furchtbaren Erinnerungen.

Wunderbar, sagte Felix, wie fast Alles, was mit dieser entsetzlichen
Katastrophe zusammenhing, todt und dahin ist. Da lese ich eben in der
Zeitung, da Hubert, Graf von Bolten, vor wenigen Tagen in
Oesterreich beim Zureiten eines wilden, strrischen Pferdes von diesem
abgeschleudert, geschleift und todt nach Hause getragen wurde.

Es war ein wilder, bermthiger Mensch.

Jetzt ist er ruhig, sagte Felix leise -- aber wo ist Paula? La
sie nicht so lange allein, Herz -- ihre trben Gedanken kommen wieder.
Denke, was das arme Kind verloren hat!

Was ich verloren habe, flsterte Helene, die Stirn auf des Gatten
Haupt lehnend.

Drauen im Vorsaal hatte einer der Diener eben das Theegeschirr
herausgebracht und auf einen Tisch gestellt, um es der Herrschaft hinein
zu tragen, als sich die Hausthr ffnete und eine schwarz gekleidete
Dame, das Gesicht verschleiert, eintrat.

Ist Deine Herrschaft zu Hause?

Ja, gndige Frau, sagte der Diener, ber die pltzliche,
eigenthmliche Erscheinung fast erschreckt, wen habe ich die Ehre zu
melden?

Niemanden, sagte die hohe, stattliche Frau, aber mit fast tonloser
Stimme, ich werde mich selber melden.

Bitte um Verzeihung, ich... wollte der Diener einwenden, aber
eine gebietende Bewegung der verschleierten Dame, die ihm wie eine
Erscheinung vorkam, scheuchte ihn zurck, und diese schritt jetzt selbst
auf die Thr zu und ffnete sie.

Meine Helene, rief Felix, das Antlitz zu der Gattin emporhebend und
ihrem Ku begegnend, mein liebes, ses Herz, vertraue auf die Zeit,
die auch Dir das Verlorene bringen kann!

Die Thr ffnete sich, eine schwarz gekleidete Gestalt stand auf der
Schwelle. Felix hatte das Gerusch gehrt und wandte den Kopf dorthin.
Er fuhr berrascht in seinem Stuhl empor. Eine Dame -- unangemeldet
Abends in seinem Zimmer?

Was ist das? flsterte Helene.

Die Fremde schlug den Schleier zurck, und ein bleiches Antlitz starrte
daraus hervor.

Grfin Monford! schrie Felix, von seinem Stuhl emporspringend.

Meine Mutter! flsterte Helene und mute sich an der Stuhllehne
anhalten, um nicht umzusinken.

Die Grfin sprach kein Wort. Schweigend drckte sie die Thr hinter sich
in's Schlo und trat dem Tisch nher. Dort blieb sie stehen; aber jede
Spur von Stolz war aus den bleichen Zgen gewichen, in die der Gram
seine tiefen Furchen gegraben, und die rechte Hand langsam gegen die
Tochter ausstreckend, sagte sie mit leiser, kaum hrbarer Stimme:
Helene!

Meine Mutter! wiederholte Helene; aber nur wie ein Hauch quollen die
Worte ber ihre Lippen. Sie rhrte sich nicht, keine Bewegung machte
sie, dem Anruf zu begegnen.

Helene, kennst Du Deine Mutter nicht mehr? sagte die Grfin aber so
weich, so bittend.

Felix sah staunend seine Frau an; aber sie rhrte sich nicht. Ihre ganze
Gestalt bebte, ihr Antlitz war fast noch bleicher geworden, als das der
Mutter; aber whrend sie krampfhaft die Lehne des neben ihr stehenden
Stuhls gefat hielt, sagte sie mit fester Stimme:

Und wo ist Deine Tochter Paula, Mutter?

Die Grfin barg ihr Antlitz in den Hnden und stand regungslos; aber
pltzlich fuhr sie empor:

Das ist der Name, der mich Tag und Nacht geqult, rief sie in wilder
Erregung aus, das ist der Wurm, die Reue, die an meinem Herzen genagt,
und Alles, Alles hat mich verlassen! Helene, willst auch Du mich
verstoen? Du allein httest ein Recht dazu -- aber sieh hier die
Thrnen einer Mutter! Helene, mein Kind -- mein letztes Kind, stoe
mich nicht in Nacht und Verzweiflung! Und in wilder Leidenschaft zu
ihr hinstrzend, ehe Felix noch eine Ahnung haben konnte, was sie
beabsichtige, warf sie sich vor Helenen nieder, umfate ihre Kniee und
barg das thrnende Antlitz in ihrem Kleide.

Frau Grfin! sagte Felix erschreckt. Aber jetzt hielt sich Helene auch
nicht lnger.

Mutter, Mutter! rief sie, und sich neben die Knieende niederwerfend,
umschlang sie dieselbe mit ihren Armen und prete ihr heie und glhende
Ksse auf Kopf und Nacken.

Und hast Du Erbarmen mit Deiner armen, armen Mutter, Helene? Willst Du
mich wenigstens nicht von Dir stoen?

Nie, nie, Mutter! Nie, so lange dieses Herz noch schlgt!

Mein Kind -- mein liebes Kind!

Aber wie ist mir denn, rief Helene pltzlich, sich ihrer Umarmung
entziehend, stehl' ich denn hier nicht den Mutterku einem theuern
Haupt? Felix, Felix, bring der Mutter ihre Tochter!

Ihre Tochter -- welche? rief die Grfin, erschreckt emporzuckend.

Aber Helene hatte sie umfat, und sie von der Diele zu sich aufziehend,
warf sie sich an ihre Brust und rief unter Thrnen jubelnd: Dein Kind
-- Dein verlorenes Kind!

Paula?

In der Thr stand Felix; aber in seinen Armen hielt er die
zusammenbrechende Gestalt Paula's, die, flehend und mit unsagbarem
Schmerz in ihrem bleichen Antlitz die zitternden Hnde der Mutter
entgegenstreckte.

Paula! schrie die Grfin, aber mehr vermochte sie nicht. Ihr
starrer Geist hatte Alles ertragen, Schlag nach Schlag des Schicksals
wirkungslos ihr Haupt getroffen, das Glck dieses Augenblicks ertrug es
nicht, und ohnmchtig sank sie in Helenens Arme.

Aber die Freude tdtet nicht so leicht. Von ihren Kindern zum Sopha
getragen, schlug sie die Augen wieder auf, und wer vermchte die
Seligkeit dieses Wiedersehens zu schildern! Helene weinte und lachte,
und beide Tchter, vor der Mutter knieend, hielten sie fest umschlossen
und bargen ihr Haupt an ihrem Herzen.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage wurde in Schlo Monford gepackt, und der alte
Haushofmeister, der wie der Geist einer vergangenen Zeit in dem den
Gebude umherschlich, schttelte erstaunt mit dem Kopf, denn so ruhig,
ja heiter hatte er die Frau Grfin seit dem Tage nicht gesehen, wo das
Unglck ber das edle Haus hereinbrach und Sule nach Sule niederri.

Was konnte nur mit ihr vorgegangen sein? Gestern Abend hatte sie zu Fu
das Schlo verlassen und war durch den Grafen Rottack in dessen eigener
Equipage erst nach zwlf Uhr zurckgebracht -- und heute--

Humann, sagte die Grfin, die eben aus ihrem Zimmer trat, seid doch
so gut und tragt dieses Paket selber zum Grafen Rottack hinunter; es ist
fr eine junge Dame bestimmt, die bei ihm wohnt. Mir liegt aber daran,
da Ihr es in deren eigene Hnde gebt, es ist werthvoll -- habt Ihr mich
verstanden?

Zu Befehl, gndige Grfin.

Der Wagen ist angespannt, Ihr fahrt hinunter, ich mchte, da Ihr bald
zurckkmet.

Der alte Haushofmeister nahm das Paket und fuhr in die Stadt. Aber er
blieb lnger aus, als er eigentlich zu dem Weg gebraucht htte, und wie
er zurckkam, sah er ordentlich verklrt aus.

Habt Ihr meinen Auftrag ausgerichtet, Humann? fragte die Grfin, als
er wieder zu ihr in's Zimmer trat.

Frau Grfin, rief der alte Mann, und seine ganze Gestalt bebte,
gndige Frau Grfin!

Ich htte so gern gehabt, da Ihr uns auf der Reise begleitetet,
Humann, aber wenn Ihr denn gar nicht wollt...

Frau Grfin, sprach der alte Mann mit zitternder Stimme, ergriff ihre
Hand und netzte sie mit seinen Thrnen, darf ich denn mit?

Also deshalb, Humann? sagte die Grfin leise und wehmthig.

Oh, zrnen Sie mir nicht, bat der Alte, meine ganze Seele hing ja an
dem Kind, und da Sie -- aber jetzt ist ja Alles gut, Alles gut, und so
lange ich nur kriechen kann, weiche ich ja nicht von Ihrer Seite.

Am nchsten Morgen war ein ganzer Berg von Koffern am Perron des
Haburger Bahnhofs aufgeschichtet, und Humann und Jeremias lsten eine
Anzahl Billets und gaben das Gepck dann auf. Smmtliche Marken daran
lauteten aber nach Triest.

Kurz vor Abgang des Zuges trafen die Equipagen der Herrschaften ein,
zwei von der Rottack'schen Wohnung, eine vom Schlosse Monford herunter,
und die alte Grfin Monford, die allein in ihrem Wagen gekommen
war, eilte auf Rottacks zu, half die Kinder mit herausheben und nahm
Helenchen, die sich gar nicht vor ihr frchtete, auf den Arm.
Helene selber nahm Gnther an die Hand, und Graf Rottack fhrte eine
dichtverschleierte Dame dem Coup zu.

Die Haburger zerbrachen sich den Kopf, wer die Fremde wohl sein knne;
aber lange Zeit blieb ihnen nicht dazu brig, denn eben brauste der
Schnellzug heran, und die Reisenden nahmen gleich ihre Pltze ein.

Jeremias stand drauen am offenen Fenster.

Hurrjeh, Herr Graf, rief er noch in den Wagen hinein, ist das nicht
beinahe genau so, wie damals in Brasilien, nur da wir dorten keine
Eisenbahn hatten -- wissen Sie noch, wie ich Ihnen die Sachen...? Er
schwieg erschrocken still, denn wenn er sich seiner frheren Arbeit auch
nicht schmte, machte er doch nicht gern Staat damit.

Und Sie haben treulich bei uns ausgehalten.

Bin nun schon beinahe daran gewhnt, Sie auf den Trab zu bringen,
lachte der kleine Mann. Aber haben Sie keine Angst, hier soll indessen
Alles richtig besorgt werden.

Nehmen Sie sich in Acht, der Zug geht ab! rief der Schaffner.

Na, so beht' Sie Alle Gott! rief Jeremias, die Hand noch
einmal treuherzig in das Coup hineinreichend. Und auf ein frohes
Wiedersehen!

Mein alter, wackerer Freund!

Wir werden Sie nie vergessen! sagte die verschleierte Dame und reichte
ihm die kleine weie Hand.

Gott lohne es Ihnen, Gott lohne es Ihnen!

Ein scharfer Pfiff -- Jeremias trat vom Wagen zurck, Gnther und
Helenchen winkten ihm noch jubelnd mit den Hndchen zu -- und fort
rasselte der Zug seine wilde Bahn dahin.

  _Ende._

  Druck von G. Ptz in Naumburg a/S.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. nderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden
Liste ausgewiesen, nderungen in der Zeichensetzung nicht.

Aenderungen:

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 4
  ber dem kleinen, mit bunten Kattun bezogenen Sopha
  ber dem kleinen, mit buntem Kattun bezogenen Sopha

  ein Lobeerkranz verband sogar Beide mit einander
  ein Lorbeerkranz verband sogar Beide mit einander

  Seite 8
  Was das fr eine reizende Frau und was
  Was das fr eine reizende Frau ist und was

  Seite 12
  kannst Du es mir und dem Oukel verdenken
  kannst Du es mir und dem Onkel verdenken

  Seite 36
  die sich durch die verschienenen Baumgruppen schlngelten
  die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlngelten

  Seite 47
  pltzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr.
  pltzlich und mit einem Schlag sein eigener, freier Herr war.

  Seite 59
  was die sonstigen kleinen Leiden und Aegernisse betrifft
  was die sonstigen kleinen Leiden und Aergernisse betrifft

  Seite 61
  der das Fach der Charakterollen am Theater bekleidete
  der das Fach der Charakterrollen am Theater bekleidete

  Seite 64
  ehrlich bringt sie sich mit ihren kleinen Gage durch
  ehrlich bringt sie sich mit ihrer kleinen Gage durch

  Seite 79
  ihr Theatertername war damals Bassini
  ihr Theatername war damals Bassini

  Seite 88
  Das ist kein Gesicht fr einen Brutchen!
  Das ist kein Gesicht fr ein Brutchen!

  Seite 132
  und ireudige Dankbarkeit ... glnzte dabei in fhren Zgen
  und freudige Dankbarkeit ... glnzte dabei in ihren Zgen

  Seite 135
  Ja, gewi, lchte Rottack
  Ja, gewi, lchelte Rottack

  Seite 147
  versumt haben, um sein Diebeshandwerk forzusetzen
  versumt haben, um sein Diebeshandwerk fortzusetzen

  Seite 169
  und nachher wr's vielleich mglich
  und nachher wr's vielleicht mglich

  Seite 180
  es ist fr den Commerizenrath
  es ist fr den Commerzienrath

  Seite 208
  nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu ververweilen
  nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu verweilen

  Seite 218
  die Grfin, dem jungen Grafen Bolten frenndzunickend
  die Grfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend

  Seite 219
  von den Zgel dabei gerissen, auf die Seite und an dem Karren
  von dem Zgel dabei gerissen, auf die Seite und an den Karren

  Seite 247
  noch Niemand sehen, den die staken noch alle
  noch Niemand sehen, denn die staken noch alle

  Seite 263
  die dem Rang der jungen Grfin ensprechend war
  die dem Rang der jungen Grfin entsprechend war

  Seite 298
  Sie knnen heute auf Ihren Lorbern ausruhen
  Sie knnen heute auf Ihren Lorbeern ausruhen

  Seite 307
  Jetzt war Alles todenstill
  Jetzt war Alles todtenstill

  Seite 317
  Eeau de Cologne
  Eau de Cologne

  Seite 341
  der nicht mehr lnger an sich halten konne
  der nicht mehr lnger an sich halten konnte

  Seite 347
  zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfoge Glck wnscht
  zu Ihrem gestrigen ungeheuern Erfolge Glck wnscht

  Seite 357
  das Herz des armen Kindes so zu bercken mute
  das Herz des armen Kindes so zu bercken wute

  Seite 364
  Ihre Wangen hatte ordentlich etwas Farbe bekommen
  Ihre Wangen hatten ordentlich etwas Farbe bekommen

  Seite 373
  25. Der reiche Mann.
  26. Der reiche Mann.

  Seite 414
  Knellner, zwei Glas Bier!
  Kellner, zwei Glas Bier!

  Seite 459
  Herr Boslaw? sagte Jemerias.
  Herr Boslaw? sagte Jeremias.

  Seite 469
  Was sagt sie? fragte Jeremais
  Was sagt sie? fragte Jeremias

  Seite 473
  das unbeholfere Gestell lie sich nicht die schmale Treppe
  das unbeholfene Gestell lie sich nicht die schmale Treppe

  Seite 489
  an gar nichts, als -- an der Haupsache
  an gar nichts, als -- an der Hauptsache

  Seite 500
  Paula's Blick hing anstvoll an seinen Zgen
  Paula's Blick hing angstvoll an seinen Zgen]







End of the Project Gutenberg EBook of Eine Mutter, by Friedrich Gerstcker

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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