The Project Gutenberg EBook of Die Armen, by Heinrich Mann

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Title: Die Armen
       Ein Roman

Author: Heinrich Mann

Illustrator: Kthe Kollwitz

Release Date: September 28, 2014 [EBook #46987]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ARMEN ***




Produced by Jens Sadowski





                            Heinrich Mann




                              Die Armen
                              Ein Roman


              Einundfnfzigstes bis sechzigstes Tausend

                          Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig

              Gedruckt bei Dietsch & Brckner in Weimar
              Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917

                              Die Armen




I

Hassende, Liebende


Die Kinder schrien tosend vor dem groen Arbeiterhaus von Gausenfeld;
hunderte von Kindern, hervorgequollen aus dem berfllten Haus, worin
sie alle geboren waren, rannten, zappelten, prgelten sich auf der
grauen Wiese. Alte Mnner, die nicht mehr arbeiteten, standen, wenn sie
besonnt war, an der Mauer und sahen ihnen zu. Die Kleinsten fielen
unaufhrlich in den Graben, der die Wiese von der Landstrae trennte,
immer eilten Mtter oder Schwestern zum Retten herbei. Die Greren
sprangen hinber, am liebsten auf der Seite, wo der Graben neben dem Weg
zum Friedhof lief; und drben warfen sie einander gegen den wackligen
Zaun der Villa Klinkorum. Brach ein Brett heraus, dann rasch hinein und
pfel holen. Der Besitzer hrte mit Zorn und Entsetzen das Knacken der
Zweige, die sie mitrissen, aber auf seinen steifen Beinen kam er immer
zu spt, sie waren schon drauen und zeigten ihm aus einiger Entfernung
das unreife Obst, es sei auf der Strae gelegen. Dann hielt er ihnen
eine Rede ber das Eigentum und die Bildung, immer dieselbe Rede, denn
niemals merkte er, da er es mit denselben Jungen zu tun hatte.
Klinkorum war Schullehrer gewesen, aber einer fr die Reichen; und weil
ihm schon die Zhne ausgefallen waren, wollte er nun hier sich mausig
machen. Kaum war er fort, polterten alle gegen seinen Zaun, und
irgendeiner kroch hinein und setzte ihm etwas auf den Gartenweg. Der
alte Malermeister, der unten im Haus wohnte, durfte es sehen, er lachte,
wenn er auch schalt. Nur den kleinen Mdchen war es von ihren Mttern
streng verboten, ihm zu nahe zu kommen.

Dies war nicht alles, was Professor Klinkorum zu erdulden hatte. Kehrte
er aus der Stadt heim, zuweilen schon ganz nahe bei seinem Grundstck
berholte ihn, wie er auch hastete, das Helingsche Automobil und
bedeckte ihn mit Staub oder Schmutz. Generaldirektor Geheimer
Kommerzienrat Dr. Heling in seinem Staubmantel blickte unerbittlich
geradeaus, und Klinkorum, von auen gegen seinen eigenen Zaun gedrngt,
ugte mit ohnmchtigem Ha, bis er, ganz in einer stinkenden Wolke
befangen, die Augen schlo. Innerlich hielt er in solchen Minuten seine
zweite Rede ber das Eigentum, die Rede dagegen, -- wenn es nmlich
schrankenlos und berheblich war. Die Bildung war das Erste und mute es
bleiben.

Damit ging er hinauf in sein Studierzimmer. Von hier bersah er ganz
Gausenfeld, hinter den Arbeiterhusern das wste Gelnde, bis zum Wald,
bis zur Fabrik. Es ward Nacht, an der Friedhofsmauer die Lampe leuchtete
nahe, und weit dorthinten die gereihten Lichter der Fabrik.

Aus der Fabrik kehrten die Arbeiter heim; ihr Massenschritt drhnte, von
ferne fhlbar, bis in das Studierzimmer; und Klinkorum dachte nicht ohne
Achtung an den Herrn der Massen, ihn, Heling, Besitzer Gausenfelds,
groen Reichtums und mancher Wrden. Wie hatte er es dahin gebracht, als
Chemiker und Papierfabrikant? Durch Machenschaften und Kunstgriffe
geschftlicher wie politischer Art, ber die es auch nach sechzehn
Jahren in der Stadt noch nicht still war. Der selbstgemachte Mann
freilich blieb zu achten. Er wieder aber achte noch hhere Rechte!
Klinkorum hatte gespart, bis er weit drauen an der Landstrae dies
einsame kleine Haus erstehen konnte, die Freude seines letzten
Lebensdrittels. Gepflegt und lauschig, ein Sitz der Muse, ruhte es im
Grnen, unaufgestrt von Weihelosen; denn nur langsame Bauernwagen
zogen, mit Ochsen, breitstirnigen, schwerausschreitenden bespannt,
vorber, und Gausenfeld, das einzige grere Anwesen in der Weite, diese
Sttte der Papierfabrikation lag jenseits von Feldern und Wald, man sah,
hrte und roch sie nicht. Da aber, was geschah? Der neue Herr von
Gausenfeld vergrerte seine Fabrikanlagen. Er legte den Wald so weit
nieder, als er jene unedlen Baulichkeiten dem Blick entzogen hatte. Die
Arbeiter-Familienhuser wuchsen ber das Feld heran, immer nach Westen,
immer auf Klinkorum zu. Auch kam es dahin, da gleich hinter seinem Zaun
dies Volk sich begraben lie. Und dem Friedhof, als vorletztem Streich,
folgten die Kasernen der Proletarier, Ungeheuer von Husern,
hinschattend ber Klinkorum und seinen bescheidenen Ruhesitz, ihn mit
Gerchen bedrngend, in Ru verschttend so Garten wie Haus und um es
her eine Zone breitend des Gestampfes, Geschreis, Totschlages und der
bildungsfeindlichen Roheit!

Nun waren die Lichter ausgelscht in der Fabrik und entzndet in den
Kasernen, in der Kantine an ihrem Flgel. Dorther kam Lrm. Der Arbeiter
Karl Balrich aber, still in seinem Zimmer 101 des Arbeiterhauses B,
stand am Fenster, sah vor sich dasselbe wie der Besitzer der Villa
Klinkorum und dachte nach, auch er, ber die Welt, die ihn umgab.
Freilich, die vielen Gerusche des Hauses selbst, von rechts, links,
oben, unten bertnten bei weitem seine Gedanken an das Fernere. Er
hrte um sich her, des Sonntags wenn er ruhte und jetzt am Abend bevor
er schlief, Streit, Ksse, Gesprche ber Geld und Essen, die Prgel fr
die Kinder, hrte durch das hallende und zitternde Haus alles was
vorging, was das Leben der Menschen war und was es schon nicht mehr war:
ihr letztes Wimmern, ihr Abschiedsgesthn. Aber fter als Sterben hrte
er Gebren. Er sagte sich dann, je nachdem ihm an dem Abend zu Sinn war:
Wieder ein Mann fr die Arbeiterbataillone oder: Heling kann lachen;
wieder ein Dummer.

Denn der Arbeiter Balrich sah, wie die Dinge lagen, in der Person des
Generaldirektors Heling den hchsten Zweck und das letzte Ergebnis des
ihn umgebenden Lebens, aller dieser Mhen, Aufregungen und Schmerzen --
und nicht nur dieser hier. Von Gausenfeld zu schweigen, die Stadt, wie
sie war, arbeitete fr den Reichen und fristete sich nur durch ihn. Das
Land selbst drehte sich wahrscheinlich nur um seinesgleichen. Ihm
zuliebe das Militr; und der Knig sogar eigentlich sein Narr. Den hielt
er sich aus, er aber verdiente. Auf das Geld kam es an.

Wenn es auf das Geld ankme, sagte an seinem Fenster der Professor,
dann wrde dieser Heling mit Recht die Umstnde meines Lebens auf jene
Stufe hinabdrcken, wo seine Lohnsklaven schmachten, -- indes er selbst
--. Hinter dem Wald wohnte er selbst. ber dem von ihm bebauten Tal der
Armut und des Unrates, aber bewahrt vor seinem Duft und Anblick hinter
eigenem Wald auf grnem Hgel, in seiner hellen und blumenumleuchteten
Villa Hhe hauste leichten Herzens mit den hochgemuten Seinen der
Eigentmer, Anstifter und Nutznieer dieser ganzen sozialen Schmutzerei.
Das Wort fiel. Zwei Freunde traten ein bei Klinkorum, und sowohl der
Arzt Dr. Heuteufel wie der Konsistorialrat Zillich wiederholten das
Wort. Je hher die Bildung, um so entwickelter der soziale Sinn -- und
mit ihm das Feingefhl fr die Herausforderungen des Kapitals, dies
Hinbreiten des ausschweifendsten Luxus gleich neben dem Schauspiel des
Elends, dieses Autojagen an den Enterbten vorbei, dies Hupengeheul.

Die Schwester des Arbeiters Balrich bekam droben von Dinkl, ihrem Mann,
eine Ohrfeige, die bis her schallte, und sie selbst hieb die Kinder. Als
alle genug geschrien und die Nachbarn genug gelacht hatten, machte sie
sich plrrend an das Nachtgebet. Karl Balrich dachte noch immer: Auf
das Geld kommt es an. Da zog links drunten der Herbesdrfer, seine
Harmonika lang aus, und Balrich merkte es nun, da er mit dem Denken
nicht vorwrts kam. Schwer war es, von dem wirklichen Gang der Welt,
ihren Zusammenhngen und Gesetzen etwas Deutliches zu erfahren. Die
Redner in den Versammlungen redeten von weit her; um sie anders zu
verstehen als blo mit unserem Hagefhl, muten wir uns bis dahin
durchschlagen, wo sie zumeist von Geburt schon standen. Und wie jetzt
noch zu so viel Bildung kommen?

Die Herren im Studierzimmer murrten: Den Bau der elektrischen Bahn nach
Gausenfeld hat er hintertrieben. Er scheut den Verkehr der Welt mit
seinem Jammertal, er wnscht keine Einblicke und ist gegen einen hufig
wiederholten Besuch seiner Leute in der Stadt, bei ihren Genossen, auf
den Versammlungen. Am Sonntag will er sie in seine Kantine zwingen. Wie
in einem Ghetto sollen sie sich fortpflanzen und nichts von allem was
sie sind und leisten, ihm verlorengehen. Die Folgen ermesse man! Was
mich betrifft, ist es mir bekannt, da die Gausenfelder
Krperverletzungen um viele Prozent unsere sonstigen bersteigen.
Niemand wundere sich, wenn ich, Klinkorum, eines Morgens in einer
Blutlache aufgefunden werde! Wre ich nicht der Ordnungsmann, der ich
bin, ich wte die Stelle zu finden, wo die ffentlichkeit sich packen
liee. -- Ja, die murrenden Gebildeten warfen bei einer neuen Flasche
Wein sogar die Frage auf, ob ein Mann von mittlerem Einkommen, aber
einer gewissen geistigen Hhe, mit seinem Glck und Dasein denn wirklich
gebunden sei an den Bestand der jetzigen Dinge. Als die Flasche leer
war, sahen sie das Schlimmste voraus, eine Katastrophe, ein Weltenende.
Ich sehe es, rief Klinkorum, vom Geist berhrt. Ich sehe, da einer
aufstehen wird und mich rchen! -- wobei er sich fester in die Ecke
setzte.

Der Arbeiter sagte, drben im Hofzimmer, seinen beiden jungen Brdern
gute Nacht; und bevor er sein Fenster schlo, stand er dann im Wind,
quer ber die breite Stirn liefen ihm die zusammengewachsenen Brauen, er
machte Fuste, stemmte die Schultern hinauf, als hbe er eine Last, --
und dachte mhselig weiter, tastete sich im Dunkeln ein Stck an seinem
Schicksal hin, wie es denn aussehe, wohin es denn verlaufe mit den
anderen in der Welt. Ihm schien es dunkel und windig, wie das de Feld,
auf das er hinaussah und das endete mit dem Friedhof. Zwischen sich und
dem Friedhof fand er nichts als Ungerechtigkeit und Ha.

Beim Abschied lenkten die Studierten ein. Die reichen Leute hatten
natrlich ihre unermeliche soziale Ntzlichkeit. Und nach auen
verbrgten sie unser Ansehen, unsere Schlagkraft, die Erweiterung
unserer Grenzen. brigens waren nicht alle reichen Leute wie Heling, --
und selbst Heling, war seine Tchtigkeit denn zu verachten? Im
Gegenteil zog ganz Netzig Nutzen aus ihr. Die wenigen Gausenfelder
Aktien, die er damals bei seiner groen Operation, als er
Generaldirektor wurde, in fremden Hnden gelassen hatte, waren seltene
Kostbarkeiten geworden, sie vererbten sich vom Vater auf den Sohn. Jeder
der drei Herren vermutete von den anderen, da sie welche htten, und da
sie es nicht gestanden, gestand auch er es nicht. Beim Abschied fragte
jeder, mit unbeteiligtem Gehaben: Wie stehen sie denn jetzt?

Der Ha! fhlte der Arbeiter Balrich. Mit ihm gehst du schlafen und
stehst wieder auf mit ihm. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den
frstelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und
trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf.
Alle verschrieben der Ungerechtigkeit, alle unter dem unablssigen Druck
des Hasses, gewohnt wie schlechte Luft und Lrm von Maschinen. Und
dabei, welcher war der rgere Feind? Heling, fr den man sich krumm
rackerte, oder dieser Simon Jauner, der es auch tat, -- aber seit heute
stand er bei der Papiermaschine am Platze Balrichs, unten, wo die
fertigen Bogen ankamen und wo man von der Tr her Luft hatte. Den besten
Platz hergeben mssen, an einen, der frher einmal etwas gehabt hatte
mit der Frau des Maschinenmeisters Polster! Noch dazu war sie die
Schwester seines Schwagers Dinkl. Balrich schwitzte den ganzen Morgen
mehr von Wut als von der Hitze. Als aber der Inspektor vorberkam und
ihn fragte wieso, bi er die Zhne zusammen. Das war unsere Sache und
nichts fr die Herren oben! Der Inspektor freilich wute Bescheid, denn
mit der Frau des Maschinenmeisters hatte er jetzt selbst etwas. Daher
meldete er sich auch bei dem Herrn Oberinspektor, und beide gingen, als
es Mittag lutete, sogar zum Generaldirektor hinein. Dann ward der
Maschinenmeister hineingerufen und kam sogleich wieder herausgeflogen,
der dicke Hahnrei, rot bis auf die Glatze. Und dann hatte Balrich seinen
Platz zurck, Heling war gerecht gewesen.

Darber sprachen alle auf dem Weg zum Essen. Kam ein Beamter vorbei,
sagten manche recht laut, Heling sei gerecht gewesen, -- auch Jauner
sagte es, denn so war er. Balrich, an den sich viele von ihnen
heranmachten heute, dachte den ganzen Tag ber die Sache nach, denn
Heling war gerecht gewesen, und das ging nicht. Erst am Abend, vor
seinem Fenster, hatte er es. Gewi hatte auch Heling von den
Liebesgeschichten der Polster etwas erfahren und ihm lag nur an der
Ordnung, seinem eigenen Vorteil. Um so schlimmer, dann konnte er gerecht
sein, weil es sein Vorteil war, und die Reichen wurden reicher sogar
durch ihre Tugend . . . . So stand es, dachte er gleich am Morgen
wieder, denn es war Sonntag. Da begann aber schon, droben in der Ferne,
das Gebetplrren seiner Schwester Malli, und kaum da es aus war, ein
groes Gekeif.

Diesmal hrte er auch Leni, seine jngere Schwester, mitschreien,
weshalb er schnell hinging um nachzusehen. Es gab einen ganzen Kbel
voll Dreck. Malli wollte Dinkl ertappt haben bei Leni hinter dem
Bretterverschlag; und hinweg ber ihren groen Bauch, woran drei Kinder
sich festhielten, schrie sie ihm zu, er solle sich nichts einbilden, er
sei nicht der einzige, -- indes Leni aufheulte und Dinkl aus
Verlegenheit seine komischen Gesichter schnitt.

Schm' dich! sagte Balrich zu der verheirateten Schwester. Ich wei
ganz genau, da das wieder nur ein Schwindel von dir ist. Und er zog
Leni an seine Schulter. Denn obwohl er gar nichts wute, war es
unmglich, da sie so etwas tat. Er hatte sie lieb. Er hatte sie so viel
lieber als Malli, da er ein schlechtes Gewissen fhlte und nichts mehr
sagen mochte. Leni durfte noch hbsch, leicht und sauber sein, Malli,
die rmste, ward es nie wieder. Und ich, wenn ich erst verheiratet bin,
werde aussehen wie Dinkl. Malli hatte frher nicht gelogen. Jetzt ward
nach dem Aufstehen gebetet, und dann sofort eine Klatschgeschichte, die
das ganze Haus durcheinander brachte. Alle hier waren gute Leute, und
handelten infolge ihrer Armut als seien sie bse Leute, -- indes Reiche,
die nicht gut waren, sogar gerecht sein durften.

Schn, jetzt trat die Polster auf und behauptete, Dinkls htten ihr
Milch gestohlen. Neuer Krach, neue Trnen, und durch die Aufregung kamen
bei Malli die Wehen. Die Polster half ihr sofort wie eine wahre
Schwester, zog sie aus, bettete sie, versprach ihrem Bruder Dinkl sein
Essen und nahm die drei Kinder mit sich. Sie selbst hatte keine, darum
konnten Polsters sich zwei schne Zimmer halten. In dem einen standen
Plschmbel, Blattpflanzen und ein Phonograph, es kam wohl auch von den
Freundschaften der Frau. Aber wenn man das htte genau nehmen wollen!
Dinkl hatte noch die besondere Freude, da das Familienereignis auf den
Sonntag fiel und Malli voraussichtlich nicht mehr als zwei Arbeitstage
verlor. Nachmittags, gerade als Balrich wieder nachfragte, kam hoher
Besuch, Frau Generaldirektor Heling und ihre Schwgerin Buck. In der
Tr blieben sie stehen, sie machten Gesichter, als ob es ihnen an die
Gurgel ginge. Wahrscheinlich wirkte die Luft hier so, wenn du sie nicht
gewhnt warst. Sie aber schienen sich deswegen zu genieren und fingen
an, auf Malli einzureden wie auf einen kranken Kanarienvogel. Mit der
Hebamme flsterten sie und zogen die Brauen hoch. Balrich sah sich so
lange und genau die Buck an, bis die Heling es merkte und halblaut:
Emmi! rief, wobei sie sie streng am Arm packte. Dabei lie die Buck
ihre Tasche fallen und Balrich, mit einem Sprung, hob sie auf. Als er
sie ihr hinhielt, zog sie zuerst die Hand zurck, dann erst unter dem
Blick ihrer Schwgerin griff sie zu. Inzwischen beroch er sie, denn sie
roch nach Veilchen. Sie war noch hbsch, die Figur war, wie unsere
Mdchen sie nur bis zwanzig haben. Auch Leni hatte so goldblondes Haar,
aber das der Buck war nicht verstaubt. Endlich, whrend sie die Tasche
nahm, sah sie ihn sogar an und lchelte, etwas schchtern und sozusagen
besnftigend. Vor seinen zusammengewachsenen Brauen machte ihr Lcheln
aber sogleich kehrt. Darauf trat Balrich hinter den Bretterverschlag
Lenis.

Dinkl kam zu ihm, stie ihn in die Seite und wisperte, warum er sich
verkrieche. Die eine sei scharf auf ihn, da habe er einen schnen Posten
in Aussicht. Dinkl machte Witze, weil es ihn nichts anging. Balrich, den
es anging, hatte ein Gefhl in der Brust, wie er es einmal gehabt hatte,
als er entlassen worden war. Die Buck hatte ihn behandelt wie ein Tier,
-- man frchtet es und nimmt es doch nicht ernst; nicht aber wie einen
Mann.

Nun gingen sie, Dinkl, scharwenzelnd, brachte sie hinaus, da geschah ein
Unglck. Aus seinem tiefen Bckling war Dinkl noch nicht wieder
aufgekommen, als sie es schon hatten und auf der Treppe lagen, die
Heling verlor den Hut samt der Hlfte ihrer weien Haare. ber dem
Gelnder hoch droben wlzten die Dinklschen Kinder sich vor Lachen, --
worauf der Vater zu begreifen anfing. Mit geschwungener Faust verjagte
er die Kinder und half dann den Damen. Zum Glck nahte von unten der
Herbesdrfer, so brachte man sie bald wieder auf die Fe. Mein Gott,
was war denn das! riefen sie, auf einmal mit ungezwungenen Stimmen.
Ist hier auf den Stufen nicht Seife? Dinkl wollte es leugnen oder
unbegreiflich finden, Herbesdrfer erhob seine eingerostete Stimme nur
zu einem Achtung! und breitete die starken Arme aus, fr alle Flle.
Sie aber baten die beiden Arbeiter, nachzusehen, wie es rckwrts um sie
stehe, und als Dinkl durchaus keine Seife an ihnen fand, fanden sie
selbst sie.

Was jetzt! Wir mssen doch zum Tee in die Stadt. Noch einmal nach Hause
und uns umkleiden?

Dinkl riet hierzu, sie wieder meinten: Das kostet eine halbe Stunde,
und was sagt die Generalin!

Angelegentlich wandten sie sich an Herbesdrfer, um auch seine Ansicht
zu erfahren, freilich ohne Erfolg, er machte ein barsches Gesicht. Die
Polster kam herzu, schlug die Hnde zusammen und erbot sich, von den
Kleidern alles abzuwaschen, -- worauf eine technische Verhandlung
folgte. Sie blieb ohne Ergebnis; so drang Dinkl durch, mit seinem
Hinweis auf die besondere Leistungsfhigkeit des Helingschen Autos.

Das mu wahr sein, sagte Frau Generaldirektor Heling, es ist ein
Charron.

Dinkl gab zu bedenken, ob nicht die deutsche Industrie den Vorzug
verdiene, selbst wenn sie nicht ganz so leistungsfhig sein sollte.
Ernste Meinungsverschiedenheiten erwuchsen hieraus nicht, unter dem
Entgegenkommen beider Teile setzte die Unterhaltung sich fort bis vor
das Haus. Erst beim Anblick ihres Chauffeurs ging durch die Damen ein
sichtbarer Ruck, und als sie gar im Auto saen, erwiderten sie den Gru
der Arbeiter nur noch aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu rhren.

Dinkl fand sich damit ab, er stand, als das Auto fort war, und lachte,
da sein Gerst wackelte. Die Kinder, die nachgeschlichen waren, bekamen
vom Vater ihre Ohrfeigen, aber er lachte dabei, und alle mit, die
Polster samt den Nachbarinnen.

Als die Bande wieder hinaufstrmte, wrde sie den Karl Balrich berrannt
haben. Er stand auf dem Treppenabsatz und schien vertieft in den
Seifenfleck. Er machte ihnen Platz, lachte aber nicht wie sie, sondern
faltete die Brauen . . . Sein Schwager klopfte ihn auf die Schulter und
nahm ihn mit in die Kantine; der Malli seien sie doch blo lstig in
ihrem Betrieb.

Die Kantine war voll, von allen Tischen wurden Fragen geschrien wegen
des hohen Besuches und der Seife. Der Vorfall mit der Seife beschftigte
alle. Seife war das Stichwort fr Witze, die sich alle hnlich sahen,
und jeder erregte das gleiche Gebrll.

Zu Balrich, Dinkl und Herbesdrfer setzte sich stumm der alte
Malermeister, der seit kurzem im Keller bei Klinkorum wohnte. Er war
umhergezogen und hatte sich eben durchgeschlagen, ein unruhiger
Taugenichts, bis er es gut fand, seine altgewordenen Knochen an den Ort
zu tragen, wo er Heimatsrecht und Verwandte hatte. Er und Balrich sagten
nichts, -- bis Herbesdrfer sie etwas fragte. Er hatte eine Aussprache
wie ein Wilder und uerte sich so angestrengt, als verlernte er das
Sprechen von Tag zu Tag. Er fragte: was den reichen Weibern denn
einfalle, da sie ungebeten eine Arbeiterin in den Wehen zu begaffen
kmen, wie eine Kuh. Dinkl stie ihn heimlich an, und unter dem Tisch
zeigte er ihm das Zwanzigmarkstck, das die Besucherinnen dagelassen
hatten. Laut sagte er: Sie haben Langeweile gehabt. Das Teewasser bei
der Generalin hat noch nicht gekocht.

Balrich inzwischen atmete schneller. Er war im Begriff, sich
aufzurichten und zu bekennen, da auch die Reichen ein Herz haben
knnten! Denn vor sich hatte er das schchterne Lcheln der Emmi Buck,
und mitten in dem Qualm hier berhrte ihn ihr Veilchengeruch. Da sah der
alte Maler ihn an mit seinem Grinsen im Bocksbart und nahm ihm das Wort
weg.

Ich wei Bescheid, -- seit ich ein reiches Luder habe laufen gesehen,
weil eine Arbeiterin mit dem Arm in der Maschine hing. Sie hatte
vorgesorgt, da ihr so etwas gleich gemeldet werde.

Das hast du selbst gesehen, Onkel Gellert? fragte Balrich drohend.
Denn er dachte an die kleinen Mdchen, die der Alte an sich lockte.

Ich selbst, -- und die Arbeiterin war spter meine Frau, deine
Grotante.

Ja, dann, murmelte Balrich und sah den Tisch an. Nicht hinsehen wo
Geld ist, das ist das beste. Und innerlich bat er es seiner Schwester
Leni ab, da er ihr, fast eine Stunde lang, die Reiche vorgezogen hatte.

Simon Jauner schlich herbei; was Balrich ganz leise sprach, hatte er
doch gehrt; und er schlug auf den Tisch, als habe er Wut. Ansehen das
Geld, sei zwecklos. Aber so! Und mit krummen Fingern grapste er ber den
Tisch hin. Balrich, der ihn kannte, sagte gelassen: Ich esse lieber
mein selbstverdientes Brot, -- und schnitt aus seinem Brot einen
Wrfel. Da lie Jauner sich in die Bank gleiten, grade neben Balrich.
Nun er Balrich von seinem Platz an der Maschine nicht hatte verdrngen
knnen, fand er es wohl geraten, sich anzunhern. Er fate sogar
treuherzig den Arm des andern und sagte eindringlich:

Dein Brot? Helingsches Brot, willst du sagen! Denn in seiner Fabrik
verdienst du nur gerade so viel, da du in seiner Kaserne wohnen und in
seiner Kantine essen kannst. Was darber ist, ist vom bel, schlo er
hmisch, und zeigte zuerst Balrich, dann den anderen seine gelben Zhne
und seine gelben Augen. Sie wuten wohl, sie wrden kein Wort sprechen,
das der Inspektor nicht erfhre; denn er hatte dem Jauner geschadet, wer
mute also beflissener gegen ihn sein als Jauner. Dennoch hielten sie
nicht an sich. Kantine und Kaserne, zu wahr, brachten dem Heling mit
Zins wieder zurck, was er ihnen zahlte. Der Strom des Geldes rollte
endlos unweigerlich in die eine Tasche, sie aber mit ihren Schwielen
standen lechzend daneben, sie, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie machten
ihre Kinder fr Heling, wie sie fr Heling die Ware machten, wie sie
fr Heling aen und tranken. Prost Haling! rief Dinkl, und an allen
Tischen riefen sie mit; denn gut war es, den Ha in ein Wort zu fassen,
den Ha einmal deutlich aus den Zhnen zu lassen und bitter im Glas zu
schmecken. Man ging mit ihm schlafen und stand auf mit ihm, -- nur
Gestalt fehlte ihm, Fuste hatte er nicht. Wir haben jeden Augenblick,
jeden von allen, die wir erleben, alles im Bewutsein: die ungerechte
Gewalt, unter der wir stehen, benachteiligt auf Schritt und Tritt, beim
Einatmen und beim Ausatmen, mibraucht, verachtet, hinter das Licht
gefhrt. Ihr bildet euch ein, wir vergen? Jawohl, ihr denkt, wir
riechen unsere schlechte Luft nicht mehr, in den berfllten Stuben der
Kasernen, die ihr uns baut. Arbeiterhuser A und B, das heit nicht
arbeite und bete, wie der Konsistorialrat Zillich bei der Einweihung
erzhlt hatte; es heit Affenbude oder alles be--. Wir riechen, und wir
vergessen nicht. Sehr begreiflich, bemerkte Balrich, da den Damen
Heling und Buck, wie sie eintraten, der Gestank an die Gurgel ging, und
komisch blo, da sie sich deshalb zu genieren schienen. Htten wir sie
in der Gewalt, wie sie uns haben, wir wrden nicht so viele Umstnde
machen! Dinkl und Jauner erklrten auf das deutlichste, was sie mit den
reichen Weibern heute gemacht haben wrden, trotz den weien Haaren der
einen. Einen Laut aber, der Schlimmeres verhie, stie Herbesdrfer aus.
In seinem gerteten Kopf war die Kartoffelnase wei wie der nackte
plumpe Hals, und die Augen hinter den runden Brillenglsern starrten
blind, als htte er Gesichte.

Dinkl inzwischen war in die Mitte getreten, schob die Daumen in die
Achsellcher seines gelbkarierten Rckchens und machte vor, wie er
spazierengehe. Ein feiner Fatzke begegnete ihm. Den feinen Fatzke mute
Jauner machen; er nahm sein steifes Htchen vom Rechen und drckte die
Beulen heraus. Bei ihm angelangt, schleuderte Dinkl ihm die Faust bis
nahe unter das Kinn, wobei Jauner bermig erschrak. Dinkl aber tat,
als habe er nur die Zigarette an den Mund fhren wollen. Alle lrmten
Beifall. So war es! Jeden Reichen konnte man mit einem Finger
erschrecken, da er in Ohnmacht fiel, denn sie schliefen immer. Sie
gingen in den Straen und merkten nicht, wie sie unter uns Arbeitern
vereinsamt waren -- blo noch die Polizei war da --, und wie ihre
Pelzmntel sich verloren zwischen den vielen geflickten Sommerjacken.
Sie merken nichts, sie schlafen. Nie, denken sie, kommt es anders. Denn
sie sind es gewhnt, sie hatten es leichter als wir, sich zu gewhnen.

Hier war Herbesdrfer fertig mit seinen Vorbereitungen, auszusprechen,
was er sah. Er zeigte seine riesigen Hnde her, ein Finger war wei
verbunden, -- ffnete und schlo sie, da sie knackten, und sagte mhsam
vor Kraft:

Das Ganze kommt anders!

Balrich, gegenber, hrte ihm achtungsvoll zu. Dadurch entging es ihm
fast, da der alte Gellert ihn leise in die Seite stie und ihm etwas
anvertraute. Er schien es lange in sich unterdrckt zu haben, und nur
die gesteigerte Stimmung der Umgebung bewirkte es, da sein letzter
alter Zahn sich aufhob und etwas herauslie.

Lngst schon knnte es anders sein, wisperte er. Auch umgekehrt wr'
ein Schuh geworden. Hab' ich Heling mit gegrndet, was fehlt dann viel,
und ich wre, was er ist.

Sein Groneffe sah ihn an; der Alte kniff die Lippen und machte sich
klein, als habe er nichts gesagt. Balrich stutzte kurz; schon zuckte er
die Achseln, Geschwtz ohne Kraft war nicht achtbar.

Auch kamen eben jetzt die Genossen auf die Partei zu sprechen. Die
Partei war mit nichten einwandfrei, sie enthielt Elemente, die mehr an
sich dachten, als an die arbeitende Klasse. Jauner, als der
Mivergngteste, kennzeichnete den Genossen Napoleon Fischer, unseren
Abgeordneten, der Geschfte gemacht hatte, aber bessere fr sich als fr
uns. Er stand gut mit Heling und wute auch der Regierung nichts mehr
abzuschlagen. Was bekam er fr die Unmenge Militr, die er bewilligte?
Wieder eine Versicherung, wieder eine Frsorge. Und hatte doch
gearbeitet, sogar bei Heling. Was hoffen von den anderen, mit den
weichen Hnden.

Dies war wohl richtig; dennoch wagte sich der Beifall viel weniger
entschieden heraus, als vorhin, gegen Arbeitgeber und besitzende Klasse.
Hiermit war nicht zu spaen, und was Jauner dem Parteibeamten wieder
erzhlte, konnte dir schlechter bekommen als sein Bericht an den
Helingschen Herrn Oberinspektor. Soviel lie sich wohl sagen, da die
Versicherungen und Frsorgen ihre zwei guten Seiten hatten, eine fr uns
und eine fr die Reichen, denen sie zu einem besseren Schlaf verhalfen.
Dinkl, als der Unvorsichtigste, ging weiter und behauptete, das zweite
sei die Hauptsache, und der alte Arbeiter, der von dem Pensionsplunder
leben knne, sei noch nicht geboren.

Mein eigener Vater, wie oft ich ihm ins Gewissen rede, vor Mittag, wenn
wir Mnner noch nicht aus der Fabrik zurck sind, geht er mit seiner
Eschssel bei den Nachbarinnen umher.

Hierzu war der Alte gentigt, weil seine Kinder ihm das Geld seiner
Altersversorgung abnahmen und ihm nicht satt dafr zu essen gaben. Dies
wute man; aber welcher Vorwurf traf einen Kameraden, der Frau und vier
Kinder hindurchbrachte. Besser, es hungerte ein Alter.

Herbesdrfer, lngst nicht mehr wild, hatte ein von der Furcht
zusammengezogenes Gesicht und jammerte in rauhen Lauten vor sich hin. Er
beklagte sich ber den Kassenarzt, der ihn schon wieder zur Arbeit
schickte, obwohl er im Knie seit seinem Unfall noch immer eine Schwche
hatte. Er hatte die Schwche nicht, wenn er drauen umherging; aber kaum
in der Fabrik, hatte er sie; und die Furcht, hineinzufallen zwischen die
Mhlrder und zermahlen zu werden mit dem Holzstoff, machte ihm
Schwindel.

Das kenne ich, sagten sie an den anderen Tischen. Denn sie kannten es.

Man hat doch nur seine Gliedmaen. Frau und Kinder haben nur meine
Gliedmaen. So ein Doktor tut immer, als wachsen sie nach.

Der wchst nicht nach! schnaubte dort hinten einer, und reckte in den
Schein der Lampe seine Hand, der ein Finger fehlte. Da hob auch
Herbesdrfer, rauh winselnd, seinen verbundenen Finger zum Licht hinauf;
und ber zwei Tische, und dann nebenan, und dann an jedem kamen Finger
ans Licht, dick umwickelt und wei inmitten einer Hand, die dunkel
befleckt war von den unvergnglichen Spuren der Arbeit. Wie alle diese
verbundenen Wunden durch die Luft geschwenkt wurden, roch man auf einmal
deutlich den dnnen scharfen Geruch, der unter den Ausdnstungen der
Krper und dem Tabaksqualm, halbvergessen immer da war, den Geruch des
Karbols.

Auch Karl Balrich sah einen seiner Finger in Leinen gewickelt, er prfte
ihn, die Brauen gefaltet, unter dem Tisch. Jeder in diesem Augenblick
hatte ein Gesicht, das den allertiefsten Ernst des Lebens trug. Da, in
einer Stille, sagte Balrich:

Das hat seine Zeit, und dann kommt die Gerechtigkeit.

So ist es! sagten sie, und ein Geschwirr entstand, aus leisen
Zustimmungen, den halben Lauten der Glubigkeit. Auf dem Wege sind wir,
zur Gerechtigkeit, -- und shest du tglich mehr, da er lang, ist,
gezhlt sind die Tage der Reichen. Wir werden, mit dem was jetzt sie uns
kosten, selbst reich sein, alle; werden in gelfteten Slen gemeinsam
unser gutes Essen haben, und Maschinen, die uns gehren, arbeiten fr
uns. Mit jenen aber wird es aus sein. Wre dem anders, warum suft man
nicht, oder bricht ein.

Das tun wir nicht, weil wir vernnftiger sind als sie. Wir knnen frei
aufatmen, so, ganz frei, mitten in unserer Stickluft, denn bei uns sind
Vernunft und Zukunft. Ihr dort seid erblindet durch den Besitz, ihr wit
nicht einmal mehr, was ihr in Hnden habt. Wer unter euch schtzt das
Wissen, den Geist, gleich uns? Ihr habt ihn vergessen, in eurem Fett.
Wir, wir begreifen, da er es ist, der die Welt erobert, und da er auch
wieder ihr Ziel ist. Jede Bibliothek, die wir zusammenbringen oder
abringen eurem Geiz, ist ein Wegmal fr unsere Heraufkunft und euren
Untergang.

Dinkl, mit einem Luftsprung von seinem Sitz auf, rief aus:

Nichts freut mich, wie die hunderttausend Mark, die ihn die Bibliothek
kostet!

Und alle frohlockten ber diese Niederlage des Generaldirektors. Kmpfe
freilich kostete noch die Verwaltung der Bibliothek, denn satzungsgem
stimmten auch Beamte beim Ankauf der Bcher, und verhinderten, soviel
sie konnten, die Aufnahme der Parteischriften. Herbesdrfer schmunzelte,
tief befriedigt. Seit gestern hatte er, sicher verschlossen in seinem
Zimmer, das Kapital.

Da betrachtete Balrich ihn, sein armes grobes Gesicht, das verriegelt
aussah und hinter seiner groen Brille immer in Anstrengung und Angst
schien, ob es nicht endlich sich ffnen, klarsehen und begreifen werde,
sein tapferes, vergeblich ringendes Gesicht.

So steht es um uns, fhlte Balrich. Wir sind zu schwach, obwohl wir
die Strkeren scheinen. Die Bcher, mit denen Ausbeutung und Elend zu
besiegen wren, liegen in unserer Lade, wir aber sitzen hier, verbraucht
vom Knechtstum der ganzen Woche und ohne Handhabe, um unsere Waffen
nutzen zu lernen. Kommt dennoch einer von uns dahin, die
wissenschaftlichen Werke zu erfassen, seinen Kindern kann er es darum
nicht leichter machen. Wir bleiben, wo wir sind. Trachten wir das Glck
zu genieen, das Armut uns erlaubt!

Hier erinnerte er sich, da ein Mdchen auf ihn wartete -- sein Mdchen,
wenn er wollte. Aber wollte er, und mute es diese sein? Er stieg aus
der Bank ohne Eile, trat noch an den Tisch drben, htte sich fast daran
niedergelassen, -- und als er dann hinausgelangte, stand dort hinten
unter der Friedhofmauer schon das Mdchen. Sie stand in ihrem braunen
Tuch ein wenig gebeugt, als wartete sie seit einiger Zeit, und sah ihn
erst, als er schon nahe war.

Thilde! rief er aufmunternd, worauf sie ihm ein Gesicht zeigte, das
voll Gram war. Er kam aber so mutig herbei, breit, spannkrftig und
fest, mit dem dunkeln Schopf unter der Mtze hervor, so wohlgeraten kam
er, da sie ihm dennoch entgegenlchelte.

Warst du schon drinnen? fragte er gedmpft und wies nach der
Friedhofpforte.

Sie nickte. Mein Kleines hat alles was es braucht. Wenn auch wir das
htten.

Das sollst du nicht sagen, verlangte er; und zarter: Gehen wir noch
einmal hinein?

Da sie den Kopf schttelte, bestand er nicht darauf. Es machte nur
traurig, und hatten sie nicht beide mehr vor als hinter sich? Komm
fort! sagte er bestimmt, nahm ihren Arm und ging schneller. Im Schatten
der Mauer, von der Bsche hingen, drngte, sie sich an ihn mit den
Hften. Sie waren breit, die Brust voll, und dazu das magere Gesicht,
aus dem sie bange zu ihm aufsah.

Am Ende der Mauer pfiff sogleich der Wind. Balrich wickelte Thilde
fester ein. Erst Mrz; kahl dmmerndes Feld; und sie stapften durch
Regenlachen. Rechts zwischen drren Bumchen die Villen, genannt
Arbeitervillen; aber fast nur noch Beamte wohnten darin. Als Arbeiter
mute man sehr wohl gelitten sein. Der Jauner wird hereinkommen, wir
nicht.

Und wegen der Pftzen bald getrennt, bald wieder beisammen, begannen sie
zu rechnen. Balrich hatte seine zwei jungen Brder, der eine noch
schulpflichtig, der andere unbezahlt. Das kleine Mdchen Thildes war
keine Last mehr, sagte Balrich. Nur noch ihre Mutter, zu schwach um zu
arbeiten, hing an ihr. Wre das nicht, sagte er, im Drang sie zu
schtzen, du solltest gar nicht mehr arbeiten, du rmste, und ich fr
zwei.

Hierauf sah sie ihn an, bitter und mitrauisch, und mit einer hheren,
schrferen Stimme sagte sie, da sie nichts brauche und ihre Mutter sei
ihr so wenig zur Last, wie frher das Kind. Du mchtest wohl, auch sie
lge schon drauen!

Da merkte Balrich, da sie einander nicht verstanden, -- und wollten
einander doch lieben? Er htte darauf bestehen sollen, da sie zusammen
an das Grab gingen. Nun argwhnte sie, da er ihr das Kind verdenke,
vielleicht immer es ihr verdenken werde. Das nicht, fhlte er. Das
wirklich nicht. Aber sie hat ihr Leben gehabt, bevor ich da war. Sie hat
einen andern gekannt, und ich glaube zwei. Nun denkt sie von mir
bisweilen nicht gut.

Sie war zwanzig, so alt wie er; und auch er hatte schon zwei Mdchen
gehabt. Ihm aber war nichts zurckgeblieben, er htte lieben knnen wie
das erstemal. Nur, warum denn diese, die manchmal so fremd schien, als
sei sie aus einem andern Land. Durch sie hindurch erblickte er pltzlich
seine Schwester Leni, unberhrt, unbeschwert und vertrauend auf das
Glck. Das war sein Blut, sein Land, war die gute Zukunft. Diese hier,
wie mde!

Fhlte sie denn, was er dachte? Anklagend erhob sie nochmals das Gesicht
gegen ihn und sagte in einem Ton, der weh tun wollte: Gib acht auf
deine Schwester Leni! Sie ist vor dem Kind nicht sicherer als wir
anderen.

Balrich lie sich aber nicht wehtun. Er nahm fest ihren Arm in den
seinen und sagte sanft:

Dein Kind war ein gutes und liebes Kind.

Er erlaubte ihr nicht, sich loszumachen, und am Ende gab sie nach, sank
leise gegen ihn, und aus ihren geschlossenen Augen rannen Trnen.
Langsam, in der Dmmerung und im Wind, erreichten sie den
Arbeiterwald, der Bnke hatte. Umschlungen setzten sie sich auf eine
feuchtkalte Bank, unter groen schwarzen sten ohne Bltter. Vor ihnen
die Fabrik, und hinter den drei Reihen der Fabrikgebude ging die Sonne
unter, von Wolkenstreifen berzogen wie von Rauch. Sie starrten in die
Rte und dachten beide, da es gut wre, warm zu haben. In ihrem Rcken,
hinter hohen Planken, lag der Herrschaftswald, begann hier wild, und
immer gepflegter, blumiger und geschtzter gegen den Wind und gegen die
bsen, sehnschtigen Blicke, umgab er endlich als ser Garten die Villa
Hhe, das verbotene Paradies.

Dort friert es keinen, sagte das Mdchen. Der Arbeiter sagte:

Dort knnen sie ernhren, wen sie lieben.

Da die Sonne fort war, der Wind klter blies und es anfing zu regnen,
standen sie auf. Thilde wollte umkehren, Balrich aber strebte der Fabrik
zu. Er wisse eine Unterkunft beim Regen. Auch Thilde sah sie wohl, es
waren die Waggons, die von der Fabrik zum Bahnhof fuhren. Dort hielten
sie, einer mit offener Tr. Das Mdchen strubte sich, hineinzusteigen.

Weil die Lumpen darin so schlecht riechen? fragte er. Sie antwortete:

Was soll mir das machen. Ich stehe mein ganzes Leben in einem
Lumpensaal.

Und sie lie sich hineinhelfen.

Es ist doch trocken hier auf den Lumpen, sagte er.

Und sogar warm, flsterte sie und berlie sich seinen begehrlichen
Hnden.

Da sie an seine Brust gedrngt im Dunkeln nach seinen Augen suchte,
schlo er sie, allein mit seinen Gedanken. Dies war das Beste was wir
hatten -- und machte doch alles nur schlimmer. Die Liebe war eingesetzt,
damit es mehr Proletarier gebe. Fr Heling arbeiten wir, selbst hier,
-- und freilich auch fr unsere Fhrer. Heling und unsere Fhrer sind
darin einig, da wir nicht zahlreich genug sein knnen. Denn beide
brauchen sie Menschenmaterial.

Das Mdchen sagte:

Dies haben wir doch. Dies nimmt uns keiner. K' mich, du Lieber!

Aber sie fuhren auseinander, ein Schlag drhnte an der Wagenwand, und in
die Tr trat ein groer Umri. Der Aufseher! Er schalt auf das Gesindel,
das in den schnen Lumpen seine Schmutzereien treibe. Als Balrich
hervorkam, hielt der Beamte ihn fest und suchte ihm mit seiner
Taschenlampe in das Gesicht zu leuchten. Balrich stie ihn aber zurck,
zog auch Thilde heraus, und schon liefen sie. Verfolgt von Schimpfreden
liefen sie durch den Regen, jeder fr sich, und wuten schon nicht mehr
im Dunkeln, wo ist der andere. Nahe beim Friedhof erst fanden sie sich
wieder. Da sah er unter der Laterne, wie durchnt sie war, denn beim
Fliehen hatte sie ihr Tuch in den Hnden des Aufsehers gelassen. Er zog
sogleich seine Jacke aus und hngte sie um sie und sich. Ganz
aufeinander geneigt gingen sie nun, ein Kleid, und man konnte deuten,
ein Herz. Sie aber zitterte vor Klte und er vor Zorn.

Die Kantine war nur noch schwach erhellt, kein Laut drang heraus, vor
der Tr nur erkannten sie Simon Jauner -- und bei ihm, an der Mauer,
zwei Schatten, die aussahen wie Herren.

War dies nicht der Herr Oberinspektor selbst -- und jener gar, o Gott!
Geduckt schlichen sie vorber, ein Kleid, ein Herz. Hinter ihnen sagte
die Stimme eines Herrn:

So gut haben es nur solche Leute.




II

Der Arbeiter und das Brschlein


Zweitnchsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem
Neugeborenen Mallis ber das Feld zurck von Beutendorf, wo es getauft
war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der Sugling an
der Brust. Sie saen an einem langen Tisch und noch allein. Als andere
Gste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren
aufgerumt. Der Groonkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen
Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollfhrte einen Tanz,
verbunden mit Hndeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er
behauptete, drauen irgendwo Derartiges gesehen zu haben.

Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mhsam aus seinen
Hngebacken. Indes ringsum Lrm war, beobachtete Karl Balrich gespannt
das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste.
Pltzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:

Onkel, was war es damals, mit dir und Heling?

Gellert starrte verstndnislos. Damals? fragte er. Balrich nickte
fest.

Mit dir und -- du weit schon.

Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschwtz
von neulich. Was fehlt viel, und ich wre, was er ist, hatte der alte
Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschwtz, dachte
Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete
er, bis der da kam, -- und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte
zitternd:

Hab' ich denn geschwatzt?

Du hast schon zu viel gesagt, erklrte Balrich. Jetzt sag' auch den
Rest!

Wei schon jemand?

Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir --

Der Alte winkte beschwrend. Lieber du als die anderen. Du bist der
tchtigste. Dein Onkel leider war nicht tchtig.

Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn fr
Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas
Erworbenes htten mitbringen knnen, und statt dessen fielen sie ihnen
noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mifallen.

Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen lie er alles
fahren.

Konnte man denn wissen, damals? Man hat einen alten Freund,
Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine
Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett.
Manchmal waren es Taler. Und als der eine im Stdtchen bleiben will,
sein Handwerk treiben und Meister werden, lt der andere ihm, bis er
wiederkommt, seine Taler.

Das warst du?

Gott sei es geklagt.

Und der die Taler nahm, war der alte Heling.

Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl? wisperte Gellert. Balrich
hob die Schultern.

Wrdest du sie sonst noch haben?

Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der
Fistel:

Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld wrde ich haben!

Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der
Nchsten. Sie hatten in ihrem Lrm es nicht gehrt. Balrich seinerseits
wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mhe wert, um solch ein
Gefasel noch nachzufragen. Mit deinen vier Talern hat er also
Gausenfeld gegrndet?

Gellert zischte. Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und
alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte --
gearbeitet, du weit schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich,
wrde ich beileibe das nicht verdient haben.

Unehrliches Geld, sagte Balrich. Der Alte meckerte.

Sie hat es hergeben mssen, sonst holte sie der Teufel.

Und der Heling wute davon.

Vielleicht nicht?

Auch ein Lump.

Gellert ward ernst und verweisend.

Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er
nannte mich Lump.

Wenigstens gab er dir einen Schuldschein.

Das mute er nicht.

Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht:
Jetzt hab ich genug von deinen, Rubergeschichten.

Hier fing der Alte zu weinen an. Ich war es doch, schluchzte er, und
du willst sagen, ich war es nicht.

Er stie Dinkl an und auch Herbesdrfer, bis sie ihm zuhrten.

Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrdern? Habt
ihr das erlebt?

Da sie nicht begriffen, erzhlte er nochmals das Ganze, begegnete auch
ihren Einwnden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet.
Warum er es nicht zurckgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren
Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Geschft.

Es steckte im Geschft? Kannst du das beweisen?

Ob ich es kann! Der alte Heling hat mich doch bei der Hand genommen in
seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet.

Balrich sagte, grabenden Blickes:

Gausenfeld hat dem alten Heling nie gehrt. Seine Fabrik stand in der
Meisestrae.

Gellert ward wild.

Meisestrae oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim
Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur
warten, bald wrde ich anfangen, mit zu verdienen.

Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?

Da er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein
Mohrenkopf.

Dinkl fragte ernsthaft:

Wielange ist das nun her?

Auf den Schlag vierzig Jahre! schrie Gellert.

Das ist Zeit genug, sagte Dinkl. Inzwischen hat der Mohrenkopf
vielleicht das Reden gelernt und kann fr dich zeugen.

Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen Gste sich her und wollten
hren. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erlutern;
Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.

Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte
er nur noch die Sorge, da niemand weiter von der alten Geschichte
erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu
komisch, man drfe es nicht fr sich behalten. Onkel Gellert Teilhaber
von Heling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert! kreischte er und
tanzte auf einem Bein, -- indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen
dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, da
kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der
Fabrik mit Anstreichen ein Stck Brot verdiene, ins Elend bringen wolle.
Dinkl erklrte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe
er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!

Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen
Rippensto fr ihn. Wann lassen wir uns denn unsere Dividende
auszahlen? fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie
ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des groen Hofes in
Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Gert ordnete, stie auch
Balrich ihn so an und raunte:

Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?

Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem
Tor kam, glitt er hinein und drckte sich. In diesem Augenblick ward es
Balrich zum erstenmal gewi, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei
wahr.

Er htte es nicht geglaubt, -- obwohl er jetzt jede Nacht darber
nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel nherten sich langsam,
nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der
Schlaflosigkeit. Da er nun gewi war, schlich er, anstatt zu seinem
Mdchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf
er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken,
schien weniger ngstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren
Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der
Gang etwas einwrts, -- und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es
ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, da der Herr sich
nicht einmal umsah.

Ich bin der Rechtsanwalt Buck, sagte er. Guten Abend, ich bringe
Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl. Und mit
zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen
verschlossenen Umschlag.

Dinkl erwies sich gewandt, rumte die Kinder fort und machte dem Herrn
Rechtsanwalt so viel Platz, als gengte seinem Umfang das ganze Zimmer
nicht. Buck lie sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen
gerhrten Blick fr Malli mit dem Sugling, einen bewundernden fr Leni,
die die Brust herausstreckte, einen erstaunten ber die Kinderschar hin,
dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:

Wohnen Sie hier gut?

Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der
Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: Wohnen Sie hier gut? --
anstatt nur hinzuwerfen, da sie glnzend wohnten! In der Stille traf
Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab,
dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, -- dessen
Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich glnzenden
Blick. Buck sagte sanft:

Lieber mchten Sie natrlich auf Villa Hhe wohnen.

Und als sei dies noch nicht genug des Unerhrten, hob er seine schweren
Schultern und sagte ergeben:

Begreiflich, aber was kann man machen.

Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht
einen ganzen Flgel von Villa Hhe, sondern allenfalls ein Kellerloch.

Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen,
und entschwand ihnen, langsam und einwrts. Die Meinung Mallis und
Dinkls war: Ein armer Herr! Leni blies nur geringschtzig durch die
Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.

Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, --
und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich
zweifelte nicht, er lie sich in der Kantine ein Flschchen mit Schnaps
fllen und ging damit durch die rckwrtige Gartenpforte der Villa
Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als
zwecklos, denn Gellert sa schon vor einer Flasche und war nun soweit,
da er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:

So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!

Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei
kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts
an. Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug
er noch Rckchen.

Aha. Bei seinem Vater.

Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.

Sein Vater ist doch tot, sagte er, den Blick auf dem Glas. Was willst
du von ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der
mchtigste Mann in der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten
Heling. Der junge Heling dann --

Er strich sich mit der gestreckten Hand ber die Kehle.

-- ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine
Aktien, seine Wrden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck.

Der junge Buck aber -- -- ist ein armer Herr, sagte Balrich, finster
grbelnd. Gellert kicherte.

Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das
gesundeste Schwein hlt das aus.

Balrich rckte nher.

Onkel Gellert, du mut jetzt loslegen.

Da der Alte sich duckte, fate er ihn beim Arm. Das hilft dir nicht
mehr. Ich wei schon zu viel. Und dann bin ich dein Groneffe. Wer wird
wollen, da du reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll --
wie?

Der Alte zwinkerte von unten.

Glaube doch nur nicht, da da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung,
was fr eine Laus du bist gegen Heling?

Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht wchst die
Laus.

Seine Faust rttelte an den Alten, bis er sich entschlo. Ja, bei dem
alten Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der
Fleischhauergrube, mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Fen der
ganzen Stadt. Der Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem
Geld helfen. Das Seine hat er getan. Er hat sich den Vater Heling
kommen lassen, und Heling hat ihm auch geschrieben.

Auch geschrieben! rief Balrich unterdrckt.

Hat ihm schriftlich gegeben, da in seiner Werksttte mein Geld stak
und da ich mitverdienen sollte.

Wo ist der Brief?

Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich, -- und Gellert entnahm sie der
Kommode. Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich
vertrstet. Mein alter Kriegskamerad Heling sei schwer bedrngt, und
sonst noch allerlei.

Balrich las schon, gierig versenkt. Zurckkehrend seufzte er.

Das ist eine Abschrift, die mu keiner uns glauben. Wo ist der Brief
selbst?

Der Alte grinste.

Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewi in den Papieren des Herrn
Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren.

Und die Papiere?

Der Alte kam grinsend nher.

Heimlich habe ich umhergehrt.

Pltzlich zerrte er an seinen Knpfen, ri sich die Kleider auf bis zur
nackten Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf
heulte er:

Aus! Der Junge hat sie verbrannt.

Balrich rhrte sich nicht. Gellert begann allmhlich, sich wieder
zuzuknpfen. Noch ein Glschen, sagte er.

Balrich trank aus.

Dann kann ich nach Haus gehen.

Unter der Tr fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.

Er ging nicht heim, sondern die Strae nach Villa Hhe. Die Linden
dufteten, ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus
dem drren Frhling, in dem er angefangen hatte zu leben, -- zu hoffen,
zu wollen, zu leben. Sollte dies aus sein jetzt, nie htte es dann
anfangen drfen. Lieber tot, als alles wieder sein lassen wie sonst.

So wird es nicht mehr! rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den
Wind, machte er Fuste und zerstampfte die Lindenblten. Jetzt weit du!
Aufgedeckt war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu,
das ein alter Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war
die Grundlage des Helingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines
groen Vermgens aus, Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das
wahre Gesicht derer, die ihr enteignen werdet, Proletarier!

Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle
solcher Verbrecher! Wre in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier
liefen alle zusammen, zeugten und hlfen. Statt dessen wrden alle nur
lachen ber den armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein
verlorengegangenes Recht, ihn totschlagen fr toll. Lieber gleich
sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich sterben!

Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den Bumen nach einem passenden
Ast.

Als er aber schon in einer Krone sa, vernahm er Stimmen, und von der
Villa herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein?
Nun, gut, Heling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die
ihn hngen sahen . . . Er fand aber, dies wre dennoch eine bertriebene
Genugtuung fr die glcklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht
ein Fingerzeig ganz anderen Sinnes.

So lie er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war
schwarz, und er schlich. Dennoch hrten sie ihn, wenigstens Heling,
denn er blickte sich mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtkfer
ihn anglhte. Er hat Furcht vor mir, sah Balrich und freute sich. Er
fhlte: Wer schon zum Sterben bereit gewesen war, der hatte und konnte
viel mehr als diese reichen Schcher. Er hatte ein doppeltes Leben, und
mit denen da konnte er Schindluder treiben. Balrich im Gebsch tat einen
Sprung, da es knackte, und stie dazu einen Laut aus wie ein
Phantasieungeheuer, -- worauf Heling sich hinter einen Baum duckte.
Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.

Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu
verstehen, soviel der warme Wind ihm briglie, der das meiste wegtrug.
Eins war klar, da Heling seinen Schwager herunterputzte wie einen
Tagelhner. Er warf ihm den Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei
verroht, es werde immer gefhrlicher; und ihre Geheimnisse htten sie
sich auch anderswo sagen knnen . . . Welche Geheimnisse? Buck redete
von ihnen nur leise. Darauf erinnerte Heling ihn, um so lauter, an das
Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und Verhandlungen, die er fr
ihn fhren drfe.

Solche nicht! schrie pltzlich Buck, -- worauf es eine Zeitlang still
blieb. Balrich schlich noch leiser, von Nchternheit ergriffen. Wie kam
er hierher? Was hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben?
Die Herren dort hatten ihre Welt, nichts wute man. War, was ihm im Kopf
sa, nicht ein Schwindel des alten Gellert? Oder er selbst hatte
getrumt?

Aber die Herren stritten weiter -- ein richtiger Streit. Heling
nannte seinen Schwager einen Schngeist und Verteidiger in
Majesttsbeleidigungsprozessen, den richtigen Sohn und Erben eines alten
Achtundvierzigers. Sein Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als
Heling ihm seine Schwester gab. Buck habe kein Recht mehr auf
Widerstand, auf diese gewisse unernste Ironie, die das freundschaftliche
Beisammenwohnen in Villa Hhe eines Tages gefhrden und ihn brotlos
machen knne . . . Worauf Buck von Manvern sprach, gewissenlosen
Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle dann?

Wir nicht! rief Heling und lachte.

Nein, alle, rief Buck. Aber Heling hielt ihm seine Schulden vor, da
gab er klein bei.

Der Arbeiter hinter ihnen fhlte sich unheimlich verstrickt in eine
Nacht der Verschwrungen, -- und wer wei welches Massensterben konnte
hervorgehen aus dem tckischen Gemcht dieser beiden Bourgeois, die
einander doch haten! Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander
mchten sie sich umbringen. Behandeln wir sie doch nur so, wie sie
einander! Mut! und sieh, was fr arme Menschen, die Furcht haben
voreinander -- und auch vor uns, wenn es Nacht ist und die Soldaten
schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es die
schlechteste, schme dich nicht! Balrich dachte: Ein armer Herr! und
meinte Buck. Der war der schwchere, zuerst an ihn! Einschchtern,
erpressen -- was wre denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.

Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem Heling kam wohl der Mut,
er sagte zu seinem Begleiter: Magst du nicht weiter, keine Umstnde!
Und Buck, nach einem Gru mit dem Hut, kehrte allein um.

Balrich in langen Stzen sprang zurck bis wo es dunkel war, und hinter
sten, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher,
watschelnd und barhuptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich
selbst. Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht
hatte, wischte er sich den Schwei. Ich kann nicht lnger! sagte er,
wie beschwrend. Ich bin der am schwersten Belastete, der Verrter,
Gott strafe zuerst mich!

Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch
trat vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts uerte, sagte er
selbst: Guten Abend.

Auweh, dachte Balrich, es ist gefehlt. Und Zorn kam ihm gegen Dinkl,
den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger
knne man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:

Sie sind wohl erschrocken? -- und seiner milden Stimme war es
anzuhren, da er im Dunkeln ein spttisches Lcheln aufgesetzt hatte.
Balrich sagte heiser:

Sie mssen sich nun bequemen --

Weiter wute er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und
auf der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck
erwiderte schlielich:

Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wnschen also?

Alles haben Sie gestohlen! schrie Balrich. Sie gehren nicht dahin,
wo Sie sind!

Pltzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.

Sie sind es also doch, sagte er. Ich habe fter an Sie gedacht seit
heute. Sie sind doch berzeugt, da auch Sie nicht dorthin gehren, wo
sie sind?

Nach einer Pause:

Sondern in die Villa Hhe?

Ich will mein Recht.

Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!

Im Gehen:

Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fuen einzig auf
dem Zufall. Da ich nicht meinen Platz rume, ist Feigheit, leidige
Feigheit. Mchten denn auch Sie so feig werden?

Er hatte den Arm Balrichs genommen und sttzte sich darauf. Seine
Sprache ward klangvoll und bewegt.

Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen
kann weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. Knnte viel
Unrecht verhindern und, wer wei, dem Verderben Unzhliger in den Arm
fallen. Aber der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr
hast. Verstehen Sie? fragte er, stehenbleibend.

Balrich verstand, da der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit
Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen
Arm frei. --

Was ich will, mu Sie nichts kosten, sagte er hart. Ich will Ihre
Zeugenschaft und da Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben
steht, da das Geld des alten Heling von meinem Onkel Gellert war.

Buck zgerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:

Schon gut. Dann kommen Sie.

Er ging voran. Balrich hinter ihm fhlte das Herz im Hals und frchtete,
nicht mehr mitzuknnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab
ihn einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?

Er hrte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:

Wohin laufen Sie denn? kehrte er um. Sie waren schon vor Villa Hhe.
Ein dunkler Gartenweg. Halten Sie sich an mich, sagte Buck. Ich gebe
lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser
aus.

Er fhrte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es
hell ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit
hellen Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll
von Bchern. Sogleich kehrte er zurck.

Da! -- er reichte den Brief hin. berzeugen Sie sich!

Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prfte, -- sprach
Buck in Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.

Da er nicht mit verbrannt ist, drfen Sie nicht fr Zufall halten. Den
ganzen Aktennachla meines Vaters habe ich gesichtet und dies
zurckbehalten. Ihr Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte
ich, sein Erbe, mten doch einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?
fragte er; denn Balrich hatte eine hochgertete Stirn, und mit wilden
Blicken ber die Pracht der Rume hin, stie er ein irres Gelchter aus.

Das gehrt mir, sagte er. Buck lie sich langsam in einen Sessel.

Sie bertreiben. Der Proze wird Sie erstens viel Geld kosten.

Balrich zog die Brauen zusammen, da die Augen darunter wie ein
schwarzes Band aussahen. Er war tief erblat, er kmpfte mit der
Versuchung, ber den Menschen herzufallen.

Das beste ist entschieden, sagte Buck, Sie nehmen ein Glas von diesem
hier. Er go Likr ein. Und auch eine Zigarre; -- wobei er unter
Balrich einen Sessel schob.

Ich will nicht, sagte der Arbeiter. Sie sind mein Feind.

Buck schttelte den Kopf. Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert
unsere Sache. Zum mindesten mten Sie doch bemerken, da ich dem Herrn
Generaldirektor gern einen Denkzettel geben wrde. Mit nichten will ich
Ihnen einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit htte ich Ihren
Brief mir aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem
Heling, mindestens theoretisch, zum Bewutsein gebracht wird, er fue
auf Enteignung und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub.

Buck hatte glnzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.

Noch ein Glschen, schlug er vor und leerte selbst eins.

Balrich dachte: Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich
mu die Sache allein machen.

Aber, begann Buck wieder, zum Mrtyrer bin ich nicht geboren, sonst
se ich nicht hier in Villa Hhe. Mit dem Lcheln der Verachtung:
Leider kann ich ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen.
Darum, alles mit Maen.

Das sagen Sie allein, stellte Balrich fest.

Nein. Auch Sie mssen es einsehen. Tatschlich geht es nur sehr mit
Maen. Auf gtlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht
lebensgefhrlichen Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des
eingelegten Kapitals zu erreichen sein, wenn schon keine Tantiemen. Das
ist nichts Groartiges, aber unterschtzen wir nicht den Gegner! Er
wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit des Briefes leugnen.

Dann gibt es Richter, behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.

Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als
Arbeiter mssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis brgerlicher
Richter pat es nicht, da ein Armer ein gltiges Dokument sollte
beibringen knnen gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz
zu werfen.

Wenn es aber doch echt ist! sagte Balrich, verbissen.

Die Mglichkeit, da es echt wre, erklrte Buck, wird mancher
interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch
bernimmt nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschu. Ich selbst in
meiner Lage kann es nicht, zum Mrtyrer nicht geboren, wie ich mich
fhle.

Balrich hrte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort
sprach. Man htte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im
Dunkeln sich fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt sa er in der Helle
und wute Bescheid in seiner Welt. Fr Balrich war sie ein nchtlicher
Verhau voller Fallen, -- und ihn strme!

Was wrden denn Sie tun? fragte er kleinlaut.

Buck sah ihn an wie einen Sohn.

Ich? So wie ich bin? Ziemlich mrbe schon und in meinem Gedchtnis ohne
Beispiel, da eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt htte?
. . . Dies wrde ich tun.

Er nahm den Brief seines Vaters aus den Hnden Balrichs und bewegte die
brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entri ihm den
Brief. Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und
schnaubte:

Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre
Kollegen nicht. Mein Recht schaff' ich mir selbst.

Buck nderte seine Haltung und den leichten Ton.

Dazu mssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen.

Das wei ich! stie Balrich hervor und stapfte nach der Tr.

Halt! rief Buck. Warten Sie noch! Sie hren das Auto, das ausfhrt,
um meinen Schwager abzuholen. Drauen ist jetzt alles beleuchtet.

Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die
Schulter.

Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn
mchte so sein. Durch meine Schuld ist er anders.

Buck trat zurck und sagte prfend:

Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines
Jungen. Er schlft im bernchsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, da
er nicht erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie
geschrien. Sein Schlaf ist doch gut, sagte der Vater zrtlich und ging
leise in die Tiefe seiner Wohnung.

Mit einem Buch kam er zurck.

Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschwrer ist
nun auch vorbei, sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug.
Gute Nacht.

Er fhrte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den Rumen, die sie
verlassen hatten, fiel Licht auf den Weg.

Vor der Pforte, auf der Landstrae, wendete Balrich sich; gerade erlosch
das Licht, -- und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wnsche,
sein brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen
herausspringenden Flgeln den zurckweichenden Haupttrakt und davor die
Terrasse. Ich werde sie haben, fhlte er. Die schwachen, verwhnten
Menschen dort innen ahnen gar nichts. Er griff an seine Brust, nach dem
Brief. Der, der so dumm war, ihn herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie
denken, alles mu bleiben, wie es ist. Wie viel strker ist der
Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat! Laut und stark sagte er:

Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!

Da, gerade da ward der Mond frei, strmte hin sein Licht ber Haus und
Garten -- schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der
lsternen Mrchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm
an wie ein Weib. Er taumelte.

Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rckwrts in die Tannen,
brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die
Strae hinan in die Ferne, stundenlang.

Als er zurckkehrte, umschleierte blaue Frhe die Villa. Vogelstimmen
erhoben sich schon und feuchte Dfte, aber noch streifte Mondlicht die
Wege. Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen,
herabwandelnd im schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe.
Er suchte das Gesicht und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester
Leni.

Siehst du, sagte er ihr, dies ist fr uns.

Er fhlte: Warum ich, statt Heling? Aber weil auch Leni da ist.

So weinte er denn, versteckt im Gebsch der Tannen; und nach langem
Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der
Wohnhuser. Unntz, da der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.

Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem
fremden Gegenstand. Ein Buch -- das Buch des Herrn Buck. Da wird es
sich zeigen, wie ich es mache, dachte er hoffnungsvoll und schlug auf.
Was war das? Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und Stze wie
fr Kinder. Ein Lehrbuch des Lateinischen -- weniger noch, eine
Lateinfibel . . . Der Arbeiter steckte sie schnell wieder ein und ging
heim, gesenkten Kopfes.

Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein
Brot, seinen Kse -- und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie
etwas lag. Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein -- und dann
ein anderes und wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre
alt, bei dem, was die Knaben schon kennen. Du weit nicht wie lange und
weit nicht wie, aber lerne! Dein ist die Nacht. Alle Nchte sind dein.
Lerne!

Er legte sich hin, als es hell ward, go sich drei Stunden spter das
Wasser aus dem Krug ber den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der
Kameraden.

So fuhr Balrich fort zu leben, -- und die erste, der es auffiel, war
Thilde. Er beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom
Schlaf abzog; -- aber da es so nicht dauern konnte, erklrte er ihr
einfach, nur am Sonntag knnten sie sich sehen. Er arbeite des Nachts.
Er arbeite an der Verbesserung einer Maschine, es werde ihm Geld und
Stellung bringen, seine ganze Zukunft hnge ab davon. Sie sah ihn
kraftvoll erregt und ward ganz schchtern. Er sagte noch: Glaubst du
denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!

Da weinte sie und antwortete ihm:

Dann wirst du mich verlassen.

Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm
dennoch, alles fr sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst,
niedergebeugt in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.

Zwei Sonntage spter, er hatte soeben die letzte Seite des Buches
gelernt, klopfte es an seine Tr, und mit dem Kopf dienernd kam ein
Brschlein zutage, eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem
ahnungslosen Gesicht der reichen Kinder. Es legte seine Mtze auf das
Bett und bat artig um den freien Stuhl.

Es wird etwas lnger dauern, sagte es. Papa will, da Sie mir das
Ganze hersagen.

Das Brschlein ffnete das Buch.

Ich habe dies nmlich schon lngst wieder vergessen, uerte es.
Warum wollen Sie berhaupt lernen? fragte es vertraulich. Ein
Vergngen ist es nicht.

Balrich sagte:

Zum Vergngen bin ich nicht da.

Jetzt antwortete der Knabe:

Ich wei, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern
Sie sich nur nicht, sagte er unbefangen. Papa ist mein Freund und sagt
mir manches.

Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen
Reichen, der lchelte, und bemerkte dabei, da eigentlich die Augen
recht hell und wach blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und
unbegreiflich tricht erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen
beiden groen schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so
schwach, -- ein Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz
rutscht vom Stuhl . . . Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der
Knabe unterbrach.

Einen Augenblick. Ich heie Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate.
Wollen wir eine Zigarette rauchen?

Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flchtig. Nach einigen
Seiten hatte er genug.

Besser habe ich es auch nie gewut.

Balrich sagte:

Ich mu es aber besser wissen. Ich brauche es ntiger.

Ihre Sache, meinte Hans Buck. Fr Klinkorum jedenfalls ist es gut
genug.

Es erwies sich, da Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. Wir
kommen sogar schon zu spt. Das Brschlein stie den Zwanzigjhrigen
zur Tr hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf,
wo die meisten Kinder lrmten, fiel Balrich lang hin; das Brschlein
hatte ihm ein Bein gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die
mitlachte. Als Balrich dann zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief
schwebend leicht, keine Aussicht, da Balrich ihn fing, -- wenn nicht
ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem Geschrei, es glte nicht, den
Weg verstellt htten. Nun rangen sie; ein Griff Balrichs, und der
Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie aufgehoben
und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fhlte, tat unversehens,
als verliere er selbst den Boden, und sprang zurck.

Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepreten Lippen und die Augen gesenkt.
Da pltzlich nahm er Balrich beim Arm.

Klinkorum, der es anluten gehrt hatte, empfing sie an seinem Tisch
stehend, den grnen Schlafrock drapiert ber dem Spitzbauch, und in
weier Krawatte. Er warf den Kopf zurck, der Bart stand in sieben
harten Strhnen hechtgrau vom Gesicht ab, die Lippen entblten lange
Zacken mit ebensovielen Lcken, und er lachte erhaben. Unter Gelchter
begann er eine Rede ber den Ernst des Lebens, das Eigentum und die
Bildung. Die letztere gehe vor, erklrte er mit einem grnen Blick auf
den Knaben von Villa Hhe. Wer aber, sagte er dem Arbeiter, bisher in
frhlicher Unwissenheit dahingelebt habe, der lerne jetzt den Ernst
kennen, einen Sohn des Wissens. Vorausgesetzt immer, er sei berufen.

Balrich, zuerst eingeschchtert, kam bald auf den Verdacht, da dies
Geschwtz sei, und rgerte sich ber den Zeitverlust. Da sagte Hans
Buck, dreist und hell:

Na los!

Und Klinkorum schnappte nur noch, ganz auf dem Trocknen.

Er lie beide dieselbe bersetzung machen, um den Abstand der Geister
festzustellen, -- fand aber dann, da der eine durch Flchtigkeit
ersetze, was der andere an Unbelecktheit voraushabe. Hierbei fielen die
Hnde Balrichs ihm unliebsam auf. Er sagte nichts, seine Pausen und die
Ausrufe seiner Blicke bewirkten es aber, da Balrich die Hnde vom Tisch
nahm. Der Fnfzehnjhrige bemerkte hierzu:

Er tut nmlich richtige Arbeit; -- worauf Klinkorum ihm strafweise
voraussagte, auch er werde sie noch tun mssen.

Inzwischen ging die Glocke, und Besuch trat ein, zwei Herren, die schon
vorbereitet schienen auf den Anblick des studierenden Arbeiters, denn
sie nahmen ihn stumm in Augenschein. Hans Buck sagte schneidig: Darf
ich die Herren bekannt machen, -- und stellte dem Arbeiter die Herren
Dr. Heuteufel und Konsistorialrat Zillich vor.

Sie zeigten eine Teilnahme, die Heuteufel geradezu fr wissenschaftlich
erklrte. Klinkorum bekrftigte sie darin, er erluterte ihnen in der
bersetzung Balrichs die Fehler, die das Fortfallen selbst der
allgemeinsten kulturmenschlichen Grundlage zur Voraussetzung htten und
Zeichen einer Klasse seien, einer hoffnungslos rckstndigen Klasse.

Sie schttelten die Kpfe und fragten, ob wenigstens im einzelnen Fall
eine Aussicht sei. Der junge Buck schwatzte laut dazwischen, und in das
Heft Balrichs zeichnete er recht geschickt einen Haifisch.

hnlich? fragte er, und Balrich erkannte Klinkorum -- strengte sich
aber nur noch mehr an, um den Reden der Herren zu folgen. Es war schwer,
die Stze verwickelten sich ihm, und gewisse Worte hatten keinen Sinn.
Ein interessantes Experiment, dies wiederholte Klinkorum mehrmals. Ein
rudimentres Gehirn, unvermittelt in Berhrung gebracht mit den
Humaniora --.

Aber es gehe doch, meinte Dr. Heuteufel, der seinerseits die Hefte der
beiden Schler verglich. Es sehe aus, als knne es jeder.

Dies schien dem Professor zu mifallen. Er stellte schnell mehrere
Fragen an Balrich, die Balrich nicht einmal begriff, -- worauf alle
lachten, auch Hans. Das schmerzte den Zwanzigjhrigen, er zwickte das
Brschlein stark in den Schenkel. Durch seinen Erfolg ermutigt, teilte
Klinkorum den Herren mit, wie gro die Liebe zur Wissenschaft bei
solchen Leuten oft sei, -- leider meistens eine unglckliche Liebe.
Dieser einfache Arbeiter habe ein vom Schler Buck verlorenes Buch
gefunden, und es nicht frher zurckgebracht, als bis er es auswendig
gewut habe. Solcher fast ergreifend zu nennenden Strebsamkeit waren
wir immerhin einen Versuch schuldig, sagte Klinkorum und lachte mit
allen seinen Zacken. Die anderen Herren begleiteten ihn.

Balrich wollte nicht wissen, ob auch Hans sich freue. Er sah vor sich
hin und sann dster, dies msse ein Ende haben; allein werde er seinen
Weg suchen . . . Da sagte Hans, mit einem gewissen Blick von einem der
drei Herren zum andern:

Aber Onkel Heling wird sich rgern.

Und wie sie nun schmunzelten und nur gerade noch an sich hielten, dies
bemerkte auch Balrich. Der Konsistorialrat nahm das Wort. Kein
Arbeitgeber, soviel verstehe er, knne gleichgltig bleiben,
berschritten seine Leute eine gewisse Grenze der Bildung. Dies ndere
das Verhltnis, die Gesichtspunkte und die Rechte, dies sei in Wahrheit
schon Umsturz.

Was er ernst und warnend sprach. Aber htte seine Stimme die
Schadenfreude versteckt gehalten bis auf ihre letzte Spur, die Gesichter
der beiden anderen verrieten sie. Balrich sah mit Staunen, da der
Generaldirektor hier keinen Freund hatte. Er horchte auf. Dr. Heuteufel
lehrte:

Fr die Gewalt eines einzelnen mu ein Gegengewicht gefunden werden,
und das ist --

Die geistige Bildung, schlo Klinkorum. Worauf Heuteufel:

Die Bildung und sogar der Geist sind nur Mittel zum Zweck. Ihm und
seinesgleichen mu wieder einmal klargemacht werden, was persnliche
Freiheit heit. Auf dem Wege, den die Herren, und zwar gern gesehen von
der Behrde, eingeschlagen haben, kommen wir zur Staatssklaverei, sogar
frher als man denkt.

Feierliches Schweigen. Der Arbeiter Balrich ergab sich einem heftigen
Vertrauen zu denen, die so sprachen und dachten.

Das ist aber auch wahr, beteuerte er und schlug auf den Tisch. Wissen
Sie wohl, warum wir nach Gausenfeld keine Elektrische bekommen? Weil wir
unter uns bleiben sollen und nicht aufgeklrt werden sollen und in
seiner Kantine saufen sollen. Das ist doch wie ein Ghetto! rief er,
stolz auf dieses Wort.

Die Herren, mit gekniffenen Lippen, blinzelten einander schnell zu, und
dann traten sie ein Stck weg. Klinkorum uerte:

Fr heute Schlu. Das nchste Mal, Herr Balrich, knnten einmal Sie,
anstatt meiner, den Unterricht geben, etwa ber den Zukunftsstaat.

Obwohl --, bemerkte Zillich. Das eherne Lohngesetz liegt doch auch
schon beim alten Eisen.

Balrich fhlte, enttuscht und grimmig: Was soll man verlangen von den
Bourgeois. Dumm wie mein Stei, und dazu falsch . . . Ihr Wissen haben
sie nur, weil sie Geld haben. Her damit, und dann ihnen an den Hals. Da
ist nicht Dank noch Schonung. Gelte jeder, was er ist!

Er rumte zusammen, stand auf, trug seinen Stuhl an den frheren Platz
und verabschiedete sich mit mehreren Kratzfen. Inzwischen sprachen die
Herren gedmpft.

Die Sachen sind wie sie sind, und manch' einer spricht sie aus. Aber es
kommt doch sehr darauf an, wer.

Als der Arbeiter schon drauen war, rckte Klinkorum mit dem
Eigentlichen heraus.

Was soll man sagen. Die Begriffe fehlen, folglich die Worte. Ihm gengt
es nicht lnger, mein Haus, die Zuflucht meiner Muse, hinabgezerrt zu
haben in sein Tal der Armut und des Schmutzes, es entwertet und
verelendet zu haben: er will mich umbringen!

Sie wollten es ihm nicht glauben, aber er belegte es mit Zahlen und
Daten, herrhrend von dem Helingschen Baumeister selbst. Ein drittes
Arbeiterwohnhaus war bereit zu entstehen; auf dem Plan bestand es schon
-- und wo, und wo? Hinter Klinkorum, vielmehr, im Bogen um ihn her, --
so da er auf drei Seiten verstellt war, und vorn die Landstrae, Staub
und Benzingestank. Das Ende von allem, man konnte ihm nur noch die Hnde
schtteln. Klinkorum schwur freilich, dies endlich werde nicht so
hingehen, es gbe Richter . . .

Balrich drauen wollte schon das Gartengitter zuschlagen, aber Hans Buck
lief herbei.

Ich habe gehorcht. Sind sie dumm und falsch!

Balrich dachte: Dein Glck! Denn er hatte das Brschlein schon verworfen
mit den brigen.

Es sind nmlich blo Neidhmmel, erklrte Hans Buck. Und dann das
Buch, das du mir gestohlen haben sollst oder so!

Er sagte pltzlich du. Dabei tanzte er vor Freude.

Papa hat gewollt, ich soll es dem Haifisch aufbinden, -- und der tut,
als glaubt er es, denn er kriegt bezahlt. So sind sie.

Das ist -- ein abgekartetes -- Spiel? sagte Balrich schwerfllig, und
starrte ernst in das schlaue Gesichtchen. Fnfzehn Jahre, und wute
Bescheid ber die Menschen, und war lustig dabei! Ihre Niedertracht war
ein Spa fr das Brschlein!

Komm' mit! verlangte es. Bis zu der groen Fichte, wo man die Villa
sieht. Weiter darfst du nicht.

Balrich erwiderte:

Nein. Ich will nicht.

Und er ging ber die Wiese nach Haus B. Hans Buck rief ihm nach:

Morgen abend wieder!

Aber nicht, weil du es bist, dachte Balrich. Und Villa Hhe, die will
ich erst wiedersehen, wenn sie mein ist, das schwre ich. Dann komme ich
und werfe euch hinaus.

In dieser Nacht an seinem Tisch dachte er dennoch viel an Hans Buck. Was
Klinkorum ihm mitgegeben hatte, war bald aufgearbeitet, und seine
eigenen Bcher hatte er noch nicht da; ganz leicht htte er Thilde
folgen knnen, abends, als sie ihm nachschlich bis auf die Treppe. Er
hatte sie aber fortgeschoben, und lieber dachte er, aus Sparsamkeit beim
Mondschein, des feinen und schlauen Knaben von Villa Hhe, und da er
ihn wiedersehen werde.

Am Montag nach Feierabend trafen sie sich freilich bei Klinkorum, und
nach dem Unterricht hatte Hans Buck nichts Geringeres vor, als da sie
zusammen in die Stadt gingen, das Bezahlen sei seine Sache. Aber
Balrich, mit finsterer Miene, zeigte auf den Packen Bcher, den er
bekommen hatte.

Sechs Stunden bis zum Morgen -- das reicht kaum.

Und er lie den Leichtfu dastehen.

Erst am Sonntag willigte er ein, spazieren zu gehen. Schwere Luft,
rauchiger Sonnenuntergang, -- und da Balrich nichts anderes zulie,
gingen sie querfeldein und vorbei an den Arbeitervillen, eben dort, wo
er ehemals mit Thilde ging. Auch jetzt herrschte Ernst; Hans Buck ging
gemessen und berlegte.

Das sind nun sieben Nchte, sagte er, und du hast rote Augen.

Anders geht es nicht, entschied Balrich. Der reiche Kamerad gab es zu,
im Tone hoher Achtung.

Nein. Denn du willst in einem Jahr lernen, wozu sie mir im Gymnasium
fnf oder sechs Jahre gegeben haben, -- und ich wei es nicht.

Pltzlich fielen ihm die Spiele der Kinder auf, an einem schlammigen
Graben, in den jeder den anderen einzutauchen suchte mit dem Gesicht.

Sie sind schmutzig und boshaft, bemerkte er; und er behauptete: Wenn
sie das nicht wren, brauchtest du nicht so furchtbar viel zu lernen.

Wieso? Ihm selbst machte die Erklrung Schwierigkeiten. Er fhlte nur:
zuerst sauber sein -- und ein anstndiger Mensch. Das Lernen ist dann
Nebensache.

Besser als Lernen ist Denken; und das Denken geht am besten, solange
man nicht daran denkt. uerte er.

Balrich sagte nchtern: Das ist Unsinn. Vielleicht, wenn man Geld hat.
So aber, wenn ich da heraus will, -- er zeigte auf den Graben -- mu
ich lernen wie ein -- Gehssig knurrend: Wie ein Tier.

Hans Buck verstand dies nicht vllig, er suchte sich einzufhlen. Ich
habe doch auch nie Geld. Und sogar Papa hat es meistens nur vom Onkel
Heling.

Der hat zu viel, darin habt ihr Recht. Meinem Papa sollte er mehr geben.
Aber mir wieder sollte Papa mehr geben. Wirklich anstndig ist keiner.

Balrich wute nun schon, da sogar die Reichsten noch Unterschiede
machen zwischen einander; er dachte mit Verachtung: Ihr liefert euch
selbst an das Messer.

Hans Buck seinerseits blieb pltzlich zurck; es war klar, er versteckte
sich hinter dem Greren. Und Balrich, der den Zusammenhang sogleich
erfate, blieb stehen, einen Fu vorgestellt, in der Haltung des
Beschtzers. Ist es der Rote dort? fragte er, den Blick auf dem nahen
Rande des Arbeiterwaldes.

Ja, es war der Rote. Er war der natrliche Feind des jungen Buck, keines
Zusammenstoes hatte es bedurft, keiner Absage. Lngst lauerten sie
aufeinander und nur der entscheidende Augenblick fand Buck nicht
gesammelt. Balrich hrte, da sein Freund auer Atem war.

Er soll herankommen, knurrte er. Dann kriegt er genug.

Hans Buck antwortete mit Anstrengung:

Du darfst nicht. Es ist meine Sache.

Balrich sah den Roten vorgehen und sah, er war der Strkere.

Wenn es deine Sache ist, dann hast du lngere Beine. Lauf! riet er.

Das ist aber gegen meine Ehre, sagte der Knabe aus Villa Hhe, --
worauf der Arbeiter die Achseln zuckte und dann lachte, zuerst leise
brummend, endlich aber mit wstem Hoho.

Indessen trat Hans Buck hinter ihm hervor, machte einige Schritte und
fate Fu. Er spannte sich, ward grer, bekam scharfe Fuste. Der Feind
schlich gebckt, seine Hnde streiften das Gras. An der Wendung des
Weges angelangt, hielt er an -- und bog ab. Hans Buck behielt seine
Haltung, bis der breite Mensch, ihn seitwrts anschielend, zu laufen,
richtig zu laufen anfing. Darauf kehrte er zu Balrich zurck.

Der Dummkopf hat sich bluffen lassen, erklrte er, mit einer Bewegung,
die die Sache abtat. Der Arbeiter hatte zu lachen aufgehrt.

Am Waldrand wendete sich ein Mdchen nach Hans um. Da erst kam ihm das
Selbstbewutsein des Siegers, und er wagte es, ihr eine Kuhand
zuzuwerfen, -- obwohl sie in Begleitung war. Sie war goldblond, ohne Hut
und in einem dunklen Tuch wie die Arbeiterinnen, aber der Rock modern
und kleine Lackschuhe mit Stckeln. Ihr Begleiter trug blaues Leinen,
wie ein Maschinist, aber darber einen koketten Sommermantel.

Es ist ein Techniker, sagte Balrich im Ton einer Entschuldigung. Ein
besserer Mensch. Das Mdchen war Leni, seine Schwester; dies verschwieg
er. Er fhlte: das versteht so einer nicht.

Leni ging mit dem Techniker, der Bruder hatte es ruhig dahin kommen
gesehen. Der Techniker war ein Arbeiter und doch mehr. Wollen wir, da
er sie heiratet? Nun also. Auch Thilde hatte hren mssen. Jetzt
freilich hatte Balrich sie satt. So konnte es enden.

Er gab sich Mhe, zurckzubleiben, aber der junge Buck drngte gewaltig
den beiden entgegen. Er sagte: Das ist einmal ein Mdel! und tat
mutig. Als sie sich aber endlich begegneten, griff er so ungeschickt
nach seiner Mtze, da er sie herunterwarf. Dennoch grte Leni ihn mit
ihren Goldaugen, und erst nachher lachte sie. Hans, trotz seiner Scham,
wollte ihr nach, der Techniker indessen hatte sich wohl mit ihr in die
Bsche geschlagen; man fand sie nicht, soviel Staub und Kohlenru man
aufstberte im Arbeiterwald. Erst am Teich -- er war braun von Schmutz,
einige badeten, drei Paare ruderten, -- in einem wackelnden Kahn, da
fand er sie. Aus dem Kahn schpfte sie, das Kleid gerafft, Wasser und
bespritzte damit den Techniker. Bleich und schweigend kehrte der Knabe
um.

Beim Arbeiterhaus A wollte er Balrich durchaus nach rechts und auf die
Landstrae lenken. Was Arbeit, was Essen! Etwas war noch zu sagen.
Balrich wartete; es schien schwer zu sagen . . . Dann gab Hans Buck sich
einen berlegenen Ton und begann von einem Haus, das er schon lange im
Auge habe; er kenne es, er sei vorbergegangen, in der engen Strae
Klein-Berlin, hinter der Marienkirche des alten Zillich, und habe in dem
Haus das Lachen gehrt, er msse hinein. Gro genug sei er schon, seine
Vettern Heling htten ihn mitnehmen knnen. Aber vor ihm stellten sie
sich wie Duckmuser, und so wollte er mit Balrich hingehen, -- er habe
Geld, sagte er nachdrcklich und klimperte.

Balrich sagte zu dem allen nur nein. Ob er nicht neugierig sei? Ob man
einem Freund nicht beistehen msse? Oder gnne er ihm das Vergngen
nicht? Nein. Nein. -- Hans fragte schmerzlich: Warum -- warum denn
nicht? Er bekam keine Antwort; Balrich machte lange Schritte, als
wollte er ihm entlaufen, aber Hans Buck verfolgte ihn mit seinem Warum
bis in das Haus. Da wendete Balrich sich um, sagte:

Weil ich ein Arbeiter bin, und weil die Mdchen dort meine Schwestern
sein knnten.

Und lie den jungen Reichen dastehen.

Hans Buck sagte: Ach so; aber er lie seine langen Wimpern herab und
dachte sich das Seine. Arbeiterinnen, -- die so lachten? Wie mochten sie
glcklich sein, in ihrem geheimnisvollen Hause! Hierin, wie es scheint,
verstehen wir uns nicht. Er ist nchtern wie ein Arbeiter, er sieht
nicht, was das Haus fr ein Mrchen ist, mitten in der ordentlichen
Stadt was fr ein Abenteuer!

Und auf seinem Heimweg in der Dmmerung trumte der Fnfzehnjhrige von
Schleiern und Goldgrteln aus Bilderbchern oder vom Theater, -- die
sich aber nun lsten und aufhoben von nie erblickten Gliedern. Schon ihr
Gedanke war brennend. Pltzlich, zum Greifen deutlich erschienen ihm Fu
und Wade eines Mdchens, das den Rock gerafft in einem Kahn sa. Daheim
noch lange, ber sein Buch hinweg, sann er, sie, jene Goldblonde, wrde
eine der Schnsten sein in dem zauberhaften Hause . . . Sein Freund
Balrich inzwischen lernte; und ging es hart, tauchte sein Geist, sich
erfrischend, in das Gesicht einer blulichen Frhe, als Leni, seine
Schwester, in einem schleppenden Gewand aus Mondlicht die Terrasse
herabgewandelt war von Villa Hhe. Dort sollst du zu Hause sein,
versprach er ihr.




III

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren


Als sie sich wiedersahen, alle drei, Balrich, Hans Buck und Leni, war es
schon Herbst und regnete wieder. Die beiden jungen Leute kamen von
Klinkorum und begegneten dem Mdchen hinter A und B vor einer groen
Pftze. Sie stand drben und suchte einen Umweg. Hans Buck fragte sich:
Wo war sie denn dort drben, whrend die Pftze entstand? Balrich
dachte: Mit dem Techniker, dort, wo ich frher mit Thilde.

Da stieg Hans Buck entschlossen in die Pftze. Am anderen Ufer sagte er
etwas, das Erlauben Sie heien sollte, und nur ein Zhneknirschen war,
-- worauf er Leni umwarf und sie auf seine beiden Arme legte. Er trug
sie, betrchtlich schwankend, bis mitten in die groe Pftze; dort
muten schon seine Knie sie sttzen, sie entglitt ihm und kreischte.
Dennoch beugte er sich bis auf ihren Mund und kte ihn. Dies
vollbracht, fand er die Kraft, sie auf das Trockene zu setzen.

Dort stand Balrich unschlssig und die Brauen gefaltet. Hans Buck
ordnete dem Mdchen das Tuch ber den Schultern und dem schnen Haar.
Dabei sagte er:

Was nimmst du mir bel? Ich mu nicht wissen, da Frulein Leni deine
Schwester ist. Du hast es mir nie gesagt.

Leni lachte verlegen, und Hans Buck, scherzhaft aber auch verlegen,
setzte hinzu:

Falscher Freund du!

Balrich, bestrzt und finster, wollte berlegen: dann haben sie
inzwischen sich gesehen? Da bemerkte er, da man Zeugen hatte. Thilde,
die ewige Spionin, verschwand hinter dem Haus, hervor aber traten munter
zwei junge Herren in Sportdre, Helings, die Vettern Bucks. Achtzehn-
und siebzehnjhrig auf langen Gamaschenbeinen kamen sie herbei, grten
eckig wie fertige Kavaliere, und der Leni, die alles gewandt
entgegennahm, kten sie die Hand. Wann sie wieder zum Tanz gehe nach
Beutendorf, -- und sie nahmen sie in die Mitte. Ihr Bruder, der mit
Hans, beide stumm, folgte, fhlte wohl, das Betragen Lenis war
zurckhaltend und dennoch vielsagend. Sie wute nicht, da er kmpfte
fr sie -- gegen jene. Groe Bitterkeit, schweigen zu mssen! . . . Aber
das Brschlein, das es wute, empfand es nicht Scham? Wohl, es lie den
Kopf hngen.

Die Kavaliere riefen ihrem Vetter zu, er mge sich beeilen, jeden
Augenblick fahre das Auto vor. Es kam die Strae herab. Als alle die
Wiese berschritten hatten, hielt es, zwanzig Schritte von ihnen. Die
drei jungen Herren verabschiedeten sich ohne Umstnde, stiegen ein zu
den Damen Heling und Buck, die Federn in der Frisur trugen, und fort,
keiner sah sich um.

Die Geschwister standen noch immer. Karl Balrich, beklommen, fragte
endlich seine Schwester: Was denkst du dir nun?

Leni antwortete:

Sie hatten Reiher, solche findest du nicht noch einmal, -- und wendete
sich zum Gehen. Da er kein Glied rhrte und brtend aussah, fragte sie
eingeschchtert: Was hast du?

Er fuhr auf; aber anstatt sie anzufahren, wie sie es befrchtete,
lchelte er mit seliger Gte -- und sagte:

Leni, du selbst sollst solche Reiherfedern haben! Und Kleider,
Automobil, eine Villa. Die Villa Hhe!

Da lchelte sie wie er, selbstvergessenes Lcheln, an der Landstrae, im
Regen.

Ihr ward es kalt, sie machte kehrt und murmelte: Du bist verrckt.

Nein. Ich arbeite, bis du es hast, sagte er fest. Sie sagte mit
Wehmut:

Dabei kann ich achtzig Jahre alt werden. Von deinem Lohn!

Er neigte sich zu ihr:

Du sollst etwas wissen, Leni, was ich den anderen nicht sage. Komm!

An der Hand fhrte er sie bis in sein Zimmer. Er zog aus dem Tisch die
Lade mit den Bchern. Sie untersuchte alles.

Das lernst du des Nachts? Davon hast du jetzt rote Augen. Und wenn du
es weit, bekommst du Geld?

Er erklrte ihr, da er arbeite, damit er fhig werde, fr sein Recht zu
kmpfen, fr ihres. Sie suchte alles zu begreifen.

Zwei Jahre, bis du dies hier weit? Sechs Jahre, bis du Rechtsanwalt
bist? Acht Jahre oder auch zehn, bevor du genug verdient hast, um den
Proze gegen Heling zu fhren . . . Danke, dann ist meine beste Zeit
vorbei.

Dann kommt das Leben in Villa Hhe!

Du glaubst, sie werden einfach ausziehen und uns hineinlassen? So sehen
sie nicht aus.

Sie werden mssen, behauptete er erregt. Sie wohnen dort
unrechtmig.

Darum helfen ihnen alle die anderen, die ihr Geld auch nicht
rechtmiger haben.

Balrich verstummte. Woher kam es, da Leni, achtzehnjhrig, Zweifel
hatte wie der dicke Herr Buck, und die Welt schon durchschaute?

Da sie ihn enttuscht sah, sagte sie:

Es wre schn, und du meinst es gut. Aber ich kenne vielleicht einen
krzeren Weg.

Er sah sie an; den kannte auch er; aber der ging durch einen Traum. Der
Weg, da Hans Buck, wenn er erwachsen war, Leni zu seiner Frau nahm. Er
liebte sie und war ein gutes Brschlein. Aber Leni, die an den Sieg der
Arbeit und des Rechtes nicht glaubte, sollte glauben knnen an ein so
viel bedrohtes Glck? . . . Dann meinte sie wohl gar etwas anderes? Er
fragte dringend:

Willst du deinen Techniker nicht mehr heiraten?

Sofort machte sie, mit Schultern und Lippen, das Zeichen des Wegwerfens.
Und er, einen Schritt nhertretend:

Was dann.

Da erschrak sie und beschwichtigte. Du kennst mich doch, so dumm bin
ich nicht. Wir wollen nach Villa Hhe.

Leni, sagte er, noch drohend, aber so traurig:

Vor dem Techniker schme ich mich nicht. Vor den Herren von Villa Hhe
wrde ich mich schmen mssen.

Sie war auf einmal auer sich. Trnen strzten ber ihr Gesicht, sie
rang die Hnde und klagte.

Denke doch nur das nicht, lieber Karl! Blind will ich werden, wenn ich
das tue! Und ich glaube auch, da du gewinnst und uns reich machst. Bei
Gott, ich glaube es.

Sie umschlang ihn heftig, auf sein Gesicht, das noch starr blieb,
drckte sie ihre Lippen. Da bekam es Leben, ffnete sich, strahlte.

Verla dich auf mich! Er drckte ihr die Hand, immer wieder. Verla
dich auf mich!

So ging sie, und er setzte sich an seinen Tisch.

Dort sa er alle Winternchte. Die Arbeit getan in der Fabrik,
erfrischte ihn diese andere. Er ward hellhrig in der vereisten Weite
der Felder vor seinem Fenster. Kein Gerusch des ungeheuren Hauses nahm
ihn mehr in Anspruch, nur aus dem kleinen Buch hier drang zu ihm eine
Stimme, seine eigene. Er lernte nicht mehr, den Kopf in die Hnde
gebohrt, das Wissen Fremder. Ihm schien es, er selbst, von einem zum
andern, erfinde und denke weiter. Sein Kopf befreite sich; und endlich
als einziger wachend, empfand er manchmal mit aufsteigendem Jubel das
Werden der Kraft.

Der Professor prfte ihn nur mehr wchentlich. Inzwischen sah er Hans
Buck, immer ihn. Das Brschlein wehte herein -- atemloser als sonst, war
morgen ein Heft abzuliefern. In letzter Stunde, frh fnf Uhr, trieb ihn
einst die Furcht her, und von dem Arbeiter, den er aus seinem kurzen
Schlaf weckte, lie er sich die Aufgabe machen.

Weit du, wie ich das erstemal dir Vokabeln abhrte? Kein Jahr, und du
hast mich eingeholt. Du wirst fertig sein, und ich noch immer, ein
armseliger Pennler . . . Nein!

Er stampfte auf.

Das will ich nicht. Ich will heraus und Geld verdienen!

Auch du?

Bin ich umsonst dein Freund? . . . Warum kommst du nie nach Beutendorf
zum Tanz? Ein einziges Mal doch! Du wrdest sehen, da ich dich ersetze
bei deiner Schwester Leni. Niemand darf ihr zu nahe treten! rief er
khn -- und dann leichthin: Was meine Vettern Heling betrifft,
verachte ich sie. Tue es auch! . . . Oder befrchtest du Bses von
ihnen? fragte er angstvoll.

Da Balrich ihn durchdringend ansah, bekam er das scheinheilige Gesicht,
das seine hellen Zge ihm gaben, wenn er etwas Schlaues dachte.

Auch mich haben deine Leute wohl verdchtigt bei dir? Mach dir nichts
daraus! ber dich sagen sie bei uns, du lt dich bezahlen -- ich wei
nicht von wem und wofr.

Der Arbeiter machte groe Fuste, da hpfte das Brschlein vor Freude,
sprang hinter den Tisch und rief: Siehst du?

Dann freilich sagte es begtigend: Was sie mir auch erzhlen wrden,
dich kenne ich. Mir aber darfst du schon einiges Schlimme zutrauen.

Es raffte sein Heft auf, und hinaus, mit einer langen Nase.

Drauen aber prallte Hans Buck gegen eine, die gehorcht hatte: Thilde.
Sie zog ihn unter eine Lampe und fragte ihn ohne Scheu:

Was tut er wieder! Ich mu es wissen.

Balrich? fragte Hans Buck unvorbereitet. Jetzt lernt er Griechisch.

Er ist verrckt! schrie Thilde, da es durch den Gang gellte. Er
schlft nicht mehr -- keine Nacht, ich sehe es, denn auch ich kann nicht
schlafen. Mit niemand spricht er, treibt Heimlichkeiten, und mich hat er
angelogen. Er soll nur herauskommen! rief sie nach seiner Tr hin,
dann sag' ich es ihm.

Da trat er hervor. Mehrere Frauen, treppauf, treppab, waren
stehengeblieben, darunter die Polster. Sie erklrte den anderen:

Thilde sagt es, wie es ist. Er hat ihr vorgeredet, er verbessert eine
Maschine. Aber wir haben in seinem Zimmer nachgesehen.

Er fuhr sie an, was ihr eingefallen sei; aber sie behauptete ihr Recht
und das Recht Thildes.

Wird einer verrckt, mu man nachsehen, was los ist; -- worin die
Zeuginnen ihr beistimmten. Nur da sie dafr hielten, es gebhre der
Familie. Dinkl mu Ordnung schaffen.

Nun gut, sagte Balrich, wir gehen zu Dinkl, Thilde und ich. Euch
andere geht es nichts an. Dies beruhigte die Weiber, nur die Polster
war nicht loszuwerden. Balrich schmte sich wegen Hans. Die Aussprache
mit der Familie, er sah es, war nicht lnger hinauszuschieben; dazu
brauchte man am Ende den Onkel Gellert. Hans, sagte er fordernd, ich
habe dir deine Arbeit gemacht, jetzt hole mir sofort den alten Gellert!

Hans lief schon. Balrich, Thilde und die Polster bewegten sich, ohne
einander anzureden, durch das Haus -- lange Zeit immer ber Treppen ohne
Lufer, durch Korridore mit hundert Tren, sachlich wie in einem Spital,
mit Fenstern, die nackt waren und in ihren Rahmen die kahle Winterfrhe
hielten, unbeschnigt, wie das Leben der Armen. Unser Leben! dachte
der Arbeiter Balrich, aufgestrt aus seinem griechischen Lesestck.

Angelangt auf dem Absatz vor der Tr Dinkls, sah er sie offen, und
heraus strzte Malli.

Ich gehe durch! kreischte sie. Das ist kein Leben; -- und berrannte
die Polster, die sogleich mitkreischte. Balrich hielt Malli, aber sie
rang wie sie konnte, und schrie, sie gehe durch. Als sie dann still war,
hrte man drinnen Dinkl, der schalt, und die heulenden Kinder.

Warum lt du mich nicht durchgehen? klagte Malli. Balrich zeigte ihr
den kalten und dunklen Tag. Das sei immer noch besser, klagte sie. Er
fragte drohend:

Tut Dinkl dir etwas?

Da hielt sie ihn flehend zurck.

Er kann nichts dafr. Und die Kinder, die mich totqulen, auch nicht.

Dann komm', es soll besser werden, sagte er und fhrte sie bei der
Hand in das Zimmer. Dort sa Dinkl und prgelte. Am Boden eine
verunreinigte Waschschssel. So fngt der Tag an, sagte Dinkl; -- und
wie es einen Augenblick still ward, hrte man die glcklichen kleinen
Laute des Suglings, der auf der Kommode lag und die rmchen reckte.

Malli trug die Waschschssel hinaus, worauf sie, untersttzt von der
Polster, die Kinder reinigte und kmmte. Dinkl, durchaus nicht lustig
nach dem Aufstehen, keifte seinen Schwager an.

Der Herr Balrich; da man auch einmal die Ehre hat! So ein Heimlicher!
Hast Geld, wie? Verdienst es wohl, wie der Jauner?

Balrich wollte losfahren, sagte indes:

Bald sollst du einsehen, Dinkl, was fr ein Dummkopf du bist.

Du aber, keifte Dinkl, spuckst Latein, wie ein Bourgeois, drum hast
du die Thilde so hergerichtet, du Lump; -- und er wies auf Thilde, die
ihre Schrze vor dem Gesicht hatte.

Onkel Gellert hat uns etwas gesteckt ber dich.

Das soll er jetzt vertreten, sagte Balrich laut nach der Tr hin, wo
der alte Anstreicher sich zeigte. Er wollte sogleich wieder umkehren,
aber Hans Buck, von hinten, stie ihn in das Zimmer. Hierauf schnupperte
der junge Reiche in die Luft; sie roch nur nach den vielen, soeben aus
dem Bett gekommenen Leuten, nicht nach der, die er suchte. Dennoch trat
Leni dahinten hervor aus ihrem Brettergela. Hans Buck, durch Dick und
Dnn des Zimmers, war schon bei ihr.

Der alte Gellert wollte nichts wissen noch gesagt haben, er stellte sich
taub. Pltzlich aber schrie er los, mit der ganzen Wut seiner noch
unangegriffenen Nchternheit.

Es mu heraus, schrie er. Der da begaunert mich!

Da Balrich ruhig blieb, nahm der Alte alle zu Zeugen seines Mutes.

Jetzt soll er bekennen, jetzt steht er vor seinem Richter. Hab' ich
dir, ja oder nein, einen Wink gegeben ber einen alten Brief, worin
steht, mir gehrt Gausenfeld?

Balrich lchelte dunkel.

Du sollst dich wundern. Ich habe den Brief sogar herausbekommen, aber
was du sagst, steht nicht darin.

Da bekam der Alte den Tanz. Die Arme und die Beine werfend beschuldigte
er seinen Neffen, den Brief verkauft und das Geld versteckt zu haben.

Ich lauere ihm auf, und er drckt sich, oder er macht Redensarten.

Weil die Sache schwer zu sagen ist, erklrte Balrich. Der Brief aber
ist hier; -- und er reichte ihn hin.

Sie lasen: Dinkl, der den Brief hielt, neben Gellert, der nach ihm
griff, und Malli, auf dem Arm den Sugling, und Thilde, die Augen
trocknend, und die Polster, die die Lippen bewegte, und das grte der
Kinder auf einem Stuhl. Die anderen, samt den Polsterschen, standen und
wunderten sich der tiefen Stille. In die Stille traten auf den
Fuspitzen die beiden jungen Brder Balrichs, ihnen folgte der alte
Dinkl, der nicht mehr arbeitete, mit seinem Blechtopf, worin er sich den
Kaffee holen wollte; und alle schlossen sich an den Haufen und lasen
mit.

Balrich allein hrte das Flstern hinter der Bretterwand und das leise
Getrappel, wie Leni das Brschlein hinausdrngte.

Dinkl war fertig, er fragte:

Was soll uns das nun?

Damit werden wir alle reich werden, sagte Balrich. Da lasen sie noch
einmal, starr und feierlich.

Gellert unterbrach.

Wenn er mein Recht verkauft hat? Was soll ich alter Mann noch machen.

Du bist ein alter Mann, sagte Balrich fest und mit Nachsicht, bist
wehrlos, und ihr alle seid wehrlos. Darum habe ich mich daran gemacht
und lerne. Ich will lernen, bis ich das Recht kann. Dann hole ich es
mir.

Er stand, das fahle Frhlicht auf seinem breiten Gesicht, und sie
blinzelten alle und wollten begreifen. Gellert begann nochmals zu
zetern.

Was hilft mir dein Lernen, ich bin ein alter Mann und will Geld. Da,
zhle mir mein Geld hin!

Jetzt wies Dinkl ihn zur Ruhe. Dann schpfte er Atem und sagte zu
Balrich:

Es kann wohl lange dauern, bis wir unser Recht bekommen. Wer wei, ob
wir es erleben. Aber unsere Kinder, sollen wenigstens die es besser
haben?

Balrich sah ihm in die Augen, und dann den brigen, einem nach dem
andern. Es dauerte lange und geschah schweigend; da hatte er mit ihnen
seinen Pakt gemacht. Vom Arme Mallis hob er den Sugling und zeigte ihn
ihnen.

So wahr der wchst, sagte er.

Eine Pause; dann hustete jemand, und alle nahmen ihre Sachen, um in die
Fabrik zu gehen. Balrich lie sie an sich vorberziehen. Thilde kam und
sagte ernst wie eine Nonne:

Ich warte auf dich. Jetzt wei ich, du kommst wieder.

Die Polster, die zu Haus blieb, trieb die Kinder vor sich her. Ihren
Bruder Dinkl fragte sie ngstlich, ob denn auch sie etwas bekommen
werde. Das wisse man nicht, erwiderte Dinkl sachlich. Wie die
Rechtslage ist. Wenn du es nicht anders willst, mssen wir
prozessieren. Dann hrte Balrich Zwei noch reden, im Winkel hinten.
Zuerst ein dringendes Geflster, Hans.

Ich wei wohl, was du vorhast. Tu' es nicht, tu' es nicht! Dich liebt
nur einer, und das bin ich.

Das knne jeder sagen, antwortete Leni nichtachtend.

Sagen! Aber tun? Auch ich sah in dir nur mein Vergngen, ich war ein
Verbrecher! Jetzt will ich fr dich arbeiten, hinaus und verdienen fr
dich, gleich jetzt. Will sein wie ihr und immer nur arbeiten. Ich liebe
nicht nur dich, sondern euch.

Auf das flehendste:

Du mut doch hren, so sagt es dir nicht jeder.

Jetzt bekam Leni eine Stimme, die Balrich nicht kannte, eine scharfe,
entschlossene Stimme.

Was ntzt es. Es dauert zu lange. Es dauert auch so lange wie --

Balrich erschrak; er begriff, was sie meinte, und schlich hinaus. Da
ward von rckwrts seine Hand erfat, und bevor er verstand was geschah,
lagen auf ihr ein Paar Lippen, und vor sich hingekrmmt sah er den
grauen Haarknoten seiner Schwester Malli und ihren demtigen Rcken; Er
richtete sie auf. Heute mu ich nicht mehr beten, sagte sie mit ihren
grauen Lippen und stampfte eilig davon in ihren Mnnerschuhen und dem
Rock, der gegen ihre knochigen Hften schlug.

So ging auch er, die Stirn gesenkt, berladen zum erstenmal mit
Verantwortung -- und dennoch gestrkt durch sie. Er fhlte: Alle helfen
jetzt mit, ich schaffe es. Auch sie wird glauben lernen.

Ohne da er aufsah, verging der Winter. In einer Frhlingsnacht erst --
ihm war es warm vom Lernen -- er ffnete, halb entkleidet, das Fenster
und lehnte sich hinaus, um Luft zu schpfen einige Zge und dann weiter:
da hrte er atmen -- atmen ringsum aus den dnnen Mauern, den geffneten
Fenstern; und lauschend vernahm er dann auch Schelten, einen Aufschrei
aus dem Traum, Gesthn beim Sterben, und wieder das Winseln Eines, das
zur Welt kam. Vor langer Zeit, er entsann sich, hatte er dies alles
schon belauscht, nur der Sinn damals war anders. Nicht lnger bedeutete
dies Hrte oder Trostlosigkeit und litten sie oder schliefen, er, er
wachte und besann.

Er spannte sich beglckt. Seine Leute, seine Gefhrten, die Seinen. Arm
mit ihm, und eines Tages durch ihn reich. Die schaukelnden Rosenkrnze
vor Villa Hhe! . . . Hier verdsterte er sich und versank. Eine Zeit
gab es, da hatte er nur an sich gedacht und an niemandes Recht als nur
seins; hatte auf der Stelle Besitz ergreifen wollen und genieen. Sein
Herz erinnerte ihn dann doch an Leni, das geliebteste der Wesen. Aber
verdienten andere Wesen es weniger, geliebt, befreit, bereichert zu
werden? Sie waren nicht alle gut, nicht alle fein. Feinheit und selbst
Gte, meinte der Arbeiter, bringt ihnen erst das Geld. Sie waren oftmals
bse miteinander, wie gegen sie die Reichen, die das Geld nur bse
machte, meinte der Arbeiter. Alle durcheinander kmpften sie, weil sie
litten; kmpften sich durch, unbekannt einem jeden, wohin. Mit ihrer
Vernunft waren sie sich noch nie begegnet.

Die Vernunft aber spricht doch zu jedem, da wir einer so viel Recht wie
der andere haben. Uns allen sind die Produktionsmittel vorenthalten, wir
sind enterbt und werden bewuchert an Leib und Leben. Wir sollen die
Reichen enteignen, das Glck der Erde soll unser sein, nachdem unser ihr
Elend war . . . Ja; aber auch wir werden zum Unrechttun verurteilt sein,
denn wir stehen auf dem Unrecht. Die Grundlage aller Reichtmer Helings
ist ein wenig Geld, das einem der Unsrigen gehrte. Er aber, in dessen
Namen wir nun hintreten vor Heling, hat es schimpflich erworben. Wir,
seine Erben, sind nicht gerechter als jener Ausbeuter; wir sollen es
erst werden.

Wie werden wir es? Wenn alle den gleichen Lohn und Gewinn haben? Kein
Unternehmer; -- aber ich heute, ich wei mehr als die anderen, kann
darum mehr und mu mehr haben. Wie entschdige ich sie? fragte er
instndig das Bild vor seinem Geist, die Gleichheit.

Als das Haustor knarrte, wie am Morgen wenn es geffnet ward, trat er
hervor aus seinem eigenen Innern, sah pltzlich hellen Tag und hrte
Sonntagsglocken. Viel Zeit verloren vom Lernen; aber, nie gekannt, sein
Geist war absichtslos vorgedrungen, er hatte gedacht, ohne daran zu
denken.

Hinausschlendernd in den festlichen Morgen, sah er ber die Wiese den
Rechtsanwalt Buck wandeln.

Sie promenieren? fragte der dicke Mann. Gehen Sie nach Villa Hhe, es
ist gut fr Sie. Fr mich ist es gut, sie zu verlassen an einem solchen
Morgen.

Ich gehe nicht hin, sagte Balrich.

Nicht? Ihr Anblick ist Ihnen zu strahlend, zu leicht und glckumwoben?
Sie lgt zu sehr? In der Tat, was fr Wesen mten wir sein, um nicht
blamiert zu werden durch einen Frhlingstag.

Balrich sagte:

Wir alle werden uns einstmals ganz heimisch darin fhlen.

Frhlingstag und Villa Hhe, kann sein, sagte Buck und sah ihm lange
in das Gesicht, fr Sie sind sie gemacht.

Er lenkte zwischen den Arbeiterhusern auf das kahle Feld hinaus. Sie
wenden jetzt alle ihre lange aufgespeicherte Gehirnkraft auf einmal an,
Sie sind ein Riese.

Das sind Phrasen, sagte Balrich. Ich bin berarbeitet.

Ich sehe es, sagte Buck nachgiebig, und der Arbeiter schroff:

Aber das ist nur eure Schuld, ihr entzieht uns die Schulbildung, damit
wir Knechte bleiben. Knftig aber werden in das geistige Leben die
krperlich Arbeitenden, alle Menschen, von frh an langsam
hineinwachsen. Und in wenigen Stunden wird dann in den Fabriken und am
Studiertisch mehr geleistet werden als jetzt in vielen.

Buck sagte befriedigt:

Dann wird Wissen da sein fr alle. Heute bernehmen sich einige an
ihm.

Wie am Geld, sagte Balrich.

Knftig beziehen alle denselben Lohn? fragte Buck sanft.

Der Arbeiter errtete.

Wohl nicht. Aber jeder seinen Gewinnanteil!

Der auch ein Verlustanteil sein kann, ergnzte Buck.

Balrich wute es besser.

Nein; den trgt das Unternehmen. Es gehrt nicht uns, den Arbeitern. Es
gehrt sich selbst.

Sie haben dies erdacht? fragte Buck, schneller als sonst. Dann wandte
er ein:

Es gehrt sich selbst. Aber wer verkrpert es? Wer hat teil an ihm?

Alle, von denen es lebt.

Es lebt auch von den Toten.

Unsinn, sagte der Arbeiter.

Es lebt auch von den alten Mnnern an der warmen Mauer dort, die nie
mehr ein Werkzeug in die Hand nehmen. Denn sie haben das Unternehmen
eine Weile unterhalten mit ihrer Kraft. Es lebt auch von den noch
Ungeborenen; kmen sie nicht, mte es eingehen. Endlich lebt Ihr
Unternehmen von der Stadt, die ihm Menschen liefert und Nahrung fr sie;
von der Hochschule, deren Erfindungen es bentzt; ja, von denen, die
frher einmal an es geglaubt haben und betrogen wurden. Sehen Sie, mein
Vater hatte Aktien, und Heling brachte ihn darum.

Balrich berlegte lange, bis zum See im Arbeiterwald. Wie sie standen
und in das Wasser blickten, sagte er:

Das wre wahr? Dann ist es nicht alles. Solche Unternehmen ber dieses
Land hin und ber alle Lnder, das wre die Gerechtigkeit, es wre der
Weltfriede. Dann wre es ein gltiger Schwur, den vor wenigen Monaten im
Mnster zu Basel die Arbeitervertreter aller Lnder geschworen haben:
Keine Schafe mehr wir Arbeiter, stumm zur Schlachtbank gefhrt, keine
willenlosen Instrumente der Kriegsinteressenten . . . Wre es wahr?
fragte er instndig.

Da dann einer fr den andern steht, keiner allein, und da wir am Ende,
ganz am Ende, doch gleich sind, sagte Buck.

Sie umschritten den See; er sogar erschien rein, im Licht des
Frhlingsmorgens. An der gleichen Stelle wieder angelangt, sagte der
Arbeiter:

Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Gewinn.

Buck, ohne zu fragen, nahm seinen Arm und sttzte sich. Sie traten den
Rckweg an; Balrich, nach herbem Besinnen, stie hervor:

Wenn das Brgertum dies wei, was fr ein Verbrecher ist dann Heling!

Buck wiegte den Kopf.

Nur sehr beschwerlich denkt man gegen das eigene Interesse, sagte er.
Der Arbeiter sagte bescheidener: Ich kann Sie noch nicht verstehen.
Vielleicht meinen Sie mich, aber Sie knnen auch die Herren dort drben
meinen.

Er wies hinber. Vor der Villa Klinkorum ergingen sich, den Rcken
hergewendet, aber mit Gebrden, der Professor samt Zillich und dem
Doktor Heuteufel. Sogleich gab Buck den Arm Balrichs frei und lie den
Arbeiter hinter sich. Balrich, erbittert, als sei er verraten, blieb
stehen und wollte kehrt machen. Inzwischen aber erblickten ihn die drei
Herren.

Da ist er! rief Klinkorum. Herbei, junger Mann! Verhandelt wird Ihre
Sache. Wollen Sie weiter hinanklimmen die Leiter der Eingeweihten, oder
mit einem hrbaren Ruck wieder zurckfallen in Ihr ehemaliges Nichts?

Buck bemerkte, zufolge dieser gesteigerten Ausdrucksweise msse etwas
Erhebliches vorgefallen sein. Statt Klinkorums, dem im Augenblick die
Sprache versagte, besttigte Heuteufel dies im vollen Umfang.
Vorgefallen war erstens, da der Bau des geplanten dritten
Arbeiterwohnhauses C, hinter der Villa des Professors und sie vollends
umklammernd, jetzt wirklich begann; -- und zum zweiten war an Klinkorum,
dieses Opfer des Grokapitals, die Verwaltung von Gausenfeld
herangetreten mit dem Ansinnen --

Mit dem unerhrten Ansinnen! warf Klinkorum ein.

-- abzulassen von dem Mittelschulunterricht, den er einem Arbeiter des
Werkes erteile. Dies war vorgefallen. Gengt es? fragte Heuteufel,
indes der Konsistorialrat nur pfiff. Buck bedauerte den Professor.

Gerade von diesem Schler versprachen Sie sich das Beste.

Klinkorum zgerte; aber dies war der Augenblick nicht, Rcksichten zu
verschwenden. Das fllt mir nicht ein, schnob Klinkorum. Er ist ein
schwerflliger Kopf. Durch unbegrndeten Dnkel erschwert er dem Lehrer
die Aufgabe; -- wobei er gegen Balrich den Finger erhob. Aber!

Aber gerade darum setzen Sie Ihren Ehrgeiz ein. Sie wollen der Lehrer
eines Arbeiters sein, der einst zeigen wird, was der Wille kann.

Ich will nicht auch noch mein Geld verlieren, stie Klinkorum, hervor.

Es ist Ihr heiliges Recht, besttigten ihm Zillich und Heuteufel.

Er entwertet mein Haus -- wie? Und diesen Zeitpunkt meiner schlimmsten
Vergewaltigung durch seine bermacht benutzt der freche Gewalthaber, um
mir auch noch die Ausbung meines Gewerbes zu untersagen. Ein Rcher
wird mir erstehen! Die Herren sind Zeugen, da ich es schon lngst
voraussage: ein Rcher!

Man sieht ihn noch nicht, seufzten seine Zeugen.

Nein, man sieht ihn noch nicht, besttigte Klinkorum und sah an
Balrich vorbei. Dann begann er auszuholen.

Kommen wird die Zeit, da wird auch seine Villa, meine Herren, seine
Villa Hhe erschttert werden von dem Gestampf einer Volksmenge,
verpestet von ihrem Geruch, bedroht von ihrer Rache, was sage ich, dem
Erdboden gleichgemacht!

Diese Aussicht schien die beiden andern mit heftiger Freude zu erfllen.
Der Arbeiter sah es immer nur staunend . . . Klinkorum kehrte aus seiner
Entrcktheit wieder.

Lasse er aber ab von dem Bau jener Mrdergrube, des Hauses C, dann
immerhin mag es sein, da ich mein Amt als Lehrer seines Arbeiters
niederlege.

Geschft ist Geschft, sagte Buck, und sah Balrich nach, der den
Rcken wandte und ging. Die andern, zu sehr im Eifer, beachteten es
nicht.

Soll er Ihnen Ihr Grundstck abkaufen! gab Heuteufel zu bedenken.

Und zwar fr das Doppelte seines Wertes, ergnzte Zillich.

Wo nicht, schlo Heuteufel, machen Sie ihm ganz Gausenfeld
rebellisch.

Wie knnen solche Menschen sich noch selbst betrgen! dachte dahinten,
langsam entschreitend, der Arbeiter Balrich.

Er besann ihre Lage, und sie schien ihm zwar besser, aber auch
verachtenswerter als die seiner eigenen Klasse. Sie berhoben sich
kindisch ber die noch rmeren, damit sie doch, mit ihrem wenigen Geld,
ihrem Wissen und ihrem schwarzen Rock noch Figur machten neben den
berreichen. Lehnten sich auf -- und krochen mit dem nchsten Wort schon
wieder unter das Joch des Geldes, unrettbar, weil sie selbst etwas
voraushatten. Der Arbeiter fhlte: wer irgend etwas voraushat, ist ein
Mitverschworener gegen uns. Zwischen denen, die nur etwas und uns, die
nichts haben, ist derselbe ungeheure Abstand wie zwischen uns und den
berreichen. Das ganze Brgertum bis zu seinen rmsten ist eine von uns
abgeschnittene Welt, aus der wir nur verwehte Gerusche hren, und von
uns zu ihnen gelangt nichts, gar nichts.

Er besann: Jeder Arbeiter kennt schon meine Geschichte. Denn Dinkls
natrlich haben nicht dicht gehalten; aber dem Klinkorum erzhlt keiner
sie. Jeder alte Lumpensammler wei Bescheid, da Gausenfeld eigentlich
unser ist und uns zufallen soll. Nur die drei Kskrmer dahinten --
Balrich spie aus, vor so viel Taubheit und Dummheit. Standen da mit
ihren Aktien und sahen nicht, wie unter ihnen der Boden schon ri!

Neben der Kantine die Arbeiter kegelten mit viel Geschrei. Balrich ging
vorber, da waren sie still.

Er trat ein und stieg in die Bank zwischen zwei anderen. Der eine rckte
ein Stck fort, -- und im Gesicht seines Gegenbers sah Balrich
Feindschaft. Sie trauten ihm nicht, er war jetzt anders; denen soll man
nicht trauen, die Genossen hatten recht. Er machte sich, ihnen zu
gefallen, klein beim Essen. Da kam Herbesdrfer, sah durch seine runden
Brillenglser Balrich an mit Ehrfurcht und ri die Mtze herunter, --
wobei die Mtze fortflog. Balrich war schneller als Herbesdrfer und
holte sie. Als Balrich wieder sa, legte sein Nachbar ihm schwer die
Hand auf die Schulter und sagte:

Wei schon.

Wei schon, du bist unser Mann, hast unseretwegen das Mitlachen,
Mitschreien verlernt, machst es dir schwerer als wir es uns machen.

Beim Fortgehen, in der Tr, traf er auf Simon Jauner. Der gab ihm die
Hand, und mit der anderen beteuerte er irgend etwas, wohl seine
Verschwiegenheit. Sie war ihm anzuraten. Hier hrte der Spa auf, jeder
einzeln hatte ihn dessen versichert. Wenn von der Sache mit Balrich die
Herren etwas erfuhren, war dem Jauner sein Messerstich gewi, er wute
es. So tat niemand sich Zwang an vor ihm; Dinkl machte wieder seinen
alten Witz und nannte den alten Gellert Herr Generaldirektor. Es war ein
Witz, und doch keiner mehr. Man lachte brllend, aber auch Gellert
lachte, er fhlte sich nicht verhhnt, eher geschmeichelt.

Balrich wollte hinaufgehen zu seinen Schulbchern, aber eine Frau hielt
ihn noch auf. Ihr Mann trank, Balrich sollte helfen. Sie hatte vor ihm
den demtigen Nacken Mallis.

Die alten Mnner am Haus in der Sonne wandten ihm, wie er vorbei war,
runde Augen nach und schwiegen, tiefer als irgend jemand. Die Kinder
aber, das Volk von Kindern -- eine Wolke von ihnen, stob immer, wo er
ging, verschleiernd ihn und seinen Weg.

Wir halten alle zusammen, fhlte Balrich hochgemut. Jetzt hilft es
ihnen nichts mehr, da sie verschworen sind gegen uns; so fest
verschworen sind sie nicht.

Und sie wuten nichts, kein Spion steckte ihnen noch etwas, im Dunkeln
liefen sie durcheinander und htten wissen wollen.

In der Fabrik sprte man ihre Unruhe. Bis zu den Inspektoren nur
Unsrige, und lchelten in den Bart, wenn von droben einer sich
heranmachte und wollte riechen, was im Werk war. Man lie sie abfallen,
nicht den Mund durften sie auftun; denn nie war besser gearbeitet
worden. Jeder wute: fr uns; die Ware hier ist schon fr uns, die
Maschinen sind unser; den Beweis hat der Balrich. Unvergleichliche
Freude, wie einst der Generaldirektor, geleitet vom Oberinspektor, durch
die Arbeitssle stolzierte und hatte Furcht. Wahrhaftig, bei dem Kessel
mit den Mhlrdern -- Herbesdrfer stand davor und sah ihm entgegen --
machte Heling einen Bogen. Er dachte, grn im Gesicht, wie leicht man,
half gar noch einer nach, zwischen die Mhlrder gerate. Die Furcht, die
immer den Herbesdrfer qulte, auf einmal erlernte auch Heling sie.

Jetzt aber erblickte er den Balrich, und jetzt -- alle hatten das Auge
auf ihm -- fhlte er sich verloren. Er sah und aller Augen begleiteten
ihn: der da, mit den schwarzen Brauen, der da, mit der breiten Stirn,
den breiten Schultern, dem Schopf -- das ist er, der mich in der Hand
hat und mehr kann als ich und mich zerschmettern und die Gerechtigkeit
wiederherstellen wird. Die Arbeiter nickten einander zu. Wie ihm das
Licht aufging! Wie er zitterte!

Balrich stand stmmig da und erwartete den Kapitalisten, seinen Bauch,
sein blondes, massiges und hartes Gesicht, -- stand da, erfllt wie je
von dem Bewutsein: alles Bse in der Welt geschieht fr Diesen . . .
Heling, angelangt, blieb stehen, lie den Fu nur ein wenig in der
Schwebe; aber genug, da Todfeinde sich messen . . . Dann warf der
Generaldirektor den Kopf in den Nacken, und der Arbeiter legte Hand an.

Drauen, gedmpft, fragte der Generaldirektor seinen Oberinspektor, was
es damals gewesen sei mit dem Arbeiter, der Latein lernte bei Klinkorum.

Das war er, sagte der Oberinspektor.




IV

Die sittlichen Faktoren


Die folgenden Tage sah man auf der Landstrae nur Heling. Immer raste
das Auto; keine Behrde in der Stadt, vor der es nicht hielt; und fuhr
es weiter, sa eine Uniform mit darin, oder Herren von der Regierung.
Nicht jeden Abend kehrte es zurck, -- und eines Morgens frh, Doktor
Heuteufel und sein Schwager Zillich gingen am Reichshof vorber, trat
Heling aus dem Hotel hervor, frisch ausgeschlafen. Er sprach sie sogar
an. Folgenschwere Beratungen hatten ihn gestern Abend zurckgehalten,
auch hatte sein Auto eine Panne --

Und so weiter, sagte Heuteufel; aber Heling, mit den Augen blitzend:

Was heit das? Wollen Sie meine Motive beanstanden? Anspielungen und
Gerchte kmmern mich nicht. Ich sitze ruhig auf Villa Hhe.

Heuteufel ergnzte: Weit drauen, wie ein Frst, -- aber auch mit
Leibwache? Und Heling, voll einer Erregung, nicht mehr zu meistern:

Ich gehe meinen Weg, mit passiver Widersetzlichkeit ist gegen mich
nicht aufzukommen.

Ob er die Stimmung seiner Arbeiter meine, fragte Zillich. Sie sei
allerdings eine Tatsache. Mich haben sie, als ich zuletzt bei Klinkorum
war, betrachtet, als wre ich meines Lebens nicht sicher.

Da sahen die beiden mit Genugtuung, wie das tatkrftige Gesicht des
Generaldirektors wei wurde. Er wisse nichts, stammelte er. Man wei
nicht, was sie wollen, das ist das Unheimliche. -- Sie gaben ihm
heuchlerische Ratschlge: Die Anlage der elektrischen Straenbahn nach
Gausenfeld, er sehe nun wohl, wie falsch es war, sie zu hintertreiben.
Gausenfeld, ein wimmelnder Menschenhaufen, sei, abgeschnitten von der
Welt und in sich selbst verfressen, nachgerade zur Mrdergrube geworden.

Mrdergrube! Dies Wort lie Heling denn doch nicht gelten. Meine
Arbeiter habe ich in der Hand, das will ich mir ausbitten; Die kennen
nicht nur meine Machtmittel und meine unerbittliche Strenge, sie wissen
auch, da sie an mir einen Vater haben. Wie Sie mich sehen, fahre ich in
die Fabrik. Wollen die Herren sich entschlieen mitzufahren, mir kann es
nur recht sein, da Sie sich berzeugen und in die Lage kommen,
bswilligen Gerchten in Zukunft entgegenzutreten.

Die Herren entschlossen sich gern, lieen sich dann aber bei Klinkorum
absetzen, um ihm ihre Beobachtungen mitzuteilen. Sie befriedigten den
Professor durchaus.

Nicht nur mir also, ihm selbst, dem Anstifter, wchst das Tal des
Unrates ber den Kopf. Sogar ber seiner Villa Hhe schlgt es zusammen
und verschlingt ihn mitsamt seiner Brut. Gemeinsam sollen wir
untergehn! -- Klinkorum lachte erhaben, wackelnd mit grn drapiertem
Spitzbauch, auf allen Seiten umstrahlt von seinen sieben Bartstrhnen,
und die langen Zacken smtlich entblt.

Heling seinerseits suchte keineswegs die Fabrik auf, wo das lagernde
Geheimnis jetzt tglich zum Ausbruch gelangen konnte. Schon war er
wieder unterwegs nach Netzig, und mittags zurckkehrend brachte er den
General mit. Die Herren umschritten noch vor dem Frhstck Park und Wald
von Villa Hhe. Exzellenz von Popp sagten:

Ich danke Ihnen, Herr Geheimrat. Meine Dispositionen sind getroffen;
-- worauf der Hausherr ihn zum Frhstck fhrte, durch die schaukelnden
Rosengewinde der Terrasse und ber die golden bespannte Halle in den
weiseidenen Barocksaal.

Whrend des Frhstcks war v. Popp fr Geschfte nicht zu sprechen, die
Unterhaltung blieb mondn. Nachher, beim Kaffee in der golden bespannten
Halle, gab er das Zeichen.

Was ist in Gottesnamen nun los bei Ihnen?

Alle waren still. Heling atmete mit Gerusch, er begann khn:

Nichts. In Wirklichkeit nichts. Keine Sabotage, kein Angriff auf Werte
oder Personen, nichts. Meine Macht steht vollkommen unangetastet da, ich
wollte es mir auch ausbitten. Nur, schlo er beklommen, es geht etwas
um.

v. Popp erwiderte unwirsch:

Gegen Gespenster kann ich Ihnen die Truppe nicht schicken, -- indes
seine Nichte, geschiedene Frau v. Anklam, ein gespanntes Interesse
bezeugte.

Der Generaldirektor bat Exzellenz dringend, ihn nicht mizuverstehen.

Der Umsturz nimmt neue Methoden an. Sie reden nicht, sie wispern und
haben gewisse Blicke, als wten sie etwas, das wir nicht wissen.

Der Rechtsanwalt Buck vermutete:

Eine neue Art religiser Epidemie?

Sein Sohn Hans blinzelte ihm zu, hinter dem Rcken seines Onkels. Aber
Heling uerte Bedenken.

Wer wei, sie haben eine Art Fhrer, den ich fr einen ausgesprochenen
Hypnotiseur halte.

Wie verlockend! sagte Frau v. Anklam, an den Augen das Lorgnon. Horst
Heling, neben ihr, bat sie dringend, sich keine Illusionen zu machen.
Der Mann sei kein Gent, -- seine Schwester dagegen, das Mdchen hat
Klasse, sagte er herausfordernd; und jetzt war es an Frau v. Anklam,
sich zu rgern. Der General v. Popp seinerseits verlangte, rot
anschwellend:

Werfen Sie ihn hinaus, zum Teufel! -- worauf der Industrielle ihn
ansah, als sei v. Popp im Stande der Unschuld.

Wenn das so einfach wre. Dann bekam er einen Ausdruck, wie wenn er
hinter dem General jemand she, der nicht da war.

Was hat er vor? murmelte er, sichtlich erblat. Ich bin bereit, der
Gefahr ins Auge zu blicken, nur wissen mu ich, wo sie ist.

Dies ward als peinlich empfunden. v. Popp erleichterte alle durch lautes
Geschrei.

Sie sollen nur losgehen, schrie er, wir werden sehen, wer die Macht
hat! Assessor Klotzsche, in einem Winkel um Gretchen, die Tochter des
Hauses, bemht, zog hinter ihr die Hand hervor und streckte sie zum
Schwur hin. Sie sollen nur! keifte er mit angestrengtem Augenrollen --
und kehrte, seine Entschlossenheit einmal bewiesen, zu seiner vorigen
Beschftigung zurck.

Die Shne Horst und Kraft waren unbedingt fr das Aufschneiden des
Geschwrs; und aus ihren beiden Klubsesseln ragen ihre vier
Gamaschenbeine. Ihre Mutter Guste, stolz auf ihren Mut, aber noch
stolzer, weil die geschiedene Frau v. Anklam ihnen ermunternd
zulchelte, setzte sich derart, da sie ihren Gatten Diederich
absonderte mit dem General und der beginnende Flirt nicht gestrt ward.
Die Anklam sah jdisch aus, aber bei der Nichte der Exzellenz war dies
sicher nur ein Naturspiel. Sie entschied sich fr Horst, anstatt fr
Kraft, den Liebling der Mutter. Kraft gab es schon auf, ihm lag nichts
an Weibern; mir einzig gehrt er, fhlte Guste.

Emmi inzwischen, Mutter des jungen Hans Buck, war nur bedacht, ihn zu
entfernen. Zu gut wute sie, wie es um ihn stand und da er weiter ging
als sein Vater in der Auflehnung gegen alles dies, seine Klasse, seinen
Vorteil. Was war es mit Buck? Er widersprach schon wieder dem General,
und nicht nur der General war rot, auch Heling. Mein Bruder Diedel,
sann Emmi, hat sich hart gemacht. Ich wei noch Zeiten, als er es nicht
war. Jetzt kennen sie ihn nicht anders, darum denkt er, es mu so sein.

Die Schwester sann weiter. Ich wei noch. Sie beide aber knnen sich
nie mehr verstehen. Buck wrde wohl wollen, erlaubte Diederich ihm nur,
ber dies alles hier die Wahrheit zu denken. Das ist die Leidenschaft
Wolfgangs, sann die Gattin, die Wahrheit zu denken. Dann fgt er sich
doch, lt sich gehen, auch wenn es nicht recht wre, und bleibt im
Nest. Er hat es frher wohl zu schwer gehabt; wie sollte er noch die
Kraft finden, zu verhindern, da die vielen anderen leiden.

Nun aber Hans!

Mein Hans, sann die Mutter gramvoll, ist sehr gefhrdet. Denn er, er
will die Wahrheit nicht nur denken; ich fhle es voraus, er will sie
ausfhren. Wie knnte man das. Soll ich wnschen, er wre anders, mein
Hans?

Da fhlte sie auf sich den mibilligenden Blick ihrer Schwgerin Guste.
Die hatte nie gezweifelt an ihren Shnen, -- die doch schlechter waren
als der Vater! Meiner ist besser, und ich mu zweifeln. Verworrene
Welt, dachte Emmi Buck.

Inzwischen auf der Terrasse unter den Rosengewinden, da Klotzsche gehen
mute, hatte Gretchen Heling einen Streit mit ihm und mit ihren
Brdern. Gretchen, bleichschtig und versteckt, war fr die Arbeiter,
und die Aussicht auf einen Streik mifiel ihr nicht. Warum, war nicht
herauszubringen. Auf alles antwortete sie ihrem Verlobten Klotzsche:
Ach du mit deinem Bauche! Ihr Bruder Kraft endlich, der nicht mehr an
sich hielt, verriet ihr Geheimstes.

Du Gans! Nur das Theater ist es. Sie hat im Theater einen Streik
gesehen, und der Streikfhrer war Herr Stolzeneck, verstehst du,
Klotzsche? Leon Stolzeneck, erster jugendlicher Liebhaber.

Horst stie Kraft in die Rippen, aber der Assessor nahm es, wie es war.
Das gibt sich, grunzte er gemtlich. Theater ist etwas anderes, ich
habe auch mitgeklatscht.

Das Auto mit dem General und dem Assessor war fort, da, in der
goldbespannten Halle, herrschte Heling seinen Schwager an.

Sehr verbunden, da du mir die Exzellenz flau machst. Schickt er dann
keine Soldaten, haben wir im uersten Fall noch dein Mundwerk.

Das Wort als Tat unterschtze man immer, erwiderte Buck, -- so wie man
die sittlichen Faktoren unterschtze.

Bin ich unsittlich? herrschte Heling.

Deine Machtmittel, fuhr Buck fort, sind dieselben, auf die auch der
Umsturz pocht; und jene anderen, die er nicht kennt, sind dir so fremd
wie ihm. Ihr seid einander wert, schlo er milde. Heling brach
vollends aus.

Ich kenne nur mein Recht. Gehen sie los, wird geschossen. Schleichwege
sind meinem treuen Gemt eine Greuel.

Deinem treuen Gemt, wiederholte Buck.

Auch deinem, hoffe ich! Diederich blitzte. Einen meiner -- meiner
eigenen Arbeiter Latein lernen lassen, bedeutet eine heimtckische
Frderung der subversiven Tendenzen. Dem Professor Klinkorum verzeih'
ich es nie. Noch unerbittlicher wre ich, wenn ich wte, wer ihn dafr
bezahlt.

Buck wehrte ab.

Er tut es ohne Entgelt, aus wissenschaftlichen Motiven.

Das sagt er. Das kann jeder sagen. Auch dein Sohn wird sich auf die
Wissenschaft ausreden, wenn er dem Balrich seine Bcher leiht und nur
mit ihm noch gesehen wird.

Buck zog sich ein Stck zurck, er sagte vorsichtig und ohne Ironie:

Hans? Ein Kind, nicht wahr. Das schliet noch Freundschaft ohne Ansehen
des Standes.

Hans, hinter einem Rohrsofa mit getrmten Kissen, hrte, sah -- und
schlug die Hnde vor das Gesicht. Papa verleugnete ihn! Er log. Papa und
Hans, beide muten lgen vor dem Onkel Heling . . . Er schlich sich
hinaus, unter die Rosenkrnze. Darf ein Mensch uns zwingen, zu lgen?
Ich hasse ihn -- ewig, ich schwre es! -- wobei er dennoch ganz wohl
wute, er habe auch sonst schon gelogen und das Leben sei so.

Heling drinnen schrie noch:

Was man mir sagt, mu ich glauben. Alle sagen dasselbe, wie falsche
Zeugen. Es ist, als wre man in eine Mrdergrube gefallen.

Du bist leidend, sagte Buck milde. Seinem Schwager schnappte die
Stimme ber.

Aber wehe, wenn ich euch fasse!

Und er schwenkte sich auf den Abstzen herum.

Im Garten bei der Borkenhtte fand er seine Shne. ber den Fenstern
aus Rinde nagelten Horst und Kraft gebleichte Tierschdel an den rauhen
Stamm. Was dies bedeute?

Es sind die dem Odin heiligen Pferdeschdel, erklrte Horst, und das
Wasser troff ihm unter seinem Monokel hervor. Die kleinen Ralph und
Fritzheinz, die zusahen, erklrten ihrerseits:

Es sind die Kalbskpfe, die wir zu Mittag gegessen haben.

Kraft, lang, gebeugt, mit Ringen um die Augen, sagte schleppend und
zittrig:

Hier ist die richtige Stelle, Vater, fr die Maschinengewehre.

Heling erschrak, er sagte: So weit halten wir noch nicht.

Dann gab er zu:

Auf Villa Hhe haben wir die ganze Luft fr uns, aber die Kaserne ist
zwei Stunden weit.

Er nahm seinen ltesten beim Arm.

Deine Mutter denkt immer, alles mu glatt gehen, weil wir es sind.
Mache einmal du ihr begreiflich, da man einen Frhlingsmonat ganz schn
auf Reisen verleben kann.

In Monte --? fragte Horst, erwartungsvoll.

Am Abend dann holten die Shne den Vater ab, um die Runde zu machen.
Hierbei sagten sie: Melde mich gehorsamst zur Stelle, und machten die
Runde in strammer Haltung. Einmal fiel aus dem Dunkeln ein Schu. Der
Generaldirektor prallte zurck, schwankend, als sei er getroffen. Er
ist es, chzte er. Ich sehe ihn. Horst und Kraft erhoben ihre
Revolver; es war aber Hans Buck, er hatte mit dem Mund geknallt.

Der Generaldirektor in seiner Angst verfiel sogar auf die sittlichen
Faktoren seines Schwagers. Man konnte sie versuchen, vor dem uersten;
-- und so knpfte er mit Zillich an, wegen des Pfarrers von Beutendorf.
Der Konsistorialrat indessen wandte ein, er sei zerfallen mit jenem
Freigeist, der sich behaupte nur dank den weltlichen Behrden, ihrer
Gleichgltigkeit in Sachen der Religion. Dabei drckte er dem
Industriellen den Zeigefinger auf die Brust. Auch hier war etwas
versumt, sah Heling.

Der Pfarrer Leiditz von Beutendorf, nicht nur im Streit mit der Synode,
auch verschuldet wie er war in jedem Hof seiner Gemeinde -- diesmal
schien der vielgejagte Mann selbst etwas erschnappt zu haben; er sprach
am Sonntag zu den Arbeitern von dem brennenden Gegenstand, -- worauf er
noch heller brannte. Denn Leiditz hatte aus der Schrift
zusammengetragen, was sie an subversiven Tendenzen, Gott sei es geklagt,
enthlt. Ihm zufolge, Heling persnlich berzeugte sich den Sonntag
darauf, htten ohne weiteres die Sturmglocken luten sollen.

Vor Schlu der Predigt verschwand der Generaldirektor. Nachher stand
sein Auto leer auf der Strae; wo war er? . . . Und das nchste Mal --
nicht nur Frauen und Greise machten jetzt den Weg zur Kirche, alle
Mnner von Gausenfeld! -- was hie dies? Er machte kehrt, der Pfarrer,
er fand nicht mehr die Stellen der Schrift, in denen sonst sein Finger
lag, er fand andere. Die gingen wie von selbst auf, vielbenutzt, mit
Unmut angehrt. Das kennt man, murrten die Mnner und verliefen sich,
noch whrend des Amtes. Der Pfarrer, mit verfallenen Zgen, verkroch
sich hinter sein Buch . . . Vier Wochen aber, und was er schuldete, war
alles bezahlt.

Jetzt kam Napoleon Fischer daran. Von dem Manne ihrer Wahl, dachte
Heling, nehmen sie hoffentlich noch Vernunft an. Der alte ehrliche
Umstrzler kennt mich.

Das Mitglied des Reichstages reiste auch herbei, der Generaldirektor
empfing es gleich an der Bahn, bevor irgend jemand es zu sehen bekam,
und fhrte es in ein leeres Wartezimmer. Hier fragte es:

Was drehn Sie wieder fr ein Ding gegen uns, Herr Doktor?

Ich brauche Sie, Fischer. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt.

Frher einmal, Herr Geheimrat, habe ich daran Sie erinnert, und Sie
nahmen es bel, denn damals war ich Ihr Maschinenmeister. Immer standen
Sie vor der Pleite, und machten Schiebungen mit Ihrem Proleten. Schne
Jugendzeit! -- Und die gealterten Geschftsfreunde musterten sich.
Napoleon Fischer unter seiner weien Emprermhne, aus seinem vom
Fluchen und Geschrei zerarbeiteten Kopf, den sogar die gegnerische
Presse einen alten Feuerkopf nannte, lugte giftig. Diederich Heling,
breitflchig und hart, dnn behaart und ber seine Augenscke
hinstarrend, schnaufte.

Dann hielt der Abgeordnete in dem Saal hinter der Kantine eine
Versammlung ab. Ein Beamter suchte im Namen der Leitung es zu
verhindern, aber gegen die Tatkraft des bewhrten Fhrers drang er nicht
durch. Napoleon Fischers brauner Jackettanzug, fast neu, ward von den
Genossen mitrauisch gemustert. Aber die Hosen hatte er nicht bgeln
lassen und den Rock falsch zugeknpft, so ging es ihm hin.

Er redete unter Mitbenutzung seiner langen Arme, seines gefletschten
Affengebisses und der weien Emprermhne. Als er schon lngst nur noch
heiser keifte, fand er dazwischen pltzlich einen zrtlichen Ton, um
seinen armen Hals zu bemitleiden. Dann wieder: die Wehrsteuer, eine
nicht zu rechtfertigende Herausforderung des Proletariates, aber die
Folgen wird das Kapital selbst spren, -- Faustschlag. Russische
Methoden verbitten wir uns. Pogrome, Kulturschande, -- und wenn es sein
mute, nahm auch er noch die Flinte auf seinen alten Buckel.

Nun aber, worauf es ankam, die persnliche Berhrung und Aussprache in
der Kantine, einfach von Bank zu Bank, mitten drunter das Mitglied des
Reichstages, schweitriefend und menschlich schlicht.

Also los, Kinder, was hat er wieder ausgefressen, mein alter Ausbeuter,
droben auf seinem Frstenschlo.

Wenn es seines ist! murrte der alte Gellert, ward, aber durch
heimliche Ste zur Ruhe verwiesen.

Ich hab' es nie nicht gesehen, schwur Napoleon Fischer. Mir kmmern
die Freudenhuser der Ausbeuter nicht, ich kenne sie hchstens aus die
>Woche<, beteuerte er, obwohl er in den Zeitungen, auch in der >Woche<,
schon seit langem so richtig deutsch schrieb, wie jeder andere. Er
mchte, da ich hingehe, Faustschlag, aber nach Canossa gehen wir
nicht. Er wird den Weg zu mir schon finden, heute braucht er mich, er --
mich, das lat euch gesagt sein, Genossen!

Da ihm der Erfolg nicht durchschlagend schien, verschwur er sich noch,
auf dem Wege nach Villa Hhe solle ihn der Schlag treffen. Die Arbeiter
hrten ihm zu; nun ja, nach Villa Hhe ging er wohl nicht. Darum aber
war es noch nicht gesagt, da er sich mit Heling nicht anderswo traf,
zum Beispiel bei dem Regierungsprsidenten.

Also los, Kinder! wiederholte Fischer. Er will verhandeln, dann hab'
ich ihn allemal schon in der Hand, das wit ihr aus Erfahrung. Ohne
mich, sagt selbst, Genossen, was httet ihr erreicht!

Sie schwiegen, sie lieen ihn weiter im Dunkeln tappen. Herbesdrfer
sagte schwer:

Was haben wir denn erreicht?

Der Abgeordnete, unversehens, sprang aus der Bank und arbeitete sich zur
Tr hin, einem Alten entgegen, der hereinschlich mit seinem Blechgef,
ob ein Bissen fr ihn abfalle.

Vater Dinkl! Alter Klassenkampfgenosse! rief er und stie den Bettler
vor seinen hohlen Magen. Wie? Wenn wir jetzt die Alters- und
Invalidenversicherung nicht htten! Wir! Wir haben sie zusammen
gemacht, -- und er nahm Dinkl unter seinen Arm und zeigte sich mit ihm.

Da seht uns alten Freunde! Ich und er, Hose wie Jacke. Ich war auch
blo Maschinenmeister bei Heling, so gut wie mich knnt ihr den Vater
Dinkl whlen. Was wei so ein hergelaufener Akademiker, der am Tisch der
Kapitalisten prat, von euren Sorgen und Schmerzen. Ich aber, Genossen,
wenn der Heling, grn vor Wut, zu mir kommen mu und verhandeln, das
ist der Triumph des Proletariates!

Dies verfehlte denn doch nicht seine Wirkung, sie riefen: Bravo! und
Sehr richtig!

Daraufhin berlie der Abgeordnete den alten Dinkl sich selbst und
begann noch einmal: Also los! . . . Macht er Schwierigkeiten mit der
Bibliotheksstiftung? . . . Hat er die versprochenen Waschgelegenheiten
nicht eingefhrt? . . . Nun also, dann ist alles in Ordnung. Und in die
stdtische Arbeitsvermittlung bring' ich noch einen Genossen hinein.

Wieder erfolgte nichts. Nur Dinkl Sohn sagte:

Wissen Sie keine Vermittlung, da ich nicht mehr arbeiten mu?

Hier fand Napoleon Fischer seine Wrde verletzt. Das sind Witze, sagte
er und erhob sich streng. Ich beantrage, da die Versammlung die
uerung des Genossen Dinkl mibilligt.

Niemand mibilligte sie; jemand rief sogar: Ihre Weisheit kennen wir!
-- genau wie beim Pfarrer Leiditz.

Da sah der Abgeordnete sich um und sah, die schweigenden Gesichter waren
dster und hhnisch. Er begann, hastiger als frher, umherzufragen: Was
wollt ihr? Streiken? -- fragte einzeln umher, aber nur bei denen, die
am Wege zur Tr saen . . . Karl Balrich sagte laut:

Streiken? Wir werden uns hten.

Sie stimmten bei, sie verstanden ihn. In einem Betrieb, der von Rechts
wegen uns gehrt, streikt man nicht. Der Abgeordnete fate es anders
auf.

Das ist ein verstndiges Wort, Genossen. Streiken kostet die Partei
blo Geld; und das Geld der Partei, was ist das fr ein Geld? Euer
eigenes Geld, Genossen.

Unversehens stand er unter der Tr. Wieder ganz auf der Hhe, rief er:

Hier herrscht ein gesunder Geist, da wei man, wofr man arbeitet. Und
so will ich euch zum Abschied, Genossen, denn verraten, was bei dem
Kuhhandel mit der Wehrvorlage fr euch herauskommt. Zwei Prozent
Lohnerhhung! Genossen! Dafr stehe ich ein mit meiner vollen
berzeugung! Wir bewilligen die Wehrvorlage, aber ihr kriegt zwei
Prozent. Hoch die internationale revolutionre Sozialdemokratie!

Er wartete nicht ab, da sie einstimmten, schon war er drauen. Zu
seiner Verwunderung hrte er nichts, und niemand holte ihn zurck. Eine
Weile horchte er im Dunkeln, dann ging er hintenherum ber die Felder;
-- am Zaun zwischen dem Arbeiter- und dem Herrschaftswald sagte er zu
Diederich Heling, der drben schon wartete:

Es ist nichts. Streiken wollen sie nicht, sie wollen zwei Prozent, --
und das sage ich Ihnen, davon bringen Sie, Herr Doktor, mich nicht ab,
denn da spricht einzig mein Gewissen. Ich bin klassenbewut geblieben,
trotz meiner paar Krten, mich fngt der Kapitalismus nicht ein, fr die
paar Krten verrate ich meine Genossen noch lange nicht!

Schreien Sie nicht so! verlangte Heling. Sie kennen doch Ihre Leute;
meinen Sie, hier im Dunkeln lauert keiner?

Er klomm mhsam ber den Zaun, Genosse Fischer half ihm; und gemeinsam
tasteten sich der Generaldirektor und das Mitglied des Reichstages durch
den nchtlichen Arbeiterwald.

Ihre zwei Prozent, sagte der Kapitalist, sind zum Lachen. Ich will
wissen, was der Balrich vorhat.

Das ist der vernnftigste von allen. Er spricht gegen den Streik.

Dann ist es noch schlimmer als ich dachte, murmelte Heling. Napoleon
Fischer verstand nicht.

Was soll dahinter sein? Hat er Macht? Ich bin Machtpolitiker. Entweder
hat er Macht oder er hat keine Macht, der Rest ist Mumpitz.

Napoleon schrie schon wieder. Und auerdem regnet es, bemerkte
Heling. Kommen Sie mit, und halten Sie den Mund, bis ich Sie wieder
loslasse.

Er lie ihn erst los, als sie sich in einem Waggon befanden, drauen auf
freiem Feld. Zwischen Lumpen hockten sie beisammen, die politischen
Gegner, raunend, wie sonst hier die obdachlosen Liebenden. Und wie einst
Balrich mit Thilde, wurden sie aufgeschreckt durch Schlge gegen die
Wagenwand und krochen hervor, beleuchtet von dem Aufseher, -- der
Reiaus nahm. Aber auch sie schlugen sich schleunigst in das feuchte
Dunkel.

Wie nach seiner Nachtarbeit der Arbeiter Balrich hervorkam, trat ihm der
Genosse Fischer entgegen und begann ihn zu loben fr seine Vernunft und
seinen Flei. Wenn er selbst sich dereinst von den Gesch --, das heit
vom politischen Leben zurckziehe, wer wei, ob nicht die Partei ihr
Augenmerk auf einen Genossen richten werde, der es gleich ihm, Fischer,
vom einfachen Arbeiter durch eigene Kraft zum hher Gebildeten gebracht
habe.

Das ist gewi das Ziel, das Sie heimlich vorhaben, vermutete der
Abgeordnete gespannt. Balrich sagte:

Das mchten Sie wohl wissen.

Ich mu gar nichts wissen, belehrte ihn der ltere. Der einzelne wei
nichts und kann nichts. Wenn ich auch auf meinen Schultern noch immer
meinen alten Feuerkopf trage. Aber das Groe wie das Kleine vollzieht
sich doch immer nach den unumstlichen wissenschaftlichen Gesetzen, auf
denen unsere Partei ruht.

Ruht, wiederholte Balrich.

Alles vollzieht sich historisch, beteuerte nochmals der erfahrene
Genosse. Tun mu man nichts. Der Kapitalismus wirkt sich auch nur aus.

An uns, sagte Balrich.

Und hat er sich ausgewirkt, sind wir die Erben.

Balrich mit Bedeutung:

Unser Erbrecht mssen wir geltend machen.

Wie wollen Sie das machen?

Balrich sah ihn sich an, seinen Giftblick, sein ratloses Lauern. Das
mchten Sie wissen, sagte er wieder; worauf Fischer:

Sie sind doch wohl von meiner Treue berzeugt, Genosse?

Und Balrich, kalt, wtend:

Nein, Genosse.

Dem Mitglied des Reichstages ward es bange. Nur keine Gewalttat riet
es dringend. Streiks und andere Gewaltmittel treffen zuerst uns, --
und er dachte an seine paar Gausenfelder Aktien.

Der Arbeiter erriet beilufig. Er sprach nicht mehr zu dem Armseligen
neben ihm, zu sich selbst sprach er:

Wir mssen wollen und mssen glauben, an uns und an alle. Wir haben
doch Seelen, wir wissen doch von dem Guten, Menschen sind wir doch.
Damit allein sind wir schon strker als das Geld.

Der alte Politiker schielte ihn an, hhnisch aus gelben Augenwinkeln.
Dann seufzte er, denn dunkle Erinnerungen kamen ihm, an den jugendlichen
Luxus der Gefhle. In seiner Jugend, ihm war es, nicht er nur, alle
htten damals so gefhlt und htten geglaubt -- Unsinn wohl, aber man
glaubte . . . Ein ganzes Stck ging er beschmt, in ungewissen Gedanken
an die gealterte Partei und an ein nicht gentztes Leben.

Dann klopfte er dem jungen Menschen auf die Schulter und prophezeite ihm
trotz allem eine schne Karriere. Zu seinem Erstaunen stie aber Balrich
seine Hand fort und schrie ihn an. Denn auch Balrich schmte sich, er
fhlte: Ich habe schon zu viel gelesen. Ich la mir Redensarten
vormachen wie ein Bourgeois.

Was geht das Sie an, schrie er, was man fr sich redet. Sie
spionieren hier nur. Sollen Sie also wissen, was wir hier denken!

Von seiner Wut berwltigt:

Alles herausgeben mu die Bande! bis jeder von ihnen sich selbst mit
seinem Rasiermesser --

Er sah sich um, der Abgeordnete war nicht mehr da . . . Zur Besinnung
gelangt, schlug Balrich den Weg nach der Fabrik ein.

Eine Untersuchung durch die Sanittspolizei, wuten sie dort, stehe
bevor. Viele versprachen sich Unannehmlichkeiten davon fr Heling und
sahen ihr gern entgegen. Nach einigen Tagen, schon frh morgens, hie es
antreten; der Medizinalrat war da. Die Einrichtungen, dies ward bald
klar, konnte er nicht genug loben, mehr als entzckt war er von den
Waschgelegenheiten. Dem Oberinspektor Herrn -- bitte?

Wachsmut, Herr Medizinalrat.

Ihm trug er auf, dem leider verhinderten Herrn Generaldirektor seine
lebhafteste Anerkennung auszusprechen. Da sahen die unter den Arbeitern,
die sich gefreut hatten, einander an. Ein Licht ging ihnen auf. Der
Medizinfatzke war schon vorher abgerichtet auf die Waschgelegenheiten,
und auch Napoleon Fischer, der sich stellte, als habe er sie errungen,
steckte mit unter der Decke. Die Waschgelegenheiten, ein Vergngen,
solange sie keins fr die Herren waren, jetzt wurden sie ein gegen uns
gerichtetes Komplott.

Nach den Einrichtungen kamen die Leute daran. Der Herr von der Behrde,
massig gebaut, schritt ihre Reihen ab wie die Kolossalstatue eines
siegreichen Feldherrn. Mehrmals blieb er stehen, in die Hfte geworfen
und die Hand darauf, und prfte. Sie muten die gehabten Krankheiten
hersagen, wobei er immer des festen Glaubens schien, da etwas nicht
stimmte. Er konnte wohl auch befriedigt und leutselig sein; so bei
Jauner. Herbesdrfer dagegen, gleich neben Balrich, flte ihm ein
erklrtes Mitrauen ein.

Den Verband weg! herrschte er; und als er den Finger sah, herrschte
er:

Wie heit der Mann?

Der Oberinspektor sagte es ihm, worauf alles erklrt schien.

Natrlich haben wir den Finger in Lehm gewickelt. Naturheilverfahren,
natrlich. Aber wenn Brand hinzutritt, wer bezahlt uns die Operation?
Der Naturpfuscher? Und bezahlt er auch das Begrbnis des Mannes?

Zu dem Oberinspektor:

Herr, Herr --

Wachsmut.

Wachsmut. Mehr goldene Rcksichtslosigkeit, wenn ich bitten darf. Unser
Menschenmaterial ist belastet mit Versicherungen, es darf nicht nach
Belieben kaputt gehen.

Hiernach wollte er weiter, fuhr aber unerwartet herum, wie an einem Seil
gedreht.

Der Mann dort hat einen stieren Blick. Ist Ihnen das nicht
aufgefallen?

Der Oberinspektor sagte merkwrdig harmlos:

Der Mann ist ein guter Arbeiter.

Sie wissen nichts Besonderes ber ihn?

Er studiert.

Da nickte der Medizinalrat grimmig befriedigt.

Aha! Meinem Scharfblick entgeht nichts, wie Sie sich berzeugen
knnen.

Und zu dem Arbeiter:

Sie, wie heien Sie?

Balrich sah ihn sich an, dann sagte er, stark betont:

Ich heie -- Herr -- Balrich.

So, so. Noch schner.

Der hohe Herr, diesmal warf er sich nicht nur in die Hfte, er schlug im
Stehen die Beine bereinander; man sah, er verweilte.

Wie lange treiben Sie schon Ihre Studia?

Ein Jahr.

Scheint Ihnen nicht zu bekommen. Leiden Sie an Reizzustnden?

Wenn man mich reizt, sagte Balrich.

Wird es Ihnen zeitweilig, besonders beim Studieren, aufgeregt zu Mut?
Werfen Sie dann die Kleider ab?

Nein, sagte Balrich.

Der ging das Gesicht des Medizinalrates in die Breite, es begann zu
strahlen.

Sie sind aber gesehen worden. Nackt am Fenster, gegen Morgen, als das
Haus schon offen und Leute unterwegs waren.

Balrich, berrumpelt, behielt seine verschlossene Miene; in ihm jagte
es. Wann hab' ich denn --? Doch, damals hab' ich. Es ward Tag, ich lag
im Fenster und dachte. Das war doch Zufall, ich wute es selbst nicht
mehr, woher soll dieser --. Aha! Er hat es von Heling, und Heling?
. . . Er wandte den Kopf. Die Kameraden blickten alle in derselben
Richtung, auf einen Mann, der sich zu verstecken suchte. Jauner, wer
sonst . . . Balrich sagte rauh:

Das kann wahr sein oder nicht. In meinem Zimmer jedenfalls bin ich mein
eigener Herr, und Spione kmmern mich nicht.

Der Herr von der Behrde fragte lauernd:

Sie halten sich hier wohl berhaupt fr gleichberechtigt?

Balrich antwortete:

Ich habe einen freien Vertrag geschlossen. Was mich angeht, ich erflle
ihn auch.

Aber die Gegenseite?

Ich mu nicht ausspioniert werden. Ihm kam eine Erkenntnis, er fate
den Herrn ins Auge. Hier mu auch keine Komdie aufgefhrt werden
meinetwegen.

Der Medizinalrat zuckte mit den Lidern; dann fragte er schnell und mit
einer Art Freundlichkeit:

Sie haben wohl viele Feinde?

Da Balrich nicht mehr antwortete, setzte er hinzu:

Dann ist es auch begreiflich, da Sie geuert haben: Alles herausgeben
soll die Bande und jeder einzelne soll sich mit dem Rasiermesser selbst
die Gurgel abschneiden.

Balrich stand starr: Es ist klar, dachte er.

Der Medizinalrat seinerseits sagte zu dem Obersinspektor:

Die Sache ist klar. Der Mann ist verrckt. Das knnen Sie dem Herrn
Geheimrat von mir ausrichten.

Der Oberinspektor verbeugte sich; der Medizinalrat aber, inmitten der
Stille des Entsetzens, die sich um ihn herlegte, redete gelufig weiter,
und nicht etwa leiser.

Der Mann fhlt sich verfolgt, und alles bezieht er auf sich. Zudem
fllt noch auf, er berhebt sich und verkennt die rtlichen
Verhltnisse. Das gengt fr Paranoia, man kann ihn einsperren.

Da er es murren hrte, wandte er sich erstaunt herum. Die Gesichter, in
die er blickte, bewirkten sofort, da er das bergeschlagene Bein
wegnahm, die Hfte einzog und viel weniger anspruchsvoll dastand. Nach
dem Gesetz, rief er schnell, und nach den medizinischen Verordnungen
gehrt der Mann in die Obhut der Anstalt.

Das Murren wuchs. Zunchst zur Klrung, setzte er hinzu, worauf er,
seiner Haltung wegen, vor Balrich hintrat und ihm den Daumen in die
Augenhhle und von unten gegen den Knochen drckte. Der Daumen stank.
Balrich, dem es vor Wut schwindelte, hob schon die Hand. Mit aller
seiner Kraft zwang er sich nieder -- kalt vor Schrecken bei dem
Gedanken, was geschehen wre.

Dem Oberinspektor erluterte der Medizinalrat:

Er soll sich sogleich in der Heil- und Pflegeanstalt melden. Auf die
Herren dort knnen wir uns verlassen.

Eine Stimme rief: Das ist das Irrenhaus! -- worauf aus dem Murren ein
offener Lrm ward. Der Medizinalrat zuckte auf, er machte einige
Schritte wie ein Tanzbr; ich telephoniere gleich hin, rief er, eilig
aufbrechend. Erst jenseits der Schwelle ward er allmhlich wieder
aussehen wie die Kolossalstatue des siegreichen Feldherrn.

Balrich in dem Lrm bewegte sich umher und beruhigte. Ich gehe einfach
hin, sie knnen nichts machen, ich komme schon wieder; -- und als alle
Hnde gedrckt waren, ging er.

Auf der Landstrae, weit ausschreitend, steigerte er noch seinen Mut.
Wie sie ihn frchten muten, da sie ihn zu unterdrcken versuchten auf
solche ungeheuerliche Art! Sie sind verloren und wissen es, sonst
wrden sie dies nicht wagen. Zu viele kennen doch den Tatbestand, es
kommt in die Zeitung. Wahnsinnig sind sie selbst!

In den ersten Straen der Stadt kam ihm ein Gedanke, der ihm auffiel.
Sonst holte ich mir dort drinnen die Schulbcher. Jetzt gehe ich mit
dem was ich gelernt habe, in das Irrenhaus. Hierbei spannte es sich ihm
kalt in der Magengrube, er ging zgernd -- dann aber um so schneller,
und na vom Laufen kam er an.

Beim Pfrtner vorber, wollte er in einen Gang eindringen, der aber
verschlossen war, und nicht einmal einen Griff hatte die Tr. Da
gehren Sie hoffentlich nicht hinein, rief der Pfrtner und schickte
ihn hinber in die Aufnahmeabteilung. Hier ging man ungehindert durch
weie, lange Gnge, bequemer und reinlicher als die im Haus B.
Pflegerinnen in steifen Flgelhauben rollten in jedem Stockwerk Karren
mit Essen hindurch. Im hchsten, an einem Tisch ein junger Herr in
weiem Mantel schrieb und sprach gleichzeitig. Der Arbeiter wagte nicht
Halt zu machen, der Herr selbst rief ihn an.

Herr Balrich! rief er.

Da stand nun Balrich, drehte seine Mtze und zog die Brauen zusammen.
Der junge Blonde sah ihm aufmerksam in die Augen, aufmerksam, nicht
feindlich, und sprach dazu, -- schien aber selbst nicht zu hren, was er
sprach.

Sie habe ich gleich erkannt. Sie sind mir gut beschrieben worden. Wei
Gott, auf Sie bin ich hingewiesen.

Nun, schn, schlo er munter. Die Pflegerin, mit der er verhandelt
hatte, fragte er nach einem freien Zimmer. Besonderer Fall, sagte er
zu einem Kollegen, der vorbeikam. Dann nahm er Balrich unter dem Arm,
ffnete von den vielen Tren eine, dahinter noch eine, und lie ihn
hinein. Drinnen ein Bett, ein Heizungskrper das Fenster geffnet auf
Bltterdcher.

Setzen Sie sich doch, sagte der Arzt. Wissen Sie, wo Sie hier sind?

Balrich, der Vorsicht wegen, antwortete nur:

In einem Zimmer.

Nun ja -- immerhin, sagte der Doktor und lachte.

Aber weshalb sind Sie eigentlich gekommen?

Weil ein Medizinalrat, sagte Balrich sicher, denn hierauf war er
vorbereitet, meine geistige Gesundheit bezweifelt.

Was noch nichts beweist, fgte der junge Arzt hinzu . . . Aber Sie
haben sich nicht gesetzt. Bewegen Sie sich ganz wie Sie wollen! Wir
unterhalten uns hier nur; Sie sehen, ich schreibe mir nicht einmal auf,
was Sie sagen.

Dennoch fhlte Balrich, es komme an, nicht allein auf jedes seiner
Worte, auch darauf, wie er die Hand fhrte, und ob er einen schnelleren
Schritt tat oder hoch sprach anstatt tief. Er blieb regungslos stehen.

Also setzen wir uns? fragte der Arzt nochmals. Da ging Balrich steif
auf den Sessel zu und setzte sich auf die Armlehne.

Weil es schon gleich ist, dachte er dabei. Der Arzt schien es nicht zu
bemerken, er warf den Kopf in den Nacken und sagte in die Luft:

Fhlen Sie sich krank? . . . Nein? Kein Blutandrang oder Schwindel?
Nein? Aber Sie haben sich doch nackt in Ihr Fenster gestellt, sagte er
pltzlich mit Nachdruck und prfend den Kopf gesenkt. Balrich sa starr.
Dann war alles eine Falle gewesen? Der da hatte sich zum Schein auf
seine Seite gestellt, eine gemeine Falle! Wtend warf er sich nach vorn,
die Faust war schon gemacht. Da sah er den andern hinter sich fassen,
nach der Klingel -- und fhlte sich wei werden, angesichts der groen
Gefahr. Statt der Faust zeigte er eine bittende Handflche.

Es ist nur, bat er, weil schon der Medizinalrat mich damit hat reizen
wollen. Das hlt man doch nicht aus, wenn alle mir vorhalten, was die
Spitzel sagen. Bei uns sind Spitzel, Sie wissen das nicht.

Der blonde Herr hatte wieder sein harmloses Gesicht. Er wehrte
begtigend ab, weil Balrich die Stze gar so gewaltsam hervorstie und
nun so rot ward.

Das kann ich freilich nicht wissen, besttigte er. Darum mssen Sie
sich nicht aufregen.

Er setzte sich bequemer. Balrich tat folgsam das Gleiche.

Unterrichten Sie mich, bitte, begann der Arzt. Wie leben Sie in
Gausenfeld?

Der Arbeiter sagte verbissen:

Schlecht. Ausgebeutet, geknechtet und wie das Vieh zusammengesperrt.

Das wollen sie hier gerade hren, frchtete er, und setzte schnell
hinzu: Das wissen aber alle. Ich bin nicht verrckter als die anderen.

Ich mchte es Ihnen glauben, sagte der Arzt einfach. Ist es wahr, da
Sie Einflu haben auf Ihre Genossen? . . . Unter dem mitrauischen
Blick Balrichs erklrte er: Es wre nur natrlich. Sie haben eben mehr
Willenskraft, -- was Sie auch durch Ihr Studium beweisen . . . Es mu
doch hart sein?

Dies klang teilnehmend: der Arbeiter sagte dennoch, rauh klagend:

Ich soll wohl berarbeitet sein? Sie wollen mich nur hineinlegen.

Der junge Blonde beugte sich weiter vor.

Denken Sie das nicht! Ich wei selbst, was schuften heit. Sie wollen
eben heraus aus dem Elend.

Nicht nur ich! sagte Balrich, und Begeisterung ergriff ihn
unversehens. Auch die anderen sollen da heraus! Einer mu es doch
machen, der bin nun ich.

Sie fhlen den Beruf?

Da schlug er sich an die Brust.

Mir ist es aufgetragen. Es ist meine -- meine --

Sendung?

Ja; und Balrich fhlte sich tief erleichtert -- trotz der zgernden
Miene des Arztes. Der Arzt sagte dann aber:

Sie haben eine Sendung. Warum nicht. Sendungen gibt es.

Er nahm das Kinn in die Hand und sprach jetzt leiser.

Wei man es schon bei den Oberen?

Daher die Verfolgung, sagte Balrich; und der Arzt ganz leise:

Wer verfolgt Sie?

Immer der eine; fr ihn geschieht alles Bse. Aber seine Werkzeuge sind
viele, die Spitzel, der Pfarrer von Beutendorf, unser Abgeordneter, der
ein Verrter ist, und jetzt der Medizinalrat.

Als Balrich dies hervorgebracht hatte, schien der Bltengeruch aus dem
Garten ihm schwler, eine Vogelstimme klang ngstlich. Der Arzt hielt
die Augen gesenkt.

Warum nicht, wiederholte er. Es gibt auch Feinde. Ich habe nicht den
Beruf, das Kapital, das Sie hassen, zu verteidigen. Das mgen die Bonzen
tun, sagte er nebenhin; aber dann eindringlich:

Nur bedenken Sie doch, ob es nicht etwas unwahrscheinlich ist, das
gerade der sozialdemokratische Abgeordnete Ihr Feind und der Freund
Ihres Widersachers sein soll.

Das klinge so, erwiderte kurz Balrich, denn er hatte gesprochen. Der
Arzt sagte behutsam:

Weil Sie vorhin so bse wurden, will ich Sie an das Wort, das Sie ihm
gesagt haben, nicht erinnern. Sie wissen, das Wort von den
Rasiermessern. Es ist ihm aufgefallen, er hat es herumgesprochen, Sie
nennen das gleich Verrat. Und der Medizinalrat? Wir Doktoren sehen
berall Symptome; nur menschlich. Ich glaube wohl, Sie sprechen von
Dingen, die sind; nur mchte ich sie gemigter auffassen.

Die Gemeinheiten, die wir nicht selbst erleben, fassen wir immer
gemigter auf, bemerkte Balrich; worauf der Arzt:

Da haben Sie wieder recht.

Und er stand auf. Balrich tat wie er. Mu ich hier bleiben? fragte er
dumpf. Der junge Blonde sagte sorglos:

Die kurze Gastrolle hier darf Sie nicht verdrieen. Wir sind gut
ausgekommen. Ich bin kein schlimmer Untersuchungsrichter, wie Sie wohl
schon sehen, Sie htten an schlimmere geraten knnen. Im Vertrauen --
er hielt die Hand an den Mund -- der Medizinalrat, als er
telephonierte, hat meinen Namen verwechselt.

Jetzt lachte er hell auf; Balrich mute mitlachen. Er nahm die
hingereichte Hand.

Dies Zimmer gefllt Ihnen doch? Auch die Zimmer, Sie haben wohl davon
gehrt, sind bei uns nicht alle so angenehm . . . Eins mu ich noch
fragen, sagte der Arzt schnell, sehen Sie manchmal etwas und merken
nachher, es war nicht da?

Sie meinen. Visionen? Nein! sagte Balrich entrstet. Gleich darauf,
sich erinnernd, erschrak er heftig. War es eine gewesen, damals, vor
Villa Hhe?

Wre es schlimm? fragte er.

Weihen Sie mich ruhig ein! Vielleicht hatten Sie nur lange gehungert
oder waren bermdet?

Nein, sagte er starr. Es kam, weil ich wollte.

Wunschbilder kann am Ende jeder haben, der nicht ganz glcklich ist,
oder der viel erwartet. Wie war es?

Da fhlte Balrich: Ich habe Leni gesehen als reiche schne Dame auf
Villa Hhe. Ein Traum, aber wirklicher als ihr alle, -- und im Irrenhaus
wollt ihr ihn herausholen aus mir? Pfui, Teufel! -- und ehe er es
wute, stampfte er auf, schlug aus Leibeskraft gegen den Kleiderschrank
und schrie ein Schimpfwort. Der Arzt hrte es an, er schttelte sanft
den Kopf.

Sehen Sie, jetzt ist es doch mit Ihnen durchgegangen, sagte er
mibilligend; -- und da er Balrich vernichtet sah: Nun, Sie werden
nicht wieder nachgeben.

Er ging zur Tr. Jh anhaltend: Wer ruft da Dieb? fragte er. Balrich
sah auf.

Mir kann niemand es nachrufen. Aber ich kenne Diebe genug, sagte er
mit Verachtung. Darauf nickte der Arzt und ging.

-- Eine Weile des Lauschens -- dann endlich frei ausschreiten, schnell,
noch schneller; die Arme heben, den Tisch verrcken, alles war wieder
erlaubt. Auch lehnte er sich zum Fenster hinaus. Das Dach der Baumkronen
konnte er berhren, nicht aber hindurchsehen, was unten war. Pltzlich
fiel ihm ein, da in solchen Husern Lcher sein knnen in Tr und
Wnden. Er fand keine; -- aber er warf sich vor, er habe dem Aushorcher
zu viel schon preisgegeben. Wenn du schweigst, nur schweigst, welche
Handhabe bleibt ihnen. Statt dessen gibst du ihnen dein Hchstes preis
-- aus Furcht, weil sie die Macht haben. Er fhlte: der grauenvollste
Mibrauch der Macht war erst hier verbt worden. Das Ideal, untersucht
im Irrenhaus.

Jetzt aber ward es ihm bewut, der Geruch aus dem Garten, es war der
Duft von Lindenblten, derselbe, bei dem er vor einem Jahr fast schon
gestorben wre, erhngt in einer Baumkrone. Duft des Schicksals, fhlte
er; wie viel zwischen damals und heute, wie viel! Auf das Sofa
gestreckt, bis es dunkel ward, dachte er, ja freute sich des Denkens, an
seine Sendung, seinen Kampf, -- und dir, dir dies vorbehalten,
Auserwhlter! Sollst um dich greifen, Heilbringer, von Gausenfeld
weithin, in das Land, in die Welt. Hier weit du es nun, gerade weil du
hier bist, wie sehr sie auf dich zu hoffen, dich zu frchten haben. Dein
hchster Augenblick, er ist hier. Sie dachten dich zu vernichten, und
strken dich.

Im Dunkeln, entwhnt des Schlafes, ward er nur wacher. Er drehte Licht
an; da erschien auf breiten Schultern vor ihm ein Kopf mit breiter
gebuckelter Stirn, das Gesicht aber darunter schmal wie ein Ei. Er
erschrak, denn er kannte ihn nicht. Also wahr?

Dies, dein Gesicht? Er kannte es noch viereckig wie ein Klotz. Hast du
denn schon so viel gedacht und gesorgt, armer Mensch? Dich gesorgt um
Dinge, die fern sind und den heilenden Erfolg dir lange vorenthalten?
Wie lange noch?

Ich berlebe es nicht, erkannte er, starren Geistes. Ich wei besser
als sie, wie es steht mit mir. Sie nennen es Grenwahn und
Verfolgungswahn. Sie wissen nicht, da ich schon versucht war, den
Fischer anzufallen und den Medizinalrat. Heute ist es mit mir
durchgegangen. Das Haus wirkt, ich bin verloren.

Die Hnde um das Gesicht, neigte er es, in betender Haltung. Furchtbar,
hier zu sein, und furchtbar, wieder hinauszugehen, allein auf immer mit
deiner Kraft, ob sie aushlt -- deine Kraft gegen die Welt . . . Da
sagte Gott ihm: Nicht allein! -- und keine Sendung, die nicht alle
haben. Ihr alle sollt hinausgelangen in der Vernunft des Menschen, einer
gesttzt auf den andern, und nicht einer drfte fehlen. Der Bettler
Dinkl ist so wrdig wie du.

Es ward Morgen, Balrich schlief ein.

Er erwachte mde, aber noch unruhig. Das Hin und Her der Gedanken, dann
bald wieder Schlaf, den halben Tag, die ganze Nacht, -- und kaum ward es
hell, verlangte er nach dem Arzt. Es zeigte sich, da er erwartet wurde,
im Garten.

Der Garten war grn, die Wege auch, und auch die Bretter, die ihn hoch
einzunten. Man sah nicht weit, wilde Bsche schoben sich vor, oder eine
Baumkrone schwebte gro herab bis in das Gras. Durch das Gras manchmal
huschte jemand oder stolzierte. Einer nur lie sich lnger blicken. Am
Ende des Gartens lang und hager stand er, das Gesicht erhoben in die
grnliche Luft, und auch mit dem ausgereckten Arm, wenngleich er ihn
nicht rhrte, grte er hinauf.

Der junge Blonde kam herbei, er sagte:

Herr Balrich, ich habe Sie rufen lassen, weil ich schon jetzt
entschlossen bin, Sie zu entlassen. Sie werden sich wundern, denn Sie
sind sich bewut, einiges Auffallende getan zu haben, krzlich. Auch
seitdem waren Sie recht erregt, aber dann habe ich Sie schlafen gesehen,
es sah gut aus. Wenn Sie einmal wieder zu viel gearbeitet haben, erlaube
ich Ihnen, wiederzukommen und sich auszuschlafen.

Ist es nur das? fragte Balrich.

Noch anderer Namen und Titel sind zur Hand fr den, der sie anwenden
will. Ich will nicht. Sie haben die Irrtmer des Geistesgesunden; dies
nehme ich an, weil ich niemandem zu Gefallen das Gegenteil annehmen
will, das mir nicht bewiesen ist. Sie irren oft, in Ihren
Sinneseindrcken wie in Ihrem Denken. Aber mir ist es nicht bewiesen,
sagte er, abgewendet, in die grnliche Luft hinauf, da gerade dieser
unterwertig ist und nicht gerade dieser zu viel wert. Wir wren weit
fter Genies, wenn nur das Leben sie immer brauchen knnte.

Dann bin ich dennoch verloren? fragte Balrich, denn so hrte er es.

Sie waren im Garten am Ende; hier der den Himmel Grende lie sich
nicht stren und grte weiter das Unbekannte. Der Arzt blieb stehen.

Ich ahne Sie; denn ich bin jung. Wre ich alt und ein Bonze, wrde ich
Sie eingesperrt haben. Weil ich jung bin, fhle ich mich noch verbunden
mit dem Unbekannten, dem All.

Er hatte das Gesicht und den Arm erhoben, stand und grte nach oben --
wie jener dort.

Nun wieder zu Balrich, mit einem ernsten Lcheln.

Seien wir schlicht. Sie haben Unrecht erlitten, sehen Ihre Mitmenschen
fortgesetzt viel Unrecht leiden, und schlieen daraus, die Welt sei
ungerecht.

Was soll ich anderes schlieen? fragte der Arbeiter.

Ich -- wei es auch nicht; -- mit dem ernsten Lcheln. Aber
vielleicht sollten Sie fnf grade sein lassen, ich mu es auch.

Ich kann es nicht, sagte Balrich.

Schweigen. Sie gingen zurck.

Lieben Sie jemand? fragte der Arzt.

Ja, o ja!

Lieben Sie denn! Es ist das Mittel, den Ha zu berdauern.

Sie gaben sich die Hand. Balrich durchma noch einmal die weien, langen
Gnge; Pflegerinnen schoben Karren mit Essen; -- und war drauen. Es
gibt auch Freunde, dachte er in dem fremden Gedrnge der Stadt. Aber auf
der Strae nach Gausenfeld ward es ihm hrter zu Mut, die Luft trug ihm
Kampf entgegen, ihn erwartete Kampf. Er dachte: Der Doktor soll sich
nur nicht den Mund verbrennen. Er ist doch angestellt, da er mich
verrckt macht. Er lt mich hinaus, was mag dahinter stecken?

In der Fabrik erfuhr er es sofort. Sie ward von Gendarmen bewacht; schon
seit gestern drohte ein Zusammensto. Die Arbeiter hatten die Leitung
vor die Wahl gestellt, Streik oder Balrich. Aha! Er lachte grimmig und
ging an die Arbeit. Daher der Edelmut des Arztes! Alle gleich, alle eine
Bande! . . . Ein Zweifel: war es Zufall? Er sah mich doch an wie ein
Freund . . . Als knnte es Freunde geben! Sie sind abhngig, einer von
dem anderen, und alle von dem Reichsten. Der aber ist nicht mein Freund
. . . Niemandem glauben, nur arbeiten!




V

Das Richtfest


Er arbeitete so sehr, da er nicht merkte, was Festliches im Werk war.
Haus C, der Schrecken Klinkorums, war unter Dach und sollte gerichtet
werden. Ein Septembersonntag stand bevor mit Freibier und Musik, Tanz,
Aufzgen, Rausch. Balrich sah den glcklich Erwartenden nach, den
Mdchen und Frauen, die ihren Putz besprachen, den Liebespaaren, erfllt
vom Vorgeschmack ihres Glckes, -- und ihn bewegte ein Mitleid,
mchtiger sogar als sein Zorn. Er konnte ihnen sagen: Belgt euch
nicht! Ihr wit doch, ein Almosen wirft er euch hin, den Bettelpfennig
eines sorglosen Tages fr all euer lebenslanges Leiden, damit ihr es
weiter leidet, lebenslang. Aber er schwieg, kaufte der armen Thilde,
die ihm nachschlich und freilich mehr hoffte als dies, ein neues Tuch,
und fr seine Schwester Leni ein Paar Schuhe, bronzefarbene Tanzschuhe,
mit Stckeln wie fr eine Fee.

Der Festtag, blau wie er sein sollte, ging auf, -- und da wehten auch
schon vom Hause C die Fichtenkrnze, Fahnen rckten heran,
Arbeiter-Kegelklub, Arbeiter-Turnverein, und Obmann oder Ordner genossen
die Wonne zu kommandieren, alle anderen das Glck stramm zu stehen nach
eigener Wahl. Auf der Wiese indessen, vor den Husern A B wurde ein
Karussell in Betrieb gesetzt. Und die Kinder hatten nicht nur dies, sie
hatten Waffelbuden, Schiehallen und Kioske mit Limonaden, alles, die
Wiese entlang, am Weg zum Friedhof. Das Programm der Erwachsenen war
anders.

Zuerst das Essen, Geruchertes und Bier ohne Grenzen, in dem Saal hinter
der Kantine, bei drhnender Blechmusik, beim Geruch der getnchten Wnde
und grner Krnze. Dann die Rede Horst Helings.

Er vertrat seinen Vater, den Generaldirektor, a freilich nicht, stand
aber oben an der lngsten der Tafeln, in der Hand ein Glas Bier. Der
Arbeiter Dinkl, wie es seine Art war, schob dienstfertig dem jungen
Herrn einen Stuhl hin -- und so fest in die Kniegelenke hinein, da es
klar war, er sollte knicken. Horst Heling knickte aber nicht, er hielt
die Knie durchgedrckt. Er drehte nur die Schultern herum und sagte:
Durchaus nicht, mein Lieber, -- was den Dinkl dann freilich Achtung
lehrte.

Andere, bewogen durch Jauner, machten sich heran und erbaten die Ehre,
da sie auf das Wohl des jungen Herrn ein Glas drften leeren. Horst
Heling erhob, ihnen zutrinkend, das seine bis an sein Monokel, -- was
ihnen schmeichelte. Viele stimmten heute darin berein, da er mit
seinem Vater nicht vergleichbar und in seiner Person die Gewhr besserer
Zeiten sei. Die Verheiung des Arbeiters Balrich, gebunden an Arbeit,
Willen, langewhrendes Vertrauen, wurde bertnt heute von Blechmusik,
dem Lrmen des billigen Glckes. Balrich, dahinten eingeengt, stand
nicht hoch im Wert. Nur Heling Vater mute abfahren, und hoch Heling
Sohn!

Der Erbe lie auf den Tisch einen Stock niedersausen, da die Weiber,
die nahe saen, aufkreischten; dann in der jhen Stille, die Handballen
auf den Tisch gesttzt, sagte er scharf: Leute! -- sah sich
herausfordernd um und sagte es nochmals.

Leute! Das Haus, dessen Richtfest wir heute feiern, erinnert gewi auch
euch daran, da hier frher berhaupt keines stand.

Balrich dahinten in der Enge verachtete den khn blickenden Erben wegen
dieses Satzes. Er verstand nicht vllig; ihm schien es, der Erbe gehe
die Geschichte Gausenfelds durch, auch nur eine Klitsche, bis mein
hochverehrter Herr Vater die Zgel in seine feste Hand nahm und dem
Unternehmen den Schwung seines Geistes aufdrckte. Mit erhobener
Stimme:

Und nun seht mal, wie es sich entwickelt hat. Nicht wiederzuerkennen!
Und woran liegt es? Einzig an der Fhrung!

Ein Vergleich sollte dies erweisen, der Vergleich mit dem groen Ganzen.
Wenn der Erbe in der Schule von dem Deutschen Reich lernte und seinem
glnzenden Aufschwung unter der berufenen Fhrung, dann habe er immer an
Gausenfeld denken mssen und meinen Herrn Vater. Mit erhobener Stimme:

Wie es in Gausenfeld aussieht, sieht es auch im Reich aus, und immer
wird noch angebaut, das Haus C beweist es. Wir schreiben 1913.

Der Erbe machte eine Pause, um nachzuzhlen. Wir schreiben 1913, und in
den letzten zwanzig, fnfundzwanzig Jahren ist die Sache gemacht worden.
Papier haben wir fabriziert in Gausenfeld, da wir die ganze Welt damit
zudecken knnen. Und vielleicht werden wir auch einmal etwas
fabrizieren, was unser Reich noch notwendiger braucht.

Hier wieder eine Pause, und dann das Glas schwingend, mit gesammelter
Kraft:

Darum Seine Majestt der Kaiser und Herr Generaldirektor Heling,
hurra, hurra, hurra! -- was die Arbeiter erwiderten, mit Stimmen, als
ob sie schossen. Die Blechmusik brllte den Tusch.

Jetzt aber den Saal ausgerumt! Die jngsten der Mnner legten die Rcke
ab und schafften es, indes in den Winkeln die Mdchen schon kichernd
bereitstanden. Balrich half den langen Tisch auseinandernehmen, da trat
Leni ein. Sie kam erst jetzt, als verdienten Lrm und Gestank der
Abftterung nicht ihre Anwesenheit, -- und war sie nicht seit dem
vorigen Jahr eine Dame geworden, nicht weniger als eine Dame? Ihr Bruder
sah es auf einmal. Das Tuch der Arbeiterinnen noch ber den Schultern;
aber darunter ein Seidenkleid, eng und so lang, da er nicht sehen
konnte, ob sie seine Schuhe trug; und das goldblonde Haar ein so
kunstreich glatter Aufbau, als sei es nur von feinen, ganz weien Hnden
berhrt worden. Er sah auf ihre Hnde: sie hatte Handschuhe, die
reichten bis unter die rmel.

Sie hielt den Kopf hoch, wie eine Dame, die das Vergngen dieser Leute
in Augenschein nahm, und sie ging mit kleinen behinderten Schritten,
ihre lang gewlbten Schenkel zeichneten sich ab dabei. Balrich stand,
als er seine Schwester so sah, rot und mig da, -- und dennoch war er
stolz, liebte sie und wollte hin, sie geleiten. Whrend er aber im
Laufen den Rock anzog, erschien neben ihr Horst Heling, auf sein
Zeichen ging Musik an, und schon tanzten sie dahin, an Balrich vorbei,
den sie nicht sahen. Er blieb stehen; viele andere Paare hinter ihnen
her stampften und scharrten; nun aber wieder sie kamen, hrte er so
wenig, wie wenn Staub wirbelt.

Lange ging es fort; ein Tanz beendet, sogleich schwang sich ein neuer,
und Leni immer darin und immer mit dem Einen. Balrich merkte, man sah
ihn an, weil er dastand, nicht fortkam und sein Blick immer finsterer
ward auf ihnen. Dastehend, nannte er seine Schwester schamlos und den
jungen Herrn einen Lumpen, machte sich anheischig dazwischen zu fahren,
sagte ihnen die Minute voraus, in der es aus sein sollte mit ihnen und
er selbst daran kam mit seinem Recht und seiner Ehre; aber sie
inzwischen tanzten. Sahen ihn nicht, tanzten nur und lchelten sich an,
-- was ihn entwaffnete. So schn war Leni, mit den weit
auseinanderstehenden Augen, ihren roten Lippen, dem weien Schimmer auf
dem eingedrckten Nasensattel, -- so schn seine Schwester, da er um
ihretwillen auch ihren Kavalier schn fand, samt Monokel,
zurckgekmmtem Strohhaar und der rtlichen Haut, die schwitzte. Er
fhrte sie doch, wie niemand fhrte. Sie war bevorzugt, war glcklich
durch ein Nichts, einen Tanz -- und ach! wann wird sie es sein, weil
ich darum gekmpft habe . . . Ich sollte nicht zusehen, ich wei es.
Aber was geschieht hier? sann er und sah bunte Rcke vorbeiwirbeln,
bunte Blumen, Augen, vom Rausche bunt. Staub wirbelt doch nur. Wir
Armen!

Da um die beiden freier Raum ward, sah er, seine Schwester hielt hoch
das Kleid gerafft ber dem seidenen Fu, und der stak in seinen
Feenschuhen. In Schuhen von mir doch tanzt sie durch das bichen Leben;
damit ging er hinaus, gefolgt von der sehnschtigen Thilde.

Er kaufte ihr zu trinken und sagte, er wolle nun kegeln. Hinter den
Buden das Karussell kreiste und flirrte in der Sonne, mit Brll- und
Klingelmusik, bebnderte Kinder umher, wartend, schreiend. Oder sie
wlzten sich schreiend auf der Wiese, und von den Buden holten sie
Getrnke fr die Mtter, -- indes je drei oder vier in dem Wgelchen mit
dem Esel hockten; von der Landstrae bis zum Friedhof fuhr es, Staub
verbreitend, rastlos hin und her. Staub zog ber die Wiese, die Buden,
den Bauplatz, die Kegelbahn; und in dem Staub das Geschrei und der Dunst
von Schmalzgebck wlzten sich die Friedhofsmauer entlang, bis wohin
Trinker saen, und hinein in den Friedhof, wo zwischen den Grbern
einige schon ausschliefen.

Den Bauplatz hatten andere erwhlt, die khnen Kletterer und nchternen
Witzemacher. In dem treppenlosen Neubau schwangen sie sich bis in die
hchsten Fensterhhlen, dort vollfhrten sie ein Getse, da gegenber
endlich Klinkorum zum Vorschein kam. Er hatte sich weit zurckgezogen
vor den hemmungslosen Kundgebungen des Volksfestes; getroffen in der
tiefsten Wrde des Gebildeten sa er in seinem Studierzimmer, es war auf
immer nun verdunkelt und mit schlechter Luft erfllt vom Haus C, dieser
alles beschattenden Kloake des Pbels, ihm vor die Nase gesetzt durch
das ruchlose Kapital. Jetzt zeigte er sich in seiner Balkontr, um, was
noch mglich wre, von den Ausschreitungen der Besitzlosen
zurckzubannen kraft seines Auftretens. Zuerst, da er sich zeigte, war
ihr Freudengeschrei furchtbar. Die Rechte khn in seinem drapierten
Schlafrock, heraus den Spitzbauch und drohend mit den Zacken, den sieben
Bartstrhnen, dem Brillengefunkel, brachte er sie freilich zur
Unterwerfung, wie sonst wohl die aufrhrerischeste Schulklasse. Sie
schwiegen; nur da, er glaubte sich schon sicher, auf seine Hauskappe
etwas niederfiel. Wrdig trat er den Rckzug an; er erkannte, die
Waffen, mit denen sie ihm begegneten, waren nicht die des Geistes, sie
spuckten. Schon traf es auch seinen Spitzbauch, Klinkorum sprang und
verschwand. Am Fenster seines Schlafzimmers erschien er wieder, ward
aber empfangen wie zuvor; denn auch dort standen sie bereit, der Neubau
beschrieb einen Winkel und umklammerte ihn ganz. Da gab er es auf, die
Stirn zu bieten. Aus dem hintersten Dunkel seiner Bcherei sah er es
weiter in langgestrecktem Bogen aufglnzend herberschieen und auf
seine Dielen fallen, auf seinen Studiertisch, ja in seine Pfeife, die
daranhing und die es auslschte. Wer spuckte, er sah es nicht, sie waren
ein Greuel, sie und Heling, der sie dort hinstellte. Ja, Klinkorum,
alles hassend, fhlte es deutlich, der Dmon des ruchlosen Grokapitals,
leibhaftig stehe er hinter jenen dort und lenke ihre Geschosse . . .
Dies war der Zeitpunkt, da Klinkorum sich verschwur zum vorbehaltlosen
Verderben Diederich Helings. Seine Proteste gegen den Bau der Mordhhle
drben waren vergeblich geblieben, bei Heling, und auch das dringendste
Angebot, ihm sein Haus zu verkaufen, vergeblich. Ruchlose Miachtung,
der Machtwahn derer, die fallen sollen! Knftig nun verschlug kein
Paktieren mehr, Klinkorum war ein Emprer und hielt es mit den Emprern.
Der Feind der Proletarier war auch seiner, und darum, geschehen war es
um ihn. Wehe den Gewaltigen, wenn gegen sie verbndet aufstehen die
Muskelstrke und die unberwindliche Kraft des Geistes!

Nicht etwa, da das Vergngen geringer war auf der Kegelbahn. Der wilde
Wein, der sie umrankte, war schon rot, das Bier kam ohne Umweg aus einer
Klappe in der Wand der Kantine, auch ward ein Schwein ausgekegelt; alles
aber zahlte Kraft Heling, der hohe Protektor des Arbeiter-Kegelklubs.
Er zahlte das Bier, das Schwein, und trug noch die Kosten der Witze. So
oft er schob, lie Dinkl, die geschickteste Hand, ihm eine Kugel
zwischen die Fe rollen, so da er stolperte und manchmal auch hinfiel,
worber alle lachten. Um Weiterungen zu vermeiden, tat er immer, als
merkte er nichts, und verteilte sogar Zigaretten. Denn erstens durfte er
kein Spielverderber sein, Heling Vater hatte ihm unweigerlich befohlen,
sich populr zu machen. Und dann wohin? Der Tanzboden, wo sein Bruder
Horst mit dem Volke Freud und Leid teilte, war nicht der Ort fr Kraft;
er frchtete zu sehr die Mdchen. Da roch er lieber den Schwei der
kegelnden Mnner. Jeden Augenblick kam ihm einer unter die Nase mit
seinen Achseln oder seiner rauhen Brust, und dann wlzten sie sich; denn
Kraft war erbleicht und hatte Augen, die, geisterhaft umrndert, von
nichts mehr wuten. Auch er entledigte sich des Rockes; Jauner, ergeben
wie er war, half dem jungen Herrn und hngte den Rock ber einen Stuhl,
-- worauf Kraft, lang und mit achtzehn Jahren verfallen, einen
ohnmchtigen Schub tat. Um ihn wieder gut zu machen, zog er aus seiner
Hose schon die zweite volle Zigarettentasche.

An Balrich, der vom Eingang her zusah, trat Polster, der
Maschinenmeister, heran und erklrte ihm, was er jetzt sagen wolle, sage
er nur als Verwandter. Da er nicht weiterkam, tauchte aus dem roten
Weinlaub seine Frau hervor und ermunterte ihn. Sag' was wahr ist,
Polster! Da bekannte er:

Sie will, da ich dir einen Wink gebe wegen Leni. Mir kann es gleich
sein, was Leni vorhat.

Wieso gleich, sagte die Polster und setzte schon die Hnde auf die
Hften. Ein seidenes Kleid, einen echten Kamm, und Schuhe fr dreiig
Mark . . .

Sie sind von mir, sagte Balrich, abweisend.

Die Schuhe?

Alles, sagte Balrich.

Er hat Geld erspart, bemerkte Polster. Wer immer nur arbeitet. Seine
Frau aber, wie eine Natter: man wisse, was man wisse. Noch jeden Tanz
habe Leni mit dem jungen Herrn getanzt, und jetzt seien sie beim
Schieben. Alle Leute redeten; die Schande falle auf die Familie.

Balrich sah sie fest an; er dachte an die Freundschaften der Frau, dank
denen die Polsters sich zwei gute Zimmer halten konnten, -- und der
letzte war noch dazu der Spitzel Jauner. Balrich zeigte auf ihn.

Dreh' dich um, sagte er zu Polster verachtungsvoll, damit du siehst,
was eine Schande ist!

Die Frau, grau im Gesicht, fate sogleich den Mann an und wollte ihn
fortzerren. Er aber hielt stand, denn wirklich gab es etwas zu sehen.
Der Simon Jauner hatte die Hand in dem Rock des Herrn Kraft und brachte
sie nicht mehr heraus, weil jemand sie festhielt. Herbesdrfer war es,
dumpf stie er aus: Ich habe den Dieb, -- bis seine ungelenke Stimme
sich gelockert hatte, da rief er lauter als die Kugeln rollten, und
hallo, alle strzten auf einen Haufen. Lange sah man nur ein Wimmeln und
Hndelangen, vernahm nur Geschrei; dann kam der Gendarm. Der brachte,
fest zupackend, den Jauner an das Licht, und welch einen Jauner!
Zerrissen, fletschend und geifernd, das Haar auf der Nase und gelb bis
in die Augen, statt der kriechenden Freundlichkeit blo noch gelb und
toll, so schrie er. Bellend schrie er, jetzt sei es gewesen, keinen
kenne er jetzt mehr und alles solle heraus. Mu ich schon fort, bellte
er, vorher liefere ich euch noch! -- und schnellte dabei die Hand
gegen den, der dahinten allein stand, Balrich . . . Herbesdrfer wollte
ber ihn her, auch noch den zweiten Gendarm, der jetzt anrckte,
brauchte es, ihn aufzuhalten.

Zugleich erschien der Herr Oberinspektor. Er uerte, der Fall werde
sich hoffentlich aufklren lassen, in Anbetracht des schnen Festes.
Gerechtigkeit freilich msse walten, er selbst werde streng untersuchen,
drinnen im Versammlungssaal, Haus A; -- und lie den Jauner vorangehen
zwischen den Gendarmen. Hinterdrein er selbst mit Kraft Heling, und den
Zug schlo Herbesdrfer.

Die Zurckgebliebenen freuten sich lrmend, Dinkl zahlte eine Runde. Den
Jauner hatte es! Jetzt ward er abgestochen wie das Ferkel hier.
Ausgekegelt war er, wie das Ferkel!

Dies hrte Balrich, trbe schweigend, mit an. So wuten sie nichts und
kannten noch nicht den Lauf der Dinge. Was hatten sie denn auch
erfahren. Sie waren, nicht ausgesondert, in ihrer Seele angetastet und
die schwere Nacht der Selbstprfung allein gelassen mit ihrem Gott. Sie
kamen nicht zurck dorther.

Er versuchte sich; was taten alle diese, wenn drinnen ihre Schwester --.
Die? Sie wrden es sich gefallen lassen wie Polster -- vielleicht noch
stolz. Nein! So waren seine Klassengenossen nicht. Herbesdrfer an
seiner Stelle ging und schlug ihn nieder, den Hund! In Scham und Zorn
machte er sich auf.

Drinnen drehte es sich noch immer, eingeschlafen und von der Welt
vergessen. Die Musik spielte wie in dem Karussell, wie fr Tiere aus
Holz. Balrich sah seine Schwester, die Augen geschlossen, im Arm ihres
Herrn immerfort rundum wanken. Ihre Schenkel und seine lagen fest
aufeinander, nur die Fe bewegten sich und lebten. Er wre dazwischen
gestrzt, aber sie hielt die Augen geschlossen, wie durfte er sie
wecken.

Der Tanz endete, Balrich sagte ihrem Herrn, er werde seine Schwester um
den nchsten bitten, -- und der nchste begann schon. Er fhrte sie und
sagte:

Du bist schner heute als sonst, woher kommt das?

Sie lachte schlfrig. Am Rande des Saales begegnete er dem flehenden
Blick der armen Thilde. Er lachte auf, so schmerzlich wild, da Leni
endlich ihn ansah.

Ich denke immer, sagte er an ihrem Ohr, dies ist dein Fest, deins
allein -- auf Villa Hhe, und die Herrin bist du.

Wer wei, flsterte sie und ffnete ihren Goldblick. Sie lachte, den
Kopf im Nacken, er pfiff die Musik mit, und sie begannen zu schaukeln.

Mit Blumen bewerfen sie dich auch, bemerkte er zwischen dem Pfeifen.
Sie erschrak lachend, denn wirklich, eine Rose fiel ihr auf das nach
oben gewendete Gesicht. Da sah er, Horst Heling war es, er griff in den
Korb der Blumenverkuferin, warf nach ihr und traf sie immer. Er hatte
eine selbstsichere Miene. Balrich, im Tanzen, stie hervor:

Sieh dich nicht um! Du hast ihn schon zu viel angesehen. Du wirfst dich
weg, woher ist dein Kleid, du bist eine Dirne, unsere Schande, ich la
dich bessern in einer Anstalt.

Und du? Aus welcher kommst du? sagte sie ihm frech in die Augen, und
hatte an der Nasenwurzel dieselbe Falte wie er.

Grade du! Sie strebte fort von ihm, aber er zwang sie, weiterzutanzen.
Du als erste sagst mir das, -- und ich war dort, weil ich nicht will,
da ihr Bettler und Dirnen seid.

Wenn ich aber eine sein will?

Da zwang er sie nicht weiter. Geh! schnaubte er; aber jetzt blieb sie,
und beide aus ihren weien Gesichtern schnaubten sie und kamen nicht
los. Der Bruder sagte endlich:

Danke Gott, da ich -- dorther -- komme. Dann ist alles arm und kurz,
man hat Mitleid. Sonst schlge ich dich nieder.

Horst Heling trat herzu, er hatte gehrt. Aber Herr Balrich! Sie als
zuknftiger Akademiker! Aus der moralischen Enge Ihrer bisherigen Klasse
mssen Sie doch auch bald heraus sein.

Gedulden Sie sich noch etwas! sagte Balrich, und drehte den Rcken.

Drauen bei den Mnnern ging es still zu. Niemand kegelte, sie standen
in einem Halbkreis um den Oberinspektor, -- aber auch Jauner war wieder
da. Jauner ohne Handschellen, ohne Gendarmen, Jauner mit dem Gesicht der
triumphierenden Unschuld. Der Oberinspektor hatte ihnen erklrt, da
irren menschlich sei, und zusammen mit dem ganz vertatterten Kraft
Heling ging er seiner Wege. Jauner, mglichst unscheinbar, machte sich
hinterher.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, versicherte Herbesdrfer. Den
trifft es. Und hinter seinen runden Glsern glotzte er fanatisch.

Wie sie es nur htten machen knnen, fragten die anderen. Dies wute
auch er nicht. Es schien, Kraft Heling bei der Untersuchung gab an oder
stotterte etwas, das der Oberinspektor so auslegte, als habe der Herr
Kraft den Jauner beauftragt, in seinen Rock zu greifen und ihm die
dritte Zigarettentasche zu bringen. In der Faust aber, als ich ihn
fate, schwur Herbesdrfer, hat er die Brieftasche gehalten; -- und da
haben die Lumpen getan, als wten sie es nicht mehr, und haben nach
Villa Hhe telephoniert.

Was?

Das kann ich nicht wissen, ich mute hinausgehen . . . Aber sie haben
untereinander geflstert, und auf den Jauner, das ist gewi, haben sie
eingeredet, bis er ganz hin war. Wie sie herauskamen, hat er
geschlottert.

Da sahen alle zu Boden, -- und als sie, einer nach dem anderen, sich
ihre Blicke zeigten, las jeder: Wir sind verraten.

Den trifft es, wiederholte Herbesdrfer.

Ein Stck vor ihnen den Balrich, wie er die Stirn gesenkt hielt auf
seine verschrnkten Arme, den streifte jeder nur, scheu, ahnungsvoll.
An dem geht es aus. Sie haben ihn schon verrckt machen wollen, weil
sie nichts wuten. Jetzt wissen sie es, was werden sie ihm noch antun.
Die Arbeiter trennten sich, jeder fr sich allein bedachte, was
bevorstand. Aber begegneten sich zwei, sagten sie heimlich: Der macht
es doch.

Indessen schien es, da die Musik im Tanzsaal immer lauter ward, und
jetzt, was war dies, kam sie leibhaftig aus der Kantine. Die Musikanten
waren rot wie Zinnober, manche auch schwitzten bleich, und alle, wie auf
Befehl im Parademarsch, warfen die Beine. Ein Abstand, -- dann aber, man
wollte es nicht glauben, ein Paar, Leni Balrich mit Horst Heling. Die
Kpfe erhoben gegen alle die Blicke, tanzten sie hervor. Leni raffte den
Rock bis zum Knie, und so, mochten doch alle um sie her zusammenlaufen,
tanzte sie in den Staub . . . Ihnen nach, andere Tnzerpaare, puppenhaft
springend, als mte es so sein, mit Gesichtern, die selbst nicht
wuten, was vorging.

Die Arbeiter vom Kegelklub wichen, machten freie Bahn, -- und ber die
Bahn lief eilends das Kegelschwein, verfolgt vom Fluchen und Gelchter.
Die Tnzer lieen sich nicht stren, drehten sich, verbreiteten Staub;
und Staub verbreiteten die Kinder, die vom Karussell herbeiflogen und
sich drehten. Hurra! schrien noch die Leute und verschwanden schon im
Staub, worin unsichtbare Hunde klfften und die Tanzmusik mit der des
Karussells irr und wild ineinander verbissen waren. Dazu, vom Neubau
herab, von den Witzbolden sausten Hte in die quirlende Menschheit, --
indes erhaben ber sie, aus seinem Dachfenster der wissende Geist
Klinkorum sie verachtete wie noch nie.

Von der Friedhofsmauer die Trinker winkten mit Flaschen, was die
Musikanten bestimmte, die Beine dorthin zu werfen. Auf, hinterdrein,
Sprung, Schleifschritt, Schleifschritt, Sprung, und vom Friedhof winken
die Flaschen. Wer stt da, man sieht ihn nicht? drngt sich hindurch
nach der Gegenseite? Verschwindet? . . . Leni, die Augen geschlossen,
tanzte, vorbeigefhrt von ihrem Tnzer an den Steinen, an dem Kot
. . . Da hob er sie, sie sah, in ein Auto. Sie war gefangen in ihrem
engen Kleid, er hob sie hinein. Los!

Von rckwrts aber, glatt wie eine Katze, stieg im Fahren noch einer
ein. Schwingt sich hinein, stt zu. Horst Heling fand sich pltzlich
neben seinem Bruder Kraft auf dem Rcksitz, und bei Leni sa Balrich.
Horst rief Halt; -- aber kaum stand der Wagen, bedachte er die verbogene
Mtze des Menschen dort, seine pathetisch eingesunkenen Zge, dies
Halstuch; und er folgte dem Angstgeflster Krafts: Fange nichts an mit
dem Apachen! -- Weiter! befahl er.

Balrich griff an die Mtze und bemerkte fest:

Wenn Sie mit meiner Schwester wegfahren, mu ich mit.

Ein Familienausflug, sagte Horst, mit leichter Verbeugung.

Aber Leni, aufschluchzend, aufglhend, warf um den Bruder die Arme,
drckte die nassen Augen an ihn, kte ihn, welch ein Ku! Glckliche
Fahrt, fhlte der Bruder. Ich bin stark, stehe ein fr meine
Schwester; und weil ich gefrchtet werde, liebt sie mich.

Leni fhlte: Er schenkt mir Villa Hhe, wer wei. Er ist so stark, --
indes Horst erwog: Peinlich. ndert aber nichts, und Kraft nur Angst
hatte.

Der Tannengeruch von Villa Hhe sauste ihnen um die Gesichter; da war
sie. Kraft verlangte dringend zu halten, noch vor dem Gitter. Er war
ausgestiegen, und Balrich hob Leni heraus, so mute der junge Horst,
trotz seinem Rausch, es wohl aufgeben, khn einzufahren mit seiner
Eroberung auf den Grund seiner Vter. Auch hrte er keine Stimmen, nur
vor der Terrasse sonnte sich noch die kleine Person der Anklam. Auf sie
ging Horst zu. Quer ber den Rasen, Leni entgegen, rannte Hans Buck.
Balrich lie die zwei allein zusammenstoen, er blieb zurck, und in
eine beschnittene Hecke gedrngt, verfluchte er sich, der nur als Herrin
seine Schwester hier einzufhren einst schwur . . .

Hans, mit fliegender Stimme: Leni! Ich habe meiner Mama versprochen
hier zu bleiben, sonst wre dies nicht geschehen. Leni! Wie konntest du
dies tun.

Mein Bruder ist bei mir, hrte Balrich in seiner Ohnmacht.

Leni! Siehst du es nicht? Horst will dich verderben. Denkst du
wirklich, er liebt dich?

Leichtes Lachen Lenis. Hans wimmerte auf; dann, entsetzensvoll
geflstert:

Er bringt euch her, damit ihr entlassen werdet aus der Fabrik. Das
wollen sie hier, sie wollen einen Skandal, ihr sollt vernichtet sein --
und du, Leni, ihm ausgeliefert!

Der Knabe bedeckte die Augen.

Ich nur mu alles sehen -- und soll nichts tun knnen?

Schritte, die kamen.

Sieh die Frau dort bei ihm! Sie will er eiferschtig machen mit dir.
Sogar dazu bist du hier!

Wieder ihr leichtes Lachen, -- Hans sprang auf. Frau von Anklam hatte
den Arbeiter im Busch entdeckt, Horst kam ohne sie daher. Hans sprang
zu, an die Kehle dem da, unwiderstehlich im Krampf. Bevor Horst es noch
wute, lag er, und das Gesicht ward ihm in den Kies gedrckt. Hans stand
strmisch vor Leni.

Liebst du ihn noch jetzt?

Weder ihn, noch dich, sagte sie. Denn -- mit einer Bewegung im
Kreis, erblat und sehr frech: Wer von euch schenkt mir das?

Da lie der Sechzehnjhrige die Stirn sinken. Senkrecht aus seinen Augen
fielen die Trnen, so ging er fort.

Horst inzwischen tilgte, wie er es nannte, die Spuren der ruhmreichen
Szene. Von den Kieseln trug er Male wie Pockennarben, so bot er Leni den
Arm. Grade traf auch die Anklam ein, gefhrt von Balrich. Der Arbeiter
und seine Schwester, einander gegenber, sahen sich scheu an, der Gent
und die Dame sich mit Bedeutung.

Sie, Horst, sagte die Anklam, Furcht erregen Sie nun einmal nicht. Wo
Gefahr ist, bleibt ein Rest; mysteriser Rest; -- wobei sie den Kopf
mit Ironie geneigt hielt gegen die Schulter Balrichs. Und Horst Heling,
ber Leni ironisch geneigt: So ist es.

Die Geschwister fhlten: Die Herrschaften, weil wir da sind, machen
sich zueinander mehr Lust. -- Nur wagten sie keinen Widerspruch.

Einem Diener, der droben hervorkam und sich fchelte, befahl Horst mit
Kommandostimme, Tee zu servieren auf der Terrasse. Vorher fand er es
angezeigt, durch den Park zu spazieren. Dieser Meinung war auch Kraft,
der sich einfand und an Zuversicht gewonnen hatte. Hohl, aber hhnisch
bemerkte er:

Wer auf eine Besitzung reflektiert, sieht sie sich vorher an.

Dann machte er sich aber nahe an Balrich heran und sagte nur fr ihn:
Hier knnen Sie mir nichts mehr tun, Sie Muskelmensch, -- obwohl ich
eigentlich ach so gern Furcht habe. Mit weiblichem Ton, wie die Anklam,
und sogar ein Schmiegen deutete er an mit der Schulter.

Man gelangte zu einem Brunnen mit Venus, Gttin der Schnheit und der
Liebe, ist ja bekannt, erklrte Horst den Besuchern; und gleich darauf
zu der Borkenhtte. Hier wendete sich Kraft an die Gste.

Dies halten wir fr den besten Platz zum Aufstellen der
Maschinengewehre, erklrte er, frohlockend in seinem Verfall.

Zurck vor der Terrasse, fanden sie den Tisch gedeckt, aber schon
besetzt. Unter den schaukelnden Rosengewinden lehnten heiter in sanft
knarrenden Korbsesseln die Damen Heling, Mutter Guste, Tochter
Gretchen; sodann hatte sich eingestellt Frau Emmi Buck mit ihrem Hans,
der sie unterhielt, als sollte sie nichts hren und sehen, -- und auch
die Anklam war schon da und hatte sicher erzhlt, wenn man wte was.
Horst und Kraft wurden besorgt. Mit seinem Bauch an einer Rosensule,
ugte Klotzsche, Verlobter Gretchens, entrstet her. Kraft wollte sich
drcken; aber Horst, mit einem Sto, befrderte ihn hinauf. Der Leni
hielt er sogar den Arm hin; aber sie nahm ihn nicht.

Voil, sagte Horst, wie einer im Varit, der fertig ist mit seinem
Kunststck. Unsere Gste.

Kaltes Schweigen allerseits. Gretchen kicherte vielleicht, aber bei ihr
wute man nie. Ihr Verlobter, zur Sicherheit, strafte sie mit dem Blick.
Emmi Buck, sichtlich bestrzt, zog sich auf ihrem Stuhl zurck bis in
die Trnische, -- wo auch ihr Gatte erschien, mit einem aufmunternden
Lcheln, als sagte er: Was geschehen ist, ist geschehen.

Die Anklam gebrauchte ihr Lorgnon, um Ironie und Wohlgefallen zu
bekunden. Guste, die Majestt der Versammlung, legte in dasselbe
Instrument ihren Zorn und den allerhchsten Zweifel, ob man sie etwa zu
verkennen wage. Aufrecht in ihren Spitzen, Schleifen, Perlen und Steinen
sa sie da, Busen und Bauch vereinte das Korsett zu einem einzigen,
stolzen Gebilde. Ihre Nase freilich war eine Kartoffel, wie die des
Herbesdrfer.

Mein Sohn, herrschte sie. Was heit dies, mein Sohn. Und bevor Horst
sich weiter vergessen konnte: Deine Mutter verdient mehr Achtung.

Mit ihren schneeweien Haaren, bemerkte Gretchen, schleppend, ob
infolge von Bleichsucht oder aus Hinterlist.

Mein Sohn Kraft, -- Guste mit beringten Wulstfingern winkte ihn heran,
steht allem Unpassenden fern, das wei ich, -- wobei das Lorgnon
vernichtend auf Leni fiel. Dann hielt sie dem Liebling die Wange hin.
Trinke deine Milch, mein Kraft, du hast dich angestrengt; und durch
eine Wendung ihres Sessels gab sie zu verstehen, da der Zwischenfall
fr sie abgetan sei, sie kehre zurck in ihre wohlgeordnete Welt. Sie
bersah es kurzweg, da jene Person sich setzte, -- weil ein Diener, auf
wessen Wink wohl, ihr den Stuhl hinschob. Leni ohne Umstnde fiel
hinein, da es krachte. Uff, es war Zeit, uerte sie, wandte die
aufgeworfene Nase umher und schlug die Beine bereinander, nicht ohne
Mhe in dem Kleid.

Horst, der nichts mehr zu verlieren hatte, brachte ihr selbst eine Tasse
Tee, er wrde sie auch haben rauchen lassen. Der Rechtsanwalt Buck
indessen riet ab; es gebe Grenzen. Immerhin, sagte er zu Balrich, der
starr hinter seiner Schwester stand, Zutritt haben Sie nun schon
erlangt.

Sie meinen, dabei bleibt es? fragte Leni ber ihre blonde Schulter.
Buck meinte:

Jetzt setzen wir uns hier in Verteidigungsstand.

Ntzt nichts, sagte Leni.

Aber da erschien auf der jenseitigen Treppe eine Helmspitze. In
kriegerische Farben getaucht, folgte das Gesicht des Generals v. Popp,
-- und unter dem Schutz seiner gepolsterten Schultern der Hausherr.

Nanu? bemerkte der Hausherr. Hier ist Maskerade?

Das wirst du, mein Freund, versetzte Guste, und mit kniglichem
Nicken: das werden Sie, Exzellenz, genauer unterscheiden knnen als
eine Hausfrau, die noch die altmodische Gepflogenheit hat, ihr Haus
reinzuhalten.

Und andere. Huser zu versauen, sagte Balrich rauh, und ins Auge fate
er den Sohn Horst.

Der Generaldirektor tat, als erkenne er erst jetzt seinen Arbeiter. Nun
also! rief er, erhaben in seinem Hohn. Da ist er!

Feixend erklrte er:

Der will mich vertreiben. Exzellenz verstehen? 'Raus aus Gausenfeld,
'raus aus Villa Hhe. Ich soll Lumpen sammeln.

Komischer Kauz, sagte der General, ernst wie ein Nuknacker. Der
Generaldirektor war weiter erhaben:

Vorlufig studiert er fr mein Geld, dann aber kommt ber mich das
Gericht.

Die Leute haben Begriffe, uerte Guste. Es kommt von der
Religionslosigkeit; -- und sie wandte sich weg. Klotzsche, Verlobter
Gretchens, besttigte es, auch er sah weg.

Ach du mit deinem Bauche, uerte Gretchen schleppend und musterte den
Bauch. Du bist nun freilich kein Freigeist, in keiner Beziehung; --
und nur ahnen konnte Klotzsche, in welcher Beziehung.

Der General besah mit blutigen Glotzaugen zuerst die reiche Familie,
dann den Proletarier. Zuletzt fragte er unbeteiligt:

Was denkt er sich eigentlich, der komische Kauz?

Nur seine Nichte Anklam erklrte hierauf, sie verstehe vollkommen.

Ich will nichts Unrechtes, versetzte Balrich fest. Da hielt Heling
sich nicht lnger. Nein! schrie er. Kstlich! Das heilige Eigentum
bedrohen! Die Erhabenheit war fort, dringend sah er umher nach Zeugen
und hielt sich an den General. Das heilige Eigentum, auf dem egal der
ganze Staat ruht!

Wenn es angemat ist, behauptete Balrich. Der General sagte:
Komischer Kauz. Hat er gedient?

Heling war so sehr auer sich, da er dem hohen Herrn dazwischenfuhr.
Mich lt es kalt, brllte er schlagflssig, was den Menschen auf
seinen Irrsinn gebracht hat.

So sehn Sie aus, sagte Leni mit ihrer klaren, eindeutigen Stimme, und
auf ihrem Stuhl schaukelte sie sich.

Das Irrenhaus hat er schon hinter sich, brllte Heling. Leni sagte
klar: Sie noch nicht. Aber die Vorfreude ist das Beste.

Horst sowohl wie der Rechtsanwalt Buck ermahnten sie dringend, sich zu
migen. Von der Tr her der junge Hans lchelte sie selbstvergessen an.
Guste zuckte beleidigt mit dem Rcken. Ihre Tochter Gretchen aber, trotz
Katerblicken Klotzsches, rckte wie im Traum immer nher zu Leni.

Heling wollte weiterbrllen, seine Stimme berschlug sich, und dann
klang sie geqult.

Mich interessieren seine Geheimnisse nicht. Ich schmei ihn 'raus, und
die Sache ist behoben.

Sie schmeien mich nicht hinaus, Balrich zeigte seine guten Zhne.
Denn Sie wollen mehr wissen, als Ihre Spitzel Ihnen zutragen.

Da Heling nach Luft schnappte:

Sie sind schon ganz krank, weil Sie die Hauptsache nicht wissen. Aber
ich will Sie nicht krank machen, sagte er finster, obwohl Sie mich
haben verrckt machen wollen.

Einen uersten Augenblick zgerte er, -- dann ein Griff in die Tasche,
er hielt dem Heling ein Stck Papier hin.

Heling las, Balrich folgte finster seinen Augen. v. Popp inzwischen
sagte zu der Allgemeinheit:

Ihr Zivilisten seid komische Kuze. Das ist doch Rebellion. Da schlgt
man doch mit der eisernen Faust drein! Er schwoll rot an. Der Sohn
Kraft aber schlug wirklich los. Bitterbse schlug er auf den Tisch
zwischen die Teetassen. Sie klirrten leicht, -- indes Kraft erschpft in
sich versank.

Der Generaldirektor nahm den goldenen Zwicker wieder herunter. Da,
stecken Sie Ihr Eigentum wieder ein, sagte er kurz ablehnend. Der
Brief ist natrlich unecht.

Das muten Sie sagen, meinte Balrich.

Geflscht! Erstunken! . . . Heling sammelte sich. Sollte er indes
fr echt erkannt werden, kann ich beweisen, da der Schreiber mein
persnlicher Feind war. Wie?

Er wandte sich an seinen Schwager Buck.

Du wirst es bezeugen. Dein Vater ist von mir gestrzt und erledigt
worden, daher war er mein Feind.

Einwandfreie Beweisfhrung, sagte der Rechtsanwalt gelassen.

Komm fort! sagte sein Sohn Hans zu der Mutter; aber sie hielt still,
die Stirn in der Hand.

Hier, erluterte Heling, vorgeblich vor mehr als dreiig Jahren,
schreibt der alte Buck einem gewissen Gellert, da mein verehrter
seliger Vater, verstehen Sie, erklrte er dem General, sich zu dem
Kapital bekennt, das der gewisse Gellert in sein Geschft eingelegt
haben soll. Haha, wer lacht da.

Der General v. Popp war es nicht, der lachte. Er lie sich den Brief
reichen, sah ihn an und uerte streng:

Wenn es aber wahr ist?

Sind Sie -- Heling verbesserte sich. Exzellenz scherzen. Er
lchelte vertraulich, ungeachtet einer gewissen Beklemmung. Den Brief
hat der ehrliche alte Buck selbstverstndlich nicht vor dreiig Jahren
geschrieben, sondern viel spter, als er Grund hatte, sich an mir zu
rchen, -- und hat ihn vordatiert.

Das mten Sie aber beweisen, sagte v. Popp streng, -- und die
Beklemmung Helings war nicht lnger zu unterdrcken. Er erstarrte am
Fleck, wo er stand. Alle anderen, wie sie dasaen oder an den Sulen
lehnten, schienen mit offenen Augen in Schlaf gesunken, selbst die
Rosenkrnze schaukelten nicht mehr auf der schimmernden Terrasse des
Dornrschenschlosses.

Der Generaldirektor nahm einen Anlauf.

Der Alte lgt, soviel ist sicher.

Da sagte Hans Buck, so hell und ungehemmt wie Leni:

Nicht mein Grovater, du selbst lgst.

Der Generaldirektor lachte pltzlich auf; seine Frau frchtete schon,
ihm sei etwas zugestoen. Er zuckte aber die Achseln.

Ich soll beweisen, meinen Exzellenz? Ich? Um Vergebung, der alte Herr
da in seinem werten Grab soll beweisen, was er behauptet. Lgt er nicht,
dann mu er in seinen hinterlassenen Papieren das Schriftstck haben,
worin mein hochverehrter Herr Vater sich zu dem Gellertschen Gelde
bekennt.

Sieghaft sah er umher, auf Balrich stoend aber erschrak er. Balrich
sagte hart, mit Richterstimme:

Das Schriftstck ist da, ich habe es.

Bewegung. Der General wiederholte: Er hat es; und seine Miene forderte
den reichen Mann auf, sich zu verantworten. Der aber behielt den Mund
offen, und es schien, er schwankte . . . Diederich Heling erkannte viel
in diesem Augenblick. Sein Schwager Buck, nur er hatte die alte
Handschrift seines hochseligen Herrn Vaters dem Proletarier
ausgeliefert, -- der nun dastand und forderte. Der General aber,
deutlich genug, findet mich zu reich, zu mchtig, und mit Vergngen
sieht er den bedroht, bei dem er schmarotzt hat. Die Menschen bereiten
selbst dem Besitzenden, der sie kennen sollte, immer neue
Enttuschungen, es sei denn, er begebe sich jedes Idealismus . . .

Er blitzte dorthin, wo sein Schwager weich und ergeben das Weitere
erwartete. Wir rechnen ab! blitzte er, und wendete sich fort um zu
schnaufen, sonst konnte bei Gott ein Unglck geschehen. Fassung! Kraft
gesammelt fr den Kampf, den sie mir aufzwingen! Sie greifen an meine
Wurzeln, es geht um mein Dasein, sie sollen mich kennen lernen!

So gefestigt, zeigte er wieder sein Gesicht; den Arbeiter traf es
zuerst.

Sie da! Kommen Sie weiter! Ehre, wem Ehre gebhrt.

Am uersten Rande der Terrasse sagte er zu Balrich, halblaut und
gemessen:

Sie sollten sich berlegen, was Sie tun.

Ist geschehen, sagte Balrich.

Hierauf maen die Gegner sich noch einmal.

v. Popp inzwischen bemerkte vor der Hausfrau: Nette Geschichten hier!
-- in einem Ton, als sei er hier mibraucht worden. Die Anklam gab mit
ihrem Lorgnon dem Sohne Horst dasselbe zu verstehen.

Guste wahrte ihre Majestt. Was will man geltend machen? -- Mrchen,
entschied sie. Groe Vermgen sind immer beim Volk umwoben mit
Legenden.

Der Generaldirektor, gemessen zu dem Arbeiter:

Was wahr ist, lieber Freund, entscheiden niemals Sie. Das wird
entschieden von dem Nutzen, den es bringt, und von der Macht, die ich
habe.

Assessor Klotzsche, von Guste stumm angeherrscht, tat das Seine.

Exzellenz glauben doch nicht, keifte er, den Bauch schlenkernd, ein
Gericht wird sich finden, das die Klage auch nur zuliee? Klatsch und
falsche Papiere gegen die wohlbegrndeten Mchte? Da sind wir denn
doch, Klotzsche rollte die blassen Augen, zumindest eine so eherne
Mauer wie Sie, Exzellenz!

Der Generaldirektor, gemessen zu dem Arbeiter:

Sie bringen nicht nur sich ins Elend. Denken Sie an Familie und
Genossen.

Ist bedacht.

Dann sehen Sie mich an, wo ich stehe. Ich bin reich. Ich bin Stadtrat
und Geheimer Kommerzienrat. Der Herr Regierungsprsident hat mir den
Orden hier angehngt. ber das alles mten Sie weg, -- und dann bleiben
noch die Richter, Wink auf Klotzsche, und, neuer Wink, die Herren
mit dem Sbel . . . In Ihrem Interesse fordere ich Sie auf, mir den
Brief meines seligen Herrn Vaters auszuliefern.

Den brauche ich, sagte der Arbeiter.

v. Popp sagte:

Eherne Mauer? Komischer Kauz. Das hngt immer von den Grnden ab, die
man hat, ehern zu sein.

Die Welt! seufzte ironisch die Anklam. Sie ist so mitrauisch und an
das Bse zu glauben leider sehr geneigt.

Gretchen, mittlerweile ganz nahe bei Leni, streckte ihren langen Hals
vor, und unter dem Katerblick Klotzsches wisperte sie bleich:

Wollen Sie Kokotte werden?

Dummes Luder! erwiderte Leni; und Gretchen, die Augen verdreht:

Es mu reizend sein.

Also nicht! stellte der Generaldirektor fest. Ihr Wille. Sie haben
das Dokument gestohlen, ich zerschmettere Sie.

Ihnen glaubt man auch nicht alles, sagte der Arbeiter, -- und Heling
fhlte, eben dies lag zutage in der Haltung v. Popps, wie auch in den
peinlich berhrten Mienen der Seinen. Dieser Vorwand, elend wie er war,
der Welt kam er dennoch gelegen, den Neidern, den Erpressern . . . . Da
sagte der Blick seiner alten Guste ihm, was der seine ihr; sie
verstanden sich. Vorsicht! Ballast auswerfen!

Hier sind hundert Em, -- und er drehte den Arbeiter am Arm herum,
niemand sah sie.

Bldsinn, -- und der Arbeiter kehrte in seine Stellung zurck.

Tausend, bot Heling geschftsmig. Balrich, finster lchelnd:

Sehen Sie wohl? Sie mssen daran glauben.

Zweitausend? bot Heling, und erfat von Spielerangst:

Fnftausend . . . Mein letztes Wort: zehn.

Immer nur finsteres Lcheln und Kopfschtteln; -- ermattet fragte
Heling:

Ja, was wollen Sie denn?

Das Ganze, sagte Balrich. Aber nicht geschenkt.

Sie sind verrckt! Der Generaldirektor fuhr auf; dann ward er kleiner
und lallte.

Sie erreichen nichts, wenn Sie Lrm machen. Ich, hier, heute, biete
hunderttausend. Schlu.

Guste dahinten machte sich s. Liebe Frau v. Anklam, Ihre Perlen, ein
Zauber, -- obwohl sie falsch waren. Die Anklam sagte ironisch:

Und Ihre, sind sie echt?

Guste hpfte auf, lie sich aber mit Majestt wieder auf den Sitz.

Versuchen Sie doch! Gndig hngte sie selbst der Person die Schnur um.
Der kleinen Anklam hing sie bis zwischen die Kniee.

Nun? fragte Guste.

Wirklich sehr nett, sagte die Anklam. Onkel Popp, was meinst du?

Firlefanz, sagte v. Popp, aber man merkte, in der rauhen Schale stak
ein weicher Kern.

Dort vorn der Generaldirektor sah es, Guste kam zum Abschlu. Da schlug
er einen anderen Ton an.

Jetzt schlagen wir einen anderen Ton an, verkndete er. Bisher habe
ich mit Ihnen sozusagen verhandelt.

Und haben hunderttausend Mark geboten.

Weil ich sehen wollte, wie weit Ihre Frechheit geht. Jetzt verhandle
ich nicht, ich bin dein Vorgesetzter und befehle: Stramm stehen! Her mit
dem Brief!

Der Rechtsanwalt Buck hatte es sich zur Aufgabe gemacht, besnftigend
einzuwirken auf Leni, die schon mehrmals vom Stuhl aufspringen und Lrm
schlagen wollte. Jetzt begab er sich in kleinen Schritten nach der
Trnische, zu seiner Frau. Er hob ihr die Stirn aus der Hand; bittend
suchte er ihre Augen. Der junge Hans, wie er dies sah, ging beiseite.

Ich habe uns in eine schwere Gefahr gebracht, sagte Buck seiner Frau
ins Ohr. Sie sah ihn an mit Bewunderung.

Du warst es wirklich, der dem Arbeiter geholfen hat?

Gegen deinen Bruder.

Er kann es tragen.

Aber wir?

Sie fragte schchtern lchelnd:

Sind wir verloren? Wenn Diederich von uns die Hand zieht?

Wir werden nachlassen mssen von unseren Ansprchen.

Gern.

Ich -- nicht gern. Auch werde ich ihn wohl am Seil behalten. Nach wie
vor wird er alles aus schlechtem Gewissen tun, -- weil zu viele sich
erinnern, wie er meinen armen Vater in den Sumpf manvriert hat. Ich war
fr ihn eine Mahnung. Knftig werde ich auch eine Drohung sein, --
wobei sein dickes Schauspielergesicht wirklich drohte.

Du wrdest gegen ihn --?

Soweit bin ich noch gesund. Geht es um das Ganze, bernehme ich die
Sache des Proletariers, und er soll sehen, ich rche alles auf einmal.

Emmi senkte schon wieder den Kopf.

Er wird uns weiter Geld geben. Auch das ist schlimm.

Schlimm ist alles, murmelte Buck.

Einen Spiegel! befahl Guste; und als der Diener ihn herausbrachte,
wollte sie selbst ihn der Anklam vorhalten. Erst an Ihnen, Liebste,
kommen die Perlen zur Geltung, sagte sie entsagungsvoll. Meine weien
Haare . . . Aber wie glcklich bin ich! Ein Gastgeschenk, wenn auch
bescheiden, nach den so schnen Sommertagen, fr die wir Ihnen und Ihrem
verehrten Onkel zu danken haben.

Bitte, bitte, warf v. Popp hin.

Aber am Rande der Terrasse brach offenes Kampfgetmmel aus, war es zu
glauben, zwischen dem Generaldirektor und seinem anspruchsvollen Knecht.
Heling, unter Berufung auf die Gewalt des Vorgesetzten, hatte es
unternommen, in die Tasche Balrichs zu greifen. Hierauf ein leichter
Sto vor seine Brust, die halbe Treppe stolperte er rckwrts hinunter,
-- und zum Angriff zurckkehrend, heulte er auf:

Er hat mich angerhrt! -- heulte und schlug um sich: Vergriffen hat
sich der Hund an mir!

Vergriffen hat sich der Hund! machte ein Echo, es war der Sohn Kraft;
fr sich selbst aber, bebend: Der se Hund! Der Sohn Horst wollte dem
Arbeiter zu Leibe, flog aber im Bogen gegen den Teetisch. Da war alles
auf den Beinen, nur Leni nicht. Atemlose Pause, nichts als das
verhaltene Wimmern Gustes, die den Gatten und die Shne vom Feinde
umdroht sah . . . Inzwischen zog Hans Buck seine Mutter an der Hand, bis
sie aufstand und mitging.

Jetzt kommt das Schndlichste, sagte er, bleich und zitternd. Auch
Buck Vater, mit kleinen Schritten, folgte ihnen.

Wer zuerst sich fate, war Assessor Klotzsche. Hier liegt
Hausfriedensbruch vor! Auerdem Bedrohung und ttlicher Angriff! Er
keifte mit Weiberstimme.

Und Erpressung! heulte der Generaldirektor. Seinerseits schrie v.
Popp: Komischer Kauz! -- und einem eisernen Gartentisch versetzte er
einen Faustschlag. Er donnerte furchtbar, Guste, die Anklam und Gretchen
kreischten und hielten sich vor dem eigenen Gekreisch die Ohren zu.

Der Arbeiter Balrich brach jh eine Bahn durch die feine Welt. Er stie
und trat, so kam er hindurch. Als seine Schwester Leni ihn zur Seite
hatte, schleuderte sie ihre Teetasse der Hausfrau zwischen die Fe, und
vor dem Bruder her, der den Rckzug deckte, humpelte sie, in ihrem engen
Rock gefangen, die Treppe hinab.

Sie sind entlassen! brllte der Generaldirektor dem Arbeiter nach.
Sie und Ihre ganze Sippschaft!

Ganze Sippschaft! machte hohl das Echo Kraft, -- und entfesselt schrie
alles mit. Guste, entfesselt:

Begriffe haben die Leute! Das ist die elende Religionslosigkeit!

Donnerschlag des Generals auf den eisernen Tisch, und Kraft, ohne Tisch,
donnerte auch. Die Anklam verfiel in einen Schreikrampf.

Ich zerschmettere den Umsturz! schrie der Sohn Horst im Namen seines
Vaters, der keine Stimme mehr hatte. Klotzsche keifte dasselbe, um
Eindruck zu machen auf Gretchen, die selbstvergessen kreischte:

Kokotte will sie werden!

Die vier kleinen Helings, durch das Getse der Groen fortgelockt von
ihren kindischen Spielen, sprangen herbei und taten mit, Wolfdieter,
Ralph, Bernhard und Fritzheinz, -- bliesen Trompete, machten Muh,
krhten; und der zweijhrige Wolfdieter mit seinem pfeifenden Stimmchen
rief unermdlich Drecksau!

Begriffe haben die Leute! Guste, leidenschaftlich ber die Treppe
gebeugt, streckte den blitzenden. Finger vor. Ausziehen wollen sie
uns! -- und da sie das Gleichgewicht verlor, griff sie um sich, in die
Perlenschnur, die jetzt an der Anklam hing. Die Schnur zerri, zwei
Lakaien strzten herbei und lasen die Perlen auf. Die Anklam, ihren
Schreikrampf vergessend, pate auf, da sie keine verschwinden lieen.
Als sie alle zurck hatte, kam auch der Schreikrampf wieder.

Vorgebeugt smtlich nach dem Beispiel der weihaarigen Hausfrau, mit
verwilderten Gesichtern, Augen wie Mord, Stimmen wie das Vieh, -- Damen,
Herren, die Kinder, ihre Lakaien, alle in Ausfallstellung gegen den
Rcken des abziehenden Feindes, Bedrohers, Enteigners. Donnerschlag;
Geheul; -- und in der Spannung dieser Schlacht um ihr Vorrecht und
Eigentum fanden sie, mitsammen dem Schlaganfall nahe, keinen hheren
Ausdruck mehr fr ihre Seele, keine Entladung . . . Da aber, der Tochter
Gretchen ward es gegeben. Sie hrte auf mit dem Schimpfen, sie begann zu
singen, kommt ein Vogel geflogen. Ausgereckt den dnnen Hals und
drehende Kreise vor den entgeisterten Augen, noch im Umfallen sang sie,
und alles durchdrang ihr Geplrr:

Kommt ein Vogel geflogen!

Erst hinter dem Gitter der Villa blickten die beiden Armen zurck auf
die Besitzenden und ihre bewegte Kampfstellung. Leni zeigte ihnen die
Zunge. Balrich sah in den Abendschatten, die heraufzogen, noch einmal
aufschimmern das Haus und die Krnze schwanken.

Sie gingen. Die haben es von dir bekommen, sagte Leni. Aber auch von
mir! Hast du mich gesehen?

Fieberhaft lachend: Das war das Beste vom ganzen Tag. Und sogar in die
Hnde klatschend: Einmal mute man es erleben, soll man schon
hinausfliegen.

Sie gingen lange, im Staub und in der rot rauchenden Dmmerung. Immer
zgernder gingen sie. Die Schwester endlich versuchte zaghaft:

Du sagst nichts. Ach! du bist mde. Und erst ich.

In seinem Arm lehnend, den engen Seidenfetzen hinaufgezerrt bis zum
Knie, schleppte sie sich. Der Bruder sagte:

Komm! Ich trage dich.

Um die ganze Welt habe ich heute getanzt, murmelte sie, indes er sie
hinaufhob. Da entstand fern ein Brausen, schon nah das Hupengeheul, und
hier und vorbei war es, das Auto, das sie beide hingetragen hatte nach
Villa Hhe. Staub nahm es auf, war es je gewesen? Eingehllt in Staub
geht der Arbeiter Balrich, auf den Armen seine Schwester, ihre
schlafschweren Arme um seinen Hals, und sie, einschlafend, murmelt:

Ach! lieber Karl, uns hilft nichts, wir sollen verloren sein.

In Gausenfeld das Fest ging weiter bei Lichtern. Er kam ungesehen mit
ihr in das Haus, ber die leeren Treppen, -- und hinter dem
Bretterverschlag legte er sie auf ihr Bett. Sie seufzte im Schlaf; er
wagte es nicht, ihre Fe, die um eine Welt getanzt hatten, freizumachen
von den Schuhen. Aber er drckte seine Lippen ab, in dem Staub auf ihren
Schuhen.

Vor der Tr stand Thilde, auf seiner Spur wie je, bittend wie je. Er
hrte noch immer: Wir sollen verloren sein, -- und nahm sie um die
Hfte.

Hast du mich denn lieb? -- worauf er, zu der Armen:

Ja.

So gingen sie hinaus in die Nacht. Aus strmenden Wolken kmpfte ein
sanfter Mond sich hervor.




VI

Geh' nicht fort!


Was tun? Die Entlassung ernst nehmen? Sie war es schwerlich. Wollte
Heling den Brief seines Vaters schon vergessen und alle Drohungen in
den Wind schlagen, -- brigblieben die Arbeiter. Die hat er nicht, die
habe ich. Was ich ihnen biete, er kann es nicht.

In der Frhe endlich fand er Ruhe und wollte arbeiten; aber da trat in
seine Tr der Rechtsanwalt Buck. Balrich stand nicht auf.

Ich sehe, da Sie sich wundern, sagte Buck und setzte sich auf das
Bett. Sie wundern sich grundlos. Ich habe Ihnen schon immer gesagt, da
ich mich zum Mrtyrer nicht geboren fhle.

Er machte es sich bequem, tat wie ein alter Bohmien, der zu einem
jngeren kommt. Balrich blieb steif.

Ihre Art, es zu treiben, mag ich nicht, sagte er. Buck wandte sanft
ein:

Sie kennen sie aber nur durch mich selbst.

Das Wissen ntzt nichts. Bessern Sie sich! sagte der Arbeiter; und dem
anderen, der lcheln wollte, verging das Lcheln. Die Augen gesenkt,
leise brachte er vor:

Ich wollte Ihnen sagen, Sie tten gut, sogleich hier auszuziehen, mit
allen Ihren Leuten.

Das habe ich mir selbst berlegt, und danke dafr. Was kann er gegen
mich machen. Der Streik ist ihm sicher -- und Schlimmeres!

Buck schttelte den Kopf, so heimlich, als she jemand zu. Heling habe
sich etwas ausgedacht, raunte er, mit Blicken nach der Tr; damit werde
er die Arbeiter zum besten halten -- vorlufig; Ihre Zeit kommt wieder.
Sehr bald; die Arbeiter brauchen den Unrat nur zu riechen. Bis dahin
treten Sie einen strategischen Rckzug an!

Balrich, unter finsteren Brauen, ma ihn lange.

Wer sagt mir, uerte er, die Silben abteilend, da Sie nicht von ihm
kommen?

Hiernach sah Buck eine Weile seine Kniee an, seufzte und stand auf.
Nichts zu machen, damit wollte er gehen. Balrich holte ihn zurck.

Nein. Dafr halte ich Sie nicht. Und rauh: Dann soll ich gehen, bevor
ich hinaus mu?

Mit Ihren Leuten, ergnzte Buck. Er hat sie sich alle nennen lassen,
gleich gestern. Mit Ihren beiden Brdern, Ihren beiden Schwestern, Ihrem
Schwager, den Kindern, dem alten Gellert, und dem alten Dinkl.
Ausgenommen sind die Verwandten Ihres Schwagers.

Polsters? Wohl wegen des Inspektors Salzmann, der mit der Frau etwas
hat.

Sie sehen, wie die Tugend belohnt wird, bemerkte Buck und wollte sich
ein wenig freuen, doch lie er es.

Alle werden Sie leben mssen, sagte er. Das wird schwer sein,
besonders fr Sie selbst, mit Ihrem Studium. Auf mich drfen Sie leider
nicht rechnen.

Das lge ihm fern, brummte Balrich. Trotzdem erklrte Buck ihm noch, da
er ihm auf keine Weise von Heling unbemerkt etwas zukommen lassen
knne: Und Sie kennen meine Feigheit, sagte er ironisch, -- worauf er
ging. Balrich dachte: er berlege sich wohl nicht, da man ihn hier
knne gesehen haben.

Dann weckte er seine jungen Brder, wir mssen fort, und machte sich auf
zu Dinkls, wir mssen fort, entlassen sind wir. Malli erhob ein Jammern.
Dinkl stellte den Fu vor und drohte, das werde man sehen. Wo ist
Leni, fragte der Bruder; schon seit den ersten Erffnungen Bucks dachte
er im Grunde nur: Was wird aus Leni . . . Sie schlief noch. Er atmete
auf, -- als htte sie schon wissen knnen und knnte schon getan haben,
was er frchtete, so sehr frchtete.

Was Dinkl betraf, er war seiner Sache gewi. Heling mochte noch eine
Weile Schindluder treiben mit uns, seine Zeit war doch herum und
Gausenfeld gehrte uns. Da er uns austrieb, bewies nur, wie sehr er
Angst hatte. Auch der alte Gellert, der hierber sich einfand, war
berraschender Weise die Zuversicht selbst. Er machte sich anheischig,
bei Klinkorum Unterkunft zu schaffen fr alle. Klinkorum habe auf
Heling einen Ha!

Dies erwies sich sogleich als richtig. Der Professor erlaubte dem
Gellert, in das Souterrain aufzunehmen, wen er wollte. Seinem Schler
Balrich rumte er sogar eine Kammer im Erdgescho ein.

Sie zogen um, als gerade die Arbeiter in die Fabrik aufbrachen. Umringt
muten sie anhalten mit ihren Karren auf dem Weg um die Wiese. Das
Karussell ward aufeinandergenommen. Dinkl, den Arm erhoben, rief aus:
Wie die Zigeuner packen wir zusammen, Genossen! Aber was unser ist,
bleibt unser, und bald macht ein anderer den Zigeuner. Alle stimmten
murrend bei.

Da ward ein Anschlag entdeckt, zwischen den Husern A und B im Torbogen
ein groer gelber Zettel, darauf sollte etwas stehen, von der
Generaldirektion. Natrlich wegen Balrich, sagten sie rckwrts. Wer
streikt wegen Balrich, wird auch entlassen. Das findet sich, zuerst
streiken! Und sie riefen: Ausstand erklren! Vorn aber, in dem
Torbogen, riefen sie etwas anderes; und je mehr Leute sich
hineindrngten und gelesen hatten, um so viele weniger riefen noch
Ausstand.

Herbesdrfer kam zurck, er sagte zu Balrich:

Er hat sich etwas ausgedacht. Wer dich im Stich lt, bekommt die
Gewinnbeteiligung.

Balrich fuhr auf. So weit ist er? Gewinnbeteiligung? Dann gibt er bald
noch mehr her. Wer will mich jetzt noch im Stich lassen!

Sie sahen ihn zweifelnd an. Er selbst wagte kaum zu glauben, was er
sagte. Solche Angst hat er seit gestern. Schickt mich fort zum Schein,
und tut doch was ich will. Der Sieg, fhlte er, wre zu leicht, dafr
da er so ungeheuer wre . . . Er sprang, brach durch bis in den Bogen,
las . . . Laut lachend kam er zurck. Sie drngten herbei, warum er
lache; sie waren es nicht gewohnt von ihm.

Eure Lhne sollen gedrckt werden! . . . Das habt ihr nicht gelesen;
natrlich, ist auch ganz klein gedruckt.

Aber die Gewinnbeteiligung!

Die ist gro gedruckt. Ob sie aber an die kleingedruckten Lhne
heranreicht? Mu berhaupt ein Gewinn kommen?

Dies erbitterte sie.

Gausenfeld! Hunderttausende werden verdient!

Auch wenn ihr beteiligt seid?

Da wurden Stimmen halblaut, die sagten, er sei neidisch. Sobald er sie
hrte, schwieg er. Sie wollten glauben, nur glauben: ihm oder dem
Heling. Wer ihnen das nhere Glck versprach, dem glaubten sie.

Der Maschinenmeister Polster stellte sich wohlhbig auf und lehrte: Die
Gewinnbeteiligung ist eins der wirksamsten Mittel zur Hebung des
Arbeiterstandes und das wirksamste Mittel zur Vershnung von Arbeiter
und Unternehmer. Er wute den Anschlag schon auswendig.

Herbesdrfer erwiderte ihm:

Den Unternehmer kennen wir.

Dies machte viele stutzig; -- und eben jetzt wagte der Jauner sich
hervor: Die Herren dort oben htten ihn zwar falsch beschuldigt und
beinahe einsperren lassen, hier aber msse er sagen Hut ab! Worauf viele
erwiderten: Schnauze! -- und ernchtert den Weg zur Fabrik antraten.

Einige sagten zu Balrich:

Wenn es wirklich etwas ist mit der Beteiligung, es ist noch nicht
alles. Wir brauchen dich weiter, Balrich.

Hndeschtteln. Hoch Balrich! Auch Ausstand! ward gerufen. Er aber
sagte ihnen:

Lat das nur! Ich wei den Weg! Abwarten!

Und er zog seinen Karren weiter; hinter ihm Dinkl und Malli mit den
ihren, auf einem das Letztgeborene; und am Schlu schoben die jungen
Brder Balrichs. Die Kinder nebenher; Leni war nicht mehr zu sehen; --
so fhrte der alte Gellert sie in ihr neues Heim.

Es waren zwei Zimmer mit Fenstern in der Hhe des Erdbodens. Die Kammer
im Parterre, nach Norden auf das Haus C hinaus, war nicht weniger
dunkel, nur trockener. Balrich arbeitete darin, schlafen aber mute dort
Leni. Sie hatte sogleich eine Stellung als Modistin und kam erst abends
heim. Dinkl, ebenso schnell, kam bei der Stdtischen Abfuhr unter; Malli
durfte ihm sein Essen einfach auf die Landstrae hinaustragen. Sie
selbst tat die groben Arbeiten bei Klinkorum, alle hatten ihr Auskommen,
Gellert sogar mehr Wnde anzustreichen als sonst.

Ja; -- aber Dunkelheit, alles feucht, und der Geruch nach Unrat, den
Dinkl heimbrachte, als sei es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends,
langfristigen Elends. Balrich, der droben Horaz las, hrte unter sich
die Dinklschen Kinder einander qulen und Schmutzereien treiben.
Zuweilen kam Gellert, man wute nicht wann, denn er machte Schicht nach
Belieben; betrank sich und gab Schnaps auch den Kindern. Dann,
regelmig, verga er sich noch weiter. Balrich hrte von oben, wie sie
kreischten, vor ihm hinausflchteten, und das Einjhrige, das sie fallen
lieen, schrie dann, bis Malli kam . . . Balrich schmte sich, er ging
dem alten Lumpen aus dem Weg, um nicht sprechen zu mssen. Nur seiner
Schwester sagte er, sie solle achtgeben; was fr Augen mache schon die
elfjhrige Liesel! Da weinte sie bitter und senkte ihren grauen Kopf.
Sie wute noch mehr als er; was aber soll werden, quartiert der Gellert
uns aus.

Dann verdiene ich es euch, fr eine bessere Wohnung, erwiderte er, und
sogleich ging er hinauf zu Klinkorum: die angebotenen Nachhilfestunden,
jetzt sei er bereit, sie zu bernehmen. Er hatte bisher nur so viele
gehabt, da sein Unterhalt bezahlt war, jetzt belegte er damit den
ganzen Tag, Klinkorum verschaffte sie ihm mhelos; -- und Balrich sa
wieder die Nchte bei der Lampe.

Er tat es fr Leni. Die Dinklschen Kinder waren das rgste nicht.
Unertrglich war es, hier Leni zu sehen, wie sie daherkam, schnell,
leicht, in ihrem Mantel, der einen Pelz imitierte, ihrem Modehut, auf
den Stckeln, die Schenkel abgezeichnet unter dem raschelnden Rock, --
und schon im Garten bekam sie eine widerwillige Miene die Stufen
hinunter zu der Tr, die aussah wie ein wackliger Kleiderschrank,
schritt sie vorsichtig, um in keinen Kot zu treten; mit
Selbstberwindung nahm ihre wei behandschuhte Hand den Griff . . . Der
Bruder ging mit ihr aus, er fhrte sie zum Essen. So wenige Augenblicke
wie mglich sollte sie in der Hhle der Armen sein. Eines Abends dann,
als sie das Zimmer im Erdgescho betrat, fand sie es neu mbliert, in
Wei, mit rosa Vorhngen am Bett und ber dem Toilettenspiegel. Eine
Minute staunte sie; dann wandte sie sich um, in der Tr stand der
Bruder; und er sah, sie hatte mit ihm Mitleid. Da wute er, nichts half
mehr, und seine grte Furcht, eben jetzt, da er auch dies noch gegen
sie versucht hatte, traf sie ein.

Seine Schwester umarmte ihn, als dankte sie. Aber er wute, sie erbat
Verzeihung und nahm Abschied. Er wollte nicht heucheln. Geh nicht
fort! sagte er rauh und so flehentlich. Ihre Augen waren voll Trnen,
ihre Goldaugen; sie stammelte:

Wenn ich knnte. Der Weg ist so weit. Am Abend die Arbeit dauert oft
lange. -- Im Schluchzen kte sie ihn: damit er dies hinnehme, nicht
frage.

Drunten an einem geffneten Kellerfenster sa er und horchte, ob bei ihr
es still wrde. Der alte Gellert schimpfte, weil es ihn fror im Bett
. . . Und als es still war droben, begann er schon auf ihr Erwachen zu
horchen. Noch lngst nicht Tag, -- war dies ein anderes Gerusch als das
vom Wind, steknacken oder dem Rieseln in den Wnden? Doch! Die Tr
geht. Im Garten springt ein Kiesel. Auf, ihr nach! Hasten, fliegen
wollen und das Gefhl haben, du steckest im Boden, nie mehr erreichest
du die, die fortgeht.

Das Gitter fllt, sie hrt den Verfolger, sie luft . . . Ein Sprung, er
hlt sie. Auf der Landstrae, kalt und noch vor Morgengrauen, standen
die Geschwister und suchten ihre Gesichter, das Leiden und den Ha
darin, um die sie wuten, die sie nicht sahen. Der Bruder griff nach der
Schachtel in ihrer Hand, sie zerrten. Er, im zerren:

Du grade, fr die ich es tue -- alles tue. Sie verleugnen mich, sie
gehn mit Heling. Du aber mit dem Sohn.

Nein! schrie sie entsetzt.

Ich wei, wohin du gehst in der Stadt. Du bist schon nicht mehr im
Geschft, keine Arbeiterin mehr, du bist --

Leni, beschwrend dazwischen:

Es ist alles nicht wahr!

Du bist seine Hure!

Sie schluchzte, ein letztes Mal. Pltzlich hart: Dann ist es wahr
. . . Jetzt la mich!

Sie ging; aber er blieb an ihrer Seite und beschimpfte sie weiter. Sie
antwortete.

Betrger du! Betrgst die Leute um ihr Leben. Ich soll wohl werden wie
Malli?

Da schlug er nach ihr, aber schlug in die Luft. Dort lief sie, nur noch
ein Schatten in der Nacht. Er rief ihr nach: Du hast mich immer nur
belogen, -- machte kehrt und redete doch weiter, als sei sie noch da.

Aber sie war fort. Fort das Rascheln hinter ihm, wenn er vertieft sa.
Vorber die Begegnungen, er auf dem Weg zu einer Stunde, sie zu einer
Kundin, und zwei Straen weit gingen sie zusammen. Kaum ihren Rcken
fing er jetzt auf, schon war sie dahin um die Ecke. Dahin, tdliche
Verrterin! Dahin, se Schwester! -- und er sa in dem Zimmer, das sie
verschmht hatte und an dem er abzahlte, sa und wollte nichts wissen,
als was in diesen verachteten Bchern stand.

Er verachtete die Bcher, welchen Ersatz konnten sie ihm noch bringen
statt der Verlorenen, welche Rache ihn lehren fr ihr Geschick! . . .
Damit nicht alles umsonst sei, sorgte er besser fr seine zwei jungen
Brder, gab Unterhalt und Lehrgeld, wenn sie nur hinausgelangten, dieser
in einer Buchhandlung, der andere als Monteur. Sie sollten ihm nicht
sagen, wie Leni, er betrge sie um ihr Leben. Da allen sein Werk zu lang
whrte, -- diese beiden mochten kleine hartherzige Brger werden und
Pfennige fuchsen. Er sah, nichts anderes ersehnten die Genossen, alle,
wie sie waren, fr nichts anderes lebten sie. Die Gerechtigkeit? Das
Glck aller? Ein gefllter Bauch war ihnen lieber. Nicht einmal,
wahrhaft zu hassen, seid ihr stark genug! Gehat htten sie den Heling?
Und er braucht nur das Wort Gewinnbeteiligung hinzuschreiben, da glauben
sie so gern ihm, wie vorher mir. Erfahre, armer Mensch, da du zwecklos
kmpfest! Sie brauchen dich nicht, viel lieber wollen sie betrogen sein.
Was immer du tust, mach ab mit dir und deinem Ha. Du hast nur ihn.

Das Gewissen sagte ihm, er verleumde sie; ruchlos und verstiegen sei die
Forderung, sie sollten, nur um seinetwillen, alles hinwerfen, streiken,
hungern. Er selbst hatte es ihnen widerraten, und wartete dennoch
darauf. War die Schuld bei seiner Beschftigung? den Bchern, die nicht
vom Brot, immer nur von Ideen wuten und ihn langsam abtrennten von
seiner Klasse -- ihn in seinem brgerlichen Zimmer, seinem schwarzen
Rock, ihn mit seinem Denken, das keinen Ausgleich mehr hatte durch die
krperliche Arbeit . . . Kein Arbeiter mehr! -- und er fing an, ihnen
auszuweichen. Heimkehrend aus der Stadt von seinem Broterwerb, drckte
er sich in den Garten, in das Haus, und hrte nicht, riefen sie ihm
nach. Er sah den Heling um das Haus Klinkorum her gewisse verdchtige
Wege gehn, aber ihn verlangte es nicht, ihn abzufangen. Er eilte vorber
an Buck, den er nicht achtete, an den Genossen, die ihn im Stich lieen,
und vermied trotzig die Begegnung mit dem jungen Hans, so oft auch das
Brschlein ihm nachlief oder an seine Tr klopfte. Einmal verlegte es
sich darauf, durch die Tr zu sprechen; Balrich hrte: Leni; da
vertrieb er es, mit einem Unflat geschriener Worte. Nachher dachte er:
Schade. Es war ein gutes Brschlein. Aber die Leidenschaft seines
Menschenhasses war strker. Er erinnerte sich wohl des jungen Blonden in
dem Irrenhaus, der ihm gesagt hatte: Lieben Sie denn? Er wollte es
nicht; und er glaubte sich strker so.

Da kam im Dezembersturm seine Schwester Malli, brach ein bei ihm, schlug
um sich, fiel hin und heulte zum Entsetzen. Geschehen war es mit der
Liesel und dem Alten. Eben noch ein Kind, und jetzt? Wir waren doch so
gut daran hier! jammerte Malli. Jetzt mssen wir fort. Diese Worte
erbitterten ihn mehr als das andere.

Er ging mit hinunter. Das Kind war davongelaufen, der alte Gellert hatte
sich ins Bett gelegt, spielte den Kranken und sprach weinerlich. Reiche
mir doch nur den Wacholder her, sonst ist es aus, -- und die Mutter
mute ihn mit Schnaps trnken. Da Balrich gegen ihn losbrllte, verkroch
er sich vollends unter das karierte Bett; nur seine trnenden uglein
zeigten sich noch, und er wimmerte: Wei schon, ihr seid herzliche
Leute, haltet euch zum alten Gellert und rhrt euch nicht fort. Er
zwinkerte sie an. Gebacken und gebraten zusammen, da drckt jeder ein
Auge zu.

Balrich spie nach ihm, der Alte duckte den Kopf in die Federn. Balrich
schrie: Fr deinen Stall hier, wenn wir fortziehen, schaffe ich uns
noch eine Menschenwohnung.

Gellert sagte zerknirscht:

Das wird wahr sein. Auch Arbeit schaffst du der Malli, dem Dinkl, und
dir deine Stunden. Wen geht es an? Wer hat dir geschenkt so lange? Doch
nicht der Buck, der arme Herr.

Er zwinkerte nur; Balrich aber, erbleicht, stand mit Mhe noch fest.

Nimm ruhig den Stuhl, sagte der Alte und kroch aus dem Bett, wobei es
sich erwies, da er angekleidet war. Er streckte die langen Beine von
sich, das Greisengesichtchen mit den violetten Sprngen zeigte wieder
Mut. Listig gab er zu verstehen: Fr den alten Gellert hat aber mancher
ein Herz brig, nicht ihr blo. Der liebe alte Gellert braucht nur
einmal seinen Namen zu schreiben, dann hat er Geld bis an das Ende
seiner Tage.

Balrich, die Fuste geballt, strzte vor, der Alte wollte zurck in das
Bett; aber Balrich packte ihn an, er schttelte ihn. Tu es doch!
Verrate uns! Verkaufe dem Heling unsere Rechte! Liefere sie aus, deine
Klassengenossen, und zieh ab mit dem Blutgeld!

Gib acht, was du selbst tust! Der Alte hhnte noch im Ersticken: Wenn
erst die liebe Seel entfleucht, was habt ihr dann?

Balrich stie ihn fort, beide brachten sich in Ordnung. Der Alte, mit
chzen:

Der Buck, der Klinkorum, alle die Herren wollen es dem Heling
anstreichen. Stelle dich nicht dumm, die sind es, die machen dich zum
Advokaten. Ist aber der alte Gellert tot und sein Recht verfallen, wozu
noch der Advokat.

Balrich ergab sich; ja, er wute es, htte er es noch niemals sich
eingestanden. Gebrochen wich er gegen die Tr zurck, -- sie sprang weit
auf im Sturm, Herbesdrfer und Polster kamen, sie wollten den Balrich
hier berraschen. Schon hatten sie drauen gehrt von einem Krach im
Hause Dinkl, die Kinder drauen schwatzten.

Und Dinkl! jammerte Malli, in neuem Entsetzen. Wenn er draufkommt,
erschlgt er mich.

Sie wollte sich anvertrauen und Trost suchen bei den Gsten; aber
Gellert, wieder ganz auf der Hhe, warf sie hinaus.

Sogleich fragte Herbesdrfer: Was wird jetzt?

Balrich, die Hnde in den Taschen, lehnte neben der Tr. Er fragte
schlaff: Womit?

Herbesdrfer, aufschnellend: Mit uns! Mit unserem Recht!

Balrich betrachtete ihn von unten. Polster indes, stattlich und
gefestigt wie er dastand, erwiderte:

Was, Recht. Die Menschen sind was sie sind, und wie einer sich bettet,
liegt er.

Hhnisch sagte Balrich: Sehr richtig, und dachte an die Polster.
Herbesdrfer hielt sich allein an Balrich. Hinter seinen runden Brillen
stierte er fanatisch. Du mut handeln! Alle fallen ab. Sie wissen es
schon wieder nicht anders, als da ein Elend sein mu. Wozu hattest du
sie aufgebracht!

Balrich hhnisch: Die Gewinnbeteiligung!

Ist das wirksamste Mittel, -- setzte Polster ein, und er sagte den
Anschlag her; auch erluterte er die Folgen. Wir werden uns stehen, als
ob jeder einzelne ein eigenes kleines Geschft htte, -- und dabei keine
Verantwortung.

Euer Traum, sagte Balrich. Herbesdrfer stammelte wild:

Htte kein einziger eine Verantwortung, du, Balrich, hast sie! Soll
Betrug und Schmutz sein wie vorher? Eher -- er stierte und stammelte --
mut du, Balrich, die Fabrik anznden.

Balrich stie sich von der Wand ab und stand.

Dafr habe ich nicht gekmpft, sagte er drohend. Herbesdrfer war
erstaunt.

Nicht fr uns?

Lat es euch gesagt sein, meinen Weg kenne ich, was schiert mich euer
ganzer Betrieb. Damit ging er hinaus.

Verrter! rief Herbesdrfer ihm nach.

Vernnftiger Mensch, sagte Polster.

Balrich, in der Jacke und barhuptig, drang vor gegen den Sturm. Die
bekommen mich nicht, sagte er laut. Ich, anznden und in das Zuchthaus
fr die? Sie mchten mich ganz fortschaffen, das ist es. Ich stre sie
in ihrer Zufriedenheit; da schicken sie mir den Pinsel Herbesdrfer. Er
lachte auf. Das glaube ich euch, auch euer Genosse Heling wrde mich
gern fortschaffen, ich komme ihm noch auf seine heimlichen Gnge.

Da stie er an jemand. Der alte Dinkl war es. Zerfranzter Umhang
flatternd im Sturm und am erfrorenen Finger das Blechgef, schlich er
sich in die Kantine, betteln. Sein Hut flog fort bei dem Anprall,
Balrich sprang und brachte ihn, -- ein kleiner alter Hut, so schlecht
wie die weggeworfenen in den Grben, aber schwer, sonderbar schwer:
Balrich begriff, von dem vielen Staub, der dem alten Dinkl an den Kopf
geweht war auf den weiten Straen und sich vermischt hatte mit dem
Wasser, hervorgetreten aus seinem Kopf. Der Greis sagte demtig:

Viel Ehre, Herr; -- und Balrich erinnerte sich, als er ein Junge war,
hatte dieser ihn einst geschlagen. Da sagte er: Ich habe Geld fr Sie
von Ihrem Sohn, und gab ihm, was er bei sich trug. Weiter irrend dachte
er: Sie sind zu elend, was will ich von ihnen. Wir sind viel zu elend,
wer darf fordern oder rechten.

Er sah, er war wie alle. Nicht seine Sendung hatte ihn anders gemacht,
die Prfungen nicht, noch der Kampf des Geistes. Geklammert bleibst du
an die Not des Lebens, Armer. Dir ist versagt der Aufschwung, dich zu
opfern, Armer. Bevor du dich emprst, mssen vor dir und hinter dir die
Gewehre starren und die Wahl mu heien: sterben oder sterben. Sonst
lebst du weiter von jedem Brot. Sie werfen es dir hin, du darfst nicht
fragen, wer und woher. Wozu wirft der Buck mir das Brot hin, bezahlt
den Klinkorum und den Gellert? Einen Versuch macht er, ein Kunststck.
Denkt sich, was heit Kampf oder Recht oder Sieg; aber es rgert
manchen, und ein Arbeiter soll Jurist werden. Dann werden wir sehen, was
noch brig ist von seinem Ideal.

Er schrie in den Sturm vor Qual.

Das Ideal im Hause Gellert! In sauberen Pftzen schwimmt es. Vor gar
nichts mu es den grausen, der es herausfischt.

Von den Schneefeldern sauste ihm eisige Nsse entgegen. Dahinten im
Arbeiterwald entschwand eine Gestalt, -- kaum streifte er ihren Umri.
Er ging, verloren in seinen Zusammenbruch.

Zwei Jahre bald, da fand ich hier die arme Thilde. Sie hatte viel
Kummer; ich machte sie glcklich. Das war etwas. Seitdem, was hab' ich
vollbracht?

Er besann seinen Kampf und wie er nun stehe. Gut, sagte er grimmig,
wenn man genug hat am Trumen. Die Wirklichkeit aber? Der feste Boden
zum Kmpfen? Ein altes Stckchen Papier in meiner Brusttasche ist alles;
das soll zum Schwert werden und die Welt niederringen, zum Evangelium
und sie umwlzen. Alle die Mchte, aufgetrmt zwischen ihm und dem
Feind, sie erschienen ihm erst jetzt leibhaftig. Dort hindurch! -- und
du bist nichts, als der verstobene Funke eines Gedankens.

Er stand, hielt sich den Kopf und sthnte. Was war es mit mir? So
hatten sie recht, da sie mich dorthin schickten, wo der junge Blonde so
mitleidig war, mir meinen Wahn zu erlauben? Namenloser Wahn!

Er rang um den Glauben, der ihn verlie. Er erblickte ihn unter den
Zgen Lenis, und sie wandte sich ab. Geh nicht fort! rief er wieder,
die Arme hingereckt. Aber auch dieses Mal ging sie.

Am Waldrand die kahlen ste kreischten im Sturm; erst drinnen ward es
stiller: kalte Moderluft; den Schritten widerstand die zhe Masse
verfaulten Laubes. Dort unten der See, dnn beeist, und im Wind auf
seiner Decke kreisend Bltter und schwarze Zweiglein -- kreisend und
dann verschwindend in den Lchern. Da streifte in solcher Wste sein
Blick einen menschlichen Umri, Thilde; -- er hatte sie nicht erkannt
vorhin und doch schon gewut um sie. Die Bank war schwarz von Nsse, an
dem Pfad beim See. Sie hatte, zusammengekrmmt, ihr schwarzes Tuch bis
ber das Haar gerafft. Auf der grauen Flche des Eises erschien ihm ihr
graues Profil. Bleichen Himmel um sich, standen Bume darin wie
Trauergste.

Er wollte rufen und tat es nicht, sah sie Schultern und Knie noch tiefer
beugen, und wollte es nicht glauben. Jetzt sank sie zu Boden -- bog die
Arme und lie das Tuch entgleiten, schaudernd, als wrfe sie mehr ab.
Der Wind trug es ins Wasser; und sie, auf die Brust gelegt, rutschte
hin, wie aus Durst, oder als glaubte sie, dort sei ein Bett.

Er lief; er meinte auch, da er schreie und nur der Wind mache, da sie
nichts hrte. Hinab warf er sich den Abhang, fiel in eine Grube voll
braunen Schnees, arbeitete sich hervor, strzte dahin . . . Ihr Gesicht
und auch schon die Brust waren im Wasser gelegen. Eissplitter hatten ihr
die Wange zerschnitten. Er brachte sie zu sich, zog unter der Jacke
seine Wollweste aus, trocknete und bedeckte sie, fhrte sie zurck auf
die Bank. Ihr breitknochiges, hohles Gesicht blickte unbeteiligt, noch
nicht zurckgekehrt von dort. Er nahm ihre harte, kalte Hand. Er starrte
dorthin, wie sie; so saen sie lange, stumm. Leise sich nhernd legte er
ber sie den Arm und flsterte rauh:

Tu mir es nicht an!

Dir? sagte sie, aufstehend. Aber er mute sie sttzen. Kaum auf ebener
Strae, machte sie sich los von ihm. Er sah an ihr hin und sah sie
verndert, die Brust gesunken, den Leib hoch zugespitzt.

Darum? fragte er.

Darum, sagte sie gradeaus in die Luft. Es sollte nicht hungern. Es
sollte nicht schlechter daran sein als das andere, im Friedhof.

Hungerst du denn, Thilde?

Du wolltest es nicht wissen, sagte sie hart, -- und er senkte die
Stirn, er trat fort von ihrer Seite. Ich bin ihr ausgewichen. Ich wollte
es nicht wissen, da auch sie entlassen war um meinetwillen und Not litt
mit dem Kind, das von mir ist. Ich handle wie mein rgster Feind, ein
Bourgeois handelt nicht schlechter. Was wird aus mir!

Er fand kein Wort, das zu sprechen er wert wre. Sie langten an bei der
Htte auf weitem Feld, da fiel sie nieder. Er trug sie auf das Bett
unter der Treppe, wartete sie und blieb, bis sie schlief. Er ging Essen
zu holen, gab den Hausleuten Geld und versprach ihnen mehr. Alles ihr.
Er hatte nicht zu arbeiten fr die, die gegangen war, noch fr jene, die
ihn verrieten, und auch fr sich nicht, seit er ohne Glauben war. Fr
diese.

Sie war erwacht und hatte gegessen, da sagte er: Ich will dich
heiraten, Thilde.

Sie blieb hart. Das tust du nicht. Er sagte es bittend noch einmal.
Zuletzt ergab sie sich, ward sanft, weinte, und nun mute er schwren,
da er sie liebhabe. Er schwur es, und sie nahm es hin. Dann ging er, im
Herzen gewi, da er gelogen habe und, vollends der Liebe verlustig,
verdammt sei zum Ha.

Eines Abends, frher in der Dunkelheit heimkehrend, stie er auf
Heling. Der Generaldirektor in Person stand wartend im Garten
Klinkorums. Sein Auto hielt neben dem Haus, im Schatten der Mauer, als
htte er es versteckt. Einen Zweiten sah Balrich verschwinden, er
dachte, es sei Gellert, schon wieder habe der Reiche ihn versucht. Auch
fiel es ihm ein, da letzthin in seinem Schreibtisch, wie er heimkam,
die Papiere anders lagen als er sie gelegt hatte. Er trat drohend ein.
Heling, wider Erwarten, drckte sich nicht, er kam entschlossen unter
dem beschneiten Busch hervor und keuchte:

Mensch, wie lange treiben Sie sich hier noch umher?

Und Sie, Mensch? erwiderte der Arbeiter und ging den Weg weiter, als
stnde niemand darauf. Heling taumelte unter seinem Anprall in den
Busch zurck, -- indes droben ein Fenster klirrte. Die Stimme Klinkorums
erscholl: So ist es nicht zu machen, Herr Geheimrat, rief sie, -- und
aus dunkler Hhe, aber einen ungewissen Glorienschein um das redende
Haupt, tnte sie fort, in eintniger Gre.

Der Reiche hat sich vergriffen am heiligsten Menschentum -- und will
nicht einmal bezahlen.

Doch, rief der Reiche.

Aber nicht reell, tnte die unerbittliche Richterstimme. Darum wehe!
Der Rcher steht hinter dir!

Die Stimme sagte du. Auch Balrich ward von ihr geduzt.

Du aber, mein Rcher, packe zu, pack ihn an! Dies wartete der Reiche
nicht ab, er nahm Reiaus.

Balrich sah jh: Auch um den steht es nicht gut. Er hatte gemeint, das
sei ein Sieger, -- da er selbst doch besiegt war. Aber sind wir besiegt,
wenn der Sieger Furcht hat? Der Heling hat nun die Gewalt, ich bin
verlassen, ihm glauben sie. Nur glaubt er sich selbst nicht. Die Sieger
wissen, sie bleiben es nicht. Sie mssen immer schlechter werden, damit
sie es eine Weile noch bleiben. Abhngen von Gellert und mit Klinkorum
einen dunklen Handel haben: sieht so der Sieg aus, um was kmpft man?

Indessen glhte es auf, durch den kahlen Garten, als brche Feuer aus.
Klinkorum strzte auf seinen Balkon hinaus, und Balrich, der umkehrte,
sah es lodern ber die Wiese her: Fackeln. Da schmetterte auch
Blechmusik los, zum Empfang des Autos; denn mit vielem Schnauben hatte
es sich aus dem Feldweg losgearbeitet und kam zum Vorschein. Es fuhr
langsam, voran die Musik, und die Fackeln umringten es. Welch sieghafter
Anblick; Heling, aus dem Wagen heraus den Zylinderhut hebend und sein
berall hin dankendes Gesicht, glutberflogen wie von den Brnden einer
Schlacht! Die Arbeiter, grell ausgeschnitten aus der Nacht, mit toten
Schatten unter den Wangenknochen und hlzern klappenden Mndern,
brllten ihm zu. Vorn brllte Jauner, und Polster hinten, in der Mitte
aber brllte der Sohn Kraft. Eine geschwenkte Fackel warf Streiflichter
in sein wankendes Gebi, in die Nasenlcher, geblht, um den Geruch
dieser Menge von Mnnern aufzunehmen, -- und wohin verlangten seine
verstrten Augen? Zu Balrich; ihn suchte er, ihm winkte seine schwache
Hand, ihm selbstvergessen jauchzte der Sohn Kraft . . . Abgesehen, ich
wei, ist es auf mich, sagte Balrich. Die ganze Mache doch nur auf
mich! Das Gebrll um den Heling verfing sich in dem der Musik, Takt
ward das Stampfen, dahin zog Heling, welch sieghafter Anblick!

Jemand war im Schatten zurckgeblieben, Herbesdrfer; er trat zu
Balrich. Da hast du es, stammelte er wild. Du hast ihm kein Feuer
machen wollen, jetzt machen die es ihm. Einen Fackelzug dem edlen
Spender der Gewinnbeteiligung. Was willst du tun. Mit den niedrigen
Lhnen beziehen sie heute mehr als sonst mit den hheren. Da fhrt er
hin auf sein Frstenschlo und hat uns alle in der Tasche.

Da hat er etwas Rechtes, sagte Balrich und trat fort, in die Nacht,
die sich schlo.

Der Generaldirektor hielt noch, von der Terrasse seiner Villa Hhe, ein
berauschter Herrscher, die Ansprache, befahl Bier fr alle aufzufahren
in den Rumen der Dienerschaft und rhmte noch feierlich vor den Seinen
das Hochgefhl der Verantwortung, die er trage. Dann aber, er hatte mit
seinen Shnen die Runde gemacht und im Haus nach den Selbstschssen
gesehen, schlo auch um ihn sich die Nacht.

Er lag im Bett und geschwellt bedachte er, da die Liebe des Volkes wert
sei was sie koste. Ergreifend diese Menschen in ihrem Vertrauen, die
Gewinnbeteiligung werde dauern, das Leben friedlich und glcklich
bleiben. Ach! so war es nicht gewollt von Gott. Ich wre reif, erledigt
zu werden, verstnde ich mein Interesse so schlecht. Was sie sich
wnschen, wrde das in meiner Person verkrperte Ganze verzwergen, ich
aber bin von meinem Gewissen verpflichtet, es zu erweitern, immer zu
erweitern, mag der einzelne bestehen oder nicht. Was zhlt, ist nur das
Ganze; das Ganze um seiner selbst willen; und ich bin das Ganze.

Dem einzelnen, erklrlicherweise, machte allein der Zwang dies
begreiflich. Waren jene groen Kinder ergreifend, nicht weniger waren
sie gefhrlich, denn der Glaube an Frieden und Glck ist uerst
gefhrlich. Sie waren, bis sie verstanden was nottat, noch rauhe Wege zu
fhren, vielleicht blutige. Inzwischen trage der Verantwortliche Sorge,
ihren Wahn einzuschlfern durch eine Gewinnbeteiligung. Schon haben sie
den Aufwiegler vergessen -- vergessen den, der ihnen das Ganze
versprach, und das Ganze als Mittel zum Frieden und Glck!

Der Generaldirektor drehte das Licht an und ab, es half nicht, er selbst
verga nicht jenen. Dahinten sa er, ein heller Punkt in der Nacht, sa
wach und arbeitete fr den alten Brief in seiner Tasche. Ein Wisch
Papier, zum Lachen wertlos vor der angesammelten Macht, die besteht, --
aber wenn Tausende eines Tages in seinem Namen das Recht anriefen, was
gab es dagegen? Es gab die Aussperrung, v. Popp, das Zuchthaus. Das war
nicht genug. Er hatte immer geglaubt, es sei genug, -- bis jener kam.
Der mute fort, um jeden Preis. Freilich, Klinkorum, der ihn
beherbergte, erriet die Lage und verlangte fr seine Baracke jetzt einen
Betrag, -- wer ihn bezahlt htte, gestand offen ein, er frchte sich
. . . Aber er mute fort zum Heil des Ganzen, und damit nicht lnger ein
Phantom umgehe, das sie Recht nannten -- ungreifbar, verderblich den
Gemtern, wesenlos vor der Macht, die besteht, und dennoch sie lhmend.

Grausig, trumte chzend der Generaldirektor, als sie noch ihr Geheimnis
behteten, mystische Sage vom Erbrecht der Enterbten, berliefert durch
einen alten Tunichtgut, vertreten von dem Arbeiter, der Latein lernt.
Man ging wie auf geladenen Minen, kein Schritt ohne Angst. Jetzt wissen
wir. Die Minen sind entladen, der geheime Feind ein Nachhilfslehrer im
blanken Gehrock. Die Welt kann nur die Achseln zucken, wrdest du
glauben. Statt dessen --

Statt dessen! sthnte der Aufgeschreckte; -- und er sah Gesichter,
hrte Stimmen, er kmpfte in seinem zerwhlten Bett gegen den Alpdruck
der Gerchte, die ihm zugingen, den Stachel der Fragen, die man stellte,
gegen die Verleumdungen und ihren wrgenden Griff. Viel Feind, viel
Ehr'! Aber wenn jeder, der ihm die Hand drckte und noch der an seinem
Tisch zum Gichtkranken gewordene v. Popp ihn als bedroht hinstellte,
seinen Besitzstand anzweifelte und in Gausenfeld, diesem ehernen Fels,
nichts Festgegrndetes mehr sehen wollte: dann kam ein Augenblick -- und
war er nicht schon da? Bei den Verhandlungen ber groe Auftrge, ja,
mit den Behrden, gebrauchten die Gegner die Waffe, die jener Arbeiter
in der Tasche trug. In seiner eigenen Aktionrsversammlung war es
erwhnt worden. Dies war nicht Mystik mehr, nicht Utopie; die
Wirklichkeit selbst will dir an den Hals. Herangewhlt haben sich die
Feinde. Katilinarische Existenzen reien an sich, was heilig in deine
Hand gelegt ist, Besitz und Macht!

Der Generaldirektor warf die Decke ab und trank Wasser. Er wute
Bescheid um solche Existenzen und was die Begehrlichkeit, so arm sie
sei, vermag, -- die Lebensgier. Da bringt man die Beneideten wegen eines
Wortes ins Gefngnis und enteignet sie. Was du selbst gekonnt hast, wird
auch jener knnen! . . . Jetzt klapperte er, das Fieber kam . . . Damals
warst du jung, jetzt ist er es. Der Feind schwingt das Messer, was
rettet dich noch. Komm ihm zuvor, kein Mittel, das nicht gut wre!
Bluten soll er! Auf ihn!

Der Generaldirektor drckte den Knopf, er lutete Sturm. Indes im Hause
ein Laufen begann, wappnete er sich mit der geballten Seidendecke,
schwang ein Rasiermesser und brllte Auf ihn! Frau und Shne, die ihn
in ganz erschpftem Zustand vorfanden, schickten zum Arzt. Das Auto
raste.

Balrich, wach sitzend, hrte es rasen, sein Lichtkegel fiel in die
Finsternis und zerfiel, -- und so schnell und so klar wute Balrich:
jetzt ngstigt sich der Feind. Dies gilt dir, -- wie zuletzt nur dir der
Fackelzug galt. Der Reiche hat alles fr sich, er liegt auf dem Grab der
Gerechtigkeit wie ein Tier aus Stein, zu schwer, um es fortzuwlzen.
Aber das Tier, obwohl aus Stein, hat Angst, gern wrde es dir dein Recht
abkaufen. Ihm war es ernst mit den Hunderttausend, die er bot; ich kann
sie haben.

Da stand er auf und drckte sich in den Winkel. Das Recht deiner Brder
verkaufen, -- dahin fhrten dich deine Zweifel. Zum eigenen lichtscheuen
Vorteil! Fr das Recht nicht mehr kmpfen, es nur gebrauchen wie einen
Dietrich -- und sein, wozu sie dich machen, ein Erpresser! . . . Er
hielt sich die Stirn. Das dachte nicht ich! Aber ich mu doch schlau
werden wie er. Ich kann ihm eine Flschung verkaufen, oder kann heimlich
Zeugen bestellen zu dem Handel, dann halte ich ihn. Jedes Mittel ist
gut. Das Messer in seinen Bauch!

Die Nacht inzwischen verging, die auch dem anderen verging.

Am Tag in der Stadt hatte Balrich wieder einmal den Hans Buck hinter
sich, das Brschlein lie sich nicht abschtteln. Ich kann dir etwas
verraten, sagte es. Er hat Angst.

Lassen Sie mich in Ruhe! verlangte Balrich. Das Brschlein sagte
trotzdem Du.

Es geht dich an. Er gibt her, was du willst.

Er soll nur hergeben, was mein Recht ist.

Hunderttausend Mark hat er wieder gesagt.

Balrich fuhr auf. Du lgst! worauf das Brschlein befriedigt lchelte.

Du weit es also noch. Nimm sie!

Rauh drohend sagte Balrich: Auf solche Gedanken kommt nur ein reiches
Brschlein. Haerfllt gegen seine eigenen Nachtgedanken stie er
hervor:

Diebe seid ihr, jeder fr sich. Mein Recht ist das Recht aller!

Da ward der Sechzehnjhrige rot und sagte fest:

Sei nicht zu stolz! Du sollst noch sehen, ob ich schlechter bin als du.
Ein Enterbter bin ich auch, und ich hasse den Heling. Du aber --

Er reckte sich.

-- kannst nur noch hassen. Du liebst niemand.

Jetzt versuchte Balrich nicht mehr zu entkommen, er ging ganz langsam.
Nicht einmal sie, sagte leise der Knabe.

Hast du sie gesehen? fragte der Bruder, auch leise. Geht es ihr denn
schlecht?

Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging
vorber. Der Knabe flsterte jagend sein brnstiges Geheimnis.

Ich wrde fr sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie
noch kein Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe,
zittern mir die Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorber --
da lauf' ich, will sie packen und forttragen. Um vier Jahre lter zu
sein als ich bin, gbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weit noch
nicht, was ich tue. Nachts schleiche ich mich in das Haus und liege vor
ihrer Tr.

Sie lt dich nicht ein? fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte
fr sich.

Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Mbel und Kleider. Er
gibt ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der
Schuft. Im Gedrnge kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines
Kleides und habe es mit meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat
sie mich umarmt.

Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.

Dann hat sie mich fortgejagt.

Warum? fragte der Bruder. Der Knabe machte pltzlich lange Schritte.
Ich wei es nicht, sagte er hastig, -- aber er hatte es vor Augen, wie
sie ihn fortstie und ihm nachrief: Dich kann ich nicht brauchen, du
hast nichts! . . . Er sagte:

Weil ich bezahlt hatte; -- und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm,
als kte er sie.

Pltzlich mit Zorn: Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst
es ihr nicht. Was weit du also!

Dabei lief er schon, -- lief davon. Der Zurckgebliebene dachte: Wei
ich denn nichts? Das Brschlein wte mehr? Es spricht, als habe es den
Trojanischen Krieg gesehen, und sei selbst ein Held, der fr Helena
stirbt. Was ntzt es Leni . . .

Aber alle sind fr sie in die Unterwelt gestiegen, Ajax, der so stark
war, Hektor, der so schn war, -- und endlich kam wohl auch sie. Soll es
nicht fr sie sein, wozu dann all mein Bemhn!

Er sah, es war schwer, lange, lange und gar das Leben lang nach einem
Gedanken zu zielen, und inzwischen, abseits von unserem einzigen Weg
altern und verderben die, die wir lieben sollten. Der Versucher kam
nachts, er sagte nur immer, da es kein Recht und kein Gewissen gbe vor
dem Leben, seinem und ihrem. Bei Tage, neu erstarkt, frchtete er
einzig, sie wiederzusehen.

Nach Neujahr 1914 lie er sich zum letzten Mal von Klinkorum prfen.
Hiernach hielt Klinkorum ihn, ungewhnlicherweise, zurck, er lie sogar
Kaffee bringen; und dann erffnete er dem Schler, seine Gnner seien
besorgt um ihn. Er sehe beranstrengt aus und stehe nun vor dem Examen.
In den drei Monaten, die fehlten, habe er soviel zu lernen, wie andere
in dem ganzen letzten Jahr. Klinkorum wolle ihm keine bertriebenen
Hoffnungen machen. Nach seinen schulmnnischen Erfahrungen --. Hierber
verbreitete er sich. Als Balrich ihn unterbrach, schnappte er nach Luft
und sagte: Ach so. Sie bekommen ein Theaterbillett.

Was das solle? Zur Ablenkung und Auffrischung. Klinkorum wrde es nicht
empfohlen haben, aber die Gnner --. Welche Gnner? Nun, sie seien unter
den Vtern seiner jungen Schler. Balrich aber erriet wohl, wie immer
war es Buck. Vielleicht konnte auch Klinkorum dies nur erraten. Der
Professor rief ihm nach ber die Treppe: Auch einen neuen Anzug
bekommen Sie.

Neu gekleidet begab Balrich sich in das Apollo-Theater. Es hatte schon
im Vestibl geschliffene Spiegel nebst vergoldeten Stukkaturen, und
unter diesen die Hauptrollen spielten Kronen und Fllhrner. Der Platz
sodann, der ihm auf die Nennung seines Namens an der Kasse ausgefolgt
ward, war ein Balkonplatz, der teuerste im Hause, -- was ihn zuerst sehr
drckte, als sei es Hohn und Versuchung. Die Treppe war weich belegt und
ganz flach, man kam hinauf wie von selbst. Die warme Luft, schon im Gang
vor den Logen, duftete. Den Duft verbreiteten die Damen, die aus ihren
Pelzen mit nackten Schultern hervorkamen. Von weicher Hand wird dir der
Mantel abgenommen; sanft, hinter einer Tr, die nicht klappt, lt dich
der glatte Diener in deinen samtenen Sessel. Lau und wohlverwahrt wie im
Bade sitzt man. Ein jeder hier bewegt sich gelassen, niemals kann es ihm
fehlen. Die Herren im Frack erstiegen heimisch die Stufen zu den rot
gepolsterten Logen, sie kten den Damen die langen Handschuhe, und
wurden diese abgestreift, die bengstigend weien Hnde. Manche Dame
neigte sich so dreist hervor, als htte sie gar nichts zu frchten fr
ihre Ble; und an ihren langen Perlenketten spielten sie alle so satt
und unachtsam, als knnte in alle Ewigkeit niemand sie ihnen entreien.
Ihr seid nicht so sicher, wie ihr denkt, dachte Balrich -- und wich
ihnen doch aus, wenn sie das Lorgnon auf ihn richteten. Buck hatte ihn
wohl hergeschickt, damit er sich seine Opfer ansehe? Oder sollte er nur
irre gemacht werden -- irrer noch, als schon so vieles ihn machte?

An ihm wollte einer vorbei. Um Platz zu machen, stand er auf, fand sich
nicht schnell genug in die Lage und drehte sich um, -- was jener bel zu
nehmen schien. Er wartete, bis Balrich wieder Front machte und musterte
ihn mit toten Augen frech durch sein Monokel. Balrich zeigte finstere
Brauen und eine Faust, worauf der Herr, den Versuch zu lcheln in seinen
starren Mundfalten, weiter ging. Ihr seid reif, dachte Balrich. Doch
gut, da ich hier sitze, einer von uns, auf deren Kosten ihr euer
freches Leben fhrt. Das Orchester begann zu spielen in seinen Ha
hinein, das reizte noch mehr. Den leeren Sessel neben ihm wollte jemand
aus der Reihe ziehen, aber Balrich lag auf der Balustrade und rhrte
sich nicht. Na wollen Sie oder wollen Sie nicht? sagte da zornig eine
Stimme -- ihn lhmte der Schrecken -- die Stimme Lenis. Sie schob ihn
fort, da es krachte; hat man das erlebt, sagte sie, so kam sie auf
ihren Platz. Hier aber machte sie pltzlich Ach! -- und warf sich zur
Seite, als suchte sie zu fliehen. Inzwischen ging der Vorhang auf.

Da zeigte es sich, da die Bhne nur eine Fortsetzung des Saales war.
Zwischen feinen Mbeln bewegten sich dort dieselben Herren und Damen,
benahmen sich wie diese hier und redeten. Was sie redeten, schien fein
zu sein wie die Mbel, es schien feiner als es in Wirklichkeit bei
Helings gehrt ward, und war wohl auch unterhaltend und leicht,
wenigstens fr sie, die es so hurtig sprachen und verstanden. Balrich
folgte nur langsam, war immer in Gefahr, den Faden zu verlieren, und
kaum da er die Gefahr einen Augenblick berlegte, hatte er ihn wirklich
verloren. Ich stehe vor dem Abiturium, berlegte er; und ich habe
nicht nur gelernt, habe auch erlebt. Hat der Herr mit den Mundfalten so
viel erlebt? Dennoch kann er folgen. Sie haben etwas, das ich nicht
ersetzen kann . . . Eingeschchtert hielt er still, -- indes neben ihm
Leni immer unruhiger ward. Endlich wandte sie den Kopf nach ihm, zog ihn
aber zurck und sagte laut zu sich selbst:

Was ist hier denn los heute? Wo sind die Amerikaner?

Welche Amerikaner? fragte Balrich, bevor er es bedacht hatte.

Die komischen. Hier wird wohl jemand begraben?

Kann sein, sagte Balrich, um zu schlieen. Aber ihr schien das
Gesprch nun angeknpft. Sie sah ihn an.

Zu merkwrdig doch. Ich komme her, weil ich denke, hier ist noch das
Varit, sonst komme ich natrlich nicht her, -- und da sitzt du.

Auch er fand dies merkwrdig, mehr als sie es wissen konnte in ihrem
leichteren Herzen; aber da er sich nicht rhrte, mute sie weiter
versuchen. Wie das Leben spielt, sagte sie, schchtern lchelnd; und
sogleich, damit nur das Gesprch nicht einschlafe:

Bist du mir noch bse?

Auch er sah nun hin, in ihr Gesicht, das sie verfhrerisch machte. Aber
da erschrak es; sie sah, er weinte. Karl! rief sie unterdrckt. Nie
hatte sie ihn weinen gesehen. Und flehentlich: Wenn ich gewut htte,
so sehr geht es dir nach, ich htte es nicht getan.

Doch, sagte er und sah sie immer an. Aber nicht das geht mir nach.
Mir geht es nach, da ich dir nicht soll helfen knnen.

Sie begriff, er hatte erfahren, wie es mit ihr stand. Er fhlte, sie sei
nun gedemtigt. Beide ratlos, sahen sie auf die Bhne, wo mittlerweile
ein Herr und eine Dame aufeinander losgingen, bis er die Tr warf und
sie hinfiel.

Was haben sie? flsterte Leni. Sie sind doch reich?

Statt seiner Antwort fiel der Vorhang, -- und nun es hell ward, schrak
links von ihm jemand auf, er sah hin, eine Dame, halb alt und noch schn
-- wie die Frau Buck; und auch verstrt und schmerzensreich wie jetzt
diese, hatte die Mutter des Brschleins wohl schon ausgesehen . . . Leni
zog ihn am Arm und raunte:

Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.

Balrich berzeugte sich, da der Herr von vorhin ihn anstarrte.

Der ist hier, weil ich hier bin, raunte Leni. Ich brauche nur zu
pfeifen, sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die
Lippen. Er lchelte wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:

Du siehst, auf einen, der sich dnn macht, kommt es nicht an. Schnell
fragte Balrich: Dann liebst du den Heling nicht? Hierber erschrak
sie. Ihre schnen Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch
bevor sie sprach. Sie sagte aber, ergeben wie eine Magd:

Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich
reich bin.

Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.

Man wei doch schon viel, murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine
lange Weile, dann erst bemerkte sie, da die Musik lngst aufgehrt
hatte und da auf der Bhne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen
gingen durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer
Maschine, -- die man aber kennen mute. Jeder hatte mit jedem etwas vor;
und obwohl doch alles nur Worte waren, lauerten vorgeblich berall die
aufreibendsten Schwierigkeiten und Gefahren. Hrte man jenen Herrn mit
seinen Markzigarren, diese schmuckbedeckte Dame, es lie sich fr sie
kaum leben. Warum? Was wollen sie, fragte Balrich. Leni hatte wohl
schon Wind bekommen, sie erklrte:

Es juckt sie innerlich -- sie suchen einander die Flhe ab.

Dazu lachte sie hhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die
Dame, bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm
in das Gesicht. Leni, um ihn zu rchen, zischte zurck. Halblaut machten
sie sich so lange lustig ber die Alte, bis auch der zweite Akt aus war
und sie sich eilends davon machte.

Dies erhhte die Stimmung der Geschwister. Bin ich schn? fragte Leni;
und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie
schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, --
als spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre
Verehrer unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief berzeugt. Ob sie
schn war! Bedeckt die Hften und die Schenkel mit gestickten
Silberblumen, die Bste prahlerisch glnzend aus den Spitzen und
falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so freche Farben gehabt.
Der Bruder unwillkrlich schaukelte wie sie und trug den Kopf hoch.
Einige Gnse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu ihnen
gehrigen Hmmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine drohenden
Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester
sagte:

Ich kaufe uns Bier. Die Alte dort, mit dem massierten Busen, hat es auf
dich abgesehen. Sie denken, dich halte ich mir aus. Du kannst dein Glck
machen, worauf er leichtsinnig mitlachte.

Wir mssen grade so gemein werden wie sie, sagte die Schwester, in dem
spiegelnden Foyer, weithin reiche Leute. Du willst ihr Recht studieren,
damit du sie enteignen kannst. Auch ich tue nichts, was ihre eignen
Weiber nicht schon tun. Die Nichte des Generals --

Die Anklam?

Die hat eine andere Klaue.

Flchtig sah sie ihre geschminkten Ngel an.

Solche Rechnungen, bei Gott, hat er fr mich nicht bezahlt. Ich habe
ihm, zu meiner Strafe, die Quittungen gestohlen und lese sie manchmal.

Zweites Glockenzeichen, das Gedrnge lief ab, noch blieben die
Geschwister. Da sah er ihre gefrbte Lippe wanken, auf den schwarzen
Rand der Augen trat ein heller Tropfen. Hilfesuchend griff sie nach
seinem Arm, -- und ihm sagte ihr Zittern, dieser kurze Atem, die Hast:
sie liebt jenen Mann! Was immer sie tut, was aus ihr noch wird, die
Schuld hat der Mann. Nur ihn hat sie geliebt -- und hat durch ihn nun
schon ein Herz, das nur noch hat.

Brderliches Schicksal! Erschreckend wie ein Vorzeichen! Stumm
aneinander gedrngt hasteten sie durch den leeren Gang und kamen als
letzte auf ihre Pltze. Da fragte die Schwester noch einmal wie zu
Anfang:

Bist du mir noch bs? -- aber er hrte es diesmal, als fragte sie:
Jetzt, da du weit? Jetzt, da du sogar vorausweit?

Er ergriff ihre Hand. Auf der Bhne trugen sie nachgerade schon Trauer,
infolge von Schmerzen, die man nicht begreifen konnte, -- und waren sie
es wert, da man sie begriff? Meine Schwester, sah Balrich, liebt einen
Reichen. Er hat sie gehabt. Jetzt verlt er sie, denn sie ist arm
. . . Er stie hervor:

Er soll dich heiraten! Sonst --!

Was sonst? Sie lchelte erfahren. Auch ich habe schon auf ihn
schieen wollen -- erst heute frh. Und abends bin ich hier. Das Leben
spielt, sagte sie nachlssig. Er sagte streng:

Das soll es nicht. Komm heim! Du mut wieder heimkommen!

Und du, wrdest du wieder in die Fabrik gehen? Ich kann nicht mehr so
werden wie Malli.

Er wollte widersprechen, sie lie ihn nicht. Heirate doch Thilde! Er
versicherte, er tue es, aber darauf achtete sie nicht. Wir knnen uns
die Hand reichen! Hochtrabend streckte sie ihm die Hand hin. Er wandte
sich zornig ab. Bevor sie es sich versahen, war das Theater aus.

Was denn, machte Leni. Die Schauspielerin ist wirklich ins Wasser
gegangen?

Mit einem Autopelz, sagte Balrich. Damit es nicht so kalt ist.

Er wute, wie man ins Wasser geht. Es war zu schwer fr die Reichen
. . . Nun sie aber aufstanden, sah er rckwrts unter den Logen die Dame
noch sitzen, die ihn an Frau Buck erinnerte. Vor ihm und seiner
Schwester hatte sie sich dorthin geflchtet, sa als letzte noch da und
sah auf den geschlossenen Vorhang . . . Da sie nahe vorbeikamen: nein,
sie sah nicht, auch ihre Augen waren geschlossen, und aus den Lidern
hervor weinte sie.

Er brachte Leni zu einem Mietsauto. Sie sagte:

Nun, es war schn. Es war doch etwas anderes . . . Fhrst du nicht
mit?

Da er es ablehnte, sagte sie, wieder einmal demtig:

Also auf ein anderes Mal. Alles kommt, wie es mu.

Trotzdem wartete sie noch. In seine Augen sphend endlich wagte sie sich
heraus.

Du weit, wenn du vielleicht Geld brauchst --

Da sie die Antwort schon las, sprach sie schnell weiter. Obwohl erst
gestern bei mir der Gerichtsvollzieher war.

Sie lachte; und damit es ihr leichter sei, lachte auch er. So fuhr sie.

Balrich, nach Gausenfeld wandernd, das Gesicht zerschnitten von der
Eisluft, dachte: Warum weinte die Frau? . . . Die ins Wasser ging in
dem Stck, war eine Junge. Weinte die Alte, weil sie selbst einmal fast
gegangen wre? Oder im Gegenteil, weil sie nie den Mut gehabt hat? Was
fehlt ihr? Hat sie wirklich ihr ganzes Leben verfehlt, obwohl sie doch
reich ist? Eine andere Welt, dir unzugnglich; nur dieses siehst du,
auch die dort leiden. So wren sie denn nicht die Unwissenden, auf jeden
Fall Glcklichen. Was immer sie wirken oder tun, das Leiden wrde selbst
sie rechtfertigen, du hast es jetzt schwerer, ihre Vernichtung zu
wollen.

Da erschrak er tief. Du hast nun schon erfahren, da die Nchsten dich
verlassen und da es unmglich ist, mit ihnen eins zu sein. Du weit
schon, der Sieg -- der Sieg, fr den du doch lebst, bleibt immer
zweifelhaft und ist nichtswrdig. Du weit, dein Kampf hat dich nicht
besser gemacht. Jetzt sollst du auch noch lernen, da die Feinde so viel
Recht haben wie du . . .

Er war in seinem Zimmer, aber er machte nicht Licht, und noch im Dunkeln
verhllte er sein Gesicht. So stand es, so und nicht anders trat er
nchstens in die Prfung ein, jene Schulprobe, die fr die meisten vor
allen ihren Lebensproben liegt.

Fortan arbeitete er schwerer als sonst und um so heftiger. Er wollte
nichts wissen von den Schmerzen, die ihm den Kopf in Reifen spannten,
noch von den schlaflosen Stunden der Todesangst. Er sagte: Ich will
nicht wehrlos werden. Sie sollen mich nicht entwaffnen. Mgen sie
leiden, sie sind dafr bezahlt! Ihr Leiden ist nicht genug, sie mssen
gutmachen! Herausgerissen aus ihren Samtlogen, sollen sie werden wie
alle. Mit allen aber soll es besser werden. Vielleicht, im Grunde hat
dann auch die Dame es besser, die im Theater geweint hat.

Und nachdem er aufgetrumpft hatte und um sich gedroht in seiner
Einsamkeit, kam es endlich doch so, da er sich hinbeugte und weinte.
Auch er, wie jene Fremde, weinte, weil wir zu sterben nicht wagen, zu
sterben nicht einmal wnschen, wennschon wir erkannt haben. Beweine uns
Armen, und auch die Reichen! Du wendest nicht ihr Geschick, und unser
Elend ist unsterblich. Herausgerissen diese aus den Logen des bermuts,
werden andere sich hineinsetzen. Die Armut aber ist mehr, viel mehr, als
ein Gesetz der Wirtschaft; die Seele will sie.

Nie hatte er sich so schwach gefhlt, -- da sprachen drauen vor dem
Hause bekmmerte Genossen ihn an. Sie hatten, nach der ersten ppigkeit,
nun weniger mit der Gewinnbeteiligung als frher ohne sie. Das Geschft
ging reiend zurck. Sie waren betrogen und darbten wie nie.
Herbesdrfer verlangte den Ausstand, Polster wollte noch hoffen; wer sie
hetzte, war Gellert. Bedankt euch bei dem Balrich! Er hat euch die
Gewinnbeteiligung verschafft, er bringt euch noch weiter fort!

Balrich zuckte auf, er wollte rufen: Der Alte sinnt nur, euch zu
verkaufen! Aber er selbst? Worauf hatte er selbst schon gesonnen?
. . . Er stammelte demtig:

Ich habe mich wohl geirrt und es falsch gemacht. Wollt ihr, so gehe ich
und bitte den Heling, er mge es sein lassen wie frher.

Das wird uns helfen! murrten sie.

Er verhhnt uns noch! stie wie einen Tierlaut der Herbesdrfer
hervor. Sie drngten Balrich in den Feldweg, wo das Automobil des
Generaldirektors sich bereit gehalten hatte, damals fr den Fackelzug.
Der Jauner war da und stie mit. Gegen die Mauer warfen sie den
Verlassenen, sprangen zurck und hoben Steine auf. Nach demselben Stein
griffen Herbesdrfer der Fanatiker und der Spitzel Jauner. Balrich hielt
still und wartete. Aber Polster mit Dinkl ri ihre schon erhobenen Arme
herab.

Balrich trat wieder unter sie, mit der festen Miene, die sie kannten.

Sogar jetzt noch bin ich mit euch. Euer Recht habt ihr abgelegt und
mich verlassen.

Wenn unsere Kinder Hunger leiden! Ein feines Recht!

Polster, vernnftig und breitbeinig, fate ihr Geschrei in richtige
Worte.

Du, Balrich, denkst nicht mehr wie wir. Du hast etwas gelernt, brauchst
nicht zu sorgen, und willst durch dick und dnn, weil du eine Idee hast.
Wir aber sollen hungern fr deine Idee.

Nein! rief Balrich.

Httest du einem einzigen geholfen auf der Stelle, wir wrden mehr von
dir halten, als selbst wenn du uns alle endlich reich machst in zwanzig
Jahren.

Es ist wahr! riefen sie. Nimm, was du kriegst!

Da sagte auch Balrich: Es ist wahr; und zur Bekrftigung ging er mit
ihnen trinken.

Als Erster heraustretend aus der Kantine, stie er auf Napoleon Fischer.
Der Abgeordnete machte sein weltkundigstes Gesicht.

Da sind wir, sagte er. Ich mu den Karren aus dem Dreck ziehen, worin
Sie ihn verfahren haben, Sie junges Talent.

Er grinste, -- und Balrich sah ihn schon wieder auf der Tribne,
geschftsmig keifend, in seinem Herzen aber kaltbltig und ganz ohne
Glauben. Der Abgeordnete seinerseits hatte Balrich gemustert.

Sie haben wohl auch schon manches erlebt diesen Winter? fragte er, mit
einem falschen Blick.

Balrich nickte. Auch schon! Dies alles erlebte man demnach
blicherweise: Sendung, Verrat, Erkenntnis und Abdankung, -- bis endlich
du dich darein ergibst, nur eben dein Schfchen zu scheren, gewhnlicher
Mensch, der du bist . . . Er bumte sich auf.

Sie aber lgen! Sie halten uns Arme hin, und Ihr Geschft ist Tcke.
Sonst wrden Sie sagen: Glaubt nichts, aber handelt!

Napoleon Fischer lehnte ab.

Dann wre ich kein zielbewuter Sozialdemokrat, sondern gradezu ein
Anarchist.

Das bin ich! sagte Balrich.




VII

Ultima ratio


Die Kinder schrieen tosend vor dem groen Arbeiterhaus, rannten,
zappelten, prgelten sich; nur polterten sie nicht mehr gegen den Zaun
der Villa Klinkorum, denn die Planken waren jetzt bedeckt mit
Stacheldraht. Die alten Mnner, die nicht mehr arbeiteten, wrmten sich
an der Mauer, in der Sonne des Vorfrhlings. Dann wuchsen die Schatten,
die Greise verschwanden mit den Kindern, von der Arbeit kamen die, die
Kraft hatten; -- nur Balrich verharrte noch immer in dem feuchten
Garten, ging und stand, grbelte, horchte. Malli drinnen im Keller sa
beisammen mit Thilde, sie bejammerten das Geschick und wurden erzrnt,
bertnte sie einmal das Lachen der Kleinen. Der alte Gellert lachte mit
den Kleinen.

Da streckte Balrich den Kopf durch einen Busch; nun galt es, dort kam
er. Horst Heling kam daher, ohne Monokel, mit einem dummen Gesicht, und
sein Gang sah aus wie stotternd vor Verlegenheit. Dies war der Moment!
Balrich tat einen Gleitschritt, unvorhergesehen stand er vor ihm.

Sie haben mich erwartet, sagte er rauh. Frher oder spter. Jetzt bin
ich da und fordere. Heiraten Sie meine Schwester!

Horst Heling lchelte schlaff, als sagte er: Htte ich sonst keine
Sorgen! Dann gab er sich einen Ruck, sogar nach dem Monokel fate er
und bemerkte: Komisch, das mte doch ihr selbst einfallen.

Oder Ihnen, sagte Balrich. Denn Sie haben die Schuld. Er lie sich
nicht unterbrechen. Nur Sie! -- obwohl sie schon vorher nicht mehr
unschuldig war. Ein Reicher kann keine Unschuld verlangen. Aber was ihr
geschieht und was immer aus ihr wird, kommt alles auf Sie; denn Sie --

Die gekrampften Fuste hob er bis unter das Gesicht des Andern.

-- sind der, den sie liebt.

Horst Heling fuhr zurck. Sie sind auer sich, sagte er und wollte
weiter. Balrich, ihm nach mit einem Sprung, warf ihn an den Schultern
herum. Horst Heling war pltzlich tiefrot, den Angreifer stie er fort.

Achtung! Hier ist mein Stockdegen; -- und er zog ihn. Ich bin in
Notwehr.

Lump! sagte Balrich. Feigling! Mit Schimpfworten wich er vor den
gereizten Ausfllen des Feindes zurck, immer zurck, bis an die Planke.
Da, ein Schlag, der Degen klirrte und fiel hin, die Handgelenke des
Feindes wanden sich unter den Fusten Balrichs.

Los! sagte Balrich. Stoen Sie mich in den Stacheldraht! Wer bt
jetzt Notwehr? Mit den Stichen im Nacken darf ich Sie totschlagen.

Horst Heling sah es ein, er hrte auf, sich zu winden. Verhandeln
wir! keuchte er, worauf Balrich ihn loslie. Sogleich hatte der Reiche
wieder seine berlegene Fresse. Hunderttausend, warf er hin. Balrich
schnob: Heiraten!

Hunderttausend. Ich fange dort an, wo mein Vater aufgehrt hat.

Ihr Vater hat beileibe nicht aufgehrt. Er bietet mir noch ganz
Gausenfeld.

Also ganz Gausenfeld, bot der Sohn, korrekt und hhnisch. Balrich
schnob:

Wenn Sie auch knnten, es wre noch nicht genug. Heiraten!

Ihre Schwester ist mehr wert als ganz Gausenfeld? -- Hierbei streckte
er den Kopf vor, um das Gesicht des Bruders zu unterscheiden in der
Dmmerung. Der Bruder schrie auf. Das wissen Sie noch nicht?

Leise, schnell und mit Knirschen sprach er.

Wenn Sie es nicht wissen, mssen Sie es lernen. Heiraten Sie nicht
Leni, soll Ihr Leben, verstehen Sie mich, Ihr ganzes Leben nur noch
Angst sein. In kurzem bin ich Student, dann fordere ich Sie; aber Sie
drfen nicht sterben, nur Krppel werden sollen Sie. Versuchen Sie
nicht, zu lachen! Sie sind der Feigste nicht, ich wei. Gegen mich aber
knnen Sie nichts, denn ich will, hren Sie, ich will.

Da der Feind zurckbebte, folgte er ihm mit dem Krper.

Sie sollen mich finden, wo immer Sie zu atmen wagen. Stckweis sollen
Sie absterben unter meiner Hand. Sie sollen erfahren, was einer kann,
der nur noch lebt, um Ihr Feind zu sein.

Prahlerei, stammelte der Feind, aber er wich, wie vor einem Feuer.
Auch Sie, stammelte er, haben etwas zu verlieren.

Aber gercht ist meine Schwester.

Was ntzt es Ihnen?

Balrich, aufgereckt:

So lieb werden Sie nie jemand haben, da Sie mich verstehen.

Da sah er im Schatten den Feind kleiner werden. Horst Heling fragte,
raunend:

Wie sollen wir es denn machen?

Ihre Sache, Geld zu beschaffen.

Sie haben gesehen, in welchem Zustand ich aus der Stadt kam. Die
Wucherer lassen sich kaum noch hinhalten.

Ihre Sache, wiederholte Balrich. Beschaffen Sie Geld, fahren Sie nach
England mit meiner Schwester, heiraten Sie sie!

Eine schwankende Handbewegung, der Reiche sagte:

Ich will es versuchen.

Und glauben Sie nicht, Sie knnten mir entkommen! Ich treffe Sie noch
im hintersten Versteck der Erde -- leichter als hier. Ich habe mich aus
der Lohnsklaverei befreit, sagen Sie sich das! Wo sind fr den die
Grenzen.

Vor sich hin sagte der Sohn: Was bleibt brig, ich breche in die Kasse
ein.

Und Sie reisen erst, wenn kein Verdacht gegen uns mehr aufkommen kann.

Gegen uns, wiederholte Horst Heling, von unten. Dann wuchs er wieder.
Aber wieviel verlangen Sie eigentlich selbst?

Sie bekommen keinen Futritt. Meinem Schwager gebe ich keinen. Und
Balrich drehte sich schroff um.

Er wollte um die Ecke, da vertrat ihm den Weg ein machtvoller Wuchs.

Ei ei, sagte die Schattengestalt Klinkorums. Erpresser, Mordbube und
Dieb, ei ei! Das wre nun der Prophete.

Balrich, berrascht, sah ihn eine Art Tanz beginnen, als wackelte ein
Turm . . . Aber Klinkorum bezwang sich, er senkte die Hand auf die
Schulter Balrichs. Mein Sohn! rief er aus.

Erschreckt durch dies sein Bekenntnis, horchte er in das Dunkel, es
schwieg tief. Da legte er los.

Sohn meines Geistes! Hast ererbt von mir, was ich als Letztes, Tiefstes
in mir trug, den Ha der Mchtigen, die Todfeindschaft gegen die Macht.

Er umfate auch die zweite Schulter Balrichs.

Sohn! Was hat sie aus mir gemacht. Ein Narr ich, ein Spielzeug der
Reichen, -- ich, der Intellektuelle! Der Geist selbst ihr Spielzeug,
verhhnt und benutzt! Rche mich! Ich werde gelebt haben durch dich!

Hier fiel er vollends ber Balrich her; auf der Wange Balrichs schallte
ein Ku. Balrich lie es vorbeigehen. Dann sagte er:

Tue ich es aber, wer wei, so verleugnen Sie mich.

Nie! Bei den Flgeln des heiligen Geistes, nie!

Wie ein Turm in der Nacht. Balrich tastete sich um ihn herum und schnell
zur Pforte. Noch nicht erreicht, und einem Vorsprung im Zaun, entstieg
noch einer.

Ich habe den Drang, Ihnen zu sagen -- Es war Kraft Heling.

-- da ich meinen Bruder nur mibilligen kann. Er ist nicht feinfhlig,
nicht edelgesinnt. In Ihnen vermute ich eine verwandte Seele.

Da Balrich zweifelte, woran er sei, beteuerte Kraft: Sie drfen mir
glauben. Nie wre ich so unzart gewesen, Ihre Schwester zu verfhren.

Allerdings. In dieser Beziehung war ihm zu glauben. Was wollen Sie
denn? fragte Balrich.

Ihnen helfen, Sie Lieber.

Die Reichen sind verrckt, dachte Balrich. Kommst du ihnen mit
Gewalt, geben sie nicht nur ihr Geld her, sondern sogar ihr Herz.

Kraft versuchte seiner hohlen Stimme Wohllaut zu verleihen. Ihnen ist
es doch wohl lieber, wenn man nicht erst die Kasse erbrechen mu? Da
wei ich nun Rat. Mein Bruder Horst wei sich keinen mehr, er ist
verkauft an die Weiber. Ich aber habe Ersparnisse.

Und Sie wollen ihm helfen, stellte Balrich fest, da er handeln kann
wie ein anstndiger Mensch.

Das ist schn, nicht wahr? Ich liebe so sehr die Schnheit der
Menschen, die seelische -- und auch die des Krpers, -- wobei, Kraft,
leicht rankend, den Arm um die Schulter Balrichs schlang. Balrich
schttelte ihn ab, Kraft lispelte noch: Darf ich denn nicht den
Freundeslohn erhoffen? -- da hatte er eine Ohrfeige, und sofort drohte
er dem Seelenfreund, ihn anzuzeigen auf der Stelle, zu zeugen gegen ihn,
ihn zu vernichten. Hierbei lief er schon.

Kraft eilte heim, in Finsternis gehllt und seine Rache bedenkend. Der
Mut, den sein strkerer Bruder hier nicht hatte, Kraft fand ihn in
seiner enttuschten Liebe . . . Er meldete sich krank und ging ohne
Essen schlafen. Stundenlang harrte er in Geduld, bis Horst kam. Horst
tat, als entkleidete er sich, wobei er aber Blicke auf den Schlfer
warf. Kraft atmete seufzend, darauf gab Horst es auf, sich zu
verstellen, zog das Jackett wieder an, und beim Mondschein wartete nun
auch er. Das letzte Licht in der Fassade war erloschen, da machte er
sich auf, in biegsamen Hausschuhen.

Kraft, kaum war sein Bruder fort ber die Treppe, schlug einen anderen
Weg ein. Das Schlafzimmer betrat er unhrbar, woraus das Sthnen seines
Vaters drang. Die Lampe brannte auf dem Betttisch des Generaldirektors,
sie beschien sein vom Traum zerrttetes Gesicht; mit dumpfem Murmeln aus
seinen Lippen kamen Worte, kamen Zahlen . . . Da lief ein jher
Schrecken durch alle Massen seines schlafenden Leibes, hoch fuhr er, und
gesttzt auf beide Hnde, starrte er wei. Wie zum Angriff krmmte dort
sich ein schwarzer Mensch. Lieber Gott! hauchte er und sank hin.

Kraft sagte heiser: Papa; da sah der Vater ihn sich an, den
schwarzseidenen Schlafanzug, die hohlen Augen und den Schatten unter der
Hckernase, -- worauf er in Zorn geriet und noch nachtrglich zu dem
Revolver griff. Kraft, erfllt von seinem Geschft, wich keinen
Fubreit. Komm, Papa! sagte er beharrlich und winkte langsam, winkte
knochig. Komm, Papa, du sollst dich wundern.

Der Generaldirektor, ohne mehr zu erfahren, stand endlich auf und
folgte. Kraft, eins mit der Dunkelheit, fhrte ihn an der Hand ber die
Treppe. Drunten schien der Mond in die golden bespannte Halle. Kraft
wich ihm aus; die Wnde entlang schlichen sie in den weiseidenen
Barocksaal. Hier nun, grauenvoll, lag Lampenschimmer! Aus der
angelehnten Tr fiel er, vom Herrenzimmer! Der Generaldirektor wollte
einwurzeln, Kraft ri ihn mit. Der eine lang und schwarz, berquellend
aus seinem weien Hemd der andere, so traten sie auf. Horst sah ihnen
entgegen, mit dummem Gesicht. Er stand halb versteckt hinter der
geffneten Schiebetr, die das Allerheiligste barg, mit dem
Kassenschrank, -- und der Kassenschrank klaffte, und in den Fingern
Horsts zitterten Banknoten.

Der Generaldirektor, bei diesem Anblick, ward ein Anderer. Sicherheit
und Tatkraft prgten sein Gesicht, Hnde hoch! rief er stark und erhob
den Revolver.

Pardon, uerte Horst, ich bin es nur.

Der Generaldirektor, der hieran nicht zweifelte, trat sachlich vor, er
untersuchte den Kassenschrank.

Unverletzt, sagte er. Wie hast du das gemacht?

Horst konnte sich der Auskunft nicht entziehen. Er hatte die Zahl, die
den Kassenschrank ffnete, aus dem Schlaf seines Vaters erlauscht, aus
dem von seinem Feind beschwerten Schlaf des Arbeitgebers -- schon
lngst. Schon lngst? Denn Horst, dessen erlaubte Hilfsquellen nicht
ausreichten, sah keineswegs erst seit heute der Tat in die Augen, die
nun vorlag. Er zeigte keine unangemessene Reue, er beklagte nur, in
mnnlicher Form, die Kargheit der ihm gewhrten Lebenshaltung. Der
Generaldirektor, als Antwort, entnahm dem Kassenschrank ein Buch,
stellte Ziffern zusammen und nannte eine Summe, der er zuzutrauen
schien, sie werde Horst zum Wanken bringen. Horst aber wankte nicht.
Statt seiner fiel der Vater in einen Klubsessel, er seufzte auf, ganz
Vater.

Was schiert mich das Geld, soll es nehmen wer will, nur gerade du! Mein
Sohn ein Einbrecher! Mein ltester ein Dieb! Nagel zu meinem Sarge, nur
noch totschlagen mut du jemanden, dann liegt deine Verbrecherlaufbahn
abgeschlossen hinter dir.

Dies hrte der Sohn mit aller gebotenen Achtung an. Dem Vater hingen die
Arme wie abgehackt von den Lehnen, er war so tief verfallen in seinem
Klubsessel, da der Bauch auf dem Sitz lag wie ein Luftkissen. Da er
sich wiederholte und von neuem bei dem Geld anfing, das jeder nehmen
knne, sah Horst diesen Teil der Zeremonie fr beendet an und
beschftigte sich damit, die Banknoten in den Geldschrank einzuordnen.
Eine Note entfiel ihm, flatterte fort und glitt unter eine Tr -- die
Verbindungstr nach der Wohnung der Bucks. Horst lie sie vorlufig dort
liegen, in Voraussicht jedes mglichen Verlaufes, den der Auftritt des
Vaters etwa nahm.

Und alles wre noch verzeihlich, winselte der Vater, htte mein Sohn
nicht als Kanal fr die Vergeudung meines Besitzes jene Person gewhlt.
Denn glaube nur nicht, dein Vater tuschte sich ber den Grad deiner
Gemtlosigkeit. Die Schwester meines rgsten Feindes, gerade um
ihretwillen hast du den Kassenschrank deines leiblichen Vaters nicht
mehr fr heilig erachtet.

Endlich etwas Neues, Horst sah die Mglichkeit, das unfruchtbare Feld
der Gefhle zu verlassen. Ich mu dich aufmerksam machen, Papa,
uerte er, da deine Informiertheit, so sehr ich sie bewundere, hier
gerade in der Hauptsache versagt: Der Posten, auf den du anspielst, hat
in meinem Haushalt eine verhltnismig unbedeutende Rolle gespielt;
Ehrenwort. Bei weitem das meiste nahm andere und ich darf sagen,
rhmlichere Wege.

Welche? fragte der Vater, aber weiter zu gehen in seinen Erffnungen,
erklrte Horst aus Kavaliersgrnden fr unzulssig. Kraft sagte
hhnisch: Ich kann vielleicht aushelfen; aber ein Griff, und Horst
schickte ihn in einen entfernten Winkel. Dort ward seine hohle Stimme
verschlungen von dem Gepolter der Mbel, die sein Vater in Bewegung
setzte. Denn der Vater winselte nicht mehr, sondern brllte, und
aufgesprungen warf er mit den Mbeln. Horst, dem gegenber, fand es um
so leichter Kavalier zu bleiben. Schon sein korrekter Jackettanzug
setzte ihn in Vorteil vor den schwach Bekleideten . . . Da erschien, von
dem Lrmen angelockt, in einem Schlafrock mit Spitzenschleppe Guste, die
Gattin und Mutter. Sie sah, ahnte, griff ein.

Es ist die kleine Anklam, da du es nur endlich weit, du rmster,
herrschte sie. Nun also, da machst du andere Augen. Von meinen Shnen
wirst du nicht erleben, da sie sich wegwerfen!

Der Vater versuchte: Er gibt zu, da er auch jene Person --

Es ist nicht wahr, herrschte Guste.

Aber Mama, ich habe doch ihre Einrichtung gesehen; -- und auch
Gretchen fand sich ein, s verschlafen in ihrem langen Nachtkleid. Ich
war bei der Auktion, denn Horst gab ihr unanstndig wenig, das mu wahr
sein.

Dies bekam Gretchen schlecht. Unanstndig? fragte der Bruder und erhob
die Hand. Die Mutter drang gegen sie vor. Ein junges Mdchen wei das
nicht. Es glaubt es nicht einmal, wenn es dabei ist. Fort, unpassendes
Geschpf! -- und Gretchen war entwichen so schnell wie aufgetaucht.

Der Generaldirektor inzwischen sah Licht, einen Weg und offenen Himmel.
In voller Manneskraft ri er die Zgel an sich.

Die Dinge stehen so, befahl er, da mein Sohn den niedertrchtigsten
Erpressungen unterliegt.

Mann! kreischte Guste. So spricht man nicht von einer Dame. Unser
Sohn hat Glck bei der Nichte des Generals.

Aber der Generaldirektor blitzte furchtbar. Schweig! und folge deiner
Tochter. Wo der Ernstfall eintritt, ist nicht der Ort fr Weiber. Er
fuhr fort zu blitzen, bis Guste es einsah, sie habe ausgespielt, und
sich, rauschend so gut sie konnte, zurckzog. Der Generaldirektor schlo
selbst die Tr.

Du unterliegst den niedertrchtigsten Erpressungen, befahl er.

Zu Befehl, Papa, sagte Horst

Und zwar von seiten einer liederlichen Person, deren Bruder gegen mich
den Umsturz mobil macht. In seine Hnde gelangen die Unsummen.

Horst verstand. Wenn wir das beweisen knnen --

Wir beweisen es, befahl der Generaldirektor. Er hat dich ttlich
angegriffen. Er hat dich bedroht, falls du nicht seinen Willen tust.

Erschreckend sagte Horst: Das ist sogar wahr. Der Generaldirektor
blhte auf. Wo sind deine Zeugen?

Wie viel bekomme ich? fragte Kraft, dumpf von hinten. Schon hatte der
Generaldirektor ihn beim Wickel.

Maulschellen nach Belieben, oder du redest. Was hast du gesehen, wie
kamst du dorthin. Deine Beziehungen zu dem Menschen will ich wissen.

Kraft, die Gefahr erkennend, leugnete alles. Klinkorum sei es gewesen.
Gleich nach Horst hat er verhandelt mit dem Balrich.

Er ist Mitwisser! Der Generaldirektor frohlockte. Vielleicht
Mittter. Auch ihn hab' ich in der Hand. Los! Wir rumen auf in einem.
Morgen frh die Verhaftung.

Er hielt sich das Herz.

Ah! es wurde Zeit. Ich dachte wahrhaftig schon --. Der Generaldirektor
fate Fu seinem Kassenschrank gegenber. Feierlich nickte er ihm zu.

Der Brief! Der Brief, der mich enteignen soll! Ihn zurckholen und dort
einsperren, -- damit noch meine sptesten Enkel gewarnt werden durch den
Anblick der entsetzlichen Drohung, die ber dem Haupt ihres Ahnen hing.
Dafr bin ich zu allem entschlossen. Hher gereckt und lauter: Ich
schwre es, zu allem; -- denn der mir aufgezwungene Kampf um mein Dasein
rechtfertigt auch das hrteste Mittel. Und sollte ich den Brief aus
rauchenden Trmmern hervorziehen . . . Er brach ab.

Drei Stunden knnen wir noch schlafen, stellte er fest. Ich brauche
es.

Zwischen Kraft, der voranging, und Horst, der folgte, machte er sich auf
den Rckweg, durch den weiseidenen Barocksaal und die golden bespannte
Halle. Auf der Treppe wiederholte er noch: Entschlossen zu allem, --
da hielt Horst ihn an. Kraft war droben verschwunden. Erlaube, Papa,
sagte Horst leichthin. Nur zu deiner persnlichen Information. Er hat
nichts weiter gewollt, als da ich seine Schwester heirate.

Der Generaldirektor sah ihn schroff an. Ich habe keinen Grund, dir zu
glauben. Wir sind bereingekommen, da er Geld von dir wollte. Der Wert
geschftlicher Abschlsse scheint dir noch nicht klar zu sein.

Horst schluckte hinunter. Als Kavalier, begann er wieder, empfinde
ich es peinlich --. Der Generaldirektor machte Haha! Die Ehre des
Frulein Balrich. Sie mu wiederhergestellt werden.

Nicht mehr und nicht weniger, sagte der Sohn; er war erbleicht; und
im Weigerungsfall ist nichts gewonnen, im Gegenteil.

Der Generaldirektor sah angestrengt in die Augen des Sohnes. Was drohte
hier, oder was lie sich in Anschlag bringen? Er fragte lieber nicht.
Vielleicht, da auf eine gewisse Art die Sache sich stillschweigend
abtat. Sicherer und endgiltiger, als durch eine leichte Gefngnisstrafe
des Erpressers. Ich werde schwer getroffen, berlegte der
Generaldirektor, wenn dem Jungen ein Unglck zustt. Aber bezahlen mu
jeder, und es gibt Geschfte, die nicht zu teuer liquidiert wren mit
der Darangabe eines Sohnes. So kaufte man dem Feinde sein Recht ab, und
die Macht verblieb, wo sie war. Der Vater blinzelte, der Sohn erriet
ihn; es durchschnitt ihn kalt . . . Beide zugleich traten voneinander
zurck, -- worauf der Generaldirektor etwas beschleunigt in sein Zimmer
drang.

Der Sohn setzte, obwohl allein in der Weite, das Monokel ein, und in
leidlicher Haltung kehrte er wieder um. Was auch Entscheidendes
vorgefallen war, die Banknote unter der Tr hatte es ihn nicht vergessen
lassen. Da lag sie noch, -- wie er aber hingriff, ri sie aus und war
drben, bei den Bucks. Eine neue Gefahr. Er kauerte und wagte sich nicht
zu rhren. Dann kam von drben ein Pfiff -- der bedrohliche Pfiff, den
man in dunklen Nchten wohl hrte, aus einem Graben oder Busch, war man
allein noch unterwegs. Horst begriff, Hans Buck war es, und er drohte.
Er konnte weitersagen, was er erhorcht hatte hinter dieser Tr. Rtlich
war es, ihn stillschweigend abziehen zu lassen mit dem Schein. Horst, in
seiner Lage, sah keinen Anla, sich tiefer einzulassen in die
halsbrecherische Politik des Generaldirektors. Noch immer kauernd, zog
er sich sacht zurck.

Hans Buck, der durch das Schlsselloch dies feststellte, tat einen
Sprung, und dann lief er. Sie konnten ihn fangen wollen, -- rasch fort,
nach hinten durch den Park, den Wald, den Arbeiterwald und querfeldein
ber Gausenfeld hin, fliegen zu ihr! In die Stadt, jene Strae, das Haus
und zu ihr! Ihre Arme, ihr Mund! Du hast Geld. Lauf', lauf', mit dem
Geld zu der Liebe!

Er war schon durch den Torweg zwischen den Arbeiterhusern; die Wiese;
die Landstrae, -- da hielt er an, wollte weiter, stockte -- und trat
endlich doch ein in das groe Haus der Armen. Das Tor ward gerade
geffnet, es dmmerte; sie standen auf, schon waren sie auf den Treppen.
Hans Buck hielt an, wen er traf. Schnell ein Wort, und auch dort eins.
Zurck nun, und zu Klinkorum. Die Lampe Balrichs glomm gelb im Morgen.
An das Fenster gepocht und hastig hinein geraunt, was nottat. Schon lief
er, es spritzte der Kies. Zwischen ihm und ihr nichts mehr als der Lauf.

Er lief, und ihm voran lief sein Herz. Es war schon angelangt, es sah
sie schon, sein Herz sah ihr Gesicht schon, das es so sehr frchtete um
seiner Schnheit willen, -- und wie sie ihre weien Arme
auseinanderschlug . . . Pltzlich fand er sich auf der Landstrae, noch
immer hier, kaum hinaus ber Klinkorum. Am Himmel, der sich erhellte,
flitzten Schwalben dahin bis ber die Stadt, bis ber ihr Haus, --
kehrten um, waren zurck und bebten noch. So war sein Herz.

Wenn ich hinkomme, fhlte er, wenn ich noch hinkomme! Nur dies, dann
nichts mehr. Nach diesem das Ende, was sonst. Ihr Haus, auf das er
zulief, von jenseits lief der Tod auf es zu, -- sie muten sich treffen
in ihren Armen. Jauchzend lief er auf den Tod zu, der die Liebe war.

Aber kaum eine Stunde, da schlich er hilflos wieder herbei. Sein Herz
war unbeflgelt, in den Staub auf seinem Gesicht rannen Trnen. So kam
er zu der Villa Klinkorum. Im Garten stand Polizei; auch die Familie
Dinkl, die aus ihrem Keller herausstrebte, ward im Zaum gehalten von
einem Schutzmann. Hans Buck gab an, sein Lehrer erwarte ihn, und durfte
hinaufgehn. Droben begegnete er Mnnern ohne Uniform und mit
schlechteren Gesichtern als die Uniformierten; sie suchten oder lauerten
auf. Ein Hherer stand in dem Studierzimmer vor Klinkorum. Der
Generaldirektor Heling sa sogar auf dem Schreibtisch und warf Papiere
durcheinander, wer wei wegen welches Papiers. Beide herrschten
Klinkorum an. Mit Wrde hielt er ihnen stand. Den Balrich, den sie
suchten, habe er nicht gesehn. Er wisse nichts von Attentaten des
Balrich. Er, sein Helfershelfer? Er wrde lachen, -- wenn er nicht
frchten mte, noch mehr verkannt zu werden in seiner staatstreuen
Gesinnung.

Der Generaldirektor sagte schneidend: Die wird an einem anderen Ort
geprft werden. Wir haben Zeugen fr Ihre staatstreue Gesinnung; -- und
er zeigte in jenen dunklen Winkel, wo nichts zu erkennen war. Klinkorum
aber, noch immer unerschttert, ging hin und legte jemandem die Hand auf
die Schulter. Kraft Heling war es, mit dem er hervorkam. Zeugen,
sagte Klinkorum nicht ohne Ironie, hat jeder, und wre es nur Gott. So
dunkel sind selbst nicht die verstohlensten Herzenstriebe. Wohlan,
deutscher Jngling! Mit einem leichten Schub schickte er Kraft seinem
Vater zu -- und hatte dabei um seinen Haifischrachen einen so
vielsagenden Zug, da der Generaldirektor ohne weiteres vom Tisch
rutschte. Wohl brachte er noch einige Drohungen hervor, war aber schon
im Rckzug begriffen, mitsamt Kraft und den Kriminalern.

Die Luft war rein; Hans Buck, hinter der Tr, machte Huhu! -- um zu
sehen, wie Klinkorum erschrke. Doch erschrak er nicht, er hob gegen
seinen Schler den Finger und lehrte: So hast du denn mit angesehen,
Knabe, was aus den armseligen Machthabern wird, wenn das Wissen gegen
sie aufsteht. Wir Intellektuellen tragen in unserem Geist den
Sprengstoff fr sie alle.

Hiermit entlassen, machte der junge Buck sich aus dem Hause, das er
inzwischen umringt fand, nicht mehr von Polizei, vom Volk, zumeist
Frauen. Sie drangen in den Garten, Dinkls berichteten ihnen, -- und
schon, von ihnen herbeigeholt, liefen Mnner ber die Wiese. Sie hatten,
von der Arbeit weg, die Fabrik verlassen, sie wollten selbst sich
berzeugen, ob der Heling es wagte, den Balrich zu verhaften, ihren
Balrich, ihren Fhrer, den, auf den sie hofften. Denn sie hofften wieder
auf ihn allein. In Gruppen standen sie und sagten halblaut, als wrden
sie bewacht: Er ist der Wahre. Er hat es immer gewut, der Heling mit
seiner Gewinnbeteiligung werde uns nur hineinlegen. Jetzt hat er etwas
vorgehabt, wozu verhaften sie ihn sonst.

Was wird er vorhaben. Herbesdrfer whlte umher. Den Streik, was
sonst soll uns helfen. Er hat ihn nie gewollt. Will er ihn jetzt, dann
wei er das Seine, dann los!

Sie teilten sich, die einen zogen nach der Fabrik, die Genossen zu
holen. Andere, leis eingeweiht von den Frauen, kamen mit in das Haus,
sie verteilten sich ber Treppen und Gnge. Den Spitzel Jauner drngten
mehrere in ein Gela und versprachen ihm fr diesmal das Schlimmste,
falls er sehe oder hre. Es whrte lange, bis alle sich wiederfanden,
vor dem Zimmer 101 im Haus B. In seinem alten Zimmer sa Balrich.

Er sah ihnen entgegen, die Hand auf seinem fichtenen Tisch, an einem
Revolver.

Ich kann hier nur Freunde gebrauchen, sagte er, die Brauen gefaltet.
Wenn andere mich hier finden, ich habe etwas zu viel fr euch getan,
mir bleibt nur der da.

Hierauf, so wild sie waren, schwiegen sie, -- bis einer sagte, es sei
nun gleich, so stnd' es um sie alle, sie seien die Seinen. Auf Gedeih
und Verderb, sagte Herbesdrfer. Nicht einer mache flau, sagte Polster.

Da riet er ihnen: die Arbeit niederlegen und still sein. Keine Gewalt
-- nur warten, bis er tut, was ihr wollt.

Tarif! verlangten sie. Mindestlohn 28 Mark. Er riet ihnen:

Keinen Tarif, aber fnfunddreiig . . . Das tut er nicht? Abwarten! Ich
habe eine Sache mit seinem Sohn. Eindringlich fragte er umher.

Ihr glaubt doch nicht, er lt seinen Sohn im Stich. Wo nichts von ihm
verlangt wird, als da er euch nicht mehr betrgt und euer Blut saugt,
da sollte er es ausschlagen, seinen Sohn zu retten? Wer glaubt das!

Ein alter Arbeiter legte auf die Schulter eines jungen seine Hand und
sagte: Das glaubt keiner.

Das gibt es in der Welt nicht, sagte einer nach dem andern; -- und
einzeln und umsichtig brachen sie auf.

Ein Gerusch hinter dem Bett, Balrich fate nach der Waffe; aber hervor
kam das Brschlein. Da lief Balrich hin und umarmte ihn. Du gutes
Brschlein! Ohne dich wre es nun schon aus mit mir. Aber er fhlte
einen Widerstand. Der junge Reiche wollte dies nicht hren, er machte
sich los.

Danke mir nicht, sagte er zornig, mit Augen, gro und von Trnen
schimmernd wie die eines Mdchens. Nur nebenher und nicht gern habe ich
mich aufgehalten bei den Arbeitern und bei dir. Ich lief zu einer
Anderen --

Er krmmte sich ber den Bettpfosten.

-- und die war es nicht wert.

Schluchzen, ber dem Bettpfosten. Dann stellte er sich vor ihrem Bruder
auf und fragte:

Sie hat mich weggeschickt, kannst du es ihr verzeihn, der du mein
Freund bist?

Du Brschlein, sagte der Bruder mit Nachsicht. Der Siebenzehnjhrige
rang die Hnde.

Welch ein Unglck! So ist es denn mglich, da ein Mdchen nicht fhlt,
kein Mensch, in ihrem ganzen Leben kein Mensch werde so sehr sie lieben!
Ich htte es nie geglaubt. Fr mich geht die Welt unter.

Der Bruder umspannte seine gerungenen Hnde. Es rang auch in ihm, er
sagte geqult: La sie! Du bist der Bessere. Ich liebe sie auch, aber
wir sind nicht gut, wir lieben das Geld.

Da schumte der Liebende auf gegen ihn. Das Geld? Das hatte ich, und
sie wollte es nicht! Er zeigte den Schein her. Nicht einmal den, --
und welche wrde den ausschlagen. Wir Reichen haben sie erzogen, da sie
Geld nehmen, warum beschimpfst du nun sie?

Jetzt weinte der Bruder. Er legte dem Siebenzehnjhrigen die Hand auf
die Locken und murmelte: Du Brschlein. Jener warf die Arme zum
Himmel.

Wir wrden geflohen sein und wren in der Welt nun allein. In der Menge
der Menschen nicht einer wte um uns. Ich wrde arbeiten, harte Arbeit,
schmutzige Arbeit, ich wrde arbeiten fr sie, um jedes ihrer sen
Glieder zu bekleiden und ihrem sen Mund die Nahrung zu bringen. Ich
wrde leben fr ihre Ksse, -- und wre es nicht erlaubt, so selig zu
leben, wrde ich sterben in ihrem Ku. Wir wren gestorben, besiegt und
arm; aber so viel Leben, so unvergngliches Glck wre ausgestrmt aus
uns, da unsere Dachkammer, lgen wir tot, noch strahlen sollte!

Er war niedergesunken; vor dem Bett kniete er und sagte sein Herz der
einen, die er sah. Balrich, hinter ihm, fragte mitleidig:

Warum wollte sie dein Geld nicht?

Der Knabe stand auf, er sah zu Boden. Weil es gefhrlich sei fr mich.
Weil ich es gestohlen habe, und ich solle es zurckgeben. Aber ich wei
--

Feindlich richtete er sich auf. Sie meinte: gefhrlich fr dich. Ich?
Was kmmere ich sie! Einen Ku hat sie mir gegeben -- fr dich. Aber du
bekommst ihn nicht. Ich behalte ihn, damit ich nicht doch die Lust
verliere, zu sterben.

Heftig wandte er sich fort. Balrich zog ihn wieder herum. Was sprichst
du denn! Der Knabe machte einen Mund, bitter wie ein Greis.

Du denkst wohl, das alles soll hingehen und vergebens sein? Eines Tages
soll ich sie vergessen haben? Fr wie schlecht und feige hltst du mich
denn? Knntest etwa du selbst vergessen, was dein Ziel und Leben ist?

Hierauf schwieg Balrich. Hans Buck streckte wild die Hand hin. Sie will
mich nicht, jetzt bin ich dein -- bis an das Ende. Du sollst sehen, was
ich kann.

Er sah nach, ob niemand horchte.

Du gehst nicht aus dem Zimmer, niemand wird dich finden, ich brge dir.
Ich fhre sie auf falsche Fhrten. Deine Leute sollen wieder so fest
zusammenhalten wie damals, als sie das Geheimnis hatten und Heling sich
frchtete.

Auch jetzt hat er etwas zu frchten, sagte Balrich. Hans Buck
schttelte den Kopf. Jetzt treibt er zum uersten, er kann nicht
anders. Alles treibt zum uersten, auch du, auch ich. Nicht lnger darf
es ohne Gewalt gehen und ohne da ich sterbe. Bleich und feierlich; --
aber er fate sich und sagte mit Beweglichkeit:

La alles mir! Ich melde dir alles, was vorgeht. Durch mich befehligst
du sie. Du sollst nur mich sehen. Ich bin der einzige, der berall
durchkommt, und niemand bemerkt ihn.

Er flsterte, sphte, glitt aus der Tr.

Balrich hatte auf seinem Tisch die Bcher, er wollte arbeiten wie immer;
aber ihm klopfte das Herz. Hierher hatte er sie gefhrt, auf Wegen, die
an soviel Grerem enden sollten, unwissentlich nun doch hierher; und
konnte bei ihnen nicht sein. Gewalt stiften -- und dann zusehen, wie sie
sich vollzog: eine Fhrerrolle. Aber ich bin kein Fhrer; das war. Ich
will nur noch dreinschlagen, es soll nur noch drunter und drber gehn --
zu welchem Ende? Zu keinem.

Er versteckte sich hinter dem Vorhang des Fensters. Die Pfennige, um
die ihr kmpft, sind meine Strafe. Wie sehr habe ich einst euch geliebt,
und das ist nun alles. Wie gro war meine Sendung, und nun die
Pfennige.

Er sah durch den Vorhang, sie kmpften schwer und tglich schwerer.
Gegenber am Hause C hing einer der Zettel, worauf die Verwaltung
Stellung nahm zum Streik. Von weitem lesbar ein groes Wort: Erpressung.
Arbeiter standen davor, die ersten Tage lachten sie. Vor der Fabrik hin
und her gingen Streikposten; sie wurden verhaftet fr das Verbrechen,
die Arbeitswilligen aufzureizen. Sie muten im Dunkeln werben, -- indes
auf offener Strae die Herren ihren Kriegsrat hielten, der Heling und
sein Freund v. Popp. Der Heling und seine Leute gingen in die
Arbeitervillen, dort wohnten jetzt die fremden Streikbrecher, -- und
brachten ihnen Geschenke. Lat aber nur einmal zwei Streikende hingehen,
das ist Hausfriedensbruch. Die Gerichte haben Arbeit, und hier denken
sie: was du tun willst, tue gleich. Ein Arbeiter, vorbestraft, stiehlt
eine Wurst, sie kostet anderthalb Jahre. Kleine Kohlenstcke, von den
steifen Fingern der Frauen in ihre Schrze gelesen, sind ein halbes Jahr
wert.

Grau schlichen drunten die Frauen, am gestreckten Arm Kinder
nachschleppend mit hohlen Augen. Wenige Wochen erst, und nicht einer
lachte mehr von den Mnnern. Vor den Befehlen und Drohungen auf den
Mauern spieen sie aus, aber mit einem Blick rundum nach dem Schutzmann.
Hungere doch, und bleibe stark! Hungere, und behaupte dein Recht! Der
Heling auf seiner Villa Hhe tafelte mit v. Popp. Dabei verging ihm die
Zeit, -- und inzwischen lie er in der Fabrik neue Maschinen aufstellen,
Maschinen von einer Art, die man nicht kannte. In einem eigenen Gebude,
ganz hinten am letzten Hof standen sie, wie ein Geheimnis, eine neue
Gefahr, ber die man raunte, die noch mehr aufhetzt.

Als alle schon mde waren, erschien Napoleon Fischer und wollte
vermitteln. Er riet ihnen, anzunehmen, was Heling bot, dreiig Mark
ohne Tarif. Es sei gerecht; die Partei lehne es ab, Streikgelder zu
geben zugunsten gewissenloser Hetzer. Napoleon wisse, wen er meine. Wo
sei der Mensch, wohin habe er sich verkrochen . . . Dies erfuhr er
nicht, und er ward, zum erstenmal in seinem parlamentarischen Leben, von
seinen Whlern fortgeprgelt. Das Bewutsein nahm er mit, er habe
gerecht gesprochen, -- und heimlich wuten auch sie es. Dreiig Mark
Mindestlohn, das war mehr als frher. Aber dazwischen lag jener Betrug
der Gewinnbeteiligung, lagen Erbitterung, Gewalt und Hunger. Dazwischen
lag mehr. Wir haben den Kopf erhoben einmal im Leben und haben geglaubt,
nahe bevor, uns und den Kindern bevor stehe der Tag der Gerechtigkeit.
Gezhlt seien die Tage der Reichen. Wir wren, mit dem, was so lange sie
uns kosteten, nun selbst bald reich, htten in gelfteten Slen
gemeinsam unser gutes Essen, und Maschinen, die uns gehrten, arbeiteten
fr uns. Wir haben geglaubt, es gebe das Glck, und es sei da. Dies
bet nun, Arme!

Karl Balrich, in seiner Brust das Abbild ihres gemeinsamen Herzens,
fhlte: wir ben mit Trotz, mit der Verzweiflung unseres Lebens, und
will es Gott, mit unserem Untergang. Vom Feind umringt, stndlich enger
bedrngt und zum Ausbruch bereit, zum Todeskampf, so leben wir. Die
fremden Streikbrecher mit ihren Kntteln marschieren in Reihen und
wollen uns berrennen. Frech hhnen sie uns fr ihren Schandlohn, sie
werfen alte Brotrinden nach unseren hungernden Frauen. Da, eines Abends
stellt Polster, der Maschinenmeister, sich auf, bei dem Torweg, wo sie
hindurch mssen. Ihr Lumpenhunde! sagt er laut. Keinen hat er hinter
sich als einige Frauen, die vor Schwche an der Mauer lehnen, die Kinder
in ihren Rockfalten. Was kommt ihn an, den ruhigen Mann? Er steht, die
Fuste geballt, und lt sie heran, als sei es nichts und ihn schtze
sein Recht. Gibt sich Halt, der gesetzte Mann, stemmt sich fest auf
seine Beine, die mutig in diesem harten Leben standen. Ihm schlottern
die Kleider seit diesen Wochen, die Wangen hngen ihm grau herab. Ihr
Lumpenhunde! Da prallen sie an ihn, entblt wird sein kahler Kopf,
seine Fuste stoen in sie hinein, sie werfen sich auf ihn, er
verschwindet.

Als sie sich zerteilten, lag er da, ein Messer in der Brust, und
rchelte. Balrich droben ri das Fenster auf, er wollte schreien.
Umklammert und zurckgezogen schlug er zu und traf das Brschlein. Du
bist gesehen, sagte es. Flieh! Er wollte nicht, aber es drang in ihn.
Vor der Nacht noch kommen sie und fangen dich. Aber heute nacht geht es
los. Du siehst doch, es kann nicht lnger dauern. Willst du den Deinen
in den Arm fallen? Sollen sie niemals dreinschlagen?

Das Brschlein drckte ihm die Mtze in die Hand, es sphte aus der Tr:
alles leer, alle drunten bei dem Getteten. Balrich brach auf. Du
weit, wohin, flsterte zitternd das Brschlein; -- so entkam er, ber
die Wiese, im Abendgrau.

Er suchte Deckung die Landstrae entlang, machte Umwege in der Stadt
durch die leersten Gassen, schlich hervor, unter ihr Haus . . . Sie
selbst ffnete ihm, zog ihn wortlos bis in das letzte Zimmer und zeigte
ihm das Fenster. Drunten ist der Hof. Du kannst auf das Waschhaus
springen und ber die Mauer. Dann ihm zugewendet, als trte er jetzt
erst ein: Da du gekommen bist! Da wich sie zurck. Aber du bist grau
geworden.

Sie lie sich auf einen Stuhl fallen. Mein lieber Karl! sagte sie, die
Hand vor dem Mund, was ist mit dir geschehen.

Er fragte: Waren sie schon hier? Und da sie nickte: Ich wollte doch
kommen.

Sie sprang auf. Ich wute es! Ich habe dich erwartet, du sollst nun
essen. Und als sie ihm am Tisch gegenbersa: Die ganze Zeit habe ich
Angst gehabt, jetzt nicht mehr. Alles ist gleich, solange wir beisammen
sind.

Er hatte gegessen, sie schob ihren Stuhl neben seinen. An seine Schulter
gelehnt: Weit du noch, wie wir als Kinder in einem umgeworfenen Fa
saen? Es war unser Haus, wir warteten auf den Mann aus dem Wald, der
uns holen wollte. Ich hatte groe Furcht, aber wie tapfer warst du, ich
hoffte nur auf dich. Sie machte ihr mit dem Leben bekanntes Gesicht.
Jetzt knnen wir wieder so spielen. Der Mann aus dem Wald kommt mich zu
holen, -- oder hat er mich schon geholt. Aber du kannst mir nicht
helfen, sie werden dich fangen.

Sie werden mich nicht fangen.

Du bist schn, wenn du das sagst. Du bist das Beste von mir, ich werde
wohl nie jemand lieb haben, nur dich, immer und wo ich auch ende.

Pltzlich sah er den Koffer, der dastand. Sie schicken dich fort! Sie
drohen dir! Alles um meinetwillen.

Du aber duldest fr mich, sagte sie feierlich. Beide schwiegen . . .
Da zuckte sie zusammen, sie horchte. Schnell ausgedreht die Lampe; sie
sind wieder da; -- und zurck mit ihm in das letzte Zimmer. Du mut
nun fort. Im Fieber des letzten Augenblicks: Lauf! Aber die Reichen
sind schneller. Auch ich werde ins Gefngnis kommen durch sie. Ich werde
durch sie immer schlechter werden. Vergi nur du nicht, wer ich war! An
seinem Hals: Ich war deine Schwester.

Hinaus, sie klingelten schon. Der Bruder sah noch die Tr sich schlieen
vor ihrem Gesicht. Er fhlte: noch seh' ich sie, noch, noch. Da sah er
sie nicht mehr.

Er sprang aus dem Fenster, entkam ber eine Mauer und durch dunkle
Grten ins Freie. Vor dem Stadttor aus der Kaserne rckte die Truppe
aus, er wute wohin. Er lie sie voran und wandte sich laufend nach
Beutendorf. Von weitem loderte ein Schein in der Nacht, und von
Beutendorf luteten sie. Nun stand das Feuer seitwrts ihm gegenber.
Lufst du jetzt darauf zu, wohin kommst du? Er wute es schon, wohin,
und er lief. Von weitem, im Licht des Brandes, sah er etwas sich
bewegen, wie eine wandelnde Mhle: Klinkorum, der um sein brennendes
Haus her die Arme durch den Himmel drehte. Als Balrich unversehens
hinter dem Hause C hervorkam, ri jemand aus, am Boden, wie ein Hase.
Aber bei dem Aufflammen des Balkons, der grade strzte, erkannte Balrich
den Hasen; es war Jauner, der Spitzel, Dieb, Verrter und Brandstifter.

Seht ihn laufen! rief er den Dinkls zu; sie saen auf gerettetem
Plunder am Grabenrand, starrten in den Brand und wandten sich nicht um.
Der alte Gellert aber, mit nichts Gerettetem als einer Flasche,
schwenkte sie drohend. Niemand luft! Geflligst luft niemand!

Balrich lie den Betrunkenen, er sagte zu Klinkorum, der herbeiirrte:
Der Brand kommt dem Heling sehr gelegen. Ihnen mu er jetzt nichts
mehr zahlen, -- und dann mein Brief. Er denkt, dort brennt der Brief,
der ihn enteignen soll.

Brennt er denn nicht? fragte Gellert, viel weniger betrunken als
vorher.

Sei ein ausgemachter Schurke, sagte Klinkorum dumpf, du kannst mehr,
als selbst der heilige Geist. Die Arme drehend, irrte er weiter.
Gellert rief ihm nach: Der Heling, ein Mann wie Gold! Er kauft alles,
was Ihnen brig bleibt. Er kauft sogar uns unntzes Pack! -- und
Balrich, der schon fort war, sah ihn noch feixen gegen die Lohe.

Vor sich, unterwegs nach Villa Hhe, fhlte Balrich ein Stampfen, als
schritte sein wildes Herz. Davon drhnte die Strae, die nun die seine
war, seine einzige, seine letzte. Dorthin! Das Dunkel ward dunkler, es
ballte sich zu einem strmenden Menschenhaufen, ausgeschleudert wie ein
Arm, stumm wie ein erstickter Schrei, -- der Haufe der Armen. In ihm
verschwand Balrich.

Sie waren tausend, hinter ihnen die Kasernen der Armut, ihre erbrochenen
Gefngnisse, und die Stadt mit den Mchtigen, deren Hand ihnen nachgriff
noch jetzt; hinter ihnen die Soldaten. Sie waren tausend und doch nur
ein Windsto. Strmten ausgeschleudert in das Land vor ihnen, das dunkle
und unermeliche, das sie nicht kannten, und worin andere ihresgleichen
ihnen unbekannt strmten wie sie, nach einer Villa Hhe, die sie niemals
erreichten. Nie kommen wir hinein, nie wird sie unser; aber dennoch, wir
strmen. Wir sind beisammen im Sturm, wissen nichts, als unsern Sturm,
nichts vorher, nichts nachher. Halt! da ist Villa Hhe. Wir wren ber
sie hinausgestrmt. Das Tor auf! Wir knnen nicht warten. Warteten zu
lange. Wir sehen das Gitter nicht, stoen uns blutig, zerstechen uns
beim Hinbersteigen an den Lanzen. In den Garten springen wir, stampfen
in den Beeten, nehmen Anlauf . . . Auweh, Schieen! Kugeln um uns her
schlagen in die Gartenerde. Geteilt den Haufen, und jeder einzeln
tappen, kriechen, rennen wir. Auweh, Schieen! Auch von der Strae. Wir
sind zwischen zwei Feuern. Da hilft nur eins noch, Tapferkeit. Zurck,
das Tor geffnet, und hindurch zwischen der Truppe und um sich schlagen,
stechen, beien. Im Dunkeln wissen sie nicht, sind wir es, sind sie es.
Sie schreien: Licht! -- aber als nun die Bogenlampe angeht ber dem
Tor, sind wir hindurch und weit, bis auf die, die liegen. Auch Soldaten
liegen. Das Maschinengewehr im Garten der Reichen hat nicht
unterschieden zwischen uns und ihnen.

Die Truppe ordnete ihre Reihen. Vom Waldrand kam wstes Gebrll, noch
sprangen welche hervor aus den Fichten, wollten es nicht verloren geben,
schimpften, drohten, und einer scho. Die Truppe legte an. Flucht; --
aber grell beleuchtet ein verwilderter Mensch, nackt die Brust und mit
einer Brille, schleppte etwas heraus auf die Strae -- einen andern, der
schrie und sich wehrte. Ein Schwung, der Kleine flog vor die Gewehre.
Die Truppe gab Feuer. Zwischen Getroffensein und Hinfallen zappelte der
da knieend noch in die Luft und kreischte: Nicht schieen! Ich bin ein
guter Mann! Dann fiel er auf den Magen, kratzte den Staub mit den
Fen, den Hnden und war tot, der Spitzel Jauner.

Im Wald riefen sie: Bravo Herbesdrfer! -- und stolperten, wohin sie
konnten. Auch Balrich; -- aber da setzte er sich schwer in einen Graben,
neben einen andern, fast auf ihn. Der sthnte, und schon von seinem
Sthnen wute Balrich: das Brschlein. Du, Brschlein? Er zndete ein
Streichholz an. Warst bei uns -- und blutest? Nun sah er auch, das
Brschlein lag in Ohnmacht. Blutest fr uns, murmelte er, ich aber
bin unverwundet, -- und lud es sich auf. Kroch hervor mit ihm und
tastete nach den Stmmen, damit es sich nicht anschlage. Licht fiel
herein, dort lag Villa Hhe, wei, verlassen und von der Truppe
abgesperrt. Ich trag' es hin, dachte Balrich. Sollen sie mich haben!
Schon setzte er den Fu aus dem Waldrand, da erwachte das Brschlein.
Was tust du denn! Fort! -- und es zog ihm den Kopf in den Nacken, das
Genick wrde es ihm gebrochen haben. Zu dir! verlangte es. In das
Haus B! Und da sie an einen Stein stieen, fiel es wieder in Ohnmacht.

Balrich gehorchte und nahm einen Umweg, es kostete die halbe Nacht.
Umstellt der Wald, die Strae, alles, nur nicht die Kasernen. Wen
sollten sie hier suchen. Noch niemand war heimgekehrt; sogar das Tor
stand offen. Sanft legte er das Brschlein auf sein Bett, stand davor
und faltete die Hnde. Er fhlte: Das ist nun ein Held. Denn wer zwang
ihn, und was ging es ihn an . . . Sind so die Helden? Dann knnen wir
Armen auch das nicht sein.

Da stand er und sah den Knaben an, als habe nicht er ihn die halbe Nacht
getragen und hier gebettet, sah ihn an unter gefalteten Brauen, -- bis
er aufschrak und eilends daranging, den Schlafenden zu verbinden. Es war
geschehen. Nun sagte Balrich vor sich hin: Ist siebenzehnjhrig, ist
reich, und geht mit uns Armen, uns Verzweifelten. Hierauf, mit noch
geschlossenen Augen, fragte das Brschlein:

Verzweifelt? Warst du nicht glcklich?

Balrich antwortete: Ja; wie man glcklich ist, wenn endlich der
Selbstmord kommt, nach dem langen Elend.

Der junge Reiche, die Augen geschlossen, lchelte. Es war schn -- wie
ein Fest. Wie hatten wir es nur so hell und solche Rosenpforten.

Balrich legte ihm die Hand auf die heie Stirn. Triumph, sagte der
Fiebernde. Wir laufen durch den Himmel.

Balrich sagte: Wir gehen ber die schwere Erde und sind gewi, nur ihr
Scho ist unser Ziel.

Alles ist unser, die Freiheit, das Glck!

Worte, sagte Balrich. Wer glaubt daran.

Da ffnete der Reiche die Augen. Der heie Rausch in ihnen ward
berwlkt von Trauer. Ihr glaubt nicht daran? Nicht einmal heute
nacht?

Fr uns sind keine Gtterfeste.

Wozu dann strmtet ihr?

Und du? fragte Balrich. Er stand mahnend da. Schon hast du
vergessen?

Auf einmal ward das gertete Gesicht des Kranken wei, er flsterte mit
Grauen: Leni! Ich wollte sterben fr sie, und konnte sie vergessen.

Um Balrich, der sich schmerzensvoll neigte, warf er die Arme, brach in
Trnen aus an seiner Brust: Wie wir elend sind! -- und durch nichts
getrennt, weinten sie.

Der Morgen wollte grauen, Hans schrak auf. Du mut fort, sie werden
dich suchen. Balrich bewegte gleichgltig die Hand. Wohin? Es ist
unntz.

Mein Rock dort, nimm das Geld heraus --

Hans stockte; die Miene des Freundes erinnerte ihn daran, welches Geld
er meine. Gib es deinem Vater, riet Balrich. Dein Vater ist dein
Freund. Da er den Mund des Knaben zucken sah: Willst du nicht heim?
Der Knabe senkte den Kopf, er schmte sich; aber er lie es zu, da
Balrich ihn ankleidete.

Schicke hin, sagte er ihm ins Ohr. Die Soldaten werden abgezogen sein
und der Heling noch nicht zurck.

War er denn fort? War gar nicht dort in der Nacht? Balrich lachte auf.
Wir htten es wissen knnen, wir Strmer.

Er ist schlau, sagte der Knabe; wenn du ihm begegnest, hte dich.

Jetzt kommt er zurck? Schon gut, ich gehe. Deine Leute werden dich
holen. Lebe wohl, mein Brschlein, mache es gut.

Mache du es gut, sagte Hans Buck tiefernst. Sie schttelten einander
die Hnde, wie Mnner, die weiter nichts sagen mssen.

Balrich schickte ein Kind zu dem Vater des Verwundeten; dann ging er
hinber nach der Brandsttte. In den Trmmern bewegte sich nur der
Rauch; er sah umher. Die Nacht des Aufruhrs hob sich von diesen
Trmmern, dieser Leere, -- die Streikenden versteckt, fortgekrochen auch
Dinkls, aber Klinkorum dahinten stand mit den Armen kreisend als leere
Windmhle vor all dem Seinen. Balrich lie ihn laut in die Luft
plappern, er suchte in den Bumen an der Strae nach einem Versteck.

Hinaufsteigend in die Krone, erkannte er sie. Dies der Ast, an dem er
einst sich erhngen wollte. So hatte es angefangen, und hierher fhrte
es zurck. Was dazwischen lag, war Kampf, Prfung, Erliegen und
Aufstehn, Kampf bis aufs Messer und bis zum bittern Ende. Du hast es
vorausgesehen damals, Armer, das Ende sei die Verzweiflung. Wrest du
doch gegangen, schon damals! Jetzt ist es schwer; das ganze Leben, das
du erlittest seitdem, tobt jetzt in dir und strubt sich gegen den Griff
deiner Hand. Stirbst du, mu es im Kampf sein, und der Feind mu mit!

Er sphte durch die kahlen Zweige. Damals wogten die Kronen und
entsandten den lauen Duft ihrer Blten. Der Verzweifelte fhlte: Mir
duften sie nie mehr. Ich soll es nie wieder warm haben, nie wieder satt
sein, kein Weib mehr lieben. Er entsann sich, nun er am uersten war,
nur seiner Sinne noch. Wirf es hin, lauf, rette dich, lebe! Da erscholl
der Schritt.

Heling ward sichtbar, weit hinten unter den letzten Bumen, auf der
Strae allein. Balrich hielt sich bereit, er prfte den Revolver.
Aufgepat, keine Schwche mehr! Das ist der Mensch, der dir einzig im
Weg stand. Hat dich zum Hungern bringen wollen und zum Wahnsinn. Ein
Dieb solltest du sein, ein Zuhlter, solltest gefangen werden und in
Schanden untergehn. Bin hier, aufgepat, bin hier! -- und er legte an.
Aber der Heling verschwand.

Hinter dem Baum dort mute er stecken! Balrich sprang herab; die Waffe
ausgestreckt, rannte er; -- da stak er fest. Noch dachte er, er sei
gegen ein Hindernis gerannt, zappelte noch und wollte weiter. Dann
erkannte er, von jeder Seite hielt ihn ein Mann. Ein dritter entwand ihm
schon den Revolver; ihm ward es klar, hinter jedem Baum hatte einer
gestanden. Es war wie ein Traum, weithin kamen welche hervor; -- und
erst als er vorn und rckwrts ganz zweifellos beschtzt war von
bewaffneten Gestalten in Zivil und mit schlechten Gesichtern, verlie
auch Heling seine Deckung. Geblht, gehoben, die Wangen nicht mehr
hngend, die Augen nicht mehr matt, mit Kraft geladen wie je, schritt er
durch das Spalier seiner Garde los auf seinen ohnmchtigen Attentter.
Da war er, der Mensch, der ihm den Schlaf genommen, ihn verfolgt und
krank gemacht, in gottloser Vermessenheit angetastet hatte sein
Heiligstes, Besitz und Macht, -- da war er zwischen Detektiven, die
Handgelenke krftig gepackt, und hier halfen keine finsteren Brauen
mehr, man htte ihm knnen in das Gesicht spucken.

Indes aber der Sieger den Anblick geno, stie der Besiegte rauh aus:
Lassen Sie mir die Waffe zurckgeben! Ich will mich tten!

Gelchter der schlechten Gesichter. Und wen noch? fragte der
Generaldirektor fein. Balrich stie aus: An Ihnen liegt mir nichts
mehr. Nur mich!

Der Generaldirektor sagte herablassend: Mensch, ich htte Sie nicht fr
so dumm gehalten. Sehen mich allein, zu Fu daherkommen und denken in
kindlicher Unschuld, dahinter steckt nichts. Wenigstens haben Sie jetzt
einen wirksamen Abgang.

Balrich ma ihn. Sie wollen grotun? Ihren Sohn haben Sie nicht so gut
bewachen lassen. Ihren Sohn htte ich abschieen drfen und mich damit
erledigen. Er sah ihm in die Augen. Sie rechneten damit. Worauf
Heling auswich. Auf einmal schien er nicht mehr so zielbewut, -- sah
die schlechten Gesichter an, tat schon den Mund auf, damit sie sein
Opfer abfhrten; aber dann entschlo er sich anders.

Wollen Sie vernnftig sein? fragte er, nahe an Balrich. Der Besiegte
sagte: Was ich getan habe, ist vernnftig.

Ich habe mit dem Mann zu reden, herrschte der Generaldirektor. Aber
legen Sie ihm Handschellen an. Dies geschah; darauf Balrich: Ich mit
Ihnen nichts, oder Sie lassen mir die Hnde freimachen.

Der Generaldirektor wehrte sich, aber Balrich sprach ihm zu: Wozu soll
ich Sie eigentlich beseitigen. Sie kommen doch mit, wohin ich gehe, auch
ohne Schieen.

Drohen gilt nicht! rief der Generaldirektor, aber er bat die Herren,
dem Menschen die Handschellen vorlufig wieder abzunehmen. Er begab sich
sogar mit ihm abseits, hinter einen Trmmerhaufen der Villa Klinkorum.
Die Organe der brgerlichen Ordnung sahen es mit Staunen, der
Generaldirektor trat in vertrauliche Verhandlungen mit seinem
Attentter.

Augenblicklich lassen Sie mich frei! verlangte Balrich.

Augenblicklich geben Sie mir den Brief! heischte Heling. Balrich
bemerkte: Also zweifeln Sie doch, da er mit verbrannt ist?

Gellert schwrt ihn ab, raunte Heling. Hat ihn nie gesehen. Ich will
es ihm raten, nach seinen Seitensprngen mit der kleinen Dinkl. Vor
seiner Abreise habe ich ihm den Brief bezahlt, was er wert ist. Behalten
Sie ihn ruhig.

Und die Arbeiter? fragte Balrich. Die alles wissen aus seinem Munde?
Und die Sie, Mensch, betrogen haben mit der Gewinnbeteiligung?

Von meinem Sohn haben Sie Geld erpret; -- leise, hastig.

Ihr Dasein, Heling, ist eine einzige Erpressung.

Redensart der Tribne! Aber ein Mordversuch, mein Lieber . . .

Wie viele wollten Sie ermorden, als Sie dem Klinkorum sein Haus
anzndeten?

Dem Generaldirektor verschlug es den Atem. Inzwischen stieg aus seinen
Trmmern Klinkorum hervor, beschmutzt und zerrissen, in den Hnden eine
Flasche. Mit einem groartigen Lcheln begrte er seine Gste. Auf
gerettetem Kahn, sagte er und zeigte die Flasche her. Die Herren
belieben? Da sie nicht antworteten, tat er selbst einen langen Zug.
Die Gastfreundschaft und das Studium, sagte er, Atem schpfend, das
war mein Leben. Er versuchte sich aufzurichten, so majesttisch wie
einst, und seine Zierden hervorzukehren, die sieben Bartstrhnen, den
Spitzbauch in dem klaffenden Wollhemd. Aber er wankte und zitterte.
Dennoch schwang er die Flasche und sprach.

Generaldirektor unser aller! rief tnend Klinkorum. Sie haben
gezeigt, wer Sie sind. Ich kann Sie nur hochachten und verehren. Sie
sind die Ordnung. Sie sind die Macht. Sie sind die Herrlichkeit.
Klinkorum breitete, sich neigend, die Arme hin. Hierauf feierlich,
getragen von seiner Erkenntnis: Zu mibilligen ist der Emprer! Die
Welt kann nur bestehen in Strenge und Ungerechtigkeit. Bereit bin ich,
auszusagen gegen ihn!

Hier ging dem Generaldirektor vor Spannung der Mund auf. Klinkorum sah
ihm hinein, nicht ohne Ironie; dann nahm er zuerst noch einen Schluck,
worauf er leichthin schlo. Oder es wenigstens fr mich zu behalten,
wer es war, der wie ein Hase davonlief, als mein Haus brannte.

Auch dies befriedigte den Generaldirektor. Er bekmmerte sich nicht
weiter um Klinkorum; denn erschpft setzte Klinkorum sich auf seine
Trmmer und nahm nicht mehr teil. Er raunte wieder nahe an Balrich: Sie
haben verstanden?

Aber Sie nicht, sagte Balrich. Der tote Jauner redet noch weniger als
der abgebrannte Klinkorum. Aber darum sind Sie noch immer geliefert.

Mensch, was wollen Sie! Der Generaldirektor fing heiser zu kreischen
an. Ihre Rechnung stimmt. Erpressung! Aufruhr! Mordversuch!

Ihre! schnob Balrich. Enteignung! Betrug! Brandstiftung!

Sollten sich die beiden Rechnungen nicht ausgleichen? fragte jemand.
Der Rechtsanwalt Buck, sie hatten ihn nicht kommen gesehen. Das Auto
hielt auf der Strae.

Ich habe meinen Sohn schon geholt, sagte Buck zu Balrich; und zu
Heling: Auch Hans hat etwas abbekommen heute nacht . . . Genug, ich
hrte die Herren verhandeln und biete meine Dienste an.

Werden nicht bentigt, herrschte der Generaldirektor und sah sich
drohend nach seinen Leibwchtern um. Meine letzte Antwort sind die
Handschellen.

Aber Buck fiel ihm in den Arm, mit einem unerwarteten Griff. Heling
erschrak. Mein Hans sitzt im Wagen, sagte Buck, leise und fest. Er
hat von seiner Wunde etwas Fieber, er spricht. Er spricht von einer
Unterredung, die du eines Nachts mit deinen Shnen gehabt haben sollst,
vor deinem Kassenschrank. Ein Schwur soll sie beendet haben, ein Schwur
von einem Brief und rauchenden Trmmern.

Der Generaldirektor bumte sich. Ich zerschmettere euch! schnob er.
Ich werfe euch auf die Strae. Hierauf aber ward er kleiner und machte
sich ohne Umstnde wieder an Balrich heran. Was wollen Sie noch?
fragte er sachlich. Ihren Mordversuch knnte sogar ich nicht aus der
Welt schaffen.

Dann bringe ich Sie wegen Brandstiftung ins Zuchthaus, erwiderte der
Feind, nicht weniger sachlich. Der Generaldirektor verfiel zusehends.
Sein Schwager Buck breitete die Arme aus, um ihn aufzufangen, da hauchte
er: Was macht das Zuchthaus Ihnen. Aber mir!

Die Herren sind beide zu weit gegangen, bemerkte der Rechtsanwalt.
Von ihrem Recht zu siegen berzeugt, haben Sie, einer dem andern
zuvorkommend, immer zweifelhaftere Kampfhandlungen begangen, und so
stehen Sie nun da.

Ich habe ihn in der Hand, beteuerte Balrich, den Arm ausreckend.

Ich ihn, schnob Heling und reckte den Arm aus.

Dann bleibt den Herren nur brig, die Faustpfnder auszutauschen, riet
der Rechtsanwalt. Aber sie strubten sich.

Ich wei mehr, drohte Balrich.

Ich kann mehr, behauptete Heling.

Lassen Sie mich frei! verlangte Balrich noch einmal. Sonst kommen Sie
mit mir.

Da brllte der Generaldirektor auf. Kann ich denn? Sie soll ich laufen
lassen, mit dem was Sie wissen, mit Ihrem Brief, mit Ihren Plnen gegen
mich? Lieber gleich ins Zuchthaus . . . Bleiben Sie hier und kuschen
Sie, dann wollen wir sehen.

Lieber ins Zuchthaus, sagte auch Balrich. Jetzt nahm der
Generaldirektor die Zuflucht zu seinem Schwager. Ich verspreche dir --
sagte er dringlich. Berede ihn! Er soll hierbleiben -- nahe bei mir --
in Gausenfeld -- wie immer. Im Arbeiterhaus dort, im Haus B, als
Arbeiter. Er soll wieder arbeiten in der Fabrik, unter meinen Augen.
Sonst bin ich keine Stunde mehr meines Lebens sicher. Berede ihn!

Und Buck, der gesonnen hatte, machte sich auf. Watschelnd ging er auf
Balrich zu, nahm ihn beim Arm, und im Bogen einherwandelnd mit ihm,
sprach er. Heling inzwischen sa auf einem Trmmerhaufen, gegenber
Klinkorum.

Balrich hrte zu, wollte nicht mehr hren, und mute doch weiterdenken,
was er vernahm von dieser befreundeten und unerbittlichen Stimme. Er
mute denken, des Kampfes sei es genug und gut wre der Friede . . .
Aber alles umsonst gewesen, das erworbene Wissen, die verbrauchte Kraft!
Aber zurck, dorthin wo du anfingst! Kann es sein? . . . Buck sagte:
Ja. Sie hoffen nicht mehr, zu siegen ber Ihre Feinde, die Reichen. Sie
knnten nur noch erwerben und hinausgelangen in ihren Diensten, als
Mitwisser, Helfershelfer -- Buck bewegte den Finger, unbestimmt wohin,
vielleicht auf seine Brust? Als Verrter, schlo er. Balrich sagte
noch:

Und immer ein Besiegter? Nie anders leben bis zum Tode, als im Schatten
dessen, der die Macht hat?

Da sagte Buck und lenkte schon ein, auf den Generaldirektor zu:

Die Macht -- das ist mehr als Menschenwerk; das ist uralter Widerstand
gegen unser Atmen, Fhlen, Ersehnen. Das ist der Zwang abwrts, das
Tier, das wir einst waren. Das ist die Erde selbst, in der wir haften.
Frhere Menschen, zu Zeiten, kamen los aus ihr, und knftige werden
loskommen. Wir heutigen nicht. Ergeben wir uns.

So ging denn Balrich heim, in das Haus B. Nur ber eine Wiese brauchte
er zu gehen. -- --

An der Maschine stand wieder der Arbeiter Balrich, a wieder das Brot
des Heling, um Kraft zu haben fr den Heling. Vor sechs, den
Rockkragen hinauf und los, den frstelnden grauen Weg nach der Fabrik,
zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in
sich, Trab wie Maschinenlauf. Abgerackert zurck am Abend in seinem
Zimmer, wollte er wohl einmal auch denken, sich erinnern, klarstellen;
aber die vielen Gerusche des Hauses bertnten, wie einst, bei weitem
seine Gedanken; und er fand es gut. Gut, einzuschlafen, gut, still zu
sein. Nicht lnger ein arbeitender Kopf, von dem die Chimren das
Fleisch nagen. Nur Arbeit unserer Hnde bezwingt den Sinn des Lebens, so
da er weniger furchtbar wird. Der Arbeiter Balrich heiratete das
Mdchen Thilde, nahm sie zu sich mit ihrem Kind, ihrer Mutter, und
ernhrte sie alle.

Von da an sa er auch wieder in der Kantine mit den Genossen. Sie sahen
endlich, er war ganz wie sie, niemand mute vor ihm sich zurckhalten.
Dennoch erfuhr er weder Feindschaft noch Undank. Er fhlte, dankbarer
sind sie mir jetzt, da es vergebens war. Ein Hndedruck sagte ihm
manchmal, es ist in Ordnung mit dir und uns. Wir lieben uns, verraten
uns, kmpfen, werden mde, ergeben uns. Wir haben viel gelernt, und
vergessen es schon wieder.

Bei der Taufe ihres Kindes trug Thilde schon ein zweites. Balrich sagte:
Wir sind Proletarier, -- und als einziger verstand er das Wort. Da es
ein Sonntag war, ging er und zog aus dem fichtenen Tisch seine
lateinischen Bcher, die wenigen, die dem Brande Klinkorums entgangen
waren. Er sah sie an, die Brust ein wenig beklommen, aber entschlossen,
sie wegzutun und zu vergessen. Wem sie Kraft genug gaben, den Heling zu
besiegen, der mochte sie lesen. Du hast es doch versucht, durfte Balrich
sich sagen. Httest du sie gelesen wie Klinkorum, du lasest sie
fruchtlos und zu Unrecht. Das Wissen, das nicht hilft, ist eitel und
schlecht. Der Geist, der nicht handelt, ist strafbarer als die Ttung
keimenden Lebens. Wer denkt, soll auf das Glck der Menschen denken.

Er hatte sich ergeben, -- aber einmal schrieb Leni. Gleich der Duft des
noch geschlossenen Umschlages rhrte alles auf in dem Bruder. Was ist
aus ihr geworden? Du bist schuldig, du hast sie verlassen. Fr sie
mutest du weiterkmpfen . . . Aber ihr ging es gut, sogar glnzend,
behauptete sie. Ihr Verkehr in Berlin waren Baroninnen, und sie ging zum
Theater. Er dachte zurck. Kampf ist Kampf, dem Elend entrinnst du auch
so nicht, ohne Blut zu lassen. Ich htte ihr ein leichteres Leben
zugedacht . . . Der Glanz aber, schrieb sie, freue sie nicht mehr,
gedenke sie ihres lieben Karl. Die Worte warfen ihn nieder, mit der
ganzen Wucht eines verfehlten Lebens. Fremd hier bei Frau und Kind, und
alles verloren! Da weinte er, bis sie ihn fanden.

Weggesteckt den Brief, -- aber als er ihn spter noch einmal las,
begegneten ihm Wendungen, die er nicht recht erfate. Dahinter stand
wohl eine unbekannte Welt, wie damals im Theater hinter den schwierigen
Reden der Schauspieler. Villa Hhe nannte sie Provinz, und sein
hchster Traum fr sie war einst doch Villa Hhe. Wie nannte sie heute
wohl ihn selbst? Schlielich hat jeder sein Leben. Sie hat ihres, und
dies ist nun meins. Er schrieb ihr plump, sie solle sich nur Geld
sparen, das lustige Leben werde auch nicht immer dauern.

Darauf antwortete sie nicht mehr; und er, wenn er dachte, jetzt seien es
drei, jetzt sechs Wochen, dachte hinzu, es msse sein. Sie dort oben
wird immer hher steigen, du hier unten sinkst tglich weiter zurck.
Was ihr noch wit voneinander, soll immer weniger werden. Fnfzig Jahre
knnt ihr fortleben, -- Zeit genug, um zu vergessen, wie es war, als du
sie, die um die ganze Welt getanzt hatte, auf deinen Armen einst trugst
durch den Staub der Landstrae. Sieh, du weinst schon nicht mehr.

Aber trge flo das Leben. Des Kampfes, der doch beendet und verloren
ist, vergit du nicht und rufst ihn zurck in Sommer und Frieden. Er ist
noch da, eine geheime Unruhe erfllt die Luft. Was fern liegt, rckt
herbei und lt dich auffahren, als wollte dir einer an Weib und Kind.
Ruland! das ist der Feind. Frankreich! England! das ist er. Wer fragt
noch nach Heling. An Heling konnten wir nicht hinan, -- mit ihm denn
gegen die, die uns berfallen! Dort winkt der Sieg. Krieg mu sein,
damit endlich wir Armen das Glck erraffen, das kein Kampf des Lebens
uns bringen wollte. Heling zahlt bis 80 Prozent unserer Lhne an die
Familien der Einberufenen. Was Proletarier, was Bourgeois, -- das
Vaterland! Dem Generaldirektor lag es schon lngst im Sinn, beizeiten
hat er seine neuen Maschinen aufgestellt. Jetzt machen sie Munition.

Einberufen unter den ersten! Balrich, Dinkl, alle sahen den hohen Tag
der Erfllung, als wir ausrckten. Durch beflaggte Straen, Feldkchen
sumten sie, eine Mutter trug uns Blumen nach oder Wrste, in der
kleinen roten Faust unserer Schwester hing unser Kfferchen, und sie
weinte in ihre Schrze, indes wir sangen. Wir sangen und hatten auf dem
Helm einen Kranz. Wo unsere Regimentsmusik um die Ecke bog, flogen die
Straen entlang alle Fenster auf. Die Autos hielten und lieen uns
vorbeimarschieren. Auch am Bahnhof hngen Fahnen und Krnze. Werden wir
noch einmal die sehen, die uns suchen? Wo ist Thilde?

Einsteigen, es kostet nichts. Das Brschlein ist da, es hat helle,
aufgerissene Augen, hat sich freiwillig gemeldet, es wird nachkommen.
Paris drft ihr nehmen, bevor ich dabei bin, aber London noch nicht!
Bitte, noch nicht! Dinkl macht Witze und fat schon die zweite Tasse
Fleischsuppe umsonst von einer Dame. Noch kommt Thilde nicht. Welch ein
Gedrnge! Wer einander nicht am Arm hat, findet sich nie wieder. Die
Zge entlang Haufen Gepck, fr Befrderung keine Garantie. Geschrei aus
den Zgen: Sie, Herr Leutnant, nun sorgen Sie doch bitte dafr, da wir
abfahren, wir wollen die Kerls verdreschen. Die Bande gelst, Trnen
und Lachen in einem, Prahlerei und Herzweh, Pfiffe gellen, ein Zug fhrt
ab, jemand liegt unter den Rdern, -- keine Garantie; und auch die
Unordnung wirkt begeisternd und selbst das Elend. Wo bleibt Thilde? Auf
einem Sack sitzt, den Rcken rund wie ein Pilz, eine Greisin, sauber und
arm, und ringt die Hnde: Ich hab' ihn nicht mehr gesehn. Balrich
wei, wen: Herbesdrfer. Dahin ist er, keinen Spitzel wird er mehr vor
die Gewehre werfen . . . Balrich reicht die Hand seiner Schwester Malli,
nun los! Aber Thilde? Das Kind und Thilde?

Da, von der Stufe des Wagens her, erblickte er Thilde, seine Frau, und
sie ihn. Er ward bleich, schon wie der Tod, so sah sie ihn. In ihrem
braunen Tuch, mit ihrem hohlen grauen Gesicht, auf dem Arm das Kind und
neben dem blonden Haar des Kindes das ihre verstaubt, eine alternde
Arbeiterin, so sah er sie. Er winkte; keine halbe Minute mehr! Mit ihrem
gewlbten Leib hastete sie beschwerlich hindurch. Er winkte, auf einmal
fhlte er: keine halbe Minute mehr, und so vieles drngt. Ich habe sie
nicht genug geliebt, nicht genug die Armut geliebt, unser einfaches
Menschentum, das ebenso gut wie schlimm ist, -- wollten wir nur nicht
hart sein, nicht schonungslos begehrlich, alle, die von oben und daher
auch die von unten, die Schlechten unter uns und auch wir Besseren. Er
fhlte: Keine halbe Minute mehr, und versumt ist, so sehr ich auch
kmpfte, das wahre Leben, das nur Vernunft und Gte ist. Wir planten
Kampf, suchten Kampf, lebten Kampf, schon lngst bevor wir in diesen
Kampf ziehn. Auf Feindschaft waren wir gestellt, und finden nun Feinde.
Ich hatte teil an meiner Zeit und be fr sie. Dies ist das Ende.

Nun trafen sich ihre Hnde. Die Rder, langsam und unwiderruflich,
machten die erste Drehung. Ein Ku dem Kind, und ineinandergeschlossen
die beiden harten Hnde, diese Sekunde noch und noch diese. Er sagte,
dringend vorgebeugt:

Alles wird besser, wenn ich wiederkomme.

Sie, nachhastend, die Angst des ganzen Lebens in ihrem Gesicht und in
der Stimme keinen Trost, sagte:

Wenn du wiederkommst.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 59]:
   ... sollte beibringen knnen gegen einen Reichen, geignet, ...
   ... sollte beibringen knnen gegen einen Reichen, geeignet, ...

   [S. 89]:
   ... Thilde und ich. Euch andere geht es nichts an. Dies ...
   ... Thilde und ich. Euch andere geht es nichts an. Dies ...

   [S. 199]:
   ... es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends,
       langlangfristigen ...
   ... es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends, langfristigen ...

   [S. 228]:
   ... Abiturium, berlegte er; und ich habe nicht nur ...
   ... Abiturium, berlegte er; und ich habe nicht nur ...

   [S. 234]:
   ... Er soll dich heiraten! Sonst --! ...
   ... Er soll dich heiraten! Sonst --! ...

   [S. 240]:
   ... Sie aber lgen! Sie halten uns Armen hin, ...
   ... Sie aber lgen! Sie halten uns Arme hin, ...






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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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