
The Project Gutenberg EBook of Die Braut von Messina
by Johann Christoph Friedrich von Schiller

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Title: Die Braut von Messina

Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller

Release Date: September, 2004  [EBook #6496]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on December 22, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE BRAUT VON MESSINA ***






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Die Braut von Messina

oder

die feindlichen Brder.



Friedrich Schiller

Ein Trauerspiel mit Chren.



Personen.

Donna Isabella, Frstin von Messina.
Don Manuel und Don Cesar, ihre Shne.
Beatrice.
Diego.
Boten.
Chor, bestehend aus dem Gefolge der Brder.
Die ltesten von Messina, reden nicht.

ber den Gebrauch des Chors in der Tragdie

1. Aufzug
2. Aufzug
3. Aufzug
4. Aufzug




Erster Aufzug. (1)

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(1) Die Eintheilung in Aufzge und Auftritte, die sich in der ersten
und in allen bisherigen Ausgaben nicht findet, ist dem von Schiller
revidirten Hamburger Bhnenmanuscript entnommen.
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Die Scene ist eine gerumige Sulenhalle, auf beiden Seiten sind Eingnge,
eine groe Flgelthre in der Tiefe fhrt zu einer Kapelle.



Erster Auftritt.


Donna Isabella in tiefer Trauer, die ltesten von Messina stehen um sie her.

Isabella.
  Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb,
  Tret' ich, ihr greisen Hupter dieser Stadt,
  Heraus zu euch aus den verschwiegenen
  Gemchern meines Frauensaals, das Antlitz
  Vor euren Mnnerblicken zu entschleiern.
  Denn es geziemt der Wittwe, die den Gatten
  Verloren, ihres Lebens Licht und Ruhm,
  Die schwarz umflorte Nachtgestalt dem Aug
  Der Welt in stillen Mauern zu verbergen;
  Doch unerbittlich allgewaltig treibt
  Des Augenblicks Gebieterstimme mich
  An das entwohnte Licht der Welt hervor.

  Nicht zweimal hat der Mond die Lichtgestalt
  Erneut, seit ich den frstlichen Gemahl
  Zu seiner letzten Ruhesttte trug,
  Der mchtigwaltend dieser Stadt gebot,
  Mit starkem Arme gegen eine Welt
  Euch schtzend, die euch feindlich rings umlagert.
  Er selber ist dahin, doch lebt sein Geist
  In einem tapfern Heldenpaare fort
  Glorreicher Shne, dieses Landes Stolz.
  Ihr habt sie unter euch in freud'ger Kraft
  Aufwachsen sehen, doch mit ihnen wuchs
  Aus unbekannt verhngnivollem Samen
  Auch ein unsel'ger Bruderha empor,
  Der Kindheit frohe Einigkeit zerreiend,
  Und reifte furchtbar mit dem Ernst der Jahre.
  Nie hab' ich ihrer Eintracht mich erfreut;
  An diesen Brsten nhrt' ich beide gleich,
  Gleich unter sie vertheil' ich Lieb' und Sorge,
  Und beide wei ich kindlich mir geneigt.
  In diesem einz'gen Triebe sind sie Eins,
  In allem Andern trennt sie blut'ger Streit.

  Zwar, weil der Vater noch gefrchtet herrschte,
  Hielt er durch gleiche Strenge furchtbare
  Gerechtigkeit die Heftigbrausenden im Zgel,
  Und unter eines Joches Eisenschwere
  Bog er vereinend ihren starren Sinn.
  Nicht waffentragend durften sie sich nahn,
  Nicht in denselben Mauern bernachten.
  So hemmt' er zwar mit strengem Machtgebot
  Den rohen Ausbruch ihres wilden Triebs;
  Doch ungebessert in der tiefen Brust
  Lie er den Ha--der Starke achtet es
  Gering, die leise Quelle zu verstopfen,
  Weil er dem Strome mchtig wehren kann.

  Was kommen mute, kam. Als er die Augen
  Im Tode schlo und seine starke Hand
  Sie nicht mehr bndigt, bricht der alte Groll
  Gleichwie des Feuers eingeprete Gluth,
  Zur offnen Flamme sich entzndend, los.
  Ich sag' euch, was ihr Alle selbst bezeugt:
  Messina theilte sich, die Bruderfehde
  Lst' alle heil'gen Bande der Natur,
  Dem allgemeinen Streit die Losung gebend,
  Schwert traf auf Schwert, zum Schlachtfeld ward die Stadt.
  Ja, diese Hallen selbst bespritzte Blut.

  Des Staates Bande sahet ihr zerreien,
  Doch mir zerri im Innersten das Herz--
  Ihr fhltet nur das ffentliche Leiden
  Und fragtet wenig nach der Mutter Schmerz.
  Ihr kamt zu mir und spracht dies harte Wort:
  "Du siehst, da deiner Shne Bruderzwist
  "Die Stadt emprt in brgerlichem Streit,
  "Die, von dem bsen Nachbarn rings umgarnt,
  "Durch Eintracht nur dem Feinde widersteht.
  "--Du bist die Mutter! Wohl, so siehe zu,
  "Wie du der Shne blut'gen Hader stillst.
  "Was kmmert uns, die Friedlichen, der Zank
  "Der Herrscher? Sollen wir zu Grunde gehn,
  "Weil deine Shne wthend sich befehden?
  "Wir wollen uns selbst rathen ohne sie
  "Und einem andern Herrn uns bergeben,
  "Der unser Bestes will und schaffen kann!"

  So spracht ihr rauhen Mnner, mitleidlos
  Fr euch nur sorgend und fr eure Stadt,
  Und wlztet noch die ffentliche Noth
  Auf dieses Herz, das von der Mutter Angst
  Und Sorgen schwer genug belastet war.
  Ich unternahm das nicht zu Hoffende,
  Ich warf mit dem zerrinen Mutterherzen
  Mich zwischen die Ergrimmten, Frieden rufend--
  Unabgeschreckt, geschftig, unermdlich
  Beschickt' ich sie, den Einen um den Andern,
  Bis ich erhielt durch mtterliches Flehn,
  Das sie's zufrieden sind, in dieser Stadt
  Messina, in dem vterlichen Schlo
  Unfeindlich sich von Angesicht zu sehn,
  Was nie geschah, seitdem der Frst verschied.

  Dies ist der Tag! Des Boten harr' ich stndlich,
  Der mir die Kunde bringt von ihrem Anzug.
  --Seid denn bereit, die Herrscher zu empfangen
  Mit Ehrfurcht, wie's dem Unterthanen ziemt.
  Nur eure Pflicht zu leisten seid bedacht,
  Fr's Andre lat uns Andere gewhren.
  Verderblich diesem Land und ihnen selbst
  Verderbenbringend war der Shne Streit;
  Vershnt, vereinigt, sind sie mchtig gnug,
  Euch zu beschtzen gegen eine Welt
  Und Recht sich zu verschaffen--gegen euch!

(Die ltesten entfernen sich schweigend, die Hand auf der Brust.
Sie winkt einem alten Diener, der zurckbleibt.)



Zweiter Auftritt.


Isabella. Diego.

Isabella.
  Diego!

Diego.
         Was gebietet meine Frstin?

Isabella.
  Bewhrter Diener! Redlich Herz! Tritt nher!
  Mein Leiden hast du, meinen Schmerz getheilt,
  So theil' auch jetzt das Glck der Glcklichen.
  Verpfndet hab' ich deiner treuen Brust
  Mein schmerzlich ses, heiliges Geheimni.
  Der Augenblick ist da, wo es ans Licht
  Des Tages soll hervorgezogen werden.
  Zu lange schon erstickt' ich der Natur
  Gewalt'ge Regung, weil noch ber mich
  Ein fremder Wille herrisch waltete.
  Jetzt darf sich ihre Stimme frei erheben,
  Noch heute soll dies Herz befriedigt sein,
  Und dieses Haus, das lang verdet war,
  Versammle Alles, was mir theuer ist.

  So lenke denn die alterschweren Tritte
  Nach jenem wohlbekannten Kloster hin,
  Das einen theuren Schatz mir aufbewahrt.
  Du warst es, treue Seele, der ihn mir
  Dorthin geflchtet hat auf bere Tage,
  Den traur'gen Dienst der Traurigen erzeigend.
  Du bringe frhlich jetzt der Glcklichen
  Das theure Pfand zurck.
(Man hrt in der Ferne blasen.)
                           O eile, eile
  Und la die Freude deinen Schritt verjngen!
  Ich hre kriegerischer Hrner Schall,
  Der meiner Shne Einzug mir verkndigt.

(Diego geht ab. Die Musik lt sich noch von einer entgegengesetzten
Seite immer nher und nher hren.)

Isabella.
  Erregt ist ganz Messina--Horch! ein Strom
  Verworrner Stimmen wlzt sich brausend her--
  Sie sind's! Das Herz der Mutter, mchtig schlagend,
  Empfindet ihrer Nhe Kraft und Zug.
  Sie sind's! O meine Kinder, meine Kinder! (Sie eilt hinaus.)



Dritter Auftritt.


Chor tritt auf.

Er besteht aus zwei Halbchren, welche zu gleicher Zeit, von zwei
entgegengesetzten Seiten, der eine aus der Tiefe, der andere aus
dem Vordergrund eintreten, rund um die Bhne gehen und sich alsdann
auf derselben Seite, wo jeder eingetreten, in eine Reihe stellen.
Den einen Halbchor bilden die ltern, den andern die jngern Ritter;
beide sind durch Farbe und Abzeichen verschieden. Wenn beide Chre
einander gegenber stehen, schweigt der Marsch, und die beiden
Chorfhrer reden. (2)

------------------------------------------------------
(2) Anmerkung. Der Verfasser hat bei bersendung des Manuscripts an
das Theater zu Wien einen Vorschlag beigefgt, wie die Reden des Chors
unter einzelne Personen vertheilt werden knnten. Der erste Chor sollte
nmlich aus Cajetan, Berengar, Manfred, Tristan und acht Rittern Don
Manuels, der zweite aus Bohemund, Roger, Hippolit und neun Rittern
Don Cesars bestehen. Was jede dieser Personen nach des Verfassers
Plane zu sagen haben wrde, ist bei dieser Ausgabe angedeutet worden.
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Erster Chor. (Cajetan.)
  Dich begr' ich in Ehrfurcht,
  Prangende Halle,
  Dich, meiner Herrscher
  Frstliche Wiege,
  Sulengetragenes herrliches Dach.

  Tief in der Scheide
  Ruhe das Schwert,
  Vor den Thoren gefesselt
  Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.
  Denn des gastlichen Hauses
  Unverletzliche Schwelle
  Htet der Eid, der Erinyen Sohn,
  Der furchtbarste unter den Gttern der Hlle!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Zrnend ergrimmt mir das Herz im Busen,
  Zu dem Kampf ist die Faust geballt,
  Denn ich sehe das Haupt der Medusen,
  Meines Feindes verhate Gestalt.
  Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute.
  Gnn' ich ihm die Ehre des Worts?
  Oder gehorch' ich dem zrnenden Muthe?
  Aber mich schreckt die Eumenide,
  Die Beschirmerin dieses Orts,
  Und der waltende Gottesfriede.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Weisere Fassung
  Ziemet dem Alter,
  Ich, der Vernnftige, gre zuerst. (Zu dem zweiten Chor.)

  Sei mir willkommen,
  Der du mit mir
  Gleiche Gefhle
  Brderlich theilend,
  Dieses Palastes
  Schtzende Gtter
  Frchtend verehrst!
  Weil sich die Frsten gtlich besprechen,
  Wollen auch wir jetzt Worte des Friedens
  Harmlos wechseln mit ruhigem Blut,
  Denn auch das Wort ist, das heilende, gut.
  Aber treff' ich dich drauen im Freien,
  Da mag der blutige Kampf sich erneuen,
  Da erprobe das Eisen den Muth.

Der ganze Chor.
  Aber treff ich dich drauen im Freien,
  Da mag der blutige Kampf sich erneuen,
  Da erprobe das Eisen den Muth.

Erster Chor. (Berengar.)
  Dich nicht hass' ich! Nicht du bist mein Feind!
  Eine Stadt ja hat uns geboren,
  Jene sind ein fremdes Geschlecht.
  Aber wenn sich die Frsten befehden,
  Mssen die Diener sich morden und tdten,
  Das ist die Ordnung, so will es das Recht.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Mgen sie's wissen,
  Warum sie sich blutig
  Hassend bekmpfen! Mich ficht es nicht an.
  Aber wir fechten ihre Schlachten;
  Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann,
  Der den Gebieter lt verachten.

Der ganze Chor.
  Aber wir fechten ihre Schlachten;
  Der ist kein Tapfrer, kein Ehrenmann,
  Der den Gebieter lt verachten.

Einer aus dem Chor. (Berengar.)
  Hrt, was ich bei mir selbst erwogen,
  Als ich mig daher gezogen,
  Durch des Korus hochwallende Gassen,
  Meinen Gedanken berlassen.

  Wir haben uns in des Kampfes Wuth
  Nicht besonnen und nicht berathen,
  Denn uns bethrte das brausende Blut.

  Sind sie nicht unser, diese Saaten?
  Diese Ulmen, mit Reben umsponnen,
  Sind sie nicht Kinder unsrer Sonnen?
  Knnten wir nicht in frohem Genu
  Harmlos vergngliche Tage spinnen,
  Lustig das leichte Leben gewinnen?
  Warum ziehn wir mit rasendem Beginnen
  Unser Schwert fr das fremde Geschlecht?
  Es hat an diesem Boden kein Recht.
  Auf dem Meerschiff ist es gekommen
  Von der Sonne rthlichem Untergang;
  Gastlich haben wir's aufgenommen
  (Unsre Vter! Die Zeit ist lang),
  Und jetzt sehen wir uns als Knechte,
  Unterthan diesem fremden Geschlechte!

Ein Zweiter. (Manfred.)
  Wohl! Wir bewohnen ein glckliches Land,
  Das die himmelumwandelnde Sonne
  Ansieht mit immer freundlicher Helle,
  Und wir knnen es frhlich genieen;
  Aber es lt sich nicht sperren und schlieen,
  Und des Meers rings umgebende Welle,
  Sie verrth uns dem khnen Corsaren,
  Die die Kste verwegen durchkreuzt.
  Einen Segen haben wir zu bewahren,
  Der das Schwert nur des Fremdlings reizt.
  Sklaven sind wir in den eigenen Sitzen,
  Das Land kann seine Kinder nicht schtzen.
  Nicht, wo die goldene Ceres lacht
  Und der friedliche Pan, der Flurenbehter,
  Wo das Eisen wchst in der Berge Schacht,
  Da entspringen der Erde Gebieter.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Ungleich vertheilt sind des Lebens Gter
  Unter der Menschen flcht'gem Geschlecht;
  Aber die Natur, sie ist ewig gerecht.
  Uns verlieh sie das Mark und die Flle,
  Die sich immer erneuend erschafft,
  Jenen ward der gewaltige Wille
  Und die unzerbrechliche Kraft.
  Mit der furchtbaren Strke gerstet,
  Fhren sie aus, was dem Herzen gelstet,
  Fllen die Erde mit mchtigem Schall;
  Aber hinter den groen Hhen
  Folgt auf der tiefe, der donnernde Fall.

  Darum lob' ich mir niedrig zu stehen,
  Mich verbergend in meiner Schwche.
  Jene gewaltigen Wetterbche,
  Aus des Hagels unendlichen Schlossen,
  Aus den Wolkenbrchen zusammen geflossen,
  Kommen finster gerauscht und geschossen,
  Reien die Brcken und reien die Dmme
  Donnernd mit fort im Wogengeschwemme,
  Nichts ist, das die Gewaltigen hemme.
  Doch nur der Augenblick hat sie geboren,
  Ihres Laufes furchtbare Spur
  Geht verrinnend im Sande verloren,
  Die Zerstrung verkndigt sie nur.
  --Die fremden Eroberer kommen und gehen;
  Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.

Die hintere Thre ffnet sich; Donna Isabella erscheint zwischen
ihren Shnen Don Manuel und Don Cesar.

Beide Chre. (Cajetan.)
  Preis ihr und Ehre,
  Die uns dort aufgeht,
  Eine glnzende Sonne!
  Knieend verehr' ich dein herrliches Haupt.

Erster Chor. (Berengar.)
  Schn ist des Mondes
  Mildere Klarheit
  Unter der Sterne blitzendem Glanz,
  Schn ist der Mutter
  Liebliche Hoheit
  Zwischen der Shne feuriger Kraft;
  Nicht auf der Erden
  Ist ihr Bild und ihr Gleichni zu sehn.

  Hoch auf des Lebens (3)

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(3) Anmerkung. Nach der Absicht des Verf. sollte die Stelle: "Hoch
auf des Lebens--ihrem Sohn" auf dem Theater wegbleiben.

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  Gipfel gestellt,
  Schliet sie blhend den Kreis des Schnen,
  Mit der Mutter und ihren Shnen
  Krnt sich die herrlich vollendete Welt.

  Selber die Kirche, die gttliche, stellt nicht
  Schneres dar auf dem himmlischen Thron;
  Hheres bildet
  Selber die Kunst nicht, die gttlich geborne,
  Als die Mutter mit ihrem Sohne.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Freudig sieht sie aus ihrem Schooe
  Einen blhenden Baum sich erheben,
  Der sich ewig sprossend erneut.
  Denn sie hat ein Geschlecht geboren,
  Welches wandeln wird mit der Sonne
  Und den Namen geben der rollenden Zeit.
(Roger.)
  Vlker verrauschen,
  Namen verklingen,
  Finstre Vergessenheit
  Breitet die dunkelnachtenden Schwingen
  ber ganzen Geschlechtern aus.

  Aber der Frsten
  Einsame Hupter
  Glnzen erhellt,
  Und Aurora berhrt sie
  Mit den ewigen Strahlen
  Als die ragenden Gipfel der Welt.



Vierter Auftritt.


Isabella (mit ihren Shnen hervortretend).
  Blick' nieder, hohe Knigin des Himmels,
  Und halte deine Hand auf dieses Herz,
  Da es der bermuth nicht schwellend hebe;
  denn leicht verge sich der Mutter Freude,
  Wenn sie sich spiegelt in der Shne Glanz,
  Zum Erstenmal, seitdem ich sie geboren,
  Umfass' ich meines Glckes Flle ganz.
  Denn bis auf diesen Tag mut' ich gewaltsam
  Des Herzens frhliche Ergieung theilen;
  Vergessen ganz mut' ich den einen Sohn,
  Wenn ich der Nhe mich des andern freute.
  O, meine Mutterliebe ist nur eine,
  Und meine Shne waren ewig zwei!
  --Sagt, darf ich ohne Zittern mich der sen
  Gewalt des trunknen Herzens berlassen? (Zu Don Manuel.)
  Wenn ich die Hand des Bruders freundlich drcke,
  Sto' ich den Stachen nicht in deine Brust? (Zu Don Cesar.)
  Wenn ich das Herz an seinem Anblick weide,
  Ist's nicht ein Raub an Dir?--O, ich mu zittern,
  Da meine Liebe selbst, die ich euch zeige,
  Nur eures Hasses Flammen heft'ger schre.

(Nachdem sie Beide fragend angesehen.)

  Was darf ich mir von euch versprechen? Redet!
  Mit welchem Herzen kamet ihr hieher?
  Ist's noch der alte unvershnte Ha,
  Den ihr mit herbringt in des Vaters Haus,
  Und wartet drauen vor des Schlosses Thoren
  Der Krieg, auf Augenblicke nur gebndigt
  Und knirschend in das eherne Gebi,
  Um alsobald, wenn ihr den Rcken mir
  Gekehrt, mit neuer Wuth sich zu entfesseln?

Chor. (Bohemund.)
  Krieg oder Frieden! Noch liegen die Loose
  Dunkel verhllt in der Zukunft Schooe!
  Doch es wird sich noch, eh wir uns trennen, entscheiden;
  Wir sein bereit und gerstet zu beiden.

Isabella (im ganzen Kreis umherschauend.)
  Und welcher furchtbar kriegerische Anblick!
  Was sollen Diese hier? Ist's eine Schlacht,
  Die sich in diesen Slen zubereitet?
  Wozu die fremde Schaar, wenn eine Mutter
  Das Herz aufschlieen will vor ihren Kindern?
  Bis in den Schoo der Mutter frchtet ihr
  Der Arglist Schlingen, tckischen Verrath,
  Da ihr den Rcken euch besorglich deckt?
  --O diese wilden Banden, die euch folgen,
  Die raschen Diener eures Zorns--sie sind
  Nicht eure Freunde! Glaubet nimmermehr,
  Da sie euch wohlgesinnt zum Besten rathen!
  Wie knnten sie's von Herzen mit euch meinen,
  Den Fremdlingen, dem eingedrungnen Stamm,
  Der aus dem eignen Erbe sie vertrieben,
  Sich ber die der Herrschaft angemat?
  Glaubt mir! Es liebt ein Jeder, frei sich selbst
  Zu leben nach dem eigenen Gesetz;
  Die fremde Herrschaft wird mit Neid ertragen.
  Von eurer Macht allein und ihrer Furcht
  Erhaltet ihr den gern versagten Dienst.
  Lernt dies Geschlecht, das herzlos falsche, kennen!
  Die Schadenfreude ist's, wodurch sie sich
  An eurem Glck, an eurer Gre rchen.
  Der Herrscher Fall, der hohen Hupter Sturz
  Ist ihrer Lieder Stoff und ihr Gesprch,
  Was sich vom Sohn zum Enkel forterzhlt,
  Womit sie sich die Winternchte krzen.
  --O meine Shne! Feindlich ist die Welt
  Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur
  Sich selbst; unsicher, los und wandelbar
  Sind alle Bande, die das leichte Glck
  Geflochten--Laune lst, was Laune knpft--
  Nur die Natur ist redlich! Sie allein
  Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest,
  Wenn alles Andre auf den sturmbewegten Wellen
  Des Lebens unstet treibt--Die Neigung gibt
  Den Freund, es gibt der Vortheil den Gefhrten;
  Wohl Dem, dem die Geburt den Bruder gab!
  Ihn kann das Glck nicht geben! Anerschaffen
  Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt
  Voll Kriegs und Truges steht er zweifach da!

Chor. (Cajetan.)
  Ja, es ist etwas Groes, ich mu es verehren,
  Um einer Herrscherin frstlichen Sinn,
  ber der Menschen Thun und Verkehren
  Blickt sie mit ruhiger Klarheit hin.
  Uns aber treibt das verworrene Streben
  Blind und sinnlos durchs wste Leben.

Isabella. (zu Don Cesar).
  Du, der das Schwert auf seinen Bruder zckt,
  Sieh dich umher in dieser ganzen Schaar,
  Wo ist ein edler Bild als deines Bruders? (Zu Don Manuel.)
  Wer unter Diesen, die du Freunde nennst,
  Darf deinem Bruder sich zur Seite stellen?
  Ein Jeder ist ein Muster seines Alters,
  Und Keiner gleicht, und Keiner weicht dem Andern.
  Wagt es, euch in das Angesicht zu sehn!
  O Raserei der Eifersucht, des Neides!
  Ihn wrdest du aus Tausenden heraus
  Zum Freunde dir gewhlt, ihn an das Herz
  Geschlossen haben als den Einzigen;
  Und jetzt, da ihn die heilige Natur
  Dir gab, dir in der Wiege schon ihn schenkte,
  Trittst du, ein Frevler an dem eignen Blut,
  Mit stolzer Willkr ihr Geschenk mit Fen,
  Dich wegzuwerfen an den schlechtern Mann,
  Dich an den Feind und Fremdling anzuschlieen!

Don Manuel.
  Hre mich, Mutter!

Don Cesar.
                     Mutter, hre mich!

Isabella.
  Nicht Worte sind's, die diesen traur'gen Streit
  Erledigen--Hier ist das Mein und Dein,
  Die Rache von der Schuld nicht mehr zu sondern.
  --Wer mchte noch das alte Bette finden
  Des Schwefelstroms, der glhend sich ergo?
  Des unterird'schen Feuers schreckliche
  Geburt ist Alles, eine Lavarinde
  Liegt aufgeschichtet ber dem Gesunden,
  Und jeder Futritt wandelt auf Zerstrung.
  --Nur dieses Eine leg' ich euch ans Herz:
  Das Bse, das der Mann, der mndige,
  Dem Manne zufgt, das, ich will es glauben,
  Vergibt sich und vershnt sich schwer. Der Mann
  Will seinen Ha, und keine Zeit verndert
  Den Rathschlu, den er wohl besonnen fat.
  Doch eures Haders Ursprung steigt hinauf
  In unverstnd'ger Kindheit frhe Zeit,
  Sein Alter ist's, was ihn entwaffnen sollte.
  Fragte zurck, was euch zuerst entzweite;
  Ihr wit es nicht, ja, fndet ihr's auch aus,
  Ihr wrdet auch des kind'schen Haders schmen.
  Und dennoch ist's der erste Kinderstreit,
  Der, fortgezeugt in unglcksel'ger Kette,
  Die neuste Unbill dieses Tags geboren.
  Denn alle schweren Thaten, die bis jetzt geschahn,
  Sind nur des Argwohns und der Rache Kinder.
  --Und jene Knabenfehde wolltet ihr
  Nicht jetzt fortkmpfen, da ihr Mnner seid? (Beider Hnde fassend.)
  O, meine Shne! Kommt, entschlieet euch,
  Die Rechnung gegenseitig zu vertilgen,
  Denn gleich auf beiden Seiten ist das Unrecht.
  Seid edel, und groherzig schenkt einander
  Die unabtragbar ungeheure Schuld.
  Der Siege gttlichster ist das Vergeben!
  In eueres Vaters Gruft werft ihn hinab,
  Den alten Ha der frhen Kinderzeit!
  Der schnen Liebe sei das neue Leben,
  Der Eintracht, der Vershnung sei's geweiht.

(Sie tritt einen Schritt zwischen beiden zurck, als wollte sie ihnen
Raum geben, sich einander zu nhern. Beide blicken zur Erde, ohne
einander anzusehen.)

Chor. (Cajetan.)
  Hret der Mutter vermahnende Rede,
  Wahrlich, sie spricht ein gewichtiges Wort!
  Lat es genug sein und endet die Fehde,
  Oder gefllt's euch, so setzet sie fort.
  Was auch genehm ist, das ist mir gerecht,
  Ihr seid die Herrscher, und ich bin der Knecht.

Isabella. (nachdem sie einige Zeit innegehalten und vergebens eine
uerung der Brder erwartet, mit unterdrcktem Schmerz.)
  Jetzt wei ich nichts mehr. Ausgeleert hab' ich
  Der Worte Kcher und erschpft der Bitten Kraft.
  Im Grabe ruht, der euch gewaltsam bndigte,
  Und machtlos steht die Mutter zwischen euch.
  --Vollendet! Ihr habt freie Macht! Gehorcht
  Dem Dmon, der euch sinnlos wthend treibt,
  Ehrt nicht des Hausgotts heiligen Altar,
  Lat diese Halle selbst, die euch geboren,
  Den Schauplatz werden eines Wechselmords.
  Vor eurer Mutter Aug zerstret euch
  Mit euren eignen, nicht durch fremde Hnde.
  Leib gegen Leib, wie das thebanische Paar,
  Rckt auf einander an, und wuthvoll ringend,
  Umfanget euch mit eherner Umarmung.
  Leben um Leben tauschend siege Jeder,
  Den Dolch einbohrend nicht des Andern Brust,
  Da selbst der Tod nicht eure Zwietracht heile,
  Die Flamme selbst, des Feuers rothe Sule,
  Die sich von eurem Scheiterhaufen hebt,
  Sich zweigespalten von einander theile,
  Ein schaudernd Bild, wie ihr gestorben und gelebt.

(Sie geht ab. Die Brder bleiben noch in der vorigen Entfernung von
einander stehen.)



Fnfter Auftritt.


Beide Brder. Beide Chre.

Chor. (Cajetan.)
  Es sind nur Worte, die sie gesprochen,
  Aber sie haben den frhlichen Muth
  In der felsigten Brust mir gebrochen!
  Ich nicht vergo das verwandte Blut.
  Nein zum Himmel erheb' ich die Hnde:
  Ihr seid Brder! Bedenket das Ende!

Don Cesar (ohne Don Manuel anzusehen).
  Du bist der ltre Bruder, rede du!
  Dem Erstgebornen weich' ich ohne Schande.

Don Manuel (in derselben Stellung).
  Sag' etwas Gutes, und ich folge gern
  Dem edeln Beispiel, das der jngre gibt.

Don Cesar.
  Nicht, weil ich fr den Schuldigeren mich
  Erkenne oder schwcher gar mich fhle--

Don Manuel.
  Nicht Kleinmuths zeiht Don Cesarn, wer ihn kennt,
  Fhlt' er sich schwcher, wrd' er stolzer reden.

Don Cesar.
  Denkst du von deinem Bruder nicht geringer?

Don Manuel.
  Du bist zu stolz zur Demuth, ich zur Lge.

Don Cesar.
  Verachtung nicht ertrgt mein edles Herz.
  Doch in des Kampfes heftigster Erbittrung
  Gedachtest du mit Wrde deines Bruders.

Don Manuel.
  Du willst nicht meinen Tod, ich habe Proben.
  Ein Mnch erbot sich dir, mich meuchlerisch
  Zu morden; du bestraftest den Verrther.

Don Cesar (tritt etwas nher).
  Htt' ich dich frher so gerecht erkannt,
  Es wre Vieles ungeschehn geblieben.

Don Manuel.
  Und htt' ich dir ein so vershnlich Herz
  Gewut, viel Mhe spart' ich dann der Mutter.

Don Cesar.
  Du wurdest mir viel stolzer abgeschildert.

Don Manuel.
  Es ist der Fluch der Hohen, da die Niedern
  Sich ihres offnen Ohrs bemchtigen.

Don Cesar (lebhaft).
  So ist's, die Diener tragen alle Schuld.

Don Manuel.
  Die unser Herz in bitterm Ha entfremdet.

Don Cesar.
  Die bse Worte hin und wieder trugen.

Don Manuel.
  Mit falscher Deutung jede That vergiftet.

Don Cesar.
  Die Wunde nhrten, die sie heilen sollten.

Don Manuel.
  Die Flamme schrten, die sie lschen konnten.

Don Cesar.
  Wir waren die Verfhrer, die Betrogenen!

Don Manuel.
  Das blinde Werkzeug fremder Leidenschaft!

Don Cesar.
  Ist's wahr, da alles Andre treulos ist--

Don Manuel.
  Und falsch! Die Mutter sagt's, du darfst es glauben!

Don Cesar.
  So will ich diese Bruderhand ergreifen--

(Er reicht ihm die Hand hin.)

Don Manuel. (ergreift sie lebhaft).
  Die mir die nchste ist auf dieser Welt.

(Beide stehen Hand in Hand und betrachten einander eine Zeitlang
schweigend.)

Don Cesar.
  Ich seh' dich an, und berrascht, erstaunt
  Find' ich in dir der Mutter theure Zge.

Don Manuel.
  Und eine hnlichkeit entdeckt sich mir
  In dir, die mich noch wunderbarer rhret.

Don Cesar.
  Bist du es wirklich, der dem jngern Bruder
  So hold begegnet und so gtig spricht?

Don Manuel.
  Ist dieser freundlich sanftgesinnte Jngling
  Der belwollend mir geh'ge Bruder?

(Wiederum Stillschweigen; Jeder steht in den Anblick des Andern verloren.)

Don Cesar.
  Du nahmst die Pferde von arab'scher Zucht
  In Anspruch aus dem Nachla unsers Vaters.
  Den Rittern, die du schicktest, schlug ich's ab.

Don Manuel.
  Sie sind dir lieb, ich denke nicht mehr dran.

Don Cesar.
  Nein, nimm die Rosse, nimm den Wagen auch
  Des Vaters, nimm sie, ich beschwre dich!

Don Manuel.
  Ich will es thun, wenn du das Schlo am Meere
  Beziehen willst, um das wir heftig stritten.

Don Cesar.
  Ich nehm' es nicht, doch bin ich's wohl zufrieden,
  Da wir's gemeinsam brderlich bewohnen.

Don Manuel.
  So sei's! Warum ausschlieend Eigenthum
  Besitzen, da die Herzen einig sind?

Don Cesar.
  Warum noch lnger abgesondert leben,
  Da wir, vereinigt, jeder reicher werden?

Don Manuel.
  Wir sind nicht mehr getrennt, wir sind vereinigt.

(Er eilt in seine Arme.)

Erster Chor (zum zweiten.) (Cajetan.)
  Was stehen wir hier noch feindlich geschieden,
  Da die Frsten liebend sich umfassen?
  Ihrem Beispiel folg' ich und biete dir Frieden,
  Wollen wir einander denn ewig hassen?
  Sind sie Brder durch Blutes Bande,
  Sind wir Brger und Shne von einem Lande.

(Beide Chre umarmen sich.)



Sechster Auftritt.


Ein Bote tritt auf.

Zweiter Chor (Zu Don Cesar.) (Bohemund.)
  Den Spher, den du ausgesendet, Herr,
  Erblick' ich wiederkehrend. Freue dich,
  Don Cesar! Gute Botschaft harret dein,
  Denn frhlich strahlt der Blick des Kommenden.

Bote.
  Heil mir und Heil der fluchbefreiten Stadt!
  Des schnsten Anblicks wird mein Auge froh.
  Die Shne meines Herrn, die Frsten seh' ich
  In friedlichem Gesprche, Hand in Hand,
  Die ich in heier Kampfes Wuth verlassen.

Don Cesar.
  Du siehst die Liebe aus des Hasses Flammen
  Wie einen neu verjngten Phnix steigen.

Bote.
  Ein zweites leg' ich zu dem ersten Glck!
  Mein Botenstab ergrnt von frischen Zweiten!

Don Cesar. (ihn bei Seite fhrend).
  La hren, was du bringst.

Bote.
                            Ein einz'ger Tag
  Will Alles, was erfreulich ist, versammeln.
  Auch die Verlorene, nach der wir suchten,
  Sie ist gefunden, Herr, sie ist nicht weit.

Don Cesar.
  Sie ist gefunden! O, wo ist sie? Sprich!

Bote.
  Hier in Messina, Herr, verbirgt sie sich.

Don Manuel (zu dem ersten Halbchor gewendet).
  Von hoher Rthe Gluth seh' ich die Wangen
  Des Bruders glnzen, und sein Auge blitzt.
  Ich wei nicht, was es ist; doch ist's die Farbe
  Der Freude, und mitfreuend theil' ich sie.

Don Cesar (zu dem Boten).
  Komm, fhre mich!--Leb wohl, Don Manuel!
  Im Arm der Mutter finden wir uns wieder;
  Jetzt fordert mich ein dringend Werk von hier. (Er will gehen.)

Don Manuel.
  Verschieb' es nicht. Das Glck begleite dich.

Don Cesar (besinnt sich und kommt zurck).
  Don Manuel! Mehr, als ich sagen kann,
  Freut mich dein Anblick--ja, mir ahnet schon,
  Wir werden uns wie Herzensfreunde lieben,
  Der langgebundne Trieb wird freud'ger nur
  Und mcht'ger streben in der neuen Sonne.
  Nachholen werd' ich das verlorne Leben.

Don Manuel.
  Die Blthe deutet auf die schne Frucht.

Don Cesar.
  Es ist nicht recht, ich fhl's und tadle mich,
  Da ich mich jetzt aus deinen Armen reie.
  Denk' nicht, ich fhle weniger, als du,
  Weil ich die festlich schne Stunde rasch zerschneide.

Don Manuel (mit sichtbarer Zerstreuung).
  Gehorche du dem Augenblick! Der Liebe
  Gehrt von heute an das ganze Leben.

Don Cesar.
  Entdeckt' ich dir, was mich von hinnen ruft--

Don Manuel.
  La mir dein Herz! Dir bleibe dein Geheimni.

Don Cesar.
  Auch kein Geheimni trenn' uns ferner mehr,
  Bald soll die letzte dunkle Falte schwinden!
(Zu dem Chor gewendet.)
  Euch knd' ich's an, damit ihr's Alle wisset!
  Der Streit ist abgeschlossen zwischen mir
  Und dem geliebten Bruder! Den erklr' ich
  Fr meinen Todfeind und Beleidiger
  Und werd' ihn hassen wie der Hlle Pforten,
  Der den erloschnen Funken unsers Streits
  Aufblst zu neuen Flammen--Hoffe Keiner
  Mir zu gefallen oder Dank zu ernten,
  Der von dem Bruder Bses mir berichtet,
  Mit falscher Dienstbegier den bittern Pfeil
  Des raschen Worts geschftig weiter sendet.
  --Nicht Wurzeln auf der Lippe schlgt das Wort,
  Das unbedacht dem schnellen Zorn entflohen;
  Doch, von dem Ohr des Argwohns aufgefangen,
  Kriecht es wie Schlingkraut endlos treibend fort
  Und hngt ans Herz sich an mit tausend sten:
  So trennen endlich in Verworrenheit
  Unheilbar sich die Guten und die Besten!

(Er umarmt den Bruder noch einmal und geht ab, von dem zweiten
Chor begleitet.)



Siebenter Auftritt.


Don Manuel und der erste Chor.

Chor. (Cajetan.)
  Verwundrungsvoll, o Herr, betracht' ich dich,
  Und fast mu ich dich heute ganz verkennen.
  Mit karger Rede kaum erwiederst du
  Des Bruders Liebesworte, der gutmeinend
  Mit offnem Herzen dir entgegen kommt.
  Versunken in dich selber stehst du da,
  Gleich einem Trumenden, als wre nur
  Dein Leib zugegen, und die Seele fern.
  Wer so dich she, mchte leicht der Klte
  Dich zeihn und stolz unfreundlichen Gemths;
  Ich aber will dich drum nicht fhllos schelten,
  Denn heiter blickst du, wie ein Glcklicher
  Um dich, und Lcheln spielt um deine Wangen.

Don Manuel.
  Was soll ich sagen? was erwiedern? Mag
  Der Bruder Worte finden! Ihn ergreift
  Ein berraschend neu Gefhl; er sieht
  Den alten Ha aus seinem Busen schwinden,
  Und wundernd fhlt er sein verwandtes Herz.
  Ich--habe keinen Ha mehr mitgebracht,
  Kaum wei ich noch, warum wir blutig stritten.
  Denn ber allen ird'schen Dingen hoch
  Schwebt mir auf Freudenfittigen die Seele,
  Und in dem Glanzesmeer, das mich umfngt,
  Sind alle Wolken mir und finstre Falten
  Des Lebens ausgeglttet und verschwunden.
  --Ich sehe diese Hallen, diese Sle,
  Und denke mir das freudige Erschrecken
  Der berraschten, hoch erstaunten Braut,
  Wenn ich als Frstin sie und Herrscherin
  Durch dieses Hauses Pforten fhren werde.
  --Noch liebt sie nur den Liebenden! Dem Fremdling,
  Dem Namenlosen hat sie sich gegeben.
  Nicht ahnet sie, da es Don Manuel,
  Messina's Frst ist, der die goldne Binde
  Ihr um die schne Stirne flechten wird.
  Wie s ist's, das Geliebte zu beglcken
  Mit ungehoffter Gre Glanz und Schein!
  Lngst spart' ich mir dies hchste der Entzcken,
  Wohl bleibt es stets sein hchster Schmuck allein;
  Doch auch die Hoheit darf das Schne schmcken,
  Der goldne Reif erhebt den Edelstein.

Chor. (Cajetan.)
  Ich hre dich, o Herr, vom langen Schweigen
  Zum erstenmal den stummen Mund entsiegeln.
  Mit Spheraugen folgt' ich dir schon lngst,
  Ein seltsam wunderbar Geheimni ahnend;
  Doch nicht erkhnt' ich mich, was du vor mir
  In tiefes Dunkel hllst, dir abzufragen.
  Dich reizt nicht mehr der Jagden muntre Lust,
  Der Rosse Wettlauf und des Falken Sieg.
  Aus der Gefhrten Aug verschwindest du,
  So oft die Sonne sinkt zum Himmelsrande,
  Und Keiner unsers Chors, die wir dich sonst
  In jeder Kriegs--und Jagdgefahr begleiten,
  Mag deines stillen Pfads Gefhrte sein.
  Warum verschleierst du bis diesen Tag
  Dein Liebesglck mit dieser neid'schen Hlle?
  Was zwingt den Mchtigen, da er verhehle?
  Denn Furcht ist fern von deiner groen Seele.

Don Manuel.
  Geflgelt ist das Glck und schwer zu binden,
  Nur in verschloner Lade wird's bewahrt.
  Das Schweigen ist zum Hter ihm gesetzt,
  Und rasch entfliegt es, wenn Geschwtzigkeit
  Voreilig wagt, die Decke zu erheben.
  Doch jetzt, dem Ziel so nahe, darf ich wohl
  Das lange Schweigen brechen, und ich will's.
  Denn mit der nchsten Morgensonne Strahl
  Ist sie die Meine, und des Dmons Neid
  Wird keine Macht mehr haben ber mich.
  Nicht mehr verstohlen werd' ich zu ihr schleichen,
  Nicht rauben mehr der Liebe goldne Frucht,
  Nicht mehr die Freude haschen auf der Flucht,
  Das Morgen wird dem schnen Heute gleichen,
  Nicht Blitzen gleich, die schnell vorber schieen
  Und pltzlich von der Nacht verschlungen sind,
  Mein Glck wird sein, gleichwie des Baches Flieen,
  Gleichwie der Sand des Stundenglases rinnt.

Chor. (Cajetan.)
  So nenne sie uns, Herr, die dich im Stillen
  Beglckt, da wir dein Loos beneidend rhmen
  Und wrdig ehren unsers Frsten Braut.
  Sag' an, wo du sie fandest, wo verbirgst,
  In welches Orts verschwiegner Heimlichkeit?
  Denn wir durchziehen schwrmend weit und breit
  Die Insel auf der Jagd verschlungnen Pfaden,
  Doch keine Spur hat uns dein Glck verrathen,
  So da ich bald mich berreden mchte,
  Es hlle sie ein Zaubernebel ein.

Don Manuel.
  Den Zauber ls' ich auf, denn heute noch
  Soll, was verborgen war, die Sonne schauen.
  Vernehmet denn und hrt, wie mir geschah.
  Fnf Monde sind's, es herrschte noch im Lande
  Des Vaters Macht und beugete gewaltsam
  Der Jugend starren Nacken in das Joch--
  Nichts kannt' ich als der Waffen wilde Freuden
  Und als des Waidwerks kriegerische Lust.
  --Wir hatten schon den ganzen Tag gejagt
  Entlang des Waldgebirges--da geschah's,
  Da die Verfolgung einer weien Hindin
  Mich weit hinweg aus eurem Haufen ri.
  Das scheue Thier floh durch des Thales Krmmen,
  Durch Busch und Kluft und bahnenlos Gestrpp,
  Auf Wurfes Weite sah ich's stets vor mir,
  Doch konnt' ich's nicht erreichen, noch erzielen,
  Bis es zuletzt an eines Gartens Pforte mir
  Verschwand. Schnell von dem Ro herab mich werfend
  Dring' ich ihm nach, schon mit dem Speere zielend,
  Da seh' ich wundern das erschrockne Thier
  Zu einer Nonne Fen zitternd liegen,
  Die selbst mit zarten Hnden schmeichelnd kost.
  Bewegungslos starr' ich das Wunder an,
  Den Jagdspie in der Hand, zum Wurf ausholend--
  Sie aber blickt mit groen Augen flehend
  Mich an. So stehn wir schweigend gegen einander--
  Wie lange Frist, das kann ich nicht ermessen,
  Denn alles Ma der Zeiten war vergessen.
  Tief in die Seele drckt sie mir den Blick,
  Und umgewandelt schnell ist mir das Herz.
  --Was ich nun sprach, was die Holdsel'ge mir
  Erwiedert, mge Niemand mich befragen,
  Denn wie ein Traumbild liegt es hinter mir
  Aus frher Kindheit dmmerhellen Tagen,
  An meiner Brust fhlt' ich die ihre schlagen,
  Als die Besinnungskraft mir wieder kam.
  Da hrt' ich einer Glocke helles Luten,
  Den Ruf zur Hora schien es zu bedeuten,
  Und schnell, wie Geister in die Luft verwehen,
  Entschwand sie mir und ward nicht mehr gesehen.

Chor. (Cajetan.)
  Mit Furcht, o Herr, erfllt mich dein Bericht.
  Raub hast du an dem Gttlichen begangen,
  Des Himmels Braut berhrt mit sndigem Verlangen,
  Denn furchtbar heilig ist des Klosters Pflicht.

Don Manuel.
  Jetzt hatt' ich eine Strae nur zu wandeln,
  Das unstet schwanke Sehnen war gebunden,
  Dem Leben war sein Inhalt ausgefunden.
  Und wie der Pilger sich nach Osten wendet,
  Wo ihm die Sonne der Verheiung glnzt,
  So kehrte sich mein Hoffen und mein Sehnen
  Dem einen hellen Himmelspunkte zu.
  Kein Tag entstieg dem Meer und sank hinunter,
  Der nicht zwei glcklich Liebende vereinte.
  Geflochten still war unsrer Herzen Bund,
  Nur der allsehnde ther ber uns
  War des verschwiegnen Glcks vertrauter Zeuge,
  Es brauchte weiter keines Menschen Dienst.
  Das waren goldne Stunden, sel'ge Tage!
  --Nicht Raub am Himmel war mein Glck, denn noch
  Durch kein Gelbde war das Herz gefesselt,
  Das sich auf ewig mir zu eigen gab.

Chor. (Cajetan.)
  So war das Kloster eine Freistatt nur
  Der zarten Jugend, nicht des Lebens Grab?

Don Manuel.
  Ein heilig Pfand ward sie dem Gotteshaus
  Vertraut, das man zurck einst werde fordern.

Chor. (Cajetan.)
  Doch welches Blutes rhmt sie sich zu sein?
  Denn nur vom Edeln kann das Edle stammen.

Don Manuel.
  Sich selber ein Geheimni wuchs sie auf,
  Nicht kennt sie ihr Geschlecht, noch Vaterland.

Chor. (Cajetan.)
  Und leitet keine dunkle Spur zurck
  Zu ihres Daseins unbekannten Quellen?

Don Manuel.
  Da sie von edelm Blut, gesteht der Mann,
  Der einz'ge, der um ihre Herkunft wei.

Chor. (Cajetan.)
  Wer ist der Mann? Nichts halte mir zurck,
  Denn wissend nur kann ich dir ntzlich rathen.

Don Manuel.
  Ein alter Diener naht von Zeit zu Zeit,
  Der einz'ge Bote zwischen Kind und Mutter.

Chor. (Cajetan.)
  Von diesem Alten hast du nichts erforscht?
  Feigherzig und geschwtzig ist das Alter.

Don Manuel.
  Nie wagt' ich's, einer Neugier nachzugeben,
  Die mein verschwiegnes Glck gefhrden knnte.

Chor. (Cajetan.)
  Was aber war der Inhalt seiner Worte,
  Wenn er die Jungfrau zu besuchen kam?

Don Manuel.
  Auf eine Zeit, die Alles lsen werde,
  Hat er von Jahr zu Jahren sie vertrstet.

Chor. (Cajetan.)
  Und diese Zeit, die Alles lsen soll,
  Hat er sie nher deutend nicht bezeichnet?

Don Manuel.
  Seit wenig Monden drohete der Greis
  Mit einer nahen ndrung ihres Schicksals.

Chor. (Cajetan.)
  Er drohte, sagst du? Also frchtest du
  Ein Licht zu schpfen das dich nicht erfreut?

Don Manuel.
  Ein jeder Wechsel schreckt den Glcklichen,
  Wo kein Gewinn zu hoffen, droht Verlust.

Chor. (Cajetan.)
  Doch konnte die Entdeckung, die du frchtest,
  Auch deiner Liebe gnst'ge Zeichen bringen.

Don Manuel.
  Auch strzen konnte sie mein Glck; drum whlt' ich
  Das Sicherste, ihr schnell zuvor zu kommen.

Chor. (Cajetan.)
  Wie das, o Herr? Mit Furcht erfllt du mich,
  Und eine rasche That mu ich besorgen.

Don Manuel.
  Schon seit den letzten Monden lie der Greis
  Geheimnivolle Winke sich entfallen,
  Da nicht mehr ferne sei der Tag, der sie
  Den Ihrigen zurcke geben werde.
  Seit gestern aber sprach er's deutlich aus,
  Da mit der nchsten Morgensonne Strahl--
  Dies aber ist der Tag, der heute leuchtet--
  Ihr Schicksal sich entscheidend werde lsen.
  Kein Augenblick war zu verlieren, schnell
  War mein Entschlu gefat und schnell vollstreckt.
  In dieser Nacht raubt' ich die Jungfrau weg
  Und brachte sie verborgen nach Messina.

Chor. (Cajetan.)
  Welch khn verwegen-ruberische That!
  --Verzeih, o Herr, die freie Tadelrede!
  Doch Solches ist des weisern Alters Recht,
  Wenn sich die rasche Jugend khn vergit.

Don Manuel.
  Unfern vom Kloster der Barmherzigen,
  In eines Gartens abgeschiedner Stille,
  Der von der Neugier nicht betreten wird,
  Trennt' ich mich eben jetzt von ihr, hieher
  Zu der Vershnung mit dem Bruder eilend.
  In banger Furcht lie ich sie dort allein
  Zurck, die sich nichts weniger erwartet,
  Als in dem Glanz der Frstin eingeholt
  Und auf erhabnem Fugestell des Ruhms
  Vor ganz Messina ausgestellt zu werden.
  Denn anders nicht soll sie mich wiedersehn,
  Als in der Gre Schmuck und Staat und festlich
  Von eurem ritterlichen Chor umgeben.
  Nicht will ich, da Don Manuels Verlobte
  Als eine Heimathlose, Flchtige
  Der Mutter nahen soll, die ich ihr gebe;
  Als eine Frstin frstlich will ich sie
  Einfhren in die Hofburg meiner Vter.

Chor. (Cajetan.)
  Gebiete, Herr! Wir harren deines Winks.

Don Manuel.
  Ich habe mich aus ihrem Arm gerissen,
  Doch nur mit ihr werd' ich beschftigt sein.
  Denn nach dem Bazar sollt ihr mich anjetzt
  Begleiten, wo die Mohren zum Verkauf
  Ausstellen, was das Morgenland erzeugt
  An edelm Stoff und feinem Kunstgebild.
  Erst whlet aus die zierlichen Sandalen,
  Der zartgeformten Fe Schutz und Zier;
  Dann zum Gewande whlt das Kunstgewebe
  Des Indiers, hellglnzend, wie der Schnee
  Des tna, der der Nchste ist dem Licht--
  Und leicht umflie' es, wie der Morgenduft,
  Den zarten Bau der jugendlichen Glieder.
  Von Purpur sei, mit zarten Fden Goldes
  Durchwirkt, der Grtel, der die Tunica
  Unter dem zcht'gen Busen reizend knpft.
  Dazu den Mantel whlt, von glnzender
  Seide gewebt, in bleichem Purpur schimmernd,
  ber der Achsel heft' ihn eine goldne
  Cicade--Auch die Spangen nicht verget,
  Die schnen Arme reizend zu umzirken,
  Auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck,
  Der Meeresgttin wundersame Gaben,
  Um die Locken winde sich ein Diadem,
  Gefget aus dem kstlichsten Gestein,
  Worin der feurig glhende Rubin
  Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze.
  Oben im Haarschmuck sei der lange Schleier
  Gleich einem hellen Lichtgewlk, umfliee,
  Und mit der Myrte jungfrulichem Kranze
  Vollende krnend sich das schne Ganze.

Chor. (Cajetan.)
  Es soll geschehen, Herr, wie du gebietest,
  Denn fertig und vollendet findet sich
  Dies alles auf dem Bazar ausgestellt.

Don Manuel.
  Den schnsten Zelter fhret dann hervor
  Aus meinen Stllen; seine Farbe sei
  Lichtwei, gleichwie des Sonnengottes Pferde,
  Von Purpur sei die Decke, und Geschirr
  Und Zgel reich besetzt mit edeln Steinen,
  Denn tragen soll er meine Knigin.
  Ihr selber haltet euch bereit, im Glanz
  Des Ritterstaates, unterm freud'gen Schall
  Der Hrner, eure Frstin heimzufhren.
  Dies alles zu besorgen, geh' ich jetzt,
  Zwei unter euch erwhl' ich zu Begleitern,
  Ihr andern wartet mein--was ihr vernahmt,
  Bewahrt's in eures Busens tiefem Grunde,
  Bis ich das Band gelst von eurem Munde.

(Er geht ab, von Zweien aus dem Chor begleitet.)



Achter Auftritt.


Chor. (Cajetan.)
  Sage, was werden wir jetzt beginnen,
  Da die Frsten ruhen vom Streit,
  Auszufllen die Leere der Stunden
  Und die lange unendliche Zeit?
  Etwas frchten und hoffen und sorgen
  Mu der Mensch fr den kommenden Morgen,
  Da er die Schwere des Daseins ertrage
  Und das ermdende Gleichma der Tage,
  Und mit erfrischendem Windesweben
  Kruselnd bewege das stockende Leben.

Einer aus dem Chor. (Manfred.)
  Schn ist der Friede! Ein lieblicher Knabe
  Liegt er gelagert am ruhigen Bach,
  Und die hpfenden Lmmer grasen
  Lustig um ihn auf dem sonnigten Rasen,
  Ses Tnen entlockt er der Flte,
  Und das Echo des Berges wird wach,
  Oder im Schimmer der Abendrthe
  Wiegt ihn in Schlummer der murmelnde Bach--
  Aber der Krieg auch hat seine Ehre,
  Der Beweger des Menschengeschicks;
  Mir gefllt ein lebendiges Leben,
  Mir ein ewiges Schwanken und Schwingen und Schweben
  Auf der steigenden, fallenden Welle des Glcks.

  Denn der Mensch verkmmert im Frieden,
  Mige Ruh' ist das Grab des Muths.
  Das Gesetz ist der Freund des Schwachen,
  Alles will es nur eben machen,
  Mchte gerne die Welt verflachen;
  Aber der Krieg lt die Kraft erscheinen,
  Alles erhebt er zum Ungemeinen,
  Selber dem Feigen erzeugt er den Muth.

Ein Zweiter. (Berengar.)
  Stehen nicht Amors Tempel offen?
  Wallet nicht zu dem Schnen die Welt?
  Da ist das Frchten! Da ist das Hoffen!
  Knig ist hier, wer den Augen gefllt!
  Auch die Liebe beweget das Leben,
  Da sich die graulichten Farben erheben.
  Reizend betrgt sie die glcklichen Jahre,
  Die gefllige Tochter des Schaums;
  In das Gemeine und Traurigwahre
  Webt sie die Bilder des goldenen Traums.

Ein Dritter. (Cajetan.)
  Bleibe die Blume dem blhenden Lenze,
  Scheine das Schne, und flechte sich Krnze,
  Wem die Locken noch jugendlich grnen;
  Aber dem mnnlichen Alter ziemt's,
  Einem ernsteren Gott zu dienen.

Erster. (Manfred.)
  Der strengen Diana, der Freundin der Jagden,
  Lasset uns folgen ins wilde Gehlz,
  Wo die Wlder am dunkelsten nachten,
  Und den Springbock strzen vom Fels.
  Denn die Jagd ist ein Gleichni der Schlachten,
  Des ernsten Kriegsgotts lustige Braut--
  Man ist auf mit dem Morgenstrahl,
  Wenn die schmetternden Hrner laden
  Lustig hinaus in das dampfende Thal,
  ber Berge, ber Klfte,
  Die ermatteten Glieder zu baden
  In den erfrischenden Strmen der Lfte!

Zweiter. (Berengar.)
  Oder wollen wir uns der blauen
  Gttin, der ewig bewegten, vertrauen,
  Die uns mit freundlicher Spiegelhelle
  Ladet in ihren unendlichen Schoo?
  Bauen wir auf der tanzenden Welle
  Uns ein lustig schwimmendes Schlo?
  Wer das grne, krystallene Feld
  Pflgt mit des Schiffes eilendem Kiele,
  Der vermhlt sich das Glck, dem gehrt die Welt,
  Ohne die Saat erblht ihm die Ernte!
  Denn das Meer ist der Raum der Hoffnung
  Und der Zuflle launisch Reich:
  Hier wird der Reiche schnell zum Armen,
  Und der rmste dem Frsten gleich.
  Wie der Wind mit Gedankenschnelle
  Luft um die ganze Windesrose,
  Wechseln hier des Geschickes Loose,
  Dreht das Glck seine Kugel um,
  Auf den Wellen ist Alles Welle,
  Auf dem Meer ist kein Eigenthum.

Dritter. (Cajetan.)
  Aber nicht blo im Wellenreiche,
  Auf der wogenden Meeresfluth,
  Auch auf der Erde, so fest sie ruht
  Auf den ewigen, alten Sulen,
  Wanket das Glck und will nicht weilen.
  --Sorge gibt mir dieser neue Frieden,
  Und nicht frhlich mag ich ihm vertrauen;
  Auf der Lava, die der Berg geschieden,
  Mcht' ich nimmer meine Htte bauen.
  Denn zu tief schon hat der Ha gefressen,
  Und zu schwere Thaten sind geschehn,
  Die sich nie vergeben und vergessen;
  Noch hab' ich das Ende nicht gesehn.
  Und mich schrecken ahnungsvolle Trume!
  Nicht Wahrsagung reden soll mein Mund;
  Aber sehr mifllt mir dies Geheime,
  Dieser Ehe segenloser Bund,
  Diese lichtscheu krummen Liebespfade,
  Dieses Klosterraubs verwegne That;
  Denn das Gute liebt sich das Gerade,
  Bse Frchte trgt die bse Saat.

(Berengar.)
  Auch ein Raub war's, wie wir alle wissen,
  Der des alten Frsten ehliches Gemahl
  In ein frevelnd Ehebett gerissen,
  Denn sie war des Vaters Wahl.
  Und der Ahnherr schttete im Zorne
  Grauenvoller Flche schrecklichen Samen
  Auf das sndige Ehebett aus.
  Gruelthaten ohne Namen,
  Schwarze Verbrechen verbirgt dies Haus.

Chor. (Cajetan.)
  Ja, es hat nicht gut begonnen,
  Glaubt mir, und es endet nicht gut;
  Denn gebt wird unter der Sonnen
  Jede That der verblendeten Wuth.
  Es ist kein Zufall und blindes Loos,
  Da die Brder sich wthend selbst zerstren;
  Denn verflucht ward der Mutter Schoo,
  Sie sollte den Ha und den Streit gebren.
  --Aber ich will es schweigend verhllen.
  Denn die Rachgtter schaffen im Stillen;
  Zeit ist's, die Unflle zu beweinen,
  Wenn sie nahen und wirklich erscheinen. (Der Chor geht ab.)




Zweiter Aufzug.



Erster Auftritt.


Die Scene verwandelt sich in einen Garten, der die Aussicht auf
das Meer erffnet. Aus einem anstoenden Gartensaale tritt
Beatrice, geht unruhig auf und nieder, nach allen Seiten
Umhersphend. Pltzlich steht sie still und horcht.

  Es ist es nicht--Es war der Winde Spiel,
  Die durch der Pinie Wipfel sausend streichen;
  Schon neigt die Sonne sich zu ihrem Ziel,
  Mit trgem Schritt seh' ich die Stunden schleichen,
  Und mich ergreift ein schauderndes Gefhl,
  Es schreckt mich selbst das wesenlose Schweigen.
  Nichts zeigt sich mir, wie weit die Blicke tragen;
  Er lt mich hier in meiner Angst verzagen.

  Und nahe hr' ich, wie ein rauschend Wehr,
  Die Stadt, die vlkerwimmelnde, ertosen;
  Ich hre fern das ungeheure Meer
  An seine Ufer dumpferbrandend stoen.
  Es strmen alle Schrecken auf mich her,
  Klein fhl' ich mich in diesem Furchtbargroen,
  Und fortgeschleudert, wie das Blatt vom Baume,
  Verlier' ich mich im grenzenlosen Raume.

  Warum verlie ich meine stille Zelle?
  Da lebt' ich ohne Sehnsucht, ohne Harm!
  Das Herz war ruhig, wie die Wiesenquelle,
  An Wnschen leer, doch nicht an Freuden arm.
  Ergriffen jetzt hat mich des Lebens Welle,
  Mich fat die Welt in ihren Riesenarm;
  Zerrissen hab' ich alle frhern Bande,
  Vertrauend eines Schwures leichtem Pfande.

  Wo waren die Sinne?
  Was hab' ich gethan?
  Ergriff mich bethrend
  Ein rasender Wahn?

  Den Schleier zerri ich
  Jungfrulicher Zucht,
  Die Pforten durchbrach ich der heiligen Zelle!
  Umstrickte mich blendend ein Zauber der Hlle?
  Dem Manne folgt' ich,
  Dem khnen Entfhrer, in strflicher Flucht.

  O, komm, mein Geliebter!
  Wo bleibst du und sumest? Befreie, befreie
  Die kmpfende Seele! Mich naget die Reue,
  Es fat mich der Schmerz;
  Mit liebender Nhe versichre mein Herz.

  Und sollt' ich mich dem Manne nicht ergeben,
  Der in der Welt allein sich an mich schlo?
  Denn ausgesetzt ward ich ins fremde Leben,
  Und frhe schon hat ich ein strenges Loos
  (Ich darf den dunkeln Schleier nicht erheben)
  Gerissen von dem mtterlichen Schoo.
  Nur einmal sah ich sie, die mich geboren,
  Doch wie ein Traum ging mir das Bild verloren.

  Und so erwuchs ich still am stillen Orte,
  In Lebens Gluth den Schatten beigesellt,
  --Da stand er pltzlich an des Klosters Pforte,
  Schn, wie ein Gott, und mnnlich, wie ein Held.
  O, mein Empfinden nennen keine Worte!
  Fremd kam er mir aus einer fremden Welt,
  Und schnell, als wr' es ewig so gewesen,
  Schlo sich der Bund, den keine Menschen lsen.

  Vergib, du Herrliche, die mich geboren,
  Da ich, vorgreifend den verhngten Stunden,
  Mir eigenmchtig mein Geschick erkoren.
  Nicht frei erwhlt' ich's, es hat mich gefunden;
  Ein dringt der Gott auch zu verschlonen Thoren,
  Zu Perseus' Thurm hat er den Weg gefunden,
  Dem Dmon ist sein Opfer unverloren.
  Wr' es an de Klippen angebunden
  Und an des Atlas himmeltragende Sulen,
  So wird ein Flgelro es dort ereilen.

  Nicht hinter mich begehr' ich mehr zu schauen,
  In keine Heimath sehn' ich mich zurck;
  Der Liebe will ich liebend mich vertrauen,
  Gibt es ein schnres als der Liebe Glck?
  Mit meinem Loos will ich mich gern bescheiden,
  Ich kenne nicht des Lebens andre Freuden.

  Nicht kenn' ich sie und will sie nimmer kennen,
  Die sich die Stifter meiner Tage nennen,
  Wenn sie von dir mich, mein Geliebter, trennen.
  Ein ewig Rthsel bleiben will ich mir;
  Ich wei genug, ich lebe dir! (Aufmerkend.)
  Horch, der lieben Stimme Schall!
  --Nein, es war der Wiederhall
  Und des Meeres dumpfes Brausen,
  Das sich an den Ufern bricht,
  Der Geliebte ist es nicht!
  Weh mir! Weh mir! Wo er weilet?
  Mich umschlingt ein kaltes Grausen!
  Immer tiefer
  Singt die Sonne! Immer der
  Wird die de! Immer schwerer
  Wird das Herz--Wo zgert er? (Sie geht unruhig umher.)

  Aus des Gartens sichern Mauern
  Wag' ich meinen Schritt nicht mehr.
  Kalt ergriff mich das Entsetzen,
  Als ich in die nahe Kirche
  Wagte meinen Fu zu setzen;
  Denn mich trieb's mit mcht'gem Drang
  Aus der Seele tiefsten Tiefen,
  Als sie zu der Hora riefen,
  Hinzuknien an heil'ger Sttte,
  Zu der Gttlichen zu flehn,
  Nimmer konnt' ich widerstehn.
  Wenn ein Lauscher mich ersphte?
  Voll von Feinden ist die Welt,
  Arglist hat auf allen Pfaden,
  Fromme Unschuld zu verrathen,
  Ihr betrglich Netz gestellt.
  Grauend hab' ich's schon erfahren,
  Als ich aus des Klosters Hut
  In die fremden Menschenschaaren
  Mich gewagt mit frevelm Muth.
  Dort, bei jenes Festes Feier,
  Da der Frst begraben ward,
  Mein Erkhnen bt' ich theuer,
  Nur ein Gott hat mich bewahrt--
  Da der Jngling mir, der fremde,
  Nahte, mit dem Flammenauge,
  Und mit Blicken, die mich schreckten,
  Mir das Innerste durchzuckten,
  In das tiefste Herz mir schaute--
  Noch durchschauert kaltes Grauen,
  Da ich's denke, mir die Brust!
  Nimmer, nimmer kann ich schauen
  In die Augen des Geliebten,
  Dieser stillen Schuld bewut! (Aufhorchend.)
  Stimmen im Garten!
  Er ist's, der Geliebte!
  Er selber! Jetzt tuschte
  Kein Blendwerk mein Ohr.
  Es naht, es vermehrt sich!
  In seine Arme!
  An seine Brust!

(Sie eilt mit ausgebreiteten Armen nach der Tiefe des Gartens.
Don Cesar tritt ihr entgegen.)



Zweiter Auftritt.


Don Cesar. Beatrice. Der Chor.

Beatrice (mit Schrecken zurckfliehend.)
  Weh mir! Was seh' ich!

(In demselben Augenblick tritt auch der Chor ein.)

Don Cesar.
                        Holde Schnheit, frchte nichts!
(Zu dem Chor.)
  Der rauhe Anblick eurer Waffen schreckt
  Die zarte Jungfrau--Weicht zurck und bleibt
  In ehrerbiet'ger Ferne!
(Zu Beatricen.)
                          Frchte nichts!
  Die holde Scham, die Schnheit ist mir heilig.

(Der Chor hat sich zurckgezogen. Er tritt ihr nher und ergreift
ihre Hand.)

  Wo warst du? Welches Gottes Macht entrckte,
  Verbarg dich diese lange Zeit? Dich hab' ich
  Gesucht, nach dir geforschet; wachend, trumend
  Warst du des Herzens einziges Gefhl,
  Seit ich bei jenem Leichenfest des Frsten,
  Wie eines Engels Lichterscheinung, dich
  Zum erstenmal erblickte--Nicht verborgen
  Blieb dir die Macht, mit der du mich bezwangst.
  Der Blicke Feuer und der Lippe Stammeln,
  Die Hand, die in der deinen zitternd lag,
  Verrieth sie dir--ein khneres Gestndni
  Verbot des Ortes ernste Majestt.
  --Der Messe Hochamt rief mich zum Gebet,
  Und da ich von den Knieen jetzt erstanden,
  Die ersten Blicke schnell auf dich sich heften,
  Warst du aus meinen Augen weggerckt;
  Doch nachgezogen mit allmcht'gen Zaubers Banden
  Hast du mein Herz mit allen seinen Krften.
  Seit diesem Tage such' ich rastlos dich
  An aller Kirchen und Palste Pforten,
  An allen offnen und verborgnen Orten,
  Wo sich die schne Unschuld zeigen kann,
  Hab' ich das Netz der Spher ausgebreitet;
  Doch meiner Mhe sah ich keine Frucht,
  Bis endlich heut, von einem Gott geleitet,
  Des Sphers glckbekrnte Wachsamkeit
  In dieser nchsten Kirche sich entdeckte.

(Hier macht Beatrice, welche in dieser ganzen Zeit zitternd und
abgewandt gestanden, eine Bewegung des Schreckens.)

  Ich habe dich wieder, und der Geist verlasse
  Eher die Glieder, eh' ich von dir scheide!
  Und da ich fest sogleich den Zufall fasse
  Und mich verwahre vor des Dmons Neide,
  So red' ich dich vor diesen Zeugen allen
  Als meine Gattin an und reiche dir
  Zum Pfande de die ritterliche Rechte. (Er stellt sie dem Chor dar.)

  Nicht forschen will ich, wer du bist--Ich will
  Nur dich von dir, nichts frag' ich nach dem Andern
  Da deine Seele, wie dein Ursprung, rein,
  Hat mir dein erster Blick verbrget und beschworen,
  Und wrst du selbst die Niedrigste geboren,
  Du mtest dennoch meine Liebe sein,
  Die Freiheit hab' ich und die Wahl verloren.

  Und da du wissen mgest, ob ich auch
  Herr meiner Thaten sei und hoch genug
  Gestellt auf dieser Welt, auch das Geliebte
  Mit starkem Arm zu mir emporzuheben,
  Bedarf's nur, meinen Namen dir zu nennen.
  --Ich bin Don Cesar, und in dieser Stadt
  Messina ist kein Grrer ber mir.

(Beatrice schaudert zurck; er bemerkt es und fhrt nach einer
kleinen Weile fort.)

  Dein Staunen lob' ich und dein sittsam Schweigen,
  Schamhafte Demuth ist der Reize Krone,
  Denn ein Verborgenes ist sich das Schne,
  Und es erschrickt vor seiner eignen Macht.
  --Ich geh' und berlasse dich dir selbst,
  Da sich dein Geist von seinem Schrecken lse,
  Denn jedes Neue, auch das Glck, erschreckt. (Zu dem Chor.)
  Gebt ihr--sie ist's von diesem Augenblick--
  Die Ehre meiner Braut und eurer Frstin!
  Belehret sie von ihres Standes Gre.
  Bald kehr' ich selbst zurck, sie heimzufhren,
  Wie's meiner wrdig ist und ihr gebhrt. (Er geht ab.)



Dritter Auftritt.


Beatrice und der Chor.

Chor. (Bohemund.)
  Heil dir, o Jungfrau,
  Liebliche Herrscherin!
  Dein ist die Krone,
  Dein ist der Sieg!

  Als die Erhalterin
  Dieses Geschlechtes,
  Knftiger Helden
  Blhende Mutter begr' ich dich!

(Roger.)
  Dreifaches Heil dir!
  Mit glcklichen Zeichen,
  Glckliche, trittst du
  In ein gtterbegnstigtes, glckliches Haus,
  Wo die Krnze des Ruhmes hngen,
  Und das goldene Scepter in stetiger Reihe
  Wandert vom Ahnherrn zum Enkel hinab.

(Bohemund.)
  Deines lieblichen Eintritts
  Werden sich freuen
  Die Penaten des Hauses,
  Die hohen, die ernsten,
  Verehrten Alten.
  Au den Schwelle empfangen
  Wird dich die immer blhende Hebe
  Und die goldne Victoria,
  Die geflgelte Gttin,
  Die auf der Hand schwebt des ewigen Vaters,
  Ewig die Schwingen zum Siege gespannt.

(Roger.)
  Nimmer entweicht
  Die Krone der Schnheit
  Aus diesem Geschlechte;
  Scheidend reicht
  Eine Frstin der andern
  Den Grtel der Anmuth
  Und den Schleier der zchtigen Scham.
  Aber das Schnste
  Erlebt mein Auge,
  Denn ich sehe die Blume der Tochter,
  Ehe die Blume der Mutter verblht.

Beatrice (aus ihrem Schrecken erwachend).
  Wehe mir! In welche Hand
  Hat das Unglck mich gegeben!
  Unter allen,
  Welche leben,
  Nicht in diese sollt' ich fallen!

  Jetzt versteh' ich das Entsetzen,
  Das geheimnivolle Grauen,
  Das mich schaudernd stets gefat,
  Wenn man mir den Namen nannte
  Dieses furchtbaren Geschlechtes,
  Das sich selbst vertilgend hat,
  Gegen seine eignen Glieder
  Wthend mit Erbittrung rast!
  Schaudernd hrt' ich oft und wieder
  Von dem Schlangenha der Brder,
  Und jetzt reie mein Schreckenschicksal
  Mich, die Arme, Rettungslose,
  In den Strudel dieses Hasses,
  Diese Unglcks mich hinein! (Sie flieht in den Gartensaal.)



Vierter Auftritt.


Chor. (Bohemund.)
  Den begnstigten Sohn der Gtter beneid' ich,
  Den beglckten Besitzer der Macht!
  Immer das Kstlichste ist sein Antheil,
  Und von Allem, was hoch und herrlich
  Von den Sterblichen wird gepriesen,
  Bricht er die Blume sich ab.

(Roger.)
  Von den Perlen, welche der tauchender Fischer
  Auffngt, whlt er die reinsten fr sich.
  Fr den Herrscher legt man zurck das Beste,
  Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit,
  Wenn sich die Diener durchs Loos vergleichen,
  Ihm ist das Schnste gewi.

(Bohemund.)
  Aber eines doch ist sein kstlichstes Kleinod,
  Jeder andre Vorzug sei ihm gegnnt,
  Dieses beneid' ich ihm unter allem,
  Da er heimfhrt die Blume der Frauen,
  Die das Entzcken ist aller Augen,
  Da er sie eigen besitzt.

(Roger.)
  Mit dem Schwerte springt der Corsar an die Kste
  In dem nchtlich ergreifenden berfall;
  Mnner fhrt er davon und Frauen
  Und ersttigt die wilde Begierde.
  Nur die schnste Gestalt darf er nicht berhren,
  Die ist des Kniges Gut.

(Bohemund.)
  Aber jetzt folgt mir, zu bewachen den Eingang
  Und die Schwelle des heiligen Raums,
  Da kein Ungeweihter in dieses Geheimni
  Dringe und der Herrscher uns lobe,
  Der das Kstlichste, was er besitzet,
  Unsrer Bewahrung vertraut.
(Der Chor entfernt sich nach dem Hintergrunde.)


Die Scene verwandelt sich in ein Zimmer im Innern des Palastes.



Fnfter Auftritt.


Donna Isabella steht zwischen Don Manuel und Don Cesar.

Isabella.
  Nun endlich ist mir der erwnschte Tag,
  Der langersehnte, festliche, erschienen--
  Vereint seh' ich die Herzen meiner Kinder,
  Wie ich die Hnde leicht zusammenfge,
  Und im vertrauten Kreis zum erstenmal
  Kann sich das Herz der Mutter freudig ffnen.
  Fern ist der fremden Zeugen rohe Schaar,
  Die zwischen uns sich kampfgerstet stellte--
  Der Waffen Klang erschreckt mein Ohr nicht mehr,
  Und wie der Eulen nachtgewohnte Brut
  Von der zerstrten Brandstatt, wo sie lang
  Mit altverjhrtem Eigenthum genistet,
  Auffliegt in dsterm Schwarm, den Tag verdunkelnd,
  Wenn sich die lang vertriebenen Bewohner
  Heimkehrend nahen mit der Freude Schall,
  Den neuen Bau lebendig zu beginnen:
  So flieht der alte Ha mit seinem nchtlichen
  Gefolge, dem hohlugigten Verdacht,
  Der schellen Migunst und dem bleichen Neide,
  Aus diesen Thoren murrend zu der Hlle,
  Und mit dem Frieden zieht geselliges
  Vertraun und holde Eintracht lchelnd ein. (Sie hlt inne.)
  --Doch nicht genug, da dieser heut'ge Tag
  Jedem von beiden einen Bruder schenkt,
  Auch eine Schwester hat er euch geboren.
  --Ihr staunt? Ihr seht mich mir Verwundrung an?
  Ja, meine Shne! Es ist Zeit, da ich
  Das Siegel breche und das Siegel lse
  Von einem lang verschlossenen Geheimni.
  --Auch eine Tochter hat' ich Eurem Vater
  Geboren--eine jngre Schwester lebt
  Euch noch--Ihr sollt noch heute sie umarmen.

Don Cesar.
  Was sagst du, Mutter? Eine Schwester lebt uns,
  Und nie vernahmen wir von dieser Schwester!

Don Manuel.
  Wohl hrten wir in frher Kinderzeit,
  Da eine Schwester uns geboren worden;
  Doch in der Wiege schon, so ging die Sage,
  Nahm sie der Tod hinweg.

Isabella. Die Sage lgt!
  Sie lebt!

Don Cesar.
  Sie lebt, und du verschwiegest uns?

Isabella.
  Von meinem Schweigen geb' ich Rechenschaft.
  Hrt, was geset ward in frhrer Zeit
  Und jetzt zur frohen Ernte reifen soll.
  --Ihr wart noch zarte Knaben, aber schon
  Entzweite euch der jammervolle Zwist,
  Der ewig nie mehr wiederkehren mge,
  Und hufte Gram auf eurer Eltern Herz.
  Da wurde eurem Vater eines Tages
  Ein seltsam wunderbarer Traum. Ihm duchte,
  Er sh' aus seinem hochzeitlichen Bette
  Zwei Lorbeerbume wachsen, ihr Gezweig
  Dicht in einander flechtend--zwischen beiden
  Wuchs eine Lilie empor--Sie ward
  Zur Flamme, die, der Bume dicht Gezweig
  Und das Geblk ergreifend, prasseln aufschlug
  Und, um sich wthend, schnell das ganze Haus
  In ungeheurer Feuerfluth verschlang.

  Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
  Befragt' der Vater einen sternekundigen
  Arabier, der sein Orakel war,
  An dem sein Herz mehr hing, als mir gefiel,
  Um die Bedeutung. Der Arabier
  Erklrte: wenn mein Schoo von einer Tochter
  Entbunden wrde, tdten wrde sie ihm
  Die beiden Shne und sein ganzer Stamm
  Durch sie vergehn--Und ich ward Mutter einer Tochter;
  Der Vater aber gab den grausamen
  Befehl, die neugeborene alsbald
  Ins Meer zu werfen. Ich vereitelte
  Den blut'gen Vorsatz und erhielt die Tochter
  Durch eines treuen Knechts verschwiegnen Dienst.

Don Cesar.
  Gesegnet sei er, der dir hilfreich war!
  O, nicht an Rath gebricht's der Mutterliebe!

Isabella.
  Der Mutterliebe mcht'ge Stimme nicht
  Allein trieb mich, das Kindlein zu verschonen.
  Auch mir ward eines Traumes seltsames
  Orakel, als mein Schoo mit dieser Tochter
  Gesegnet war: Ein Kind, wie Liebesgtter schn,
  Sah ich im Grase spielen, und ein Lwe
  Kam aus dem Wald, der in dem blut'gen Rachen
  Die frisch gejagte Beute trug, und lie
  Sie schmeichelnd in den Schoo des Kindes fallen.
  Und aus den Lften schwang ein Adler sich
  Herab, ein zitternd Reh in seinen Fngen,
  Und legt es schmeichelnd in den Schoo des Kindes,
  Und beide, Lw' und Adler, legen, fromm
  Gepaart, sich zu des Kindes Fen nieder.
  --Des Traums Verstndni lste mir ein Mnch,
  Ein gottgeliebter Mann, bei dem das Herz
  Rath fand und Trost in jeder ird'schen Noth.
  Der sprach: "Genesen wrd' ich einer Tochter,
  "Die mir der Shne streitende Gemther
  "In heier Liebesgluth vereinen wrde."
  --Im Innersten bewahrt' ich mir dies Wort;
  Dem Gott der Wahrheit mehr als dem der Lge
  Vertrauend, rettet' ich die Gott verheine,
  Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand,
  Die mir des Friedens Werkzeug sollte sein,
  Als euer Ha sich wachsend stets vermehrte.

Don Manuel (seinen Bruder umarmend).
  Nicht mehr der Schwester braucht's, der Liebe Band
  Zu flechten, aber fester soll sie's knpfen.

Isabella.
  So lie ich an verborgner Stelle sie,
  Von meinen Augen fern, geheimnivoll
  Durch fremde Hand erziehn--der Anblick selbst
  Des lieben Angesichts, den heierflehten,
  Versagt' ich mir, den strengen Vater scheuend,
  Der, von des Argwohns ruheloser Pein
  Und finster grbelndem Verdacht genagt,
  Auf allen Schritten mir die Spher pflanzte.

Don Cesar.
  Drei Monde aber deckt den Vater schon
  Das stille Grab--Was wehrte dir, o Mutter,
  Die lang Verborgne an das Licht hervor
  Zu ziehn und unsre Herzen zu erfreuen?

Isabella.
  Was sonst, als euer unglcksel'ger Streit,
  Der, unauslschlich wthend, auf dem Grab
  Des kaum entseelten Vaters sich entflammte,
  Nicht Raum noch Sttte der Vershnung gab?
  Konnt' ich die Schwester zwischen eure wild
  Entblten Schwerter stellen? Konntet ihr
  In diesem Sturm die Mutterstimme hren?
  Und sollt' ich sie, des Friedens theures Pfand,
  Den letzten heil'gen Anker meiner Hoffnung,
  An eures Hasses Wuth unzeitig wagen?
  --Erst mutet ihr's ertragen, euch als Brder
  Zu sehn, eh' ich die Schwester zwischen euch
  Als einen Friedensengel stellen konnte.
  Jetzt kann ich's, und ich fhre sie euch zu.
  Den alten Diener hab' ich ausgesendet,
  Und stndlich harr' ich seiner Wiederkehr,
  Der, ihrer stillen Zuflucht sie entreiend,
  Zurck an meine mtterliche Brust
  Sie fhrt und in die brderlichen Arme.

Don Manuel.
  Und sie ist nicht die Einz'ge, die du heut
  In deine Mutterarme schlieen wirst.
  Es zieht die Freude ein durch alle Pforten,
  Es fllt sich der verdete Palast
  Und wird der Sitz der blhnden Anmuth werden.
  --Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimni.
  Eine Schwester gibst du mir--Ich will dafr
  Dir eine zweite liebe Tochter schenken.
  Ja, Mutter! Segne deinen Sohn!--Dies Herz,
  Es hat gewhlt; gefunden hab' ich sie,
  Die mir durchs Leben soll Gefhrtin sein.
  Eh dieses Tages Sonne sinkt, fhr' ich
  Die Gattin dir Don Manuels zu Fen.

Isabella.
  An meine Brust will ich sie freudig schlieen,
  Die meinen Erstgebornen mir beglckt;
  Auf ihren Pfaden soll die Freude sprieen,
  Und jede Blume, die das Leben schmckt,
  Und jedes Glck soll mir den Sohn belohnen,
  Der mir die schnste reicht der Mutterkronen!

Don Cesar.
  Verschwende, Mutter, deines Segens Flle
  Nicht an den einen erstgebornen Sohn!
  Wenn Liebe Segen gibt, so bring' auch ich
  Dir eine Tochter, solcher Mutter werth,
  Die mich der Liebe neu Gefhl gelehrt.
  Eh dieses Tages Sonne sinkt, fhrt auch
  Don Cesar seine Gattin dir entgegen.

Don Manuel.
  Allmcht'ge Liebe! Gttliche! Wohl nennt
  Man dich mit Recht die Knigin der Seelen!
  Dir unterwirft sich jedes Element,
  Du kannst das Feindlichstreitende vermhlen;
  Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt,
  Und auch des Bruders wilden Sinn hast du
  Besiegt, der unbezwungen stets geblieben. (Don Cesar umarmend.)
  Jetzt glaub' ich an dein Herz und schliee dich
  Mit Hoffnung an die brderliche Brust;
  Nicht zweifl' ich mehr an dir, denn du kannst lieben.

Isabella.
  Dreimal gesegnet sei mir dieser Tag,
  Der mir auf einmal jede bange Sorge
  Vom schwer beladnen Busen hebt--Gegrndet
  Auf festen Sulen seh' ich mein Geschlecht,
  Und in der Zeiten Unermelichkeit
  Kann ich hinabsehn mit zufriednem Geist.
  Noch gestern sah ich mich im Wittwenschleier,
  Gleich einer Abgeschiednen, kinderlos,
  In diesen den Slen ganz allein,
  Und heute werden in der Jugend Glanz
  Drei blhnde Tchter mir zur Seite stehen.
  Die Mutter zeige sich, die glckliche,
  Von allen Weibern, die geboren haben,
  Die sich mit mir an Herrlichkeit vergleicht!
  --Doch welcher Frsten knigliche Tchter
  Erblhen denn an dieses Landes Grenzen,
  Davon ich Kunde nie vernahm?--denn nicht
  Unwrdig whlen konnten meine Shne!

Don Manuel.
  Nur heute, Mutter, fordre nicht, den Schleier
  Hinwegzuheben, der mein Glck bedeckt.
  Es kommt der Tag, der Alles lsen wird,
  Am besten mag die Braut sich selbst verknden,
  De sei gewi, du wirst sie wrdig finden.

Isabella.
  Des Vaters eignen Sinn und Geist erkenn' ich
  In meinem erstgebornen Sohn! Der liebte
  Von jeher, sich verborgen in sich selbst
  Zu spinnen und den Rathschlu zu bewahren
  Um unzugangbar fest verschlossenen Gemth!
  Gern mag ich dir die kurze Frist vergnnen;
  Doch mein Sohn Cesar, de bin ich gewi,
  Wird jetzt mir eine Knigstochter nennen.

Don Cesar.
  Nicht meine Weise ist's, geheimnivoll
  Mich zu verhllen, Mutter. Frei und offen,
  Wie meine Stirne, trag' ich mein Gemth;
  Doch, was du jetzt von mir begehrst zu wissen,
  Das, Mutter--la mich's redlich dir gestehn,
  Hab' ich mich selbst noch nicht gefragt. Fragt man,
  Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme?
  Die alle Welt verklrt, erklrt sich selbst,
  Ihr Licht bezeugt, da sie vom Lichte stamme.
  Ins klare Auge sah ich meiner Braut,
  Ins Herz des Herzens hab' ich ihr geschaut,
  Am reinen Glanz will ich die Perle kennen;
  Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen.

Isabella.
  Wie, mein Sohn Cesar? Klre mir das auf.
  Zu gern dem ersten mchtigen Gefhl
  Vertrautest du, wie einer Gtterstimme.
  Auf rascher Jugendthat erwart' ich dich,
  Doch nicht auf thricht kindischer--La hren,
  Was deine Wahl gelenkt.

Don Cesar.
                       Wahl, meine Mutter?
  Ist's Wahl, wenn des Gestirnes Macht den Menschen
  Ereilt in der verhngnivollen Stunde?
  Nicht, eine Braut zu suchen, ging ich aus,
  Nicht wahrlich solches Eitle konnte mir
  Zu Sinne kommen in dem Haus des Todes,
  Denn dorten fand ich, die ich nicht gesucht.
  Gleichgltig war und nichts bedeutend mir
  Der Frauen leer geschwtziges Geschlecht,
  Denn eine zweite sah ich nicht, wie dich,
  Die ich gleich wie ein Gtterbild verehre.
  Es war des Vaters ernste Todtenfeier;
  Im Volksgedrng verborgen, wohnten wir
  Ihr bei, du weit's, in unbekannter Kleidung;
  So hattest du's mit Weisheit angeordnet,
  Da unsers Haders wild ausbrechende
  Gewalt des Festes Wrde nicht verletze.
  --Mit schwarzem Flor behangen war das Schiff
  Der Kirche, zwanzig Genien umstanden,
  Mit Fackeln in den Hnden, den Altar,
  Vor dem der Todtensarg erhaben ruhte,
  Mit weibekreuztem Grabestuch bedeckt.
  Und auf dem Grabtuch sahe man den Stab
  Der Herrschaft liegen und die Frstenkrone,
  Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen,
  Das Schwert mit diamantenem Gehng.
  --Und Alles lag in stiller Andacht knieend,
  Als ungesehen jetzt vom hohen Chor
  Herab die Orgel anfing sich zu regen,
  Und hundertstimmig der Gesang begann--
  Und als der Chor noch fortklung, stieg der Sarg
  Mit sammt dem Boden, der ihn trug, allmhlich
  Versinkend in die Unterwelt hinab,
  Das Grabtuch aber berschleierte,
  Weit ausgebreitet, die verborgne Mndung,
  Und auf der Erde blieb der ird'sche Schmuck
  Zurck, dem Niederfahrenden nicht folgend--
  Doch auf den Seraphsflgeln des Gesangs
  Schwang die befreite Seele sich nach oben,
  Den Himmel suchend und den Schoo der Gnade.
  --Dies alles, Mutter, ruf' ich dir, genau
  Beschreibend, ins Gedchtni jetzt zurck,
  Da du erkennest, ob zu jener Stunde
  Ein weltlich Wnschen mir im Herzen war.
  Und diesen festlich ernsten Augenblick
  Erwhlte sich der Lenker meines Lebens,
  Mich zu berhren mit der Liebe Strahl.
  Wie es geschah, frag' ich mich selbst vergebens.

Isabella.
  Vollende dennoch! La mich Alles hren!

Don Cesar.
  Woher sie kam, und wie sie sich zu mir
  Gefunden, dieses frage nicht--Als ich
  Die Augen wandte, stand sie mir zur Seite,
  Und dunkel mchtig, wunderbar ergriff
  Im tiefsten Innersten mich ihre Nhe.
  Nicht ihres Wesens schner Auenschein,
  Nicht ihres Lchelns holder Zauber war's,
  Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
  Selbst nicht der Glanz der gttlichen Gestalt--
  Es war ihr tiefste und geheimstes Leben,
  Was mich ergriff mit heiliger Gewalt,
  Wie Zaubers Krfte unbegreiflich weben--
  Die Seelen schienen ohne Worteslaut
  Sich ohne Mittel geistig zu berhren,
  Als sich mein Athem mischte mit dem ihren;
  Fremd war sie mir und innig doch vertraut,
  Und klar auf einmal fhlt' ich's in mir werden,
  Die ist es oder Keine sonst auf Erden!

Don Manuel (mit Feuer einfallend).
  Das ist der Liebe heil'ger Gtterstrahl,
  Der in die Seele schlgt und trifft und zndet,
  Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,
  Da ist kein Widerstand und keine Wahl,
  Es lst der Mensch nicht, was der Himmel bindet.
  --Dem Bruder fall' ich bei, ich mu ihn loben,
  Mein eigen Schicksal ist's, was er erzhlt,
  Den Schleier hat er glcklich aufgehoben
  Von dem Gefhl, das dunkel mich beseelt.

Isabella.
  Den eignen freien Weg, ich seh' es wohl,
  Will das Verhngni gehn mit meinen Kindern.
  Vom Berge strzt der ungeheure Strom,
  Whlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
  Nicht des gemenen Pfades achtet er,
  Den ihm die Klugheit vorbedchtig baut.
  So unterwerf' ich mich--wie kann ich's ndern?--
  Der unregiersam strkern Gtterhand,
  Die meines Hauses Schicksal dunkel spinnt.
  Der Shne Herz ist meiner Hoffnung Pfand,
  Sie denken gro, wie sie geboren sind.



Sechster Auftritt.


Donna Isabella. Don Manuel. Don Cesar. Diego zeigt sich an der Thre.

Isabella.
  Doch, sieh, da kommt mein treuer Knecht zurck!
  Nur nher, nher, redlicher Diego!
  Wo ist mein Kind?--Sie wissen Alles! Hier
  Ist kein Geheimni mehr--Wo ist sie? Sprich!
  Verbirg sie lnger nicht! Wir sind gefat,
  Die hchste Freude zu ertragen. Komm!

(Sie will mit ihm nach der Thre gehen.)

  Was ist das? Wie? Du zgerst? Du verstummst?
  Das ist kein Blick, der Gutes mir verkndet!
  Was ist dir? Sprich! Ein Schauder fat mich an.
  Wo ist sie? Wo ist Beatrice?
(Will hinaus.)

Don Manuel. (fr sich betroffen).
                              Beatrice!

Diego. (hlt sie zurck).
                                        Bleib!

Isabella.
  Wo ist sie? Mich entseelt die Angst.

Diego.
                                    Sie folgt
  Mir nicht. Ich bringe dir die Tochter nicht.

Isabella.
  Was ist geschehn? Bei allen Heil'gen, rede!

Don Cesar.
  Wo ist die Schwester? Unglcksel'ger, rede!

Diego.
  Sie ist geraubt! Gestohlen von Corsaren!
  O, htt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Don Manuel.
  Fa dich, o Mutter!

Don Cesar.
                    Mutter, sei gefat!
  Bezwinge dich, bis du ihn ganz vernommen!

Diego.
  Ich machte schnell mich auf, wie du befohlen,
  Die oft betretne Strae nach dem Kloster
  Zum letztenmal zu gehn--Die Freude trug mich
  Auf leichten Flgeln fort.

Don Cesar.
                          Zur Sache!

Don Manuel.
                                    Rede!

Diego.
  Und da ich in die wohlbekannten Hfe
  Des Klosters trete, die ich oft betrat,
  Nach deiner Tochter ungeduldig frage,
  Seh' ich des Schreckens Bild in jedem Auge,
  Entsetzt vernehm' ich das Entsetzliche.

(Isabella sinkt bleich und zitternd auf einen Sessel, Don Manuel
ist um sie beschftigt.)

Don Cesar.
  Und Mauren, sagst du, raubten sie hinweg?
  Sah man die Mauren? Wer bezeugte dies?

Diego.
  Ein maurisch Ruberschiff gewahrte man
  In einer Bucht, unfern dem Kloster ankernd.

Don Cesar.
  Manch Segel rettet sich in diese Buchten
  Vor des Orkanes Wuth--Wo ist das Schiff?

Diego.
  Heut frhe sah man es in hoher See
  Mit voller Segel Kraft das Weite suchen.

Don Cesar.
  Hrt man von anderm Raub noch, der geschehn?
  Dem Mauren gngt einfache Beute nicht.

Diego.
  Hinweg getrieben wurde mit Gewalt
  Die Rinderheerde, die dort weidete.

Don Cesar.
  Wie konnten Ruber aus des Klosters Mitte
  Die Wohlverschlone heimlich raubend stehlen?

Diego.
  Des Klostergartens Mauern waren leicht
  Auf hoher Leiter Sprossen berstiegen.

Don Cesar.
  Wie brachen sie ins Innerste der Zellen?
  Denn fromme Nonnen hlt der strenge Zwang.

Diego.
  Die noch durch kein Gelbde sich gebunden,
  Sie durfte frei im Freien sich ergehen.

Don Cesar.
  Und pflegte sie des freien Rechtes oft
  Sich zu bedienen? Dieses sage mir.

Diego.
  Oft sah man sie des Gartens Stille suchen;
  Der Wiederkehr verga sie heute nur.

Don Cesar (nachdem er sich eine Weile bedacht).
  Raub, sagst du? War sie frei genug dem Ruber,
  So konnte sie in Freiheit auch entfliehen.

Isabella (steht auf).
  Es ist Gewalt! Es ist verwegner Raub!
  Nicht pflichtvergessen konnte meine Tochter
  Aus freier Neigung dem Entfhrer folgen!
  --Don Manuel! Don Cesar! Eine Schwester
  Dacht' ich euch zuzufhren; doch ich selbst
  Soll jetzt sie eurem Heldenarm verdanken.
  In eurer Kraft erhebt euch, meine Shne!
  Nicht ruhig duldet es, da eure Schwester
  Des frechen Diebes Beute sei--Ergreift
  Die Waffen! Rstet Schiffe aus! Durchforscht
  Die ganze Kste! Durch alle Meere setzt
  Dem Ruber nach! Erobert euch die Schwester!

Don Cesar.
  Leb wohl! Zur Rache flieg' ich, zur Entdeckung!

(Er geht ab. Don Manuel aus einer tiefen Zerstreuung erwachend,
wendet sich beunruhigt zu Diego.)

Don Manuel.
  Wann, sagst du, sei sie unsichtbar geworden?

Diego.
  Seit diesem Morgen erst ward sie vermit.

Don Manuel. (zu Donna Isabella).
  Und Beatrice nennt sich deine Tochter?

Isabella.
  Dies ist ihr Name! Eile! Frage nicht!

Don Manuel.
  Nur Eines noch, o Mutter, la mich wissen--

Isabella.
  Fliege zur That! Des Bruders Beispiel folge!

Don Manuel.
  In welcher Gegend, ich beschwre dich--

Isabella (ihn forttreibend).
  Sieh meine Thrnen, meine Todesangst

Don Manuel.
  In welcher Gegend hieltst du sie verborgen?

Isabella.
  Verborgner nicht war sie im Schoo der Erde!

Diego.
  O, jetzt ergreift mich pltzlich bange Furcht.

Don Manuel.
  Furcht, und worber? Sage, was du weit.

Diego.
  Da ich des Raubs unschuldig Ursach sei.

Isabella.
  Unglcklicher, entdecke, was geschehn!

Diego.
  Ich habe dir's verhehlt, Gebieterin,
  Dein Mutterherz mit Sorgen zu verschonen.
  Am Tage, als der Frst beerdigt ward,
  Und alle Welt, begierig nach dem Neuen,
  Der ernsten Feier sich entgegendrngte,
  Lag deine Tochter--denn die Kunde war
  Auch in des Klosters Mauern eingedrungen--
  Lag sie mir an mit unabl'gem Flehn,
  Ihr dieses Festes Anblick zu gewhren.
  Ich Unglckseliger lie mich bewegen,
  Verhllte sie in ernste Trauertracht,
  Und also war sie Zeugin jenes Festes.
  Und dort, befrcht' ich, in des Volks Gewhl,
  Das sich herbeigedrngt von allen Enden,
  Ward sie vom Aug des Rubers ausgespht,
  Denn ihrer Schnheit Glanz birgt keine Hlle.

Don Manuel (vor sich, erleichtert).
  Glcksel'ges Wort, das mir das Herz befreit!
  Das gleicht ihr nicht! Dies Zeichen triff nicht zu.

Isabella.
  Wahnsinn'ger Alter! So verriethst du mich!

Diego.
  Gebieterin! Ich dacht' es gut zu machen.
  Die Stimme der Natur, die Macht des Bluts
  Glaubt' ich in diesem Wunsche zu erkennen;
  Ich hielt es fr des Himmels eignes Werk,
  Der mit verborgen ahnungsvollem Zuge
  Die Tochter hintrieb zu des Vaters Grab!
  Der frommen Pflicht wollt' ich ihr Recht erzeigen,
  Und so, aus guter Meinung, schafft' ich Bses!

Don Manuel (vor sich).
  Was steh' ich hier in Furcht und Zweifelsqualen?
  Schnell will ich Licht mir schaffen und Gewiheit. (Will gehen.)

Don Cesar (der zurckkommt).
  Verzieh, Don Manuel; gleich folg' ich dir.

Don Manuel.
  Folge mir nicht! Hinweg! Mir folge Niemand! (Er geht ab.)

Don Cesar (sieht ihm verwundert nach).
  Was ist dem Bruder? Mutter, sage mir's.

Isabella.
  Ich kenn' ihn nicht mehr. Ganz verkenn' ich ihn.

Don Cesar.
  Du siehst mich wiederkehren, meine Mutter;
  Denn in des Eifers heftiger Begier
  Verga ich, um ein Zeichen dich zu fragen,
  Woran man die verlorne Schwester kennt.
  Wie find' ich ihre Spuren, eh' ich wei,
  Aus welchem Ort die Ruber sie gerissen?
  Das Kloster nenne mir, das sie verbarg.

Isabella.
  Der heiligen Cecilia ist's gewidmet,
  Und hinterm Waldgebirge, das zum tna
  Sich langsam steigend hebt, liegt es versteckt;
  Wie ein verschwiegner Aufenthalt der Seelen.

Don Cesar.
  Sei guten Muths! Vertraue deinen Shnen!
  Die Schwester bring' ich dir zurck, mt' ich
  Durch alle Lnder sie und Meere suchen.
  Doch eines, Mutter, ist es, was mich kmmert:
  Die Braut verlie ich unter fremdem Schutz.
  Nur dir kann ich das theure Pfand vertrauen,
  Ich sende sie dir her, du wirst sie schauen;
  An ihrer Brust, an ihrem lieben Herzen
  Wirst du des Grams vergessen und der Schmerzen. (Er geht ab.)

Isabella.
  Wann endlich wird der Fluch sich lsen,
  Der ber diesem Hause lastend ruht?
  Mit meiner Hoffnung spielt ein tckisch Wesen,
  Und nimmer stillt sich seines Neides Wuth.
  So nahe glaubt ich mich dem sichern Hafen,
  So fest vertraut' ich auf des Glckes Pfand,
  Und alle Strme glaubt' ich eingeschlafen,
  Und freudig winkend sah ich schon das Land
  Im Abendglanz der Sonne sich erhellen;
  Da kommt ein Sturm, aus heitrer Luft gesandt,
  Und reit mich wieder in den Kampf der Wellen!

(Sie geht nach dem innern Hause, wohin ihr Diego folgt.)




Dritter Aufzug.

Die Scene verwandelt sich in den Garten.



Erster Auftritt.


Beide Chre. Zuletzt Beatrice.
(Der Chor des Don Manuel kommt in festlichem Aufzug, mit Krnzen
geschmckt und die oben beschriebnen Brautgeschenke begleitend;
der Chor de Don Cesar will ihm den Eintritt verwehren.)

Erster Chor. (Cajetan.)
  Du wrdest wohl thun, diesen Platz zu leeren.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Ich will's, wenn bere Mnner es begehren.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Du knntest merken, da du lstig bist.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Dewegen bleib' ich, weil es dich verdriet.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Hier ist mein Platz. Wer darf zurck mich halten?

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Ich darf es thun, ich habe hier zu walten.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Mein Herrscher sendet mich, Don Manuel!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Ich stehe hier auf meines Herrn Befehl.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Dem ltern Bruder mu der jngre weichen.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Dem Erstbesitzenden gehrt die Welt.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Verhater, geh und rume mir das Feld.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Nicht, bis sich unsre Schwerter erst vergleichen.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Find' ich dich berall in meinen Wegen?

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Wo mir's gefllt, da tret' ich dir entgegen.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Was hast du hier zu horchen und zu hten?

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Was hast du hier zu fragen, zu verbieten?

Erster Chor. (Cajetan.)
  Dir steh' ich nicht zur Red und Antwort hier.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Und nicht des Wortes Ehre gnn' ich dir.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Ehrfurcht gebhrt, o Jngling, meinen Jahren.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  In Tapferkeit bin ich, wie du, erfahren!

Beatrice (strzt heraus).
  Weh mir! Was wollen diese wilden Schaaren?

Erster Chor. (Cajetan.) zum zweiten
  Nichts acht' ich dich und deine stolze Miene!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Ein berer ist der Herrscher, dem ich diene.

Beatrice.
  O, weh mir, weh mir, wenn er jetzt erschiene!

Erster Chor. (Cajetan.)
  Du lgst! Don Manuel besiegt ihn weit!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Den Preis gewinnt mein Herr in jedem Streit.

Beatrice.
  Jetzt wird er kommen, dies ist seine Zeit.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Wre nicht Friede, Recht verschafft' ich mir!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Wr's nicht die Furcht, kein Friede wehrte dir.

Beatrice.
  O, wr' er tausend Meilen weit von hier!

Erster Chor. (Cajetan.)
  Das Gesetz frcht' ich, nicht deiner Blicke Trutz.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Wohl thust du dran, es ist des Feigen Schutz.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Fang' an, ich folge!

Zweiter Chor. (Bohemund.)
                     Mein Schwert ist heraus!

Beatrice (in der heftigsten Bengstigung).
  Sie werden handgemein, die Degen blitzen!
  Ihr Himmelsmchte, haltet ihn zurck!
  Werft euch in seinen Weg, ihr Hindernisse,
  Eine Schlinge legt, ein Netz um seine Fe,
  Da er verfehle diesen Augenblick!
  Ihr Engel alle, die ich flehend bat,
  Ihn herzufhren, tuschet meine Bitte,
  Weit, weit von hier entfernet seine Schritte!

(Sie eilt hinein. Indem die Chre einander anfallen, erscheint Don Manuel.)



Zweiter Auftritt.


Don Manuel. Der Chor.

Don Manuel.
  Was seh' ich! Haltet ein!

Erster Chor (Cajetan, Berengar, Manfred) zum zweiten.
                          Komm an! Komm an!

Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.)
  Nieder mit ihnen! Nieder!

Don Manuel (tritt zwischen sie, mit gezogenem Schwert).
                          Haltet ein!

Erster Chor. (Cajetan.)
  Es ist der Frst.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
                   Der Bruder! Haltet Friede!

Don Manuel.
  Den streck' ich todt auf dieses Rasens Grund,
  Der mit gezuckter Augenwimper nur
  Die Fehde fortsetzt und dem Gegner droht!
  Rast ihr? Was fr ein Dmon reizt euch an,
  Des alten Zwistes Flammen aufzublasen,
  Der zwischen uns, den Frsten abgethan
  Und ausgeglichen ist auf immerdar?
  --Wer fing den Streit an? Redet! Ich will's wissen.

Erster Chor. (Cajetan, Berengar.)
  Sie standen hier--

Zweiter Chor (Roger, Bohemund unterbrechend).
                    Sie kamen--

Don Manuel (zum ersten Chor).
                                Rede du!

Erster Chor. (Cajetan.)
  Wir kamen her, mein Frst, die Hochzeitgaben
  Zu berreichen, wie du uns befahlst.
  Geschmckt zu einem Feste, keineswegs
  Zum Krieg bereit, du siehst es, zogen wir
  In Frieden unsern Weg, nichts Arges denkend
  Und trauend dem beschworenen Vertrag;
  Da fanden wir sie feindlich hier gelagert
  Und uns den Eingang sperrend mit Gewalt.

Don Manuel.
  Unsinnige, ist keine Freistatt sicher
  Genug vor eurer blinden, tollen Wuth?
  Auch in der Unschuld still verborgnen Sitz
  Bricht euer Hader friedestrend ein? (Zum zweiten Chor.)
  Weiche zurck! Hier sind Geheimnisse,
  Die deine khne Gegenwart nicht dulden. (Da derselbe zgert.)
  Zurck Dein Herr gebietet dir's durch mich,
  Denn wir sind jetzt ein Haupt und ein Gemth,
  Und mein Befehl ist auch der seine. Geh! (Zum ersten Chor.)
  Du bleibst und wahrst des Eingangs.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
                                    Was beginnen?
  Die Frsten sind vershnt, das ist die Wahrheit,
  Und in der hohen Hupter Spahn und Streit
  Sich unberufen, vielgeschftig drngen,
  Bringt wenig Dank und fterer Gefahr.
  Denn wenn der Mchtige des Streits ermdet,
  Wirft er behend auf den geringen Mann,
  Der arglos ihm gedient, den blut'gen Mantel
  Der Schuld, und leicht gereinigt steht er da.
  Drum mgen sich die Frsten selbst vergleichen,
  Ich acht' es fr gerathner, wir gehorchen.

(Der zweite Chor geht ab, der erste zieht sich nach dem Hintergrund
der Scene zurck. In demselben Augenblicke strzt Beatrice heraus
und wirft sich in Don Manuels Arme.)



Dritter Auftritt.


Beatrice. Don Manuel.

Beatrice.
  Du bist's. Ich habe dich wieder--Grausamer!
  Du hast mich lange, lange schmachten lassen,
  Der Furcht und allen Schrecknissen zum Raub
  Dahin gegeben--Doch nichts mehr davon!
  Ich habe dich--in deinen lieben Armen
  Ist Schutz und Schirm vor jeglicher Gefahr.
  Komm! Sie sind weg! Wir haben Raum zur Flucht,
  Fort, la uns keinen Augenblick verlieren!
  (Sie will ihn mit sich fortziehen und sieht ihn jetzt erst genau an.)
  Was ist dir? So verschlossen feierlich
  Empfngst du mich--entziehst dich meinen Armen,
  Als wolltest du mich lieber ganz verstoen?
  Ich kenne dich nicht mehr--Ist dies Don Manuel,
  Mein Gatte, mein Geliebter?

Don Manuel. Beatrice!

Beatrice.
  Nein, rede nicht! Jetzt ist nicht Zeit zu Worten!
  Fort la uns eilen, schnell der Augenblick
  Ist kostbar--

Don Manuel.
              Bleib! Antworte mir!

Beatrice.
                                  Fort, Fort!
  Eh diese wilden Mnner wiederkehren!

Don Manuel.
  Bleib! Jene Mnner werden uns nicht schaden.

Beatrice.
  Doch, doch! Du kennst sie nicht. O, komm! Entfliehe!

Don Manuel.
  Von meinem Arm beschtzt, was kannst du frchten?

Beatrice.
  O, glaube mir, es gibt hier mcht'ge Menschen!

Don Manuel.
  Geliebte, keinen mchtiger als mich.

Beatrice.
  Du, gegen diese Vielen ganz allein?

Don Manuel.
  Ich ganz allein! Die Mnner, die du frchtest--

Beatrice.
  Du kennst sie nicht, du weit nicht, wem sie dienen.

Don Manuel.
  Mir dienen sie, und ich bin ihr Gebieter.

Beatrice.
  Du bist--Ein Schrecken fliegt durch meine Seele!

Don Manuel.
  Lerne mich endlich kennen, Beatrice!
  Ich bin nicht Der, der ich dir schien zu sein,
  Der arme Ritter nicht, der unbekannte,
  Der liebend nur um deine Liebe warb.
  Wer ich wahrhaftig bin, was ich vermag,
  Woher ich stamme, hab' ich dir verborgen.

Beatrice.
  Du bist Don Manuel nicht! Weh mir, wer bist du?

Don Manuel.
  Don Manuel hei' ich--doch ich bin der Hchste,
  Der diesen Namen fhrt in dieser Stadt,
  Ich bin Don Manuel, Frst von Messina.

Beatrice.
  Du wrst Don Manuel, Don Cesars Bruder?

Don Manuel.
  Don Cesar ist mein Bruder.

Beatrice.
                           Ist dein Bruder!

Don Manuel.
  Wie? Dies erschreckt dich? Kennst du den Don Cesar?
  Kennst du noch sonsten Jemand meines Bluts?

Beatrice.
  Du bist Don Manuel, der mit dem Bruder
  In Hasse lebt und unvershnter Fehde?

Don Manuel. Wir sind vershnt, seit heute sind wir Brder,
  Nicht von Geburt nur, nein! von Herzen auch!

Beatrice.
  Vershnt, seit heute!

Don Manuel.
                      Sage mir, was ist das?
  Was bringt dich so in Aufruhr? Kennst du mehr
  Als nur den Namen blo von meinem Hause?
  Wei ich dein ganz Geheimni? Hast du nichts,
  Nichts mir verschwiegen oder vorenthalten?

Beatrice.
  Was denkst du? Wie? Was htt' ich zu gestehen?

Don Manuel.
  Von deiner Mutter hast du mir noch nichts
  Gesagt. Wer ist sie? Wrdest du sie kennen,
  Wenn ich sie dir beschriebe--dir sie zeigte?

Beatrice.
  Du kennst sie--kennst sie und verbargst sie mir?

Don Manuel.
  Weh dir und wehe mir, wenn ich sie kenne!

Beatrice.
  O, sie ist gtig, wie das Licht der Sonne!
  Ich seh' sie vor mir, die Erinnerung
  Belebt sich wieder, aus der Seele Tiefen
  Erhebt sich mir die gttliche Gestalt.
  Der braunen Locken dunkle Ringe seh' ich
  Des weien Halses edle Form beschatten,
  Ich seh' der Stirne rein gewlbten Bogen,
  Des groen Auges dunkelhellen Glanz,
  Auch ihrer Stimme seelenvolle Tne
  Erwachen mir--

Don Manuel.
              Weh mir! Du schilderst sie!

Beatrice.
  Und ich entfloh ihr! Konnte sie verlassen,
  Vielleicht am Morgen eben dieses Tags,
  Der mich auf ewig ihr vereinen sollte!
  O, selbst die Mutter gab ich hin fr dich!

Don Manuel.
  Messinas Frstin wird dir Mutter sein.
  Zu ihr bring' ich dich jetzt; sie wartet deiner.

Beatrice.
  Was sagst du? Deine Mutter und Don Cesars?
  Zu ihr mich bringen? Nimmer, nimmermehr!

Don Manuel.
  Du schauderst? Was bedeutet dies Entsetzen?
  Ist meine Mutter keine Fremde dir?

Beatrice.
  O unglckselig traurige Entdeckung!
  O, htt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Don Manuel.
  Was kann dich ngstigen, nun du mich kennst,
  Den Frsten findest in dem Unbekannten?

Beatrice.
  O, gib mir diesen Unbekannten wieder,
  Mit ihm auf dem Eiland wr' ich selig!

Don Cesar (hinter der Scene).
  Zurck! Welch vieles Volk ist hier versammelt?

Beatrice.
  Gott! Diese Stimme! Wo verberg' ich mich?

Don Manuel.
  Erkennst du diese Stimme? Nein, du hast
  Sie nie gehrt und kannst sie nicht erkennen!

Beatrice.
  O, la uns fliehen! Komm und weile nicht!

Don Manuel.
  Was fliehn? Es ist des Bruders Stimme, der
  Mich sucht; zwar wundert mich, wie er entdeckte--

Beatrice.
  Bei allen Heiligen des Himmels, meid' ihn!
  Begegne nicht dem heftig Strmenden,
  La dich von ihm an diesem Ort nicht finden.

Don Manuel.
  Geliebte Seele, dich verwirrt die Furcht!
  Du hrst mich nicht, wir sind vershnte Brder!

Beatrice.
  O Himmel, rette mich aus dieser Stunde!

Don Manuel.
  Was ahnt mir! Welch ein Gedanke fat
  Mich schaudernd?--Wr es mglich--Wre dir
  Die Stimme keine fremde?--Beatrice,
  Du warst?--Mir grauet, weiter fort zu fragen!
  Du warst--bei meines Vaters Leichenfeier?

Beatrice.
  Wer mir!

Don Manuel.
        Du warst zugegen?

Beatrice.
                         Zrne nicht!

Don Manuel.
  Unglckliche, du warst?

Beatrice.
                       Ich war zugegen.

Don Manuel.
  Entsetzen!

Beatrice.
           Die Begierde war zu mchtig!
  Vergib mir! Ich gestand dir meinen Wunsch;
  Doch, pltzlich ernst und finster, lieest du
  Die Bitte fallen, und so schwieg auch ich.
  Doch wei ich nicht, welch bses Sternes Macht
  Mich trieb mit unbezwinglichem Gelsten.
  Des Herzens heien Drang mut' ich vergngen;
  Der alte Diener lieh mir seinen Beistand,
  Ich war dir ungehorsam, und ich ging.

(Sie schmiegt sich an ihn, indem tritt Don Cesar herein, von dem
ganzen Chor begleitet.)



Vierter Auftritt.


Beide Brder. Beide Chre. Beatrice.

Zweiter Chor (Bohemund) zu Don Cesar.
  Du glaubst uns nicht--Glaub deinen eignen Augen!

Don Cesar (tritt heftig ein und fhrt beim Anblick seines Bruders
mit Entsetzen zurck.)
  Blendwerk der Hlle! Was? In seinen Armen!
(Nher tretend, zu Don Manuel.)
  Giftvolle Schlange! Das ist deine Liebe!
  Dewegen logst du tckisch mir Vershnung!
  O, eine Stimme Gottes war mein Ha!
  Fahre zur Hlle, falsche Schlangenseele! (Er ersticht ihn.)

Don Manuel.
  Ich bin des Todes--Beatrice--Bruder!

(Er sinkt und stirbt. Beatrice fllt neben ihm ohnmchtig nieder.)

Erster Chor. (Cajetan.)
  Mord! Mord! Herbei! Greift zu den Waffen alle!
  Mit Blut gerchet sei die blut'ge That! (Alle ziehen den Degen.)

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Heil uns! Der lange Zwiespalt ist geendigt.
  Nur einem Herrscher jetzt gehorcht Messina.

Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)
  Rache! Rache! Der Mrder falle! falle,
  Ein shnend Opfer dem Gemordeten!

Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.)
  Herr, frchte nichts, wir stehen treu zu dir.

Don Cesar (mit Ansehen zwischen sie tretend).
  Zurck--Ich habe meinen Feind getdtet,
  Der mein vertrauend redlich Herz betrog,
  Die Bruderliebe mir zum Fallstrick legte.
  Ein furchtbar grlich Ansehn hat die That,
  Doch der gerechte Himmel hat gerichtet.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Weh die, Messina! Wehe! Wehe! Wehe!
  Das grlich Ungeheure ist geschehn
  In deinen Mauern--Wehe deinen Mttern
  Und Kindern, deinen Jnglingen und Greisen!
  Und wehe der noch ungebornen Frucht!

Don Cesar.
  Die Klage kommt zu spt--Hier schaffet Hilfe!
(Auf Beatricen zeigend.)
  Ruft sie ins Leben! Schnell entfernet sie
  Von diesem Ort des Schreckens und des Todes.
  --Ich kann nicht lnger weilen, denn mich ruft
  Die Sorge fort um die geraubte Schwester.
  --Bringt sie in meiner Mutter Schlo und sprecht:
  Es sei ihr Sohn Don Cesar, der sie sende!

(Er geht ab; die ohnmchtige Beatrice wird von dem zweiten Chor
auf eine Bank gesetzt und so hinweg getragen; der erste Chor bleibt
bei dem Leichnam zurck, um welchen auch die Knaben, die die
Brautgeschenke tragen, in einem Halbkreis herumstehen.)



Fnfter Auftritt.


Chor. (Cajetan.)
  Sagt mir! Ich kann's nicht fassen und deuten,
  Wie es so schnell sich erfllend genaht.
  Lngst wohl sah ich im Geist mit weiten
  Schritten das Schreckensgespenst herschreiten
  Dieser entsetzlichen, blutigen That.
  Dennoch bergiet mich ein Grauen,
  Da sie vorhanden ist und geschehen,
  Da ich erfllt mu vor Augen schauen,
  Was ich in ahnender Furcht nur gesehen.
  All mein Blut in den Adern erstarrt
  Vor der grlich entschiedenen Gegenwart.

Einer aus dem Chor. (Manfred.)
  Lasset erschallen die Stimme der Klage!
  Holder Jngling!
  Da liegt er entseelt,
  Hingestreckt in der Blthe der Tage,
  Schwer umfangen von Todesnacht,
  An der Schwelle der brutlichen Kammer!
  Aber ber dem Stummen erwacht
  Lauter, unermelicher Jammer.

Ein Zweiter. (Cajetan.)
  Wir kommen, wir kommen
  Mit festlichem Prangen
  Die Braut zu empfangen,
  Es bringen die Knaben
  Die reichen Gewande, die brutlichen Gaben,
  Das Fest ist bereitet, es warten die Zeugen;
  Aber der Brutigam hret nicht mehr,
  Nimmer erweckt ihn der frhliche Reigen,
  Denn der Schlummer der Todten ist schwer.

Ganzer Chor.
  Schwer und tief ist der Schlummer der Todten,
  Nummer erweckt ihn die Stimme der Braut,
  Nimmer des Hifthorns frhlicher Laut,
  Starr und fhllos liegt er am Boden!

Ein Dritter. (Cajetan.)
  Was sind die Hoffnungen, was sind Entwrfe,
  Die der Mensch, der vergngliche, baut?
  Heute umarmtet ihr euch als Brder,
  Einig gestimmt mit Herzen und Munde,
  Diese Sonne, die jetzo nieder
  Geht, sie leuchtete eurem Bunde!
  Und jetzt liegst du, dem Staube vermhlt,
  Von des Brudermords Hnden entseelt,
  In dem Busen die grliche Wunde!
  Was sind Hoffnungen, was sind Entwrfe,
  Die der Mensch, der flchtige Sohn der Stunde,
  Aufbaut auf dem betrglichen Grunde?

Chor. (Berengar.)
  Zu der Mutter will ich dich tragen,
  Eine unbeglckende Last!
  Diese Cypresse lat uns zerschlagen
  Mit der mrderischen Schneide der Axt,
  Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen,
  Nimmer soll sie Lebendiges zeugen,
  Die die tdtliche Frucht getragen,
  Nimmer in frhlichem Wuchs sich erheben,
  Keinem Wandrer mehr Schatten geben;
  Die sich genhrt auf des Mordes Boden,
  Soll verflucht sein zum Dienst der Todten!

Erster. (Cajetan.)
  Aber wehe dem Mrder, wehe,
  Der dahin geht in thrichtem Muth!
  Hinab, hinab in der Erde Ritzen
  Rinnet, rinnet, rinnet sein Blut.
  Drunten aber im Tiefen sitzen
  Lichtlos, ohne Gesang und Sprache,
  Der Themis Tchter, die nie vergessen,
  Die Untrglichen, die mit Gerechtigkeit messen,
  Fangen es auf in schwarzen Gefen,
  Rhren und mengen die schreckliche Rache.

Zweiter. (Berengar.)
  Leicht verschwindet der Thaten Spur
  Von der sonnenbeleuchteten Erde,
  Wie aus dem Antlitz die leichte Geberde--
  Aber nichts ist verloren und verschwunden,
  Was die geheimnivoll waltenden Stunden
  In den dunkel schaffenden Schoo aufnahmen--
  Die Zeit ist eine blhende Flur,
  Ein groes Lebendiges ist die Natur,
  Und alles ist Frucht, und alles ist Samen.

Dritter. (Cajetan.)
  Wehe, wehe dem Mrder, wehe,
  Der sich gest die tdtliche Saat!
  Ein andres Antlitz, eh sie geschehen,
  Ein anderes zeigt die vollbrachte That.
  Muthvoll blickt sie und khn dir entgegen,
  Wenn der Rache Gefhle den Busen bewegen;
  Aber ist sie geschehn und begangen,
  Blickt sie dich an mit erbleichenden Wangen.
  Selber die schrecklichen Furien schwangen
  Gegen Orestes die hllischen Schlangen,
  Reizten den Sohn zu dem Muttermord an;
  Mit der Gerechtigkeit heiligen Zgen
  Wute sie listig sein Herz zu betrgen,
  Bis er die tdtliche That nun gethan--
  Aber, da er den Schoo jetzt geschlagen,
  Der ihn empfangen und liebend getragen,
  Siehe, da kehrten sie
  Gegen ihn selber
  Schrecklich sich um--
  Und er erkannte die furchtbaren Jungfraun
  Die den Mrder ergreifend fassen,
  Die von jetzt an ihn nimmer lassen,
  Die ihn mit ewigem Schlangenbi nagen,
  Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagen
  Bis in das delphische Heiligthum.

(Der Chor geht ab, den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre tragend.)




Vierter Aufzug.

Die Sulenhalle.--Es ist Nacht; die Scene ist von oben herab durch
eine groe Lampe erleuchtet.



Erster Auftritt.


Donna Isabella und Diego treten auf.

Isabella.
  Noch keine Kunde kam von meinen Shnen,
  Ob eine Spur sich fand von der Verlornen?

Diego.
  Noch nichts, Gebieterin!--doch hoffe Alles
  Von deiner Shne Ernst und Emsigkeit.

Isabella.
  Wie ist mein Herz gengstiget, Diego!
  Es stand bei mir, dies Unglck zu verhten.

Diego.
  Drck' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz.
  An welcher Vorsicht lieest du's ermangeln?

Isabella.
  Htt' ich sie frher an das Licht gezogen,
  Wie mich des Herzens Stimme mchtig trieb!

Diego.
  Die Klugheit wehrte dir's, du thatest weise;
  Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand.

Isabella.
  Ach, so ist keine Freude rein! Mein Glck
  Wr' ein vollkommnes ohne diesen Zufall.

Diego.
  Dies Glck ist nur verzgert, nicht zerstrt;
  Geniee du jetzt deiner Shne Frieden.

Isabella.
  Ich habe sie einander Herz an Herz
  Umarmen sehn--ein nie erlebter Anblick!

Diego.
  Und nicht ein Schauspiel blo, es ging von Herzen,
  Denn ihr Geradsinn hat der Lge Zwang.

Isabella.
  Ich seh' auch, da sie zrtlicher Gefhle,
  Der schnen Neigung fhig sind; mit Wonne
  Entdeck' ich, da sie ehren, was sie lieben.
  Der ungebundnen Freiheit wollen sie
  Entsagen, nicht dem Zgel des Gesetzes
  Entzieht sich ihre brausend wilde Jugend,
  Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft.
  --Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego,
  Da ich mit Sorge diesem Augenblick,
  Der aufgeschlonen Blume des Gefhls
  Mit banger Furcht entgegen sah--Die Liebe
  Wird leicht zur Wuth in heftigen Naturen.
  Wenn in den aufgehuften Feuerzunder
  Des alten Hasses auch noch dieser Blitz,
  Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug--
  Mir schaudert, es zu denken--ihr Gefhl,
  Das niemals einig war, gerade hier
  Zum erstenmal unselig sich begegnet--
  Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke,
  Die ber mir schwarz drohend niederhing,
  Sie fhrte mir ein Engel still vorber,
  Und leicht nun athmet die befreite Brust.

Diego.
  Ja, freue deines Werkes dich. Du hast
  Mit zartem Sinn und ruhigem Verstand
  Vollendet, was der Vater nicht vermochte
  Mit aller seiner Herrscher Macht--Dein ist
  Der Ruhm; doch auch dein Glcksstern ist zu loben!

Isabella.
  Vieles gelang mir! Viel auch that das Glck!
  Nichts Kleines war es, solche Heimlichkeit
  Verhllt zu tragen diese langen Jahre,
  Der Mann zu tuschen, den umsichtigsten
  Der Menschen, und ins Herz zurckzudrngen
  Den Trieb des Bluts, der mchtig, wie des Feuers
  Verschloner Gott, aus seinen Banden strebte!

Diego.
  Ein Pfand ist mir des Glckes lange Gunst,
  Da Alles sich erfreulich lsen wird.

Isabella.
  Ich will nicht eher meine Sterne loben,
  Bis ich das Ende dieser Thaten sah.
  Da mir der bse Genius nicht schlummert,
  Erinnert warnen mich der Tochter Flucht.
  --Schilt oder lobe meine That, Diego!
  Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen.
  Nicht tragen konnt' ich's, hier in m'ger Ruh
  Zu harren des Erfolgs, inde die Shne
  Geschftig forschen nach der Tochter Spur.
  Gehandelt hab' auch ich--Wo Menschenkunst
  Nicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen.

Diego.
  Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt.

Isabella.
  Einsiedelnd auf des tna Hhen haust
  Ein frommer Klausner, von Uralters her
  Der Greis genannt des Berges, welcher, nher
  Dem Himmel wohnend, als der andern Menschen
  Tief wandelndes Geschlecht, den ird'schen Sinn
  In leichter, reiner therluft gelutert
  Und von dem Berg der aufgewlzten Jahre
  Hinabsieht in das aufgelste Spiel
  Des unverstndlich krummgewundnen Lebens.
  Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses,
  Oft hat der heil'ge Mann fr uns den Himmel
  Gefragt und manchen Fluch hinweggebetet.
  Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbald
  Des raschen Boten jugendliche Kraft,
  Da er mir Kunde von der Tochter gebe,
  Und stndlich harr' ich dessen Wiederkehr.

Diego.
  Trgt mich mein Auge nicht, Gebieterin,
  So ist's derselbe, der dort eilend naht,
  Und Lob frwahr verdient der Emsige!



Zweiter Auftritt.


Bote. Die Vorigen.

Isabella.
  Sag' an und weder Schlimmes hehle mir
  Noch Gutes, sondern schpfe rein die Wahrheit!
  Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide?

Bote.
  Ich soll mich schnell zurckbegeben, war
  Die Antwort, die Verlorne sei gefunden.

Isabella.
  Glcksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort,
  Stets hast du das Erwnschte mir verkndet!
  Und welchem meiner Shne war's verliehn,
  Die Spur zu finden der Verlornen?

Bote.
  Die Tiefverborgne fand dein ltster Sohn.

Isabella.
  Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke!
  Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens!
  --Hast du dem Greis auch die geweihte Kerze
  Gebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet,
  Sie anzuznden seinem Heiligen?
  Denn, was von Gaben sonst der Menschen Herzen
  Erfreut, verschmht der fromme Gottesdiener.

Bote.
  Die Kerze nahm er schweigend von mir an,
  Und zum Altar hintretend, wo die Lampe
  Dem Heil'gen brannte, zndet' er sie flugs
  Dort an, und schnell in Brand steckt' er die Htte,
  Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren.

Isabella.
  Was sagst du? Welches Schreckni nennst du mir?

Bote.
  Und dreimal Wehe! Wehe! rufend, stieg er
  Herab vom Berg; mir aber winkt' er schweigend,
  Ihm nicht zu folgen, noch zurckzuschauen.
  Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her!

Isabella.
  In neuer Zweifel wogende Bewegung
  Und ngstlich schwankende Verworrenheit
  Strzt mich das Widersprechende zurck.
  Gefunden sei mir die verlorne Tochter
  Von meinem ltsten Sohn, Don Manuel?
  Die gute Rede kann mir nicht gedeihen,
  Begleitet von der unglcksel'gen That.

Bote.
  Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehst
  Des Klausners Wort erfllt vor deinen Augen;
  Denn Alles mt' mich trgen, oder dies
  Ist die verlorne Tochter, die du suchst,
  Von deiner Shne Ritterschaar begleitet.

(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel
gebracht und auf der vordern Bhne niedergesetzt. Sie ist noch
ohne Leben und Bewegung.)



Dritter Auftritt.


Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt
und die neun andern Ritter Don Cesars.)

Chor. (Bohemund.)
  Des Herrn Gehei erfllend, setzen wir
  Die Jungfrau hier zu deinen Fen nieder,
  Gebieterin--Also befahl er uns
  Zu thun und dir zu melden dieses Wort:
  Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet.

Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt
mit Schrecken zurck.)
  O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben!

Chor. (Bohemund.)
  Sie lebt! Sie wird erwachen! Gnn' ihr Zeit,
  Von dem Erstaunlichen sich zu erholen,
  Das ihre Geister noch gebunden hlt.

Isabella.
  Mein Kind! Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen!
  So sehen wir uns wieder! So mut du
  Den Einzug halten in des Vaters Haus!
  O, la an meinem Leben mich das deinige
  Anznden! An die mtterliche Brust
  Will ich dich pressen, bis, vom Todesfrost
  Gelst, die warmen Adern wieder schlagen! (Zum Chor.)
  O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn?
  Wo fandst du sie? Wie kam das theure Kind
  In diesen klglich jammervollen Zustand?

Chor. (Bohemund.)
  Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm.
  Dein Sohn Don Cesar wird dir Alles deutlich
  Verkndigen, denn er ist's, der sie sendet.

Isabella.
  Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen?

Chor. (Bohemund.)
  Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu.

Isabella (zu dem Boten).
  War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte?

Bote.
  So ist es, Herrin, das war seine Rede.

Isabella.
  Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut;
  Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet!
  O, mu ein neid'scher Dmon mir die Wonne
  Des hei erflehten Augenblicks verbittern!
  Ankmpfen mu ich gegen mein Entzcken!
  Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus,
  Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht,
  Sie kann der Mutter Freude nicht erwiedern.
  O, ffnet euch, ihr lieben Augenlichter!
  Erwrmet euch, ihr Hnde! Hebe dich,
  Lebloser Busen, und schlage der Lust!
  Diego! Das ist meine Tochter--Das
  Die Langverborgne, die Gerettete,
  Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen!

Chor. (Bohemund.)
  Ein seltsam neues Schreckni glaub' ich ahnend
  Vor mir zu sehn und stehe wundernd, wie
  Das Irrsal sich entwirren soll und lsen.

Isabella (zum Chor, der Bestrzung und Verlegenheit ausdrckt).
  O, seid ihr undurchdringlich harte Herzen!
  Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwie
  Von einem schroffen Meeresfelsen, schlgt
  Die Freude meines Herzens mir zurck!
  Umsonst in diesem ganzen Kreis umher
  Sph' ich nach einem Auge, das empfindet.
  Wo weilen meine Shne, da ich Antheil
  In einem Auge lese; denn mir ist,
  Als ob der Wste unmitleid'ge Schaaren,
  Des Meeres Ungeheuer mich umstnden!

Diego.
  Sie schlgt die Augen auf! Sie regt sich, lebt!

Isabella.
  Sie lebt! Ihr erster Blick sei auf die Mutter!

Diego.
  Das Auge schliet sie schaudernd wieder zu.

Isabella (zum Chor).
  Weichet zurck! Sie schreckt der fremde Anblick!

Chor (tritt zurck). (Bohemund.)
  Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen.

Diego.
  Mit groen Augen mit sie staunend dich.

Beatrice.
  Wo bin ich? Diese Zge sollt' ich kennen.

Isabella.
  Langsam kehrt die Besinnung ihr zurck.

Diego.
  Was macht sie? Auf die Kniee senkt sie sich.

Beatrice.
  Ich, schnes Engelsantlitz meiner Mutter!

Isabella.
  Kind meines Herzens! Komm in meine Arme!

Beatrice.
  Zu deinen Fen sieh die Schuldige.

Isabella.
  Ich habe dich wieder! Alles sei vergessen!

Diego.
  Betracht' auch mich! Erkennst du meine Zge?

Beatrice.
  Des redlichen Diego greises Haupt!

Isabella.
  Der treue Wchter deiner Kinderjahre.

Beatrice.
  So bin ich wieder in dem Schoo der Meinen?

Isabella.
  Und nichts soll uns mehr scheiden, als der Tod.

Beatrice.
  Du willst mich nicht mehr in die Fremde stoen?

Isabella.
  Nichts trennt uns mehr, das Schicksal ist befriedigt.

Beatrice (sinkt an ihre Brust).
  Und find' ich wirklich mich an deinem Herzen?
  Und Alles war ein Traum, was ich erlebt?
  Ein schwerer, frchterlicher Traum--O Mutter!
  Ich sah ihn todt zu meinen Fen fallen!
  --Wie komm' ich aber hieher? Ich besinne
  Mich nicht--Ach, wohl mir, wohl, da ich gerettet
  In deinen Armen bin! Sie wollten mich
  Zur Frstin Mutter von Messina bringen.
  Eher ins Grab!

Isabella.
                 Komm zu dir, meine Tochter!
  Messinas Frstin--

  Beatrice.
                    Nenne sie nicht mehr!
  Mir giet sich bei dem unglcksel'gen Namen
  Ein Frost des Todes durch die Glieder.

Isabella.
                                        Hre mich.

Beatrice.
  Sie hat zwei Shne, die sich tdtlich hassen;
  Don Manuel, Don Cesar nennt man sie.

Isabella.
  Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter!

Beatrice.
  Was sagst du? Welches Wort hast du geredet?

Isabella.
  Ich, deine Mutter, bin Messinas Frstin.

Beatrice.
  Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars?

Isabella.
  Und deine Mutter! Deine Brder nennst du!

Beatrice.
  Weh, weh mir! O, entsetzensvolles Licht!

Isabella.
  Was ist dir? Was erschttert dich so seltsam?

Beatrice (wild um sich her schauend, erblickt den Chor).
  Das sind sie, ja! Jetzt, jetzt erkenn' ich sie.
  Mich hat kein Traum getuscht--Die sind's, Die waren
  Zugegen--Es ist frchterliche Wahrheit!
  Unglckliche, wo habt ihr ihn verborgen?

(Sie geht mit heftigem Schritt auf den Chor zu, der sich von ihr
abwendet. Ein Trauermarsch lt sich in der Ferne hren.)

Chor.
  Weh! Wehe!

Isabella.
             Wen verborgen? Was ist wahr?
  Ihr schweigt bestrzt--Ihr scheint sie zu verstehn.
  Ich les' in euren Augen, eurer Stimme
  Gebrochnen Tnen etwas Unglcksel'ges,
  Das mir zurckgehalten wird--Was ist's?
  Ich will es wissen. Warum heftet ihr
  So schreckensvolle Blicke nach der Thre?
  Und was fr Tne hr' ich da erschallen?

Chor. (Bohemund.)
  Es naht sich! Es wird sich mit Schrecken klren.
  Sei stark, Gebieterin, sthle dein Herz!
  Mit Fassung ertrage, was dich erwartet,
  Mit mnnlicher Seele den tdtlichen Schmerz!

Isabella.
  Was naht sich? Was erwartet mich?--Ich hre
  Der Todtenklage frchterlichen Ton
  Das Haus durchdringen--Wo sind meine Shne?

(Der erste Halbchor bringt den Leichnam Don Manuels auf einer
Bahre getragen, die er auf der leer gelassenen Seite der Scene
niedersetzt. Ein schwarzes Tuch ist darber gebreitet.)



Vierter Auftritt.


Isabella. Beatrice. Diego. Beide Chre.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Durch die Straen der Stdte,
  Vom Jammer gefolget,
  Schreitet das Unglck--
  Lauernd umschleicht es
  Die Huser der Menschen,
  Heute an dieser
  Pforte pocht es,
  Morgen an jener,
  Aber noch keinen hat es verschont.
  Die unerwnschte
  Schmerzliche Botschaft,
  Frher oder spter,
  Bestellt es an jeder
  Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt.

(Berengar.)
  Wenn die Bltter fallen
  In des Jahres Kreise,
  Wenn zum Grabe wallen
  Entnervte Greise,
  Da gehorcht die Natur
  Ruhig nur
  Ihrem alten Gesetze,
  Ihrem ewigen Brauch,
  Da ist nichts, was den Menschen entsetze!

  Aber das Ungeheure auch
  Lerne erwarten im irdischen Leben!
  Mit gewaltsamer Hand
  Lst der Mord auch das heiligste Band,
  In sein stygisches Boot
  Raffet der Tod
  Auch der Jugend blhendes Leben!

(Cajetan.)
  Wenn die Wolken gethrmt den Himmel schwrzen,
  Wenn dumpftosend der Donner hallt,
  Da, da fhlen sich alle Herzen
  In des furchtbaren Schicksals Gewalt.
  Aber auch aus entwlkter Hhe
  Kann der zndende Donner schlagen
  Darum in deinen frhlichen Tagen
  Frchte des Unglcks tckische Nhe!
  Nicht an die Gter hnge dein Herz,
  Die das Leben vergnglich zieren!
  Wer besitzt, der lerne verlieren,
  Wer im Glck ist, der lerne den Schmerz.

Isabella.
  Was soll ich hren? Was verhllt dies Tuch?
(Sie macht einen Schritt gegen die Bahre, bleibt aber unschlssig
zaudernd stehen.)
  Es zieht mich grausend hin und zieht mich schaudernd
  Mit dunkler, kalter Schreckenshand zurck.
(Zu Beatrice, welche sich zwischen sie und die Bahre geworfen.)
  La mich! Was es auch sei, ich will's enthllen!
(Sie hebt das Tuch auf und entdeckt Don Manuels Leichnam.)
  O himmlische Mchte, es ist mein Sohn!

(Sie bleibt mit starrem Entsetzen stehen--Beatrice sinkt mit einem
Schrei des Schmerzens neben der Bahre nieder.)

Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)
  Unglckliche Mutter! Es ist dein Sohn!
  Du hast es gesprochen, das Wort des Jammers,
  Nicht meinen Lippen ist es entflohn.

Isabella.
  Mein Sohn! Mein Manuel!--O, ewige
  Erbarmung--So mu ich dich wieder finden!
  Mit deinem Leben mutest du die Schwester
  Erkaufen aus des Rubers Hand!--Wo war
  Dein Bruder, da sein Arm dich nicht beschtzte?
  --O, Fluch der Hand, die diese Wunde grub!
  Fluch ihr, die den Verderblichen geboren,
  Der mir den Sohn erschlug! Fluch seinem ganzen
  Geschlecht!

Chor.
              Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella.
  So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmchte?
  Das, das ist eure Wahrheit? Wehe Dem,
  Der euch vertraut mit redlichem Gemth!
  Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert,
  Wenn dies der Ausgang ist!--O, die ihr hier
  Mich schreckenvoll umsteht, an meinem Schmerz
  Die Blicke weidend, lernt die Lgen kennen,
  Womit die Trume uns, die Seher tuschen!
  Glaube noch einer an der Gtter Mund!
  --Als ich mich Mutter fhlte dieser Tochter,
  Da trumte ihrem Vater eines Tages,
  Er sh' aus seinem hochzeitlichen Bette
  Zwei Lorbeerbume wachsen--Zwischen ihnen
  Wuchs eine Lilie empor; sie ward
  Zur Flamme, die der Bume dicht Gezweig ergriff
  Und, um sich wthend, schnell das ganze Haus
  In ungeheurer Feuersfluth verschlang.
  Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
  Befrug der Vater einen Vogelschauer
  Und schwarzen Magier um die Bedeutung.
  Der Magier erklrte: wenn mein Schoo
  Von einer Tochter sich entbinden wrde,
  So wrde sie die beiden Shne ihm
  Ermorden und vertilgen seinen Stamm!

Chor. (Cajetan und Bohemund.)
  Gebieterin, was sagst du? Wehe! Wehe!

Isabella.
  Darum befahlt der Vater, sie zu tdten;
  Doch ich entrckte sie dem Jammerschicksal.
  --Die arme Unglckselige! Verstoen
  Ward sie als Kind aus ihrer Mutter Schoo,
  Da sie, erwachsen, nicht die Brder morde!
  Und jetzt durch Rubershnde fllt der Bruder,
  Nicht die Unschuldige hat ihn getdtet!

Chor.
  Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Isabella.
                         Keinen Glauben
  Verdiente mir des Gtzendieners Spruch,
  Ein beres Hoffen strkte meine Seele.
  Denn mir verkndigte ein andrer Mund,
  Den ich fr wahrhaft hielt, von dieser Tochter:
  "In heier Liebe wrde sie dereinst
  "Der Shne Herzen mir vereinigen."
  --So widersprachen die Orakel sich,
  Den Fluch zugleich und Segen auf das Haupt
  Der Tochter legend--Nicht den Fluch hat sie
  Verschuldet, die Unglckliche! Nicht Zeit
  Ward ihr gegnnt, den Segen zu vollziehen.
  Ein Mund hat, wie der andere, gelogen!
  Die Kunst der Seher ist ein eitles Nichts,
  Betrger sind sie oder sind betrogen.
  Nichts Wahres lt sich von der Zukunft wissen,
  Du schpfest drunten an der Hlle Flssen,
  Du schpfest droben an dem Quell des Lichts.

Erster Chor. (Cajetan.)
  Wehe! Wehe! Was sagst du? Halt ein, halt ein!
  Bezhme der Zunge verwegenes Toben!
  Die Orakel sehen und treffen ein,
  Der Ausgang wird die Wahrhaftigen loben!

Isabella.
  Nicht zhmen will ich meine Zunge, laut,
  Wie mir das Herz gebietet, will ich reden.
  Warum besuchen wir die heil'gen Huser
  Und heben zu dem Himmel fromme Hnde?
  Gutmth'ge Thoren, was gewinnen wir
  Mit unserm Glauben? So unmglich ist's,
  Die Gtter, die hochwohnenden, zu treffen,
  Als in den Mond mit einem Pfeil zu schieen.
  Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft,
  Und kein Gebet durchbohrt den ehrnen Himmel.
  Ob rechts die Vgel fliegen oder links,
  Die Sterns so sich oder anders fgen,
  Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur,
  Die Traumkunst trumt, und alle Zeichen trgen.

Zweiter Chor. (Bohemund.)
  Halt ein, Unglckliche! Wehe! Wehe!
  Du leugnest der Sonne leuchtendes Licht
  Mit blinden Augen! Die Gtter leben,
  Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!
(Alle Ritter.)
  Die Gtter leben, die Gtter leben,
  Erkenne sie, die dich furchtbar umgeben!

Beatrice.
  O Mutter! Mutter! Warum hast du mich
  Gerettet! Warum warfst du mich nicht hin
  Dem Fluch, der, eh' ich war, mich schon verfolgte?
  Bldsicht'ge Mutter! Warum dnktest du
  Dich weiser, als die Alles Schauenden,
  Die Nah' und Fernes an einander knpfen
  Und in der Zukunft spte Saaten sehn?
  Dir selbst und mir, uns allen zum Verderben
  Hast du den Todesgttern ihren Raub,
  Den sie gefordert, frevelnd vorenthalten!
  Jetzt nehmen sie ihn zweifach, dreifach selbst.
  Nicht dank' ich dir das traurige Geschenk,
  Dem Schmerz, dem Jammer hast du mich erhalten!

Erster Chor (Cajetan.) (in heftiger Bewegung nach der Thre sehend).
  Brechet auf, ihr Wunden,
  Flieet, flieet!
  In schwarzen Gssen
  Strzet hervor, ihr Bche des Bluts!

(Berengar.)
  Eherner Fe
  Rauschen vernehm' ich,
  Hllischer Schlangen
  Zischendes Tnen,
  Ich erkenne der Furien Schritt!

(Cajetan.)
  Strzet ein, ihr Wnde!
  Versink, o Schwelle,
  Unter der schrecklichen Fe Tritt!
  Schwarze Dmpfe, entsteiget, entsteiget
  Qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages
  Lieblichen Schein!
  Schtzende Gtter des Hauses, entweichet!
  Lasst die rchenden Gttinnen ein!



Fnfter Auftritt.


Don Cesar. Isabella. Beatrice. Der Chor.

Beim Eintritt des Don Cesar zertheilt sich der Chor in fliehender
Bewegung vor ihm; er bleibt allein in der Mitte der Scene stehen.

Beatrice.
  Weh mir, er ist's!

Isabella (tritt ihm entgegen).
                     O mein Sohn Cesar! Mu ich so
  Dich wiedersehen--O, blick her und sieh
  Den Frevel einer gottverfluchten Hand!
(Fhrt ihn zu dem Leichnam.)

Don Cesar (tritt mit Entsetzen zurck, das Gesicht verhllend).

Erster Chor. (Cajetan, Berengar.)
  Brechet auf, ihr Wunden!
  Flieet, flieet!
  In schwarzen Gssen
  Strmet hervor, ihr Bche des Bluts!

Isabella.
  Du schauderst und erstarrst!--Ja, das ist Alles
  Was dir noch brig ist von deinem Bruder!
  Da liegen meine Hoffnungen--Sie stirbt
  Im Keim, die junge Blume eures Friedens,
  Und keine schne Frchte sollt' ich schauen.

Don Cesar.
  Trste dich, Mutter! Redlich wollten wir
  Den Frieden, aber Blut beschlo der Himmel.

Isabella.
  O, ich wei, du liebtest ihn, ich sah entzckt
  Die schnen Bande zwischen euch sich flechten!
  An deinem Herzen wolltest du ihn tragen,
  Ihm reich ersetzen die verlornen Jahre.
  Der blut'ge Mord kam deiner schnen Liebe
  Zuvor--Jetzt kannst du nichts mehr, als ihn rchen.

Don Cesar.
  Komm, Mutter, komm! Hier ist kein Ort fr dich,
  Entrei dich diesem unglcksel'gen Anblick! (Er will sie fortziehen.)

Isabella (fllt ihm um den Hals).
  Du lebst mir noch! Du, jetzt mein Einziger!

Beatrice.
  Weh, Mutter! Was beginnst du?

Don Cesar.
  Weine dich aus
  An diesem treuen Busen! Unverloren
  Ist dir der Sohn, denn seine Liebe lebt
  Unsterblich fort in deines Cesars Brust.

Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)
  Brechet auf, ihr Wunden!
  Redet, ihr stummen!
  In schwarzen Fluthen
  Strzet hervor, ihr Bche des Bluts!

Isabella (Beider Hnde fassend).
  O meine Kinder!

Don Cesar.
                  Wie entzckt es mich,
  In deinen Armen sie zu sehen, Mutter!
  Ja, la sie deine Tochter sein! Die Schwester--

Isabella (unterbricht ihn).
  Dir dank' ich die Gerettete, mein Sohn!
  Du hieltest Wort, du hast sie mir gesendet.

Don Cesar (erstaunt).
  Wen, Mutter, sagst du, hab' ich dir gesendet?

Isabella.
  Sie mein' ich, die du vor dir siehst, die Schwester.

Don Cesar.
  Sie meine Schwester?

Isabella.
                       Welche andre sonst?

Don Cesar.
                                           Meine Schwester?

Isabella.
  Die du selber mir gesendet.

Don Cesar.
                              Und seine Schwester!

Chor.
                                                  Wehe! Wehe! Wehe!

Beatrice.
  O, meine Mutter!

Isabella.
                   Ich erstaune--Redet!

Don Cesar.
  So ist der Tag verflucht, der mich geboren!

Isabella.
  Was ist dir? Gott!

Don Cesar.
                     Verflucht der Schoo, der mich
  Getragen!--Und verflucht sei deine Heimlichkeit,
  Die all dies Grliche verschuldet! Falle
  Der Donner nieder, der dein Herz zerschmettert,
  Nicht lnger halt' ich schonen ihn zurck--
  Ich selber, wiss' es, ich erschlug den Bruder,
  In ihren Armen berrascht' ich ihn;
  Sie ist es, die ich liebe, die zur Braut
  Ich mir gewhlt--den Bruder aber fand ich
  In ihren Armen--Alles weit du nun!
  --Ist sie wahrhaftig seine, meine Schwester,
  So bin ich schuldig einer Gruelthat,
  Die keine Reu' und Bung kann vershnen!

Chor. (Bohemund.)
  Es ist gesprochen, du hast es vernommen,
  Das Schlimmste weit du, nichts ist mehr zurck!
  Wie die Seher verkndet, so ist es gekommen,
  Denn noch Niemand entfloh dem verhngten Geschick.
  Und wer sich vermit, es klglich zu wenden,
  Der mu es selber erbauend vollenden.

Isabella.
  Was kmmert's mich noch, ob die Gtter sich
  Als Lgner zeigen, oder sich als wahr
  Besttigen? Mir haben sie das rgste
  Gethan--Trotz biet' ich ihnen, mich noch hrter
  Zu treffen, als sie trafen--Wer fr nichts mehr
  Zu zittern hat, der frchtet sie nicht mehr.
  Ermordet liegt mir der geliebte Sohn,
  Und von dem lebenden scheid' ich mich selbst.
  Er ist mein Sohn nicht--Einen Basilisken
  Hab' ich erzeugt, genhrt an meiner Brust,
  Der mir den bessern Sohn zu Tode stach.
  --Komm, meine Tochter! Hier ist unsers Bleibens
  Nicht mehr--den Rachegeistern berlass' ich
  Dies Haus--ein Frevel fhrte mich herein,
  Ein Frevel treibt mich aus--Mit Widerwillen
  Hab' ich's betreten und mit Furcht bewohnt,
  Und in Verzweiflung rum' ich's--Alles dies
  Erleid' ich schuldlos; doch bei Ehren bleiben
  Die Orakel, und gerettet sind die Gtter.
(Sie geht ab. Diego folgt ihr.)



Sechster Auftritt.


Beatrice. Don Cesar. Der Chor.

Don Cesar (Beatricen zurckhaltend).
  Bleib, Schwester! Scheide du nicht so von mir!
  Mag mir die Mutter fluchen, mag dies Blut
  Anklagend gegen mich zum Himmel rufen,
  Mich alle Welt verdammen! Aber du
  Fluche mir nicht! Von dir kann ich's nicht tragen!

Beatrice (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Leichnam).

Don Cesar.
  Nicht den Geliebten hab' ich dir getdtet!
  Den Bruder hab' ich dir und hab' ihn mir
  Gemordet--Dir gehrt der Abgeschiedne jetzt
  Nicht nher an, als ich, der Lebende,
  Und ich bin mitleidswrdiger, als er,
  Denn er schied rein hinweg, und ich bin schuldig.

Beatrice (bricht in heftige Thrnen aus).

Don Cesar.
  Weine um den Bruder, ich will mit dir weinen,
  Und mehr noch--rchen will ich ihn! Doch nicht
  Um den Geliebten weine! Diesen Vorzug,
  Den du dem Todten gibst, ertrag' ich nicht.
  Den einz'gen Trost, den letzten, la mich schpfen
  Aus unsers Jammers bodenloser Tiefe,
  Da er dir nher nicht gehrt, als ich--
  Denn unser furchtbar aufgelstes Schicksal
  Macht unsre Rechte gleich, wie unser Unglck.
  In einen Fall verstrickt, drei liebende
  Geschwister, gehen wir vereinigt unter
  Und theilen gleich der Thrnen traurig Recht.
  Doch wenn ich denken mu, da deine Trauer
  Mehr dem Geliebten als dem Bruder gilt,
  Dann mischt sich Wuth und Neid in meinen Schmerz,
  Und mich verlt der Wehmuth letzter Trost.
  Nicht freudig, wie ich gerne will, kann ich
  Das letzte Opfer seinen Manen bringen;
  Doch sanft nachsenden will ich ihm die Seele,
  Wei ich nur, da du meinen Staub mit seinem
  In einem Aschenkruge sammeln wirst.

(Den Arm um sie schlingend, mit einer leidenschaftlich zrtlichen Heftigkeit.)

  Dich liebt' ich, wie ich nichts zuvor geliebt,
  Da du noch eine Fremde fr mich warst.
  Weil ich dich liebte ber alle Grenzen,
  Trag' ich den schweren Fluch des Brudermords,
  Liebe zu dir war meine ganze Schuld.
  --Jetzt bist du meine Schwester, und dein Mitleid
  Fordr' ich von dir als einen heil'gen Zoll.

(Er sieht sie mit ausforschenden Blicken und schmerzlicher
Erwartung an, dann wendet er sich mit Heftigkeit von ihr.)

  Nein, nein, nicht sehen kann ich diese Thrnen--
  In dieses Todten Gegenwart verlt
  Der Muth mich, und die Brust zerreit der Zweifel--
  --La mich im Irrthum! Weine im Verborgnen!
  Sieh nie mich wieder--niemals mehr--Nicht dich,
  Nicht deine Mutter will ich wieder sehen,
  Sie hat mich nie geliebt! Verrathen endlich
  Hat sich ihr Herz, der Schmerz hat es geffnet.
  Sie nannt' ihn ihren bessern Sohn!--So hat sie
  Verstellung ausgebt ihr ganzes Leben!
  --Und du bist falsch, wie sie! Zwinge dich nicht!
  Zeig' deinen Abscheu! Mein verhates Antlitz
  Sollst du nicht wieder sehn! Geh hin auf ewig!

(Er geht ab. Sie steht unschlssig, im Kampf widersprechender
Gefhle, dann reit sie sich los und geht.)



Siebenter Auftritt.


Chor. (Cajetan.) -- -- -- -- -- -- --
  Wohl Dem! Selig mu ich ihn preisen,
  Der in der Stille der lndlichen Flur,
  Fern von des Lebens verworrenen Kreisen,
  Kindlich liegt an der Brust der Natur.
  Denn das Herz wird mir schwer in der Frsten Palsten,
  Wenn ich herab vom Gipfel des Glcks
  Strzen sehe die Hchsten, die Besten
  In der Schnelle des Augenblicks!

  Und auch Der hast sich wohl gebettet,
  Der aus der strmischen Lebenswelle,
  Zeitig gewarnt, sich heraus gerettet
  In des Klosters friedliche Zelle,
  Der die stachelnde Sucht der Ehren
  Von sich warf und die eitle Lust
  Und die Wnsche, die ewig begehren,
  Eingeschlfert in ruhiger Brust.
  Ihn ergreift in dem Lebensgewhle
  Nicht der Leidenschaft wilde Gewalt,
  Nimmer in seinem stillen Asyle
  Sieht er der Menschheit traur'ge Gestalt.
  Nur in bestimmter Hhe ziehet
  Das Verbrechen hin und das Ungemach,
  Wie die Pest die erhabnen Orte fliehet,
  Dem Qualm der Stdte wlzt es sich nach.

(Berengar, Bohemund und Manfred.)
  Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grfte
  Steigt nicht hinauf in die reinen Lfte;
  Die Welt ist vollkommen berall,
  Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

(Der ganze Chor wiederholt.)
  Auf den Bergen u. s. w.



Achter Auftritt.


Don Cesar. Der Chor.

Don Cesar (gefater).
  Das Recht des Herrschers b' ich aus zum letzten Mal,
  Dem Grab zu bergeben diesen theuren Leib,
  Denn dieses ist der Todten letzte Herrlichkeit.
  Vernehmt denn meines Willens ernstlichen Beschlu,
  Und wie ich's euch gebiete, also bt es aus
  Genau--Euch ist in frischem Angedenken noch
  Das ernste Amt, denn nicht von langen Zeiten ist's,
  Da ihr zur Gruft begleitet eures Frsten Leib.
  Die Todtenklage ist in diesen Mauern kaum
  Verhallt, und eine Leiche drngt die andre fort
  Ins Grab, da eine Fackel ander andern sich
  Anznden, auf der Treppe Stufen sich der Zug
  Der Klagemnner fast begegnen mag.
  So ordnet denn ein feierlich Begrbnifest
  In dieses Schlosses Kirche, die des Vaters Staub
  Verwahrt, geruschlos bei verschlonen Pforten an,
  Und Alles werde, wie es damals war, vollbracht.

Chor. (Bohemund.)
  Mit schnellen Hnden soll dies Werk bereitet sein,
  O Herr--denn aufgerichtet steht der Katafalk,
  Ein Denkmal jener ernsten Festlichkeit, noch da,
  Und an den Bau des Todes rhrte keine Hand.

Don Cesar.
  Das war kein glcklich Zeichen, da des Grabes Mund
  Geffnet blieb im Hause der Lebendigen.
  Wie kam's, da man das unglckselige Gerst
  Nicht nach vollbrachtem Dienste alsobald zerbrach?

Chor. (Bohemund.)
  Die Noth der Zeiten und der jammervolle Zwist,
  Der gleich nachher, Messina feindlich theilend, sich
  Entflammt, zog unsre Augen von den Todten ab,
  Und de blieb, verschlossen dieses Heiligthum.

Don Cesar.
  Ans Werk denn eilet ungesumt! Noch diese Nacht
  Vollende sich das mitternchtliche Geschft!
  Die nchste Sonne finde von Verbrechen rein
  Das Haus und leuchte einem frhlichen Geschlecht.

(Der zweite Chor entfernt sich mit Don Manuels Leichnam.)

Erster Chor. (Cajetan.)
  Soll ich der Mnche fromme Brderschaft hieher
  Berufen, da sie nach der Kirche altem Brauch
  Das Seelenamt verwalte und mit heil'gem Lied
  Zur ew'gen Ruh einsegne den Begrabenen?

Don Cesar.
  Ihr frommes Lied mag fort und fort an unserm Grab
  Auf ew'ge Zeiten schallen bei der Kerze Schein;
  Doch heute nicht bedarf es ihres reinen Amts,
  Der blut'ge Mord verscheucht das Heilige.

Chor. (Cajetan.)
  Beschliee nichts gewaltsam Blutiges, o Herr,
  Wider sich selber wthend mit Verzweiflungsthat;
  Denn auf der Welt lebt Niemand, der dich strafen kann,
  Und fromme Bung kauft den Zorn des Himmels ab.

Don Cesar.
  Nicht auf der Welt lebt, wer mich richten strafen kann,
  Drum mu ich selber an mir selber es vollziehn.
  Bufert'ge Shne, wei ich, nimmt der Himmel an;
  Doch nur mit Blut bt sich ab der blut'ge Mord.

Chor. (Cajetan.)
  Des Jammers Fluthen, die auf dieses Haus gestrmt,
  Ziemt dir zu brechen, nicht zu hufen Leid auf Leid.

Don Cesar.
  Den alten Fluch des Hauses ls' ich sterbend auf,
  Der freie Tod nur bricht die Kette des Geschicks.

Chor. (Cajetan.)
  Zum Herrn bist du dich schuldig dem verwaisten Land,
  Weil du des andern Herrscherhauptes uns beraubt.

Don Cesar.
  Zuerst den Todesgttern zahl' ich meine Schuld,
  Ein andrer Gott mag sorgen fr die Lebenden.

Chor. (Cajetan.)
  So weit die Sonne leuchtet, ist die Hoffnung auch,
  Nur von dem Tod gewinnt sich nichts! Bedenk' es wohl!

Don Cesar.
  Du selbst bedenke schweigend deine Dienerpflicht!
  Mich la dem Geist gehorchend, der mich furchtbar treibt,
  Denn in das Innre kann kein Glcklicher mir schaun.
  Und ehrst du frchtend auch den Herrscher nicht in mir,
  Den Verbrecher frchte, den der Flche schwerster drckt!
  Das Haupt verehre des Unglcklichen,
  Das auch den Gttern heilig ist--Wer das erfuhr,
  Was ist erleide und im Busen fhle,
  Gibt keinem Irdischen mehr Rechenschaft.



Neunter Auftritt.


Donna Isabella. Don Cesar. Der Chor.

Isabella (kommt mit zgernden Schritten und wirft unschlssige
Blicke auf Don Cesar. Endlich tritt sie ihm nher und spricht
mit gefatem Ton).
  Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen,
  So hatt' ich mir's in meinem Schmerz gelobt;
  Doch in die Luft verwehen die Entschlsse,
  Die eine Mutter, unnatrlich wthend,
  Wider des Herzens Stimme fat--Mein Sohn!
  Mich treibt ein unglckseliges Gercht
  Aus meines Schmerzens den Wohnungen
  Hervor--Soll ich ihm glauben? Ist es wahr,
  Da mir ein Tag zwei Shne rauben soll?

Chor. (Cajetan.)
  Entschlossen siehst du ihn, festen Muths,
  Hinab zu gehen mit freiem Schritte
  Zu des Todes traurigen Thoren.
  Erprobe du jetzt die Kraft des Blutes,
  Die Gewalt der rhrenden Mutterbitte!
  Meine Worte hab' ich umsonst verloren.

Isabella.
  Ich rufe die Verwnschungen zurck,
  Die ich im blinden Wahnsinn der Verzweiflung
  Auf dein geliebtes Haupt herunter rief.
  Eine Mutter kann des eignen Busens Kind,
  Das sie mit Schmerz geboren, nicht verfluchen.
  Nicht hrt der Himmel solche sndige
  Gebete; schwer von Thrnen, fallen sie
  Zurck von seinem leuchtenden Gewlbe.
  --Lebe, mein Sohn! Ich will den Mrder lieber sehn
  Des einen Kindes, als um beide weinen.

Don Cesar.
  Nicht wohl bedenkst du, Mutter, was du wnschest
  Dir selbst und mir--Mein Pfad kann nicht mehr sein
  Bei den Lebendigen--Ja, knntest du
  Des Mrders gottverhates Antlitz auch
  Ertragen, Mutter, ich ertrge nicht
  Den stummen Vorwurf deines ew'gen Grams.

Isabella.
  Kein Vorwurf soll dich krnken, keine laute,
  Noch stumme Klage in das Herz dir schneiden.
  In milder Wehmuth wird der Schmerz sich lsen,
  Gemeinsam trauernd, wollen wir das Unglck
  Beweinen und bedecken das Verbrechen.

Don Cesar (fat ihre Hand, mit sanfter Stimme).
  Das wirst du, Mutter. Also wird's geschehn.
  In milder Wehmuth wird dein Schmerz sich lsen--
  Dann, Mutter, wenn ein Todtenmal den Mrder
  Zugleich mit dem Gemordeten umschliet,
  Ein Stein sich wlbet ber beider Staube,
  Dann wird der Fluch entwaffnet sein--Dann wirst
  Du deine Shne nicht mehr unterscheiden,
  Die Thrnen, die dein schnes Auge weint,
  Sie werden einem wie dem andern gelten,
  Ein mchtiger Vermittler ist der Tod.
  Da lschen alle Zornesflammen aus,
  Der Ha vershnt sich, und das schne Mitleid
  Neigt sich, ein weinend Schwesterbild, mit sanft
  Anschmiegender Umarmung auf die Urne.
  Drum, Mutter, wehre du mir nicht, da ich
  Hinuntersteige und den Fluch vershne.

Isabella.
  Reich ist die Christenheit an Gnadenbildern,
  Zu denen wallend ein gequltes Herz
  Kann Ruhe finden. Manche schwere Brde
  Ward abgeworfen in Lorettos Haus,
  Und segensvolle Himmelskraft umweht
  Das heil'ge Grab, das alle Welt entsndigt.
  Vielkrftig auch ist das Gebet der Frommen,
  Sie haben reichen Vorrath an Verdienst,
  Und auf der Stelle, wo ein Mord geschah,
  Kann sich ein Tempel reinigend erheben.

Don Cesar.
  Wohl lt der Pfeil sich aus dem Herzen ziehn,
  Doch nie wird das verletzte mehr gesunden.
  Lebe, wer's kann, ein Leben der Zerknirschung,
  Mit strengen Bukasteiungen allmhlich
  Abschpfend eine ew'ge Schuld--Ich kann
  Nicht leben, Mutter, mit gebrochnem Herzen.
  Aufblicken mu ich freudig zu den Frohen
  Und in den ther greifen ber mir
  Mit freiem Geist--Der Neid vergiftete mein Leben,
  Da wir noch deine Liebe gleich getheilt.
  Denkst du, da ich den Vorzug werde tragen,
  Den ihm dein Schmerz gegeben ber mich?
  Der Tod hat eine reinigende Kraft,
  In seinem unvergnglichen Palaste
  Zu echter Tugend reinem Diamant
  Das Sterbliche zu lutern und die Flecken
  Der mangelhaften Menschheit zu verzehren.
  Weit, wie die Sterne abstehn von der Erde,
  Wird er erhaben stehen ber mir,
  Und hat der alte Neid uns in dem Leben
  Getrennt, da wir noch gleich Brder waren,
  So wurd er rastlos mir das Herz zernagen,
  Nun er das Ewige mir abgewann
  Und, jenseits alles Wettstreits, wie ein Gott
  In der Erinnerung der Menschen wandelt.

Isabella.
  O, hab' ich euch nur darum nach Messina
  Gerufen, um euch Beide zu begraben!
  Euch zu vershnen, rief ich euch hieher,
  Und ein verderblich Schicksal kehret all
  Mein Hoffen in sein Gegentheil mir um!

Don Cesar.
  Schilt nicht den Ausgang, Mutter! Es erfllt
  Sich Alles, was versprochen ward. Wir zogen ein
  Mit Friedenshoffnungen in diese Thore,
  Und friedlich werden wir zusammen ruhn,
  Vershnt auf ewig, in dem Haus des Todes.

Isabella.
  Lebe, mein Sohn! La deine Mutter nicht
  Freundlos im Land der Fremdlinge zurck,
  Rohherziger Verhhnung preisgegeben,
  Weil sie der Shne Kraft nicht mehr beschtzt.

Don Cesar.
  Wenn alle Welt dich herzlos kalt verhhnt
  So flchte du dich hin zu unserm Grabe
  Und rufe deiner Shne Gottheit an;
  Denn Gtter sind wir dann, wir hren dich,
  Und wie des Himmels Zwillinge, dem Schiffer
  Ein leuchtend Sternbild, wollen wir mit Trost
  Die nahe sein und deine Seele strken.

Isabella.
  Lebe, mein Sohn! Fr deine Mutter lebe!
  Ich kann's nicht tragen, Alles zu verlieren!

(Sie schlingt ihre Arme mit leidenschaftlicher Heftigkeit um ihn;
er macht sich sanft von ihr los und reicht ihr die Hand mit
abgewandtem Gesicht.)

Don Cesar.
  Leb wohl!

Isabella.
  Ach, wohl erfahr' ich's schmerzlich fhlend nun,
  Da nichts die Mutter ber dich vermag!
  Gibt's keine andre Stimme, welche dir
  Zum Herzen mcht'ger als die meine dringt?
(Sie sieht nach dem Eingang der Scene.)
  Komm, meine Tochter! Wenn der todte Bruder
  Ihn so gewaltig nachzieht in die Gruft,
  So mag vielleicht die Schwester, die geliebte,
  Mit schner Lebenshoffnung Zauberschein
  Zurck ihn locken in das Licht der Sonne.



Letzter Auftritt.


Beatrice erscheint am Eingang der Scene. Donna Isabella. Don Cesar
und der Chor.

Don Cesar (bei ihrem Anblick heftig bewegt sich verhllend).
  O Mutter! Mutter! Was ersannest du?

Isabella (fhrt sie vorwrts).
  Die Mutter hat umsonst zu ihm gefleht,
  Beschwre du, erfleh' ihn, da er lebe!

Don Cesar.
  Arglist'ge Mutter! Also prfst du mich!
  In neuen Kampf willst du zurck mich strzen?
  Das Licht der Sonne mir noch theurer machen
  Auf meinem Wege zu der ew'gen Nacht?
  --Da steht der holde Lebensengel mchtig
  Vor mir, und tausend Blumen schttet er
  Und tausend goldne Frchte lebenduftend
  Aus reichem Fllhorn strmend vor mir aus,
  Das Herz geht auf im warmen Strahl der Sonne,
  Und neu erwacht in der erstorbnen Brust
  Die Hoffnung wieder und die Lebenslust.

Isabella.
  Fleh' ihn, dich oder Niemand wird er hren,
  Da er den Stab nicht raube dir und mir.

Beatrice.
  Ein Opfer fordert der geliebte Todte;
  Es soll ihm werden, Mutter--Aber mich
  La dieses Opfer sein! Dem Tode war ich
  Geweiht, eh' ich das Leben sah. Mich fordert
  Der Fluch, der dieses Haus verfolgt, und Raub
  Am Himmel ist das Leben, das ich lebe.
  Ich bin's, die ihn gemordet, eures Streits
  Entschlafne Furien geweckte--Mir
  Gebhrt es, seine Manen zu vershnen!

Chor. (Cajetan.)
  O jammervolle Mutter! Hin zum Tod
  Drngen sich eifernd alle deine Kinder
  Und lassen dich allein, verlassen stehen
  Um freudlos den, liebeleeren Leben.

Beatrice.
  Du, Bruder, rette dein geliebtes Haupt!
  Fr deine Mutter lebe! Sie bedarf
  Des Sohnes; erst heute fand sie eine Tochter,
  Und leicht entbehrt sie, was sie nie besa.

Don Cesar (mit tief verwundeter Seele).
  Wir mgen leben, Mutter, oder sterben,
  Wenn sie nur dem Geliebten sich vereinigt!

Beatrice.
  Beneidest du des Bruders todten Staub?

Don Cesar.
  Er lebt in deinem Schmerz ein selig Leben,
  Ich werde ewig todt sein bei den Todten.

Beatrice.
  O Bruder!

Don Cesar (mit dem Ausdruck der heftigsten Leidenschaft).
           Schwester, weinest du um mich?

Beatrice.
  Lebe fr unsre Mutter!

Don Cesar (lt ihre Hand los, zurcktretend).
                       Fr die Mutter?

Beatrice (neigt sich an seine Brust).
  Lebe fr sie und trste deine Schwester.

Chor. (Bohemund.)
  Sie hat gesiegt! Dem rhrenden Flehen
  Der Schwester konnt' er nicht widerstehen.
  Trostlose Mutter! Gieb Raum der Hoffnung,
  Er erwhlt das Leben, die bleibt dein Sohn!

(In diesem Augenblick lt sich ein Chorgesang hren, die Flgelthre
wird geffnet, man sieht in der Kirche den Katafalk aufgerichtet und
den Sarg von Candelabern umgeben.)

Don Cesar (gegen den Sarg gewendet).
  Nein, Bruder! Nicht dein Opfer will ich dir
  Entziehen--deine Stimme aus dem Sarg
  Ruft mcht'ger dringend als der Mutter Thrnen
  Und mcht'ger als der Liebe Flehn--Ich halte
  In meinen Armen, was das ird'sche Leben
  Zu einem Loos der Gtter machen kann--
  Doch ich, der Mrder, sollte glcklich sein,
  Und deine heil'ge Unschuld ungerchet
  Im tiefen Grabe liegen?--Das verhte
  Der allgerechte Lenker unsrer Tage,
  Da solche Theilung sei in seiner Welt--
  --Die Thrnen sah ich, die auch mir geflossen,
  Befriedigt ist mein Herz, ich folge dir.

(Er durchsticht sich mit einem Dolch und gleitet sterbend an seiner
Schwester nieder, die sich der Mutter in die Arme wirft.)

Chor (Cajetan.) (nach einem tiefen Schweigen).
  Erschttert steh' ich, wei nicht, ob ich ihn
  Bejammern oder preisen soll sein Loos.
  Dies Eine fhl' ich und erkenn' es klar:
  Das Leben ist der Gter hchstes nicht,
  Der bel grtes aber ist die Schuld.








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