Project Gutenberg's Leben und Tod des Koenigs Johann, by William Shakespeare
#14 in our series by William Shakespeare

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Title: Leben und Tod des Koenigs Johann

Author: William Shakespeare

Release Date: January, 2005 [EBook #7292]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on April 7, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN ***




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Leben und Tod des Knigs Johann.

William Shakespeare

bersetzt von Christoph Martin Wieland


Personen.

Knig Johann von England.
Prinz Heinrich, sein Sohn und Nachfolger.
Arthur, Herzog von Bretagne, Neffe des Knigs.
Hubert, Vertrauter des Knigs.
Pembrok, Essex, Salisbury und Bigot, Englische Lords.
Faulconbridge, nachmals Sir Richard Plantagenet, unehlicher Sohn
Knig Richards des Ersten.
Robert Faulconbridge, vermeynter Bruder des Bastards.
Jacob Gurney, Diener der Lady Faulconbridge.
Peter von Pomfret, ein Prophet.
Philipp, Knig von Frankreich.
Ludwig, der Dauphin.
Der Herzog von streich.
Cardinal Pandolpho, des Pabsts Legat.
Melun, ein Franzsischer vom Adel.
Chatilion, Franzsischer Gesandter bey Knig Johann.
Elinor, Knigin-Mutter von England.
Constantia, Arthurs Mutter.
Blanca, Tochter Knigs Alphonso von Castilien, und Nichte des
Knigs Johann.
Lady Faulconbridge, Mutter des Bastard und des Robert Faulconbridge.
Brger von Angiers, Herolde, Nachrichter, Boten, Soldaten und andre
stumme Personen.
Der Schauplaz, zuweilen in England, zuweilen in Frankreich.




Erster Aufzug.



Erste Scene.
(Der Englndische Hof.)
(Knig Johann, die Knigin Elinor, Pembroke, Essex und Salisbry
 mit Chatilion treten auf.)


Knig Johann.
Wohlan, saget Chatilion, was will Frankreich von uns?

Chatilion.
So spricht, nchst seinem Gru der Knig von Frankreich, durch mich,
mit der Majestt, der geborgten Majestt von England hier--

Elinor.
Ein ausserordentlicher Eingang; geborgte Majestt!

Knig Johann.
Seyd ruhig, meine werthe Mutter; hrt die Gesandtschaft.

Chatilion.
Philipp von Frankreich nimmt im Namen und in Kraft des Rechts von
deines verstorbnen Bruders* Gottfried Sohn, Arthur's Plantagenet,
rechtmigen Anspruch an diese schne Insel, an Irrland, Poitiers,
Anjou, Touraine und Maine, und begehrt von dir, da du das Schwerdt
niederlegest, das einer unrechtmigen Herrschaft ber diese
verschiednen Titel sich anmasset, und solches dem jungen Arthur
einhndigest, deinem Neffen und rechtmigen souverainen Knig.

{ed.-* (Geoffroi Plantagenette), Sohn des Grafen von Anjou, bekam
durch seine Vermhlung mit Knig Heinrich des 1sten von England
einziger Tochter und erklrten Erbin, Matthilde, ein Recht an die
Crone von England, wozu sein ltester Sohn nachmals unter dem Namen
Heinrichs des 2ten wrklich gelangte.  Heinrich der 2te vereinigte
also mit der Crone von England Anjou, Poitou, Touraine und Maine,
und durch seine Vermhlung mit Eleonor, Erbin von Aquitanien, (die
von ihrem ersten Gemahl (Louis le Jeune) von Frankreich, wegen
Untreue verstossen worden,) auch das Herzogthum Aquitanien.  Seinen
ltesten Sohn Gottfried (von welchem hier die Rede ist), vermhlte
er mit Constantia, Tochter und Erbin von Conan Grafen von Bretagne;
die Crone hingegen kam nach Heinrichs Tod an seinen jngern Sohn
Richard (Coeur de Lion.) Nach dessen Abgang bemeisterte sich
(Johannes sine Terra), dessen Geschichte dieses Stk enthlt, zum
Nachtheil Arthurs, des hinterlanen Erben seines ltern Bruders
Gottfrieds von Bretagne, der Crone, und der von Heinrich dem 2ten
derselben einverleibten Franzsischen Besizungen; und der darber
zwischen ihm und dem Knig (Philippe Auguste) entstandne Krieg
macht den Anfang dieses Trauerspiels.}

Knig Johann.
Und was folget, wenn wir uns dessen weigern?

Chatilion.
Der stolze Widerspruch eines blutigen Kriegs, dir mit Gewalt die
Rechte abzudrngen, die du gewaltthtiger Weise vorenthltst.

Knig Johann.
Hier haben wir Krieg um Krieg, Blut um Blut und Wiederspruch um
Wiederspruch; antwortet das dem Knig von Frankreich.

Chatilion.
So nimm dann die Kriegs-Erklrung meines Knigs aus meinem Munde,
den lezten Auftrag meiner Gesandtschaft.

Knig Johann.
Bring ihm die meinige zurk, und so scheid' im Frieden; denn eh du
berichtet haben kanst, da ich kommen werde, soll Frankreich den
Donner meiner Canonen hren.** Hinweg dann; sey du die Trompete
unsers Zorns, und das plzliche Vorzeichen euers Untergangs.
Pembrok, sorget dafr, da er mit einem anstndigen Geleit aus
unserm Reich entlassen werde; lebe wohl, Chatilion.

{ed.-** Zu Anfang des dreizehnten Seculi nemlich.}

(Chatilion und Pembroke gehen ab.)

Elinor.
Wie nun, mein Sohn?  Sagt' ich nicht immer, diese ehrgeizige
Constantia werde nicht ruhen, bis sie Frankreich und alle Welt fr
die Ansprche ihres Sohns in Flammen gesezt habe?  Allem diesem
htte man zuvorkommen und in der Gte beylegen knnen, was nun der
blutige und gefahrvolle Kampf zweyer Knigreiche entscheiden soll.

Knig Johann.
Unser vlliger Besiz, und unser Recht--

Elinor.
Wenn unser Besiz nicht krftiger ist als unser Recht, so mu es uns
beyden bel gehen; lat euch mein Gewissen das ins Ohr sagen, da es
niemand hrt als der Himmel, ihr und ich.

Essex.
Gndigster Herr, es ist hier eine Streitsache, die aus der Provinz
zu Eurer Majestt Entscheidung gebracht wird, die seltsamste, die
ich jemals gehrt.  Soll ich die Partheyen hereinfhren?

Knig Johann.
Lat sie herein kommen--Unsre Abteyen und Prioreyen sollen die
Unkosten dieses Kriegs bezahlen--Wer seyd ihr?



Zweyte Scene.
(Robert Faulconbridge und Philipp, sein Bruder, der Bastard,
 treten auf.)


Philipp.
Euer Majestt getreuer Unterthan, ein Edelmann in Northamptonshire
gebohren, und wie ich behaupte, der lteste Sohn von Robert
Faulconbridge, einem Kriegsmann, den die ehrenvolle Hand des Knigs
Richard (Coeur-de-Lion) im Felde zum Ritter geschlagen.

Knig Johann (zu Robert.)
Wer bist du?

Robert.
Der Sohn und Erbe von diesem nemlichen Faulconbridge.

Knig Johann.
Ist dieser der ltere, und du bist der Erbe?  Ihr seyd also nicht
von einer Mutter, scheint es?

Philipp.
Wir sind ganz gewi von einer Mutter, mchtiger Knig, das ist
jedermann bekannt, und, wie ich glaube, auch von einem Vater; doch
wegen der Gewiheit dieses leztern Puncts mu ich Euer Majestt an
den Himmel und meine Mutter anweisen; denn davon bin ich nicht
gewisser als alle andre Menschen-Kinder.

Elinor.
Hinweg mit dir, du ungesitteter Mensch!  Schmst du dich nicht,
deiner Mutter Ehre durch diesen Zweifel zu verwunden?

Philipp.
Auch thue ich es nicht, Gndigste Frau; ich habe keine Ursache dazu,
das ist meines Bruders Sache, das geht mich nichts an; wenn er so
was beweisen kan, so bringt er mich wenigstens um schne
fnfhundert Pfund des Jahrs; der Himmel schze meiner Mutter Ehre
und mein Erbgut!

Knig Johann.
Ein guter runder Geselle; aber warum macht er denn einen Anspruch
an dein Erbgut, wenn er der jngere Bruder ist?

Philipp.
Ich wei nicht warum, ausser da er gerne meine Gter htte; es ist
wahr, er warf mir einmal vor, da ich unehlich gezeugt sey, allein
das ist eine Sache, die ich lediglich meiner Mutter berlasse; ich
kan nicht wissen, ob ich ehlich oder unehlich gezeugt bin; aber das
wei ich, da ich eben so wohl gemacht bin als er.  (Sanft mgen
die Gebeine ruhen, die diese Mhe fr mich genommen haben!)
Vergleichet unsre Gesichter, gndigster Herr, und thut den
Ausspruch.  Wenn der alte Sir Robert uns beyde gemacht hat, und
dieser Sohn ihm hnlich sieht; o alter Sir Robert, so dank ich dem
Himmel auf meinen Knien, da ich dir nicht hnlich sehe.

Knig Johann.
Ha, was fr einen Pikelhring hat uns der Himmel hier zugeschikt?

Elinor.
Er hat einen Zug von (Coeur de Lion's) Gesicht, und einen hnlichen
Ton der Stimme; findet ihr nicht einige hnlichkeiten mit meinem
Sohn, in der stmmichten Gestalt dieses jungen Menschen?

Knig Johann.
Ich betrachte ihn schon lange dewegen, und find' ihn durchaus
Richard;

(zu Robert.)

Nun, Geselle, sage dann, was bewegt dich einen Anspruch an deines
Bruders Gter zu machen?

Philipp.
Weil er ein halbes Gesicht hat, wie mein Vater; um dieses halben
Gesichts willen mcht er gerne mein ganzes Erbgut haben; ein
groschenmiges Halb-Gesicht, fnfhundert Pfund des Jahrs!

Robert.
Mein gndigster Souverain, wie mein Vater noch lebte, brauchte der
Knig, euer Bruder, meinen Vater viel--


Philipp.
Gut, Herr, das kan euch nichts von meinen Gtern geben; ihr mt
sagen, wie er meine Mutter brauchte.

Robert.
--und verschikte ihn einst in einer Gesandtschaft nach Deutschland,
wo er ber wichtige Angelegenheiten der damaligen Zeit mit dem
Kayser Unterhandlung pflegen sollte; der Knig machte sich indessen
seine Abwesenheit zu Nuze, und hielt sich die ganze Zeit ber in
meines Vaters Haus auf; wie er's da so weit gebracht, da er--ich
schme mich es zu sagen; allein Wahrheit ist Wahrheit; Kurz, es
lagen Meere und Lnder zwischen meinem Vater und meiner Mutter, wie
dieser junge Herr hier gezeugt wurde; das hab' ich aus meines
Vaters eignem Munde.  Auf seinem Todbette vermachte er seine Gter
durch ein Testament mir, und blieb bis in seinen Tod dabey, da
dieser, meiner Mutter Sohn, nicht der seinige sey; und wenn er's
auch wre, so kam er volle vierzehn Wochen vor der gesezmigen
Zeit in die Welt: Ich bitte also Euer Majestt mir zuzusprechen,
was mein ist, meines Vaters Gter, nach meines Vaters leztem Willen.

Knig Johann.
Mein guter Kerl, euer Bruder ist in der Ehe gebohren; euers Vaters
Weib brachte ihn whrend ihrem Ehestand; wenn sie untreu war, so
ist es ihr Fehler, und ein Zufall dem alle Mnner ausgesezt sind,
welche Weiber nehmen.  Sag mir einmal, wie, wenn mein Bruder, der
deinem Vorgeben nach, die Mhe nahm diesen Sohn zu zeugen, ihn
deinem Vater als seinen Sohn abgefodert htte?  Htte nicht dein
Vater ein Kalb, das ihm seine Kuh gebracht, gegen die Ansprche der
ganzen Welt behaupten knnen?  Wahrhaftig, guter Freund, das htt'
er knnen; gesezt also auch, er wre meines Bruders Sohn, so htte
doch mein Bruder keinen Anspruch an ihn machen, noch htt' ihn euer
Vater dewegen, weil er nicht sein sey, verlugnen knnen; aus
allem diesem folgt also, da meiner Mutter Sohn euers Vaters Erben
zeugte, und da euers Vaters Erbe euers Vaters Gter haben mu.

Robert.
Soll denn meines Vaters lezter Wille keine Kraft haben, ein Kind zu
enterben, das nicht sein ist?

Philipp.
Von keiner grssern Kraft mich zu enterben, Herr, als, denk ich,
sein Wille mich zu zeugen war.

Elinor.
Was wolltest du lieber seyn, ein Faulconbridge, wie dieser hier, um
deine Gter zu haben; oder ein natrlicher Sohn von (Coeur de Lion),
ein Prinz vom Geblte, und keine Gter dazu?

Philipp.
Gndigste Frau, und wenn mein Bruder meine Gestalt htte, und ich
htte die seinige, Sir Roberts seine, wie er; und wenn meine Beine
zwo solche Spindeln wren, meine Arme solch Aalhautiges Zeug, und
mein Gesicht so dnne, da ich keine Rose* in mein Ohr steken
knnte, ohne da die Leute sagten: Seht, da geht Drey-Viertels-
Pfennig--Und wenn gleich diese Gestalt Erbe von allen seinen Gtern
wre, so will ich nimmer von diesem Plaz kommen, wenn ich sie nicht
von Fu auf hingeben wollte, um dieses Gesicht zu haben; ich wollt'
um alles in der Welt nicht Sir Nobb seyn.

{ed.-* Um diese Anspielung zu verstehen mu man wissen, da die
Knigin Elisabeth unter allen Beherrschern von England die erste
und lezte war, die Drey-Halb-Pfenninge, und Drey-Viertels-Pfenninge
schlagen lie, auf denen sich ihr Bildni bald mit bald ohne die
Rose, befand.  Theobald.}

Elinor.
Du gefllst mir; willt du dein Erbtheil vergessen, ihm deine Gter
berlassen und mir folgen?  Ich bin ein Soldat, und im Begriff
wider Frankreich Dienste zu thun.

Philipp.
Bruder, nimm du meine Gter, und la mir mein Gesicht, das deinig'
hat dir fnfhundert Pfund jhrlich erworben; aber wenn du es fr
fnf Pfenning verkauffen kanst, so glaube du habest wohl gelt.
Gndigste Frau, ich bin bereit, euch bis in den Tod zu folgen.

Elinor.
Was das betrift, so will ich lieber da ihr mir voran geht.

Philipp.
In unsrer Provinz erfordert die Hflichkeit, da man die Vornehmern
zuerst gehen lasse.

Knig Johann.
Wie nennst du dich?

Philipp.
Philipp, Gndigster Souverain, so ward ich genennt; Philipp, des
guten alten Sir Roberts seiner Frauen ltester Sohn.

Knig Johann.
Von nun trage den Namen von dem, dessen Gestalt du trgst; knie
nieder, Philipp, um grsser aufzustehen.

(Er schlgt ihn zum Ritter.)

Steh als Sir Richard Plantagenet auf.

Philipp.
Bruder von mtterlicher Seite, gebt mir eure Hand; mein Vater gab
mir Ehre, der eure giebt euch Land.  Nun, gesegnet sey die Stunde,
es mag Nacht oder Tag gewesen seyn, da ich gezeugt und Sir Robert
abwesend war.

Elinor.
Der echte Geist der Plantagenet's.  Ich bin deine Gromutter,
Richard, nenne mich so.

Philipp.
Durch einen Zufall, Gndigste Frau, nicht in der Ordnung; doch was
thut das?  Ob man zum Fenster hinein kommt oder zur Thre, wenn man
nur drinn ist; nher oder weiter vom Ziel, wohl getroffen ist wohl
geschossen, und ich bin ich, ich mag gezeugt seyn wie ich will.

Knig Johann.
Geh, Faulconbridge, du hast nun was du wnschtest; ein gterloser
Ritter macht dich zu einem begterten Junker.  Kommt, Madam; komm,
Richard, wir mssen nach Frankreich eilen, nach Frankreich, es ist
hchste Zeit.

Philipp.
Bruder, leb wohl; ich wnsche dir viel Glks, denn du bist mit
Erlaubni der Geseze auf die Welt gekommen.

(Alle gehen ab, bis auf Philipp.)



Dritte Scene.


Philipp.
Meine Ehre steht nun auf einem bessern Fu als zuvor, aber mein
Vermgen hat sich um manchen Fu Landes verschlimmert.  Sey es dann;
izt kan ich doch ein jedes Gretchen zu einer Lady machen--"Guten
Tag, Sir Richard"--Grossen Dank, Camerad--und wenn er Grge heit,
kan ich ihn Peter nennen; denn neugebakner Adel vergit der Leute
Nahmen; man wrde zuviel vergeben, wenn man noch auf solche
Kleinigkeiten acht haben wollte, und solche Leute sind nicht fein
genug fr eure Gesellschaft.  Izt ist der gereite Mann* meiner
Gnaden Tisch-Genosse, er und sein Zahnstocher; und wenn mein
ritterlicher Magen angefllt ist, nun dann saug' ich an meinen
Zhnen, und catechisire meinen Spizbart aus fremden Lndern--
(Mein werther Herr), (so fang ich auf meinen Ellenbogen gestzt an,)
(darf ich euch bitten)--das ist nun die Frage; und dann kommt
gleich die Antwort wie ein ABC-Buch: (O mein Herr,) sagt die Antwort,
(ich bin gnzlich zu euerm Befehl, zu euern Diensten, ganz der
Eurige, mein Herr--Nein, mein Herr,)sagt die Frage, (ich, mein
werthester Herr, bin der Eurige;)und so, eh die Antwort recht
gehrt hat was die Frage will, wartet sie euch schon mit einem
Dialogus von Complimenten auf, spricht dann von Alpen und Apenninen,
von den Pyrenen und dem Flusse Po, und wei das Gesprch so lange
hinaus zu ziehen, bis es vom Abend-Essen abgebrochen wird.  Das ist
polite Gesellschaft, die sich fr einen emporstrebenden Geist, wie
der meinige, schikt!  Denn der ist nur ein Bastard der Zeit, der
die Kunst nicht versteht sich beliebt zu machen, und nicht nur in
seiner usserlichen Gestalt, in seinem Aufzug und in seinen
Manieren, dem Geschmak seiner Zeit schmeichelt; sondern auch aus
einer innerlichen Quelle den sssen, sssen, sssen Gift, der den
Gaumen der Leute so reizend kzelt, von sich zu geben wei.  Eine
Kunst, die ich zwar nicht ausben will, um andre zu betrgen, aber
die ich zu lernen gedenke, damit ich von andern nicht betrogen
werde.  Sie soll die Stuffen meiner Erhhung mit Blumen bestreuen.
Aber wer kommt hier so eilfertig, in Reit-Kleidern?  Was fr ein
weiblicher Courier ist di?  Hat sie keinen Mann, der die Mh
nehmen mag, ein Horn vor ihr her zu blasen?  Himmel, es ist meine
Mutter!  Nun, meine werthe Lady, was bringt euch so eilfertig nach
Hofe?

{ed.-* Es ist bekannt, da damals alle Welt auf Abentheuer
ausgieng, und gereite Leute in grtem Ansehn stuhnden, und, wie
bey unsern Nachbarn die (Beaux-Esprits), das Recht hatten, sich bey
grossen Herren zu Gaste zu laden.}



Vierte Scene.
(Lady Faulconbridge, und Jacob Gurney treten auf.)


Lady.
Wo ist der Sclave, dein Bruder; wo ist er, der sich erfrecht meine
Ehre ffentlich anzutasten?

Philipp.
Mein Bruder Robert, des alten Sir Roberts Sohn, Colbrand, der Riese,
der nemliche gewaltige Mann; ist es Sir Robert's Sohn, den ihr
sucht?

Lady.
Sir Roberts Sohn?  Ja, du unehrerbietiger Junge, Sir Roberts Sohn;
warum spottest du ber Sir Roberten?

Philipp.
Jacob Gurney, willt du so gut seyn, und uns ein wenig allein lassen?

Gurney.
Von Herzen gerne, mein lieber Philipp.

Philipp.
Philipp!--Verschone mich, Jacob; es sind kurzweilige Dinge heraus
gekommen; hernach ein mehrers davon.

(Jacob geht ab.)

Gndige Frau, ich war nie des alten Sir Roberts Sohn; Sir Robert
htte seinen Theil an mir an einem Charfreytag essen knnen, ohne
da er seine Fasten gebrochen htte.  Sir Robert war ein ganz
wakrer Mann; aber, meiner Treu, bekennt die Wahrheit!  Htt' er
mich machen knnen?  Das konnte Sir Robert nicht; wir kennen seine
Arbeit.  Sagt mir also, liebe Mutter, wem bin ich fr diese Figur
verpflichtet?  Sir Robert konnte nimmermehr so ein Bein machen
helfen?

Lady.
Hast du dich auch mit deinem Bruder wider mich verschworen?  Du,
der um deines eignen Vortheils willen meine Ehre vertheidigen
sollte?  Was soll dieses Gesptte bedeuten, du hchst unbesonnener
Bube?

Philipp.
Ritter, Ritter, liebe Mutter--und Basilisco* hnlich.  Wie?  ich
bin zum Ritter geschlagen; ich hab es auf meiner Schulter.  Aber
Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn; ich hab auf Sir Robert und
meine Gter Verzicht gethan; ehliche Geburt, Name, alles ist hin;
la mich also, liebe Mutter, la mich meinen Vater kennen; irgend
ein wakrer Mann, hoff ich; wer war es, Mutter?

{ed.-* Eine Anspielung auf den Beynamen (Coeur de Lion), den Knig
Richard fhrte.  (Cor Leonis), ein Fixstern von der ersten Grsse
im Lwen, wird auch Basilisco genennt.  Warbrton.}

Lady.
Hast du dem Namen Faulconbridge entsagt?

Philipp.
So herzlich, als ich dem Teufel entsage.

Lady.
Knig Richard, (Coeur de Lion), war dein Vater; durch langwieriges
und heftiges Zusezen ward ich endlich verfhrt, in meines Ehmanns
Bette Plaz fr ihn zu machen.  Der Himmel vergebe mir meine
bertretung!  Aber du bist die Frucht meiner schweren Snde, zu
der ich so stark gereizt wurde, da ich nicht lnger wiederstehen
konnte.

Philipp.
Nun, bey diesem Tageslicht, wenn ich wieder gezeugt werden sollte,
Madame, wollt' ich mir keinen bessern Vater wnschen.  Einige
Snden tragen ihre Lossprechung auf Erden mit sich; Euer Fehler
entsprang nicht aus eurer Thorheit; ihr mutet nothgedrungen euer
Herz als einen Tribut fr gebietende Liebe, demjenigen ausliefern,
gegen dessen Wuth und unbezwingbare Strke der unerschrokne Lwe
selbst keinen Kampf wagen durfte, noch sein knigliches Herz vor
Richards Hand schzen konnte.  Wer einem Lwen mit Gewalt das Herz
aus dem Leibe reissen kan, mag leicht ein weibliches Herz gewinnen.
Ja, meine Mutter, von ganzem Herzen dank ich dir fr meinen Vater.
Wenn jemand lebt, der sich erfrecht zu sagen, da du nicht recht
thatest, wie ich gezeugt ward, dessen Seele will ich zur Hlle
schiken.  Komm, Lady, ich will dich meinen Anverwandten vorstellen,
und sie sollen sagen, wie Richard mich zeugte, wr es Snde gewesen
wenn du Nein gesagt httest.

(Sie gehen ab.)




Zweyter Aufzug.



Erste Scene.
(Vor den Mauern der Stadt Angiers.)
(Philipp-August, Knig von Frankreich, Ludwig der Dauphin, der
 Herzog von streich, Constantia und Arthur.)


Ludwig.
Willkommen vor Angiers, dapfrer Herzog!--Arthur, dein grosser Oheim,
Richard, der den Lwen seines Herzens beraubte, und die heiligen
Kriege in Palstina ausfocht, kam durch diesen dapfern Herzog vor
der Zeit ins Grab.  Nun ist er, um seiner Nachkommenschaft
Erstattung dehalb zu thun, auf unsre Einladung gekommen, seine
Fahnen fr deine Sache auszuspreiten, und deinen unnatrlichen
Oheim, Johann von England, aus dem ungerechten Besiz deiner
Erblnder vertreiben zu helfen.  Umarm' ihn, Prinz, lieb' ihn, und
hei' ihn willkommen.

Arthur.
Gott wird euch (Coeur de Lion's) Tod desto eher verzeihen, da ihr
seinem Neffen das Leben gebet, und sein verfolgtes Recht mit den
Flgeln eurer Kriegs-Macht umschattet.  Mit einer unmchtigen Hand
hei' ich euch willkommen, aber mit einem Herzen voll
unverflschter Liebe; willkommen, Herzog, vor den Mauern von
Angiers.

Ludwig.
Ein edler Junge!  Wer wollte dir nicht zu deinem Recht helfen?

streich.
Diesen zrtlichen Ku leg' ich auf deine Wange, als das Siegel
meines feyrlichen Versprechens, da ich nicht eher in meine Heimath
zurk kehren will, bis Angiers und die gerechten Ansprche die du
in Frankreich hast, zugleich mit dieser blassen wei-ufrichten
Insel, deren Fu die heulenden Wellen des Oceans zurk stt, und
ihre Einwohner von andern Lndern abschneidet, bis dieses von der
See umzunte England, dieses von Wasser gemauerte Bollwerk, dessen
stolze Sicherheit allen auswrtigen Anfllen Troz bietet, bis
dieser usserste Winkel von Westen selbst dich als seinen Knig
grssen wird; bis zu diesem Augenblik, schner Knabe, will ich
nicht an meine Heimath denken, sondern den Waffen folgen.

Constantia.
O nehmet seiner Mutter Dank an, Dank einer armen Wittwe, bis euer
starker Arm ihm zu der Macht helfen wird, eure Freundschaft besser
erwiedern zu knnen.

streich.
Der Friede des Himmels ruhet auf denjenigen, die ihre Schwerdter in
einem so gerechten und wohlthtigen Krieg entblssen.

Knig Philipp.
Wohlan dann, an die Arbeit; unsre Maschinen sollen gegen die Stirne
dieser widerspenstigen Stadt gerichtet werden; ruffet unsern Kriegs-
Obersten, um den Plan zum vortheilhaftesten Angriff zu machen.
Entweder wollen wir unsre kniglichen Gebeine vor diesen Mauern
niederlegen, oder wenn wir gleich in franzsischem Blut auf den
Markt-Plaz watten mten, Angiers diesem jungen Prinzen unterwrfig
machen.

Constantia.
Wartet noch auf die Antwort, die euer Abgesandter bringen wird; ihr
knntet sonst eure Schwerdter zu voreilig mit Blute besudeln.
Vielleicht bringt Milord Chatilion aus England eine friedliche
Abtretung dieses Rechts, welches ihr durch Krieg erzwingen wollet;
und wenn dieses geschhe, wrden wir einen jeden Tropfen Bluts
bereuen, den eine zu rasche Hize so unzeitig vergossen htte.
(Chatilion zu den Vorigen.)

Knig Philipp.
Ein Wunder, Madam!  Seht, auf euern Wunsch ist unser Gesandter,
Chatilion, angelangt; meld uns in Krze, werther Lord, was England
uns zur Antwort giebt; wir warten hier mig auf dich.  Rede,
Chatilion.

Chatilion.
So wendet also eure Macht von dieser armseligen Belagerung, und
spornet sie zu einem wichtigern Geschft auf.  England, voll
Unwillens ber unsre gerechte Forderungen, hat sich in Waffen
gestellt; die widrigen Winde, die meine Rkreise verzgerten, haben
ihm Zeit gegeben, alle seine Legionen zugleich mit mir ans Land zu
sezen.  Er rkt mit eilfertigen Mrschen gegen diese Stadt an;
seine Strke ist gro, und seine Krieger voller Muth.  Mit ihm
kommt die Knigin-Mutter, eine Ate, die ihn zu Zwietracht und
Blutvergiessen anhezt; mit ihr, ihre Nichte, die Infantin Blanca
von Spanien; mit ihnen ein natrlicher Sohn des abgelebten Knigs,
und mit ihm alle unbndigen Kpfe des Landes.  Rasche, feurige,
tollkhne Freywillige, mit Frauenzimmer-Gesichtchen und Drachen-
Herzen, haben ihre angestammten Gter verkauft, und tragen ihr
Erbtheil zuversichtlich auf dem Rken, um hier ein neues Glk zu
suchen.  Kurz, eine auserlesnere Schaar unerschrokner Geister, als
der englische Boden diesesmal bergewlzt hat, schwamm niemals ber
die schwellende Fluth, um Unheil und Verwstung in der Christenheit
anzurichten.  Das zrnende Getse ihrer Trummeln unterbricht eine
umstndliche Nachricht; sie sind im Anzug.  Bereitet euch also zu
einer Unterhandlung oder zum Gefecht.

(Man hrt Trummeln.)

Knig Philipp.
Wie schlecht sind wir auf eine solche Expedition versehen!

streich.
Je unerwarteter sie ist, desto eifriger mssen wir uns zur
Gegenwehr stellen; Unser Muth soll mit der Gefahr steigen.  Lat
sie denn willkommen seyn, wir sind gerstet.



Zweyte Scene.
(Der Knig von England, Faulconbridge, Elinor, Blanca, Pembroke
 und andre zu den Vorigen.)


Knig Johann.
Friede sey mit Frankreich, wenn Frankreich im Frieden unsern
rechtmigen Einzug in unsre Stadt gestattet; wo nicht, so blute
Frankreich, und der Friede schwinge sich gen Himmel, inde da wir,
Gottes grimmvoller Sachwalter, den stolzen bermuth zchtigen, der
seinen Frieden in den Himmel zurk treibt.

Knig Philipp.
Friede sey mit England, wenn dieser Krieg aus Frankreich nach
England zurkkehrt, um dort im Frieden zu leben.  Wir lieben
England, und nur um Englands willen, schwizen wir hier unter der
Last der Waffenrstung.  Diese unsre Arbeit sollte dein
freywilliges Werk seyn.  Aber du bist so weit entfernt, England zu
lieben, da du seinen rechtmigen Knig unterdrkt, die Erbfolge
aufgehoben, die Kindheit des gesezmigen Erben mibraucht, und an
der jungfrulichen Ehre der Crone Gewalt verbt hast.  Schaue hier
auf deines Bruders Gottfrieds Gesicht!  Diese Augen, diese Stirne,
sind nach den seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegriff ist
die vollstndige Form enthalten, die in Gottfried verstarb, und die
Hand der Zeit wird diese verjngte Gestalt in einen eben so grossen
Format ausdehnen.  Dieser Gottfried war von Geburt dein ltrer
Bruder, und dieser hier ist sein Sohn.  England war Gottfrieds
Recht, und dieser hat es von Gottfried ererbt; wie kommt es dann,
um Gottes willen!  da du ein Knig genennt wirst, so lange
lebendiges Blut in diesen Schlfen schlgt, die einen Anspruch an
die Crone haben, welche du zur Ungebhr trgst?

Knig Johann.
Von wem hast du diesen grossen Auftrag, Frankreich, mich zur
Antwort auf deine Fragstke zu ziehen?

Knig Philipp.
Von diesem obersten Richter, der in kniglichen Seelen den edlen
Gedanken erwekt, gewaltthtigen und ungerechten Thaten nachzufragen.
Dieser Richter hat mich zum Beschzer dieses Knabens gemacht;
unter seinem Schuze klag' ich deine Ungerechtigkeit an, und mit
seinem Beystand hoff' ich sie zu bestraffen.

Knig Johann.
Du massest dich eines Ansehens an, das dir nicht zukommt.

Knig Philipp.
Entschuldige es; es geschieht, um ungerechte Anmassung
niederzuschlagen.

Elinor.
Wer ist der, den du einer unrechtmigen Anmassung beschuldigest?

Constantia.
Lat mich die Antwort geben: Der anmaliche Knig, dein Sohn.

Elinor.
Hinweg, Unverschmte; dein Bastard soll Knig seyn, damit du eine
Knigin seyn, und die ganze Welt hofmeistern knnest!

Constantia.
Mein Bette war deinem Sohn immer so getreu, als das deinige deinem
Gemahl; und dieser Knabe sieht seinem Vater Gottfried gleicher als
Johann dir, ob ihr gleich an Sitten einander so gleich seyd als der
Regen dem Wasser, und der Teufel seiner Mutter.  Mein Sohn ein
Bastard!  Bey meiner Seele, ich glaube nimmermehr, da sein Vater
so cht war als er ist; es kann nicht seyn, wenn gleich du seine
Mutter wrest.

Elinor.
Das ist eine feine Mutter, Junge, die deinen Vater beschimpft.

Constantia.
Das ist eine feine Gromutter, Junge, die dich beschimpfen will.

streich.
Stille!

Faulconbridge.
Horcht dem Ausruffer.

streich.
Wer Teufel bist du?

Faulconbridge.
Einer der den Teufel mit euch spielen will, Herr, sobald er euch
und euern berzug* allein zu paken kriegen kan.  Ihr seyd der Hase
im Sprchwort, der todte Lwen beym Bart zupft; ich will euch das
Fell einschmauchen, wenn ich euch kriege; nehmt euch in acht; in
der That, ich will, in der That.

{ed.-* Um diese und verschiedne andre in einer der folgenden Scenen
vorkommenden Spttereyen und Grobheiten, die Faulconbridge dem
Herzog von streich sagt, zu verstehen, mu man wissen, da dieser
Herzog mit einer Lwenhaut umhllt auf der Bhne erscheinen mu.
Knig Richard hatte, wie man sagt, whrend seinem berhmten
Kreuzzug, worinn er seine persnliche Herzhaftigkeit und Strke
durch eine Menge ritterlicher Thaten bewies, auch einen
ausserordentlich grossen Lwen bezwungen, und die Haut desselben,
zum Zeichen dieses Siegs, nachher allezeit getragen oder bey sich
gefhrt.  Dieser Haut bemchtigte sich der Herzog von streich,
nachdem er, wie bekannt ist, den Knig Richard, durch Hinterlist
und Betrug in seine Gewalt bekommen; und soll, aus einer allerdings
lcherlichen Pralerey, selbige, als eine Beute, die er einem so
grossen Helden wie Richard abgenommen, nach dessen Tod allezeit
getragen haben.}

Blanca.
O wie wohl stuhnd dem dieser Lwen-Rok an, der dem Lwen diesen Rok
abzog!

Faulconbridge.
Er ligt so stattlich auf seinem Rken, als des grossen Alcides
Lwenhaut auf dem Rken eines Esels; aber, Esel, ich will euch
diese Last von euerm Rken abnehmen, oder euch noch eine auflegen,
davon euch die Schultern krachen sollen.

Herzog.
Was fr ein Schwrmer ist das, der unsre Ohren mit einem solchen
bermaa von vergeblichem Athem betubt?  Knig Philipp,
entschliesset euch ohne lngeres Zaudern, was wir thun wollen.

Knig Philipp.
Weiber und Narren, brecht eure Conferenz ab.  Knig Johann, hier
ist mein Vortrag in wenig Worten: England, Irrland, Anjou, Touraine
und Maine fordre ich im Namen des jungen Arthurs von dir; willt du
sie abtreten, und die Waffen niederlegen?

Knig Johann.
Eher mein Leben--Ich biete dir Troz dehalb, Frankreich.  Arthur
von Bretagne, begieb dich in meinen Schuz, und ich will dir aus
Liebe mehr geben, als der feige Arm von Frankreich jemals fr dich
gewinnen kan.  Ergieb dich, Junge.

Elinor.
Komm zu deiner Gro-Mama, Kind.

Constantia (indem sie eine kindische Art zu reden affectirt.)
Thu's, Kind, geh zu Gro-Mama, Kind.  Gieb Gro-Mama Knigreich,
und Gro-Mama giebt dem Kind ein Zukerchen, eine Kirsche, eine
Feige; es ist eine gute Gro-Mama.

Arthur.
Meine liebe Mutter, gebt euch zufrieden.  Ich wollt', ich lge tief
in meinem Grab; ich bin nicht werth, da man soviel Lerms
meinetwegen mache.

Elinor.
Seine Mutter beschmt ihn so, der arme Junge, er weint.

Constantia.
Das Unrecht, das ihm seine Gromutter zufgt, nicht die Schande die
ihm seine Mutter macht, zieht diese den Himmel rhrenden Perlen aus
seinen armen Augen, die der Himmel als ein Schuzgeld annehmen wird;
ja mit diesen Thrnen wird sich der Himmel gewinnen lassen, sich
seines Rechts anzunehmen, und euch zur Straffe zu ziehen.

Elinor.
Ungeheuer, scheuest du dich nicht, Himmel und Erde zu lstern?

Constantia.
Ungeheuer, scheust du dich nicht, Himmel und Erde zu beleidigen?
Wie kanst du mich anklagen, da ich lstre?  Du und die deinigen
usurpiren die Lnder, Regalien und Gerechtsame dieses unterdrukten
Waysen; es ist der Sohn deines ltesten Sohns, und in nichts
unglklich als darinn, da er von dir abstammt.  Deine Snden
werden an diesem armen Kinde heimgesucht; der Ausspruch des Gesezes
ligt auf ihm, da er nur im dritten Glied von deinem
Sndempfangenden Leib entfernt ist.

Knig Johann.
Tollhuslerin, hrt auf!

Constantia.
Ich habe nur das noch zu sagen, da er nicht nur um ihrer Snde
willen gestraft wird, sondern Gott hat ihre Snde und sie zur
Strafe dieses entfernten Abkmmlings gemacht, der um ihrentwillen
gestraft wird, und mit ihrer Strafe ihre Snde; sein Unrecht, ihr
Unrecht, der Bttel ihrer Snde, alles in der Person dieses Kindes
gestraft, und alles um ihrentwillen; da sie die Pest!**

{ed.-** Dieses Ungeheuer von einer aller Sprach- und Vernunftlehre
trozbietenden Rede, hat man, da ihr ohnehin nicht zu helfen ist,
von Wort zu Wort geben wollen, wie sie der Autor giebt; Deutschen
Unsinn fr Englischen Unsinn.}

Elinor.
Du unverstndiges Lstermaul, ich kan ein Testament aufweisen, das
deines Sohnes Recht entkrftet.

Constantia.
So, wer zweifelt daran?  Ein Testament?--Ein falsches Testament,
ein Weiber-Testament, einer unnatrlichen Gromutter Testament.

Knig Philipp.
Stille, Lady; schweigt oder migt euch; es schikt sich bel fr
diese Versammlung diesen euern beltnenden Wiederholungen immer
Halt zu ruffen.  Lat eine Trompete diese Leute von Angiers auf die
Mauern fordern; sie sollen sich erklren, wessen Recht sie gelten
lassen wollen, Arthur's oder Johann's.

(Trompeten.)



Dritte Scene.
(Ein Brger von Angiers kommt auf die Mauern.)

Brger.
Wer ist der, der uns auf die Mauern hervorgeruffen hat?

Knig Philipp.
Es ist Frankreich, im Namen Englands.

Knig Johann.
England in seinem eignen Namen.  Ihr Mnner von Angiers, und meine
lieben Unterthanen--

Knig Philipp.
Ihr werthen Mnner von Angiers, Arthurs Unterthanen, unsre Trompete
rief euch zu dieser gtlichen Unterredung--

Knig Johann.
In Betreff unsrer gerechten Sache; hret uns also zuerst; diese
Franzsischen Fahnen, die hier, so nah' an eurer Stadt, vor euern
Augen sich verbreiten, sind zu euerm Verderben hieher gezogen; der
Bauch ihrer Canonen ist mit Grimm angefllt, sie sind schon
gerichtet, ihren eisernen Zorn gegen eure Mauern auszuspeyen; diese
Franzosen stellen sich mit allen Zurstungen zu einer blutigen
Belagerung und einem unbarmherzigen Verfahren vor die Augen eurer
Stadt und vor eure verschlonen Thore; und, ohne unsre Annherung,
wrden diese schlafenden Steine, die euch umgrten, durch den Sto
ihrer Maschinen aus ihrem ruhigen Leim-Bette gerissen, und der
blutigen Gewalt ein grlicher Ruin gemacht worden seyn, auf euern
Frieden einzustrmen; aber, auf unsern Anblik, euers rechtmigen
Knigs, (der, des Ungemachs verdoppelter Mrsche nichts achtend,
herbey geeilt ist, einen mchtigen Entsaz vor eure Thore zu bringen,
und die bedruten Wangen eurer Stadt unzerkrazt zu erhalten,) seht,
die bestrzten Franzosen selbst eine Unterredung antragen, und nun,
fr in Feuer gekleidete Kugeln, die ein schttelndes Fieber in
euern Mauern machen sollten, sanfte in Rauch eingehllte Worte
losschiessen, um eure Ohren durch ein betrgliches Getne zu
bethren; aber glaubet ihnen, wie sie es verdienen, werthe Brger,
und lasset uns, euern Knig ein, dessen mde Lebensgeister, von
dieser bertriebnen Eile abgemattet, Herberge innert euren
Stadtmauern suchen.

Knig Philipp.
Wenn ich gesprochen habe, so antwortet uns beyden.  Seht!  an
dieser rechten Hand, deren Schuz durch die heiligsten Gelbde dem
Rechte dessen, den sie hlt, geweyhet ist, steht der junge
Plantagenet, Sohn von dem ltern Bruder dieses Mannes, und Knig
ber ihn und alles, was er inne hat.  Um seines zu Boden getretnen
Rechts willen treten wir in kriegrischem Marsch diese grnen Ebnen
vor eurer Stadt, ohne einigen Vorsaz einer Feindseligkeit gegen
euch, ausser wozu uns, von eurer Widerspenstigkeit gereizt, ein
mildthtiger Eifer zur Erhaltung dieses unterdrkten Kindes, in
unserm Gewissen nthiget.  Weigert euch also nicht, eine Pflicht zu
erstatten, die ihr demjenigen unleugbar schuldig seyd, der sie zu
fordern berechtigt ist, nemlich, diesem jungen Prinzen; so soll
unsern Waffen, gleich einem bemaulkorbten Bren, sicher anzusehen,
alle Beleidigung verboten seyn, die Bosheit unsrer Canonen gegen
die unverwundbaren Wolken des Himmels ausgelassen werden, und mit
einem friedsamen und ungestrten Rkzug, mit ungebrauchten
Schwerdtern und unversehrten Helmen, wollen wir dieses muthige Blut
wieder heimtragen, welches wir gegen eure Mauern auszuspeyen
gekommen waren, und eure Weiber, Kinder und euch im Frieden lassen.
Solltet ihr aber so thricht seyn, dieses unser zuvorkommendes
Anerbieten auszuschlagen, so bildet euch nicht ein, da diese alten
Mauern euch gegen unsre Kriegs-Abgesandten schzen werden, wenn
gleich alle diese Englnder mit ihrer Macht in ihrem rauhen Umkreis
gelagert wren.  Sagt uns also, will eure Stadt uns im Namen
desjenigen, fr welchen wir euch dazu auffordern, als ihren Herrn
erkennen; oder sollen wir das Zeichen zum Angriff geben, und in
Blut wattend in unser Eigenthum einziehen?

Brger.
Unsre Antwort ist kurz: Wir sind des Knigs von England Unterthanen;
fr ihn und kraft seines Rechts, haben wir diese Stadt inne.

Knig Johann.
So erkennet dann euern Knig, und lasset mich ein.

Brger.
Das knnen wir nicht; demjenigen der es beweit, da er Knig ist,
wollen wir uns als getreue Unterthanen beweisen; so lange aber
dieses nicht geschehen seyn wird, sollen unsre Thore gegen die
ganze Welt verriegelt bleiben.

Knig Johann.
Beweit nicht die Crone von England den Knig?  Und wenn dieses
nicht genug ist, so bring ich euch Zeugen, zweymal fnfzehntausend
Herzen voll von Englischem Blut--

Faulconbridge.
(Hurenshne und andre.)

Knig Johann.
Die bereit sind, unser Recht mit ihrem Leben zu beweisen.

Knig Philipp.
Eben so viele, und von so gutem Blut als jene--

Faulconbridge.
(Die Hurenshne auch mitgezhlt.)

Knig Philipp.
Stehen hier, ihm seine Fordrung ins Angesicht zu widersprechen.

Brger.
Bi ihr ausgemacht haben werdet, wessen Recht das vorzglichste ist,
halten wir fr den Vorzglichsten das Recht von beyden zurk.

Knig Johann.
So vergebe dann Gott die Snden aller der Seelen, die zum
furchtbaren Erweis unsers Kniglichen Titels, noch eh der Abendthau
fallen wird, in ihre ewige Wohnung geflohen seyn werden!

Knig Philipp.
Amen, Amen!--Zu Pferde, ihr Ritter, zu den Waffen!

Faulconbridge.
Sanct Georg, der den Lindwurm trillte, und seither immer zu Pferd
vor meiner Wirthin Thre sizt, helf uns aus diesem Handel!

(Zu streich.)

Kerl, wr ich daheim in eurer Hle, Kerl, bey eurer Lwin, ich
wollt euch einen Ochsen-Kopf auf eure Lwenhaut sezen, und ein
Ungeheuer aus euch machen.

streich.
Still, nichts mehr!

Faulconbridge.
O zittre, du hrst den Lwen brllen.

Knig Johann (zu Faulconbridge.)
Wir wollen weiter in die Ebne vorrken, um unsre Regimenter besser
ausbreiten und stellen zu knnen.

Faulconbridge.
So macht fein geschwinde, da ihr den Vortheil des Plazes gewinnt.

Knig Philipp (zu streich, mit dem er vorher leise gesprochen.)
Gut; die brigen lat auf dem andern Hgel sich sezen.  Gott und
unser Recht!

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Man blat zum Angriff; beyde Armeen werden handgemein, Gefecht;
 endlich tritt der Herold von Frankreich mit Trompeten vor das Stadt-
 Thor.)


Franzsischer Herold.
Ihr Mnner von Angiers, ffnet eure Thore weit, und lat den jungen
Arthur, Herzog von Bretagne, ein, der durch Frankreichs Hand an
diesem Tag manchen Englischen Mttern Stoff zu Thrnen gegeben hat;
ihre Shne ligen auf dem blutigen Grunde verzettelt, und mancher
Wittwe Mann krmmt sich im Staub, und umfat mit kalten Armen die
blutgefrbte Erde; inde da der wohlfeil-erkaufte Sieg um die
tanzenden Paniere der Franzosen scherzt, die in triumphierender
Unordnung bey der Hand sind, als Sieger einzuziehen, und Arthur von
Bretagne zu Englands und euerm Knig auszuruffen.

(Ein Englischer Herold tritt mit Trompeten auf.)

Englischer Herold.
Freuet euch, ihr Mnner von Angiers, lutet eure Gloken; Knig
Johann, euer und Englands Knig, ist im Anzug, als Meister von
diesem heissen blutigen Tage.  Die Rstungen derer, die diesen
Morgen in so hellem Silberglanz vor euch vorbeyzogen, kehren alle
in Franzsischem Blute vergldet zurk; nicht ein einziger
Federbusch, der auf einem Englischen Helme winkte, ist von einem
Franzsischen Speer abgeschlagen worden; unsre Fahnen kommen in den
nemlichen Hnden wieder, die sie entfalteten als wir auszogen, und
gleich einem lustigen Truppen Jger, kommen unsre frlichen
Englnder, alle mit bepurpurten Hnden zurk, in dem Lebensblut
ihrer sterbenden Feinde gefrbt.  ffnet eure Thore, und lat die
Sieger einziehen.

Brger.
Ihr Herolde, wir haben von unsern Thrmen euerm ganzen Gefecht, vom
Angriff bis zum Abzug zusehen knnen; unsre schrfsten Augen haben
keinen Vorzug oder Vortheil auf einen von beyden Partheyen entdeken
knnen; Blut hat Blut erkauft, und Streiche haben Streichen
geantwortet; Strke, Muth, Dapferkeit und Glk waren auf beyden
Seiten gleich.  So sind auch wir gegen beyde, bis einer der
Grsseste bleibt; so lange sie so im Gleichgewicht stehen, halten
wir unsre Stadt fr keinen, sondern fr beyde.



Fnfte Scene.
(Die beyden Knige mit ihrem Heer treten auf verschiednen Seiten
 auf.)


Knig Johann.
Frankreich, hast du noch mehr Blut wegzuwerfen?  Sprich, willt du
dem Strom unsers Rechts seinen friedfertigen Lauf lassen; oder soll
er von dir gestrt, aus seinem natrlichen Canal hervorschwellen,
und deine angrenzenden Ufer berstrmen?

Knig Philipp.
England, du hast in diesem hizigen Wettkampf nicht einen einzigen
Tropfen Bluts mehr zurkgebracht als wir; eher hast du mehr
verlohren.  Und ich schwre bey dieser Hand, die diesen
weitgrenzenden Erdstrich beherrschet; eh wir diese gerechten Waffen
niederlegen, wollen wir dich, gegen den wir sie tragen, in den
Staub niederlegen, oder selbst die Zahl der Todten mit einem
kniglichen Schatten vermehren!

Faulconbridge.
Ha!  Majestt!--Wie hoch steigt dein Stolz, wenn das goldne Blut
der Knige in Feuer gesezt wird!  Oh, nun fttert der Tod seine
morschen Kinnbaken mit Stahl, Schlachtschwerdter sind seine Zhne
und Griffe, und nun schmaut er und frit sich, inde da die
Knige hadern, an Menschenfleisch satt.  Warum stehen diese
kniglichen Linien so unbeweglich?  Ruft zum Angriff, ihr Knige;
zurk in das blutbeflekte Feld, ihr gleichmchtigen Frsten, ihr
Feuer-sprudelnden Geister!  Lat die Niederlage des einen Theils
den Frieden des andern bekrftigen.  Bis dahin Streiche, Blut und
Tod!

Knig Johann.
Fr wessen Parthey erklren sich nun die Leute in der Stadt?

Knig Philipp.
Sprecht, ihr Brger; wen erkennt ihr fr euern Knig?

Brger.
Den Knig von England, sobald wir ihn kennen.

Knig Philipp.
Erkennt ihn in Uns, die wir hier sein Recht verfochten haben.

Knig Johann.
In Uns, die wir unser eigner grosser Abgeordneter sind, und im
Besiz unsrer eignen Person uns hier befinden, Herr von unsrer
Gegenwart, von Angiers, und von euch.

Brger.
Eine grssere Macht, als die eurige, widerspricht all dieses, und
bis sie ausser allem Zweifel ist, schliessen wir unsre erste
Bedenklichkeit in unsre stark verrigelte Thore ein.  Knige sind
unsre Furcht, so lange bis unsre Furcht von einem gewissen Knige
aufgelst, gereinigt und ausgetrieben seyn wird.

Faulconbridge.
Diese unverschmten Gesellen von Angiers spotten eurer, ihr Knige,
und stehen sicher auf ihren Zinnen, wo sie wie auf einem
Amphitheater, unsern arbeitvollen Todes-Scenen und Aufzgen mit
weitoffnen Augen und richtendem Blik zusehen.  Lat euch von mir
rathen, ihr Knige; seyd gleich den Aufrhrern von Jerusalem eine
Weile Freunde, und vereinigst eure usserste Macht wider diese
Stadt.  Lat Frankreich von Osten, und England von Westen ihre bis
an die Mndung gefllte Canonen wider sie richten, bis ihr Seele-
schrekendes Geschrey die steinernen Rippen dieser trozigen Stadt zu
Boden geklafft hat; ich wollte unverzglich auf diese Schindmhren
spielen, bis die Verwstung ihnen keine andre Schuzwehr als die
umgebende Luft brig liesse.  Wenn dieses geschehen ist, dann
trennt eure vereinbarte Macht wieder, sondert eure vermengten
Fahnen ab, und sezet Antliz gegen Antliz, und Schwerdt gegen
Schwerdt.  Dann wird Fortuna in einem Augenblik aus einem von
beyden Theilen ihren glklichen Gnstling auswhlen, dem sie die
Ehre dieses Tages zuwenden, und den sie mit einem glorreichen Siege
kssen wird.  Wie gefllt euch dieser wilde Rath, mchtige Frsten?
Schmekt er nicht ein wenig nach der Politik?

Knig Johann.
Nun bey dem Himmel, der ber unsern Huptern hngt, er gefllt mir.
Frankreich, lat uns unsre Krfte vereinbaren, und dieses Angiers
dem Erdboden gleich machen; dann wollen wir erst durch die Waffen
ausmachen, wer Knig davon seyn soll?

Faulconbridge (zu Frankreich.)
Und wenn du anders die Empfindlichkeit eines Knigs hast, so richte,
da du eben so sehr als wir selbst von dieser halsstarrigen Stadt
beleidigt worden bist, den Rachen deiner Artillerie, wie wir der
unsrigen, gegen diese trozigen Mauern; und wenn wir sie zu Boden
geschmettert haben, nun, dann knnt ihr's mit einander aufnehmen,
und einander, wie es kommt, gen Himmel oder in die Hlle schiken.

Knig Philipp.
So wollen wir's machen; saget, wo wollt ihr angreiffen?

Knig Johann.
Wir wollen von Westen Zerstrung in den Busen dieser Stadt senden.

streich.
Ich von Norden.

Knig Philipp.
Unser Donner soll von Sden einen Hagel von Kugeln auf diese Stadt
regnen.

Faulconbridge (leise.)
Eine weise Einrichtung!  Von Norden zu Sden; streich und
Frankreich werden einander ins Gesicht schiessen.  Ich will sie
dazu aufreizen;

(laut;)

kommt, hinweg, hinweg!

Brger.
Hrt uns, grosse Knige; lat euch gefallen noch einen Augenblik zu
verweilen, und ich will euch einen Vorschlag zum Frieden und zu
einem annehmlichen Verglich thun.  Gewinnet lieber diese Stadt ohne
Wunden, und lasset diese Kriegsmnner, die als Schlachtopfer auf
den Wahlplaz hieher gekommen sind, ihr Leben wieder nach Hause
tragen, und in ihren Betten sterben.  Verharret nicht auf euerm
Vorsaz, sondern hret mich, grosse Knige.

Knig Johann.
Redet, wir erlauben es, und wollen hren.

Brger.
Diese Infantin von Spanien, Lady Blanca, ist nahe mit England
verwandt; betrachtet den jungen Ludwig, den Dauphin, und dieses
liebenswrdige Mdchen.  Wenn wollstige Liebe auf die Jagd der
Schnheit ausgehen wollte, wo knnte sie solche schner finden, als
in Lady Blanca?  Wenn keusche Liebe gehen wollte, die Tugend
aufzusuchen, wo knnte sie solche reiner finden, als in Lady
Blanca?  Wenn ehrschtige Liebe ein Bndni mit hohem Stande machen
will, in welchen Adern rinnt ein edler Blut als in Lady Blanca's?
So wie sie an Schnheit, Tugend und Geburt ist, so vollkommen ist
der junge Dauphin, in jedem Stke; soll er nicht vollkommen seyn, o,
so sagt nur, er ist nicht sie; so wie ihr nichts anders mangelt,
(wenn das ein Mangel heissen kan,) als da sie nicht er ist.  Er
ist die Helfte eines vollkommnen Mannes, bestimmt, durch eine
solche Sie vollendet zu werden; und sie eine schne getheilte
Vortreflichkeit, deren vollstndige Vollkommenheit in ihm ligt.  O!
zween solche Silberstrme, wenn sie sich vereinigen, machen die
Ufer worinn sie zusammenfliessen, zu Paradiesen.  Diese Vereinigung
soll mehr ber unsre festverschlonen Thore vermgen als Batterien;
denn sobald ihr dieses Bndni beschlossen haben werdet, soll sich
der Mund des Zugangs, schneller als der Bliz des Pulvers ihn mit
Gewalt erffnen knnte, von freyen Stken weit aufthun, euch
einzulassen; aber ohne dieses Bndni, ist die ergrimmte See nicht
halb so taub, sind Lwen nicht halb so unerschroken, und Berge und
Felsen so unbeweglich; nein, der Tod selbst ist in seiner
verderblichen Wuth nicht halb so unerbittlich, als wir, diese Stadt
zu behaupten.

Faulconbridge.
Das ist ein Redner, der das faule Gerippe des Todes aus seinen
Lumpen herausschttelt.  Das ist ein grosses Maul, in der That, das
Tod und Berge, Felsen und Seen ausspeyt, und von brllenden Lwen
so vertraulich spricht, als Mdchen von dreyzehn Jahren von
Schoohndchen.  Was fr ein Constabel zeugte dieses lustige Blut?
Er spricht lauter Canonen-Feuer, Rauch und Knall; er giebt Prgel-
Suppe mit seiner Zunge; unsre Ohren kriegen Stokschlge; er sagt
nicht ein Wort, das nicht eine derbere Maulschelle giebt als eine
Franzsische Faust.  Zum Henker!  Ich bin nie so mit Worten
abgeplut worden, seit ich meines Bruders Vater Papa genennt habe.

Elinor (zu Knig Johann, leise.)
Sohn, gieb diesem Vorschlag Gehr, geh dieses Bndni ein, und gieb
ihnen mit unsrer Nichte eine Morgengabe, womit sie zufrieden seyn
knnen; denn durch dieses Band kanst du dein izt wankendes Recht an
die Crone so feste machen, da jener grne Bube keine Sonne haben
wird, um die Blthe zu zeitigen, die eine mchtige Frucht
verspricht.  Ich sehe Nachgiebigkeit in Frankreichs Bliken; sieh,
wie sie einander zuflstern; fasse sie bey diesem Augenblik, da
ihre Seelen fhig sind, sich durch die Hoffnung einer vergrsserten
Macht bestechen zu lassen, sonst mcht' ihr Eifer fr Arthurs Sache,
der izt durch den lauen Athem von sanften Bitten, Mitleiden und
Bedenklichkeiten aufgeschmelzt worden, wieder erkalten, und zu der
vorigen Hrte gefrieren.

Brger.
Was antworten Eure Majestten auf den gtlichen Vorschlag unsrer
bedruten Stadt?

Knig Philipp.
Sprecht zuerst, England, da ihr der erste waret, der seinen Antrag
an diese Stadt machte; was ist eure Gesinnung?

Knig Johann.
Wofern der hier gegenwrtige Dauphin, dein kniglicher Sohn, in
diesem Buche der Schnheit lesen kan, ich liebe; so soll ihre
Mitgift soviel wgen als eine Knigin; denn Anjou, und das schne
Touraine, Maine, Poitou, und alles, was (diese belagerte Stadt hier
ausgenommen,) auf dieser Seite des Meers unsrer Crone einverleibt
ist, soll ihr Braut-Bette verglden, und sie an Titeln, Wrden und
Gtern so reich machen, als sie an Geburt, Erziehung und Schnheit,
jeder andern Princein in der Welt die Wage hlt.

Knig Philipp.
Was sagst du denn, Junge?  Sieh der Princein ins Gesicht.

Ludwig.
Ich thu es, Sire, und ich find' in ihren Augen ein Wunderwerk, oder
doch eine wunderbare Erscheinung, meinen eignen Schatten in ihren
Augen abgebildet, der, ob er gleich nur der Schatten euers Sohnes
ist, eine Sonne wird, und euern Sohn zu einem Schatten macht.  Ich
versichre euch, ich liebte mich selbst noch nie bis izt, da ich
mich selbst in der schmeichelnden Tafel ihres Auges abgerissen
finde.

Blanca (zu Ludwig.)
Meines Oheims Wille ist in dieser Sache der meinige; was er nur
immer an euch sehen mag, das ihm gefllt, dieses Etwas, das ihm
gefllt, kan ich ohne Mhe zu meinem Willen bertragen; oder, um
eigentlicher zu reden, wenn ihr wollt, kan ich es leicht meiner
Liebe aufnthigen.  Milord, ohne euch ber alles was ich
liebenswrdiges an euch sehe, zu schmeicheln, will ich nur soviel
sagen, da ich nichts an euch sehe, was, wenn gleich die Tadelsucht
selbst Richter seyn sollte, einiges Hasses wrdig wre.

Knig Johann.
Was sagen diese jungen Leute?  Was sagt ihr, meine Nichte?

Blanca.
Da ihre Ehre sie verbindet, alles zu thun, was eurer Klugheit ihr
zu befehlen belieben wird.

Knig Johann.
Redet dann, Prinz Dauphin, knnt ihr diese Lady lieben?

Ludwig.
Fragt mich vielmehr, ob es mir mglich sey, sie nicht zu lieben;
denn ich liebe sie im hchsten Grade.

Knig Johann.
So geb' ich dir also Volquessen, Touraine, Maine, Poitiers und
Anjou, diese fnf Provinzen, mit ihr; und ber dieses noch die
volle Summe von dreyigtausend Mark Englischen Geldes.  Philipp von
Frankreich, wenn du damit zufrieden bist, so befiehl deinem Sohn
und deiner Tochter einander die Hnde zu geben.

Knig Philipp.
Wir sind es vollkommen zufrieden, ihr jungen Prinzen, vereinigst
eure Hnde.

streich.
Und eure Lippen dazu; denn ich erinnre michs noch wohl da ich es
so machte, wie ich das erstemal versprochen wurde.

Knig Philipp.
Nun, ihr Brger von Angiers, ffnet eure Thore, um die Freundschaft
einzulassen die ihr gestiftet habt, damit ohne Verzug diese
Vermhlung in St.  Martins Capelle sollennisirt werden knne.  Ist
die Lady Constantia nicht in dieser Gesellschaft?  Doch sie kan
nicht hier seyn; ihre Gegenwart wrde diesem neugeschlonen
Verglich ein starkes Hinderni in den Weg gelegt haben.  Wo ist sie,
und ihr Sohn, wer kan es mir sagen?

Ludwig.
Sie sizt voll Traurigkeit und Unwillen in Eurer Majestt Gezelt.

Knig Philipp.
Bey meiner Ehre, dieses Bndni das wir getroffen haben, wird ihrer
Schwermuth wenig Lindrung geben.  Bruder von England, wie knnen
wir diese Frstliche Wittwe zufrieden stellen?  Zu Behauptung ihres
Rechts sind wir gekommen, und nun haben wir uns, Gott wei es, zu
unserm eignen Vortheil, auf eine andre Seite gedreht.

Knig Johann.
Wir wollen alles gut machen; denn wir wollen den jungen Arthur zum
Herzog von Bretagne und Grafen von Richmond ernennen, und ihn
berdi zum Herrn dieser schnen reichen Stadt machen.  Ruffet die
Lady Constantia; ladet sie eilfertig zu unsrer Feyrlichkeit ein;
wenn wir gleich nicht das ganze Maa ihres Willens erfllen, so
werden wir sie doch in gewissem Maasse befriedigen, und wenigstens
ihren Ausruffungen den Mund stopfen.  Izt lat uns zu Vollziehung
dieser unvorgesehnen und unvorbereiteten Solennitt keine Zeit
verliehren.

(Alle gehen ab, bis auf Faulconbridge.)



Sechste Scene.


Faulconbridge.
Nrrische Welt!  nrrische Knige!  nrrisches Zeug zusammen!
Johann, um Arthurn sein Recht zum Ganzen zu benehmen, begiebt sich
freiwillig eines Theils; und Frankreich, dem das Gewissen seine
Rstung angeschnallt, den Eifer und Christliche Liebe als Gottes
eignen Waffentrger ins Feld gefhrt, lt sich nun von diesem
Vorsaz-ndrer entwafnen, diesem schlauen Teufel, diesem Mkler,
der immer der Treue den Hals bricht, diesem tglichen Eidbrecher,
der alle Menschen verfhrt, Knige, Bettler, Alte, Junge, und der
die Mdchen selbst, die sonst nichts usserliches zu verliehren
haben als das Wort Mdchen, die armen Dinger auch um das betrgt;
diesem glattmaulichten Stuzer, diesem kizelnden Schmeichler,
Interesse--Interesse, der die ganze Welt aus ihrem ebnen
natrlichen Lauf heraushebt, und ohne alle gerade Richtung, Absicht
und Regel forttreibt.  Und eben dieses Interesse, diese Kupplerin,
dieser Mkler, dieser allesverwandelnde Zauberer, auf das Auge des
wankelmthigen Philipps geplakt, hat ihn von seinem festgesezten
Endzwek, von einem beschlonen und ehrenvollen Krieg, zu einem
hchst schimpflichen und niedertrchtigen Frieden gezogen--Und
warum ziehe ich wider dieses Interesse los, als weil es noch bisher
nicht um mich gebuhlt hat; nicht, weil ich die Strke htte die
Hand zuzuschliessen, wenn seine schnen Engel mir die ihrige
darreichen wrden; sondern weil meine Hand, die noch immer leer
gelassen worden, gleich einem armen Bettler ber die Reichen
schmhlt.  Wohl dann, so lang ich ein Bettler bin, will ich ber
die Reichen schmhlen, und sagen, es sey keine grssere Snde als
reich seyn: Und wenn ich reich bin, dann soll meine Tugend darinn
bestehen, da ich behaupte, es sey kein Laster als Drftigkeit.
Wenn Knige selbst ihren Eid aus Eigennuz brechen, so sey du mein
Gott, Gewinnst; denn dir allein will ich dienen.

(Er geht ab.)




Dritter Aufzug.



Erste Scene.
(Des Franzsischen Knigs Gezelt.)
(Constantia, Arthur und Salisbry, treten auf.)


Constantia.
Gegangen, um sich zu vermhlen?  Um einen Frieden zu schwren?
Treuloses Blut mit treulosem Blut vereinigt!  Gegangen, um Freunde
zu seyn?  Ludwig soll Blanca haben, und Blanca diese Provinzen?  Es
ist nicht so, du hast dich verredet, du hast nicht recht gehrt; es
kan nicht seyn, du sagst nur, es sey so; ich bin versichert da du
nicht die Wahrheit sagst, denn dein Wort ist nur der eitle Athem
eines gemeinen Mannes.  Glaube mir, Mann, ich glaube dir nicht, ich
habe den Eid eines Knigs fr das Gegentheil; du sollt dafr
gestraft werden, da du mich so erschrekt hast; denn ich bin krank,
und leicht in Furcht zu sezen; mihandelt und unterdrkt, und also
voller Furcht; eine Wittwe ohne Mann, ohne Beschzer, also der
Furcht unterworffen; ein Weibsbild, von Natur zur Furchtsamkeit
gebohren; und wenn du izt gleich bekennen wrdest, da du nur
gescherzt habest, so knnte ich doch meine in Unordnung gebrachten
Lebensgeister nicht sogleich wieder beruhigen, sondern sie werden
diesen ganzen Tag zittern und schaudern.  Was soll dieses
Kopfschtteln bedeuten?  Warum siehst du meinen Sohn so traurig an?
Warum legst du die Hand auf deine Brust?  Warum diese Thrnen, die
wie ein aufgeschwollner Bach ber ihre Ufer strzen?  Sind diese
schwermthigen Seufzer Bekrftigungen deiner Worte?  So sprich noch
einmal, nicht deine vorige Erzhlung, sondern nur di einzige Wort,
ob deine Erzhlung wahr ist oder nicht?

Salisbury.
So wahr als ihr Ursache habt, diejenige fr falsch zu halten,
welche schuld an der Wahrheit meiner Aussage sind.

Constantia.
Oh, wenn du mich lehrst diese kummervolle Zeitung zu glauben, so
lehre diese kummervolle Zeitung wie sie mich tdten soll, damit ihr
Glaube und mein Leben so an einander stossen, wie die Wuth von
zween ergrimmten Mnnern, die in dem Augenblik da sie auf einander
treffen, fallen und sterben.  Ludwig vermhlt sich mit Blanca?  O
Junge, was bist dann du?  Frankreich, Freund von England?  Was wird
dann aus mir?  Geh, Mann, ich kan deinen Anblik nicht ausstehen
diese Zeitung hat dich zu einem abscheulichen Mann gemacht.

Salisbury.
Was habe ich dann bels gethan, gute Lady, als das bel
anzuzeigen, das andre gethan haben?

Constantia.
Welches aber an sich selbst so scheulich ist, da es alle die nur
davon reden abscheulich macht.

Arthur.
Ich bitte euch, Mutter, gebt euch zufrieden.

Constantia.
Wenn du, der mich zufrieden seyn heit, hlich wrest, ungestalt,
und deiner Mutter Leibe schimpflich, voller Fleken und ekelhafter
Finnen, lahm, albern, buklicht, krummbeinicht, ungeheuer, und mit
Krze und Eiterbeulen berdekt; dann wollt' ich mich nicht
bekmmern, dann wollt' ich mich zufrieden geben; denn alsdann wrd'
ich dich nicht lieben, nein, noch wrdest du deiner hohen Geburt
werth seyn, und eine Crone verdienen.  Aber du bist schn, und
Natur und Glk haben bey deiner Geburt, du theurer Knabe, sich
vereiniget, dich gro zu machen.  Wie die Natur dich begabt hat,
kanst du mit Lilien und halb entfalteten Rosen um den Vorzug
streiten.  Aber das Glk!  oh sie ist treulos worden, sie ist von
dir abgefallen, hlt stndlich mit deinem Oheim zu, und hat mit
ihrer goldnen Hand Frankreich an sich gerissen, und dahin gebracht,
die Ehre der unumschrnkten Herrschaft in den Staub zu treten, und
seine Majestt zu ihrer Kupplerin zu machen.  Frankreich ist eine
Kupplerin zwischen dem Glk und Johann, dem Glk, dieser ehrlosen
Meze, und diesem ruberischen Johann.  Sag mir, Bursche, ist
Frankreich nicht meineidig?  Vergift' ihn mit Worten, oder geh
deines Weges, und la mich allein bey diesen Krnkungen, die ich
allein tragen mu.

Salisbury.
Verzeihet mir, Madam, ich darf nicht ohne euch zu den Knigen zurk
kommen.

Constantia.
Du darfst, du sollst, ich will nicht mit dir gehen; ich will meinen
Schmerz lehren stolz zu seyn; denn Schmerz ist stolz, und macht
seinen Besizer eigensinnig.  Zu mir, und zu dem Hofstaat meines
grossen Kummers mgen die Knige sich versammeln; denn mein Kummer
ist so gro, da nichts als die unbewegliche gigantische Erde ihn
unterstzen kan; hier siz' ich und mein Schmerz; hier ist mein
Thron, sage den Knigen, da sie kommen und sich vor ihm bken.

(Sie sezt sich auf den Boden.)



Zweyte Scene.
(Knig Johann, Knig Philipp, Ludwig, Blanca, Elinor,
 Faulconbridge und streich.)


Knig Philipp.
Es ist wahr, schne Tochter; und dieser gesegnete Tag soll auf ewig
in Frankreich festlich seyn.  Diesen Tag feyrlicher zu machen, hlt
die glorreiche Sonne in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchymisten,
indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre
klumpichte Erde in schimmerndes Gold verwandelt.  Der jhrliche
Kreislauf, der diesen Tag wiederbringt, soll ihn nie anders als
einen Fest-Tag sehen.

Constantia (indem sie aufsteht.)
Ein unglklicher Tag, und nicht ein Fest-Tag!  Was hat dieser Tag
verdient?  Was hat er gethan, da er mit goldnen Buchstaben unter
die heiligen Zeiten in den Calender gesezt werden soll?  Nein,
stot ihn vielmehr aus der Woche aus, diesen Tag der Schande, der
Unterdrkung und des Meineids; oder wenn er ja stehen bleiben mu,
so lat schwangre Frauen beten, da sie ihrer Brde nicht an diesem
Tag entbunden werden; lat, ausser an diesem Tag, den Seefahrer
keinen Schiffbruch frchten, und keinen Vertrag gebrochen werden,
der nicht an diesem Tage gemacht worden; ja, alles was an diesem
Tage angefangen wird, nehm' ein unglkliches Ende, und die Treue
selbst verwandle an ihm sich in Falschheit und Betrug!

Knig Philipp.
Beym Himmel, Lady, ihr habt keine Ursache die freudigen Begegnisse
dieses Tages zu verwnschen; hab ich euch nicht meine Majestt zum
Unterpfand gegeben?

Constantia.
Ihr habt mich mit einer nachgemachten Majestt betrogen, die,
sobald sie auf den Probstein gestrichen worden, sich falsch
befunden hat; ihr seyd meineidig, meineidig seyd ihr; ihr kam't in
Waffen, meiner Feinde Blut zu vergiessen, und vermischet und
verstrket es nun mit dem eurigen.  Freundschaft und geschminkter
Friede haben den Plaz der khnen Streitbegierde und des edeln
kriegrischen Zorns genommen, und unsre Unterdrkung ist zum Sigel
dieses Bundes gemacht worden.  Waffnet, waffnet euch, ihr
himmlischen Mchte, wider diese meineidigen Knige; eine Wittwe
ruft: Sey mein Gemahl, o Himmel!  La diesen Ungttlichen Tag sich
nicht im Frieden schliessen; sondern sende, eh die Sonne
untergegangen seyn wird, bewaffnete Zwietracht zwischen diese
treulosen Knige.  Hre mich, o hre mich!

streich.
Lady Constantia, gebt euch zufrieden.

Constantia.
Krieg, Krieg, keinen Frieden; Frieden ist Krieg fr mich.  O
Lymoges, o streich!  du schndest diesen edeln Raub, womit du
pralest!  du Sclave, du Elender, du Memme, du kleiner Hasenritter,
in nichts gro als in Niedertrchtigkeit, und nie herzhaft als wenn
du dich hinter die strkste Parthey verbergen kanst; du Ritter der
Fortuna, der nie ficht, wenn dieses wetterlunische Frulein nicht
neben dir steht, und dir Brge fr deine Sicherheit ist; du bist
auch meineidig, und schmeichelst den Grossen.  Was fr ein Narr
bist du, fr ein kriechender Narr, zu pralen und zu stampfen und zu
schwren, da du meine Parthey halten wollest; du kaltherziger
Sclave, hast du nicht wie ein Donner an meiner Seite gesprochen?
Geschworen, da du die Waffen fr mich fhren wollest, und mich
ermahnet, mich deinem Glke und deiner Strke anzuvertrauen?  Und
nun trittst du auch zu meinen Feinden ber?  du, eine Lwen-Haut
tragen?  herab damit, wenn du noch eine Schaam in dir hast, und
hng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.

streich.
O da ein Mann mir das sagte!

Faulconbridge.
Und hng' ein Kalbsfell um diese ehrlosen Schultern.

streich.
Untersteh dich das zu sagen, Schurke, wenn dir dein Leben lieb ist.

Faulconbridge.
Und hng' ein Kalbsfell um diese treulosen Schultern.

streich.
Mich ducht, Richards Stolz und Richards Fall sollt' eine Warnung
fr euch seyn, Herr.

Faulconbridge.
Was fr Worte sind das?  Wie schwanken meine Sehnen!  Meines Vaters
Feind in meines Vaters Raub gehllt!  Wie flstert mir Alecto ins
Ohr: Zgre nicht, Richard, schlage den nichtswrdigen Kerl zu Boden,
zieh ihm dieses unvergleichliche Ehrenzeichen ab, das Denkmal des
Triumphs deines Vaters ber die Wilden--Nun bey seiner Seele
schwre ich, bey meines Vaters Seele, ich will nicht zweymal die
Sonne aufgehen sehen, bis ich dieses Siegeszeichen von deinem Rken
gezogen, und dir das Herz davor zerschmettert habe, da du dich
unterstanden es zu tragen.

Knig Johann.
Hre auf, du mifllst uns mit solchen Reden, und vergissest dich
selbst.



Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)


Knig Philipp.
Hier kommt der heilige Legat des Papsts.

Pandolph.
Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels!  An dich, Knig
Johann, geht meine heilige Gesandtschaft.  Ich, Pandolph, Cardinal
Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier,
frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die
Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwhlten Erz-
Bischof von Canterbry, Stephan Langton, so vorsezlicher und
gewaltthtiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurkstossest?
Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts
Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.

Knig Johann.
Was fr ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Knige
zu Fragstken anhalten?  Du kanst keinen schlechtern, unwrdigern
und lcherlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer
Antwort zu vermgen, als des Papsts seinen.  Sag ihm das, und seze
noch dieses aus Englands Mund hinzu, da wir nicht gestatten werden,
da ein Italinischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern
Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem
Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem
grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhlf einer sterblichen Hand,
dieses unser Ansehen behaupten.  Sagt das dem Papst, mit
Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaliche
Autoritt.

Knig Philipp.
Bruder von England, ihr lstert indem ihr so sprecht.

Knig Johann.
Ob gleich ihr und alle Knige der Christenheit euch von diesem
unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen lat, da ihr
einen Fluch frchtet, der sich mit Geld abkauffen lt, und durch
das Verdienst von abschzigem Gold, Quark, Staub, verflschten
Abla von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Abla
sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle brigen, euch so grob
betrgen lat, diesen heiligen Taschenspieler mit Einknften zu
berhuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst
entgegenzusezen, und halte seine Freunde fr meine Feinde.

Pandolph.
So sey dann du, kraft der rechtmigen Gewalt die ich habe, mit dem
Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der
sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer emprt; und
verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als
heilig verehrt, die, durch was fr ein Mittel es auch sey, dir dein
verfluchtes Leben nimmt.

Constantia.
O la es erlaubt seyn, da mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu
fluchen.  Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flchen;
denn ohne eine Krnkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die
Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.

Pandolph.
Hier, Lady, ist die gesezmige Vollmacht, die meinen Fluch
rechtmig macht.

Constantia.
Ist es der meinige minder?  Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so
lat rechtmig seyn, da das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez
kan meinem Kinde hier sein Knigreich nicht geben; denn der, der
von seinem Knigreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun
das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner
Zunge verbieten zu fluchen?

Pandolph.
Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen
willst, so la die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die
ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wre dann, da er sich
unter Rom demthigte.

Elinor.
Wirst du bla, Frankreich?  La deine Hand nicht gehen.

Constantia.
Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ndre, und durch
Zurkziehung seiner Hand die Hlle eine Seele verliehre.

streich.
Knig Philipp, gieb dem Cardinal Gehr.

Faulconbridge.
Und hng' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.

streich.
Gut, Galgenschwengel, ich mu diese Beleidigungen einsteken, weil--

Faulconbridge.
deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.

Knig Johann.
Knig Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?

Constantia.
Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.

Ludwig.
Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch
von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft
zuziehen wollt; whlet das leichteste bel.

Blanca.
Das ist Rom's Fluch.

Constantia.
Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer
schmuken jungen Braut.

Knig Johann.
Der Knig ist unruhig, und giebt keine Antwort.

Constantia (zu Philipp.)
O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.

streich.
Thut das, Knig Philipp, hngt nicht lnger im Zweifel.

Faulconbridge.
Hng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.

Knig Philipp.
Ich bin ganz in Verwirrung, und wei nicht was ich sagen soll.

Pandolph.
Die Verwirrung wrde noch grsser seyn, wenn du exkomunicirt und
verflucht wrdest.

Knig Philipp.
Guter ehrwrdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir,
was ihr thun wrdet?  Diese knigliche Hand und die meinige sind
nur erst zusammengefgt, und eine innerliche Vereinigung unsrer
Seelen durch ein feyrliches Bndni und die ganze Strke
geheiligter Eydschwre unauflslich gemacht worden.  Der lezte
Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne
Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und
unsern Knigreichen.  Und unmittelbar vor diesem Friedenschlu,
nicht lnger als da wir zu Beschwrung desselben die Hnde waschen
konnten, waren sie, der Himmel wei es, mit neuvergonem Blut
beflekt.  Und sollen nun diese Hnde, die nur erst davon gereiniget,
nur erst in Freundschaft zusammengefgt worden, sich wieder
trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten?
Sollen wir so unbestndige Kinder aus uns selbst machen, einen
Augenblik darauf wieder unsre Hnde zurkzuziehen?  Soll die
beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des
lchelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden?  O
heiliger Mann, mein ehrwrdiger Vater, lat es nicht so seyn!
Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen
uns glklich schzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.

Pandolph.
Alle Form ist unfrmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der
Freundschaft mit England entgegensteht.  Zu den Waffen also; sey
der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird
ihren Fluch ber dich aussprechen, den Fluch einer Mutter ber
einen rebellischen Sohn.  Frankreich, es wre dir besser eine
Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Lwen bey seiner
mrdrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zhnen zu
halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hltst.

Knig Philipp.
Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurk ziehen.

Pandolph.
Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest,
wie in einem Brger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen
Versprechen.  Hast du nicht dein erstes Gelbde dem Himmel gethan,
nemlich ein Beschzer unsrer Kirche zu seyn, und mu dieses nicht
zuerst erfllt werden?  Was du seitdem geschworen hast, ist wieder
dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden;
denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das
Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hltst; und wenn du ihn nicht
hltst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht
nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hltst.  In diesem Fall
ist das Rechtmigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht,
aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt
Untreue, wie Feuer in den gersteten Adern eines Menschen, der
verbrennt wird, das Feuer khlt.  Die Religion ist es, was
beschworne Gelbde halten macht; allein du hast wider die Religion
geschworen; du schwrst bey etwas, wider welches du schwrst, und
machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid,
dessen Treue du dadurch unsicher machst.  Wenn man schwrt, so
schwrt man ja allein, da man nicht meineidig seyn soll; was fr
ein Gesptte wr' es sonst zu schwren?  Du aber schwrst allein,
um falsch zu schwren; und bist meineidig, wenn du hltst was du
geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten
geschworen hast, ist also in dir selbst eine Emprung gegen dich
selbst.  Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen,
als wenn du dein beres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten
Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst,
dir beystehen soll.  Wo nicht, so wisse, da unsre Flche so heftig
auf dich blizen sollen, da du nicht vermgend seyn wirst sie
abzuschtteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung
sterben wirst.

{ed.-* In dieser langen Rede lt Shakespeareden Legaten seine
Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche
Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll,
nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lcherlich machen.
Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stks geschieht, als ein
Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich
vermuthe, die Absicht war zu zeigen, da die Rmischen Hflinge
ungleich bessere Politici als Theologi seyen.  Warbrton.}

streich.
Rebellion, offenbare Rebellion--

Faulconbridge.
Kan es denn nicht seyn?  Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein
Maul stopfen kan?

Ludwig.
Vater, zu den Waffen.

Blanca.
An deinem Hochzeit-Tage?  Wider das Blut, mit dem du dich vermhlt
hast?  Wie?  Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen?
Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu
unserm hochzeitlichen Geprnge geben?  O hre mich, mein Gemahl, (o
Himmel!  wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens
willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen
Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen
Oheim.

Constantia.
O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien,
bis sie hart wrden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel
zugedachte Rache nicht ab.

Blanca.
Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was
fr ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer
Gemahlin?

Constantia.
Das was ihn und dich aufrecht erhlt, seine Ehre.  O deine Ehre,
Ludwig, deine Ehre!--

Ludwig.
Ich erstaunen wie Euer Majestt so kalt seyn kan, da so wichtige
Betrachtungen auf sie wrken.

Pandolph.
Ich will den Fluch ber sein Haupt aussprechen.

Knig Philipp.
Du sollst es nicht nthig haben.  England, ich falle von dir ab.

Constantia.
O edle Wiederkehr der verbannten Majestt!

Elinor.
O schndliche Emprung der Franzsischen Unbestndigkeit!

Knig Johann.
Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.

Blanca.
So mu die Sonne in Blut untergehen.  Schner Tag, fahr' wohl!  Wo
ist die Parthey mit der ich gehen mu?  Ich stehe zwischen beyden,
jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie
sich in ihrer Wuth von einander, und zerstken mich.  Gemahl, ich
kan nicht beten, da du gewinnen mgest; Oheim, ich bin gezwungen
zu beten, da du verliehrest; Vater, ich kan das Glk nicht auf
deine Seite wnschen; Gromutter, ich will nicht wnschen, da
deine Wnsche erhrt werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne da
ich auf der andern verliehre.

Ludwig.
Folget mir, Madame, euer Glk hngt nun von dem meinigen ab.

Blanca.
Wo mein Glk lebt, stirbt mein Leben.

Knig Johann.
Vetter, geh und ziehe unsre Vlker zusammen.

(Faulconbridge geht ab.)

Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts
als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich lschen kan.

Knig Philipp.
Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche
zusammenfallen, eh unser Blut di Feuer lschen soll.  Sieh zu dir
selbst, du wagest viel.

Knig Johann.
Nicht mehr als der so mir druet.  Zun Waffen!  hinweg!

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit streichs Kopf, tritt auf.)


Faulconbridge.
Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich hei; irgend ein
feuriger Teufel brtet in der Luft, und schttet Unheil herab.
Hier lig du, streichs Kopf,--So hat Knig Richards Sohn sich
seines Gelbds entlediget, und der unsterblichen Seele seines
Vaters streichs Blut zum Todten-Opfer gebracht.  (Knig Johann,
Arthur und Hubert treten auf.)

Knig Johann.
Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung--Richard, ermuntre
dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestrmt, und ist, wie ich
besorge, gefangen.

Faulconbridge.
Ich befreyte sie, Gndigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit,
besorget nichts.  Aber zurk, mein Knig; noch ein wenig Arbeit
wird diesen Tag zu einem glklichen Ende bringen.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Lermen; Gefecht; Flucht; Knig Johann, Elinor, Arthur,
 Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)


Knig Johann.
So soll es seyn;

(zu seiner Mutter.)

Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurkbleiben;

(zu Arthur.)

Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Gromama hat dich lieb,
und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.

Arthur.
O di wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.

Knig Johann (zu Faulconbridge.)
Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, da du noch vor
unsrer Ankunft unsre reichen bte schttelst; sez du ihre
gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg mu an den fetten
Ribben des Friedens zehren.  Vollziehe unsern Auftrag mit dem
ussersten Nachdruk.

Faulconbridge.
Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurktreiben, wo Gold und
Silber mich einladen einen Besuch zu machen.  Ich verlasse Eu.
Majestt; Gromutter, wenn mir anders einmal einfllt fromm zu seyn,
will ich fr eure Wohlfahrt beten; und hiemit k' ich euch die
Hand.

Elinor.
Lebe wohl, mein lieber Vetter.

Knig Johann.
Vetter, lebe wohl.

(Faulconbridge geht ab.)

Elinor.
Komm zu mir, kleiner Vettermann--auf ein paar Worte--

(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)

Knig Johann (zu Hubert auf der andern Seite.)
Komm hieher, Hubert.  O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr
verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein
Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt.
Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich
zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird
theuer geachtet.  Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen--
aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen.  Beym Himmel,
Hubert, ich bin recht beschmt, wenn ich denke, wie grosse
Verbindlichkeiten ich dir habe.

Hubert.
Ich bin es, der Euer Majestt unendlich verpflichtet ist.

Knig Johann.
Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen--Aber du
sollt bekommen--und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll
sie doch kommen, da ich dir Gutes thun kan.  Ich hatte dir was zu
sagen--Aber, la es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze
Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu ppig, zu voll von
Lustbarkeiten, um mir Gehr zu geben.  Wenn die mitternchtliche
Gloke mit ihrer ehernen Zunge ber die schlaftrunkne Geschpfe der
Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein
Kirchhof wre, und du vom Gefhl von tausend Beleidigungen besessen
wrst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt
kzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht
htte; oder wenn du sehen knntest ohne Augen, hren knntest ohne
Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne
Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse
Gedanken mit mir reden knntest; denn wollt' ich, troz dem
groaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen
ausschtten--Aber so, will ich nicht--Und doch liebe ich dich sehr,
und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.

Hubert.
So sehr, da ich, ich schwr es beym Himmel, alles unternehmen will,
was Euer Majestt mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der
That verknpft wre.

Knig Johann.
Wei ich nicht, da du es thun wrdest?  Guter Hubert, Hubert,
Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen,
Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich
den Fu sezen will, ligt er vor mir.  Verstehst du mich?  Du bist
sein Hter.

Hubert.
Und ich will ihn so hten, da er Eu.  Majestt nimmer in den Weg
kommen soll.

Knig Johann.
Tod.

(leise.)

Hubert.
Gndigster Herr.

Knig Johann.
Ein Grab.

Hubert.
Er soll nicht leben.

Knig Johann.
Genug, nun knnt' ich aufgerumt seyn.  Hubert, ich habe dich lieb.
Gut, ich will nicht sagen, was ich fr dich thun will; Vergi es
nicht--

(indem er zu Elinor zurkgeht.)

Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestt die bewuten Truppen
zusenden.

Elinor.
Mein Segen geht mit euch.

Knig Johann (zu Arthur.)
Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit
aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais,
hinweg!

(Sie gehen ab.)



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in den Franzsischen Hof.)
(Knig Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)


Knig Philipp.
So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze
Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander
verschlagen.*

{ed.-*Dieses Gleichni, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur
Sache pat, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stke, eine
Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die
damalige Zeit-Umstnd; indem dieses Schauspiel lngstens einen oder
zween Winter darnach zum erstenmal aufgefhrt wurde.  Warburton.}

Pandolph.
Nur guten Muth gefat, alles soll noch gut gehen.

Knig Philipp.
Was kan gut gehen, wenn es uns so bel geht?  Sind wir nicht
geschlagen?  Ist nicht Angiers verlohren?  Arthur gefangen?
Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen?  Und unser
blutiger Gegner, mit verchtlichem Troz nach England zurkgegangen?

Ludwig.
Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwrfe, mit
einem solchen Feuer ausgefhrt, eine so gute Ordnung, in einem so
ungestmen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action
wie diese ist, gelesen oder gehrt?

Knig Philipp.
Ich knnte es nach wohl ertragen, da England dieses Lob erhielte,
wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, fr unsre Schande kennte.
(Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier?  Das Grab einer
Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der
verhaten Gefangenschaft eines gequlten Athems hlt.  Ich bitte
dich, Lady, komm mit mir hinweg.

Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.

Knig Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.

Constantia.
Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was
allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht.  Tod, Tod; o
angenehmer liebenswrdiger Tod!  du wohlriechender Gestank, du
gesunde Fulni, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du
Abscheu und Schreken des Glks; und ich will deine ekelhaften
Knochen kssen, und meine Augen in deine holen Augen-Lcher steken,
und diese Finger mit den Wrmern, die in dir hausen, umwinden, und
diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein
scheusliches Gerippe werden, wie du.  Komm, grinse mich an, und ich
will denken du lchelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du
Liebling des Elends, komm, komm zu mir!

Knig Philipp.
O schne Bekmmerni, stille!

Constantia.
Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen;
o, da meine Zunge im Munde des Donners stke, damit ich mit
meinem Schmerz die ganze Welt erschttern, und dieses entfleischte
faule Gerippe vom Schlaf aufweken knnte, das die Anrufung einer
schwachen weiblichen Stimme nicht hren will.

Pandolph.
Lady, ihr stot Unsinn aus, nicht Schmerz.

Constantia.
Du versndigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig;
dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia,
ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist
verlohren!  Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wr' es!  denn
alsdann knnt' ich vergessen, wer ich bin.  O wenn ich es knnte,
was fr einen Schmerz wrd' ich vergessen!  Predige irgend eine
Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt
werden, Cardinal.  Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern
meinen Schmerz fhle, so arbeitet mein vernnftiger Theil, wie ich
mich von diesem Jammer befreyen mge, und lehrt mich, da ich mich
erstechen oder erhngen soll.  Wenn ich unsinnig wre, wrd' ich
meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nchste
Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut
fhl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.

Knig Philipp.
Bindet diese fliegenden Loken auf; O was fr Liebe seh ich in
dieser schnen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein
Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drngen sich
zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich
wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im
Unglk ausharren.

Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.--

Knig Philipp.
Bindet eure Haare auf

Constantia.
Ja, das will ich; und warum will ich es thun?  Ich ri sie aus
ihren Fesseln, und rief.  O da diese Hnde meinem Sohne so die
Freyheit geben knnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben
haben!  Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in
ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist.
Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehrt, wir werden unsre
Freunde im Himmel wieder kennen.  Wenn das ist, so werd ich meinen
Jungen nimmer wieder sehen.  Denn seit der Geburt Cains, des ersten
mnnlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine
anmuthigere Creatur gebohren worden.  Aber nun wird der Krebs des
Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schnheit von
seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst
schauen, so dster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter
Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht,
und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich
ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur
nimmer, nimmer wieder sehen.

Pandolph.
Ihr berlat euch euerm Schmerz zu sehr.

Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte--

Knig Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.

Constantia.
Mein Schmerz fllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in
meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen
Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine
liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz
zu lieben.  Gehabt ihr euch wohl; httet ihr einen solchen Verlust
erlidten wie ich, so knnte ich bessern Trost geben als ihr thut.
Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,

(Sie reit ihren Kopfzeug ab.)

da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist.  O Gott, mein
Kind, mein Arthur, mein schner Sohn!  Mein Leben, meine Freude,
meine Nahrung, mein Alles in der Welt!  Mein Trost, die einzige
Lindrung meines Kummers!  Mein Sohn!  Mein Sohn!

(Sie geht ab.)

Knig Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Unglk; ich will ihr folgen.



Siebende Scene.


Ludwig.
Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergngen geben kan; das
Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzhltes Mhrchen, das
die schlaffen Ohren eines schlfrigen Menschen plagt.  Eine bittre
Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so da sie
izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.

Pandolph.
Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem
Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Ansto am
heftigsten; scheidende bel scheinen am schlimmsten, indem sie
verschwinden.  Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages
verlohren?

Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, glklichen Tage meines Lebens.

Pandolph.
Glaubet mir, dann httet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag
gewonnen httet.  Nein, nein; wenn's das Glk am besten mit den
Menschen meynt, so sieht es sie mit einem druenden Auge an.  Es
ist unglaublich, wie viel Knig Johann gerade dadurch verlohren hat,
was er fr klaren Gewinn rechnet.  Schmerzt es euch nicht, da
Arthur sein Gefangner ist?

Ludwig.
So herzlich, als er sich freut da er ihn hat.

Pandolph.
Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut.  Nun hre mich aus
einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die
ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine
Hinderni aus dem Wege wehen, der deinen Fu gerade zu Englands
Thron fhren wird; hre also!  Johann hat sich Arthurs bemchtiget,
und es ist unmglich, da, so lange warmes Leben in seinen jungen
Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein
Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen knnte.  Ein Scepter
der mit einer unrechtmigen Hand gefhrt wird, mu so gewaltthtig
erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem
schlpfrigen Plaz steht, ist nicht so zrtlich, da ihm etwas zu
garstig seyn sollte, woran er sich halten kan.  Damit Johann stehen
knne, mu Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn
kan.

Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?

Pandolph.
Vermge des Rechts eurer Gemalin Blanca, knnt ihr alsdann in alle
Ansprche Arthurs eintreten.

Ludwig.
Und Ansprche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.

Pandolph.
Wie grn und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd!  Knig Johann
thut das wichtigste fr euch; die Umstnde conspiriren mit euch,
und der, so in Vergiessung des rechtmigen Bluts seine Sicherheit
sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden.
Diese belthat wird die Herzen seines ganzen Volks erklten, und
ihren Eifer fr ihn so sehr gefrieren machen, da sie den
schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit
Freuden ergreiffen werden.  Es wird keine natrliche Ausdnstung in
der Luft seyn, kein Migriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein
gemeiner Sturmwind, keine gewhnliche Naturbegebenheit, denen sie
nicht eine bernatrliche Ursache geben, die sie nicht Meteore,
Wunderzeichen, Migeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des
Himmels nennen werden, die berlaut wider Johann um Rache schreyen.

Ludwig.
Es ist aber mglich, da er dem jungen Arthur das Leben lt, und
sich begngt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.

Pandolph.
O Prinz, wenn er von eurer Annherung hren wird, und Arthur nicht
schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden
die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empren, sich
nach Vernderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu
Aufruhr und Krieg nehmen.  Mich ducht, ich sehe diesen Lermen
schon vor meinen Fssen; und o!  was kan fr euch glklichers
gebrtet werden, als was ich gesagt habe!--Der Bastard
Faulconbridge ist nun in England, brandschzet die Kirche, und bet
unchristliche Gewaltthtigkeit aus.  Wenn nur zwlf bewehrte
Franzosen dort wren, sie wrden wie ein Zusammenruf seyn, und in
einem Augenblik zehntausend Englnder an ihrer Seite sehen; oder
wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwlzt und ein Berg wird.
Edler Dauphin, folge mir zum Knige; es ist erstaunlich, was fr
Folgen aus ihrem Miverstndni gezogen werden knnen.  Izt, da
ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefllet sind, izt England zu;
ich will an dem Knige treiben.

Ludwig.
Grosse Beweggrnde zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr
Ja sagt, wird der Knig gewi nicht Nein sagen.

(Sie gehen ab.)




Vierter Aufzug.



Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefngni.)

(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)


Hubert.
Macht mir diese Eisen glhend, und, du dort, bleibe hinter den
Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fu stampfe, so rausch hervor
und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den
Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.

Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.

Hubert.
Unnthige Bedenklichkeiten!  Frchtet nichts, habt Sorge--Junger
Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen.  (Arthur tritt auf.)

Arthur.
Guten Morgen, Hubert.

Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.

Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag.
Ihr seyd traurig.

Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!

Arthur.
Der Himmel sey mir gndig!  Mich ducht, niemand sollte traurig
seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war,
an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie
die Nacht.  So wahr ich ein Christ bin, wr ich nur aus dem
Gefngni und htete Schaafe, ich wollte so frlich seyn als der
Tag lang ist.  Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht
von meinem Oheim noch mehr bses besorgte.  Ist es mein Fehler, da
ich Gottfrieds Sohn worden bin?  In der That, es ist nicht; und
wollte Gott ich wre euer Sohn, so wrdet ihr mich lieben, Hubert.

Hubert (vor sich.)
Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwze
mein erstorbnes Mitleiden aufweken.  Ich will also eilen, und
meinen Auftrag vollziehen.

Arthur.
Seyd ihr krank, Hubert!  Ihr seht heute so bla aus; gewilich, ich
wollt' ihr wret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben
euch sizen und mit euch wachen knnte.  Ach!  ich liebe euch mehr,
als ihr mich lieb habt.

Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.

(Er zeigt ihm ein Papier.)

Lie hier, junger Arthur--

(Bey Seite.)

Wie nun, nrrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden
aufthauen!  Ich mu es kurz machen, oder mein Entschlu vertrpfelt
in weibischen Thrnen aus meinen Augen--Knnt' ihr's nicht lesen?
Ist es nicht schn geschrieben?

Arthur.
Nur zu schn Hubert, zu einer so hlichen Absicht.  So mt ihr
meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.

Hubert.
Ich mu, junger Herr.

Arthur.
Und ihr wollt es?

Hubert.
Und ich will.

Arthur.
Habt ihr das Herz dazu?  wenn euch nur der Kopf weh that, so band
ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte,
eine Princein hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals
wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den
Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle
Minuten: was fehlt euch?  oder, wo thut's euch weh?  oder, was kan
ich euch zu liebe thun?  Manches armen Manns Sohn wrde still
gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch
gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwrter--Doch
nein, ihr knnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und
eigennzig gewesen.  Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so
gefllt, da ihr bel mit mir umgehen sollt, nun dann, so mt ihr--
wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen
sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?

Hubert.
Ich habe geschworen, da ich es thun wolle, und ich mu sie mit
glhenden Eisen ausbrennen.

Arthur.
Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, wrde das thun.  Das
Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, wrde, wenn es an diese
Augen kme, meine Thrnen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser
seine feurige Wuth lschen.  Seyd ihr hrter als Eisen?  O!  wenn
ein Engel zu mir gekommen wre und htte mir gesagt, Hubert werde
mir die Augen ausstossen, ich htt' es ihm nicht geglaubt; keiner
andern Zunge wrd' ichs glauben, als deiner eignen.

Hubert (stampft auf den Boden, und die Mnner kommen herein.)
Hervor, thut wie ich euch befehle.

Arthur (erschroken.)
O Hubert, rette mich!  Meine Augen sind schon aus, nur von den
grimmigen Bliken dieser blutigen Mnner.

Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.

Arthur.
O Gott, wozu habt ihr nthig so ungestm-rauh zu seyn?  Ich will
mich nicht struben, ich will wie ein Stein still halten.  Um des
Himmels willen, Hubert, lat mich nicht binden!  Nein, hre mich,
Hubert, treibe diese Mnner weg, und ich will ruhig still sizen wie
ein Lamm.  Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort
reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Mnner
fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch fr Marter
anthun mget.

Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, lat mich allein mit ihm.

Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.

(Sie gehen ab.)

Arthur.
Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen
erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; lat ihn wieder
herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.

Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.

Arthur.
Ist denn kein Mittel?

Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.

Arthur.
O Himmel!  da doch nur ein Stubchen, ein Splitterchen, eine Mke,
ein irrendes Haar in den eurigen wre; wenn ihr fhltet, was fr
Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten,
euer grausames Vorhaben mt' euch entsezlich vorkommen.

Hubert.
Ist di dein Versprechen; komm her, schweig und rhre dich nicht--

Arthur.
Hubert, du willt mir nicht erlauben, da ich um meine Augen jammere;
ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht;
oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und la mich nur
meine Augen behalten.  Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt,
und wrde mir kein Leid thun.

Hubert.
Ich kan es wieder hei machen, Junge.

Arthur.
Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, da es, zum
Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit
gebraucht werden soll.  Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen
haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelscht,
und mit reuiger Asche berstreut.

Hubert.
Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.

Arthur.
Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur errthen, und
ber euer Verfahren vor Schaam glhen machen; ja, vielleicht werden
sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen
genthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt.  Alle
Dinge, die ihr gebrauchen knnt mir bels zu thun, versagen ihren
Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als
Feuer und Eisen, Geschpfe, die doch zu den unbarmherzigsten
Verrichtungen gebraucht werden.

Hubert.
Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrhren,
wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schze geben wollte.  Und
doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem
Eisen hier sie auszubrennen.

Arthur.
O!  nun seht ihr wieder wie Hubert aus.  Alle diese Weile war't ihr
verlarvt.

Hubert.
Stille, nichts weiter.  Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen,
als da ihr todt seyd.  Ich will diese hndische Auflaurer mit
falschen Nachrichten anfllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe
ruhig, und sicher, da Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides
thun wollte.

Arthur.
O Himmel!  ich danke euch, Hubert.

Hubert.
Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich
keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.

(Sie ziehen ab.)



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof von England.)
(Knig Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)


Knig Johann.
So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrnt, und,
wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.

Pembroke.
Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubni, berflig; ihr
seyd vorher schon gekrnt worden, und dieser knigliche Schmuk ist
euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch
Emprung gebrochen worden.  Kein Verlangen nach Vernderungen hat
das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glk
zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelsten lassen.

Salisbury.
Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon
sicher war, ist eben soviel als feines Gold berglden, die Lilie
wei frben, die Viole parfumiren, das Eis gltten, den Regenbogen
mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schnen Auge des Himmels
durch ein Fakel-Licht einen hhern Glanz geben wollen; es ist
vergebliche Verschwendung und lcherlicher berflu.

Pembroke.
Allein, da euer kniglicher Wille erfllt werden mute, so ist
dieser Actus nun ein neu-erzhltes altes Mhrchen; jedoch, weil
eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten
Wiederholung, widrig und bel aufgenommen.

Salisbury.
Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten chten Herkommens
ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich
drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt
die stuzende berlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank,
und Wahrheit verdchtig, da es in einer so neuzugeschnittnen
Kleidung aufzieht.

Pembroke.
Wenn Handwerksleute sich bemhen noch besser zu machen als gut, so
bringt ihr Flei Migeburten hervor; und die Entschuldigung eines
Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die
Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen
kleinen Ri gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des
Risses mehr entstellen, als der Ri that, eh er so geflikt war.

Salisbury.
Aus diesen Betrachtungen miriethen wir diese neue Krnung eh sie
vollzogen wurde; allein es gefiel Eu.  Hoheit darber hinaus zu
gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes,
was wir wollen knnten, vor Eu.  Hoheit Willen Halte machen mu.

Knig Johann.
Einige Ursachen von dieser doppelten Krnung hab' ich euch schon
erffnet, und ich halte sie fr stark.  Noch weit strkere werd'
ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts
wegen ohne Furcht.  Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne
verbessert httet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich
eure Bitten anhren und erfllen will.

Pembroke.
Erlaubet also, Gndigster Herr, da ich, als derjenige, der die
Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens
ausspricht, (fr Sie sowol als mich selbst, am meisten aber fr
eure eigne Sicherheit, fr welche wir alle unsre besten Bemhungen
anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten;
dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mivergngens in
gefhrliche Reden auszubrechen reizt.  Wenn ihr das, was ihr in
Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie
man sagt, sonst nur den Futritt des Unrechts begleitet,) euch
bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer
barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle
Vortheile einer guten Erziehung zu versagen?  Lat euch also
gefallen, damit die belgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie
bey Gelegenheit sich bedienen knnten, uns eine Bitte zu gewhren,
wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu
schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil
unser bestes von dem Eurigen abhngt.  (Hubert zu den Vorigen.)

Knig Johann.
Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an--
Hubert, was bringt ihr Neues?

Pembroke (zu Salisbury.)
Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem
von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte.  Das Bild einer
grlichen belthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und
gezwungnes Aussehen verrth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist
bange, die That mchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen
worden.

Salisbury.
Der Knig verndert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht
von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem,
wie Herolde zwischen zwey frchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine
Gemthsbewegung schwillt so sehr an, da sie nothwendig aufbrechen
mu.

Pembroke.
Und wenn sie aufbricht, so frcht ich, es wird nichts anders
herauskommen, als der schndliche Eiter von eines holdseligen
Kindes Tod.

Knig Johann.
Wir knnen der mchtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun.  Er
sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.

Salisbury.
In der That, wir besorgten, seine Krankheit mchte unheilbar seyn.

Pembroke.
In der That, wir hrten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind
selbst fhlte da es krank war.  Dafr mu Rede und Antwort gegeben
werden, hier oder anderswo.

Knig Johann.
Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich?  Denkt ihr, ich trage
die Scheere der Gttin des Schiksals?  Hab' ich ber den Puls des
Lebens zu befehlen?

Salisbury.
Es ist augenscheinlich, da es nicht richtig zugegangen; und es ist
schndlich, da Grsse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt.
Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und
hiemit gehabt euch wohl.

Pembroke.
Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das
Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Knigreich von einem
gewaltsamen Grabe suchen.  Dieses Blut, das ein Recht an alles was
auf dieser Insel athmet, hatte, schliet nun ein Raum von drey
Schuhen ein.  Es ist izt eine schlimme Welt!  Aber das mu nicht so
gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern
Beschwerden zum Ausbruch helfen.

(Sie gehen ab.)



Dritte Scene.
(Ein Courier zu den Vorigen.)


Knig Johann (fr sich.)
Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund
der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod
schlecht gesichert.

(Zum Courier.)

Du siehst erschroken aus!  Wo ist das Blut, das ich sonst in
deinen Wangen wohnen gesehen habe?  Ein trber Himmel erheitert
sich nicht ohne einen Sturm; schtte dein Ungewitter herab; wie
geht es in Frankreich?

Courier.
Niemals ist in einem Land eine so frchterliche Kriegszurstung
gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England.  Sie
haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet
werden sollte, da sie sich rsten, kommt die Zeitung schon, da
sie gelndet haben.

Knig Johann.
In was fr einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen?
Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt?  da eine solche Armee in Frankreich
aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hren?

Courier.
Gndigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten
April starb eure edle Mutter, und wie ich hre, ist drey Tage
vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben.  Doch dieses
habe ich nur von einem schwrmenden Gerchte; ob es wahr oder
falsch ist, wei ich nicht.

Knig Johann.
Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o!  mach einen
Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mivergngten Pairs
befriedigst habe.  Wie?  Meine Mutter todt?  Wie bel mu es also
in meinen Franzsischen Staaten gehen!--Unter wessen Anfhrung
haben diese Vlker aus Frankreich, die du mir ankndigest, hier
gelndet?

Courier.
Unter dem Dauphin.  (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den
Vorigen.)

Knig Johann.
Du hast mich mit diesen bsen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht--

(Zu Faulconbridge.)

Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren?  Stopfe mir nicht noch
mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.

Faulconbridge.
Wenn ihr euch frchtet das schlimmste zu hren, so mt ihr das
schlimmste ungehrt ber euern Kopf einstrzen lassen.

Knig Johann.
Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betubt; aber
izt athme ich wieder frey, und kan alles hren, was mir irgend eine
Zunge sagen kan.

Faulconbridge.
Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, knnen die
Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen.  Allein indem ich
das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk
in einem seltsamen Ansto von Schwrmerey, von Rumoren besessen und
voll wunderlicher Trume, voller Furcht und Schreken, ohne zu
wissen, was sie frchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den
Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzhliches Volk nachlief,
weggenommen, und mit mir gebracht habe.  Er sang ihnen in rauhen
hartklingenden Reimen, da vor nchstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu.
Hoheit die Crone niederlegen wrden.

Knig Johann.
Du eitler Trumer, warum thatest du das?

Peter.
Weil ich vorher wei, da es geschehen wird.

Knig Johann.
Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefngni, und auf den Tag, mittags,
wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, la ihn
aufhngen.  Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn
ich habe dich nthig.

(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)

O mein liebster Vetter, hrst du die Zeitung, die sich von einer
Landung ausbreitet?

Faulconbridge.
Jedermanns Mund ist voll davon; berdas traf ich den Lord Bigot und
den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes
Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen,
der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden
sey.

Knig Johann.
Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab'
einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.

Faulconbridge.
Ich will sie aufsuchen.

Knig Johann.
Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen.  O lat mich keine
einheimische Feinde haben, wenn auswrtige Gegner meine Stdte mit
dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken!  Sey mein
Mercurius, seze Flgel an deine Fsse, und fliege, wie ein Gedanke,
von ihnen zu mir zurk.

Faulconbridge.
Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.

(Er geht ab.)

Knig Johann.
Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll.
Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den
Pairs nthig; du taugst am besten dazu.

Courier.
Von Herzen gerne, mein Gebieter.

(Geht ab.)

Knig Johann.
Meine Mutter todt!



Vierte Scene.
(Hubert tritt auf.)


Hubert.
Gndigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fnf Monde
sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fnfte habe
sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier
herumgedreht.

Knig Johann.
Fnf Monde?

Hubert.
Alte Mnner und alte Mtterchen, auf den Strassen, machen
gefhrliche Propheceyungen hierber; des jungen Arthurs Tod ist
immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schtteln sie
die Kpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, fat den
Hrer bey der Hand, indem der, so zuhrt, Gebehrden des Entsezens
macht, die Stirne rmpft, den Kopf schttelt und die Augen verdreht.
Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, inde da sein
Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines
Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in
der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit
den unrechten Fu gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen
erzhlte, die in Kent in Schlachtordnung stnden; bis ein andrer
hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzhlung ein Ende machte,
und von Arthurs Tod redte.

Knig Johann.
Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen?
Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft?  Deine Hand ist sein
Mrder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wnschen, du
hattest keine.

Hubert.
Ich hatte keine, Sire?  Wie?  Reiztet ihr mich nicht dazu an?

Knig Johann.
Es ist ein Fluch der Knige, Sclaven um sich zu haben, die ihre
Launen fr Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn fr ein
Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die
Gedanken der gefhrlichen Majestt zu befolgen glauben, wenn sie
vielleicht mehr aus einem Ansto von schlimmem Humor als aus
berlegter Absicht sauer sieht.

Hubert.
Hier ist eure Hand, und euer Sigel, fr das was ich that.

Knig Johann.
O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden
wird, dann wird diese Hand und di Sigel wider uns zeugen!  Wie oft
wird eine belthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu
thun, vor uns sehen!  Wrest du nicht bey der Hand gewesen, ein
Geselle, den die Hand der Natur zu Ausfhrung einer Schandthat
ausgezeichnet hat, dieser Mord wre mir niemals in den Sinn
gekommen.  Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die
Willigkeit zu gefhrlichen Dingen und blutigen Bubenstken, die ich
an dir fand, versuchte mich--Und du, um dich einem Knig beliebt zu
machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.

Hubert.
Gndigster Herr--

Knig Johann.
Httest du nur deinen Kopf geschttelt, nur eine Pause gemacht, da
ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen
bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich
gebeten, da ich deutlich reden sollte; die Schaam wrde mich stumm
gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben.  Aber du
verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch
blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du
dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That
vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten--Hinweg aus
meinem Gesicht, la dich nimmer vor mir sehen.  Meine Edeln
verlassen mich, mein Reich wird berfallen, und die feindlichen
Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach!  in diesem
Knigreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem,
herrscht Feindseligkeit und brgerlicher Aufruhr zwischen meinem
Gewissen und meines Neffen Tod.

Hubert.
Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und
euerm Gewissen Friede machen.  Der junge Arthur lebt noch; diese
meine Hand ist noch eine jungfruliche, unschuldige Hand, und von
Blut unbeflekt.  Noch niemals ist in diesen Busen ein
meuchelmrdrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer
Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet.  So rauh es
scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemth, das zu edel ist, der
Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.

Knig Johann.
Lebt Arthur noch?  O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht
auf ihren flammenden Grimm, und zhme sie zu ihrer Schuldigkeit.
Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft ber deine Gestalt
gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine
Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir
grlicher dar als du bist.  O, antworte mir nicht, sondern bringe
mir die erzrnten Lords mit der ussersten Geschwindigkeit in mein
Cabinet.  Ich beschwre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Eine Strasse vor einem Gefngni.)
(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)


Arthur.
Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen.  Guter
Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid.  Es kennt mich hier
niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt
eines Schifferjungens vllig unerkenntlich.  Ich frchte mich, und
doch will ich es wagen.  Wenn ich herunter komme, und unbeschdigt
bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist
eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als
mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.

(Er springt herab.)

Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen!  Himmel, nimm
meine Seele auf, und England meine Gebeine.

(Er stirbt.)

(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)

Salisbury.
Lords, ich will ihm zu St.  Edmondsbury entgegen kommen; es ist fr
uns das sicherste; wir knnen in den gefhrlichen Umstnden, worinn
wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.

Pembrok.
Wer berbrachte diesen Brief von dem Cardinal?

Salisbury.
Der Graf von Melun, ein Franzsischer Edelmann, dessen mndliche
Erzhlung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit
mehr gesagt hat, als dieser Brief

Bigot.
So wollen wir ihm dann morgen frh entgegen gehen.

Salisbury.
Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange
Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden.  (Faulconbridge
zu den Vorigen.)

Faulconbridge.
Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der Knig
ersucht durch mich um eure unverzgliche Gegenwart.

Salisbury.
Der Knig hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen
seinen dnnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre fttern,
noch den Fu begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fustapfen
zurk lt.  Kehrt zurk, und sagt ihm das; wir wissen das rgste.

Faulconbridge.
Was ihr auch denken mget, so wren gute Worte, wie ich glaube, das
beste.

Salisbury.
Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.

Faulconbridge.
Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.

Pembroke.
Hier ist das Gefngni; wer ligt hier?

(Indem er Arthur gewahr wird.)

Salisbury.
O Tod, stolz auf die Zerstrung dieser reinen und frstlichen
Schnheit.  Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.

Bigot.
Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat,
legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.

Salisbury.
Sir Richard, was denkt ihr?  Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder
gelesen, oder gehrt, oder euch vorstellen knnen, als ihr hier
sehet; ja, knnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet?  Knnte
die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche
Vorstellung hervorbringen?  Es ist der Gipfel, die hchste Spize,
das usserste von dem ussersten was der Meuchelmord wagen kan;
es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der
niedertrchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den
Thrnen des sanften Mitleidens dargestellt hat.

Pembrok.
Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese
entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu
vergleichen, da sie die noch ungebohrnen Snden der Zukunft rein
und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz
macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.

Faulconbridge.
Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mrdrischen
Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.

Salisbury.
Wenn es die That irgend einer Hand ist?  Wir hatten eine Art von
Licht, was erfolgen wrde.  Es ist die schndliche That von Huberts
Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Knigs gewesen ist.
Und hier, schwre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn
los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme
zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelbdes,
eines heiligen Gelbdes, da ich eher von keinem Vergngen des
Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu
mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die
feyrlichste Rache vershnt haben werde.

Pembrok.  Bigot.
Unsre Seelen bekrftigen dein heiliges Gelbde!



Sechste Scene.
(Hubert zu den Vorigen.)


Hubert.
Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur
lebt, und der Knig sendet nach euch.

Salisbury.
O, er ist khn und errthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter
Lasterbube, aus meinem Gesicht!

Hubert.
Ich bin kein Lasterbube.

Salisbury.
Mu ich dem Gesez zuvorkommen?

(Er zieht seinen Degen.)

Faulconbridge.
Euer Schwerdt ist glnzend, Sir, stekt es wieder ein.

Salisbury.
Nicht eher, bis ich ihm eines Mrders Haut zur Scheide gemacht habe.

Hubert.
Zurk, Lord Salisbury; zurk, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist
so scharf als der eurige; ich mchte nicht, Lord, da ihr euch
selbst vergsset, oder die Gefahr meiner abgenthigten Gegenwehr
reiztet; oder ich mchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth,
euern Adel und eure Grsse vergessen.

Bigot.
Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?

Hubert.
Nicht fr mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen
einen Kayser zu vertheidigen.

Salisbury.
Du bist ein Mrder.

Hubert.
Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen
Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lgt.

Pembroke.
Haut ihn in Stken.

Faulconbridge.
Halte Frieden, sag ich.

Salisbury.
Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.

Faulconbridge.
Du wrdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury.  Wenn
du dich erkhnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fu
vorzusezen, oder ein unanstndiges Wort gegen mich auszustossen, so
schlag ich dich tod nieder.  Steke deinen Degen bey Zeiten ein,
oder ich will dich und deinen Bratspie so zusammenpleuen, da du
denken sollst, der Teufel aus der Hlle sey ber dich gekommen.

Bigot.
Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge?  Einem Bsewicht
beystehen, einem Mrder?

Hubert.
Lord Bigot, ich bin keiner.

Bigot.
Wer ermordete diesen Prinzen?

Hubert.
Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich
ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust
seines sssen Lebens beweinen.

Salisbury.
Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein
Bsewicht kan auch weinen, und eine lange bung macht, da seine
erzwungene Zhren Strme des Mitleidens und der Unschuld scheinen.
Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines
Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdnstungen
dieser Schandthat.

Bigot.
Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.

Pembrok.
Saget dem Knig, dort knn' er uns erfragen.

(Die Lords gehen ab.)



Siebende Scene.


Faulconbridge.
Das ist eine feine Welt; wit ihr was um diese saubre Arbeit?
Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose
Gte nicht zu, dir zu vergeben.

Hubert.
Hrt mich nur an, Sir.

Faulconbridge.
Ha!  ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz--Nein,
nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so
scheulicher Teufel in der Hlle wie du seyn wirst, wenn du di
Kind umgebracht hast.

Hubert.
Bey meiner Seele--

Faulconbridge.
Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast,
so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dnnste
Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark
genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden,
dich daran zu hngen; oder wenn du dich ersuffen willt, so gie
nur ein wenig Wasser in einen Lffel, und es wird soviel seyn als
der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bsewicht zu erstiken.
Du bist mir usserst verdchtig.

Hubert.
Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Snde eines
Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so
mge die Hlle selbst neue Qualen nthig haben mich zu martern.  Er
war wohl da ich ihn verlie.

Faulconbridge.
Geh, trag' ihn in deinen Armen fort.  Ich bin ganz betubt, ducht
mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser
Zeit--Wie wenig Mhe brauchst du, ganz England aufzuheben!  Aus
diesem kleinen zerbrochnen Gehuse der rechtmigen Knigs-Wrde
ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Knigreich
gen Himmel geflogen; und das verlane England als ein Ding, das
keinen rechtmigen Eigenthmer hat, ist dem berlassen, der es
zuerst zu paken kriegt.  Der hndische Krieg strubt nun, um den
halbabgenagten Knochen der Majestt, seinen zrnenden Kamm, und
blkt die Zhne gegen die freundlichen Augen des Friedens.  Nun
stossen auswrtige Kriegsschaaren und einheimische Mivergngte in
gerader Linie auf einander, und de Verwstung laurt, wie ein Rabe
auf ein angestektes und gefallenes Stk Vieh, auf den strzenden
Fall des berwltigten Pomps.  Nun ist derjenige glklich, den sein
Priester-Rok und sein Grtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt--
Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzglich; ich gehe zu
dem Knig; tausend Geschfte warten auf uns, und der Himmel selbst
schiet einen zrnenden Blik auf dieses Land.

(Sie gehen ab.)




Fnfter Aufzug.



Erste Scene.
(Der Englische Hof.)
(Knig Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)


Knig Johann.
Hiemit bergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Knigs-Wrde.

(Er giebt ihm die Crone.)

Pandolph.
Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts,
eure knigliche Grsse und Autoritt.

Knig Johann.
Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen,
und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr.  Heiligkeit habt,
ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu
versperren.  Unsre mivergngten Grafschaften lehnen sich auf,
unser Volk strubt sich gegen seine Pflicht, und schwrt einem
fremden Blute Treue und Unterwrfigkeit.  Dieser Schwall einer
fieberhaften Schwrmerey kan von euch allein besnftiget werden.
Sumet also nicht; denn die gegenwrtige Zeit ist so krank, da sie,
ohne die Hlfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare
Folgen nach sich zge.

Pandolph.
Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen
den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf
eine so glkliche Art verndert habt, so soll eben dieser Athem,
diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schnes Wetter
in euerm erschtterten Lande machen.  An diesem Auffahrts-Tage,
erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum
Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermgen, da
sie die Waffen niederlegen.

(Er geht ab.)

Knig Johann.
Ist heute Auffahrts-Tag?  Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage,
zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen?  Was hab ich gethan;
ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey
Dank, es geschah blo freywillig.  (Faulconbridge tritt auf.)

Faulconbridge.
Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hlt sich noch als Dover-Castle;
London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein
Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hren, sondern
sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die
kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betubung hin und
her.

Knig Johann.
War die Nachricht, da Arthur lebe, nicht vermgend, meine Lords
zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?

Faulconbridge.
Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres
Kstchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben,
von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.

Knig Johann.
Der nichtswrdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.

Faulconbridge.
Ich wollte fr ihn schwren da er nichts anders wute--aber warum
seyd ihr so niedergeschlagen?  Warum seht ihr so traurig?  Seyd
gro in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd.  Lat
die Welt keine Furcht, kein banges Mitrauen in einem kniglichen
Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch
auffordert.  Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Druer und
trozet der rmpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure
Anhnger, die ihre Auffhrung von ihrem Oberhaupt borgen, durch
euer Beyspiel gro werden, und einen unerschroknen Muth fassen.
Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg
entgegenzieht; zeigt Khnheit und Vertrauen auf euch selbst und
euer Glk!  Wie, sollen sie den Lwen in seiner Hle aufsuchen, und
sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen?  O!  lat das
nicht gesagt werden.  Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und
ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.

Knig Johann.
Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit
ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu
schiken.

Faulconbridge.
O unrhmliches Bndni!  Fremde sollen in unser Land einfallen, und
wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromi
und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen?
Ein unbrtiger Junge, ein verzrtelter seidener Stuzer soll
bermthig ber unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf
einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten
Geprnge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand
finden?  Zu den Waffen, mein Kniglicher Herr; vielleicht erhlt
der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhlt, so
lat doch wenigstens von uns gesagt werden, da wir in der
Verfassung gewesen, uns wehren zu knnen.

Knig Johann.
Ich bertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du
in unsern gegenwrtigen Umstnden nthig findest.

Faulconbridge.
Auf dann, und guten Muth gefat; ich bin gewi, da unsre Parthey
im Stande wre, einem strkern Feind entgegen zu gehen.

(Sie gehen ab.)



Zweyte Scene.
(Das Lager des Dauphins.)
(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in
 Waffenrstung auf.)


Ludwig.
Mein Herr von Melun, lat eine Copey hievon genommen, und zu unsrer
Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwrtigen Aufsaz aber
gebt diesen Lords zurk, damit sie auch eine schriftliche Erklrung
unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir
diese Papiere berlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben,
und unser Wort fest und unverbrchlich halten.

Salisbury.
Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden.  Und ob wir
gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwrung
einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so
glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, da ein solches
Geschwr der gegenwrtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein
Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch
viele heilen mu.  O, es krnkt meine Seele, da ich dieses Metall
von meiner Seite ziehen mu, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und
dieses in einem Lande, wo rhmlicher Widerstand und rechtmige
Gegenwehr ber den Namen Salisbury schreyen!  Aber so ist die
verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, da wir unser Recht zu
heilen, gezwungen sind die Hand des khnen Unrechts und der
regellosen Gewaltthtigkeit anzuruffen.  Und sollt es uns nicht
schmerzen, o meine tiefgekrnkten Freunde, da wir, die Shne und
Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da
wir, zu einem auslndischen Kriegsheer gesellt, ber ihren schnen
Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfllen; (ich mu
mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit
beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten
Landes wider unser eignes unterstzen, und unbekannten Fahnen hier
folgen mssen?  Wie, hier?  O mein Volk, mchtest du dich
zurkziehen knnen!  Mchte Neptun, der dich ringsumfat, dich in
seinen Armen aus dem Schoo deines mtterlichen Bodens hinweg an
irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das
Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten knnten,
anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.

Ludwig.
Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in
deinem Busen kmpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen
in dir.  Oh was fr einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und
Liebe zum Vaterland hast du gekmpft!  La mich diesen ehrwrdigen
Thau abwischen, der wie fliessendes Silber ber deine Wangen rollt.
Mein Herz ist schon von den Thrnen eines Frauenzimmers
zerschmolzen, die doch eine gewhnliche berschwemmung sind; aber
dieser Ausbruch von mnnlichen Thrnen, dieser von dem Ungewitter
einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge
starren, und sezt mich in ein grsseres Erstaunen, als wenn ich das
ganze Gewlbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren
berwlzt she.  Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und
treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg.  berla diese
Thrnen jenen Suglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt
in Wuth gesehen, und das Glk nirgends als bey Lustbarkeiten und
ppigen Schmusen kennen gelernt haben.  Komm, komm, du sollt deine
Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig
selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Strke
der meinigen anknpfen.



Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)


Ludwig.
Wie, hier eilet, ducht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der
heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen,
und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts
aufzudrken.

Pandolph.
Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nchste ist dieses: Knig
Johann hat sich mit Rom ausgeshnt; windet also diese druenden
Fahnen auf, und zhmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit
er, gleich einem Lwen der im Hause zahm aufgezogen worden,
freundlich zu den Fssen des Friedens lige, und ausser durch sein
Ansehen ferner keinen Schaden thue.

Ludwig.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, ich werde nicht zurk gehen.  Ich bin
nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines
Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn.  Euer Athem
blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem
gezchtigten Knigreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu
nhren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem
schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden.
Ihr lehrtet mich meine Befgnisse und Ansprche an dieses Land
kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt
kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht!  Was
geht mich sein Friede an?  Kraft des Rechts so ich durch meine
Vermhlung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land
als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich
zurk gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat?  Bin
ich Roms Sclave?  Was fr Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung
hergegeben, was fr Volk, oder was fr Kriegs-Vorrath?  Bin ichs
nicht allein, der die Last derselben trgt?  Wer anders als ich,
und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstzen, schwizt
in diesem Geschft und fhrt diesen Krieg?  Hab ich nicht diese
Insulaner mir zujauchzen gehrt, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre
Stdte angezogen bin?  Hab' ich hier nicht die besten Carten, um
dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird?  Und nun
soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Hnden habe?  Nein,
bey meiner Seele, das will ich nicht thun.

Pandolph.
Ihr seht nur auf das usserliche dieses Geschfts.

Ludwig.
usserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis
ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgefhrt haben werde,
als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin--

(Man hrt eine Trompete.)

Was fr eine muntre Trompete fordert uns hier auf?



Vierte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)


Faulconbridge.
Vergnnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Vlker, ein ruhiges
Gehr: ich bin von dem Knig abgeschikt, um von euch, mein heiliger
Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten
habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die
Erklrung seyn, zu der meine Zunge bevollmchtiget ist.

Pandolph.
Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen
lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.

Faulconbridge.
Bey allem dem Blut, das jemals von mnnlicher Wuth gekocht hat, der
Jngling sagt recht.  Hret izt unsern Englndischen Knig: Denn so
spricht seine Majestt durch mich; er ist vorbereitet, und die
Ursache davon ist, weil er es seyn soll.  Auf diesen poierlichen
Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes
Spiegelgefecht, auf dieses lppische Kriegsheer von sauersehenden
Knaben, lchelt der Knig herab; und ist in guter Verfassung,
diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmen-Waffen aus dem Umfang seines
Gebiets hinaus zu peitschen.  Sollte diese Hand, welche Strke
genug hatte, euch vor euern Hausthren zu prgeln, und zu machen,
da ihr, gleich Wasserkbeln, euch in gemaurte Brunnen tuchen,
unter die Schindeln eurer Stlle klettern, wie Pfnder in Ksten
und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen
verkriechen mutet; da ihr euere Sicherheit in Kellern und
Gefngnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet,
wenn ihr nur einen Englischen Hahn krhen hrtet, in der
Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Englnders; diese
siegreiche Hand sollte hier entkrftet hangen, nachdem sie euch in
euern Kammern gezchtiget hat?  Nein; wit, der dapfre Monarch ist
in Waffen, und schwebt gleich einem Adler ber seinen Horst, um
jeden Unfall, der sich seinem Neste nhert, wegzuscheuchen.  Und
ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die
den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, errthet vor
Schaam; denn eure eignen Frauen und bla-wangichte Tchter, kommen,
gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre
Fingerhte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre
sanftmthigen Herzen um Grimm und Blutdurst--

Ludwig.
Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir
gestehen dir zu, da du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich
wohl; wir schzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen
Plauderer zu verderben.

Pandolph.
Lat mich izt auch reden--

Faulconbridge.
Nein, ich will reden.

Ludwig.
Ich will keinen von beyden anhren, rhrt die Trummeln, und lat
die Zunge des Kriegs fr unsre Sache reden.

Faulconbridge.
In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden
schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke
nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst
sogleich eine andre hren, die bey der Hand ist, so laut
zurkzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine
andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments
rasseln, und dem holen Gebrll des Donners Troz bieten.  Denn, ohne
sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum
Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre Knig Johann in
der Nhe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne;
dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden
aufzufressen.

Ludwig.
Rhrt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.

Faulconbridge.
Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)
(Alarm.  Knig Johann und Hubert treten auf.)


Knig Johann.
Wie gehts uns an diesem Tag?  O sag es mir, Hubert.

Hubert.
bel, frchte ich; wie befindet sich Euer Majestt?

Knig Johann.
Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu;
o mein Herz ist krank!  (Ein Bote tritt auf.)

Bote.
Gndigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer
Majestt, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen
Weg ihr nehmet.

Knig Johann.
Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.

Bote.
Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin
erwartete, hat vor drey Nchten auf den Sandbnken von Godwin
gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die
Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich
zurk zu ziehen.

Knig Johann.
Ach!  ach!  dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und lt
mich dieser guten Zeitung nicht froh werden.  Auf, nach Swinstead
zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht lnger aushalten; ich
bin ganz schwach.

(Gehen ab.)



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Franzsische Lager.)
(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)


Salisbury.
Ich glaubte nicht, da der Knig noch so viel Freunde htte.

Pembroke.
So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglklich
sind, sind wir verlohren.

Salisbury.
Der migezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand,
die einzige Ursach, da wir diesen Tag verliehren.

Pembroke.
Man sagt, Knig Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht
wegbegeben.

(Melun wird verwundet herbeygefhrt.)

Melun.
Fhret mich zu den Englischen Rebellen.

Salisbury.
Wie wir glklich waren, hatten wir andre Namen.

Pembroke.
Es ist der Graf von Melun.

Salisbury.
Auf den Tod verwundet.

Melun.
Flieht, ihr edeln Englnder, ihr seyd gekauft und bezahlt.  Ruft
die entlassene Treue wieder zurk, suchet euern Knig auf, und
fallet ihm zu Fu; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird,
so gedenkt er euch die Mhe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen,
da er euch die Kpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen,
und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St.
Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.

Salisbury.
Ist das mglich?  Kan das wahr seyn?

Melun.
Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz?  Blutet nicht das
wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie
ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt?  Was in der Welt knnte
mich bewegen, izt zu betrgen, da aller Nuzen des Betrugs aufhrt?
Wie knnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, da ich sterben mu,
und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan?  Ich sag es
noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig,
wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen;
sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem
albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermdeten Sonne
anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und fr
die willkommne Verrtherey den gewhnlichen Lohn der Verrther
bekommen.  Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm
Knig ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, da mein
Grovater ein Englnder war, wekte mein Gewissen zu diesem
Bekenntni auf.  Bringet mich nun, ich bitte euch, dafr aus dem
Getmmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken
in Ruhe ausdenken, und unter andchtigen Betrachtungen und Seufzern
meine Seele von diesem Leibe trennen kan.

Salisbury.
Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut ber diese
gnstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Knige
zurk zu kehren.  Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg
zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen.  Hinweg,
meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glkliche Flucht,
die uns zu unsrer Pflicht zurk bringt!

(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)



Siebende Scene.
(Verwandelt sich in einen andern Theil des Franzsischen Lagers.)
(Ludwig und sein Gefolge treten auf.)


Ludwig.
Die Sonne duchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern
blieb stehn, und machte die westlichen Wolken errthen, da die
Englnder in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurkmassen; o
wir beschlossen den Tag auf eine rhmliche Art, da wir ihnen mit
einer vollen Ladung unsers, zwar unnthigen, Geschzes, nach einer
so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen
ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon--

(Ein Bote zu den Vorigen.)

Bote.
Wo ist mein Prinz, der Dauphin.

Ludwig.
Hier; was bringst du Neues?

Bote.
Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch
seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstrkung,
die ihr so lange gewnscht habt, ist auf den Sandbnken zu Godwin
zu Grunde gegangen.

Ludwig.
O schlimme, verdrieliche Zeitungen!  So verdrielich dacht' ich
diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin.  Wer war der,
welcher sagte, Knig Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh
die Nacht beyde Armeen schied?

Bote.
Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gndigster Herr.

Ludwig.
Gut; haltet gute Wache diese Nacht ber; der Tag soll nicht so
schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.

(Sie gehen ab.)



Achte Scene.
(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.)
(Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)


Hubert.
Wer ist hier?  Sprich!  he!  Rede augenbliklich, oder ich gebe
Feuer.

Faulconbridge.
Ein Freund.  Wer bist du?

Hubert.
Von der Englischen Parthey.

Faulconbridge.
Und wohin gehst du?

Hubert.
Was geht das dich an?  Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen,
da du nach den meinigen fragst?

Faulconbridge.
Ich denke, du bist Hubert.

Hubert.
Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du
seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest.  Wer bist du?

Faulconbridge.
Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und
denken, da ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.

Hubert.
Ha!  da ich dich mikennen konnte!  Du und die augenlose Nacht
haben mich beschmt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, da der
wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.

Faulconbridge.
Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?

Hubert.
Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.

Faulconbridge.
So mach' es kurz; was hast du Neues?

Hubert.
O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich fr die Nacht schikt,
schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.

Faulconbridge.
Zeige mir ohne Umstnde die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin
kein Weibsbild, ich will nicht darber in Unmacht fallen.

Hubert.
Der Knig ist, wie ich besorge, von einem Mnchen vergiftet worden;
ich verlie ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch
von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser
auf die Folgen desselben gefat machen knnet, als wenn ihr zu spt
von ihm berraschet wrdet.

Faulconbridge.
Wie bekam er das Gift?  Wer credenzte ihm?

Hubert.
Ein Mnch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bsewicht, dem
die Gedrme sogleich davon geborsten sind.  Doch der Knig kan noch
reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.

Faulconbridge.
Wen liessest du seiner Majestt zur Aufwartung?

Hubert.
Wie?  wit ihr nicht, da die Lords alle wieder zu ihm zurk
gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben,
auf dessen Frbitte der Knig sie begnadiget hat.  Sie alle sind
gegenwrtig bey seiner Majestt.

Faulconbridge.
Halt deinen Zorn zurk, mchtiger Himmel!  Und leg' uns nicht mehr
auf, als wir tragen knnen!  Ich mu dir sagen, Hubert, da die
Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht ber diese Untieffen
sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Smpfe haben
sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit
Noth davon gekommen.  La uns eilen; fhre mich zum Knige; ich
besorge, er mchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.

(Sie gehen ab.)



Neunte Scene.
(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.)
(Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)


Heinrich.
Es ist zu spte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein
sonst so gesundes Gehirn, (welches einige fr das zerbrechliche
Wohnhaus der Seele halten) kndigt uns durch die unordentlichen
Phantasien, die es hervordrngt, das Ende der Sterblichkeit an.
(Pembroke zu den Vorigen.)

Pembroke.
Der Knig redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft
gebracht wrde, so knnte sie die brennende Hize des Giftes lindern,
das ihn verzehrt.

Heinrich.
Lat ihn hieher in den Garten tragen.  Phantasirt er noch?

Pembrok.
Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.

Heinrich.
Dieses giebt uns wenig Hoffnung.  bel, die aufs usserste
gekommen sind, fhlen sich selbst nicht mehr.  Wenn der Tod einmal
die usserlichen Theile benagt hat, lt er sie unempfindlich, und
greift alsdann das Gemth an, welches er durch ganze Legionen von
seltsamen Einbildungen anfllt und verwundet, die in ihrem Gedrnge,
bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie
wunderbar, da der Tod singen soll--Doch es ist das traurige
Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der
Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die
ewige Ruhe singt.

Salisbury.
Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er
so roh und ungestalt zurcklt, zu formen und zur Vollkommenheit
zu bringen.

(Knig Johann wird herbeygetragen.)

Knig Johann.
Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Pa; sie wollte nicht zum
Fenster oder zur Thre hinaus.  Es ist ein so heisser Sommer in
meinem Busen, da sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrmmeln.
Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen
worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.

Heinrich.
Wie befindet sich Eu.  Majestt?

Knig Johann.
Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter
befehlen, da er komme, und seine beeiten Finger in meinen Schlund
steke; noch machen, da die Strme meines Knigreichs ihren Lauf
durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, da
seine kalten Winde meine ausgedrrten Lippen kssen, und mich
abkhlen sollen.  Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost,
und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.

Heinrich.
O!  da doch in meinen Thrnen eine Kraft seyn mchte, euch
Lindrung zu verschaffen!

Knig Johann.
Das Salz darinn ist hei.  Ich habe die Hlle in mir, und das Gift
ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung
verdammtes Blut zu peinigen.



Zehnte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)


Faulconbridge.
Oh!  ich bin athemlos und ganz abgebrht, vor usserster
Eilfertigkeit Eu.  Majestt zu sehen.

Knig Johann.
Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrken; das
Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die
Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen
Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hngt nur noch an
einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis
du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst,
nur ein Kloz und Model von zerstrter Majestt.

Faulconbridge.
Der Dauphin rstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel wei,
wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich
mich mit Vortheil zurkziehen wollte, meine besten Truppen in den
Morsten von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der
unerwarteten Fluth verschlungen.

(Der Knig stirbt.)

Salisbury.
Ihr athmet diese tdtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr--Mein
Gebieter, mein Knig--doch--kaum ein Knig, izt di.

Heinrich.
Eben so mu ich nun lauffen, und eben so stille stehn.  Was fr
Sicherheit, was fr Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das,
was eben izt ein Knig war, so bald ein Erdklo ist.

Faulconbridge.
Bist du dahin?  O!  ich bleibe nur zurk, das Amt der Rache statt
deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel
aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat--

(Zu den Lords.)

Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurkgetreten seyd,
wo sind eure Vlker?  Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und
eilet unverzglich wider mit mir zurk, um auslndische Verwstung
und ewige Schmach aus der schwachen Thre unsers unmchtigen Landes
auszutreiben.  Lat uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir
werden von ihm gesucht werden.  Der Dauphin wthet beynahe an
unsern Fersen.

Salisbury.
So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir.  Der Cardinal
Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer
halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlgen
hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des
gegenwrtigen Kriegs, annehmen knnen.

Faulconbridge.
Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur
Vertheidigung gefat sehen wird.

Salisbury.
Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat
schon den grsten Theil seiner Kriegsgerthschaft nach der Kste
abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu
machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich
selbst und die brigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den
Weg machen, um dieses Geschfte glklich zu Ende zu bringen.

Faulconbridge.
Lat es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den brigen Frsten,
die am besten geschont werden knnen, bleibet zurk, euers Vaters
Leichenbegngni zu besorgen.

Heinrich.
Zu Worcester soll, vermge seines lezten Willens, sein Leichnam
beerdiget werden.

Faulconbridge.
Er soll also dahin gebracht werden, und glklich mge Euer
theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses
Landes bernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwrfigkeit,
auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwhrenden
Gehorsam angelobe.

Salisbury.
Eben dieses Gelbde thut unsre zrtliche Liebe, welche auf ewig
ohne einigen Fleken dauern soll.

Heinrich.
Meine gerhrte Seele wnscht euch danken zu knnen, und wei es
nicht anders zu thun als durch Thrnen.

Faulconbridge.
Lat uns einem bel, welches wir so lange zum voraus bejammert
haben, nur nthige Trauer bezahlen--So lag England niemals, und
soll knftig nie zu eines Erobrers Fssen ligen, als wenn es sich
vorher durch seine eigne Hnde verwundet hat.  Nun, da diese seine
Frsten wieder heimgekehrt sind, nun lat drey Theile der Welt in
Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben.  So
lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns
erschreken kan!


Leben und Tod des Knigs Johann, von William Shakespeare
(bersetzt von Christoph Martin Wieland).





End of the Project Gutenberg EBook of Leben und Tod des Koenigs Johann
by William Shakespeare

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBEN UND TOD DES KOENIGS JOHANN ***

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